Archiv für September, 2019

GeldGeil (Schreigedicht)

Veröffentlicht: September 18, 2019 in Gedichte
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GeldGeil

Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld?
Geil!
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld?
Geil!
Geldgeil.

Geld!
Weil es nicht stinkt.
Pecunia non olet.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Ah.
Geil.
Geld!
Weil ich es mir leisten kann.
Schimmelig Geld macht edel.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Oh.
Geil.
So…
Geldgeil.

Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil!
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil!
Geldgeil.

Geld!
Weil es die Welt regiert.
Money makes the world go round.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Hm.
Geil.
Geld!
Weil es das Spiel entscheidet.
Zeit ist Geld und hopp mein Kind.
Geil, geil, geil, geil,
Geil, geil, geil, geil.
Geld – Geil.
Mh.
Geil.
So…
Geldgeil.

Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil?
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld – Geil, geil, geil,
Geld!
Geil?

Geldgeil.
Geldgeil.
So…
Geldgeil.

© sybille lengauer

Die Valentinskarte
(Das große Seufzen)

„Das ist ein klarer Fall von Stalking, Luise!“
„Ach, Liebling.“
„Hör mir auf mit deinem ‚Ach, Liebling‘. Er war vor unserer Haustür! Verstehst du nicht, was das bedeutet?“
„Es bedeutet gar nichts. Er ist erst acht, Liebling.“
„Er ist ein verdammter Labormutant, es interessiert mich nicht, wie alt er ist.“
„Frederick!“
„Ach, wenn es doch wahr ist.“
Missmutig lässt Fred ein rosarotes Kuvert auf den Wohnzimmertisch fallen. Eine bunt glitzernde Karte rutscht ein kleines Stück heraus, zornig versetzt er ihr einen Stoß mit dem Zeigefinger. Unter dem tadelnden Blick seiner Ehefrau sinkt er in seinen Lieblingssessel, die Hitze der Auseinandersetzung lässt ihn kurzatmig schnaufen. Fred wiegt ein paar Kilo zuviel, doch es mangelt ihm an jener vielgerühmten Gutmütigkeit, die man gemeinhin rundlichen, rotbackigen Weihnachtsmann-Gestalten wie der seinen unterstellen mag. Frederick Siebert ist unter den geröteten Wangen und dem wallenden Rauschebart ein miesepetriger Geselle. „Ich wünsche nicht, dass er sich vor unserem Haus herumtreibt.“ knurrt er gereizt und verschränkt demonstrativ die massigen Arme vor der Brust. „Das kannst du ihm nicht verbieten, Liebling.“ sagt Luise und es klingt wie ein langes Seufzen. Auch wenn sich unter ihrer mausgrauen Erscheinung ein weiches Herz verbirgt, Luises Wortschatz ist schnell erschöpft. „Und wie ich das kann. Du wirst schon sehen.“ schnaubt Fred, dann wendet er sich beleidigt dem Fernseher zu.
„Ach, Liebling.“ seufzt Luise Siebert.

*

„Karsten, kommst du bitte mal her?“
„Gleich, Mama!“
„Sofort, Karsten!“
„Ja-ha, Mama.“
In einer typisch deutschen Einbauküche, die in ihrer monotonen Einfallslosigkeit jedem beliebigen Billigkatalog entsprungen sein könnte, wartet Karstens Mutter am überladenen Küchentisch. Ärgerlich beobachtet sie einige Fruchtfliegen, die in chaotischen Bahnen über runzligen Äpfeln im Obstkorb kreisen. Da ein herbeizitierendes „Sofort“ von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich aufgefasst werden kann, wartet Rita Schwalmbach fast zwei Minuten, bis Karstens dunkler Wuschelkopf endlich in der Küchentür erscheint. „Was’nlos, Mama?“ fragt der Junge mit dem freundlichen Allerweltsgesicht. „Setz dich, Karsten.“ fordert Frau Schwalmbach in bemüht neutralem Tonfall und deutet auf den freien Stuhl neben sich. „Bin ich in Schmierigkeiten, Mama?“ Karsten weiß um die belustigende Wirkung seines Sprachfehlers. Der Junge beobachtet das Gesicht seiner Mutter genau und findet ein Lächeln, das sie nicht unterdrücken kann. Erleichtert setzt er sich zu ihr an den Tisch. „Deine Lehrerin hat angerufen, sie bittet mich zu einem Gespräch in die Schule. Hast du mir etwas zu sagen, Karsten?“ Die Mutter beobachtet das Gesicht ihres Sohnes genau und findet Schuldbewusstsein, das er nicht verbergen kann. Rita Schwalmbach lehnt sich aufmerksam nach vorn. Karsten rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her, sein rundliches Gesicht ist ganz blass geworden. „Keine Ahnung, Mama.“ „Wirklich? Du hast keine Idee?“ fragt seine Mutter mit schmalen Augen. Der Junge schrumpft unter ihrem bohrenden Blick in sich zusammen, bis er vom Stuhl zu rutschen droht. „Setz dich ordentlich hin!“ mahnt Rita Schwalmbach gereizt. Karsten ruckelt sich auf dem Stuhl zurecht, er zieht den Kopf zwischen die Schultern und schweigt mit hochroten Ohren. „Ich erfahre es sowieso morgen Nachmittag.“ setzt ihm die Mutter mit drohendem Tonfall zu. „Also sag es mir lieber jetzt gleich.“ „Ich hab gar nichts gemacht! Wirklich!“ entfährt es Karsten schrill, dann versinkt er wieder in schmollendem Schweigen. Rita Schwalmbach lässt ihren Sohn noch ein wenig unter ihrem strengen Mutterblick schmoren, dann bricht sie verärgert ab. „Wie du meinst. Geh jetzt auf dein Zimmer.“ Karsten lässt sich aufatmend vom Stuhl gleiten und ist schon fast bei der Tür hinaus, als seine Mutter noch einmal das Wort an ihn richtet.
„Und Karsten?“
„Ja, Mama?“
„Medienverbot, bis ich weiß, was du ausgefressen hast.“
„Oh, Mann.“ seufzt Karsten.

*
„Guten Tag, Frau Schwalmbach.“
„Guten Tag, Frau Overberg.“
„Schön, dass Sie es einrichten konnten.“
„Natürlich, worum geht es?“
„Bitte, nehmen Sie Platz.“
Rita Schwalmbach folgt der freundlichen Aufforderung, Karstens Lehrerin deutet auf eine Wasserflasche und zwei Gläser, die auf dem Lehrerpult bereitstehen. „Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“ fragt die junge Frau mit unsicherem Lächeln. „Nein, Danke. Vielen Dank.“ lehnt Rita Schwalmbach ab, sie lässt ihrerseits ein kurzes, nervöses Lächeln aufblitzen und hält sich an ihrer Handtasche fest. „Nun…“ Frau Overberg räuspert sich und sucht nach den passenden Worten. Sie sitzt steif hinter dem Lehrerpult, ihr Blick wandert unruhig zwischen der Wasserflasche und Rita Schwalmbachs fragendem Gesicht hin und her. Es scheint ihr nicht leicht zu fallen, einen Einstieg in das Gespräch zu finden und so schenkt sie sich ein Glas Wasser ein, um noch etwas Zeit zu gewinnen. „Es geht um eine Beschwerde. Die Angelegenheit ist unserer Schule sehr unangenehm, deshalb wollte ich Sie lieber persönlich sprechen…“ stolpert sie in ihrem Anliegen voran. „Was hat Karsten angestellt?“ unterbricht Rita Schwalmbach, die nun ernstlich besorgt ist. „Er hat eine Valentinskarte an seine Turnlehrerin, Frau Siebert, geschrieben.“ sagt Frau Overberg und schlägt die Augen nieder. Rita Schwalmbach schüttelt den Kopf und fährt sich dann verärgert mit der Hand durch die Frisur. „Ja und? Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass ich mir extra Freigenommen habe, nur weil mein Sohn eine Valentinskarte an seine Turnlehrerin geschrieben hat, oder?“ „Frau Siebert ist eine Anhängerin der fundamentalistischen Bewegung. Ihr Mann ist erster Vorsitzender im Verein ‚Natürlich gegen Gene-Splicing‘. Er hat beim Direktor eine schriftliche Beschwerde wegen Stalking und Hausfriedensbruch eingereicht.“ Die Worte der jungen Lehrerin fallen wie schwere Steine auf das unselige Gespräch. Rita Schwalmbach reißt die Augen auf und lehnt sich betroffen in ihrem Stuhl zurück. „Oh.“ sagt sie nur und ihre Stimme klingt merkwürdig hohl. Dann herrscht Stille. „Er kann doch gar nichts dafür.“ murmelt sie schließlich nach einer Minute des Schweigens, mehr zu sich selbst, als zur Lehrerin. Die nickt auch nur verständnisvoll und bleibt weiterhin still. „Es war eine Wahrscheinlichkeit von 80%. Wissen Sie, was das bedeutet? Er Schwerbehindert und ich Alleinerziehend? Er ist doch genauso ein Mensch wie alle anderen!“ Rita Schwalmbach bricht ab, sie ist den Tränen nahe. „Es tut mir leid.“ flüstert Karstens Lehrerin, doch seine Mutter schnaubt nur abwehrend, sie blinzelt die aufsteigenden Tränen weg und erhebt sich schroff. Unter ihrem eisigen Blick versinkt die junge Lehrerin beschämt hinter dem Pult. „Ich werde mit Karsten sprechen.“ sagt Rita Schwalmbach und ihre Stimme klingt hart wie Stein. „Danke, Frau Schwalmbach.“ seufzt Frau Overberg.

© sybille lengauer

Die Alien-Entführung

Veröffentlicht: September 12, 2019 in Kurzgeschichten
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Die Alien-Entführung

Hätte ich mir ja denken können, dass das kein gutes Ende nimmt. Ging ja immerhin um mich und nicht um irgendwen. War also eigentlich schon vorprogrammiert, das Elend. Aber naja. Am Anfang ist man natürlich erst einmal elektrisiert, wenn man von Aliens entführt wird und wer will es mir verdenken, immerhin lebe ich seit vier Jahren in diesem Drecksloch, ohne dass etwas nennenswertes passiert ist. Bisschen persönliche Tragödie, bisschen Krankheit und Schicksalsschlag, aber mehr hat sich nicht getan, seit ich in diese öde Gegend gezogen bin. Früher, da war mehr los. Drogensucht, Spielsucht, Arbeit verzockt, Familie versoffen. Abwärtsspirale vom Feinsten. Aber seit es mich in dieses namenlose Kaff verschlagen hat, ist eigentlich gar nichts mehr passiert. Außer, naja. Sie wissen schon.
Bis dann, neulich Nacht, die Entführung. Wahnsinn. Ich auf der Couch, die Aliens vor dem Fenster und über allem ein helles Leuchten. Als hätte das Wohnzimmer einen Heiligenschein. Und totenstill dabei, wie in diesen verdammten Stummfilmen. Ich hab mich fast eingeschissen, im ersten Moment. Stehen ja nicht jeden Tag die Aliens vor deinem Fenster. Und freundlich aussehen geht auch anders. Mit diesen schwarzen Dreiecksaugen und den winzigen, verkniffenen Mündern. Sehr unsympathisch, jetzt so in der Retrospektive. Sehr unschön, die Alienphysiognomie. Da kann man sich schon erschrecken. Aber dann. Naja. Ich hab mich eigentlich gefreut, dass endlich wieder was passiert. Immer nur auf der Couch und fernsehen, das versüßt keinen Lebensabend. Also hab ich sie hereingebeten, so mit Gesten. Ganz freundlich. Die Aliens sind zügig ins Haus gekommen, war ihnen wahrscheinlich auch nicht geheuer, so vor dem Fenster zu lungern. Wie gewöhnliche Spanner. So perverse. Standen dann in meinem Wohnzimmer herum, wie bestellt und nicht abgeholt und ich frage jetzt Sie, was denkt man sich eigentlich dabei, zigmillionen Kilometer durch das All zu fliegen, nur um sinnlos in jemandes Wohnzimmer herumzustehen. Kann mir auch keiner erklären. Aber egal. Standen die also in meinem Wohnzimmer. Ich, ganz Botschafterin der Erde, fahre Likör auf und all das. Man muss ja schon etwas anbieten, ist ja hoher Besuch. Aber die Aliens, ganz Abstinent, wollten gar nichts, haben immer nur mit ihren Drei-Finger-Händen gedeutet, Danke nein. Da denke ich mir, wenn die sich zu fein sind, meinen guten Kirschlikör zu trinken, lasse ich mich auch nicht entführen. Kommt ja schon einer groben Beleidigung gleich, wenn man nicht einmal einen kleinen Willkommensschluck mit den Einheimischen genießt, oder. Ich also beleidigt, zeigte ihnen den Finger, aber die Aliens, auch nicht besser, antworteten gleich mit Waffengewalt. Was soll ich sagen. Die hatten diese eigenartigen Knarren, sahen ziemlich billig aus, wie diese Plastik-Laserpistolen aus der Kinderwerbung. Hab ich erstmal nicht ernst genommen, die Dinger. Bis sie meinen Fernseher pulverisiert haben. Dann war da mehr Respekt. Ich also den Kirschlikör vorsichtshalber eingesteckt, man will ja keinen Stress riskieren. Hab mir natürlich noch ein Schlückchen gegönnt, bevor es dann losging, aber nur ein bisschen. Dem Anlass angemessen.
Jetzt aber, das Schiff. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. War eigentlich eine riesige Enttäuschung. Nicht größer als ein normales Einfamilienhaus und mindestens genauso langweilig. Schwebte ein paar Meter über der Erde und sah belanglos aus. Kein Funkeln, keine Lichter, kein Farbspektakel. Nur ein bisschen schweben. Die Rolltreppe war ganz spannend, das will ich nicht bestreiten, die Fahrt hat wirklich Spaß gemacht. Aber dann, im Schiff. Die nächste, große Pleite. Kein Blinken, kein Blitzen, nur dunkle Gänge und diese Stille, die ging mir da schon gewaltig auf die Nerven. Ich also, schon ziemlich enttäuscht, dachte mir, was soll da jetzt noch kommen. Kam dann auch nicht mehr viel. Von der Alienkönigin kann ich kaum etwas erzählen. Die war ein wenig größer als die anderen, sah aber auch nicht besser aus. Wir trafen uns in einer Art Planetarium. Sie zeigte huldvoll auf irgendwelche Sterne und Planeten, alles in 3-D. Ich hab natürlich nichts verstanden, aber was hatte sie auch erwartet. Standen wir eben herum und starrten die Planeten an. Ich weiß nicht, wie lange. Wurde dann auch langweilig. Also trank ich noch ein Schlückchen und bot auch ihr etwas an. Ich wusste es ja nicht besser. Dass sie dann so explodierte. Ich weiß nicht. Hätte wirklich keiner ahnen können. Am Anfang war alles noch ganz friedlich, sie nahm die Flasche und setzte an. Ich war ganz perplex, was so eine Alienkönigin schlucken kann. Aber dann. Es war ein Trauerspiel. Sie platzte wie eine Seifenblase. Das war schon ein Anblick. Danach war natürlich die Hölle los. Die Aliens, völlig außer Rand und Band. Rannten herum wie kopflose Hühner. Sammelten die Teile ihrer Königin zu kleinen Häufchen zusammen, man kann es sich nicht ausdenken. Und alles in dieser Stille. Irgendwie abartig. Ich bin dann zurückgegangen, die nahmen ohnehin keine Notiz mehr von mir. Hab die Rolltreppe genommen und mich wieder in mein Haus verkrümelt. Zur Sicherheit die Tür abgesperrt und die Jalousie heruntergelassen. Man weiß ja nie. Aber sie kamen nicht wieder, flogen einfach auf und davon, was soll ich sagen. Ich weiß nicht einmal, ob es eine richtige Entführung war. Ich meine. Naja. Keine Experimente und so. Auf meiner Seite. Aber sie haben schon ihre Erfahrungen gemacht, wenn man es so betrachtet. Und ich habe jetzt keinen Fernseher mehr. Den haben sie ja pulverisiert, den haben die nicht ersetzt. Aber gut. War ja ein Geben und Nehmen. So gesehen. Dass sie uns jetzt den Krieg erklärt haben. Ich bitte Sie. Schon irgendwie überzogen, oder. Andererseits. Hätte ich mir ja denken können, dass das kein gutes Ende nimmt…

© sybille lengauer

Hingenagelt
(Erinnerung an die Krebszeit)
(Gedichtform)

Da lag ich nun.
Hingenagelt an die Diagnose.
Las und schwieg, schrieb nicht, litt und las.
Sprach wenig über das, was mich bewegte.
Und wer will schon, ja, wer will schon?
Ist doch alles dieses Übel,
Überall schon,
Tausendmal ist es passiert.
Was sollt‘ ich reden?
Konnt‘ ohnehin nur flüstern.
Übte Logopäden-Sprech.
Mein Ba-Ba-Ta-Ta-Pa-Pa krächzte,
Immer an der Wand lang.
Doch nirgendwo ein Ausgang.
Es genügte!
Wenn das Innerste sich hüllte,
In Schichten, Schuppen, panzerdick.
Und sich mit Worten füllte.
Den ungesagten, ungeschrienen,
Ungekreischten, ungenierten Sätzen.
Die sich ballten in der Flut.
Verhallten in der Ebbe.
Das hört nicht mal der Kater.
Und nirgendwo ein Meer in Sicht,
Nur Regenwolken, himmelweit.
Doch Wasser immerhin.
Denn, wo kämen wir denn hin,
Der Hoffnung zu versagen?
Die allumher verkündet ward:
Mit guten Heilungschancen.
Also lag ich da,
Hingenagelt an die Diagnose,
Las und schwieg, schrieb nicht, litt und las.
Dachte lange über das, was mich bewegte.
Doch wer will schon, ja, wer will schon?
Ist doch alles dieses Übel,
Überall schon,
Millionenmal ist es passiert.
Was sollt‘ ich brennen?
Konnt‘ ohnehin nur knistern.
Übte Logopäden-Sprech.
Mein Ha-Ha-Ma-Ma-Oooo-Oooo schabte,
Immer an der Welt lang.
Doch nirgendwo ein Eingang.
Es genügte!
Dass das Innerste sich hüllte,
In Wälle, Mauern, ziegeldick.
Und sich mit Stimmen füllte.
Den ungesagten, ungeschrienen,
Ungekreischten, ungenierten Liedern.
Die sich ballten in der Flut.
Verhallten in der Ebbe.
Das stört nicht mal den Kater.
Und nirgendwo das Meer in Sicht.
Nichts anderes als Regen.
Doch, wo kämen wir da hin,
Der Hoffnung zu versagen?
Die allumher verkündet ward,
Mit besten Herzenswünschen.
Kein Mottospruch der Welt ist ein Geschenk.

© sybille lengauer

Die Trennung

„Wir sollten uns trennen.“ sagte er und brach in Tränen aus.
Ich kann es nicht genau erklären, aber ich empfand tiefe Erleichterung, als er diese Worte aussprach. Monatelang war er um unsere Beziehung herumgeschlichen, hatte sich mit lausigen Vermeidungstaktiken vor Gesprächen gedrückt – oder gar nicht mehr den Weg nach Hause gefunden. Monatelang war ich gegen seine Mauer aus Schweigen gerannt, hatte mich mit lausigen Lügen abspeisen lassen – oder gar keine Fragen mehr gestellt. Bis jegliche Zirkulation erstarb und sich nichts mehr regte in dieser endlosen Todeszone, zu der unsere Ehe geworden war.
Doch an jenem Abend saßen wir uns am zerkratzen Küchentisch gegenüber und die Lethargie zerriss. Endlich kam es zu einer Entladung und die erdrückende Schwere, die auf mir gelastet hatte wie die bleierne Schwüle vor einem Gewitter, fuhr von meinem Herzen direkt in den Fußboden hinein. Ich hatte das Gefühl kleine Funken zu schlagen, als ich ihm eine Packung Taschentücher reichte und nach seiner Affäre fragte. Er weinte noch mehr und ich erinnere mich nicht genau, was dann gesprochen wurde, doch es waren sicherlich keine harten Worte, wir sprachen angemessen freundlich zueinander. Denn so sollte man sich auf einer Beerdigung verhalten, während man zu Grabe trägt, was man einst stürmisch geliebt und woran man sich später innig gewöhnt hat. Bis man sich, im eintönigen Lauf der Jahre, schließlich entwöhnt hat und alles zu liebloser Gewohnheit wird, aber das merkt man meistens erst, wenn es zu spät ist. Denn sie entwickelt sich ja schleichend, diese ominöse Liebe und manchmal verpasst man die Entwicklung und endet an einem zerkratzen Küchentisch.
Später an jenem Abend, als ich auf der Couch saß und in die Stille lauschte, als die freudlose Leere sich zu mir setzte und die vielen Wenns, Abers und Vielleichts sich zu einer endlosen Prozession aufreihten, die glockenschlagend und krakeelend durch mein Gehirn zog, da überrollten auch mich die Tränen. Aber meine erste Empfindung war tiefe Erleichterung, in die sich leise das Gefühl eines Abschieds für Immer mischte.

© sybille lengauer

Die T-Rex-Frau

Es war an einem jener grauen Regentage, die ob ihrer trüben Belanglosigkeit nicht im Gedächtnis verhaften, als Karoline H. beschloss ein besseres Leben zu träumen. Ihr altes Leben lag vor ihrem inneren Auge ausgebreitet und wirkte unter dem freudlos sezierenden Blick ihrer Unzufriedenheit spröde und abgetakelt, ganz so wie ihre arbeitsrauen Hände, die, wie zum Gebet gefaltet, in ihrem breiten Schoß ruhten. Während ein steter Westwind dunkelgraue Wolkenmassen über den kränklich blassen Himmel trieb und dicke Regentropfen gegen das geschlossene Wohnzimmerfenster warf, schaute Karoline H. enttäuscht auf ihren öde daliegenden Lebensweg zurück, der aus einer unglücklichen Ehe, eintöniger Arbeit, einer unschönen Scheidung und noch mehr eintöniger Arbeit bestand und den sie schließlich kopfschüttelnd mit folgenden, stoßweise geflüsterten Worten beschrieb: „Es ist ein einziger Jammer.“ Begleitet wurde dieses traurige Bekenntnis von einem herzensschweren Seufzer, der sich quälend langsam Karolines Kehle entrang und genauso in der lieblos dekorierten Wohnung verklang, wie ihre geflüsterten Worte. Und so saß sie da, fast Fünfzig, mit ergrautem Haar, ausweglos der Resignation ergeben und erstarrt in frustrierender Untätigkeit, bis sie plötzlich, mit der Heftigkeit eines Hirnschlags, die Einsicht traf, dass nichts so zu bleiben hatte, wie es bis jetzt gewesen war. Karoline H. erhob sich schwer atmend von ihrer abgesessenen Couch, stieß die hornhautgelben Füße vehement in die bereitstehenden Plüschbommel-Hausschuhe und schlurfte eilig zum geschlossenen Fenster. Kaum angekommen, riss sie es sperrangelweit auf, sie achtete nicht auf den unliebsamen Regen, der ihr kalt ins Gesicht prasselte, ignorierte den scharfen Wind, der ihre Frisur durcheinander wehte, breitbeinig stand sie da und grinste. „Heute ist ein herrlicher Tag für ein Abenteuer!“ rief Karoline H. in den menschenleeren Hinterhof ihrer Wohnsiedlung, dann schloss sie das Fenster mit einem lauten Knall und schlurfte, unverständliches murmelnd, in ihr dunkles Vorzimmer. Vielleicht war es ein Glück, dass niemand zugegen war, ihre eigentümliche Veränderung zu beobachten, vielleicht war es eine Tragödie, niemand weiß das zu sagen. Unter lautem Rumoren schlüpfte sie an der ordentlich sortierten Garderobe in ihren karierten Herbstmantel, auf Schuhe beschloss sie zu verzichten, Karoline war seit ihrer Kindheit nicht mehr barfuß im Regen spaziert. Die Plüschbommel-Hausschuhe stellte sie sorgsam neben der Eingangstür ab, dann verließ Karoline H. auf bloßen Füßen ihre kleine Wohnung. Kaum hatte sie das Treppenhaus mit seinen kalten, glatten Fliesen betreten, da liefen erste Schauer durch ihre Fußsohlen bis ins Rückenmark hinauf und sie kicherte wie ein junges Mädchen im Ferienlager. Die leisen, tapsenden Geräusche, die ihre nackten Füße auf den Steinen erzeugten, klangen kinderweich in ihren Ohren. Am Fenster des Treppenhauses blieb sie kurz stehen, um erneut nach draußen in den Hinterhof zu sehen. Dem neutralen Auge des unvoreingenommenen Beobachters wäre kein nennenswertes Detail aufgefallen, das sich aus dem Treppenhausfenster präsentiert hätte, doch Karoline H. stieß ein begeistertes Jauchzen aus. „Eine Pfütze!“ Erstaunlich behände eilte sie die verbliebenen Stufen hinab und im Nu war sie im bedrückend seelenlosen Hinterhof verschwunden, der einer verkrüppelt gewachsenen Birke und ein paar Mülltonnen als schimmelträchtige Heimstatt diente. Karoline schritt vorsichtig über den rissigen Asphalt, der an vielen Stellen von den Wurzeln der Birke aufgebrochen war und achtete auf spitze Steinchen, die in ihrem Weg lagen. Sie spürte die kalte Berührung des Regens auf ihrem Haar, fühlte die Unnachgiebigkeit des harten Bodens unter ihren Füßen. Vor der großen Pfütze, die sie aus dem Treppenhausfenster erspäht hatte, blieb sie kurz stehen, dann trat sie ein paar Schritte zurück, nahm etwas ungelenk Anlauf und sprang mit einen spitzen Schrei mitten hinein. Wasser spritzte in alle Richtungen und Karoline H. lachte aus vollem Herzen. „Was machen Sie da?“ Dass die Stimme zu einem Jungen von höchstens sieben Jahren gehörte, tat der Missbilligung in seinem Tonfall keinen Abbruch. „Rennen und Ball Spielen verboten. Steht auf dem Schild. Da.“ Der zerzaust wirkende Junge, der betont lässig im gegenüberliegenden Hauseingang lehnte, deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ein Schild neben den Mülltonnen und maß Karoline H. mit tadelndem Blick, doch die zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. „Das gilt nur für Kinder.“ sagte sie in leicht überheblichem Tonfall und der Junge legte stirnrunzelnd den Kopf schief, als er über ihre verblüffende Antwort nachdachte. Seine hellen Augen musterten den durchnässten Mantel und die aufgeweichten, nackten Füße der ältlichen Dame, die, wie er wusste, zum Nachbarhaus gehörte und sein Gesicht zeigte die ernsten Züge angestrengten Denkens. „Das ist aber nicht fair.“ vollendete er schließlich laut seinen komplizierten Gedankengang und Karoline H. beschloss einzulenken. „Kinder unter Aufsicht eines Erwachsenen sind ebenfalls von der Regel ausgenommen.“ „Wirklich?“ „Aber ja. Spiel ruhig ein bisschen, wenn dir danach ist.“ Ein normaler Junge hätte nun vielleicht lieber Reißaus genommen, als sich von einer verrückten, alten Frau zu einem Spiel im Hinterhof auffordern zu lassen, doch ein normaler Junge wäre auch nicht an diesem ganz und gar unterdurchschnittlichen Regentag alleine im Hinterhof gewesen und so trat dieser Junge nicht die Flucht an, sondern einen Schritt nach vorn. „Was spielen wir?“ fragte er und klang ganz unbewusst wie ein professioneller Pokerspieler, der sich an einem gut besuchten Tisch im Kasino nach der Variante des Spiels erkundigte. „Texas Holdem.“ grinste Karoline H. und sah im selben Moment den Witz an die Unwissenheit des Siebenjährigen vergeudet, ratlos stierte er durch den Regen und zitterte ein wenig, als der Wind unter seine dünne Jacke fuhr. „Ist dir kalt?“ fragte Karoline in einem Anflug von erwachsener Fürsorglichkeit. „Vielleicht.“ antwortete der Junge und schlang die Arme um sich. „Dann spielen wir Dinosaurier, dabei bewegt man sich ordentlich.“ beschloss Karoline, die sich an ihre Kindheit erinnerte und an das große Dinosaurier-Buch, das ihre damalige Vorstellung von den Riesenechsen geprägt hatte. „Wie geht das?“ fragte der Junge interessiert. „Du stellst dir vor ein Dinosaurier zu sein und dann läufst du herum und bist der Dinosaurier.“ versuchte sich Karoline in einer Erklärung, doch sie konnte selbst hören, wie langweilig das klang. „Hm.“ grunzte der Junge mit berechtigter Skepsis. „Pass auf, ich zeige es dir. Ich bin jetzt ein mächtiger T-Rex.“ Karoline H. trat feierlich aus der Pfütze und stapfte mit behäbigen Schritten durch den Innenhof. Sie krümmte ihren Rücken zu einem Buckel, zog die Arme an den Oberkörper und krümmte die Hände zu verbogenen Klauen, die sie vor ihre Brust drückte. Ihr Gesicht wurde zu einer bösartigen Grimasse mit gefletschten Zähnen und sie grollte bedrohlich, während sie den kleinen Hof durchquerte. „Ruar. Ruar-uar. Ich bin der König der Echsen. Hörst du, wie mächtig ist brülle? Ruar!“ dröhnte der gewaltige T-Rex. „Und was bin ich?“ fragte der Junge mit einem kleinen Hauch von Begeisterung in seiner Stimme. „Keine Ahnung, denk dir etwas aus.“ knurrte der mächtige Tyrannosaurus hinter den Mülltonnen. „Okay, ich bin Dragoran!“ rief der Junge nun mit tatsächlicher Begeisterung und stieß ein wildes Fauchen aus, doch der gefräßige Schrecken der Saurierwelt wandte sich mit einem Kopfschütteln zu der kleinen Gestalt im Regen um und knurrte: „Unfug, so einen Dinosaurier gibt es nicht.“ „Dragoran ist kein Dino, er ist ein Pokemon. Er ist voll supermächtig und kann brutale Sachen und…ich will Dragoran sein oder ich spiele nicht mit.“ Der Tyrannosaurus musterte den widerspenstigen Jungen aus zusammengekniffenen Echsenaugen, dann zuckte er mit seinen aberwitzig kleinen Schultern und zeigte ein grauenvoll zahnreiches Lächeln. „Ist in Ordnung, du kannst dieser Dragomir sein.“ „Dragoran.“ verbesserte der Junge beleidigt. „Dann eben so.“ Der riesige T-Rex schüttelte einen dicken Regentropfen von seiner schuppigen Schnauze und beobachtete den kleinen Jungen, der sich auf die Zehenspitzen stellte, wild mit den Armen wedelte und fauchende Geräusche ausstieß. „Hyperstrahl!“ brüllte der pummelige Drache, der plötzlich wie eine dicke, birnenförmige Taube über der verkrüppelten Birke flatterte und eine Mülltonne explodierte in einem heftigen Feuerstoß. „Meine Güte!“ kommentierte der Tyrannosaurus anerkennend und wedelte mit seinen Ärmchen in der Luft, um ein Klatschen anzudeuten. „Ich kann auch Erdbeben.“ erklärte der untersetzte Drache stolz und der Boden im Innenhof begann heftig zu schwanken. „Oder Orkan. Ich bin voll supermächtig…“ „Das erwähntest du bereits.“ „…und kann brutale Sachen.“ „Auch davon habe ich gehört.“ „Soll ich noch einmal den Hyperstrahl machen?“ Der T-Rex nickte und das Pokemon wandte sich begierig einer weiteren Mülltonne zu, die beinah augenblicklich in einem grellen Feuerstrahl explodierte. Dragoran stieß ein zufriedenes Grunzen aus, seine Flügel peitschten die Zweige der Birke hin und her. „Wirklich nicht übel.“ brummte der König der Dinosaurier zufrieden und stieß ein schauerliches Brüllen aus, in das der großmächtige Dragoran heulend einstimmte.
„Justin-Marcel? Justin-Marcel! Was, verdammt nochmal, treibst du da unten?“ Eine grelle Frauenstimme biss sich hartnäckig durch die Szenen des fantastischen Innenhof-Abenteuers, Dragoran landete ungeschickt neben den schwelenden Überresten der Mülltonnen und blickte mürrisch zu einem geöffneten Fenster im vierten Stock hinauf. „Nichts, Mama!“ rief er mit der zarten Stimme des kleinen Justin-Marcel. Verstohlen zwinkerte er dem Tyrannosaurus zu, der sich mehr schlecht als recht unter der Birke verborgen hielt und Grimassen schnitt wie ein ertappter Eierdieb. „Für Nichts machst du einen scheiß Lärm. Komm jetzt rauf, du hast Hausaufgaben!“ Der mürrische Ausdruck im Gesicht des Drachen verschärfte sich, das mächtige Pokemon schnaubte enttäuscht und ließ schlapp die Flügel hängen. „Ist gut, Mama.“ rief Justin-Marcel zu dem offenen Fenster empor, das kurz darauf energisch geschlossen wurde. „Ich muss gehen.“ sagte der Junge, der zwischen den Mülltonnen im Regen stand, zu Karoline H. „Ich weiß.“ antwortete die Frau mit den grauen Strähnen im Haar. „Sehen wir uns vielleicht morgen?“ fragte Justin-Marcel und es klang fast wie eine Bitte. „Vielleicht.“ „Wie heißt du überhaupt?“ bohrte Justin-Marcel weiter, nur um noch nicht gehen zu müssen, abwesend wischte er sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Karoline.“ entgegnete die Frau, die eben noch ein Dinosaurier gewesen war. „Dann bis vielleicht morgen, Karo!“ Justin-Marcel verabschiedete sich mit einem knappen Kopfnicken, bevor er im Hauseingang verschwand. Karoline H. stand barfuß neben der riesigen Pfütze und fühlte der kindlichen Energie hinterher, die mit Justin-Marcel den Innenhof verlassen hatte. „Morgen ist wieder ein herrlicher Tag für ein Abenteuer.“ versicherte sie sich selbst, als sie den Innenhof verließ und ächzend die vielen Treppen zu ihrer Wohnung erklomm, um in dicke Wollsocken zu schlüpfen, heißen Kakao zu trinken und schließlich zufrieden vor dem Fernseher einzuschlafen…

© sybille lengauer