GeldGeil (Schreigedicht)

Veröffentlicht: September 18, 2019 in Gedichte
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GeldGeil

Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld?
Geil!
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld?
Geil!
Geldgeil.

Geld!
Weil es nicht stinkt.
Pecunia non olet.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Ah.
Geil.
Geld!
Weil ich es mir leisten kann.
Schimmelig Geld macht edel.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Oh.
Geil.
So…
Geldgeil.

Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil!
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil!
Geldgeil.

Geld!
Weil es die Welt regiert.
Money makes the world go round.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Hm.
Geil.
Geld!
Weil es das Spiel entscheidet.
Zeit ist Geld und hopp mein Kind.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Mh.
Geil.
So…
Geldgeil.

Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil?
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil?

Geldgeil.
Geldgeil.
So…
Geldgeil.

© sybille lengauer

Die Valentinskarte
(Das große Seufzen)

„Das ist ein klarer Fall von Stalking, Luise!“
„Ach, Liebling.“
„Hör mir auf mit deinem ‚Ach, Liebling‘. Er war vor unserer Haustür! Verstehst du nicht, was das bedeutet?“
„Es bedeutet gar nichts. Er ist erst acht, Liebling.“
„Er ist ein verdammter Labormutant, es interessiert mich nicht, wie alt er ist.“
„Frederick!“
„Ach, wenn es doch wahr ist.“
Missmutig lässt Fred ein rosarotes Kuvert auf den Wohnzimmertisch fallen. Eine bunt glitzernde Karte rutscht ein kleines Stück heraus, zornig versetzt er ihr einen Stoß mit dem Zeigefinger. Unter dem tadelnden Blick seiner Ehefrau sinkt er in seinen Lieblingssessel, die Hitze der Auseinandersetzung lässt ihn kurzatmig schnaufen. Fred wiegt ein paar Kilo zuviel, doch es mangelt ihm an jener vielgerühmten Gutmütigkeit, die man gemeinhin rundlichen, rotbackigen Weihnachtsmann-Gestalten wie der seinen unterstellen mag. Frederick Siebert ist unter den geröteten Wangen und dem wallenden Rauschebart ein miesepetriger Geselle. „Ich wünsche nicht, dass er sich vor unserem Haus herumtreibt.“ knurrt er gereizt und verschränkt demonstrativ die massigen Arme vor der Brust. „Das kannst du ihm nicht verbieten, Liebling.“ sagt Luise und es klingt wie ein langes Seufzen. Auch wenn sich unter ihrer mausgrauen Erscheinung ein weiches Herz verbirgt, Luises Wortschatz ist schnell erschöpft. „Und wie ich das kann. Du wirst schon sehen.“ schnaubt Fred, dann wendet er sich beleidigt dem Fernseher zu.
„Ach, Liebling.“ seufzt Luise Siebert.

*

„Karsten, kommst du bitte mal her?“
„Gleich, Mama!“
„Sofort, Karsten!“
„Ja-ha, Mama.“
In einer typisch deutschen Einbauküche, die in ihrer monotonen Einfallslosigkeit jedem beliebigen Billigkatalog entsprungen sein könnte, wartet Karstens Mutter am überladenen Küchentisch. Ärgerlich beobachtet sie einige Fruchtfliegen, die in chaotischen Bahnen über runzligen Äpfeln im Obstkorb kreisen. Da ein herbeizitierendes „Sofort“ von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich aufgefasst werden kann, wartet Rita Schwalmbach fast zwei Minuten, bis Karstens dunkler Wuschelkopf endlich in der Küchentür erscheint. „Was’nlos, Mama?“ fragt der Junge mit dem freundlichen Allerweltsgesicht. „Setz dich, Karsten.“ fordert Frau Schwalmbach in bemüht neutralem Tonfall und deutet auf den freien Stuhl neben sich. „Bin ich in Schmierigkeiten, Mama?“ Karsten weiß um die belustigende Wirkung seines Sprachfehlers. Der Junge beobachtet das Gesicht seiner Mutter genau und findet ein Lächeln, das sie nicht unterdrücken kann. Erleichtert setzt er sich zu ihr an den Tisch. „Deine Lehrerin hat angerufen, sie bittet mich zu einem Gespräch in die Schule. Hast du mir etwas zu sagen, Karsten?“ Die Mutter beobachtet das Gesicht ihres Sohnes genau und findet Schuldbewusstsein, das er nicht verbergen kann. Rita Schwalmbach lehnt sich aufmerksam nach vorn. Karsten rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her, sein rundliches Gesicht ist ganz blass geworden. „Keine Ahnung, Mama.“ „Wirklich? Du hast keine Idee?“ fragt seine Mutter mit schmalen Augen. Der Junge schrumpft unter ihrem bohrenden Blick in sich zusammen, bis er vom Stuhl zu rutschen droht. „Setz dich ordentlich hin!“ mahnt Rita Schwalmbach gereizt. Karsten ruckelt sich auf dem Stuhl zurecht, er zieht den Kopf zwischen die Schultern und schweigt mit hochroten Ohren. „Ich erfahre es sowieso morgen Nachmittag.“ setzt ihm die Mutter mit drohendem Tonfall zu. „Also sag es mir lieber jetzt gleich.“ „Ich hab gar nichts gemacht! Wirklich!“ entfährt es Karsten schrill, dann versinkt er wieder in schmollendem Schweigen. Rita Schwalmbach lässt ihren Sohn noch ein wenig unter ihrem strengen Mutterblick schmoren, dann bricht sie verärgert ab. „Wie du meinst. Geh jetzt auf dein Zimmer.“ Karsten lässt sich aufatmend vom Stuhl gleiten und ist schon fast bei der Tür hinaus, als seine Mutter noch einmal das Wort an ihn richtet.
„Und Karsten?“
„Ja, Mama?“
„Medienverbot, bis ich weiß, was du ausgefressen hast.“
„Oh, Mann.“ seufzt Karsten.

*
„Guten Tag, Frau Schwalmbach.“
„Guten Tag, Frau Overberg.“
„Schön, dass Sie es einrichten konnten.“
„Natürlich, worum geht es?“
„Bitte, nehmen Sie Platz.“
Rita Schwalmbach folgt der freundlichen Aufforderung, Karstens Lehrerin deutet auf eine Wasserflasche und zwei Gläser, die auf dem Lehrerpult bereitstehen. „Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“ fragt die junge Frau mit unsicherem Lächeln. „Nein, Danke. Vielen Dank.“ lehnt Rita Schwalmbach ab, sie lässt ihrerseits ein kurzes, nervöses Lächeln aufblitzen und hält sich an ihrer Handtasche fest. „Nun…“ Frau Overberg räuspert sich und sucht nach den passenden Worten. Sie sitzt steif hinter dem Lehrerpult, ihr Blick wandert unruhig zwischen der Wasserflasche und Rita Schwalmbachs fragendem Gesicht hin und her. Es scheint ihr nicht leicht zu fallen, einen Einstieg in das Gespräch zu finden und so schenkt sie sich ein Glas Wasser ein, um noch etwas Zeit zu gewinnen. „Es geht um eine Beschwerde. Die Angelegenheit ist unserer Schule sehr unangenehm, deshalb wollte ich Sie lieber persönlich sprechen…“ stolpert sie in ihrem Anliegen voran. „Was hat Karsten angestellt?“ unterbricht Rita Schwalmbach, die nun ernstlich besorgt ist. „Er hat eine Valentinskarte an seine Turnlehrerin, Frau Siebert, geschrieben.“ sagt Frau Overberg und schlägt die Augen nieder. Rita Schwalmbach schüttelt den Kopf und fährt sich dann verärgert mit der Hand durch die Frisur. „Ja und? Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass ich mir extra Freigenommen habe, nur weil mein Sohn eine Valentinskarte an seine Turnlehrerin geschrieben hat, oder?“ „Frau Siebert ist eine Anhängerin der fundamentalistischen Bewegung. Ihr Mann ist erster Vorsitzender im Verein ‚Natürlich gegen Gene-Splicing‘. Er hat beim Direktor eine schriftliche Beschwerde wegen Stalking und Hausfriedensbruch eingereicht.“ Die Worte der jungen Lehrerin fallen wie schwere Steine auf das unselige Gespräch. Rita Schwalmbach reißt die Augen auf und lehnt sich betroffen in ihrem Stuhl zurück. „Oh.“ sagt sie nur und ihre Stimme klingt merkwürdig hohl. Dann herrscht Stille. „Er kann doch gar nichts dafür.“ murmelt sie schließlich nach einer Minute des Schweigens, mehr zu sich selbst, als zur Lehrerin. Die nickt auch nur verständnisvoll und bleibt weiterhin still. „Es war eine Wahrscheinlichkeit von 80%. Wissen Sie, was das bedeutet? Er Schwerbehindert und ich Alleinerziehend? Er ist doch genauso ein Mensch wie alle anderen!“ Rita Schwalmbach bricht ab, sie ist den Tränen nahe. „Es tut mir leid.“ flüstert Karstens Lehrerin, doch seine Mutter schnaubt nur abwehrend, sie blinzelt die aufsteigenden Tränen weg und erhebt sich schroff. Unter ihrem eisigen Blick versinkt die junge Lehrerin beschämt hinter dem Pult. „Ich werde mit Karsten sprechen.“ sagt Rita Schwalmbach und ihre Stimme klingt hart wie Stein. „Danke, Frau Schwalmbach.“ seufzt Frau Overberg.

© sybille lengauer

Die Alien-Entführung

Veröffentlicht: September 12, 2019 in Kurzgeschichten
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Die Alien-Entführung

Hätte ich mir ja denken können, dass das kein gutes Ende nimmt. Ging ja immerhin um mich und nicht um irgendwen. War also eigentlich schon vorprogrammiert, das Elend. Aber naja. Am Anfang ist man natürlich erst einmal elektrisiert, wenn man von Aliens entführt wird und wer will es mir verdenken, immerhin lebe ich seit vier Jahren in diesem Drecksloch, ohne dass etwas nennenswertes passiert ist. Bisschen persönliche Tragödie, bisschen Krankheit und Schicksalsschlag, aber mehr hat sich nicht getan, seit ich in diese öde Gegend gezogen bin. Früher, da war mehr los. Drogensucht, Spielsucht, Arbeit verzockt, Familie versoffen. Abwärtsspirale vom Feinsten. Aber seit es mich in dieses namenlose Kaff verschlagen hat, ist eigentlich gar nichts mehr passiert. Außer, naja. Sie wissen schon.
Bis dann, neulich Nacht, die Entführung. Wahnsinn. Ich auf der Couch, die Aliens vor dem Fenster und über allem ein helles Leuchten. Als hätte das Wohnzimmer einen Heiligenschein. Und totenstill dabei, wie in diesen verdammten Stummfilmen. Ich hab mich fast eingeschissen, im ersten Moment. Stehen ja nicht jeden Tag die Aliens vor deinem Fenster. Und freundlich aussehen geht auch anders. Mit diesen schwarzen Dreiecksaugen und den winzigen, verkniffenen Mündern. Sehr unsympathisch, jetzt so in der Retrospektive. Sehr unschön, die Alienphysiognomie. Da kann man sich schon erschrecken. Aber dann. Naja. Ich hab mich eigentlich gefreut, dass endlich wieder was passiert. Immer nur auf der Couch und fernsehen, das versüßt keinen Lebensabend. Also hab ich sie hereingebeten, so mit Gesten. Ganz freundlich. Die Aliens sind zügig ins Haus gekommen, war ihnen wahrscheinlich auch nicht geheuer, so vor dem Fenster zu lungern. Wie gewöhnliche Spanner. So perverse. Standen dann in meinem Wohnzimmer herum, wie bestellt und nicht abgeholt und ich frage jetzt Sie, was denkt man sich eigentlich dabei, zigmillionen Kilometer durch das All zu fliegen, nur um sinnlos in jemandes Wohnzimmer herumzustehen. Kann mir auch keiner erklären. Aber egal. Standen die also in meinem Wohnzimmer. Ich, ganz Botschafterin der Erde, fahre Likör auf und all das. Man muss ja schon etwas anbieten, ist ja hoher Besuch. Aber die Aliens, ganz Abstinent, wollten gar nichts, haben immer nur mit ihren Drei-Finger-Händen gedeutet, Danke nein. Da denke ich mir, wenn die sich zu fein sind, meinen guten Kirschlikör zu trinken, lasse ich mich auch nicht entführen. Kommt ja schon einer groben Beleidigung gleich, wenn man nicht einmal einen kleinen Willkommensschluck mit den Einheimischen genießt, oder. Ich also beleidigt, zeigte ihnen den Finger, aber die Aliens, auch nicht besser, antworteten gleich mit Waffengewalt. Was soll ich sagen. Die hatten diese eigenartigen Knarren, sahen ziemlich billig aus, wie diese Plastik-Laserpistolen aus der Kinderwerbung. Hab ich erstmal nicht ernst genommen, die Dinger. Bis sie meinen Fernseher pulverisiert haben. Dann war da mehr Respekt. Ich also den Kirschlikör vorsichtshalber eingesteckt, man will ja keinen Stress riskieren. Hab mir natürlich noch ein Schlückchen gegönnt, bevor es dann losging, aber nur ein bisschen. Dem Anlass angemessen.
Jetzt aber, das Schiff. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. War eigentlich eine riesige Enttäuschung. Nicht größer als ein normales Einfamilienhaus und mindestens genauso langweilig. Schwebte ein paar Meter über der Erde und sah belanglos aus. Kein Funkeln, keine Lichter, kein Farbspektakel. Nur ein bisschen schweben. Die Rolltreppe war ganz spannend, das will ich nicht bestreiten, die Fahrt hat wirklich Spaß gemacht. Aber dann, im Schiff. Die nächste, große Pleite. Kein Blinken, kein Blitzen, nur dunkle Gänge und diese Stille, die ging mir da schon gewaltig auf die Nerven. Ich also, schon ziemlich enttäuscht, dachte mir, was soll da jetzt noch kommen. Kam dann auch nicht mehr viel. Von der Alienkönigin kann ich kaum etwas erzählen. Die war ein wenig größer als die anderen, sah aber auch nicht besser aus. Wir trafen uns in einer Art Planetarium. Sie zeigte huldvoll auf irgendwelche Sterne und Planeten, alles in 3-D. Ich hab natürlich nichts verstanden, aber was hatte sie auch erwartet. Standen wir eben herum und starrten die Planeten an. Ich weiß nicht, wie lange. Wurde dann auch langweilig. Also trank ich noch ein Schlückchen und bot auch ihr etwas an. Ich wusste es ja nicht besser. Dass sie dann so explodierte. Ich weiß nicht. Hätte wirklich keiner ahnen können. Am Anfang war alles noch ganz friedlich, sie nahm die Flasche und setzte an. Ich war ganz perplex, was so eine Alienkönigin schlucken kann. Aber dann. Es war ein Trauerspiel. Sie platzte wie eine Seifenblase. Das war schon ein Anblick. Danach war natürlich die Hölle los. Die Aliens, völlig außer Rand und Band. Rannten herum wie kopflose Hühner. Sammelten die Teile ihrer Königin zu kleinen Häufchen zusammen, man kann es sich nicht ausdenken. Und alles in dieser Stille. Irgendwie abartig. Ich bin dann zurückgegangen, die nahmen ohnehin keine Notiz mehr von mir. Hab die Rolltreppe genommen und mich wieder in mein Haus verkrümelt. Zur Sicherheit die Tür abgesperrt und die Jalousie heruntergelassen. Man weiß ja nie. Aber sie kamen nicht wieder, flogen einfach auf und davon, was soll ich sagen. Ich weiß nicht einmal, ob es eine richtige Entführung war. Ich meine. Naja. Keine Experimente und so. Auf meiner Seite. Aber sie haben schon ihre Erfahrungen gemacht, wenn man es so betrachtet. Und ich habe jetzt keinen Fernseher mehr. Den haben sie ja pulverisiert, den haben die nicht ersetzt. Aber gut. War ja ein Geben und Nehmen. So gesehen. Dass sie uns jetzt den Krieg erklärt haben. Ich bitte Sie. Schon irgendwie überzogen, oder. Andererseits. Hätte ich mir ja denken können, dass das kein gutes Ende nimmt…

© sybille lengauer

Hingenagelt
(Erinnerung an die Krebszeit)
(Gedichtform)

Da lag ich nun.
Hingenagelt an die Diagnose.
Las und schwieg, schrieb nicht, litt und las.
Sprach wenig über das, was mich bewegte.
Und wer will schon, ja, wer will schon?
Ist doch alles dieses Übel,
Überall schon,
Tausendmal ist es passiert.
Was sollt‘ ich reden?
Konnt‘ ohnehin nur flüstern.
Übte Logopäden-Sprech.
Mein Ba-Ba-Ta-Ta-Pa-Pa krächzte,
Immer an der Wand lang.
Doch nirgendwo ein Ausgang.
Es genügte!
Wenn das Innerste sich hüllte,
In Schichten, Schuppen, panzerdick.
Und sich mit Worten füllte.
Den ungesagten, ungeschrienen,
Ungekreischten, ungenierten Sätzen.
Die sich ballten in der Flut.
Verhallten in der Ebbe.
Das hört nicht mal der Kater.
Und nirgendwo ein Meer in Sicht,
Nur Regenwolken, himmelweit.
Doch Wasser immerhin.
Denn, wo kämen wir denn hin,
Der Hoffnung zu versagen?
Die allumher verkündet ward:
Mit guten Heilungschancen.
Also lag ich da,
Hingenagelt an die Diagnose,
Las und schwieg, schrieb nicht, litt und las.
Dachte lange über das, was mich bewegte.
Doch wer will schon, ja, wer will schon?
Ist doch alles dieses Übel,
Überall schon,
Millionenmal ist es passiert.
Was sollt‘ ich brennen?
Konnt‘ ohnehin nur knistern.
Übte Logopäden-Sprech.
Mein Ha-Ha-Ma-Ma-Oooo-Oooo schabte,
Immer an der Welt lang.
Doch nirgendwo ein Eingang.
Es genügte!
Dass das Innerste sich hüllte,
In Wälle, Mauern, ziegeldick.
Und sich mit Stimmen füllte.
Den ungesagten, ungeschrienen,
Ungekreischten, ungenierten Liedern.
Die sich ballten in der Flut.
Verhallten in der Ebbe.
Das stört nicht mal den Kater.
Und nirgendwo das Meer in Sicht.
Nichts anderes als Regen.
Doch, wo kämen wir da hin,
Der Hoffnung zu versagen?
Die allumher verkündet ward,
Mit besten Herzenswünschen.
Kein Mottospruch der Welt ist ein Geschenk.

© sybille lengauer

Die Trennung

„Wir sollten uns trennen.“ sagte er und brach in Tränen aus.
Ich kann es nicht genau erklären, aber ich empfand tiefe Erleichterung, als er diese Worte aussprach. Monatelang war er um unsere Beziehung herumgeschlichen, hatte sich mit lausigen Vermeidungstaktiken vor Gesprächen gedrückt – oder gar nicht mehr den Weg nach Hause gefunden. Monatelang war ich gegen seine Mauer aus Schweigen gerannt, hatte mich mit lausigen Lügen abspeisen lassen – oder gar keine Fragen mehr gestellt. Bis jegliche Zirkulation erstarb und sich nichts mehr regte in dieser endlosen Todeszone, zu der unsere Ehe geworden war.
Doch an jenem Abend saßen wir uns am zerkratzen Küchentisch gegenüber und die Lethargie zerriss. Endlich kam es zu einer Entladung und die erdrückende Schwere, die auf mir gelastet hatte wie die bleierne Schwüle vor einem Gewitter, fuhr von meinem Herzen direkt in den Fußboden hinein. Ich hatte das Gefühl kleine Funken zu schlagen, als ich ihm eine Packung Taschentücher reichte und nach seiner Affäre fragte. Er weinte noch mehr und ich erinnere mich nicht genau, was dann gesprochen wurde, doch es waren sicherlich keine harten Worte, wir sprachen angemessen freundlich zueinander. Denn so sollte man sich auf einer Beerdigung verhalten, während man zu Grabe trägt, was man einst stürmisch geliebt und woran man sich später innig gewöhnt hat. Bis man sich, im eintönigen Lauf der Jahre, schließlich entwöhnt hat und alles zu liebloser Gewohnheit wird, aber das merkt man meistens erst, wenn es zu spät ist. Denn sie entwickelt sich ja schleichend, diese ominöse Liebe und manchmal verpasst man die Entwicklung und endet an einem zerkratzen Küchentisch.
Später an jenem Abend, als ich auf der Couch saß und in die Stille lauschte, als die freudlose Leere sich zu mir setzte und die vielen Wenns, Abers und Vielleichts sich zu einer endlosen Prozession aufreihten, die glockenschlagend und krakeelend durch mein Gehirn zog, da überrollten auch mich die Tränen. Aber meine erste Empfindung war tiefe Erleichterung, in die sich leise das Gefühl eines Abschieds für Immer mischte.

© sybille lengauer

Die T-Rex-Frau

Es war an einem jener grauen Regentage, die ob ihrer trüben Belanglosigkeit nicht im Gedächtnis verhaften, als Karoline H. beschloss ein besseres Leben zu träumen. Ihr altes Leben lag vor ihrem inneren Auge ausgebreitet und wirkte unter dem freudlos sezierenden Blick ihrer Unzufriedenheit spröde und abgetakelt, ganz so wie ihre arbeitsrauen Hände, die, wie zum Gebet gefaltet, in ihrem breiten Schoß ruhten. Während ein steter Westwind dunkelgraue Wolkenmassen über den kränklich blassen Himmel trieb und dicke Regentropfen gegen das geschlossene Wohnzimmerfenster warf, schaute Karoline H. enttäuscht auf ihren öde daliegenden Lebensweg zurück, der aus einer unglücklichen Ehe, eintöniger Arbeit, einer unschönen Scheidung und noch mehr eintöniger Arbeit bestand und den sie schließlich kopfschüttelnd mit folgenden, stoßweise geflüsterten Worten beschrieb: „Es ist ein einziger Jammer.“ Begleitet wurde dieses traurige Bekenntnis von einem herzensschweren Seufzer, der sich quälend langsam Karolines Kehle entrang und genauso in der lieblos dekorierten Wohnung verklang, wie ihre geflüsterten Worte. Und so saß sie da, fast Fünfzig, mit ergrautem Haar, ausweglos der Resignation ergeben und erstarrt in frustrierender Untätigkeit, bis sie plötzlich, mit der Heftigkeit eines Hirnschlags, die Einsicht traf, dass nichts so zu bleiben hatte, wie es bis jetzt gewesen war. Karoline H. erhob sich schwer atmend von ihrer abgesessenen Couch, stieß die hornhautgelben Füße vehement in die bereitstehenden Plüschbommel-Hausschuhe und schlurfte eilig zum geschlossenen Fenster. Kaum angekommen, riss sie es sperrangelweit auf, sie achtete nicht auf den unliebsamen Regen, der ihr kalt ins Gesicht prasselte, ignorierte den scharfen Wind, der ihre Frisur durcheinander wehte, breitbeinig stand sie da und grinste. „Heute ist ein herrlicher Tag für ein Abenteuer!“ rief Karoline H. in den menschenleeren Hinterhof ihrer Wohnsiedlung, dann schloss sie das Fenster mit einem lauten Knall und schlurfte, unverständliches murmelnd, in ihr dunkles Vorzimmer. Vielleicht war es ein Glück, dass niemand zugegen war, ihre eigentümliche Veränderung zu beobachten, vielleicht war es eine Tragödie, niemand weiß das zu sagen. Unter lautem Rumoren schlüpfte sie an der ordentlich sortierten Garderobe in ihren karierten Herbstmantel, auf Schuhe beschloss sie zu verzichten, Karoline war seit ihrer Kindheit nicht mehr barfuß im Regen spaziert. Die Plüschbommel-Hausschuhe stellte sie sorgsam neben der Eingangstür ab, dann verließ Karoline H. auf bloßen Füßen ihre kleine Wohnung. Kaum hatte sie das Treppenhaus mit seinen kalten, glatten Fliesen betreten, da liefen erste Schauer durch ihre Fußsohlen bis ins Rückenmark hinauf und sie kicherte wie ein junges Mädchen im Ferienlager. Die leisen, tapsenden Geräusche, die ihre nackten Füße auf den Steinen erzeugten, klangen kinderweich in ihren Ohren. Am Fenster des Treppenhauses blieb sie kurz stehen, um erneut nach draußen in den Hinterhof zu sehen. Dem neutralen Auge des unvoreingenommenen Beobachters wäre kein nennenswertes Detail aufgefallen, das sich aus dem Treppenhausfenster präsentiert hätte, doch Karoline H. stieß ein begeistertes Jauchzen aus. „Eine Pfütze!“ Erstaunlich behände eilte sie die verbliebenen Stufen hinab und im Nu war sie im bedrückend seelenlosen Hinterhof verschwunden, der einer verkrüppelt gewachsenen Birke und ein paar Mülltonnen als schimmelträchtige Heimstatt diente. Karoline schritt vorsichtig über den rissigen Asphalt, der an vielen Stellen von den Wurzeln der Birke aufgebrochen war und achtete auf spitze Steinchen, die in ihrem Weg lagen. Sie spürte die kalte Berührung des Regens auf ihrem Haar, fühlte die Unnachgiebigkeit des harten Bodens unter ihren Füßen. Vor der großen Pfütze, die sie aus dem Treppenhausfenster erspäht hatte, blieb sie kurz stehen, dann trat sie ein paar Schritte zurück, nahm etwas ungelenk Anlauf und sprang mit einen spitzen Schrei mitten hinein. Wasser spritzte in alle Richtungen und Karoline H. lachte aus vollem Herzen. „Was machen Sie da?“ Dass die Stimme zu einem Jungen von höchstens sieben Jahren gehörte, tat der Missbilligung in seinem Tonfall keinen Abbruch. „Rennen und Ball Spielen verboten. Steht auf dem Schild. Da.“ Der zerzaust wirkende Junge, der betont lässig im gegenüberliegenden Hauseingang lehnte, deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ein Schild neben den Mülltonnen und maß Karoline H. mit tadelndem Blick, doch die zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. „Das gilt nur für Kinder.“ sagte sie in leicht überheblichem Tonfall und der Junge legte stirnrunzelnd den Kopf schief, als er über ihre verblüffende Antwort nachdachte. Seine hellen Augen musterten den durchnässten Mantel und die aufgeweichten, nackten Füße der ältlichen Dame, die, wie er wusste, zum Nachbarhaus gehörte und sein Gesicht zeigte die ernsten Züge angestrengten Denkens. „Das ist aber nicht fair.“ vollendete er schließlich laut seinen komplizierten Gedankengang und Karoline H. beschloss einzulenken. „Kinder unter Aufsicht eines Erwachsenen sind ebenfalls von der Regel ausgenommen.“ „Wirklich?“ „Aber ja. Spiel ruhig ein bisschen, wenn dir danach ist.“ Ein normaler Junge hätte nun vielleicht lieber Reißaus genommen, als sich von einer verrückten, alten Frau zu einem Spiel im Hinterhof auffordern zu lassen, doch ein normaler Junge wäre auch nicht an diesem ganz und gar unterdurchschnittlichen Regentag alleine im Hinterhof gewesen und so trat dieser Junge nicht die Flucht an, sondern einen Schritt nach vorn. „Was spielen wir?“ fragte er und klang ganz unbewusst wie ein professioneller Pokerspieler, der sich an einem gut besuchten Tisch im Kasino nach der Variante des Spiels erkundigte. „Texas Holdem.“ grinste Karoline H. und sah im selben Moment den Witz an die Unwissenheit des Siebenjährigen vergeudet, ratlos stierte er durch den Regen und zitterte ein wenig, als der Wind unter seine dünne Jacke fuhr. „Ist dir kalt?“ fragte Karoline in einem Anflug von erwachsener Fürsorglichkeit. „Vielleicht.“ antwortete der Junge und schlang die Arme um sich. „Dann spielen wir Dinosaurier, dabei bewegt man sich ordentlich.“ beschloss Karoline, die sich an ihre Kindheit erinnerte und an das große Dinosaurier-Buch, das ihre damalige Vorstellung von den Riesenechsen geprägt hatte. „Wie geht das?“ fragte der Junge interessiert. „Du stellst dir vor ein Dinosaurier zu sein und dann läufst du herum und bist der Dinosaurier.“ versuchte sich Karoline in einer Erklärung, doch sie konnte selbst hören, wie langweilig das klang. „Hm.“ grunzte der Junge mit berechtigter Skepsis. „Pass auf, ich zeige es dir. Ich bin jetzt ein mächtiger T-Rex.“ Karoline H. trat feierlich aus der Pfütze und stapfte mit behäbigen Schritten durch den Innenhof. Sie krümmte ihren Rücken zu einem Buckel, zog die Arme an den Oberkörper und krümmte die Hände zu verbogenen Klauen, die sie vor ihre Brust drückte. Ihr Gesicht wurde zu einer bösartigen Grimasse mit gefletschten Zähnen und sie grollte bedrohlich, während sie den kleinen Hof durchquerte. „Ruar. Ruar-uar. Ich bin der König der Echsen. Hörst du, wie mächtig ist brülle? Ruar!“ dröhnte der gewaltige T-Rex. „Und was bin ich?“ fragte der Junge mit einem kleinen Hauch von Begeisterung in seiner Stimme. „Keine Ahnung, denk dir etwas aus.“ knurrte der mächtige Tyrannosaurus hinter den Mülltonnen. „Okay, ich bin Dragoran!“ rief der Junge nun mit tatsächlicher Begeisterung und stieß ein wildes Fauchen aus, doch der gefräßige Schrecken der Saurierwelt wandte sich mit einem Kopfschütteln zu der kleinen Gestalt im Regen um und knurrte: „Unfug, so einen Dinosaurier gibt es nicht.“ „Dragoran ist kein Dino, er ist ein Pokemon. Er ist voll supermächtig und kann brutale Sachen und…ich will Dragoran sein oder ich spiele nicht mit.“ Der Tyrannosaurus musterte den widerspenstigen Jungen aus zusammengekniffenen Echsenaugen, dann zuckte er mit seinen aberwitzig kleinen Schultern und zeigte ein grauenvoll zahnreiches Lächeln. „Ist in Ordnung, du kannst dieser Dragomir sein.“ „Dragoran.“ verbesserte der Junge beleidigt. „Dann eben so.“ Der riesige T-Rex schüttelte einen dicken Regentropfen von seiner schuppigen Schnauze und beobachtete den kleinen Jungen, der sich auf die Zehenspitzen stellte, wild mit den Armen wedelte und fauchende Geräusche ausstieß. „Hyperstrahl!“ brüllte der pummelige Drache, der plötzlich wie eine dicke, birnenförmige Taube über der verkrüppelten Birke flatterte und eine Mülltonne explodierte in einem heftigen Feuerstoß. „Meine Güte!“ kommentierte der Tyrannosaurus anerkennend und wedelte mit seinen Ärmchen in der Luft, um ein Klatschen anzudeuten. „Ich kann auch Erdbeben.“ erklärte der untersetzte Drache stolz und der Boden im Innenhof begann heftig zu schwanken. „Oder Orkan. Ich bin voll supermächtig…“ „Das erwähntest du bereits.“ „…und kann brutale Sachen.“ „Auch davon habe ich gehört.“ „Soll ich noch einmal den Hyperstrahl machen?“ Der T-Rex nickte und das Pokemon wandte sich begierig einer weiteren Mülltonne zu, die beinah augenblicklich in einem grellen Feuerstrahl explodierte. Dragoran stieß ein zufriedenes Grunzen aus, seine Flügel peitschten die Zweige der Birke hin und her. „Wirklich nicht übel.“ brummte der König der Dinosaurier zufrieden und stieß ein schauerliches Brüllen aus, in das der großmächtige Dragoran heulend einstimmte.
„Justin-Marcel? Justin-Marcel! Was, verdammt nochmal, treibst du da unten?“ Eine grelle Frauenstimme biss sich hartnäckig durch die Szenen des fantastischen Innenhof-Abenteuers, Dragoran landete ungeschickt neben den schwelenden Überresten der Mülltonnen und blickte mürrisch zu einem geöffneten Fenster im vierten Stock hinauf. „Nichts, Mama!“ rief er mit der zarten Stimme des kleinen Justin-Marcel. Verstohlen zwinkerte er dem Tyrannosaurus zu, der sich mehr schlecht als recht unter der Birke verborgen hielt und Grimassen schnitt wie ein ertappter Eierdieb. „Für Nichts machst du einen scheiß Lärm. Komm jetzt rauf, du hast Hausaufgaben!“ Der mürrische Ausdruck im Gesicht des Drachen verschärfte sich, das mächtige Pokemon schnaubte enttäuscht und ließ schlapp die Flügel hängen. „Ist gut, Mama.“ rief Justin-Marcel zu dem offenen Fenster empor, das kurz darauf energisch geschlossen wurde. „Ich muss gehen.“ sagte der Junge, der zwischen den Mülltonnen im Regen stand, zu Karoline H. „Ich weiß.“ antwortete die Frau mit den grauen Strähnen im Haar. „Sehen wir uns vielleicht morgen?“ fragte Justin-Marcel und es klang fast wie eine Bitte. „Vielleicht.“ „Wie heißt du überhaupt?“ bohrte Justin-Marcel weiter, nur um noch nicht gehen zu müssen, abwesend wischte er sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Karoline.“ entgegnete die Frau, die eben noch ein Dinosaurier gewesen war. „Dann bis vielleicht morgen, Karo!“ Justin-Marcel verabschiedete sich mit einem knappen Kopfnicken, bevor er im Hauseingang verschwand. Karoline H. stand barfuß neben der riesigen Pfütze und fühlte der kindlichen Energie hinterher, die mit Justin-Marcel den Innenhof verlassen hatte. „Morgen ist wieder ein herrlicher Tag für ein Abenteuer.“ versicherte sie sich selbst, als sie den Innenhof verließ und ächzend die vielen Treppen zu ihrer Wohnung erklomm, um in dicke Wollsocken zu schlüpfen, heißen Kakao zu trinken und schließlich zufrieden vor dem Fernseher einzuschlafen…

© sybille lengauer

Weißer Auftrag

„Steh schon auf, da ist ein Notfall im Serverraum.“ Erschrocken fährt Eshet von ihrer Koje hoch und blickt mit verquollenen Augen in das mürrische Gesicht ihrer Gefährtin. „Ich habe verschlafen, Sonra!“ Eshet unterdrückt ein Gähnen, sie streckt ihre langen Beine aus und spreizt die Zehen. „Ist mir gar nicht aufgefallen.“ versetzt Sonra schmallippig. Die dunkelhaarige, etwas pummelige Frau steht mit verschränkten Armen vor Eshets Koje, ihr Gesicht zeigt genervte Missbilligung. „Wie spät ist es?“ „Frag dein Chron.“, antwortet Sonra gereizt. Eshet sieht automatisch auf ihr nacktes Handgelenk. „Wo ist es hin?“ Sonra schnaubt nur abfällig, sie dreht sich brüsk um, schultert ihren Rucksack und verlässt wortlos das karg eingerichtete Quartier. Stimmen gischten in den Raum, die automatische Tür öffnet und schließt sich mit einem bedauernden Quietschen. „Warte!“ ruft Eshet hinterher, doch die Tür schneidet ihren Ruf und auch die Gespräche ab, die eben noch den Raum fluteten. „Ach, verdammt.“ Eilig rafft Eshet ein paar Kleidungsstücke vom Boden zusammen, sie schnüffelt prüfend an einem Oberteil. „Geht noch.“ Und zwängt sich in eine Arbeitshose aus dickem Stoff. Eine hektische Minute später sind ihre verfilzten Haare frisiert, die Zähne geputzt und der Rest des Körpers kommt schon irgendwie hinterher. Im Hinausgehen versperrt Eshet sorgfältig die Tür zum Schlafquartier, beiläufig nickt sie der alten Dame zu, die einen Teestand direkt neben ihrem Eingang betreibt. Dann taucht sie ein, in das dichte Gedränge der Frauen, die sich durch den hell erleuchteten Gang schieben. Eshet grüßt ein paar bekannte Gesichter in der Menge, geht ein paar anderen aus dem Weg. Als sie die Ruhesektion verlässt und auf den Hauptring abbiegt, schwillt der Menschenstrom noch einmal beachtlich an. Unzählige Imbissbuden und kleine Geschäftsstände verstopfen die ohnehin schon schmalen Wege. Die vielen Geräusche des Alltags, die Rufe und Gespräche der Frauen klingen lautstark durch das riesige Gewölbe. Stimmen zanken, schwatzen, lachen miteinander. Eshet reibt sich die Schläfen, schüttelt einen Anflug von Kopfschmerzen ab. Sie versucht sich energisch durch den zäh fließenden Strom der Leiber zu schieben, um ein Shuttle zu erreichen, das gerade an der Station einfährt, doch kann sie ihm nur resigniert hinterherblicken. Es ist kein Durchkommen. Eshet zwängt sich Schritt um Schritt weiter durch die behäbigen Massen. Boxt mit den Ellenbogen, entschuldigt sich, wird ihrerseits geboxt. Kaum hat sie die Station erreicht, fährt bereits ein neues Shuttle ein. Frauen quellen heraus, Frauen drängen hinein, Eshet ist irgendwo dazwischen, sie strengt sich an, nicht im Meer der Leiber unterzugehen und quetscht sich unter vielen Entschuldigungen in das überfüllte Shuttle. Zwei Stationen später kämpft sie sich wieder heraus und atmet erleichtert auf. Ein widerwärtiger Gestank erfüllt augenblicklich ihre Lungen. „Was zu Teufel?“ angeekelt schlägt Eshet sich die Hände vor Nase und Mund. „Die Kloake.“ brummt eine ältere Frau, die einen grellbunten Mundschutz trägt. „Schon wieder ein Rohrbruch?“ fragt Eshet, ihre dunklen Augen tränen. „Keine Ahnung.“ Die Frau zuckt desinteressiert mit den Achseln und verschwindet in der Menge. „Ach, Kacke.“ Eshet drängelt durch Gruppen mürrischer Menschen, die zügig dem allgegenwärtigen Gestank entkommen wollen. Der Geruch wird allerdings nicht besser, sondern manifestiert sich geradezu in der Maschinensektion, in die Eshet einbiegt. „Ach Kacke.“ wiederholt sie nur, während ihre Füße automatisch vor der Tür zum Serverraum stoppen.

„Wo warst du so lange?“ schreit Ma Ferra wütend, als Eshet den ovalen Raum betritt. Die zieht nur den Kopf ein, stellt sich innerlich tot und blinzelt mit tränenden Augen den Boden an. Eshet kennt die Wutanfälle der Maschinistin nur zu gut und weiß, dass sie nicht falsch reagieren darf. „Seit über zwei Stunden stecken wir hier in der Scheiße und wer ist nicht da? Du!“ „Es tut mir leid, Ma Ferra.“ flüstert Eshet ergeben. „Es tut mir leid, es tut mir leid.“ äfft die Maschinistin zornig, sie durchquert mit energischen Schritten den bestialisch stinkenden Serverraum und baut sich drohend vor der jungen Frau auf, die daraufhin noch weiter in sich zusammenfällt. „Das hat Konsequenzen, Schätzchen. Dein Freistellungsantrag für das kommende Wochenende wird nicht gestattet, hast du verstanden?“ Eshet zuckt zusammen, erwidert jedoch nichts. „Geh jetzt zu Vater, er will mit dir sprechen.“ Eshet blickt Ma Ferra entsetzt in die schmalen Augen, dann schleicht sie geduckt an der stattlichen Frau vorbei zum hölzernen Beichtstuhl, der in allen Haupträumen die Verbindung zum Saal des Vaters herstellt. Sanftes Licht umfängt sie im Inneren der Holzkonstruktion, Eshet setzt sich verkrampft auf die schmale Bank und starrt auf den reich verzierten Bildschirm. „Du hast mich gerufen, Vater?“ fragt sie zaghaft und schlägt dabei das Zeichen der Demut auf ihrer Brust. „Du hast geantwortet, Eshet.“ dringt die Stimme des Vaters sanft aus den Lautsprechern in der Wand. Auf dem Bildschirm erscheint sein gütig lächelndes Gesicht. Eshet fühlt bei diesem Lächeln eine Woge der Erleichterung über sich hereinbrechen, sie vergisst den unerträglichen Gestank, vergisst ihre Sorgen. „Tut mir leid, dass ich zu spät bin, Vater.“ „Ist gut, mein Kind. Ich weiß, du bist meine treue Dienerin. Wirst du mir deinen Leib anvertrauen?“ Eshet nickt stumm und wartet. „Ich habe einen weißen Auftrag für dich. Bitte merke dir, was ich nun sage. Du wirst dich zur Besinnungsstunde auf die Wartungsebene von Abwassertank 4A begeben. Du wirst im siebten Segment des stillgelegten Tanks zwei Fremdkörper finden. Beseitige die Fremdkörper und starte den Tank neu.“ „Wie soll ich sie beseitigen?“ schießt es aus Eshet heraus, bevor sie es verhindern kann. Erschrocken hält sie die Luft an und fürchtet den Zorn des Vaters. „Nimm einen Brennschneider.“ erwidert der Vater kalt, sein Gesicht hört auf zu Lächeln. Eilig schlägt Eshet das Zeichen der Demut, sie verbeugt sich mehrmals tief vor dem Bildschirm. „Bitte vergib meine törichte Frage, Vater.“ Das Gesicht des alten Mannes lächelt wieder milde. „Geh nun, Eshet. Sprich mit niemandem über deinen Auftrag. Schicke Ferra zu mir. Mein Friede sei mit dir.“ „Friede sei mit uns allen.“ antwortet die junge Frau automatisch. Vor dem Beichtstuhl empfangen sie die eisigen Blicke der Maschinistin. Eshet sieht steif an dem zornigen Gesicht vorbei, sie fixiert einen Punkt an der Wand und atmet flach gegen den beißenden Gestank an. „Vater wünscht dich zu sprechen, Ma Ferra.“ sagt Eshet zu dem Punkt im Nirgendwo. Die Maschinistin verzieht ihre Lippen zu einem stummen Fluch, stürmt an Eshet vorbei zum Beichtstuhl, doch bevor sie eintritt, dreht sie sich noch einmal um. „Du wartest hier oder ich werfe dich aus der nächsten Luftschleuse, hast du verstanden?“ „Verstanden, Ma.“ antwortet Eshet und bleibt mit hängenden Armen mitten im Serverraum stehen. Die Minuten verstreichen, Eshet lässt den Blick erst unsicher über den Beichtstuhl und dann über ihre betriebsamen Kolleginnen schweifen. Alle sind zu beschäftigt, um von ihr Notiz zu nehmen. Aus einem klaffenden Loch in der rückwärtigen Wand quellen Fäkalien, provisorisch werden sie mit Pumpschläuchen abgesaugt. Die Schläuche winden sich durch den halben Serverraum und verschwinden schließlich in einer sechseckigen Bodenöffnung. Um das Loch herum sind die Instrumententafeln zentimeterdick mit menschlichen Ausscheidungen bespritzt, selbst an der Decke klebt es. Eshet kommt zu dem Schluss, dass ein Rohr hinter der Wand mit großem Druck explodiert ist. Eine Schar Reinigungsbots gibt ihr Bestes, um die abscheuliche Bescherung unter Kontrolle zu bringen. Der Gestank ist überwältigend, die Stimmung der Crew ist erbärmlich. Eshet tritt verlegen von einem Bein auf das andere, fühlt sich beobachtet, obwohl niemand sie beachtet und schrumpft immer weiter in sich zusammen. Sie vergräbt die Hände in ihren Arbeitshosen, senkt den Kopf und wartet reglos auf Ma Ferras Rückkehr. Schließlich öffnet sich die Tür zum Beichtstuhl und die Maschinistin stürmt mit rotglühenden Wangen auf Eshet zu. „Du…“ zischt sie gereizt, ihre grünen Augen sprühen Funken. Eshet sagt lieber nichts, sie blickt starr an ihrer Vorgesetzten vorbei, die Zorn versprühend vor ihr steht und um Worte ringt. „Du… bist… Freigestellt.“ Ma Ferra würgt die Worte heraus, als müsse sie daran ersticken. „Jawohl, Ma.“ flüstert Eshet, sie schluckt trocken, macht auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem stinkenden Serverraum.

Nach einem schier endlosen Spießrutenlauf zurück ins Schlafquartier und einer ausgiebigen Schalldusche, legt Eshet behutsam ein weißes Stirnband an, das ihre heilige Mission für alle Frauen kenntlich macht. Solange Eshet dieses spezielle Stirnband trägt, wird niemand sie ansprechen. Die Sektionen des Schiffes stehen ihr uneingeschränkt offen, der Vater begleitet sie buchstäblich auf ihrem Weg und nur eine Priesterin wäre befugt, sich ihr in den Weg zu stellen. „Deshalb hat der Vater mich beauftragt zur Besinnungsstunde auf die Mission zu gehen. Weil dann alle Priesterinnen die Messe lesen.“ Eshet verscheucht diesen lästigen Gedanken, sie überprüft nervös die Teile des Brennschneiders und packt sorgfältig ihren Rucksack. Dann verlässt sie das Quartier mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Die sonst so belebte Ruhesektion ist ungewohnt leer. Das grelle Licht an der hohen Decke wirft scharfkantige Schatten, die Abwesenheit des Lärms lässt Eshets Schritte unnatürlich laut hallen. Normalerweise ist Eshet um diese Stunde mit all den anderen Frauen in einer der Kirchen und lauscht andachtsvoll den Worten des Vaters, dessen Antlitz zu diesem Zweck auf einen riesigen Bildschirm übertragen wird. Doch nun schleicht sie durch die verlassene Sektion, biegt auf den Hauptring ab und nimmt den Weg zur Haltestelle. Erst dort erinnert sie sich, dass zur Besinnungsstunde keine Shuttle fahren. Eshet schimpft leise über ihre Dummheit und macht sich zu Fuß auf den langen Weg zu den Abwasseranlagen.
Es ist unheimlich still im Hauptring. Die kleinen Verkaufsstände stehen verschlossen, die schäbigen Bretterbuden sind verrammelt, nirgendwo ist eine Frau zu sehen. In manchen Seitengängen erklingt Musik, andächtige Lieder sickern aus halb geöffneten Kirchentüren. Eshet kennt jedes Lied und summt manchmal ein wenig mit, während sie zielstrebig den Ring hinunterläuft. Die Besinnungsstunde ist fast vorüber, als sie endlich die Abwasseranlagen erreicht. Atemlos öffnet Eshet den Einstieg zu den Wartungsgängen in Tank 4A, klettert hinein und verschließt die Luke von Innen. Die junge Frau verharrt einige Herzschläge lang auf ihrer Position. Erschrickt bei jedem Geräusch. Eshet muss einsehen, dass das Warten sie nur noch nervöser macht, also bricht sie auf, folgt dabei den farbigen Markierungen auf dem Boden. Durch kleine Sichtfenster kann sie in die trockengelegten Segmente des Tanks blicken, die durch riesige Schleusentore voneinander getrennt werden. Jedes Mal, wenn sie auf der Wartungsebene ein Tor passiert und durch ein neues Fenster sieht, zeigt ihre Phantasie ungewollt Bilder von schauerlichen Kreaturen, die vielbeinig, haarig und grausig im leeren Becken lauern. Eshet schüttelt die Trugbilder ab, verzieht gequält das Gesicht und folgt weiter den Leitlinien auf dem Boden. Sie verscheucht die unerwünschten Gedanken so gut es geht und setzt tapfer einen Schritt vor den anderen, bis sie plötzlich angekommen ist und vor einem Fenster des siebten Segments steht. Am Boden des Tanks liegen zwei reglose Körper. Sie sind zu weit entfernt, um Details zu erkennen, aber Eshet fühlt, dass sie zwei Tote betrachtet. Schwer atmend wendet sie sich der Einstiegsluke zu. Die Panik kommt in Wellen. Eshet schwitzt. Zittert. Mit brüchiger Stimme beginnt sie das ‚Dritte Hohelied Des Vaters‘ zu singen.
„Durch die endlose Leere reisen wir,
Deinen Segen auf unseren Schwingen,
Neue Welten suchen wir,
Deine Liebe auch dort… auch dorthin…“
Eshet verliert den Faden und beginnt das Lied von vorn. Mit einem keinen Schrei öffnet sie die Klappe der Einstiegsluke, klettert, sehr laut und schief singend, die Leiter hinunter und hält die Augen fest auf die metallenen Sprossen gerichtet.

„Wie kann das sein?“ fragt das Echo mit Eshets erschrockener Stimme von den kahlen Wänden des Tanks zurück. Fassungslos steht Eshet am Ende der Leiter und starrt auf die beiden Leichen, die grotesk verdreht im Dreck des krustigen Bodens liegen. Innig verschlungene Leiber, erstarrt in einem fürchterlichen Todeskampf. „Wie kann das sein?“ fragt Eshet zum zweiten Mal und während das Echo antwortet, geht sie vorsichtig zu den Leichen hinüber, bleibt nur wenige Schritte vor ihnen wie angewurzelt stehen. Ihr Rucksack fällt achtlos in eine schwarze Lache geronnenen Blutes. Eshet starrt. Die Leiche der Frau hat das Gesicht zu einem grässlichen Grinsen verzerrt, in ihrer aufgeschlitzten Kehle grinst eine tiefe Wunde genauso beängstigend wie sie. Obwohl es durch das viele Blut dunkel geworden ist, erkennt Eshet das weiße Stirnband unter ihrem dichten Lockenschopf. „Ein weißer Auftrag.“ entfährt es Eshet, sie zuckt zusammen, als das Echo ihre Worte durch den Tank schleudert. Was sie jedoch wirklich aus der Fassung bringt, ist der zweite Leichnam. Der Mann hält ein blutiges Messer in der knochigen Faust, ein zweites Messer steckt bis zum Griff in seinem Brustkorb. Sein abgemagerter Körper wirkt beinah zerbrechlich, doch sein ausgemergeltes Gesicht zeigt selbst im Tod einen grimmig entschlossenen Ausdruck. Eshet hat noch nie einen echten Mann gesehen, sie kennt nur das milde oder grollende Gesicht des Vaters auf dem Bildschirm. Der bärtige Leichnam sieht Vater überhaupt nicht ähnlich. „Wie kann das sein?“ fragt sie zum dritten Mal und wieder gibt nur das Echo eine Antwort. Minuten vergehen, die Zeit gerinnt wie das Blut auf dem Boden. Nichts bewegt sich.
„Wie soll ich…?“ fragt Eshet leise und erinnert sich schlagartig an jene ungeduldigen Worte, die der Vater im Beichtstuhl gesprochen hat. „Nimm einen Brennschneider.“ wiederholt sie seine Anweisung monoton. Eshet schluckt. Dann erbricht ihr Körper schwallartig das Wenige, das sie an diesem Tag gegessen und getrunken hat.
Die Arbeit fällt schwer. Eshet versichert sich selbst, dass es tatsächlich eine Arbeit ist, ein heiliger Auftrag. Sagt sich, dass sie das Richtige tut, wenn der Vater es so befohlen hat. Trotzdem muss sie immer wieder innehalten und sich übergeben. Der Geruch von verbranntem Fleisch ist widerwärtig, ätzt sich durch die Nase bis tief ins Gehirn. Ist fast schlimmer als die Bilder. Aber die Bilder. Oh, die Bilder. Eshet würgt. Eshet weint. Sie arbeitet sich durch den Tränenschleier, arbeitet sich durch den Schock. Zerteilt die Leiber in handliche Stücke, damit diese durch die Auffangnetze der Schleusen passen. Sie zerschneidet Fleisch, Knochen, Innereien. Sieht irgendwann keinen Unterschied mehr. Hat keinen Platz für weitere Bilder. Eshet würgt heftig und ihr Gehirn hält lange genug inne, um zu erkennen, dass es genug ist. Benommen taumelt sie zurück, zwingt ihren Blick weg von dem Haufen Fleisch. „Friede sei mit uns allen.“, flüstert das Echo mit gebrochener Stimme, dann ergreift Eshet die Flucht. Der Weg nach oben verfliegt wie im Traum, Eshet beobachtet sich selbst wie im Traum, sieht zu, wie sie die Leiter emporklettert, die Luke passiert, den langen Gang hinunter hastet. Sie folgt passiv ihrem Körper, während dieser den farbigen Leitlinien zum Kontrollraum folgt. Sie sieht apathisch dabei zu, wie ihre Hände den Abwassertank neu starten. Sie betätigen die Schalter, geben die Codes ein, starten die Motoren. Das grollende Brummen dringt nicht bis zu Eshet durch. Mechanisch verlässt sie die Anlage, folgt den Markierungen zur Ausstiegsluke und weint sich zurück in die Ruhesektion.

„Wie siehst du denn aus?“ Sonra fragt nicht, sie schreit. Sie steht auch nicht auf, sie springt von ihrer Koje, fängt gerade noch die stolpernde Eshet, bevor diese auf dem Boden des Schlafquartiers aufschlägt. „Bist du verletzt?“ Hastig tastet Sonra ihre Gefährtin ab. Der Respekt vor dem weißen Stirnband ist vergessen. „Nein.“ wehrt sich Eshet nur schwach. „Ist nicht von mir.“ „Komm, wir müssen dich waschen.“ Sonra führt ihre Gefährtin in die Schalldusche. Hilft ihr dabei, die blutige Kleidung abzulegen. Stützt, begleitet, umfängt. Eshet nimmt ihre Fürsorge kaum wahr, versichert nur immer wieder mechanisch, unverletzt zu sein. Ihre Zähne klappern dabei laut aufeinander. „Ich weiß, ich weiß.“ beruhigt Sonra. Sie führt die geduschte Eshet zu ihrer Koje und zieht ihr ein warmes Schlafhemd über. „Jetzt legst du dich schön hin, ich bringe dir heißen Tee.“ „Bitte geh nicht!“, wimmert Eshet kläglich. Zum ersten Mal begegnen sich die Blicke der Frauen. „Nein, ich gehe nicht.“ versichert Sonra, der beim Anblick dieser schreckgeweiteten Augen plötzlich sehr kalt geworden ist. „Ich bleibe hier.“ sagt sie mit fester Stimme und hilft Eshet dabei, sich hinzulegen. „Danke.“ Eshets Stimme ist nur noch ein schwaches Flüstern. Dann schaltet ihr überlastetes Gehirn die Lichter aus und sie fällt in einen ohnmächtigen Schockschlaf.
„Steh schon auf, Vater braucht dich im Serverraum.“ Entsetzt fährt Eshet aus der Koje hoch. „Wie spät ist es?“ fragt sie laut, doch es ist niemand da, um zu antworten. Nur ein Traumfetzen hat sie geweckt. Ein Tablett mit Thermogeschirr steht auf einem Klapptischchen neben der Koje. Ein Zettel klemmt zusammengerollt unter dem Besteck. Sonra hat einen Notruf erhalten, sie kommt in ein paar Stunden zurück. Eshet starrt den entrollten Zettel und dann das Thermogeschirr an. Sie betrachtet das Besteck auf dem Tablett, denkt an schmatzende Fleischstücke und dunkles Blut, rennt zur Toilette und erbricht Galle. Weinend liegt Eshet vor der Toilette. Sie fühlt sich leer, einsam und verlassen. Eshet liegt so eine lange Zeit, ihr Körper zittert, ihre Gedanken kreisen ziellos. Bis sie sich schließlich bei einer Idee wiederfindet, die ihr zumindest etwas Trost und Hoffnung verspricht. „Ich muss in die Kirche gehen.“ flüstert Eshet und steht vom Boden auf. Sie duscht sehr lange, putzt sich ausgiebig die Zähne, kämmt das strubbelige Haar. Sie wählt saubere Kleider aus dem Schrank, überprüft ihr Erscheinungsbild im Spiegel. Sieht aus wie ein Geist. Kreidebleich, mit dunklen Ringen unter übergroßen Augen. Resigniert winkt Eshet ihrem Spiegelbild zu, dann macht sie sich auf den Weg. Geht langsam, setzt einen Schritt vor den anderen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ignoriert die Teeverkäuferin, schließt das Schlafquartier nicht ab. Konzentriert sich nur darauf, mit niemanden zusammenzustoßen. Eshet kriecht durch den dichten Menschenstrom, Schritt für Schritt in Richtung Kirche. „Was ist dir geschehen, mein Kind?“ fragt eine besorgte Stimme aus der Menge. Eshet erschrickt, strauchelt und hält sich an einer wackeligen Bude fest, um nicht umzufallen. „Ich muss in die Kirche.“ wispert sie schwach. „Ich helfe dir.“ Eshet hebt den Kopf und blickt in das verschleierte Gesicht einer Nonne. Freundliche Augen lächeln auf sie herab. „Danke.“ flüstert Eshet und lässt sich von der fremden Frau stützen. „Wir sind gleich da“ versichert diese, „es sind nur noch ein paar Schritte.“ „Danke.“ murmelt Eshet wieder. Vorsichtig erklimmt sie die Stufen zum Kirchenportal und wartet regungslos, während die Nonne die schwere Flügeltür öffnet. Im Inneren der Kirche umfängt Eshet der wohlige Duft ätherischer Kräuter. Sanfte Musik rieselt aus verborgenen Lautsprecheranlagen. Die Kirche strahlt eine kühle, distanzierte Ruhe aus. Eshet atmet die friedliche Atmosphäre ein, hat das Gefühl, wieder etwas freier denken zu können. „Nimm bitte Platz.“ Bereitwillig folgt sie der Nonne zu einer steinernen Sitzbank. „Ich bin Tochter Nera. Möchtest du vielleicht etwas Tee?“ „Ja bitte.“ Eshet sieht der Nonne hinterher, beobachtet, wie diese zwischen ein paar schweren Tüchern verschwindet, die einen seitlich gelegenen Eingang verdecken. Sie erschrickt heftig, als Tochter Nera unvermittelt wieder vor ihr steht. Ihr Gehirn hat abgeschaltet und die verstrichene Zeit geschluckt. „Hier, trink.“ Die verhüllte Frau reicht ihr einen dampfenden Becher. Dankbar nimmt Eshet das Getränk entgegen und trinkt in vorsichtigen Schlucken. Es ist heiß und schmeckt nach nichts. „Möchtest du dich mit mir unterhalten?“ fragt die Nonne, sie nimmt neben Eshet Platz und legt eine Hand auf deren Schulter. „Ich kann nicht.“ „Kannst du nicht, weil es zu schwierig ist?“ „Der Vater verbietet es.“ flüstert Eshet und trinkt noch ein wenig von der geschmacklosen Flüssigkeit. „Ich werde nicht weiter dazu fragen, mein Kind. Möchtest du mit mir beten?“ „Ja, das möchte ich wirklich gerne.“ Tochter Nera wendet sich Eshet zu, nimmt ihr den Becher ab. Sie umschließt ihre zitternden Finger mit ihren ruhigen, sanften Händen. Samtweich stimmt sie ein Lied des Trostes an. Eshet bricht in Tränen aus. Schlottert am ganzen Körper. Die Nonne singt weiter, nimmt sie liebevoll in die Arme. Wiegt die schluchzende Eshet wie ein kleines Kind. Das Lied endet, Tochter Nera beginnt mit einem Gebet. „Großer Vater. Sieh in deiner Güte auf uns herab. Schütte deinen Segen aus über uns und über das Schiff, auf dass wir die Leere glückreich durchqueren. Segne unsere Reise und segne diese einfache Sünderin, die in dein Haus gekommen ist, um deine Gnade zu erbitten.“ Die Nonne singt das Lied der Segnung. Eshet schließt sich zögerlich an. Ihre Stimme ist rau, sie wird von großen Schluchzern unterbrochen. Stockend folgt sie der Melodie des Liedes, spürt ein wenig von der Wärme und ungebrochenen Zuversicht, die Tochter Nera ausstrahlt. Sie fühlt das Vibrieren ihres Brustkorbes, spürt die fließenden Tränen. „Danke.“ sagt sie wieder, diesmal mit kräftigerer Stimme. „Geht es dir besser?“ „Ja, ich kann die Liebe des Vaters in mir spüren.“ „Sollen wir weitermachen?“ fragt die Nonne, sie löst Eshet ein wenig aus der engen Umarmung, bleibt aber immer noch dicht bei ihr sitzen. „Können wir das Lied der Einigkeit singen?“ bittet Eshet. „Natürlich, mein Kind.“ Tochter Nera stimmt das Lied an, Eshet singt etwas unsicher mit. Sie arbeitet sich tapfer durch die Strophen, wird mit jeder Zeile sicherer. Beim zweiten Refrain kann sie endlich aufhören zu weinen. Eshet bleibt noch eine lange Zeit in der Kirche. Sie singt und betet. Zündet Kerzen an, für sich und den Vater. Verbrennt Duftkräuter. Zu später Stunde verabschiedet sie sich dankbar und macht sich zurück auf den Weg ins Schlafquartier. Sonra war da. Das Tablett mit dem Thermogeschirr ist weggeräumt, auf dem Tischchen steht nun ein Topf mit Deckel. Eshet ignoriert den Zettel, der daneben liegt. Sie wirft sich in die Koje und sucht noch einmal nach dem Gefühl der Geborgenheit, das ihr die Nonne vermittelt hat. Sie schickt ein kurzes Gebet an den Vater, schließt dann die Augen und wartet auf den Schlaf. Schläft nicht. Wacht nicht. Träumt nicht. Denkt nicht. Als der Chron an ihrem Handgelenk klingelt, schreckt sie aus ihrem Dämmerzustand hoch und sieht sich verwirrt um. Sonra schnarcht in ihrer Koje, Eshet hat nicht gehört, wann sie nach Hause gekommen ist. Leise schleicht sie in den Duschraum, erledigt die spärliche Morgentoilette. Denkt nicht an gestern. Sieht nicht in den Spiegel. Sie verlässt das Schlafquartier, ohne Sonra zu wecken.

Draußen wartet das normale, morgendliche Gedränge. Eshet nickt der alten Teeverkäuferin zu, die jedoch sofort hinter ihrem Stand hervorgeschossen kommt und sie scharf anblickt. „Geht es Ihnen besser, junge Dame?“ fragt die Alte. „Ich bin in Ordnung, danke.“ „Ich habe mich gestern gesorgt!“ betont die runzlige Frau, ihre hellen Augen bohren sich vorwurtsvoll in Eshets blasses Gesicht. „Das tut mir leid. Es geht mir wirklich besser. Ich war in der Kirche.“ „Gelobt sei der Vater.“ seufzt die alte Frau, sie reicht Eshet einen Pappbecher. „Hier, der geht auf’s Haus.“ „Danke.“ Eshet nimmt den Becher automatisch entgegen, lächelt und lässt sich dann vom Sog der Menge aufnehmen. Sie setzt einen Schritt vor den anderen, bis sie die Haltestelle am Hauptring erreicht. Die Fahrt mit dem Shuttle verfliegt, den Weg zum Serverraum finden ihre Füße alleine, irgendwo auf dem Weg verschwindet der leere Teebecher in einem Abfalleimer. Als Eshet den ovalen Raum betritt, zieht sie unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern, doch Ma Ferra ist nicht da. Nur eine Rumpfbesatzung arbeitet in dem, immer noch bestialisch stinkenden, Serverraum. Der Schaden an der Wand ist beinah behoben, die Instrumententafeln sind gereinigt, trotzdem schwebt über allem der penetrante Geruch von Scheiße. Eshet besetzt sofort ihren Posten und arbeitet sich durch die angefallenen Störmeldungen. Sie gestattet sich keine Pause und merkt nicht, dass Ma Ferra seit einer Weile stumm hinter ihr steht. Erst die Worte der Mechanikerin lassen Eshet aus ihrer Konzentration fahren. „Vater will dich sprechen.“ „Oh nein!“ entfährt es Eshet, Ma Ferra sieht sie daraufhin verwundert an. „Entschuldigung, Ma.“ „Geh jetzt.“ grollt diese nur, ihre grünen Augen funkeln gefährlich. Eshet läuft zum Beichtstuhl und öffnet die hölzerne Tür mit schwitzigen Händen. Sie setzt sich zitternd in den Verschlag und schluckt, während sie das Zeichen der Demut schlägt. „Du hast gerufen, Vater?“ Auf dem Bildschirm erscheint das alte Gesicht des Vaters. Es lächelt milde. Eshet fühlt die Woge der Erleichterung über sich hinweg branden, spürt zugleich aber eine bodenlose Angst, die mit dieser Woge heranrollt. Eine Angst vor dem, was der Vater verlangen könnte. „Und du hast geantwortet, mein Kind.“ Eshet starrt wortlos in den Bildschirm und wartet auf das, was der Vater zu sagen hat. Doch sein gütiges Gesicht bleibt lange stumm. Eshet rutscht nervös auf ihrem Platz hin und her. „Bist du bereit, mir deinen Leib anzuvertrauen?“ fragt der Vater plötzlich, seine Stimme dröhnt laut aus den verborgenen Boxen. Eshet zuckt zusammen, sie weicht intuitiv zurück. „Vater!“ fleht sie, als sie sieht, dass sich sein Gesicht zu einer zornigen Grimasse verzieht. „Natürlich vertraue ich dir meinen Leib an!“ „Gut, Eshet. Ich habe einen weißen Auftrag für dich. Merke dir, was ich sagen werde…“
Benommen taumelt Eshet kurze Zeit später aus dem Beichtstuhl. Grußlos geht sie an ihren Kolleginnen vorbei, hastet mit gesenktem Kopf aus dem Raum. Sie ignoriert die tödlichen Blicke von Ma Ferra, die Worte des Vaters hallen klar in ihrem Bewusstsein wider. Auf dem Hauptring stellt sie zum ersten Mal die Frage, die ihr seit dem Gespräch im Beichtstuhl nicht mehr aus dem Kopf geht. „Warum ich?“ Eine dicke Frau sieht sie irritiert an, kümmert sich dann wieder um den Inhalt ihrer Handtasche. „Warum ich?“ wiederholt Eshet die Frage, während sie in ein Shuttle einsteigt. „Warum?“ Niemand gibt ihr Antwort. Eshet überlegt, ob sie zur Kirche gehen soll. Ob sie nach der Nonne suchen soll. Sie verwirft den Gedanken. An einer kleinen Kapelle kauft sie ein neues, weißes Stirnband und steckt es in die Jackentasche. Eshet ringt mit sich. Schließlich gibt sie auf und nimmt den Lift zu obersten Ebene. Auf der Balustrade kann man das Ausmaß des Hauptrings erst wirklich erfassen. Unzählige Menschen winden sich durch die Straßen, drängen sich auf den Wegen zwischen den sperrigen Ständen. Eshet blickt auf die vielen, bunten Leben hinab, sie sieht traurig einem übervollen Shuttle hinterher und fragt sich immer wieder nach dem Warum. Will über die Absperrung klettern und sich in die Tiefe stürzen. Kann es nicht.

Stunden später. In einem spärlich beleuchteten Schacht folgt keuchender Atem scharrenden Schritten. Jemand hält vor einer verschlossenen Luke, löst betont leise die Verankerungen, die den Wartungsgang von dem Versorgungsschacht trennen. Die Person macht dabei so wenig Lärm wie möglich. Eshet hockt vor der Luke und wartet regungslos darauf, dass sich der Eingang öffnet. In der Faust hält sie ein langes Messer. Ihr Gesicht gleicht einer Maske. Hinter der Luke fällt ein metallischer Gegenstand zu Boden, es scheppert laut. Jemand zischt wütend. Eshet zuckt zusammen und flüstert ein lautloses Stoßgebet. Auf der anderen Seite arbeitet die Person weiter, Eshet kann leises Fluchen hören. Sie fühlt sie sich nicht bereit, als die Luke schließlich quietschend nachgibt und sich ein hagerer Mann durch den schmalen Einlass zwängt. Der Fremde richtet sich auf und erschrickt heftig vor der jungen Frau, die in geduckter Haltung auf dem Boden lauert. Er zuckt zurück, zieht selbst ein kurzes Messer aus seinem Gürtel und verharrt vor der offenen Luke. Eshet bewegt sich nicht. Starrt nur. Wortlos sehen sich die beiden an. Eine Minute vergeht. Nichts passiert. Dann stürzt sich der Mann mit einem lauten Schrei auf Eshet, die ihrerseits schreiend aus ihrer Starre erwacht. Messer zucken. „Ich gehe nicht mehr zurück!“ schreit der Mann und Eshet schreit auch, weiß nicht, was sie schreit. Ihr Körper reagiert automatisch auf die tödliche Bedrohung. Kämpft um sein Leben. Mit großer Wucht rammt sie das Messer in den gegnerischen Leib, weicht seinen wütenden Schlägen und Stößen aus. Ein tiefer Schnitt reißt ihre Wange auf, Eshet kümmert sich nicht darum. Sticht immer wieder zu. „Nicht mehr. Nicht mehr.“ röchelt der Fremde. Aus vielen Wunden blutend bricht er zusammen. Eshet steht über ihm, atmet keuchend. „Warum lasst ihr uns da unten verrecken?“ Die Stimme des Mannes ist kaum noch zu hören. Eshet beugt sich über ihn, will seine letzten Worte hören, doch aus dem Flüstern wird ein Stammeln, das schließlich ungehört erstirbt. Ein letztes Mal bäumt der Fremde sich auf, dann liegt er völlig still. Seine Augen sind weit aufgerissen, das ausgemergelte Gesicht ist zu einer grässlichen Fratze verzerrt. Zitternd kniet Eshet über seiner Leiche. Sie spürt erst jetzt den brennenden Schmerz auf ihrer Wange. Bemerkt das Blut, das warm über ihren Hals läuft. Sie will aufstehen, bricht aber sofort wieder zusammen. Ungläubig sieht sie auf das Messer, das tief zwischen ihren Rippen steckt. „Hilf mir, Vater.“ flüstert Eshet. Kraftlos bricht sie über der Leiche des Eindringlings zusammen, während das Leben stoßweise aus ihrem Körper fließt.

„Du hast mich gerufen, Vater.“ Das blonde Mädchen schlägt andächtig das Zeichen der Demut. Sitzt bewusst aufrecht im Beichtstuhl und starrt in den Bildschirm, der das gütige Gesicht des Vaters zeigt. „Du hast geantwortet, Niaja.“ antwortet der Vater mit mildem Lächeln. „Willst du mir deinen Leib anvertrauen?“ fragt er und das Gesicht des jungen Mädchens erstrahlt freudig. „Ich habe einen weißen Auftrag für dich. Wirst du mir helfen, Niaja?“

© sybille lengauer