Archiv für Oktober, 2020

Koma
(Eine Liebesgeschichte)

Wie jeden Dienstag Nachmittag, pünktlich um 15:30, bugsiert Herbert Zimmermann seinen großen braunen Lederkoffer durch die breite Eingangstür des städtischen Krankenhauses, begrüßt den rundlichen Portier mit freundlichem Nicken und quält sich, langsam aber unaufhaltbar, den schier endlos langen Gang zu den Fahrstühlen hinunter. Dort steht er dann, geduldig wartend, milde lächelnd, während ihn der hektische Krankenhausalltag umspült, wie schäumendes Wasser einen verwitternden Felsen. Eine Fahrstuhlkabine öffnet sich mit lautem ‚Bing‘, speit eine Patientin mit Gipsfuß und ihre plaudernden Besucher ins Erdgeschoss, Herr Zimmermann nickt wieder freundlich, lächelt vage in alle Richtungen und wartet höflich, bis er mit seinem Koffer einsteigen kann. Dann drückt er den Knopf für die Neurologische Station und lächelt erneut, diesmal einer alten Dame im Rollstuhl entgegen, die grob über seine Schuhspitze rollt, als sie unbeholfen an seinem Koffer vorbei in die Kabine manövriert. „Auch nach oben?“, fragt er in liebeswürdigem Tonfall, doch sie gibt keine Antwort, drückt nur energisch den Knopf für den dritten Stock und kneift die Lippen fest aufeinander. Herbert Zimmermann nickt verständnisvoll und sagt nichts mehr. Sein Lächeln verblasst zu einer nebelhaften Andeutung, bis er die Neurologische Station erreicht, wo es erneut erblüht. Wieder muss er den schweren Koffer einen endlos langen Gang hinunterschleppen, zu Zimmer 703. Schnaufend verharrt er endlich vor der Tür des Einzelzimmers. Fährt mit den Fingern geübt durch sein schütter werdendes Haar, um die von den Strapazen in Unordnung geratene Frisur zu glätten, dann räuspert er sich, klopft respektvoll und tritt ein. Emilie Zimmermann liegt unbewegt in einem elektrischen Pflegebett, ihr magerer Körper wird eingerahmt von strahlend weißer Bettwäsche. Mit halbgeöffneten Augen starrt sie zur hellgrün gestrichenen Wand gegenüber. Für Herrn Zimmermann wirkt Emilie Zimmermann in dieser Bettwäsche wie eine hauchdünne, blassrosa schimmernde Kamelienblüte, die über die lange Zeit in diesem Krankenzimmer so fragil geworden ist, dass sie fast durchsichtig erscheint. Apallisches Syndrom nennen die Ärzte ihren Zustand, Dornröschenschlaf nennt es Herr Zimmermann, wenn er manchmal mit anderen Menschen darüber spricht. Umständlich stellt er jetzt den braunen Lederkoffer in eine freie Ecke des Zimmers, dann rückt er einen Besucherstuhl neben das Bett und nimmt lächelnd Platz. Auf dem Beistelltisch steht eine dampfend heiße Tasse Hagebuttentee für ihn bereit, Schwester Dorothe war so freundlich, wie jeden Dienstag Nachmittag.
„Hallo, mein Engel. Du siehst heute wieder zauberhaft aus.“ Herbert Zimmermann greift behutsam nach ihrer schmalen Hand, die in den Falten der makellosen Bettwäsche ruht. Glatt und kühl fühlt er diese Hand unter seinen warmen Fingern liegen. Herr Zimmermann schließt für einen kurzen Moment die Augen und fühlt einer Liebe hinterher, die tief bis unter die Haut geht. Nur zögerlich lässt er Emilies Hand wieder los, dann seufzt er leise, steht auf und macht sich zielstrebig daran, den Inhalt des Koffer auszupacken. „Unser heutiges Abenteuer führt uns über die Alpen, mein Liebling“, erklärt er feierlich, während er einen zweiten Besucherstuhl an das Bett heranrückt, um darauf einen alten, knallroten Kassettenrekorder abzustellen. Danach entnimmt er dem Koffer einen mattschwarzen Diaprojektor, den er gekonnt auf dem Beistelltisch platziert und mit Strom versorgt. Herbert Zimmermann richtet den Projektor zur Wand gegenüber aus, probeweise wirft er das Bild einer herbstlichen Landschaft an die hellgrün gestrichene Mauer. Er achtet darauf, dass Emilies Blick in die entsprechende Richtung fällt und stellt das Bild scharf, dann fördert er mehrere verschlossene Plastikdosen aus den Tiefen des Koffers hervor, die er vorsichtig neben Emilies Kopfkissen drapiert. Zum Schluss lässt er die Jalousien herunter, um das Zimmer zu verdunkeln, er zieht die Straßenschuhe aus und öffnet den obersten Knopf seines Hemdes. Zufrieden nimmt er wieder Platz, die Vorführung kann beginnen. Der Diaprojektor wirft das etwas verschwommene Bild einer Europakarte an die Zimmerwand, mit rotem Stift ist eine krakelige Route darauf eingezeichnet worden. „Wir fahren einmal quer durch Deutschland und die Schweiz, bis nach Italien“, verkündet Herr Zimmermann feierlich. „Wir fahren mit dem schwarzen Panther bis zum Comer See!“ An der Wand gegenüber erscheint das Bild eines schwarzen Volvo Kombi, dann die Aufnahme einer gemütlich eingerichteten Küche im Stil der siebziger Jahre. „Wir sind heute morgen schon vor vier Uhr aufgestanden, es war dunkel draußen, die Sterne standen noch am Himmel. Du hast frisch aufgebrühten Kaffee in die orange Thermoskanne gefüllt, du weißt schon, die von Tante Irmi, die mit den Blümchen. Ich habe unser Gepäck in den Wagen geladen, habe den Ölstand ein letztes Mal überprüft und nun sind wir auch schon unterwegs. Du bist ganz aufgeregt und freust dich wie ein Kind auf die Berge und ich freue mich mit dir.“ Herbert Zimmermann schaltet den Kassettenrekorder ein, brummende Motorengeräusche tönen durch das Krankenzimmer, vermischt mit fernem Hundegebell, schrillem Hupen, dem Dröhnen von LKW-Motoren und anderen Geräuschen der Straße. Geschickt bedient er den Diaprojektor und Bilder einer typisch deutschen Autobahn lösen einander an der blassgrünen Wand ab. „Die Kilometer fliegen nur so dahin, die Autobahnen sind auf weiter Strecke frei, es gibt gar keine Staus, maximal zähfließenden Verkehr. Kaum haben wir Frankfurt erreicht, sausen wir auch schon an Karlsruhe vorbei.“ Herr Zimmermann spult die eingelegte Kassette ein Stück vorwärts, er drückt erneut auf Play und zeigt gleichzeitig das nächste Dia. Ein schmuckes Restaurant, eingebettet in die Kulisse hoch aufragender Weinberge, ist zu sehen, dazu spielt der Kassettenrecorder unauffällige Schlagermusik. „Wir pausieren, um ein Mittagessen in einem netten Restaurant am Ufer des Rhein einzunehmen und genießen die herrliche Aussicht auf der Terrasse.“, erklärt Herr Zimmermann. An der Wand wechseln Bilder eines geschmackvoll dekorierten Restaurants mit romantischen Ansichten des Rhein. „Ich bestelle Schnitzel mit Jägersauce und Pommes, du bestellst ein Rindergulasch mit Spätzle und gemischtem Salat. Du kleckst dir schon beim ersten Bissen Gulaschsaft auf deine Bluse und ich sage dir, dass dich das nur noch schöner macht.“ Herr Zimmermann lacht hell, für einen kurzen Moment wirkt er um Jahre verjüngt. „Nach einem kleinen Spaziergang am Rheinufer geht es auch schon wieder weiter, der Kombi schafft die Kilometer mühelos, schon bald überqueren wir die Grenze zur Schweiz.“ Ein Bild der Schweizer Flagge erscheint, gefolgt von mehreren Dia, die blumenübersäte Bergwiesen mit friedlich grasenden Kühen und rustikalen Berghütten zeigen. Herr Zimmermann spult die Kassette vor, bis sentimentale Volksmusik, untermalt von Vogelgezwitscher und bimmelnden Kuhglocken erklingt. Vorsichtig öffnet er eine der Plastikdosen, die er neben das Kopfkissen gestellt hat und der würzige Duft von Heu breitet sich im Krankenzimmer aus. „Kannst du die herrliche Bergluft riechen, mein Engel?“, fragt er zärtlich und hält die Dose unter Emilies Nase. Frau Zimmermann starrt nur weiter mit halbgeöffneten Augen zur Wand. Herbert Zimmermann streichelt mit seiner freien Hand liebevoll über Emilies blasse Stirn, rückt eine Strähne ihres ergrauenden Haares zurecht, dann seufzt er leise und stellt die Plastikdose beiseite. „Draußen wird es langsam dunkel“, beginnt er wieder zu erzählen, während leise Klaviermusik erklingt. „Du fröstelst und ich stelle die Heizung im Wagen an. Wir werden die Nacht in einem hervorragenden Hotel verbringen, es ist nicht mehr weit. Ich habe ein Zimmer für uns reserviert. Mit Blick auf die Berge.“ An der Wand gegenüber erstrahlt ein Dia der Alpen bei Mondschein. Herr Zimmermann lehnt sich im Besuchersessel zurück und blickt versonnen auf das Bild. Seine Gedanken treiben, getragen von den sanften Klängen der Klaviermusik, zu einer lauschigen Nacht am Fuße der Schweizer Berge, die nur in seiner Fantasie existiert. Ganz sacht fallen seine Augenlider zu, sein Kopf sinkt auf die Brust herab, Herr Zimmermann schlummert ein. Ein plötzlicher Hahnenschrei aus dem Kassettenrekorder lässt ihn schuldbewusst zusammenzucken. „Zeit zum Aufstehen!“, ruft er viel zu laut, dann schüttelt er verlegen den Kopf und schnaubt humorvoll. „Verzeih mir, Liebes“, murmelt er mit schiefem Grinsen, er stoppt den Kassettenrekorder und wechselt den Diaschlitten.

„Jetzt sind wir schon beinahe in Italien“, fährt Herr Zimmermann nach einer kleinen Pause fort, „die Schweiz ist ja kein großes Land, und durch die Tunnel sind wir in Null Komma Nichts hindurchgeschlüpft. Wobei die Schweiz ja eigentlich gar nicht so klein ist. Sie ist nur aufgefaltet. Würde man die Alpen entfalten, wären das Land ziemlich groß, denke ich.“ Herr Zimmermann kratzt sich stirnrunzelnd den Schädel. „Wie dem auch sei, wir fahren jetzt durch die Tunnel.“ Das Bild eines langgezogenen Tunnels ist an der Wand zu sehen, schlagartig abgelöst vom Dia einer Mautstation und der Italienischen Flagge. „Und schon sind wir in Italien!“ Herbert Zimmermann strahlt bis über beide Ohren, er betätigt den Kassettenrekorder, dreht die Kassette um und schon ertönen italienische Liebeslieder. Freudig öffnet er eine weitere Plastikdose. „Riech nur, das Aroma Italiens“, bemerkt er und atmet selbst betont intensiv ein. Der liebliche Duft von Zitronenblüten durchflutet das Krankenzimmer. „Ah, herrlich“, macht Herbert Zimmermann und verdreht genüsslich die Augen. Dann stellt der die Dose zur Seite und erzählt weiter. „Bis zum Comer See ist es nur noch ein Katzensprung, der schwarze Panther saust die engen Kurven entlang, es scheint, als würden wir fliegen. Du sagst, dass du den See bereits riechen kannst und ich glaube dir, denn du hast immer recht, wenn du das Wasser spürst.“ Herr Zimmermann öffnet eine weitere Plastikdose, die den Geruch des Wassers enthält. Verschiedene Muscheln und kleine, flache Steine liegen darin. Er betrachtet die Muscheln und seine Augen werden weich. „Die hast du selbst gesammelt. An der Nordsee. Weißt du noch?“ Herbert Zimmermann lässt kurz die Schultern sinken, sein Gesicht wirkt traurig und leer, doch dann strafft er energisch den Rücken. Er wendet sich resolut dem Diaprojektor zu und klickt durch einige Bilder, die typisch italienische Bergdörfer und idyllische Landschaften zeigen, bis er schließlich die erste Aufnahme des Comer Sees gefunden hat. „Ah, was für ein Anblick!“, frohlockt Herr Zimmermann mit übertriebener Freude. „Wir fahren zwischen dem See und den Bergen dahin, die Straßen sind so schmal, dass keine zwei Katzen aneinander vorbeikommen können. Trotzdem funktioniert der Verkehr, irgendwie. Du schlägst vor, dass wir im nächsten Dorf zu Mittag essen könnten und wir finden ein entzückendes Restaurant, das direkt am Ufer des Sees errichtet ist. Der Kellner spricht kaum Englisch oder Deutsch, trotzdem verstehen wir uns prächtig. Es gibt kleine Begrüßungshäppchen und Sekt, du bestellst Wildschweinpasta, ich entscheide mich für Steak. Das Essen schmeckt köstlich, dazu ein gutes Glas Wein und die Aussicht, die ist wirklich berauschend. Der See liegt ruhig und klar, eingebettet zwischen schneebedeckten Gipfeln, die sich in seinen stillen Wassern spiegeln. Ein Fischadler kreist unter strahlend blauem Himmel, hörst du ihn rufen?“ Erneut greift Herbert Zimmermann nach der Hand seiner Frau, umfasst sie zärtlich mit beiden Händen, beugt sich herab und drückt einen weichen Kuss auf ihre reglosen Finger. Er legt die Hand sanft zurück in das strahlende Weiß der Bettwäsche und wendet sich wieder den Diabildern zu. An der Wand gegenüber ist nun die Aufnahme einer bildhübschen Seepromenade mit glücklich spazierenden Menschen zu sehen. „Wir flanieren auf der Promenade und essen Eis im Sonnenschein. Du streckst den großen Zeh ins Wasser, es ist eiskalt und wir…“ Ein Klopfen an der Tür unterbricht Herrn Zimmermanns Erzählfluss. „So spät schon?“, entfährt es ihm bestürzt, er räuspert sich und setzt ein freundliches Gesicht auf. „Herein“, ruft er betont heiter und augenblicklich betritt eine mollige Krankenschwester das Krankenzimmer. „Herr Zimmermann, bitte entschuldigen Sie, aber es ist bereits nach 18 Uhr. Frau Zimmermann braucht ihre Behandlung.“ „Natürlich, Schwester Dorothe“, erwidert Herbert Zimmermann freundlich, er verlässt seinen Platz neben dem Bett, öffnet die Jalousien und schaltet den Diaprojektor aus. Der Kassettenrekorder spielt immer noch italienische Liebeslieder. „Wohin ging es denn heute?“, fragt Schwester Dorothe, während sie Emilie Zimmermann für die Behandlung vorbereitet. „Wir waren in Italien. Am Comer See“ Herr Zimmermann packt seine Utensilien sorgfältig zurück in den großen braunen Lederkoffer. „Das war bestimmt eine sehr schöne Reise“, bemerkt Schwester Dorothe liebenswürdig. „Einfach unvergleichlich“, antwortet Herbert Zimmermann und schaltet den Kassettenrekorder aus.

© sybille lengauer