Der Morgen

Veröffentlicht: Mai 19, 2011 in Gefasel, Geschichten oder so ähnlich
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Am Horizont geht die Sonne auf. Grell, strahlend, fettgefressen. Strahlt mir auf die krebsgefährdete Haut und ich starre sie an und warte darauf, dass sie mich erblinden lässt. Rauche dabei eine Zigarette, wenn schon, denn schon. Unter meinen Füßen wölbt sich die Erde, ein kleines, zerbrechliches Ei im Weltraum. Ich grabe meine Zehen in die feuchte Wiese und rupfe ein wenig Gras aus. Der Wind bläst mir Asche ins Gesicht, weht sie direkt in meine Augen, die immer noch die Sonne anstarren und jetzt muss ich doch blinzeln, obwohl ich sie eigentlich anstarren wollte, bis sie aus Scham wieder untergeht. Sich umdreht und in ihrem Loch verschwindet. Diese arrogante Scheißkuh. Golden scheint sie, wärm und flüstert etwas von einem neuen Morgen. Während ich hier unten stehe und mir denke, dass ich mit dem Gestern noch nicht einmal angefangen habe, reißen schon die Vögel meine Trommelfelle ein und ich würde sie gerne dafür hassen, aber ich liebe sie zu sehr. Würde mich gerne anschließen und warum eigentlich nicht? Ich stelle mich breitbeinig hin und schreie in den neuen Tag, schreie dass ich HIER bin und dass das MEIN Platz ist. Mein Nachbar schreit jetzt auch und irgendwie klingen wir bei weitem nicht so lieblich wie die Amseln, die im Tannenbaum zwitschern. Denke wir sollten das lassen.
Ich schlage mir gegen die Stirn und hoffe, dass ein intelligenter Gedanke herausfällt. Hoffnung ist immer da, wo man zuletzt hinhaut. Aber ich sehe nur ein paar Sterne vor den Augen und mein Gehirn bleibt leer. Eine öde, verlassene Wüste, in der sich der Sand in langweiligen Spiralen dreht. Ausgedörrt von der Sonne, die auf meinen Schädel brennt. Ich schnippe die Zigarette weg, beschämt weil ich den Kampf verloren habe. Weil wieder ein Tag anbricht, der nichts bringen wird außer ein wenig mehr verronnene Zeit. Höre das Ticken meines Herzens. Gehe ins Haus. Drinnen ist es kühl, einsam und still. Mein Nachbar schickt mir einen kreativen Fluch hinterher und ich bewundere ihn kurz dafür. Dann werfe ich die Tür ins Schloss, weil mir sowieso keine schlagfertige Antwort einfallen würde. Ich lasse die Jalousien herunter, ziehe die Vorhänge zu und lege mich ins Bett. Starre in die Dunkelheit und sehe trotzdem noch die Sonne vor mir, die sich in meine Hornhaut eingebrannt hat. Jetzt verfolgt sie mich also schon in meine Wohnung. Seufzend schließe ich die Augen und da ist sie immer noch, strahlt mich an und ich denke, dass ich jetzt gleich verrückt werde, wenn ich es nicht schon längst bin.

Ich stehe wieder auf, gehe ins Bad und schmettere meine Faust in den Spiegel, der über dem zahnpastabefleckten Waschbecken hängt. Er zerbricht in tausend Stücke. Splitter bohren sich in meine Hand, sie blutet und schmerzt. Ich führe sie zum Mund und sauge an den Schnitten. Sehe mein Gesicht in tausenden Fragmenten zu mir aufblicken, als ich auf den Boden starre. Ich hebe die größte Scherbe auf, gehe damit durch das Wohnzimmer, zurück in den Garten. Halte es direkt in das aufgedunsene Gesicht der Sonne und blende jetzt sie, diese erbärmliche Verräterin, die mich in meiner ganzen Unzulänglichkeit erstrahlen lässt. Halte die Scherbe so fest, dass sie meine Finger zerschneidet, Blut läuft meine Arme hinunter, tropft auf die Erde, Edelstein im Weltraum. Ich schreie wieder, diesmal nicht mit den Vögeln sondern gegen sie, diese ekelerregend selbstherrliche Schlampe, die jeden Tag wieder auf mich herabglotzt. Die ich brauche und vermisse, wenn sie sich hinter Wolken verbirgt. Die ich herbeisehne, wenn Winter ist. Von der Straße kommen Sirenengeräusche. Mein Nachbar hat die Polizei gerufen und mich wundert das überhaupt nicht, immerhin ist er ein Spießer. Es klingelt an der Tür und ich stehe im Garten und schreie die Bullen an, dass sie sich verpissen sollen, weil ich hier etwas zu erledigen habe, dass nur mich und die Sonne etwas angeht. Humorlos wie sie sind, kommen sie durch die Gartentür geschossen und ich halte ihnen meine Spiegelscherbe entgegen, versuche sie damit zu blenden. Es hilft nichts. Sie dreschen auf mich ein, um mich davor zu beschützen, dass ich mich selbst verletze. Einer von ihnen bricht mir fast den Arm, damit ich die Scherbe loslasse. Dann drücken sie mich auf den Boden, pressen mein Gesicht in die Erde, Juwel des Kosmos. Ich fresse ein wenig Gras, dann ziehen sie mich auf die Beine.
„Eins zu Null für dich, Sonne.“ Denke ich, als sie mich in den Wagen zerren und dann muss ich lachen bis mir die Luft wegbleibt. Ich lache und kann nicht mehr aufhören, der Polizist auf dem Beifahrersitz schaut mich verwirrt an und ich lache ihm ins Gesicht. Dann wird mir schwarz vor Augen und ich sehe wieder den Punkt, den die Sonne in meine Netzhaut eingebrannt hat. Bis morgen.

© Sybille Lengauer

Kommentare
  1. Ganz großes Verbal-Geschoss, drückt poetisch genau das aus, was ich immer mit Prosa auszudrücken versuche. Und den Satz: „Hoffnung ist immer da, wo man zuletzt hinhaut“ dürfte für einige Zeit mein Lieblingszitat bleiben. Von Dir?

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