Endlich ist es soweit, mein neues Buch „Mottengedanken“  ist fertig! Ich freue mich und hoffe, ihr freut euch mit mir.

 

Inhaltlich ist es eine hervorragende Mischung aus Gedichten und Kurzgeschichten der letzten neun Jahre.

Für 10,00€ zu Erwerben bei Rodneys Underground Press

Oder bei mir unter:  sy-stemfehler(at)gmx.de falls jemand eine Widmung möchte. 

Ja, es macht mir etwas aus…

Eigentlich bin ich ja eine die viel aushalten kann. Ich habe ein dickes Fell, muss mich nicht groß aufregen, schon gar nicht künstlich. Bin ein ganz entspannter Typ, förmlich ein kleiner Buddha, könnte man sagen. Aber das hier, das setzt mir mittlerweile schon ganz schön zu. Erst war es ja keine große Sache. Hatte ich eben ein bisschen mehr Glück und ein anderer ein bisschen weniger. Was sollte schon passieren. Geht eben einer von 7 Milliarden Menschen abends etwas trauriger ins Bett, unglücklich sind viele. Einer mehr macht das Kraut nicht fett. Dafür gewinne ich endlich beim Grand-Prix-der-Poesie und kann freihändig mit dem Motorrad durch einen Stau fahren. Wollen Sie mir vielleicht erzählen, Sie hätten eine solche Möglichkeit abgelehnt? Wobei ich eigentlich nicht gefragt wurde. Vincent hat mir damals bei einer Massage von seiner neuesten Erfindung erzählt, so Anfang 2012 muss das gewesen sein. Er fabulierte über etwas, dass er Chaosforschung nannte und schwafelte lang und breit von der faszinierenden Oszillation kleinster Teilchen. Ich habe nicht wirklich verstanden, was das bedeutet. Natürlich nicht. Ich habe das ja auch nicht studiert. Aber es hörte sich interessant an und ich hatte nichts Besseres zu tun. Also überredete ich Vincent mir diesen ominösen Apparat zu zeigen, der angeblich das Glück beeinflussen sollte. Eitel wie er war, brannte er förmlich darauf den Prototyp zu präsentieren. Etwas Wimperngeklimper und Schmollmundschnute, schon schmolz er dahin, der törichte Gute. Sie merken schon, das Lyrische steckt mir einfach in den Knochen. Jedenfalls, der Apparat war so ein kleines, unscheinbares Ding, nicht größer als eine Zigarettenschachtel. Ich dachte erst Vincent verarscht mich. Doch er war der festen Überzeugung, dieses Gerät könne das individuelle Glück manipulieren. So geschwollen drückte er sich immer aus. Natürlich habe ich nach einem Beweis verlangt. Kann ja ein jeder daherkommen und alles mögliche erzählen. Vincent stellte das Gerät auf meine Schwingungen ein und schickte mich in den nächsten Zigarettenladen, um ein Rubbel-Los zu kaufen. Langer Rede kurzer Sinn, der Apparat gehört seitdem mir. Vincent setzte zwar einiges daran ihn wieder zurück zu bekommen, aber im Gegensatz zu mir hatte er kein Glück. Der Gute. Schon ein Jammer, dass er kurz darauf von einem banalen Küchenregal erschlagen wurde. Er, ein vielgeehrter Professor und all das. Und dann so etwas. Zwischen zerschlagenen Gläsern und Tellern, selbst auch ganz zerschlagen, mausetot auf dem Küchenfußboden. Einfach entwürdigend. Ich habe ihm eine angemessene Beerdigung spendiert, das war ich ihm einfach schuldig. Aber ich schweife ab. Wir waren ja bei meinem Glücksapparat. Den trage ich seither immer bei mir. Bei Tag und Nacht. Manchmal muss ich die kleine Batterie auswechseln, die ihn in Betrieb hält, doch sonst läuft er wie geschmiert. Und genau das scheint, wie ich vermute, ein Problem zu sein. Denn, sehen Sie, ich hatte verdammt viel Glück in den ersten Jahren. Wirklich außerordentlich viel Glück. Sie werden bestimmt den ein oder anderen Bericht über meine abenteuerlichen Weltreisen gelesen haben, die Boulevardblätter waren ja eine zeitlang voll von den Geschichten. Ich schwamm nicht mit der Gefahr, ich ritt auf ihr durch aller Herren Länder. Haben Sie von meinem SpaceY-Flug zum Mond gehört? Natürlich haben Sie. Ach, was habe ich diese Zeit genossen. Ein Leben in Saus und Braus, keine Sorgen, keine Ängste. Ich war einfach glücklich. Bis 2016 kam und die Briten sich völlig unerwartet für den Brexit entschieden. Als kurz darauf auch noch Trump zum Präsident der USA gewählt wurde begannen die Zweifel. Bohrende, nagende Fragen drängten sich auf. So manche Nacht lag ich wach und grübelte, ob mein Glücksapparat dafür verantwortlich war, dass die Dinge aus dem Ruder liefen. Ich meine, natürlich ist die Welt ein Sauhaufen, war sie schon immer und wird sie auch immer bleiben. Aber war sie wirklich so abgrundtief verdorben, oder lag es an einem Ungleichgewicht, das der Apparat zu verantworten hatte? Ich war zutiefst verunsichert. Also hielt ich mich ein paar Jahre bedeckt. Keine Abenteuerreisen mehr, keine Ausflüge ins Weltall. Nur ein wenig leichte Gartenarbeit und gelegentliche Kurzausflüge ans Meer. Natürlich ließ ich den Apparat weiterlaufen. Könnte mich sonst ja jederzeit ein Unglück ereilen. Ein hastig geschluckter Bissen ist schon ganz anderen zum Verhängnis geworden. Ganz zu schweigen von den unzähligen Verkehrsunfällen, Raubmorden und sonstigen Tragödien, die einen jederzeit unvorbereitet treffen können. Und so hatte ich auch weiterhin unverschämtes Glück. Bei der Gartenarbeit stieß ich zwischen den Zwiebeln meiner preisgekrönten Tulpen auf die fossilen Knochen eines bisher unentdeckten Flugsauriers. Das war natürlich eine Sensation. Bei meinen Spaziergängen an der See habe ich so viele verlorene Wertgegenstände gefunden, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Ich habe ein eigenes Zimmer, randvoll mit diesem Zeug. Manchmal setzte ich mich in diesen Raum der verlorenen Gegenstände und stelle mir die Leute vor, wie sie nach ihren Sachen suchen. Irgendwie beruhigt mich das. Und Ruhe, die ist eigentlich das Stichwort. Wissen Sie, seit dem Ausbruch der Pandemie schlafe ich wirklich schlecht. Ständig überfällt mich der Gedanke, dass vielleicht ich… Na, Sie wissen schon. Was, wenn es doch einen Unterschied macht, ob einer von 7 Milliarden Menschen abends trauriger ins Bett geht? Deshalb habe ich mich auch zu dieser Therapie entschieden. Ich hoffe, dass Sie mir weiterhelfen können, wertester Doktor Gonzalez. Denn das hier, das macht mir langsam wirklich etwas aus…

© sybille lengauer

 

Axel Aldenhoven wurde laut Klappentext seines Buches im Jahre 1969 in Ostfriesland geboren. Der gelernte Wirtschaftsinformatiker lebt heute in Köln, schon länger ist ihm das Schreiben zum zentralen Lebensinhalt geworden. Hier der Link zu Axels Homepage: https://www.godssword.de  Seinen wunderbar dystopischen Zeitreiseroman „G.O.D.S. Menschheit in Gefahr“ könnt ihr zb hier erwerben: G.O.D.S. bei Amazon

Ich bedanke mich herzlich für die wunderbare Interpretation der Entführung.

Vogelzug

Veröffentlicht: Oktober 19, 2020 in Gedichte
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Vogelzug

Über mir,
Das Grau des Himmels,
Keilförmig zerflogen,
Von Rufenden durchzogen,
Das Himmelsgrau,
Weit über mir.
Sehnsuchtsträchtig.
Übermächtig.
Unerreichbar.
Fern von hier.

© sybille Lengauer

In meiner Realität

Veröffentlicht: Oktober 15, 2020 in Kurzgeschichten
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In meiner Realität

Paul schwitzt. Fluchend kramt er in seiner Umhängetasche nach dem passenden Füllstein, um das unscheinbare Tor zu öffnen, das seinen Fluchtweg aus der Oberstadt versperrt. Pauls Hände zittern, gehetzt wirft er einen Blick über die Schulter, doch noch ist er allein in der eleganten Seitenstraße. Schmucke Hochhäuser aus dunkelrotem Backstein ragen stattlich in den strahlend blauen Himmel, exotisch blühende Rankengewächse winden sich an prächtig verzierten Feuertreppen empor, wuchern üppig der heiß brennenden Sonne entgegen. In dichten Schwärmen ziehen bunte Korallenfische an den spiegelblanken Fenstern der Häuser vorbei, vermischen sich mit fröhlich umherfliegenden Werbebannern, die für perlend schäumende Softdrinks, feinste Schokolade oder traumhaft ferne Urlaubsziele werben. Hoch oben gleitet ein gewaltiger Buckelwal zwischen den Stockwerken dahin, „Enjoy The Little Things“ steht in schwarzen Buchstaben auf seinen hellgelb leuchtenden Flossen. Tief unten stößt Paul einen heiseren Freudenschrei aus, er rammt den richtigen Füllstein in das sternförmige Torschloss und zappelt ungeduldig, während sich die Barriere zur Unterstadt quälend langsam öffnet. Urplötzlich trampelt ein wutschnaubender, hünenhaft großer Minotaurus in das friedliche Idyll der Seitenstraße und rast mit gewaltigen Schritten auf das Tor zu. Sein schweißdampfender Stierkopf senkt sich gefährlich zum Angriff, seine feuerroten Augen funkeln zornig. Paul kreischt entsetzt, hastig quetscht er sich durch die schmale Toröffnung, dann drückt er von der anderen Seite mit aller Kraft dagegen. „Du kleiner Hurensohn!“, brüllt sein Verfolger frustriert, als sich das Tor direkt vor seinen bebenden Nüstern schließt, Paul kann spüren, wie die Barriere unter dessen wuchtigen Faustschlägen erzittert. Ein feines, triumphierendes Lächeln huscht über sein Gesicht, dann rückt er die Umhängetasche zurecht und hastet weiter die Seitenstraße hinunter, um in den verschlungenen Straßen der Unterstadt zu verschwinden. Auf dieser Seite des Tores erscheinen die Fassaden der Hochhäuser kahl und schmucklos, die blumenumrankten Feuertreppen sind wackligen Fluchttreppen aus rostfleckigem Stahl gewichen, es gibt keine üppigen Blüten und keine bunten Korallenfische. Grellbunte Werbebanner ziehen in großen, aggressiv manövrierenden Schwärmen vor schmutzstarrenden Fenstern umher, die Flyer werben für schnellen Sex, bissige Rechtsanwälte und billigen Alkohol. Der Buckelwal ist aus dem Himmel verschwunden, nur die Sonne brennt weiter unbarmherzig auf Pauls verschwitzten Haarschopf herab. Auf der anderen Seite des Tores blafft der abgehängte Minotaurus frustriert in sein tragbares Holofon, dass der verdammte Junge an einem Nebeneingang zur Unterstadt West entwischt ist. Er entzündet eine dicke Zigarre und pafft enorme Rauchwolken zu den bunten Korallenfischen hinauf, während er missgelaunt auf neue Instruktionen wartet.
*
„Endlich! Wo, zum Teufel, hast du gesteckt?“ Pauls Mutter hockt wie ein vorwurfsvoll blickendes Reptil inmitten der rosaroten Pracht ihres Schönheitssalons, geübt zupft sie die Augenbrauen einer dicklichen Stammkundin, deren Haar zu einem erstaunlich hohen, lilafarbenen Berg auftoupiert ist. Mutter und Kundin werfen Paul einen strengen Blick zu, der grinst nur schief und wedelt verlegen mit einem hässlichen Plastikblumenstrauß, den er aus einem Automaten an der Straßenecke gezogen hat. Seine Mutter lässt sich von einem derart hoffnungslosen Entschuldigungsversuch nicht erweichen. „Spar dir das dumme Grinsen, Freundchen. Siehst du nicht, wie es hier aussieht? Die Realitypuffer funktionieren schon wieder nicht. Mach dich an die Arbeit. Zack-zack!“, blafft sie ungehalten und ihre grell geschminkten Augen blitzen gefährlich, dann wendet sie sich wieder den Augenbrauen der Kundin zu. Paul lässt mürrisch den Blumenstrauß sinken, ständig muss er den altersschwachen Rechner reparieren, der die Augmented Reality Elemente des Schönheitssalons verwaltet, für ein neues System will seine Mutter kein Geld ausgeben. Paul findet, dass sie auf den Einkünften des Salons hockt, wie ein garstiger Lindwurm auf seinem Goldschatz, doch er hütet sich, gerade jetzt etwas dazu zu sagen. Er braucht den Schönheitssalon als Versteck, um Zeit zu gewinnen und einen Plan zu schmieden. Also trollt er sich in den hinteren Teil des Ladens. Zwanzig Minuten später schwirren winzige, fröhlich lachende Elfen durch den Schönheitssalon, großblättrige Rosen erblühen an den rosafarben gestrichenen Wänden und glitzernde Sternschnuppen rieseln wie feiner Schnee von der lachsrosa erstrahlenden Zimmerdecke. Auch Pauls Mutter erfährt eine erstaunliche Verjüngungskur, dank Realitypuffer erscheint sie nun in Gestalt einer blutjungen, in Glitter und Kitsch gebadeten Schönheitskönigin im amerikanischen Retro-Stil. „So, das hätten wir.“ Paul klopft sich zufrieden auf die Oberschenkel, doch seine Freude währt nur kurz. „Die Luftfilter müssen gereinigt werden. Zack-zack!“, gellt es aus dem vorderen Teil des Ladens. Paul setzt zu einer unfreundlichen Antwort an, er hat Besseres zu tun, als stundenlang in Mutters schweinchenrosa Drachenhort zu buckeln, doch er zögert und schluckt die Antwort hinunter. „Na, was ist denn? Die Filter reinigen sich nicht von alleine!“, schreit seine Mutter und die Kundin kichert gehässig. Paul grunzt eine unverständliche Beleidigung, dann sammelt er das passende Werkzeug zusammen und kriecht fluchend in den engen Lüftungsschacht. Kopfüber hängt er im widerlich verranzten Filtersystem und grübelt über eine Lösung für sein Problem nach, während seine Mutter lautstark über die schwere Last klagt, die ihr undankbarer, gänzlich missratener Sohn tagtäglich auf ihr butterweiches Mutterherz lädt.
*
Paul fröstelt. Seit zwei Stunden lungert er schon vor dem spärlich beleuchteten Eingang eines heruntergekommenen Antik-Kinos herum, die kühle Nachtluft ist erst unter seine dünne Jacke, dann unter seine Haut, und schließlich bis in seine Knochen gekrochen. Der ewige Sand, den der Wind aus der Ödnis mit sich bringt, brennt unangenehm in seinen Augen. Paul stampft mit den Füßen, um der Kälte und seiner wachsenden Nervosität Herr zu werden. Könnte es sein, dass Rebecca seine Nachricht ignoriert? Was, wenn sie nicht am Treffpunkt erscheint? Wie soll es dann weitergehen? Paul kämpft mit einem dicken Brocken Angst, der seine Kehle zuzuschnüren droht. „Du siehst echt scheiße aus.“ Erschrocken fährt Paul herum, als Rebecca lautlos aus den Schatten tritt. Ihre hochgewachsene Gestalt schält sich elegant aus dem fahlen Dämmerlicht, eingehüllt in eine herb-süßlich duftende Wolke Parfum, die Paul an bessere Tage erinnert. „Ich dachte, du kommst nicht mehr“, entfährt es ihm nach einer herzstillen Sekunde, Rebecca mustert seine abgerissene Straßenkleidung und rümpft abfällig die Nase. „Was du nicht alles denkst.“ Sie kramt ein silbernes Zigarettenetui aus ihrer lackschwarzen Handtasche und beginnt mit affektierten Bewegungen zu Rauchen. „Was ist jetzt, warum wolltest du mich treffen?“, fragt sie in geschäftsmäßigem Tonfall, während nebelweiße Rauschschwaden aus ihren Nasenlöchern wabern. „Ich brauche deine Hilfe“, platzt es unbeholfen aus Paul heraus, Rebecca unterbricht ihn mit arrogantem Gelächter. „Natürlich brauchst du meine Hilfe, sonst hättest du nicht angerufen.“ „Hey!“, protestiert Paul, doch seine Exfreundin wiegelt gereizt ab. „Nichts, hey. Jetzt rück’ schon raus mit der Sprache. Was willst du?“ Rebecca schnippt die halbgerauchte Zigarette gegen die Hausmauer, orange Funken stieben über die verlassene Straße. „Ich muss ins Kasino“ Paul blickt Rebecca offen in die Augen und hofft, dass sie keine dummen Fragen stellt. „Aha“, macht sie nur, und ihre hellgrünen Augen schauen kalt zurück. „Du musst mein Hausverbot aufheben“, verlangt Paul, entschieden reckt er das flaumbärtige Kinn vor, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Rebecca hebt gereizt eine Augenbraue und Paul zieht sein Kinn schnell wieder zurück. „Bitte“, setzt er verlegen hinterher. „Nein“, antwortet Rebecca und ihre Stimme klingt hart. Paul blinzelt irritiert. In seiner Vorstellung ist das Gespräch ganz anders verlaufen. Nicht einfach. Nicht angenehm, das ganz bestimmt nicht. Aber nicht so negativ. Rebecca arbeitet seit sechs Monaten als Sicherheitsfrau im Kasino, es wäre keine große Sache, seinen Namen von der schwarzen Liste zu entfernen. „Bitte, Becca. Ich muss spielen!“ , Paul bettelt erbarmungswürdig, doch Rebecca lässt sich nicht erweichen. „Ich sagte nein. Ende der Diskussion.“ Resolut strafft sie den Kragen ihres Mantels und wendet sich zum Gehen. „Ich hab’ ein beschissen riesengroßes Problem!“, schreit Paul verzweifelt, doch seine Exfreundin schüttelt nur den Kopf. „Was auch sonst“, antwortet sie abweisend und zuckt mit den Schultern. „Diesmal ist es ernst“ Paul schluchzt, dicke Tränen schwimmen in seinen Augen. „Ich hab’ mich verzockt!“ „Interessiert mich nicht“, faucht Rebecca aggressiv. „Mach endlich eine Therapie!“ Sie dreht sich um und eilt mit langen Schritten davon. Paul steht fassungslos im schummrigen Licht des Antik-Kinos und starrt mit offenem Mund der verschwindenden Silhouette seiner verlorenen Liebe hinterher.
*
„Kannst du überhaupt bezahlen, Freundchen?“ Der dicke Barkeeper lehnt schwergewichtig über der Ausschank der heruntergekommenen Kneipe, die Paul zur Örtlichkeit auserkoren hat, um seinen Kummer zu ersäufen. Aufhübschende Reality-Elemente sucht man in diesem Lokal vergebens, hier betrinkt man sich noch auf klassische Weise, bei funzliger Beleuchtung, schlechter Musik und gerne allein. Paul seufzt deprimiert, lasch lässt er seinen rechten Unterarm über den klebrigen Tresen baumeln. Der Barkeeper liest Pauls Cash-Implantat mit einem mobilen Lesegerät aus und wartet auf die Liquiditätsbestätigung. „In Ordnung, Kleiner.“, sagt er schließlich etwas freundlicher und schenkt ein. Paul schnappt sich das Glas, stürzt den billigen Fusel hinunter und schüttelt sich angeekelt. „Noch einen“, krächzt er heiser und der Barkeeper schenkt nach. Fünf Gläser später schüttet ein sturzbesoffener Paul sein Herz einem Wildfremden aus, der zufällig in seiner Nähe am Tresen steht. „Ich sollte mich einfach vom nächsten Hochhaus stürzen, dann wären alle zufrieden“, jammert Paul, in Selbstmitleid badend. „Na-na“, macht der fremde Trinker neutral und starrt in sein halbleeres Bierglas. „Sie haben leicht reden, Sie wissen ja nicht, was mir blüht“, versetzt Paul lallend. „Na-na“, macht der Fremde wieder und wackelt mit dem Kopf, Paul fühlt sich verstanden und wankt einen Schritt näher. „Ariadne wird mich ausweiden“, prophezeit er düster und ein kaltes Schaudern durchfährt seinen Körper von den Haarspitzen bis in die Zehen. „Wenn du Probleme mit Queen Ariadne hast, solltest du das lieber nicht so laut herumposaunen“, raunt der Barkeeper, während er Pauls Getränk erneuert. Der Fremde nickt zustimmend und starrt weiter auf den Bierschaum in seinem Glas. „Ach, ist schon egal. Jetzt ist alles egal!“ Paul wirft sich theatralisch in die Brust und verschüttet einen Großteil seines Drinks. „Ich bin am Arsch!“ Er steigert sich richtig in das Drama hinein, der Barkeeper tritt einen Schritt zurück, um fliegenden Spucketropfen auszuweichen. „Hast dich wohl verzockt“, bemerkt er wissend. „Es war ein todsicheres Spiel!“ Paul leert den restlichen Drink in einem Zug und setzt das Glas so heftig auf dem Tresen auf, dass es in tausend Splitter zerbricht. Fluchend und blutend trollt er sich auf die Toilette, kotzt und heult in eine verdreckte Kloschüssel, drückt Klopapier auf seine verletzte Hand und wünscht sich weit, weit weg. Als er, völlig aufgelöst, zum Tresen zurückkehrt, hat der Barkeeper die Scherben schon beseitigt, der fremde Trinker ist fort. „Gib mir noch einen“, nuschelt Paul, doch der Barkeeper schüttelt den Kopf. „Du hattest genug, Kleiner.“, brummt er gutmütig. „Nur einen noch. Für den Weg“, bettelt Paul, der Barkeeper rollt mit den Augen und schüttelt weiterhin den Kopf. Sternhagelvoll taumelt Paul aus der Kneipe, sofort wird er von dutzenden Porno-Werbebannern umschwärmt, die um seine Aufmerksamkeit buhlen. Angewidert schlägt Paul um sich, doch seine Hände fahren nutzlos durch die grellbunten Flyer hindurch und so torkelt er, wild um sich boxend, die menschenleere Straße hinunter. „Hey, Hurensohn.“ Ganz plötzlich ragt der bullige Stierschädel des Minotaurus vor Paul auf, ist einfach wie ein Pilz aus dem Boden geschossen, Paul könnte es beschwören. „Scheiße!“ Paul macht auf dem Absatz kehrt, will davonstürmen und stolpert doch nur über seine eigenen Füße. Der Minotaurus versetzt ihm einen beherzten Stoß, Paul stürzt kopfüber auf das harte Kopfsteinpflaster und bleibt besinnungslos liegen. „Du hast einen Termin bei der Königin“, grollt der Minotaurus zufrieden, er schnappt den benommenen Jungen am Kragen und zieht ihn wie eine Puppe hinter sich her.
*
„Hallo, Paul. Schön, dass du es einrichten konntest.“ Queen Ariadne thront, eingehüllt in einen veilchenfarbenen Morgenmantel aus purer Seide, in einem enorm großen Chesterfield Sessel und pafft eine lange, dünne Zigarre. Paul kauert mit blutverschmiertem Gesicht auf dem Mosaikboden zu ihren Füßen und wimmert leise. Der riesenhafte Minotaurus ragt, dämonisch grinsend, in den Raum und wirkt jederzeit gewaltbereit. Paul hat die letzte halbe Stunde im Kofferraum seines Wagens verbracht, verschnürt wie ein Paket und starr vor Angst. Jetzt kniet er in Queen Ariadnes pompös eingerichtetem Gesellschaftszimmer und fürchtet das Schlimmste. Noch nie war er in einem prächtiger möblierten Zimmer, noch nie hatte er so viel Angst. Von der hohen Zimmerdecke ranken goldblättrige Weinreben herab, winzige Kolibris gleiten wie fliegende Diamanten zwischen dschungelartig wuchernden Gewächsen und aufsehenerregenden Kunstobjekten umher, über allem schwebt ein betörender Veilchenduft. „Möchtest du eine Tasse Tee?“, fragt die Königin freundlich, sie beugt ich nach vorn und die Seide des Morgenmantels raschelt verführerisch. Ihr blutroter Mund formt ein liebliches Lächeln, ihre realitätsoptimierte Schönheit ist atemberaubend. „N-N-Nein, Danke“, stottert Paul, vor Aufregung klappert er mit den Zähnen. Der Minotaurus versetzt ihm einen derben Klaps auf den Hinterkopf. „Es heißt: Nein Danke, Eure Majestät“, bellt er zornig. „Eure Majestät“, piepst Paul verzweifelt, dicke Schweißtropfen perlen über seine blutige Stirn. Der Minotaurus schlägt erneut zu, hart knallt seine flache Hand auf Pauls lädierten Schädel. „In ganzen Sätzen!“, brüllt er donnernd, Queen Ariadne kichert mädchenhaft. „Nein Danke, Eure Majestät“, quietscht Paul schrill. Die Königin lässt ein perlendes Lachen hören. „Minos legt großen Wert auf die Etikette“, erklärt sie, halb das Ungetüm gewandt, und ein befriedigtes Grinsen huscht über das breite Stiergesicht des Hünen. Paul fühlt Übelkeit in sich aufsteigen, panisch versucht er den Drang zu unterdrücken, er schlägt die Hände vor den Mund und presst die Lippen fest aufeinander. Erbrochenes spritzt aus seiner Nase und quillt warm über seine Finger. Der Minotaurus schnaubt angewidert, er ballt die Faust und spannt die Muskeln, doch Queen Ariadne hebt kurz die Hand und er entspannt sich wieder. „Du stimmst Uns traurig, kleiner Paul Wagner.“ Sie neigt den Kopf, ein Kolibri flattert herbei und platziert einen funkelnden Saphir unter ihrem rechten Auge, sodass es aussieht, als würde sie weinen. Paul wischt sich die Kotze aus dem Gesicht und starrt beschämt zu Boden. „Tut mir leid, Eure Majestät“, nuschelt er unterwürfig, wobei er selbst hören kann, wie erbärmlich es klingt. „Nun denn,“ , die Königin lehnt sich mit mondäner Geste im Sessel zurück, schlägt die Beine elegant übereinander und pafft genüsslich. „Es ist Uns zu Ohren gekommen, dass du dir unerlaubten Zutritt in Unser Spielcasino verschafft und dann, an der Roulette, horrend verloren hast. Du hast beide Nieren und deine Schilddrüse eingesetzt, warst jedoch nicht bereit, die fälligen Organe zu entrichten. Stattdessen bist du, und Wir zitieren hier: davongerannt, wie eine gesengte Sau.“ Queen Ariadne gestattet sich ein leichtes Stirnrunzeln, dann wird sie plötzlich sehr ernst. „Du schuldest Uns also zwei Nieren und eine Schilddrüse. Wie gedenkst du diese Schuld zu begleichen?“ „Ich-ich-ich.“ Pauls Gedanken rasen, doch kein vernünftiger Satz findet den Weg über seine Lippen. „Wir haben einen Vorschlag für dich.“ Paul hebt den Kopf, seine rotgeränderten Augen starren in das perfekte Antlitz der Königin. „Alles, ich tue alles,“ wispert er und ein Keim der Hoffnung erblüht in seinem Herzen. „Das Gewerbeobjekt Sonnenstraße 35“ beginnt Queen Ariadne. „Der Schönheitssalon meiner Mutter!“, ruft Paul erschrocken, die Königin nickt zustimmend. „Wir interessieren uns für das Gebäude, aber Frau Wagner ist nicht an einem Verkauf interessiert. Wir denken, dass du sie zu einer positiven Entscheidung bewegen kannst.“ „Unmöglich“, entfährt es Paul, bevor er es verhindern kann. „Unmöglich?“, wiederholt Queen Ariadne erstaunt, der Minotaurus grunzt zornig und versetzt Paul einen brutalen Tritt in den Hintern. Paul fällt ungeschickt nach vorn und windet sich auf dem schönen Mosaikboden. „Unmöglich?“, fragt die Königin erneut, Paul schüttelt sich und kämpft gegen eine neuerliche Woge der Übelkeit. Queen Ariadne seufzt gelangweilt. „Minos, bitte informiere Doktor Schölle, dass er den Operationsraum vorbereiten soll.“ „Nein!“, kreischt Paul entsetzt, er kriecht auf dem Bauch über den Boden, robbt mit hündischem Gewinsel zu den Füßen der Königin. „Bitte, ich will nicht sterben!“ „Wir geben dir drei Tage.“ Queen Ariadnes Stimme erklingt plötzlich ganz nah an Pauls Ohr, fast glaubt er, ihre Zunge an seinem Ohrläppchen zu spüren. Erschrocken zuckt er zurück, doch die Königin sitzt weiter entspannt in dem riesigen Chesterfield Sessel und raucht. „Ich regle das“, stößt Paul entsetzt hervor, dann schlägt er wieder die Hände vor den Mund, um nicht zu erbrechen. „Wunderbar!“ Queen Ariadne winkt zufrieden mit der Hand. Paul nickt schwach, widerstandslos lässt er sich aus dem Gesellschaftszimmer schleifen. „Vielen Dank für deine Zeit“, säuselt der Minotaurus sarkastisch, dann schubst er Paul grob auf die Straße, sodass dieser Hals über Kopf in den Rinnstein taumelt.

© sybille lengauer

Koma
(Eine Liebesgeschichte)

Wie jeden Dienstag Nachmittag, pünktlich um 15:30, bugsiert Herbert Zimmermann seinen großen braunen Lederkoffer durch die breite Eingangstür des städtischen Krankenhauses, begrüßt den rundlichen Portier mit freundlichem Nicken und quält sich, langsam aber unaufhaltbar, den schier endlos langen Gang zu den Fahrstühlen hinunter. Dort steht er dann, geduldig wartend, milde lächelnd, während ihn der hektische Krankenhausalltag umspült, wie schäumendes Wasser einen verwitternden Felsen. Eine Fahrstuhlkabine öffnet sich mit lautem ‚Bing‘, speit eine Patientin mit Gipsfuß und ihre plaudernden Besucher ins Erdgeschoss, Herr Zimmermann nickt wieder freundlich, lächelt vage in alle Richtungen und wartet höflich, bis er mit seinem Koffer einsteigen kann. Dann drückt er den Knopf für die Neurologische Station und lächelt erneut, diesmal einer alten Dame im Rollstuhl entgegen, die grob über seine Schuhspitze rollt, als sie unbeholfen an seinem Koffer vorbei in die Kabine manövriert. „Auch nach oben?“, fragt er in liebeswürdigem Tonfall, doch sie gibt keine Antwort, drückt nur energisch den Knopf für den dritten Stock und kneift die Lippen fest aufeinander. Herbert Zimmermann nickt verständnisvoll und sagt nichts mehr. Sein Lächeln verblasst zu einer nebelhaften Andeutung, bis er die Neurologische Station erreicht, wo es erneut erblüht. Wieder muss er den schweren Koffer einen endlos langen Gang hinunterschleppen, zu Zimmer 703. Schnaufend verharrt er endlich vor der Tür des Einzelzimmers. Fährt mit den Fingern geübt durch sein schütter werdendes Haar, um die von den Strapazen in Unordnung geratene Frisur zu glätten, dann räuspert er sich, klopft respektvoll und tritt ein. Emilie Zimmermann liegt unbewegt in einem elektrischen Pflegebett, ihr magerer Körper wird eingerahmt von strahlend weißer Bettwäsche. Mit halbgeöffneten Augen starrt sie zur hellgrün gestrichenen Wand gegenüber. Für Herrn Zimmermann wirkt Emilie Zimmermann in dieser Bettwäsche wie eine hauchdünne, blassrosa schimmernde Kamelienblüte, die über die lange Zeit in diesem Krankenzimmer so fragil geworden ist, dass sie fast durchsichtig erscheint. Apallisches Syndrom nennen die Ärzte ihren Zustand, Dornröschenschlaf nennt es Herr Zimmermann, wenn er manchmal mit anderen Menschen darüber spricht. Umständlich stellt er jetzt den braunen Lederkoffer in eine freie Ecke des Zimmers, dann rückt er einen Besucherstuhl neben das Bett und nimmt lächelnd Platz. Auf dem Beistelltisch steht eine dampfend heiße Tasse Hagebuttentee für ihn bereit, Schwester Dorothe war so freundlich, wie jeden Dienstag Nachmittag.
„Hallo, mein Engel. Du siehst heute wieder zauberhaft aus.“ Herbert Zimmermann greift behutsam nach ihrer schmalen Hand, die in den Falten der makellosen Bettwäsche ruht. Glatt und kühl fühlt er diese Hand unter seinen warmen Fingern liegen. Herr Zimmermann schließt für einen kurzen Moment die Augen und fühlt einer Liebe hinterher, die tief bis unter die Haut geht. Nur zögerlich lässt er Emilies Hand wieder los, dann seufzt er leise, steht auf und macht sich zielstrebig daran, den Inhalt des Koffer auszupacken. „Unser heutiges Abenteuer führt uns über die Alpen, mein Liebling“, erklärt er feierlich, während er einen zweiten Besucherstuhl an das Bett heranrückt, um darauf einen alten, knallroten Kassettenrekorder abzustellen. Danach entnimmt er dem Koffer einen mattschwarzen Diaprojektor, den er gekonnt auf dem Beistelltisch platziert und mit Strom versorgt. Herbert Zimmermann richtet den Projektor zur Wand gegenüber aus, probeweise wirft er das Bild einer herbstlichen Landschaft an die hellgrün gestrichene Mauer. Er achtet darauf, dass Emilies Blick in die entsprechende Richtung fällt und stellt das Bild scharf, dann fördert er mehrere verschlossene Plastikdosen aus den Tiefen des Koffers hervor, die er vorsichtig neben Emilies Kopfkissen drapiert. Zum Schluss lässt er die Jalousien herunter, um das Zimmer zu verdunkeln, er zieht die Straßenschuhe aus und öffnet den obersten Knopf seines Hemdes. Zufrieden nimmt er wieder Platz, die Vorführung kann beginnen. Der Diaprojektor wirft das etwas verschwommene Bild einer Europakarte an die Zimmerwand, mit rotem Stift ist eine krakelige Route darauf eingezeichnet worden. „Wir fahren einmal quer durch Deutschland und die Schweiz, bis nach Italien“, verkündet Herr Zimmermann feierlich. „Wir fahren mit dem schwarzen Panther bis zum Comer See!“ An der Wand gegenüber erscheint das Bild eines schwarzen Volvo Kombi, dann die Aufnahme einer gemütlich eingerichteten Küche im Stil der siebziger Jahre. „Wir sind heute morgen schon vor vier Uhr aufgestanden, es war dunkel draußen, die Sterne standen noch am Himmel. Du hast frisch aufgebrühten Kaffee in die orange Thermoskanne gefüllt, du weißt schon, die von Tante Irmi, die mit den Blümchen. Ich habe unser Gepäck in den Wagen geladen, habe den Ölstand ein letztes Mal überprüft und nun sind wir auch schon unterwegs. Du bist ganz aufgeregt und freust dich wie ein Kind auf die Berge und ich freue mich mit dir.“ Herbert Zimmermann schaltet den Kassettenrekorder ein, brummende Motorengeräusche tönen durch das Krankenzimmer, vermischt mit fernem Hundegebell, schrillem Hupen, dem Dröhnen von LKW-Motoren und anderen Geräuschen der Straße. Geschickt bedient er den Diaprojektor und Bilder einer typisch deutschen Autobahn lösen einander an der blassgrünen Wand ab. „Die Kilometer fliegen nur so dahin, die Autobahnen sind auf weiter Strecke frei, es gibt gar keine Staus, maximal zähfließenden Verkehr. Kaum haben wir Frankfurt erreicht, sausen wir auch schon an Karlsruhe vorbei.“ Herr Zimmermann spult die eingelegte Kassette ein Stück vorwärts, er drückt erneut auf Play und zeigt gleichzeitig das nächste Dia. Ein schmuckes Restaurant, eingebettet in die Kulisse hoch aufragender Weinberge, ist zu sehen, dazu spielt der Kassettenrecorder unauffällige Schlagermusik. „Wir pausieren, um ein Mittagessen in einem netten Restaurant am Ufer des Rhein einzunehmen und genießen die herrliche Aussicht auf der Terrasse.“, erklärt Herr Zimmermann. An der Wand wechseln Bilder eines geschmackvoll dekorierten Restaurants mit romantischen Ansichten des Rhein. „Ich bestelle Schnitzel mit Jägersauce und Pommes, du bestellst ein Rindergulasch mit Spätzle und gemischtem Salat. Du kleckst dir schon beim ersten Bissen Gulaschsaft auf deine Bluse und ich sage dir, dass dich das nur noch schöner macht.“ Herr Zimmermann lacht hell, für einen kurzen Moment wirkt er um Jahre verjüngt. „Nach einem kleinen Spaziergang am Rheinufer geht es auch schon wieder weiter, der Kombi schafft die Kilometer mühelos, schon bald überqueren wir die Grenze zur Schweiz.“ Ein Bild der Schweizer Flagge erscheint, gefolgt von mehreren Dia, die blumenübersäte Bergwiesen mit friedlich grasenden Kühen und rustikalen Berghütten zeigen. Herr Zimmermann spult die Kassette vor, bis sentimentale Volksmusik, untermalt von Vogelgezwitscher und bimmelnden Kuhglocken erklingt. Vorsichtig öffnet er eine der Plastikdosen, die er neben das Kopfkissen gestellt hat und der würzige Duft von Heu breitet sich im Krankenzimmer aus. „Kannst du die herrliche Bergluft riechen, mein Engel?“, fragt er zärtlich und hält die Dose unter Emilies Nase. Frau Zimmermann starrt nur weiter mit halbgeöffneten Augen zur Wand. Herbert Zimmermann streichelt mit seiner freien Hand liebevoll über Emilies blasse Stirn, rückt eine Strähne ihres ergrauenden Haares zurecht, dann seufzt er leise und stellt die Plastikdose beiseite. „Draußen wird es langsam dunkel“, beginnt er wieder zu erzählen, während leise Klaviermusik erklingt. „Du fröstelst und ich stelle die Heizung im Wagen an. Wir werden die Nacht in einem hervorragenden Hotel verbringen, es ist nicht mehr weit. Ich habe ein Zimmer für uns reserviert. Mit Blick auf die Berge.“ An der Wand gegenüber erstrahlt ein Dia der Alpen bei Mondschein. Herr Zimmermann lehnt sich im Besuchersessel zurück und blickt versonnen auf das Bild. Seine Gedanken treiben, getragen von den sanften Klängen der Klaviermusik, zu einer lauschigen Nacht am Fuße der Schweizer Berge, die nur in seiner Fantasie existiert. Ganz sacht fallen seine Augenlider zu, sein Kopf sinkt auf die Brust herab, Herr Zimmermann schlummert ein. Ein plötzlicher Hahnenschrei aus dem Kassettenrekorder lässt ihn schuldbewusst zusammenzucken. „Zeit zum Aufstehen!“, ruft er viel zu laut, dann schüttelt er verlegen den Kopf und schnaubt humorvoll. „Verzeih mir, Liebes“, murmelt er mit schiefem Grinsen, er stoppt den Kassettenrekorder und wechselt den Diaschlitten.

„Jetzt sind wir schon beinahe in Italien“, fährt Herr Zimmermann nach einer kleinen Pause fort, „die Schweiz ist ja kein großes Land, und durch die Tunnel sind wir in Null Komma Nichts hindurchgeschlüpft. Wobei die Schweiz ja eigentlich gar nicht so klein ist. Sie ist nur aufgefaltet. Würde man die Alpen entfalten, wären das Land ziemlich groß, denke ich.“ Herr Zimmermann kratzt sich stirnrunzelnd den Schädel. „Wie dem auch sei, wir fahren jetzt durch die Tunnel.“ Das Bild eines langgezogenen Tunnels ist an der Wand zu sehen, schlagartig abgelöst vom Dia einer Mautstation und der Italienischen Flagge. „Und schon sind wir in Italien!“ Herbert Zimmermann strahlt bis über beide Ohren, er betätigt den Kassettenrekorder, dreht die Kassette um und schon ertönen italienische Liebeslieder. Freudig öffnet er eine weitere Plastikdose. „Riech nur, das Aroma Italiens“, bemerkt er und atmet selbst betont intensiv ein. Der liebliche Duft von Zitronenblüten durchflutet das Krankenzimmer. „Ah, herrlich“, macht Herbert Zimmermann und verdreht genüsslich die Augen. Dann stellt der die Dose zur Seite und erzählt weiter. „Bis zum Comer See ist es nur noch ein Katzensprung, der schwarze Panther saust die engen Kurven entlang, es scheint, als würden wir fliegen. Du sagst, dass du den See bereits riechen kannst und ich glaube dir, denn du hast immer recht, wenn du das Wasser spürst.“ Herr Zimmermann öffnet eine weitere Plastikdose, die den Geruch des Wassers enthält. Verschiedene Muscheln und kleine, flache Steine liegen darin. Er betrachtet die Muscheln und seine Augen werden weich. „Die hast du selbst gesammelt. An der Nordsee. Weißt du noch?“ Herbert Zimmermann lässt kurz die Schultern sinken, sein Gesicht wirkt traurig und leer, doch dann strafft er energisch den Rücken. Er wendet sich resolut dem Diaprojektor zu und klickt durch einige Bilder, die typisch italienische Bergdörfer und idyllische Landschaften zeigen, bis er schließlich die erste Aufnahme des Comer Sees gefunden hat. „Ah, was für ein Anblick!“, frohlockt Herr Zimmermann mit übertriebener Freude. „Wir fahren zwischen dem See und den Bergen dahin, die Straßen sind so schmal, dass keine zwei Katzen aneinander vorbeikommen können. Trotzdem funktioniert der Verkehr, irgendwie. Du schlägst vor, dass wir im nächsten Dorf zu Mittag essen könnten und wir finden ein entzückendes Restaurant, das direkt am Ufer des Sees errichtet ist. Der Kellner spricht kaum Englisch oder Deutsch, trotzdem verstehen wir uns prächtig. Es gibt kleine Begrüßungshäppchen und Sekt, du bestellst Wildschweinpasta, ich entscheide mich für Steak. Das Essen schmeckt köstlich, dazu ein gutes Glas Wein und die Aussicht, die ist wirklich berauschend. Der See liegt ruhig und klar, eingebettet zwischen schneebedeckten Gipfeln, die sich in seinen stillen Wassern spiegeln. Ein Fischadler kreist unter strahlend blauem Himmel, hörst du ihn rufen?“ Erneut greift Herbert Zimmermann nach der Hand seiner Frau, umfasst sie zärtlich mit beiden Händen, beugt sich herab und drückt einen weichen Kuss auf ihre reglosen Finger. Er legt die Hand sanft zurück in das strahlende Weiß der Bettwäsche und wendet sich wieder den Diabildern zu. An der Wand gegenüber ist nun die Aufnahme einer bildhübschen Seepromenade mit glücklich spazierenden Menschen zu sehen. „Wir flanieren auf der Promenade und essen Eis im Sonnenschein. Du streckst den großen Zeh ins Wasser, es ist eiskalt und wir…“ Ein Klopfen an der Tür unterbricht Herrn Zimmermanns Erzählfluss. „So spät schon?“, entfährt es ihm bestürzt, er räuspert sich und setzt ein freundliches Gesicht auf. „Herein“, ruft er betont heiter und augenblicklich betritt eine mollige Krankenschwester das Krankenzimmer. „Herr Zimmermann, bitte entschuldigen Sie, aber es ist bereits nach 18 Uhr. Frau Zimmermann braucht ihre Behandlung.“ „Natürlich, Schwester Dorothe“, erwidert Herbert Zimmermann freundlich, er verlässt seinen Platz neben dem Bett, öffnet die Jalousien und schaltet den Diaprojektor aus. Der Kassettenrekorder spielt immer noch italienische Liebeslieder. „Wohin ging es denn heute?“, fragt Schwester Dorothe, während sie Emilie Zimmermann für die Behandlung vorbereitet. „Wir waren in Italien. Am Comer See“ Herr Zimmermann packt seine Utensilien sorgfältig zurück in den großen braunen Lederkoffer. „Das war bestimmt eine sehr schöne Reise“, bemerkt Schwester Dorothe liebenswürdig. „Einfach unvergleichlich“, antwortet Herbert Zimmermann und schaltet den Kassettenrekorder aus.

© sybille lengauer

Ein neuer Artikel zu meinen Mottengedanken

Veröffentlicht: September 29, 2020 in Allgemein
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Ich freue mich sehr über diesen wunderbaren Artikel in der Halterner Zeitung.