Künstlerschande

Veröffentlicht: Februar 14, 2013 in Gefasel
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Warum schäme ich mich manchmal, wenn ich sage, ich sei eine Schriftstellerin? Warum zögere ich manchmal, wenn mich jemand fragt, was ich so mache? Schaue dabei auf meine Füße. Hoffe, dass dieser Moment schnell vorübergeht. Weil ich nicht davon leben kann? Das können andere von ihrem Beruf auch nicht. Weil ich wenig Erfolg habe? Den haben andere auch kaum. Weil ich fürchte, was ich mache ist sinnloser Müll? Hey, so geht es fast allen Menschen, seien wir ehrlich. Sinnlosigkeit ist dem Gros der Bevölkerung in die Wiege gelegt. Vor allem, seit man uns den Stempel einer Dienstleistungsgesellschaft aufgedrückt hat. Da bin ich maximal Vereinsmitglied, im Club der Verlierer. Nein. Daran liegt es nicht. Warum also? Warum sage ich manchmal lieber, dass ich Arbeitslos bin. Dass ich in einem Call-Center war und aktuell keinen Job finde. Warum habe ich neulich jemandem erklärt, ich wäre Hausfrau. Femme au Foyer, wie der Franzose so schön sagt. Anstatt zu sagen, was ich tatsächlich mache. Was ich Leib- und Seelenmäßig bin. Bis hinein in die letzte Faser meines Seins.

Liegt es an den Menschen, die mich fragen? Ja, so ziemlich. Es liegt an dem, was in ihren Köpfen vorgeht. Was man in ihren Augen sehen kann, wenn sie die Antwort verarbeiten. Denn wenn du sagst, dass du Bücher schreibst, dann kommt gern eine “kreative” Reaktion. Dinge wie „Denken Sie nicht, Sie sollten lieber etwas Sinnvolles machen?” Oder ein hastig lächelndes „Nein, nein, ich wollte wissen, was du machst!” Weil Künstler, das ist man nur, wenn man einen Namen und ein entsprechendes Konto hat. Oder verrückt ist und „Art brut“ macht. Irgendwo im Irrenhaus, vorzugsweise mit nur einem Ohr. Würde ich meine Texte also mit meinen eigenen Schamhaaren schreiben und mich dabei mit unsichtbaren Menschen unterhalten, sähe die Sache vielleicht schon ganz anders aus. Und am besten ist man ein Künstler, der nach einem tragischen Tod entdeckt und berühmt wurde. Das  ist ein ganz besonderes Sahnehäubchen. Das kommt an, bei der Gesellschaft. Tragisch. Verkannt. Ausgestoßen. Eine herrliche Seifenoper. So im Nachhinein.

Aber darüber hinaus wird es schon eng, mit der Anschauung. Und ganz eng mit dem Respekt. Denn erfolgloser Schriftsteller, hey, das kann echt jeder und: „Ich hab auch mal geschrieben. Tagebuch. In der Grundschule.“ Danke. Danke für diesen Beitrag. Und langsam, über die Jahre hinweg, ballen sich diese Aussagen in meinem Kopf zu einem riesigen Haufen Scheiße zusammen. Und ich nuschele unbeholfen in mich hinein, wenn die Frage kommt. Weiche den Blicken aus. Wundere mich, warum ich überhaupt antworte. Etwas erzähle, über das, was ich tue. Weil ich mich damit eigentlich nur zum Affen mache. Aber in mir, da brodelt es. In mir regt sich eine auf. Eine, die keine Lust auf dieses dämliche Fragen- und Antwortspiel hat. Dieses pseudointeressierte Verbalgebalze um die Tätigkeit. Eine, die nicht verletzt ist, wenn man sie mitleidig fragt, ob sie denn nichts Gescheites gelernt hat. Eine, die dann sauer wird. Nicht traurig. Und die ist jetzt richtig sauer. Seit der Hausfrauen-Geschichte. Die ist angefressen. Bis oben hin. Und die sitzt jetzt hier. Schreibt diesen undefinierbaren Text. Und ärgert sich dabei, bis sie schwarz wird. Sie hat etwas zu sagen. Euch allen, die ihr im Geiste mein Köpfchen tätschelt, weil ich keinen richtigen Job habe. Weil ich nichts aus mir mache, bei all dem Potential.

FICKT EUCH! Ich scheiß‘ auf eure Meinung! Künstler ist kein einfacher Beruf. Es ist eine verdammte Berufung! So, Ende.

© Sybille Lengauer

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Kommentare
  1. Kaddy sagt:

    der text ist soooo gut gelungen! respekt 🙂 ich kann das gefühl genaustens verstehen!

  2. Thomas Arndt sagt:

    Ich kenne einige Leute die das genau so durchmachen und fühlen.
    Dein Text trifft es, leider lesen die Leute mit den beschriebenen Reaktionen kaum in Blogs dieser Art. Kopf hoch.

  3. nextkabinett sagt:

    Hat dies auf Germanys next Kabinettsmitglieder rebloggt und kommentierte:
    Du brauchst Dich nicht verstecken. Das Schwerste ist mit seiner eigenen Scham zurecht zu kommen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu genau. Oft meint man, es sei Angst, dabei ist es eigentlich die Scham, die einen hemmt. Wie auch immer, Kopf hoch und Augen geradeaus. Alles Gute weiterhin …

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