Seine erste Wahrnehmung war Hunger. Unbändiger, unerträglicher Hunger.
Er schlug die Augen auf und sah Dunkelheit. Fühlte Dunkelheit. Schmeckte Dunkelheit.Sein Magen knurrte fordernd.
Vorsichtig versuchte er sich zu bewegen. Krümmte versuchsweise die Finger der rechten Hand. Schmerz fuhr seinen Arm hinauf bis in die Schulter. Was war geschehen? Er erinnerte sich an den Wald, den Nachtspaziergang mit Benni.
Erinnerte sich an das Rascheln im Gebüsch, an Benni, der plötzlich angefangen hatte wie verrückt zu knurren. An das Etwas, das aus dem Gebüsch hervorgetaumelt war. Grotesk.
Sein Körper zuckte bei dem Gedanken und Schmerz durchflutete sein Gehirn. Etwas war aus dem Gebüsch gekommen, hatte versucht nach ihm zu greifen. Er war entsetzt zurückgesprungen und hatte sich in Bennis Leine verheddert. War gestolpert. Nur ein Moment der Unaufmerksamkeit.
Das Wesen hatte sich auf ihn geworfen, hatte ihn unter seinem Gewicht begraben. Erneut fühlte er den Schmerz, als das Ding faulige Zähne in seinen Arm bohrte. Reflexartig versuchte er nach der Stelle zu greifen. Fühlte dabei seine Hand über Stoff streichen. Hielt inne. Wo, zur Hölle, befand er sich? Er versuchte sich zu konzentrieren. Er war…in der Dunkelheit. Ein Krankenhaus? Lag er in einem Bett? Seine Finger tasteten vorsichtig. Fanden Seide. Darunter etwas Hartes. Vorsichtig hob er die Hände. Fand über sich Seide. Darunter Unnachgiebigkeit. Als er gegen die Decke klopfte, erklang ein dumpfer Ton.
Panik versuchte spinnenfingrig nach seinem Geist zu greifen. Ließ seine Haare zu Berge stehen. Er war eingeschlossen! Immer heftiger suchte er einen Ausweg, ignorierte die Schmerzen, die ihm jede Bewegung bereitete. Presste seine Hände gegen die niedrige Decke und grub seine Schultern in den Boden. Drückte mit aller Kraft.
Er hörte ein knirschen, fühlte wie Holz unter seinen Fingern nachgab. Dann rieselte etwas in seinen Mund und alarmiert hielt er inne. Erde! Als er versuchte zu schreien bemerkte er, dass er nicht geatmet hatte. Panik zog rote Kreise vor seinen Augen. Kreischend warf er sich hin und her, stieß gegen die Seiten des Sarges. Schlug mit den Fäusten gegen die Decke. Fand einen Spalt und riss die Holzplanken nach innen.
Das darüberliegende Erdreich gab nach und fiel auf ihn. Begrub ihn. Den Mund voller Erde begann er wie verrückt zu graben. Zu Klauen geformte Finger schaufelten Erde zur Seite. Wühlten sich durch feuchten Boden, fraßen sich nach oben. Panisch, unermüdlich. Bis er schließlich mit seinen Händen durch die Oberfläche brach.
Er wuchtete mehr Erde zur Seite, bis er seinen Körper aus dem Loch ziehen konnte. Spuckte die Erde angewidert aus, fuhr mit den Fingern über seine Zunge, schnappte heftig nach Luft und merkte, dass er es nur aus reiner Gewohnheit getan hatte. Er brauchte keinen Sauerstoff mehr. „Weil du tot bist!“ kreischte sein Gehirn. Er wollte es nicht hören. Verschloss sich vor dem Gedanken. Stand taumelnd auf.
Heiße Pein durchzuckte seinen Körper, er schwankte und wäre gefallen. Hielt sich spontan fest. An einem Grabstein. „Deinem Grabstein!“ schoss es durch seinen Schädel. „Nein!“ Wütend stieß er den Gedanken beiseite, drückte sich von dem Stein fort und taumelte auf den kleinen Kiesweg.
Er würde sich jetzt nicht umdrehen, würde nicht den Namen lesen, der in den Grabstein eingemeißelt war. Er würde diesen Ort verlassen und nach Menschen, nach Antworten suchen! Erneut sog er Luft in seine Lungenflügel. Als Lebensbeweis. Leckte sich die Lippen. Hatte keinen Speichel. Nur Erde. Verzweifelt umfasste er seinen Kopf, versuchte die Vernunft mit den Fäusten in seinen Schädel zu pressen. Wankte den Weg entlang. Nur weg von hier!
Als er die Friedhofsmauer erreicht hatte, machte er sich nicht die Mühe nach dem Tor zu suchen. Er grub die schmerzenden Finger in den Stein und kletterte mühsam über die Mauer. Auf der anderen Seite: menschliches Gebiet! Straßen, Häuser, Laternen, Helligkeit. Sie brannte in seinen Augen, schien sich durch seine Netzhaut fressen zu wollen. Abwehrend hob er die Hände vor die Augen und sah. Graue Haut in Fetzen. Keine Fingernägel. Rohes, verfaultes Fleisch. Maden.
Er warf den Kopf zurück und schrie. Schrie bis er nur noch ein Krächzen hervorbrachte. Schrie weiter. Heiser, verzweifelt. Er stand im Lichtkreis der Laterne, die Hände vor den Augen und versuchte zu weinen. Hatte keine Tränen. Regen fiel auf ihn. Befeuchtete sein Gesicht. Keine Tränen.
Irgendwann musste er aufgehört haben zu schreien. Musste weitergegangen sein.
Er wusste es nicht mehr. Nun stand er vor einem Schaufenster. Starrte sein Spiegelbild an. Versuchte es gleichzeitig nicht zu sehen. Konnte die Augen jedoch nicht abwenden. Grau. Das war er. Graue Haut, grauer Anzug, graues Gesicht, graue Augen. Er war tot. Und doch. Lebte er. Irgendwie. Sein Gehirn war nicht fähig diesen Gedanken zu verarbeiten. Beschränkte sich auf das Wesentliche. Hunger. Sein Magen grollte wie ein verletztes Tier.
Er riss sich vom Schaufenster los, presste die Hände gegen den knurrenden Magen und sah sich um. Wo befand er sich? Robert-Koch-Straße. Also hatte man ihn am Zentralfriedhof beerdigt. Bei dem Gedanken krochen kalte Schauer über seine Wirbelsäule. Schnell versuchte er, die Worte aus seinem Gehirn zu verbannen, doch sie hallten weiter durch seinen Schädel. Zentralfriedhof. Beerdigt. Leiche.
Ein gequälter Laut entfuhr seiner Kehle. Zerriss die Stille, wurde zu einem winseln. Er wandte sich in Richtung Innenstadt. Lief so schnell er konnte die Straße hinunter. Erreichte die Hüfferstraße. Zivilisation. Als er sich umblickte fiel ihm zu erstem Mal auf, dass die Straßen menschenleer waren. Nirgendwo ein Anzeichen menschlichen Lebens. Grauen erfasste ihn. Was wenn…nein, so weit wollte er nicht denken! Konnte er nicht denken!
Er würde nach Hause laufen, in seine Wohnung, die Tür hinter sich verschließen, nachdenken. Mehr konnte er im Moment nicht tun. Mühsam schleppte er sich weiter, setzte einen Fuß vor den anderen und versuchte dabei krampfhaft, nicht das Atmen zu vergessen. Er durfte nicht damit aufhören!
Wind kam auf. Eine Zeitung wehte über die verlassene Straße. Blieb nass an seinem Bein kleben. Er bückte sich. Verharrte in der Bewegung. Sah auf seine Füße. Barfuss stand er auf dem Asphalt, die Zehen blau, deformiert. Zwischen ihnen wanden sich Würmer. Er schrie. Begann verzweifelt vorwärts zu stolpern, wollte nach Hause! Wollte dass der Hunger aufhörte! Wollte schlafen. Ruhen! „Ruhe in Frieden“ schoss es durch seinen Kopf. Er würgte und hastete vorwärts.
Seine Schritte lenkten ihn unwillkürlich weiter in die Stadt hinein. Er bemerkte es erst, als er am Aegidimarkt angekommen war. Dorthin wollte er gar nicht! Doch etwas zog ihn weiter, unaufhaltsam. Als er sich konzentrierte nahm er den Geruch zum ersten Mal tatsächlich wahr. Ein himmlischer, wundervoller, lieblicher Duft fuhr ihm in die Nase. Hatte er ihn schon vorher wahrgenommen?
War er dem Geruch unbewusst gefolgt?
Jetzt folgte er ihm bewusst, fühlte den Hunger stärker werden. Es zog ihn zu einem Keller. Vor dem kleinen Fenster ging er mühsam in die Knie. Versuchte etwas in der Dunkelheit zu sehen. Und ja! Hinter Kartons und Gerümpel nahm er eine Bewegung wahr. Dort versteckte sich jemand. Gierig drückte er die Fensterscheibe nach Innen, schob erst seine Arme, dann den Oberkörper durch die schmale Öffnung. Im Keller schrie jemand. Als er sich vollständig in den Raum gezwängt hatte, stand er auf und sah sich um. Chaos. Überall lagen Kartons und Kisten herum, Ramsch bedeckte den Boden. Er trat auf einen kleinen Plüschhund, der ein leises quietschen von sich gab. Dachte an Benni.
Etwas zitterte in der Finsternis. Erneut stieg ihm das verführerische Aroma in die Nase. Er sog die Luft tief ein. Witterte. Da, in der hintersten Ecke, da hockte es. Dieses wunderbare Etwas, das so herrlich roch. Er näherte sich begierig. Achtete nicht auf seine Umgebung, ignorierte die Schreie. Fand das Mädchen zusammengekauert hinter einer großen Kiste. Wie es duftete! Herrlich!
Er wollte diesen Geruch fassen, wollte den Körper besitzen, der so nach Himmel roch.
Gierig warf er sich auf die schreiende Gestalt, presste sie zu Boden und vergrub seine Zähne in ihrem Fleisch. Aß. Aß sich satt. Aß darüber hinaus. Schmatzte, schlürfte, nahm sie vollständig in sich auf. Die Schreie verstummten.
Als er fertig war fühlte er sich warm, glücklich, lebendig. Er erhob sich, fühlte sich leicht, unbeschwert. Glücksgefühle durchfluteten seinen Körper. Er drehte sich zu dem Mädchen um, sah es an und erstarrte. Was hatte er getan? Er hatte…sie…nein, er konnte nicht…hatte…sie AUFGEFRESSEN!
Er hörte ein Geräusch, drehte sich um und sah eine Frau hinter sich stehen. Sah in ein hassverzerrtes Gesicht. Sah die Axt, die sie über ihren Kopf erhoben hatte. Abwehrend hob er selbst die Hände, versuchte sich zu schützen. Die Frau schrie etwas und ließ die Axt auf ihn herabrasen. Der Stahl fraß sich durch seinen Arm, trennte ihn fast vom Körper. Schmerz durchzuckte sein Gehirn. Entsetzt versuchte er einem neuerlichen Hieb auszuweichen. Die Frau folgte ihm, ließ die Axt auf- und abschwingen. Schrie dabei immer wieder einen Namen. „Irina! Irina! Irina!“ Erneut traf die Axt. Diesmal seine Brust. Fraß sich durch sein Brustbein, tief in den Körper. Blieb stecken.
Die Frau ruckte und zerrte verzweifelt um sie aus seinem Körper zu reißen. Erfolglos.
Ungläubig stierte er auf die Axt in seiner Brust, glotzte auf sie herab und fühlte sie zugleich in sich. Ein heller, grauenhafter Schmerz. Wut überkam ihn. Warum hatte diese Frau das getan? Er hatte doch nur diesen Duft, diesen herrlichen, wunderbaren Geruch besitzen wollen. Er hatte doch nur…einen Menschen gefressen! Die Wut wandelte sich in Entsetzen, er sank zitternd auf die Knie. Die Axt knirschte in seinem Brustkorb. Langsam tastete er nach dem Griff, zog, ruckte. Der Schmerz war unbeschreiblich. Als er den Kopf hob, sah er die Frau vor sich stehen. Er blickte ihr in die angstgeweiteten Augen. „Hilf mir.“
Ungläubig starrte sie ihn an. „Hilf mir!“ Nun schrie er die Worte hinaus. „Hilf mir, hilf mir, hilf mir!“ Er konnte nicht mehr aufhören. Riss an der Axt. Schweißnasse Hände schlossen sich um die seinen. Schlossen sich um den Stiel der Axt und zogen. Mit einem Ruck löste sich der Stahl aus seiner Brust, er ließ den Griff los, sank nach hinten. Die Frau umfasste die Axt mit beiden Händen. Sah ihn an. Er erwiderte den Blick. „Hilf mir, bitte.“ Er bog den Kopf nach vorn. Wartete.
Als sie ausholte presste er seine Hände krampfhaft gegen seinen Mund. Fühlte einen scharfen Schmerz im Nacken. Sah den Boden auf sich zufallen. Dann. Frieden.
© Sybille Lengauer