Lars liest „Da ist plötzlich so ein Geräusch“

Veröffentlicht: Januar 24, 2021 in Video
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Da ist plötzlich so ein Geräusch.

Da ist plötzlich so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch, das mitten hineinschlägt in die widerliche Fresse dieser Stille. Dieser unsäglichen Stille, die sich zwischen uns ausbreitet wie die schiere Pest. Eine widerliche Pest verletzter Gefühle, die uns versichert, dass wir uns egal sind. Dass wir uns scheißegal sind und ein „Du und ich“ uns sowieso nicht mehr interessiert. Uns nicht mehr im Geringsten interessieren würde, selbst wenn der andere in Flammen stünde.
In Flammen stünden wir tatsächlich, hätten wir ein wenig aufgepasst. Ein wenig auf uns aufgepasst und auf das, was wir zu sagen hatten. Bis wir nichts mehr zu sagen hatten und dann plötzlich wieder dieses Geräusch. Dieses kleine Geräusch wie von einem brechenden Herzen. Einem profan brechenden Herzen, das mitten hineinschlägt in die ekelhafte Fresse des Stolzes. Diese grinsende Fresse falschen Stolzes und beiläufiger Freundlichkeit, die uns die letzten Monate gekostet hat.
Die uns alles gekostet hat, und ich schaue dich an und du schaust zurück, und wessen Herz das jetzt war, das weiß keiner so genau. Aber so ganz genau interessiert uns das auch nicht mehr, immerhin ist der Zug ja abgefahren. Und hey, abgefahren wie dir plötzlich Tränen aus den Augen kullern und aus meinen Augen läuft auch so ein Zeug, so ein feuchtes, so ein warmes Zeug eben. Dieses Scheißzeug eben, das schon viel früher hätte laufen sollen, als es noch nicht zu spät war. Aber jetzt ist es eben zu spät und plötzlich ist es da wieder.
Plötzlich ist da wieder so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch das mitten hineinschlägt in die ekelhafte Fresse unserer Selbstsucht. Unserer unvorstellbaren Selbstsucht, die sich zwischen uns ausgebreitet hat wie eine Seuche. Die grassierende Seuche unausgesprochener Schuld, die uns immer noch trennt, selbst jetzt wo wir hier zusammenstehen wie begossene Pudel und anfangen zu heulen. Heulen und Zähneklappern als beschämender Rest, der uns bleibt und dann nichts mehr. Nichts mehr außer zwei gebrochene Herzen, deren klägliche Scherben irgendwann aus unserer Haut eitern werden. Eine pochende, eiternde Wunde, die sich nur noch um sich selbst dreht.
Also dreh dich nicht um, aber geh. Geh rückwärts aus dem Raum, damit ich dir beim Gehen in die Augen sehen kann. Damit ich noch einmal sehen kann, warum ich einmal ganz verträumt war, wenn du bei der Tür hereingekommen bist. Wenn du hereingekommen bist, und ich dachte: Sind wir füreinander bestimmt, ist es möglich, vielleicht? Und vielleicht kommt dann noch so ein kleines Geräusch. So ein klitzekleines Geräusch von mir, wenn ich flüstere, dass ich dich noch liebe. Dass ich dich verdammt nochmal liebe und du jetzt trotzdem gehen sollst. Dass du so schnell du kannst gehen sollst und bitte, komm nicht mehr wieder. Und wiederum denke ich insgeheim, du schlägst genau dann hinein. Schlägst mitten hinein in die eiskalte Fresse meiner hochnäsigen Sturheit und bleibst.
Bleibst bei mir und holst mich heraus aus diesem Kreislauf. Reißt uns fort von dem Fiasko. Nimmst mich mit auf eine neue Ebene. Lässt mit mir alles hinter dir und raus hier! Wir brechen die alten Normen auf, wir bezwingen unsere Eitelkeiten und beginnen neu. Ab hier ist alles anders. Wir sind frei!
Plötzlich ist da so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch, das mitten hineinschlägt in die lächerliche Fresse dieser Hoffnung. Dieser letzten, unerfüllten Hoffnung meiner Liebe zu dir. Meiner zerplatzenden Liebe, die sich peinlich anfühlt, als du die Tür zuziehst und es zum letzten Mal klickt.
copyright sybille lengauer / aus „Mottengedanken“ erschienen 2020 Rodneys Underground Press

Kommentare
  1. Starke Worte in einem starken Text. Unter einer solchen Wucht muss jede zarte Regung zerbröseln.

  2. Eindrücklicher Text, und einprägend gesprochen!

  3. YDU sagt:

    Puuuuh, hoffentlich kommt bald wieder die Sonne … 😉

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