A’pno:e-Spiele

Veröffentlicht: Mai 15, 2020 in Gedichte
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a’pno:e – Assoziationsspiel* 
(ursprüngliche Gedichte von Fabian Lenthe)**

Du wirfst deine Leere, 
mit Absicht gegen die Wand, 
lässt sie dort Trocknen,
Bis nach der Großen Pause.
Du fragst: Wo ist Unten?
in diesem Traum ohne Richtung,
Hast dabei haarscharf den Frühling,
im Blick.
Auch wenn Tag für Tag,
die Raben nach dir schlagen,
und die Welt in Stücke krächzen,
nennst du jeden Vogel flügellahm,
denn links von dir liegt die Ewigkeit.

Die Anwesenheit deines Schattens, 
auf dem Filter der Kaffeemaschine,
auf dem Staub in den Regalen,
auf dem gottverdammten Mittagessen,
nimmt mir den letzten Rest Würde.
Es ergibt keinen Sinn,
Die Vergissmeinnicht dafür zu verachten,
es wäre falsch und bequem,
Den Sonntag dafür zu verstoßen,
Denn das Etwas, das mich quält,
ist nicht blau,
sondern Schwarz.

Während wir ahnungslos schlafen,
schlägt die Zeit tiefe Kerben, 
wohin wir auch schauen,
nichts vergeht so schön,
wie das Meer, 
Im November.

Schmerzpunkt: Abwesenheit. 
Da ist Niemand,
nicht das kleinste Stück Herrgott.
vielleicht auch ein Glück,
immerhin waren die Jalousien,
Früher auch immer unten.
also warum festhalten,
an der unliebsamen Antwort, 
muss doch ein Blinder erkennen:
sicher ist nur der Ausgang.

Ich falle wie ein Stein,
zum MittelPunkt der Erde,
verbrenne zu weißgrauer Asche,
im Schmerzbauch der Welt –
Da klaffte plötzlich Loch,
wo genau hab’ ich vergessen,
und schon fiel ich ins Nichts.
Der Herr sei mein Zeuge,
Es war nur ein falscher Schritt.

Ich reiße deine Ruhe in Fetzen, 
Das ist mehr Vergnügen als Pflicht,
Werfe dein unbeschwertes Feixen auf den Grund des tiefsten Brunnens,
Ersäufe dein nimmersattes Grinsen im Schlick der Unendlichkeit.
Dies ist der Tod deiner Träume.
Für dich unerreichbar,
liegen meine Worte,
gegen die Stille,
auf den Stufen des Brunnens:
Nie, nie, nie hört es auf zu bluten.

Schöner wird der Mensch
nur auf Entfernung.

* Assoziationsspiel: Ich habe einzelne, fett-gedruckte Worte aus einem Gedichtband in der Reihenfolge ihres Erscheinens aufgeschrieben und damit neue Sätze / Gedichte gebaut. Die Worte sind in Fett markiert.

** Buch: A’pno:e Gedichte von Fabian Lenthe, Rodneys Underground Press, 2020
Hier ist noch der: Link zu Fabians Homepage

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Das Zimmer

Veröffentlicht: Mai 10, 2020 in Kurzgeschichten
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Das Zimmer

Hektor öffnete die Augen und blinzelte zu einer weit entfernten, strahlend weißgetünchten Zimmerdecke empor. Auch wenn es ihm nicht leichtfallen wollte seine ziellos mäandernden Gedanken zu fokussieren, erfasste er doch instinktiv, dass er diese seltsam hohe Zimmerdecke noch nie zuvor gesehen hatte. Langsam wandte er den Kopf, sein Blick glitt haltlos ein ungewöhnlich langes Bücherregal hinab und blieb schließlich auf schwarz-weißkariertem Laminatfußboden kleben. Ächzend wälzte er sich in eine sitzende Position, schwarze Punkte schossen durch sein Sichtfeld, als leichter Schwindel ihn erfasste. „Immer langsam mit den jungen Pferden.“, ermahnte er sich, dann schwang er umständlich die Beine aus dem Bett. Seine nackten Füße berührten den kalten Laminatboden und ein leichter Schauer lief von den Zehen durch seinen massigen Körper, bis hinauf in die eisengrauen Haarspitzen. Hektor atmete scharf ein und erhob sich schwankend, wobei er mit der rechten Hand einen Bettpfosten umklammerte, um nicht zu stürzen. So verharrte er eine Weile, etwas zittrig in den Knien, ein wenig wacklig in der Hüfte. „Hallo?“, rief er mit belegter Stimme. „Hallo! Ist da jemand?“ Kalte Stille antwortete seinen Rufen, er hörte nichts als das pulsierende Hämmern des eigenen Blutes in den Ohren. Angespannt sah er sich in dem engen Zimmerchen um. Die ungewöhnlich hohen Wände waren nahtlos mit Regalen verstellt, in denen sich tausende Bücher türmten. Neben dem schmalen Bett gab es nur noch einen runden Holztisch und einen einfachen Klappstuhl, die in der Mitte des Raumes auf einem grellbunten Knüpfteppich standen. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in Hektors Magengrube aus, doch erst nach einer Minute angestrengten Denkens begriff er, dass das fensterlose Zimmer keine Türe besaß. Angst kroch mit spinnenfeinen Fingern seine Wirbelsäule entlang. Er stieß sich vom Bettpfosten ab, wankte zu einem Regal und begann wahllos Bücher herauszureissen, doch hinter den schweren Folianten und flattrigen Groschenheften, die er immer ungehaltener zu Boden schleuderte, fand sich nur weiße Wandfarbe über solidem Mauerwerk. Hektor verlor die Beherrschung, er rannte an den Regalen entlang, riss ganze Bücherreihen zu Boden und trampelte zornig auf lose flatternden Seiten herum. Er verausgabte sich rücksichtslos und schrie, bis er puterrot und völlig entkräftet zwischen zerfetzten Bücherrücken und Bergen von zerrissenem Papier in die Knie ging. „Ich – ich habe einen Herzinfarkt“, japste er hysterisch, dann brach er zusammen.

Hektor öffnete die Augen und starrte zu einer weit entfernten, strahlend weißgetünchten Zimmerdecke empor. Er grunzte irritiert, wischte die Fetzen des eigenwilligen Traumes fort und schwang die Beine aus dem Bett. Als seine nackten Füße den schwarz-weißkarierten Laminatfußboden berührten schoss ihm blitzartig durch den Kopf, dass der Traum kein Traum gewesen war. Die Bücher, der Klappstuhl, der Holztisch, alles stand unversehrt an seinem Platz. Hektor schüttelte den Kopf, rieb sich mit den Händen über das Gesicht und blinzelte angestrengt, doch was er sah blieb unverändert. „Das ist ein Trick, oder?“, fragte er in das stille Zimmer hinein. „Hallo? Das ist ein Trick, nicht wahr?“ Hektor spürte die heranpirschende Panik, zornig sprang er auf die Beine, stapfte in die Mitte des Raumes, stieß Tisch und Klappstuhl beiseite und brüllte wütende Flüche zur Zimmerdecke hinauf, bis seine Stimme versagte. „Ich will hier raus!“, knurrte er rau, dann brach er in Tränen aus. Lange stand er so da, schwer atmend, weinend, gottverlassen. Frustriert musterte er die schier endlosen Regale. „Hilfe“, flüsterte er, doch niemand half. Also begann er zu klettern. Er zog sich von einem Regalbrett zum nächsten, schnaufte und ächzte dabei wie eine alte Lokomotive. Immer weiter zog er sich nach oben, seine Hände wurden rutschig vom Schweiß, seine Beine zitterten von der ungewohnten Anstrengung, doch Hektor gab nicht auf. Er zwang sich weiter, biss die Zähne zusammen und kämpfte, bis die Kraft aus seinen tauben Fingern schwand und er wimmernd abrutschte. Hektor stürzte kreischend in die Tiefe, sein ungelenker Körper schlug hart auf dem Fußboden auf, er hörte das Geräusch brechender Knochen, bevor er das Bewusstsein verlor.

Hektor öffnete die Augen und wandte stöhnend den Blick von der weit entfernten, strahlend weißgetünchten Zimmerdecke. In seiner Erinnerung tobte der Schmerz noch glutheiß durch seinen Körper, doch lag er unversehrt im Bett, als wäre nichts geschehen. Lange Zeit wagte er nicht sich zu bewegen, sondern lag nur still und starrte, bis seine Augen tränten. Als er das nicht mehr ertragen konnte, quälte er sich ächzend aus dem Bett, dann stand er unschlüssig im Raum und glotzte. Hektor fühlte Verwirrung und Hilflosigkeit, zögerlich setzte er sich an den Holztisch und wartete, dass irgendetwas geschehen möge. Sein Atmen erschien ihm unerträglich laut, er räusperte sich verlegen und konzentrierte sich auf seine Hände, die ruhelos in seinem Schoß lagen. Er wusste nicht, wieviel Zeit verging. Ahnte nur, dass er lange so dasaß und nichts sah, als seine groben, faltigen Hände, während sich in seinem Innersten tiefschwarze Hoffnungslosigkeit ausbreitete. In einer großen Kraftanstrengung riss Hektor den Blick von seinen unruhigen Händen, entschlossen drückte er sich vom Klappstuhl hoch. Mit einem mächtigen Schnaufen kam er auf die Beine, er ging schnurstracks zu einem Regal, zog wahllos ein Buch heraus, klappte es auf und begann zu lesen:
Hektor befindet sich im Greißlerladen, gerade noch hat ihm die nette Verkäuferin eine Scheibe Schinkenwurst geschenkt, jetzt steht er alleine vor dem verlockenden Süßigkeitenregal und wischt sich die fettigen Finger gedankenverloren am Hosenboden ab. Irgendwo im hinteren Teil des Geschäfts bestellt seine Großmutter einen halben Laib Krustenbrot, Hektor kann ihre Stimme laut und deutlich durch den Laden klingen hören. Vor ihm ragt ein Berg fein säuberlich gestapelter Schokoriegel empor, Hektor läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn er auf die appetitlichen Süßwaren schaut. Er reckt sich auf die Zehenspitzen, streckt die kurzen Arme und zieht einen Riegel aus dem Stapel. Verstohlen sieht er sich nach allen Seiten um, dann lässt er den Schokoriegel in seiner Hosentasche verschwinden. Mit klopfendem Herzen gesellt er sich zur Großmutter, er ist sicher, dass sie seine Tat sofort durchschauen und ihn bestrafen wird, doch die Großmutter ist in den Einkauf vertieft und beachtet ihn nicht weiter. Hektor kann bei jedem Schritt das Gewicht des Schokoriegels in seiner Hosentasche spüren, er fühlt sich schuldig, doch auch auf prickelnde Weise heldenhaft und mutig.
Desorientiert und verwirrt starrte Hektor auf das Buch in seinen Händen und versuchte zu begreifen, was ihm gerade widerfahren war. Eben noch war er in dem Greißlerladen gewesen, hatte den Schokoriegel gestohlen und dabei sein wild klopfendes Herz gespürt. Klein war er gewesen und so jung! Doch nun stand er wieder in diesem verfluchten Zimmer, fühlte sich alt, verloren und verletzlich und niemand war da, der ihm das alles hätte erklären können. Hektor wagte einen mutigen Vorstoß und lugte erneut in das Buch, doch alle Seiten waren leer und nichts bemerkenswertes geschah. Also legte er es auf dem Tisch ab, zog ein neues Buch aus dem Regal und las den Titel. „Krokodilstränen“ stand da in goldschimmernden Lettern auf dunkelgrünem Einband, mit spitzen Fingern klappte er das Buch auf und las:
Hektor sitzt auf der Kindergartentreppe und weint bittere Tränen der Frustration. Vor ihm steht seine Kindergartentante Hertha, ihre Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Ihr rundliches Gesicht drückt große Missbilligung aus und Hektor ist der Grund für diese Verstimmung. Er hat seiner Todfeindin Sabine ein Bein gestellt, sie ist gestürzt und hat sich einen Zahn ausgeschlagen. Und obwohl Sabine, die ihn schon wieder den ganzen Tag lang ‚Traktor‘ gerufen hat, den ausgeschlagenen Zahn bestimmt verdient, wird Hektor für sein angeblich schlechtes Benehmen bestraft. Hektor fühlt sich ungerecht behandelt, dicke Tränen laufen über seine Wangen und tropfen auf sein hellrotes T-Shirt. Schluchzend beteuert er seine Unschuld, doch Tante Hertha ist nicht gewillt seinen Ausreden zuzuhören. Sie verbannt Hektor auf unbestimmte Zeit ins Ruhezimmer und überlässt ihn seinen ‚Krokodilstränen‘, wie sie es nennt. Zutiefst gekränkt heult Hektor in ein großes, flauschiges Kissen.
Leise schluchzend kehrte Hektor in die Realität des Zimmers zurück, in welcher die Seiten des Buches nun leergelesen waren. Andächtig legte er es auf den Tisch, dann wandte er sich wieder den Regalen zu. Nun las er die Titel der Bücher ganz bewusst, griff ein Exemplar nach dem anderen heraus, um den Einband aus der Nähe zu betrachten. Die Bücher trugen Titel wie ‚Apfel-Liebe‘, ‚Schneeburg‘ oder ‚Papierkrieger‘, manche waren dick und in Leder gebunden, andere bestanden nur aus ein paar zusammengehefteten Seiten. Hektor entschied sich für ein dünnes Büchlein, das den einfachen Titel ‚Erdbeerkuchen‘ trug, er setzte sich an den Tisch, schlug das Büchlein auf und durchlebte Augenblicklich jene süße Ekstase, die er als kleiner Junge beim Genuss des Kuchens empfunden hatte. „Unglaublich“, flüsterte er danach und legte das leergelesene Büchlein vorsichtig zu den anderen. In den nächsten Stunden erlebte Hektor auf diese Weise dutzende Ereignisse seiner Kindheit, er durchlitt den tränenreichen Verlust seines Meerschweinchens Billy, stritt zornig mit seinem Vater über ein verschüttetes Glas Milch und brach sich den Arm, als er auf dem Jahrmarkt von einem bockigen Pony stürzte. Hektor las, bis der Tisch unter den schweren Bücherstapeln bedenklich knirschte und er, übervoll mit Erinnerungen und aufgewirbelten Gefühlen, meinte, in tausend Stücke zerspringen zu müssen. Erschöpft legte er ein letztes Buch auf einen der schwankenden Stapel, dann schlurfte er zum Bett und plumpste auf die Matratze, sein Körper fühlte sich schwer wie Blei, doch sein Kopf war federleicht, als wäre er mit Helium gefüllt und während er noch über diesen eigenartig zwiegespaltenen Zustand nachdachte, schlief er ein.

Hektor öffnete die Augen und schaute mit gerunzelter Stirn zur weit entfernten, strahlend weißgetünchten Zimmerdecke. Er drehte sich auf die Seite, blickte lange zur Wand und seufzte tief. Schließlich wälzte er sich aus dem Bett, schlurfte zum Tisch und saß dort ein wenig ratlos, während die Müdigkeit aus seinen Gliedern wich. Hektor erinnerte sich nur schemenhaft an seine Erlebnisse des letzten Tages, er wusste, dass er in den Büchern gelesen und dabei etwas Bedeutendes erfahren hatte, doch konnte er beim besten Willen nicht mehr zusammensetzen, was es gewesen war. Also stand er schwerfällig auf, ging zu einem der Regale, zog ein unscheinbares Buch mit dem Titel ‚Kuss’ heraus und begann zu lesen:
Hektor steht bis zum Bauchnabel im Meer. Über seinem Kopf ziehen schneeweiße Möwen im grenzenlosen Himmel dahin, doch Hektor hat nur Augen für Jasmin, die vor ihm in den Wellen steht, grinst und ein wenig zittert. Jasmin, die unbeschreiblich schön ist, in ihrem türkisblauen Badeanzug. Hektor schluckt trocken, seine Zunge fühlt sich schrecklich verkehrt an, als würde sie nicht in seinen Mund gehören. Alles fühlt sich falsch an und doch irgendwie richtig. Der Kuss kommt völlig überraschend, ganz plötzlich beugt Jasmin sich nach vorn, nimmt seinen Kopf zwischen die Hände und drückt ihre weichen, nach Meerwasser und Sonnencreme schmeckenden Lippen auf seine.
Wehmütig dachte Hektor dem unvergleichlichen Geschmack dieser Lippen hinterher, dem Geruch und Gefühl jenes Tages am Meer. Beinah zärtlich blätterte er durch die leergelesenen Seiten des Buches, dann legte er es auf den Tisch, strich noch einmal liebevoll über den Einband und wandte sich wieder den Regalen zu. Er wählte ein kleines Heftchen ohne Titel und durchlebte eine kurze Demütigung im Geschichtsunterricht; seine Lehrerin fragte nach dem Geburtsort Hitlers und er gab, ganz unschuldig, Berlin zur Antwort. Das abfällige Gelächter seiner Mitschüler klang noch geisterhaft in seinen Ohren, als er das Heftchen schnaubend auf den Boden warf. Hektor las an diesem Tag unzählige Abschnitte seiner Jugend, er durchlebte den aufregenden Ekel der ersten Zigarette, erfuhr den bittersüßen Schmerz enttäuschter Liebe, stritt unzählige Male erbost mit seinen Eltern, den Lehrern, den Freunden, versöhnte sich, betrank sich, bekam Hausarrest. Die leergelesenen Bücher türmten sich auf Tisch und Boden, Hektor gähnte und rieb müde über seine geröteten Augen. Er entschied, noch ein letztes Buch zu lesen, bevor er ausruhen musste und
wählte ein großformatiges Exemplar mit ockerbraunem Einband, das den vielversprechenden Titel ‚Jagdglück‘ trug:
Hektor kniet hinter einem dicht belaubten Holunderbusch und wartet auf das Kaninchen. Er hält seine Schleuder locker in der linken Hand, beobachtet aufmerksam den Grasfleck, hinter dem er das Tier vermutet, und versucht möglichst leise zu atmen. Nach einer halben Ewigkeit kommt das Kaninchen endlich hinter dem Grasfleck hervor, Hektor konzentriert sich, er zielt und schießt. Das getroffene Tier springt mit einem entsetzten Kreischen in die Luft, dann windet es sich im Gras und schreit vor Schmerz. Hektor gerät in Panik, er stolpert kreidebleich aus seinem Versteck, rennt kopflos davon, fällt der länge nach hin, schlägt sich die Handballen blutig.
Nach dieser Erinnerung war es Hektor wirklich genug für diesen Tag, er klappte das Buch geräuschvoll zu und schüttelte betrübt den Kopf, das schlechte Gewissen drückte schwer auf seine Schultern. Gebeugt schlurfte er zum Bett, mit knirschenden Gelenken legte er sich auf die Matratze, lange lag er wach und fand nicht in den Schlaf. Die Schreie des Kaninchens verfolgten ihn bis in seine Träume.

Hektor öffnete die Augen und warf einen langen Blick zur strahlend weißgetünchten Zimmerdecke hinauf. Sie erschien näher zu sein, als hätte sie sich in der vergangenen Nacht unbemerkt herabgesenkt, doch Hektor tat diese Beobachtung als einen Streich seines überreizten Gehirns ab. Er wuchtete sich aus dem Bett und begann den Tag mit ungelenken Gymnastikübungen, die er mit verbissenem Ernst absolvierte. Geschäftsmässig schritt er danach die Regalreihen entlang, um hier oder dort einzelne Bücher auszuwählen, dann setzte er sich mit auffällig geradem Rücken an den Tisch und las die Erinnerung an einen Einstellungstest, bei dem er kläglich versagt hatte. Er durchlebte noch einmal die Verunsicherung, die er beim Anblick des mehrseitigen Fragebogens empfunden hatte und roch den scharfen Achselschweiß, der durch sein Hemd sickerte, bis er schließlich mit hochrotem Kopf aus der demütigenden Erinnerung zurückkehrte. Hektor murmelte einen blumigen Fluch, dann schluckte er die Schmach hinunter und wandte seine Aufmerksamkeit einem anderen Buch zu. Er hatte das unbestimmte Gefühl eine wichtige Aufgabe zu absolvieren, die er zwar nicht begreifen, jedoch ganz bestimmt meistern konnte. Stundenlang arbeitet er sich auf diese Weise durch die Bücher, manchmal stand er auf, um seinen schmerzenden Rücken zu entlasten und joggte ein paar Runden an den Regalen entlang, dann setzte er sich wieder an den Tisch und las. Die Erinnerungen begannen zu verschwimmen, bildeten in seinem Kopf ein wirres Durcheinander aus Gedanken und Gefühlen. Hektor beschloss noch ein letztes Buch zu lesen, bevor es für diesen Tag genug sein sollte, er stellte sich vor die Regale, rieb den schmerzenden Rücken und ließ den Blick über die Buchreihen wandern, bis er ein besonders schönes Exemplar entdeckte. Das Buch besaß einen dunkelbraunen Einband, der wie die Borke eines Baumes aussah und trug keinen erkennbaren Titel, neugierig zog er es aus dem Regal, setzte sich an den Tisch und begann zu lesen:
Hektor fährt zügig eine Landstraße entlang, im Autoradio läuft gerade sein Lieblingslied, er singt aus vollem Hals mit und genießt den Fahrtwind, der durch das geöffnete Seitenfenster strömt. Es ist ein lauer Abend im September, die Bäume am Straßenrand beginnen bereits die Blätter zu verfärben, stehen aber noch im vollen Laub. Der Himmel zeigt sich strahlend Blau und wolkenlos. Hektor fühlt sich großartig, er trommelt mit den Händen im Rhythmus des Liedes, grölt den Refrain und tritt ordentlich aufs Gas, um noch vor der nächsten Kurve einen Wagen zu überholen…
Mit einem Aufschrei riss sich Hektor aus der Erinnerung und schleuderte das Buch von sich, als stünde es in Flammen. „Nein, das nicht. Das bitte nicht!“, schrie er, warf sich theatralisch aufs Bett und heulte. Lange lag er so da, zusammengekrümmt und zitternd, die Augen so fest verschlossen, dass er rote Punkte sah. Er hoffte, so die Erinnerung abschütteln zu können und betete, dass der Schlaf kommen und ihn erlösen möge. Jahrelang hatte er nicht mehr an den Unfall gedacht, hatte die Bilder vergessen, den Geruch, die Schreie. Nun drängte sich all das brutal in sein Gedächtnis und er wehrte sich mit aller Kraft gegen die Schuld, die sein Herz zu erdrücken drohte. Als der Schlaf ihn nach endlosen Stunden endlich überrollte, träumte er von Feuer, Blut und Tränen.

Hektor öffnete die Augen und stierte matt zur weißgetünchten Zimmerdecke empor. Erneut hatte er den Eindruck, die Zimmerdecke sei nicht mehr so weit entfernt und auch die Regale wirkten deutlich niedriger, als sie es gestern noch gewesen waren. Unwillig schob er den Gedanken von sich, schwang die Beine aus dem Bett und fluchte, als seine nackten Füße den kalten, schwarz-weißkarierten Laminatboden berührten. Auf dem Tisch lag das Buch ohne Titel, Hektor saß auf der Bettkante und starrte lange zu ihm hinüber, schließlich stand er auf, schritt betont langsam zum Tisch, nahm das Buch in die Hände und drehte es schlecht gelaunt hin und her. „Ich WILL das nicht lesen.“, grollte er leise, dann stellte er das Buch demonstrativ zurück ins Regal und suchte ein anderes heraus, das den unverfänglichen Titel „Arbeitsalltag“ trug. Sein Elan des Vortages war verflogen, mit langem Gesicht nahm er Platz und begann zu lesen. Die Geschichten, die er nun mit großer Sorgfalt aussuchte, handelten fast ausschließlich von seinem Berufsleben, Hektor quälte sich lustlos durch lange Jahre im Büro, durchlebte stundenlange Sitzungen und öde Abende mit Geschäftspartnern, deren inhaltsleeres Gerede nur mithilfe von Alkohol erträglich schien. Immer wieder wanderte sein Blick zu dem Regal, in welchem das Buch ohne Titel stand, jedes Mal schüttelte er den Kopf, um seinen deutlichen Unwillen zu signalisieren. Als er an diesem Abend ins Bett schlurfte, fühlte er sich erschöpft und so leergelesen wie die unzähligen Bücher, die in wildem Durcheinander auf dem Fußboden lagen.

Hektor öffnete die Augen und ignorierte bewusst die Zimmerdecke, deren unbestreitbares näherrücken seine Nerven strapazierte. Er drehte den Kopf und stöhnte, als er das Buch ohne Titel auf dem Tisch liegen sah. Missmutig wälzte er sich aus dem Bett, stapfte zum Tisch und stieß das Buch zu Boden. Mit einem satten Geräusch schlug es auf dem Knüpfteppich auf und Hektor versetzte ihm einen kräftigen Tritt, sodass es unter eines der Regale geschleudert wurde. Dann setzte er sich mit verkniffenem Gesicht auf den Klappstuhl und schmollte. Hektor hatte keine Lust in den Büchern zu lesen, wollte sich nicht mehr mit seiner Vergangenheit beschäftigen, wollte eigentlich nur noch eines: seine Ruhe haben. Also saß er da, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen auf die Tischplatte geheftet und wartete, bis er meinte, sein Kopf müsse vor Langeweile zerspringen. Er hatte das Gefühl einen Kampf auszufechten, dessen Regeln er nicht verstand und ahnte, dass er verlor. Niedergeschlagen stand er schließlich auf, griff ein Buch aus dem Regal und las:
Hektor sitzt am schmuddeligen Tresen einer anonymen Kneipe und schüttet Bier in sich hinein. Es ist sein vierzigster Geburtstag, doch bis jetzt hat sich niemand gemeldet um zu gratulieren. Deprimiert versucht er ein Gespräch mit einer attraktiven Blondine zu beginnen, deren voluminös toupiertes Haar an Strohballen in einem Stoppelfeld erinnert, doch sie zeigt sich nicht interessiert und verlacht seine Bemühungen hämisch. Hektor fühlt sich von der Welt verlassen, deprimiert trinkt er weiter, bis er sich schließlich auf der verdreckten Herrentoilette übergeben muss.
Hektor tauchte aus der Erinnerung auf und würgte, der Geschmack des Erbrochenen klebte ekelerregend an seinem Gaumen. Angewidert warf er das Buch zu Boden und griff nach einem anderen Exemplar, das allerdings eine ganz ähnliche Geschichte erzählte. Die meisten Bücher, die nun in den Regalen standen, trugen amüsante Titel wie „Leberjodler“ oder „Bier vor Vier“, doch ihr Inhalt war alles andere als lustig. Jede Geschichte begann und endete auf ähnliche Weise, aus den Trinktouren mit Bier wurden Saufabende mit Whiskey, bis Hektor eines Tages bei Schnaps landete, der immer billiger wurde, je weiter die Jahre voranschritten. Er sah eine zaghafte Beziehung aufkeimen und nach kurzer Zeit am Alkohol zerbrechen, sah seine Karriere versanden und schließlich auch sich selbst. In dieser Nacht lag Hektor lange wach, schlaflos wälzte er sich von einer Seite zur anderen, das Bett erschien ihm hart und unbequem, das Kopfkissen drückte, die Bettdecke kratzte. Entnervt schlug er mit der Faust auf das Kopfkissen ein, bis es zerriss und Federn spuckte, dann trat er Kissen und Decke zornig aus dem Bett, lag auf der Matratze und fühlte sich elend.

Hektor öffnete die Augen und lugte misstrauisch zur Zimmerdecke, die nun so nahe war, dass er Pinselabdrücke und feine Risse in der strahlend weißen Tünche erkennen konnte. Er drehte sich plump auf die Seite und ließ den Blick deprimiert durch das kleine Zimmer schweifen, dessen Regale auffallend niedrig und leer waren. Auf dem Tisch lag das Buch ohne Titel und schien ihn zu verhöhnen. „Ich hasse dich“, murmelte Hektor, er drehte sich auf die andere Seite und schloss die Augen, doch der Schlaf wollte nicht wiederkommen. Also quälte er sich aus dem Bett, ignorierte das Buch auf dem Tisch und zog die wenigen, verbliebenen Bücher aus den Regalen. Dann verschanzte er sich wieder im Bett, doch konnte er sich nicht dazu aufraffen, die Bücher zu lesen. Vierzig Bände waren es noch, vierzig Geschichten aus seinem alten Leben. Hektor fragte sich, was geschehen würde, wenn er sie leergelesen hätte, unwillkürlich wandte er den Kopf zum Buch ohne Titel und schauderte. Er entschied, die Bücher nicht zu lesen und verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust, doch war niemand zugegen, den diese Geste beeindruckt hätte. Einsam und allein saß er auf dem Bett, ein unerträglich langer Zeitraum verstrich, in dem rein gar nichts geschah und so gab er sich endlich geschlagen und las. Traurig waren sie, die letzten Geschichten aus seinem Leben, angefüllt mit Bitterkeit und Enttäuschung. Hektor fühlte einen Klumpen in seiner Brust, der mit jeder Geschichte schwerer wurde, die ihn näher an das Ende seiner Erzählung rückte. Kopfschüttelnd tauchte er aus einer letzten Erinnerung auf, die ihn ausgezehrt und gelblich in einem Krankenhausbett zeigte und nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie es nur so weit hatte kommen können. Wie unter Zwang wandte er den Kopf zum Buch ohne Titel. „Nein“, sagte er laut. „Ich kann das nicht.“ Hektor legte das letzte, leergelesene Buch auf den Stapel, den er neben dem Bett aufgehäuft hatte, zog die Decke über den Kopf und weinte.

Hektor öffnete die Augen und stieß einen erschrockenen Schrei aus, als er bemerkte, wie niedrig die strahlend weißgetünchte Zimmerdecke in dieser Nacht herabgekommen war. So nahe war sie während seines Schlafes herangerückt, dass er sie, im Bett liegend, mit der ausgestreckten Hand berühren konnte. Ängstlich stellte er sich wieder schlafend, doch selbst mit geschlossenen Augen spürte er die nahe Zimmerdecke, die ihn zu zerquetschen drohte. Hektor fühlte die Panik in heißen Wellen über sich hereinbrechen, tapfer versuchte er seine Angst zu kontrollieren, doch das Atmen fiel ihm schwer und das Herz schlug wild und schmerzhaft gegen seine Brust. Schweißnass wand er sich auf der Matratze, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt, bis er es nicht mehr ertragen konnte zu liegen. Stöhnend schälte er sich aus dem Bett und kroch auf Händen und Knien zum Buch ohne Titel, das in der Mitte des Raumes auf dem Knüpfteppich lag und auf ihn zu warten schien. Unschlüssig hockte er vor dem Buch, wiegte den Oberkörper vor und zurück und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht.“, flüsterte er unter Tränen. Er bettelte und wimmerte, riss sich die eisengrauen Haare vom Kopf und flehte zur niedrigen Zimmerdecke, er möge verschont werden, aber seine Worte verebbten ungehört, bis nur noch heiseres Flüstern blieb. Zitternd griff er nach dem Buch, krampfte die Finger, als wollte er es zerreißen, dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen, klappte es auf und las:
Hektor fährt zügig eine Landstraße entlang, im Autoradio läuft gerade sein Lieblingslied, er singt aus vollem Hals mit und genießt den Fahrtwind, der durch das geöffnete Seitenfenster strömt. Es ist ein lauer Abend im September, die Bäume am Straßenrand beginnen bereits die Blätter zu verfärben, stehen aber noch im vollen Laub. Der Himmel zeigt sich strahlend Blau und wolkenlos. Hektor fühlt sich großartig, er trommelt mit den Händen im Rhythmus des Liedes, grölt den Refrain und tritt ordentlich aufs Gas, um noch vor der nächsten Kurve einen Wagen zu überholen. Das entgegenkommende Auto sieht er nicht, es taucht völlig unvermittelt auf, als wäre es auf die Straße gezaubert worden. Erschrocken reißt Hektor das Lenkrad herum, wie in Zeitlupe sieht er den fremden Wagen auf sich zuschießen, die junge Frau am Steuer ist leichenblass. Die Autos schießen um Haaresbreite aneinander vorbei, der Wagen der Fahrerin gerät ins schleudern und prallt frontal gegen einen Baum. Hektor tritt hart auf die Bremse, er springt aus dem Auto, stolpert, knallt hart auf den Asphalt, rappelt sich auf und rennt zur Unfallstelle. Sieht verbogenes Metall, riecht ausströmendes Benzin, hört verzweifelte Schreie. Aus der Motorhaube schlagen Flammen, die junge Frau liegt eingeklemmt in den Trümmern des Wagens und schreit panisch um Hilfe. Hektor verliert die Nerven, er macht auf dem Absatz kehrt, rennt zu seinem Auto, springt hinter das Lenkrad und fährt mit quietschenden Reifen davon.
Zutiefst betroffen tauchte Hektor aus der Erinnerung auf, kraftlos ließ er das Buch aus seinen Händen gleiten. „Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid!“, schluchzte er niedergeschmettert, die Schuld schnitt wie heißglühender Draht durch sein Herz, mit versteinerter Miene saß er auf dem Boden und zitterte. Ein merkwürdig knirschendes Geräusch riss ihn aus der Erstarrung, Hektor hob den Kopf und begriff, dass die Zimmerdecke erneut in Bewegung geraten war. Langsam senkte sie sich herab, um ihn zu zerquetschen. Angsterfüllt kroch Hektor über den Laminatboden und suchte verbissen nach einem Ausgang, er robbte auf Händen und Knien, wand sich auf dem Bauch, bettelte und schrie, doch die Zimmerdecke kam unerbittlich näher, senkte sich auf ihn herab und raubte ihm die Luft zum Atmen. Als der Druck auf seinen Körper unerträglich wurde, stieß er einen letzten, verzweifelten Schrei aus.

„Ich gratuliere, Frau Wildhagen!“, die Hebamme beugt sich über die erschöpfte Mutter und lächelt strahlend. „Sie haben das ganz wunderbar gemacht. Es ist ein gesundes Mädchen. Hören Sie nur, wie kräftig es schreit, das ist ein gutes Zeichen.“ Frau Wildhagen erwidert das Lächeln der Hebamme, liebevoll wiegt sie das kleine Bündel Leben, das zitternd und schreiend in ihren Armen liegt.

© sybille lengauer

Die Presswurst #2 ist soeben bei Rodneys Underground Press erschienen und entzückt das Auge des werten Lesers mit bombastischen Wort- und Bildbeiträgen von: Roland Adelmann, Gisbert Amm, Daniel Anhut, Antoinette, Thomas Anzendorfer, Urs Böke, Kevin Geronimo Brandtner, Natalia Breininger, Jenz Diekmann, Florian Günther, Wolfgang Hermann, Marco Kerler, Christian Kiel, Christoph Kleinhubbert, Sybille Lengauer, Fabian Lenthe, Tanja Leuthe, Esther Mohnweg, Markus Prem, Robsie Richter, Clemens Schittko, Lars Weylthaar und Johannes Witek.

Presswurst #2, Christoph Kleinhubbert und Roland Adelmann, RUP Verlag, Cover Antoinette

Für D.

Veröffentlicht: April 23, 2020 in Gedichte
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Für D.

Vom Bus angefahren.
Aus heiterem Himmel.
Das Herz ausgekotzt,
Die Augen ausgeweint.
Jämmerlich.
Auf staubigen Straßen.

Vom Blitz getroffen.
Mit eisiger Miene.
Die Hände ausgewrungen,
Die Beine ausgelaufen.
Gramgebeugt.
Auf gleißendem Asphalt.

Vom Büffel getreten.
Hals über Kopf.
Die Zähne ausgeknirscht,
Das Haar ausgerissen.
Unglücklich.
Auf steinigen Wegen.

Ich werde dich vermissen.

© sybille lengauer

Meine Geschichte „Bob ist ein Arschloch“ könnt ihr jetzt gerne im DUM-Das Ultimative Magazin nachlesen. Ich wünsche viel Vergnügen.

DUM – Das Ultimative Magazin, Jhg 23, No. 93/2020

Mit Beiträgen ua von: Gerhard Bengini, Martin Peichl, Brigitte Turner, Sybille Lengauer, Janea Hansen, Daniela Dangl, Harald Vogl, Simon Stockinger, Raoul Eisele, Gregor Maria Baumgartner, Daniel Klaus, Benjamin Rizy, Rainer Wendler, Annemarie Regensburger, Karin Leroch, Susanne Grech, Andrea Ch. Berger, Mario Huber

Und wieder durfte ich ein ganz wunderbares Buch für die Gruppe „Krautjunker“ besprechen, wer neugierig ist, findet den ganzen Text dort. Viel Vergnügen.

Buchvorstellung von Sybille Lengauer »Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tag ruft […]

über Kochen mit Fernet-Branca — KRAUTJUNKER

Zitat  —  Veröffentlicht: April 21, 2020 in Rezis
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Fraukensteigs Monster
(Geschrieben für die „Geschichten aus dem Finsterland“ Anthologie 2013)

„Alles was du bist, ist die Summe deiner Erinnerungen.“
KONSTANTIN

Nackt. Völlig nackt. Ich stehe regungslos auf einem abgewetzten Tisch, in der Mitte eines riesigen Raumes. Angefüllt mit blinkenden, piepsenden Apparaturen, surrendem und singendem Metall. Riecht komisch. Ich fühle mich nicht unwohl, aber doch recht schutzlos den prüfenden Blicken eines sehr großen Wesens ausgeliefert, das unablässig vor mir auf- und abläuft. Worte murmelnd, sichtlich grübelnd. Das Wesen ist bleich und haarig, zumindest da, wo es sich nicht in derben, grauen Stoff gehüllt hat Vor allem im Gesicht trägt es sehr viel Pelz, um den Mund herum. Krauses Haar sprießt aus seinem Kopf in alle Richtungen und die Hände sind mit einem dichten, wolligen Filz bedeckt. Es sieht recht freundlich aus, vielleicht ein wenig verwirrt. Ich verstehe nicht, was es sagt, es spricht leise zu sich selbst und schaut im Vorübergehen immer wieder stirnrunzelnd auf mich herunter. Wirkt aber nicht bedrohlich. Eher besorgt. Ich bin zu keiner Regung fähig, stehe wie versteinert da und blicke zu ihm hinauf. Ob das so normal ist? Ich frage mich, wie ich hierher gekommen bin. Mir fehlt die Erinnerung an das, was ich getan habe, bevor ich mich in diesem eigenartigen Raum wiedergefunden habe. Angst habe ich keine, es fühlt sich alles nur ein wenig komisch an. Aber vielleicht hat das ja seine Richtigkeit? Ich versuche, eine Frage zu formulieren, aber die Worte wollen keinen Weg aus mir herausfinden. Nur ein leises „Fiep“ entringt sich meiner Kehle. Das Wesen stutzt, hält in seinem Lauf inne und starrt mich intensiv an. Kratzt sich am Kopf. Greift mit einer riesigen, filzigen Hand nach mir. Sein Gesicht kommt dem meinen ganz nahe, der Atem riecht streng, ich weiß nicht wonach. Mir ist nun doch recht unheimlich zumute, schutzlos und klein fühle ich mich. Jetzt nimmt es ein längliches Gerät aus einem schäbigen Kasten, der gleich rechts von mir steht. Das Ding blinkt und glitzert, spuckt bunte Lichter in alle Richtungen. Scheint eine Art Werkzeug zu sein. Das Wesen stülpt die Unterlippe in seinen Mund und beißt mit gelblichen Zähnen auf seinem Gesichtspelz herum. Es zieht die Augenbrauen kraus und runzelt die Stirn. Das Gerät kommt mir immer näher und je näher es kommt, desto aufgeregter blinken die Lichter. Es singt unheimlich. Ich weiß nicht, was gleich passieren wird, mag aber den Gedanken nicht, dass dieses Ding meine Haut berührt. Besorgnis klopft an die Hintertür meines Verstandes. Das hier kann nicht richtig sein. Ich will mich bewegen, ich möchte bitte gehen! Aber selbst wenn mich die Hand des großen Wesens nicht umklammert hielte, ich käme nicht fort. „Fiepfiepfiep“, rufe ich ängstlich. Das ist alles, was aus mir herauskommt. Das Wesen zieht die Nase kraus. Schaut verwundert. Ein polterndes Geräusch lässt es erschrocken auffahren. Das blinkende Gerät fällt ihm aus der Hand auf die Tischkante und zerbricht in viele Teile. Ich falle auch, pralle auf den Boden, ein reißendes Geräusch fetzt durch meinen Körper. Ich überschlage mich immer wieder und bleibe schließlich in einer Ecke mit allerlei Gerümpel liegen. Fühle mich ziemlich verdreht, so, als hätte sich bei meinem Sturz etwas in mir gänzlich verbogen. Ich fühle mich – anders. Ich verstehe das nicht. Mein linker Arm zuckt. Ich kann spüren, wie sich das Gelenk in der Schulter bewegt. Vielleicht, wenn ich mich richtig anstrenge, dann… Ich denke an meine Finger. Strenge mich fürchterlich an. Der kleine Finger an der linken Hand wackelt. Ja!
Das haarige Riesenwesen blökt schreckliche Flüche und rauft sich die Haare. Es schaut suchend nach links und rechts, sucht den Boden nach mir ab. Übersieht mich in der Ecke. Seine Augen zucken, es ringt mit den Händen, ich denke, es ist einer Panik nahe. Wie ein aufgehender Mond steigt hinter seinem Rücken plötzlich eine andere Gestalt auf. Sie ist ebenfalls riesig, unwahrscheinlich fett sogar und bleich. Hat keine Haare im Gesicht. Dafür ist sie schreiend bunt bemalt, um die Augen, auf dem Mund, an den Wangen. Dicke Ketten aus gelbem Metall sind um ihren Hals gewickelt. Die Kleidung ist ausladend wie die ganze Erscheinung, glitzernd, funkelnd, grell. Sie sieht sehr schrecklich aus. Ich versuche mich tiefer in das Gerümpel zu drücken, doch mein Körper will mir nicht genug gehorchen. Zuckt nur ein wenig.

„Wozu das Geschrei, Fraukensteig, Flüche gehören sich nicht in Gegenwart einer Dame!“, sprudelt es überheblich aus dem knallroten Mund der Fetten. „Ist dir der Verstand entglitten? Hast du vergessen, in wessen Haus du dich befindest und wie riecht es hier überhaupt, hast du eine Leiche im Hinterzimmer?“ Bei dem Wort ‚Leiche‘ hüpft ihre Stimme auf und nieder. Ich starre gebannt in ihr plapperndes Gesicht. Kann den Blick nicht von diesem Wesen wenden. „Bitte um Verzeihung, Frau von Easterházy“, murmelt der filzhändige Riese und kratzfußt ein wenig ungelenk vor der feisten Erscheinung. „Das Knallen der Tür hat mich derart erschrecken lassen, dass mir der Automat…“ „Papperlapapp!“, unterbricht ihn die Fette und wischt seine Entschuldigung mit einer ungeduldigen Geste ihrer Klauenhand beiseite. An den Fingern , die in langen, roten Krallen enden, blitzen Ringe in allen Farben. „Ich komme, um mir den kleinen Mann anzusehen und ich komme, um die zu sagen, dass Margot ein wenig ungeduldig wird. Der Fernschreiber läuft schon heiß, so sehr bestürmt sie uns täglich mit Fragen. Du weißt doch bestimmt, wie ungestüm sie werden kann, wenn man sie warten lässt. Übermorgen schon will sie nach Hause kommen, um ihn endlich zu sehen. Fährt den ganzen Weg von Leuing bis hierher mit ihrem Automobil. Was für eine lächerliche Vorstellung, aber bitte. Das ist eben modern.“ Das Wesen, das nun für mich Fraukensteig ist, grummelt entschuldigende Worte. „Justierung“ kann ich verstehen.“Was?!“, fragt die Buntgesichtige scharf. „Es gab Probleme mit der Justierung einer Bewegungskomponente. Und die Kalibrierung der Sprachsteuerung ist noch etwas heikel.“, grummelt er nun etwas lauter. „Der Homunculus, uhm, funktioniert noch nicht ganz nach meinen Erwartungen.“ Sein Blick streift dabei immer noch über den Boden und bleibt plötzlich an mir hängen. Mein Herz steht einen kleinen Moment still. Er schaut in meine Augen und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Mit wenigen Schritten ist er bei mir, beugt sich herab. Ich robbe etwas von ihm fort. „Oh, der kleine Kerl ist ja nackt!“, quiekt es hinter uns. „Das ist ja ungeheuerlich, zieh ihm etwas an, Mann!“ Fraukensteig verzieht keine Miene. Vorsichtig nimmt er mich in die Hand. Seine Augen strahlen. Er sieht mich so glücklich an, dass ich meine Angst fast vergesse. „Endlich.“, sagt er leise. „Wie auch immer, Fraukensteig, ich überlasse dich nun wieder deiner Arbeit. Ich sehe ja, wie beschäftigt du bist.“, schnieft Frau von Easterházy. „Ich lasse heute Abend meinen Schneider kommen. Margot hätte für ihn gerne einen Anzug in Karmesinrot. Zumindest hat das Automobil diese Farbe. Zieh ihm bis dahin zumindest ein Taschentuch über.“ Schnaubend wuchtet sie sich aus dem Raum. Es knallt wieder grauenvoll, als sie die Tür zuwirft. „Es heißt Meister Fraukensteig, du verwelkter Papagei.“ Wieder wird die Tür aufgerissen und die grässliche Frau steckt ihren Kopf ins Zimmer. „Und bring ihm ein paar Sätze bei, damit er etwas Nettes aufsagen kann. Einen hübschen Reim vielleicht, oder ein kleines Ständchen.“ Ruckartig verschwindet sie wieder. „Verfluchtdämlichedrecks…“, murmelt Fraukensteig leise in seinen Pelz. Aber dann richtet sich sein Blick wieder auf mich und seine Gesichtszüge werden ganz weich. „Jetzt kannst du dich also bewegen. Schön. Ein wenig ungelenk, ja, aber ein Fortschritt ist ein Fortschritt. Mein Kleiner, darauf haben wir lange gewartet.“ Beschwingt trägt er mich zurück zum Tisch und setzt mich darauf ab. Ich schwanke, kann mich aber aufrecht halten. Seine Freude macht mich ein wenig stolz. „Verstehst du vielleicht was ich sage? Hallo, Eins, Zwei. Bewege einmal deinen Fuß.“ Ich versuche es. Leicht ist es nicht, aber schließlich zuckt erst das linke Bein, dann der Fuß. Schallendes Lachen und Klatschen erschreckt mich. Fast verliere ich mein Gleichgewicht, aber der riesige Mann freut sich, nun, riesig. Glücklich trommelt er auf dem Tisch herum. Das ist zu viel. Ich kippe um. Sofort ist er besorgt über mir. Sein Atem ist immer noch scharf, aber die gelben Zähne finde ich nicht mehr so schlimm. Ich glaube, ich mag ihn. „Wir müssen nur noch durch die Feinabstimmung, dann bist du so gut wie fertig. Mein Meisterwerk. Du bist wahrlich einzigartig.“ Die letzten Worte sind fast ein andächtiges Flüstern. „Aber jetzt muss erst der Initialisator wieder repariert werden, ich glaube, wir schalten dich fürs Erste lieber wieder ab. Gute Nacht, mein Kleiner.“ Abschalten? Was ist das? Ich zucke vor seiner näherkommenden Hand zurück. Blinzle.

Meister Fraukensteig ist ganz plötzlich verschwunden. Es ist schlagartig viel heller im Raum, die blinkenden, surrenden Geräte sind fort. Nein. Ich bin in einem anderen Zimmer! Es ist auch ein größerer Tisch und an den Wänden hängen schreckliche Bilder. Ich bin völlig verwirrt. Und angezogen. „Ich habe ihm eine Fernbedienung eingebaut. Margot kann ihn damit ganz einfach bedienen. ‚Wachen und Schlafen‘. Mehr benötigt sie nicht.“ „Er sieht recht kompliziert aus, was, wenn er kaputtgeht? Kannst du mir eine Garantie geben, dass wir ihn nicht alle paar Tage zur Reparatur schicken müssen? Die Kosten sind schon so ins Unermessliche gestiegen.“ Ich kenne diese Stimme nicht, sie ist polternd und sehr laut. Entgeistert drehe ich meinen Kopf. „Da, da, er hat sich bewegt, schau hin, Franz-Wilhelm!“ Das ist die schreckliche Frau. Sie steht hinter mir, aber sie hat etwas ganz anderes an. Und neben ihr ein Ungetüm, fast so feist wie sie selber. Breit, sperrig, grob. Gar keine Haare. Nirgendwo. Meister Fraukensteig macht sich neben den Beiden ganz zierlich aus. Er zupft mit einer Hand an seinem Pelz, in der anderen hält er ein Gerät. „Fernbedienung“, schießt es mir durch den Kopf. „Oh!“, denke ich und sage ich. „Ah!“, ruft die Dame und wippt kurz mit erstaunlich zierlichen Füßen. „Er spricht also. Sehr fein, Fraukensteig. Jetzt soll er etwas machen. Ein wenig tanzen, vielleicht?“ „Das funktioniert so nicht, Frau Easterházy, er hat seinen eigenen Willen. Sie müssen ihn fragen.“ „Von!“, ertönt es scharf neben ihm. „Und was soll das heißen, eigener Wille? Heißt das, ich muss ihn bitten und er kann auch noch nein sagen? Er ist ein Geschenk und kein kleiner Widerständler, Fraukensteig.“ „Nun, ich denke, mein Auftrag war klar.“ Des Meisters Stimme ist plötzlich sehr ernst und fest. „So lebensecht wie möglich. So steht es im Vertrag. Und was Ihre Frage betrifft, Herr von Easterházy, er ist so wartungsresistent wie möglich. Eine hohe Lebensdauer und Robustheit ist ihm gewiss. Bei entsprechender Behandlung.“ „Oh“, sage ich wieder und dann begreife ich endlich, dass ich sprechen kann. „Halt! Was ist hier eigentlich los, bitte, ich verstehe das alles nicht!“, rufe ich laut und bin erleichtert, dass ich etwas sagen kann. Aber auch verzweifelt. Ich kann dies nicht begreifen. „Er wird doch nicht hysterisch, oder?“, murmelt der grässliche Mann. „Ich denke, ich muss noch ein paar Informationen und Strukturdetails zufügen, dann wird er sich beruhigen.“, sagt Fraukensteig und zielt mit der Fernbedienung auf mich.

Ich bin wieder in dem anderen Raum. Der Werkstatt. Ich kenne nun ihren Namen, ihre Bedeutung und weiß, welche Geräte um mich herumstehen. Ich kenne den Menschen, der vor mir steht. Sein Name ist Eduard Fraukensteig der Dritte. Er ist siebenundsechzig Jahre alt, Meister der Robotik, Künstler und Automatenbauer. Erfinder. Genie. Ich weiß auch, wer ich bin. Ich bin ein Automat. Der Automat. Ich bin einzigartig. Der kleinste, je geschaffene Homunculus, von Meister Fraukensteig persönlich gebaut. Ich bin ein Geschenk. An die herrliche Margot Parisaris von Easterházy, strahlende Tochter des Hotelmoguls Franz-Wilhelm Tsepesch von Easterházy und der berühmten Etta von Easterházy, frühere Operndiva. bekannt unter dem Namen „Schattenfürstin“. Sie sind unermesslich reich, haben Häuser in ganz Löwensfeld und ich bin ein Geschenk. Das ist ganz wunderbar. Mein Name ist ‚Einfügen‘. „Guten Morgen, kleiner Mann.“ Meister Fraukensteig kommt auf mich zu und setzt sich auf einen Stuhl. „Ich hoffe, du siehst nun etwas klarer und musst dir nicht mehr so viele Fragen stellen.“ Freundlich lächelnd streckt er mir seine rechte Hand entgegen. Ich stehe auf, greife danach und meine Hand umschließt seinen Zeigefinger. „Guten Morgen, Meister Fraukensteig.“, erwidere ich höflich. Es gehört sich so. Das weiß ich jetzt auch. „Ich sehe nun um vieles klarer, ich danke Ihnen dafür.“ Meine Stimme ist angenehm, ein wenig zart vielleicht, aber ich höre mich gerne sprechen. „Meister, wann treffe ich die herrliche Margot, ich bin nämlich ihr Geschenk?“ „Du wirst sie schon früh genug treffen“, grummelt Fraukensteig in seinen Bart und der Blick seiner Augen verfinstert sich. Das verstehe ich nicht, denn es ist eine wunderbare Sache, ein Geschenk zu sein. „Margot“, denke ich. „Wie herrlich.“ Meister Fraukensteig hält mir einen kleinen Handspiegel entgegen. „Schau mal, das bist du“, sagt er beinahe zärtlich. Ich betrachte zum ersten Mal meine Erscheinung. Ich habe blaugrünes, strubbeliges Haar, das fröhlich in die Luft steht und ein freundliches, rundliches Gesicht. Intelligente Augen. Knubbelnase. Sommersprossen. Bin ein wenig drollig, großer Kopf und kleiner Bauch. Ich trage einen karmesinroten Samtanzug. Weißes Hemd und weiße Schuhe. Rüschen. Ein wenig albern, wie ich finde, denn ich weiß nun, was Geschmack ist. „Nun, hast du dich genug betrachtet?“ Das bärtige, alte Gesicht des Meisters beugt sich wohlwollend über mich. „Wir werden dich jetzt in den Saal der Verzückung bringen, damit die Easterházys dich bestaunen können. Willst du auf meine Hand klettern?“ Ich entspreche seiner Bitte, denn auch das gehört sich so. Auf seiner Hand ist es warm, die Haut ist rau, aber nicht ungemütlich und ich mache es mir bequem. Sie zittert ein wenig. Er verlässt die Werkstatt, die er seit fünf Jahren bewohnt und trägt mich vorsichtig durch einen dunklen Flur. Wir befinden uns auf dem Familiensitz der Easterházys, Gut Horstingen. Ich kenne das Gebäude, die umliegenden Bauernschaften, das komplette Fürstentum. Ich habe eine Karte von ganz Finsterland in meinem Kopf. Es ist erstaunlich, worüber ich nun Bescheid weiß. Es freut mich, dass ich jetzt so klug bin. Ich bin ein großartiger Automat.

Wir betreten die große Galerie. Es ist ein sehr langer, heller Raum, geschmückt mit riesigen Gemälden, die von der glorreichen Geschichte des Finsterlands erzählen. Altmeister Stolzenfels hat viele von ihnen gemalt. Sie sind eine Wertanlage. Auch Porträts der Familie sind zu sehen. Am Ende der Galerie erreichen wir eine große, mit Blattgold verzierte Doppeltür. Sie schwingt von alleine auf, als wir uns darauf zubewegen. Ich erkenne den Raum mit den grässlichen Bildern wieder. Jetzt verstehe ich sie. Abstrakter Novismus. Dies ist der Saal der Verzückung, der ganze Stolz der Familie Easterházy. Hier gibt es auch Skulpturen und verschiedene, künstlerisch wertvolle Gerätschaften. Manche gefallen mir. An einer Wand steht ein großer, glitzernder Apparat und macht leise „Bing“. Stimmen nähern sich und ich erkenne Herrn und Frau Easterházy. Sie scheinen in eine hitzige Debatte verwickelt zu sein, die ehemalige „Schattenfürstin“ wird ihrem Ruf als Opernsängerin gerecht. Lautstark dröhnt ihr Organ. „…und kann auch nicht verstehen, warum sie sich immer wieder auf so unsinnige Abenteuer einlässt! Immerhin ist sie jetzt dreißig! Eine Panne in der Wildnis, stell es dir vor, Franz-Wilhelm! Sie hätte ausgeraubt werden können! Entführt! Ermordet! Entehrt!“ „Nichts dergleichen ist geschehen, Liebling. Sie hatte die Panne auf der Hauptstraße, nicht einmal annähernd könnte man das als eine Wildnis bezeichnen. Außerdem ist sie doch heil angekommen, oder? Nur das Automobil ist hinüber.“ Bei diesen Worten öffnet sich eine kleine Seitentür und die Easterházys quellen aus ihr hervor. Ein interessanter Anblick ergibt sich, denn sie kommen neben der Skulptur zweier trauriger Tanzbären zu stehen. Ich muss ein wenig kichern. Meister Fraukensteig hüstelt nervös und setzt mich auf einem hohen Podest ab. „Ach, Fraukensteig, bist du auch schon hier?“, säuselt die gealterte Diva ganz prätentiös. „Schau an, der Homunculus ist also fertig. Dann wollen wir einmal sehen, was du kannst, Wichtel.“ Stolz stelle ich mich aufrechter hin und schaue in ihr riesiges, grellgeschminktes Gesicht. „Zu Diensten, werte Dame“, sage ich manierlich. „Ich hoffe, Sie werden nicht enttäuscht von mir sein.“ „Enttäuscht sein wird höchstens Margot, wenn sie sieht, was du ihm angezogen hast, Etta.“, poltert der Hausherr. „Samt und Rüschen. Lächerlich sieht er aus, wie ein kleines, laufendes Schmuckkästchen.“ „Ihr Automobil war eben auch karmesinrot und Samt ist jetzt modern. Mein Schneider, Herr Unterberg, meinte es sei absolut chic in der Großstadt. Vor allem die Spitze ist der letzte Schrei.“ „Ja, bei dem Anblick wird bestimmt viel geschrien.“, murmelt Herr von Easterházy. Beleidigt zieht die Dicke einen Schmollmund. Ich weiß, dass ich von ihr nicht als ‚die Dicke‘ denken sollte. Ich weiß aber auch, dass keiner meine Gedanken hören kann. Das finde ich ziemlich gut. „Na, nun mach schon etwas! Tanzen wolltest du ja beim letzten Mal schon nicht, jetzt sag wenigstens etwas auf.“ „Gern, werte Dame.“ Dicke Ku, denke ich. Ich mag Frau von Easterházy nicht. Aber es wäre unerhört, das laut zu sagen. Stattdessen verbeuge ich mich leicht und beginne ein kleines Referat über Altmeister Stolzenfels und seine Werke. Ich denke, das wird ihr gefallen, sicher sammelt sie die Kunst. Er sammelt ja schon die Hotels. Tatsächlich klatscht sie begeistert die ringbeladenen Hände zusammen und wippt kurz mit den Füßen. „Wunderbar, Fraukensteig, du hast dich selbst übertroffen! Der kleine Mann ist ganz herrlich und ich kann es nicht erwarten, ihn an Margot zu überreichen. Franz-Wilhelm, dürfen wir es wagen wie zu rufen? Margot! Margot!! Faustrecht!!!“, dröhnt sie, noch bevor ihr Gatte antworten kann. Ein gebeugt aussehender Mann in schwarzem Anzug erscheint bescheiden in der großen Doppeltüre. Es wirkt, als hätte er direkt dahinter gestanden, um auf den Ruf zu warten, aber ich habe ihn nicht gesehen, als wir durch die große Galerie kamen. „Ja, Gnäfrau?“, fragt er nasal. „Faustrecht, hol sofort Margot hierher. Sag ihr, dass ihr kleiner Mann fertig ist.“ „Jawohl, Gnäfrau.“ Der Diener verschwindet rückwärts aus dem Raum. In der sich ausbreitenden Stille hört man nur seine sich entfernenden Schritte. Er schlurft ein wenig. Dann ist es ganz ruhig. Die Easterházys warten. Ich warte. Meister Fraukensteig macht leise „uhm“. Die Diva atmet ein wenig schwer. Meine Knie werden vor Aufregung ganz weich. Margot wird gleich hier sein! Ich bin ihr Geschenk und wir werden eine wundervolle Zeit erleben! Unglaubliche Abenteuer erwarten mich! Herrliche, wunderbare Margot. Ganz plötzlich ist es da. Ein durchdringendes Geräusch, wie ein pfeifender Kessel, ein markerschütterndes „Uuuuuuuuuuh“ das immer lauter wird. Es steigert sich und steigert sich. Ich halte mir erschrocken die Ohren zu. „Uuuuuuuuuuuunglaublich!“, schreit die junge Frau, die völlig haltlos in den Saal rauscht. Groß ist sie, genau wie ihre Eltern, aber dünn, Tränen in die Augen treibend dünn. Und nicht nur das macht einen tränend, auch der Hosenanzug, in dem ihre schlotternde Gestalt steckt, tut sein übriges. Grelle Farben prallen wild aufeinander. Quietschgrellfarben, so könnte man das wohl nennen. Staunend nehme ich die Finger aus den Ohren. Das ist Margot? Ich habe sie mir anders vorgestellt. Erhaben. Würdevoll. Schließlich bin ich ihr Geschenk und ich bin einzigartig. „Unglaublich, unglaublich, unglaublich, Mamilein, Papilein, ihr seid die Allergrößten!!!“ Ihre Stimme ist ganz hoch und so quietschig wie der Hosenanzug. Ich muss ein wenig schlucken. Das ist Margot. Platinblonde Turmfrisur und ein schrilleres Organ als das ihrer Mutter. Bei allen Heiligen. Sie dreht sich im Kreis um das Podest herum, auf dem ich stehe. Schwingt eine überdimensionale, türkis- und gelbgestreifte Handtasche. Darin kläfft es verzweifelt. Als sie endlich stehenbleibt, ist mir ganz schwindelig. Aus der Handtasche kläfft es immer noch. „Hutschi-Gutschi!“, macht Margot und zieht einen unglaublich hässlichen Hund daraus hervor. er ist cremeweiß, wuschelig und steckt in etwas, das ich in Ermangelung passender Worte als Kleidchen bezeichnen möchte. Scheinbar ist es auch demselben Material wie die Handtasche. Eine riesige Schleife hält ein paar Haarsträhnchen aus seinem zerknautschten Gesicht. Der Hund japst nach Luft, als Margot ihn an sich drückt. Seine Augen quellen ein wenig hervor und die Zunge hängt ihm schräg aus dem Maul. „Hat mein kleines Püppi etwas gegen lustige Kreisel?!“, trällert die Turmfrisur fröhlich. Und ich kann nichts anderes denken als: „Das ist Margot. Bei allen Heiligen.“ Meine Kehle ist ganz trocken. „Aber Mamilein, was hast du getan, sieh dir den kleinen Kerl an! Ganz schlottrig steht er auf diesem blöden Podest. Ganz schrecklich peinlich sieht er aus! Die Rüschen! Und diese entsetzliche, ranzige Farbe! Wir lassen dir gleich einen neuen Anzug schneidern, nicht wahr, mein Kleiner? Türkise Seide, mit gelben Streifen, ein grandioser Stil und passend zur neuen Ausstattung von Püppi, einverstanden?!“
Ihre Stimme überschlägt sich vor Freude. Dick mit Kajal umrandete Augen blitzen mich an. „Das wird so magnifique!“, ruft sie, dann dreht sie sich zu ihren Eltern um und fällt ihnen um den Hals. „Danke, danke, danke, das ist ja so uuuunglaublich!“ „Ja, unglaublich“, murmle ich. Meister Fraukensteig wirft mir einen besorgten Blick zu. „Pscht“, macht er. Ich zucke ein wenig zusammen. Er hat Recht, es gehört sich nicht für mich, so etwas zu sagen. Beschämt schlage ich die Augen nieder. Unterdessen plappert Margot munter vor sich hin. „Ein Zimmerchen richten wir ihm ein und er bekommt sein eigenes, kleines Automobil, das genauso aussehen wird wie mein neues! Oh, die anderen werden so neidisch sein! Ich kann schon sehen, wie Perdita vor Eifersucht auf ihren hässlichen Fingernägeln herumkaut. Fantastisch, Papilein! Danke!!!“ „Schon gut, mein kleiner Engel, du weißt doch, für dich ist uns nichts zu teuer“, brummelt Herr von Easterházy gutmütig. Zum ersten Mal sehe ich ein Lächeln auf seinem breiten Gesicht. „“Und auch ich muss gestehen, Meister Fraukensteig hat sich diesmal selbst übertroffen. Ich gratuliere dir.“ Er schüttelt dem bärtigen Genie jovial die Hand. Klopft ihm auf die Schulter, dass es kracht. Fraukensteig lächelt schüchtern, nickt und zieht die Hand vorsichtig zurück. Vielleicht hat er Angst, dass ihm ein paar Finger fehlen. ich weiß nicht, woher dieser Gedanke kommt. Ich fühle mich unwohl. Ich glaube, ich möchte kein Geschenk mehr sein. Ich erinnere mich an das Gefühl, das ich hatte, als ich zum ersten Mal erwacht bin. An die Nacktheit. Den Wunsch zu gehen. Ich fühle mich gefangen und beschämt. Ich bin ein schlechtes Geschenk. „Hui!“, macht die grässliche Margot. Sie greift nach mir und ehe ich mich versehe, dreht sie sich wieder wie verrückt im Saal herum. Die Kunstwerke rasen an mir vorüber und mir wird speiübel. In ihrem anderen Arm kläfft der hässliche Püppi. „Hui!“, macht Margot wieder und bleibt stehen. „Wie heißt denn meine neues, kleines Lieblingsspielzeug?“ „Einfügen“, sage ich prompt und die Easterházys lachen. Fraukensteig lacht nicht, er blickt einfach zu Boden. „Ich werde seinen Namen programmieren, sobald Sie sich entschieden haben, Margot.“ „Nun, Püppi hab ich ja schon einen, obwohl es ein herrlicher Name für ihn wäre, immerhin ist er ja so etwas wie eine Puppe. Putzi würde vielleicht gehen. Oder Herzilein. Ach, ich kann mich nicht entscheiden. Ich nenne ihn erst einmal, hm, Purzel. Ja, Purzel finde ich superb. Obwohl, so heißt schon der Hund von Pamela. Nein, ich weiß nicht.“ Margot legt die Stirn in Falten. „Ach, soll er doch erst weiter Einfügen heißen. Ich entscheide mich dann später, sein Name ist eh nicht so wichtig. Hauptsache, er sieht drollig aus. Moment. Drolling. Ja. Drolling ist ein toller Name!“ Meister Fraukensteig seufzt leise. „Gut, dann werde ich ihn Drolling nennen.“ Er nimmt mich vorsichtig aus Margots Hand und ich atme erleichtert auf. Der Meister dreht mich sanft auf den Bauch und ich fühle, wie er etwas an meinem Rücken dreht. „Wie heißt du?“, fragt er mich schließlich. „Drolling?“, sage ich und mein Stimme klingt so entsetzt, wie ich mich fühle. „Gut“, sagt Fraukensteig und gibt mich zurück an Margot. Die schnappt mich aus seiner Hand und hüpft erneut durch den Saal. „Hui, hallo Drolling, du siehst drollig aus!“ „Ach Margot, es ist so schön, dich glücklich zu sehen“, säuselt ihre Mutter. „Schau doch nur, Franz-Wilhelm, sie hat ganz rote Wangen! Unser liebes Kind!“ Abrupt bleibt Margot stehen. „Kind bin ich sicher keines mehr, Mutter. TuTuTu! Vergiss bitte nicht, wie absolut erwachsen ist bin. Ich bin die Vorsitzende des Vereines für anthropomorphen Vandalismus und war auf sämtlichen Titelseiten der berühmtesten Mode- und Stilzeitschriften des Finsterlands, da nehmen sie keine Kinder. Ich bin en vogue!“ Sie zieht einen Schmollmund, genau wie ihre Mutter. Und auch wenn Margot unheimlich dürr ist, bin ich mir sicher, dass sie in ein paar Jahren genauso aussehen wird, wie sie. Mich schaudert. „Uhm“, macht Meister Frankensteig, „ich denke, ich ziehe mich jetzt in meine Werkstatt zurück, ich habe noch eine Menge zu erledigen.“ „Aber natürlich, werter Meister.“, trällert Margot und quetscht mich an ihren brettharten Busen. „Erfindungen erfinden sich ja nicht von alleine, nicht wahr?“ „Ja, uhm, genau.“ Meister Fraukensteig trottet mit hängendem Kopf davon. Ich glaube, auch ihm ist ein wenig schlecht geworden. Mein Herz sinkt mir in die Hose. Ich bin allein mit den Easterházys. „So, Margot, hier ist die Fernbedienung, die Fraukensteig für dich entworfen hat. Ich hoffe, du verlierst sie nicht, wie letztens unseren armen Hausgreif.“ „Ach, Mutter! Wirst du mir das ewig vorwerfen? Er war doch sowieso schon uralt! Bestimmt wäre er ohnehin bald gestorben.“ Margot steckt meine Fernbedienung in ihre überdimensionale Tasche, dann stopft sie auch den Hund wieder hinein. „Wir drei gehen uns jetzt chic machen, nicht wahr? Heute Abend kommt der Filmvorführer und ich möchte nicht aussehen wie ein dahergelaufener Bauerntrampel. Sicher kommt das ganze Dorf zur Aufführung. In Leuing gehen wir ja ständig ins Kino, ich fürchte, ich bin schon ganz süchtig danach! Mamilein, kannst du Herrn Unterberg für mich rufen? Und auch Herrn Wutschen, damit er mir die Haare macht?“ „Natürlich, mein Liebes. Geh nur auf dein Zimmer, sie werden sofort bei dir sein. Faustrecht?!“ Die letzten Worte schreit Frau von Easterházy wieder. Ich werde heftig durchgerüttelt, als Margot mich brutal in ihre Tasche stopft. Neben mir japst der Hund. er ist ein gutes Stück größer als ich und aus der Nähe betrachtet sieht er noch viel hässlicher aus. Sein Unterkiefer steht deutlich über und die Zunge quillt ihm immer wieder aus dem Maul. Seine Glubschaugen starren mich boshaft an. Schauderhaft. Über mir schließt sich der Reißverschluss. Es wird dunkel. „Bis später, Mamilein, Papilein, ich sein die Größten!“, trillert Margot, dann höre ich, wie eine Tür zufällt.
Ich bin einzigartig. Ich bin etwas besonderes. Ich bin das Meisterwerk des großen Künstlers und Automatenbauers Eduard Fraukensteig des Dritten. Ich bin programmiert, selbstständig zu denken. Ich habe Gefühle. Und nun sitze ich auf einem kleinen Stuhl, in einem aufklappbaren, kleinen Spielzeughaus und ein rundlicher Mann rupft ekstatisch an meinen Haaren. Im Hintergrund wippt Margot aufgeregt auf einem Sessel auf und ab, während der verzweifelt aussehende Herr Unterberg versucht, ihren neuesten Hosenanzug anzupassen. Der ist schreiend pink, genau wie jetzt auch meine Haare. Herr Wutschen hat sie gefärbt. Auch Püppi trägt jetzt ein schreiend pinkes Kleidchen und eine passende Schleife. Die dazugehörende Tasche liegt schon auf dem riesigen Himmelbett, das den ganzen Raum dominiert. Margot ruft immer wieder entzückt, wie putzig ich aussehe. Sie hat bereits Nachrichten an all ihre Freunde verschickt, damit jeder weiß, dass sie jetzt einen drolligen Homunculus hat. Den drolligen Homunculus, denn schließlich bin ich einzigartig. Still sitze ich da und versuche, nicht in Tränen auszubrechen. Ich bin ein Geschenk. Ich gehöre Margot. ich bin ganz allein. Draußen neigt sich der Tag seinem Ende entgegen und gleich werde ich wieder in die schreckliche Tasche gestopft. Zusammen mit Püppi und einem Haufen anderer Sachen. Wir werden mit Margot und ihren Eltern zum Dorfplatz fahren und uns einen Unterhaltungsfilm ansehen. Im Kino. Margot plappert seit einer halben Stunde von nichts anderem. Endlich lässt Herr Wutschen von mir ab. Triumphierend stellt er sich neben mich und macht eine kleine Verbeugung. „Oh, Wutschen, das ist ja ganz ausgezeichnet! Wie kess der kleine Drolling doch jetzt ist, nicht wahr, mein kleiner Liebling?!“ Margot klatscht begeistert in die Hände und hüpft vom Sessel. Sie dreht sich im Kreis. Drehen scheint eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu sein. Aber nein, das stimmt nicht. Ihre Lieblingsbeschäftigungen sind Mode, Schminke und alles, was „en vogue“ ist. Das weiß ich, weil sie mir den ganzen Nachmittag davon erzählt hat. Ich kenne jetzt die größten Modeschöpfer, die heißesten Modeströmungen dieses Sommers und sämtliche Magazine, deren Titelbild sie schon gewesen ist. Ich weiß, was Tendance-Farben sind und warum sie in ein paar Monaten schon nicht mehr modern sein werden. Ich habe all diese Informationen gespeichert. Ich habe ein einzigartiges Gedächtnis. Vielleicht bin ich verflucht. „Ach, jetzt zieh nicht so ein essigsaures Gesicht, mein kleiner, süßer Drolling, freu dich gefälligst, dass du jetzt wunderbare Sachen hast!“ Ich lächle. Immerhin gehöre ich ihr. Margot klatscht wieder in die Hände. Sie schnappt mich und tänzelt mit mir ans Fenster. „Schau, da hinten liegt Dorf Horststein, gehört natürlich meinem Vater, wie das ganze Land hier in der Umgebung. Da fahren wir gleich hin und dann werden die Dorftrottel Augen machen! Alle werden sie kommen, wegen der Filmvorführung und natürlich wegen mir. Und wenn sie dich sehen, ach, un-glau-blich!!!“ Ihre Stimme überschlägt sich. Ich lächle wieder und nicke. Ich habe gelernt, dass sie es am liebsten hat, wenn ich lächle und nicke. Das findet sie ‚superb‘. „Superb!“, ruft sie und trägt mich zurück zu meinem kleinen Häuschen. Ich setze mich wieder artig auf den Sessel und sehe zu, wie Margot durch den Raum wirbelt. Schals und Tücher fliegen, während sie in ihrem riesigen Kleiderschrank nach einem passenden Accessoire zum neuen Hosenanzug sucht. Ich weiß jetzt, wie wichtig passende Accessoires sind. Schließlich findet sich ein dicker, goldener Gürtel. Das Ensemble ist komplett. Margot ist glücklich. Als hätte er nur darauf gewartet, erscheint der Diener, Herr Faustrecht, mit einem dezenten Klopfen an der Tür. Er kündigt an, dass die Kutsche bereitsteht. „Kutsche!“, schnaubt Margot, „wie rückständig. bald ist mein neues Automobil fertig, dann kann mir diese öde Kutsche den Buckel runterrutschen.“ „Sehr wohl, Gnäfrau“, säuselt Faustrecht und zieht sich zurück. Der Hund und ich verschwinden in der Tasche, aber diesmal zieht Margot nicht den Reißverschluss zu. Püppi streckt den Kopf heraus und auch ich klettere an den Rand der Tasche, halte mich am Träger fest. Schon schwingen wir durch das Haus, an Margots Schulter baumelnd. Auf und nieder, auf und nieder. Püppi rülpst leise. in der pompösen Eingangshalle warten Herr und Frau von Easterházy. Herr von Easterházy trägt einen dunkelgrünen Lodenanzug, seine Gattin hat sich in etwas gehüllt, das aussieht wie ein Blumenbeet. Auch sie trägt eine enorme Handtasche, allerdings ohne Hund. „Ist alles bereit, können wir los?“, fragt Herr von Easterházy ungeduldig und schaut auf eine riesige Taschenuhr, die an seiner Lodenjacke baumelt. Hinter seinem rechten Ohr klebt ein wenig Rasierschaum. „Ach, Vater, sei doch nicht so pedantisch, der Film fängt doch sowieso nicht ohne uns an!“ Margot nennt ihre Elter scheinbar nur dann Mamilein und Papilein, wenn sie sich freut oder etwas möchte. „Nichtsdestotrotz lege ich Wert auf ein pünktliches Erscheinen, meine Liebe. Ich möchte noch ein paar Worte…“ „Ja, Vater, wir wissen, dass du immer ein paar Worte mit irgendwelchen Leuten wechseln möchtest“, unterbricht ihn Margot entnervt. „Und wir wissen, dass du weniger Gehirnzellen hast, als ein Stück Treibgut“, grummelt es fast unhörbar neben mir. Ich reiße entsetzt die Augen auf und schaue in Püppis garstiges Gesicht. „Glotz nicht so, ich hab nichts gesagt, du dämlicher Hampelmann“, grummelt er wieder leise, dann kläfft er. „Wiff, Wiff.“ „Jetzt seht nur, Püppilein wird schon ganz nervös, kommt, lasst uns fahren!“ Margot hängt sich bei ihren Eltern unter und bugsiert sie in Richtung Ausgang. Draußen steht eine protzige Kutsche, mit Federn, Familienwappen und allem, was man sich nur vorstellen kann. Zwei schneeweiße Pferde scharren ungeduldig mit ihren Hufen. Ich bin immer noch sehr schockiert über das, was Margots Hund eben gesagt hat, bleibe aber still. Püppi scheint kein allzu netter Zeitgenosse zu sein. Ich möchte nicht, dass er noch ärgerlich wird. Ein Page öffnet die Kutschentür, die Easterházys quetschen sich hinein. Dann rumpeln wir scheinbar endlos zwischen Feldern und kleinen Wäldchen dahin, während Margot ihren Eltern von den neuesten Neuigkeiten aus der Hauptstadt erzählt. Meistens geht es dabei um Mode, neueste Stilideen, Automobile und wieder um Mode. Sie plappert und plappert. Herr von Easterházy hat Mühe, die Augen offen zu halten. Schnarcht manchmal kurz. Margot scheint das gar nicht zu bemerkten. Als wir endlich anhalten, erklingt eine kleine Fanfare. Wir sind am Rand des Dorfplatzes. Um uns herum stehen unheimlich viele Menschen. Achtundneunzig, um genau zu sein. Ich kann sehr schnell zählen. Beifall erklingt, als die Familie aus der Kutsche klettert. Viele Stühle sind vor einer großen Leinwand aufgestellt, die an einer Hausmauer hängt. Daneben steht ein ramponiert aussehendes Piano. Drei Plätze in der vordersten Reihe sind mit Zetteln markiert, Etta und Margot steuern direkt darauf zu, während Herr von Easterházy spreizfüßig zu ein paar Leuten watschelt. Er schüttelt ihnen die Hände, dann unterhalten sie sich lautstark. Margot lässt sich auf ihren Stuhl fallen und stellt die Handtasche auf den Boden. „Komm, du darfst auf meiner Schulter sitzen“, sagt sie zu mir und ich entspreche ihrem Wunsch. Natürlich. Neugierig sehe ich mich um, während die Sonne hinter den Häusern untergeht. Überall Menschen. Große, kleine, dicke, dünne. Kinder sind auch da. Viele sehen in meine Richtung, schauen aber schnell wieder weg, wenn ich ihren Blick erwidere. Püppi wuchtet sich aus Margots Handtasche und schnüffelt über den Dorfplatz. Als ein kleines Mädchen zu ihm läuft, zeigt er ihm grantig die Zähne. Schnell zieht das Kind die ausgestreckte Hand zurück und läuft zu seiner Mutter. Überall wird gemurmelt und getuschelt. Es ist ziemlich laut. Plötzlich erklingt Klaviermusik. Ich habe viele klassische und moderne Lieder gespeichert. Ich kenne alle wichtigen Stücke, von der Pfefferkornsonate bis zum Kaiserlichen Marsch. ich habe ein perfektes Gehör. Aber so etwas habe ich noch nie gehört. Es klingt unfertig. Irgendwie schief. So, als wäre sich der Spieler nicht sicher, wann und wie er den Rhythmus an die Melodie anpassen soll. Das Piano scheint verstimmt zu sein. Aber die Leute rufen und klatschen begeistert. Jeder sucht sich einen Platz. Unter gelegentlichem Hüsteln und Rascheln breitet sich erwartungsvolle Stille aus. Ein klackerndes Geräusch ertönt, dann erscheint flimmerndes Licht auf der Leinwand. Margot quietscht vergnügt. „Hui!“, macht sie leise. Ein paar Kinder lachen. Dann kommen Bilder. Hunderte, schwarzweiße Bilder. Sie rauschen an meinen Augen vorüber, während das verstimmte Piano dazu spielt. Manchmal erscheint ein wenig Text in großen Buchstaben. Ich sehen den ersten Film meines Lebens. Er handelt von einem sehr bleichen, stark geschminkten, hellhaarigen Mann, der in einem Wald wohl, obwohl er eigentlich der Sohn eines Fürsten ist. Das spielt aber keine Rolle, weil ein anderer bleicher Mann ihn nicht leiden kann. Dieser Mann ist reicher als der Fürst und kann sich daher viele Soldaten leisten. Darum muss der hellhaarige Mann sich im Wald verstecken. Dort findet er viele Freunde. Einen jungen Zauberer, einen Gestaltwandler und einen Troll. Zusammen sind sie die „Rasenden Reiter Der Gerechtigkeit“. Sie überfallen die Transportkutschen des bösen, reichen Mannes und verteilen die Beute unter den Menschen und magischen Wesen, die dringend Geld und Diamanten brauchen. Ich finde den hellhaarigen Mann ganz fabelhaft. Er heißt Konstantin. Was für ein herrlicher, erhabener Name. Konstantin. So würde ich auch gerne heißen.
Am Ende der Geschichte tötet Konstantin den bösen, reichen Mann mit einem mächtigen Schwert, das ihm ein sprechender Baum geschenkt hat. Er übernimmt sämtliche Ländereines des Schurken und befreit eine sehr hübsche Frau aus einem Kerker, die er heiratet. Die Leute auf dem Dorfplatz jubeln und stampfen mit den Füßen. Auch ich juble und freue mich so sehr, dass ich fast von Margots Schulter falle. Die ist allerdings wenig erfreut. „Den Schinken haben sie in Leuing längst abgesetzt. Wie langweilig. ich hätte lieber den neuen Film über Prinzessin Dankeschön gesehen, der ist angeblich herrlich romantisch.“ Sie nimmt mich von ihrer Schulter, steckt mich in die Brusttasche ihres Hosenanzuges und sieht sich um. „Die Leute hier sind doch alle Hinterwäldler. Komm, wir gehen zurück zur Kutsche.“ Ohne auf ihre Eltern zu warten, steuert sie mit mir durch die fröhliche Menschenmenge. Immer wieder erhasche ich neugierige Blicke, aber niemand traut sich näher an uns heran. Als wir bei der Kutsche ankommen, kramt Margot in ihrer Tasche. „Püppi, oh Püppilein, hierher!“, ruft sie schrill. „Wiff“, antwortet es und Püppi kommt aus einem Wald von Beinen angetrottet. Artig springt er in die offene Tasche. Margot steigt in die Kutsche. „Fahr mich nach Hause, du kannst Mutter und Vater später abholen, sie müssen sich noch ihren öffentlichenPflichten stellen“, sagt sie zum Fahrer, dann schläft sie die Tür zu. Während wir langsam zurück rumpeln, denke ich über den Film nach. Konstantin. Der tapfere Held. Bietet dem übermächtigen Feind die Stirn und gewinnt ein ganzes Fürstentum. O Konstantin. Ich wäre so gern wie du. Tief in Gedanken versunken, fällt mir kaum auf, wie wir zurück in Margots Zimmer kommen. Wie im Traum merke ich, dass Margot mich in das aufklappbare Häuschen setzt und dann wieder aus dem Zimmer verschwindet. Konstantin. Der Held. Ach. Erst ein heiseres Knurren lässt mich aufschrecken. „Hast dich wohl verliebt, wie?“, nuschelt Püppi gehässig. er sitzt auf Margots Himmelbett und leckt sich den Hintern. „Bist wohl vom Filmfieber infiziert. Hast jetzt Flausen im Kopf, ja?“ er leckt immer schneller. „Bist ein ganz schlauer, nicht wahr?“ „Ich bin einzigartig“, erwidere ich. „Ja, ha, super. Das bin ich auch. Und was kann ich mir dafür kaufen?“ Püppi springt vom Himmelbett und reißt sich in einer einzigen, wütenden Bewegung das pinke Kleidchen vom Körper. Mit trippelnden Schritten läuft er zu einem großen Spiegel und stellt sich davor auf. „Einzigartig, wie? Ich habe die Universität besucht. Ich habe studiert. Ich war der erste Hund in der Geschichte von Finsterland, der einen Abschluss in kreativer Mathematik gemacht hat. Summa cum laude. Ich war ein verdammter Wunderhund. Liebling der Gesellschaft. Glänzendes Fell, glänzender Verstand. Und dann? Ein kleines Missverständnis mit der Großcousine des Kurfürsten und schon werde ich verstoßen. Hab in ganz Löwensfeld keine Pfote mehr auf den Boden bekommen. Mein tragisches Ende fand ich bei einem miesen Tierhändler, der mich an die dumme Schlampe Margot verkauft hat. Zum Glück wusste er nicht, dass ich sprechen kann. Ich bin nämlich Inkognito. Sozusagen.“ Püppi versucht, sich mit den Pfoten die Schleife aus den Haaren zu ziehen. Nachdem er es geschafft hat, beißt er wütend darauf herum. „Püppi. Püppi! So nennt mich die dumme Kuh jetzt seit zwei Jahren und ich könnte ihr jedes Mal das Gesicht abbeißen, wenn ich es höre. Aber ich darf ja nicht auffallen. Ich muss ihr kleines, liebes Hündchen sein. Würde bekannt, wer ich wirklich bin, würden sie mich bestimmt sofort verhaften. Dabei hat man den Finger der grausigen Gräfin sogar wieder annähen können.“ „Dann geht es dir ja so wie Konstantin!“, rufe ich erstaunt. „Konstantin, wer ist denn…oh…ja… der Film-Heini. Ja, natürlich. Ich bin so wie Konstantin. Nur dass ich nicht im verdammten Wald wohne, sondern in einer Handtasche.“ Püppi schnieft herablassend und hebt an einem Bettpfosten das Beinchen. „Du Trottel!“, schreit er plötzlich und dreht sich wütend zu mir um. „Ist dir eigentlich klar, wie selten dämlich du bist? ‚Dann geht es dir wie Die-Sonne-scheint-mir-aus-dem-Arsch-Konstantin‘, das war ein Film! Wir leben nicht in einem Film! Das hier ist die Realität, sie ist hart, gemein und ganz bestimmt wartet am ende unserer Reise keine hübsche Maid auf uns. Nicht mal eine tote Ratte wartet da. Weil und die Ratten nämlich in den Arsch beißen werden, wenn sie uns erwischen!“ Er regt sich so sehr auf, dass er Schaum vorm Maul hat. Ängstlich weiche ich in eine Ecke meines Häuschens zurück. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so rasend ist wie Püppi. „Ach, hat doch keinen Zweck. Warum rede ich überhaupt mit dir.“ Er setzt sich erschöpft hin, atmet schwer und lässt den Kopf hängen. Seine Energie ist wie weggeblasen. „Ist doch alles sinnlos.“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe Angst, dass er wieder wütend wird, wenn ich das Falsche sage, also bin ich lieber still. Püppi seufzt tief. „Ich hatte Pläne. Grandiose, erhabene, herrliche Pläne. Und was ist daraus geworden? Die einzige Freude meines kläglichen Lebens ist, dass ich Margot regelmäßig in ihre Perücken pinkeln kann. Sie merkt das nicht, dazu ist sie zu dämlich.“ „Igitt“, sage ich leise. „Ja, igitt“, sagt Püppi und schaut weiter auf den Boden. „Einmal hat sie mich dabei erwischt, wie ich in ihre Schuhe gemacht habe. Sie hat mir den Hintern mit einer Zeitung versohlt. Es war so entwürdigend.“ „Das tut mir leid“, sage ich mechanisch. Ich bin fasziniert von der Vorstellung. „Ich würde ja weglaufen, wenn es nicht so aussichtslos wäre. Aber wohin soll ich gehen? In die Blander Öde vielleicht? Die Jondheimer Steppe? Wo sich nicht einmal Greif und Harpyie gute Nacht sagen? Nein danke. Ich kann nirgendwo hin.“ Mittlerweile spricht er ganz leise. Fast zu sich selbst. Er tut mir unendlich leid. „Du tust mir unendlich leid“, sage ich zu ihm und ernte einen eisigen Blick. „Dein Mitleid kannst du dir in deinen Metallhintern schieben, du Wichtel.“ Abfällig dreht sich Püppi um und springt zurück auf das Bett. „Heb dir dein sentimentales Gewäsch für dich selbst auf, du bist jetzt nämlich oberstes Clubmitglied im Verlierer-Verein. Margots neues Lieblingsspielzeug. Sie wird dich herumzeigen wie eine Trophäe und irgendwann, wenn du nicht mehr chic bist, vergisst sie dich einfach. Dann endest du in ihrem Schrank, wie die anderen Sachen. Oder sie schenkt dich weiter.“ „Sie schenkt mich weiter?“ „Ja, schenkt dich einfach irgendeinem Kerl, der ihr schöne Augen macht. Oder einer ihrer tollen Mode-Freundinnen. Ich will dir etwas verraten. Ich bin nicht Püppi. Ich bin Püppi der Vierte! Püppi eins starb, als er sich unter die Räder einer Kutsche warf. Püppi zwei ist im Tierheim gelandet, weil ihre Fellfarbe nicht mehr zur Einrichtung der Wohnung gepasst hat. Püppi drei ist eingegangen, weil sich Margots fette Freundin Dalia auf ihn draufgesetzt hat. Dann hat sie eine Strafpredigt von ihren Eltern bekommen und deswegen behält sie mich. Obwohl ich ihr auch schon zum Hals heraus hänge. Glaub nur nicht, dass es bei dir anders sein wird.“ Ich verstehe nicht, was Püppi mir sagen will. „Aber ich bin doch ein Meisterwerk! ich in etwas Besonderes und Meister Fraukensteig persönlich hat mich für sie gebaut!“ „Ja, super. Kannst dir einen Extrastern an deinen tollen Anzug heften. Halt jetzt die Klappe, ich möchte schlafen.“ Püppi dreht sich demonstrativ um und streckt seinen Kopf unter die Vorderpfoten. Entgeistert höre ich seinen Atemgeräuschen zu, während mein Gehirn rast. Ich muss verarbeiten, was er mir gesagt hat. Ich muss nachdenken. Ich komme nicht zum Nachdenken, denn Margot reißt die Türe auf und stürmt ins Zimmer. Sie wirft sich aufs Bett und zerquetscht dabei fast den entgeisterten Püppi, der gerade noch in Sicherheit springt. „Ach, was für ein öder Landstrich! Nicht einmal begraben möchte ich hier sein!“, ruft sie und wälzt sich auf dem Bett hin und her. „Drolling, erzähl mir eine lustige Geschichte. Ich brauche etwas Ablenkung, sonst fallen mir die Haare aus vor Langeweile.“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bringe kein Wort heraus. „Na, was ist los mit dir, sind dir die Zahnräder verrutscht?“ Das bringt mich auf eine Idee. „Fiep“, mache ich. „Wie?“, fragt Margot. „Fiepfiepfiep“, mache ich wieder und Margot springt von ihrem Bett auf. „Jetzt ist der verdammte Apparat kaputt, das darf nicht wahr sein. Mutter! Vater! Der Apparat ist kaputt!!!“! Wütend stürmt sie aus dem Zimmer. „Fabelhaft, und was hast du jetzt vor?“ Püppi schielt unter dem Bett hervor. „Ich weiß es nicht“, entgegne ich „aber ich muss mit Meister Fraukensteig sprechen. Vielleicht kann er mir helfen.“ „Na dann, viel Glück. Aber komm nicht zu mir, wenn sie dich demontieren lässt.“ Er verschwindet wieder unter dem Bett. Viele, schnelle Schritte nähern sich, dann stürmt die ganze Familie Easterházy ins Zimmer. „Fraukensteig hat versprochen, dass er eine hohe Lebenserwartung hat. Robust, hat er gesagt. Ich werde ihn erschießen lassen, wenn der Apparat tatsächlich kaputt ist.“ Herr von Easterházy ist sehr wütend. Sein dicker Kopf ist ganz rot. Neben ihm schnaubt seine Frau verächtlich. „Ich sage dir schon seit langem, dass er nicht mehr auf der Höhe ist. Er wird alt. Vergesslich. Und die Kosten, die er verursacht, treiben uns fast in den Ruin. Von seinem Geruch ganz zu schweigen.“ Sie nimmt mich aus dem Häuschen und schüttelt mich. „Na, sag schon was.“ „Fiep“, mache ich.“ „Da, siehst du, Mutter? Er fiept einfach nur noch vor sich hin. Und ich habe ihn nicht einmal fallen lassen.“, nörgelt Margot. Ihre Mutter klopft ihr auf die knochige Schulter. „Wir müssen uns dringend nach einem neuen Familienkünstler umsehen. Soll sich doch der alte von Thome mit Fraukensteig herumärgern. Faustrecht soll den Apparat nach unten schaffen.“ Der gebeugte Diener schlurft herein und steckt mich in seine Jackentasche. Es wird dunkel. Als wir uns entfernen höre ich noch, wie Margot zu ihren Eltern sagt, dass sie Meister Fraukensteig noch nie leiden konnte. Ich hoffe, ich habe ihn nicht in allzu große Schwierigkeiten gebracht.

Ich bin wieder in der Werkstatt. Herr Faustrecht hat mich auf den schäbigen Tisch gesetzt und ist gegangen. Meister Fraukensteig ist nicht da. Ich bin alleine. Sehe mich um. Viele Geräte und Maschinen sind verschwunden. Große Kisten füllen nun den Raum. Einige sind beschriftet. ‚Integritätskompensator‘ lese ich. ‚Katastrophischer Dimensionsprojektor’ steht auf der nächsten Kiste. Fraukensteig hat seine Geräte verpackt. Will er verreisen? Auf einem Schreibblock liegt ein Brief. er ist an den Fürsten von Ludwigstal, Hanns von Thome adressiert. Fraukensteig schreibt ihm, dass er sich über den Auftrag freut und sich baldmöglichst auf den Weg machen wird. Er verlässt uns. Er verlässt mich.d Ein eisiger Klumpen bildet sich in meinem Magen. Mir wird schwindlig. ich muss mich setzen. Stoße an ein Tintenfass und verschmiere den halben Tisch mit schwarzer Tinte. „Was machst du denn da?“ Meister Fraukensteig ist mit wenigen Schritten bei mir. Ich habe gar nicht gehört, wie er hereingekommen ist. „Bist du verrückt?“ Ich sehe ihn an und dann brechen die Tränen aus mir heraus. Ich weine und kann nicht mehr aufhören. „Na, na, na.“, macht Fraukensteig. Er kaut auf seinem Bart herum und geht vor mir auf und ab. „Meister“, bringe ich hervor, dann erstickt meine Stimme wieder. „Ach, du kannst also doch noch sprechen?“ Der alte Mann grunzt leise. „Hast einen ganz schönen Aufruhr unter den Herrschaften verursacht, das muss ich schon sagen. Die Easterházys sind außer sich. Drohen damit, mich des Landes zu verweisen. Als wären sie König und Königin Sowieso. Zum Glück muss ich sie nicht viel länger ertragen.“ Er setzt sich auf den Stuhl und sieht mich prüfend an. Ich weine immer noch, aber nicht mehr ganz so schlimm. „Meister“, beginne ich wieder, „verlassen Sie mich nicht, ich will nicht allein hier bleiben.“ „Du bleibst nicht allein.“, erwidert Fraukensteig. „Margot wird in den kommenden Tagen zurück nach Leuing fahren. Du kommst in die große Stadt, mein Kleiner.“ Er holt einen abgegriffenen Beutel aus einer versteckten Tasche seines Umhanges und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. „Ich will aber nicht in die große Stadt, ich will bei Ihnen bleiben!“, rufe ich verzweifelt. „Na, na, na.“, wiederholt Fraukensteig und zündet die Zigarette an. Kleine Rauchschwaden kommen aus seinem Mund. „Vielleicht habe ich es mit deiner Programmierung etwas übertrieben. Dein freier Wille ist ein wenig zu frei geworden, fürchte ich. Komm einmal her.“ Er greift nach mir und ich weiche vor ihm zurück. „Nein!“, rufe ich. „Nein?“, fragt Fraukensteig verwundert und Falten bilden sich in seinem ganzen Gesicht. „Du widersetzt dich mir?“ „Ja!“ Ich schreie nun. Lege all meine Frustration in meine Worte. „Ja! Ich widersetze mich! ich widersetze mich Ihnen, ich widersetze mich Margot! Ich bin ein Widerständler!“ Fraukensteig bricht in schallendes Gelächter aus. Seine Reaktion verdutzt mich derart, dass ich über meinen Zorn stolpere. „Ach, du wunderbarer, großartiger kleiner Mann!“, ruft er aus. „Ein Widerständler. Das Wort hat dir die alte Vettel beigebracht, nicht wahr?“ „Ich bin ein Widerständler.“, sage ich nur. Mehr fällt mir nicht ein. „Ja, natürlich bist du das.“ Der Meister wühlt in der kleinen, abgewetzten Kiste, die immer noch auf dem Tisch steht. „Sag, kannst du mir alle Gebiete des Finsterlands nennen? , fragt er ganz beiläufig. Ich rattere die Namen automatisch herunter und bin stolz, dass Fraukensteig beifällig nickt. Er kramt immer noch in der Kiste, während ich mich von Norden nach Süden arbeite. „Hab ich dich.“, sagt er plötzlich.

Ich bin im Saal der Verzückung. Ich sehe viele bunte Bilder an den Wänden und lustige Skulpturen. Ich kenne den Menschen, der vor mir steht. Sein Name ist Eduard Fraukensteig der Dritte. Er ist siebenundsechzig Jahre alt, Meister der Robotik, Künstler und Automatenbauer. Erfinder. Genie. Ich weiß auch, wer ich bin. Ich bin ein Automat. Der Automat. Ich bin einzigartig. Der kleinste, je geschaffene Homunculus, von Meister Fraukensteig persönlich gebaut. Ich bin ein Geschenk. An die herrliche Margot Parisaris von Easterházy, strahlende Tochter des Hotelmoguls Franz-Wilhelm Tsepesch von Easterházy und der berühmten Etta von Easterházy, frühere Operndiva, bekannt unter dem Namen „Schattenfürstin“. Sie sind unermesslich reich, haben Häuser in ganz Löwensfeld und ich bin ein Geschenk. Das ist ganz wunderbar. Mein Name ist ‚Einfügen‘.

„Ich habe ihn repariert.“, höre ich den Meister sagen. „Er hatte eine kleine Fehlfunktion in seinen Subroutinen. Er wird nun einwandfrei funktionieren.“ „Das will ich auch hoffen! Meine Abreise hat sich um Tage verschoben, nur wegen deiner Bastelei. Ich habe wegen dir die Modenschau der großen Galassia verpasst!“ Diese Stimme gehört Margot. Sie ist eine ganz wunderbare Frau. Ich bin froh, dass ich jetzt einwandfrei funktioniere. Für sie. Margot nimmt mich in die Hand. Sie sieht mir ins Gesicht. „Sag etwas.“, verlang sie. „Etwas“, sage ich. Margot schnaubt und steckt mich in ihre Handtasche. Neben mir hockt ein wuscheliger, weißer Hund. Er sieht niedlich aus. Ich lächle ihn freundlich an. Der Hund fletscht die Zähne. Putzig. „Nun, ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Das Automobil wartet. Grüß mir den Alten von Thome, wenn er nicht schon ganz taub ist.“ Es schaukelt, als wir den Raum verlassen. Das finde ich lustig. In der schönen Eingangshalle stehen Herr und Frau Easterházy. Sie verabschieden sich herzlich von ihrer Tochter und ich finde es schön, dass ich dabei sein kann. Ich mag die Familie Easterházy wirklich gern. Wir verlassen das Haus und ich bin ein wenig traurig. Ich fühle mich hier sehr wohl. Als wir das Automobil erreichen, wirft Margot die Tasche mit dem Hund und mir auf den Rücksitz. Ich muss kichern. Der Hund schnaubt heftig, klettert aus der Tasche und setzt sich aufrecht hin. Sieht mich prüfend an. Herr Faustrecht kommt den Kiesweg entlang, spuckt sich in die Hände und dreht heftig an einer Kurbel, die im Kühlergrill des Automobils steckt. Wir schaukeln hin und her. Heulend springt schließlich der Motor an. Margot jauchzt. Herr Faustrecht kann gerade noch zur Seite springen, so schnell drückt sie auf das Gas. Sie ist eine stürmische Frau. Das finde ich faszinierend. Wir rasen los, der Motor macht einen Höllenlärm. „Haben sie dich also erwischt, wie?“, sagt der süße Hund, während der Motor röhrt. „haben dir das Gehirn gewaschen, dich neu programmiert, was?“ Er hechelt und kratzt sich mit einer Pfote am Hals. „Na, mir soll es egal sein.“ „Lieber Herr Hund, ich weiß nicht was du meinst, wer soll mich erwischt haben?“, frage ich verwirrt. Wir werden heftig durchgerüttelt, als Margot durch ein Schlagloch fährt. „Hui!“, ruft sie. Sie ist so witzig. Ich muss wieder kichern. „Lieber Herr Hund.“, murmelt der Hund und kratzt sich schneller. „Wahrscheinlich hast du gar kein Gehirn mehr, du Blödi.“ „Hihihi“, lache ich. Der Hund ist so lustig. Jetzt fletscht er wieder die Zähne, das sieht einfach nur komisch aus. Ich lache noch mehr. „Wir werden bestimmt dicke Freunde!“, rufe ich und versuche, ihn zu umarmen. Japsend springt der Hund von mir fort. „Das halte ich nicht aus, das ich doch kein Zustand.“, grummelt er verdattert. „He, dreh dich mal um, die Nulpe, mal sehen, was du unter der Haube hast.“ Ich drehe ihm den Rücken zu und mache ein fröhliches Gesicht. Mir ist nach einem frohen Liedchen zumute. „Ein froher Mann ist, Wer das Lachen kennt, Wer von Liebe weiß, Und sich zufrieden nennt…“, beginne ich heiter. „Du Arschloch“, murmelt der Hund. Ich blinzle.

Püppi sieht mich skeptisch an. „Na, wieder normal?“ Ich weiß nicht, was er mit normal meint, aber ich fühle mich, als wäre ich von einer Walze überfahren worden. Mein Schädel brummt und mein Körper fühlt sich eigenartig an. Irgendwie tut alles weh. Das Heulen des Motors dröhnt in meinen Ohren. „Hab dich repariert. War nicht ganz einfach, aber ich hab doch gesagt, dass ich ein Wunderhund bin.“ Püppi reckt stolz das überstehende Kinn vor. „Warst nicht zu ertragen, in all deiner Fröhlichkeit. Eigentlich hätte es mir ja egal sein können, aber wahrscheinlich hocken wir noch Jahre aufeinander. Das wäre nicht auszuhalten. Hätte mich in den Selbstmord getrieben.“ Ich frage mich, was er meint. Dann erinnere ich mich schlagartig. Kann ein Zittern nicht unterdrücken, als mir einfällt, was mir angetan wurde. Ich fühle mich missbraucht. „Ja, du bist eindeutig wieder da. Die rosigen Wangen sind wieder schön wächsern. So gefällst du mir besser. Versager.“ Püppi schnaubt abfällig. „Wie konnten sie nur? Wie konnte er nur?“, frage ich und merke, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Meine Stimme versagt. „Ach, sei kein Heulbaby, natürlich hat er dich umprogrammiert, was denkst du denn? Hast du erwartet, dass Fraukensteig sich mit dir in die Lüfte erhebt und in ein besseres Land fliegt, wo Hundekuchen und Honigdrops fließen? Du bist wirklich zu naiv. Ich hab dir doch gesagt, das Leben ist kein Film. Himmel, wie sehr ich das Autofahren hasse!“ Wir schaukeln heftig, als Margot durch mehrere Schlaglöcher rumpelt. Ihre Tasche kippt um, unzählige Dinge fallen heraus, verteilen sich über den Rücksitz. Zerlesene, abgegriffene Zeitschriften, eine überdimensionale Nagelfeile, ein Handspiegel mit lauter Fingerabdrücken darauf, Reiskekse, eine kleine Gummiente. „Hui!“, ruft Margot wieder. Püppi beißt der Gummiente vor Wut den Kopf ab. Plötzlich stottert der Motor, heult noch einmal heftig auf und dann steht das Automobil still. Aus der Motorhaube quillt dichter Rauch. „Verflucht, nicht schon wieder!“ Margot springt aus dem Fahrzeug, rennt hektisch hin und her. Aus der Motorhaube schlagen jetzt kleine Flammen. Püppi sieht mich mit großen Augen an. Die Flammen schlagen immer höher. Entgeistert schaue ich zurück. Aus dem Motor zischt es bedrohlich. Gleichzeitig versuchen wir, auf den Vordersitz zu kommen. Püppi springt panisch über mich hinweg und aus der offenen Fahrertür. Ich stürze mich hinterher. Falle in den Straßenstaub. Margot ist so aufgeregt, dass sie uns gar nicht bemerkt. Um uns herum erstrecken sich Wiesen. Wälder. Ein langgestecktes Feuerampferfeld hinter einem hohen Zaun. Kein Haus weit und breit. „Das ist unsere Chance!“, rufe ich. „Komm, lass uns fliehen!“ „Du dummer Idiot.“, zischt Püppi böse und bleckt die Zähne. Sein Fell ist verstrubbelt, die Schleife hängt schief von seinem Kopf herunter. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass das nicht funktioniert. Geht das nicht in deinen Metallschädel? Wir gehören ihr! Und daran wird sich auch nichts ändern. Wir können nicht fort!“ Seine Worte gehen fast im Gebrüll des Feuers unter, das nun heftig aus der Motorhaube züngelt. „Nein“, sage ich, „das geht tatsächlich nicht in meinen Metallschädel.“ Ich starre in die Flammen und sehe den einzig möglichen Ausweg. Mit einem Aufschrei stürze ich zurück zum Automobil. „Bist du wahnsinnig? Du bringst dich ja um!“, winselt Püppi hinter mir. Aber das ist mir egal. Ich klettere zurück auf den Vordersitz, hechte auf die Rückbank und greife nach der Feile. Sie ist sehr sperrig, aber auch das ist mir egal. Hinter mir kreischt das Feuer, Funken fliegen. Etwas surrt und pfeift. Es ist unglaublich heiß. Ich klettere mühsam zurück auf den Vordersitz, kleine Rauchsäulen steigen aus dem karierten Stoff auf. Die Hitze versengt mir die Haare, zehrt an meiner Haut. Ich kann fühlen, wie der Stoff unter mir langsam schmilzt. Mit einem riesigen, verzweifelten Satz springe ich aus dem Auto. Rolle mich ab. „Ich werde das nicht länger ertragen!“, brülle ich. Die hektische Margot läuft immer noch herum. Ruft um Hilfe. Rauft sich die Haare und flennt. Aber bald nicht mehr. Ich kann es nicht mehr ertragen.

Es dauert elendig lange, aber dann liegt sie endlich friedlich neben ihrem lichterloh brennenden Wagen. Das platinblonde Haar ist blutverschmiert. Der Rest von ihr auch. „Der Hosenanzug ist hin.“, murmelt Püppi tonlos. Seine Stimme klingt hohl und weit weg. Er weicht vor der größer werdenden Blutlache zurück. „Gratuliere. Jetzt bist du tatsächlich einzigartig. Der erste Mörderapparat des Finsterlands.“ Er weicht noch etwas weiter zurück, als das Automobil gefährlich zischt und faucht. „Fall du vorhast, auch mich abzustechen, lass dir gesagt sein, dass ich zäher bin als diese überzüchtete Tussi. In meinen Adern fließt Straßenköterblut, ich weiß, wie man kämpft.“ Er sträubt das zerzauste Fell. Ich lasse die blutige Feile in den Straßenstaub fallen. Habe ganz vergessen, dass ich sie überhaupt noch in der Hand halte. „Ich werde dich nicht verletzen. Ich werde gar nichts tun. Du kannst gehen, wenn du willst. Wohin du willst. Ich halte dich nicht auf.“ Erschöpft lasse ich mich zu Boden sinken. Meine Wut ist verraucht. Aber ich weiß, dass ich das Richtige getan habe. „Schönen Dank auch für so viel Freiheit.“, kommentiert Püppi trocken. „Jetzt bin ich nicht nur der Hund, der der verdammten Großcousine des Kurfürsten den Finger abgebissen hat, jetzt bin ich auch noch der Komplize des grausamen Mörderapparates. Ganz prima. Nimm dir ein Leckerchen.“ „Dann komm doch mit mir.“, sage ich schwach. Eigentlich ist es mir egal. Ich bin müde. „Wohin, du Genie?“ „Ganz gleich wohin, ist mir ganz egal.“ Meine Stimme ist ein leises Flüstern. Ich bin so müde. „Nun, ich habe einmal gelesen, dass es im Land Eisenfeld ganz herrliches Bier geben soll. Habe mich immer schon gefragt, ob das nicht eine Übertreibung ist.Wäre einen Versuch wert, sofern wir die Reise überleben und nicht schon nach ein paar Kilometern aufgegriffen werden. Die Todesstrafe ist uns sicher, das ist dir doch klar, oder?“ „Ist mir egal“, murmle ich. Die Augen wollen mir zufallen. „Hey, du kannst jetzt doch nicht einschlafen! Steh auf, du dummer Blechmann!“ Püppi schiebt seine Nase unter meinen Arm und zieht mich auf die Füße. „Los, los, einen Schritt vor den anderen, wir müssen weg hier.“ Ich taumele, an ihn gelehnt, vorwärts. Er bugsiert mich in den Straßengraben. Wir stolpern auf das Waldstück zu, ich kralle mich in sein Fell, versuche aufrecht zu bleiben. Hinter uns heult die Karosserie des brennenden Wagens laut auf, dann lässt eine Explosion die Erde erzittern. Die Druckwelle schleudert uns in einen Busch. Fluchend arbeitet sich Püppi aus den Zweigen. Mir fehlt die Kraft dazu. „Steh auf, Mann, steh auf, bald wird jemand kommen und wenn sie uns finden, dann sind wir geliefert.“ Die Stimme. Sie klingt leiser und leiser. Die Welt wird dunkel. „Werde mir jetzt nicht ohnmächtig, rede mit mir! Los, wie heißt du, Blechmann, wie lautet dein Name?“ Ich reiße mühsam die Augen auf. Versuche erfolglos, wieder auf die Bein zu kommen. Püppi drückt sich an mich, ich kralle mich in seinem Fell fest. Ziehe mich mit allerletzter Kraft auf seinen Rücken. „Toll, jetzt bin ich auch noch ein Gaul.“, grummelt der Hund, aber es klingt nicht wirklich böse. „Mein Name…ist…Konstantin.“, flüstere ich. Dann fallen mir die Augen zu.

© sybille lengauer

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