Im Unglück (Ein profanes Liedchen 2,3,4)

Veröffentlicht: August 12, 2015 in Allgemein

Im Unglück glücklich sein,

Weil gerade der Wind richtig steht.

Weil die Sonne so schön untergeht.

Weil die Welt sich ja doch weiter dreht.

Ja es geht.

Ja es geht.

Im Unglück glücklich sein,

Weil der Staub so magisch verweht.

Weil ein Freund dich richtig versteht.

Weil man niemals so ganz untergeht.

Ja es geht.

Ja es geht.

Im Unglück glücklich sein,

Weil der Sommerduft leise sich hebt.

Weil über allem eine Leichtigkeit schwebt.

Weil man nur dieses eine Mal lebt.

Ja das geht.

Ja das geht.

© Sybille Lengauer

Fresskaleidoskop

Veröffentlicht: Juli 20, 2015 in Gedichte
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Zahnlos lutsche ich deine Argumente weich.

Bedächtig von der einen in die andere Backe schiebend.

Mümmelnd. Alle auf einmal.

Die fetten Brocken.

Ich speichle sie ein, bis sie in sich zerfallen.

Wie weichgekochtes Rindfleisch, nur nicht ganz so zart im Abgang.

Malmend. Am Gaumen festklebend.

Wie die ältesten Kamellen.

Nur.

Bis zum letzten Biss.

Bitter.

© Sybille Lengauer

Hurra!

Veröffentlicht: Juni 26, 2015 in Allgemein

Gestern war die Welt noch fürchterlich. Heute erscheint das Gestern gar nicht mehr so schlimm.

Was die Zukunft birgt möchte man bei diesen Aussichten nicht zu denken wagen.

Aber was soll’s. Ist doch alles Einerlei. Einerlei-Eierei. Mit jeder Menge Leidensdotter. Und Schale. Ja. Die Schale nicht zu vergessen. Knirscht zwischen den Zähnen, die selbst im Schlaf noch malmen. Und wenn man dann erwacht: Bröckchenkotzen. Verbal. Mitten hinein in die zwischenmenschlichen Notbeziehungen. Die wie eine Besucherritze riechen. Ein wenig schal. Ein wenig abgenutzt. Zu selten frisch bezogen und ausgesaugt. Einsam und im Ganzen ziemlich traurig. Hurra. Was geht es uns gut.

Wir zünden wieder Asylantenheime an.

Gestern war die Welt beherrscht von kalten Kriegern. Heute frieren wir die ganze Zeit. Was im Morgen liegt macht uns allerdings noch viel mehr zittern. Deswegen fressen wir auch unsere Fingernägel, wenn wir nach draußen sehen. Wie die Chancen unserer Kinder würgen wir alles in unsere panikerstarrten Hälse. Bis es uns bei den Ohren wieder herauskommt. Man kann die Welt nicht retten! Schon gar nicht, wenn man mit der Decke über dem Kopf in sein Schmusekissen weint.

Wir fangen an zu saufen. Damit es etwas erträglicher wird. Wird es aber nicht. Nur diffuser. Nebliger. Und manchmal kotzt man dann sogar nonverbal. Hurra! Es geht uns gut, honey!

Das sechste Massensterben hat begonnen.

Gestern war der Traum vom Morgen noch irgendwie naiv. Wir bauten Siedlungen auf dem Mond. Terraformten den Mars und sowieso lag uns das Universum zu Füßen. Heute ahnen wir, wie klein diese Füße wirklich sind. Wundern uns, wie schnell alles gehen kann. Haben wir uns unser eigenes Grab geschaufelt? Und kommen die Toten wirklich nicht mehr zurück? Hörst du nicht schon das schaben? Am Sargdeckel, dem knarrenden? Wir drehen uns um, starren in die Gesichter unserer Vorfahren. Können Affen weinen? Mit Scheiße werfen können sie sicherlich. Können wir auch noch. Ha! Hurra! Was geht es uns gut.

Wir leben in interessanten Zeiten.

© Sybille Lengauer

Himmelschmalzblau

Veröffentlicht: Juni 26, 2015 in Allgemein
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Himmelschmalzblau. Auch für Schwarzseher.

Taubenschmutzgrau. Auch für Optimisten.

Nazischeißbraun. Auch für Frischverliebte.

Alles für Alle.

Alles für mich.

Alles für dich.

Nur lass die Farben nicht sterben.

Lass die Welt nicht untergeh’n.

Sonnenuntergangsrosa. Auch für Massenmörder.

Blutorangenrot. Auch für Billigbordellhuren.

Herrenhutschwarz. Auch für Berufshippies.

Alles für Alle.

Alles für dich.

Alles für mich.

Nur lass die Farben nicht sterben.

Lass die Welt nicht untergeh’n.

Kotzbröckchengrün. Auch für Sensible.

Ohrenschmalzgelb. Auch für Gourmets.

Einhornweichweiß. Auch für Pessimisten.

Alles für Alle.

Alles für mich.

Alles für dich.

Nur lass die Farben nicht sterben.

Nur lass die Farben nicht sterben.

Lass sie nicht sterben.

Für dich und für mich.

© Sybille Lengauer

Wutgericht

Veröffentlicht: Juni 26, 2015 in Allgemein
Schlagwörter:, , , ,

Egal wie sehr du kotzen möchtest.

Weiterfressen.

Bis die Kehle wund ist.

Brocken für Brocken.

Leibspeisenentropie.

Es gibt keine Alternative.

Schluck es runter, bitch.

Während dich die Tränen ersticken.

Friss. Friss. Friss.

Noch ein Löffel vom Bittersten.

Vielfraßkapitulation.

Bis dir der Unglückswanst platzt.

Egal wie sehr du es hasst.

Nicken.

Lächeln.

Alles ist gut.

Fuck .

You.

© Sybille Lengauer

Ich bemale meine Haut mit Asche,

Weiß, so weiß wie Schnee,

Trage die Farbe gleichmäßig auf,

Lasse keine Pore unbedeckt.

Ich nehme einen abgenutzten Lippenstift,

Rot, so rot wie Blut,

Streiche ihn langsam auf meine Zähne,

Sehe mich dabei im Spiegel lächeln.

Ich wühle ein Stück Kohle aus dem Kamin,

Schwarz, so schwarz wie Ebenholz,

Reibe es dick auf meine Lippen,

Werfe meinem Spiegelbild einen Kussmund zu.

Ich verziere meinen Körper mit Perlen,

Schimmernd und zart wie die See,

Gehe barfuss durch das Eismeer meines Gartens,

Denn heute Nacht bin ich deine Königin.

(C) Sybille Lengauer

Früher (eine Studie in himmelblaugrau)

Veröffentlicht: Oktober 2, 2014 in Allgemein
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„Früher war im Sommer aber deutlich weniger Herbst.“, sagst du beleidigt und lehnst dich seufzend gegen die Parkbank. Ich betrachte nachdenklich meine braungebrannten Arme und frage mich, ob wir vom selben Jahr sprechen. „Aber die Leute waren früher schon genauso Arsch wie heute“, sinnierst du weiter. Mir fällt darauf nichts ein und deshalb drehe ich mir beiläufig eine Zigarette. Was soll man dazu auch sagen? Vielleicht, dass das Früher eben auch nur ein vergangenes Heute ist. In dem man gelebt, geliebt, gelitten und genossen hat, was sich gerade anbot. „Wer nimmt, was er kriegen kann, der kriegt, was er verdient.“, geht es mir durch den Kopf. Und: „Früher war alles Scheisser.“, ich muss kichern. Du verstehst nicht, warum ich grinse und denkst, ich mache mich lustig über dich. Mache ich vielleicht auch.

Wir sitzen zusammen auf der warmen Parkbank. Über uns der strahlend blaue Himmel. Unter uns der summende, brummende Kosmos der Stadt. Ich zünde meine Zigarette an und warte darauf, was du als nächstes sagen wirst. Dir fällt aber scheinbar nichts ein. Gedankenverloren beobachtest du ein Liebespaar, das an uns vorbeiflaniert. Sie tauschen schmachtende Blicke aus und beinah kann man die rosaroten Wölkchen sehen, auf denen sie schweben. Du runzelst etwas angewidert die Stirn. Warst auch schon mal glücklicher. Wir sitzen, wir schweigen und irgendwie habe ich das Gefühl, dass du mir etwas sagen möchtest. Ich schnippe den aufgerauchten Zigarettenstummel in hohem Bogen von mir. Du siehst mich ärgerlich an. „Das ist Umweltverschmutzung. Weißt du das?“ Was soll man darauf noch erwidern.

Unsere Wege trennen sich nach diesem Nachmittag. Du gehst in dein kleines Leben, ich in meines. „Morgen ist heute auch nicht mehr das, was es Gestern war.“, denke ich still bei mir. Vermissen werde ich nichts.

© Sybille Lengauer