Archiv für Juni, 2019

Es sah aus wie eine leuchtend weiße Blume, die zwischen den Sternen erblühte. Es besaß sechs hell glänzende Blütenblätter, die silbrig schimmerten und sich bei Anbruch der Nachtphase, wenn die rote Sonne hinter Uruks mächtigen Ringen verschwand, zu einer tränenförmigen Knospe schlossen. Von einem Augenblick zum andern war es zwischen unseren Geschwisterplaneten erschienen und wir wussten nicht, was seine Ankunft bedeuten sollte. Gebannt beobachteten wir das Verhalten der Erscheinung und stellten endlose Berechnungen an, um das Phänomen zu erklären. Wir fanden heraus, dass der hellgelbe, kugelförmige Mittelpunkt der rätselhaften Sternenblume einen Durchmesser von 3,764 Centren besaß, was ungefähr dem Durchmesser von Paregas zweitem Mond Preton entsprach. Die Länge eines Blütenblattes belief sich auf unfassbare 11,292 Centren. Eine Analyse der Flugbahn brachte uns zu dem Schluss, dass es sich zwingend um ein beseelt agierendes Objekt handeln musste. Übertragungen von Parega meldeten, dass ihre Astronomen zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt waren. Man teilte uns mit, dass der „Rat-der-vereinten-Ozeane“ beschlossen hatte, die jungfräuliche Raumkapsel „Fließende-Hoffnung 1“ zu der geheimnisvollen Sternenblume zu entsenden, um seine mysteriöse Herkunft zu ergründen.
In den Jahrzehnten vor der großen Zerstörung waren außerordentliche Erfolge erzielt worden, um den ersten Hautkontakt zwischen unseren Geschwisterplaneten herzustellen. Jahrhundertelang hatten Forscher auf Uruk und Parega nach einer Möglichkeit gesucht, die unvorstellbare Distanz zu überwinden, die zwischen unseren Planeten lag, jahrhundertelang waren sie an der Aufgabe gescheitert. Die Anziehungskraft von Uruk wirkte extrem stark und war mit den schwachen Verbrennungsmotoren unserer Zivilisation kaum zu überwinden. Hinzu kam, dass die Strahlung, die von Uruks gewaltigen Ringen ausging, einen ungeschützten Astronauten in wenigen Stunden tötete. Das extreme Magnetfeld unseres Heimatplaneten bewahrte uns vor den Auswirkungen der massiven Strahlung, allerdings konnten wir uns nicht erfolgreich gegen sie wappnen, wenn wir den schützenden Einflussbereich unseres Heimatplaneten verließen. Die komplexe Unterwassertechnologie der Pareger ermöglichte zwar in der Theorie ein überdauern in der tödlichen Strahlung, war aber zu unausgereift, um in der praktischen Raumfahrt Anwendung zu finden und zu fremdartig, um mit unseren Ideen kompatibel zu sein. Fünf Jahre vor der großen Zerstörung, gelang es einem wissenschaftlichen Team auf Parega schließlich eine Forschungskapsel zu konstruieren, die in der tödlichen Wüstenei des Weltalls überdauern und gleichzeitig der vernichtenden Ringstrahlung Uruks trotzen konnte. Fieberhaft suchten wir in diesen Jahren nach einer Möglichkeit, unseren potentiellen Besuchern ein Überleben in der enormen Gravitation Uruks zu ermöglichen. Wir setzten alles daran, unsere planetaren Geschwister endlich auf unserer Heimat willkommen heißen zu können. Das Eintreffen der Sternenblume änderte diese Pläne von Grund auf.
Die „Fließende-Hoffnung 1“ startete acht Monate vor der großen Zerstörung, an Bord befanden sich die beiden Astronauten Xhiä-Atem-des-Wasserläufers und Löha-Stimme-der-Meeresbrandung. Gebannt fieberten wir vor unseren Empfängern, als die paregesischen Übertragungen vom erfolgreichen Start der Raumkapsel berichteten. Über viele Wochen hinweg folgten wir dem Signal der „Hoffnung“ mit unseren Radioteleskopen und unseren Gebeten. Jede Nacht wandte sich unser Blick zu der geheimnisvollen Blütenknospe im Himmel und immer fragten wir uns, was in ihrem Inneren vorgehen mochte. Als das Ortungssignal der „Fließende-Hoffnung 1“ zwei Tage vor dem errechneten Kontakt mit der Sternenblume erlosch, machte sich eine große Betroffenheit unter uns breit. Hilflos warteten wir auf ein erneutes Signal und mit jeder verstreichenden Stunde stieg unsere Frustration. Es war ein namenloser Amateur-Sterngucker, der uns am späten Nachmittag des zweiten Tages darauf hinwies, dass sich das Zentrum der Blüte zu verändern begann. Eine genaue Beobachtung unabhängiger Teleskope bestätigte seine Sichtung. Natürlich gingen wir davon aus, dass die Veränderung im Kern der Sternenblume und der Signalabbruch der Raumkapsel in direkter Verbindung standen, doch über das, was dort oben wirklich vor sich ging, konnten wir nur wilde Spekulationen anstellen. In dieser Nacht schloss sich die gewaltige Blüte im Himmel nicht, als die rote Sonne hinter Uruks eisigen Ringen verschwand. Ihr kugelförmiges Zentrum pulsierte in unregelmäßigen Abständen, während die Blume langsam begann, sich um ihre eigene Achse zu drehen. Heute vermuten wir, dass Xhiä-Atem-des-Wasserläufers und Löha-Stimme-der-Meeresbrandung zu diesem Zeitpunkt aufgenommen und verändert wurden. Damals gingen wir von einer erfolgreichen Kontaktaufnahme aus, auch wenn wir uns in unserer Freude vorsichtig zeigten. Jeder Schritt, den wir in diesen Tagen gingen, fand auf unbekanntem Terrain statt, wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Zwanzig Stunden später erlosch das Pulsieren des Blütenzentrums und die Sternenblume begann sich langsam zu schließen. Kurz darauf empfingen wir plötzlich wieder das Ortungssignal der „Hoffnung“, das mit dem Code für ihre Erfolgreiche Rückkehr versehen war. Vier Monate lang folgten wir mit wachsender Ungeduld dem immergleichen Signal auf seinem langen Weg nach Hause. Monate, in denen die gewaltige Blüte im Himmel verschlossen blieb und wie eine undurchsichtige Träne auf uns herabfunkelte.

Meiner eigenen Auffassung nach beginnt die Vernichtung von Parega mit der letzten Nachricht, die von den Bewohnern dieser verlorenen Welt an uns gesendet wurde. Die Übertragung, die von der jungen Wissenschaftsassistentin Janji-Traum-der-Strömung stammte, berichtete von zwei entstellten Leichen, die aus der gelandeten „Fließende-Hoffnung 1“ geborgen worden waren. Der Kontakt zu Parega brach wenige Minuten später vollständig ab. Alle Augen, alle Ohren Uruks richteten sich auf unseren Geschwisterplaneten, doch kein Laut drang mehr durch die Stille des Weltraums zu uns. Fassungslos beobachteten wir durch unsere Teleskope, wie sich der saphirblaue Wasserplanet, dessen Anblick uns so vertraut und lieb war, in wenigen Stunden in eine fremde Welt verwandelte. Die satten Blautöne seiner gigantischen Ozeane verschwanden unter dunklen Schlieren, die wir als Wolken interpretierten. Gewaltige Stürme schienen auf der Planetenoberfläche zu toben und unsere empfindlichen Messgeräte erfassten enorme Blitze, die tief ins Weltall geschleudert wurden. Sieben Tage tobten die alles verschlingenden Unwetter über Parega hinweg und das tiefgrüne Antlitz, das sich am achten Tag unseren Augen präsentierte, erinnerte nicht mehr im Entferntesten an unseren Geschwisterplaneten. An diesem Morgen öffnete sich die Sternenblume und präsentierte unseren Teleskopen ihr mondgroßes Innerstes in strahlend leuchtendem Grün. Anmutig reckten sich ihre schimmernden Blütenblätter dem Licht unserer roten Sonne entgegen. Wir analysierten noch die Daten, die von unseren zahlreichen Satelliten zurück an die heimischen Stationen gesendet wurden, als mein Empfänger die erste Übertragung erhielt, die uns von der Oberfläche des grünen Planeten erreichte. Die Nachricht bestand aus drei einfachen Worten: „Ich werde sein.“ Ihre Bedeutung war jedoch alles andere als einfach. Ich leitete die Übertragung umgehend weiter, übergab die Entscheidung, ob wir auf die Botschaft reagieren sollten, in fähigere Hände. Während ich noch auf eine Antwort wartete, trafen von ganz Uruk Meldungen ein, dass Übertragungen mit den Worten „Ich werde sein.“ von Parega empfangen worden waren. Manche Stationen entschieden Eigenständig und reagierten direkt auf die Nachricht. Sie sendeten Fragen, oder riefen die vertrauten Namen ihrer Freunde. Doch alle erhielten nur die eine Antwort. „Ich werde sein.“ Drei Tage lang sendete Parega unablässig die Botschaft, über deren Inhalt sich unsere besten Denker die Köpfe zermarterten. Drei Tage, in denen sich die Sternenblume jeden Morgen zur Sonne hin öffnete und zum Abend wieder verschloss. Drei Tage, in denen wir uns in jeder Minute fragten, was mit unseren Brüdern und Schwestern auf Parega geschehen war. Am dritten Tag, zur Mittagsstunde, zeichneten alle Empfänger Uruks ein und dieselbe Nachricht auf. Sie lautete: „Ich bin der Same, der aus der Stille erkeimt, ich bin das Saatkorn, das in der Leere erblüht, ich bin das beständige Wachsen. Ich werde gedeihen, unter allen Himmeln. Ich werde sprießen, immerdar.“ Sekunden später traf ein grellgrüner Strahl aus dem Zentrum der Sternenblume den äußersten Rand unserer planetaren Ringe. Ich kann das maßlose Entsetzen nicht beschreiben, das unser Volk erfasste, als wir mitansehen mussten, wie sich jener Strahl durch das Ringsystem Uruks fraß und es unwiederbringlich zerstörte. Es gab nichts, das wir hätten tun können. Mit fatalistischer Niedergeschlagenheit werteten wir Satellitendaten aus, berechneten die Geschwindigkeit, mit der die Ringe zerfielen und lauschten den Worten, die von Parega zu uns drangen. Erst als wir ein Ortungssignal empfingen und begriffen, dass sich die „Fließende-Hoffnung 1“ auf den Weg zu unserem Planeten gemacht hatte, erwachte in uns allen ein Gefühl des melancholischen Aufbegehrens. Wir wollten nicht ungehört in der Dunkelheit verlöschen, wir wollten nicht unbeachtet untergehen, verschlungen von einer Lebensform, deren Zweck es war, sich unendlich auszubreiten. Wir wussten, dass die „Fließende-Hoffnung 1“ sechs Monate benötigen würde, um Uruk zu erreichen und wir wussten auch, dass wir jede Minute benötigen würden, um eine Raumkapsel nach ihrem Vorbild zu konstruieren. Ein Schiff für einen tapferen Piloten, um die Stimmen eines untergehenden Volkes aus ihrem Heimatsystem zu geleiten und ein letztes Aufflackern unserer verlöschenden Zivilisation zu den Sternen zu tragen. Eine „Letzte-Hoffnung“. Dies ist meine Geschichte vom Untergang unserer Geschwisterplaneten Parega und Uruk, die sich in friedlicher Koexistenz den Platz um ihr strahlendes Muttergestirn teilten, bis sie vernichtet wurden, von einer unbekannten Spezies. Das Archiv enthält noch unzählige weitere Berichte, die die Ereignisse rund um unsere Zerstörung beschreiben und die vielleicht hilfreich sein können, andere Zivilisationen in den unbegreiflichen Weiten der Galaxis vor unserem Schicksal zu bewahren. Es enthält außerdem alle historischen Aufzeichnungen von Uruk und Parega, Gedichte, Lieder, Mythen und Sagen, die wir aus unseren Kulturen zusammentragen konnten.
Mein Name ist HarZyä-Eisenfresser und ich war ein Freund, ein Vater, ein Bruder und ein Individuum. Vielleicht gleichen meine Gedankengänge ein wenig den Deinen, vielleicht sind wir grundverschieden wie Stein und Wasser. Doch wer auch immer du bist, der du diese Nachricht empfängst, sei wachsam und Überlebe. Ich wünsche dir viel Glück.

„Ist das etwa alles, was auf der verdammten Platte ist?“
„Ja, das Ding ist scheinbar voll mit Nachrichten dieser Art.“
„Scheiße. Diese Bergung ist ein totaler Reinfall!“
„Hm. Vielleicht springen irgendwelche Historiker-Heinis von der imperialen Fakultät darauf an.“
„Gut, nehmen wir sie eben mit.“
Vorsichtig löst Pan-Tasch den Entschlüsselungs-Generator von der uralten Festplatte, die sie aus dem Wrack der halb zerstörten Raumkapsel geborgen hat. Schin-Dschi steht mit gerunzelter Stirn neben ihr, seine stacheligen Schulterpanzer füllen das winzige Landedeck des kleinen Frachtschiffes unangenehm aus. Verächtlich starrt er durch die aufgeschweißte Luke in das Innere der verbeulten Kapsel.
„Was machen wir mit der verdammten Mumie?“
„Keine Ahnung, vielleicht stehen die Historiker ja auch darauf.“
„Das Teil sieht vergammelt aus. Ist bestimmt schimmelig oder so.“
„Dann vakuumier es doch endlich. Herrgott nochmal. Muss ich dir heute alles vorkauen?“
Schin-Dschi setzt zu einer ätzenden Gegenbemerkung an, überlegt es sich dann aber anders. Achselzuckend schießt er einen Strahl Vakuumierflüssigkeit auf den eingetrockneten Körper, der in einem verrottenden Pilotenstuhl ruht.

© sybille lengauer