Archiv für August, 2013

Du und ich

Veröffentlicht: August 26, 2013 in Geschichten oder so ähnlich
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Ich habe dich gerufen. Ich habe so lange deinen Namen gerufen, bis meine Stimme nur noch ein krächzendes Flüstern war. Mich auf dem Boden gewunden. Mit suchenden Fingern. Zitternden Muskeln. Du hast derweil im Nebenzimmer in den Fernseher gestarrt. Gemütlich auf dem Ledersofa. Ich habe Blut gekotzt. Blut geschwitzt. Mir die Zähne zu kleinen Brocken zermalmt. Du hast weiter dein beschissenes Programm geschaut. Germanys next Top-Trottel, oder so. Hast dir Chips ins Maul gestopft, während ich hier langsam krepiert bin. Ja, krepiert. Jetzt bist du Arschloch traurig. Hast Depressionen, weil du mir nicht geholfen hast. Weil du keine fünf Meter von mir entfernt deinen faulen Arsch kultiviert hast. Mit dem spitzen Fingernagel in der Nase. Du suchst jetzt einen Therapieplatz. Ich bin tot.

Bei meiner Beerdigung waren kaum Leute. Hat mich nicht überrascht, ich war kein geselliger Typ. Aber ein paar mehr hätten es schon sein können. Obwohl. Das Wetter war auch ein bisschen zu gut für so eine Veranstaltung. Wer will schon auf einem Friedhof herumstehen, wenn er auch am Badesee liegen kann. Oder schön schlemmen im Eissalon. Du warst sehr wohl da. Gramgebeugt und tränenüberströmt. Hast ausgesehen wie eine fette, traurige Krähe. Umgeben von deinen fetten, traurigen Krähenfreundinnen. Wobei du doch ein wenig abgenommen hast, seit dich die Schuldgefühle zerfressen. Geschieht dir ganz recht. Nun hockst du wieder vor dem Fernseher. Starrst mit glasigen Augen. Siehst nichts. Hörst nichts. Ziehst gedankenverloren immer wieder eine Haarsträhne durch deine Finger. Bist ein Schatten deiner selbst. Ich schwebe hinter dir durch das Sitzmöbel. Am Anfang war das noch recht unheimlich, aber mittlerweile macht es mir nichts mehr aus. Ich gewöhne mich an alles. Wenn ich durch dich hindurch schwebe und mich konzentriere, dann bekommst du eine Gänsehaut. Fühlst dich sichtlich unwohl. Also mache ich das jetzt alle paar Minuten.

Vorhin hast du mit deiner besten Freundin telefoniert. Die mit den riesigen Titten und der Turmfrisur. Habe mich immer gefragt, wie es wohl wäre, mein Gesicht zwischen diese massigen Dinger zu stecken. Dachte immer, es müsse sich anfühlen wie weiche, fleischige Ohrenschützer. Finde ich wohl nie mehr heraus. Was ich so mitgehört habe, ist sie voller Verständnis für dich und deine Situation. Glaube ich gerne. Sie ist mindestens so dämlich wie du. Morgen wollt ihr gemeinsam ins Kino. Wenn ich kann, vermiese ich dir diesen Ausflug nach Strich und Faden. Mir fällt sicher etwas ein. Du greifst nach einem Taschentuch, weil dir wieder die Tränen kommen. Wundert mich schon, dass du derart viel heulst. So sehr hast du mich doch gar nicht mehr geliebt. Hast du selber gesagt, neulich, als ich noch lebendig war. Scheinbar vermisst du mich doch mehr, als wir beide angenommen hatten. Aber vielleicht heulst du auch, weil du dir selber leid tust. Darin warst du schon immer meisterlich. Ich wandere wieder einmal durch dich hindurch. Du schauderst und seufzt. Das wird mir bestimmt nie langweilig.

Irgendetwas stimmt mit dem Plafond nicht. Er schimmert und wabert ein wenig. Kleine, glitzernde Funken fallen auf den Boden. Das sieht ganz schön verrückt aus. Du bekommst davon nichts mit, also scheint die Show für mich zu sein. Ich schwebe aus dir heraus und das Schimmern wird stärker. Ein Kreis aus hellem Licht erscheint. Ein bisschen spät, wenn mir die Bemerkung gestattet ist. Hänge seit zwei Wochen hier herum. Aber jetzt merke ich, wie es mich langsam zum Licht zieht. Warm und angenehm ist es darin. Ich glaube, ich höre leise Musik. Also, damit wäre es endlich überstanden, nicht wahr? Wir sehen uns dann drüben, wenn es unbedingt sein muss. Dann kann ich dir vielleicht endlich das blaue Auge verpassen, das du verdient hast. Mach’s gut, du blöde Kuh.

Ich wünsch dir einen schönen Hochzeitstag.

© Sybille Lengauer

Sommer

Veröffentlicht: August 24, 2013 in Gedichte
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Eine tote Maus neben den Mülleimern im Hinterhof. Der Sommer.
Ein toter Rabe in der Gosse vor dem Haus. Modert vor sich hin.     
Ein totes Reh unter einem Busch im Dickicht. Riecht.
Eine tote Taube, gespickt mit Brombeerdornen. Ein wenig streng.


© Sybille Lengauer

Dreck

Veröffentlicht: August 15, 2013 in Geschichten oder so ähnlich, Politisches, Video
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Dieser Dreck, der mein zu Hause ist. Brennt auf der Haut. Brennt auf der Seele. Frisst tiefe Spuren in meine schweißverkrustete Haut. Dieser Dreck, der mein zu Hause ist. Den du mit Füßen trittst. Weil du besser bist, in deinem Mehrzweckkostüm. In deinen Lederschuhen. In deiner Wolke aus feinem Parfum.
Dieser Dreck, der mein zu Hause ist. Den du angewidert mit einem feuchten Tuch abwischst, wenn du aus meiner Gosse zurück in dein Appartement flüchtest. Und dich hasst dafür. Weil dich der Gedanke anekelt, dass es mich gibt. Weil du das niemals offen zugeben würdest. Du gehst zu deinem Kühlschrank und schenkst dir ein Glas Orangensaft ein. Denkst an etwas Schöneres als mich. Und ich habe nichts. Ich habe nichts. Außer diesem Dreck. Der mein zu Hause ist.
Den ich hasse. Den ich nicht ertrage. Den ich verdränge, auch wenn es mir das Hirn zerfrisst. Eine Tüte Plastik. Eine Tube Klebstoff. Und die Fetzen, die ich am Leib trage. Große Kinderaugen. Dahinter ein Herz, das zu alt ist um noch Kind zu sein. Und eine Seele, die brennt wie Säure. Ich bleibe hier liegen. Bis er mich aufgefressen hat. Bis er mich völlig absorbiert hat. Dieser Dreck, der mein zu Hause ist.

© Sybille Lengauer

Asche

Veröffentlicht: August 14, 2013 in Gefasel
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Mein Luftschloss im Himmel. Treibt ziellos und langsam verfallend in der sanft leuchtenden Abendsonne. Von unzähligen Windstößen zerrieben, durch unglaubliche Zeiten verzehrt. Eine blau schimmernde Ruine im verblassenden Licht. Leere Fensterrahmen, vermodernde Türen. Kleine Bruchstücke von zartem Porzellan auf dem kalten Steinboden. Nur der Staub wagt noch kleine Spiele. Jagt seinen Schatten durch die eiskalten Zimmer. Kriecht in verborgene Ecken. Tanzt in wilden Teufelsspiralen im Kamin. Fragt, wohin wir gezogen sind. Alles nur noch Asche.

Doch wohin wir sind, Das weiß nur der Wind, Der uns treibt, Der uns treibt.

Mein Fels in der Brandung. Sinkt, bedeckt von Tang und schwer vom Salz, hinein in die unendliche See. Von unzähligen Wellen zerrieben, durch unglaubliche Prüfungen verzehrt. Ein dunkler Fleck in den umschlingenden Wogen. Mit jedem Schlag des Wassers kleiner werdend. Von Papageienfischen in kleine Stücke zerbissen, zu feinstem Sand gemahlen, der sich im Meer verliert. Nur die Sturmvögel wissen um diesen Verlust und weinen blutige Tränen. Sie kreisen über der Stelle, an der er Gischt und Sturmfluten trotzte. Singen krächzende Lieder auf seinen Untergang. Fragen, wieso wir verschwunden sind. Alles nur noch Asche.

Doch wohin wir sind, Das weiß nur der Wind, Der uns treibt, Der uns treibt.

Mein Ritter in strahlender Rüstung. Erstickt röchelnd und gurgelnd am eigenen Blut. Drückt mit der eisenumwobenen Hand das letzte bisschen Leben verzweifelt zurück in seinen Hals. Krümmt sich, bis der Schuppenpanzer bricht. Von unzähligen Kämpfen zerrieben, durch unglaubliche Taten verzehrt. Windet seinen sterbenden Körper in einer immer größer werdenden Lache. Zuckt, zittert, liegt schließlich still im Schein eines lächelnden Mondes. Von Ratten und Füchsen zerfressen, bleibt bald nur noch eine rostende Rüstung an der Stelle zurück, an der er mich verließ. Nur die Krähen feiern noch immer ein Fest an den wenigen Überresten. Delektieren sich an dem, was einst der Stolz meiner Armee war. Hocken in dicken, schwarzen Trauben um seinen zerbrochenen Panzer. Fragen, warum wir gegangen sind. Alles nur noch Asche.

Doch wohin wir sind, Das weiß nur der Wind, Der uns treibt, Der uns treibt.

© Sybille Lengauer