Zimmer ohne Zukunft

Zimmer ohne Zukunft

Das Zimmer stank erbärmlich nach Tod und getrocknetem Sperma. Unaufhaltsam war der Geruch in jeden Winkel des düsteren Raumes gekrochen, hatte sich in die abgeschälte, braune Tapete und den billigen, verdreckten Laminatboden gefressen. Hatte sich unauslöschbar in die Nasenlöcher der beiden Menschen geätzt, die still und ineinander verschlungen auf der durchgewetzten Matratze lagen.

Ein asthmatisches Husten aus der Nachbarwohnung weckte Stella aus ihrem unruhigen Schlaf. Verwirrt und unter Schmerzen suchte sie in den Untiefen des Bettes nach Zigaretten. Der Männerkörper, der regungslos neben ihr lag, atmete kaum merklich. Ohne ihn zu wecken stand Stella langsam auf, ignorierte den Protest ihrer verkrampften Muskeln und schwankte in die Küche. Sie drehte eine Herdplatte auf und als diese rot glühte, hielt sie die zerknautschte Gauloise darüber. Paffte. Hustete. Spuckte einen kleinen Blutbatzen in das rostige Waschbecken.

Regungslos stand sie da und beobachtete den blutigen Auswurf. Sah zu, wie er langsam zum Abflussloch glitt und darin verschwand. Teilnahmslos wiegte sie den Kopf und zuckte mit den Schultern. Sie beobachtete ihren Tod seit Monaten. Gleichgültig und abwesend, als wäre es nicht ihr Leben, das sich langsam dem Ausguss näherte, wie gerade dieser blutige Batzen aus ihrer Lunge.

Müde schwankte sie zum brummenden Kühlschrank, öffnete die kaputte Tür und fing die Flasche auf, die ihr entgegenrollte. Wodka. Sehr gut. Sie drehte den Verschluss auf und nahm einen tiefen Schluck. Ihr Magen rebellierte, aber Stella hatte schon vor langer Zeit aufgehört, auf die Warnsignale ihres Körpers zu achten. Seit kurzem hatte ihr Körper deshalb neue Wege gefunden. Er stieß sie ab, wie ein Stück Holz, das unter der Haut steckte.

Ein Würgen, ein Zucken und schon erbrach sie den Wodka und noch mehr Blut auf den klebrigen Fußboden. Die Beine gaben den Versuch auf, ihren ausgemergelten Körper zu tragen, langsam sackte sie über der Lache aus Erbrochenem zusammen, die Flasche noch immer in der Hand.

Stella fluchte leise und versuchte ihre Beine zu sortieren. Sie robbte langsam über den Boden. Ihre Hand tastete blind nach oben, auf der Suche nach einer Stütze. Berührte die noch heiße Herdplatte. Es zischte. In Zeitlupe zog sie die Hand zurück, rollte sich auf den Rücken und betrachtete das weiße, verbrannte Fleisch ihrer Finger, als hätte sie so etwas noch nie zuvor gesehen.

Erneut brach die Übelkeit mit aller Stärke über sie herein. Stella würgte und erbrach sich im liegen. Zu schwach um sich selbst zu helfen lag sie in ihrer Küche, zuckte und wand sich, während ihr Gesicht langsam lila anlief. Ihre Muskeln verkrampften, die Blase entleerte sich schwallartig, ihre gelbsüchtigen Augen blickten suchend zum Nebenzimmer, traten langsam hervor, als ihr Herz verzweifelt versuchte, das kleine bisschen Restleben durch ihre Adern zu pumpen.

Ein leztes Zucken, ein letztes Flackern als der Lebensfunke erlosch, dann lag sie still in ihrer Küche, starrte emotionslos in die Leere.

Eine Fliege kroch langsam über ihr verschwollenes Gesicht. Rüsselte teilnahmslos über die noch warme Haut. Suchte den angenehmsten Platz, um ihre Eier abzulegen.

Aus dem Nebenzimmer drang ein leises Stöhnen, als Stellas Geliebter langsam aus seinem komatösen Zustand erwachte…

© Sybille Lengauer

Fenster zur Freiheit

Fenster zur Freiheit

Draußen fiel der Regen in dicken, schwarzen Tropfen aus bleigrauen Wolken. Fiel seit Stunden auf die verseuchte Kohlefabrik, die ihre Aschewolken unaufhörlich in den Himmel stieß. Fiel in zermürbender Härte auf die gelähmte Stadt und hinterließ bittere Resignation in den Seelen ihrer Bewohner.

Drinnen stand Esther vor dem Fenster, starrte auf den glänzenden Aspahlt und zählte die letzten Atemzüge des Pan. Verkrampft lag er hinter ihr im blutverschmierten Bett und röchelte das letzte bisschen Leben aus seinen Lungen. Vor zehn Minuten hatte er den Versuch aufgegeben, das Brotmesser aus seinen Rippen zu ziehen. Seitdem lag er still auf der Seite, während das letzte bisschen Hoffnung langsam aus der tiefen Wunde sickerte und von der verdreckten Matratze aufgesogen wurde.

Geduldig wartete sie vor dem Fenster, stand nackt im Schein der billigen Glühbirne, die lose von der Zimmerdecke hing. Die fleckige Haut ihres verlebten Körpers schimmerte an manchen Stellen grünlich und braun im gelben Licht. Still wartete sie darauf, daß der Pan den Kampf verlor. Dachte dabei an die vielen Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte, all die Nächte, die er nach Tod stinkend nach Hause gekommen war, all die Tage, die sie weinend in der kahlen Küche gesessen hatte, zerschlagen und hoffnungslos verloren. Dachte an den Hass, den sie für ihn empfunden hatte.

Als sein letztes Röcheln verebbte, klang das Rauschen des Regens wie leises Flüstern in ihren Ohren. Ein kleines Lächeln huschte über Esthers Gesicht. Sie fühlte sich leer und zufrieden. Im Nebenraum lagen ihre drei Kinder in den feuchten, schmutzigen Betten. Bleich schienen die kleinen Gesichter in der Dunkelheit. Still starrten vertocknende Kinderaugen an die rissige Zimmerdecke.

Ein kaum hörbares Seufzen, dann öffnete Esther das Fenster. Ein letztes Mal blickte sie zurück auf das Zimmer, sah auf das Bett und den toten Köper. “Ich liebte euch so sehr…”

Ächzend quälte sie sich auf die Fensterbank, fühlte den Regen über ihre geschunde Haut laufen, fühlte die kalte Nachtluft und die Gänsehaut, die ihren schweren Körper schaudern ließ. Dann beugte sie sich nach vorn und ließ sich fallen. Stürzte mit den Regentropfen um die Wette dem grauen Asphalt entgegen. Als sie auf dem Boden aufschlug, wuchsen ihr Flügel…

© Sybille Lengauer

Danke für’s Versagen

Danke für’s Versagen…

Verheult saß sie im Bus und fuhr nach Hause. Die Schule war endlich vorbei und sie war froh, dass niemand in ihre Richtung fuhr. So rümpften nur unbekannte Gesichter die Nasen, als sie ihren speckigen Pullover zum wiederholten Mal als Taschentuch benutzte. Natürlich, man hätte ihr auch ein Taschentuch anbieten können, aber angeekelt die Nase rümpfen lag den Leuten näher als ein freundschaftliches Angebot.

Versagt. Das hatte sie. Schon wieder, wieder, wieder. Und deswegen saß sie jetzt auch hier im stickigen Bus, anstatt in der Stadt auf ihren Sieg zu trinken.
Selbstverständlich hätte sie mit den anderen fahren, sich an deren Erfolg erfreuen und einen kleine Toast ausbringen können. Aber dazu fehlte ihr die Energie.

Wie oft hatte sie es nun schon versucht, wie häufig war sie schon gescheitert? Schulisch, kreativ, menschlich? Sie brach den Versuch ab ihr Versagen aufzuzählen und rotzte herzhaft in ihren krustigen Ärmel.

“Auf jeden Sieger kommen hundert Verlierer und noch einmal tausend Versager, die es gar nicht erst versucht haben!” Hatte die beste Freundin ihr noch zugeflüstert, bevor die drei Finalisten des Lyrikwettbewerbes heute morgen in der Aula verkündet worden waren. Trotzdem traf es sie unendlich hart, als ihr Name nicht genannt wurde. Sie war so sicher gewesen. So unglaublich…naiv.

Ja, es war schlicht Naivität die sie immer noch glauben machte, Menschen würden sich für ihre Gedanken, ihre Sicht der Dinge interessieren. Es war Naivität, die sie an jedem Talentwettbewerb, an jeder Ausschreibung teilnehmen ließ. Die sie schreiben ließ, trotz all der Absagen, trotz all der wohlgemeinten Schulterklopfer von den “Kollegen”, die es geschafft hatten.

Doch diese Naivität war heute morgen zerbrochen, als sie die Finalisten auf der Bühne stehen sah. Stolz, schüchtern, applausumtost. Zum wievielten Mal noch gleich?

In diesem Moment fühlte sie ein kleines Sterben in ihrer Seele und wusste, dass nichts mehr sein würde wie früher. Klar und deutlich konnte sie ihr Versagen vor sich ausgebreitet sehen. Eine fahlgraue Kriechspur des letzten Platzes, die sich durch ihr Leben zog.

Sie hatte mit Mühe ihre Tränen zurückgehalten, war auf der Toilette verschwunden und hatte dort ein Spülbecken eingetreten. Das war erzdämlich, aber der einzige Weg, ihren Gefühlen angemessen Ausdruck zu verleihen. Natürlich schmerzte ihr Bein danach höllisch, aber irgendwie hatte sie das Gefühl den Schmerz verdient zu haben. Das würde einen blauen Fleck sondergleichen geben. Gut so!

Das Gehirn im Leerlauf hatte sie den Rest des Tages verbracht. Auf Fragen geantwortet, ein kleines Lächeln im wachsweißen Gesicht. Den Freunden zum Abschied zugenickt, ein weiteres Lächeln und dann war sie im Bus verschwunden um Rotz und Wasser zu heulen.

“I hate myself and I wanna die” murmelte sie leise, als sie an ihrer gewohnten Haltestelle ausstieg und die Haustür aufschloss. Zum Glück war niemand zu Hause. Das gab ihr die Gelegenheit zu handeln.

Ruhig zog sie ihre Jacke aus, hängte sie an den Haken im Vorzimmer, ging in die Küche und füllte einen Krug mit Leitungswasser. Dann öffnete sie den kleinen Schrank im Badezimmer und holte die Hausapotheke ihrer Mutter hervor. Ein wirrer Schachtelhaufen blickte ihr entgegen. Genau das Richtige.

Fast schon beschwingt trug sie die Schachteln ins Esszimmer, stellte den Wasserkrug und ein Glas bereit und begann systematisch, die Tabletten aus den Verpackungen zu pressen. Eine nach der anderen. Schließlich ragte ein kleiner Tablettenberg vor ihr auf.

“Ein kleiner Haufen Tabletten gegen einen großen Haufen Gefühle” sagte sie laut in die Stille des Raumes und kam sich dabei ein bisschen dämlich vor. Kurzentschlossen nahm sie eine Handvoll Pillen und schob sie in ihren Mund. Die anfängliche Süße begann sich schnell in leichte Bitterkeit zu verwandeln und so trank sie einen Schluck Wasser hinterher.

Stück für Stück reduzierte sie den Tablettenberg, nahm Aspirin und Kreislaufpillen, Tabletten für den Schlaf, Tabletten gegen die Reisekrankheit, nahm alles was ihre Mutter im Lauf von Jahren angehäuft hatte. Ablaufdatum uninteressant.

Als sie fertig war ging sie zurück ins Badezimmer und sah in den Spiegel. Ein rotgeheultes, pummeliges Gesicht sah ihr entgegen. Die Leute sagten immer, ohne den Babyspeck würde sie bestimmt gut aussehen, aber sie hatte das mit dem Babyspeck nie geglaubt. Mit zwölf ließ man sich gewisse Dinge einfach nicht mehr erzählen!

Beleidigt streckte sie die Zunge heraus und wunderte sich über die weiße Farbe auf den Papillen. Kam das von den Tabletten? Wirkten die schon? Wie lange dauerte das eigentlich, bis man…verstarb?

“Lange genug, um noch einen Abschiedsbrief zu schreiben” schoß es ihr durch den Kopf. Ja, einen sauberen Abschiedsbrief mit einem großen “Mir Reicht Es!” oder “Leckt mich!” Nein, das war zu platt. “Genug Ist Genug!”. Genau. Das traf die Sache im Kern. Also kritzelte sie die Worte auf ein Blatt Papier, legte dieses säuberlich gefaltet auf den Küchentisch und sich selbst ins Bett. Zeit um zu sterben.

Die Minuten vergingen, verwandelten sich in eine halbe Stunde, eine Stunde…wie lange dauert das eigentlich WIRKLICH bis man verstirbt?!

Langsam machte sie sich leichte Sorgen. Sie stand auf, ging zum Küchentisch und betrachtete den Zettel. “Genug Ist Genug!” Saublöd eigentlich. Bekümmert warf sie den Abschiedsbrief in den Müll. Lieber doch ohne Worte sterben.

Eine leichte Mulmigkeit begann sich in ihrem Körper auszubreiten. Aha, jetzt fing es also an. Schnell huschte sie zurück ins Bett, breitete die Decke sorgfältig über sich und wartete. Wartete. Die Mulmigkeit verwandelte sich langsam in Übelkeit. Ein ekelhaft bitterer Geschmack stieg ihre Kehle empor. Verdammt, so hatte sie es sich nicht vorgestellt!

Die Hände vor den Mund gepresst lief sie zur Toilette und kam gerade noch rechtzeitig, um einen Schwall grünlicher Masse auf den geblümten Badezimmerteppich zu verteilen. Scheiße!
Tief über die Schüssel gebeugt gab sie alle Tabletten wieder, die sie vor gefühlten Stunden in sich hineingefressen hatte. Schließlich konnte sie nur noch Galle hervorwürgen, aber die wollte nicht aufhören hochzukommen.

Mitten in ihr Elend hinein hörte sie einen Schlüssel im Schloß. Ihre Mutter kam von der Arbeit nach Hause, abgespannt. Hundemüde. Und anstelle einer toten, würde sie eine kotzgrüne Tochter vorfinden. Verdammt, verdammt, verdammt. So hätte das nicht laufen dürfen! Sie hatte versagt. Schon wieder versagt!!!

* * *

Als sie auf der Bühne stand und den Applaus genoss, lief ein kleiner Schauer über ihren Rücken. Sie blickte auf und im Zuschauerraum saß plötzlich ein Mädchen auf einem Stuhl. Sie erkannte das Gesicht trotz der Dunkelheit. Ein kleines, pummeliges Gesicht, gar nicht hässlich, wenn der Babyspeck erst verschwunden war. Die Kleine hielt ein Schild in der Hand. “Danke für’s Versagen!!!” stand darauf. In Großbuchstaben.

© Sybille Lengauer

Der Kreislauf tanzt (Ein Erlebnisgedicht)

Der Kreislauf tanzt (Ein Erlebnisgedicht)

Der Kreislauf tanzt,
Tanzt gegen meinen Rhythmus,
Tanzt gegen meine Strömung,
Der Kreislauf tanzt,
Tanzt!

Die Realität flimmert,
Taucht auf und wieder unter,
Ein Stroboskop hinter meinen Augen,
Macht mich blind, macht mich panisch und
Der Kreislauf tanzt,
Tanzt!

Keine Geräusche, außer einem Zischen,
Ein Gasleck in meinem Gehirn,
Die Umwelt verschwimmt, tritt zurück
Und ich denke: der Tod tanzt jetzt mit mir.
Er Tanzt!

Langsam finde ich zurück,
Finde den Weg aus dem Chaos,
Schwitze die Angst aus mir heraus.
Der Kreislauf tanzt träge,
Schwingt vertraut in meinen Muskeln.
Wir tanzen zärtlich…cheek to cheek.

Ich lebe wieder, danke leise,
Tanze sacht, auf fragilen Beinen,
Cheek to cheek,
Mit meinem Körper…
Cheek to cheek.

© Sybille Lengauer

Inspired by George Gershwins “Summertime”

Inspired by George Gershwins “Summertime”
For Nancy Darling

Wintertime,
And there is nothin’ easy,
Fish are frozen,
And the cotton is dry.

Your daddy’s poor,
And your mamma’s bad looking,
But hush little baby,
Don’t you cry.

One of these mornings,
You’re going to rise up screaming,
Then you’ll spread your arms,
And you’ll spit to the sky.

But till that morning,
There’s a lot that can harm you,
With daddy and mamma motionless standing by.

Wintertime,
And there is nothin’ easy,
Fish are frozen,
And the cotton is dry.

Your daddy’s poor,
And your mamma’s bad lookin’,
But hush little baby,
Don’t you cry…

© Sybille Lengauer

Nachtepistel II

Nachtepistel II

Liebes Tagebuch,

Bin heute mit dem Vorsatz aufgestanden mich besinnungslos zu saufen. Eine Fehlexistenz wie meine hat es nicht anders verdient, als unter den Tisch gesoffen zu werden und genau das hatte ich vor. Natürlich bin ich zu spät aufgebrochen, denn ein solches Vorhaben beginnt man bereits gegen Mittag und nicht erst um 23 Uhr, aber was will man von einer ewig Asozialen auch anderes Erwarten? Also bin ich durch die Strassen gezogen und habe nach einem geeigneten Lokal Ausschau gehalten. Habe mir dafür natürlich den ungeeignetsten Tag des Jahres ausgesucht, Bars, Kneipen und Diskos der Stadt waren brechend voll. Silvester. Ein Graus.

Irgendwann ist mir die Energie ausgegangen. Fand es kein bisschen lustig, von einer alkohöllischen Todesgrube zur nächsten zu wandeln und keinen Einlass zu finden. Die nächstbeste Bar, so beschloss ich, würde mein Untergang sein! So drängte ich durch die Tür einer kleinen Kneipe und hinein ins Unvergnügen! Hundert Leute, die im Vollrausch das nächste Jahr einfeiern, welches sie im Endeffekt genauso bitter vergeuden werden wie das Jahr davor.

Ich also an den Tresen, fest entschlossen hier und jetzt meinen Absturz einzuläuten, mich mehrfach durch die Getränkekarte saufend dem Koma anzunähern und, wenn möglich, noch darüber hinaus zu trinken. Selbstverständlich wäre dies trefflich gelungen, hätte mir auch nur eine der reizenden Bedienungen einen Funken ihrer Aufmerksamkeit geschenkt. (Die ich mit jeder List und Tücke zu erringen suchte, das kannst du mir glauben!)

Aber nein, mich haben sie ignoriert! Allesamt!!! Ich habe gerufen, gewunken, versucht hinter die Bar zu gelangen, mich halsbrecherisch auf den Tresen geworfen und den Zapfhahn mit beiden Händen flehentlich umklammert. Fehlanzeige. Kein Getränk für mich.

Irgendwann ist es mir zu blöde geworden und außerdem erschien mir der Gedanke, mich nach durchzechter Nacht einmal mehr orientierungslos in der Gosse wiederzufinden immer reizloser, je weiter die Stunde voranschritt. Die schmerzenden Glieder, das Gefühl als hätte sich die personifizierte Diarrhö im eigenen Mund erleichtert und dieses dumpfe Dröhnen im Hinterkopf, auf all das konnte ich plötzlich getrost verzichten. Ich verließ den Laden, in meinem Stolz gekränkt und zutiefst deprimiert.

Zu guter Letzt bin ich wieder nach Hause zurückgekehrt, hierher zu dir, mein geliebtes Tagebuch, einziger Freund, der mir geblieben ist. Habe mich wieder zu meinen alten, verrottenden Knochen gelegt und beschlossen, lieber noch weitere 35 Jahre im Sarg zu bleiben, bevor ich mich wieder an die Öffentlichkeit wage. Die Zeit ist noch nicht reif für mich, das kann ich nun verstehen.

© Sybille Lengauer….

Warten (Eine Anleitung zur Selbstaufgabe)

Warten
(Eine Anleitung zur Selbstaufgabe)

Warten, dass die Zeit vergeht
während sie schon verronnen ist.
Verlaufen in der dünnen Gegenwart.

Warten.

Auf den Umbruch, den Aufbruch,
den Ausbruch.

Warten.

Auf das Startsignal,
das niemand gibt, da alles wartet,
was warten kann.

Man wartet.

Ziellos, zeitlos, hoffnungslos.
Bis das Warten zur Qual wird
und man sich fragt:

Warum?

Warten auf die Antwort….

© Sybille Lengauer

Diamanten

Diamanten

Ich sehe Deine Träume,
Wie sie funkeln, wie sie leuchten!
Diamantengleich, in der Dunkelheit.

Ich sehe Deine Hoffnung,
Wie sie strahlt, oh wie sie glitzert!
Diamantengleich, in der Dunkelheit.

Ich sehe Deine Gedanken,
Wie sie glimmen, wie sie blitzen!
Diamantengleich, in der Dunkelheit.

Und ich wünsche Dir von Herzen,
Dass es keine Zirkone sind…

© Sybille Lengauer

Königin

Königin

Ich bemale meine Haut mit Asche,
Weiß, so weiß wie der Schnee…
Trage die Farbe gleichmäßig auf,
Lasse keine Pore unbedeckt.

Ich nehme einen abgenutzen Lippenstift,
Rot, so rot wie das Blut…
Streiche ihn langsam auf meine Zähne,
Sehe mich dabei im Spiegel lächeln.

Ich wühle ein Stück Kohle aus dem Kamin,
Schwarz, so schwarz wie die Nacht…
Reibe sie dick auf meine Lippen,
Werfe meinem Spiegelbild einen Kussmund zu.

Ich verziere meinen Körper mit Perlen,
Schimmernd und zart wie die See…
Gehe barfuß durch das Eismeer meines Gartens,
Denn heute Nacht bin ich deine Königin.

© Sybille Lengauer

Der Ganz Normale Schwachsinn…(Mc D. vs. Mitarbeiter)

Der Ganz Normale Schwachsinn (Mc Donalds vs. Mitarbeiter)

Lange ist es her, dass ich einen Artikel zum Thema “Der Ganz Normale Schwachsinn” verfasst habe. Aber heute ist es endlich wieder soweit, der Schwachsinn hat mich eingeholt und so möchte ich euch gerne den besten Freund des Ernährungsberaters näher bringen. Wen bitte?

Genau, Mc Donalds!

Diese herrliche Gourmet-Tempel-Kette amüsiert uns doch schon seit Jahren mit Werbungen, die den Nerv der Zeit treffen, wie der Vorschlaghammer den Daumen. Ganz neu und verbessert nun die Mc-Werbung 2010, Thema: glückliche Mitarbeiter!

Ja wunderbar, da freut sich die kleine Fritten-Azubiene über ihre tolle Pommeskarriere, der Business-Man beugt demütig das Haupt vor der großen Verantwortung des Burger-Filialleiters und die alte Pensionistenoma ist FROH, dass Mc-Donalds ihre erbärmliche Rente aufbessert, von der sie sich nicht einmal die Butter für’s Brot leisten kann…

“Aber es macht mir soooo viel Spaß!”

Na klar.

Schön ist es, wenn sich Mitarbeiter in einem Betrieb wohl fühlen, schön ist es auch, wenn der Betrieb sich um seine Mitarbeiter sorgt. Und wie könnte es anders sein, auch Mc-Donalds sorgt sich um seine Schäfchen und versucht, sie auf den richtigen Weg zu bringen.

Daher wurde in den Niederlanden einer Mitarbeiterin gekündigt, die heimtückisch ein Scheibchen Käse auf den (selbst gekauften) Burger einer Kollegin geschmuggelt hatte. Besten Dank werter Mitarbeiterversteher…von Käse bekommt man bekanntlich schwere Ausfallerscheinungen und ausserdem ist auch ein Scheibchen geklauter Käse was?

Richtig: DIEBSTAHL!!!

Und dies, wo die Holländer doch bekanntlich im Käse schwimmen!
Aber leider, leider sah es das zuständige Gericht anders:

“Die Kündigung einer niederländischen McDonald’s-Mitarbeiterin wegen einer Scheibe Käse ist rechtswidrig gewesen. “Die Kündigung war zu hart”, urteilte am Dienstag das zuständige Gericht in Leeuwarden im Norden des Landes. “Es war ja nur eine Scheibe Käse.” Die McDonald’s-Mitarbeiterin hatte in der Pause einer Kollegin eine zusätzliche Scheibe Käse auf den Hamburger gelegt. Die Kollegin bekam also einen Cheeseburger, statt den von ihr bezahlten einfachen Hamburger.”
Quelle Yahoo News

Da kommt also so ein langweiliges Gericht in Leeuwarden daher und meint, die Kündigung wäre rechtswidrig?! Ja wer hat denen denn zu wenig Schmiergeld bezahlt?!

Da ist es schon besser, wenn man im schönen Deutschland lebt, da wird ein schwerer Raub wie der von 6 Maultaschen nämlich richtig behandelt!

“Eine Altenpflegerin, die sechs Maultaschen am Arbeitsplatz gestohlen hatte, wurde fristlos entlassen. Zu Recht, wie ein Gericht entschied.”
Quelle Sueddeutsche

Bravo! DAS nenne ich eine Rechtsprechung, die man als braver Bürger versteht und billigt, denn Strafe, meine Lieben, muss bekanntlich sein…

In diesem Sinne!