Nachts traf ich einen Drachen, als ich fanatisch hinter Hasen herjagte und durch das Dickicht meines Waldes fetzte.
Er schien mir klein und sehr schmächtig für so ein Fabelwesen. Seine Schuppen von einem blässlichen Grün, der Körper mager und flügellos, schien er mir mehr Geist als Ungetüm zu sein.
Also sprach ich ihn an, ob er Hilfe benötige und sein trauriger Blick fixierte mich.
„Nein“ erwiderte er mit sanfter Stimme „ich brauche nichts von dir, du kannst mir nicht helfen. Du nicht.“
Dabei drückte sich eine hässliche Drachenträne aus seinen eiternden Augen und quoll den Kiefer hinunter. „Schnüff“ setze er noch hinzu.
Ich fragte nach dem Warum und Wieso.
Wollte ergründen, was ihn dazu bewog, des Nachts durch den Wald zu pirschen, wo es doch bekanntlich Wölfe, Bären und mich gab.
Hatte er eine Jagd im Sinn? Oder ein spätabendliches Jungfrauengeschlemme? Dinner für zwei?
Er verneinte errötend, was dem kränklichen Schuppenkleid außerordentlich gut tat, züngelte verlegen und sprach von ziellosem Umherstreifen, um die Gedanken schweifen zu lassen.
„Die Gedanken schweifen?“ fragte ich verwirrt. Davon war mir noch nichts zu Ohren gekommen.
„Aber wohin?“
Es gebe kein Wohin, belehrte er mich. Nur Gedanken die umherschweifen und irgendwann ein Ganzes bilden oder auch nicht.
„Hm, nichts für mich“ konnte ich darauf nur erwidern, denn meine Gedanken drehen sich nur um Fressen oder gefressen werden.
Der Drache schnaubte eine kleine Aschewolke und legte mir eine Kralle auf die Schulter.
„Du, du bist aufrecht, denke ich. Weißt du, ich treffe selten Kreaturen, denen ich so etwas zusprechen kann. Dir kann ich es erzählen…“ und er ließ keinen Zweifel, dass er mich mochte, denn Drachen können sehr anschmiegsam sein.
So hörte ich denn aufmerksam den Drachen von seinem Elend berichten.
„Es gibt zwei Arten von Drachen“ flüsterte er mir ins Ohr.
„Die einen ernähren sich von negativer, die anderen von positiver Energie. Hass und Liebe, damit du verstehst was ich meine. Wir ziehen uns einen Anteil dieser Emotionen als unsere Nahrung heran und einige können gut leben davon.“
„Vor allem diese, welche den negativen Energien zusprechen. Sie haben sich kräftig vermehrt, in diesen Zeiten. Doch ich brauche das Licht, das Gute und Schöne, das mir kaum einer noch zu geben vermag! Ich lebe vom Glück, aber es gibt kaum noch Gutes auf dieser Erde und so muss ich dahinwelken und eines Tags sterben.“
Wieder rannen ihm die Tränen über das hässliche Drachengesicht und ein glucksendes, gurgelndes Geräusch entrang sich seiner Kehle.
Er blickte mich Hilfe suchend mit seinen dunklen Echsenaugen an und tat mir ganz fürchterlich leid.
Ich überlegte, wie ich ihm helfen könnte und schließlich war mir der einzig richtige Gedanke gekommen…
Ich riss ihm die wundgeheulte Kehle auf, zerschmetterte seinen Schädel und fraß das Gehirn im Ganzen, denn Liebe geben, das konnte ich nun wirklich nicht.
© Sybille Lengauer