Archiv für März, 2019

Hätten wir es nur gewusst,
Aber es wusste ja keiner,
Hat niemand etwas gesagt,
Nein, es wurde uns verschwiegen.
Ihr habt alle im Sand gespielt.
Ihr habt alle im Sand gespielt.
Wir haben die Kleider weggeworfen.
Kann man ja nicht mehr anziehen.

Hätten wir es nur geahnt,
Aber es ahnte ja niemand,
Hat keiner was verraten,
Eiskalt haben sie gelogen.
Ihr habt alle die Beeren gegessen.
Ihr habt alle die Beeren gegessen.
Bis in Finnland die Vögel fielen.
Massenweise tot aus dem Himmel.

Hätten wir es nur verstanden,
Aber es verstand ja keiner,
Hat niemand etwas erklärt,
Nein, es wurde nicht geredet.
Ihr habt alle im Regen gespielt.
Ihr habt alle im Regen gespielt.
Der Nachbar hat seinen Hund erschossen.
Kannst ihn ja nicht mehr nach draußen lassen.

Hätten wir es nur begriffen,
Aber es begriff ja niemand.
Hat keiner was erläutert,
Eiskalt haben sie geschwiegen.
Ihr habt alle die Pilze gegessen.
Ihr habt alle die Pilze gegessen.
Bis im Fernsehen die Bilder liefen.
Massenpanik aus heiterem Himmel.

© sybille lengauer

Seelenblätter

Veröffentlicht: März 14, 2019 in Gedichte
Schlagwörter:

(im Frühling)

Recke dich, Blatt,
Strecke dich, statt,
Nur dort zu ruh’n,
Wo der Wintergeist schläft.
Recke dich, Blatt,
Gedeihe machtvoll, anstatt,
Nur ängstlich zu warten,
Ob deine Seele dich trägt.
Recke dich, Blatt,
Sieh dich rundherum satt,
An jener Fülle in der,
Nun dein Knospenherz schlägt.

© sybille lengauer

Goldene Tage.
Kindliche Erinnerungen in zarten Pastelltönen.
Fortgespült im Sog der braunen Gewalt.
Verstummte Gespräche, vergessene Gesichter.
All die toten Menschen.
Und nie wieder, nie wieder,
Kommt die verlorene Zeit.
Ist für immer vernichtet,
Für immer Vergangenheit.

Goldene Tage.
Verstaubte Erinnerungen mit Trauerflor.
Fortgerissen im Strudel der braunen Gewalt.
Zerstörte Familien, zerplatze Träume.
Und all die toten Menschen.
Nie wieder, nie wieder,
Kommt die verlorene Zeit.
Ist für immer vernichtet.
Für immer Vergangenheit.

Goldene Tage.
Anekdoten aus einem verschollenen Land.
Fortgeweht im Sturm der braunen Gewalt.
Verwelkte Lieben, verscharrte Gefühle.
All die toten Menschen!
Kommen nie wieder.
Ihre Tränen.
Ihr Gelächter.
Ihre Lieder.
Nie wieder.
Nie wider.

All die toten Menschen.

© sybille lengauer

„Kannst du auch irgendwas richtig machen?“ Der Oberkellner des kleinen Lokals an der Hauptstraße kneift ärgerlich die Augen zusammen. Bohrt mit einem gekrümmten Zeigefinger in die schmale Brust seines jungen Kollegen. „Du Trottel.“ zischt er leise, damit es die wenigen Gäste nicht hören. Der so Beschimpfte steht nur da, lässt die Tirade über sich ergehen. Hört sie jeden Tag. „Kannst du mir auch eine Antwort geben?“ fragt der Oberkellner gereizt. „Entschuldigung, Herr Grün.“ murmelt der junge Mann betreten. „Ja, ja. Entschuldigung. Mehr fällt dir nicht ein.“ Der Oberkellner Grün schnaubt arrogant die Luft aus der Nase, dreht sich dann um und begrüßt neue Gäste, die soeben das Lokal betreten haben. Seine ganze Haltung ändert sich, die Aggression weicht devoter Milde. „Von forsch zum Frosch.“ flüstert der junge Kellner missmutig, während er sich bückt um die Scherben aufzuheben, die das Donnerwetter ausgelöst haben. „Ach, und Georg?“ ruft der Oberkellner quer durch den Gastraum. „Ja, Herr Grün?“ fragt Georg, der eigentlich Gregor heißt, aber das ist Herrn Grün zu kompliziert. „Nicht kleckern, klotzen!“ Der Oberkellner und die Gäste lachen. Es ist ein altbekanntes Spiel. Gregor nickt ergeben, verschwindet mit den Scherben in der Küche. Kurze Zeit später kommt er mit gewaschenen Händen zurück, kümmert sich weiter um seine Gäste. Achtet darauf, keine weiteren Gläser zu zerbrechen. Ist emsig und freundlich. Wie jeden Tag.

„Kannst du das denn überhaupt?“ Gregor hockt im Schneidersitz auf dem kalten Schlafzimmerboden seiner Freundin. Um ihn herum liegen die Teile des Schrankes verstreut, den er heute für sie zusammenbauen wollte. Klappt nur nicht. Weil Gregor zwei linke Hände hat. Seine Freundin steht mit überkreuzten Armen vor ihm, wippt drohend mit dem Fuß. „Ich habe dir gesagt, dass das auch der Handwerker machen kann. Ich habe dir gesagt, dass ich es gerne von einem Profi erledigen lasse. Du hast gesagt, du kannst das.“ vorwurfsvoll zieht sie einen Schmollmund. Eigentlich soll das niedlich wirken, in Wirklichkeit sieht sie dadurch aber nur aus wie eine besonders durstige Ente. Gregor blickt betreten zu ihr hoch. „Es tut mir leid, Anna.“ sagt er, deutet dabei auf die unzähligen Zettel, die eine Bauanleitung darstellen sollen. „Ich hatte es mir leichter vorgestellt.“ „Ja, ja.“ sagt Anna, dreht sich um und geht erhobenen Hauptes aus dem Schlafzimmer. Gregor zieht ein langes Gesicht, schüttelt resigniert den Kopf und macht sich dann wieder daran, die Bauteile in so etwas wie einen Schrank zu verwandeln. Aus dem Nebenzimmer hört er seine Freundin schimpfen. Wie jeden Tag.

„Kannst du denn gar nichts richtig machen?“ Ärgerlich haut die Mutter mit einer geballten Faust auf den Küchentisch. Teller und Besteck klappern. Gregor sitzt ihr verlegen gegenüber, hält sich an seiner Kaffeetasse fest. Hat seiner Mutter gerade erzählt, dass Anna ihn vorerst nicht mehr sehen möchte. „Bedenkzeit“ hat sie es genannt. „Herzbruch“ nennt es Gregor. „Eine verdammte Schande“ nennt es die Mutter. „So ein nettes Mädchen und was machst du?“ fragt sie und beginnt dabei methodisch, den Frühstückstisch abzuräumen. Klappert ärgerlich mit dem Geschirr. Gregor hält nur weiter die Kaffeetasse fest, lässt die Empörung der Mutter über sich ergehen. „Glaubst du, die Mädchen wachsen auf den Bäumen? Glaubst du, du findest so eine an jeder Ecke?“ „Nein, Mama.“ antwortet Gregor, sieht ihr dabei zu, wie sie energisch den Tisch abwischt. „Es tut mir leid, Mama.“ fügt er hinzu. „Papperlapapp.“ sagt die nur, nimmt ihm die Kaffeetasse aus der Hand. „Mach dich jetzt fertig, sonst kommst du wieder zu spät.“ „Ja, Mama.“ Gregor erledigt seine Morgentoilette, achtet auf ordentliche Kleidung, macht sich dann eilig auf den Weg. Da er trotzdem den Bus verpasst, kommt er zu spät ins Lokal. Wie jeden Tag.

„Und damit bist du draußen.“ begrüßt ihn ein rotgesichtiger Herr Grün schon in der Eingangstür. „Hundert Mal habe ich dir gesagt, dass du pünktlich zum Dienst erscheinen sollst und was machst du? Kommst natürlich zu spät, du Gratin!“ Gregor weiß, dass der Oberkellner eigentlich Kretin meint. Hütet sich davor, etwas zu sagen. „Es tut mir wirklich sehr leid, Herr Grün. Ich bitte Sie.“ „Nichts da.“ entgegnet dieser grob. „Du bist raus. Kannst dir morgen deine Papiere abholen. Und jetzt hau ab.“ Geschlagen zieht Gregor davon. Will nicht nach Hause gehen. Weiß niemanden, den er anrufen könnte. Also kauft er im Supermarkt eine Flasche Rum und setzt sich damit in den Park. Sieht den Spatzen dabei zu, wie sie ihr Spatzendasein leben. Weint ein bisschen. Trinkt ein bisschen. Verzieht angeekelt das Gesicht. Rum schmeckt nicht. „Das ist meine Bank.“ grummelt es neben ihm. Gregor dreht sich um, war ganz in die Betrachtung der kleinen Vögel versunken. Eine uralte Frau steht neben der Bank, stiert ihn durch dicke Brillengläser an. Versinkt in einer bunten, schäbigen Jacke. „Entschuldigung.“ Das Wort schlüpft ganz automatisch aus Gregors Mund. Er will schon aufstehen, um der alten Dame die Bank zu überlassen. Erschrocken fliegen die Spatzen auseinander. „Na, na, ist schon gut.“ winkt die runzelige Alte ab, setzt sich laut schnaufend neben ihn. „Ist Platz genug für uns zwei.“ sagt sie, klopft dabei auf das spröde Holz der Bank. Gregor sagt nichts, schämt sich dafür, dass er an einem Vormittag mit einer Flasche Rum im Park sitzt. „Schwerer Tag, wie?“ Gregor nickt nur. „Schwere Woche sogar?“ Gregor nickt wieder. „Na so was.“ Die alte Frau holt eine abgegriffene Papiertüte aus einer ihrer unzähligen Jackentaschen. Schon fliegen die Spatzen wieder herbei. Versammeln sich hungrig zu ihren Füßen. Wie jeden Tag.

„Ich bin ein Verlierer.“ sagt Gregor plötzlich. Weiß gar nicht, warum er das sagt. „Es tut mir leid.“ setzt er direkt hinzu. Die alte Frau füttert nur weiter die Spatzen, ein kleines Lächeln legt ihr Gesicht in tausend Falten. Gregor seufzt, möchte gerne weiter trinken. Traut sich nicht. Als er aufstehen will um zu gehen, hält ihn die Alte zurück. „Bleib noch ein bisschen.“ sagt sie und Gregor setzt sich wieder hin, weiß sowieso nicht besseres mit sich anzufangen. „Darf ich?“ fragt sie und deutet auf den Rum. Gregor reicht ihr die Flasche, sieht dabei zu, wie sie einen großen Schluck nimmt. Hustend gibt sie ihm den Rum zurück. „Danke, mein Junge. Das tut gut.“ „Gerne.“ Gemeinsam sitzen sie auf der Bank, belagert von Spatzen. Vom Spielplatz weht Kinderlachen herüber. „Ein Verlierer also, aha.“ sagt die alte Frau plötzlich, reißt Gregor aus seinen düsteren Gedanken. „Gibt schlimmeres.“ Gregor zuckt nur mit den Schultern. Trinkt. Der Rum schmeckt schon etwas besser. „Ich kann nicht in einer Sache gut sein.“ seufzt er schließlich, knibbelt lustlos am Etikett der Flasche. „Und?“ fragt die alte Dame zurück, wirft eine handvoll Brot in die Vogelschar. „Die meisten Leute sind in keiner Sache gut. Das nennt sich Mittelmaß. Daraus besteht die Welt.“ „Ich bin zu schlecht für Mittelmaß.“ versetzt Gregor deprimiert. „Na, das ist doch zumindest etwas.“ lacht die Alte und Gregor fühlt Zorn in sich aufsteigen. „Machen Sie sich nicht über mich lustig. Ich bin schon geschlagen genug.“ grummelt er, mutig vom Alkohol. „Würde mir nicht im Traum einfallen. Komm, reich noch einmal herüber.“ Gregor gibt ihr die Flasche. „Danke, mein Junge.“ Eine Minute vergeht, ohne dass ein Wort fällt. Nur die Flasche wird etwas leerer. Beide beobachten die Spatzen. Ein besonders dicker Vogel sichert sich die besten Brotstücke. Wie jeden Tag.

„Es ist überhaupt nicht tragisch.“ Die alte Frau nimmt erneut den Faden des versiegten Gesprächs auf. „Ein Verlierer zu sein, meine ich. Das bildet den Charakter.“ „Ach ja, meinen Sie?“ Gregor hört selbst das Jammern in seiner Stimme. Verabscheut sich dafür. „Wenn du ein Gewinner bist, dann zehrst du auch in schlechten Zeiten von deinem Erfolg. Es ist nicht schwer, weiter zu machen, wenn man schon einmal gewonnen hat. Man weiß ja, wie es geht. Wenn man aber scheitert und es trotzdem immer wieder versucht, dann ist man wirklich mutig. Und den Mutigen gehört die Welt.“ Sie nimmt einen weiteren Schluck aus der Flasche. „Gerade gehörte sie noch dem Mittelmaß.“ versetzt Gregor. „Ist aber auch egal. Ich will einfach nur leben.“ Der Alkohol steigt ihm langsam zu Kopf. „Und was hindert dich daran?“ Die dicken Brillengläser im Gesicht der alten Frau wackeln, als sie erneut lacht. „Ich weiß auch nicht.“ brummt Gregor verärgert. Das Gespräch geht ihm auf die Nerven. Trotzdem bleibt er sitzen, was sollte er auch sonst machen. „Wer Erfolg hat, hat recht.“ zitiert er seine Mutter. „Erzähl das mal den Schweinen.“ kontert die verrunzelte Alte sofort. „Wie bitte?“ „Massentierhaltung.“ sagt sie nur knapp, nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. „Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?“ Gregor fühlt sich wattig im Kopf. „Na, die Massentierhaltung ist doch ein wirtschaftlicher Erfolg, oder?“ „Keine Ahnung.“ „Ja, ist sie. Sehr erfolgreich. Aber richtig ist es trotzdem nicht, frag die Tiere. Thema Altenpflege.“ „Wie bitte?“ Gregor hat Mühe, den Sprüngen der alten Frau zu folgen. „Hoch effizient geführte Unternehmen. Und die Menschen bleiben auf der Strecke. Ist das richtig?“ „Ähm. Nein?“ „Was ist mit den Meeren?“ „Was ist mit ihnen?“ Gregor hat nun völlig den Überblick verloren. „Wir fischen sie leer. Mit riesigen Flotten. Mit Schleppnetzen, so groß, dass ein Jumbo-Jet hineinpasst. Unheimlich Erfolgreich. Und bald sind alle Fische weg.“ „Okay.“ sagt Gregor nur, trinkt sich durch die Unterhaltung und reicht manchmal die Flasche weiter. „Oder Hitler, hast du dir über den schon mal Gedanken gemacht?“ „Schon gut, schon gut.“ unterbricht Gregor den Sermon der Alten. „Was ich damit sagen wollte…“ sie unterbricht sich selbst, nimmt einen weiteren Schluck Rum. „Was ich damit sagen wollte, ist, dass uns ein wenig Versagen manchmal nicht schaden würde. Ein bisschen weniger gut sein. Würde uns allen mal gut tun.“ „Aha.“ macht Gregor nur. Weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Weiß nicht, was er mit sich anfangen soll. Fühlt sich nutzlos. Wie jeden Tag.

„Hast du ein Mädchen?“ fragt die Alte unvermittelt, nachdem sie eine Zeitlang geschwiegen haben. „Nicht mehr.“ antwortet Gregor betrübt. Denkt an Annas weiche Haut. Denkt an das Muttermal hinter ihrem Ohrläppchen, das er so gerne geküsst hat. „Tut mir leid, mein Junge.“ „Mir auch.“ „Hast du Freunde?“ fragt sie. „Natürlich habe ich Freunde. Jeder hat Freunde.“ versetzt er, gereizt vom Rum. „Meine sind alle tot.“ sagt daraufhin die alte Dame und Gregor fühlt sich schlecht, weil er so grob geantwortet hat. „Das tut mir leid.“ murmelt er verlegen. „Ist schon gut, du hast sie ja nicht umgebracht.“ Gregor weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Verlegen zieht er noch etwas mehr Etikett von der Flasche. Zu seinen Füßen untersuchen die Spatzen die Papierfetzen, prüfen, ob sie essbar sind. „Mach dir nichts daraus. Früher oder später gehen wir alle. Das davor ist wichtig.“ „Welches davor?“ fragt Gregor, der nicht richtig zugehört hat. „Na das Leben, Junge.“ Die alte Frau stößt ihm einen Ellenbogen in die Rippen. Gregor lächelt matt. „Füll dein Leben mit Versagen. Füll es mit verlorenen Versuchen. Füll es mit vertanen Chancen. Aber füll es.“ Mit diesen Worten erhebt sich die alte Frau langsam von der Bank. Gregor beeilt sich, ihr behilflich zu sein. „Danke, mein Lieber.“ Sie drückt ihm freundlich die Hand. „Halte den Kopf oben, der Rest wird schon von alleine.“ „Auf Wiedersehen.“ „Wir werden sehen.“ Gregor sieht der alten Frau dabei zu, wie sie langsam den Park verlässt. Die Flasche ist leer, sein Kopf irgendwie auch. Er fühlt sich müde. Beobachtet noch ein wenig die Spatzen, dann macht er sich torkelnd auf den Weg nach Hause. In der Küche findet er einen Zettel von seiner Mutter. Nette Worte sucht er darauf vergebens. Wie jeden Tag.

© sybille lengauer

Und wenn du der Letzte wärst,
Nach all den Milliarden,
Nach dem niemand mehr käme,
Nach dem niemand mehr lebte.
Wer beweinte dich?

„Bitte erwache. Bitte erwache. Bitte erwache.“ Eine weibliche Computerstimme wiederholt monoton ihre Aufforderung. Der alte Mann, der auf dem schäbigen Holzboden der Unterseestation liegt, reagiert nicht. Liegt nur da und sieht tot aus. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet.“ verkündet die eintönige Stimme aus der Wand. Ein kleiner Roboter löst sich von seiner Verankerung, steuert geschickt zwischen verstreuten Messinstrumenten, Notizblockbergen und leeren Flaschen hindurch. Als der Roboter den Mann erreicht, fährt er einen winzigen Greifarm mit Spiegel aus. Justiert ihn unter dessen Nase und wartet. Der Spiegel beschlägt ein wenig. Daraufhin stößt die kleine Maschine einen kreislaufanregenden Duftstoff aus. Verharrt in stummer Ergebenheit. Zeit vergeht. Der Mann bewegt sich nicht. Die undurchdringbare Stille des Ozeans breitet sich in der Unterseestation aus. Vereinzelte Lämpchen blinken an verstaubten Konsolen. Verstärken nur die Dunkelheit. Ein hölzerner Schreibtisch verschwindet unter Bücherlawinen. Das verbeulte Kopfstück einer antiken Taucherausrüstung liegt neben dem bewusstlosen Körper auf dem Boden. Der kleine Roboter piept ratlos. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet.“ kündigt die Computerstimme erneut an. Ein deutlich größerer Roboter löst sich aus seiner Verankerung, schwere Schritte lassen die gläsernen Instrumente im Raum erzittern. Die Notizblockberge kollabieren, zerfallen zu chaotischen Haufen. Eine Weinflasche zerbricht, als sie vom Tisch rollt. Der saure Geruch von Rotwein erfüllt das Zimmer. Kaltes Metall schimmert im spärlichen Lichtschein der Lämpchen. Geschickt hebt der größere Roboter den alten Mann vom Boden auf. Trägt die schlaffe Gestalt zu einem schäbigen Sofa und legt ihn behutsam darauf ab. Verabreicht eine Injektion. Vor dem einzigen Fenster, das einem riesigen Auge gleich in den düsteren Ozean starrt, treiben bleiche Plastiktüten vorbei. Tanzen im unsichtbaren Sog der Meeresströmung. Die beiden Roboter stehen reglos vor dem mottenzerfressenen Sofa. Betrachten den zerbrechlichen Leib, der klein und schutzlos vor ihnen liegt. Sehen hilflos dabei zu, wie das letzte bisschen Leben aus dem fragilen Körper entweicht. „Hilfsmaßnahmen eingestellt.“ ertönt es schließlich aus der Wand. Der kleine Roboter piept sehr leise. Der große lässt einen tiefen, unglücklichen Basston erklingen. Dreht seine kolossale Gestalt langsam um sich selbst und stampft aus dem Raum. Die Stille folgt seinen verhallenden Schritten in lautlosen Wellen. Noch mehr Zeit vergeht. Die Unterseestation schaukelt sanft im Wasser. Die wenigen Lichter, die sie in die Finsternis aussendet, werden von der Unendlichkeit des Meeres verschluckt. Als der große Roboter schließlich zurückkehrt, trägt er ein schimmerndes Gefäß in seinen klobigen Händen. Vorsichtig stellt er es auf den Tisch. Seine riesigen Füße zerstampfen bei jeder Bewegung das zerbrochene Glas auf dem Boden. Der kleine Roboter piept missbilligend. Behutsam hantiert der metallene Riese mit dem Gefäß. Entnimmt ihm seinen kostbaren Inhalt. Befriedigt lässt er sein tiefes Brummen ertönen. „Abschiedssequenz eingeleitet.“ verkündet die körperlose Stimme aus der Wand. Ein antiker Plattenspieler erwacht knatternd zum Leben. Als sich die Nadel auf die zerkratze Schallplatte senkt, klingen Walgesänge aus den staubigen Lautsprechern. In feierlicher Andacht legt der große Roboter eine knospende Rose in die erstarrenden Finger des alten Mannes. Sein sonores Brummen vermischt sich mit den Walgesängen zu einem Lied der Traurigkeit. Die Melodie dringt durch die Station, klingt gedämpft nach draußen, schwingt durch den toten Ozean. Erzählt von einer anderen Zeit. Als das Lied verklingt, erklingt zum letzten Mal die Stimme des Computers. „Selbstzerstörung eingeleitet.“ Die beiden Roboter fahren zurück zu ihren Verankerungen. Warten auf die Implosion. Als die Unterseestation kollabiert, ist niemand da, um es zu sehen.

© sybille lengauer

Rodneys Underground Press. Idee Christoph Kleinhubbert. Mit Texten und Bildern von: Fatima Djamila Wollgast, Helmut Schida, Raul Eisele, Inge Jung, Lars Weylthaar, Jenz Diekmann uvm.