Bob ist ein Arschloch

Veröffentlicht: April 25, 2019 in Kurzgeschichten
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Bob ist ein Arschloch
(Veröffentlicht in DUM Das Ultimative Magazin)

„Bob?“
„Ja, Liebes?“
„Du bist schon wieder so still.“
„Tut mir leid.“
„Du weißt was Doktor Tomalla gesagt hat. Schweigen untergräbt das Fundament unserer Beziehung.“
„Ja, Liebes. Entschuldige. Es war eine lange Fahrt.“
„Möchtest du davon erzählen?“
„Da gibt es nichts zu erzählen.“
„Wir haben uns vier Tage nicht gesehen.“
„Es ist eben nichts passiert.“
„Ach, Bob.“
„Vielleicht sollte ich eine Runde mit dem Hund gehen.“
„Wie du meinst.“
Bob schiebt bedächtig den unangetasteten Teller mit Pellkartoffeln und Sahnehering von sich. Seine Frau lässt ihn dabei nicht aus den Augen. Ihr Blick bohrt sich vorwurfsvoll in seinen massigen Leib, der sich ungelenk hinter dem Küchentisch hervorschält. „Komm, Rocky.“ grunzt Bob und ein dicker Jack Russell Terrier krabbelt freudig aus seinem Körbchen. Der Hund wackelt auf krummen Beinen über den Laminatboden und wedelt dabei sanft mit dem kurzen Schwanz. „Bis später.“ sagt Bob und er hört die Missbilligung in dem kurzen „Bis dann“, das ihm seine Frau hinterherschickt. Schnaufend quält sich Bob die Stufen des Treppenhauses hinab. Der Fahrstuhl funktioniert seit Wochen nicht mehr und Bobs Wohnung liegt im vierten Stock, es ist ein langer Weg nach Unten. Rocky wackelt vor ihm die Treppen hinunter, humpelt gelegentlich, weil seine Jack Russell Kniescheiben aus ihren Gelenken springen. Die schwankenden Hopser des Hundes harmonieren in grotesker Weise mit dem schaukelnden Seegang seines Herrchens. Der Kleine macht drei Sprünge, der Große einen Schritt. Im Parterre befestigt Bob ächzend eine Flexi-Leine an Rockys Halsband, dann verlässt er das Mietshaus, trottet hinter seinem kleinen Hund die abendliche Straße hinunter. Bob ist durstig.

Es ist stockdunkel im vollgepackten Laderaum des LKW. Eine dicke Abdeckplane sperrt die Lichter der Autobahn aus. Das monotone Brummen des veralteten Motors übertönt die geflüsterten Worte der jungen Frau, die zusammengekauert in der schaukelnden Finsternis hockt und leise betet. Mehr bleibt ihr nicht zu tun, sie ist dem Los der Straße ausgeliefert, kommt entweder unentdeckt ans Ziel, oder eben nicht. Und vielleicht helfen ihre geflüsterten Stoßgebete an all die Götter, die gerade zuhören. Wer weiß das schon?

„Noch ein Bierchen, Bob?“
„Gerne.“
„War wieder eine harte Tour, hm?“
„Wie immer.“
„Ändert sich nie was, hm?“
„Genau.“
„Genau.“
Bob nickt zustimmend und reicht sein leeres Glas über den Tresen. Der Wirt der kleine Eckkneipe nimmt es entgegen, füllt am Zapfhahn nach und reicht das volle Glas zurück. Bob lümmelt gemütlich auf seinem Stammplatz an der Theke, Rocky schläft zusammengerollt unter einer Holzbank. Da keine weiteren Gäste in der Kneipe sind, hat der Wirt das Rauchverbot aufgehoben. Immerhin ist er selbst Raucher. Der gläserne Aschenbecher quillt schon ein wenig über, der Tresen war bestimmt schon einmal sauberer, die Schlagermusik aus den billigen Boxen war nie besser oder schlechter als an diesem Abend. Schmalzige Liebeslieder verschmelzen in ihrer eintönigen Beliebigkeit zu immer gleichem Gedudel. Bob wippt mit dem Fuß im Takt, trinkt genüsslich das perlende Bier aus und schmatzt anerkennend. „Noch ein Bierchen, Bob?“ wiederholt der Wirt die ewige Frage. „Nein danke, Franz. Das Bett ruft.“ „Na dann.“ Der Wirt kassiert, man rundet ab unter Freunden. Rocky wird wachgetätschelt und bekommt eine Erdnuss ins Maul geschoben, weil er ein artiges Hundchen war. Genüsslich zerbeißt der Hund die Nuss und Bob sieht ihm zufrieden dabei zu. „Kommst du morgen zum Turnier?“ fragt der Wirt. „Muss arbeiten.“ brummt Bob. „Wirst was verpassen.“ Franz wischt nachlässig mit einem feuchten Tuch über den Tresen. „Ist doch nur Darts.“ Bob zuckt mit den Achseln und legt Rocky die Leine an. Er nickt noch einmal gutmütig dem Wirt zu, schwankt dann aus der schummrigen Eckkneipe und summt den ganzen Weg bis nach Hause ein kleines Lied. Bob ist beschwingt.

Der LKW wird langsamer und die junge Frau hält ängstlich in ihrem Gebet inne. Als der Wagen weiter abbremst und der Motorenlärm schließlich verebbt, schlägt ihr Herz wild gegen ihren verkrampften Brustkorb. Mit schreckgeweiteten Augen kriecht sie tiefer in die Dunkelheit, presst ängstlich die Hände vor den Mund, lauscht angestrengt nach Draußen. Die Geräusche der Autobahn ziehen am LKW vorbei. Autotüren werden zugeschlagen. Stimmen nähern sich. Die junge Frau kann nicht verstehen was sie sagen. Sie spricht die Sprache nicht. Das Gespräch umrundet den Hänger, jemand klopft dabei hart gegen die fest gespannte Abdeckplane. Die Stimmen verweilen am Ende der Ladefläche.

„Nicht.“
„Ach bitte.“
„Ich will nicht.“
„Ach bitte.“
Bob stellt sich das brünette Mädchen aus der Duschgelwerbung vor, während er wohlig das schlaffe Hinterteil seiner Frau massiert. Die liegt steif neben ihm und ist mit seiner betrunkenen Begierde nicht einverstanden. „Du stinkst.“ schmollt sie ins Kissen. „Bitte.“ flüstert Bob. Er rückt näher an ihren desinteressierten Leib, drückt seinen mächtigen Bauch gegen ihren abweisenden Rücken, bedeckt ihren Nacken mit zärtlichen Küssen. „Das kitzelt. Und du stinkst. Hör jetzt auf damit, Robert.“ Unwillig zieht sie sich aus seiner fordernden Umarmung. Das Bild des hübschen Duschgelmädchens zerplatzt. Bob robbt zurück auf seine Seite des Bettes. Enttäuscht stellt er sich vor, wie er seine Ehefrau die vielen Stufen des Treppenhauses hinunterstößt. Danach erwürgt er sie klassisch auf dem Laminatboden der teuren Einbauküche und weil er schon sehr müde ist, stellt er sich schließlich vor, wie er sie einfach mit seinem LKW überrollt. Bob träumt. Er fährt den LKW durch die unzähligen Straßen seiner Erinnerungen. Auf der Fahrt begegnen ihm Gesichter von jungen Mädchen. Unruhig wälzt er sich im Bett hin und her. Das wütende Zischen seiner Ehefrau reißt ihn noch einmal aus den unangenehmen Traumbildern. Zornig verlässt sie das Bett, um auf der Couch zu schlafen. Bob schickt ihr einen bösen Gedanken hinterher, dann denkt er plötzlich an das Geld, das viele, schöne Geld und er fällt in ein bierseliges Koma. Bob ist im Tiefschlaf.

Es rumpelt am Ende des Laderaums. Die Plane wird gelöst. Im Versteck hört man nur stoßweises Atmen, das von leisem Schluchzen unterbrochen wird. Jemand klettert auf die Ladefläche, Paletten werden verschoben. Eine Stimme nörgelt und wird von einer anderen scharf zurechtgewiesen. Der barsche Tonfall versetzt die junge Frau in noch größere Panik. Zitternd kauert sie in ihrem Versteck, beißt sich fest in die weiche Handfläche. Spürt den Druck der Zähne nicht. Sie fühlt nur den eiskalten Abgrund, der sich in ihrer Magengrube auftut.

„Schon wieder die große Tour, Bob?“
„Ja, schon wieder.“
„Bist da drüben ja fast zuhause.“
„Bestimmt nicht, die können nicht kochen.“
„Du alter Charmeur.“
„Deine Steaks sind eben unschlagbar, Conny.“
Bob wischt mit einem Stück Baguette den Fleischsaft vom Teller. Genießerisch kauend lehnt er sich im Sessel zurück. Die strohblonde Bedienung räumt den Teller weg, bringt ungefragt eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. „Danke, Conny.“ Bob kommt jede Woche hierher. Bestellt Steak mit Röstzwiebeln und Spiegelei, dazu ein kleines Bier, vielen Dank. Conny arbeitet seit zehn Jahren in der Raststätte und weiß einen zuverlässigen Esser wie Bob zu schätzen. Der Kaffee geht auf’s Haus. „Herrlicher Apfelkuchen, Conny.“ „Danke, Bob.“ Zufrieden gibt er ein großzügiges Trinkgeld und so bleibt alles in Balance. „Bis zum nächsten Mal.“ verabschiedet sich Bob. Conny winkt freundlich und wendet sich eine schwangeren Kundin zu, die einen Energy Drink kaufen möchte. Bob verlässt das Restaurant der kleinen Autobahnraststätte. Gemächlich schlurft er zu seinem LKW, raucht noch eine Zigarette, bevor er ins Führerhaus klettert und zurück auf die Autobahn fährt. Bob ist wieder unterwegs.

Eine letzte Palette wird verschoben, die Planen um das Versteck rutschen auf den Boden, Kisten fallen polternd um. Licht bricht in blendend grellen Strahlen durch die Finsternis. Ein entsetzter Schrei gellt aus dem Chaos hervor. Herrisch drängt ein Mann in schwarzer Lederjacke durch den Spalt, zwängt sich ins Versteck und vielleicht waren es doch Dämonen, die auf die geflüsterten Stoßgebete der jungen Frau gehört haben. Wer weiß das schon? Der Mann ruft etwas in den vorderen Bereich der Ladefläche. Dann beugt er sich zu der Frau, die verängstigt in der kleinen Nische kauert und schlägt sie mit gezielten Hieben bewusstlos.

„Bist du hungrig?“
„Bisschen“
„Verstehst du Deutsch?“
„Bisschen“
„Möchtest du das haben?“
Bob wedelt mit dem Schokoriegel. Er sitzt lässig auf den Stufen seines Führerhauses und mustert das schüchterne Mädchen mit freundlich blitzenden Augen. „Ficki-Ficki?“ fragt sie mit leiser Stimme und er schüttelt lachend den Kopf. „Nein danke.“ Er wirft ihr den Schokoriegel zu. „Hier, ich hab noch mehr.“ Gierig verschlingt das Mädchen den Riegel. „Mehr?“ fragt er und zaubert einen weiteren aus dem Cockpit des LKW. Das Mädchen fängt den zweiten Riegel und tritt dann misstrauisch einen Schritt zurück. „Ich fahre Grenze.“ sagt Bob ganz beiläufig, während er einen Schokoriegel auspackt und herzhaft zubeißt. Kauend blickt er über den Kopf des Mädchens hinweg, sieht nachdenklich in den Himmel. Die Lichter der Stadt vertreiben die Sterne, doch hier, im Gewerbegebiet, kann man zumindest den großen Wagen erahnen. „Wenn Geld gut, ich dich mitnehmen. Deutschland.“ Bob beißt wieder in den Riegel. Er liebt diesen Geschmack. Das Mädchen mustert ihn skeptisch. „Morgen Abend. Hast du verstanden? Morgen. Abend.“ Sie nickt und hebt bittend die Hände. Bob wirft ihr einen weiteren Schokoriegel zu. Das Mädchen verschwindet in den verschlungenen Straßen des Gewerbegebiets. „Vielleicht sehen wir uns ja.“ murmelt Bob. Dann klettert er zurück auf seinen Sitz, startet den Motor und fährt in die Stadt, um die Ware auszuliefern. Bob ist immer pünktlich.

Der Mann in der schwarzen Lederjacke zerrt die wehrlose Frau aus ihrem winzigen Versteck. „Hilf mir schon.“ zischt er gereizt. Bob eilt an seine Seite. Gemeinsam wuchten sie den ohnmächtigen Körper aus dem Laderaum, tragen ihn zu einem unauffälligen Lieferwagen. „Mann ist die schwer.“ schnauft Bob. „Mach schon auf.“ keucht der Lederjackenmann. Bob lässt die Beine der jungen Frau auf den Asphalt gleiten. Er öffnet die Heckklappe des Lieferwagens und hilft, die Bewusstlose sicher zu verladen. Der Mann in der schwarzen Lederjacke nickt dem Fahrer zu, das Auto startet und fährt vom spärlich beleuchteten Rastplatz. „Warum hilft der eigentlich nie?“ fragt Bob und deutet den verschwindenden Rücklichtern des Lieferwagens hinterher. „Hat es böse im Rücken.“ antwortet der Lederjackenmann. „Wie immer problemlos.“ stellt er zufrieden fest und streckt Bob ein Bündel Geldscheine entgegen. Der nimmt es mit zufriedenem Nicken an. „Immer wieder gerne.“ antwortet er. Man schüttelt sich die Hände, dann klettert Bob zurück ins Führerhaus, während der Mann zu seinem geparkten Mercedes geht.

„Du hast Geld? Pinke-Pinke?“
„Bisschen.“
„Die paar Scheine? Ist das alles?“
„Alles.“
„Zeig mal her.“
Bob klettert aus dem LKW und nähert sich lächelnd dem Mädchen, das am nächsten Abend wieder zu dem LKW-Parkplatz ins Gewerbegebiet gekommen ist. Sie weicht zurück, als Bob näher kommt. Der lacht gutmütig und holt eine Dose Cola-Whiskey aus einer seiner Jackentaschen. „Hier, für dich.“ sagt er. Zögerlich nimmt sie die Dose an, reicht ihm ein paar zerknitterte Scheine. Bob lacht. „Zu wenig.“ sagt er abfällig und gibt die Scheine zurück. Das Mädchen hebt abwehrend die Hände. Sie will das Geld nicht mehr haben. Aus der Tasche ihrer ausgeblichenen Jeans holt sie einen silbernen Rosenkranz. Ihre Augen werden feucht, als sie ihn an Bob übergibt. „Familienerbstück, wie?“ Bob nimmt den Rosenkranz entgegen, tut so, als würde er dessen Gewicht abschätzen. „Na gut.“ brummt er schließlich. Das Mädchen atmet erleichtert auf. „Komm, wir haben nicht die ganze Nacht.“ Bob führt sie zum Laderaum seines LKW. Er versichert sich, dass niemand auf der Straße zu sehen ist, dann hebt er die Plane hoch und klettert mit dem Mädchen ins dunkle Innere. Mit einer Taschenlampe leuchtet er den Weg zum Versteck. Als sie vorsichtig in die enge Nische kriecht, glänzt ihr Haar, wie das des Mädchens aus der Duschgelwerbung. Bob leuchtet ihren schlanken Körper ab. Steht in der diffusen Dunkelheit und bewegt sich nicht. „Du willst gerne nach Deutschland, nicht wahr?“ fragt er schließlich sanft. „Ficki-Ficki?“ fragt sie resigniert. „Bisschen.“ antwortet er und öffnet den Reißverschluss seiner Hose. Bob ist Pragmatiker.

Die Leitung ist frei, das Handy stellt knackend eine Verbindung her. Bob sitzt am Steuer des LKW, fährt über die glatt asphaltierte Autobahn und wartet, dass sein Geschäftspartner ans Telefon geht. Als der sich endlich meldet, ist seine Stimme flüssiges Gold. „Bob, mein Bester, schön dich wieder zu hören!“ „Freut mich auch.“ brummt Bob. „Hast du gute Nachrichten für mich?“ „Höchstens Dreizehn.“ antwortet Bob. „Ausgezeichnet.“ freut sich der Mann am Telefon. „Gleiche Zeit, gleicher Ort.“ sagt Bob. „Wunderbar.“ Das Gespräch ist beendet. Bob steuert den LWK weiter über die Autobahn. In der gemütlichen Wärme des Cockpits fühlt er sich ein wenig schläfrig. Er kurbelt das Fenster einen Spalt breit herunter, lässt die kalte Nachtluft herein. Dann sucht er einen Radiosender, der guten, alten Schlager spielt und pfeift schief mit, als er ein Lied erkennt.

© sybille lengauer

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