SPAM 76

Veröffentlicht: Januar 21, 2019 in Gedichte, Gefasel
Schlagwörter:,

SPAM76
(ein Schreigedicht)

Glück gehabt! Ich habe sehr gute Nachrichten für Sie!
Leben mit Neurodermitis? Fünf Kilo die Woche abnehmen? Ihr eigener Treppenlift!
Die perfekte Diät? Gerade Zähne in kurzer Zeit!

Allesalles,
Habe ich für dich,
Allesalles,
Also klick mich,
Bitte klick mich.
Klick mich!

Ihr persönlicher Minuszins ist da! Bestätigen Sie Ihre Unterschrift!
Der perfekte Kredit! Zinsloses Darlehen ohne Schufa! Ihr eigener Treppenlift!
Teurer Zahnersatz? Ergo Direkt zahlt sofort!

Allesalles,
Gebe ich für dich,
Allesalles,
Also klick mich,
Bitte, bitte klick mich.
Klick mich, Klick mich!!

Ich habe dir paar Fotos geschickt, falls ich dir gefalle…
Hallo Sybille, kennst du mich noch? Sybille, Ihre Rubbellose! Ihr verfickter, scheiß eigener Treppenlift!
Sybille, ist das dein Klassenfoto? Du hast gewonnen!

Allesalles,
Schicke ich an dich,
Allesalles,
Also klick mich,
Bitte, bitte, bitte klick mich.
Klick mich. Klick mich, Klick mich!!!

Bitte klick mich.

© sybille lengauer

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Rechts 2, 3, 4

Veröffentlicht: Januar 11, 2019 in Gedichte, Politisches
Schlagwörter:,

(eine Betrachtung in deprimiertem Angstgrau)

Es geht zügig voran, ihr tapfren Patrioten!
Im Stechschritt in den Abgrund und noch stolz darauf, Jawoll!
Ihr habt so vieles getan, ja man kriegt richtig was geboten,
So kurz vorm Absturz ist die Aussicht entsprechend toll.
Auf ein Neues mit dem Weltkrieg, Kameraden, sät das Hassen.
Alle guten Dinge sind nun einmal drei.
Bis die Welt dann brennt und ihr zum Schluss erkennt,
Dass euch als Aschehaufen nichts vom Gegenüber trennt…
Doch keine Sorge Freunde, das geht schnell vorbei.

Wenn uns der glutheiße Wind in der Atmosphäre verteilt,
Seid ihr vielleicht endlich von eurer Dummheit geheilt.

© sybille lengauer

Schau mal her!
Da ist so einer, ganz verschwiegen in der Ecke,
Der ist mit Sicherheit leer.
Schau mal her!
So wie der steht, wie der geht.
Mit Sicherheit leer.
Mit Sicherheit leer.
Schau mal her!
Da ist so eine, nebenbei bemerkt sie ähnelt dir frappant,
Die ist mit Sicherheit leer.
Schau mal her!
So wie die steht, wie die geht.
Ist die mit Sicherheit leer.
Mit Sicherheit.

Schau mal her!
Da ist so einer, an der Kassa gegenüber,
Der ist mit Sicherheit leer.
Schau mal her!
So wie der steht, wie der geht.
Mit Sicherheit leer.
Mit Sicherheit leer.
Schau mal her!
Da ist so eine, und vielleicht ist es ja nur ein Spiegelbild,
Die ist mit Sicherheit leer.
Schau mal her!
So wie die steht, wie die geht.
Ist die mit Sicherheit leer.
Mit Sicherheit.

© sybille lengauer

Vielleicht nicht viel

Veröffentlicht: Dezember 15, 2018 in Gedichte, Gefasel

Es macht nicht viel her, dieses kleine Leben.
Bringt kaum etwas ein, beim Totengericht.
Gilt nicht mehr als eine Feder.
Oder vielleicht verstehe ich es auch nicht.

Das macht nicht viel aus, dieses kleine Versehen.
Schmälert die Zahlen nicht,
Wiegt weniger als ein gebrochenes Versprechen.
Wahrscheinlich verstehe ich es einfach nur nicht.

Es macht nicht viel her, dieses kleine Leben.
Bringt kaum etwas ein, beim Totengericht.
Gilt nicht mehr als eine Feder.
Oder vielleicht verstehe ich es auch nicht.

Das macht nicht viel aus, dieses kleine Geheimnis.
Ändert die Wertung nicht.
Wiegt weniger als ein paar zerbrochene Träume.
Wahrscheinlich verstehe ich es einfach nur nicht.

Es macht nicht viel her, dieses kleine Leben.
Bringt kaum etwas ein, beim Totengericht.
Gilt nicht mehr als eine Feder.
Oder vielleicht verstehe ich es auch nicht.

© sybille lengauer

Rauschebart

Veröffentlicht: Dezember 14, 2018 in Allgemein

Ein Tag wie jeder andere, nur leider nicht für sie,
Gerade war ihr noch ganz wohl, jetzt ist sie schon perdu.
So fröhlich sie einst sang und klang, so gramvoll ist ihr Untergang.
Das war es nun, Fini.

Und der Rauschebart im Himmel,
Lächelt still dazu.

Ein Tag wie jeder andere, nur leider nicht für ihn,
Soeben war er quietschfidel, jetzt färbt er sich rasch grün.
Oh tapfer war er, niemals bang! Doch trostlos ist sein Untergang.
Dabei war er so kühn.

Und der Rauschebart im Himmel,
Lächelt still dazu.

Ein Tag wie jeder andere, nur leider nicht für sie,
Just ging es noch turmhoch hinauf, jetzt fehlt es an Esprit.
So klug war sie, und niemals krank! Ganz plötzlich kommt ihr Untergang.
Das war’s mit La Bonne Vie.

Und der Rauschebart im Himmel,
Lächelt still dazu.

Ein Tag wie jeder andere, nur leider nicht für ihn,
Gerade sitzt er auf dem Lokus, schon ist er dahin.
Sein Leben war nie von Belang, genauso ist sein Untergang.
Ganz ohne weitren Sinn.

Und der Rauschebart im Himmel,
Lächelt still dazu.

© sybille lengauer

Sie (Ilona)

Veröffentlicht: Dezember 14, 2018 in Gedichte
Schlagwörter:, ,

Klappe zu, Affe tot.
Wie war das noch gleich mit dem dritten Gebot?
Vielleicht feiern die andern, vielleicht feiert ja er,
Sie arbeitet mehr.

Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Schlaue Ratschläge hagelt es niemals zu knapp.
Der gute Vorsatz steht derweil im Regen und weint,
War doch nur gut gemeint.

Ein schlafender Fuchs fängt kein Huhn.
Doch selbst Gott fand die Zeit nichts zu tun.
Vielleicht ruhen die andern, vielleicht ruht ja er.
Sie arbeitet mehr.

Ein Unglück kommt selten allein.
Eine Sintflut an Sorgen prasselt munter herein,
Die Einsicht steht derweil im Regen und greint,
War doch nur gut gemeint.

© sybille lengauer

Die Verwandlung (frei nach Kafka)

Veröffentlicht: Dezember 13, 2018 in Kurzgeschichten

Liebes Tagebuch

Heute war wieder einer von diesen Tagen. Eigentlich würde ich gar nicht aufzeichnen, aber Dr. Berg meint, ich soll täglich eintragen. Also. Scheiße. Manchmal denke ich, er will mich damit nur quälen. Aber irgendwie bezahle ich ihn ja auch dafür. Em. ist wieder zurück aus dem Urlaub. Sein dummes Mondgesicht strahlte mir heute morgen entgegen, als ich ins Büro kam. Da war der Tag eigentlich schon gelaufen. Später Streit mit An., die wieder einmal ihre Pausenzeiten nicht einhalten kann. Rennt alle fünf Minuten auf die Toilette. Reizdarm, na klar. Reizhirn vielleicht.
In der Mittagspause (Low-Carb Blumenkohlreis und gedünstete Pute) habe ich bemerkt, wie sich zwei Ölaugen in der Kantine über mich lustig gemacht haben. Der eine machte unanständige Gesten, der andere tat als wäre er eine fette Frau und watschelte zwischen seinen Warmhalteplatten herum. Sie lachten. Wir werden sehen wer zuletzt lacht, wenn sie ihre Kündigung abholen können. Ich werde morgen mit Pt. darüber sprechen.
Nachmittags dann der Supergau. Mathilda rief an. Sie will sich mit mir treffen und ein „klärendes Gespräch“ führen. Ich wollte erst auflegen, aber dann dachte ich an Dr. Bergs Rat und an die feine Nasenatmung. Das Gespräch habe ich für nächste Woche angesetzt, bis dahin fällt mir auch wieder ein, warum ich mit Mathilda Schluss gemacht habe. Oder hat sie mit mir? Schade, dass ich damals dieses Tagebuch noch nicht hatte. Das Telefonat war auf jeden Fall ein Haufen Scheiße.
Heute Abend (Low-Carb Zucchini an Honigtomaten) ist mir wieder ein Glas aus der Hand gefallen. Manchmal frage ich mich, ob meine Hand das absichtlich tut. Ich werde noch die Meditationsübungen machen und dann schlafen gehen. Zumindest die Tabletten wirken.

Liebes Tagebuch

Gerade hätte ich ausrasten können. Zum Frühstück (Smoothie aus Beeren, Karotten und roter Beete) erhalte ich eine Mail vom Betriebsrat. An. hat sich beschwert, ich würde sie wegen ihrer Krankheit mobben. Als ob die wüsste, was Mobbing heißt. Als ob die wüsste, was es bedeutet, sich die Sporen zu verdienen, die es braucht, um in dieser Ellenbogenwelt nach oben zu steigen. Krebst seit fünf Jahren in der Buchhaltung herum, keine Weiterbildung, kein Esprit und wenn es ihr zu anstrengend wird, kackt sie sich in die Hose. Und ich soll die psychisch unter Druck setzen. Klar. Immer ich. Warum eigentlich immer ich? Ich werde heute Home-Office machen, ich habe keine Lust diese Idioten zu sehen. Ich werde Pt. eine Mail schreiben, damit er sich um die Kaffern in der Kantine kümmert. Abends bin ich fürs Musical verabredet.

Liebes Tagebuch (Nachtrag zu Gestern)

Das Musical war ein totaler Reinfall. Die Plätze gut, natürlich. Die Begleitung. Naja. Er ist elegant, ein bisschen borniert vielleicht, aber immerhin nicht so theatralisch wie Mathilda. Die grauen Schläfen gefallen mir nicht, die habe ich selber. Sowieso habe ich bemerkt, dass meine Haare immer grauer werden. Ich werde sie färben lassen. Das Stück, ich muss dazu leider bemerken, dass ich selbst es ausgesucht habe, war von Anfang bis Ende ÖDE. Wer interessiert sich schon für Stunden dafür, ob jemand wegen eines Stück Brotes verhaftet wird oder nicht. Das Abendessen (Heilbutt an Zitronencreme) hingegen habe ich sehr genossen. Wunderbarer Wein. Nettes Gespräch. Heute werde ich wieder zuhause arbeiten. Ich habe keine Lust, die Idioten zu sehen.

Liebes Tagebuch

Ich habe heute morgen eine Entdeckung gemacht. Über Nacht ist um meine Iris ein grauer Ring entstanden. Innen sind sie noch braun aber außen sind sie jetzt grau, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Ich habe Dr. Pratsch aufgesucht, der ja immer einen Termin für mich frei hat. Seine Erkenntnis, es handelt sich um ein Übersäuerungsproblem. Ich soll Weißmehl, Zucker und Alkohol meiden und Stress abbauen. Der macht Witze. Die Atemübungen von Dr. Berg werde ich jetzt also fünf Mal täglich machen und den Wein. Hm. Den Wein werde ich reduzieren. Sei es wie es ist, ich habe den restlichen Tag Mails abgearbeitet und Rechnungen geschrieben. Die neue Mail des Betriebsrats habe ich ignoriert, um Stress zu vermeiden.

Liebes Tagebuch

Es ist noch sehr früh, weil sich in der Nacht etwas getan hat. Die Augen sind ganz grau geworden. Die Haare auch. Ich fahre jetzt sofort zu Dr. Pratsch. Später mehr.
Nachtrag: Der Arzt ist ein Kurpfuscher! Salben rühren und Pillen drehen, zu mehr ist er nicht fähig und wenn ich mir dieses trübe Wässerchen ansehe, das er mir mitgegeben hat, bekomme ich Schweißausbrüche. Zieht mir das Geld aus der Tasche aber eine Antwort kann er mir nicht geben. Schulterzucken als Diagnose und Schonung als Rat. Was für eine Zeitverschwendung. Ich werde mir einen neuen Arzt suchen. Leider ist morgen Sonntag. Montag muss ich mich mit Mathilda treffen, da habe ich keine Nerven für einen Arztbesuch. Ich muss die Frisörin anrufen. So kann ich nicht unter die Leute gehen.

Liebes Tagebuch

Der Sonntag war… erleichternd. Die Frisörin hat Wunder gewirkt und ich sehe wieder wie ein Mensch aus. An die Augen muss ich mich gewöhnen, draußen werde ich eine Sonnenbrille tragen. Die heutige Verabredung mit Herrn Musical habe ich abgesagt. Ich habe genug graue Strähnen gesehen. Habe den Rest des Tages mit Atemübungen und Meditation verbracht, gekocht (gedünsteter Kürbis an Aprikosen und Nüssen) und das Chaos aufgeräumt, das die Putzfrau übrig gelassen hat. Ich werde sie entlassen, die Frau ist überflüssig wie ein Kropf. Apropos Kündigen. Pt. hat sich gemeldet. Er kann die zwei Schwachköpfe aus der Kantine nicht so einfach entlassen, weil sie Flüchtlinge sind und die Firma gerade eine diesbezügliche Werbekampagne fährt. WIR WERDEN SEHEN! Achso, beinah hätte ich es vergessen. Die Fische sind eingegangen. Ich hätte bei der Pflanze bleiben sollen. Naja. Gute Nacht.

Liebes Tagebuch

Meine Zunge ist grau. Wenn ich sie weit herausstrecke, sieht sie hinten fast schwarz aus. Der Rachen ist auch irgendwie farblos. Mir ist schwindlig. Ich habe mit Dr. Pratsch telefoniert, der meint ich solle in ein Krankenhaus fahren. Damit die mich dort umbringen? Lebe ich hinter dem Mond, dass ich noch nie etwas von Multiresistenten Keimen gehört habe? Ich habe Dr. Berg angerufen, er hat heute Nachmittag einen Termin für mich reserviert. Das Gespräch mit Mathilda habe ich abgesagt. Sie hat geweint. Ich habe aufgelegt.
Nachtrag: Dr. Berg ist genau so ein Kurpfuscher wie Dr. Pratsch. Sein Fachwortgeschwurbel kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er keine Ahnung hat, was mit mir los ist. Seine Pillen sind immerhin nicht so Farblos wie das Gesundheitswasser von Dr. Pratsch. Ich habe mich krank gemeldet.

Liebes Tagebuch

Es geht mir besser. Die Zunge ist zwar immer noch grau, die Augen auch, aber mir ist nicht mehr schwindlig. Ich bin trotzdem froh, dass ich diese Woche frei habe, so kann ich mich endlich um meine Bedürfnisse kümmern. Ich habe eine Masseurin bestellt (Klangschale und ätherische Öle) und Abends kommt Gerda vorbei und macht mir die Füße. Meine Zehennägel sehen fürchterlich aus. Mathilda hat geschrieben. Ihr kleines, gebrochenes Herz blutet ganz schrecklich. Ihre Rhetorik lässt dafür meine Augen bluten. Ich weiß nicht, was ich noch mit ihr machen soll. Sie will mich unbedingt noch ein letztes Mal sehen. Ich habe ihr geantwortet, sie soll meinen Hausschlüssel nicht wieder vergessen. Wenn ich sie mit dem Silbersträhnenmann verkuppeln könnte, hätte ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn der meldet sich auch schon wieder.
Nachtrag: Dr. Berg hat gerade angerufen und sich nach meinem Befinden erkundigt. Er empfiehlt eine Entgiftung und Akupunktur um mein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Ich sollte ihn vielleicht doch als meinen Arzt behalten. Das Wässerchen von Dr. Pratsch werde ich aber trotzdem noch nehmen. Sicher ist sicher.

Liebes Tagebuch

Ich hasse die Entgiftung. Kein festes Essen mehr, nur Suppe und Tee. Ich fühle mich heute Abend schon so schwach und leer, wie soll ich das zwei Wochen lang aushalten? Der heutige Tag war ein komplettes Desaster. Wahrscheinlich hing mir noch der gestrige Abend hinterher, denn da kam die Vollkatastrophe. Meine immer gute und treue Gerda verlässt mich. Sie will mit ihrem Mann an die Nordsee ziehen. Hat man Worte. Ich habe ihr gesagt, dass sie mir das nicht antun kann. Aber sie tut es mir an. Feige wie sie ist, hat sie es mir sogar erst kurz vor ihrem Wegzug gesagt, sodass mir kaum Zeit bleibt, eine neue Fußpflegerin zu finden. Dass ich die Nacht kaum geschlafen habe, ist verständlich. Es ist schon verwunderlich, wie sich eine gewöhnliche Fußpflegerin einen Umzug an die Nordsee leisten kann. Ob man da beim Finanzamt nachfragen sollte?
Zum heutigen Desaster. Ich habe mich dazu breitschlagen lassen, mich mit Mathilda zu treffen. Sie erschrak über mein Aussehen, denn mittlerweile ist auch meine Haut ziemlich grau geworden. (Dr. Berg meinte, dass es bei einer Entgiftung zu einer Erstverschlechterung kommen könnte.) Sensibelchen, das sie ist, hat sie sofort angefangen zu weinen und ist hinter einem Berg Taschentücher verschwunden. Den Schlüssel hatte sie natürlich nicht dabei. Ich hasse so etwas. Im Endeffekt habe ich das Gespräch ganz gut über die Bühne gebracht und mich schnell verabschiedet, immerhin bin ich krank. Auf dem Rückweg habe ich eine neue Pflanze gekauft. Jetzt noch etwas Suppe und dann ab ins Bett.

Liebes Tagebuch

Die Erstverschlechterung hat sich verschlechtert. Die Gelenke sind steif, sprechen ist anstrengend, ich fasse mich also kurz. Die Haut ist grau und bildet Platten, ich sehe aus wie ein Echsenmensch. Immerhin habe ich keine Schmerzen. Ich habe Dr. Berg zu mir bestellt, er kommt in einer Stunde. Bis dahin werde ich wohl auch hungern müssen, denn ich kann nicht kochen. Ich habe versucht Mathilda zu erreichen, die könnte mir wenigstens eine Suppe bringen, aber sie geht nicht ans Telefon. Dafür hat der Betriebsrat angerufen und gefragt, warum ich nicht auf ihr Schreiben reagiert habe. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen zur Hölle fahren.
Vielleicht sollte ich doch ins Krankenhaus?
Nachtrag: Dr. Berg war hier und ich fühle mich besser. Er hat strenge Bettruhe verordnet und mir die Einnahme von Dr. Pratschs Wässerchen untersagt. Es bringe die innere Zirkulation aus dem Gleichgewicht, sagt er. Jetzt habe ich ein anderes Wässerchen von ihm und noch mehr Pillen. Er hat sich auch um eine Pflegerin gekümmert, die mir unter die Arme greifen soll. Ein nettes kleines Pfannkuchengesicht Namens Li. Vielleicht fühle ich mich auch besser, weil sie jetzt mit ihrem kurzen Kittelchen in meiner Küche steht. Zumindest erleichtert ihr Anblick die Atemübungen und ihr Tee ist ganz ausgezeichnet. Die Sache mit den beiden Schweinen aus der Kantine lässt mir keine Ruhe. Ich hätte sagen sollen, dass sie mich gemobbt haben, dann hätten die schon längst den Betriebsrat auf dem Hals. Wenn ich es recht bedenke waren die Gesten des einen eindeutig sexuelle Belästigung, ich werde mit Pt. darüber sprechen, wenn es mir wieder besser geht. Um den Betriebsrat muss ich mich auch kümmern. Aber jetzt, gute Nacht.

Liebes Tagebuch

Es geht mir schlechter. Die scheiß Pflegerin ist noch nicht hier, ich liege seit Stunden wach im Bett und kann mich nicht bewegen. Ich habe versucht Dr. Berg zu erreichen, Anrufbeantworter. Bei Dr. Pratsch dasselbe. Soll ich einen Krankenwagen rufen? Ich kann doch keine fremden Leute in meine Wohnung lassen, wenn ich mich nicht bewegen kann! Ich habe versucht Mathilda anzurufen, sie geht nicht ans Telefon. Ich habe versucht Gerda anzurufen, sie geht auch nicht ans Telefon. Verdammt ich KREPIERE HIER! Ich WEINE!

Als Frau Li an diesem Morgen die Wohnung von Anette S. betrat, fand sie diese in ihrem Bett zu einem ungeheuren Stein verwandelt.