Sommerloch (Kein Krimi vor dem Urlaub)

Veröffentlicht: Juli 17, 2019 in Gefasel
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Hallo ihr Lieben,
bevor ich mich in den wohlverdienten Urlaub verabschiede, lasse ich euch diesen kleinen Nicht-Krimi hier, der es einfach nicht geschafft hat, eine richtige Geschichte zu werden. Manchmal will es einfach nicht sein, trotzdem darf der Text hier auf der Seite bleiben. Wir lesen uns hoffentlich nach dem Urlaub wieder, ich wünsche euch allen angenehme Tage!
Sy

Sommerloch (Kein Krimi)

Alles begann an einem drückend heißen Dienstagnachmittag im Juni 2019, an dem niemand mit dem Beginn einer Geschichte gerechnet hätte. Die Temperatur war im Laufe des Tages auf ungewöhnliche 35 Grad Celsius gestiegen, wie flüssiges Weißgold brannte die Sonnenscheibe auf ganz Deutschland herab. In den Metropolen begann der Asphalt zu glühen, in den Dörfern lagerten Fuchs und Hase unter den Büschen und schliefen.
Im dritten Stock der Stadtverwaltung M. schwitzte der städtische Angestellte Hermann Worms betrübt vor sich hin, während vor dem Fenster seines stickigen Büros die Mauersegler schrien. Sehnsüchtig dachte er sich an die Seite der akrobatischen Flieger, träumte sich unter dem wolkenlosen Himmel kreisend, ein farbenfrohes Häusermeer tief unter seinen Schwingen. Das schrille Läuten des Telefons riss ihn aus der Fantasie zurück in die banale Realität des Ordnungsamtes. Hermann Worms blinzelte gereizt, nur widerwillig nahm er das Gespräch entgegen. Ein aufgebrachter Anrufer meldete in kurzen, abgehackten Sätzen einen Kühlschrank, den er soeben bei einem Spaziergang im Naturschutzgebiet entdeckt hatte und forderte dessen umgehende Entsorgung. Mürrisch notierte Hermann Worms die Wegbeschreibung zu dem kleinen Waldstück und legte auf, ohne sich zu bedanken. Er verfasste eine kurze E-Mail an den zuständigen Entsorgungsdienst, dann vergaß er die ganze Angelegenheit umgehend und folgte in seinen Gedanken wieder den melancholischen Rufen der Mauersegler, die vor seinem Bürofenster kreisten.
Kaum eine halbe Stunde später las ein ebenso schwitzender und desinteressierter Angestellter des Entsorgungsdienstes die lieblos verfasste E-Mail. Guido Bergmann, der in einem genauso stickigen Büroräumchen des Wertstoffhofes M.-West saß und sich nach einer Zigarette sehnte, beschloss, dass jener illegal deponierte Kühlschrank auch noch in ein paar Tagen im Wald anzutreffen sei. Nämlich am besten dann, wenn sein Kollege Berthold Rosen aus dem Urlaub zurückgekehrt wäre, um diese unliebsame Aufgabe zu übernehmen. Guido Bergmann verfasste also eine kurze Notiz, die er auf Wiedervorlage setzte, dann vergaß er den Auftrag bei einer Zigarette, die er genüsslich in einer schattigen Ecke des Wertstoffhofes rauchte. Drei Tage später wurde eben jene Notiz erneut auf Wiedervorlage gesetzt, diesmal von einem verärgerten Berthold Rosen, der sich kopfschüttelnd über die Faulheit seines Kollegen Guido Bergmann echauffierte.
Und so begab es sich, dass der Kühlschrank noch weitere zehn Tage im Wald lag, bevor er schließlich geborgen und zum Wertstoffhof M.-West verbracht wurde. Zehn Tage, in denen die zerstückelte Leiche bis zur Unkenntlichkeit verweste, die im Inneren des Kühlschranks versteckt worden war. Zehn Tage, in denen sich die Spur des Täters unwiederbringlich im wuchernden Unterholz des Waldes verlor. Zehn Tage, nach denen sich niemand mehr erinnerte, wer den Fund bei der städtischen Behörde gemeldet hatte. Und die Zeit verging.
Peter Schaffner hatte es satt. Frustriert stand der Journalist vor dem dampfbeschlagenen Spiegel seines Badezimmers, die Zahnbürste hing ihm schräg aus dem Mund, während er gelangweilt sein verschwommenes Spiegelbild anstarrte. Drei Wochen waren vergangen, seit man die stark verwesten Leichenteile im Kühlschrank entdeckt hatte und so sehr er sich auch bemühte, er konnte der Story keine weiteren Höhepunkte entlocken. Die Polizei trat auf der Stelle, die Identität der Leiche konnte nicht geklärt werden, die Suche nach dem Täter verlief ergebnislos. Seine Anrufe auf dem Präsidium wurden höflich abgewehrt, seine Anfragen bei der Stadt kommentarlos blockiert. Die Story war ausgelutscht, noch bevor sie richtig in Fahrt gekommen war und Peter Schaffner wusste das. Ein Klopfen an der Badezimmertür riss ihn aus seinen unerfreulichen Gedankengängen. Er zog die Zahnbürste aus dem Mund, beendete seine Morgentoilette und drückte sich mit einem kurzen Grunzen an seiner Frau vorbei, die ungeduldig im Flur stand und wartete. An diesem Vormittag verfasste Peter Schaffner eine Nachricht an seinen Chefredakteur, in welcher er um die Zuteilung eines neuen Themas bat. Keine zwei Stunden später machte er sich bereits auf den Weg, um über die Renovierung des städtischen Tierheims zu berichten.

© sybille lengauer

Aufarbeitung / Ein Prozess

Veröffentlicht: Juli 10, 2019 in Gedichte
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Aufarbeitung / Ein Prozess

Könnte ich sie erklären,
Diese erdrückende Traurigkeit.
Oh, könnte ich nur.
Ich erzählte dir von einer,
Tosenden Welle.
Sie,
Rollt heran,
Stülpt sich über das Land,
Verschlingt das Heute.
Sie,
Wogt im Herzen,
Kommt und geht,
Wie die Gezeiten.
Nur ohne den Mond,
Der niemals scheint.
In dieser Gegend.

Hätte ich nur die rechten Worte,
Ich ertränkte dich in ihnen.
Und verlöre keine Träne.
Kein Vergeben.

Wüsste ich ihn zu beschreiben,
Diesen unendlichen Zorn.
Oh, wüsste ich nur wie.
Ich erzählte dir von einem,
Gewitternden Wolkenberg,
Er,
Zieht herauf,
Legt sich über das Land,
Verdeckt das Morgen.
Er,
Grollt in der Seele,
Kommt und geht,
Wie der Monsun.
Nur ohne den Regen,
Der niemals fällt.
In dieser Gegend.

Hätte ich nur die rechten Sätze,
Ich versengte dich mit ihnen.
Und verlöre keine Träne.
Kein Vergessen.

© sybille lengauer

Die Tote im Fluss
(Ein Kanon)

Mädesüß, Mädesüß,
Duftest so zart,
Mädesüß, Mädesüß,
Schwalben über dir.
Mädesüß, Mädesüß,
Sie riecht dich nicht mehr,
Mädesüß, Mädesüß,
Seit sie im Wasser liegt.

Fingerhut, Fingerhut,
Wiegst dich im Wind,
Fingerhut, Fingerhut,
Buchen über dir.
Fingerhut, Fingerhut,
Sie sieht dich nicht mehr,
Fingerhut, Fingerhut,
Seit sie im Wasser liegt.

Wildrose, Wildrose,
Blühst wunderschön,
Wildrose, Wildrose,
Himmel über dir,
Wildrose, Wildrose,
Sie pflückt dich nicht mehr,
Wildrose, Wildrose,
Seit sie im Wasser liegt.

© sybille lengauer

Manche Dinge ändern sich nie

Veröffentlicht: Juli 4, 2019 in Kurzgeschichten
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Es ist früher Abend. Im schicken Trend-Bezirk einer anonymen Großstadt landet eine unscheinbare Straßentaube auf dem Fenstersims eines Hochhauses und wirft neugierige Blicke in den Raum hinter der dicken Dreifachglasscheibe. In dem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer schimmern indirekte Deckenleuchten gegen die hereinbrechende Dämmerung an. Ein Teil des teuren Mobiliars verschwindet unter üppigen Topfpflanzen oder hinter riesigen Zimmerpalmen und auch der extravagante Wohnzimmertisch wird von einem übergroßen Blumenstrauß voller zartgelber Rosen, oranger Löwenmäulchen und blasser Inkalilien dominiert. Auf einer geschwungenen Designer-Couch aus weinrotem Büffelleder-Imitat liegt ein übergewichtiger, weißer Angorakater wie dahingegossen da. Er beobachtet seinen Menschen aus gelben Augenschlitzen, der, angetan in Smoking und echten Lederschuhen, unruhig im Zimmer auf und ab geht und dabei immer wieder auf die goldene Rolex an seinem Handgelenk blickt.
Jonathan, laut: „Liebling?“
Diana, gedämpft aus dem Nebenzimmer: „Nur noch eine Minute, Darling!“
Jonathan: „Liebes, es ist Viertel vor Acht, wir verpassen den Empfang!“
Diana: „Ich komme, ich komme!“
Jonathan, leise: „Nicht in diesem Leben.“
Jonathan geht zur großen Fensterfront und starrt mit unruhigem Gesichtsausdruck auf die Skyline der Großstadt. Die Straßentaube fliegt erschrocken auf und verschwindet, hektisch flatternd, zwischen den dunklen Häuserschluchten. Drinnen gähnt der dicke Angorakater, er rollt seine pinke Zunge weit aus dem Maul, streckt die Pfoten von sich und schließt die gelben Augen.
Als sich die Tür zum Nebenzimmer endlich öffnet, schläft der Kater tief und fest. Jonathan wendet sich aufatmend vom Fenster ab, er schenkt Diana ein liebevolles Lächeln, die in einem bodenlangen Chiffonkleid und hochhackigen Sandalen mit Perlenbesatz, anmutig ins Wohnzimmer trippelt. Eine intensive Parfumwolke begleitet sie in das Zimmer, Jonathan atmet genießerisch den schweren Duft ein, der ihn umspült.
Jonathan: „Liebling, du siehst atemberaubend aus.“
Diana: „Ich weiß, es ist unglaublich, nicht wahr?“
Jonathan, hebt auffordernd die Arme: „Komm, zeig dich.“
Diana dreht sich graziös um sich selbst und strahlt dabei wie ein Schulmädchen beim Eröffnungstanz. Jonathan applaudiert und stößt anzügliche Pfiffe aus. Er deutet eine leichte Verbeugung an und Diana tänzelt kichernd an seine Seite. Arm in Arm verlässt das Ehepaar die Wohnung.

Die Wohltätigkeitsgala, zu der Jonathan und Diana mit dem Mercedes-Flugtaxi reisen, findet in einer aufwändig renovierten Jugendstilvilla statt, die sich hinter einer gepflegten Parkanlage und meterhohen Mauern vor den neugierigen Blicken der Straße verbirgt. Nur geladene Gäste kommen an den bulligen Security-Androiden und ihren reizbaren Schäferhunden vorbei, die den Eingang des riesigen Grundstücks bewachen. Als das Taxi in der Haltezone vor dem Tor landet, wird es von einem dunkel gekleideten Androiden mit Glatze und Sonnenbrille in Empfang genommen. Jonathan zeigt lächelnd zwei schillernde Eintrittskarten, der Sonnenbrillenandroide nickt höflich und das schmiedeeiserne Tor öffnet sich geräuschlos. Das Flugtaxi startet und gleitet lautlos die gewundene Einfahrt zur Villa hinauf. Vor dem hell erleuchteten Gebäude schweben mehrere Taxis in einer separaten Haltezone, glamourös gekleidete Gäste stehen in kleinen Gruppen beieinander, plauschen und rauchen.
Diana, auf die Gäste deutend: „Siehst du, es hat noch gar nicht angefangen.“
Jonathan: „Wir sind nur gut durch den Verkehr gekommen, das ist alles.“
Diana, rollt mit den Augen: „Sei doch nicht immer so Negativ, Darling.“
Jonathan: „Ich bin nie Negativ, Liebling.“
Diana lacht gekünstelt. Sie wartet, bis der Taxifahrer die hintere Tür des Wagens öffnet und ihr hilft auszusteigen, Jonathan klettert selbst aus dem Taxi und klopft imaginären Staub von seiner Hose. Gemeinsam erklimmen sie die breiten Marmorstufen, die zum Eingang der Villa führen und treten in die Empfangshalle ein, die von sanfter Pop-Musik geflutet wird.
Diana weist mit der Andeutung eines Nickens zu einem Pärchen, das an der diskret versteckten Garderobe steht und seine Mäntel abgibt.
Diana: „Die Johnsons kommen auch erst jetzt, siehst du?“
Diana winkt kurz, die Johnsons an der Garderobe lächeln und winken zurück.
Jonathan: „ Lock‘ sie nicht her, ich kann diesen perversen Schmierlappen nicht ausstehen!“
Diana, mit gesenkter Stimme: „Er ist der Neffe von Gideon Muhler. Ich wäre an deiner Stelle vorsichtig, wie ich ihn nenne.“
Jonathan: „Wenn du wüsstest, was der hinter verschlossenen Türen treibt, würdest du…oh nein, sie kommen herüber. Verflucht!“
Diana, zischt gereizt und drückt Jonathans Arm: „Darling!“
Jonathan knipst ein Lächeln mit vielen Zähnen an und überlässt Diana die Führung des obligatorischen Small Talk. Er atmet erleichtert auf, als sich die Johnsons nach wenigen Höflichkeitsfloskeln verabschieden und im angrenzenden Festsaal verschwinden.
Diana, leise: „Das war sehr unhöflich, Darling.“
Jonathan: „Was denn, ich habe doch gar nichts gemacht.“
Diana: „Genau das, du warst wie eine Salzsäule.“
Jonathan: „Ich habe ja auch Sodom und Gomorrha gesehen. Und es war kein schöner Anblick.“
Diana bricht in echtes Gelächter aus: „Ich hätte Martha fast nicht erkannt, entweder sie eifert jetzt dieser neuen Hässlichkeitsbewegung aus dem Internet nach, oder ihr Chirurg leidet an Parkinson.“
Lachend schlendern die beiden in den Festsaal.

Der, mit wuchtigen Spiegeln ausgehängte Saal wird von zwei massiven Kronleuchtern illuminiert, auf denen hunderte, buntgefärbte Glühbirnen flackern. Unzählige Spiegelkugeln erzeugen surreale Reflexionen an den Wänden, antike Statuen, die in grellbunten Federkostümen stecken, ragen hoch zwischen den Gästen empor. Übergroße Kopien von ägyptischen Katzensarkophagen bewachen den Eingang zum benachbarten Diner-Saal, in welchem das reichhaltige Buffet aufgebaut ist. Jonathan steuert zielstrebig durch das Meer des Kitsches darauf zu, manchmal nickt er, um ein vertrautes Gesicht in der Menge zu grüßen und lächelt dabei, freundlich nichtssagend.
Diana, nörgelnd: „Darling, das Buffet wurde doch noch gar nicht eröffnet, was sollen wir da?“
Jonathan: „Wir sichern uns einen Platz in der Pole-Position, Liebes.“
Diana, frustriert: „Oh bitte, lass uns daraus keinen Wettbewerb machen.“
Jonathan: „Das ganze Leben ist ein Wettbewerb.“
Diana, seufzt ergeben: „Ich weiß.“
In diesem Moment beginnt der erste Referent des Abends mit der Eröffnungsrede. Jonathan und Diana verharren in der Nähe des Buffets, Jonathan hört halbherzig hin, während Diana den Blick über die Köpfe der Zuschauer schweifen lässt. Im Anschluss an die langatmige Rede, die vom Publikum nur mäßig beklatscht wird, betritt der Gastgeber die kleine Bühne und erklärt, nach blumigen Worten der Freude und einer Aufforderung, reichlich Lose für die Mitternachts-Tombola zu kaufen, das Buffet für eröffnet. Die Gäste klatschen höflich, viele wenden sich augenblicklich den reich beladenen Tischen im Diner-Saal zu. Zwischen ausgestopften Raubtieren, die sich in kunstvoll arrangierten Obstlandschaften zum Kampf aufbäumen und mythischen Sagengestalten, die aus großen Eisblöcken gehauen wurden, stapeln sich silberne Platten mit exquisiten Speisen, die aufwändig garniert, reichlich glasiert und hingebungsvoll drapiert das Auge des Gourmets erfreuen. Kein Wunsch bleibt offen, an dieser langen Tafel und ein Heer von androiden Kellnern und menschlichen Köchen wartet darauf, die ausgehungerten Gäste der Wohltätigkeitsgala zu bedienen. Kaum hat der Gastgeber die kleine Bühne verlassen, stürzt Jonathan schon zu den bereitstehenden Tellern. Eine dichte Menschentraube folgt begierig seinem Beispiel. Diana hält sich kopfschüttelnd im Hintergrund und beobachtet mit geschürzter Lippe das sich anbahnende Gedränge. Sie schenkt Jonathan einen strengen Blick, als dieser schließlich mit hoch erhobenem Haupt zu ihr zurückkehrt. Ein Kellner folgt ihm dichtauf, der Androide trägt ein längliches Tablett, auf dem zwei übervolle Teller, Besteck, zwei fein geschliffene Weingläser und eine Flasche Rotwein stehen.
Diana, tadelnd: „Musste das wieder sein?“
Jonathan ignoriert ihren nörgelnden Tonfall, er nimmt ein Weinglas vom Tablett, schenkt ein und reicht es an Diana weiter.
Jonathan: „Ich habe Peter Scanton eine Hummerschere vor der Nase weggeschnappt. Du hättest seinen Gesichtsausdruck sehen sollen.“
Diana, gelangweilt: „Peter Scanton hat diesen Gesichtsausdruck schon seit seiner Zeit im College. Ganz ehrlich, ich glaube, er hat ihn sogar patentieren lassen. Ich denke nicht, dass er ihn für eine Hummerschere verändert hat.“
Jonathan, schmollt: „Du warst eben nicht dabei.“
Diana nippt an ihrem Weinglas und mustert die überquellenden Teller.
Diana: „Gab es keinen Kaviar?“
Jonathan: „Doch, der ist hier, unter dem Langustenschwanz.“
Diana: „Na herrlich, dann ist er ganz zerdrückt.“
Jonathan, vorwurfsvoll: „Du hättest dir ja selbst einen Teller holen können.“
Diana: „Und mich von euch Höhlenmenschen zertrampeln lassen? Nein, vielen Dank.“
Jonathan, lachend: „Höhlen-Johnny hat gutes Kaviar-Mammut für Felsenweibchen erlegt. Uff-Uff.“
Diana: „Du bist einfach unmöglich.“
Der künstliche Kellner verharrt mit dem Tablett in einer passiven Ruheposition, das Ehepaar macht sich mit Appetit über die Speisen auf den Tellern her. Jonathan kümmert sich hingebungsvoll um Muscheln und Krustentiere, Diana verzehrt schwarzen Kaviar mit Zitrone. Sie führt einen kleinen Porzellanlöffel geziert zum Mund und zerdrückt die salzigen Fischeier genüsslich auf der Zunge.
Jonathan, kauend: „Herrlich, einfach herrlich. Das ist keine Klon-Ware, das ist echt. Man schmeckt richtig den Unterschied.“
Diana nickt wissend. Sie trinkt eine Schluck Wein, blickt vom Tablett auf und erstarrt mit dem Glas in der Hand.
Diana, fassungslos: „Das darf nicht wahr sein.“
Jonathan blickt ebenfalls von den Speisen auf, weiß aber nicht, worauf Diana anspielt: „Was denn, Liebling?“
Diana, kreidebleich: „Sie.“
Jonathan: „Sie?“
Diana, mit bebender Stimme: „Sie!“
Jonathan, ratlos: „Wen meinst du?“
Diana, flüstert: „Heather Birgtale.“
Jonathan, flüstert auch: „Heather Birgtale?“
Diana: „Pssst, nicht so laut. Siehst du sie nicht, sie steht da drüben, neben dem Tiger.“
Jonathan findet die Gestalt von Heather Birgtale zwischen den anderen Gästen. Er mustert die mollige Blondine im schwarzen Cocktailkleid eingehend, die gerade ein Selfie vor dem aufgerissenen Maul des ausgestopften Raubtieres macht.
Jonathan: „Okay, was ist mit ihr?“
Diana sieht ungläubig zwischen der grinsenden Blondine und Jonathan hin und her.
Diana: „Merkst du es nicht?“
Jonathan kneift die Augen zusammen, dann schüttelt er den Kopf.
Jonathan, ratlos: „Keine Ahnung was du meinst.“
Diana, flüstert schrill: „Sie trägt mein Gesicht, mein Gesicht!“
Jonathan, runzelt die Stirn und sieht genauer hin: „Nein, Liebling. Das bildest du dir nur ein.“
Diana: „Ich weiß es ganz genau, sieh dir die Grübchen an! Die Wangenknochen, die Stirn! Das ist mein Gesicht. Ich fasse es nicht!“
Jonathan greift sanft nach Dianas Arm, doch sie entzieht sich mit einer schroffen Bewegung.
Diana ist den Tränen nahe.
Jonathan, flüstert: „Beruhige dich bitte. Die Leute schauen schon her.“
Diana unterdrückt die Tränen. Sie leert ihr Glas in einem Zug, setzt es entschieden auf dem Tablett ab und wendet sich zu Jonathan.
Diana, entschlossen: „Wie gehen.“
Jonathan, irritiert: „Aber der Abend hat doch gerade erst…“
Diana unterbricht ihn schroff: „Ich bleibe keine Sekunde länger in einem Haus, in dem eine andere Person mit meinem Gesicht herumläuft. Punkt.“
Jonathan: „Es ist nicht dein Gesicht, Liebes. Ich finde, es sieht dir überhaupt nicht ähnlich.“
Diana: „Und wie es mein Gesicht ist. Ich würde es überall wiedererkennen. Ich bin doch nicht blöde.“
Jonathan: „Ach Liebling.“
Diana, zornig: „Lieblinge mich nicht. Ich habe gesagt, ich will nach Hause.“
Jonathan seufzt ergeben: „Natürlich, Liebling.“
Er nickt dem Kellner zu, der daraufhin aus seiner Starre erwacht und sich mit dem Tablett zurückzieht. Bedauernd wirft Jonathan einen letzten Blick auf das Buffet, dann folgt er Diana durch den überfüllten Festsaal nach draußen. Vor der Villa warten einige Flugtaxis, Diana öffnet selbst die Tür eines Wagens und steigt ein, ohne zu grüßen.
Diana, wutschnaubend: „Ich fasse es nicht.“
Jonathan lässt sich auf den Kunstledersitz zu ihrer Rechten fallen und nennt dem Fahrer die Adresse. Das Taxi setzt sich langsam in Bewegung und schwebt durch die Parkanlage dem Ausgang zu.
Jonathan: „Liebling, ich bin mir sicher, es handelt sich um ein Missverständnis.“
Diana, wütend: „Ein Missverständnis?“
Sie fuchtelt mit der Hand vor ihrem Gesicht und zieht eine Grimasse.
Diana: „Das nennst du ein Missverständnis?“
Jonathan zuckt ratlos mit den Schultern. Er mustert die blühenden Rosenbüsche und streng getrimmten Bäume, die an der getönten Fensterscheibe vorüberziehen und sagt nichts.
Diana, mehr zu sich selbst: „Bridget hatte recht. Dr. Oliver ist ein aalglatter Betrüger.“
Jonathan bleibt stumm. Er betrachtet pseudointeressiert das schmiedeeiserne Tor, das sich vor dem herannahenden Taxi öffnet und mustert die Security-Androiden mit ihren Schäferhunden. Das Flugtaxi passiert die letzte Sicherheitszone des Anwesens und steigt lautlos in den nächtlichen Himmel.
Diana, vorwurfsvoll: „Das ist alles deine Schuld.“
Jonathan, fährt wütend auf: „Ich wusste es dauert keine fünf Minuten, bis du mir wieder die Schuld in die Schuhe schiebst. Wir sitzen seit fünfundvierzig Sekunden im Taxi, das muss ein neuer Rekord sein!“
Diana, schreit: „Ich wollte zu Dr. Wai, du hast gesagt, das wäre unmöglich!“
Jonathan: „Der Mann lebt auf seiner privaten Insel und ist der Leibarzt der britischen Königin, ich müsste meine Seele verkaufen, nur um einen Termin bei seiner Sekretärin zu bekommen!“
Diana bricht in Tränen aus: „Vater hätte uns unterstützt.“
Jonathan, höhnisch: „Ja, natürlich, er ist ja auch der Zulieferer des Satans.“
Diana, empört: „Jonathan!“
Jonathan, gerzeit: „Was?“
Diana: „Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du so nicht über Vater sprechen kannst.“
Jonathan: „Ich kann und ich werde.“
Diana: „Das nehme ich dir übel.“
Jonathan: „Du nimmst mir alles übel.“
Diana: „Natürlich, jetzt bist du wieder das Opfer.“
Jonathan, aufbrausend: „Wer redet hier von Opfer? Wer benimmt sich denn hier wie eine Furie, obwohl nichts passiert ist?“
Diana, schreit wieder: „Nichts passiert? Es ist nichts passiert?“
Jonathan: „Wahrscheinlich hast du dir alles nur eingebildet. Du bist hysterisch. Schon wieder.“
Diana, blass vor Wut: „Wie kannst du es wagen. Du mieser Affe.“
Jonathan: „Ich habe ein ganzes Jahresgehalt für dein neues Gesicht ausgegeben und das ist jetzt der Dank dafür, ja?“
Diana antwortet nicht. Sie starrt blass vor Zorn aus dem Fenster und hat keinen Blick für die glitzernde Schönheit der Großstadt, die zu ihren Füßen pulsiert.

© sybille lengauer

Auf dem Friedhof

Veröffentlicht: Juli 2, 2019 in Gedichte
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(Finster war’s)

Finster war’s, der Mond schien helle,
Als sich an des Sarges Schwelle,
Schleichend flinke Finger regten.
Darinnen lagen stehend Leichen,
Suchten aus dem Grab zu weichen,
Als ein Igor, lieblich krächzend,
Um die runde Ecke bog.
Der schreit lautlos zu den Toten:
„Auferstehen ist verboten!“
Dreht sich um und rennt nach Haus,
Geschichte aus.

(c) sybille lengauer
(goldstaub & ruinen)

(Aus „Goldstaub & Ruinen“. Dieses Gedicht ist nun schon einige Jahre alt, aber im Moment könnte ich es jeden Tag neu posten, denn der braune Sumpf wächst und gedeiht, wo man nur hinschaut. Steht auf und leistet Widerstand, es kommt auf jeden von uns an.)

Ode an den Nazi-Wichser

Du wandelst weltfremd über Leichen,
Schwebst übers staubgrau der Geschichte,
Stellst für den jungen Hass die Weichen,
Ersinnst, noch während ich hier dichte,
Dir neue, alte Feindchimären,
Die ohne dich nur Geister wären,
Und spuckst der Logik ins Gesicht,
Für dich allein besteht sie nicht.

Du grollst des Menschen Farbenspiel,
Verachtest seine Hülle,
Dein einzig, wahres Lebensziel,
Zerstört des Daseins Fülle,
Du stichst dein schmählich’ Manifest,
Ins hirnentleerte Wespennest,
Ergötzt dich an des Wortes Saat,
Und träumst von einem „reinen“ Staat.

Du denkst dein Weltbild sei noch richtig,
Wenn hinter dir schon Mauern fallen,
Der Menschheit Würde ist dir nichtig,
In ihre Anmut schlägst du Krallen,
Verbrennst die Unschuld ohne Güte,
Ersetzt sie durch dein Hassgewüte,
Doch musst auch du zuletzt erkennen:
Am Ende wirst du selber brennen.

© sybille lengauer

(ein altes Gedicht, das heute wieder einmal sehr gut passt)

Mir geht’s ziemlich mies, denn ich sitze,
Extrem transparent in der Hitze,
Oh Mist, transpirierend, das wollt‘ ich doch sagen!

Die Worte verwirren sich unter dem Scheitel,
Zerschmelzende Ganglien winden sich heitel,
Nein heiter, verdammt auch, ich krieg’s heut nicht hin!

Die Fuchstabenbolter, sie drechselt mich nieder,
Der Hirnhitzestaugau zersetzt mir die Glieder,
Doch sonnig das Menschlein, gediegen und froh,
Gönnt sich ein Bier und…
Verdrückt sich.

(c) sybille lengauer