Achtundsechzig

Veröffentlicht: Februar 13, 2020 in Geschichten oder so ähnlich
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Achtundsechzig

Da lagen wir also und rissen schlechte Witze über den Krebs. Wahrscheinlich, um flüsternde Ängste zu besiegen. Vielleicht aber auch, weil wir es konnten. Sie, weißer Hautkrebs. Ich, Schilddrüsenkarzinom. Wir beide, kurz vor der Operation und definitiv High von der „Alles-Egal-Pille“, die man uns zur OP-Vorbereitung gegeben hatte. Zwei erwachsene Frauen von ganz unterschiedlicher Herkunft und Geschichte, die das Zufallsrad des Lebens zu Krebskumpaninnen im Krankenzimmer gemacht hatte und die sich nun mit schwarzem Humor die Zeit vertrieben.
Wir lästerten gerade episch über den verdammten Sechser im Krebslotto, der uns aus heiterem Himmel in den Schoß gefallen war und gackerten wie Teenager über Murphys Gesetzt, als sich die Tür öffnete und eine dritte Patientin ins Zimmer geführt wurde. Große Ernsthaftigkeit umgab ihre gebeugte Person, ihr Gesicht drückte Schmerz und Verbitterung aus und es folgte ihr eine Stille, die die Seele berührte. Sie setzte sich umständlich auf das freie Krankenbett, rückte ihren weiten Bademantel zurecht und begann damit, der Krankenschwester Anweisungen zu diktieren, wie der externe Waschraum vorzubereiten sei, damit sie „dejektieren“ könne. Ich wusste mit dem Wort nichts anzufangen, erfasste jedoch, dass es sich um keinen angenehmen Vorgang handelte. Ich sah die schmerzerfüllte Schwere ihrer Bewegungen und die unnatürliche Färbung ihrer Haut, ich hörte den ungeduldigen Ton in ihrer Stimme und fühlte diffusen Respekt vor einer Situation, die ich nicht verstand. Kurze Zeit später verließ die Krankenschwester das Zimmer und eine Ordensschwester in dunkelblauem Habit betrat den Raum, anscheinend hatte sie im Flur gewartet, nun ging sie zügig ans Bett der alten Dame und setzte sich in einen Besuchersessel. Ich war neugierig, erwartete Gebete oder salbungsvolle Worte, doch die Frauen sprachen in vertrautem Ton über die unzähligen Operationen, die bereits hinter der gequälten Patientin lagen. Siebenundsechzig Operationen hatte sie nun schon durchgemacht und es sah nicht danach aus, als würde die achtundsechzigste endlich die letzte sein. Die alte Dame sah während des Gespräches mit leerem Blick aus dem Fenster, ihren Worten entströmte tiefe Resignation, die den Raum bis zum Ersticken füllte. Ich lag bedrückt in meinem Krankenbett, fühlte mich betroffen und grün hinter den Ohren, wie ein dummes Schulmädchen. Es war ein Gefühl, als wäre ich im Meer zu weit nach Draußen geschwommen und plötzlich über einen gewaltigen Abgrund geraten, den ich zwar nicht sehen, aber umso besser fühlen konnte. Über mir noch der strahlend blaue Himmel. Doch tief, tief unter mir, Finsternis, Kälte und Tod. Ich tauschte unsichere Seitenblicke mit Weißer Hautkrebs, die still in ihrem Bett lag und sehr blass geworden war. Und ich spürte die Angst, die nun kein leises Flüstern mehr war, sondern eine laut tosende Bedrohung, die nach desinfizierter Hoffnungslosigkeit und langsamem Sterben roch.

© sybille lengauer

Kommentare
  1. Zuletzt gibt es nur noch das Akzeptieren und die Hoffnung wird zu einem winzig kleinen, allmählich verglimmendem Licht.

  2. steinegarten sagt:

    eine stimmung, die ich mit beklemmung gelesen habe, aber nie erleben möchte ….

  3. Studio Glumm sagt:

    Wer beim Schreiben sein Herz in die Hand nimmt… schön.

  4. Echt packend geschrieben, man kann die Stimmung im Raum förmlich fühlen …

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