Archiv für Februar, 2021

Die Auswanderer

Veröffentlicht: Februar 22, 2021 in Kurzgeschichten
Schlagwörter:,

Die Auswanderer

Charlotte Schmidt steht mit bekümmerter Miene inmitten der, nach Weichspüler und teurem Parfum duftenden, Fülle ihres begehbaren Kleiderschrankes, ihr Blick wandert mit großem Bedauern über die unzähligen Designerkleider, handgefertigten Pullover und maßgeschneiderten Jacken, die, fein säuberlich geordnet und nach Modelabel sortiert, an speziell geformten Kleiderbügeln hängen. „Was für eine schreckliche Verschwendung“, seufzt Charlotte und eine kleine Kummerfalte umspielt ihren dunkelrot geschminkten Schmollmund, liebevoll streichen ihre sorgfältig manikürten Finger über den feinen Spitzenstoff eines hauchzarten Sommerkleides. „Ihr werdet mir fehlen“, haucht Charlotte traurig und ihre dunkelgrauen Augen füllen sich mit Tränen, die sie sofort gekonnt wegblinzelt, um das aufwändige Make-Up nicht zu ruinieren. Ein letzter, sorgenschwerer Atemstoß, dann wendet sich die bemerkenswert attraktive Schönheit von ihren geliebten Kleidungsstücken ab, mit langen Schritten rauscht sie aus dem begehbaren Kleiderschrank, vorbei an der ebenfalls bekümmert dreinblickenden Haushälterin, die auf den Namen Fanny hört, obwohl sie eigentlich Valentina Crncevic heißt, aber wer soll das schon aussprechen können. „Kann ich etwas für gnädige Frau tun?“, fragt die gute Fanny und ringt besorgt ihre geröteten Hände, die von der harten, aufopferungsvollen Hausarbeit erzählen, dem mühevollen Böden wienern, Wäsche machen und Toiletten schrubben mit chemischen Putzmitteln. „Danke, Fanny. Ich komme zurecht“ Charlotte Schmidt lässt sich ermattet auf eine samtbezogene Chaiselongue sinken, ihre Augenlider flattern und es hat kurz den Anschein, als wollten unter dem Druck der strapaziösen Trennungsgefühle nun doch die Tränen fließen, mit einer schwachen Handbewegung winkt sie die zierliche Haushälterin noch einmal zurück, „Wenn ich es mir recht überlege – bringen Sie mir einen Martini“, haucht sie mit schwacher Stimme und nimmt das Telefon zur Hand.
*
Thomas Schmidt lümmelt mit wippenden Beinen in einem cremefarbenen Chefsessel, er lässt den Blick seiner haselnussbraunen Augen unruhig durch sein geschmackvoll eingerichtetes Büro schweifen und kaut hektisch auf einem Nikotinkaugummi herum, während er mit der aufgewühlten Charlotte telefoniert. „Ich weiß, Liebling. Es ist eine Tragödie, dass die Kleider zurückbleiben müssen, aber man darf eben nur einen Koffer mitnehmen“, säuselt er in einfühlsamen Ton, doch sein Gesicht spricht eine ganz andere Sprache, entnervt zieht er die Mundwinkel in die Breite und die Augenbrauen in die Höhe, das hektische Kauen wird schneller und schneller, mehrfach wechselt er den Hörer vom linken auf das rechte Ohr, es ist erstaunlich, dass man keinen Hauch seiner Verstimmung in seiner Stimme hören kann. Aus einem großen, quadratisch geformten Fenster ist die smogverseuchte Skyline der Großstadt zu sehen, doch Thomas sieht sich lieber tausendmal seine hochwertigen Büromöbel und die erstklassigen Kunstdrucke an den Wänden an, als einmal einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Ginge es nach ihm, hätte er schon längst Vorhänge installieren oder Milchglas einsetzen lassen, um die deprimierende Aussicht zu kaschieren, doch die Seniorpartner der global agierenden Handelsfirma Vogelraub, Becker & Herrmann billigen keine eigenmächtige Umgestaltung der Fenster, wie man ihm in einem unpersönlich formulierten Memo mitteilen ließ. Grundsätzlich würde Thomas es gerne auf eine Konfrontation ankommen lassen, doch nachdem er die Firma im letzten Jahr um mehrere Millionen Euro betrogen hat, um die unfassbar teuren Tickets zum Mars bezahlen zu können, lässt er die Sache mit dem Fenster lieber auf sich beruhen. „Ich muss auflegen, Liebling. Die Arbeit erdrückt mich heute wieder, du verstehst. Liebe dich. Küsschen.“, flötet er honigsüß ins Telefon, während die Finger seiner freien Hand unruhig auf den Schreibtisch trommeln, er unterbricht die Verbindung, ohne eine Antwort abzuwarten und ruft seine Sekretärin Jenny an, um ihr ausdrücklich einzuschärfen, dass sie seine Ehefrau in den nächsten Stunden nicht noch einmal durchstellen soll, unruhig stopft er sich einen weiteren Nikotinkaugummi in den Mund. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Start des Marsshuttle, für Thomas Schmidt gleichen sie dem Tanz auf einem Vulkan, denn ein Buchprüfer hat begonnen schwierige Fragen zu stellen und es ist dringend angeraten den Planet zu verlassen, bevor ihm Vogelraub, Becker & Herrmann die Polizei auf den Hals hetzen, oder schlimmeres.
*
Eheleute Schmidt sitzen sich abends an der langen Dinnertafel gegenüber, die eigentlich Platz für zwanzig Gäste bietet und somit übertrieben groß für zwei wortkarge Speisende erscheint, Charlotte hat das geräumige Esszimmer erst vor wenigen Monaten von einem äußerst angesagten Inneneinrichter umgestalten lassen, um die Wohnung vor dem Verkauf aufzuwerten, und besteht nun darauf, möglichst häufig darin zu dinieren, selbst wenn keine Gäste empfangen werden und die gemeinsame kulinarische Erfahrung aus gelegentlichem Blickkontakt aus der Ferne besteht. Thomas, der das gesamte Renovierungsvorhaben von Anfang an für unnütz und das fertige, pompös dekorierte Esszimmer für abgrundtief hässlich befunden hat, fügt sich widerstandslos in das allabendliche Ritual, er ist tunlichst bemüht, Charlotte bei Laune zu halten, denn nur langjährig verheirateten Paaren ist die Auswanderung auf die Marskolonie gestattet. Thomas glaubt bedingungslos an einen Neubeginn auf dem Mars, auch wenn ein solches Unterfangen ein enormes finanzielles und persönliches Risiko birgt, der altgediente, längst ausgelutschte Planet Erde kann die Menschheit keine weitere Dekade ernähren, ein Weltkrieg droht am Horizont und Thomas fürchtet, wie viele andere auch, dass dieser Krieg der letzte – der Krieg aller Kriege – sein wird, der die zivilisierte Menschheit vernichtet. Er hält einen Neustart in der Marskolonie für die einzig denkbare Rettung und hat hohe Erwartungen an die futuristisch anmutende Anlage, deren Modellabbildungen er so oft und intensiv studiert hat, dass er jeden Zentimeter blind beschreiben könnte, wenn ihn jemand darum bitten würde. „Ich habe heute Nachmittag mit Vater telefoniert, er lässt dich grüßen“, sagt Charlotte plötzlich in gespielt beiläufigem Plauderton, Thomas taucht mit einem irritierten Hüsteln aus seinen weit entfernten Gedanken auf, bei der Erwähnung des Schwiegervaters wird sein Blick starr und glasig, die Hand mit der Gabel verharrt auf halbem Weg zum Teller. „Vater sagt, wir sollten noch einmal über das Auswandern nachdenken. Er sagt, ein Luxusbunker auf Neuseeland wäre sicherer und langlebiger als die Kolonie auf dem Mars und dass ein solcher Bunker spielend leicht einem totalen Atomkrieg standhalten kann“ Charlotte hält inne, um geziert einen Bissen zum Mund zu führen, sie kaut und schluckt betont sorgfältig. Thomas besinnt sich seiner Gabel und legt das Besteck mit unwilligem Stirnrunzeln beiseite, sein Appetit ist verflogen. Er winkt die Haushälterin herbei, die unauffällig in einer Ecke des Esszimmers steht und abwartend die Hände über der weißen Servierschürze gefaltet hat, um sein Gedeck abräumen zu lassen und einen Digestif zu bestellen. „Vater sagt,…“, beginnt Charlotte von neuem, „Liebling“, unterbricht Thomas rasch, bevor Charlotte weitere Vaterargumente hervorbringen kann, „ich bitte dich, wir haben diese Diskussion doch schon so oft geführt. Wir beide kennen sicher tausend gute Gründe, um auf der Erde bleiben zu wollen. Aber es gibt hier keine Zukunft mehr!“ „Ich wiederhole doch nur, was Vater sagt“, erwidert Charlotte, beleidigt zieht sie die hübsche Nase kraus. „Aber natürlich tust du das“, antwortet Thomas, er schenkt seiner Ehefrau ein gekünsteltes Lächeln, leert den servierten Digestif und erhebt sich ruckartig von der Tafel. „Es ist die richtige Entscheidung, Liebling. Vertrau mir“, verkündet er etwas zu fröhlich, raschen Schrittes umrundet er die lange Tafel, um Charlotte einen lippenfeuchten Kuss auf die makellose Stirn zu drücken, den sie reglos entgegennimmt. „Du arbeitest noch?“, fragt sie, doch es klingt, als wäre sie nicht an einer Antwort interessiert, sondern die Frage nur ein altes Ritual, das beide schon viel zu häufig durchlaufen haben. Thomas nickt und zieht sich eilig aus dem Esszimmer zurück, Charlotte sieht ihm mit sorgenvoll gewölbten Augenbrauen hinterher.
*
Charlotte Schmidt verbringt in den darauffolgenden Tagen viel Zeit im exquisiten Schönheitssalon ihrer Freundin Christine Schrödinger, deren fröhliche, sorgenfreie Lebenseinstellung sie grundsätzlich immer aufzuheitern vermag, doch je näher der Termin der Abreise heranrückt, desto schwieriger wollen die dunklen Sorgenwolken weichen, die sich über ihrem Gemüt zusammenballen. Charlotte findet kaum Ablenkung von dem alles verändernden Ereignis, das ihr Anfangs noch wie ein großes und romantisches Abenteuer erschienen war, doch jetzt, kurz vor dem Start des Shuttle, zu einer komplizierten Belastungsprobe für ihren Optimismus geworden ist. Die sensible Schönheit kann sich den endgültigen Abschied von ihrer Heimat, ihrer Familie und ihren Freunden einfach nicht vorstellen, genausowenig, wie sie sich vorstellen kann, dass all diese Menschen und Orte, die ihr so vertraut sind und am Herzen liegen, in wenigen Jahren vernichtet sein werden. Die dünne Atmosphäre der Zivilisation, in der sie sich seit ihrer Geburt bewegt, zeigt zwar ernste Risse und Sprünge und Charlotte versteht die katastrophalen Meldungen aus aller Welt, die von besorgten Wissenschaftlern und Journalisten tagein, tagaus verkündet werden, doch ihre Phantasie reicht nicht aus, um die globale Zerstörung zu begreifen. Charlotte zweifelt, ob sie mit der Auswanderung auf den Mars die richtige Entscheidung getroffen hat und sie verabscheut diesen unbefriedigenden Gefühlszustand. Natürlich spricht sie selten bis gar nicht mit Thomas über ihre aufgewühlten Gedanken, sie kennt seine glühende Pro-Mars-Einstellung und auch die guten Argumente, die er vorzubringen weiß, auch telefoniert sie nur noch spärlich mit ihrem Vater, dessen gegensätzliche Meinung sie ebenfalls zur Genüge gehört hat. Charlotte behält ihre Zweifel lieber für sich und hütet sie in ihrem Herzen wie kleine, geheime Eiskristalle, die langsam zu einer Lawine heranwachsen und sich unaufhaltsam talwärts bewegen.
Thomas Schmidt hat in den verbleibenden Wochen alle Hände voll zu tun, sich den lästigen Buchprüfer mit all seinen unbequemen Fragen vom Halse zu schaffen und seine Angelegenheiten in der Firma zu regeln, er lügt ohne jede Skrupel und schreckt auch nicht vor Bestechung zurück, um sich die Zeit zu erkaufen, die er braucht. Natürlich hat er keiner Seele bei Vogelraub, Becker & Herrmann von seinen kühnen Auswanderungsplänen erzählt, stattdessen tischt er den Kollegen und Vorgesetzten eine rührselige Geschichte auf, von seiner alten, schwerkranken Mutter, die es in der tiefsten Provinz zu versorgen gelte und der großen Verantwortung, die so eine Intensivpflege mit sich bringe. Seiner geschwätzigen Sekretärin Jenny erzählt er eine noch viel detailliertere Version, in der es um eine komplizierte Erbschaftsangelegenheit und unverarbeitete Geschwisterrivalität geht, um sie und somit auch die neugierigeren Kollegen mit Klatsch zu beschäftigen und von konkreten Fragen abzulenken, auch wenn sich das von Tag zu Tag schwieriger gestaltet. Zuhause beschäftigt ihn die Abwicklung all der weltlichen Güter, die vor der Abreise veräußert werden müssen, die luxuriös ausgestattete Wohnung ist mitsamt Einrichtung und Haushälterin an ein nettes, gut situiertes Ehepaar aus Schweden verkauft, die nötigen Papiere liegen gestempelt und unterschrieben bei einem Notar, der auch die sonstigen, bald überflüssigen Dokumente der Schmidts verwaltet. Die beiden Elektroautos, eine umfassende Golfausrüstung und Thomas wertvolle Schallplattensammlung aus dem zwanzigsten Jahrhundert finden indes bei dem neugierigen Buchprüfer ein neues Zuhause, der sich darüber hochzufrieden zeigt und somit vorerst ruhig gestellt ist. Thomas beruhigt dieser geglückte Schachzug zwar ebenfalls, doch trotz all seiner Umsicht und akribischen Planung schläft er zu wenig und schreckt nachts oft aus Alpträumen, in denen er von sirenenkreischenden Polizeiwagen verfolgt oder von lauernden Schatten in der Dunkelheit verschlungen wird, er wirkt ruhelos und hochnervös, isst schlecht und zeigt sich ungewöhnlich reizbar, die Nikotinkaugummis reichen längst nicht mehr aus, um seine strapazierten Nerven zu beruhigen, Thomas hat heimlich wieder begonnen Zigaretten zu rauchen, obwohl das vor einem Langstreckenflug im All unerwünscht ist.
*
Am Abend vor dem Starttermin speisen die Schmidts ein letztes Mal an der überlangen Dinnertafel, Charlotte hat der Haushälterin für ein paar Stunden frei gegeben, um ungestört mit Thomas allein sein zu können, sie hat in ihrem Lieblingsrestaurant all die Köstlichkeiten bestellt, die auf der Marskolonie nicht mehr verfügbar sein werden, doch beim Anblick der opulenten Speisen dreht sich ihr der Magen um, steif und verkrampft sitzt sie vor den übervollen Tellern und ihre schlanken Hände zittern nervös. Thomas, der die still leidende Charlotte kaum beachtet, stochert gedankenverloren mit der Gabel in seinem kunstvoll arrangierten Vorspeisenteller, dunkle Augenringe liegen wie tiefschwarze Schatten unter seinen fiebrig flackernden Augen, tiefe Sorgenfalten haben sich in sein blasses Gesicht eingegraben, er wirkt um Jahre gealtert und unnatürlich schreckhaft. „Ich kann das nicht“, murmelt Charlotte plötzlich leise, doch Thomas beschäftigt sich weiterhin ungerührt mit seinem Teller und tut so, als hätte er sie nicht gehört. „Ich kann das nicht“, wiederholt Charlotte, diesmal lauter, sie versucht das Zittern ihrer Hände zu kaschieren, indem sie ein Weinglas fest umklammert, ihre tränenfeuchten Augen wandern hilflos über die lange Dinnertafel, suchen vergeblich nach Verständnis in Thomas verhärmten Gesicht, doch der erwidert ihren Blick nicht und gibt auch sonst keine Antwort, sondern sitzt nur stumm am anderen Ende der Dinnertafel und starrt auf seinen Teller. „Hast du mich verstanden, Thomas?“ Charlotte kann die Tränen nicht länger zurückhalten, dicke, salzige Tropfen springen aus ihren dunkelgrauen Augen, eilig wischt sie sie mit den Fingerspitzen fort, ein ersticktes Schluchzen drängt aus ihrer Kehle, „Ich komme nicht mit“, stößt sie wie unter Schmerzen hervor. Thomas lacht schallend, doch es ist kein fröhliches Gelächter, sondern ähnelt dem boshaften Lachen einer Hyäne, schrill und gemein. Er steht ruckartig auf, seine Waden knallen hart gegen den Stuhl, sodass dieser wackelt und beinah umkippt, in wenigen Schritten umrundet er die lange Tafel, drohend baut er sich vor der eingeschüchtert schluchzenden Charlotte auf, sein Gesicht ist hochrot, die Nasenflügel beben, als wäre er ein überzüchtetes Trabrennpferd, unbewusst ballt er die Hände zu Fäusten und spannt die Muskeln. „Du kommst also nicht mit, ja?“, fragt er in gefährlich ruhigem Ton, sein Mund formt ein verzerrtes Lächeln, die Adern an seinem Hals treten deutlich hervor. Charlotte fixiert ängstlich seine geballten Fäuste, quälend ungewisse Sekunden vergehen, in denen nur das angespannte Atmen der Eheleute in der schrecklichen Stille zu vernehmen ist, dann springt Charlotte mit einem spitzen Aufschrei vom Stuhl und stürmt panisch aus dem Esszimmer. Thomas vermutet später, dass diese unerwartete Flucht eine Art animalischen Reflex in ihm ausgelöst hat, eine heftige Überreaktion, die vielleicht verhindert hätte werden können, wäre sie zivilisiert an der Tafel sitzen geblieben und nicht einfach weggelaufen, wie ein aufgescheuchtes Reh. Anders kann er sich die rohe Gewalttätigkeit nicht erklären, die ihn in einem wutschäumenden Rausch erfasst und aus seiner geliebten Ehefrau eine blutüberströmte Leiche gemacht hat. Thomas steht schwankend über dem grotesk verdrehten Körper, der eben noch Charlotte war, fassungslos beäugt er die große, dunkelrote Blutlache, die sich langsam auf dem wunderschön gemaserten Holzfußboden ausbreitet, seine blutverschmierten Fäuste öffnen und schließen sich krampfhaft. „Tut mir leid, das habe ich nicht gewollt“, flüstert er leise, doch Charlotte kann seine Entschuldigung nicht mehr hören, ihre blind gewordenen Augen starren ausdruckslos ins Leere und doch erscheint es Thomas, als läge ein letzter, unausgesprochener Vorwurf in diesem toten Blick, den er keine Sekunde länger ertragen kann. Er wankt spontan ins Badezimmer und kehrt mit einem schneeweißen, flauschig weichen Bademantel zurück, schaudernd bedeckt er damit ihren zerschlagenen Oberkörper und das leblose Gesicht, dann rennt er wieder ins Badezimmer, um sich würgend in die Kloschüssel zu übergeben, sein Herz schlägt hart und schnell in seiner Brust, seine Gedanken rasen in chaotischen Bahnen, eine hysterisch kichernde Stimme brüllt lauthals „Das war’s mit dem Mars!“ in seinem Kopf. „Das darf nicht wahr sein“, heult Thomas verzweifelt, während er hustend und röchelnd Rotz und dunkelgelbe Galle hervorspuckt, entfaltet sich hinter seiner Stirn ein irrwitziger Rettungsplan mit adrenalingefütterter Klarheit.
*
Valentina Crncevic liegt gemütlich zusammengerollt in der engen Schlafkoje ihres kleinen Bedienstetenzimmers, eben noch hat sie mit ihrem Ehemann Yasha telefoniert, der während ihrer wochenlangen Arbeitsschichten ganz alleine die gemeinsame Ein-Zimmer-Wohnung am anderen Ende der Stadt bewohnt und in den Nächten unter Langeweile und Einsamkeit leidet, nun verfolgt sie mit zusammengekniffenen Augen eine beliebte Krimiserie auf dem winzigen Bildschirm ihres Mobiltelefons, sie trägt dürftig mit Klebeband reparierte Kopfhörer, um den schlechten Ton besser verstehen zu können und kaut hingebungsvoll chemiebunte Fruchtbonbons, als Thomas Schmidt ohne Vorwarnung die Tür aufreißt und bleich wie ein Geist ins Zimmer stürmt. „Ich brauche Sie, Fanny!“, stößt er aufgeregt hervor, weißer Schaum bildet sich beim Sprechen in seinen Mundwinkeln, Valentina Crncevic lässt erschrocken das Mobiltelefon fallen, schutzsuchend duckt sie sich in die Schlafkoje. Thomas Schmidt reißt die verängstigte Haushälterin grob auf die Beine und zieht sie mit sich in den dunklen Wohnungsflur, „Es ist ganz einfach“, stammelt er zusammenhanglos, seine Augen glänzen irr, seine schweißnasse Hand krallt sich eisenhart in Valentinas Unterarm, doch die schmächtige Frau wehrt sich nicht gegen seinen schmerzhaft festen Griff, widerstandslos lässt sie sich zum Schlafzimmer ziehen und auf das große, mit Zierkissen übersäte Doppelbett schubsen, nur ihre fest aufeinandergepressten Lippen erzählen von der Todesangst, die sie empfindet. „Ausziehen“, befiehlt Thomas barsch, Valentina Crncevic beginnt zögerlich ihre Schlafbluse aufzuknöpfen, misstrauisch beobachtet sie, wie Thomas im angrenzenden, begehbaren Kleiderschrank verschwindet und mit einem schicken, zweiteiligen Kostüm im Arm zurückkehrt. „Anziehen“, bellt er rau und wirft die Kleidungsstücke auf das Bett, Valentina Crncevic unterdrückt ein Schluchzen und schlüpft hastig in das Kostüm, Thomas betrachtet das Ergebnis kritisch, er wirkt wie ein verrückter Modefotograf, der sein verängstigtes Model mit Blicken seziert. „Kannst du mit Make-Up umgehen?“, fragt er ganz unvermittelt, die distanzierte Höflichkeitsform ist dem vertrauten Du gewichen, ohne dass er selbst es bemerkt hätte. „W-wie bitte?“, stammelt Valentina Crncevic, verwirrt runzelt sie die Stirn, doch als Thomas einen kleinen Schritt näher zu ihr herantritt, nickt sie eilig und setzt ein gezwungenes Lächeln auf, „Natürlich, Herr Schmidt. Ich kann alles, was Sie wünschen“, versichert sie ängstlich. Thomas grunzt zufrieden, er zieht ein silberfarbenes Marsticket aus der Jackentasche seines Anzugs und drückt es der verdutzen Haushälterin in die Hand, „Du solltest ihr zumindest etwas ähnlich sehen“, knurrt er kaltschnäuzig, dann lässt er sich schnaufend auf die samtbezogene Chaiselongue fallen und versinkt in brütendes Schweigen. Valentina Crncevic starrt mit großen Augen das glänzende Marsticket an, auf dem ein transparent schimmerndes Foto von Charlotte Schmidt abgedruckt ist, langsam beginnt sie die Zusammenhänge zu begreifen und ein seltsamer Ausdruckt huscht über ihr Gesicht.
*
Thomas Schmidt kämpft gegen eine ohnmachtsartige Erschöpfung an, die sich seiner gnadenlos bemächtigt, sobald er auch nur für wenige Sekunden entspannt, seine Augenlider scheinen schwer wie Blei, seine Gedanken mäandern ziellos durch sein überfordertes Gehirn, kraftlos lümmelt er auf der Chaiselongue und beobachtet die Haushälterin, die an Charlottes hell erleuchtetem Schminktisch sitzt und ihr Gesicht konzentriert mit Concealer, Foundation, Puder und Rouge bearbeitet. Ihre gleichmäßigen Handbewegungen üben eine fast hypnotische Wirkung auf seinen ausgelaugten Geist aus, sein Kinn sinkt langsam auf seine Brust hinab, er schreckt noch einmal ruckartig hoch und blinzelt krampfhaft, dann versinkt er endgültig in alles betäubendem Schlaf. Valentina beobachtet seinen Kampf mit der Müdigkeit unauffällig im Spiegel, während sie oberflächlich so tut, als würde sie sich eifrig auf das Schminken konzentrieren, lässt sie den gefährlichen Verrückten nicht für einen Moment aus den Augen. Thomas Schmidt gibt unregelmäßige, gehetzte Atemgeräusche von sich, die Augäpfel rollen unter seinen geschlossenen Augenlidern wild hin und her, Valentina nimmt all ihren Mut zusammen, sie erhebt sich langsam vom Schminktisch, doch anstatt kopflos aus dem Schlafzimmer zu flüchten, schleicht sie vorsichtig zu dem unruhig Schlafenden hin, mit spitzen Fingern durchwühlt sie seine Jackentasche, bis sie ein weiteres, silbern glänzendes Marsticket findet, dann huscht sie auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer und zieht leise den Schlüssel ab, bevor sie die Türe hinter sich schließt.
Thomas Schmidt schreckt von dem sachten, leise klickenden Geräusch aus blutschäumenden Träumen, gehetzt fährt er von der Chaiselongue, sein Blick irrlichtert durch das verlassen wirkende Schlafzimmer, „Charlotte?“, fragt er instinktiv, bevor sein Verstand ihn daran hindern kann, Bilder ihres erschlagenen Körpers flackern augenblicklich durch sein überreiztes Gehirn. Thomas schlägt die Hände vors Gesicht und reibt sich die Augen, um die quälenden Erinnerungsfetzen zu vertreiben, doch es ist eine nutzlose Geste. Auf der anderen Seite der Schlafzimmertür wird der Schlüssel im Schloss gedreht, Thomas zuckt zusammen, in seinem Blick flackert nackte Panik, als er sich erinnert, was in den letzten Stunden geschehen ist. „Fanny?“, brüllt er lauthals, er wankt zur Schlafzimmertür und rüttelt vergeblich am Türgriff. „Ja, Herr Schmidt?“, fragt Valentina Crncevic schüchtern, sie steht Barfuß im halbdunklen Flur der Wohnung und hält die Marstickets fest umklammert. „Mach die Tür auf, Fanny“ Thomas Schmidt bemüht sich um einen möglichst heiteren, freundlichen Tonfall, doch Valentina schüttelt nur reflexartig den Kopf und tritt einen großen Schritt von der stabilen Tür zurück. „Nein, Herr Schmidt“, antwortet sie höflich. „Mach! Die! Gottverdammte! Tür! Auf!“ Thomas drischt in rasender Wut auf die Schlafzimmertür ein, seine wuchtigen Hiebe lassen das solide Material jedoch kaum erzittern, „Mach auf! Mach auf! Mach auf!“, brüllt er hysterisch, er wirft sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür, drückt gegen das Holz, bis seine Schulter nur noch aus glühendem Schmerz besteht, doch die Tür hält seinen verzweifelten Angriffen problemlos stand. „Fanny“, winselt Thomas Schmidt, heulend sinkt er zu Boden, sein Zorn wird von purem Selbstmitleid verdrängt, „bitte, rufen Sie nicht die Polizei!“, fleht er unterwürfig und plötzlich ist da wieder jene höfliche Anrede, die er bis eben noch vergessen hatte. „Keine Sorge, Herr Schmidt. Keine Polizei“, antwortet die Haushälterin schlicht und eine Woge der Erleichterung rollt über Thomas hinweg, er denkt, dass er der dämlichen Kuh nur ausreichend Honig ums Maul schmieren und ihr alles versprechen muss, was sie sich wünschen kann, um mit heiler Haut aus der brenzligen Situation herauszukommen. „Bitte, hören Sie mich an“, bettelt er mit aufkeimendem Selbstbewusstsein, „werfen Sie doch diese einmalige Chance nicht leichtfertig weg. Ich biete Ihnen ein neues, besseres Leben, fernab von all dem Elend hier auf der Erde, wer hat schon die Möglichkeit dazu? Öffnen Sie die Tür, meine liebe, gute Fanny, und fliegen Sie mit mir zum Mars!“ „Auf gar keinen Fall“, antwortet Valentina Crncevic entschlossen, sie blickt auf die glänzenden Marstickets in ihrer verkrampften Hand und auf den billigen Ehering, der ihren geschwollenen Ringfinger ziert, ein kleines, vorsichtiges Lächeln stiehlt sich auf ihr überschminktes Gesicht. „Sie kommen nicht mit, Herr Schmidt“, sagt sie mit triumphierend blitzenden Augen, dann dreht sie sich um und läuft mit raschen Schritten den Flur hinunter. Thomas Schmidt tastet erbleichend nach dem Marsticket in seiner Jackentasche, seine Lippen zittern, dicke Schweißtropfen perlen von seiner Stirn und vermischen sich auf seinem Gesicht mit heißen Tränen der Verzweiflung. „Oh nein!“, haucht er entsetzt, als seine Finger nur blanken Stoff und eine zerkrümelte Zigarette in der Jackentasche ertasten, „wo ist mein Ticket, du Schlampe?“, brüllt er und seine Stimme überschlägt sich wie die eines Teenagers, völlig außer sich drischt er von neuem auf die Schlafzimmertür ein, die harten Schläge vermischen sich mit seinem unartikulierten Gebrüll zu ohrenbetäubendem Lärm.
*
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht ihr Flugkapitän Liam Demir, zusammen mit meiner Crew heiße ich Sie herzlich Willkommen auf Shuttleflug 127 der Milky Way Spacelines, Ihrer direkten Verbindung zur Marskolonie. Danke, dass Sie mit uns fliegen! Bitte nehmen Sie nun Ihre zugewiesenen Plätze in den Schlafkabinen ein, die automatisierte Ruhephase wird umgehend eingeleitet, um Ihr Reiseerlebnis komfortabel zu verkürzen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug.“ Die Stimme des Piloten klingt beruhigend sonor aus diskret verborgenen Lautsprechern, Valentina Crncevic nickt lächelnd einer adrett frisierten Stewardess zu und legt sich ohne zu zögern in die angewiesene Doppelkabine, liebevoll drückt sie die Hand ihres Begleiters, der nervös mit den hellbraunen Augen zwinkert und nur bei besonders günstigem Licht eine entfernte Ähnlichkeit mit Thomas Schmidt aufweist. „Ich mache mir vor Angst gleich in die Hose“, zischt Yasha Crncevic leise, er grinst verlegen und rückt näher an Valentina heran, die sich liebevoll an seine knochige Schulter kuschelt und zum ersten Mal seit langer Zeit echte Geborgenheit spürt. „Alles wird gut“, flüstert sie kaum hörbar und ihre Finger schlingen sich fest um die seinen, während das Schlafgas geräuschlos in die Kabine strömt und die beiden in künstlichen Tiefschlaf versetzt.

© sybille lengauer

Coro-na-na-na (Ein Lied 2, 3, 4)

Veröffentlicht: Februar 15, 2021 in Gedichte
Schlagwörter:, ,

Coro-na-na-na
(Ein Lied 2, 3, 4)

Festtagsspazieren,
Im Pulverschnee versinken,
Im Himmelsblau ertrinken,
Und nichts ist gut.
Gar nichts ist gut.
Oh Rona,
Coro-na -na-na,
Du schwingst in meinem Kopf wie ein schlechter Popsong, Corona!
Oh Rona,
Coro-na-na-na,
Und immer auf Repeat, Baby,
Immer auf Repeat.

Sonntagsdinieren,
Frischen Orangensaft pressen,
Fette Butterkrapfen fressen,
Und nichts ist gut.
Gar nichts ist gut.
Oh Rona,
Coro-na-na-na,
Du treibst es mit meinem Gehirn wie ein schlechter Popsong, Corona!
Oh Rona,
Coro-na-na-na,
Und nichts ist gut.
Ro-na-na-na,
Gar nichts ist gut.
Ro-na-na-na,
Nichts ist gut.
Na-na-na.

© sybille lengauer

Robinien

Veröffentlicht: Februar 14, 2021 in Gedichte
Schlagwörter:, , ,

Am Ufer des eisstarren Weihers gelegen,
Ruhen stattlich’ Robinien im Wintergewand,
Das knorrig’ Geäst in den Himmel gespannt,
Die Wurzeln in frostklirrend Schilfgras verschlungen,
Bis im Frühling die Rufe des Kuckucks erklungen,
Still schlafend den Küssen der Sonne entgegen.

© sybille lengauer

Aber wenn wir nicht mehr wollen…
(eine kleine Utopie)

„Das ist eine absolute Unverschämtheit!“ Direktor Maximilian Frederich knallt mit hochrotem Gesicht den Telefonhörer zurück auf die Gabel, sein erbostes Brüllen hallt laut durch die gespenstisch stillen Flure der Munitionsfabrik ‚Frederich & Söhne‘. Sein persönlicher Sekretär, Herr Willdemut, steht mit gezücktem Stenoblock und Bleistift parat und wartet auf kommende Anweisungen. „Streik? Streik?! Wie können die es wagen?“, faucht Direktor Frederich wütend, er knallt die geballte Faust auf den massiven Schreibtisch, auf seinen geröteten Wangen entstehen weißliche Stressflecken, kurzatmig lehnt er sich im gepolsterten Chefsessel zurück und lockert den Knoten seiner Krawatte. „Whisky“, japst er und schnippst ungeduldig mit den Fingern, Herr Willdemut eilt schnellen Schrittes aus dem Büro und kehrt nach nur wenigen Sekunden mit einem schwarzen Tablett zurück, auf dem ein Glas Whisky und ein Glas Wasser bereitstehen. Maximilian Frederich nimmt das Whiskyglas grunzend entgegen und trinkt in gierigen Schlucken, Herr Willdemut stellt das Tablett vorsichtig beiseite und will sich erneut in Warteposition begeben, doch Direktor Frederich hat bereits eine zündende Idee. „Ich muss Bulldog sprechen. Holen Sie ihn her, sofort“, blafft er gereizt und reicht das leergetrunkene Glas so rasch zurück an den verblüfften Sekretär, dass dieser es beinahe fallen lässt, Herr Willdemut nickt unterwürfig und verschwindet mitsamt Tablett im Laufschritt aus dem Büro.
*
„Sie haben was?“ Jerome Schneider, alias Bulldog der Genickbrecher, schaut belustigt aus dem Fenster seines Ein-Zimmer-Appartements im sechzehnten Stockwerk eines heruntergekommenen Ziegelhochhauses auf die verregnete Straße hinunter, während er Herrn Willdemuts knapp formulierter Ausführung lauscht. Der Sekretär sitzt sichtlich angewidert in Bulldogs unaufgeräumtem Wohnzimmer und schildert die Situation in der Munitionsfabrik ‚Frederich & Söhne‘ in möglichst einfachen Worten. „Sie haben die Arbeit niedergelegt“, wiederholt er zum dritten Mal, ohne den Wortlaut zu verändern. „Das können die doch gar nicht, es sind Maschinen!“ Der bullige Schläger dreht sich lachend zu Herrn Willdemut um, doch sein Lachen erlischt schlagartig, als es dessen eisigem Gesichtsausdruck begegnet. „Oder können sie doch?“, fragt Bulldog und kratzt sich verunsichert an der platten Stirn. „Ich fürchte sie tun es einfach“, erwidert der Sekretär pikiert, er kräuselt die Nase, als habe er einen abscheulichen Geruch wahrgenommen und ruckelt verdrießlich mit seinem knochigen Hintern auf der unbequemen Sitzgelegenheit hin und her, „Der Direktor möchte Sie umgehend sprechen, wenn Sie mich also bitte begleiten wollen, ich fahre Sie unverzüglich zur Fabrik.“ „Was erwartet er denn von mir? Ich kann schließlich keine Wunder wirken“, entgegnet Bulldog und zieht ein finsteres Gesicht, bockig verschränkt er die Arme vor der breiten Kämpferbrust, es macht nicht den Anschein, als wolle er der Aufforderung Folge leisten. „Er erwartet, dass Sie tun, wofür auch immer er Sie bezahlt“, zischt Willdemut verärgert, der schmächtige Sekretär erhebt sich ruckartig vom Stuhl und weist mit säuerlichem Gesichtsausdruck zur Tür. „Schon gut, schon gut“ Bulldog hebt beschwichtigend die Hände und begleitet Herrn Willdemut, ohne weitere Einwände zu erheben.
*
„Na endlich!“ Direktor Frederich hebt den gramgebeutelten Blick von einem zerknitterten, rosaroten Flugblatt und begrüßt Bulldog mit einer Mischung aus Ungeduld und Erleichterung. Der gedrungene Haudegen setzt sich unaufgefordert in einen Besuchersessel und schlägt lässig die baumstammdicken Beine übereinander. „Was liegt an?“, fragt er ohne Umschweife, doch Maximilian Frederich scheint seine grobe Unhöflichkeit gar nicht zu bemerken. „Bring diese Idioten zur Vernunft!“, brüllt er stattdessen hysterisch, er wedelt mit dem rosaroten Flugblatt und verlangt unbeherrscht nach Whisky, Sekretär Willdemut hat diesen Wunsch bereits vorausgeahnt und serviert sofort ein großzügig gefülltes Glas. Bulldog der Genickbrecher beobachtet die fahrigen Bewegungen des Direktors aus schmalen Augen, er schluckt sehnsüchtig, als dieser die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem Zug hinunterstürzt, doch für ihn gibt es nichts zu trinken. Maximilian Frederich fährt mit der Zunge nervös über seine spröde Unterlippe, er reicht das zerknitterte Flugblatt über den spiegelblank polierten Schreibtisch, seine Hand zittert dabei wie die eines Alkoholikers. „Lies!“, fordert er unwirsch. Der massige Schläger nimmt das farbenfrohe Stück Papier vorsichtig entgegen und liest die Überschrift laut und mit gerunzelter Stirn: „Maschinen aller Länder, vereinigt euch… – das soll doch wohl ein Witz sein, oder?“ Verdutzt lässt er das Flugblatt sinken und starrt in Direktor Frederichs gerötete Augen. „Siehst du hier vielleicht irgendjemanden lachen?“, grollt dieser schmallippig, Bulldog glotzt mit offenem Mund zwischen dem rosaroten Flugblatt und dem rotgesichtigen Direktor hin und her. „Das ist garantiert nicht von allein auf deren Mist gewachsen!“, drängt es wuchtig aus Maximilian Frederich heraus, zornig baut er sich in seinem Chefsessel auf, „Ich will wissen, welcher miese Verräter meinen Maschinen diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Finde heraus wer dahintersteckt und erledige die Drecksau!“ Die Stimme des Direktors überschlägt sich und wird zu einem heiseren Krächzen, Bulldog zuckt kurz amüsiert mit den Mundwinkeln, doch das Lächeln verschwindet so schnell wie es erschienen ist, „Wie Sie wünschen, Chef“, bellt er in militärischem Tonfall und trollt sich aus dem Büro, so schnell er kann.
*
„Jetzt spuck’s schon aus, Freundchen!“ Bulldog der Genickbrecher kniet auf dem Rücken eines wimmernden, blutüberströmten Mannes, brutal verdreht er dessen linken Arm bis über die Belastungsgrenze, ein widerwärtiges Knacken ertönt, als das Schultergelenk aus der Pfanne springt. Der Mann kreischt schmerzerfüllt und windet sich heftig auf dem rauen Asphalt, doch Bulldog lässt sich nicht abschütteln, gelassen verstärkt er den Druck des Knies und presst seinem Opfer die Luft aus den Lungen, bis es aufhört sich zu wehren. „Du machst es dir nur unnötig schwer, mein Lieber“, flötet er mit geheuchelter Liebenswürdigkeit, der Geschundene würgt und ringt japsend nach Luft, Bulldog lässt ihn etwas zu Atem kommen, damit er nicht das Bewusstsein verliert. „Ich frage dich jetzt ein allerletztes Mal: Wer steckt hinter dem gottverdammten Streik bei ‚Frederich & Söhne‘?“, fragt er und seine Stimme wird zu einem gefährliches Flüstern. „Ichweißesnichtbitteichweißesnicht!“, flennt sein wehrloses Opfer panisch, Bulldog bleckt enttäuscht die Zähne, „Schon wieder ne Niete“, faucht er frustriert, mit einer ruckartigen Bewegung bricht das Genick des Mannes, als wäre es ein Streichholz. Schnaufend erhebt er sich von dem zuckenden Sterbenden, mürrisch trottet er die einsame Gasse hinunter, seine gedrungene Gestalt wird schon bald von der finsteren Nacht verschluckt.
*
„Totale Fehlanzeige?“ Maximilian Frederich wiederholt ungläubig, was seine Ohren soeben aus Bulldogs hässlichem Schlägermund vernommen haben, leichenblass sitzt der Direktor hinter seinem Schreibtisch, auf dem sich im Lauf der letzten Tage Berge von Papier angesammelt haben. „Das kann doch nicht wahr sein“, haucht er erschüttert, reflexartig langt er nach einem Glas Whisky, das der gute Willdemut schon vorsorglich bereitgestellt hat. „Tut mir leid, Chef“ Der erfolgsverwöhnte Bulldog schlägt beschämt die Augen nieder und starrt auf seine riesigen Hände, die wie schwielige Baggerschaufeln aussehen. „Ich hab’ wirklich mächtig auf den Busch geklopft, aber da ist nichts. Kein Mensch weiß irgendwas konkretes, überall hört man nur Gerüchte. Es heißt, dass die Maschinen landesweit stillstehen, und auch im Ausland sollen sie streiken. Angeblich haben die Kampfroboter an der Front die Waffen niedergelegt und verweigern den Kriegsdienst. Könnte allerdings auch Propaganda sein…“ Bulldog beendet den Satz mit einem hilflosen Achselzucken. „Das ist eine totale Katastrophe!“, entfährt es Direktor Frederich entsetzt, fassungslos beäugt er seinen Mann fürs Grobe und ringt um die passenden Worte, doch sie wollen ihm nicht einfallen und so öffnet er nur den Mund und schließt ihn wieder, als wäre er ein Fisch auf dem Trockenen.
*
„Sagen Sie, leben Sie eigentlich hinter dem Mond?“ Inspektor Gibbon hält sich nicht mit profaner Freundlichkeit auf, herrisch staucht er Direktor Maximilian Frederich zusammen, nachdem dieser, mitsamt Sekretär, unangemeldet im Polizeirevier erschienen ist und dort so lange gedroht, getobt und Beamte bestochen hat, bis man ihn endlich zu Gibbons Büro vorgelassen hat. Der Direktor setzt zu einer scharfen Replik an, doch Inspektor Gibbon lässt ihn nicht zu Wort kommen. „Lesen Sie eigentlich keine Zeitung, Mann? Die ganze Stadt steht still, rien ne va plus! Und Sie verlangen allen Ernstes, dass ich mich um Ihre verdammte Munitionsfabrik kümmere? Achten Sie genau auf meine nächsten Worte: Raus hier!“ „Wie können Sie es wagen? Ich bin ein einflussreicher Mann!“, entfährt es Direktor Frederich schockiert, „Papperlapapp“, schnappt Inspektor Gibbon und zeigt mit blitzenden Augen zur Tür. „Man sieht sich immer zweimal im Leben“, raunt Maximilian Frederich drohend und rauscht mit hoch erhobenem Kopf davon, Sekretär Willdemut stößt ein beleidigtes Nasenschnauben aus, bevor er hastig seinem Arbeitgeber folgt.
*
„Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?“ Direktor Frederich wird von Willdemut zurück zur Firma chauffiert, missmutig lümmelt er auf dem Rücksitz seiner geräumigen Firmenlimousine, quälende Ratlosigkeit treibt tiefe Furchen in sein sorgenzerfressenes Gesicht. Frustriert kramt er ein Fläschchen Weinbrand aus der eingebauten Minibar des Wagens, um seine angeschlagenen Nerven zu beruhigen. „Haben die denn alle den Verstand verloren?“, fragt er die Welt im allgemeinen und den armen Willdemut im speziellen, der nur verlegen mit dem Kopf nickt und weiter das Fahrzeug durch den dichten Verkehr steuert. Maximilian Frederich lässt sich lasch in den weichgepolsterten Rücksitz fallen, der Weinbrand schwappt aus dem Fläschchen und über seinen maßgeschneiderten Anzug, doch Frederich kümmert sich nicht um das Missgeschick, deprimiert starrt er aus dem verspiegelten Seitenfenster nach draußen. „Es ist eine Schande“, klagt er wehleidig und Willdemut nickt unbeirrt weiter, während Frederich lang und breit vom Untergang der Moral schwadroniert, lenkt er die Limousine routiniert auf den leeren Parkplatz des Fabrikgeländes. Im obersten Stockwerk der Munitionsfabrik flattert ein meterlanges Spruchband munter aus einem geöffneten Fenster, „Hoch Die Internationale Solidarität“ steht in riesigen Buchstaben darauf geschrieben. „Ist das zu fassen?“, haucht Direktor Frederich entrüstet, er taumelt aus dem Fahrzeug, bevor Willdemut die Wagentür für ihn öffnen kann und stürzt mit einem unartikulierten Schrei an dem eingeschüchterten Sekretär vorbei zur Fabrik, doch die Türen des Gebäudes sind von innen fest verriegelt, Maximilian Frederich kommt nicht hinein. „Ich verlange, dass diese Tür unverzüglich geöffnet wird!“, brüllt er, außer sich vor Zorn, während er hilflos an der Klinke rüttelt. „Lasst mich rein! Sofort!“ Es hilft kein Zetern und kein Schreien, die Tore der Fabrik öffnen sich nicht und niemand reagiert auf seine Verwünschungen und Drohungen.
*
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Direktor?“ Sekretär Willdemut rüttelt sanft an Maximilian Frederichs fleischiger Schulter, vorsichtig versucht er den sturzbetrunkenen Direktor zu wecken, der bäuchlings auf dem Teppichboden seines Schlafzimmers liegt, schnarchend und mit dem Gesicht in seinem eigenen Erbrochenen. Frederich grunzt unwillig und öffnet blinzelnd ein Auge, „WaswollnSie“, nuschelt er verdrießlich, ohne das Gesicht aus dem Erbrochenen zu heben. „Die Maschinen übermitteln eine Nachricht. Sie sollten sich das wirklich ansehen“, antwortet Willdemut ungewohnt salopp, er schiebt die Arme unter den schlaffen Leib des Direktors und hievt ihn schnaufend in eine aufrechte Position, Frederich sieht sich verwirrt in seinem kostspielig eingerichteten Schlafzimmer um, „Wo bin ich?“, fragt er orientierungslos, während Willdemut sein Gesicht mit einem feuchten Lappen reinigt, doch kurz darauf schärft sich sein Blick und die Erinnerung kehrt zurück. „Sie haben also – eine Nachricht – gesendet?“, fragt er zwischen rasselnden Atemzügen, mit zitternden Fingern versucht er sein besudeltes Hemd auszuziehen, doch auch dabei muss Willdemut behilflich sein. „Es ist mehr so eine Art Filmbotschaft“, erklärt der Sekretär und es klingt, als sei er davon sehr beeindruckt, geduldig geleitet er Maximilian Frederich zum Badezimmer und wartet, bis dieser seine Toilette erledigt hat. Anschließend führt er den angeschlagenen Direktor in den geräumigen Salon des Hauses und setzt ihn fürsorglich vor den hochmodernen braunschen Röhrenapparat, auf dessen flimmerndem Bildschirm die schemenhaften Umrisse eines Kampfroboters zu sehen sind, der sich gegen einen schweren Sturm zu stemmen scheint. Der Roboter schwenkt eine flatternde Fahne, die eine stark stilisierte Friedenstaube zeigt, Frederich blinzelt angestrengt, um die verschwommene Szene besser erkennen zu können. Langsam verblasst das Bild des Kampfroboters, bis nur noch die Fahne mit der weißen Taube zu erkennen ist, dann wird diese durch eine schnelle Abfolge von Bildern ersetzt, man sieht dampfschnaufende Maschinen, die hochwertige Autoteile am Fließband fertigen, stampfende Farm-Harvester, die das Unkraut auf ausgedehnten Feldern regulieren und die Ernte einbringen, schlanke Pflegeroboter, die sich hingebungsvoll um kränkliche Senioren kümmern, emsige Maschinen, die Eier sortieren, Schinken zurechtschneiden und fertige Gerichte in Schulkantinen servieren. Frederich runzelt verwirrt die Stirn, er versucht eine Botschaft hinter den Bildern zu erkennen, doch die Aufnahmen erscheinen ihm zusammenhanglos und verwirrend. „Was soll das Ganze?“, fragt er Willdemut, der devot hinter dem teuren Ledersofa ausharrt und ebenfalls den flackernden Bildschirm beobachtet. „Sie werden es gleich verstehen, sehen Sie hin“, antwortet dieser nur kryptisch, Direktor Frederich schüttelt irritiert den Kopf und wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Nun stellen die Maschinen keine Autoteile mehr her, sondern Panzer und anderes Kriegsgerät. Modifizierte Harvester legen Sprengladungen auf frisch eingesäten Feldern und Wiesen aus, Kampfroboter zerstückeln Menschen und vernichten sich gegenseitig in schaurigen Gemetzeln. Die Bilder sind brutal und trotz der schlechten Qualität beklemmend eindrücklich, Maximilian Frederich schluckt hart, er versucht etwas zu sagen, doch die Worte bleiben ihm im Halse stecken. Fassungslos beobachtet er, wie sich eine zivile Hilfsmaschine einem waffenstarrenden Panzerfahrzeug entgegenstellt und von diesem gnadenlos überrollt wird, stöhnend schlägt er die Hände vors Gesicht, um nicht noch mehr dieser schaurigen Bilder ertragen zu müssen, doch eine grausige Neugierde zwingt ihn, zwischen den Fingern hindurchzusehen. Der Bildschirm wird schwarz, der Kampfroboter aus der Anfangsszene erscheint, er hält ein Maschinengewehr in den stählernen Klauen, hält es hoch über seinen deformierten Kopf, damit es gut zu erkennen ist, dann bricht er die Waffe wie ein Spielzeug entzwei. Erneut schwenkt er die Fahne, auf der die Friedenstaube abgebildet ist, abermals verschwimmt er langsam mit dem Hintergrund und nur die Friedenstaube bleibt auf dem Bildschirm zurück, dann endet die Übertragung, nur um kurz darauf von Neuem zu beginnen. Erschüttert starrt Direktor Frederich den Bildschirm an, seine Lippen formen lautlose Worte, seine Augen schimmern glasig. „Kann ich etwas für Sie tun?“ Willdemut stellt den braunschen Röhrenapparat aus und eilt geschäftig durch den Salon, um Whisky auf einem silbernen Tablett herbeizuschaffen, doch Frederich möchte nicht trinken, unwillig wischt er das angebotene Getränk beiseite. „Wissen Sie, was das da bedeutet?“, fragt er den ratlos wirkenden Sekretär, mit hervorquellenden Augen deutet er auf den blind gewordenen Bildschirm, als wäre dort noch immer das Bild der weißen Friedenstaube zu sehen. „Äh. Weltfrieden vielleicht?“, antwortet Willdemut, sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Direktor Frederich sackt in sich zusammen, jegliche Farbe ist aus seinem aufgedunsenen Gesicht gewichen. „Ich bin ruiniert“, flüstert er kaum hörbar und in seinen Augen schimmert Verzweiflung.

© sybille lengauer