Hätten wir es nur gewusst,
Aber es wusste ja keiner,
Hat niemand etwas gesagt,
Nein, es wurde uns verschwiegen.
Ihr habt alle im Sand gespielt.
Ihr habt alle im Sand gespielt.
Wir haben die Kleider weggeworfen.
Kann man ja nicht mehr anziehen.

Hätten wir es nur geahnt,
Aber es ahnte ja niemand,
Hat keiner was verraten,
Eiskalt haben sie gelogen.
Ihr habt alle die Beeren gegessen.
Ihr habt alle die Beeren gegessen.
Bis in Finnland die Vögel fielen.
Massenweise tot aus dem Himmel.

Hätten wir es nur verstanden,
Aber es verstand ja keiner,
Hat niemand etwas erklärt,
Nein, es wurde nicht geredet.
Ihr habt alle im Regen gespielt.
Ihr habt alle im Regen gespielt.
Der Nachbar hat seinen Hund erschossen.
Kannst ihn ja nicht mehr nach draußen lassen.

Hätten wir es nur begriffen,
Aber es begriff ja niemand.
Hat keiner was erläutert,
Eiskalt haben sie geschwiegen.
Ihr habt alle die Pilze gegessen.
Ihr habt alle die Pilze gegessen.
Bis im Fernsehen die Bilder liefen.
Massenpanik aus heiterem Himmel.

© sybille lengauer

Seelenblätter

Veröffentlicht: März 14, 2019 in Gedichte
Schlagwörter:

(im Frühling)

Recke dich, Blatt,
Strecke dich, statt,
Nur dort zu ruh’n,
Wo der Wintergeist schläft.
Recke dich, Blatt,
Gedeihe machtvoll, anstatt,
Nur ängstlich zu warten,
Ob deine Seele dich trägt.
Recke dich, Blatt,
Sieh dich rundherum satt,
An jener Fülle in der,
Nun dein Knospenherz schlägt.

© sybille lengauer

Goldene Tage.
Kindliche Erinnerungen in zarten Pastelltönen.
Fortgespült im Sog der braunen Gewalt.
Verstummte Gespräche, vergessene Gesichter.
All die toten Menschen.
Und nie wieder, nie wieder,
Kommt die verlorene Zeit.
Ist für immer vernichtet,
Für immer Vergangenheit.

Goldene Tage.
Verstaubte Erinnerungen mit Trauerflor.
Fortgerissen im Strudel der braunen Gewalt.
Zerstörte Familien, zerplatze Träume.
Und all die toten Menschen.
Nie wieder, nie wieder,
Kommt die verlorene Zeit.
Ist für immer vernichtet.
Für immer Vergangenheit.

Goldene Tage.
Anekdoten aus einem verschollenen Land.
Fortgeweht im Sturm der braunen Gewalt.
Verwelkte Lieben, verscharrte Gefühle.
All die toten Menschen!
Kommen nie wieder.
Ihre Tränen.
Ihr Gelächter.
Ihre Lieder.
Nie wieder.
Nie wider.

All die toten Menschen.

© sybille lengauer

„Kannst du auch irgendwas richtig machen?“ Der Oberkellner des kleinen Lokals an der Hauptstraße kneift ärgerlich die Augen zusammen. Bohrt mit einem gekrümmten Zeigefinger in die schmale Brust seines jungen Kollegen. „Du Trottel.“ zischt er leise, damit es die wenigen Gäste nicht hören. Der so Beschimpfte steht nur da, lässt die Tirade über sich ergehen. Hört sie jeden Tag. „Kannst du mir auch eine Antwort geben?“ fragt der Oberkellner gereizt. „Entschuldigung, Herr Grün.“ murmelt der junge Mann betreten. „Ja, ja. Entschuldigung. Mehr fällt dir nicht ein.“ Der Oberkellner Grün schnaubt arrogant die Luft aus der Nase, dreht sich dann um und begrüßt neue Gäste, die soeben das Lokal betreten haben. Seine ganze Haltung ändert sich, die Aggression weicht devoter Milde. „Von forsch zum Frosch.“ flüstert der junge Kellner missmutig, während er sich bückt um die Scherben aufzuheben, die das Donnerwetter ausgelöst haben. „Ach, und Georg?“ ruft der Oberkellner quer durch den Gastraum. „Ja, Herr Grün?“ fragt Georg, der eigentlich Gregor heißt, aber das ist Herrn Grün zu kompliziert. „Nicht kleckern, klotzen!“ Der Oberkellner und die Gäste lachen. Es ist ein altbekanntes Spiel. Gregor nickt ergeben, verschwindet mit den Scherben in der Küche. Kurze Zeit später kommt er mit gewaschenen Händen zurück, kümmert sich weiter um seine Gäste. Achtet darauf, keine weiteren Gläser zu zerbrechen. Ist emsig und freundlich. Wie jeden Tag.

„Kannst du das denn überhaupt?“ Gregor hockt im Schneidersitz auf dem kalten Schlafzimmerboden seiner Freundin. Um ihn herum liegen die Teile des Schrankes verstreut, den er heute für sie zusammenbauen wollte. Klappt nur nicht. Weil Gregor zwei linke Hände hat. Seine Freundin steht mit überkreuzten Armen vor ihm, wippt drohend mit dem Fuß. „Ich habe dir gesagt, dass das auch der Handwerker machen kann. Ich habe dir gesagt, dass ich es gerne von einem Profi erledigen lasse. Du hast gesagt, du kannst das.“ vorwurfsvoll zieht sie einen Schmollmund. Eigentlich soll das niedlich wirken, in Wirklichkeit sieht sie dadurch aber nur aus wie eine besonders durstige Ente. Gregor blickt betreten zu ihr hoch. „Es tut mir leid, Anna.“ sagt er, deutet dabei auf die unzähligen Zettel, die eine Bauanleitung darstellen sollen. „Ich hatte es mir leichter vorgestellt.“ „Ja, ja.“ sagt Anna, dreht sich um und geht erhobenen Hauptes aus dem Schlafzimmer. Gregor zieht ein langes Gesicht, schüttelt resigniert den Kopf und macht sich dann wieder daran, die Bauteile in so etwas wie einen Schrank zu verwandeln. Aus dem Nebenzimmer hört er seine Freundin schimpfen. Wie jeden Tag.

„Kannst du denn gar nichts richtig machen?“ Ärgerlich haut die Mutter mit einer geballten Faust auf den Küchentisch. Teller und Besteck klappern. Gregor sitzt ihr verlegen gegenüber, hält sich an seiner Kaffeetasse fest. Hat seiner Mutter gerade erzählt, dass Anna ihn vorerst nicht mehr sehen möchte. „Bedenkzeit“ hat sie es genannt. „Herzbruch“ nennt es Gregor. „Eine verdammte Schande“ nennt es die Mutter. „So ein nettes Mädchen und was machst du?“ fragt sie und beginnt dabei methodisch, den Frühstückstisch abzuräumen. Klappert ärgerlich mit dem Geschirr. Gregor hält nur weiter die Kaffeetasse fest, lässt die Empörung der Mutter über sich ergehen. „Glaubst du, die Mädchen wachsen auf den Bäumen? Glaubst du, du findest so eine an jeder Ecke?“ „Nein, Mama.“ antwortet Gregor, sieht ihr dabei zu, wie sie energisch den Tisch abwischt. „Es tut mir leid, Mama.“ fügt er hinzu. „Papperlapapp.“ sagt die nur, nimmt ihm die Kaffeetasse aus der Hand. „Mach dich jetzt fertig, sonst kommst du wieder zu spät.“ „Ja, Mama.“ Gregor erledigt seine Morgentoilette, achtet auf ordentliche Kleidung, macht sich dann eilig auf den Weg. Da er trotzdem den Bus verpasst, kommt er zu spät ins Lokal. Wie jeden Tag.

„Und damit bist du draußen.“ begrüßt ihn ein rotgesichtiger Herr Grün schon in der Eingangstür. „Hundert Mal habe ich dir gesagt, dass du pünktlich zum Dienst erscheinen sollst und was machst du? Kommst natürlich zu spät, du Gratin!“ Gregor weiß, dass der Oberkellner eigentlich Kretin meint. Hütet sich davor, etwas zu sagen. „Es tut mir wirklich sehr leid, Herr Grün. Ich bitte Sie.“ „Nichts da.“ entgegnet dieser grob. „Du bist raus. Kannst dir morgen deine Papiere abholen. Und jetzt hau ab.“ Geschlagen zieht Gregor davon. Will nicht nach Hause gehen. Weiß niemanden, den er anrufen könnte. Also kauft er im Supermarkt eine Flasche Rum und setzt sich damit in den Park. Sieht den Spatzen dabei zu, wie sie ihr Spatzendasein leben. Weint ein bisschen. Trinkt ein bisschen. Verzieht angeekelt das Gesicht. Rum schmeckt nicht. „Das ist meine Bank.“ grummelt es neben ihm. Gregor dreht sich um, war ganz in die Betrachtung der kleinen Vögel versunken. Eine uralte Frau steht neben der Bank, stiert ihn durch dicke Brillengläser an. Versinkt in einer bunten, schäbigen Jacke. „Entschuldigung.“ Das Wort schlüpft ganz automatisch aus Gregors Mund. Er will schon aufstehen, um der alten Dame die Bank zu überlassen. Erschrocken fliegen die Spatzen auseinander. „Na, na, ist schon gut.“ winkt die runzelige Alte ab, setzt sich laut schnaufend neben ihn. „Ist Platz genug für uns zwei.“ sagt sie, klopft dabei auf das spröde Holz der Bank. Gregor sagt nichts, schämt sich dafür, dass er an einem Vormittag mit einer Flasche Rum im Park sitzt. „Schwerer Tag, wie?“ Gregor nickt nur. „Schwere Woche sogar?“ Gregor nickt wieder. „Na so was.“ Die alte Frau holt eine abgegriffene Papiertüte aus einer ihrer unzähligen Jackentaschen. Schon fliegen die Spatzen wieder herbei. Versammeln sich hungrig zu ihren Füßen. Wie jeden Tag.

„Ich bin ein Verlierer.“ sagt Gregor plötzlich. Weiß gar nicht, warum er das sagt. „Es tut mir leid.“ setzt er direkt hinzu. Die alte Frau füttert nur weiter die Spatzen, ein kleines Lächeln legt ihr Gesicht in tausend Falten. Gregor seufzt, möchte gerne weiter trinken. Traut sich nicht. Als er aufstehen will um zu gehen, hält ihn die Alte zurück. „Bleib noch ein bisschen.“ sagt sie und Gregor setzt sich wieder hin, weiß sowieso nicht besseres mit sich anzufangen. „Darf ich?“ fragt sie und deutet auf den Rum. Gregor reicht ihr die Flasche, sieht dabei zu, wie sie einen großen Schluck nimmt. Hustend gibt sie ihm den Rum zurück. „Danke, mein Junge. Das tut gut.“ „Gerne.“ Gemeinsam sitzen sie auf der Bank, belagert von Spatzen. Vom Spielplatz weht Kinderlachen herüber. „Ein Verlierer also, aha.“ sagt die alte Frau plötzlich, reißt Gregor aus seinen düsteren Gedanken. „Gibt schlimmeres.“ Gregor zuckt nur mit den Schultern. Trinkt. Der Rum schmeckt schon etwas besser. „Ich kann nicht in einer Sache gut sein.“ seufzt er schließlich, knibbelt lustlos am Etikett der Flasche. „Und?“ fragt die alte Dame zurück, wirft eine handvoll Brot in die Vogelschar. „Die meisten Leute sind in keiner Sache gut. Das nennt sich Mittelmaß. Daraus besteht die Welt.“ „Ich bin zu schlecht für Mittelmaß.“ versetzt Gregor deprimiert. „Na, das ist doch zumindest etwas.“ lacht die Alte und Gregor fühlt Zorn in sich aufsteigen. „Machen Sie sich nicht über mich lustig. Ich bin schon geschlagen genug.“ grummelt er, mutig vom Alkohol. „Würde mir nicht im Traum einfallen. Komm, reich noch einmal herüber.“ Gregor gibt ihr die Flasche. „Danke, mein Junge.“ Eine Minute vergeht, ohne dass ein Wort fällt. Nur die Flasche wird etwas leerer. Beide beobachten die Spatzen. Ein besonders dicker Vogel sichert sich die besten Brotstücke. Wie jeden Tag.

„Es ist überhaupt nicht tragisch.“ Die alte Frau nimmt erneut den Faden des versiegten Gesprächs auf. „Ein Verlierer zu sein, meine ich. Das bildet den Charakter.“ „Ach ja, meinen Sie?“ Gregor hört selbst das Jammern in seiner Stimme. Verabscheut sich dafür. „Wenn du ein Gewinner bist, dann zehrst du auch in schlechten Zeiten von deinem Erfolg. Es ist nicht schwer, weiter zu machen, wenn man schon einmal gewonnen hat. Man weiß ja, wie es geht. Wenn man aber scheitert und es trotzdem immer wieder versucht, dann ist man wirklich mutig. Und den Mutigen gehört die Welt.“ Sie nimmt einen weiteren Schluck aus der Flasche. „Gerade gehörte sie noch dem Mittelmaß.“ versetzt Gregor. „Ist aber auch egal. Ich will einfach nur leben.“ Der Alkohol steigt ihm langsam zu Kopf. „Und was hindert dich daran?“ Die dicken Brillengläser im Gesicht der alten Frau wackeln, als sie erneut lacht. „Ich weiß auch nicht.“ brummt Gregor verärgert. Das Gespräch geht ihm auf die Nerven. Trotzdem bleibt er sitzen, was sollte er auch sonst machen. „Wer Erfolg hat, hat recht.“ zitiert er seine Mutter. „Erzähl das mal den Schweinen.“ kontert die verrunzelte Alte sofort. „Wie bitte?“ „Massentierhaltung.“ sagt sie nur knapp, nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. „Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?“ Gregor fühlt sich wattig im Kopf. „Na, die Massentierhaltung ist doch ein wirtschaftlicher Erfolg, oder?“ „Keine Ahnung.“ „Ja, ist sie. Sehr erfolgreich. Aber richtig ist es trotzdem nicht, frag die Tiere. Thema Altenpflege.“ „Wie bitte?“ Gregor hat Mühe, den Sprüngen der alten Frau zu folgen. „Hoch effizient geführte Unternehmen. Und die Menschen bleiben auf der Strecke. Ist das richtig?“ „Ähm. Nein?“ „Was ist mit den Meeren?“ „Was ist mit ihnen?“ Gregor hat nun völlig den Überblick verloren. „Wir fischen sie leer. Mit riesigen Flotten. Mit Schleppnetzen, so groß, dass ein Jumbo-Jet hineinpasst. Unheimlich Erfolgreich. Und bald sind alle Fische weg.“ „Okay.“ sagt Gregor nur, trinkt sich durch die Unterhaltung und reicht manchmal die Flasche weiter. „Oder Hitler, hast du dir über den schon mal Gedanken gemacht?“ „Schon gut, schon gut.“ unterbricht Gregor den Sermon der Alten. „Was ich damit sagen wollte…“ sie unterbricht sich selbst, nimmt einen weiteren Schluck Rum. „Was ich damit sagen wollte, ist, dass uns ein wenig Versagen manchmal nicht schaden würde. Ein bisschen weniger gut sein. Würde uns allen mal gut tun.“ „Aha.“ macht Gregor nur. Weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Weiß nicht, was er mit sich anfangen soll. Fühlt sich nutzlos. Wie jeden Tag.

„Hast du ein Mädchen?“ fragt die Alte unvermittelt, nachdem sie eine Zeitlang geschwiegen haben. „Nicht mehr.“ antwortet Gregor betrübt. Denkt an Annas weiche Haut. Denkt an das Muttermal hinter ihrem Ohrläppchen, das er so gerne geküsst hat. „Tut mir leid, mein Junge.“ „Mir auch.“ „Hast du Freunde?“ fragt sie. „Natürlich habe ich Freunde. Jeder hat Freunde.“ versetzt er, gereizt vom Rum. „Meine sind alle tot.“ sagt daraufhin die alte Dame und Gregor fühlt sich schlecht, weil er so grob geantwortet hat. „Das tut mir leid.“ murmelt er verlegen. „Ist schon gut, du hast sie ja nicht umgebracht.“ Gregor weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Verlegen zieht er noch etwas mehr Etikett von der Flasche. Zu seinen Füßen untersuchen die Spatzen die Papierfetzen, prüfen, ob sie essbar sind. „Mach dir nichts daraus. Früher oder später gehen wir alle. Das davor ist wichtig.“ „Welches davor?“ fragt Gregor, der nicht richtig zugehört hat. „Na das Leben, Junge.“ Die alte Frau stößt ihm einen Ellenbogen in die Rippen. Gregor lächelt matt. „Füll dein Leben mit Versagen. Füll es mit verlorenen Versuchen. Füll es mit vertanen Chancen. Aber füll es.“ Mit diesen Worten erhebt sich die alte Frau langsam von der Bank. Gregor beeilt sich, ihr behilflich zu sein. „Danke, mein Lieber.“ Sie drückt ihm freundlich die Hand. „Halte den Kopf oben, der Rest wird schon von alleine.“ „Auf Wiedersehen.“ „Wir werden sehen.“ Gregor sieht der alten Frau dabei zu, wie sie langsam den Park verlässt. Die Flasche ist leer, sein Kopf irgendwie auch. Er fühlt sich müde. Beobachtet noch ein wenig die Spatzen, dann macht er sich torkelnd auf den Weg nach Hause. In der Küche findet er einen Zettel von seiner Mutter. Nette Worte sucht er darauf vergebens. Wie jeden Tag.

© sybille lengauer

Auferstehung

Veröffentlicht: März 10, 2019 in Kurzgeschichten
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Sonnenaufgang. Der Morgen ist trüb, schwaches Licht kriecht durch schmutzig graue Wolken. Ölig quellen die Wellen an den Strand, scheinen die Berührung des Landes vermeiden zu wollen. Die Bewohner der Insel treten andächtig vor ihre Hütten. Begrüßen das Licht, egal wie bewölkt es am Himmel ist. Jeder neue Tag ist ein Geschenk. Aus einer der Hütten schießt ein Junge von etwa neun Jahren. Schlüpft flink zwischen den Beinen seiner Mutter hindurch, die gerade die Arme zur Begrüßung der Sonne erhoben hat. Wütend zischt sie hinter ihm her. „Tegua!“ Der Junge verschwindet lachend zwischen den Hütten. Ein Mädchen, kaum älter als der Junge, will ebenfalls durch die Beine der Mutter schlüpfen, doch die ist diesmal vorbereitet. Schnappt das Mädchen an der Taille. „Tuvalu!“ „Es tut mir leid, Mutter.“ sagt das Mädchen sofort, lässt den Kopf hängen. Wer gefangen ist, hat verloren. „Mehr Respekt, bitte.“ sagt die Mutter knapp, deutet in den Himmel. Tuvalu nickt, richtet ihr Gesicht zur Sonne und hebt die Arme zum Gruß. Erste Regentropen fallen auf ihre gebräunte Haut. Wenige Minuten später ist das Ritual beendet. Tuvalu macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder. Findet ihn zwischen den Hühnern und Schweinen, grinsend im Dreck. „Du bist ein Ferkel.“ stellt sie naserümpfend fest. „Wenn ich ein Ferkel bin, bist du ein Schwein.“ lacht Tegua zurück. Seine weißen Zähne leuchten. „Was machst du hier überhaupt?“ Tuvalu geht nicht auf seine grobe Beleidigung ein. Er nennt sie jeden Tag ein Schwein. „Sie ist bald soweit.“ Tegua deutet auf eine dicke Sau, die in einem der Unterstände liegt. „Dann solltest du erst recht nicht hier sein.“ Tuvalu stemmt die Arme in die schmalen Hüften. „Ach was.“ Tegua winkt ab. „Das erste Ferkel gehört mir, Thursday hat es versprochen. Ich werde sie Bramble nennen.“ „Du weißt doch gar nicht, ob es ein Weib wird.“ hält seine Schwester dagegen. Mit einer eleganten Bewegung wischt sie sich den Regen aus dem Gesicht. „Natürlich wird es eines. Sie gebiert immer zuerst die Weiber.“ Tegua wühlt mit einer Hand im Schlamm. Sieht seine Schwester abschätzend an. „Wag es ja nicht!“ schreit Tuvalu. Tegua grinst und wirft.

Mittagszeit. Die Geschwister sitzen mit den anderen Kindern vor der Hütte der Lehrerin. Genießen Mehlwurzeln und Hühnersuppe im Sonnenschein. Die Wolken des Vormittags haben sich aufgelöst, unergründliches Blau bedeckt die grenzenlosen Weiten am Firmament. Tegua furzt lautstark. Die Jungen kichern. Tuvalu rollt mit den Augen. „Gehen wir später Schwimmen?“ fragt eines der anderen Mädchen. Eine überflüssige Frage. Sie gehen immer schwimmen. „Klar.“ antwortet auch schon ein Junge. „Heute nicht.“ antwortet Tegua. Die Kinder sehen ihn neugierig an. Sie wissen, dass er immer die besten Ideen hat. Doch Tegua hüllt sich in Schweigen. Stopft nur weiter zerstampfte Wurzeln und Suppe in sich hinein. „Jetzt sag schon.“ bettelt die kleine Carteret. Als Jüngste in der Gruppe steht es ihr zu, als erste die Geduld zu verlieren. „Nichts da.“ kontert Tegua. „Wahrscheinlich geht er sein Schweinekind knutschen.“ Tuvalu ist immer noch böse, weil er sie heute morgen mit Dreck beworfen hat. Die Kinder lachen. „Ich knutsche dich gleich.“ ertönt da die gespielt strenge Stimme der Lehrerin hinter ihnen. Tuvalu wendet sich lächelnd zu ihrer fülligen Gestalt um. „Kommt schon, der Unterricht geht weiter.“ Die Lehrerin winkt die Kinder freundlich zurück in die Hütte. Tegua folgt als letzter, stopft sich noch ein dickes Stück Mehlwurzel in den Mund.

Nachmittag. Die Kinder spielen im kristallklaren Wasser. Dass Tegua nicht dabei ist, stört niemanden. Glockenhelles Gelächter springt silbrig über die Wellen des Meeres. Kleine Fische verwinden schreckhaft unter bleichen Korallengerippen, als die Kinder nach Muscheln tauchen. Irgendwo im Dorf kräht ein Hahn. Die Erwachsenen liegen in den Hütten, schlafen durch die Hitze des späten Tages bis zum Abend. Man hört nur das Gelächter der Kinder, das Rauschen der Wellen und den flüsternden Wind in den Bäumen. Aus dem Schweinepferchen schnarcht es wie aus den Hütten. Mitten im tiefen Wald kriecht Tegua lautlos durch das Unterholz. Seine katzengleichen Bewegungen lassen ihn mit der Umgebung verschwimmen, nur der impertinente Geruch nach Schweinemist verrät ihn. Behände klettert er über die verworrenen Wurzeln, hält sich nur manchmal an herabhängenden Schlingpflanzen fest. Als er das Krähen des Hahnes aus weiter Ferne hört, bleibt er kurz stehen. Orientiert sich am Geräusch. Dann sucht er weiter seinen Weg durch den dichten Wald.

Abendstunde. Tuvalu läuft rufend durch das Dorf. Die Erwachsenen haben sich zum Abschied der Sonne am Strand eingefunden. Warten darauf, dass die Kinder zu ihnen stoßen. „Tegua!“ Tuvalu sieht bei den Schweinen nach. „Tegua!“ Sie läuft zum Vorratslager, sucht bei den Fischerhütten. Ihr Bruder bleibt verschwunden. „Wenn ich dich erwische!“ Tuvalu hat längst die Geduld verloren. Die Sonne versinkt hinter dem Horizont, Dunkelheit bricht über das Land herein. Tuvalu sieht noch einmal bei den Schweinen nach. Die alte Muttersau grunzt lautstark, als das Mädchen durch den Pferch hastet. „Tegua!“ Zornig und verwirrt geht Tuvalu schließlich zum Strand. Berichtet ihrer Mutter, dass sie den Bruder nirgendwo finden kann. Nun suchen auch die Erwachsenen. Fackeln werden entzündet, der Dorfälteste stimmt ein Gebet an.

Tiefste Nacht. Ein kühler Wind raschelt durch die Bäume. In einem Nest aus Blättern und Zweigen versucht ein kleiner Junge Schlaf zu finden. Er kennt die Geräusche des Waldes, den Gesang des Windes. War trotzdem noch nie Nachts alleine im Wald. Der Schlaf will nicht kommen und der Morgen ist noch weit entfernt. Zwischen den Baumkronen blitzen Sterne in der samtenen Schwärze der Nacht. Tegua sucht nach vertrauten Mustern. Findet das Zeichen des Windläufers am Himmel. Das Sternbild schenkt ihm etwas von seinem Selbstvertrauen zurück. Als der Schlaf ihn schließlich umfängt, träumt er von düsteren Ruinen in den Tiefen des Waldes. Noch vor Sonnenaufgang ist er wieder auf den Beinen. Der kalte Morgen hat die Träume vertrieben. Es ist noch viel zu dunkel, um durch den Wald zu laufen, also nimmt Tegua lieber den Weg nach oben, klettert auf den Baum, unter dem er geschlafen hat. Als sich die Sonne schließlich hinter dem Meer erhebt, hebt auch Tegua ehrfurchtsvoll die Arme. Hockt in der Krone des Baumes und lässt sich vom hereinflutenden Licht erfassen. Das Ritual gibt ihm Kraft. Auf dem Weg nach unten findet er ein Nest mit kleinen, blauen Eiern. Hungrig schlürft er sie leer.

Mittagszeit. Die Kinder sitzen wieder vor der Hütte der Lehrerin, doch die Stimmung ist gedrückt. Tuvalu lutscht verdrossen an ihrer Mehlwurzel herum. Schiebt den Bissen im Mund hin und her, schluckt nicht. Die anderen Kinder verhalten sich ebenfalls ruhig, sie teilen den Kummer des Mädchens. Auch wenn Tegua eine fürchterliche Nervensäge ist, sein Verschwinden hat alle erschüttert. Als die Lehrerin wieder zum Unterricht ruft, gehen die Kinder zurück in die Hütte. Keines sagt ein Wort. Im tiefen Wald hat sich Tegua mittlerweile eingestanden, dass er sich verlaufen hat. Die Bäume stehen hier so dicht beieinander, dass er den Lauf der Sonne nicht mehr verfolgen kann. Kein Lufthauch dringt durch den verwachsenen Blätterdschungel. Im grünen Dämmerlicht zerrinnt die Zeit. Tegua kämpft sich trotzdem weiter tapfer durch das Unterholz. Hört das leise plätschern eines Baches und hat damit wieder eine Richtung. Als er endlich das Ufer erreicht, reibt er sich dankbar mit Schlamm ein. Das hilft zumindest gegen die tausenden Insekten.

Nachmittag. Am Meer ist es still. Die Kinder sitzen am Strand, zeichnen mit abgebrochenen Stöcken Bilder in den Sand oder sehen einfach nur den Wellen zu. Tuvalu macht ein finsteres Gesicht. Die Sorge in ihrem Herzen ist groß, der Kummer in der Seele wiegt schwer. Sie macht sich Vorwürfe. Über ihrem Kopf ziehen vereinzelte Wolken dahin. Das Meer spiegelt die Farbe des Himmels. Im Wald folgt Tegua dem Lauf des Baches, immer tiefer hinein ins undurchdringliche Buschwerk. Hunger rumort in seinen Eingeweiden, also dreht er auf seinem Weg immer wieder Steine um, bis er auf etwas Genießbares stößt. Was er findet, verschlingt er roh, spült es mit ein wenig Wasser hinunter. Die Stunden fließen ineinander, der Weg den Bach hinauf ist beschwerlich. Tegua rastet immer wieder, verschläft ein wenig vom Tag. Als es dämmert, baut er sich ein neues Nest aus Blättern und Zweigen, fällt diesmal sofort in einen traumlosen Schlaf.

Es ist Abend. Im Dorf haben die Erwachsenen ihre Arbeiten unterbrochen, um mit den Spähern zu sprechen, die von der Suche zurückgekehrt sind. Man trifft sich vor der Hütte des Ältesten. In angeregtem Flüsterton werden die schlechten Nachrichten ausgetauscht. Tuvalu belauscht die Gespräche heimlich, hat sich aus der Hütte geschlichen. Sie sieht ihre Mutter weinen, eine der anderen Frauen redet sanft auf sie ein. Tuvalu kann fühlen, wie sie von der Traurigkeit überrollt wird. Die Späher haben Tegua nicht gefunden. Vielleicht ist er tot. Liegt irgendwo zwischen Felsen und Geröll, die Knochen zerschmettert. Tuvalu denkt an Kiribati. Denkt daran, wie man ihn damals zurück ins Dorf brachte, nachdem er vom Baum gefallen war. Sie war zu dieser Zeit noch sehr klein, der schwere Verlust des jungen Mannes ist aber tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Tuvalu weint.

Als der neue Tag anbricht, steht Tuvalu neben ihrer Mutter vor der Hütte. Gemeinsam begrüßen sie die Sonne, ehren sie an diesem Morgen mit großer Ernsthaftigkeit. Die Sorge hat sich tief in das Gesicht der Mutter gegraben. Auch das junge Mädchen hat Ringe unter den Augen. Die Nacht war lang. Auf dem Weg zur Schule geht Tuvalu bei den Schweinen vorbei. Die Ferkel der Muttersau entwickeln sich prächtig. „Ich werde euch alle Bramble nennen.“ murmelt Tuvalu traurig, dann geht sie zum Unterricht. Im dunklen Wald hat Tegua derweil endlich den richtigen Weg gefunden. Seit geraumer Zeit steigt der Untergrund an, der Wald lichtet sich etwas. Es geht bergauf. An einem geeigneten Baum klettert er wieder empor. Grüßt die Sonne und wirft einen triumphalen Blick auf das entfernt glitzernde Meer. Stunden später erreicht er endlich sein Ziel. Tegua steht keuchend vor den unheimlichen Ruinen, die den dicht bewachsenen Bergrücken krönen. Sie sind nur ein Gerücht. Haben nie ihren Weg in die Geschichten gefunden, standen immer nur am Rande der Erzählungen. Waren nie mehr als ein Flüstern. Doch jetzt steht er vor den verfallenen Mauern. Berührt mit ehrfürchtigem Blick eine Welt, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr gesehen hat. Das Summen der unzähligen Insekten folgt ihm in die Ruinen. Ein wenig mulmig ist ihm nun doch, als er zwischen den hohen Mauerwällen hindurchgeht. Staunend betrachtet er die armdicken Wurzeln, die sich um die Steine schlingen. Hunger und Strapazen sind vergessen. Tegua dankt im Stillen der alten Ghoramara. Ihr Hinweis hat ihn hierher geführt. Eindringlich hat sie ihn davor gewarnt, nach den Ruinen zu suchen, aber Tegua ist fast erwachsen. Niemand schreibt ihm etwas vor.

Zur Mittagszeit dringt wieder vereinzeltes Kinderlachen aus dem Dorf. Vor der Hütte der Lehrerin werden Witze erzählt. Nur Tuvalu lacht nicht mit. Sie vermisst ihren Bruder. Das Essen schmeckt schal, die Witze hat sie alle schon einmal gehört. Als sich die Kinder für den Nachmittag verabreden, steht Tuvalu wortlos auf und geht in die Hütte. Die anderen tauschen verlegene Blicke. In den Ruinen bereitet sich Tegua ein üppiges Mahl zu. Er hat ein Nest von Baumratten aufgespürt, die Jungtiere brutzeln über einem kleinen Feuerchen. Zufrieden schmatzend denkt er über seine nächsten Schritte nach. Er muss einen Beweis mitbringen. Muss etwas Einzigartiges finden, das er dem Dorf überreichen kann. Man wird nicht glücklich über seinen Ausflug sein, Heldentat hin oder her. Er hat die Gemeinschaft verlassen ohne sich den Erwachsenen mitzuteilen, eine Strafe ist ihm gewiss. Tegua ist übermütig, aber nicht dumm. Er beschließt, die Ruinen bis zur Dämmerung zu erkunden und die Nacht in seinem letzten Schlafnest zu verbringen. Ein weiterer Tag macht die Strafe auch nicht schlimmer.

Abends werden die Nachrichten im Dorf nicht besser. Auch heute haben die Späher nichts gutes zu berichten. Tuvalu gibt sich diesmal nicht die Mühe, sich zu verstecken. Sie steht mit hängenden Schultern neben einer der Hütten, belauscht die Erwachsenen bei ihren Gesprächen. Als ihre Mutter sich aus einer Gruppe löst, läuft das Mädchen zu ihr, schlingt die Arme um den warmen Körper. Gemeinsam trauern sie um den vermissten Jungen, während über dem Meer langsam der Mond aufgeht. Im Wald schlingt sich Tegua auch um einen warmen Körper. Der runde Gegenstand besteht aus poliertem Metall und strahlt eine eigenartige Wärme aus. Schimmert sacht im Mondlicht. Im Schlaf drückt sich der Junge eng an das kugelförmige Objekt. Er träumt von den Ruinen.
Als er am nächsten Morgen erwacht, fühlt er sich ausgelaugt und müde. Die letzten Tage waren eine Anstrengung. Tegua bereitet sich auf den Rückweg vor, baut sich ein Netz, um die große Kugel besser transportieren zu können. Eine junge Baumratte vom Vortag dient als Frühstück. Der Gruß an die Sonne ist vergessen.

Tuvalu ist am nächsten Morgen schon früh wach. Noch vor Sonnenaufgang tritt sie aus der Hütte, schaut über das weite Meer. Fröstelt ein wenig in der Kühle des Morgens. Letzte Sterne grüßen am Himmel, doch Tuvalu sieht sie nicht. Tränen lassen die Welt vor ihren Augen verschwimmen. Eine raue Hand legt sich sanft auf ihren Unterarm. Ihre Mutter ist lautlos neben sie getreten. Gemeinsam erwarten sie die Sonne. Der Tag vergeht, die Stunden ziehen ereignislos dahin, eine bleierne Schwere liegt über dem Dorf. In der Schule erzählt die Lehrerin die Geschichte des berühmten Helden Waya Lailai, der sieben Jahre im Wald lebte, um seine Dämonen zu besiegen. Tuvalu hört mit halben Ohr zu. Weiß, dass ihr Bruder kein Held ist. Hofft, dass er nicht tot im Wald liegt. Verrottend, zwischen den Wurzeln eines gleichgültigen Baumes. Sie kann ein Gähnen nicht unterdrücken, ist erschöpft von den drückenden Sorgen. Den Nachmittag verbringt Tuvalu lieber alleine, die unbekümmerte Leichtigkeit ihrer Freunde schlägt ihr auf den Magen. Sie verkriecht sich bei den Fischerhütten, wartet darauf, dass die Späher zurückkehren.

Zur Mittagsstunde hat Tegua bereits sein altes Schlafnest im tiefen Dschungel erreicht. Der Rückweg fällt ihm deutlich leichter, er folgt dem Bachlauf, der Weg führt sanft bergab. Tegua beschließt, die Nacht nicht in diesem Nest zu verbringen, sondern noch etwas weiter zu laufen. Er wird sich später ein neues Nest bauen und am nächsten Tag, früh morgens, zurück ins Dorf kommen. Tegua verdrängt das mulmige Gefühl, das er im Bauch bemerkt, wenn er an zuhause denkt. Er weiß, dass er seine Familie verletzt hat. Aber das Abenteuer hat sich gelohnt und die metallene Kugel, die im geflochtenen Netz neben ihm liegt, schimmert verführerisch, als er sie mit einem liebevollen Blick streift. Das Objekt strahlt eine konstante Wärme aus. Summt leicht, wenn durch die grünen Blätter ein Sonnenstrahl trifft. Tegua legt noch ein gutes Stück Weges zurück, bevor er sich für die Nacht zur Ruhe begibt. Im Schlaf erscheint ihm Tuvalu, steht mit verschränkten Armen vor ihm und sieht in böse an. Tegua dreht sich unruhig in seinem Blätternest hin und her. Das schlechte Gewissen lässt ihn leise aufstöhnen.

Als sich die Sonne an diesem Tag erhebt, bringt sie dichte Wolken und starken Wind mit sich. Der Ozean rauscht in großen, schaumgekrönten Wellen an den Strand, die Bäume biegen sich hin und her. Blätter fallen. Tuvalu liegt in der Hütte, hat keine Lust aufzustehen. Ihre Mutter begrüßt alleine die Sonne, respektiert die Traurigkeit ihrer Tochter. Tuvalu liegt auf ihrer Matte, hört dem Wind zu. Ihre Gedanken drehen sich um Abschied und Verlust. Ein lautes Rufen reißt sie aus ihrer Lethargie. „Tegua! Tegua!“ Tuvalu ist sofort auf den Beinen. Stürzt aus der Hütte. Der starke Wind zerrt an ihren Haaren. Aufgeregt folgt sie zwei Frauen, die in Richtung des Waldrandes laufen. „Tegua!“ ruft nun auch sie, als ihr Bruder winkend durch die Bäume tritt. Triumphierend hält er das Netz mit der Kugel hoch. „Ich war da, es gibt sie wirklich!“ schreit er durch den Wind. Die Dorfbewohner scharen sich um ihn, er wird umarmt, geküsst, geschlagen. Fällt seiner weinenden Mutter in die Arme, lässt sich von Tuvalu boxen. Er kann nicht hören, was sie sagt, ihre Worte gehen in den Freudenrufen der andern unter. Im engen Menschenkreis wird Tegua ins Dorf geführt, immer wieder berühren ihn Hände, wollen die Gewissheit fühlen, dass er wohlbehalten zurückgekehrt ist. Vor der Hütte des Ältesten verharrt die Gruppe. Erwartungsvolle Augen richten sich auf den alten Mann, der vor der Hütte gewartet hat. Der sitzt aber nur stumm da und sieht Tegua aus kleinen Augen an. Sein runzliges Gesicht verrät nichts über seine Gedanken. Tegua fühlt sich unwohl. Tuvalu steht neben ihm, drückt ihm abwechselnd die Hand und lässt sie dann wieder los, weiß nicht so recht, wohin mit sich. Die Mutter steht hinter den beiden, hat die Hände auf ihre Schultern gelegt. Ihre Erleichterung fließt durch ihre Hände in die Körper der Kinder. Tegua ist froh, wieder zuhause zu sein. Demütig wartet er auf den Spruch des Ältesten.

„Tegua.“ sagt der schließlich, als eine weitere Windböe die Wolken über den Himmel peitscht. „Du hast Kummer über unser Dorf gebracht. Hast Kummer über deine Mutter und deine Schwester gebracht. Erkläre uns den Grund dafür.“ Tegua tritt in demütiger Haltung vor den Ältesten. „Die alten Gerüchte sind wahr, Ältester, ich habe sie gefunden.“ „Wen hast du gefunden, Tegua?“ fragt der Älteste, schaut dem Jungen mit seinen alten Augen direkt in die Seele. Tegua hält seinem Blick tapfer stand. „Die Stadt. Ich habe die versunkene Stadt gefunden. Das hier habe ich mitgebracht.“ Er hält das Netz mit der Kugel hoch, erstaunte Ausrufe werden von einem neuerlichen Windstoß davongetragen. „Was ist das?“ ruft ein Mann aufgeregt, hat in seinem Schreck den Respekt vor dem Ältesten vergessen. Der nickt nur, gestattet die Frage. „Ich weiß es nicht.“ antwortet Tegua. „Es ist warm und es brummt, wenn man es ins Licht hält.“ „Das ist ja unerhört!“ ruft eine Frau, andere Dorfbewohner reden aufgeregt durcheinander. Ein sanftes Hüsteln des Ältesten lässt wieder Ruhe einkehren. „Tegua, reiche mit das Ding und dann erzähle uns von deiner Entdeckung.“ Der Junge folgt der Aufforderung, erzählt den Umstehenden von seiner Wanderung durch den verschlungenen Wald. Niemand hört ihm richtig zu, alle Augen folgen dem Ältesten, der die metallische Kugel eingehend untersucht. Er dreht sie in seinen alten Händen, hält sie in die Höhe, hört auf das leise Summen. „Ältester, was ist es?“ fragt schließlich ein Mädchen, das seine Neugier nicht länger zurückhalten kann. „Ich weiß es nicht.“ antwortet der alte Mann, er reicht die Kugel zurück an Tegua. „Du hast es gefunden, es gehört dir. Für den Kummer, den du deinem Dorf bereitet hast, wirst du zur Sonnenwende ein halbes Schwein an die Dorfgemeinschaft opfern. Für den Kummer, den du deiner Familie bereitet hast, wirst du deiner Mutter und deiner Schwester ein Huhn opfern. Nimmst du meine Worte an?“ Tegua weiß, dass er Glück gehabt hat. Die Strafe könnte schlimmer sein. „Ich nehme deine Worte in Demut an, Ältester.“ Ehrfürchtig nimmt er die Kugel wieder aus dessen alten Händen zurück.

Es ist Abend, der Sturm hat sich gelegt. Die Erwachsenen feiern Teguas Rückkehr, ausgelassenes Gelächter dringt vom Lagerfeuer herüber. Die Kinder wurden gerade zum Schlafen in die Hütten geschickt. Nachdem die Schule ausgefallen war, haben sie den Tag zusammen mit den Erwachsenen verbracht. Haben unzählige Fragen gestellt, Teguas Geschichten gelauscht, das schimmernde Objekt bestaunt. Nun schlafen sie geborgen in den Hütten, träumen von seinen Abenteuern. Tegua sitzt mit seiner Schwester am Strand, sie haben sich heimlich fortgeschlichen. Still sehen sie den Wolken zu, die über den dunklen Himmel treiben. Betrachten die ersten Sternbilder, die durch die Wolken funkeln. Tuvalu nimmt ihren Bruder in die Arme. „Ich dachte, du wärst tot.“ sagt sie endlich, was sie ihm schon den ganzen Tag sagen wollte. „Ich dachte, du wärst tot und du liegst irgendwo zwischen den Felsen. Zerschlagen und zerbrochen.“ „Es tut mir leid.“ Tegua drückt seine Schwester an sich. „Merkst du wie warm es ist?“ versucht er vom Thema abzulenken. Tuvalu betrachtet das runde Ding. „Merkwürdig.“ sagt sie. „Ja, merkwürdig.“ stimmt Tegua ihr zu. Die beiden sitzen noch ein wenig am Strand, lassen den Nachtwind über ihre Haut flüstern. Dann gehen sie zurück zur Hütte, schleichen um das Lagerfeuer herum, an dem die Erwachsenen trinken. Tegua stellt die Kugel vorsichtig vor dem Eingang der Hütte ab, legt sich zusammen mit Tuvalu auf die geflochtenen Matten. Fällt in tiefen Schlaf.

Ein lautes Summen weckt ihn am nächsten Morgen. Vor der Hütte schwebt die Kugel im hellen Sonnenlicht. „Was?“ fragt Tegua, wischt sich den Schlaf aus den Augen. Neben ihm erwacht Tuvalu, ihr müdes Gesicht drückt Verwirrung aus. „Hm?“ fragt sie. „Pst.“ macht Tegua, deutet auf die Mutter, die immer noch tief schläft. Die Kinder kriechen leise aus der Hütte. Stehen staunend vor der schwebenden Kugel. Ein gleichförmiges Summen geht von ihr aus. „Wusstest du, das sie so etwas kann?“ fragt Tuvalu. „Was, fliegen?“ Tegua hält ungläubig eine Hand unter die Kugel. Kann nicht begreifen, was er sieht. „Nichts kann fliegen.“ stellt er schließlich fest. „Vögel konnten es. Früher.“ bemerkt seine Schwester, runzelt dabei nachdenklich die Stirn. „Ja, früher.“ stimmt Tegua ihr zu. Er denkt an die Geschichten von fliegenden Vögeln und Maschinen, die den Himmel bevölkerten. „Als wir in den Sternen lebten.“ fügt er den Satz hinzu, mit dem jede Geschichte beginnt, die er von Früher gehört hat. Das Summen der Kugel wird lauter. Tegua berührt sie vorsichtig mit einem Finger. Ist dabei jederzeit bereit, in Sicherheit zu springen. Tuvalu steht hinter ihm, reckt den Hals. „Was ist? Was ist?“ will sie wissen. „Ich weiß es nicht.“ Tegua hat ein mulmiges Gefühl. „Vielleicht sollte ich sie zurückbringen.“ überlegt er. Die Kugel summt noch lauter, beginnt, sich langsam um ihre eigene Achse zu drehen. „Ja, bring sie lieber zurück.“ stimmt Tuvalu ängstlich zu. Aus den andern Hütten kommen Menschen gelaufen, versammeln sich neugierig um die Kinder. „Was ist hier los?“ fragt die Mutter strengt, als sie aus der Hütte tritt. „Ich weiß es nicht.“ antwortet Tegua verzweifelt, mittlerweile muss rufen, um sich Gehör zu verschaffen. Tuvalu greift nach seinem Arm, drückt ihn fest. „Was hast du getan?“ fragt sie, in ihrer Stimme liegt Angst. „Ich weiß es nicht!“ ruft Tegua. Er versucht die Kugel an sich zu nehmen, aber das runde Ding schwebt unverrückbar in der Luft, rotiert immer schneller um sich selbst. Je höher die Sonne steigt, desto lauter summt es. Ein durchdringendes, sirrendes Geräusch baut sich auf. Die Dorfbewohner schlagen erschrocken die Hände vor die Ohren. Aus der Kugel dröhnt plötzlich eine laute Stimme. Niemand kann verstehen, was sie sagt. Die Stimme wiederholt sich, klingt zornig. Tegua nimmt all seinen Mut zusammen. „Ehrwürdiger Geist, bitte verzeih mir, dass ich deine Ruhe gestört habe. Bitte, gestatte mir, dich zurück an deinen angestammten Platz zu bringen, wo du Frieden finden kannst.“ Ein drittes Mal erklingt die Stimme aus der Kugel, wiederholt, was sie in der unbekannten Sprache gesagt hat. Dann erklingt ein heller Ton. Der Ton schwillt in rhythmischen Abständen an und klingt wieder ab. Wird dabei langsam schneller. „Ist das eine Art von Musik?“ schreit eine Frau, die ganz hinten in der Gruppe steht. Sie hält ein kleines Baby auf dem Arm, versucht neugierig, einen Blick auf die Kugel zu erhaschen. „Ich weiß es wirklich nicht.“ ruft Tegua zurück. Er zerrt an dem Objekt. Muss immer wieder loslassen, weil es sich zu schnell dreht. „Hilf mir!“ ruft Tegua verzweifelt seiner Schwester zu. Die Schockwelle, die ganz unerwartet von der Kugel ausgeht, zerfetzt die Umstehenden im Bruchteil einer Sekunde. Legt das Dorf in Schutt und Asche. Niemand überlebt die Explosion der Bombe.

© sybille lengauer

Und wenn du der Letzte wärst,
Nach all den Milliarden,
Nach dem niemand mehr käme,
Nach dem niemand mehr lebte.
Wer beweinte dich?

„Bitte erwache. Bitte erwache. Bitte erwache.“ Eine weibliche Computerstimme wiederholt monoton ihre Aufforderung. Der alte Mann, der auf dem schäbigen Holzboden der Unterseestation liegt, reagiert nicht. Liegt nur da und sieht tot aus. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet.“ verkündet die eintönige Stimme aus der Wand. Ein kleiner Roboter löst sich von seiner Verankerung, steuert geschickt zwischen verstreuten Messinstrumenten, Notizblockbergen und leeren Flaschen hindurch. Als der Roboter den Mann erreicht, fährt er einen winzigen Greifarm mit Spiegel aus. Justiert ihn unter dessen Nase und wartet. Der Spiegel beschlägt ein wenig. Daraufhin stößt die kleine Maschine einen kreislaufanregenden Duftstoff aus. Verharrt in stummer Ergebenheit. Zeit vergeht. Der Mann bewegt sich nicht. Die undurchdringbare Stille des Ozeans breitet sich in der Unterseestation aus. Vereinzelte Lämpchen blinken an verstaubten Konsolen. Verstärken nur die Dunkelheit. Ein hölzerner Schreibtisch verschwindet unter Bücherlawinen. Das verbeulte Kopfstück einer antiken Taucherausrüstung liegt neben dem bewusstlosen Körper auf dem Boden. Der kleine Roboter piept ratlos. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet.“ kündigt die Computerstimme erneut an. Ein deutlich größerer Roboter löst sich aus seiner Verankerung, schwere Schritte lassen die gläsernen Instrumente im Raum erzittern. Die Notizblockberge kollabieren, zerfallen zu chaotischen Haufen. Eine Weinflasche zerbricht, als sie vom Tisch rollt. Der saure Geruch von Rotwein erfüllt das Zimmer. Kaltes Metall schimmert im spärlichen Lichtschein der Lämpchen. Geschickt hebt der größere Roboter den alten Mann vom Boden auf. Trägt die schlaffe Gestalt zu einem schäbigen Sofa und legt ihn behutsam darauf ab. Verabreicht eine Injektion. Vor dem einzigen Fenster, das einem riesigen Auge gleich in den düsteren Ozean starrt, treiben bleiche Plastiktüten vorbei. Tanzen im unsichtbaren Sog der Meeresströmung. Die beiden Roboter stehen reglos vor dem mottenzerfressenen Sofa. Betrachten den zerbrechlichen Leib, der klein und schutzlos vor ihnen liegt. Sehen hilflos dabei zu, wie das letzte bisschen Leben aus dem fragilen Körper entweicht. „Hilfsmaßnahmen eingestellt.“ ertönt es schließlich aus der Wand. Der kleine Roboter piept sehr leise. Der große lässt einen tiefen, unglücklichen Basston erklingen. Dreht seine kolossale Gestalt langsam um sich selbst und stampft aus dem Raum. Die Stille folgt seinen verhallenden Schritten in lautlosen Wellen. Noch mehr Zeit vergeht. Die Unterseestation schaukelt sanft im Wasser. Die wenigen Lichter, die sie in die Finsternis aussendet, werden von der Unendlichkeit des Meeres verschluckt. Als der große Roboter schließlich zurückkehrt, trägt er ein schimmerndes Gefäß in seinen klobigen Händen. Vorsichtig stellt er es auf den Tisch. Seine riesigen Füße zerstampfen bei jeder Bewegung das zerbrochene Glas auf dem Boden. Der kleine Roboter piept missbilligend. Behutsam hantiert der metallene Riese mit dem Gefäß. Entnimmt ihm seinen kostbaren Inhalt. Befriedigt lässt er sein tiefes Brummen ertönen. „Abschiedssequenz eingeleitet.“ verkündet die körperlose Stimme aus der Wand. Ein antiker Plattenspieler erwacht knatternd zum Leben. Als sich die Nadel auf die zerkratze Schallplatte senkt, klingen Walgesänge aus den staubigen Lautsprechern. In feierlicher Andacht legt der große Roboter eine knospende Rose in die erstarrenden Finger des alten Mannes. Sein sonores Brummen vermischt sich mit den Walgesängen zu einem Lied der Traurigkeit. Die Melodie dringt durch die Station, klingt gedämpft nach draußen, schwingt durch den toten Ozean. Erzählt von einer anderen Zeit. Als das Lied verklingt, erklingt zum letzten Mal die Stimme des Computers. „Selbstzerstörung eingeleitet.“ Die beiden Roboter fahren zurück zu ihren Verankerungen. Warten auf die Implosion. Als die Unterseestation kollabiert, ist niemand da, um es zu sehen.

© sybille lengauer

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Veröffentlicht: März 8, 2019 in Allgemein

Rodneys Underground Press. Idee Christoph Kleinhubbert. Mit Texten und Bildern von: Fatima Djamila Wollgast, Helmut Schida, Raul Eisele, Inge Jung, Lars Weylthaar, Jenz Diekmann uvm.