oder: Daumenlos durch den Nachmittag (eine versuchte Hommage am Rainald Grebe)

Ich weiß, dass für dich nur Geschwindigkeit zählt,

Eine Klingel erscheint da entbehrlich,

Da die aerodynamische Schnittigkeit fehlt,

Denkst du: „Weg mit dem Teil, jetzt mal ehrlich!“

Doch mein Haar, es weht lange und spielt mit dem Wind,

Da kommt’s schon mal vor, dass Insekten drin sind,

Und dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,

Ja dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar…

„Autsch!“

Ich weiß, dass dir sehr schnelles Fahren gefällt,

Vielleicht sind deine Freuden sonst spärlich,

Kann schon sein, dass man in einen Rauschzustand fällt,

Ohne Klingel ist das sehr gefährlich.

Denn mein Haar, es weht lange und spielt mit dem Wind,

Und wenn’s dann mal passiert, dass Insekten drin sind,

Dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,

Ja dann fahr ich mir kräftig duch’s Haar,

„Aua!!!“

Vielleicht habe ich vorschnell mein Urteil gefällt,

Du stehst gar nicht auf irres Geradle,

Sondern kamst einfach nur ohne Daumen zur Welt,

Und jetzt blutet dein Auge, wie schade!

Denn mein Haar, es weht lange und spielt mit dem Wind,

Und dann kann es gescheh’n, dass Insekten drin sind,

Und dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,

Ja dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,

„Autsch!“

Schallala-lala-lalalala,

Ja dann fahr ich mir kräftig durch’s Haar,

Schallala-lala-lalalala,

Dein Veilchen kannst du jetzt deiner Freundin erklären…

* fade out *

© Sybille Lengauer

Heute, Bahnhof Recklinghausen. Auf einer Bank am Gleis Zwei sitzt eine adrett frisierte Dame um die Fünfzig. Sie trägt lila Schuhe mit kleinen Absätzen, eine farblich dazu passende Strumpfhose, ein schickes Kostüm. Sie sagt, als ich mich setze:„Fake, alles Fake.“ und schüttelt missmutig den Kopf.

Auftritt einer jungen, ausländisch aussehenden Frau. Die Dame neben mir schaut sie böse an. Dann mich. „Die Welt gehört den Menschen, nicht den Monstern.“, sprudelt es aus ihr heraus. Ich sage nichts. „Von Mutter und Vater gezeugt. Alles andere sind Roboter. Nichts als Gestank. Boring!“

Ich bin, auf eine fast perverse Art, fasziniert.

Das junge Mädel hüpft ein wenig auf und ab. Es ist nicht gerade warm heute. Die Dame sieht ihr dabei zu. „Die spielen einfach ihr Programm ab, aber das nützt ihnen nichts. Weil sie nicht selbst denken können. Teufelskreis. Immer wieder neu wird Dreck auf die Erde geschmissen, aber das ist jetzt vorbei.“ Ich atme langsam ein. Überdenke meine Strategie.

Ein Buch wäre jetzt nicht schlecht. Also hole ich „Golf Monster“ von Alice Cooper aus meiner Tasche und schlage es am Lesezeichen auf. Am Anfang des siebenten Kapitels. Alice posiert auf einem großen Foto in magischer Pose. Er ist schwer geschminkt. Trägt eine riesige Blume im auftoupierten Haar und sonst nur Wickelfolie…

Die Dame neben mir sieht natürlich hin. Atmet hörbar durch die Nase ein. Ich kann fast mit den Händen greifen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Entschlossen steht sie auf und geht erhobenen Hauptes so weit weg, wie sie kann. „Jesus.“, höre ich sie noch murmeln, dann sind ihre lila bestrumpften Beine aus meinem Blickfeld verschwunden. „Ach, Alice.“, murmle ich zurück. Ganz liebevoll.

(c) Sy

Dämon

Veröffentlicht: April 27, 2017 in Allgemein

Lauthals ruf‘ ich deinen Namen,

Dämon! Durch die stille Nacht.

Bist halb Mensch, halb Gott;

Oh Dämon!

Lauthals ruf‘ ich deinen Namen,

Dein Gesicht, mein Spiegelbild.

Beinah‘ tot und doch unsterblich;

Oh Dämon!

Laufhals ruf‘ ich deinen Namen,

Dämon! Lass mich bitte ziehen.

Bist mein Bruder, meine Schwester;

Oh Dämon!

Laufhals ruf‘ ich deinen Namen,

In das Firmament, denn ich

such‘ seit jeher dir zu fliehen,

und doch, Dämon, lieb‘ ich dich…

© Sybille Lengauer

7 Schritte zu einer glücklichen Liebesgeschichte

Veröffentlicht: April 27, 2017 in Allgemein

 

1.: Ich schleiche leise um die Ecken deiner Seele.

2.: Ich rufe zärtlich deinen geheimen Namen.

3.: Ich ergreife deine Hand, führe sie behutsam.

4.: Ich küsse deine Augenlider, vorsichtig und sanft.

5.: Ich träume mit dir von einem besseren Leben.

6.: Ich hole dir die Sterne vom wolkenschweren Himmel.

7.: Ich habe dich verlassen, noch ehe es begann…

© Sybille Lengauer

Veröffentlicht: April 26, 2017 in Allgemein

Das Böse um die Ecke

(so etwas wie ein Lied)

Wir fürchten uns sehr!

Von morgens früh bis in die Nacht,

Zittern wir vor unseren Feinden.

Die sind überall.

Haben tausende Gesichter.

Also beißen wir um uns.

Gönnen keinem mehr das bisschen Frieden,

Gönnen keinem mehr das bisschen Sonne,

Wir können auch anders, jawohl!

Wir regen uns auf!

Sehen Unheil in jedem Schatten,

Gemeine Attentäter, miese Volksverräter.

Die sind überall.

Haben es auf uns abgesehen.

Also schlagen wir drauf.

Gönnen keinem mehr das bisschen Liebe,

Gönnen keinem mehr das bisschen Freude,

Wir können auch anders, jawohl!

Wir ärgern uns schwarz!

Können die Welt nicht mehr verstehen,

Fühlen uns verraten und verkauft,

Die sind ja wirklich überall.

Wollen uns an den Kragen.

Also treten wir nach.

Gönnen keinem mehr das bisschen Wärme,

Gönnen keinem mehr das bisschen Glück,

Wir können auch anders, jawohl!

Denn:

Das Böse um die Ecke,

Das sind du und ich.

Das Böse um die Ecke,

Das sind wir.

Das Böse um die Ecke,

Das sind du und ich.

Das Böse um die Ecke,

Das sind wir…

Sortierfund (Orig. „Die Uhr“ in Hirnwichsen)

Veröffentlicht: April 25, 2017 in Allgemein

The Clock

(a short night melody)

I’m sittin’ in the kitchen and listen to the clock, it’s cutting the hours

TICK

I’m starin’ at the wall, it’s got cracks, it’s as yellow as nicotine and ugly

TICK

I’m examinin’ the shelves, the scraps of wall paper, wilting plants

TICK

I’m lookin’ at my hands, which are lying on the table, which is sticky and old

TICK

I’m gettin’ up slowly, holding the chair behind me, which’s got a loose leg

TICK

I’m goin’ into the bathroom, see the mirror and behold the horror as expected

TICK

I approach the window, it’s dirty and smeared, I see walls and rain

TICK

I’m takin’ my pistol out of its casket inside the cupboard, it’s colourless and dusty

TICK

I put in the magazine, position it on my temple, forgot to load

CLICK

TICK

I’m goin’ back to the kitchen, load and shoot this god damned clock!

TI-BOOM

Since then, I’m merry again, ‘cause time stands still, at least in my kitchen

FOREVER

© Sybille Lengauer

Translated by Giovanna Letizia


 

Der Raum war kalt und abweisend. Staub flirrte in blassen Sonnenstrahlen, der scheinbar nur zögernd durch das verdreckte Fenster schienen. Auf dem wurmstichigen Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, in dem eine gelbliche Pflanze verdorrte. Fruchtfliegen schwirrten in sanften Bahnen durch die trockene Luft. Es roch nach Einsamkeit und geronnener Zeit. Ein alter Mann saß gebeugt auf einem Stuhl, malte zittrige Kreise auf den Plastiktisch. Mechanisch tauchte er seinen Zeigefinger in einen Kaffeebecher, leckte daran, zog einen neuen Kreis ins vergilbte weiß der Tischplatte. Ein alter Fernseher, der in seiner übertriebenen Größe den Raum beherrschte, plärrte sinnlose Werbebotschaften in sein Gehirn. Er hörte schon lange nicht mehr hin.

Ein dumpfer Knall ließ ihn aufschrecken. Gehetzt sah er sich in um, als wäre er aus einem schlechten Traum aufgewacht. Langsam stand er auf und ging zum Fenster, wobei er hörbar die Luft einsog, als er seine arthritischen Knochen streckte. Auf dem Sims lag ein zerzaustes Bündel Federn. Dünne Vogelbeine reckten sich in die Luft. Ein zerzauster, schwarzer Kopf lag auf der Seite, die Augen geschlossen. Eine kleine Amsel. Zitternd stellte der alte Mann den Blumentopf auf den Boden, öffnete das Fenster und griff vorsichtig nach dem Vogel. Als er ihn mit seinen Händen umschloss, fühlte er ein leichtes Zucken.

Mit großem Bedacht ging er zurück zum Tisch, legte die kleine Amsel vor sich hin und schaute zu, wie sie atmete. Wartete. Langsam öffnete der Vogel die Augen. Lag auf der Seite und pumpte Luft in seine zarte Lunge. Durch das geöffnete Fenster drang Kindergeschrei. Ein Zittern lief durch den Körper des Vogels. Er krampfte. Schloss seine gelb umrandeten Augen. Der alte Mann seufzte tief, stand langsam auf und holte eine Schuhschachtel aus dem Abstellraum. Er polsterte sie mit Zeitungspapier, dann legte er die kleine Amsel hinein. Schloss den Deckel und stellte die Schachtel auf das Fensterbrett. Setzte sich erneut an den Tisch. Seufzte. Tauchte seinen Finger in den Kaffeebecher und malte einen zittrigen Kreis. Die Zeit blieb wieder stehen.

Leises Rascheln aus der Schachtel ließ ihn innehalten. Ächzend stand er erneut auf, ging zum Fenster und öffnete den Deckel. Die kleine Amsel blickte ihm erschrocken entgegen. Das Gefieder unordentlich. Die Flügel leicht abgespreizt vom Körper. Aufgeplustert saß sie in den Zeitungen. Der alte Mann schaute erstaunt zurück. Er hob langsam die Schachtel und hielt sie aus dem Fenster. Der Vogel schien ihn zu verstehen, schüttelte sich kurz und schwang sich dann in den Himmel. Flog ein wenig ungelenk, landete jedoch sicher im Kastanienbaum, der den kleinen Innenhof beschattete. Dort blieb er sitzen und sang ein kurzes Lied.Der alte Mann stand am Fenster, beobachtete die Amsel im Baum und dachte nach. Ein paar Minuten später drehte er sich um und ging in den Abstellraum. Er holte die große Schachtel, in der einst sein Fernseher geliefert worden war. Polsterte sie mit Zeitungspapier aus und kletterte mühsam hinein.

Der Vogel in der Kastanie sang erneut sein kleines Lied, als der alte Mann den Deckel über der Schachtel schloss und wartete…

© Sybille Lengauer