Hirnwichsen (Schädelfetzen), 2008, Verlag Engelsdorfer, Gedichte & Kurzgeschichten, Cover Sybille Lengauer

Hospitalistische Liebeslieder, 2009, Verlag Engelsdorfer, Märchen für Erwachsene, Cover Lothar P

Goldstaub und Ruinen, 2011, Verlag PaperONE, Gedichte & Kurzgeschichten, Cover Alexandra Sonntag

Mottengedanken, 2020, Verlag Rodneys Underground Press, Gedichte & Kurzgeschichten, Cover Alice Lengauer zu bestellen auch unter: rodney@undergroundpress.de

Ziemlich schlechte Nachrichten, 2021, Verlag Rodneys Underground Press, Kurzgeschichten, Cover Carsten Uwe Wieland zu bestellen auch unter: rodney@undergroundpress.de

Elparadiso

Zeit: 13. April 2205
Ort: Gilgamesh, zweiter Mond des habitablen Exoplanet Inanna im System Babylon760-I
Entfernung zur Erde: 3,5 Lichtjahre
Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha: gegründet 2199 im Auftrag des interstellaren Handelsunternehmens Van den Boom & Söhne
Missionsziel: Anpassung firmenpatentierter Embryonen an die naturgegebenen Anforderungen von Inanna, um eine erfolgreiche Besiedlung und damit einhergehende Inbesitznahme durch die Firma zu gewährleisten
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Produktiv

Kantine

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Eins Heyman Even neigt sich mit verschwörerischem Gesichtsausdruck seinem Sitznachbar entgegen, während sie in der gutbesuchten Kantine das Mittagessen einnehmen. „Was soll ich gehört haben?“, antwortet Arbeiter Klasse Eins Thojan Schmydt mit vollem Mund, er scheint nur mäßig an einem Gespräch mit Even interessiert zu sein. „Wir sollen alle kastriert werden“, raunt Heyman Even geheimnistuerisch und doch so laut, dass sich ringsum ein paar neugierige Köpfe heben. Er rückt aufdringlich nah an Schmydt heran, der daraufhin seinerseits einige Zentimeter zur Seite rückt und demonstrativ mit den Augen rollt, um sein Missfallen auszudrücken, mehr als ein „Bitte was?“ schlüpft ihm nicht von der Zunge.
„Die wollen uns an der Fortpflanzung hindern. Und zwar für immer! Neueste Anweisung der Firma“, zischt Even aufgeregt und kleine Spucketropfen fliegen von seinen feuchten Lippen. Thojan Schmydt runzelt irritiert die Stirn. „Ach was. Klingt für mich wie ein Haufen kalter Weltraumscheiße. Warum sollten die das wollen?“, fragt er in herablassendem Tonfall. Heyman Even scheint nur auf diese Frage gewartet zu haben, denn seine Begründung folgt wie aus der Pistole geschossen. „Weil sie befürchten, dass hier dasselbe passiert wie auf Teegardens Stern, kapische?“ Weitere Spucketropfen fliegen, Thojan Schmydt rümpft die Nase und drückt damit Skepsis und Ekel zugleich aus. „Aha. Und woher hast du diese krasse Information?“, fragt er ohne jegliche Begeisterung. „Das Ohr war heute morgen ziemlich gesprächig.“ Heyman Even spielt seine wichtigste Karte aus, sein sporadischer Intimkontakt zur Subraum-Funkerin der Mondbasis ist, zumindest inoffiziell, allseits bekannt. Thojan Schmydt wird tatsächlich etwas blass um die Nase. „Dann kommt das also von ganz oben?“, entfährt es ihm schriller als beabsichtigt. Heyman Even ist ein einziges Nicken. „So ist es, mein Guter“, bestätigt er und grinst selbstzufrieden über die Wirkung seiner Worte. „Was, wenn sie dich nur auf den Arm genommen hat? Du weißt doch, wie hinterfotzig die Hrabak manchmal sein kann“, hält Schmydt dagegen, doch in seiner Stimme schwingt Verunsicherung. „Diesmal nicht“, versichert Heyman Even mit blitzenden Augen, „sie war definitiv aufrichtig. Tatsächlich habe ich sie noch nie so bestürzt gesehen. Weißt du noch, der Vorfall im Reaktor?“ Ein dunkler Schatten zieht über Thojan Schmydts Gesicht, als er an die schreckliche Tragödie denkt, die drei Arbeitern das Leben gekostet hat. „Natürlich“, brummt er und legt das Essbesteck beiseite, sein Appetit hat sich verflüchtigt. „Damals war sie weniger betroffen“, versetzt Even trocken. Thojan Schmydt starrt wortlos auf seine halbgegessene Ration, seine Lippen sind zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
In der Kantine ist es auffallend still geworden.

*

Labor
„Haben Sie es schon gehört?“ Dr. Thaila Nguyen hantiert betont lässig mit einigen Petrischalen, um ihre innerliche Aufregung zu überspielen. „Hm?“, grunzt Dr. Natasha Melnik und hebt noch nicht einmal den Blick von den Unterlagen, die sich auf ihrem Schreibtisch türmen; sie ist voll und ganz in die Auswertung ihres letzten Embryonen-Experiments vertieft. Thaila Nguyen lässt vor lauter Lässigkeit beinah eine Petrischale fallen, was ihr zumindest einen irritierten Seitenblick der älteren Kollegin beschert. Dr. Nguyen kann ihren Mitteilungsdrang nicht länger beherrschen und plappert wild drauflos: „Wentworth Hill hat Grischa Zhang erzählt, dass Lynda Quoort heute Mittag in der Kantine gehört hat, wie Heyman Even zu Thojan Schmydt gesagt haben soll, dass…“ „Meine Güte!“, entfährt es Dr. Melnik ärgerlich, doch Thaila Nguyen ist nicht zu bremsen, „…dass wir alle zwangskastriert werden sollen, angeblich ein Befehl der Firma, können Sie sich das vorstellen?“ „Nein, kann ich nicht“, antwortet Dr. Natasha Melnik und lässt es ruppig klingen. „Er weiß es ganz bestimmt, das Ohr hat es ihm geflüstert und Sie wissen doch, dass er und sie, naja, Sie wissen schon.“ Dr. Thaila Nguyen macht eine zweideutige Handbewegung und versucht vielsagend zu zwinkern, was ihr kläglich misslingt. „Die Hrabak redet viel wenn der Tag lang ist. Du solltest nicht alles glauben, was man dir über fünf Ecken erzählt“, versetzt Dr. Melnik streng. Dr. Nguyen zieht ein enttäuschtes Schmollgesicht, sie hat sich den Gesprächsverlauf offenbar ganz anders vorgestellt. „Möchtest du denn Kinder bekommen?“, fragt Natasha Melnik ganz unerwartet, Thaila Nguyen stutzt und antwortet schließlich mit einem vagen Achselzucken. „Bist du in einer Beziehung?“, lautet die nächste, unangenehme Frage. „Naja…“ Die junge Wissenschaftlerin ist plötzlich gar nicht mehr so redselig, sie druckst herum und errötet sogar ein wenig. „Ach ja, du bist mit dieser Mechanikerin zusammen. Easter Trân, nicht wahr?“ Dr. Melnik lehnt sich zurück und mustert ihre junge Kollegin von Kopf bis Fuß, in ihrem Blick liegt nun fast so etwas wie echtes Interesse. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Easter hat viele…“, Dr. Nguyen bricht ab, errötet noch etwas mehr und setzt ein geflüstertes „Es ist kompliziert“ hinterher, dann besinnt sie sich plötzlich und schiebt resolut das Kinn nach vorn. „Aber darum geht es doch überhaupt nicht, oder? Es geht um meine Entscheidungsfreiheit und nicht um meinen irgendwie gearteten Kinderwunsch. Ich wüßte nicht warum irgendjemand auf der Erde über meine Fortpflanzungsorgane bestimmen sollte, immerhin habe ich einen Vertrag über fünfundzwanzig Jahre unterschrieben und nicht auf Lebenszeit, oder?“
„Hm“, macht Dr. Natasha Melnik und faltet die Hände über ihrem Bauch wie sie es immer tut, wenn sie sehr nachdenklich ist.

*

Reaktorkontrollraum

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Zwei Archibald Ruiz poltert in den kleinen Aufenthaltsraum, der direkt an den Reaktorkontrollraum angrenzt und an Ausstattung nichts weiter enthält als einen abgenutzten Tisch, ein paar abgewetzte Stühle und eine auffallend hochwertige Kaffeemaschine. Die beiden anwesenden Mechanikerinnen, eben noch in ein angeregtes Gespräch vertieft, verfallen sofort in misstrauisches Schweigen. Der rüpelhafte Ruiz, als notorischer Schwätzer und Möchtegern-Weiberheld berüchtigt, ist bei seinen Kolleginnen ausgesprochen unbeliebt und soll das auch jederzeit zu spüren bekommen. „Kommt ganz darauf an. Was meinst du denn, was wir gehört haben sollten?“, erwidert schließlich Becca Durand, sie stellt ihre Kaffeetasse beiseite, um die Arme demonstrativ vor der Brust verschränken zu können, doch Archibald Ruiz nimmt ihre ablehnende Haltung gar nicht wahr. „Die schneiden mir die Eier ab!“, zischt er mit weit aufgerissenen Augen, „und euch reißen sie die Eierstöcke raus, soviel ist sicher!“ Wie ein Betrunkener wankt er zum Tisch und lässt sich auf einen Stuhl fallen, springt jedoch sofort wieder auf die Beine, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken; seine Hände zittern vor Aufregung. „Beruhige dich, Mann. Du machst einen Aufstand, als stünden sie bereits mit dem Skalpell hinter dir“, brummt Easter Trân und schnalzt abfällig mit der Zunge, Becca Durand zieht vielsagend eine Augenbraue hoch und grinst spöttisch. „Ihr habt es also auch gehört!“, schreit Archibald Ruiz und verschüttet vor Aufregung pfützenweise Kaffee. „Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen! Wir haben schließlich Rechte! Mein Körper gehört mir!“, posaunt er lautstark und setzt sich unaufgefordert zwischen die Mechanikerinnen, die sich davon wenig begeistert zeigen. „Ein Dreck gehört dir“, murmelt Easter Trân pikiert, doch Ruiz überhört die Spitze und schwadroniert weiter von Arbeitnehmerrechten und Widerstand.

*

Direktion

„Entschuldigen Sie die Störung, Direktor Muur, aber Dr. Melnik ersucht dringend um ein persönliches Gespräch.“ Direktionsassistent Sangkung Lapin gibt sich höflich, doch seine steife Körperhaltung verrät seine wahren Gefühle. Den ganzen Nachmittag ist er schon damit beschäftigt Personen abzuwimmeln, die sich mit dem stellvertretenden Direktor der Gilgamesh-Mondbasis über das Kastrationsgerücht unterhalten wollen, das sich wie ein Lauffeuer unter den Angestellten verbreitet hat. Lapin, der heute ebenfalls zum ersten Mal von diesem Gerücht gehört hat und in den letzten Stunden mit den wildesten Versionen gefüttert wurde, hätte selbst gerne ein paar Antworten, doch ist er nicht der Typ, um eine direkte Konfrontation mit Walter Muur zu riskieren. Er bevorzugt die Taktik, jemandem wie Dr. Natasha Melnik das Feld zu überlassen und selbst ein Ohr an die Tür zu legen, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben.
Wie nicht anders von Lapin erwartet, wiegelt Muur sein Anliegen mit einer unwilligen Handbewegung und einem mürrisch gebrummten: „Sie wissen doch, dass ich heute keine Zeit habe“, ab. Sangkung Lapin zieht sich daraufhin ohne jeden Diskussionsversuch zurück, auch wenn er den Gesprächsverlauf gegenüber Dr. Melnik ganz anders beschreibt. „Ich habe alles versucht“, behauptet er und legt die Stirn in betrübte Falten, „ich habe ihn förmlich angebettelt Sie zu empfangen, das müssen Sie mir glauben! Selbst einen Stein hätte ich mit meinen Worten erweichen können, aber gegen die Launen des Direktors bin ich machtlos. Er sagt, er habe wichtigeres zu tun, als sich mit den profanen Anliegen einfacher Arbeitnehmer auseinanderzusetzen und wer bin ich, ihm zu widersprechen?“ Lapin macht eine wohlkalkulierte Kunstpause, um das Gesagte wirken zu lassen und fährt dann in leisem Flüsterton fort: „Natürlich könnte ich es nicht verhindern, wenn sich jemand in Ihrer Position über jemanden wie mich hinwegsetzt, immerhin obliegt Ihnen die Leitung des Labors und ich bin nur ein unbedeutender Sekretär, nicht wahr? Sollten Sie den Direktor also unbedingt sprechen wollen, könnte ich das beim besten Willen nicht verhindern.“ Lapin wackelt bedeutungsschwanger mit den Augenbrauen und lächelt scheinheilig. Dr. Melnik antwortet mit einem genervten Schnauben, sie durchschaut Lapin besser als dieser vermutet und weiß längst worauf er hinauswill, doch nützt ihr dieses Wissen wenig, denn entweder spielt sie sein Spiel mit, oder sie bleibt ohne Antworten. So oder so, eine unbefriedigende Lage für die erfahrene Wissenschaftlerin. Natasha Melnik entscheidet sich für die Flucht nach vorn, sie schreitet betont würdevoll an Lapin vorbei und betritt mit selbstbewusstem Gesichtsausdruck das Büro. Natürlich folgt ihr Lapin dichtauf, um wortgewaltig gegen ihr Eindringen zu protestieren und sich wie der erfolglose Beschützer seines geliebten Herrn Direktors aufzuspielen, was Dr. Melnik nur ein weiteres, entnervtes Schnauben entlockt. „Ich hatte doch gesagt, dass ich keine Zeit habe!“, empört sich Walter Muur, doch Dr. Melnik ignoriert seinen Ärger, setzt sich unaufgefordert in einen Besuchersessel und schlägt lässig die Beine übereinander. „Sie haben eine ganze Menge gesagt, wenn man Ihrem Assistent Glauben schenken darf“, versetzt sie spitz, Sangkung Lapin nutzt das Stichwort, um sich aus dem Büro zu entfernen und die Tür einen kleinen spaltbreit offen zu lassen. „Ich bin mit dem Produktivitätsbericht beschäftigt, kann das nicht bis morgen warten?“, poltert Direktor Muur ungehalten, doch Natasha Melnik lässt sich davon nicht beeindrucken. „Stimmt es, dass die Firma eine Zwangskastration aller Mitarbeiter angeordnet hat?“, fragt sie rundheraus, sie ist nicht in Stimmung für umständliche Floskeln und möchte das Gespräch gerne schnellstmöglich hinter sich bringen. Der stellvertretende Direktor wirft ihr einen irritierten Blick zu und kratzt spontan seinen ergrauenden Kinnbart. „Woher haben Sie denn diesen lächerlichen Unsinn?“, blafft er unfreundlich. „Die ganze Basis spricht darüber“, antwortet Natasha Melnik kühl, Walter Muur schüttelt den Kopf und will damit schon alles gesagt haben, doch Dr. Melnik lässt nicht locker. „Sie versichern mir also, dass es sich hierbei um ein Gerücht handelt und dass ebendieses Gerücht keinesfalls der Wahrheit entspricht?“ Die gestelzte Formulierung entlockt dem stellvertretenden Direktor ein überhebliches Lächeln. „Meine liebe Frau Doktor“, beginnt er unangenehm jovial, „ich kann Ihnen versichern: niemand hat die Absicht, die Mannschaft zu kastrieren.“ „Ha“, macht Dr. Melnik, doch es klingt nicht nach einem Lachen, sie verlässt Muurs Büro mit verdüstertem Blick und rauscht wortlos an Lapin vorbei, der natürlich so tut, als habe er nicht das Geringste gehört.

***

Zeit: 25. April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Hauptsitz der Interstellaren Handelsfirma Van den Boom & Söhne

Pressekonferenz

„Guten Morgen meine sehr verehrten Damen, Herren und Diverse, ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Pressekonferenz im Hause Van den Boom & Söhne. Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich möchte Sie ersuchen, die Ihnen zugewiesenen Plätze einzunehmen und werde mich in Kürze Ihren Fragen zur Lage auf Teegardens Stern widmen.“ Pressesprecher Adrian Moco lächelt sein bestes Lächeln, während er die geladenen Journalisten und Holo-Reporter aus aller Welt begrüßt. Es ist sein erster Auftritt dieser Art, denn bis vor einer Woche war er weder Pressesprecher, noch Angestellter der Firma Van den Boom & Söhne. Im Eilverfahren wurde der erfolgsverwöhnte Showmoderator angeworben, um der Firma sein sympathisches Gesicht zu verleihen und deren angeschlagenes Image aufzubessern. Nun wird sich zeigen, ob er die vielen Millionen wert ist, die Henry Van den Boom Junior in ihn investiert hat. Adrian Moco wartet geduldig, bis sich die Menschen im Raum verteilt und ihre Holo-Recorder in Position gebracht haben, dann faltet er seine Hände in jener markanten Art und Weise, die zu seinem Markenzeichen geworden ist und eröffnet die Fragerunde. Selbstverständlich wurden alle Fragen vorab eingereicht und geprüft, ebenso selbstverständlich hat Moco bereits die Antworten parat, er muss nur den betreffenden Text ablesen, der über eine Kontaktlinse in seinem linken Auge flimmert. Es ist ein übliches Prozedere, das sich im Umgang mit der Presse bewährt hat und von allen größeren Firmen angewandt wird. Journalisten, die sich nicht an die ungeschriebene Regel halten und unangekündigte Fragen stellen, landen auf einer schwarzen Liste und werden fortan von allen Medienveranstaltungen ausgeschlossen. Adrian Moco hat also keinen Grund nervös zu sein und doch schwitzen seine Hände und sein Atem geht zu schnell. Vielleicht ist es nur profanes Lampenfieber, das ein jeder bei einer Live-Veranstaltung dieser Größenordnung hätte, vielleicht ist es aber auch eine Vorahnung auf die mediale Katastrophe, die sich in wenigen Minuten ereignen wird.
Die ersten Fragen verlaufen wie verabredet, Moco antwortet souverän und geschmeidig, alles entwickelt sich zu seiner Zufriedenheit, bis plötzlich eine junge Journalistin unaufgefordert die Stimme erhebt. „Stimmt die Behauptung, dass Van den Boom & Söhne seine Angestellten auf Babylon 760-I zwangskastrieren will, um einen weiteren Vorfall wie auf Teegardens Stern zu verhindern?“ Im Raum wird es plötzlich so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, Adrian Moco starrt der jungen Frau fassungslos ins Gesicht, bis er sich der vielen Aufnahmegeräte erinnert, die ihn live in alle Welt übertragen. Er räuspert sich und will die Journalistin zurechtweisen, als sich ein dicklicher Holo-Reporter mit einer ähnlich gearteten Frage meldet. Ein Aufruhr entsteht, plötzlich reden alle wild durcheinander. Moco vergisst zu lächeln, er verliert erst den Faden und dann die Kontenance.

*

Businessjet SL-Super 94
Nordatlantischer Ozean

Henry Van den Boom Junior hängt würgend über der Bordtoilette und erbricht Lachshäppchen mit einem Gemisch aus Kaffee und Champagner durch Mund und Nase. Er röchelt gequält, Tränen laufen über seine Wangen, auf seiner Stirn steht kalter Schweiß. Vor zwanzig Minuten hat er die Liveschaltung zur Pressekonferenz unterbrochen und dann so lange getobt und geschrien, bis sein überreiztes System kollabiert ist. Seither hängt er über der Bordtoilette und isst sein Frühstück rückwärts, während ein sichtlich pikierter Flugbegleiter vor der Toilettentüre wacht und sich gelegentlich nach seinem Befinden erkundigt. Van den Boom Junior würde gerne antworten, dass das seine verdammte Privatsache ist, doch seine Stimmbänder scheinen nicht mehr mit seinem Gehirn verbunden, er ist nur noch in der Lage gutturale Laute auszustoßen.
„Herr Van den Boom Junior?“ Die Stimme seiner Assistentin, Desna Yadav, klingt gedämpft durch die geschlossene Türe, „Herr Van den Boom Senior möchte Sie dringend sprechen. Er bittet um sofortigen Rückruf.“ „Arch“, krächzt Henry und erbricht noch etwas mehr schlecht zerkauten Lachs. Als er sich endlich soweit erholt hat, um wieder im Passagierbereich platz zu nehmen und eine Holoverbindung zu seinem Vater herzustellen, hat das Bordpersonal die schlimmsten Spuren seiner körperlichen Eskalation bereits beseitigt, trotzdem macht sein Erscheinungsbild einen leicht lädierten Eindruck, was sein Vater sofort gnadenlos kommentiert. „Du siehst beschissen aus“, bellt der alte Mann, der seinerseits nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, „hast dir wieder die Seele aus dem Leib gekotzt, wie?“ Henry antwortet mit beiläufigem Schulterzucken, er ist die Beleidigungen seines Vaters so gewohnt, dass er sie gar nicht mehr richtig hört, doch dieser hat heute noch viel mehr auf Lager, denn auch er hat die Pressekonferenz gesehen, im Gegensatz zu seinem Zweitgeborenen sogar bis zu Ende. „Ich hatte dir, Idiot, von Anfang an gesagt, dass diese Null Moco, dieser elende Abschaum, dieser… dieser Hurensohn nicht die richtige Wahl ist, um unser Unternehmen zu vertreten. Wieder und wieder habe ich es dir gesagt, aber wolltest du auf mich hören? Natürlich nicht, warum solltest du auch? Es geht ja um nichts, nicht wahr? Wenn dein Bruder, Gott hab’ ihn selig, noch am Leben wäre, er würde dir die Tracht Prügel deines Lebens verpassen! Er würde dich totschlagen und ich würde ihm einen Knüppel reichen, damit er schneller fertig wird damit. Du bist eine Schande für meine Familie, ich habe es satt mit dir!“ Henry Van den Boom Junior starrt mit glasigen Augen durch die holographische Übertragung seines Vaters, er ist weder gewillt noch in der Lage den Blick zu fokussieren. Im Kopf schreit er seinem Vater die wüstesten Beschimpfungen ins hagere Gesicht, nach außen hin ist davon nichts zu sehen, nur seine Hände zittern ein wenig, während sie auf seinen Oberschenkeln ruhen. „Ich habe es so satt“, wiederholt sein Vater noch einmal mit Nachdruck, dann seufzt er und fährt in etwas ruhigerer Stimme fort: „Du wirst diesen Scherbenhaufen alleine beseitigen, hast du verstanden? Ich werde keinen Finger rühren um dir zu helfen, ganz im Gegenteil, ich ziehe mich endgültig aus den Geschäften zurück. Ich gehe. Und mein Vermögen nehme ich mit.“ „Das kannst du nicht machen!“ Van den Boom Junior erwacht schlagartig zum Leben, als sein Vater das magische Wort ‚Vermögen‘ erwähnt. Ohne die väterlichen Billionen wäre Van den Boom & Söhne schlichtweg bankrott, die Maßnahmen zur Kolonisierung ferner Welten verschlingen Unsummen und wurden bislang nicht vom erwarteten Erfolg gekrönt, ganz im Gegenteil, Teegardens Stern hat sich zu einem Milliardengrab entwickelt und nun sieht es ganz danach aus, als würde auch Babylon 760-I ein Fiasko. „Und ob ich kann“, faucht Henry Van den Boom Senior, „ich werde mit Doktor Diaz sprechen und ihn ermächtigen, mit den Vorbereitungen zur kryogenischen Behandlung zu beginnen. Ich werde mich einfrieren lassen, Junior, mich und all meine Konten und Liegenschaften und wenn sie mich in zweihundertfünfzig Jahren wieder auftauen werden, wirst du, mein Sohn, garantiert nicht mehr da sein, um mir den Tag zu vergällen.“ Henry Van den Boom Senior spuckt die Worte Junior und Sohn so abfällig aus, als handle es sich um verdorbene Shrimps in einem billigen Krabbencocktail, dann beendet er abrupt die Verbindung und sein Holoabbild verschwindet. Sein Filius starrt lange auf die Stelle, an der eben noch die Miniatur seines Vaters zu sehen war, in seinem Gesicht arbeitet es merklich; es hat kurz den Anschein als müsse er sich erneut übergeben, doch dann sammelt er sich und wählt eine neue, passwortgeschützte Nummer. „Der Plan hat sich geändert“, teilt er der vermummten Person mit, die seinen verschlüsselten Anruf entgegennimmt, „Sie müssen umgehend aktiv werden.“ Die Holoabbildung der dunklen Gestalt nickt würdevoll. „Der Preis wird sich dementsprechend erhöhen. Sind Sie bereit ihn zu entrichten?“ „Jederzeit“, blafft Henry Van den Boom Junior. „Fünf Tage“, sagt die anonyme Holofigur und beendet das Gespräch. Henrys nächste Anrufe gelten zwei Bankunternehmen, die er jeweils mit der Überweisung einer ordinär hohen Summe auf ein speziell geschütztes Konto beauftragt; eine Anzahlung, um seinen Vertrag mit einem der berüchtigtsten Auftragsmörder Europas zu besiegeln.

***

Zeit: 28. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Direktion

„Ich kann Ihnen nur immer wieder versichern, dass es sich hierbei um Fake News handelt. Das sind Hirngespinste, pure Fantastereien! Wir wissen doch alle wie verlogen die Medien heutzutage sind, denen kann man keinen Zentimeter weit trauen, das ist doch allgemein bekannt, ich bitte Sie.“ Stellvertretender Direktor Walter Muur tupft sich mit einem silbrig glänzenden Taschentuch dicke Schweißperlen von der Stirn, während er unter den stechenden Blicken der drei Personen schmort, die gestern Abend in einer regelrechten Blitzabstimmung zu offiziellen Vertretern der Angestellten ernannt worden sind. Fragmentarische Aufnahmen der missglückten Pressekonferenz von Van den Boom & Söhne, die gestern Vormittag auf Umwegen zur Mondbasis gelangt sind, haben unter den Beschäftigten große Bestürzung, aber auch einen regelrechten Schulterschluss ausgelöst. Um ihren spontan gewählten Vertretern das nötige Gewicht zu verleihen, ruhen bis auf weiteres sämtliche nichtessentiellen Arbeiten und auch die Embryonenforschung soll in den kommenden Tagen stark eingeschränkt werden. Niemand auf der Mondbasis spricht von Streik, doch das ist nur noch eine Frage der Zeit und Walter Muur ist sich dessen absolut bewusst; die Katastrophe schwebt wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt. Dem nervösen Direktor gegenüber sitzen Vorarbeiter Hendrik Schwan, Laborleiterin Dr. Natasha Melnik und Mechanikerin Klasse Eins Easter Trân, vereint in ablehnender Pose. Den blumigen Worten des stellvertretenden Direktors vertraut keiner von ihnen, seine schwülstigen Beteuerungen fallen auf unfruchtbaren Boden. Walter Muur quält ein versöhnlich gemeintes Lächeln von seinen Lippen und flüchtet sich zurück auf das vertraute Terrain der Floskeln. „Ich bin sicher, dass wir eine zufriedenstellende Lösung finden werden“, säuselt er möglichst unverbindlich und tupft weitere Schweißperlen fort, Easter Trân reizt das zu einem abfälligen Schnauben, Schwan und Dr. Melnik starren stumm. „Ich ersuche Sie mir zu helfen, Ihnen zu helfen. Was kann ich tun, um dieses Missverständnis ein für allemal aus der Welt zu schaffen?“ „Wir verlangen ein Gespräch mit Henry Van den Boom Senior persönlich.“ Dr. Natasha Melnik lächelt ein messerschneidenschmales Lächeln, als sie Walter Muurs Reaktion auf ihre Forderung beobachtet. „Wie stellen Sie sich das vor?“, japst dieser, sichtlich um Fassung ringend, „glauben Sie vielleicht er fliegt mit seinen hundertsiebenundzwanzig Jahren quer durch den Weltraum, um mit Ihnen ein Schwätzchen zu halten?“ „Ein offiziell beglaubigtes Gespräch würde uns genügen“, kontert Hendrik Schwan trocken, Natasha Melnik und Easter Trân nicken zustimmend. Walter Muur blickt von Trân zu Melnik zu Schwan, dann wieder zurück zu Trân, die beim Grinsen alle Zähne zeigt. „Ich werde sehen was ich tun kann“, seufzt er resigniert.

*

Kantine

„Ist das alles, was ihr erreicht habt?“ Heyman Even plustert sich mächtig auf, er krakeelt seine Enttäuschung über das, in seinen Augen gescheiterte, Gespräch mit Walter Muur quer durch die überfüllte Kantine, die zum provisorischen Versammlungsort erhoben worden ist. Seit der gestrigen Abstimmung, bei der Dr. Melnik, Hendrik Schwan und Easter Trân mit großer Mehrheit gewählt wurden, zeigt sich Heyman Even mürrisch bis tödlich beleidigt. Er ist aufs unversöhnlichste gekränkt, da nicht er, heldenhafter Aufdecker des Kastrationsskandals, zum Vertreter der Angestellten gewählt wurde, sondern der Korinthenkacker Schwan, die Hure Trân und Dr. Melnik, vor der sich Even zu sehr fürchtet, um sie mit einem Schimpfnamen zu belegen. Er spricht nur das Doktor möglichst abfällig aus, wenn sie garantiert außer Hörweite ist. Zu Evens bitterer Enttäuschung interessiert sich jedoch niemand für seine gekünstelte Empörung, eine weitere Kränkung, die er schmollend einer immer längeren Liste hinzufügen muss. Seine fünf Minuten Ruhm sind vorbei. Während die versammelten Angestellten an den Lippen ihrer gewählten Vertreter kleben, verlässt Heyman Even die Kantine unter gemurmelten Flüchen. „Ich bin sicher, dass sich Herr Van den Boom sehr bald gesprächsbereit…“ hört er Hendrik Schwan noch sagen, dann schließt sich die Kantinentür und schneidet sämtliche Geräusche ab. Heyman Even stapft murrend den Gang hinunter, seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben, seine Gedanken voller Missgunst und Groll. Sein unbewusst gewählter Weg führt ihn ganz automatisch vor die Kabinentür von Barbar Hrabak. Obwohl die Subraum-Funkerin normalerweise sehr gesellig lebt, meidet sie seit Beginn des Kastrationsskandals den Umgang mit der Mannschaft, auch Even hat sie tagelang nicht zu Gesicht bekommen. Warum er ausgerechnet jetzt Sehnsucht nach ihrer Gesellschaft verspürt, kann er sich selbst nicht erklären, trotzdem klingelt er und wartet beharrlich, bis sie endlich die Tür öffnet. „Ausgerechnet du“, entfährt es Barbar Hrabak trocken, ihre Augen schnellen kurz über den hell erleuchteten Gang, dann lässt sie ihn mit einem knappen Kopfnicken herein. „Was willst du“, fragt sie mit rauer Stimme, während Even erfolglos nach einer Sitzgelegenheit sucht, die nicht von zerknüllter Kleidung und achtlos hingeworfenen Gegenständen belegt ist. „Ich wollte dich sehen“, antwortet er und setzt sich auf das ungemachte Bett. Barbar Hrabak antwortet mit eiskalter Stille, sie verschränkt die Arme vor ihrem überdimensional großen Busen und straft ihn mit tödlichen Blicken. „Ich weiß auch nicht so recht“, Heyman Even ringt um die richtigen Worte, „ich wollte wohl einfach bei dir sein.“ „Aha“, macht Barbar Hrabak und in den drei Buchstaben liegt alle Ablehnung der Welt. „War wohl eine blöde Idee“, murmelt Heyman mehr zu sich selbst, als zur innerlich brodelnden Subraum-Funkerin, doch die greift seine leise Bemerkung nur allzu gerne auf. „Was war eine blöde Idee, ha? Dass du behauptet hast, du hättest die Geschichte mit der Massenkastration von mir? Oder dass du wirklich allen auf der Basis davon erzählt hast? War es eine blöde Idee mich in die Sache hineinzuziehen? War es dämlich, vielleicht sogar bösartig dumm, weil ich mich nirgendwo mehr blicken lassen kann, ohne schief angeglotzt zu werden und es mich obendrein höchstwahrscheinlich den Job kosten wird?“ „Hey, komm’ wieder runter. Konnte doch niemand ahnen, dass das Ganze so eskaliert“, Heyman Even hebt beschwichtigend die Hände, doch seine pseudodefensive Geste stößt nicht auf Gegenliebe. „Wage es nicht mir zu sagen ich solle mich beruhigen, du egozentrierter, mieser Arsch“, faucht Barbar Hrabak zornig, auf ihrem Gesicht bilden sich hektisch-rote Flecken. Heyman Even, der seinem Empfinden nach seit gestern Abend genug Demütigungen erdulden musste, platzt urplötzlich der Kragen. „Du bist genauso beschissen arrogant wie die Fotze Trân!“, brüllt er, das Gesicht dunkelrot, dicke Adern treten an seinem Hals hervor. Barbar Hrabak lacht ein gehässiges Lachen, in ihrem Blick liegt eine ätzende Mischung aus Verachtung und Abscheu. „Verschwinde, du trauriges Würstchen“, ist alles, was sie zu sagen hat. Heyman Even springt mit geballten Fäusten vom Bett auf und durchquert in zwei Schritten den Raum, kurz hat es den Anschein, als wolle er Barbar Hrabak schlagen, die ihrerseits jedoch keinen Zentimeter zurückweicht, dann besinnt er sich und stürmt wutschnaubend zur Tür hinaus.

***

Zeit: 30 April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Herrenzimmer

Henry Van den Boom Junior knirscht mit den Zähnen, ohne es zu bemerken. Angespannt sitzt er in einem hochlehnigen Ledersessel, in der einen Hand hält er ein Glas mit echtem Brandy, in der anderen sein Holo-Mobile. Umgeben von geschmackvollen Möbeln und erlesenen Kunstgegenständen, die für ihn keinerlei Bedeutung haben, wartet er ungeduldig auf ein Zeichen des Himmels. Ein Anruf, ein hereinstürmender Hausboy, seinetwegen auch eine Brieftaube, es ist ihm egal, wie die heiß ersehnte Nachricht überbracht wird, solange nur der Inhalt der Botschaft stimmt. Um sich die Zeit zu vertreiben trinkt er hochprozentigen Alkohol und sinniert über die möglichen Todesarten, die seinen Vater ereilt haben mögen. Vielleicht ein klassischer Unfall wie ein Flugzeugabsturz, ein Giftanschlag wäre ebenfalls möglich, oder doch ein fingierter Selbstmord? Henry bedauert, dass er die Todesart seines Vaters nicht auswählen konnte, ihm gefiele es, wenn der alte Tyrann in einer möglichst kompromittierenden Situation aus dem Leben geschieden wäre. Selbststranguliert aufgefunden, gleich neben einem Sex-Android, nackt bis auf ein peinliches Paar Socken. So etwas würde er sich für den Vater wünschen. Wobei er sich auch mit weniger zufrieden gäbe, wenn nur endlich die elende Bestätigung käme, dass der Alte über den Jordan ist. Umso härter durchfährt ihn der Schock, als ebendieser plötzlich zur Tür hereingeschossen kommt. „Grüß dich, Henry“, flötet Van den Boom Senior mit honigsüßer Stimme, er rollt mit seinem vollautomatischen Körperstuhl zielstrebig auf den Ledersessel zu, in dem sein sprachloser Filius hockt und wortlos glotzt, und hält erst kurz vor dessen Füßen so abrupt, dass die Hinterreifen seines schnittigen Gefährts schwarze Gummistreifen auf dem Parkettboden hinterlassen. „Wie offenkundig du dich freust mich zu sehen“, kommentiert Van den Boom Senior das kreidebleiche Gesicht seines Sohnes. „Hallo Vater. Was verschafft mir die Ehre?“, fragt Junior mit monotoner Stimme, während in seinem Kopf eine viel lautere Stimme tausend Fragen auf einmal kreischt. „Oh, ich glaube das weißt du ganz genau“, säuselt Van den Boom Senior, der fragile, alte Mann lächelt so fein und liebenswürdig, als könne er keiner Laus etwas zuleide tun, seinem Sohn jagt dieses ungewöhnliche Verhalten kalte Schauer über den Rücken. Mittlerweile ist die Stimme in seinem Kopf zu einem hysterischen Orkan angeschwollen, der keine Fragen mehr stellt, sondern nur noch ein schier sinnbetäubendes: „ER WEISS ES! ER WEISS ES!“ durch seinen Schädel brüllt. Henry Van den Boom Junior steckt betont langsam das Holo-Mobile in die Tasche seines Hemdes und stellt das Brandyglas beiseite, um Zeit zu gewinnen. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worauf du dich beziehst, Vater“, antwortet er gedehnt, seine Stimme klingt belegt und rau. „Da ist ein Killer in meinem Weinkeller in Kent, der sagt etwas ganz anderes. Ich korrigiere, er sagte etwas ganz anderes, bevor Johnson ihm eine Kugel durch die widerliche Visage gejagt hat. Du kennst Johnson noch nicht, glaube ich? Johnson, stellen Sie sich doch bitte vor.“ Henry japst erschrocken nach Luft, als schlagartig zu seiner Linken ein adrett gekleideter Herr aus dem Nichts erscheint und grüßend die Hand zur Stirn hebt. „Ich habe Johnson vor ein paar Monaten eingestellt, auf Empfehlung meiner guten Freundin Stella-Margarete, die sich vor einigen Jahren mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sah, wie ich. Auch sie musste den schrecklichen Verdacht ertragen, dass ihr missratener, bis auf die Knochen degenerierter Nachwuchs nach ihrem Leben trachtet.“ „Ich…“ „Schweig!“, donnert Henry Van den Boom Senior, jede Faser seines Körpers versprüht zornige Autorität, die Energie des uralten Mannes ist beängstigend und beeindruckend zugleich, doch genauso schnell wie er sie aufgebaut hat, lässt er sie auch wieder abklingen. „Ich bin noch nicht fertig“, fährt er in ruhigerem Tonfall fort, mit beiläufigem Kopfnicken entlässt er Johnson wieder, der daraufhin genauso jäh verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Henry Van den Boom Junior starrt in grausiger Faszination auf die Stelle, an der eben noch der Unbekannte stand und jetzt nur noch leere Luft zu sein scheint, seine Lippen formen ein entsetztes O. „Sieh mich an, Henry“, verlangt Van den Boom Senior und in seiner Stimme liegt wieder jene schrecklich klebrige Süße, die nach Verdammnis klingt. Henry kann fühlen wie sich sein Magen von Innen nach Außen drehen möchte, seine Gedärme tanzen einen schmerzhaften Walzer, krampfhaft kneift er den Schließmuskel zusammen, um sich nicht vor Angst in die Hose zu scheißen. Wie in Zeitlupe dreht er den Kopf, aber seine Augen wollen nicht gehorchen und wandern wie betrunkene Fliegen über die schmale Brust und die faltigen Hände des Vaters, wollen hierhin und dorthin schauen, um nicht in dessen Gesicht blicken zu müssen. „Sieh mich an“, wiederholt dieser noch einmal und ob er will oder nicht, etwas in seinem Gehirn muss sich fügen, Henry Van den Boom Junior stiert wie ein scheinwerferblindes Reh in die altersblauen Augen seines Vaters. „Ich wollte es Anfangs nicht wahrhaben, weißt du? Ich wollte nicht glauben, dass du so tief sinken könntest dein eigenes Fleisch und Blut zu morden, aber die Auswertung deiner Onlineaktivitäten war eindeutig. Stümperhaft eindeutig. Hast du wirklich geglaubt, deine dilettantischen Verschleierungsversuche würden meiner Sicherheits-KI verborgen bleiben? Deine Naivität entsetzt mich mindestens so sehr wie deine Kaltblütigkeit.“ Van den Boom Senior atmet schwer ein und aus, sein Atem riecht nach Pfefferminz und Verachtung. „Ich…“, beginnt Henry erneut, doch er bricht sofort wieder ab, als sich eine unsichtbare Hand schwer auf seinen Nacken legt. „Großer Gott“, quietscht er schrill, sein Schließmuskel kann die brennende Flüssigkeit nicht länger halten, in die sich sein Innerstes verwandelt hat. Ein ekelerregender Geruch erfüllt das stilvoll möblierte Herrenzimmer, doch Van den Boom Senior zeigt sich davon völlig unbeeindruckt. „Wieder und wieder hast du mit deinen Eskapaden unseren Namen in den Dreck gezogen. Du hast auf die Ehre deiner Vorfahren gepisst, hast wiederholt unseren guten Ruf besudelt und trotzdem habe ich zu dir gehalten. Schließlich ist Blut dicker als Wasser und du bist mein einziger Sohn, also habe ich dich in das Unternehmen eingeführt und dir sogar die Führung übertragen, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Und wie dankst du mir für all die Jahre der Unterstützung? Wie dankst du mir, hm? Mit einem Attentat! Du hast alles verraten, wofür diese Familie steht. Du hast mich schlimmer enttäuscht, als ich es je für möglich gehalten hätte, aber nun ist endgültig Schluss. Du bist zu weit gegangen, Henry, meine Geduld ist aufgebraucht. Ab heute wirst du nicht mehr Teil dieser Familie sein.“ Henry Van den Boom Junior spürt den Stich einer Nadel, die sich ins weiche Fleisch seines Halses bohrt. Er zuckt unwillkürlich zurück, doch die Hand des unsichtbaren Bodyguards hält ihn eisern im Sessel fest. Ein unangenehmer Schmerzimpuls beginnt durch seine Adern zu fließen, sein Gesicht fühlt sich merkwürdig taub an, sein Oberkörper verliert jede Spannkraft. „Washasugetan?“, nuschelt er mit Todesangst in der Stimme. „Du wirst es überleben, keine Sorge“, antwortet sein Vater kalt, „die Analysen haben XoP-36 gute Verträglichkeit attestiert, es ist ein hervorragendes Neuroleptikum. Einzige Nebenwirkung ist leider irreversibler Gedächtnisverlust, weshalb es nie über das erste Versuchsstadium hinausgekommen ist.“ „Was…? Was…?“ Van den Boom Junior versucht zu sprechen, doch seine Stimmbänder versagen, sein ganzer Körper erschlafft, seine Augen rollen hilflos hin und her, aus seiner Nase läuft ein dünnflüssiges Blutrinnsal. Kurze Zeit später verliert er das Bewusstsein, schlaff gleitet er aus dem Sessel und bleibt zu Füßen seines Vaters auf dem Boden liegen. Van den Boom Senior starrt mitleidslos auf den Ohnmächtigen hinab. „Schaffen Sie ihn fort“, befielt er mit ekelerfüllter Stimme, dann wendet er brüsk den vollautomatischen Körperstuhl und fährt hinaus.

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Zeit: 30. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Reaktorkontrollraum

„Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein.“ Becca Durand sitzt mit kreidebleichem Gesicht auf dem spiegelglatten Boden des Reaktorkontrollraums. Sie sitzt platt auf dem Hintern, denn die Nachricht, mit der Archibald Ruiz soeben hereingestürmt ist, hat sie im wahrsten Sinne des Wortes von den Füßen gerissen. „Sie ist tot, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!“, erwidert Ruiz beharrlich, sein Blick irrlichtert haltlos durch den Reaktorkontrollraum und in den Ecken seiner Mundwinkel klebt weißer Schaum. „Sie war über und über voller Blut und ihr Kopf war ganz zerque…“ „Hör auf, ich will das nicht hören!“, schreit Becca Durand, sie schlägt die Hände flach vor die Ohren und beginnt laut zu weinen. „Was ist passiert?“ Vorarbeiterin Lyly Jon eilt mit mehreren Arbeitern im Schlepptau herbei und kniet sich besorgt zur zitternden Becca Durand. „Easter Trân ist ermordet worden, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“, blökt Archibald Ruiz und gestikuliert wild, „sie ist tot, ich weiß es ganz sicher. Wirklich mausetot. So tot wie…“ „Hör auf das zu sagen, hör auf, hör auf, hör auf!“, kreischt Becca Durand, in blinder Verzweiflung reißt sie sich büschelweise Haare vom Kopf und flennt wie ein kleines Kind. „Großer Gott, sie steht unter Schock“, murmelt Lyly Jon, in ihrem Gesicht arbeitet es merklich, „Holt einen Sanitäter. Schnell.“ Sie hilft Becca Durand mit sanfter Gewalt auf die Beine und dirigiert die schlotternde Mechanikerin zum Aufenthaltsraum. „Setz dich und trink etwas Kaffee. Das wird dir gut tun.“ Die Vorarbeiterin aktiviert die Kaffeemaschine und reicht Becca Durand eine halbgefüllte Tasse, doch Becca scheint sie gar nicht wahrzunehmen, aus ihren Augen laufen ungehemmt Tränen, schrille Wimmerlaute entweichen ihrer Kehle, ihr Oberkörper schwankt vor und zurück, ihre Mundwinkel flattern. „Wo bleibt denn nur der Sani?“, entfährt es Lyly Jon ebenso ungehalten wie hilflos, sie geht neben Becca in die Hocke und achtet darauf, dass die junge Frau nicht seitlich vom Stuhl kippt. „Kann sein, dass die sich erst noch um die Leiche kümmern müssen“, bemerkt ein Arbeiter trocken, er zuckt schuldbewusst zusammen, als ihn der wütende Blick der Vorarbeiterin trifft. „Habt ihr nichts besseres zu tun, als hier herumzustehen und dümmliche Kommentare abzugeben?“, zischt sie wütend. Die Arbeiter und Mechanikerinnen, die sich eben noch neugierig in der Tür des Aufenthaltsraums gedrängt haben, ziehen sich schleunigst zurück, bevor sie der geballte Zorn der Vorarbeiterin treffen kann. „Keine Sorge, meine Liebe, jemand vom medizinischen Personal ist bestimmt schon auf dem Weg zu uns und dann wird alles gut“, versichert Lyly Jon mit übertrieben sanfter Stimme. Becca hebt den Kopf und sieht ihr für einen kurzen, aber unsagbar qualvollen Moment in die Augen, dann beginnt sie ganz unvermittelt zu schreien und hört erst wieder auf, als man ihr einige Minuten später ein starkes Sedativum verabreicht.

*

Kantine

„Sie ist von einem Lakai der Firma getötet worden, da bin ich ganz sicher.“
„So ein Unfug, wo soll der denn auf einmal hergekommen sein?“
„Er ist schon die ganze Zeit hier gewesen, bist du blöde?“
„Pass auf was du sagst.“
„Man kann keinem vertrauen, jeder kann es gewesen sein.“
„Ach ja? Wo warst du denn, als sie umgebracht wurde?“
„Wage es nicht, mir diese Frage zu stellen!“
„Es ist ein Mörder unter uns, niemand ist mehr sicher!“
„Das ist alles ein abgekartetes Spiel. Die Sache stinkt zum Himmel.“
„Ich wette Muur steckt dahinter. Dieser verdammte Halsabschneider.“
„Ach was, der macht sich doch niemals die Hände schmutzig.“
„Dann war es eben Lapin, der hinterfotzige Speichellecker.“
„Wir sollten mit ihm dasselbe machen. Den Schädel einschlagen und fertig.“
„Hätte der schon lange verdient.“
„Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Beruhigt euch bitte und kommt wieder zu Sinnen!“ Vorarbeiter Hendrik Schwan steht etwas verloren inmitten der aufgewühlt diskutierenden Angestellten und versucht Autorität auszustrahlen, doch es gelingt ihm nur schlecht. Zu tief sitzt der Schock über den Mord an der allseits beliebten Mechanikerin Easter Trân, zu schrecklich sind die Schlussfolgerungen, die sich aus ihrem gewaltsamen Tod ergeben. Dr. Natasha Melnik steht mit steifer, kerzengerader Haltung neben Schwan und schweigt mit zusammengekniffenen Lippen, es ist schwer zu ergründen, welche Gedanken sich hinter ihrer Stirn verbergen. „Diese chaotischen Beschuldigungen führen doch zu nichts“, versucht der Vorarbeiter die anderen zur Räson zu rufen, doch kaum jemand schenkt ihm Beachtung; entmutigt lässt er die Schultern sinken. „Haltet alle sofort die Schnauze!“, brüllt Dr. Melnik in diesem Moment aus vollem Hals, der Ausbruch ist so untypisch für die Laborleiterin, dass sich tatsächlich so etwas wie erschrockene Stille über die Versammlung legt. Alle Augen richten sich auf die beiden gewählten Vertreter und Hendrik Schwan hat endlich Gelegenheit, an die Vernunft aller Anwesenden zu appellieren. Leider fallen seine Argumente auf unfruchtbaren Boden und schon bald entspinnt sich erneut ein hitziges Streitgespräch. Niemand beachtet Heyman Even, der mit verschlossenem Gesicht in der Nähe des Ausgangs herumlungert und die ganze Zeit kein Wort von sich gibt. Im Grunde will er gar nicht an der Versammlung teilnehmen, doch sein fernbleiben würde ihn vielleicht verdächtig erscheinen lassen und das wäre das Allerletzte, was Heyman Even riskieren möchte. Nach außen hin gibt er sich möglichst gelassen und unauffällig, doch die Schuld sitzt ihm schwer wie ein Mühlstein im Genick. Er weiß, dass sein fadenscheiniges Alibi keiner näheren Untersuchung standhalten würde und er weiß auch, dass er keine Antwort auf die Frage geben möchte, wohin sein Multifunktionshammer verschwunden ist.

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Zeit: 01. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Unproduktiv

Direktion

„Nein, ich kann nicht noch länger warten, stellen Sie endlich die verdammte Verbindung her! Sagen Sie denen, es ginge um Leben und Tod!“ Walter Muur knallt zornig die rechte Faust auf den Schreibtisch, seine blutunterlaufenen Augen funkeln erbost. Ganz offensichtlich hat er keine Reserven, um seine anschwellende Panik zu verbergen. Barbar Hrabak zuckt hilflos mit den Achseln, sie versucht seit Stunden eine stabile Subraum-Funkverbindung zur Erde herzustellen, doch jedes Mal, wenn sie die Firma in Neu-Zürich erreicht, wird das Gespräch unterbrochen. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr an ein technisches Problem, doch fehlt ihr der Mut, um ihren Verdacht mit Muur zu teilen. Seit die Angestellten am morgen zum Streik aufgerufen und dem stellvertretenden Direktor nahegelegt haben, die Mondbasis mit dem nächsten Versorgungsschiff zu verlassen, liegen die Nerven blank. Natürlich denkt Walter Muur nicht im Traum daran zu fliehen, doch ohne konkrete Anweisung der Firma ist es ihm vertraglich untersagt, gewaltsam gegen den aufrührerischen Mob vorzugehen; eine Klausel, die ursprünglich erdacht worden war, um unnötige Gewalttaten zu verhindern, sich jedoch in der jetzigen Lage als äußerst hinderlich erweist. So bleibt ihm aus seiner Perspektive nichts anderes übrig, als das Problem bestmöglich auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Insgeheim beneidet er Sangkung Lapin, der heute Vormittag eine Krankmeldung eingereicht hat und sich weigert sein Quartier zu verlassen, aber eine so offensichtliche Schwäche kann Muur sich beim besten Willen nicht erlauben. „Versuchen Sie es noch einmal“, herrscht er die nervöse Subraum-Funkerin an, Barbar Hrabak nickt ergeben und macht sich erneut an die Arbeit. Minuten vergehen, dann schüttelt sie resigniert den Kopf. „Es tut mir leid, Herr Muur, ich kann keine stabile Verbindung herstellen“, meldet sie kleinlaut und zieht in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf ein. Walter Muur grollt wie ein zorniger Hund, seine Kiefermuskeln malmen, auf seiner Oberlippe perlen Schweißtropfen. „So ein Scheißdreck“, murmelt er verkniffen.

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Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik sitzen einander an einem kleinen Tischchen gegenüber und warten darauf, dass jeweils der andere zu sprechen beginnt. Eine lange und anstrengende Nacht liegt hinter den beiden und der Tag entwickelt sich kaum besser, nur mit Mühe ist es ihnen bisher gelungen einen Lynchmord an Lapin und Muur zu verhindern. Beiden ist bewusst, dass es nur eines kleinen Funkens bedarf, um die explosive Stimmung zu entzünden. „Tja“, macht Hendrik Schwan schließlich und klatscht sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel. „Jetzt haben wir den Salat.“ Dr. Melnik seufzt erschöpft und nickt. „Ich hatte gehofft, dass sich die Wogen nach der offiziellen Streikerklärung etwas glätten würden, aber allem Anschein nach wollen sich die Leute nicht beruhigen. Ich habe fast den Eindruck, als wären sie geil auf eine gewaltsame Eskalation“, resümiert sie frustriert. Nun ist es an Schwan zu seufzen und zu nicken. „Wir sollten noch einmal mit Muur sprechen“, überlegt Dr. Melnik laut, doch Hendrik Schwan runzelt skeptisch die Stirn. „Was soll das bringen?“, fragt er leidenschaftslos. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich bin zu müde, um klar zu denken“, erwidert Natasha Melnik und unterdrückt ein Gähnen. „Du hast nicht zufällig ein paar wirkungsvolle Aufputschmittel in einem deiner Schränke versteckt, meine Liebe?“ Hendrik Schwan grinst verlegen und schüttelt im selben Augenblick den Kopf. „Ach, vergiss es.“ Natasha Melnik gähnt nun doch ausgiebig und lehnt sich schwer gegen die Stuhllehne, sie verzieht das Gesicht, als habe sie Schmerzen. „Wir brauchen einen Plan für den Worst-Case. Was sollen wir tun, wenn uns die ganze Sache um die Ohren fliegt?“, sagt sie und blickt dabei ohne zu sehen ins Nichts. Hendrik Schwan kratzt sich am stoppelbärtigen Kinn, seine dunkel umrandeten Augen starren an die gegenüberliegende Wand, an der bunte Satellitenaufnahmen von Inanna und der weit entfernten Erde zu sehen sind. „Teegardens Stern“, sagt er schließlich und Dr. Melnik, die eben einen Schluck trinken wollte, verschluckt sich und hustet Wasser durch Mund und Nase. „Bist du wahnsinnig geworden?“, entfährt es ihr viel zu laut. „Es ist eine konkrete Möglichkeit“, entgegnet Hendrik Schwan lapidar, „entweder das, oder wir kehren mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurück. Du weißt, was das bedeuten würde.“ „Niemand würde uns je wieder Arbeit geben“, überlegt Natasha Melnik und ein Schaudern durchfährt ihren Körper, „wir wären bis zum Rest unseres Lebens erwerbslos.“ „Kein Recht auf Wohnraum, kein Recht auf Beziehung, kein Recht auf Fortpflanzung“, fasst Schwan das Dilemma zusammen, das sie bei einer vorzeitigen Rückkehr zur Erde erwarten würde. „Aber eine Inbesitznahme des Systems würde bedeuten, dass wir die Embryonen der Firma vernichten müssten. Dann könnten wir wirklich nie wieder zur Erde zurück, wir wären Massenmörder, genau wie die Aufständischen auf Teegardens Stern“, hält Natasha Melnik besorgt dagegen, ihre Müdigkeit ist verflogen. „Warum sollten wir zurück wollen, wenn unsere Nachkommen auf Inanna eine viel lebenswertere Zukunft hätten, als es auf der Erde je möglich wäre?“ „Hört sich fast so an, als hättest du dich bereits entschieden“, versetzt Dr. Melnik mit unverhohlener Bitterkeit. „Ich würde lügen wenn ich behaupten wollte, dass ich noch nie über diese Möglichkeit nachgedacht habe“, erwidert Hendrik Schwan monoton, „aber ein friedlicher Kompromiss wäre mir deutlich lieber, als ein unwiderruflicher Bruch mit der Heimat.“

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Zeit: 03. Mai 2205
Ort: Erde, Mexiko, Chihuahua

Büro der überregionalen Tageszeitung New World Times

„Es sieht nicht gut aus“, flüstert der anonymisierte Anrufer, der sich als Insider zur Causa Van den Boom & Söhne vorgestellt hat. „Inwiefern?“, fragt Jenetta Vazquez und versucht nicht allzu neugierig zu klingen, sie weiß, dass der Anrufer seine Informationen verkaufen will und ein allzu großes Interesse ihrerseits würde den Preis nur unnötig in die Höhe treiben. „Ich verlange Zweihunderttausend Yuan und die Zusicherung absoluter Anonymität“, blafft der Anrufer nervös und Vazquez verdreht entnervt die Augen. „Selbstverständlich“, antwortet sie und legt ein extragroßes Lächeln in ihre Stimme, „Sie haben mein Wort.“ „Van den Boom Junior ist untergetaucht. Niemand weiß, wohin er verschwunden ist“, verrät der Anrufer, der sich nun als Mitarbeiter im mittleren Management zu erkennen gibt. „Diese Information ist uns bereits bekannt“, lügt Jenetta Vazquez, um ihn unter Druck zu setzen und ihre Taktik scheint aufzugehen. „Wussten Sie denn auch, dass Van den Boom Senior die Firma verkaufen will?“, zischt der Anrufer verärgert, die Journalistin grinst und wickelt ihn noch etwas weiter um den Finger. „Das ist allgemein bekannt. Haben Sie denn keine neuen Informationen für mich?“ „Es heißt die Angestellten von Babylon 760-I seien in den Streik getreten. Angeblich hat sich auf der Mondbasis ein Mord ereignet. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Tragödie von Teegardens Stern wiederholen könnte.“ Jenetta Vazquez reißt instinktiv die grünen Augen auf und pfeift melodisch durch die Zähne. „Das ist tatsächlich neu“, kommentiert sie erfreut. „Ich bekomme also das Geld?“, verlangt der Manager zu wissen. „Aber natürlich. Sie können sich auf die New World Times verlassen“, flötet die Journalistin gutgelaunt.

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Zeit: 04. Mai 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Badezimmer

Henry Van den Boom Senior starrt mit hervorquellenden Augen auf die reißerisch formulierte Schlagzeile, die ihm in Großbuchstaben vom Holo-Tablet entgegenspringt. „Interstellare Kolonien vor dem Aus?“ titelt ein schmieriges Käseblatt, um darunter in aller Ausführlichkeit über die Schwierigkeiten zu berichten, mit denen sich Van den Boom & Söhne beim Betrieb der Weltraumkolonien konfrontiert sieht. „Wenn ich die Ratte erwische, die das ausgeplaudert hat“, knurrt Henry Van den Boom Senior, während er den mehrseitigen Artikel überfliegt. „Dem Schwein reiße ich die Eier ab!“ „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt ein Dienstmädchen, das neben der Toilette bereitsteht, um dem betagten Greis bei seiner täglichen Darmentleerung behilflich zu sein. „Nein. Verschwinden Sie. Sofort“, grollt Van den Boom Senior und verscheucht sie wie ein lästiges Insekt. „Johnson, sind Sie hier?“, blafft er ungehalten, als die junge Frau das luxuriöse Badezimmer im Laufschritt verlassen hat. „Natürlich, Herr Van den Boom. Was kann ich für Sie tun?“ „Weiß ich nicht“, bellt Van den Boom Senior brüsk, „ich muss nachdenken. Sorgen Sie dafür, dass ich ungestört bin.“ „Jawohl, Herr Van den Boom“, bestätigt der unsichtbare Bodyguard. Henry Van den Boom Senior grübelt lange auf der Toilette über seine nächsten Schritte nach. Der Zeitungsartikel ist zur absoluten Unzeit erschienen, in wenigen Tagen hätte er die Firma mit sattem Gewinn an ein aufstrebendes Jungunternehmen verkauft. Nun wird der Verkaufswert ins bodenlose fallen und es gibt nichts, was er dagegen tun könnte. Ein Dementi würde ihn nur unglaubwürdig erscheinen lassen, ein Verkauf um jeden Preis würde sein wirtschaftliches Ansehen vielleicht bis in alle Ewigkeit kontaminieren. Van den Boom Senior kaut die Gedanken wie schlecht schmeckendes Karamell hin und her, bis er sich schließlich zu einer Entscheidung durchgerungen hat. Er kramt sein Holo-Mobile aus der Brusttasche seines Morgenmantels und wählt eine Nummer. „Ich brauche eine schnelle Eingreiftruppe“, verlangt er ohne Umschweife, noch bevor sich die Person am anderen Ende der Verbindung ordentlich vorstellen kann. „An welche Größenordnung hatten Sie gedacht, Herr Van den Boom?“, entgegnet die bildhübsche Dame, die seinen Anruf entgegengenommen hat, mit routinierter Freundlichkeit. „Genug, um eine Mondbasis zu pulverisieren“, faucht Van den Boom Senior und für einen kurzen Moment verliert die Dame am anderen Ende der Verbindung die Kontrolle über ihre Gesichtszüge, ihre dunklen Augen werden groß, ihr brombeerfarbener Mund öffnet sich, um überrascht nach Luft zu schnappen. „Können Sie das leisten oder nicht?“, poltert der alte Mann grob. „Die Vorbereitungen werden bis zu einem Monat in Anspruch nehmen“, antwortet die Dame wie aus der Pistole geschossen, mit einem Blinzeln tilgt sie die Überraschung aus ihrem schönen Gesicht. „Was? So lange? In einem Monat könnte ich tot sein“, zetert Van den Boom Senior mürrisch. „Es steht Ihnen selbstverständlich frei, weitere Angebote von konkurrierenden Söldnertruppen einzuholen“, erwidert seine Gesprächspartnerin aalglatt, doch Van den Boom Senior wiegelt ab. „Nein, nein. Ist schon gut. Sie haben den Auftrag. Ich lasse Ihnen die Details umgehend zukommen.“ „Vielen Dank für…“ Henry Van den Boom Senior beendet grußlos die Verbindung. „Die werden sich noch wundern“, brummt er selbstzufrieden.

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Zeit: 06. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 155 Personen
Status: Unproduktiv

Privatquartier Barbar Hrabak

Heyman Even fixiert mit glasigen Augen das verquollene Antlitz der Subraum-Funkerin, seine Hände zittern, sein Atem geht stoßweise. Noch vor wenigen Augenblicken hat er sich eine hitzige Auseinandersetzung mit Barbar Hrabak geliefert, nun liegt sie tot zu seinen Füßen, die Augen starr zur Zimmerdecke gerichtet. Wie es so weit kommen konnte, kann er sich selbst kaum erklären, er weiß nur, dass es eindeutig ihre Schuld gewesen ist, sie hätte ihn nicht derart provozieren dürfen. Erpressen wollte sie ihn, das Luder, denn anders als alle anderen war ihr schnell klargeworden, wer Easter Trân tatsächlich auf dem Gewissen hat. Es hätte ihn sein ganzes Erspartes und noch viel mehr gekostet ihr Stillschweigen zu erkaufen und selbst dann wäre er nie wieder vor ihren Drohungen sicher gewesen. Trotzdem hätte er sie nicht erwürgen dürfen, schon gar nicht in ihrem eigenen Quartier und wohin jetzt nur mit ihrer Leiche? Heyman Even denkt angestrengt nach, wie er sich aus dieser Zwickmühle hinausmanövrieren soll, doch seine Gedanken rasen zu schnell, als dass er ihnen folgen könnte. Er setzt sich schwer atmend auf das unordentliche Bett, schlägt die Hände vors Gesicht und zerfließt in Selbstmitleid. Als seine Tränen endlich versiegen, ist in ihm ein heimtückischer Plan herangereift und er macht sich unverzüglich ans Werk. Kurze Zeit später rast er schreiend aus Barbar Hrabaks Quartier. „Mord! Mord! Zu Hilfe!“, brüllt er aus Leibeskräften und rauft sich in größter Not die Haare; seine herbeieilenden Kollegen führt er ohne Umschweife zur Leiche der Subraum-Funkerin. In theatralischer Pose fällt er vor der Toten auf die Knie und bedeckt ihren Körper mit Küssen und seiner DNA. „Er hat sie kaltblütig ermordet!“, würgt er unter Tränen hervor und seine Stimme überschlägt sich hysterisch, „mit letzter Kraft hat sie mir seinen Namen zugeflüstert, dann ist sie in meinen Armen gestorben!“ Er spielt so überzeugend, dass niemand seine überschwängliche Trauer in Zweifel zieht. „Wer hat das getan?“, fragt Grischa Zhang mit belegter Stimme, sie ist ganz grün im Gesicht und zittert wie ein gespannter Bogen. „Es war Sangkung Lapin“, schluchzt Heyman Even, dann bricht er in lautes Wehklagen aus, um keine weiteren Fragen beantworten zu müssen. „Dieser elende Wurm“, knurrt Grischa Zhang, sie nickt zwei befreundeten Arbeitern zu und verlässt mit ihnen das Quartier.

*

Privatquartier Sangkung Lapin

„Mach die Tür auf, du verdammter Mörder!“
„Komm raus, du feige Sau!“
„Deine Zeit ist abgelaufen!“
„Mach auf und stell dich deiner gerechten Strafe!“
„Jetzt bist du dran!“
Sangkung Lapin stemmt sich zitternd und schluchzend gegen die Tür seines Quartiers, von außen prasseln harte Schläge und Tritte gegen das stabile Material. Todesangst rast in heißkalten Wellen durch seinen Körper, er weiß, dass er in der Falle sitzt und es keine Chance auf Entkommen gibt. „Lasst mich in Ruhe! Ich habe nichts getan!“, schreit er in höchster Not und tatsächlich wird es auf der anderen Seite der Tür plötzlich still. Lapin hört gemurmelte Worte, die er durch die Türe nicht verstehen kann, dann ertönt ein sirrendes Geräusch, das ihn in erneute Panik versetzt. Mit sattem Klicken öffnet sich die Sperrvorrichtung, seine Tür ist von außen entriegelt worden. „Ich habe nichts getan! Nichts! Nichts! Oh großer Gott, hilf mir!“, kreischt Sangkung Lapin hilflos, doch der blutrünstige Mob, der sich wie eine Lawine in den kleinen Raum ergießt, schenkt seinen flehentlichen Worten keine Beachtung.

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Direktion

Walter Muur hockt wie ein kläglicher Wassertropfen hinter seinem Schreibtisch und bangt um sein Leben. Eigentlich müsste er schon seit einer Viertelstunde durch die dünne Exosphäre des Mondes treiben, zumindest wenn es nach dem Willen der aufgebrachten Angestellten geht, die ihm an den Kragen wollen, doch Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik versuchen das mit allen Mitteln zu verhindern. Die beiden haben mit Entsetzen vom Mord an Barbar Hrabak erfahren und sind geistesgegenwärtig zur Direktion geeilt, jetzt flankieren sie den zu Tode erschrockenen Muur und retten ihm so vielleicht das Leben. „Warum beschützt ihr dieses Arschloch? Er steckt doch hinter der ganzen Sache!“, faucht Thojan Schmydt frustriert, er ist zusammen mit fünf weiteren Arbeitern in die Direktion gestürmt, um Muur seiner gerechten Strafe zuzuführen. „Das können wir nicht wissen“, entgegnet Dr. Melnik betont ruhig, sie verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust und versucht Gelassenheit auszustrahlen. „Natürlich wissen wir das. Lapin hätte doch niemals ohne seine Anweisung gehandelt“, raunzt Hildegard Boubacar und ballt drohend die Fäuste. „Geht lieber aus dem Weg, sonst…“ „Was sonst? Wollt ihr jetzt etwa uns an den Kragen?“ Hendrik Schwan ballt ebenfalls die Fäuste, doch Dr. Melnik ruft ihn mit einem warnenden Zischlaut zur Vernunft. „Es ist egal, ob er schuldig ist oder nicht. Er hat ein anständiges Verfahren verdient und keine Lynchjustiz. Was ist nur in euch gefahren? Ihr wollt einen Menschen töten, ist euch das eigentlich klar?“ „Der ist kein Mensch mehr“, schnarrt Thojan Schmydt aggressiv, sein Freund Aiko Kobayashi bricht völlig unerwartet in Tränen aus. „Sag das nicht, Thojan, das haben sie damals auch über meinen Vater gesagt, bevor sie ihn erschlagen haben. Das ist alles nicht richtig“, stößt er hastig hervor, er macht auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem Raum, während würgende Geräusche aus seiner Kehle dringen. Thojan Schmydt sieht ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. „Er hat recht“, sagt Natasha Melnik laut und deutlich, damit ein jeder sie versteht, „es ist nicht richtig.“

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Zeit: 07. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: Unproduktiv

Kantine

„Ich sage, wir schmeißen ihn raus. Soll ihn der Weltraum haben.“
„Das hast du zum Glück nicht allein zu entscheiden.“
„Wir sollten ihn zurück zur Erde schicken.“
„Damit er ungeschoren davonkommt und vielleicht noch als Held gefeiert wird?“
„Ich finde, wir sollten abstimmen.“
„Worüber, ob er schuldig ist oder nicht? Wir können ihm nichts nachweisen.“
„Noch ein Grund, ihn nicht kopfüber aus der Schleuse zu werfen.“
„Ach, das ist doch Schwachsinn. Der ist schuldig, das spür’ ich in meinen Knochen.“
„Nichts für ungut, aber auf deine Knochen will ich mich nicht verlassen müssen.“
„Wieviel Blut braucht ihr noch?“ Dr. Melnik bahnt sich einen Weg durch die Angestellten, in ihrer Stimme liegt zornige Autorität. „Habt ihr nicht bereits genug Schaden angerichtet? Ihr habt Lapin auf dem Gewissen, reicht euch das nicht?“, fragt sie die Umstehenden und ihr Blick könnte Granit zerschneiden. Unter den Anwesenden macht sich verlegene Stille breit, man spricht nicht gerne über Lapin und das, was gestern mit ihm geschehen ist. „Er hat’s verdient“, murmelt jemand von ganz hinten. „Wie bitte?“, faucht Natasha Melnik, „wer hat das gesagt?“ Die Menge teilt sich zögerlich und spuckt schließlich Archibald Ruiz aus. „Schau mir in die Augen und sag das nochmal“, fordert Dr. Melnik drohend. Archibald Ruiz senkt verlegen den Blick und schüttelt den Kopf, Natasha Melnik kräuselt verächtlich die Lippen. „Wusste ich es doch. Schämt euch, ihr verdammten…“, sie bricht ab, heiße Tränen laufen über ihr Gesicht, wütend wischt sie sie mit dem Handrücken fort. In der Kantine herrscht betroffenes Schweigen. „Ich habe euch einen Vorschlag zu unterbreiten“, fährt sie schließlich mit ruhigerer Stimme fort, „Hendrik und ich haben in der Nacht lange beraten und nun möchten wir, dass auch ihr euch beratet.“ Dr. Melnik atmet schwer, sie kämpft für einen kurzen Moment mit dem Gleichgewicht, ein unwillkürliches Muskelzucken läuft über ihre rechte Wange und lässt das Augenlid flattern. „Wir schlagen euch vor, uns von Van den Boom & Söhne zu lösen und die Unabhängigkeit auszurufen. Wir wollen Gilgamesh-Alpha übernehmen und Inanna mit unseren Nachkommen besiedeln.“ Ihre Worte gehen in aufgeregtem Stimmengemurmel unter, das wie eine Welle über ihren Kopf hinwegbrandet. „Ich bin noch nicht fertig“, ruft sie gebieterisch und der Lärm versickert. „Um adäquat über diesen Vorschlag diskutieren zu können muss euch bewusst sein, was dieser Schritt bedeutet. Wir müssen die Embryonen vernichten, die wir von der Firma erhalten haben, um ihren Anspruch auf das System zu entkräften. Zwanzigtausend sind es. Merkt euch diese Zahl und denkt gut darüber nach, ob ihr das mit eurem Gewissen vereinbaren könnt.“ Dr. Melnik macht eine Pause, um Atem zu schöpfen, dann fährt sie ungerührt fort. „Außerdem ist nicht gewiss, dass auf Inanna eine rosige Zukunft wartet. Unsere Siedlungsbemühungen könnten fehlschlagen, es gibt keine Erfolgsgarantie und von der Erde können wir dann keine Hilfe mehr erwarten, ganz im Gegenteil, es besteht eine reelle Chance, dass wir von Van den Boom & Söhne oder einer konkurrierenden Firma angegriffen werden, und sei es auch nur, um ein Exempel zu statuieren.“ Sie pausiert erneut, das Gesicht gezeichnet von Erschöpfung und Resignation. „Es liegt bei euch, wie unser Weg nun weitergehen wird, wobei ich noch anmerken möchte, dass eine Rückkehr zur Erde nach dem Lynchmord an Lapin sehr schwierig werden könnte. Wie dem auch sei, wir erwarten eure Entscheidung morgen Abend.“ Die Laborleiterin wendet sich ab und will die Kantine verlassen, doch ein Gedanke hält sie am Ausgang zurück. „Oh und eines noch: niemand krümmt Walter Muur auch nur ein Haar, oder ich sprenge diese verfluchte Basis in tausend Stücke.“

***

Zeit: 02. Juni 2205
Ort: Erde, United States of India, Amravati

Raumhafen

Henry Van den Boom Senior rollt seinen vollautomatischen Körperstuhl an den prächtig herausgeputzten Söldnern vorbei, die im Spalier die Startbahn des Raumhafens säumen. Die feierliche Atmosphäre versetzt ihn in ausgezeichnete Stimmung, gutgelaunt nickt er den schwer gepanzerten Männern und Frauen zu, die nur für sein Amüsement strammstehen. „Sehr schön, sehr schön“, bemerkt er wohlwollend zu seiner Begleiterin, Sadhana Cauhan lächelt ein zauberhaftes Lächeln. „Wir sind zufrieden, wenn Sie zufrieden sind, Herr Van den Boom“, säuselt sie mit zuckersüßer Stimme. „Ich werde zufrieden sein, wenn die Sache erledigt ist“, erwidert Van den Boom Senior, er hält vor einer muskulösen Frau, die eine überdimensional große Railgun wie ein Baby in den Armen hält und mustert sie von Kopf bis Fuß. „Die würde mir auch gut zu Gesicht stehen“, bemerkt er keck und es ist nicht klar, ob er die Waffe, oder die Söldnerin meint. Die Frau tauscht einen kurzen, irritierten Blick mit Sadhana Cauhan, dann starrt sie wieder stur geradeaus und tut, als hätte sie nichts gehört. „Wann geht es los?“, will Van den Boom Senior wissen, er rollt weiter die Startbahn entlang und begutachtet die schnittigen Space Rider, die für den Einsatz bereitstehen. „Der Start ist für 1900 geplant, wir haben einen kleinen Empfang in der Aussichtslounge vorbereitet, von dort aus können Sie bequem den Abflug beobachten.“ „Schön, schön“, kommentiert Van den Boom Senior, „Sie dürfen mir den Weg zeigen.“ „Sehr gerne, Herr Van den Boom.“ Henry Van den Boom Senior wirft Sadhana Cauhan einen unverhohlen lüsternen Blick zu. „Nennen Sie mich Henry“, sagt er mit aufdringlichem Unterton, Sadhana Cauhan legt ihre wohlgeformte Hand kokett auf seine knochige Schulter und lacht glockenhell. „Mit dem größten Vergnügen“, lügt sie schamlos und geleitet den alten Mann in Richtung Aussichtslounge.

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Zeit: 07. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: –

Privatquartier Heyman Even

Heyman Even liegt lang ausgestreckt auf dem Bett, er hat die Augen fest geschlossen, sein Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, doch der Schlaf will sich nicht einstellen. Im Grunde, so denkt er, müsste er hochzufrieden mit dem Verlauf der Dinge sein, niemand verdächtigt ihn des Mordes an Easter Trân und Barbar Hrabak und seit der Unabhängigkeitserklärung ist die Besatzung ohnehin viel zu beschäftigt, um ihn mit lästigen Fragen zu behelligen. Trotzdem ertappt er sich immer wieder bei paranoiden Gedanken, manchmal glaubt er, die Schuld stünde ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben und es sei nur eine Frage der Zeit, bis seine Lügen ans Licht kämen. Nachts quälen ihn oft schreckliche Träume, in denen er von den Toten verfolgt wird, die er auf dem Gewissen hat. Dann hastet er durch finstere, nicht enden wollende Gänge, hinter sich bedrohlich schlurfende Schritte, vor sich absolute Dunkelheit. Nicht selten erwacht er schweißgebadet, dann braucht er Stunden, um wieder einschlafen zu können. Das Mitgefühl, das seine Kollegen ihm entgegenbringen, wenn er einmal mehr mit dicken Augenringen zur Schicht erscheint, verbessert seinen Zustand nicht. Selbstverständlich gehen sie davon aus, dass er den Mord an Barbar Hrabak nicht verkraften kann, ebenso selbstverständlich macht ihn die sanfte Art, mit der er von ihnen behandelt wird, aggressiv. Er gibt sich einsilbig und ruppig und ist jedes Mal erleichtert, wenn er wieder in sein Quartier zurückkehren kann, freundlich gemeinte Einladungen zu geselligen Abenden im Freundeskreis lehnt er kategorisch ab. Heyman Even dreht sich seufzend auf die Seite und winkelt die Beine an, bis seine Knie fast seine Brust berühren, er widersteht der Versuchung auf die Uhr zu sehen, er weiß auch so, dass er schon wieder viel zu lange wachliegt. Das schrille Alarmgeräusch, das plötzlich aus dem Lautsprecher über der Tür ertönt, klingt in seinen Ohren fast wie Musik.

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Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Dr. Natasha Melnik wälzt sich unruhig im Bett hin und her, ein weiterer, anstrengender Tag liegt hinter ihr, doch trotz der bleiernen Erschöpfung, die sie bis in die Knochen spüren kann, findet sie nicht in den Schlaf. Zu viele schwarze Gedanken mäandern durch ihren Kopf, zu schwer wiegt die Verantwortung, die sie sich auferlegt hat. Als Leiterin des Forschungslabors hat sie es auf sich genommen die firmenpatentierten Embryonen von Van den Boom & Söhne zu vernichten, kein anderer sollte diese Schuld auf sich laden, auch wenn die Entscheidung mit demokratischer Mehrheit getroffen wurde. Dr. Melnik ist es gewesen, die die Energieversorgung zu den Kältekammern unterbrochen und zwanzigtausend potentielle Leben vernichtet hat und es tröstet sie nur wenig, dass es ihr im Gegenzug gelungen ist, Walter Muur unbeschadet zur Erde zurückzuschicken. In besonders dunklen Stunden glaubt sie leises Kinderweinen zu vernehmen, dann helfen nur noch starke Medikamente gegen die heranflutende Panikattacke. In solchen Momenten empfindet sie es als äußerst zynisch, dass die ehemaligen Angestellten ausgerechnet den Namen Elparadiso für die besetzte Mondbasis ausgewählt haben, ein Paradies, das mit zwanzigtausend Leben bezahlt wurde, ist in ihren Augen nur wenig paradiesisch. Tagsüber arbeitet sie wie eine Besessene, um die negativen Gedanken zu verdrängen, doch wenn sie schließlich zur Ruhe kommt, kann sie nicht verhindern, dass die Schuldgefühle sie rücklings überfallen. Dr. Melnik atmet tief ein und aus und wälzt sich einmal mehr von einer Seite zur anderen, als ein lauter Sirenenton aus dem Lautsprecher über der Tür erklingt und sie aus dem Bett schnellen lässt. „Wir werden angegriffen!“, entfährt es ihr entsetzt, nur mit Hemd und Unterhose bekleidet stürzt sie aus ihrem Quartier.

*

Defense-Base

„Bemannt die Geschütztürme!“
„Aktiviert endlich den verdammten Schutzschild, oder wollt ihr, dass sie uns in Stücke reißen?“
„Wo, zum Teufel, sind die auf einmal hergekommen?“
„Die müssen eine neue Tarnvorrichtung haben, anders kann ich mir das nicht erklären!“
„Spielt jetzt auch keine Rolle mehr, wir sind am Arsch!“
„Flugabwehrraketen bereit!“
„Gefechtskontakt in einer Minute und siebzehn Sekunden!“
„Großer Gott, so viele Schiffe!“
„Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Kleines!“
„Ach, halt die Fresse und schieß endlich!“
„Schutzschild aktiv und bei hundert Prozent“, meldet Lyly Jon mit gepresster Stimme, sie verfolgt die heranrückenden Space Rider mit angespannter Miene und unterdrückt ein Zittern. Um sie herum wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, dutzende Personen laufen hektisch durcheinander und schreien sich gegenseitig Befehle zu, der Angriff erfolgt derart überraschend, dass viele von ihnen noch Pyjama tragen. „Sie greifen an!“, brüllt Wentworth Hill und seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. „Auf Einschlag vorbereiten!“ Lyly Jon hält sich krampfhaft an einer Konsole fest, als dutzende Explosionen die Mondbasis erschüttern, ihre Zähne klappern unkontrolliert, während pures Adrenalin durch ihre Adern schießt. „Schutzschild bei siebenundachtzig Prozent!“, schreit sie, um den Lärm zu übertönen. „Feuer erwidern!“, befielt Hendrik Schwan, der als einziger seine komplette Kampfausrüstung trägt, „zeigt diesen Ferkelfickern was wir zu bieten haben!“
Der blutige Kampf tobt über viele Stunden hinweg, doch obwohl die Besatzung verbissen Widerstand leistet, gegen die Übermacht der hervorragend ausgestatteten Privatarmee ist sie chancenlos. Die Angreifer attackieren gezielt die Verteidigungswaffen und bombardieren die Mondbasis unaufhörlich, bis schließlich der Schutzschild zusammenbricht. Von der Defense-Base ist zu diesem Zeitpunkt nur noch ein schwelender Trümmerhaufen übrig, doch auch die Söldner müssen schwere Verluste verkraften, nur wenige Schiffe haben das hitzige Gefecht überstanden. Als die Waffen endlich schweigen, landen die verbliebenen Space Rider in unmittelbarer Nähe der Hauptluftschleuse, dutzende Schwerbewaffnete marschieren siegessicher über die staubige Oberfläche des Mondes, um die schutzlose Mondbasis zu stürmen. Zu ihrer freudigen Überraschung kommt ihnen bereits ein dicklicher Mann im Raumanzug entgegen, der eine improvisierte, weiße Fahne schwenkt. „Wir kapitulieren!“, brüllt Heyman Even aus vollem Hals, obwohl er weiß, dass die Angreifer ihn nicht hören können. Er hält die weiße Fahne hoch über seinem Kopf und läuft in ungelenken Schritten auf die Aggressoren zu, die Handgranaten, die er sich um Bauch und Beine gebunden hat, scheuern unangenehm auf seiner Haut, doch davon lässt er sich nicht aufhalten. „Nicht schießen, nicht schießen!“, schreit er, als die Söldner einen waffenstarrenden Kreis um ihn bilden. „Wir ergeben uns!“ Nur wenige Sekunden später sprengt er sich und alle Umstehenden mit einer gewaltigen Explosion in die Luft.

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Zeit: 09. Juni 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Bibliothek

„Wie können wir verloren haben? Sie haben mir eine hundertprozentige Erfolgsgarantie versprochen!“ Henry Van den Boom Senior tobt wie ein Derwisch durch die altehrwürdige Bibliothek, die sein Großvater vor einhundertsechsundvierzig Jahren errichtet hat. „Die Datenlage ist äußerst dürftig“, erwidert das holographische Abbild von Sadhana Cauhan zerknirscht. „Scheiß auf die Datenlage, ich will wissen, was schiefgelaufen ist!“, zetert Van den Boom Senior, sein vollautomatischer Körperstuhl surrt unmelodisch, während er im Zickzack über das edle Fischgrätenparkett kurvt. „Ich verlange eine vollständige Rückerstattung!“, blafft der alte Mann gereizt, doch Sadhana Cauhan schüttelt den schönen Kopf und erwidert gelassen, dass eine Rückerstattung bei derartigen Transaktionen ausgeschlossen sei. Henry Van den Boom Senior wirft daraufhin das Holo-Mobile gegen die Wand und brüllt wie ein verletzter Stier, bis ihn die Kräfte verlassen. Heiser und erschöpft ruft er schließlich Desna Yadav herbei, die seit dem Verschwinden von Henry Van den Boom Junior als seine persönliche Assistentin fungiert. „Rufen Sie Doktor Diaz, er soll unverzüglich herkommen“, verlangt er mit kratziger Stimme. „Rufen Sie außerdem diese Hyänen von Warrior Trade Inc. an und teilen Sie ihnen mit, dass ich bereit bin, die Firma zu verkaufen. Egal welchen Preis sie nennen werden, ich stimme zu. Bereiten Sie alles nötige vor, um den Verkauf schnellstmöglich abzuwickeln, ich erteile Ihnen hiermit alle nötigen Vollmachten.“ „Sehr wohl, Herr Van den Boom.“ Desna Yadav deutet einen ungelenken Knicks an und eilt aus der Bibliothek. „Johnson?“, bellt Van den Boom Senior, als die Assistentin den Raum verlassen hat und der Bodyguard erscheint augenblicklich an seiner Seite. „Was kann ich für Sie tun, Herr Van den Boom?“, fragt er mit zuvorkommender Freundlichkeit. „Sie können gehen. Ich benötige Ihre Dienste nicht mehr“, knurrt Van den Boom Senior und deutet mit einem Kopfnicken zur Tür.

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Zeit: 11. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Mondoberfläche

„Heute ist ein schwerer Tag für unsere Gemeinschaft, denn heute betten wir unsere tapferen Freunde zur letzten Ruhe.“ Dr. Thaila Nguyen steht mit gefalteten Händen vor den sechsundsiebzig Gräbern, die in die poröse Oberfläche des Mondes gegraben worden sind. Ein Teil der Besatzung steht in losen Grüppchen um die offenen Gräber herum, ein anderer Teil verfolgt die Massenbestattung aus dem Inneren der Mondbasis, weil nicht genügend Raumanzüge zur Verfügung stehen. „Wir gedenken besonders Heyman Even, der uns alle mit seiner mutigen, selbstlosen Tat gerettet hat“, fährt Thaila Nguyen mit belegter Stimme fort, dicke Tränen kullern über ihre Wangen, der Raumhelm beschlägt von Innen und behindert ihre Sicht. „Wir danken dir, lieber Heyman, ohne dich wären wir heute alle nicht mehr hier“, ihre Stimme wird zu einem Schluchzen, als die Traurigkeit sie übermannt, Becca Durand eilt an ihre Seite, tröstend legt sie einen Arm um die weinende Wissenschaftlerin. „Wir gedenken auch… Wir gedenken…“ Dr. Nguyen schüttelt den Kopf, sie ist nicht mehr in der Lage weiterzusprechen. „Ich denke, es sind der Worte genug“, übernimmt Becca Durand, während sie die weinende Thaila Nguyen stützt. Mit einer würdevollen Handbewegung gibt sie das Signal, die Gräber zuzuschütten.

*

Krankenstation

Dr. Natasha Melnik liegt in dem einzigen Intensiv-Versorgungsbett, das der Mondbasis nach dem brutalen Angriff der Söldnertruppe zur Verfügung steht. Hätte sie die Entscheidung treffen können, sie hätte das Bett ohne zu zögern einem anderen überlassen, doch niemand hat sie nach ihrer Meinung gefragt und sie wäre ohnehin nicht fähig gewesen, sich zu äußern. Nur langsam erholt sie sich von den schweren Verletzungen, die sie bei der Verteidigung der Mondbasis erlitten hat. Wie ein diffuser Traum erscheinen die kurzen Wachmomente, in denen ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappt, die meiste Zeit verbringt sie in künstlichem Tiefschlaf, während das Intensiv-Versorgungsbett ihre Wunden heilt. Es wird Wochen dauern, bis ihr zerfetzter Körper einigermaßen wiederhergestellt ist, aber das medizinische Personal, das sich rührend um die vielen Opfer des Überfalls kümmert, zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass ihre Arme und zumindest ein Bein gerettet werden können.

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Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Kantine

Dr. Thaila Nguyen spielt nervös mit dem Ring an ihrer linken Hand, während sie darauf wartet, dass die versammelte Besatzung zur Ruhe kommt. Ein langer, anstrengender Arbeitstag liegt hinter ihr und die bevorstehende Diskussion verspricht nicht weniger aufreibend zu werden, liebend gern würde sie die Gesprächsführung an Dr. Natasha Melnik übergeben, doch diese ist noch zu schwach, um an der Versammlung teilzunehmen. Dr. Nguyen muss also in ihrem Namen sprechen, auch wenn sie sich in dieser Rolle äußerst unwohl fühlt. „Ich habe gute und schlechte Nachrichten“, beginnt sie schließlich ohne großen Elan, „wie ihr alle wisst, sind Teile des Labors beim Angriff auf Elparadiso zerstört worden. Zwar ist es uns gelungen, wichtige Utensilien für die Embryonenmanipulation zu retten, die schlechte Nachricht ist jedoch, dass wir die Brutkammern zur Embryonenreifung nicht reparieren können, sie sind unwiederbringlich verloren.“ Ihre Worte lösen betroffenes Gemurmel aus. „Die gute Nachricht lautet, dass Dr. Melnik zuversichtlich ist, dass uns trotzdem eine Besiedelung von Inanna gelingen kann. Wir müssen allerdings die betreffenden Embryonen selbst austragen…“ „Du meinst mit natürlichen Schwangerschaften?“, platzt Grischa Zhang entgeistert dazwischen. „Ja, das meine ich“, antwortet Dr. Nguyen und versucht selbstbewusst auszusehen. „Natürlich wird eine Besiedelung auf diesem Wege länger dauern, sehr viel länger, wenn ich ehrlich sein darf, aber nichtsdestotrotz können wir es schaffen, sofern sich alle gebärfähigen Frauen mit dieser Idee einverstanden zeigen. Dr. Melnik bittet euch, diesen Vorschlag zu diskutieren und abzustimmen. Ich werde euch für alle Fragen zur Verfügung stehen, damit ihr eine fundierte Entscheidung treffen könnt.“
„Sollen etwa auch die Männer abstimmen dürfen?“
„Warum sollten die abstimmen dürfen, es geht schließlich nicht um ihre Körper!“
„Ich finde, ein jeder sollte eine gleichberechtigte Stimme haben.“
„Natürlich findest du das, du bist ja auch ein Kerl.“
„Es geht schließlich auch um die Zukunft meiner Kinder.“
„Ach, halt lieber den Mund, bevor ich die Beherrschung verliere.“
Dr. Thaila Nguyen lässt die aufgebrachte Diskussion laufen, ohne sich einzumischen, sie setzt sich auf einen freien Stuhl, schlägt die Beine übereinander und wartet geduldig, bis die Besatzung bereit für eine Abstimmung ist.

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Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Büro der Hausverwaltung

„Da lungert ein Penner vor dem Zaun herum. Soll ich die Polizei rufen, Herr Faber?“ Ein adrett frisiertes Hausmädchen steht mit gesenktem Blick vor dem übergewichtigen Hausverwalter und scharrt unsicher mit den Füßen. Anton Faber runzelt ärgerlich die Stirn, er kann es nicht ausstehen, mit derartigen Nebensächlichkeiten belästigt zu werden. „Selbstverständlich sollen Sie die Polizei rufen“, herrscht er das Hausmädchen zornig an. „Ich dachte nur, wegen all der Journalisten und den vielen Gerüchten und…“, beginnt die junge Frau errötend, der Rest ihres Satzes ist ein gemurmeltes Flüstern. Anton Faber legt den massigen Kopf schräg, wie er es immer zu tun pflegt, wenn er nachdenken muss. „Sie haben richtig gehandelt, mich zu informieren“, formuliert er schließlich förmlich, „ich werde mich persönlich um die Angelegenheit kümmern.“ Das Dienstmädchen lässt ein kurzes, selbstzufriedenes Grinsen aufblitzen. Anton Faber erhebt sich ächzend aus seinem Stuhl und stapft mit schweren Schritten aus dem Verwaltungsgebäude, das neben dem gewaltigen Herrenhaus der Familie Van den Boom geradezu winzig wirkt. Wenige Minuten später sieht er sich mit einem dreckverkrusteten, übelriechenden Menschen konfrontiert, der vor dem Zaun des Privatanwesens sitzt und mit seinen nackten Füßen spielt. „Verschwinde, du Abschaum“, grollt Anton Faber, doch der offenbar geistig verwirrte Mann schenkt ihm keine Beachtung. „Du sollst abhauen!“, zischt Faber, er blickt verstohlen nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand beobachtet, dann versetzt er dem Penner einen kräftigen Tritt. „Aua!“, schreit dieser entrüstet, „das können Sie nicht mit mir machen! Ich bin… ich bin – ja, wer bin ich eigentlich?“ „Es ist mir scheißegal, wer du bist, du sollst dich verpissen“, knurrt Anton Faber, mittlerweile kann er den Gestank förmlich körperlich spüren, der von dem zerlumpten Mann ausströmt. „Hau ab, oder ich rufe die Polizei.“ „Polizei, faules Ei“, feixt der Fremde und lässt ein wieherndes Lachen ertönen, Anton Faber schnaubt zornig und holt mit dem Fuß aus, um ihn noch einmal zu treten, als ein verspiegelter Schwebewagen neben ihm abbremst und eine Traube von Journalisten ausspuckt. „Herr Faber, Herr Faber, ein kurzes Interview!“, ruft eine ganzkörpertätowierte Frau und hält ihm ein Holo-Aufnahmegerät unter die Nase. „Kein Kommentar“, schnaubt der Hausverwalter hochmütig, sein Interesse an dem obdachlosen Verrückten erlischt schlagartig, er wendet sich abrupt ab und drängt an den aufdringlichen Journalisten vorbei, zurück zum Grundstück. „Nur eine Frage! Hat sich Van den Boom Senior wirklich für tausend Jahre einfrieren lassen?“, schreit ihm ein junger Mann neugierig hinterher. „Kein Kommentar!“ „Was wird aus der Firma und was geschieht mit den Kolonien?“ „Kein Kommentar!“ Anton Faber beschleunigt seine Schritte und atmet erleichtert auf, als er das schmiedeeiserne Eingangstor des Anwesens erreicht und mit sattem Klicken hinter sich verschließt.

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Zeit: 02. Even 2805
Ort: System Babylon760-I, Inanna, Neue Welt

Siedlung 24

„Gib es wieder her, gib es sofort wieder her!“ Wentworth Durand wälzt sich wie eine zornige Raupe über den Boden des Spielzimmers, seine zarten Hautschuppen verfärben sich zorniggelb, der winzige Stachelkamm auf seinem Kopf leuchtet vor Aufregung Karmesinrot. Seine große Schwester steht lachend über ihm und hält sein Lieblingsspielzeug wie eine Trophäe in den Händen. „Wie heißt das Zauberwort mit den zwei T?“, fragt sie grinsend, es scheint ihr großes Vergnügen zu bereiten, den kleinen Bruder zur Weißglut zu treiben. „Sollen dich die Erdlinge holen, du blöde Luftschlange!“, schreit Wentworth Durand, dicke Tränen laufen über seine kindlich runden Wangen. „Was ist hier los?“ Heyman Melnik hat sich unbemerkt den zeternden Kindern genähert, Lyly Durand schrickt schuldbewusst zusammen, als sie seine dunkle Stimme hört. „Nichts ist los“, behauptet sie mit engelsgleicher Unschuldsmiene. „Sie hat mein Spielzeug weggenommen!“, trötet Wentworth verschnupft, ein langer Rotzfaden hängt aus seiner Nase, mit einen saugenden Geräusch zieht er ihn hoch und schluckt. „Stimmt gar nicht, du lügst“, hält Lyly dagegen, „es ist mein Spielzeug.“ „Wenn ich mich richtig erinnere, hast du es Wentworth vor einigen Wochen geschenkt.“ Heyman Melnik geht vor den beiden Streithähnen in die Hocke und lächelt freundlich. „Ihr wisst doch, dass es die Mütter im Mond traurig macht, wenn ihr euch streitet.“ Lyly reicht Wentworth das Spielzeug und schiebt zerknirscht die Unterlippe vor. „Tschuldigung, Herr Melnik“, sagt sie und blinzelt liebenswürdig mit ihren großen, violetten Augen. Heyman Melnik muss ob ihrer geballten Niedlichkeit grinsen. „Ist schon gut“, lacht er versöhnlich. „Geht jetzt nach draußen, es ist eine herrliche Nacht.“ Wentworth und Lyly Durand laufen johlend nach draußen in den Mondschein, Heyman Melnik sieht ihnen mit weichem Blick hinterher und lächelt zufrieden.

© sybille lengauer

Heinrich

Wenn du den Leuten erzählst, dass du von Beruf Barkeeper bist, denken die meisten sofort du würdest nur nächtelang hinter irgendeinem schummrig beleuchteten Tresen lehnen, gelegentlich ein wenig Alkohol ausschenken und endlos Gläser polieren. Sie stellen sich vor, deine Hauptaufgabe bestünde darin besoffenen Vollversagern zuzuhören, die ihr Herz ausschütten und ihr Bewusstsein zuschütten wollen und ihnen das Geld mit überteuerten Cocktails aus der Tasche zu ziehen. Irgendwie kommt ihnen nie in den Sinn, dass der Beruf des Barkeepers ein echter Knochenjob ist: die langen, langen Nachtschichten im Stehen (hast du schon mal einen Barkeeper gesehen, der sich während der Arbeit hingesetzt hat?), die Dauerbelastung durch denn gottverdammten Lärm und der anhaltende Stress (hast du schon mal einen Landfrauen-Kegelverein zu Gast gehabt, während gleichzeitig zwei Junggesellenabschiede und eine Geburtstagsfeier stattfinden?), früher kam noch der Rauch von hunderten Zigaretten hinzu, dafür bläst dir heutzutage ständig irgendeine blöde Klimaanlage den Nacken steif – all das erträgst du mit einem Lächeln im Gesicht und einem flotten Spruch auf den Lippen, denn ein schlecht gelaunter Barkeeper macht kein Geschäft und ist bald ein arbeitsloser Barkeeper. Von der seelischen Belastung dieser gute-Laune-Diktatur, von den Bandscheibenvorfällen und entzündeten Gelenken, den Krampfadern und chronischen Hämorrhoiden will ich gar nicht erst anfangen, doch all das sehen die Leute nicht, wenn du ihnen erzählst, dass du Barkeeper bist, sie sehen nur ein Klischee, das sich in ihren Köpfen festgesetzt hat und das genügt ihnen schon. Aber vielleicht muss das ja so sein, vielleicht sehen wir ständig nur die Klischees der Begriffe, ohne sie jemals wirklich wahrzunehmen, sehen immer nur die fadenscheinige Kulisse, ohne dahinter schauen zu wollen. Darum halten wir anzugtragende Bankiers für schlau und kopftuchtragende Putzfrauen für dumm und Barkeeper eben für so etwas wie das Inventar einer Bar, ein mobiler Getränkespender mit Puls, gesichtslos und zur erleichterten Handhabung mit einem Namensschild versehen, auf dem nur der Vorname steht: ‚Es bedient Sie Roberto‘ und alles wird gut. Und vielleicht ist es richtig, sich nicht allzu sehr für sein Gegenüber zu interessieren, da wir ja allesamt, ganz nach Klischee, unser Päckchen zu tragen haben und wo kämen wir da hin, wenn sich jeder ständig für die Lebenszustände des anderen interessieren und sogar noch verantwortlich fühlen müsste? Wir würden aufgerieben werden und schließlich den Verstand verlieren, so wie diese armen Irren, die sich die Schädel kahlrasieren und auf der Straße Umarmungen für Krishna verteilen oder was weiß ich – oder wir würden Tag und Nacht Tränen vergießen ob der schieren Ungerechtigkeit der Welt und unseres Lebens nicht mehr froh.

Heinrich war so ein erzsentimentaler Typ, auch wenn man das aufgrund seiner grobschlächtigen Erscheinung nicht vermutet hätte. Er sah aus wie ein brutaler Fleischhauer oder ein minderbemittelter Straßenboxer, du weißt schon, mit einer zerquetschten Blumenkohlnase im hässlichen Gesicht, mit winzigen Äuglein, wulstigen Lippen, einem gedrungenen, tonnenförmigen Körper, der zu gleichen Teilen aus festem Muskelfleisch und hartem Fett zu bestehen schien und abnorm riesigen Händen, die wie deformierte Klodeckel aussahen. Die fadenscheinige Kulisse seines abstoßenden Äußeren wies ihn als brutalen Wüstling aus, doch dahinter steckten ein wacher Verstand und ein butterweiches Herz, das an der Welt zu zerbrechen drohte. Nie im Leben wäre man auf den Gedanken gekommen, dass Heinrich ein erfolgreicher Privatdetektiv war und genau darin bestand wohl sein großer Vorteil, man unterschätzte ihn mit grausamer Beiläufigkeit, sofern er überhaupt wahrgenommen wurde, denn Heinrich konnte, wenn er wollte, so unauffällig sein wie eine tote Ratte im Rinnstein, man bemerkte ihn erst, wenn man fast auf ihn trat. Ich möchte wetten er hätte sein brutales Aussehen liebend gerne gegen eine attraktivere Erscheinung eingetauscht, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert und so machte er das Beste aus seinen verborgenen Talenten, er wurde nicht Fleischhauer, er wurde nicht Straßenboxer, er wurde ein gut bezahlter Schnüffler, der untreuen Ehepartnern nachspionierte, hinterfotzigen Betrügern das Handwerk legte oder vermisste Personen ausfindig machte, nachdem die Polizei schon lange aufgehört hatte nach ihnen zu suchen. Heinrich betonte mehrfach, dass er über lange Jahre große Befriedigung aus seinem Beruf gezogen hatte, der eigentlich vielmehr einer Berufung als einer normalen 0815-Beschäftigung gleichkam. Er steckte sein Herzblut in jeden einzelnen Fall und war erst dann zufrieden, wenn auch seine Klienten zufriedengestellt waren (was ihm erstaunlich häufig gelang, er war wirklich verdammt gut in seinem Metier und das sage ich nicht nur, weil er ein feiner Kerl war. Ich kenne eine Menge Leute. Ich habe mich umgehört.). Im Grunde hatte er sich recht behaglich in seinem Leben eingerichtet, auch wenn er manchmal, in einem melancholischen Moment, den Sinn seiner Existenz hinterfragte und besoffen vor Weltschmerz den Mond anheulte – wer tut das nicht, von Zeit zu Zeit? Seine grundsätzliche Lebenseinstellung war jedenfalls positiv, bis er über den einen Auftrag stolperte, der ihm das Genick brechen sollte, jenen Fall, der ihn zu einem gebrochenen, tieftraurigen Menschen machte, den die undurchsichtige Strömung des Zufalls schließlich an meinen alkoholgetränkten Arbeitsplatz spülte: Das Verschwinden der vierzehnjährigen Cindy Nabicht.

Heinrich tauchte eines Abends an meinem Tresen auf; wie so viele Gäste davor und danach grüßte er mit einem knappen Kopfnicken und verlangte, ganz altbacken, nach Bier und einem Doppelten. Ich erwiderte den Gruß, servierte das Gedeck und nahm unauffällig Maß, sah er doch wie ein fieser Schläger aus dem Bilderbuch aus, der Ärger und zerbrochenes Mobiliar versprach – doch irgendetwas an seiner Ausstrahlung ließ mich zügig erkennen, dass von diesem ungeschlachten Kerl keinerlei Gefahr zu erwarten war, es wirkte vielmehr, als habe sich die personifizierte Traurigkeit an meinen Tresen gesellt, ein Sorgentropf mit Mördervisage, der nur in Ruhe seinen Kummer ertränken wollte. Ich beachtete ihn also nicht weiter als nötig, versorgte nur seinen Durst regelmäßig mit Nachschub und ließ ihm seinen Frieden, denn traurige Trinker soll man nicht unterbrechen. Außerdem hatte ich ordentlich zu tun, der Laden war, wie so häufig, bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft mit Gästen. Erst als sich die Nacht dem Ende neigte und nur noch wenige Ausdauertrinker die Bar bevölkerten, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf jenen vierschrötigen Klotz, der still auf einem Barhocker saß, sich mit schier mechanischer Präzision betrank und dabei wirkte wie ein einziges elendes Seufzen. Ich überlegte, ob und wie ich ihn ansprechen sollte, doch noch bevor ich einen passenden Spruch aus meinem reichhaltigen Konversations-Potpourri hervorkramen konnte, richtete er seine kleinen Äuglein auf mich und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Ich verstand und hielt die Klappe, stellte nur ein weiteres Gedeck vor ihm ab und trollte mich wieder, ich zwinge niemandem ein Gespräch auf, so einer bin ich nicht. Meine Reaktion schien ihm zu gefallen, er gab später ein großzügiges Trinkgeld, bevor er mit mächtig Schlagseite aus der Bar hinaus wankte. Am nächsten Abend, kurz nach der Happy Hour, war er wieder da, bestelle Bier und einen Doppelten und das Spiel begann von vorn. Drei Wochen lang ging das so, Heinrich tauchte am Tresen auf und nickte zur Begrüßung, trank die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen und verschwand, ohne einen Satz gesprochen zu haben, selbst seine immergleiche Bestellung brauchte er nicht mehr zu artikulieren und darüber zeigte er sich hochzufrieden, das Trinkgeld war regelmäßig reichlich und Heinrich avancierte bald zu meinem liebsten Stammgast, er verursachte keinen Ärger, stand niemandem im Weg und trank in beachtlichen Mengen, hätte ich mehr Gäste wie ihn, ich wäre tiefenentspannt wie der adipöse Kater meiner noch adipöseren Vermieterin, der den ganzen Tag nur faul in der Sonne herumliegt und die Fliegen an der Fensterscheibe beobachtet.
Eines frühen Morgens, als ich bereits die helle Deckenbeleuchtung eingeschaltet hatte, die selbst die hartnäckigsten Irrlichter hinaus auf die Straße treibt, brach es plötzlich aus Heinrich heraus und er begann zu reden. Hart und schnell, es hatte den Anschein, als wollten die Worte, die sich über die Wochen hinter seinen unschönen Lippen aufgestaut hatten alle auf einmal ausgespuckt werden, sie drängten hervor und reihten sich im Stakkato aneinander, ganz ohne Punkt und Komma. „Ich hätte ihn fast getötet“, begann er und ich hielt erstaunt in meiner Abrechnung inne und fragte mich, ob ich richtig gehört hatte, doch Heinrich achtete nicht auf meine Reaktion, sondern redete einfach weiter. „Ich hätte ihm fast das Licht ausknipst, dabei ist er doch auch nur ein armer, alter Trottel, der es nicht besser weiß, oder nicht? Er hat sie abgöttisch geliebt und wollte nur das Beste für sie und jetzt muss er mit der Schuld leben, auch wenn er das heute noch nicht einsehen kann, nicht einsehen will. Er hat sie dazu getrieben, seine Ignoranz hat sie in den Tod getrieben, aber wir alle tragen Mitschuld an diesem elenden Zustand, weil wir alle verantwortlich sind für den Zustand unserer Gesellschaft und das müssen wir akzeptieren, oder nicht?“ Er schaute mir ganz unvermittelt in die Augen und ich zuckte vielleicht ein bisschen zurück, als ich den überwältigenden Schmerz in ihnen lodern sah, ich wusste nicht mehr zu antworten, als mit einem nichtssagenden Schulterzucken zwei Bier zu zapfen, eines stellte ich vor ihm ab, das andere war für mich, ich prostete ihm zu, er seufzte und trank in langen Schlucken, dann kramte er sein Portemonnaie hervor, legte einen großzügigen Betrag auf den Tresen und ging, ohne noch etwas zu sagen.

Tagelang keine Spur von Heinrich. Ich ärgerte mich nicht wenig, weil ich fürchtete, ihn mit meiner spärlichen Reaktion vergrault zu haben und fragte mich insgeheim, ob er sich vielleicht das Leben genommen hatte, sein Blick war so unbeschreiblich schmerzerfüllt gewesen, es hätte mich nicht groß gewundert, wenn er sich den Strick genommen hätte, vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon baumeln. Wäre nicht der erste Gast, den ich an die große Traurigkeit verlor, Selbstmord kommt in den besten Familien vor, oder wie heißt das noch schnell? Doch eine Woche später, kurz nach der Happy Hour, war Heinrich wieder da, stellte sich an den Tresen und grüßte mit einem knappen Kopfnicken, so als wäre nichts gewesen. Das sehr wohl etwas gewesen war, erkannte ich an seinem verwahrlosten Äußeren, sein Hemd war dreckig und zerknittert und hing vorne aus der Hose, die Hose selbst war mit dunklen Flecken übersäht, Heinrich sah aus, als hätte er im Rinnstein gelegen und vielleicht hatte er das auch, wer konnte das schon wissen. Sein Gesicht wirkte verquollen, die Haut wächsern und bleich, seine kleinen Augen waren unter dicken Augenringen zu winzigen Punkten geschrumpft und all das wurde umrandet von einem stoppeligen Drei-Tage-Bart, der ihn noch ungepflegter und bedrohlicher erscheinen ließ. Ich servierte sein übliches Gedeck und bemühte mich, ihn nicht allzu intensiv anzustarren, doch er schien meinen Blick trotzdem zu bemerken, denn er runzelte zerknirscht die Stirn und stopfte sich das Hemd in die Hose. Ich stellte ihm daraufhin einen weiteren Doppelten hin, sagte in ruhigem Ton „geht auf’s Haus“ und zog mich wieder zurück, immerhin wollte ich ihn nicht wieder verschrecken, sondern nur meine Sympathie ausdrücken, ohne überheblich zu wirken. Heinrich verstand die Geste, schien sich sogar darüber zu freuen, ein kurzes Lächeln huschte über sein abstoßendes Gesicht, doch dann wurde es schnell wieder finster, die Schwermut drückte seine Mundwinkel herunter und es war, als hätte es nie ein Lächeln gegeben.
Heinrich fand schnell wieder in seinen alten Rhythmus, er trank mit stiller Entschlossenheit und ignorierte den ausgelassenen Trubel, der an allen Ecken gegen die Bar brandete, bis die Gäste schließlich immer weniger wurden und so etwas wie Ruhe einkehrte, nur unterbrochen von den gelallten Unterhaltungen der wenigen Hartgesottenen, die bis zuletzt nicht nach Hause gehen wollten. Ich hielt mich unauffällig in Heinrichs Nähe auf und wartete gespannt, ob er so kurz vor der Sperrstunde wieder Redebedarf zeigen würde, ich war neugierig, das muss ich offen zugeben und ich bin nur selten neugierig, denn die meisten Geschichten hast du schon einmal zu of gehört, wenn du längere Zeit in meinem Job bist, das ist wie bei Taxifahrern und Friseuren, wir haben alle schon alles gehört, mindestens vierzig Stunden die Woche, für viel zu wenig Lohn. Aber Heinrich hatte so etwas an sich, ich kann es nicht näher beschreiben, es war nicht zu greifen, nicht zu erklären, aber es machte ihn interessanter als die meisten Menschen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte. Ich hoffte also, dass er wieder ein Gespräch beginnen würde, forderte es sogar heraus, indem ich ab und an versuchte Blickkontakt herzustellen und tatsächlich hatte ich Glück, Heinrich erwiderte meinen Blick und etwas sagte mir, dass er nun soweit war, er wollte endlich loswerden, was ihn so sehr belastete. Ich sorgte also dafür, dass wir ungestört waren, zapfte zwei Bier, kramte den letzten verbliebenen Aschenbecher aus der großen Schublade, der aus nostalgischen Gründen das große Rauchverbot überstanden hatte, umrundete den Tresen, zog einen Hocker heran und setzte mich neben Heinrich. Ich bot ihm eine Zigarette an, wir rauchten und beobachteten den Zigarettenrauch, der die verlassene Bar in verschlungene Nebel tauchte und ich fühlte so etwas wie Verbundenheit mit diesem unansehnlichen Kerl, der sich nun endlich namentlich vorstellte und mir ganz altmodisch die Hand schüttelte, so als wären wir einander offiziell bekannt gemacht worden.
Das Gespräch kam erst nur stockend in Gang, Heinrich erzählte in sprunghaften Anekdoten von seinen Erfahrungen als Privatdetektiv, ich plauderte daraufhin auch ein wenig aus dem Nähkästchen und gab ein saftiges Geschichtchen zum Besten, um die trübe Stimmung aufzulockern, doch es war als würde man versuchen einen Ziegelstein zu unterhalten, Heinrich hörte zwar zu, doch er zeigte keinerlei Emotion, nicht einmal ein Schmunzeln war ihm zu entlocken. Ich hörte also auf ihn unterhalten zu wollen und hörte lieber zu, was er zu sagen hatte, auch wenn es schwierig war einen roten Faden zu entdecken, ich dachte, dass er irgendwann schon zum Punkt kommen würde und ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Wir rauchten und tranken, Heinrich erzählte und ich hörte zu, Zeit verging ungemessen und es fühlte sich bald an, als säßen wir seit unendlichen Stunden an der Bar, zeitlos ins Gespräch vertieft, zwei undurchschaubare Gestalten, die sich langsam annäherten. „Ich liebe meinen Beruf“, sagte Heinrich schließlich und ich nickte zur Bestätigung und hob das Glas an die Lippen. „Ich liebe meinen Beruf“, wiederholte er mit Nachdruck, „aber ich kann nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr.“ Er ließ den Kopf hängen und seufzte schwer, ich trank schweigend und wartete ab, wie es weitergehen würde. „Es ist alles so sinnlos geworden“, murmelte Heinrich und ich wusste, wir waren nun kurz davor den Kern seines Kummers zu ergründen. „Was ist denn passiert?“, fragte ich möglichst neutral, um nicht aufdringlich zu erscheinen und endlich begann Heinrich zu erzählen.
„Es fing an wie ein ganz normaler Auftrag. Eine vermisste Person, weiblich, minderjährig, soziale Unterschicht, der Vater alleinerziehend. Wahrscheinlich eine Ausreißerin, also nichts, was die Polizei auch nur einen Furz lang interessieren würde und genau so verhielten die sich auch, eine ordentliche Suchaktion gab es nicht, nur ein bisschen Papierkram wurde aufgehäuft und damit war die Sache aus offizieller Sicht erledigt. Für Cindys Vater war allerdings gar nichts erledigt, er war überzeugt, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war und die Untätigkeit der Polizei versetzte ihn in hilflose Wut. Also engagierte er mich, nachdem er sich in den entsprechenden Kreisen umgehört hatte und obwohl er wusste, dass mein Honorar nicht billig war, war er fest entschlossen den Besten zu engagieren. Auch wenn ich eigentlich nicht zum Protzen neige, ich bin eben wirklich gut in meinem Beruf. Also kam Thomas Nabicht an einem verregneten Vormittag in mein Büro, legte ein großes Bündel Geldscheine auf den Tisch und verlangte, dass ich seine vermisste Tochter aufspüren sollte, tot oder lebendig, nur finden sollte ich sie und ich verstand, dass er damit nicht auf die alten Suchplakate im Western anspielte, sondern nur sehr ungeschickt die Befürchtung ausdrückte, dass Cindy nicht mehr am Leben war. Ich akzeptierte den Fall, vielleicht weil der Vater mir leid tat, vielleicht weil ich gerade nichts spannenderes zu tun hatte, ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen. Hätte ich nur die Finger davon gelassen, aber hinterher ist man ja immer klüger, nicht wahr? Also begann ich die üblichen Fäden zu ziehen, ich erkundigte mich an den gängigen Orten, an denen sich die Jugendlichen aus ihrer sozialen Schicht regelmäßig trafen, befragte ihre Freundinnen und Schulkolleginnen, kontaktierte einige Bekannte, die in der Ausreißer-Szene unterwegs waren, Streetworker, Zuhälter und alles dazwischen. Ich bohrte und grub und bald schon kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, das Cindy ein lebenslustiges und humorvolles Mädchen war, das gut in der Schule zurechtkam, einen stabilen Freundeskreis hatte und generell wenig Gründe, plötzlich Hals über Kopf davonzulaufen. Stattdessen schälte sich aus den vielen Gesprächen ein Name hervor, den die Polizei bei ihrer nachlässigen Suche sicherlich nicht zu hören bekommen hatte, genau wie die Tätigkeit, die mit dem Namensträger in Verbindung stand. Es handelte sich um einen berüchtigten Engelmacher, ich glaube, so nennt man diese Leute mittlerweile wieder, in seinem früheren Leben war er Krankenpfleger in einem Seniorenheim, jetzt nahm er illegale Schwangerschaftsabbrüche vor, die manchmal auf fatale Weise endeten. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl, ich dachte tatsächlich daran den Fall zu beenden oder an einen Kollegen abzutreten, denn die Richtung, in die sich das alles entwickelte, gefiel mir immer weniger, doch mein Berufsethos zwang mich weiterzumachen, auch wenn mir von Tag zu Tag mehr das Lachen verging, ich fühlte mich auf eine verquere Art verantwortlich und das auf mehreren Ebenen und nicht nur, weil ich das Geld des Vaters angenommen hatte. Ich war damals gegen das verdammte Gesetz der Konservativen, das Abtreibung wieder zu einer Straftat erklärt hat, ich wusste genau, was das für viele Frauen und Mädchen bedeuten würde, aber weder bin ich wutentbrannt auf die Straße gegangen, noch habe ich mich sonst irgendwie engagiert, ich habe das Gesetz nur, wie so viele, still missbilligt und das bedaure ich bis heute zutiefst. Es ist eine Schande, wie viel Leid dieses kurzsichtige Verbot in den letzten Jahren angerichtet hat, es ist in meinen Augen ein absolutes Verbrechen an den Frauen, das wir tatenlos mitansehen. Wir alle tragen Schuld, wir haben als Gesellschaft versagt, jeder einzelne von uns hat versagt und damit sind wir auch allesamt schuld am Tod von Cindy Nabicht.
Cindy war bei einem One-Night-Stand ungewollt schwanger geworden, vielleicht gab es einen Unfall und das Kondom war gerissen, vielleicht hatte sie in ihrem jugendlichen Übermut auch ganz auf Verhütung verzichtet, es ist egal, auf welche Art das Unglück bei der Tür hereinkommen konnte, wichtig war nur das Ergebnis und das sollte ihr restliches Leben beeinflussen. Cindy war vierzehn Jahre alt, ohne ordentlichen Schulabschluss und mit einem Baby als Ballast wäre sie jeglicher Perspektive beraubt, die ohnehin geringe Aussicht auf ein besseres Leben wäre für immer dahin und so blieb aus ihrer Sicht nur ein möglicher Ausweg und der hieß illegale Abtreibung. Cindy bezahlte diese Entscheidung mit ihrem Leben und ich kann mir nicht vorstellen – ich will mir nicht vorstellen – wie groß ihr Leid in den letzten Minuten gewesen sein muss, wie groß die Angst. Sie verblutete in einem dreckigen Hinterzimmer, während ein unfähiger Ex-Krankenpfleger mit seinen widerlichen Gerätschaften in ihr herumstocherte und ich kann nur hoffen, dass sie unter Betäubung stand, genau wissen kann ich es nicht, denn eine konkrete Aussage habe ich diesbezüglich natürlich nicht aus dem Schweinehund herausholen können. Als er endlich bemerkte, dass die Kleine tot war, hat er sie bis zur Nacht in eben diesem Hinterzimmer unter einem Haufen alter Decken und Kartons verborgen und einfach sein Tagwerk weitergemacht, als wäre nichts gewesen, später hat er die Leiche aus der Stadt geschafft und in einem Weiher versenkt, ich habe die Stelle schließlich gefunden, aber von Cindy war nicht mehr viel übrig nach all den Monaten. Und was macht der Vater, dieser irre Idiot? Leugnet erst, dass seine Tochter jemals Schwanger gewesen sein könnte und entzieht mir den Auftrag unter großem Geschrei, nur um zwei Tage später dem Engelmacher aufzulauern und ihm ein Messer zwischen die Rippen zu stecken. Ich hätte ihn erschlagen können und beinah hätte ich es auch getan, denn ich fand ihn noch vor der Polizei und stellte ihn zur Rede, aber es war nicht mehr viel mit ihm anzufangen, er hatte völlig den Verstand verloren und faselte nur noch von seiner Ehre und der Ehre seiner Tochter, die es wiederherzustellen gelte. Dabei hat dieser hohle Wertekatalog von Ehre und Reinheit und all dem Mist sie doch gerade erst in den Tod getrieben, aber das verstehen die Thomas Nabichts dieser Welt nicht, oder vielleicht immer erst dann, wenn es zu spät ist.“
Heinrich atmete schwer, in seinen kleinen Augen glänzten Tränen und seine riesige Klodeckelhand zitterte, als er das Bierglas anhob, um zu trinken. Er sah mitgenommen aus und auch mich hatte die Geschichte nicht unberührt gelassen, auch wenn es im Grunde ein übliches Familiendrama war, wie man es immer wieder in den Nachrichten hört, die Tochter tot, der Vater ein Mörder, nichts ist mehr, wie es vorher war und doch ist es nur eine Geschichte von vielen, an die sich bald kein Mensch mehr erinnert. Doch für Heinrich war es der berühmte Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte und sein geordnetes Weltbild wanken ließ, bis es schließlich über seinem Kopf zusammenkrachte und ihn unter sich begrub. Er war ausgebrannt, hatte sich emotional aufgerieben an einer Tragödie, deren Verlauf er nie hätte ändern können und nun saß er hier und betrank sich, um den Schmerz zu vergessen, der ihn aufzufressen drohte. Ich drückte meine Anteilnahme aus, aber mir war klar, dass es Heinrich nie um mein Mitgefühl gegangen war, ihm lag nur daran, sich endlich von der Seele zu reden, was ihn so sehr belastete und ich war eben der geeignete Empfänger. Ich verstand instinktiv, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte und nun nichts weiter blieb, als diesem gebrochenen Menschen die Hand zu drücken und ihm alles Gute zu wünschen, auch wenn das vielleicht dämlich klingen mag, in diesem Moment, an diesem Ort war es richtig. Heinrich drückte meine Hand in freundschaftlicher Wärme, dann rutschte er bedächtig vom Barhocker, kramte einige zerknitterte Geldscheine aus seinen Hosentaschen und stapelte diese auf dem Tresen zu einem schiefen Häufchen. „Das ist der Rest vom Nabicht-Honorar. Ich will es nicht mehr. Stimmt so“, sagte er mit düsterem Gesichtsausdruck und wandte sich zum Gehen, doch nach wenigen Schritten blieb er stehen und drehte sich noch einmal nach mir um. „Danke für alles“, sagte er leise, aber gut hörbar, dann ging er und kam nicht wieder.
Ein paar Monate später hat er tatsächlich zum Strick gegriffen, ich erfuhr es aus einem schlichten Nachruf in der Zeitung, der zwar nicht von Selbstmord sprach, aber doch recht eindeutig formuliert war, ‚Plötzlich und überraschend aus dem Leben geschieden‘, stand da und wer das nicht versteht, der schläft noch auf Bäumen. Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich mehr bestätigt als schockiert, denn ich hatte schon vermutet, dass Heinrich mit seinem Leben abgeschlossen hatte und was bleibt einem auch übrig, wenn man angesichts der Schlechtigkeit der Welt die Hoffnung verliert, man verkümmert im Geist wie im Herzen, bis der Tod wie eine Erleichterung erscheint. Ist nur schade, dass es immer die Guten erwischt, aber so ist das eben, die Schlechten kümmert es ja auch nicht.

© sybille lengauer

Taxifahrer mit Herz!

Da komme ich gutgelaunt von einem tollen Abend in Münster am Bhf Haltern an und muss feststellen, dass irgendein Depp versucht hat mein Rad zu klauen und dabei die Sperrvorrichtung so ruiniert hat, dass ich sie nicht mehr öffnen kann. Ich fluche, probiere dies und das und muss mich schließlich geschlagen geben. Da geht nix mehr. Ich beschließe ein Taxi zu rufen, aber es ist in nächster Zeit kein Wagen frei. Was also tun? Zu Fuß nach Hause laufen. Fast 8 Kilometer. Um 1:30 in der Nacht. Geil. Ich schiebe ordentlich Frust und setze mich zähneknirschend in Bewegung.
Leute, ich bin gerade 2 Kilometer weit gekommen, da hält plötzlich ein Taxi neben mir. „Sind Sie die Dame, die vorhin angerufen hat?“ „Ähm, ja?“ „Na denn, hopp rein!“ – Der Taxifahrer ist die Straßen abgefahren, um mich zu suchen und nach Hause zu bringen, denn „So spät lasse ich ungern eine Frau alleine durch die Dunkelheit laufen.“
Ich hab‘ selten im Leben so viele Endorphine auf einmal rausgehauen. Das war pures MDMA.
Wenn ihr mal ein Taxi in Haltern braucht:
❤ Taxi Ramcykowski

Kleines Wesen, es tut mir leid

Es wird anders sein,
Dein Leben,
Kleines Wesen,
Als wir es heute kennen,
Dein Leben,
Wird ganz anders sein,
Ganz anders,
Kleines Wesen,
Als wir es früher kannten.
Es wird schwierig sein,
Dein Überleben,
Kleines Wesen,
Deine Zukunft,
Wird anders sein,
Und heute kann ich dir nur sagen:
Es tut mir leid,
Es tut mir leid.
Es wird anders sein,
Dein Leben,
Kleines Wesen,
Wird ganz anders sein,
Als wir es heute kennen,
Es wird anders sein,
Kleines Wesen,
Kleines Wesen,
Dein Leben,
Wird ganz anders sein,
Ganz anders,
Als wir es früher kannten.
Es wird schwierig sein,
Dein Überleben,
Kleines Wesen,
Deine Zukunft,
Wird durstig sein,
Deine Zukunft,
Wird hungrig sein,
Deine Zukunft,
Wird bitter sein,
Und heute kann ich dir nur sagen:
Es tut mir leid,
Es tut mir leid.

© sybille lengauer

Die Schweinepriester von Münster

Kennt ihr die Geschichte von dem Schwein,
Es wollte Priester sein,
Es gab sich möglichst harmlos und rein,
Ein echtes Vorbildsschwein,
Doch leider, tja, wie sage ich es bloß,
Ging es im Schoß der Kirche auch den Ministranten an den Schoß.

Kennt ihr die Geschichte von dem Schwein,
Es wollte Priester sein,
Gottesfürchtig, redlich und rein,
Das miese Lügenschwein,
Zum Schein vertrat es Werte ohne Zahl,
Doch bald schon wurde die Moral in dunklen Hinterzimmern schal.

Kennt ihr die Geschichte von dem Schwein,
Es wollte Priester sein,
Nach außen immer frömmig und rein,
Das Katholikenschwein,
Voll Inbrunst ließ es Gottes Wort erklingen,
Um seinen Willen aufzuzwingen und Kinderseelen zu verschlingen.

Kennt ihr die Geschichte von dem Mann,
Der nicht mehr Mensch sein kann?

© sybille lengauer

(Sorry für die grobe Wortwahl, mir ist der Kragen geplatzt)

Deutscher Klimawandel-Blues

In Äthiopien hungern wieder die Kinder,
Den Australiern sterben die Frösche aus,
In Kansas verrecken tausende Rinder,
Und du, du heulst dir die Augen heraus,
Weil dein Nachbar zu spät seinen Rasen mäht,
Und die Welt darob sicher zugrunde geht,
Eine Wiese für Bienen? Was soll der Stuss?
Schneiden Sie endlich das Grünzeug,
Was muss – das muss.

Auf den Seychellen schwappt ständig das Meer herein,
Kalifornien geht bald das Süßwasser aus,
In Pakistan brechen die Ernten ein,
Und du, du heulst dir die Augen heraus,
Weil der Paketdienst zu spät dein scheiß Päckchen ablädt,
Und dein Seelenheil nun auf der Kippe steht,
Denn wenn ein Päckchen nicht zeitig empfangen,
Da muss man schon bangen,
Bitte, Ordnung muss sein.

© sybille lengauer