Mehrheit will ein Häuschen bauen.
Irgendwo im Grünen.
Mehrheit will ein Auto fahren.
Braucht man immer.
Mehrheit will ein Schnitzel essen.
Jederzeit verzehrbereit.
Mehrheit will, Mehrheit entscheidet.

Mehrheit will in den Urlaub fliegen.
Irgendwohin, um die halbe Welt.
Mehrheit will gern Kinder kriegen.
Liebt man immer.
Mehrheit will ein Handy haben.
Jederzeit betriebsbereit.
Mehrheit will, Mehrheit entscheidet.

Mehrheit will das Klima retten.
Aus dem KFZ heraus.
Mehrheit will die Tiere retten.
Aber nicht vor leeren Tellern.
Mehrheit will die Zukunft retten.
Von der Couch aus.
Mehrheit will.
Mehrheit entscheidet.

© sybille lengauer

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Dora Feh

Veröffentlicht: Oktober 22, 2018 in Kurzgeschichten
Schlagwörter:, ,

„Frau Fedora, Frau Fedora, jetzt warten Sie doch bitte!“ ruft der Krankenpflegehelfer und hechtet den hell erleuchteten Flur hinunter. Am Ende dieses Flures steht Frau Feh in ihrem ausgeleierten Jogginganzug und versucht die Türe zum Treppenhaus zu öffnen. Da sie ihre Gehhilfe vor die Türe geschoben hat und diese nur nach Innen aufgeht, ist es ein aussichtsloser Versuch. Trotzdem ist die alte Dame mit Feuereifer bei der Sache und genau das beunruhigt den heraneilenden Krankenpflegehelfer, der befürchtet, dass Frau Feh bei all diesem Geruckel und Geziehe das Gleichgewicht verlieren und zu Schaden kommen könnte. In seiner Aufregung vergisst er sogar, dass Frau Feh Schwerhörig ist und ohnehin nicht auf den Namen „Fedora“ hören würde, den man ihr vor ein paar Tagen im Pausenraum verordnet hat. Dora Feh heißt die gute Dame, 95 Jahre alt und „so verwirrt wie ihre Frisur“. Eine Diagnose aus eben demselben Pausenraum.
„Was machen Sie denn immer für Sachen?“ stößt der junge Mann ganz außer Atem hervor, als er Frau Feh schließlich erreicht hat. Die alte Dame erschrickt heftig und strauchelt in seine Arme. „Er weiß auch nicht so recht, wo er im Raum geht und wo ein anderer im Raum steht, wie?“ schimpft sie und starrt dabei forsch in seinen Hemdausschnitt. Höher reicht ihr Blickfeld nicht und da von dort nur ein paar dunkle Brusthaare zurückschauen, verliert sie schnell das Interesse.
„Er kann mir direkt behilflich sein, er kann das Portal öffnen, da.“ fordert sie, immer noch in gereiztem Ton und klopft an die Türe des Treppenhauses. „Da.“ sagt sie noch einmal, für den Fall, dass der Krankenpflegehelfer es nicht gleich verstanden hat. Der seufzt nur resigniert und dreht die alte Dame langsam in die Richtung, in der ihr Zimmer liegt. „Frau Feh, bitte beruhigen Sie sich, Sie werden sich noch verletzen.“ „Was?“ „Bitte beruhigen Sie sich, sonst verletzen Sie sich noch.“ „Was?“ „Bitte kommen Sie mit.“ „Er soll mich nicht schubsen!“ Frau Feh setzt sich unwillig in Bewegung. „Was?“ fragt sie wieder, auch wenn der Krankenpflegehelfer jetzt gar nichts mehr gesagt hat, sondern sich darauf konzentriert, die alte Frau und ihre Gehhilfe zu sortieren. Das antike Gerät mit den sperrigen Rädern ist mehr eine Behinderung als eine Hilfe, aber Frau Feh weigert sich, moderne Rollatoren zu akzeptieren. Langsam geht es zurück in Richtung Zimmer.
„Sie dürfen nicht immer weglaufen!“ schreit der Krankenpflegehelfer bemüht freundlich. Frau Feh lächelt und nickt einem Lampenschirm zu.

„Na Hopp, mein Kleiner.“ sagt Frau Feh aufmunternd und klopft sich auf die dünnen Schenkel. Sie sitzt in einem praktischen Sessel im Aufenthaltsraum und versucht einen Saugroboter zu animieren, auf ihren Schoß zu springen. Das kleine Gerät hat sich an einem Bein des Sessels festgefahren und blinkt lautlos vor sich hin. Frau Feh ist guter Dinge und klatsch begeistert in die Hände, als der kleine Roboter erneut ein kleines Stück zurück und wieder vorwärts fährt. „Wir werden das schon schaukeln.“ sagt sie und beugt sich ächzend nach vorn. Langsam versuchen ihre arthritischen Finger, das rundliche Gerät zu greifen. „Komm her, mein Freund, gleich haben wir es geschafft.“
„Was machen Sie denn da, Frau Feh?“ fragt ein Altenpflegehelfer, der zufällig in den Raum kommt. „Was?“ fragt Frau Feh, die gerade den Saugroboter erfolgreich auf ihren Schoß gehievt hat. „Das ist ein Staubsauger und kein Kuschelbot, Frau Feh. Bitte lassen Sie das Gerät seine Arbeit tun.“ sagt der Altenpflegehelfer bestimmt, nimmt den Saugroboter aus ihrem Schoß und setzt ihn zurück auf den Boden. „Ich hole Ihnen gerne einen Kuschelbot, mögen Sie lieber eine Robbe oder eine Katze?“ Er wartet keine Antwort ab sondern holt beide Geräte aus einem Schrank. Frau Feh möchte keinen. Resigniert sieht sie dem Saugroboter nach, der in einiger Entfernung über den Boden surrt.

„Hat einer die alte Fedora gesehen?“ Ein Pflegeassistent hebt verwundert den Kopf, als sein Kollege in den Pausenraum stürzt. „Was ist?“ fragt er desinteressiert. „Die alte Fedora ist nicht auf der Station.“ sprudelt der andere hervor. Lässt dabei seine Augen durch den Raum schweifen, als würde Frau Feh sich irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Kühlschrank verbergen. „Kann nicht sein.“ sagt der Erste und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse. „Jetzt diskutier hier nicht mit mir sondern komm!“

„Es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Großmutter in der vergangenen Nacht von uns gegangen ist.“ Die Stimme des Call-Center-Agents ist ruhig und gesetzt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist ebenfalls ruhig und fragt, was denn geschehen sei. „Ihre Großmutter ist gestern Abend aus unseren Räumlichkeiten entwichen. Leider war der Bewegungsmelder an ihrem Handgelenk defekt, wir werden in diesem Zusammenhang noch ein Klärungsgespräch mit dem Hersteller anstreben, aber wie dem auch sei, Frau Feh war es leider möglich, unsere Räumlichkeiten zu verlassen. Man hat sie gegen 23 Uhr im Hitterpark gefunden, sie war gestürzt und litt an einer schweren Unterkühlung. Leider hat sich ihr Körper nicht von diesem Schock erholt.“ „Im Hitterpark?“ „Im Hitterpark.“ „Warum hat man sie dort nicht früher gefunden, ich meine, der Park wird abends abgeschaltet?“ „Das kann ich Ihnen nach unseren gegenwärtigen Erkenntnissen nicht sagen. Wir haben eine Untersuchung eingeleitet und das betreffende Pflegepersonal wird einer strengen Befragung unterzogen. Natürlich werden wir Ihnen die Ergebnisse sofort mitteilen, sobald sie vorliegen. Wir haben uns die Freiheit genommen, alle Schritte für eine Beisetzung in die Wege zu leiten, ich hoffe, dass dies in Ihrem Sinne ist?“ „Ja, ja, das ist es. Durchaus, durchaus.“ „Dürfen wir Sie zum Beisetzungstermin erwarten?“ „Ich werde versuchen es einzurichten.“ „Dann verbleibe ich mit unseren innigsten Beileidsbekundungen und melde mich erneut, wenn es nähere Informationen gibt.“ „Ja, ja, das wäre schön. Danke.“
Der Call-Center-Agent zieht sich genervt das Headset vom Kopf. „Eine Schande ist das.“ murmelt er frustriert. „Was ist eine Schande?“ fragt sein Kollege, der gerade ebenfalls ein Gespräch beendet hat. „Ich habe gerade mit dem Angehörigen der alten Dame gesprochen, die gestern im Hitterpark gestorben ist.“ „Du meinst die, die von den Ratten aufgefressen wurde?“ „Angefressen. Nicht aufgefressen. Ja, genau die.“ „Und, wie hat er es aufgenommen?“ „Ich habe ihm natürlich nicht gesagt, dass sie von Ratten aufgefressen worden ist.“ „Angefressen.“ „Ja, Angefressen. Es hätte ihn aber wahrscheinlich sowieso nicht interessiert.“ „So ist das nun mal, heutzutage.“ kommentiert sein Kollege schulterzuckend. und wendet sich seinem nächsten Telefonat zu. „Ach, Scheiße ist das.“ brummt der Call-Center-Agent und setzt sich das Headset wieder auf.

© sybille lengauer

Januskopf

Veröffentlicht: September 15, 2018 in Gedichte, Gefasel, Politisches
Schlagwörter:

Januskopf

Wenn das jeder machen würde!
Wo kämen wir da hin?
Das kann doch nicht angehen,
Es kann doch nicht wahr sein,
Also wirklich.
Wenn das jeder so machen würde!
Das wäre ein Zustand,
Dass es einer Sau graust.

Wenn das jeder machen würde?
Das ist doch total utopisch.
Es wird nie passieren,
Hey, das wird niemals geschehen,
Also wirklich.
Wenn das jeder so machen würde?
Das wäre ein Aufstand.

Und alles verändert sich.

Wenn das jeder machen würde!
Wie finde ich denn das?
Das kannst du dir nicht ausdenken,
Das kann doch nur ein Witz sein,
Also wirklich.
Wenn das jeder so machen würde!
Das wäre ein Fiasko,
Da können wir alle einpacken.

Wenn das jeder machen würde?
Das ist völlig unrealistisch.
Da kannst du dich gleich auf den Mond wünschen,
Das interessiert doch keinen.
Also wirklich.
Wenn das jeder so machen würde?
Das wäre eine Revolution.

Und alles verändert dich.

© sybille lengauer

Der Wind

Veröffentlicht: August 31, 2018 in Allgemein

Hirnwichsen

Stille.  Nachtschlafene Zeit.  Der blass orange Lichtschein einer uralten Salzlampe, der von der Dunkelheit in eine Ecke des Raumes gedrängt wird. Die Existenz bleibt stehen. Verharrt in einer endlos langen, schmerzhaften Sekunde. Draußen kein Geräusch. Drinnen lautloses Weinen. Die Uhren stehen still. Etwas Wind kommt auf. Raschelt sanft in den Bäumen. Das Leben macht eine Pause, so kurz vor dem Abgrund. Verharrt dort, fast bewegungslos. Zittert ein wenig, weil mir gerade das Herz zerbricht. Vielleicht ist es aber auch nur der Wind.

Und vielleicht liegt alles nur am Wind, der uns forttreibt wie die Wolken. Ziellos. Zeitlos. Am sternenzerfunkelten Himmel. Der uns zusammenballt und wieder auseinanderreißt. Ohne erkennbare Richtung.

Schwere. Sommerschwüle Luft. Der Geruch von verwesendem Tod und sonnendurchtränkten Wiesen. Tiefe Atemzüge. Zwei. Drei. Vier. Pause. Die Gedanken drehen sich um sich selbst. Verweilen in einer endlos langen, schmerzhaften Schleife. Draußen geht das Leben weiter. Drinnen verliert es sich in…

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Ozean

Es ist so ruhig, hier draußen.
Auf dem weiten Ozean.
Die Toten treiben still dahin.
Im kristallklaren Wasser.
Lassen sich nicht stören.
Von deiner Angst, nicht mehr gebraucht zu werden.

Und die Hoffnung,
Die dort gerade zerbricht.
Interessiert dich nicht.
Interessiert dich nicht.

Es ist so angenehm, hier draußen.
Auf dem weiten Ozean.
Die Leichen ziehen mit der Strömung.
Im Wasser, so blau wie der Himmel.
Lassen sich nicht stören.
Von deiner Angst, ungeliebt zu sein.

Und die Zuversicht,
Die dort gerade zerbricht.
Interessiert dich nicht.
Interessiert dich nicht.

Es ist so still, hier draußen.
Auf dem weiten Ozean.
Die Toten schaukeln auf den Wellen.
Während langsam die Sonne untergeht.
Lassen sich nicht stören.
Von deiner Angst, nicht dazu zu gehören.

Und der Traum,
Der dort gerade zerbricht.
Interessiert dich nicht.
Interessiert dich nicht.

Es ist so schön, hier draußen.
Auf dem weiten Ozean.
Die Leichen driften mit den Gezeiten.
Während sich das Wasser langsam dunkel färbt.
Lassen sich nicht stören.
Von deiner Angst, sterblich zu sein.

Und das Leben,
das dort gerade zerbricht.
Interessiert dich nicht.
Interessiert dich nicht.

© sybille lengauer

In die Büsche

Veröffentlicht: August 27, 2018 in Gedichte, Gefasel, Politisches
Schlagwörter:

Da schlägt sich einer.
Mitten zwischen die Augen.
Fällt hin und windet sich.
Blutüberströmt, auf dem menschenleeren Platz.
Etwas geht immer.
Etwas geht immer weiter.
Da schlägt sich einer.
Mitten ins Gesicht hinein.
Kommt aufgeplatzt wieder hoch vom Boden.
Blutüberströmt, auf dem menschenleeren Platz.
Etwas geht immer.
Etwas geht immer wieder.
Da schlägt sich einer.
Mitten auf die Nase.
Stolpert und liegt schon wieder unten.
Blutüberströmt, auf dem menschenleeren Platz.
Etwas geht immer.
Etwas geht immer weniger.
Da schlägt sich einer.
Mitten ins Fleisch.
Rappelt sich keuchend nach Oben.
Blutüberströmt, auf dem menschenleeren Platz.
Etwas geht immer.
Etwas geht immer weg.
Da schlägt sich einer kaputt.
Mitten am hellichten Tag.
Verteilt seine Wut auf dem Beton.
Hassüberströmt, auf dem menschenleeren Platz.
Etwas geht immer.
Etwas geht immer vorbei.

© sybille lengauer

Stacheldraht

Veröffentlicht: August 21, 2018 in Gedichte, Politisches
Schlagwörter:, ,

Fest der Liebe, Zäune bauen.
Fest des Friedens, scharf das Hündchen.
Geschlossene Gesellschaft.
Auf der Heiterkeitswiese.

Und Stacheldraht, überall.
Stacheldraht. Überall.

Fest der Liebe, Mauern errichten.
Fest des Friedens, hart getroffen den Schnorrer.
Geschlossene Gesellschaft.
In den Glockenklanghimmeln.

Und Stacheldraht, überall.
Überall Stacheldraht. Überall.

Fest der Liebe, Gräben schaufeln.
Fest des Friedens, bitte keinen Neid.
Geschlossene Gesellschaft.
Auf den Zehntausenderrängen.

Und Stacheldraht, überall.
Stacheldraht. Stacheldraht. Überall.

Fest der Liebe, teilen unerwünscht.
Fest des Friedens, auf unserer Seite des Tellers.
Geschlossene Gesellschaft.
Hier Überall.

Und Stacheldraht, überall.
Überall Stacheldraht.
Überall.
Stacheldraht.

© sybille lengauer