Schau nur die Wolken

Veröffentlicht: August 3, 2021 in Gedichte
Schlagwörter:, ,

Schau nur die Wolken

Ich streife barfuß zwischen den Feldern,
Über Steinchen und Sand führt mein Weg,
Es knistert im Weizen,
Hoch reckt sich der Mais,
Alles wartet auf Regen,
So wie ich.
Unter meinen bloßen Füßen,
Atmet der Feldweg im Rhythmus der Erde,
Über mir, im unendlichen Himmel,
Die Bäuche der Wolken,
Vom Wind glattgebürstet,
Streifen dunkel das träumende Land,
Schau nur, die Wolken,
Bereit die Last auszuschütten,
Die sie von weither getragen,
Zwischen alldem kreisen Schwalben,
Auf der Suche,
So wie ich.

© sybille lengauer

Ode an den Fahrradfahrer, den ich gerade mit dem Ellenbogen im Gesicht getroffen habe
oder: Daumenlos durch den Nachmittag (ca 2016)

Ich weiß, dass für dich nur Geschwindigkeit zählt,
Eine Klingel erscheint da entbehrlich,
Da die aerodynamische Schnittigkeit fehlt,
Denkst du: „Weg mit dem Teil, jetzt mal ehrlich!“
Doch mein Haar, es weht lange und spielt mit dem Wind,
Da kommt’s schon mal vor, dass Insekten drin sind,
Und dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,
Ja dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar…
„Autsch!“
Ich weiß, dass dir sehr schnelles Fahren gefällt,
Vielleicht sind deine Freuden sonst spärlich,
Kann schon sein, dass man in einen Rauschzustand fällt,
Ohne Klingel ist das sehr gefährlich.
Denn mein Haar, es weht lange und spielt mit dem Wind,
Und wenn’s dann mal passiert, dass Insekten drin sind,
Dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,
Ja dann fahr ich mir kräftig duch’s Haar,
„Aua!!!“
Vielleicht habe ich vorschnell mein Urteil gefällt,
Du stehst gar nicht auf irres Geradle,
Sondern kamst einfach nur ohne Daumen zur Welt,
Und jetzt blutet dein Auge, wie schade!
Denn mein Haar, es weht lange und spielt mit dem Wind,
Und dann kann es gescheh’n, dass Insekten drin sind,
Und dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,
Ja dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,
„Autsch!“
Schallala-lala-lalalala,
Ja dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,
Schallala-lala-lalalala,
Dein Veilchen kannst du jetzt deiner Freundin erklären…
* fade out *

© Sybille Lengauer

Wertejahre Frieden

Veröffentlicht: Juli 26, 2021 in Neuigkeiten
Schlagwörter:, , , ,

Ich freue mich, dass ich einen kleinen Beitrag zu diesem hochinteressanten Projekt beisteuern durfte und gebe die Einladung gerne weiter. Hier ein Auszug von der Homepage der Wertejahre:
„Werte? Unbedingt! Sie schaffen Verbindung und Verbindlichkeit. Sie sichern Freiheit, sie entwickeln die Anwendung von Demokratie und Menschenrechten mit, außerdem sind sie Werkzeuge einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Werte zu schaffen, zu schützen und immer wieder neu auszurichten, ist Pflicht und Auszeichnung! Ein Blick über den Tellerrand oder aus der eigenen Blase heraus aber zeigt: Bei der Werte-Diskussion ist viel Luft nach oben. Ganze gesellschaftliche Gruppen oder Institutionen hadern aktuell mit ihren Werten oder haben den Bezug verloren. Wofür stehen wir? Was macht uns aus? Die Sinnsuche ist enorm, schlicht fehlt es an eindeutigen Strukturen dafür. Das Spektrum ist so diffus geworden, dass es die Orientierung vielfach eher erschwert, statt erleichtert. Eine Diskussion über unseren Wertekonsens ist aber dringend nötig. Das Pressenetzwerk für Jugendthemen will mit seiner neuen Aktion Werte-Begriffe entstauben und mit frischer Energie anreichern. Mit Euch!“

Besucht die Seite und fühlt euch herzlich eingeladen euch zu beteiligen, denn der Frieden geht uns alle etwas an
https://wertejahre.org
https://wertejahre.org/2021/07/26/sy-lengauer/

Die Nacht der Toten

Eine Großstadt ist niemals dunkel, Straßen und Gehwege werden nachts von zahlreichen Laternen beleuchtet, Tanzlokale, Kneipen und Flaniermeilen, Tankstellen, Hurenhäuser und sogar einfache Werbeschilder strahlen oft heller als der Tag. Schaut man vom Grund dieses Lichtermeeres zum fernen Nachthimmel hinauf, sucht man die Sternbilder oft vergebens, dafür stößt man dort unten an jeder zweiten Straßenecke auf protzige Lichtshows, die eine herkömmliche Gebäudefassade in einen regelrechten Farbenrausch stürzen. Aus der Vogelperspektive betrachtet winden sich die Verkehrsadern der Großstadt wie glitzernde Lichterketten durch die Nacht, streben den dunkleren Vorstädten und Gemeinden zu, verweben ihr immerhungriges Herz und formen so ein strahlendes Lichtgespinst menschlicher Zivilisation. Das leuchtende Großstadtgewebe erinnert entfernt an das Röntgenbild eines sterbenskranken Krebspatienten, dessen abgekämpfter Körper voller tödlicher Metastasen steckt. Zumindest erinnerte es Mave daran, als das Passagierflugzeug, in dem er saß, im Sinkflug über seiner Heimatstadt kreiste, derweil er aus dem Flugzeugfenster starrte und an nichts anderes denken konnte, als den Tod. Schmutzigschwarz war sein vielgetragener Anzug, blauschwarz gefärbt sein struppiges Haar, rabenschwarz waren seine rastlosen Gedanken. Mave war auf dem Weg zu einer Beerdigung und jede Faser seines Körpers sträubte sich dagegen. Vor zehn Tagen war seine Mutter verstorben, gefühlte zehn Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Man hatte telefoniert, ab und an. Zum Geburtstag gratuliert und an den hohen Feiertagen manchmal eine knappe Textnachricht auf dem Handy verschickt, dann war wieder monatelang Funkstille und kaum ein Gedanke an Daheim. Bis plötzlich ein unerwarteter Anruf seiner Schwester den Kreislauf zerriß: „Mutter ist tot. Lungenkrebs.“ Vielleicht hatte Mave erwartet, dass sich die Schleusen des Himmels öffnen und eine Flut an Gefühlen über ihn hereinbrechen würde, vielleicht hatte er gehofft, es mache ihm zumindest etwas aus, doch in seinem tiefsten Inneren spürte er nur leichten, leisen Unwillen und er wusste nicht einmal zu sagen warum. Tagelang suchte er nach Ausreden um sich vor der Beisetzung zu drücken, er fühlte sich fiebrig und nicht in der Lage zu reisen, die Arbeit wuchs ihm über den Kopf, er wollte es nicht riskieren Urlaub zu nehmen, einen derart kurzfristig gebuchten Flug konnte er unmöglich bezahlen, wer war er, Krösus? Doch die Angst vor dem Zorn seiner Schwester und der Hauch eines schlechten Gewissens trieben ihn schließlich in ein Flugzeug und so hockte er nun verkrampft an jenem unbequemen Fensterplatz und hing trübseligen Gedanken nach. Wie lange war es her, dass er Mutter zuletzt besucht hatte? Fünf Jahre, oder doch sieben? War es vor seiner Scheidung von Larissa gewesen, oder danach? Er wusste es nicht zu sagen und je angestrengter er überlegte, desto weniger schien er sich erinnern zu können. Doch er versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wollte es minutiös ergründen um nicht die eigentlichen Fragen denken zu müssen, die seit dem Anruf seiner Schwester gedacht werden wollten und von ihm unterdrückt wurden: warum hatte Mutter nichts gesagt? Hatte sie nicht gewollt, dass er sie ein letztes Mal besuchte? Und hätte er sie besucht, wenn er von ihrer tödlichen Krankheit gewusst hätte? Mave wollte sich diesen Fragen nicht stellen, er versuchte seine Gedanken in sinnlose Kreisbahnen zu zwingen und grübelte doch nur düster über krebskranke Leiber und Zivilisationen. Noch während der Landung formulierte er eine kurze Textnachricht an seine Schwester, er habe es sich anders überlegt und würde den nächsten Flug zurück nehmen, doch er verschickte die Nachricht nicht, sondern starrte nur lange auf das Display des Handys, bevor er die Nachricht löschte. Missmutig verließ er mit den anderen Passagieren das Flugzeug, drängte durch das Gewimmel, griesgrämig schob er sich an der Flughafenkontrolle vorbei, er hatte keinen Koffer, also musste er nicht warten. Vor dem Flughafen standen diverse Taxis und Shuttlebusse bereit, Mave beschloss trotzig die U-Bahn zu nehmen, es würde länger dauern, es wäre unbehaglich, überheizt und stinkend und das erschien ihm gerade angemessen. Neunzig Minuten später las er gereizt die vielen Klingelschilder am Eingang eines verschachtelten Wohnkomplexes. Er fand das richtige Schild, hob die Hand um zu klingeln, doch sein Finger verharrte in der Bewegung. Jetzt oder nie, dachte Mave und wusste selbst nicht zu sagen, ob er die Flucht nach vorn oder den taktischen Rückzug meinte. Unangenehme Sekunden verstrichen, dann drückte er kräftig auf die Klingel und zuckte erschrocken zusammen, als sich sofort eine tiefe männliche Stimme meldete. „Wer ist da?“, brummte es aus der Gegensprechanlage. „Ich will zu Sandra Wagner. Ist das nicht ihre Wohnung?“, bellte Mave verdrossen, ein Passant, der mit einem kleinen Hund vorbeispazierte, warf ihm einen misstrauischen Seitenblick zu und beschleunigte seine Schritte. „Wer da ist, habe ich gefragt“, knarzte die fremde Stimme, Mave rollte entnervt mit den Augen und gab nach. „Ich bin Mave. Sandras Bruder“, blaffte er möglichst unfreundlich. Das laute Summen des Türöffners entließ ihn aus dem unangenehmen Gespräch.
„Was eine Freude dich kennenzulernen, Bro!“, brüllte ein riesiger Grizzlybär, der wenige Minuten später die Wohnungstüre öffnete und einen verdatterten Mave an seine breite Bärenbrust drückte. Der Grizzly stellte sich als Joe Ziegler vor und war Sandras neuer, vollbärtiger, flanellhemdtragender Lebensgefährte. Sandra befand sich im Augenblick nicht zuhause, sie war überraschend zu einem Arbeitseinsatz ans andere Ende der Stadt gerufen worden und hatte deshalb Joe gebeten, Mave in Empfang zu nehmen. Joe freute sich enorm über die Gelegenheit Mave in Ruhe beschnuppern zu können, von Dude zu Dude, wie er es grinsend formulierte. All dies erfuhr Mave noch bevor er die Türschwelle überschritten hatte, Joe überschüttete ihn mit Umarmungen und Worten, bis er sich eines Besseren besann und Mave mit einem lautstarken: „Was stehst du hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, komm endlich rein, Brudi!“ in die Wohnung zog. Mave sah keine andere Möglichkeit, als dem Untier zu folgen. Das geschmackvoll eingerichtete Wohnungsinnere passte allerdings ebensowenig zu Joe und seiner Waldschrataufmachung, wie dieser, nach Maves schnellgefasster Meinung, zu seiner Schwester passte. Modernes Möbeldesign und funktionaler Schick prallten hart auf Joes bärtige Holzfällerexistenz und Mave kam nicht umhin, diesen Umstand gehässig zu kommentieren. Doch sein ätzender Sarkasmus fiel auf unfruchtbaren Boden, Joe schüttelte nur ganz nach Bärenart den massigen Schädel, trollte sich in die Küche und kehrte mit zwei offenen Bierflaschen in den großen Pratzen und einem Lächeln im haarigen Gesicht zu Mave zurück. „War bestimmt’n anstrengender Flug, hm?“, brummte er versöhnlich, er reichte Mave eine Flasche, der unschlüssig im geräumigen Wohnzimmer herumstand, stumm nickte und das Bier entgegennahm. „Langer Weg nach Hause, wie?“, sagte Joe einfühlsam, er deutete einladend auf eine dunkelbraune Ledercouch und setzte sich ächzend, doch Mave hatte keine Lust auf ein solches Gespräch, schmallippig nahm er Platz, starrte auf die Bierflasche in seinen Händen und reagierte nicht mehr. Joe stieß ein behagliches Seufzen aus, er lehnte sich grunzend in der Couch zurück und trank genüsslich, Mave beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und schauderte unwillkürlich, als Joe die Flasche absetzte und laut rülpste. Was verband seine Schwester nur mit diesem haarigen Scheusal? Mave nahm sich vor, ihr später genau diese Frage zu stellen. „Willst du einen durchziehen?“, platzte Joe in Maves beziehungstheoretische Überlegungen hinein, irritiert hob dieser den Kopf, hatte er das gerade richtig verstanden? „Will ich was?“, fragte er unsicher, doch konnte er den Hauch Hoffnung nicht ganz aus seiner Stimme tilgen. „Einen harzen, qualmen, haschen. Einen Ofen anglühen. Ein Pfeifchen goutieren. Ein Möhrchen knabbern. Du weißt schon“, antwortete Joe, gutmütig lachend. „Sandra hat mir erzählt, dass du früher gekifft hast wie ein Rabe, daher dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee.“, fügte er mit gönnerhaftem Grinsen hinzu. Das hat sie dir also erzählt, ja? dachte Mave, doch die Worte verließen nicht seinen Mund. Stattdessen sagte er nur „Klar. Gerne“ und nahm sich vor ein paar ernsthafte Worte mit seiner Schwester zu wechseln, wenn sich später die Gelegenheit dazu ergab. Gebannt beobachtete er, wie Joe sich von der Ledercouch wälzte und in einem kleinen Schränkchen zu kramen begann, aus dessen Tiefen er eine hölzerne Schatulle und eine gläserne Bong hervorholte, die mit klarem Wasser gefüllt war. „Bitteschön, bitte sehr“, dröhnte Joe bärenfröhlich, er platzierte die Gegenstände auf dem Wohnzimmertisch, deutete mit einer einladenden Handbewegung darauf und Mave ließ sich nicht zweimal bitten. Dicke Rauchschwaden durchzogen bald das Wohnzimmer, Joe sah sich genötigt ein Fenster zu öffnen und die Geräusche der nächtlichen Großstadt drangen unüberhörbar laut herein. Was für eine beschissene Stadt, dachte Mave und sagte es auch laut, doch Joe zuckte nur mit den Achseln und holte mehr Bier. „Ich lebe gern hier“, resümierte er schlicht, als er aus der Küche ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Müsste so ein Kerl wie du nicht viel lieber im Wald leben?“, fragte Mave mit füchsischer Freundlichkeit, während er die Bong ein weiteres Mal stopfte. Joe kicherte humorvoll und strich bedächtig über seinen imposanten Bart, doch er blieb eine Antwort schuldig, denn in diesem Moment kam Sandra bei der Tür herein und der Bärenmann verlor die Beherrschung. „Babe!“, schrie er begeistert, wie ein riesiger Welpe sprang er freudig von der Couch um sie zu begrüßen, Mave beobachtete das Schauspiel mit hochgezogener Augenbraue. Einer innigen Umarmung folgte ein intensiver Kuss, sie lagen sich in den Armen wie Liebende, die auf Jahre getrennt gewesen waren. Ein stechender Anflug von Neid kräuselte Maves Bewusstsein, dann traf sein Blick auf die honiggrünen Augen seiner Schwester und seine Gedanken stürzten in einen eiskalten Bergsee, denn diese Augen verengten sich gefährlich, als sie zu ihm hinübersahen. Sandra löste sich aus Joes Umarmung, schnellen Schrittes ging sie auf Mave zu, der sich vorsichtshalber erhoben hatte und nicht genau wusste, ob er im nächsten Moment umarmt oder geschlagen werden würde. Seine Schwester schien ebenfalls nicht sicher zu sein, kurz zuckten ärgerliche Falten über ihr hübsches Gesicht, doch dann schien sie sich einen Ruck zu geben, sie setzte ein schiefes Lächeln auf, breitete die Arme aus und drückte Mave an ihr Herz. Es fühlte sich eigenartig an ihren vertrauten und doch fremdgewordenen Körper zu umarmen, den Duft ihres lockigen Haares einzuatmen, der ihn an lang vergangene Kindheitstage und, warum auch immer, Spaghetti mit Ketchup, erinnerte. „Schön dich zu sehen, Maffie“, flüsterte Sandra an seinem Ohr und der Klang seines alten Spitznamens jagte Schauer über Maves Rücken. „Auch schön dich zu sehen“, antwortete er heiser, Mave räusperte sich verlegen und trat einen Schritt zurück, um seine Schwester genau anzusehen. „Du siehst gut aus“, setzte er hinzu, weil er dachte, dass es sich so gehörte. „Kann man von dir nicht behaupten“, versetzte Sandra, doch Mave überhörte die Spitze. „Möchtest du ein Bier, Liebes?“, fragte Joe aus dem Hintergrund und Sandra nickte dankbar. „Bin gleich wieder da“, flötete der Flanellhemdriese und verschwand in der Küche. „Wo hast du den denn aufgetrieben?“, wollte Mave sofort wissen, Sandra wischte seine Frage mit einer unwilligen Handbewegung fort. „Ist das zwischen euch so einer Art Die-Schöne-Und-Das-Biest Ding?“, bohrte Mave unverdrossen weiter, doch seine Schwester hatte kein Interesse an der Frotzelei. „Halt die Klappe, großer Bruder. Ich liebe ihn und damit hat es sich. Verstanden?“ Mave zuckte mit den Achseln und schwieg. Sandra ließ sich stöhnend in die Couch sinken, sie streckte die Füße aus, spreizte die Zehen und knackte mit den Knöcheln. „Igitt“, kommentierte Mave, der dieses Geräusch schon in der Kindheit verabscheut hatte. „Mama hat ziemlich gelitten in ihren letzten Tagen“, sagte Sandra ganz unvermittelt und der plötzliche Themenwechsel brachte Mave völlig aus dem Konzept. Fassungslos starrte er in das Gesicht seiner Schwester und wußte nicht, was er antworten sollte. „Warum hat mir niemand etwas gesagt?“, platzte es ebenso plötzlich aus ihm heraus, Sandra knackte ausgiebig mit den Handgelenken und allen Fingern, bevor sie seine Frage mit einem knappen „Sie hat es mir verboten“ beantwortete. Ein Warum hing im Raum, doch Mave konnte sich nicht überwinden es auszusprechen, er druckste herum, nippte an seinem Bier und wechselte dankbar das Thema, als sein neuer Bärenfreund Joe aus der Küche zurückkehrte und Bierflaschen verteilte. Man redete über die Jobs, lästerte über die beschissene Regierung und über unfähige Fußballmannschaften, die nicht mehr so spielten wie früher einmal, man unterhielt sich über dieses und jenes und unterließ es geflissentlich tote Mütter, schmerzhaftes Siechtum und morgige Beerdigungen anzusprechen. Die Bong kreiste, Mave registrierte erstaunt wie routiniert seine Schwester rauchte, in seiner Erinnerung war sie immer noch ein wohlerzogenes Mädchen, das Drogen zutiefst verabscheute. Heute Nacht war von diesem Mädchen nicht mehr viel übrig, Sandra kiffte wie ein Profi und trank das Bier in Höchstgeschwindigkeit. Sie schien den kritischen Gedanken ihres Bruders zu erraten, „Spar dir das Moralgesicht, Maffie. Wir sind hier alle erwachsen“, sagte sie mit schwerem Zungenschlag und warf ein Feuerzeug nach ihm. Maves schnippische Antwort ging in einem gewaltigen Gähnen unter, das sich aus Joes kolossalem Brustkorb emporarbeitete. „Verdammt, ich bin wirklich müde“, verkündete er aus voller Kehle. „Wir sollten alle schlafengehen. Morgen wird ein langer Tag“, murmelte Sandra, die mit einem Mal sehr ernst geworden war, sie erhob sich abrupt und begann den Couchtisch abzuräumen. Joe beeilte sich behilflich zu sein, während Mave einfach nur dasaß und die beiden beobachtete. Ihre Bewegungen und Handgriffe harmonierten auf wundersame Weise, zwei Körper mit vier Armen und Beinen, die wie ein einziges Wesen agierten und den Tisch abräumten oder vielleicht kam es Mave auch nur so vor, weil er übermüdet, betrunken und völlig bekifft war. „Ich habe dir das Gästebett bezogen, die zweite Türe links“, rief Sandra aus der Küche und Mave verstand den Hinweis. „Danke“, murmelte er viel zu leise, dann suchte er das richtige Zimmer auf, ließ sich in voller Kleidung ins Bett fallen und wartete auf den Schlaf. Doch der kam nicht. Minuten vergingen, sammelten sich zu einer Viertelstunde und gerannen schließlich zur halben Stunde, sein Hosengürtel drückte, die Socken zwickten an den Waden, Mave gab auf. Er wälzte sich aus dem Bett, kramte einen Kulturbeutel aus seinem Rucksack, schlich durch den dunklen Flur auf die Toilette, wusch sich mäßig, putzte die Zähne und legte sich dann, ordentlich ausgezogen, wieder ins Bett. Niemals hätte er zugegeben, dass er sich nun besser fühlte, augenblicklich fielen seine Augen zu, ein letzter, schuldbewusster Gedanke jagte durch seinen Schädel, dann schlief er tief und fest. „Guten morgen Sonnenschein!“, röhrte ein haariger, biestiger Menschenberg mitten in Maves wirre Träume hinein, schreiend fuhr dieser aus dem Bett, um Leib und Leben zu verteidigen. „Alles gut Bro, ich bin’s nur“, brummte der Riese im Flanellhemd gutmütig, Mave blinzelte und sah genauer hin, seine schlaftrunkenen Gehirnzellen erinnerten sich an den gestrigen Tag und identifizierten Joe Ziegler. Mave entspannte sich und ließ etwas beschämt das Kopfkissen sinken, das er instinktiv wie ein Schild an seine Brust gedrückt hatte. „Was willst du hier?“, fragte er betont unfreundlich, doch seine schlechte Laune verfing sich in Joes buschigen Augenbrauen und verpuffte wirkungslos. „Aufstehzeit, Frühstück!“, donnerte dieser mit leuchtenden Augen, dann zog er sich verblüffend leichtfüßig aus dem Zimmer zurück. Mave sah ihm stirnrunzelnd hinterher, unwillig strich er durch sein zerzaustes Haar, sein Geruchssinn wies zögerlich auf die Anwesenheit von Kaffeegeruchspartikeln hin, zumindest etwas, dachte Mave und schlich in Boxershorts und T-Shirt in die Küche. Sandra saß am Küchentisch und starrte auf ihr Handy, Joe stand am Herd und bereitete etwas zu, dass Mave in Ermangelung passender Worte gedanklich als Fressfest bezeichnete. Eier, Speck, Würstchen, Bohnen, alles brutzelte munter in diversen Pfannen. Überwältigt von dem opulenten Anblick beschloss Mave spontan bei Kaffee zu bleiben. „Schwarz. Zwei Stück Zucker.“, knurrte er knapp, während er sich an den Tisch setzte und den angebotenen Teller verweigerte. Joe war unverzüglich mit einer frisch aufgebrühten Tasse Kaffee bereit, er wirbelte wie eine glückliche Küchenfee umher und war für Maves Geschmack geradezu unausstehlich gastfreundlich. „Gut geschlafen?“, fragte Sandra ruhig, Mave grunzte neutral und trank wortlos den heißen Kaffee. „Wir müssen um elf Uhr am Westfriedhof sein“, sagte sie, ohne von ihrem Handy aufzuschauen, „dort treffen wir Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut. Mama wird um elf Uhr dreißig beigesetzt. Es gibt keinen Priester und auch sonst keinen Schnickschnack, da war sie sehr eigen. Ich habe einen Kranz bestellt und man durfte ein Lied aussuchen. Sie hat sich ‚we’ll meet again‘ in der Version von Johnny Cash gewünscht, du weißt ja, was für ein Fan sie war.“ Mave bemerkte ein Zittern in Sandras Stimme und sah Tränen, die aus ihren Augen auf das Display des Handys tropften. Es tut mir leid, wollte er sagen und konnte es nicht. Stattdessen nickte er nur und schwieg. „Hast du einen ordentlichen Anzug?“, fragte Sandra, ganz unvermittelt blickte sie vom Handy hoch und Mave erschrak, als er die überwältigende Traurigkeit in ihrem blassen Gesicht sah. Ein dicker Kloß sammelte sich in seinem Hals, also nickte er nur wieder wortlos und trank noch mehr Kaffee. „Du meinst aber nicht das schäbige Teil, das du gestern schon angehabt hast, oder?“ Mave erstarrte. „Naja“, stieß er errötend hervor, Sandra schüttelte entschlossen den Kopf und sog scharf die Luft ein. „Das kommt gar nicht in Frage.“, entfuhr es ihr schroff. „Soll ich mir etwa ein Flanellhemd von dem da ausborgen?“, antwortete Mave gehässig, sein ausgestreckter Zeigefinger deutete anklagend auf Joe, der mittlerweile ebenfalls am Küchentisch platzgenommen hatte und gierig einen randvollen Teller Fressfest in sich hineinschaufelte, doch Sandra wischte Maves Einwand mit einer ärgerlichen Handbewegung fort. „Ich habe einen Anzug für dich. Er wird angemessen sein“, sagte sie entschieden und Mave hörte am Klang ihrer Stimme, dass es keinen Platz für weitere Diskussionen gab. Eine knappe Dreiviertelstunde später stand er sauber und frisch rasiert vor dem großen Badezimmerspiegel, sein ordentlich gekämmtes Haar glänzte wie blauschwarze Krähenflügel und der anthrazitblaue Anzug, der ihm von Sandra aufgenötigt worden war, saß tatsächlich hervorragend. Mave betrachtete sein Erscheinungsbild beinahe wohlwollend, dann erinnerte er sich schlagartig an den Grund seines Aufzugs und das aufkeimende Wohlgefühl verschwand. Betrübt trollte er sich aus dem Badezimmer, im Flur stieß er auf Joe, der ein schwarzes Death-Metal T-Shirt und Jogginghose trug und sich gerade auf dem Weg ins Wohnzimmer befand. Maves irritierten Blick kommentierte er mit einem entschuldigenden Grinsen: „Die Beisetzung ist nur für Familienangehörige. Ich bin erst heute Abend wieder dabei.“ „Was ist heute Abend?“, fragte Mave neugierig. „Das erfährst du noch früh genug“, antwortete Sandra in seinem Rücken, sie hatte sich ebenfalls umgezogen und trug nun ein langärmliges, schwarzes Kleid mit zartem Spitzenkragen. Ihr lockiges Haar war im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, sie hatte darauf verzichtet ihre Augen zu schminken, nur ein wenig Rouge und dezenter Lippenstift brachten etwas Farbe in ihr Gesicht. „Was erfahre ich früh genug?“, bohrte Mave nach, der es hasste mit solchen Allgemeinsprüchen abgefertigt zu werden, doch Sandra schüttelte nur den Kopf. „Nichts da“, sagte sie knapp. Mave schimpfte sie halbherzig eine blöde Ziege und verfiel anschließend in schmollendes Schweigen, um keine weitere Unterhaltung führen zu müssen. Er schmollte auf dem Weg zum Friedhof, schmollte, als er Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut vorgestellt wurde und hörte erst auf zu schmollen, als er den Nebenraum der Friedhofskapelle betrat und einen Truhensarg aus Kiefernholz erblickte. Praktisch und schlicht waren die ersten Worte, die ihm in den Sinn kamen. Da liegt sie jetzt drin, sagte eine nüchterne Stimme in seinem Kopf und Mave fühlte ein unangenehmes Stechen im Magen. Er beobachtete Sandra, die sich dem geschlossenen Sarg näherte und bittere Tränen vergoss, blieb selbst in der Nähe der Türe stehen und konnte keinen Schritt weiter. Eine innere Barriere schien ihn zurückzuhalten, erst als seine Schwester unwirsche Zeichen gab, kam er widerwillig näher. Sandra nickte einem Mann zu, der sich dezent im Hintergrund aufgehalten hatte, dieser erwiderte das Nicken und verschwand hinter einem dunklen Vorhang. Kurz darauf erfüllten die Klänge von ‚we’ll meet again‘ den kleinen Raum, Mave hatte das Lied seit Jahren nicht gehört und wunderte sich nun über die eigenartige Wahl seiner Mutter. Die Beisetzung verlief überraschend zügig. Mave hatte mit einer gefühlsduseligen Zeremonie gerechnet, doch seine Befürchtung traf nicht ein, nach ein paar wenigen Gedenkminuten wurde der Sarg von sechs Sargträgern aufgenommen und gemessenen Schrittes nach draußen verbracht, Sandra und Mave folgten langsam über den knirschenden Kiesweg, der zur Grabstelle führte. Sandra weinte unentwegt und schnäuzte in ein großes Stofftaschentuch, Mave trug einen verschossenen Gesichtsausdruck zur Schau und sonst gar nichts. Auch jetzt noch war es ihm unmöglich echte Trauer zu empfinden und langsam begann er sich ernsthaft zu fragen, was zur Hölle nicht stimmte. Er beobachtete die zuckenden Schultern seiner Schwester, versuchte sich in ihren Abschiedsschmerz hineinzufühlen, suchte jene Traurigkeit zu finden, die er nach dem Tod der Mutter in seinem Herzen erwartet hätte, aber alles was er fand waren leere Gefühlshülsen, ausgebrannte Emotionen und Müdigkeit. Mave fühlte sich vollkommen deplatziert, als wäre er gänzlich unvorbereitet in eine unmögliche Situation geworfen worden, die er keinesfalls bestehen konnte. Ein hartes Eisenband schien sich um seinen Kopf zu schlingen, schien immer enger zu werden, bis sein Schädel knirschte, sein Magen revoltierte, scharfes Brennen stieg heiß seine Kehle empor, seine Knie begannen heftig zu zittern, sein Herz pochte wild, kalter Schweiß rann von seiner Stirn. Ruckartig machte er auf den Absatz kehrt, fluchtartig verließ er den Friedhof. Er rannte bis er völlig außer Atem war, winkte schließlich ein Taxi heran und nannte den Flughafen als erstes Ziel, das ihm in den Sinn kam, doch dann erinnerte er sich an seinen Rucksack, der noch in Sandras Wohnung lag und änderte die Zielangabe. Das Innere des Taxis roch nach feuchten Socken und kalter Asche, der Taxifahrer selbst stank nach Zigaretten und ungewaschenen Haaren. Mave fühlte sich unwohl und wollte am liebsten sofort wieder aussteigen, wollte, wenn möglich, gleich ganz aus seiner Haut aussteigen und warum überhaupt Feststofflich bleiben, er hätte sich gerne aufgelöst und endlich aufgehört zu existieren. Versunken in solch finstere Gedanken ertrug er die Fahrt durch den dichten Straßenverkehr, landete schließlich vor Sandras Wohnkomplex und klingelte stürmisch, bis der Türsummer ertönte. Joe nahm ihn an der Türe mit gefühlvoll blinzelnden Äuglein in Empfang, doch Mave hatte die Schnauze voll von Gefühlen, barsch blaffte er eine fadenscheinige Begründung für sein frühes Erscheinen, schob sich an Joe vorbei in die Wohnung und stürmte ins Gästezimmer. Er wollte packen und verschwinden, jetzt und sofort, doch aus unerfindlichen Gründen stolperte er stattdessen einfach nur auf das ungemachte Bett zu, fiel hinein und blieb regungslos liegen, bis er in bleiernem Schlaf versank.
Desorientiert und mit steifen Muskeln erwachte er aus nervösen Träumen, das Zimmer lag dunkel, die Sonne schien bereits lange untergegangen zu sein, verwirrt suchte Mave nach seinem Handy, als er es gefunden hatte erschrak er über die späte Uhrzeit. Ein dringendes Bedürfnis trieb ihn aus dem Bett, mit platten Schritten quälte er sich über den Flur ins Badezimmer, um zu pinkeln. „Mave?“, fragte eine dunkle Männerstimme von der anderen Seite der Türe. „Was?“, rief Mave ungehalten zurück, er konnte es nicht leiden, wenn er beim pinkeln gestört wurde. „Wir warten im Wohnzimmer auf dich“, sagte Joe, dann entfernten sich schwere Schritte von der Tür und Mave war wieder alleine. „Aha“, machte er nur und betätigte die Spülung. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, vermied es, in den Spiegel zu sehen, dann stand er mit baumelnden Armen vor dem Waschbecken und wusste nicht weiter. Er hatte keine Lust ins Wohnzimmer zu gehen, wollte schon gar nicht seiner Schwester unter die Augen treten, doch was sollte er tun? Davonlaufen? Schon wieder? Ein bitteres Lachen drang aus seiner Kehle, er nannte sich selbst einen feigen Hund, verpasste einer Fliesenkachel einen derben Fauststoß und schritt entschlossen ins Wohnzimmer. Sandra und Joe saßen eng aneinandergekuschelt auf der braunen Ledercouch und unterhielten sich leise, als Mave hereintrat unterbrachen sie das Gespräch. Mave hatte eine negative Reaktion erwartet, hatte mit Geschrei gerechnet und schlimmen Vorwürfen, doch seine Schwester erhob sich nur in einer fließenden Bewegung von der Couch, kam ohne zu zögern auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Mave erstarrte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte und vergaß vor Schreck zu atmen. „Es ist alles gut“, flüsterte Sandra, dann löste sie die Umarmung, griff nach seiner Hand und führte ihn zur Couch. Mave folgte verunsichert, setzt sich und nahm widerstandslos eine Tasse Tee entgegen. „Trink“, befahl Sandra ernst und Mave trank. Der Tee schmeckte bitter, angewidert verzog er das Gesicht, doch trotzdem trank er. Mave hatte das verquere Gefühl, es seiner Schwester schuldig zu sein den angebotenen Tee zu trinken, also stürzte er das widerliche Getränk in großen Schlucken hinunter. Mit schiefem Lächeln reichte er die leergetrunkene Tasse zurück und kam sich dämlich vor. „Ich habe nachgedacht.“ Sandra sprach betont langsam und deutlich und Mave dachte bitter, dass nun doch noch eine Zurechtweisung folgen würde. Er begann sich gedanklich bereits zu rechtfertigen, doch Sandra wollte offenbar auf etwas völlig anderes hinaus: „Ich habe lange, sehr lange nachgedacht. Über dich und deine verkorkste Beziehung zu Mama. Warum alles schiefgelaufen ist und wieso es nie wieder heil wurde. Und weißt du was? Ich kann es nicht verstehen.“ Sie rückte nahe an Mave heran und sah ihm tief in die Augen, Mave zuckte unwillkürlich ein wenig zurück, wagte aber nicht wegzusehen. „Ich glaube du kannst es selbst nicht verstehen. Du bist damals einfach weggegangen und hast nie aufgehört dich zu entfernen. Du bist kein einziges Mal stehengeblieben, um einen Blick zurückzuwerfen auf Mama und mich.“ Sandra atmete schwer und Mave dachte unbehaglich, sie erwarte nun eine Antwort von ihm, doch sie begann wieder zu sprechen bevor er den Mund öffnen konnte. „Deswegen schicke ich dich heute Abend nach Hause“, sagte Sandra bestimmt und in ihre Augen trat ein seltsamer Glanz. „Hä?“, machte Mave, der nicht verstand und vielleicht auch nicht verstehen wollte, was seine Schwester soeben gesagt hatte. „Ich habe dir eine synthetische Droge verabreicht“, erklärte Sandra lapidar. „D-du hast was?“, stotterte Mave verblüfft. „Du hast mich schon ganz richtig verstanden, Bruderherz. Wir fahren jetzt zu Mama. Komm.“ Sandra und Joe erhoben sich zeitgleich von der Couch, Mave blieb völlig perplex sitzen und glotzte mit offenem Mund. „Du hast was?“, fragte er wieder, ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Unterleib aus und er wußte nicht zu sagen, ob es Angst oder die Droge war. „Stell dich nicht so an. Steh auf und komm“, antwortete Sandra kalt, Joe trat an Mave heran und half ihm sanft, aber bestimmt auf die Beine. Mave war viel zu schockiert, um sich gegen die Behandlung zur Wehr zu setzen, widerstandslos ließ er sich aus der Wohnung und bis zu Joes rostigem Kleinwagen führen. „Wohin fahren wir?“, fragte er vorsichtig, doch niemand gab Antwort. Eingeschüchtert nahm Mave auf der Rückbank platz, Sandra setzte sich neben ihn und drückte ganz unvermittelt seine Hand. „Es wird alles gut. Vertrau mir“, sagte sie und Mave hätte am liebsten laut losgelacht, doch in diesem Moment begann die Droge zu wirken und seine Wahrnehmung kippte und zerbrach wie ein Spiegel. Das Innere des Wagens begann zu schmelzen, die Umgebung fühlten sich merkwürdig fluffig an, milchige Flüssigkeit quoll aus den Ritzen der Sitzgarnitur, von der Decke des Autos tropfte etwas, das aussah wie dunkle Schokolade. Mave hielt sich entsetzt an der Hand seiner Schwester fest, „Krass“, war alles, was er sagen konnte, das Wort glitt weich von seinen Lippen und plumpste in leuchtend orangeroten Buchstaben in den Fußraum des Wagens. Mave starrte fasziniert und vergaß seine Angst. „Coooool“, sagte er, dehnte das Wort, so lange er konnte und beobachtete gebannt, wie die vielen Os aus seinem Mund purzelten. „Iiiist daaas noooormaaaal?“, fragte er gedehnt, das Wageninnere füllte sich mit bunten Buchstaben und Mave dachte geistesgegenwärtig daran, das Fenster zu öffnen, um sie nach draußen zu lassen, bevor kein Platz mehr war. Doch es war ihm unmöglich den Mechanismus des Fensterhebers zu bedienen, hilflos zupfte er daran herum, bis eine Frauenhand in seinem eingeschränkten Sichtfeld auftauchte und den Schalter drückte. Das Fenster glitt einen Spaltbreit herunter und die wimmelnden Buchstaben wurden vom Fahrtwind aus dem Wageninneren gerissen. Mave sah ihnen grinsend hinterher. „Auf Wiedersehen“, rief er und fand sich unheimlich komisch. „Wir sind da“, sagte eine Stimme in seinem Kopf, die wie die Stimme seiner Schwester klang, Mave nickte bedächtig und rührte sich nicht. Übelkeit stieg in seinem Magen auf, er hatte das drängende Bedürfnis erbrechen zu müssen, doch der Moment ging vorbei und die Übelkeit verschwand. Mave schloß für einen kurzen Moment die Augen, als er sie wieder öffnete stand er auf einem Kiesweg, der sich wie eine unendlich lange, leuchtend weiße Schlange durch die Dunkelheit wand. „Was zur Hölle?“, rief Mave irritiert, während er versuchte auf dem schlängelnden Kiesweg das Gleichgewicht zu halten. „Es sind nur noch ein paar Meter“, brummte ein strubbeliger Grizzlybär, der an seiner Seite trottete und ein lächerlich kariertes Flanellhemd trug. „Joe?“, fragte Mave ungläubig und blieb stehen, der Bär setzte sich auf seinen dicken Hintern, wackelte freundlich mit den Ohren und hob eine Vordertatze: „Ich wusste von Anfang an, dass du ein Bär bist!“ Triumphierend verpasste Mave der erhobenen Tatze ein High Five, das riesige Tier grinste und ein dunkles Lachen drang aus seiner pelzigen Bärenbrust. „Schon klar“, gluckste Joe, dann erhob er sich schnaufend und trottete weiter. Mave folgte der zotteligen Gestalt durch die Nacht und grübelte vergnügt, ob er vielleicht ein Stück des Weges auf Joes breitem Rücken reiten könnte. „Da ist Mamas neues Zuhause“, sagte Sandra, ihre schlanke Silhouette manifestierte aus purer Dunkelheit, ihre Worte fielen wie schwere Steine und schlugen Wellen in Maves mäandernde Gedanken. „Mamas neues Zuhause“, wiederholte er leise und versuchte zu begreifen, was er sagte. Unbehagen rieselte kalt seine Wirbelsäule hinunter, er wollte keinesfalls hinsehen, doch seine Augen wanderten selbstständig über kurzgemähten Rasen und saubere Beetmarkierungen und blieben schließlich an einem Erdgrab hängen, auf dem ein wunderschöner Trauerkranz aus Trockenblumen lag. „Hallo Mama, schau mal, wen ich mitgebracht habe“, sagte Sandra und Mave erschrak über die Traurigkeit in ihrer Stimme, er hatte das impulsive Bedürfnis seine Schwester zu umarmen, doch er konnte die Füße nicht von der Stelle bewegen. Mave stand wie angewurzelt vor dem Grab. „Ich glaube, ihr habt euch viel zu sagen. Ich lasse euch beide jetzt allein.“ Sandra begann sich langsam in Luft aufzulösen und Mave wollte schreien, wollte bitten und betteln, sie möge ihn nicht allein an diesem fürchterlichen Ort lassen, doch sein Mund blieb fest geschlossen und nur ein leises Wimmern drang aus seiner Kehle. Stockstarr musste er mitansehen, wie seine Schwester in der Dunkelheit verschwanden, in der mit einem Mal nichts mehr zu existieren schien, als Mave und das Grab seiner Mutter. Verdammte Scheiße, dachte Mave entsetzt, er versuchte seinen linken Fuß vom Boden zu heben, zog und zerrte mit aller Kraft, doch je mehr er sich bemühte, desto fester schien er verankert. Sein rechter Fuß sankt tief in den Boden ein und Mave begriff mit heißkalter Panik, dass die Erde ihn gnadenlos verschlingen würde, er schrie um Hilfe, schlug um sich, kämpfte verbissen, doch das Erdreich öffnete sich unaufhaltsam und verschluckte ihn mit einem satten Schmatzen. Absolute Finsternis umfing Mave, er wurde von ihr umschlungen, spürte eine erstickend schwere Last auf seinen Brustkorb drücken und fragte sich angsterfüllt, ob es sich so anfühlte zu sterben. Grelle Lichtblitze erschienen vor seinen Augen, weiße und rote Punkte, die wie Feuerwerk in seinem Kopf explodierten. „Das ist zu viel!“, schrie er gequält, doch der Druck wuchs unaufhörlich weiter und Mave verlor das Bewusstsein.
„Es ist eine Schande“, sagte eine knarzige Frauenstimme, Mave blinzelte und schlug verwirrt die Augen auf, er lag zusammengerollt auf dem Grab seiner Mutter und hielt den Trauerkranz fest umklammert. Eine dicklich alte Dame stand über das Grab gebeugt, sie stierte mit tadelndem Blick auf seine jämmerliche Gestalt und verzog das runzelige Gesichtchen. „Eine Schande“, wiederholte sie verstimmt, Mave löste sich beschämt vom Trauerkranz und stand unbeholfen auf. „Die haben Ihre Mutter einfach über mich drübergelegt!“, schimpfte die alte Dame, Mave klopfte Erdklumpen von seiner Kleidung und nickte ohne zuzuhören. Er fragte sich ärgerlich, wohin Sandra und Joe verschwunden waren, er fror erbärmlich und wollte gerne etwas essen, duschen und verdammtnochmal schlafen. „Tieferlegen nennen die das hier, hat man sowas schon gehört?“, ereiferte sich die runzlige Alte und langsam drang ihr Gezeter bis in Maves benebelte Gedanken. „Was haben Sie da gerade gesagt?“, fragte er langsam. „Tie-fer-le-gen“, wiederholte sie und betonte jede Silbe, als halte sie Mave für nicht ganz zurechnungsfähig. „Nein, ich meinte das davor.“ Mave wandte seine volle Aufmerksamkeit der alten Dame zu, die wie eine krumme Teekanne neben dem Grab seine Mutter stand und zornig schäumte, doch sie schien nicht gewillt, auf seine Frage einzugehen. „Ich liege schon seit dreißig Jahren hier und jetzt sowas!“, fauchte sie zornig und ballte die winzigen Fäuste. „Aha“, machte Mave, das Herz schlug hart in seiner Brust und ein Stein saß zentnerschwer in seinem Magen. „Man muss doch wohl auch Rechte haben wenn man tot ist, oder was meinen Sie?“ Mave nickte automatisch, dann schüttelte er den Kopf. Übelkeit rollte in schlingernden Wellen über ihn hinweg und diesmal konnte er den Brechreiz nicht zurückhalten, Mave taumelte würgend zu einem nahen Busch. „Geht es Ihnen nicht gut, junger Mann?“ Die alte Dame war ihm zum Busch gefolgt und lugte neugierig durch die Zweige. Mave fluchte ungehalten. „Warum laufen Sie mir nach?“, jammerte er entrüstet, „Ich kann doch auch nichts für Ihre Situation.“ „Natürlich, natürlich. Alles nicht Ihre Zuständigkeit“, grummelte die alte Dame ärgerlich. „Bitte! Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“ Mave schrie lauter als er beabsichtigt hatte, erschrocken von seiner eigenen Härte verlor er das Gleichgewicht und fiel schwer auf den Hosenboden. „Das kommt davon“, schnaubte die dickliche Dame pikiert, sie machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf davon. Mave kam ungelenk wieder auf die Beine und starrte ihrer rundlichen Gestalt mit gerunzelter Stirn hinterher, angewidert wischte er Reste von Erbrochenem aus seinem Mundwinkel. „Frau Schubert hast du also schon kennengelernt.“ Mave erkannte die vertraute Stimme seiner Mutter und zuckte schuldbewusst zusammen. Er sah sich schnell nach allen Seiten um, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. „Hallo?“, fragte er verunsichert und wusste nicht, ob er eine Antwort hören wollte. „Hallo Mave“ Plötzlich stand sie vor ihm, er blinzelte nur kurz und im nächsten Augenblick war sie da und sah haargenau so aus, wie Mave sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine lange Strickjacke aus dunkelgrüner Wolle und ausgewaschene Blue-Jeans, Mave erinnerte sich vage, dass sie diese Kleidung auch getragen hatte, als er zum letzten Mal bei ihr zu Besuch gewesen war. Er hatte sich lustig gemacht über diese Strickjacke, hatte gesagt, dass selbst fünfzig Cent auf dem Flohmarkt zu teuer wären für so ein schäbiges Teil, Mave erinnerte sich schlagartig an jedes einzelne Wort und schämte sich prompt. „Hey Bettina“, sagte er hohl, weil er nicht wußte, wie er sonst reagieren sollte. „Wie geht es dir?“ fragte sie und ging mit einem leichten Kräuseln der Stirn darüber hinweg, dass er sie nicht Mutter nannte. „Hm“, machte Mave und zuckte unschlüssig mit den Achseln. Schweigend standen sie sich gegenüber, es schien als wären sie im Tod genauso unfähig zu einer Unterhaltung, wie sie es im Leben gewesen waren. „Wie geht es Sandra?“, fragte seine Mutter schließlich, sie schlenderte die wenigen Schritte bis zu ihrem Grab und betrachtete liebevoll den schönen Trauerkranz, der nach Maves ohnmächtiger Umarmung ein wenig zerpflückt aussah. „Sie ist sehr traurig“, antwortete Mave wahrheitsgemäß, und ich bin es nicht, dachte er düster, aber er konnte sich nicht überwinden es auszusprechen. „Das liegt an deiner Depression“, flüsterte seine Mutter behutsam in seinen Gedanken, Mave riß erschrocken die Augen auf und fauchte ganz automatisch: „Ich habe keine Depressionen!“ Bettina lachte. Es war ein gelöstes, befreiendes, glockenhelles Lachen und ihre Gesichtszüge wirkten um Jahre verjüngt. „Ha-ha“, äffte Mave beleidigt, doch das Lachen war entwaffnend ansteckend und schließlich konnte er ein Schmunzeln nicht länger unterdrücken. „Es ist so schön dich zu sehen“, gluckste seine Mutter vergnügt, Mave wurde schlagartig wieder ernst, wich beschämt ihrem Blick aus und starrte auf seine Füße. Bunte Muster tanzten in verschlungenen Linien über seine Schuhe, Mave fühlte sich schwindlig und sah schnell wieder weg. Seine Augen wanderten unstet über den nächtlichen Friedhof, tasteten über den hellen Kiesweg und die dunklen Gräber und bemühten sich, nicht auf das Gesicht seiner Mutter zu treffen. „Ich liebe dich“, sagte Bettina und die Schlichtheit ihrer Worte brach wie eine Sturzflut über Mave herein, sodass etwas in seinem Inneren nachgab und krachend zerbrach. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du sterben musst?“, brüllte er zornig, dicke Tränen schossen aus seinen Augen, er schlug wütend mit der Faust gegen seine Brust und wünschte sich, die Welt in Stücke reißen zu können. „Ich wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen“, antwortete Bettina trocken, sie lehnte an einem benachbarten Grabstein und beobachtete gelassen den Tobsuchtsanfall ihres Sohnes. „Ich wollte nicht dahinsiechen und darauf warten, dass du irgendwann anrufst und dich entschuldigst, weil du nicht kommst. Ich wollte die Ausreden nicht hören, die du dir ausgedacht hättest, und ich wollte nicht lügen und behaupten, es mache mir nichts aus.“ Mave starrte fassungslos in das ruhige Gesicht seiner Mutter, in dem weder Vorwurf noch Schmerz zu lesen waren, er spürte, dass sie die Wahrheit sagte und es tat unbeschreiblich weh, sie dabei so entspannt zu sehen. „Ich wäre ganz bestimmt gekommen“, presste er bitter hervor, doch Bettina ignorierte seinen kindischen Einwand. „Du hast dich für deine unterdurchschnittliche Herkunft geschämt“, sagte sie, ohne Bedauern in der Stimme, „deshalb bist du so weit weggegangen, wie du nur konntest, um mich und deine ärmliche Vergangenheit zu vergessen.“ „Das stimmt nicht!“ Mave zog lautstark Rotz durch die Nase, seine Stimme überschlug sich schrill und er hatte Mühe genügend Luft zu bekommen. „Im Lauf der Jahre hast du dich dann nur noch an die schlechten Erlebnisse zwischen uns erinnert. Hast unsere alten Streitgespräche wiedergekäut und die vielen Male, in denen ich dich enttäuscht hatte, bis ich nur noch eine ferne, lästige Erinnerung war, die du am liebsten abgestriffen hättest ,wie einen lästigen Pullover. Aber weißt du was?“ Bettina löste sich vom Grabstein und ging mit federnden Schritten auf Mave zu, der unwillkürlich zurückschreckte, doch plötzlich von einer unsichtbaren Mauer aufgehalten wurde, die ihn zwang stehenzubleiben. Mit dem Rücken zu jener Wand stand Mave seiner Mutter gegenüber, sein Herz schlug bis zum Hals und er schloss krampfhaft die Augen, um sie nicht ansehen zu müssen. Bettina nahm sein verschwitztes Gesicht sanft in ihre kühlen Hände und zog es zärtlich an ihres heran. „Für jede schlechte Erinnerung, die du an mich hast, habe ich eine gute Erinnerung an dich“, hauchte sie und eine rasend schnelle Folge von Bildern und Gefühlen schwemmte über Maves Bewusstsein hinweg. Er fühlte Geborgenheit und Wärme, hörte Kinderlieder und ausgelassenes Gelächter und war eingebettet in das wohlige Gefühl bedingungslos geliebt zu werden. Mave verlor sich in diesem Gefühl, er sog es auf, atmete es ein und spürte in jeder Zelle seines Körpers ein sonnenähnliches Strahlen, das ihn erschaudern ließ. „Ich liebe dich“, erklang die gefühlvolle Stimme seiner Mutter überall um ihn herum und endlich brach es auch aus Mave heraus: „ich liebe dich auch“, schluchzte er betroffen und schlug die Augen auf. Bettina war verschwunden, Mave stand allein vor ihrem Grab und das plötzliche Fehlen ihrer innigen Umarmung riß ein tiefes Loch in seine Seele. „Du fehlst mir, Mama“, wimmerte er und schrak zusammen, als sich ganz unerwartet eine Hand auf seine bebende Schulter legte. „Sie fehlt mir auch“, sagte Sandra und Mave wunderte sich nicht, woher sie auf einmal gekommen war, sondern schlang nur mit wildem Seufzen die Arme um seine Schwester. „Es tut mir leid“, heulte er und drückte sie so fest an sich, wie er nur konnte, Sandra erwiderte die Umarmung innig und ließ erst wieder los, als Mave sich ein wenig beruhigt hatte. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie, mit einem prüfenden Blick auf seine zerbeulte Erscheinung. „Wie ausgekotzt“, antwortete Mave ehrlich und grinste verlegen. „Willst du Frühstücken?“ Sandra ergriff die Hand ihres Bruders und drückte liebevoll seine klammen Finger. „Gerne“, hauchte Mave und drückte zurück. „Na, dann komm.“ Sandra dirigierte den restlos erschöpften Mave bis zu einer Parkbank, auf der Joe mit überschlagenen Beinen saß und wartete. „Könnten wir nicht vielleicht auf dem Bären nach Hause reiten?“, fragte Mave hoffnungsvoll, während er vor der Parkbank langsam in die Knie ging. „Na klar“, brummte Joe freundlich und hob ihn sanft vom Boden auf.

© sybille lengauer

Heinrich, der Detekiv

Wenn du den Leuten erzählst, dass du von Beruf Barkeeper bist, denken die meisten sofort du würdest nur nächtelang hinter irgendeinem schummrig beleuchteten Tresen lehnen, gelegentlich ein wenig Alkohol ausschenken und endlos Gläser polieren. Sie stellen sich vor, deine Hauptaufgabe bestünde darin besoffenen Vollversagern zuzuhören, die ihr Herz ausschütten und ihr Bewusstsein zuschütten wollen und ihnen das Geld mit überteuerten Cocktails aus der Tasche zu ziehen. Irgendwie kommt ihnen nie in den Sinn, dass der Beruf des Barkeepers ein echter Knochenjob ist: die langen, langen Nachtschichten im Stehen (hast du schon mal einen Barkeeper gesehen, der sich während der Arbeit hingesetzt hat?), die Dauerbelastung durch denn gottverdammten Lärm und der anhaltende Stress (hast du schon mal einen Landfrauen-Kegelverein zu Gast gehabt, während gleichzeitig zwei Junggesellenabschiede und eine Geburtstagsfeier stattfinden?), früher kam noch der Rauch von hunderten Zigaretten hinzu, dafür bläst dir heutzutage ständig irgendeine blöde Klimaanlage den Nacken steif – all das erträgst du mit einem Lächeln im Gesicht und einem flotten Spruch auf den Lippen, denn ein schlecht gelaunter Barkeeper macht kein Geschäft und ist bald ein arbeitsloser Barkeeper. Von der seelischen Belastung dieser gute-Laune-Diktatur, von den Bandscheibenvorfällen und entzündeten Gelenken, den Krampfadern und chronischen Hämorrhoiden will ich gar nicht erst anfangen, doch all das sehen die Leute nicht, wenn du ihnen erzählst, dass du Barkeeper bist, sie sehen nur ein Klischee, das sich in ihren Köpfen festgesetzt hat und das genügt ihnen schon. Aber vielleicht muss das ja so sein, vielleicht sehen wir ständig nur die Klischees der Begriffe, ohne sie jemals wirklich wahrzunehmen, sehen immer nur die fadenscheinige Kulisse, ohne dahinter schauen zu wollen. Darum halten wir anzugtragende Bankiers für schlau und kopftuchtragende Putzfrauen für dumm und Barkeeper eben für so etwas wie das Inventar einer Bar, ein mobiler Getränkespender mit Puls, gesichtslos und zur erleichterten Handhabung mit einem Namensschild versehen, auf dem nur der Vorname steht: ‚Es bedient Sie Roberto‘ und alles wird gut. Und vielleicht ist es richtig, sich nicht allzu sehr für sein Gegenüber zu interessieren, da wir ja allesamt, ganz nach Klischee, unser Päckchen zu tragen haben und wo kämen wir da hin, wenn sich jeder ständig für die Lebenszustände des anderen interessieren und sogar noch verantwortlich fühlen müsste? Wir würden aufgerieben werden und schließlich den Verstand verlieren, so wie diese armen Irren, die sich die Schädel kahlrasieren und auf der Straße Umarmungen für Krishna verteilen oder was weiß ich – oder wir würden Tag und Nacht Tränen vergießen ob der schieren Ungerechtigkeit der Welt und unseres Lebens nicht mehr froh.

Heinrich war so ein erzsentimentaler Typ, auch wenn man das aufgrund seiner grobschlächtigen Erscheinung nicht vermutet hätte. Er sah aus wie ein brutaler Fleischhauer oder ein minderbemittelter Straßenboxer, du weißt schon, mit einer zerquetschten Blumenkohlnase im hässlichen Gesicht, mit winzigen Äuglein, wulstigen Lippen, einem gedrungenen, tonnenförmigen Körper, der zu gleichen Teilen aus festem Muskelfleisch und hartem Fett zu bestehen schien und abnorm riesigen Händen, die wie deformierte Klodeckel aussahen. Die fadenscheinige Kulisse seines abstoßenden Äußeren wies ihn als brutalen Wüstling aus, doch dahinter steckten ein wacher Verstand und ein butterweiches Herz, das an der Welt zu zerbrechen drohte. Nie im Leben wäre man auf den Gedanken gekommen, dass Heinrich ein erfolgreicher Privatdetektiv war und genau darin bestand wohl sein großer Vorteil, man unterschätzte ihn mit grausamer Beiläufigkeit, sofern er überhaupt wahrgenommen wurde, denn Heinrich konnte, wenn er wollte, so unauffällig sein wie eine tote Ratte im Rinnstein, man bemerkte ihn erst, wenn man fast auf ihn trat. Ich möchte wetten er hätte sein brutales Aussehen liebend gerne gegen eine attraktivere Erscheinung eingetauscht, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert und so machte er das Beste aus seinen verborgenen Talenten, er wurde nicht Fleischhauer, er wurde nicht Straßenboxer, er wurde ein gut bezahlter Schnüffler, der untreuen Ehepartnern nachspionierte, hinterfotzigen Betrügern das Handwerk legte oder vermisste Personen ausfindig machte, nachdem die Polizei schon lange aufgehört hatte nach ihnen zu suchen. Heinrich betonte mehrfach, dass er über lange Jahre große Befriedigung aus seinem Beruf gezogen hatte, der eigentlich vielmehr einer Berufung als einer normalen 0815-Beschäftigung gleichkam. Er steckte sein Herzblut in jeden einzelnen Fall und war erst dann zufrieden, wenn auch seine Klienten zufriedengestellt waren (was ihm erstaunlich häufig gelang, er war wirklich verdammt gut in seinem Metier und das sage ich nicht nur, weil er ein feiner Kerl war. Ich kenne eine Menge Leute. Ich habe mich umgehört.). Im Grunde hatte er sich recht behaglich in seinem Leben eingerichtet, auch wenn er manchmal, in einem melancholischen Moment, den Sinn seiner Existenz hinterfragte und besoffen vor Weltschmerz den Mond anheulte – wer tut das nicht, von Zeit zu Zeit? Seine grundsätzliche Lebenseinstellung war jedenfalls positiv, bis er über den einen Auftrag stolperte, der ihm das Genick brechen sollte, jenen Fall, der ihn zu einem gebrochenen, tieftraurigen Menschen machte, den die undurchsichtige Strömung des Zufalls schließlich an meinen alkoholgetränkten Arbeitsplatz spülte: Das Verschwinden der vierzehnjährigen Cindy Nabicht.

Heinrich tauchte eines Abends an meinem Tresen auf; wie so viele Gäste davor und danach grüßte er mit einem knappen Kopfnicken und verlangte, ganz altbacken, nach Bier und einem Doppelten. Ich erwiderte den Gruß, servierte das Gedeck und nahm unauffällig Maß, sah er doch wie ein fieser Schläger aus dem Bilderbuch aus, der Ärger und zerbrochenes Mobiliar versprach – doch irgendetwas an seiner Ausstrahlung ließ mich zügig erkennen, dass von diesem ungeschlachten Kerl keinerlei Gefahr zu erwarten war, es wirkte vielmehr, als habe sich die personifizierte Traurigkeit an meinen Tresen gesellt, ein Sorgentropf mit Mördervisage, der nur in Ruhe seinen Kummer ertränken wollte. Ich beachtete ihn also nicht weiter als nötig, versorgte nur seinen Durst regelmäßig mit Nachschub und ließ ihm seinen Frieden, denn traurige Trinker soll man nicht unterbrechen. Außerdem hatte ich ordentlich zu tun, der Laden war, wie so häufig, bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft mit Gästen. Erst als sich die Nacht dem Ende neigte und nur noch wenige Ausdauertrinker die Bar bevölkerten, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf jenen vierschrötigen Klotz, der still auf einem Barhocker saß, sich mit schier mechanischer Präzision betrank und dabei wirkte wie ein einziges elendes Seufzen. Ich überlegte, ob und wie ich ihn ansprechen sollte, doch noch bevor ich einen passenden Spruch aus meinem reichhaltigen Konversations-Potpourri hervorkramen konnte, richtete er seine kleinen Äuglein auf mich und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Ich verstand und hielt die Klappe, stellte nur ein weiteres Gedeck vor ihm ab und trollte mich wieder, ich zwinge niemandem ein Gespräch auf, so einer bin ich nicht. Meine Reaktion schien ihm zu gefallen, er gab später ein großzügiges Trinkgeld, bevor er mit mächtig Schlagseite aus der Bar hinaus wankte. Am nächsten Abend, kurz nach der Happy Hour, war er wieder da, bestelle Bier und einen Doppelten und das Spiel begann von vorn. Drei Wochen lang ging das so, Heinrich tauchte am Tresen auf und nickte zur Begrüßung, trank die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen und verschwand, ohne einen Satz gesprochen zu haben, selbst seine immergleiche Bestellung brauchte er nicht mehr zu artikulieren und darüber zeigte er sich hochzufrieden, das Trinkgeld war regelmäßig reichlich und Heinrich avancierte bald zu meinem liebsten Stammgast, er verursachte keinen Ärger, stand niemandem im Weg und trank in beachtlichen Mengen, hätte ich mehr Gäste wie ihn, ich wäre tiefenentspannt wie der adipöse Kater meiner noch adipöseren Vermieterin, der den ganzen Tag nur faul in der Sonne herumliegt und die Fliegen an der Fensterscheibe beobachtet.
Eines frühen Morgens, als ich bereits die helle Deckenbeleuchtung eingeschaltet hatte, die selbst die hartnäckigsten Irrlichter hinaus auf die Straße treibt, brach es plötzlich aus Heinrich heraus und er begann zu reden. Hart und schnell, es hatte den Anschein, als wollten die Worte, die sich über die Wochen hinter seinen unschönen Lippen aufgestaut hatten alle auf einmal ausgespuckt werden, sie drängten hervor und reihten sich im Stakkato aneinander, ganz ohne Punkt und Komma. „Ich hätte ihn fast getötet“, begann er und ich hielt erstaunt in meiner Abrechnung inne und fragte mich, ob ich richtig gehört hatte, doch Heinrich achtete nicht auf meine Reaktion, sondern redete einfach weiter. „Ich hätte ihm fast das Licht ausknipst, dabei ist er doch auch nur ein armer, alter Trottel, der es nicht besser weiß, oder nicht? Er hat sie abgöttisch geliebt und wollte nur das Beste für sie und jetzt muss er mit der Schuld leben, auch wenn er das heute noch nicht einsehen kann, nicht einsehen will. Er hat sie dazu getrieben, seine Ignoranz hat sie in den Tod getrieben, aber wir alle tragen Mitschuld an diesem elenden Zustand, weil wir alle verantwortlich sind für den Zustand unserer Gesellschaft und das müssen wir akzeptieren, oder nicht?“ Er schaute mir ganz unvermittelt in die Augen und ich zuckte vielleicht ein bisschen zurück, als ich den überwältigenden Schmerz in ihnen lodern sah, ich wusste nicht mehr zu antworten, als mit einem nichtssagenden Schulterzucken zwei Bier zu zapfen, eines stellte ich vor ihm ab, das andere war für mich, ich prostete ihm zu, er seufzte und trank in langen Schlucken, dann kramte er sein Portemonnaie hervor, legte einen großzügigen Betrag auf den Tresen und ging, ohne noch etwas zu sagen.

Tagelang keine Spur von Heinrich. Ich ärgerte mich nicht wenig, weil ich fürchtete, ihn mit meiner spärlichen Reaktion vergrault zu haben und fragte mich insgeheim, ob er sich vielleicht das Leben genommen hatte, sein Blick war so unbeschreiblich schmerzerfüllt gewesen, es hätte mich nicht groß gewundert, wenn er sich den Strick genommen hätte, vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon baumeln. Wäre nicht der erste Gast, den ich an die große Traurigkeit verlor, Selbstmord kommt in den besten Familien vor, oder wie heißt das noch schnell? Doch eine Woche später, kurz nach der Happy Hour, war Heinrich wieder da, stellte sich an den Tresen und grüßte mit einem knappen Kopfnicken, so als wäre nichts gewesen. Das sehr wohl etwas gewesen war, erkannte ich an seinem verwahrlosten Äußeren, sein Hemd war dreckig und zerknittert und hing vorne aus der Hose, die Hose selbst war mit dunklen Flecken übersäht, Heinrich sah aus, als hätte er im Rinnstein gelegen und vielleicht hatte er das auch, wer konnte das schon wissen. Sein Gesicht wirkte verquollen, die Haut wächsern und bleich, seine kleinen Augen waren unter dicken Augenringen zu winzigen Punkten geschrumpft und all das wurde umrandet von einem stoppeligen Drei-Tage-Bart, der ihn noch ungepflegter und bedrohlicher erscheinen ließ. Ich servierte sein übliches Gedeck und bemühte mich, ihn nicht allzu intensiv anzustarren, doch er schien meinen Blick trotzdem zu bemerken, denn er runzelte zerknirscht die Stirn und stopfte sich das Hemd in die Hose. Ich stellte ihm daraufhin einen weiteren Doppelten hin, sagte in ruhigem Ton „geht auf’s Haus“ und zog mich wieder zurück, immerhin wollte ich ihn nicht wieder verschrecken, sondern nur meine Sympathie ausdrücken, ohne überheblich zu wirken. Heinrich verstand die Geste, schien sich sogar darüber zu freuen, ein kurzes Lächeln huschte über sein abstoßendes Gesicht, doch dann wurde es schnell wieder finster, die Schwermut drückte seine Mundwinkel herunter und es war, als hätte es nie ein Lächeln gegeben.
Heinrich fand schnell wieder in seinen alten Rhythmus, er trank mit stiller Entschlossenheit und ignorierte den ausgelassenen Trubel, der an allen Ecken gegen die Bar brandete, bis die Gäste schließlich immer weniger wurden und so etwas wie Ruhe einkehrte, nur unterbrochen von den gelallten Unterhaltungen der wenigen Hartgesottenen, die bis zuletzt nicht nach Hause gehen wollten. Ich hielt mich unauffällig in Heinrichs Nähe auf und wartete gespannt, ob er so kurz vor der Sperrstunde wieder Redebedarf zeigen würde, ich war neugierig, das muss ich offen zugeben und ich bin nur selten neugierig, denn die meisten Geschichten hast du schon einmal zu of gehört, wenn du längere Zeit in meinem Job bist, das ist wie bei Taxifahrern und Friseuren, wir haben alle schon alles gehört, mindestens vierzig Stunden die Woche, für viel zu wenig Lohn. Aber Heinrich hatte so etwas an sich, ich kann es nicht näher beschreiben, es war nicht zu greifen, nicht zu erklären, aber es machte ihn interessanter als die meisten Menschen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte. Ich hoffte also, dass er wieder ein Gespräch beginnen würde, forderte es sogar heraus, indem ich ab und an versuchte Blickkontakt herzustellen und tatsächlich hatte ich Glück, Heinrich erwiderte meinen Blick und etwas sagte mir, dass er nun soweit war, er wollte endlich loswerden, was ihn so sehr belastete. Ich sorgte also dafür, dass wir ungestört waren, zapfte zwei Bier, kramte den letzten verbliebenen Aschenbecher aus der großen Schublade, der aus nostalgischen Gründen das große Rauchverbot überstanden hatte, umrundete den Tresen, zog einen Hocker heran und setzte mich neben Heinrich. Ich bot ihm eine Zigarette an, wir rauchten und beobachteten den Zigarettenrauch, der die verlassene Bar in verschlungene Nebel tauchte und ich fühlte so etwas wie Verbundenheit mit diesem unansehnlichen Kerl, der sich nun endlich namentlich vorstellte und mir ganz altmodisch die Hand schüttelte, so als wären wir einander offiziell bekannt gemacht worden.
Das Gespräch kam erst nur stockend in Gang, Heinrich erzählte in sprunghaften Anekdoten von seinen Erfahrungen als Privatdetektiv, ich plauderte daraufhin auch ein wenig aus dem Nähkästchen und gab ein saftiges Geschichtchen zum Besten, um die trübe Stimmung aufzulockern, doch es war als würde man versuchen einen Ziegelstein zu unterhalten, Heinrich hörte zwar zu, doch er zeigte keinerlei Emotion, nicht einmal ein Schmunzeln war ihm zu entlocken. Ich hörte also auf ihn unterhalten zu wollen und hörte lieber zu, was er zu sagen hatte, auch wenn es schwierig war einen roten Faden zu entdecken, ich dachte, dass er irgendwann schon zum Punkt kommen würde und ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Wir rauchten und tranken, Heinrich erzählte und ich hörte zu, Zeit verging ungemessen und es fühlte sich bald an, als säßen wir seit unendlichen Stunden an der Bar, zeitlos ins Gespräch vertieft, zwei undurchschaubare Gestalten, die sich langsam annäherten. „Ich liebe meinen Beruf“, sagte Heinrich schließlich und ich nickte zur Bestätigung und hob das Glas an die Lippen. „Ich liebe meinen Beruf“, wiederholte er mit Nachdruck, „aber ich kann nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr.“ Er ließ den Kopf hängen und seufzte schwer, ich trank schweigend und wartete ab, wie es weitergehen würde. „Es ist alles so sinnlos geworden“, murmelte Heinrich und ich wusste, wir waren nun kurz davor den Kern seines Kummers zu ergründen. „Was ist denn passiert?“, fragte ich möglichst neutral, um nicht aufdringlich zu erscheinen und endlich begann Heinrich zu erzählen.
„Es fing an wie ein ganz normaler Auftrag. Eine vermisste Person, weiblich, minderjährig, soziale Unterschicht, der Vater alleinerziehend. Wahrscheinlich eine Ausreißerin, also nichts, was die Polizei auch nur einen Furz lang interessieren würde und genau so verhielten die sich auch, eine ordentliche Suchaktion gab es nicht, nur ein bisschen Papierkram wurde aufgehäuft und damit war die Sache aus offizieller Sicht erledigt. Für Cindys Vater war allerdings gar nichts erledigt, er war überzeugt, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war und die Untätigkeit der Polizei versetzte ihn in hilflose Wut. Also engagierte er mich, nachdem er sich in den entsprechenden Kreisen umgehört hatte und obwohl er wusste, dass mein Honorar nicht billig war, war er fest entschlossen den Besten zu engagieren. Auch wenn ich eigentlich nicht zum Protzen neige, ich bin eben wirklich gut in meinem Beruf. Also kam Thomas Nabicht an einem verregneten Vormittag in mein Büro, legte ein großes Bündel Geldscheine auf den Tisch und verlangte, dass ich seine vermisste Tochter aufspüren sollte, tot oder lebendig, nur finden sollte ich sie und ich verstand, dass er damit nicht auf die alten Suchplakate im Western anspielte, sondern nur sehr ungeschickt die Befürchtung ausdrückte, dass Cindy nicht mehr am Leben war. Ich akzeptierte den Fall, vielleicht weil der Vater mir leid tat, vielleicht weil ich gerade nichts spannenderes zu tun hatte, ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen. Hätte ich nur die Finger davon gelassen, aber hinterher ist man ja immer klüger, nicht wahr? Also begann ich die üblichen Fäden zu ziehen, ich erkundigte mich an den gängigen Orten, an denen sich die Jugendlichen aus ihrer sozialen Schicht regelmäßig trafen, befragte ihre Freundinnen und Schulkolleginnen, kontaktierte einige Bekannte, die in der Ausreißer-Szene unterwegs waren, Streetworker, Zuhälter und alles dazwischen. Ich bohrte und grub und bald schon kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, das Cindy ein lebenslustiges und humorvolles Mädchen war, das gut in der Schule zurechtkam, einen stabilen Freundeskreis hatte und generell wenig Gründe, plötzlich Hals über Kopf davonzulaufen. Stattdessen schälte sich aus den vielen Gesprächen ein Name hervor, den die Polizei bei ihrer nachlässigen Suche sicherlich nicht zu hören bekommen hatte, genau wie die Tätigkeit, die mit dem Namensträger in Verbindung stand. Es handelte sich um einen berüchtigten Engelmacher, ich glaube, so nennt man diese Leute mittlerweile wieder, in seinem früheren Leben war er Krankenpfleger in einem Seniorenheim, jetzt nahm er illegale Schwangerschaftsabbrüche vor, die manchmal auf fatale Weise endeten. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl, ich dachte tatsächlich daran den Fall zu beenden oder an einen Kollegen abzutreten, denn die Richtung, in die sich das alles entwickelte, gefiel mir immer weniger, doch mein Berufsethos zwang mich weiterzumachen, auch wenn mir von Tag zu Tag mehr das Lachen verging, ich fühlte mich auf eine verquere Art verantwortlich und das auf mehreren Ebenen und nicht nur, weil ich das Geld des Vaters angenommen hatte. Ich war damals gegen das verdammte Gesetz der Konservativen, das Abtreibung wieder zu einer Straftat erklärt hat, ich wusste genau, was das für viele Frauen und Mädchen bedeuten würde, aber weder bin ich wutentbrannt auf die Straße gegangen, noch habe ich mich sonst irgendwie engagiert, ich habe das Gesetz nur, wie so viele, still missbilligt und das bedaure ich bis heute zutiefst. Es ist eine Schande, wie viel Leid dieses kurzsichtige Verbot in den letzten Jahren angerichtet hat, es ist in meinen Augen ein absolutes Verbrechen an den Frauen, das wir tatenlos mitansehen. Wir alle tragen Schuld, wir haben als Gesellschaft versagt, jeder einzelne von uns hat versagt und damit sind wir auch allesamt schuld am Tod von Cindy Nabicht.
Cindy war bei einem One-Night-Stand ungewollt schwanger geworden, vielleicht gab es einen Unfall und das Kondom war gerissen, vielleicht hatte sie in ihrem jugendlichen Übermut auch ganz auf Verhütung verzichtet, es ist egal, auf welche Art das Unglück bei der Tür hereinkommen konnte, wichtig war nur das Ergebnis und das sollte ihr restliches Leben beeinflussen. Cindy war vierzehn Jahre alt, ohne ordentlichen Schulabschluss und mit einem Baby als Ballast wäre sie jeglicher Perspektive beraubt, die ohnehin geringe Aussicht auf ein besseres Leben wäre für immer dahin und so blieb aus ihrer Sicht nur ein möglicher Ausweg und der hieß illegale Abtreibung. Cindy bezahlte diese Entscheidung mit ihrem Leben und ich kann mir nicht vorstellen – ich will mir nicht vorstellen – wie groß ihr Leid in den letzten Minuten gewesen sein muss, wie groß die Angst. Sie verblutete in einem dreckigen Hinterzimmer, während ein unfähiger Ex-Krankenpfleger mit seinen widerlichen Gerätschaften in ihr herumstocherte und ich kann nur hoffen, dass sie unter Betäubung stand, genau wissen kann ich es nicht, denn eine konkrete Aussage habe ich diesbezüglich natürlich nicht aus dem Schweinehund herausholen können. Als er endlich bemerkte, dass die Kleine tot war, hat er sie bis zur Nacht in eben diesem Hinterzimmer unter einem Haufen alter Decken und Kartons verborgen und einfach sein Tagwerk weitergemacht, als wäre nichts gewesen, später hat er die Leiche aus der Stadt geschafft und in einem Weiher versenkt, ich habe die Stelle schließlich gefunden, aber von Cindy war nicht mehr viel übrig nach all den Monaten. Und was macht der Vater, dieser irre Idiot? Leugnet erst, dass seine Tochter jemals Schwanger gewesen sein könnte und entzieht mir den Auftrag unter großem Geschrei, nur um zwei Tage später dem Engelmacher aufzulauern und ihm ein Messer zwischen die Rippen zu stecken. Ich hätte ihn erschlagen können und beinah hätte ich es auch getan, denn ich fand ihn noch vor der Polizei und stellte ihn zur Rede, aber es war nicht mehr viel mit ihm anzufangen, er hatte völlig den Verstand verloren und faselte nur noch von seiner Ehre und der Ehre seiner Tochter, die es wiederherzustellen gelte. Dabei hat dieser hohle Wertekatalog von Ehre und Reinheit und all dem Mist sie doch gerade erst in den Tod getrieben, aber das verstehen die Thomas Nabichts dieser Welt nicht, oder vielleicht immer erst dann, wenn es zu spät ist.“
Heinrich atmete schwer, in seinen kleinen Augen glänzten Tränen und seine riesige Klodeckelhand zitterte, als er das Bierglas anhob, um zu trinken. Er sah mitgenommen aus und auch mich hatte die Geschichte nicht unberührt gelassen, auch wenn es im Grunde ein übliches Familiendrama war, wie man es immer wieder in den Nachrichten hört, die Tochter tot, der Vater ein Mörder, nichts ist mehr, wie es vorher war und doch ist es nur eine Geschichte von vielen, an die sich bald kein Mensch mehr erinnert. Doch für Heinrich war es der berühmte Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte und sein geordnetes Weltbild wanken ließ, bis es schließlich über seinem Kopf zusammenkrachte und ihn unter sich begrub. Er war ausgebrannt, hatte sich emotional aufgerieben an einer Tragödie, deren Verlauf er nie hätte ändern können und nun saß er hier und betrank sich, um den Schmerz zu vergessen, der ihn aufzufressen drohte. Ich drückte meine Anteilnahme aus, aber mir war klar, dass es Heinrich nie um mein Mitgefühl gegangen war, ihm lag nur daran, sich endlich von der Seele zu reden, was ihn so sehr belastete und ich war eben der geeignete Empfänger. Ich verstand instinktiv, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte und nun nichts weiter blieb, als diesem gebrochenen Menschen die Hand zu drücken und ihm alles Gute zu wünschen, auch wenn das vielleicht dämlich klingen mag, in diesem Moment, an diesem Ort war es richtig. Heinrich drückte meine Hand in freundschaftlicher Wärme, dann rutschte er bedächtig vom Barhocker, kramte einige zerknitterte Geldscheine aus seinen Hosentaschen und stapelte diese auf dem Tresen zu einem schiefen Häufchen. „Das ist der Rest vom Nabicht-Honorar. Ich will es nicht mehr. Stimmt so“, sagte er mit düsterem Gesichtsausdruck und wandte sich zum Gehen, doch nach wenigen Schritten blieb er stehen und drehte sich noch einmal nach mir um. „Danke für alles“, sagte er leise, aber gut hörbar, dann ging er und kam nicht wieder.
Ein paar Monate später hat er tatsächlich zum Seil gegriffen, ich erfuhr es aus einem schlichten Nachruf in der Zeitung, der zwar nicht von Selbstmord sprach, aber doch recht eindeutig formuliert war, ‚Plötzlich und überraschend aus dem Leben geschieden‘, stand da und wer das nicht versteht, der schläft noch auf Bäumen. Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich mehr bestätigt als schockiert, denn ich hatte schon vermutet, dass Heinrich mit seinem Leben abgeschlossen hatte und was bleibt einem auch übrig, wenn man angesichts der Schlechtigkeit der Welt die Hoffnung verliert, man verkümmert im Geist wie im Herzen, bis der Tod wie eine Erleichterung erscheint. Ist nur schade, dass es immer die Guten erwischt, aber so ist das eben, die Schlechten kümmert es ja auch nicht.

© sybille lengauer

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam…

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam, befand ich mich wie gewöhnlich auf dem Weg zur Auskunftei, ich hatte soeben ein Trinkpäckchen Kakao und ein Buttercroissant beim Bäcker erworben und war nun schnellen Schrittes unterwegs zum Büro, im flotten Zickzack durch die überfüllte Fußgängerzone, da begann plötzlich ein merkwürdiges Flüstern, ein Murmeln und Rauschen wie von gurgelndem Wasser, das sich von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe fortpflanzte und dabei anschwoll zu einer regelrechten Flut, die sich auftürmte und überschäumte und meine Aufmerksamkeit mit sich riss. Wilde Gerüchte brandeten an mein Ohr, sprachen von einer schrecklichen Naturkatastrophe, einem fürchterlichen Terroranschlag, einem missglückten Militärexperiment, sprachen von diesem und jenem, niemand schien etwas konkretes zu wissen, alles bestand aus Hörensagen und Vermutungen und nur eines schien von Gewissheit: etwas schlimmes war geschehen. Ich versuchte auf eigene Faust zu ergründen was vorgefallen war und gesellte mich zu einer immer größer werdenden Menschenmenge, die sich um das Schaufenster eines Elektrohandels drängte, der Fernseher in allen möglichen Größen und Formen verkaufte und ein ganzes Dutzend davon zu Demonstrationszwecken in seiner Auslage aufgestapelt und eingeschaltet hatte und so konnte ich, eingeklemmt zwischen die schwitzenden Leiber der anderen Schaulustigen, einen ersten Blick auf das Rote Auge Gottes erhaschen, das bedrohlich pulsierend über einem anonymen Häusermeer schwebte und die ganze Welt in Aufruhr versetzte. Die Filmaufnahmen entsprangen ganz offensichtlich ungeübten Laienhänden; Passanten, die gerade zufällig zugegen waren und das Schauspiel für die Nachwelt aufzeichneten, die Videos waren allesamt verwackelt und verschwommen, ich wußte nicht zu sagen aus welcher Stadt, nicht einmal aus welchem Land sie stammten und vermutete vorschnell, dass es sich um die USA handeln müsse, immerhin geschah in den Actionfilmen alles von Belang dort drüben, es kam mir also ganz logisch vor, dass dem auch in der Realität so sein müsse. Dann erkannte ich plötzlich den Kölner Dom und ein kalter Schauer jagte über meinen Rücken, der Schrecken war viel näher als erwartet, und auch wenn ich nicht wusste, um welchen Schrecken es sich bei diesem roten Ding im Himmel überhaupt handelte, gewann er durch die unerwartete Nähe an Intensität. Später an diesem Tag erfuhr ich, dass das Rote Auge Gottes über zahllosen Großstädten auf der ganzen Welt erschienen war, es handelte sich um puren Zufall, dass ich es ausgerechnet über Köln zum ersten Mal erblickte, doch an diesem spätsommerlichen Vormittag wusste ich das natürlich noch nicht, genausowenig, wie ich wusste, dass es sich bei diesem gewaltigen Objekt um unseren Herrn und Schöpfer handelte, der auf die Erde zurückgekehrt war, um sich an uns zu laben. Ich hätte wahrscheinlich lauthals aufgelacht, wenn mir jemand erzählt hätte, was ich soeben, mit an Beiläufigkeit grenzender Leichtigkeit, auf dieses Blatt Papier geschrieben habe: unser Herr und Schöpfer – dazu wollte mir damals nichts weiter einfallen als ein gelangweiltes Schulterzucken, ich war in etwa so religiös wie ein Türknauf. Das änderte sich natürlich, als Gottes Plagen über uns hereinbrachen, doch damit springe ich bereits zu weit in meiner Erzählung nach vorn, denn vor den Plagen kamen die Träume und die waren schlimm genug. An besagtem Tag Eins ahnte ich allerdings weder von Plagen noch Träumen, ich verstand nur, dass etwas im Himmel aufgetaucht war, das man mit Fug und Recht als Unbekanntes Flugobjekt bezeichnen konnte und in meine gruppendynamisch aufgeladene Beunruhigung mischte sich eine durchaus große Portion naiver Neugierde, ich brannte förmlich darauf zu erfahren, um was es sich bei diesem rätselhaften Ding handelte. Als ich mich schließlich von den Bildschirmen in der Auslage löste, um arg verspätet ins Büro zu eilen, begannen sich die Straßen bereits merklich zu leeren, die Leute strömten in Scharen nach Hause, um in der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände das mysteriöse Geschehen weiter zu verfolgen; ich überlegte spontan, es ihnen gleich zu tun und die schnöde Arbeit ausfallen zu lassen, doch zu diesem Zeitpunkt waren meine Beine den gewohnten Weg bereits zu Ende gelaufen und hatten mich zuverlässig vor den Eingang des verschachtelten Bürokomplexes getragen, während meine Gedanken anderweitig beschäftigt waren; also folgte ich ihrem Beispiel und betrat fügsam das Gebäude. Der anschließende Arbeitstag verging einerseits turbulent und doch in höchstem Maße unproduktiv, ständig hingen wir in kleinen Grüppchen vor dem Radio und lauschten gebannt den neuesten Berichten, private Mobiltelefone vibrierten im Minutentakt, weil sich diverse Verwandte, Freunde und Bekannte über die neuesten verfügbaren Informationen austauschen wollten, mein Exmann rief sogar viermal hintereinander an, um mir sein besorgtes Herz auszuschütten; selbst die fleißigsten Vorzeigemitarbeiter waren nicht in der Lage sich auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren, die Sensationsgier lähmte uns alle und ließ uns gleichzeitig zappelig und unruhig werden wie quirlige Kinder in einem Süsswarenladen. Das Ohr am Radio brachte uns allerdings keine sonderliche Erleuchtung, wechselnde Nachrichtensprecher stotterten im Grunde nur immer die gleichen, mit der Zeit langweilig werdenden Sätze von unerklärlichen Phänomenen, die sich offenbar weltweit zur gleichen Zeit ereigneten und jedweder logischen Erklärung spotteten, wobei ich persönlich felsenfest davon überzeugt war, dass es sich bei den fremdartigen Objekten um hochtechnisierte Raumschiffe handeln musste, Fortbewegungsmittel einer fremden Intelligenz, die über die unvorstellbar gigantische Entfernung des Weltraums den ersten Kontakt zu uns hergestellt hatte. Beim Gedanken an die unfassbare Ausdehnung des Universums erschauderte ich jedes Mal unwillkürlich und so etwas wie Ehrfurcht vor dem großen Können jener mysteriösen Fremden schlich sich in mein ahnungsloses Herz, das sich damals noch vor kindlicher Neugier förmlich überschlug. Heute weiß ich, dass Gott nicht den Tiefen des Alls entstammt, sondern einer benachbarten Dimension, die nur ein Wimpernschlag von unserer Heimatwelt trennt – und die für uns Sterbliche trotzdem unerreichbar weit entfernt ist, weil wir dort nicht existieren können; Gott ist auch nicht an unsere schnöden physikalischen Gesetze gebunden, die enormen Weiten des Weltraums bereiten ihm kein Kopfzerbrechen, denn Gott ist wahrlich allmächtig – zumindest in unserer Realitätsebene. Manchmal frage ich mich, ob es an jenem Ort, von dem er zu uns zurückgekehrt ist, noch weitere Wesen gibt, die so andersartig sind wie er, vielleicht ist er dort drüben nur einer von vielen und gar nichts besonderes – aber dieser Gedanke ist im Grunde obsolet, denn auf solche Fragen werde ich nie eine vernünftige Antwort erhalten. Wie dem auch sei, an jenem ersten Tag von Gottes Rückkehr war ich jedenfalls absolut davon überzeugt, dass wir, im Sinne von Menschheit, von Aliens aus dem All besucht worden waren und dass nun, aufgrund ihrer überlegenen Weisheit und intellektuellen Reife, ein neues, besseres Zeitalter anbrechen würde. Armut, Gebrechlichkeit, Schmerz, all diese unliebsamen Lasten würden sie von unseren Schultern nehmen und uns in den erlauchten Kreis der Weltraumreisenden erheben – so zumindest malte ich es mir freudig aus und auch wenn sich bisweilen der Hauch des Zweifels in meine, zugegeben recht utopische, Phantasie mischte, hielt ich doch den ganzen Tag weiter an ihr fest und verteidigte sie erbittert gegen meine pessimistischeren Kollegen, die schon begannen vom Untergang der Welt zu unken; erst als Nachts die Alpträume zum ersten Mal über mich hereinfielen und mich schweißgebadet aus dem Bett trieben, begann ich langsam die bittere Wahrheit zu begreifen. Schrecklich waren sie, diese Träume, schwindelerregend und erdrückend zugleich, das Rote Auge Gottes verfolgte mich unaufhörlich und blickte gnadenlos in meine Seele, um dort mit chirurgischer Präzision all die kleinen und größeren Verfehlungen zu inspizieren, die ich lieber weiterhin verborgen gehalten hätte. Ich versuchte mich gegen seinen brennenden Blick zu wehren, doch war ich hilflos der Übermacht ausgeliefert und als ich endlich schweißüberströmt aus dem Schlaf schreckte, war meine kindlich-naive Freude über den vermeintlich außerirdischen Besuch restlos verpufft. Sieben Nächte lang quälten uns diese Träume, egal ob Jung oder Alt, Reich oder Arm, Religiös oder Ungläubig, ein jeder musste es ertragen, im Schlaf von Gottes brennendem Blick seziert zu werden. Tagsüber versuchten wir alle einen Alltag aufrecht zu erhalten, der sich seit der Ankunft Gottes nur noch wie überflüssiger, völlig nutzloser Zeitvertreib anfühlte, wir schleppten uns zur Arbeit, erledigten die anfallenden Aufgaben, gingen anschließend nach Hause, aßen, tranken und versuchten so wenig wie möglich zu schlafen. Die unbequeme Frage, was denn nun genau passieren würde, wenn Gott genug in unsere Seelen geschaut hatte, um ein Urteil zu fällen, wurde immer wieder unter vorgehaltener Hand diskutiert, doch niemand wusste eine befriedigende Antwort, alles war pure, angstdurchsetzte Spekulation. Würde Gott uns bestrafen? Würde er eine neue Sintflut schicken, um die vielen Sünder von den wenigen Rechtschaffenen zu trennen? Zwei Arbeitskollegen reagierten schnell und investierten in hochseetaugliche Boote – ich sah darin keinen Sinn, denn ich ging davon aus, dass sich Gott, wenn er uns Sünder denn ersäufen wollte, nicht von irgendwelchen Booten aufhalten lassen würde. Es fiel mir erschreckend schwer, nicht in passiven Fatalismus zu verfallen, es war verführerisch einfach, die Hände in den Schoß zu legen und auf das vernichtende Gottesurteil zu warten, auch wenn mich die erwiesene Existenz Gottes in schreckliche Panikzustände trieb, denn ich hatte seit der Kindheit aufgehört zu glauben und selbst jetzt, wo ich jederzeit sein brennendes Auge über unseren Köpfen sehen konnte, wollte mein Verstand immer noch nach Ausreden suchen, warum dies unmöglich Gott sein konnte. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben – wollte überhaupt nicht glauben – und war doch gezwungen, die physische Realität seiner Existenz anzuerkennen, schließlich sah ich ihn jeden Tag im Himmel und nachts in meinen Träumen, wieder und immer wieder, bis ich meinte verrückt zu werden. Sieben Nächte mussten wir alle Gottes stummen, unnachgiebigen Blick ertragen, in der achten Nacht sprach er schließlich zu uns, seine Stimme klang in meinen Gedanken mächtig wie ein Donnerschlag und ich schrie mein Entsetzen so laut heraus, dass ich schlagartig erwachte, doch seine Worte hallten überdeutlich in meinem Kopf wider und machten mich zittern, denn Gott hatte tief in meine Seele geschaut und was er dort gefunden hatte, erzürnte ihn; ich war schuldig, doch nicht nur ich, allesamt waren wir besudelt, es mangelte uns am rechten Glauben und das missfiel Gott zutiefst. Also schickte er uns die Plagen, um unseren Glauben zu stärken, er ließ Heuschrecken und Kröten auf die Erde herabregnen, schickte Erdbeben und grauenvolle Feuersbrünste, die sich durch die Städte und Landschaften fraßen, wie durch dünnes Papier, doch die schlimmste Strafe von allen – er nahm uns unsere ungeborenen Kinder. Ich wusste bis zu jenem Zeitpunkt nicht, dass ich im dritten Monat schwanger war, ich ahnte es noch nicht einmal, denn ich hatte zwei Jahren zuvor eine Hormonspirale einlegen lassen und kümmerte mich seither nicht um die oftmals ausbleibende Monatsblutung, immerhin war das eine ganz normale Reaktion des Körpers und außerdem war mein Sexualleben derart heruntergefahren, dass ich gar nicht an die Möglichkeit dachte, schwanger zu sein. Mein Entsetzen war daher unbeschreiblich, als ich eines Morgens in einer kleinen Blutlache erwachte und ganz ohne weitere Erklärung wusste, dass Gott mein ungeborenes Kind genommen hatte, es getötet hatte, noch bevor ich überhaupt wusste, dass es in mir keimte, noch bevor ich auch nur einen liebevollen Gedanken an das kleine Fünkchen Leben richten konnte, war es schon wieder verloschen. Gott nahm unsere ungeborenen Kinder, egal, wie weit sie entwickelt waren, hochschwangere Frauen erwachten im eigenen Blut und tasteten entsetzt nach den Babys in ihren Bäuchen, die sich nicht mehr regten, sondern still und tot im Fruchtwasser trieben und genau wie ich, wussten auch sie ohne weitere Erklärung, wer für diesen unbeschreiblichen Verlust verantwortlich war, der unsere Herzen bitter machte und unser Lachen stahl. In hilfloser Wut wandten sich viele von uns gegen Gott, verfluchten ihn und seine herzlose Tat, schrieen und drohten zum Himmel hinauf, doch es nützte uns nichts zu klagen und zu toben, denn Gott scherte sich nicht um unseren Zorn, er strafte uns nur weiter, schickte Wirbelstürme und Springfluten und tötete Menschen, wie es ihm gefiel und es gab nichts, was wir dagegen unternehmen konnten. Damals häuften sich die Selbstmorde, brave Bürger gingen morgens wie gewohnt zur Arbeit und stürzten sich mittags aus den Bürofenstern auf die Straße, manche stiegen auch klammheimlich in ihre Autos und fuhren gegen Brückenpfeiler oder stürzten sich in tiefe Schluchten, andere wieder tranken Unkrautvernichtungsmittel oder schlitzten sich die Pulsadern auf. Eine regelrechte Todeswelle schwappte über die Erde hinweg, zigtausende starben, entweder wegen der Plagen oder durch eigene Hand, wobei sich Gott weder um die einen, noch um die anderen kümmerte, unser Sterben war und ist ihm einerlei, ihn interessieren nur unsere unsterblichen Seelen, er ergötzt sich förmlich an unserem Entsetzen, straft und schikaniert uns, wie es ihm gefällt, bis unsere Herzen überquellen vor Angst und unsere Seelen geläutert und voller Glaube sind, denn davon ernährt er sich, ja, er ernährt sich von unserem Glauben! Gott schlürft unsere Gottesfurcht wie frische Austern aus dem Meer und frisst sich satt an unseren Ängsten; wie ein garstiges Raubtier steht er über uns im Himmel, rot und pulsierend wie eine zweite Sonne und das einzige, was uns bleibt, ist zu warten und zu hoffen, dass er eines Tages genug gefressen hat und zurückkehrt in seine eigene Dimension…

© sybille lengauer