Libellen

Veröffentlicht: Oktober 9, 2019 in Geschichten oder so ähnlich
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Libellen

Es war heiß an jenem Sommernachmittag. Unerträglich heiß. In der Dachgeschosswohnung staute sich die staubgeschwängerte Luft, über vierzig Grad maß das Thermometer. Im Draußen war es nur geringfügig besser, die Hitze stand in den Straßen, brütete über dem Asphalt, flirrte auf den Dächern. Aus den Gullys quoll der Gestank stehenden Abwassers, in den Schwalbennestern vertrockneten die frischgeschlüpften Küken und am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen. Unablässig brannte die grellweiße Sonne auf das Land nieder, welk und verdorrt vegetierte die Natur unter ihrer schonungslosen Brennglasliebe.
Ich briet schlapp auf dem Sofa. Lag in meinem Schweiß und dachte an Eisberge. Schneetreiben, Eiszapfen, kalbende Gletscher. Hundeschlittenrennen, Arktisexpeditionen, Elchjagd im hüfthohen Schnee. Eisschollen, die der Sturm über Wasser treibt. Wasser… Fließendes, kühlendes, allumschmeichelndes Wasser. Ich dachte an den Fluss, der sich nur wenige Kilometer entfernt durch die Landschaft schnitt. Dachte an die Steine an seinem Ufer, unter denen sich kleine Fische vor hungrigen Kormoranen verbargen. Dachte an Flusskrebse, die sich gegen die Hitze im Sand vergruben. Ich war noch nicht fertig mit den Gedanken, da saß ich auf dem Fahrrad und fuhr. Quer durch das Dorf, vorbei an den Wiesen, die nichts mehr vom frischen Grün des Frühlings in sich hatten. Über die große Kreuzung, die lange Gerade zur Brücke hin und da roch ich ihn bereits, diesen satten, tiefdunklen Duft des Wassers. Ein Fluss riecht anders als ein See. Ein See riecht anders als ein Meer. Und jedes Meer riecht wiederum anders. Aber all diesen Düften ist gemein, dass das Herz höher schlägt, wenn man sich ihrer bewusst wird. Es ist ein Urverlangen, das einen zum Wasser hin treibt. Ich beschloss mich unter der Brücke niederzulassen. Sie würde Schatten spenden und mich vor neugierigen Blicken verbergen. Ich stieg ab, überquerte die Straße und schob das Rad den Deich hinunter. Totes Gras knisterte unter meinen Füßen, im stahlblauen Himmel riefen sich die Lachmöwen schmutzige Witze zu. Und weiter vorne, der Fluss. Still fließend, von Weiden gesäumt, von Libellen umschwärmt, gemächlich zum Rhein hin ziehend. Millionenfach reflektierten seine Wellen das Sonnenlicht, sein Glitzern blendete mich auf dem Weg nach unten. Im Schatten der Brücke, ein erstes, erleichtertes Aufatmen. Das monotone Dröhnen der Autos, die hoch über meinem Kopf in Richtung Stadt donnerten, der vorwurfsvolle Schrei des Graureihers, der sich durch meine Ankunft gestört fühlte, das leise Rauschen des Flusses, das von einer unendlichen Reise erzählte, alles floss zusammen, vereinte sich zu einer Melodie, die jede Faser meines Selbst tanzen machte. Ich warf die überflüssige Kleidung von mir, lästige Fetzen durchschweißten Stoffes, die sie waren, vergeudete ich keinen zweiten Gedanken an sie. Vorsichtig suchte ich meinen Weg durch die tückische Uferbefestigung. Tastete barfuß zwischen angeschwemmtem Totholz und verschlungenen Baumwurzeln, glitt über rutschige Felsen und kantige Steine zum Fluss hin. Bis dann, endlich. Fließendes, kühlendes, allumschmeichelndes Wasser. Ich versenkte mich darin. Löste mich auf und entstand neu als frei atmendes, schwerelos gleitendes Wesen, formlos in der kalten Strömung treibend. Federleicht und endlich befreit vom lähmenden Griff der Sonne, die ihre Feuerarien erbarmungslos auf das Land hinabbrüllte. Erlöst schwamm ich zurück ans Ufer, um nach einem bequemen Stein zu suchen. Im Fluss zu sitzen, das Tagwerk der Fische, Insekten und Vögel zu verfolgen und nichts weiter zu tun zu haben, als große und kleine Gedanken in immer weiteren Kreisen zu zerdenken. Es gibt keine bessere Art die Lebenszeit zu vergeuden. Also saß ich da, glücklich im Fluss, schaute mich satt und träumte den Libellen hinterher, die das Grün der Uferböschung umschwärmten. Wäre es nicht wunderbar, wenn sich eine von ihnen auf mich setzte? Sich vielleicht auf meinem großen Zeh niederließe und dort, sanft mit ihren dunkelblauen Flügeln schlagend, für einen Augenblick verweilte? Also reckte ich das linke Bein aus dem Wasser und wartete. Schaute auf meine aufgeweichten Zehen, die in der Wärme rasch zu trocknen begannen. Hörte den Kanadagänsen hinterher, die sich schnatternd auf einer Sandbank einfanden. Spürte den sanften Wind, der lautlos über den Fluss strich. Ich wartete und wartete, bis mir das Bein schwer wurde. Doch die Libellen setzten sich nicht. Sie flogen um mich herum, ließen sich auf Gräsern, Ästen, Blättern und Steinen nieder, landeten auf der bloßen Erde oder angeschwemmten Muschelschalen,sie setzten sich auf alles, nur nicht auf mich. Ein wenig enttäuscht ließ ich das Bein zurück ins Wasser gleiten. Es hätte mir gut gefallen, dieses Bild der blauen Libelle auf meinem großen Zeh. Doch man kann nicht alles haben. Vielleicht zuckte ich ein wenig mit den Schultern. Vielleicht wackelte ich etwas mit dem Kopf. Welch kleine Bewegung es auch gewesen sein mag, sie ließ den Libellenschwarm auffliegen, der sich unbemerkt auf meinem Haar niedergelassen hatte. Unzählige, dunkelblau geflügelte Libellen waren ruhig auf meinem Kopf gesessen und ihren Libellenträumen hinterhergehangen, bis ein kleines Zucken meines Körpers sie von ihrem Platz verscheuchte. Und ich sah ihnen hinterher und verstand den magischen Moment. Sie hatten sich nicht auf meinen großen Zeh gesetzt, sie hatten mich gekrönt.

© sybille lengauer

Kommentare
  1. reinerart sagt:

    „Herr Eigenmann bringt es auf den Punkt – ich bin auch nicht enttäuscht von dem Text – ich habe jedes Wort langsam auf der Zunge und im Gehirn wirken lassen wie einen besonderen Likör oder besseres – bedeutungschwanger, manche. Das Ende, der Höhepunkt der Geschichte ist schön, friedlich und stimmt mich friedlich. Erwartet habe ich, dass dich ein Spanner tötet oder du ertrinkst. Falsch gedacht. Geschichten können auch friedlich enden.“

  2. Sehr sprachkräftige Texte hier, Kompliment! W.E.

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