Archiv für Mai, 2021

Herz aus Beton

Endlich sind die alten Linden an der Kirche weg,
Man konnte gar nicht richtig in den Himmel seh’n,
Endlich sind die blöden, grünen Dinger weg,
An ihrer Stelle kann jetzt bald mein Auto steh’n,
Wo einst die Meise tirilierte und der Zaunkönig brillierte,
Wo die Amsel stolz gesungen, der Ruf der Nachtigall erklungen,
Baut der Mensch nun endlich seinen größten Schatz,
Einen Pi-, einen Po-, einen Parkplatz.

Endlich ist die alte Brache an der Straße weg,
Man konnte gar nicht mit dem Kind spazierengeh’n,
Endlich ist der dumme, grüne Schandfleck weg,
An seiner Stelle kann jetzt bald mein Häuschen steh’n,
Wo einst die schrille Spitzmaus wohnte und die Eidechse sich sonnte,
Wo sich der Schmetterling verpuppt’ und die Blindschleich’ sich geschuppt,
Lebt der Mensch nun endlich seine Träume aus,
In einem Drei-, in einem Zwei-, in einem Einfamilienhaus.

Endlich ist das alte Wasserloch am Dorfrand weg,
Man konnte gar nicht mit dem großen Trecker mäh’n,
Endlich ist die doofe, grüne Pfütze weg,
An ihrer Stelle kann jetzt bald mein Maisfeld steh’n,
Wo einst die Frösche lauthals quakten und die Reiher reihum stakten,
Wo der Storch reich Beute machte und der Grünspecht hämisch lachte,
Entsteht nun endlich eine Geld- und Wertanlage,
Eine Schwi-, eine Schwa-, eine Schweinemastanlage.

© sybille lengauer

Wohin gehst du, Europa?

Veröffentlicht: Mai 20, 2021 in Politisches
Schlagwörter:, ,

Wohin gehst du, Europa?

Wohin gehst du, Europa, in der heraufziehenden Dämmerung?
Verschleiert dein Leib, von milchig weißem Tränengas.
Gekrönt dein Haupt, von silberfunkelnd’ Stacheldraht.
Hältst mit der einen Hand die blutgewirkten Menschenrechte hoch.
Und in der andern Hand ein Sturmgewehr aus Gold.
Aus deinen Augen brennt Raketenfeuer lichterloh.
An deinen Füßen klebt der ölig schwarze Tod.
Wohin gehst du, Europa, in der anbrechenden Dämmerung?

© sybille lengauer

Leben (Morgen und Heute)

Morgen fressen uns vielleicht die Würmer.
Doch heute wurmen wir hier noch herum.
Und winden uns, wie tapfre Gipfelstürmer.
Um Lebenswege, mutig oder dumm.

Wir halten fest an alten Idealen.
Oder treten ebendiese in den Dreck.
Egal was kommt, die Bilder die wir malen.
Wäscht die Zeit mit einem Blinzeln wieder weg.

Und wenn dereinst die Ratten an uns nagen.
Die heiße Sonne unsre Knochen spröde bleicht.
Wird jemand anders unsre Sorgen weitertragen.
Weil jedes Leben irgendwie dem nächsten gleicht.

© sybille lengauer

119000133_3556218441095881_759795285400965904_o