Der Zeichner

Veröffentlicht: März 18, 2014 in Kurzgeschichten
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Er stöhnte müde und legte den Kohlestift aus der Hand. Drehte den dröhnenden Bass noch etwas lauter auf. Rieb sich das schmerzende Handgelenk. Schüttelte erst die rechte, dann die linke Hand. Schüttelte beide Hände zugleich. Dann den ganzen Körper. Der Zeichenblock glitt dadurch von seinem Schoß auf den krümelübersäten Boden. Scheiße. Ach was. Liegen lassen! Er nahm einen tiefen Schluck aus der Weinflasche. Warf die halbgerauchte Zigarette auf den Haufen mit den anderen Tabakleichen. Kroch langsam von der Couch auf den Boden. Ließ sich seufzend über die Zeichnung sinken. Schmierte sich selbst über das Papier. Millimeter für Millimeter. Roch den Kohlestaub. Fuhr mit der Zunge darüber. Krümel. Kacke. Überall Krümel. Zögerlich fragte sein Verstand, was er da eigentlich machte. „Nicht recht viel“, kam die Antwort vom restlichen System. „Weitermachen!“ brüllte er, so laut er konnte. Sofort konterte sein Mitbewohner mit einem herzhaften „Maul halten!“ aus dem Nebenzimmer.Etwas unbeholfen zog er sich an der Tischkante wieder in die Höhe. Hinterließ klebrig schwarze Fingerabdrücke. Schaute auf das verschmierte Papier. Kohlewirrwarr. Krümel. Etwas Spucke. Kunst? „Ach, leck mich!“ „Halt endlich die Fresse!“ dröhnte es von nebenan.

Er ließ seinen Blick durch das verlebte Zimmer schweifen. Blieb an dem Bild hängen, das von den glücklichen Tagen mit Marie erzählte. Hasste es aus tiefstem Herzen. Zwei Schritte, ein energischer Ruck und da lag es auf dem zertretenen Holzfußboden. „Scheiß auf Marie! Scheiß auf das Glück!“ Wütend griff er zum Kohlestift und kritzelte, so fest er konnte, über das Bild, über den Boden, über seine Hände, über sein Gesicht, das schon ganz nass war, vom Flennen und vom Schweiß. Die Weinflasche stand nah genug, um durch reinen Zufall in seine Hand zu schlüpfen. Schwungvoll warf er sie in das Chaos. „Yeah, Baby, das ist Fuck-you-Kunst!“ schrie er und aus dem Nebenzimmer kam keine Antwort, weil Dirk bereits in der Tür stand, das Gesicht so rot wie der Eingang zur Hölle. „Du dummes Arschloch, du selten dämliches…was, verdammt nochmal ist los mit dir?“ Dirk beglubschte wutschnaubend das Chaos. „Okay, weißt du was? Ich ziehe aus. Morgen.“ Ruckartig drehte er sich um und ging zurück in sein Zimmer. Knallte die Tür. „Scheiße.“ , schrie Dirk. „Scheiße.“

„Ja, das ist Fuck-you-Scheiße-Kunst.“, murmelte er zufrieden und legte sich in die Scherben. Seufzte tief. Schlief friedlich ein. Endlich.

© Sybille Lengauer

Kommentare
  1. Bei der Lektüre dieses Textes, sollte man sich auch Lorenzo Lottos Gemälde „Venus mit pinkelndem
    Amor“ von 1525 vor Augen halten, denn wie der Kitsch-Barock-Hybrid Lotto, zeichnet die Autorin hier ein Bild voller neumodernen Weintrauben, purpurroten Staffagen und Kriegsgegebenheiten in Form von ausgebrannten Zigaretten. Es wird auf alles geschissen, oder zumindest gepinkelt – der moralische Aspekt wird hinter den der Aesthetik gestellt; der explicit content der Jugendsprache entfaltet sich dabei und wird als Schlaghammer benutzt gegen das biedermeierische Etablissement. Frisch, fröhlich und freucht. So muss das sein.

  2. krank bereichernd fucking kunst

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