Archiv für Februar, 2019

Simulation One

Veröffentlicht: Februar 26, 2019 in Kurzgeschichten
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„Mama, hast du meinen Hockeyschläger gesehen?“ Mias helle Stimme reißt meine Gedanken von der Tageszeitung los. Ich hebe den Blick, sehe draußen vor dem Fenster eine kleine Kohlmeise auffliegen. „Dein Schläger liegt da, wo du ihn beim letzten Mal hast fallen lassen, mein Fräulein.“ antworte ich gekünstelt streng und schmunzle dabei in mich hinein. Atme genüsslich den aromatischen Duft von Kaffee und frisch aufgebackenen Brötchen. Mia ist genauso chaotisch wie ihr Vater. Ich liebe sie dafür. „Da sind sie aber nicht, Mama!“ Ich kann hören, wie sie die Geduld verliert. Nehme noch einen Schluck aus meiner Tasse. Dann falte ich die Tageszeitung zusammen, lege sie neben den Korb mit den goldgelben Brötchen und helfe meiner Tochter bei der Suche. Der Schläger findet sich unter einem bunten Berg aus Jacken, Mänteln und Schuhen, der den Flur dominiert. Wir finden auch die Packung Tennisbälle, die Max gestern so hingebungsvoll gesucht hat. Ich sollte aufräumen. „Pack den Schläger in dein Zimmer und nimm die Bälle von deinem Bruder mit. Er wird froh sein, dass er keine neuen kaufen muss.“ Meine Hand wuschelt liebevoll durch Mias blondes Haar. Ich kann die seidige Zartheit ihrer Locken fühlen. Rieche den Duft von Kamillenshampoo. „Okay, Mama.“ Barfuß läuft sie die polierte Holztreppe hinauf, ruft dabei nach ihrem Bruder. Ich gehe zurück in die Küche, setze mich wieder an den reich gedeckten Tisch. Die Zeitung lasse ich liegen, schaue lieber durch das Fenster in den Garten. Eine sanfte Brise lässt die Äste der Bäume tanzen. Erste Blätter fallen. Ich denke an die Kürbisse, die nun langsam reif werden.
Eine Wolke aus Duschgel und Aftershave verrät mir, dass Thomas in die Küche kommt. Er bewegt sich katzenhaft, kommt lautlos näher. Legt eine große, warme Hand liebevoll in meinen Nacken. „Guten morgen, mein Engel.“ flüstert seine Stimme an meinem Ohr. „Danke für das Frühstück. Morgen revanchiere ich mich.“ „Gerne doch.“ erwidere ich und lehne mich zurück, sodass ich seine frisch rasierte Wange küssen kann. Das Aftershave schmeckt bitter auf meinen Lippen, aber das stört mich nicht. „Papa, kommst du heute auch zum Spiel?“ Mia steht in voller Hockeyausrüstung in der Küchentür. Ihre braunen Augen blitzen lustig unter dem großen Helm hervor. „Aber natürlich, heute kommen wir alle mit.“ brummt ihr Vater gutmütig. „Musst du nicht ins Labor?“ fragt Mia begeistert. „Heute nicht, meine Liebe. Die Simulation kommt auch einen Tag ohne mich klar.“ Thomas setzt sich an den Tisch, Mia flitzt auf den Sessel neben ihm. „Wo ist dein Bruder?“ frage ich. „Bin da, bin da!“ Max trampelt die Treppe herunter und schlittert lachend um die Ecke. „Letzter!“ ruft er begeistert. „Ausgezeichnet, mein Sohn.“ kommentiert Thomas und rückt einen Sessel vor, damit Max hinaufklettern kann. Für sein Alter ist er außergewöhnlich klein, aber das war ich früher auch. „Heute plilieren wir den Black Socks die Ärsche!“ krakeelt er fröhlich. „Es heißt nicht plilieren, es heißt polieren, du Nuss.“ verbessert ihn seine große Schwester. „Und Ärsche sagt man nicht. Sag Hintern. Oder Popo.“ Ich bin unfassbar stolz auf meine Kleine. Thomas schenkt den beiden Kakao in die Tassen, schneidet ihnen die Brötchen auf. „Ich will Erdbeermarmelade, Papa, mach mir Erdbeermarmelade drauf, ja?“ Max macht einen langen Hals, um über den Tisch blicken zu können. Mit seinem natürlichen Mittelscheitel und dem Kakao-Schnurrbart, den er jetzt hat, sieht er aus wie ein kleiner Politiker. Ich muss lachen. „Können wir danach zu Peter Pans Pizza Paradies? Bitte!“ Mia sieht mit großen Bettelaugen zwischen mir und Thomas hin und her. Max hilft ihr und winselt ein langgezogenes „Biiitteeee“. „In Ordnung. Aber das können wir wirklich nicht jede Woche machen.“ willige ich schließlich lachend ein. „Jaaa, du bist die Beste! Und du auch, Papa!“ „Wusste ich immer schon.“ schmunzelt Thomas und zwinkert mir zu.

„Okay, das war’s.“ Ich zucke zusammen, als Annika das Okular von meinem Kopf zieht. Widerstehe dem Drang zu schreien. Ich kann die Bilder noch vor meinem inneren Auge sehen. Kann den Kaffee schmecken, Thomas Aftershave auf meinen Lippen. Ich sehe auf die Finger, durch die Mias Haare flossen. Meine Hand ist dreckig, die Haut rissig. „Wie lange war ich weg?“ meine Stimme klingt kraftlos. „Fast drei Stunden.“ antwortet Annika missbilligend und hilft mir auf die Beine. „Die Simulation läuft stabil.“ stellt sie überflüssig fest. „Warum hast du dann unterbrochen?“ frage ich aggressiv. „Untergang.“ sagt sie nur lakonisch und deutet durch die zerbrochenen Fensterscheiben nach draußen, wo sich die Sonne langsam dem Horizont entgegen schiebt. „Scheiße.“ fauche ich. Ziehe erst jetzt die Nadel aus meinem Unterarm. Das Okular stopfe ich in meinen Rucksack. „Dann lass uns gehen, wenn die Ratten rauskommen, schaffen wir es nicht mehr zum Bunker.“

© sybille lengauer

Sonne

Veröffentlicht: Februar 25, 2019 in Kurzgeschichten
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Gebet

Was hat die Sonne am ersten Tag getan? Aufstehen.
Was haben wir am ersten Tag getan? Schlafen gehen.
Was hat die Sonne am zweiten Tag getan? Sie hat die Pflanzen verbrannt.
Was haben wir am zweiten Tag getan? Wir haben geschlafen.
Was hat die Sonne am dritten Tag getan? Sie hat die Tiere verbrannt.
Was haben wir am dritten Tag getan? Wir haben geschlafen.
Was hat die Sonne am vierten Tag getan? Sie hat die Meere verbrannt.
Was haben wir am vierten Tag getan? Wir haben geschlafen.
Was hat die Sonne am fünften Tag getan? Sie hat die Menschen verbrannt.
Was haben wir am fünften Tag getan? Wir haben geschlafen.
Was hat die Sonne am sechsten Tag getan? Sie hat die Ödnis erschaffen.
Was haben wir am sechsten Tag getan? Wir haben geschlafen.
Was hat die Sonne am siebten Tag getan? Schlafen gehen.
Was haben wir am siebten Tag getan? Aufstehen.

Die Schatten wurden merklich länger, doch Mi-Jai weinte nicht. Sie verabschiedete sich steif und mit angemessenen Worten von Vater und Mutter, ihr gepacktes Bündel lag neben der Tür breit. Vater übergab ihr ein robustes Tuch, das er in den letzten Tagen gewebt hatte. Die gedämpften Farben drückten eine Traurigkeit aus, die er nicht in Worte fassen konnte. Mutter übergab ihr nichts. Sagte nichts.
Die Sonne senkte sich dem Erdenrund entgegen, doch Mi-Jai weinte nicht. Sie schulterte ihr Bündel, sah noch einmal in die resignierten Augen ihrer Eltern, verbeugte sich leicht. Dann ging sie zum Haus der Ältesten und verharrte respektvoll vor deren Eingang. Hoch über ihrem Kopf kamen die Sonnenräder in den Hügeln langsam zu einem quietschenden Halt, als die rote Himmelsscheibe hinter dem Horizont versank. Die Mühlen standen still. Aus dem Fenster eines Lehmhauses schimmerte schwaches Kerzenlicht. Mi-Jai dachte daran, dass jedes Haus in der Stadt heute Nacht eine kleine Kerze ins Fenster stellen würde. Sie hatte es oft genug selbst getan.
Die Nacht brach herein, doch Mi-Jai weinte nicht. Sie wartete vor der Tür der Ältesten, zeigte kein Zeichen von Unruhe. Als Hera-Nagi schließlich krumm und gebeugt aus dem Haus schlurfte, kniete Mi-Jai nieder und richtete ihren Blick auf den Boden. Lauschte nur auf das vertraute Klimpern, das die Ketten aus zarten Tierknochen um Hera-Nagis Fußgelenke hervorriefen. Sie roch den betörenden Duft der Räucherwurzeln, der die alte Frau umgab. Sog ihn in sich auf. „Unfruchtbare Tochter der Jai, dies ist dein Lebewohl.“ rief Hera-Nagi feierlich, während sie langsam näher kam und schließlich eine faltige Hand auf Mi-Jais Kopf legte. „Möge sich die Ödnis deines Leibes mit der großen Ödnis verbinden. Möge dein Staub Eins werden mit dem Staub des Landes. Mögest du aufkeimen in der Leere oder vergehen in der Dunkelheit.“ Mi-Jai spürte, wie warmes Öl ihren Kopf hinunterrann. Roch den Duft scharfer Kräuter, als die alte Frau sich über sie beugte und sanft ihren Scheitel küsste. „Gehe nun zur Mutter.“ sprach die Hera-Nagi und übergab Mai-Jai ein kleines Räuchergefäß. Diese erhob sich und versuchte ebenfalls feierlich zu wirken, als sie den Weg zum Heiligtum antrat.
Die Sterne funkelten am samtschwarzen Himmel doch Mi-Jai weinte nicht. Sie betrat die Kultstätte barfuß und mit geöltem Haupt. Trug das kleine Räuchergefäß, aus dem süßlicher Duft sickerte. Irgendwo in der Dunkelheit weinte ein kleines Kind. Das Weinen fuhr schmerzhaft in Mi-Jais Eingeweide. Sie verharrte in ihrer Bewegung und blieb unsicher stehen, wusste nicht recht, ob sie weitergehen sollte. Eine Priesterin trat hinter dem riesigen Frauenkopf hervor, der das Heiligtum dominierte. Halb versunken in der Erde, starrte das metallene Gesicht der Mutter in einen Sternenhimmel, der teilnahmslos auf sie zurückblickte. Ihre verrostete Strahlenkrone war mit Gebetsfahnen und Wunschtüchern behangen, die im sanften Nachtwind flatterten. Mi-Jai übergab das Räuchergefäß der Priesterin, während ihr Blick ehrfürchtig über das Antlitz der Mutter glitt. Dann folgte sie der Priesterin in den hinteren Bereich des Heiligtums, in dem hunderte Kerzen brannten. Eine kleine Gruppe Frauen erwartete sie dort bereits. Kunstvoll gewebte Roben raschelten über den Boden, als sie sich im Kreis um Mi-Jai aufstellten. „Unfruchtbare Tochter der Jai, dein Lebewohl wurde gesprochen. Es ist nun an der Zeit, dein Zeichen zu empfangen.“ „Priesterin der Mutter,“ erwiderte Mi-Jai mit zitternder Stimme, „ich bitte um das Zeichen der Kriegerin. Wenn unser Dorf mich in die Ödnis entsendet, möchte ich seinen Namen durch meine Taten in Ehren halten.“ „Dein Ansinnen ist Edel, Tochter der Jai, aber die Mutter hat ein anderes Los für dich entschieden.“ erwiderte eine der Frauen. Mi-Jai schluckte und schloss verkrampft die Augen. „Wenn unser Dorf dich in die Ödnis entsendet, wirst du seinen Namen durch deine Worte in Ehren halten. Du wirst das Zeichen der Erzählerin tragen.“ sagte eine der Frauen feierlich. „Aber ich kann keine Geschichten erzählen!“ entfuhr es Mi-Jai, die sich erschrocken die Hände vor den Mund schlug, kaum waren die Worte aus ihrem Mund geschlüpft. „Dann wirst du es lernen.“ antwortete eine Priesterin streng. „Die Mutter fällt das Los nie unbedacht.“ sagte eine der Frauen. „Ihr Blick ruht in einer Zukunft, die für uns verschlossen bleibt.“ übernahm eine andere. „Nimm das Zeichen an und verneige dich vor der Mutter.“ flüsterte eine dritte Stimme eindringlich. Mi-Jai nahm die Hände vom Mund und verneigte sich still. Die Priesterinnen führten sie zu einer geflochtenen Matte, halft ihr dabei, sich hinzulegen. Mi-Jai empfing das Zeichen.
Die Tätowierung schmerzte, doch Mi-Jai weinte nicht. Sie biss die Zähne fest zusammen, bis es in ihren Ohren klingelte. Ertrug die hämmernden Stöße gegen ihre Stirn. Zählte bis hundert. Und dann wieder von vorn. Aus dem riesigen Kopf der Mutter erklang mehrstimmiger Gesang. Mi-Jai begriff, dass sie die Nachtgesänge der Mutter ein letztes Mal hören würde. Sie spürte, wie sich Tränen in ihre Augen drängten. Schluckte sie hinunter. Konzentrierte sich auf den Schmerz, den die Nadel hervorrief. Eine der Priesterinnen räusperte sich. „Nun da du das Zeichen der Erzählerin empfängst, gebe ich dir deine erste Erzählung. Sie soll der Faden sein, dem viele weitere folgen werden, bis das Gewebe der Geschichten dich tragen kann. Höre, Tochter der Jai: Vor langer Zeit herrschte die Sonne friedlich über diese Welt. Sie spendete Licht für die Samen, auf dass sie keimten und in den Himmel wuchsen. Sie spendete Wärme für die Tiere, auf dass sie sich regten und freudig mehrten unter ihrem Angesicht. Sie spendete Hoffnung für die Menschen, auf dass sie sich aus dem Staub erhoben und ihren Namen priesen. Und die Menschen erhoben sich. Doch sie priesen nicht den Namen der Sonne. Gefräßig suchten sie, sich die Kraft der Sonne zu Eigen zu machen. Sie stahlen ihr heiliges Licht und brachten großes Leid über die Erde. Sie fraßen sich in den Boden, fraßen sich in den Himmel, fraßen sich in die Meere. Die Sonne verbarg ihr Antlitz, weil sie das Unglück nicht schauen konnte. Dunkelheit erfasste die Welt und die Meere brandeten über das Land. Aber die Menschen störte das nicht. Sie fraßen sich weiter voll mit den Geschenken der Sonne und dankten ihr niemals dafür. Als die Menschen begannen sich selbst zu fressen, stiegen ihre gellenden Schreie in den rauchschwarzen Himmel. Die Sonne hörte die Schreie und wandte sich der Erde zu. Aber sie konnte nicht ertragen was sie sah. In ihrem Schmerz verbrannte sie die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Sie fegte ihre Asche in die Ozeane. Sie schuf die Ödnis und übergab sie unseren Vormüttern, auf dass wir ihren Segen preisen. Wir sprechen das Gebet, um uns an diese Zeit des Feuers zu erinnern.“ Die Priesterin verstummte. Mi-Jai lag regungslos auf der Matte und ließ die Tätowierung weiter über sich ergehen. Im Stillen dachte sie, dass sie ausgerechnet diese Geschichte schon auswendig kannte. Weil jeder sie kannte. Die Geschichte der tausend Sonnen und wie ihre Vormütter aus dem Ewigen Schlaf erwacht waren, um die Erde neu zu besiedeln. Als kleines Kind hatte Mi-Jai diese Geschichte gemocht. Aber dann hatte sie das Interesse an Geschichten verloren. Hatte die Erzählerinnen nicht besucht, wenn sie vor den Toren der Stadt lagerten. Und jetzt…
Die Minuten verstrichen. Der sphärische Gesang aus dem metallischen Kopf der Mutter verebbte und die Stille der Nacht senkte sich über das Heiligtum. Das Hämmern der Nadel endete. Die Priesterinnen rieben neues Öl auf ihre Stirn und halfen Mi-Jai zurück auf die Beine. „Erzählerin, du wirst unsere Stadt durch das südliche Tor verlassen und sie nie wieder betreten. Du bist nun kein Teil unserer Gemeinschaft mehr. Du bist nun keine Tochter der Jai mehr. Gehe Namenlos aus unserer Stadt. Wenn du durch das Tor gehst, blicke nicht zurück.“ Mit diesen Worten schickten die Priesterinnen sie in die Nacht hinaus.
Ein stetiger Wind blies über die Ödnis, als das namenlose Mädchen aus dem Stadttor trat. Der Mond ging langsam über den Hügeln auf und tauchte die Sonnenräder in silbriges Licht. Ein Narga rief in der Ferne sehnsüchtig nach seinem Weibchen. Das Mädchen schaute auf den schmalen Weg, der vor ihr lag, schaute in den grenzenlosen Himmel, der sich über ihrem Kopf ausbreitete, schaute nicht zurück. Als sie losging, flossen Tränen über ihr Gesicht.

© sybille lengauer

Sci-Fi

Veröffentlicht: Februar 21, 2019 in Kurzgeschichten
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Grelles Licht und diffuser Lärm. Keine erkennbare Struktur. Kein Raumgefühl. Ning taumelte würgend aus der Stasiszelle und erbrach auf den Boden. Dann gaben ihre Beine nach und sie fiel in das Erbrochene. „Arch!“ machte Ning. Langsam wurde die Umgebung klarer. Der Lärm löste sich in differenzierte Geräusche auf. Die riesige Kuppel war hell erleuchtet, rote Lichter blinkten an Boden und Wänden. Andauernd meldete eine Computerstimme: „Alarm! Alarm!“ Neben Ning erbrach sich eine weitere Frau. Überall in der Kuppel erklang das Geräusch sich öffnender Zellen. „Was verflucht?“ fragte Ning den Boden, dann rappelte sie sich ächzend in die Höhe. Hielt sich an der Stasiszelle fest, um nicht wieder umzufallen. Die Übelkeit kam in Wellen. „Computer.“ Ein verzerrtes Störgeräusch antwortete. „Computer?“ fragte Ning lauter. Das Störgeräusch wiederholte sich. „Scheiße.“ fauchte Ning. Sie stieß sich ab und torkelte auf das nächstgelegene Terminal zu. Ignorierte die anderen Menschen, die mit der Stasiskrankheit kämpften. Als sie das Terminal erreichte, fiel es ihr immer noch schwer die Bedienelemente zu erkennen. Ning kniff die Augen zusammen und schlug sich mit der flachen Hand ins Gesicht. „Reiß dich zusammen, Mädchen.“ knurrte sie leise. Ihr Blick wurde etwas schärfer. Viele Elemente blinkten hektisch. Das war nicht normal. „Scheiße.“ „Was ist los, was ist passiert?“ Ein schlaksiger Mann torkelte auf Ning zu. Seine orange Unterwäsche wies ihn als Mechaniker Rang 3 aus. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“ antwortete Ning. Sie starrte auf die Anzeigen des Terminals. Ihre Augen tränten vor Anstrengung. „Ich kann zumindest den verdammten Alarm lautlos stellen. Hier.“ Die enervierende Computerstimme verklang. Ning grunzte zufrieden. „Die Zellen haben sich geöffnet, die Zellen öffnen sich, wenn wir das Ziel erreicht haben, haben wir das Ziel erreicht?“ sprudelte es aus dem Mechaniker heraus. Er versuchte nach oben zu sehen und verlor das Gleichgewicht. Ning fing ihn nicht auf. Als sie sah, dass er mit dem Kopf hart auf den Boden knallte, tat es ihr leid. Sie half ihm wieder auf die Beine. „Die Kuppel ist geschlossen. Wir müssen die Sensoren fragen wo wir sind, aber der Computer funktioniert nicht richtig.“ Sie klopfte imaginären Staub von seinem Unterhemd. „Wie heißt du, mein Junge?“ „Carter.“ schniefte er und rieb sich den Schädel. „Carter, ich schlage vor du suchst jetzt deinen Spind auf und dann gehst du zu deiner Station. Und dort siehst du nach, ob du jemandem zur Hand gehen kannst. Wir müssen unsere Posten besetzen, mein Junge. Alles Weitere ergibt sich.“ „Okay.“ „Wie heißt es, Carter?“ „Okay, Maam.“ „Guter Junge.“ Ning drückte kurz aber herzlich seine Schulter. „Auf geht’s.“ sagte sie in munterem Tonfall, dann wandte sie sich wieder dem Terminal zu. Unterdrückte einen erneuten Brechreiz. Das hektische Blinken auf dem Display hatte nicht aufgehört. „Verdammter Mist.“ Ning fühlte sich bereits klarer im Kopf. Ihr geübter Blick prüfte einzelne Bereiche, auf die sie via Terminal zugreifen konnte. „Antrieb auf Stopp. Tarnhülle aktiv, Energiedurchfluss fragwürdig.“ Sie vertiefte sich in einen neuen Bereich. „Lebenserhaltung stabil. Stasiszellen intakt in Kuppel 2 und 3. Ich kann keinen Kontakt zum Nervensystem herstellen.“ Kopfschüttelnd ging sie eine andere Anzeige durch. „Schwere Schäden im Observatorium. Warum ist diese Anzeige verkehrt herum?“ Wütend starrte sie auf das Display. In ihrem Rücken hüstelte es nervös. „Maam?“ „Ja, Carter?“ fragte sie gereizt. Drehte sich nicht um sondern versuchte weiterhin, die unzähligen Alarme zu entwirren. „Die Türverriegelungen sind aktiviert. Wir kommen nicht in den Maschinenraum.“ „Na wunderbar.“ Ning rief den entsprechenden Bereich am Bildschirm auf. Hektisches Blinken antwortete. „Die G-av in der Nabelschnur ist ausgefallen.“ Stellte sie schließlich düster fest. „Ich kann die internen Türen entriegeln, aber die Türen zur Nabelschnur sind vorerst tabu. Wenn wir Pech haben, sind die Gänge kollabiert.“ Den letzten Satz hätte Ning gerne zurückgenommen, als sie sich zu Carter umwandte. Große Augen starrten sie fragend an. Hinter Carter standen weitere Personen, die zugehört hatten. „Wird schon, mein Junge.“ sagte Ning und lächelte dabei unbestimmt in die Gruppe. „Bitte erinnert euch an das Sicherheitstraining. Helft denjenigen, die Hilfe benötigen. Wenn ihr zum medizinischen Personal gehört, begebt euch auf die Krankenstation.“ Ning bedachte die Menschen mit einem Nicken und wurde sich bewusst, dass sie in Unterwäsche vor einem Terminal stand. Resolut reckte sie das Kinn nach vorne und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. „Ich entriegele jetzt die inneren Türen.“ Ning betätigte einige Bedienfelder und nickte wieder, diesmal zufrieden. „Erledigt. Carter? Maschinenraum. Nimm deine Kollegen mit.“ „Jawohl Maam.“ „Wer sich in der Verfassung fühlt, soll seinen Posten aufsuchen. Setzt instand, was ihr instand setzen könnt. Ich erwarte Berichte von den Hauptstationen in einer Stunde. Wenn jemand Commander Trevon sieht, schickt ihn unverzüglich zu mir.“ „Commander Ning?“ „Ah, Commander.“ Ning atmete erleichtert aus, als sie sah, dass sich Trevons deformierte Gestalt durch die Gruppe schob. Er war ohne Prothesen in die Stasiszelle gegangen und hatte sie bisher noch nicht angelegt. „Wir haben Stasis-Abort in den Kuppeln 1, 4 und natürlich 5.“ legte sie los, als er sie erreichte. „Der Hauptantrieb ist ausgefallen, aber dafür ist die Lebenserhaltung stabil. Kein Kontakt zu den anderen Kuppeln. Nabelschnur womöglich kollabiert. Kein Kontakt zum Nervensystem. Das Observatorium meldet schwere Schäden. Wir haben momentan keine Koordinaten. Tarnung aktiv.“ „Die Kartoffel fliegt also noch.“ sagte Trevon und zog einen Mundwinkel steil nach oben. „Naja, sie treibt.“ Ning erwiderte das Lächeln. „Ich habe gerade die inneren Türen geöffnet, in 40 Minuten erwarte ich die ersten Berichte von den Stationen.“ „Eben sagtest du noch eine Stunde.“ „Unsere Leute sind sportlich.“ Ning wurde wieder ernst. „Aus vielen Anzeigen werde ich nicht schlau. Sieh dir die Daten an.“ „Ich kann mir die Daten ansehen, während du dir die Spucke aus dem Gesicht wäschst, meine Liebe.“ Trevon zog sie sanft vom Terminal weg. „Die Kuppel kann für ein paar Minuten auf ihren zweiten Commander verzichten. Ein ordentliches Erscheinungsbild wird auch dir selbst gut tun.“ „Das darfst du gerade sagen.“ versetzte Ning und musterte Trevons verdrehten Körper. Der lachte nur leise. „Immerhin trage ich eine Hose. Also bitte, wir sehen uns in 15 in der Kommandozentrale.“

Ning fühlte sich tatsächlich besser, als sie mit sauberem Gesicht und frischer Uniform vor dem Spiegel stand. Sie musterte sich kurz, rückte den Kragen zurecht. Dann machte sie sich auf den Weg zur Kommandozentrale. Als sie die Messe passierte, endete der Stille Alarm. Die roten Lichter erloschen, das grelle Licht dimmte auf ein normales Maß herunter. Erleichterung.
„So gefällst du mir.“ kommentierte Trevon ihr Erscheinen. Die Kommandozentrale war mit einem Rumpfteam besetzt, die restliche Mannschaft war im Einsatz. Trevon saß vor seinem Terminal. Er hatte die Zeit gefunden, seine Prothesen anzulegen. „Dass ich den Alarmstatus beendet habe, hast du sicher schon bemerkt. Ich habe auch eine erste Meldung vom Maschinenraum. Da scheint jemand besonders eifrig zu sein. Gute Nachrichten. Der Antrieb der Kuppel ist in Ordnung. Auch die Energieversorgung scheint intakt zu sein, obwohl wir im Moment keinen Zugriff haben. Wie es aussieht, hat der Zentralcomputer im Observatorium den Verbund gestoppt und sich dann selbst deaktiviert. Frag mich bitte nicht warum. Erste Nachrichten aus der Krankenstation sprechen von ein paar Frakturen und Prellungen, keine Todesfälle.“ „Das sind endlich gute Nachrichten. Und die anderen Kuppeln?“ „Kein Kontakt. Auch nicht zum Observatorium. Ich habe eine Mannschaft losgeschickt um die Transporter zu überprüfen. Vielleicht müssen wir hinfliegen.“ „Die Nabelschnur?“ „Ich habe die Außendrohnen hingeschickt. Sie sollten sich bald melden.“ „Wenn wir das Nervensystem nicht ansprechen können, müssen wir eine Abkoppelung in Betracht ziehen.“ flüsterte Ning eindringlich. „Wir können keine Formstabilität garantieren, wenn sich die Kuppeln nicht mehr aufeinander abstimmen lassen. Eine Kollision wäre möglich.“ „Wenn wir uns abkoppeln, verlieren wir die Tarnung. Wir könnten versuchen die Kuppel zu öffnen, um uns zumindest zu orientieren.“ schlug Trevon vor. „Wie konnte nur die G-av ausfallen?“ Ning schüttelte den Kopf. „Hat der Computer uns deswegen gestoppt?“ überlegte Trevon laut. Ein Rauschen aus der KOM unterbrach ihre Diskussion.
„…müsste klappen. Hallo, Kuppel 5? Hier Kuppel 4, hört ihr mich?“ „Kuppel 4!“ rief Ning, stürzte zur KOM und schob den verdutzten Kommunikationsoffizier zur Seite. „Kuppel 5 hört, Kuppel 4. Hier spricht zweiter Commander Ning. Commander Trevon ist ebenfalls anwesend. Mit wem spreche ich?“ „Erster Ingenieur Tompson, Maam. Es ist wunderbar Ihre Stimmen zu hören! Sind Sie in Ordnung?“ „Ja, Tompson. Wir hatten ein paar Schwierigkeiten nach dem Aufwachen, aber mittlerweile haben wir den Laden wieder im Griff.“ rief Trevon aus dem Hintergrund. „Wie sieht es bei Ihnen aus?“ „Wir haben leider schwerwiegende Probleme, Sir. Viele Zellen hatten Fehlfunktionen. Menschen sind gestorben. Commander Ptaschek und zweiter Commander Hansen sind tot. Es tut mir leid, Sir.“ „Wie viele Tote sind es, Tompson?“ fragte Ning mit belegter Stimme. „320, Maam.“ „Guter Gott.“ Stille schloss sich an. Entsetzen. Schließlich fasste sich Ning. „Ich bedauere diesen Verlust zutiefst.“ Mehr wollte ihr nicht einfallen. Der Stein im Magen war zu groß. Trevon übernahm. „Das ist eine schlimme Nachricht, Tompson…“ „Schlimmer wird sie dadurch, dass wir die Türen nicht öffnen können, Sir, die Terminals sind offline.“ fiel ihm Tompson ins Wort. „Wir kommen weder in den Maschinenraum, noch haben wir Kontakt zum Nervensystem. Die Sensoren melden Feuer im Schildgenerator. “ „Was können wir tun, Tompson?“ „Ich fürchte nichts, Sir. Wir sind dabei die Türen manuell zu öffnen. Das Löschsystem spricht nicht an, aber ich habe ein paar Leute losgeschickt, die sich um das Feuer kümmern, sobald wir drinnen sind.“ Trevon setzte sich steif auf. „Wir können ein Hilfsteam losschicken, sobald wir die Transporter einsatzbereit haben.“ „Bei allem Respekt, Sir, schicken Sie Ihre Teams zum Observatorium. Wir können nicht blind im Raum treiben.“ „Gut, dass Sie mich daran erinnern, Tompson.“ „Entschuldigung, Sir.“ „Schon in Ordnung.“„Wie konnten Sie den Kontakt zur KOM herstellen, wenn die Terminals offline sind?“ fragte Ning interessiert. „Ich nutze eine intakte Oberleitung der Nabelschnur, Maam. Das Nervensystem ist vielleicht beschädigt, aber die Knoten funktionieren immer noch. Bisher konnte ich aber nur euch erreichen. Die anderen Kuppeln reagieren nicht.“ Trevon wandte sich einer jungen Frau zu, die nervös die Kommandozentrale betrat. „Bericht, Kadett?“ „Wir haben Rückmeldung von den Außendrohnen erhalten. Schlechte Nachrichten, Sir.“ „Langsam gewöhne ich mich daran. Schießen Sie los, Mann.“ „Die Nabelschnur ist kollabiert, Sir. Beschädigung der Gänge nach Ausfall der G-av irreparabel. Beschädigung des Nervensystems liegt bei 85 Prozent. Sichtkontakt zu den anderen Kuppeln konnte nicht hergestellt werden. Außerdem berichten unsere Mechaniker im Hangar, dass ein großer Teil der Transporter beim Stopp beschädigt wurde. Wie es scheint, waren die Verankerungen instabil.“ „Instabil?“ hakte Trevon nach. „Ja, Sir.“ „Diese Hurensöhne.“ knurrte Ning, die zugehört hatte und blass geworden war. „Wie Bitte, Maam?“ „Nicht Sie, Kadett.“ Trevons Stimme klang gefasst und ruhig. „Wie viele Transporter sind einsatzbereit?“ „Zwei Sir.“ „Verdammt. Veranlassen Sie, dass die Teamleiter Gruppen bilden. Es sollen Analyse- und Reparatureinheiten zum Observatorium starten. Ein Reserveteam hält sich bereit. Versucht weitere Transporter instand zu setzen.“ „Sehr wohl Sir.“ „Außerdem möchte ich, dass sich ein Team um die Schutzhülle der Kuppel kümmert. Falls wir das Observatorium verlieren, müssen wir sehen wo wir sind.“ „Jawohl, Sir.“ Die junge Frau entfernte sich im Laufschritt. „Tompson, hören Sie noch zu?“ „Ja, Sir.“ „Wir fliegen zum Observatorium. Sobald der Schadensbericht vorliegt, werde ich Sie informieren. Bereiten Sie Ihre Crew darauf vor, dass sie sich abtrennen müssen, wenn das Nervensystem nicht regeneriert werden kann. Viel Glück, Tompson.“ „Danke, Sir. Maam. Auch Ihnen viel Glück.“ Die Verbindung wurde unterbrochen. „Instabile Halterungen?“ fragte Ning, die sich nicht von dieser Information lösen konnte. „Das Elend bekommt langsam ein Gesicht.“ „Ich weiß was du meinst.“ nickte Trevon und tippte dabei konzentriert auf seiner Konsole. Ning wurde rot vor Zorn. „Die Konstruktion war damals überraschend schnell fertig. Die Firma war ausgesprochen zufrieden. Und uns fällt dieses Schiff unter dem Arsch auseinander. Der Zentralcomputer hat den Verbund gestoppt, weil die G-av in den Nabelschnüren ausgefallen ist. Wahrscheinlich kam der Schwerkraftzyklus durcheinander, was wiederum die Gänge und das Nervensystem zerstört hat. Das Überwachungssystem hatte eine Fehlfunktionen und deswegen wurden drei Kuppeln geweckt. Wonach klingt das für dich?“ „Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen, Ning.“ unterbrach Trevon ihre Gedankengänge. „Wir müssen die Berichte abwarten. In der Zwischenzeit sollten wir uns nicht in Spekulationen verlieren.“ „Alpha 7.“ platzte es aus Ning heraus. „Was?“ „Alpha 7. Der Verbund, der das Zwillingssystem für die Europäer besiedeln sollte. Du weißt schon, wir haben damals am Trauermarsch in Denver teilgenommen. 5.000 Tote.“ „Das war vor vielen Jahren Ning. Wir sollten uns auf die Gegenwart konzentrieren.“ „Ja, du hast Recht.“ Ning unterdrückte ihre Wut. „Wann erwarten wir eine erste Rückmeldung von den Flugteams?“ „Ich habe eine direkte Sprechverbindung zwischen den Transportern und der Kommandozentrale installieren lassen. Sie müssten in Kürze starten. Sichtkontakt zum Observatorium in wenigen Minuten.“ „Gut. Wissen wir etwas Neues vom Hauptcomputer?“ „Leider nein. Er lässt sich nicht hochfahren. Ich fürchte das Nervensystem ist zu sehr beschädigt. Wir leiten die essentiellen Funktionen um. Lebenserhaltung und KOM-System haben höchste Priorität. Ich sehe gerade, dass unser Reparaturteam bei der Schutzhülle grünes Licht meldet. Wir können öffnen.“ „Machen wir das.“ Trevon tippte den entsprechenden Befehl in sein Terminal. Ein Ruck lief durch das gesamte Schiff, als sich die tonnenschweren Hüllen über der Kuppel unsagbar langsam auseinander schoben. Die kleine Crew in der Kommandozentrale schaute angestrengt nach oben, wo ein kleiner Spalt sich öffnete und einen Weltraum offenbarte, der in Flammen stand.

„Heilige Scheiße, was ist das?“ schrie der Kommunikationsoffizier, während sich die Elemente der Verkleidung quietschend weiteten. „Das ist Kuppel 1!“ rief ein anderer Offizier entsetzt. „Ist das dein ernst?“ schrie noch jemand. „Ja verdammt!“ schrie Ning, „1000 Siedler waren auf Kuppel 1!“ Sie bemerkte gar nicht, dass alle schrien. Plötzlich wurde es totenstill in der Kommandozentrale. Alle Anwesenden verharrten in ihren Bewegungen. Die Kuppel stand offen. Ning konnte das Blut in ihren Ohren rauschen hören, als sie die brennende Kuppel betrachtete. „Siehst du das Observatorium?“ fragte Trevon schließlich in die Stille hinein und zeigte in die entsprechende Richtung. „Ja.“ antwortete Ning. Ihr Herz fühlte sich an wie ein kalter Klumpen. Mechanisch hörte sie sich selbst sagen:„ Die Nabelschnüre sind instabil. Das Observatorium bricht auseinander. Ruf die Einsatzteams zurück.“ „Sie sind bereits auf dem Rückweg. Die Meldung kommt gerade herein.“ Trevons Stimme war monoton. „Wir müssen sofort Abkoppeln.“ sagte Ning und nickte einem Offizier zu, der daraufhin die Zentrale verließ. „Ja. Stell bitte Kontakt zu Kuppel 4 her.“ „In Ordnung. Kuppel 5 ruft Kuppel 4, hier spricht zweiter Commander Ning, Tompson bitte melden.“ Ning lauschte auf das Rauschen aus der KOM, während sich Trevon in seine Anzeigen vertiefte. „Hier Kuppel 4, Kadett Tiffane hört Sie. Tompson befindet sich zur Zeit im Maschinenraum. Ich soll ausrichten, dass wir das Feuer im Schildgenerator unter Kontrolle haben, Maam.“ „Kadett Tiffane, bitte informieren Sie Ingenieur Tompson umgehend, dass wir die Not-Abkoppelung einleiten müssen. Wir haben die Kuppelhülle geöffnet, das gesamte Ausmaß der Schäden war uns bisher nicht bekannt. Ich rate Ihnen, umgehend selbst die Not-Abkoppelung einzuleiten. Die Nabelschnüre sind instabil.“ „Grund Gütiger.“ kam die Antwort von Kadett Tiffane. „Wenn wir abgekoppelt sind, bricht die Sprechverbindung ab. Versuchen Sie einen Transporter aufzutreiben, vielleicht können wir eine Bord-zu-Bord-Kommunikation einrichten. Wenn ihr eure Kuppel nicht öffnen könnt, können wir euch so vielleicht lotsen. Viel Glück, Kadett.“ „Danke, Maam.“ Die Verbindung endete. „Abkoppelungssequenz eingeleitet.“ verkündete Trevon. Ein dumpfes, metallisches Dröhnen bestätigte seinen Satz. „Maschinen starten in 3, 2, 1.“ Monotones Brummen durchlief den Körper der Kuppel, als der Antrieb zum Leben erwachte. „Wir haben immer noch keine zuverlässigen Daten vom Computer. Wir müssen auf Sicht fliegen. Ich entferne uns erst einmal langsam von den anderen Kuppeln. Dann kann der Steueroffizier übernehmen. Sind Sie auf Draht, Mister Ronda?“ Hinter der Steuerkonsole winkte ein untersetzter Mann schlaff mit der rechten Hand. „Wie man nur sein kann, Sir.“ Kam die knappe Antwort. Trevon steuerte die Kuppel aus dem Verbund. Die Nabelschnur, die das Schiff mit dem Observatorium verbunden hatte, hing schlaff im Weltraum. „Haben wir eine Verbindung zu Kuppel 4?“ fragte Trevon, während er das Schiff langsam aus der Gefahrenzone manövrierte. „Bisher negativ.“ antwortete Ning, die ihre Konsole überprüfte. „Schick die Transporter los, sie sollen die Lage überprüfen. Wenn sie ihre Türen manuell öffnen mussten, müssen sie vielleicht auch manuell abkoppeln. Die Teams sollen ihnen von außen zur Hand gehen.“ „Wird erledigt.“ bestätigte Ning. „Kommandozentrale? Technischer Ingenieur Farkash hier. Die interne KOM funktioniert wieder.“ meldete sich eine sonore Stimme aus der Wand. „Ausgezeichnet.“ antwortete Ning, während Trevon nur zustimmend grunzte. „Wir haben die Daten analysiert, die wir aufgrund der aktuellen Sichtverhältnisse extrapolieren konnten.“ fuhr die Stimme fort. „Berichten Sie, Farkash.“ forderte ihn Ning auf. „Durch die Instabilität der Nabelschnüre kam es zu einer Verschiebung der individuellen Flugbahnen der Kuppeln.“ Die Stimme schwieg. „Was heißt das für uns, Farkash?“ Ning hasste dramatische Pausen. „Für uns heißt das, dass wir gut daran getan haben, abzukoppeln. Für die anderen Kuppeln heißt es, dass sie in einer Stunde mit dem Observatorium kollidieren werden, Maam.“ „Großer Gott.“ hauchte Ning. „Haben wir eine Möglichkeit, Kuppel 2 und 3 von außen abzukoppeln?“ fragte sie in die Luft. „Hätten wir, wenn wir Transporter und Zeit hätten, Maam. Aber mit nur zwei Außenteams können wir uns maximal um eine Kuppel kümmern.“ „Kuppel 4.“ sagte Ning und Trevon nickte. „Die Kuppeln 2 und 3 wurden nicht aus der Stasis geweckt. Zumindest behaupten das die Anzeigen. Wenn das stimmt, ist dort niemand wach, der die Verbindung lösen könnte.“ Ning fühlte, wie unendliche Traurigkeit ihre Seele in die Tiefe zog. „Wir müssen die Kuppeln verloren geben und uns auf Kuppel 4 konzentrieren. Wenn wir sie erfolgreich abkoppeln können, haben wir 680 Leben gerettet.“ sagte sie schließlich bestimmt. „Verstanden, Maam.“ erklang die Stimme aus der KOM. „Ning?“ fragte Trevon. „Ja, Commander?“ „Tun wir das Richtige?“ „Was schlägst du vor?“ „Ich habe keinen Vorschlag. Ich habe nur das Gefühl, dass wir nicht einfach 2000 Personen aufgeben können.“ „Das Gefühl habe ich auch, aber wir können nichts unternehmen.“ „Ich weiß.“ seufzte Trevon. Zum ersten Mal, seit Ning ihn kannte, sah er klein und verloren aus. Die Minuten verstrichen zäh, während man in der Kommandozentrale auf Nachrichten von draußen wartete. Dass man von ihrer Position aus einen direkten Blick auf die brennende Kuppel 1 hatte, verbesserte die Stimmung nicht. Schließlich atmete Ning erleichtert auf. „Das Außenteam von Transporter 1 meldet, Kuppel 4 hat sich erfolgreich von der Nabelschnur abgekoppelt. Sprechverbindung zum Transporter steht. Sie lotsen die Kuppel aus der Gefahrenzone. Transporter 2 ist auf dem Rückweg.“ „Endlich. Haben wir eine Möglichkeit, in der verbleibenden Zeit eine der anderen Kuppeln zu erreichen?“ fragte Trevon. Ning überprüfte die Daten. „Negativ. Wir können keine der beiden Kuppeln mehr erreichen, bevor sie mit dem Observatorium kollidieren. „Verdammte Scheiße.“ fluchte Trevon. „Mister Ronda, sehen Sie zu, dass wir genügend Abstand haben, wenn uns der Laden um die Ohren fliegt.“ „Verstanden, Sir.“ Der Steueroffizier machte ein ernstes Gesicht.

Kuppel 5 bewegte sich zielstrebig vom zerstörten Verbund fort. In einiger Entfernung folgte Kuppel 4 langsam auf einer Flugbahn, die sie auf einen Rendezvous-Kurs zu Kuppel 5 brachte. In der Kommandozentrale sprach niemand ein Wort. Die Stille des Weltraumes verschluckte die Geräusche der Explosionen, als erst Kuppel 3 und kurz danach Kuppel 2 in die Überreste des Observatoriums stürzten. Die Schockwelle ließ das Schiff erzittern. In der Kommandozentrale beobachtete man das Geschehen mit Fassungslosigkeit. Kein Training hatte das Team auf dieses Szenario vorbereiten können. Schließlich brach Trevon die Stille. „Und ist das Ziel noch so fern. Und ist der Weg noch so weit. Wir erinnern eure Namen. In der Unendlichkeit der Zeit.“ zitierte er feierlich das Lied, das ein Kinderchor beim Abschied der Siedler vorgetragen hatte. Diese Zeit lag tatsächlich unendlich weit zurück. Ning wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Amen.“ Mehr wusste sie nicht zu sagen. Trevon räusperte sich. Dann wandte er sich an das Team. „Dies ist ein schwerer Tag für uns und für die Raumfahrt. Informieren Sie die Crew von den Ereignissen. Wer eine Ausbildung zum Seelsorger hat, soll sich zur Koordination beim Schiffspsychologen melden. Ich denke wir werden viele Leute mit Gesprächsbedarf haben. Außerdem…“ er dachte kurz nach. „Richten Sie die inneren Objektive aus. Wir müssen endlich wissen wo und wann wir sind. Stellen Sie eine direkte KOM-Verbindung zwischen uns und Kuppel 4 her. Und ich will eine komplette Analyse des Schiffes, überprüfen Sie jede Schraube.“ „Wenn wirklich alle aus den Stasiszellen erwacht sind, haben wir auch ein Problem mit der Versorgung, Trevon.“ mischte sich Ning in seine Überlegungen. „Die Kuppel ist nicht dafür ausgelegt, 1000 Menschen dauerhaft zu erhalten. Auch darüber müssen wir nachdenken.“ „Du hast recht. Trevon an Lebenserhaltung, wie ist die Situation?“ fragte er die KOM. „Hier Voltan, Sir. Lebenserhaltung stabil, Sauerstoffmischung konstant. Wir haben ein Problem mit der Wasserversorgung in der unteren Sektion, aber das lösen wir gerade, Sir.“ „Nahrungsmittel?“ fragte Trevon knapp. „Die Synthesizer laufen, Sir.“ „Danke, Voltan. Trevon Ende. Maschinenraum?“ „Ja, Sir, wie kann ich helfen?“ Der Maschinist sparte sich die Zeit, sich vorzustellen. „Wie sehen die Stasiszellen aus. Sind sie beschädigt?“ „Wir hatten bisher erst die Möglichkeit, eine Handvoll Zellen zu überprüfen. Die sind aber vollständig intakt, Sir.“ „Können Sie Leute entbehren, die die restlichen Zellen überprüfen?“ „Wenn Sie mich so fragen, natürlich, Sir.“ antwortete der Maschinist trocken. „Melden Sie sich, wenn die Überprüfung abgeschlossen ist. Danke.“ Trevon beendete die Verbindung. „Ning, ich möchte dass du die Daten aus den Hauptservern analysierst. Ich will endlich wissen, was hier passiert ist.“ Ning nickte und verließ die Kommandozentrale mit gerunzelter Stirn. Auf ihrem Weg zu den Serverräumen passierte sie einige Crewmitglieder, die ihr respektvoll aus dem Weg gingen. Ning schenkte ihnen keine Beachtung.
Eine Stunde später kehrte sie zurück. Ihre Stirn war immer noch in Falten gelegt, der Blick aus ihren dunklen Augen starr. In der Kommandozentrale herrschte reger Betrieb, der jedoch verebbte als sie den Raum betrat. Trevon wandte sich in seinem Stuhl zu ihr um. „Bericht.“ sagte er mechanisch. „Ich habe die Daten analysiert. Der Hauptcomputer hat einen Nothalt vollzogen. Allerdings nicht, weil die G-av ausgefallen ist. Das ist erst durch den Nothalt passiert. Der Hauptcomputer hat eine Nova aufgezeichnet.“ Ning schluckte. Vor ihren Augen flimmerte die Kommandozentrale. „Aha.“ machte Trevon, der wusste, dass sie unverzüglich fortfahren würde. „Die Quelle der Explosion hat den Computer zum Nothalt veranlasst. Es ist Sol.“ „Was?“ „Der Hauptcomputer hat eine Nova aufgezeichnet, die von Sol ausgegangen ist und deswegen einen Nothalt veranlasst.“ wiederholte Ning und starrte in Trevons langes Gesicht. „Unsere Heimatsonne ist explodiert. Und dann sind wir explodiert.“ Ning fühlte, wie Tränen über ihr Gesicht liefen. Wütend wischte sie mit dem Handrücken über ihre nassen Wangen. „Es ist nicht gesagt, dass die Daten korrekt sind. Wenn dieser Schrotthaufen keinen außerplanmäßigen Halt überstehen kann, vielleicht sind dann auch die Daten falsch, die er gesammelt hat.“ Neue Tränen liefen. Diesmal ignorierte sie es einfach. Trevon hatte sich erhoben, stand aber nur mit hängenden Armen im Raum. „Wir müssen zurückfliegen.“ sprach er seinen ersten Gedanken aus. „Wir können nicht einfach umdrehen, Trevon. Ich habe die Daten analysiert. Wir sind bereits seit 127 Jahren unterwegs. In 45 Jahren erreichen wir Ultima Eden.“ „Aber die Erde…“ Trevon unterbrach sich selbst. „Alle Menschen, die ich auf der Erde kannte, sind bereits lange tot. Ihre Kinder und Enkelkinder aber haben fortgelebt und unsere Namen erinnert. Wie konnte das nur passieren?“ fragte er schließlich. „Ich weiß es nicht, Trevon.“ „Ich möchte nicht, dass diese Information die Kommandozentrale verlässt, bis sie zuverlässig verifiziert ist, hat das jeder verstanden?“ fragte er ungewöhnlich aggressiv. „Verstanden.“ Meldeten die anwesenden Offiziere. Ning nickte nur. Sie hatte aufgehört zu weinen. „Wir könnten die Kuppel ausrichten und Sol über die Objektive suchen. Dann haben wir Gewissheit.“ schlug Ronda aus dem Off vor. „Einverstanden. Ronda, justieren Sie die Kuppel. Ning, geh zum nächsten Objektiv und melde dich über KOM. Ich will sofort informiert werden.“ „Verstanden, Commander.“ Ning machte sich sofort auf den Weg. Als sie wenige Minuten später das Objektiv justierte, kämpfte sie gegen ein starkes Zittern in ihren Knien. Der Boden fühlte sich weich an, die Arme waren aus Gummi. Mit schwitzenden Händen wählte sie die richtigen Koordinaten. Überprüfte die Einstellungen immer und immer wieder. Wo ihre Augen den funkelnden Punkt in der Dunkelheit ersehnten, lag nur tiefste Schwärze. „Trevon?“ Ihre Stimme brach, als sie die KOM betätigte. „Ja, Ning?“ fragte Trevon sofort zurück. „Die Daten sind korrekt. Sol ist fort.“ Ning hörte seine Antwort nicht mehr, sie verlor das Bewusstsein.

Ein scharfer Geruch riss ihren Geist aus der Bewusstlosigkeit. Das Gesicht einer Ärztin sah besorgt auf sie herab. „Sie ist wach.“ Hörte sie die Medizinerin sagen, deren Atem nach Pfefferminz roch. „Krankenstation an Kommandozentrale, Commander Ning ist aufgewacht.“ „Ausgezeichnet. Danke.“ Ning erkannte Trevons Stimme aus der KOM. Sie konnte die Anspannung darin hören. „Bin in einer Minute wieder bei dir, mein Freund.“ sagte sie und klang dabei viel zu schwach. Der Gedanke an die Erde ließ sie erneut zittern. „Oh, im Gegenteil,“ erwiderte die Ärztin. „Sie bleiben noch ein paar Minuten zur Beobachtung hier. Sie können sich wieder auf Ihrer Station melden, wenn ich Sie für einsatzbereit halte. Commander.“ setzte sie freundlich hinzu und drückte Ning sanft zurück auf die Liege. Ning hatte kein Interesse an dieser Freundlichkeit. Ärgerlich stieß sie die Hände der Ärztin und die Gedanken an die Erde von sich. „Wir befinden uns in einer Notsituation. Ihre ärztliche Aufsichtspflicht in allen Ehren, aber ich werde gebraucht.“ „Auf Ihre eigene Verantwortung.“ sagte die Ärztin missbilligend, half ihr aber hoch. Ning saß schwankend aufrecht. „Ich verabreiche Ihnen ein stärkendes Mittel, das sollte Sie vorerst auf touren halten.“ „Danke,Doktor.“ Kurze Zeit später kehrte Ning, immer noch leicht schwankend, in die Kommandozentrale zurück. Sie ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Was habe ich verpasst?“ fragte sie kurzatmig. „Wir haben eine stabile Sprechverbindung zu Kuppel 4. Ihre Datenanalyse hat dasselbe Bild ergeben wie deine. Die Informationen sind korrekt.“ Ning reagierte nicht auf seine Worte. „Wie geht es Kuppel 4?“ „Sie räumen immer noch auf. Außerdem haben sie noch keine Möglichkeit gefunden, die Schutzhülle zu senken, also fliegen sie weiterhin mit unserer Hilfe. Außenteam 2 bringt gerade verstärkte Objektive an ihrer Hülle an. Aber sie haben ein anderes Problem.“ „Welches?“ seufzte Ning, zu mehr war sie nicht fähig. „Die meisten ihrer Stasiszellen sind ausgefallen. Sie können nur noch einen Bruchteil nutzen.“ „Sie können nicht mehr in Stasis?“ „Nein, Ning. Ich habe den Bericht erhalten, dass unsere Stasiszellen voll einsatzbereit sind. Aber in Kuppel 4 reicht es nur noch für 210 Personen. Ich habe mit Tompson über das Problem gesprochen. Wenn wir ihre Sauerstoffversorgung modifizieren und unsere Synthesizer in ihre Kuppel verlagern, können sie die 45 Jahre bis Ultima Eden überleben. Vielleicht werden nicht alle das Ziel erreichen, aber für die junge Generation besteht eine Möglichkeit.“ „Wir werden uns wieder in Stasis begeben.“ Ergriff der Steueroffizier das Wort. Der Gedanke gefiel ihm wohl nicht besonders. „Das war ohnehin abzusehen.“ kommentierte Ning trocken. „Wir sollten die Steuerelemente der Schiffe koppeln, damit Kuppel 4 uns übernehmen kann.“ dachte sie laut nach. „Das habe ich bereits veranlasst. Die Datenübertragung ist abgeschlossen. Allerdings habe ich eine automatische Erweckung programmiert, sollten wir in 45 Jahren nicht geweckt werden. Sicher ist Sicher. Unsere Siedler befinden sich auf dem Weg in ihre Stasiszellen. Ich habe sie nicht über das Ereignis informiert. Wir hätten ein Chaos riskiert.“ sagte Trevon düster. „Das Personal hat Anweisung, die restlichen Reparaturen abzuschließen und sich danach ebenfalls in die Zellen zu begeben. Wir werden den Ablauf koordinieren und dann…“ Trevon ließ den Satz verebben.

Die nächsten Tage waren von reger Betriebsamkeit geprägt, während die aktiven Menschen in Kuppel 5 langsam weniger wurden. Die Raumschiffe flogen nebeneinander durch das Weltall, ihrem fernen Ziel entgegen. Ning und Trevon überwachten den Ablauf der Transporte, besuchten die einzelnen Stationen und versicherten sich, dass alles Personal die Stasiszellen aufsuchte, das nicht mehr gebraucht wurde. Tompson hielt sie via KOM über die Fortschritte an Kuppel 4 auf dem Laufenden. Je weniger sie zu tun hatte, desto unruhiger wurde Ning. Der Gedanke an die Erde, dieses funkelnde Juwel im Kosmos, zerrte an ihren Nerven. Ließ sie keinen Schlaf finden. Ließ sie nicht essen. Immer wieder schnellten ihre Erinnerungen zu dem Anblick zurück, der ihr letzter war, bevor damals die Stasiszelle aktiviert wurde. Sie hatte das unendlich ferne Blau in der Dunkelheit leuchten sehen und sich für immer verabschiedet. Und jetzt. Von der eigenen Sonne verbrannt. War dort nichts mehr. Wie hatte das nur geschehen können? Ning spürte wie die Tränen kamen. Schluckte sie hinunter. Sie zuckte zusammen, als die Stimme des Computers ertönte. „Achtung. Verschluss der Außenhülle wird eingeleitet.“ Der Satz klang bitter in ihren Ohren. Sie hob den Kopf und beobachtete, wie sich die Elemente der Schutzhülle langsam wieder über die Kuppel schoben. Der Sternenhimmel verschwand. Ning schluckte wieder. Eine Hand legte sich federleicht auf ihre Schulter. „Wir sind soweit.“ sagte Trevon hinter ihr. „Die Kuppel ist in Stand-By, das Steuersystem läuft zuverlässig, die Stasiszellen sind bereit. Lass uns gehen, meine Liebe.“ „Was wenn wir diesmal eine Fehlfunktionen haben. So wie in Kuppel 4?“ Ning ärgerte sich, dass sie diesen Gedanken laut ausgesprochen hatte. „Wenn das passiert, werden wir es nie erfahren.“ sagte Trevon sanft. Ning drehte sich zu ihm um. Sah in seine melancholischen Augen. „Wir wussten, dass wir die Erde nie mehr wiedersehen würden.“ sagte er leise. „Ja, das wussten wir.“ „Und wir wussten auch, dass wir auf Ultima Eden eine neue Zukunft finden wollten.“ „Ja, das wussten wir auch.“ „Wir haben so viele verloren…“ Trevon sprach nicht weiter. Er schüttelte den Kopf. „Komm, lass uns gehen.“ sagte er schließlich. Er begleitete Ning zu ihrer Stasiszelle und wandte sich respektvoll ab, als sie ihre Uniform auszog. Dann nahm er sie spontan in die Arme. Seine Prothesen fühlten sich kalt an. Ning erwiderte die Umarmung. „Auf Wiedersehen, Trevon.“ sagte sie bedrückt und kletterte in die weiche Zelle. Als sie nach oben blickte, schaute nur die dunkelgraue Abdeckung der Kuppel zurück. Ning dachte an mächtige Bäume, deren Blätter im Wind rauschten. An klare Bäche, grüne Wiesen und einen unendlichen,blauen Himmel. Als die Stasis ihren Körper erfasste, lächelte sie.

© sybille lengauer

Ernestine, Johanna und Gisela

Veröffentlicht: Februar 18, 2019 in Kurzgeschichten
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Schreibe die Namen von zehn deutschen Städten auf Papierschnipsel, stecke diese in einen Hut, gut schütteln. Ziehe einen Schnipsel und lies den Namen laut vor. Du triffst die richtige Stadt…

Industriegebiet. Es ist früher Morgen. Während sich die ersten Sonnenschlieren langsam mit der Nacht mischen, huschen vereinzelte Scheinwerfer über den Asphalt. Ein kleines Backsteingebäude, dessen kurze Schornsteine wie dicke Stummelfinger in den Himmel ragen, schummelt sich in die architektonische Blocklandschaft. Beschmierte Türen, verklebte Fenster und ein unleserliches Graffiti runden das Bild ab.
Ein schneeweißer Transporter fährt vor. Der Motor wird abgestellt, aber es öffnet sich nur das Beifahrerfenster einen kleinen Spalt breit. Rauch quillt aus der schmalen Öffnung. Im Inneren des Wagens glühen drei rote Punkte in der Dunkelheit. Manchmal hustet jemand. Drei Minuten später fallen drei Zigarettenstummel in einen Kaffeebecher, der noch einen kleinen Schluck Milchkaffee enthält. Der Becher wird auf dem Armaturenbrett des Transporters abgestellt, die Türen des Wagens öffnen sich. Aus dem Fahrersitz schält sich eine mollige Dame Mitte Fünfzig, mit knallrot gefärbten Haaren. Nennen wir sie Gisela. Auf der breiten Beifahrerbank rücken gerade Johanna und Ernestine nach draußen. Beide nähern sich in großen Schritten der Rente, auch wenn man es Johanna weniger ansieht. Alle drei riechen nach Zigaretten, Wärmesalbe und billigem Parfum.
Gisela: „Na, kommt ihr noch von selber raus oder muss ich den Pömpel holen?“
Ernestine: „Was willst du denn, mit deinem fetten Arsch?“
Johanna: „Jetzt rück schon raus, mir ist der Fuß eingeschlafen.“
Ernestine: „Jaja, ich mach schon.“
Johanna: „Jaja mich nicht.“
Gisela: „Sind wir bei der richtigen Adresse?“
Johanna: „Frag nicht mich, frag den Navi, der weiß das besser wie ich. Steht hier irgendwo was dran?“
Die drei Damen spähen argwöhnisch nach einem Straßenschild.
Ernestine: „Also ich sehe nichts.“
Gisela: „Du siehst ja nie was.“
Ernestine: „Siehst du denn was?“
Johanna: „Gartenstraße, da drüben steht’s doch.“
Gisela: „Guck mal, das Adlerauge.“
Der Transporter wird entladen. Die Frauen sind ein eingespieltes Team. Sie heben eine kleine Rampe aus dem Heck des Wagens und entladen ihre Putzwagen. Ziehen Kittel und Handschuhe über und gehen dann nebeneinander zum Gebäude. Ernestine kramt einen Schlüssel aus der Hosentasche unter dem Kittel und schließt die Eingangstür auf. Dahinter liegt ein langer Flur in dem Spinnen hausen und kaum ein Windhauch mit den Staubflocken spielt.
Gisela: „Wie will er hier denn was vermieten?“
Johanna: „Ich weiß auch nicht, hat er was gesagt?“
Ernestine: „Star-Tab.“
Gisela: „Wie?“
Ernestine: „Star-Tab Unternehmen. Er meinte die wären oft total verzweifelt. Ich hab doch keine Ahnung.“
Gisela: „Solange die keine Dildos herstellen, sind die für dich uninteressant, hä?“
Ernestine: „Pfa, Gisela.“
Gisela lacht dreckig, Johanna findet den Lichtschalter. Das warme Licht alter Glühbirnen lässt Giselas Haare sanft leuchten. Ernestine schiebt ihren Wagen energisch in den Gang.
Ernestine: „Haben wir den Raumplan?“
Gisela: „Wir sollen das Erdgeschoss und die zwei Haupträume im ersten Stock erledigen, plus Fenster.“
Johanna: „Die Haupträume?“
Gisela: „Na wahrscheinlich die zwei größten Räume da oben. Warte, ich habe den Plan dabei.“
Es raschelt als sie ihre Taschen durchwühlt.
Gisela: „Ist im Auto.“
Johanna: „Ich gehe jetzt nicht raus und hol den blöden Raumplan. Lasst uns erstmal das Erdgeschoss machen.“
Einstimmiges nicken. Man macht sich routiniert an die Arbeit. Die Zeitungen verschwinden von den Fenstern, das Morgenlicht flutet herein. Die Spinnen fliehen in versteckte Winkel und der Staub wird von den alten Büromöbeln vertrieben. Nach zweieinhalb Stunden sieht das Erdgeschoss zwar immer noch schäbig, aber deutlich sauberer aus. Zeit für eine Rauchpause.
Ernestine: „Wir kommen gut durch.“
Johanna: „Wir könnten trotzdem noch eine Kraft brauchen. Ich weiß nicht, warum er keine Neue einstellt.“
Gisela: „Na er baut doch gerade. Da muss er sparen.“
Johanna: „Auf unsere Knochen. Herzlichen Dank.“
Ernestine: „Ich hole den Raumplan.“
Johanna: „Bring meine Cola mit.“
Ernestine: „Jaja, die älteste Kuh im Stall muss am meisten rennen.“
Johanna: „Solange sie meine Cola mitbringt…“
Gisela: „Heute Nacht kriegen wir den Arsch voll.“
Johanna: „Wettermäßig, oder was?“
Gisela: „Sturm.“
Johanna: „Schon wieder?“
Ernestine: „Hier, Raumplan und die Cola.“
Niemand sagt danke. Der Plan wird entfaltet und studiert. Man wendet den Bogen Papier hin und her. Drei unzufriedene Gesichter sehen sich an. Der Plan hilft nicht weiter.
Gisela: „Er hat die Räume nicht eingezeichnet. Schon wieder.“
Johanna: „Ich weiß auch nicht, pennt der die ganze Zeit oder was?“
Gisela: „Der treibt es wahrscheinlich die ganze Nacht und dann kommt er am Tag zu nix.“
Ernestine: „Pfa, Gisela.“
Johanna: „Ist mir egal was er treibt, die Arbeit soll gemacht werden. Lasst uns nach oben gehen und nachsehen, sonst rufen wir ihn an.“
Drei Zigarettenstummel werden auf den Boden geworfen und ausgetreten. Die Frauen gehen murmelnd und hustend zurück ins Gebäude, die Treppe hinauf in den ersten Stock. Mehr Flur mit Staub und Spinnen erwartet sie.
Gisela: „Ist hier genauso geschnitten wie unten. Dann müssen es die hintersten Räume sein, die waren unten auch die größeren.“
Johanna: „Ich sehe es mir an.“
Ernestine: „Ich komme mit.“
Gisela: „Na und ich soll hier warten?“
Gemeinsam gehen sie den Flur entlang zu den hintersten Räumen. Der eine ist recht groß und als Büro eingerichtet. Der andere ist ein fast leeres Labor. Ein paar Tische aus Edelstahl und ein alter Lagerkühlschrank erwarten die neugierigen Blicke.
Johanna: „Na sowas.“
Ernestine: „Müssen wir das sauber machen?“
Johanna: „Sollen wir Paul anrufen?“
Gisela: „Ach, der weiß doch wieder von nichts.“
Johanna: „Ist auch egal. Wir machen unten fertig und diese beiden Räume. Wenn das nicht richtig ist, muss er sich eben darum kümmern. Ich lauf ihm doch nicht ständig hinterher.“
Ernestine: „Recht hast du.“
Sie gehen verstimmt zurück ins Erdgeschoss, vertreiben die letzten Spinnen, verscheuchen den letzten Staub, wischen durch. Dann ziehen sie mit ihren Sachen in den ersten Stock um. Auf der Treppe wird viel gehustet. Eigentlich wäre wieder Zeit für eine Rauchpause, aber der Stundenplan drückt. Johanna nimmt sich den Büroraum vor, Gisela und Ernestine übernehmen das Labor.
Zuerst putzen sie die Fenster, die im ersten Stock nicht verklebt sind. Draußen zerrt ein stetiger Wind die Blätter von den wenigen Bäumen, während die Herbstsonne mild schient.
Ernestine: „Sollen wir auch den Kühlschrank machen?“
Gisela: „Weiß nicht, mach mal auf.“
Ernestine: „Und wenn da was drin ist?“
Gisela: „Dann stirbst du einen fürchterlichen Tod, haha.“
Ernestine: „Witzig, witzig.“
Gisela: „Jetzt mach ihn auf.“
Ernestine greift zögerlich nach der Kühlschranktür. Die lässt sich schwer öffnen. Ernestine flucht und ruckelt am Griff. Als sich die Tür öffnet, läuft dreckiges Wasser auf den Boden. Der Kühlschrank ist hauptsächlich leer. Ganz oben, ganz hinten, stecken ein paar Glasröhrchen in einer Halterung.
Ernestine: „Pfa, da stand das Wasser drin.“
Gisela: „Ist er verschimmelt?“
Ernestine: „Na rate mal.“
Gisela: „Viel Spaß.“
Ernestine: „Nee, nicht schon wieder ich!“
Gisela: „Stell dich nicht an. Ich mache in der Zeit den Boden. In einer halben Stunde sind wir raus.“
Ernestine: „Jaja.“
Gisela: „Selber jaja.“
Johanna ruft aus dem anderen Raum: „Wie sieht es bei euch aus da drüben?“
Gisela schreit zurück: „Der Kühlschrank und den Boden, dann sind wir fertig, bei dir?“
Johanna: „Knappe Stunde.“
Gisela: „Dann gib Gas.“
Ernestine: „Jaja.“
Sie rückt dem Kühlschrank mit den chemischen Waffen aus ihrem Arsenal zu Leibe. Sprüht, schrubbt, flucht. Ihre gelben Handschuhe bewegen sich in gleichmäßigen Kreisen über die Innenwände. Um die Glasröhrchen in der Halterung wischt sie sorgfältig herum, betrachtet sie dabei neugierig. Gisela reinigt im Hintergrund den Boden. Summt eine kleine Melodie. Ernestine wischt noch einmal an der Halterung vorbei und überlegt. Dann nimmt sie vorsichtig ein Röhrchen heraus.
Ernestine: „Was da wohl mal drinnen war.“
Gisela: „Wo drinnen?“
Ernestine: „In den Gläsern hier.“
Gisela: „ Wahrscheinlich Schnaps.“
Ernestine: „Auf dem letzten Straßenfest gab es Jägermeister in diesen Dingern.“
Gisela: „Sag ich doch.“
Ernestine: „Da steht Bio drauf.“
Gisela: „Was steht da drauf?“
Ernestine: „Bio-H-a-z-a-r-d. Bio klingt doch nicht schlecht, oder?“
Gisela: „Bio klingt immer gut. Kannst gleich noch mal einen Euro mehr berechnen für die Gläser.“
Ernestine: „Ob man die im Geschirrspüler waschen kann?“
Gisela: „Bestimmt, die halten doch alles aus.“
Ernestine stellt das Röhrchen zurück, nimmt dann die ganze Halterung aus dem Kühlschrank und verstaut sie vorsichtig in ihrem Reinigungswagen. Zügig beenden die Damen nun ihre Arbeit. Dann helfen sie Johanna bei den letzten Handgriffen im Büroraum, wischen den Flur und wuchten schließlich ihre Wagen nach unten. Lassen sie am Fuß der Treppe stehen und gehen vor die Tür um noch in Ruhe eine Zigarette zu rauchen.
Johanna: „Lief ganz gut, was liegt für morgen an?“
Gisela: „Die Puff-Station. Einmal gepoppt, nie mehr gestoppt.“
Ernestine: „Pfa, Gisela.“
Johanna: „Haben die den Vertrag verlängert?“
Gisela: „Haben sie. Wir machen jetzt wieder jeden zweiten Dienstag.“
Ernestine: „Die Betten mach aber nicht wieder nur ich.“
Johanna: „Jaja.“
Gisela lacht. Der Wind weht nun stärker, bläst den drei Frauen in die gegerbten Gesichter. Sie ziehen ihre Jacken enger um sich und laden den Transporter wieder ein. Verwelkte Blätter treiben zu ihren Füßen, irgendwo singt ein Vogel sein Lied. Als sie einsteigen, zünden sie sich neue Zigaretten an. Und so, mein liebes Kind, kamen die Pocken zurück in die Welt…

© sybille lengauer

Reck dich hervor, du kleiner Same,
Drück den Spross durch all die Schichten,
Die, vom Morgenlicht durchsonnt, dich sanft bedecken.
In tiefem Schlummer, schliefst und träumtest du das Leben,
Doch nun wache, keime, wachse! Unablässig in den Himmel.
Eh der Frostschleier fällt.

Streck dich empor, du kleines Körnchen,
Spreiz deine Blätter in die Sphären,
Die, vom Morgenwind durchweht, dich sanft beglücken.
In hellem Aufruhr, sprießt und windet sich dein Leben,
Und so wache, keime, wachse! Unablässig in den Himmel.
Bis der Frostschleier fällt.

© sybille lengauer

Yvonne springt

Veröffentlicht: Februar 13, 2019 in Kurzgeschichten
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Die Brücke ist viel zu hoch. Der Wind viel zu stark. Zerrt an den Haaren.
Und doch steht sie da, schwankend im Wind.
Hält mit den Händen die Jacke fest vor der Brust verschlossen.
Denkt ans Springen.
Der Kummer ist viel zu groß. Die Last viel zu schwer. Zerrt am Herzen.
Und so geht sie noch ein Stück näher an die Brüstung.
Sieht mit großen Augen hinunter.
Denkt ans Springen.
Der Weg nach unten ist viel zu weit. Die Hoffnung viel zu fern. Zerrt an der Seele.
Also klettert sie über das Geländer.
Lässt mit einer Hand los und atmet laut aus.
Springt.

„Hallo, hallo Sie?“ Der alte Mann, der vor einem weißen Grabstein steht, hebt irritiert den Kopf. Ganz in seine Gedanken versunken hat er die junge Frau nicht bemerkt, die quer über den Friedhof auf ihn zugelaufen kommt. „Hallo, Hilfe!“ Mit wehenden Haaren und hochrotem Kopf rennt sie über die flachen Gräber. Missbilligend sieht er ihr dabei zu. „Das ist nicht in Ordnung.“ kommentiert er mit gerunzelter Stirn, als sie ihn keuchend erreicht. „Entschuldigung.“ Sie ringt nach Luft. „Wo bin ich?“ presst sie schließlich heraus. „Mit Sicherheit nicht auf dem Sportplatz, junge Dame.“ bemerkt der alte Mann verstimmt. „Sorry. Können Sie mir helfen?“ Er blickt in rotgeweinte Augen. „Wobei soll ich dir helfen, Kind?“ „Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Ich meine, es ist eigentlich nicht möglich…“ Sie bricht verwirrt ab. Denkt an den freien Fall. Den Aufprall. Die Dunkelheit. „Er ist auch gesprungen.“ sagt der alte Mann in ihre Verwirrung hinein. „Wer?“ „Fido. Mein Terrier. Ist im Treppenhaus einer Ratte hinterher gesprungen. Genickbruch. Ich dachte eigentlich er wäre längst zu alt für solche Späße, aber da hat er mich eines besseren belehrt.“ Liebevoll tätschelt er den weißen Grabstein. Sie sieht ihn mit verweinten Augen an. „Woher wissen Sie…?“ sie bricht ab. „Weil ich alles weiß.“ antwortet er etwas pathetisch. „Sind Sie…Gott?“ „Kommt darauf an.“ In der darauffolgenden Stille kann man eine Amsel singen hören. „Bin ich… tot?“ Ihre Frage ist ein leises Flüstern. „Ich fürchte ja, meine Liebe.“ Die junge Frau schweigt. Schweigt lange. Der alte Mann streichelt wieder versonnen über den Grabstein. „Ach Fido.“
„Warum?“ fragt sie plötzlich und ihre Frage klingt zornig, obwohl immer noch Tränen laufen. „Wie bitte?“ „Warum, habe ich gefragt.“ „Was warum, kannst du konkreter werden?“ „Warum ist mir die ganze Scheiße passiert? Warum wollte mir keiner glauben? Warum war niemand da, als ich jemanden gebraucht hätte?“ Zitternd steht sie auf dem kurzgemähten Rasen. Die Sonne scheint ungetrübt auf die beiden herunter. Sanfter Wind raschelt im Laub der Buchen, die den Friedhof umschatten. „Was habe ich dir nur getan?“ fragt sie schluchzend.
Der alte Mann sieht sie traurig an. „Was ist mit deiner Tochter?“ fragt er leise. „Welche Tochter?“ „Na deine Tochter, das wundervolle Wesen, das dich in jedem Augenblick stolz und glücklich macht, an dem du weißt, dass es existiert?“ „Ich habe keine Tochter.“ „Hättest du gehabt, in drei Jahren. Was ist mit deiner Frau?“ fragt er ungerührt weiter. „Was ist das für ein krankes Spiel?“ „Ich spiele nicht, Yvonne, ich stelle dir eine Frage.“ „Ich weiß nicht, welche Frau?“ stottert Yvonne. „Du bist sieben Jahre mit ihr verheiratet. Dann trennt ihr euch.“ „Hören Sie auf damit!“ schreit sie und schlägt sich die Hände vors Gesicht. „Kranker Scheiß, verdammt kranker Scheiß!“
„Das ist kein kranker Scheiß, das ist nur das was ich sehe, wenn ich deinen Weg lese.“
„Ach ja? Das mit der Brücke haben Sie wohl nicht gelesen, wie?“ „Nein, das nicht.“ „Ach und warum nicht?“ „Freier Wille.“ „Aha.“ macht Yvonne und hört auf zu weinen. Schnieft und verschränkt die Arme vor der Brust. „Sie planen also irgendwelche netten Dinge für die Leute und dann kommt der freie Wille und damit sind Sie fein raus aus der Sache?“ „Nein, ich biete nur die Rahmenbedingungen.“ „Welche, fucking, Rahmenbedingungen?“ platzt es aus ihr heraus. „Das Universum.“ antwortet der alte Mann ruhig. Er sieht sie streng an. „Bitte denke über deine Ausdrucksweise nach.“ „Du kannst mich mal.“ faucht Yvonne. „All die Jahre, die ich nach einem Ausweg gesucht habe. All die Male, die ich nach Hilfe gerufen habe. Und nichts ist passiert. Und jetzt sagst du mir, ich hätte ein normales Leben haben können? Mit Frau und Kind und einem kleinen, scheiß Terrier im Vorgarten?“ Ihre Stimme überschlägt sich. „Ist das deine Vorstellung von Moral? Der Zuckerguss für’s tapfere Aushalten? Soll das etwa fair sein?“
„Mein Kind, ich habe dir gesagt, ich stelle nur die Rahmenbedingungen.“ „Scheiß auf die Rahmenbedingungen! Ich reklamiere hiermit das komplette System und warum ist eigentlich dein gottverdammter Hund tot?“ schreit sie mit einem wackeligen Fingerzeig in Richtung Grabstein. „Warum lässt du deinen Hund sterben?“ Ihre Stimme klingt nach neuen Tränen. „Es war nicht meine Entscheidung.“ antwortet er sanft. „Ich habe ihn nicht gemacht.“ „Du hast ihn nicht erschaffen?“ „Er hat sich selbst erschaffen. Ich stelle nur…“ „Nur die Rahmenbedingungen.“ ergänzt Yvonne den Satz. „Genau, mein Liebe.“ Ihr Zorn ist verraucht. Übrig bleiben Verlegenheit, Verwirrung und ein wundervoller Sonnentag auf dem Friedhof. „Es hätte alles anders werden können, wenn ich nicht gesprungen wäre, willst du mir das sagen?“ „Ja.“ „Und jetzt ist es zu spät dafür.“ „Ja.“
Yvonne sieht sich deprimiert um. „Warum sind wir auf diesem Friedhof?“ „Weil ich Fido besuchen wollte.“ „Okay, aber warum bin ich hier?“ „Weil du mich gesucht hast.“ „Und was jetzt?“ Sie sieht ihn ratlos an. „Die nächste Stufe.“ „Welche nächste Stufe?“ „Das musst du schon selbst herausfinden. Grüß Fido von mir.“ Der alte Mann winkt und lächelt sanft, während sich Yvonnes fragende Gestalt im Sonnenschein auflöst. „Ein nettes Mädchen, aber ein fürchterliches Mundwerk.“ murmelt er zu sich selbst, als er langsam über den Kiesweg zu seinem Volvo spaziert.

© sybille lengauer