Gewäsch einer Depressiven…

 

Ich bade eine Depression aus. Baden ist der korrekte Ausdruck, da mir der trübe Schaum schon bis zur Nasenspitze reicht. Ich versuche die üblichen, verdächtigen Gegenmittel und scheitere kläglich.

Sollte ich ein wenig malen? Ja, später! Essen machen? Später!
Spazieren gehen? Brrr, später! Überhaupt aufstehen? Später als spät!

Okay, für Kaffee tut man doch einiges…aufkriechen zum Beispiel,Wasser aufsetzen und mit irrwitziger Geschwindigkeit wieder zurück unter die Decke fitschen. Hypermuffelgeschwindigkeit. Ich habe den Zucker vergessen. Mist.

In der Küche ist alles klebrig und dreckig. Ich habe das Gefühl der Schmutz reiche mir bis zum Hals. Einbildung natürlich. Gestern um halb fünf Uhr früh habe ich schließlich geputzt wie eine Irre. Irr. Das passt wie die Faust auf’s Auge.

Aber das Gefühl von Klebrigkeit und Staub hält sich krampfhaft an mir fest.
„Natürlich“ denke ich, „der Laden ist alt, morsch und schäbig, aus der aufgelösten Wohnung einer armen, alten Dame um die sich nur noch die Caritas kümmern wollte. Alt und schäbig, wie der Rest ihrer Behausung.“

Und mir fällt wieder ein, wie schäbig ich selbst mich fühlte, in ihrem einstmaligen Heim, diesem dunklen, muffigen Loch zu stehen und mir ihre letzten Habseligkeiten anzusehen. Mit welchem Recht war ich dort? Ich, die ich sie nie gekannt hatte. Kein kleines „Nette-alte-Dame-Teegespräch“, kein kleiner Gruß am Briefkasten, nicht einmal ein kurzes Nicken. Sie war mir gänzlich fremd. Und doch stand ich nun in ihrer Wohnung, ohne daß sie Einspruch erheben konnte, tot wie sie war, und rümpfte die sensible Nase ob des abgestandenen Geruches.

Abgestanden, alt, leer, faltig, verbraucht. Worte stinken!

Die Jugend ist ein Fluch weil man nichts weiß.
Das hohe Alter ist ein Fluch weil man alles wieder vergißt was man zu wissen glaubte. Dazwischen ein paar hellere Jahre in denen man zwischendurch begreift daß das Vergessen ein Segen sein kann, selbst wenn das eigene Wissen ein Witz ist.

Die Küche. Immer noch ekelhaft. Wieviele Male wurde diese Schublade geöffnet, wie oft der Schrank geschlossen, wieviele Brote auf der Anrichte geschnitten, belegt, vielleicht für ein liebstes Wesen ansehnlich drappiert?

Ob sie in der Küche gestorben ist? Vielleicht, ich werde es nie erfahren.

Meine Gedanken treiben umher, sind quietschgelbe Gummienten im fischigen Spühlwasser der Depression. Ich spiele ein wenig mit ihnen herum, belustigt über ihre lächerliche Form, und fülle sie dann nach und nach mit Bleikugeln damit sie untergehen.

Ich fantasiere. Ich träume. Ich scheife ab.

Jemand räumt im Zimmer herum? Falsch, ich räume in meinem Kopf herum! Die eiserne Jungfrau für die unerfüllten Wünsche etwas weiter nach rechts, den spanischen Stiefel für die nutzlosen Vorsätze ein wenig mehr nach links und den griechischen Feuerstier für die naiven Hoffnungen genau in die Mitte. Zur besseren Orientierung.

Ich horche tief in mich hinein, und irgendwo ganz weit drinnen kann ich das Schwein in meinem Schädel lachen hören. Über mich, die Quietscheentchen, den ganzen Foltermist, einfach alles. Es amüsiert sich königlich. „Wenigstens einer hat etwas zu lachen“ denke ich „und wenn es nur das Schwein ist“.

© Sybille Lengauer