Archiv für die Kategorie ‘Gedichte’

Immerfort

Veröffentlicht: Mai 19, 2022 in Gedichte
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Immerfort

Zusammen zittern wir hier und warten,
Dass es irgendwo Licht wird,
Und dass es irgendwann gut wird,
Doch es bleibt allumher dunkel,
Also zittern wir immerfort,
Warten wir immerfort,
Und aus der Dunkelheit hör’ ich dich rufen:
Lass mich endlich fliegen, lass mich los,
Lass meine Flügelspitzen hellen Wolkensaum berühren,
Lass mich endlich fliegen, lass mich frei,
Die Erde kann nicht länger halten, was ihr nie gehörte.
Zusammen zittern wir hier und hoffen,
Dass es irgendwo Licht wird, wir hoffen,
Dass es irgendwann heil wird,
Doch es bleibt allumher dunkel,
Also zittern wir immerfort,
Hoffen wir immerfort,
Und aus der Dunkelheit hörst du mich rufen:
Lass mich endlich fliegen, lass mich los,
Lass meine Flügelspitzen hellen Wolkensaum berühren,
Lass mich endlich fliegen, lass mich frei,
Die Erde kann nicht länger halten, was ihr nie gehörte.

© sybille lengauer

Wie die Schwalben

Veröffentlicht: Mai 9, 2022 in Gedichte
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Wie die Schwalben

Komm, lass uns tanzen,
Über Felder und Wiesen,
Wie die Schwalben,
Dem Himmel so nah,
Komm, lass uns tanzen,
Und die Sonne begrüßen,
Wie die Schwalben,
Der Sommer ist da.

© sybille lengauer

 

Dreiundzwanzig Uhr

Veröffentlicht: April 23, 2022 in Gedichte
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Dreiundzwanzig Uhr

Dreiundzwanzig Uhr,
Und die Nachrichten sind schlecht,
Aus den gutbürgerlichen Kellern drängen die Ratten,
Zu ihrer nächtlichen Feier im Straßengraben,
Gleich unter der Laterne hocken sie munter beinander,
Dort wo morgens immer die Hunde hinpissen,
Wahrscheinlich weil es da streng nach Ratte riecht,
So einfach ist das.
Dreiundzwanzig Uhr,
Und die Nachrichten sind schlecht,
Der Wind reißt bunte Spruchkarten vom Zaun der Grundschule,
Blaue und gelbe Kärtchen, in Folie verschweißt,
Mit Smileys, Gedichten und Wünschen vom Frieden,
Taumeln ziellos über die menschenleere Straße,
Doch der Wind weht davon ganz unberührt und,
Im Straßengraben feiern die Ratten und,
Die Nachrichten bleiben schlecht,
So einfach ist das.

© sybille lengauer

Groschen fällt / Wie man sagt

Es wird ein ganz normaler Tag sein,
Glatter Durchschnitt, Adam Riese,
Null Acht Fünfzehn, sagt der Volksmund,
Vielleicht ein Dienstag, oder Mittwoch,
So ein Tag, man könnte meinen,
Wie jeder andre dieser Tage,
Ganz normal, alles wie üblich,
Kann nicht klagen, herzlichst Danke.

Bis dann der Groschen fällt,
Wie man sagt,
Aus babyblauen Himmeln,
Groschen fällt!
Wie man sagt,
Aus watteweichen Wolken,
Groschen fällt!
Wie man sagt,
Auf ungeschützte Städte,
Groschen fällt –
Und die Sirenen werden heulen.

Es wird ein ganz normaler Tag sein,
Ohne Sahne, keine Extras,
Bisschen öde, sagt der Volksmund,
Vielleicht ein Tag, an dem es regnet,
So ein Tag, man könnte meinen,
Stinknormal, wie jeder andre,
Ganz gewöhnlich, und wie immer,
An die Gattin liebe Grüße.

Bis dann der Groschen fällt,
Wie man sagt,
Aus grenzenlosen Himmeln,
Groschen fällt!
Wie man sagt,
Aus federleichten Wolken,
Groschen fällt!
Wie man sagt,
Auf unser aller Köpfe,
Groschen fällt –
Und die Sirenen werden heulen.

© sybille lengauer

Wiegenlied

Veröffentlicht: März 28, 2022 in Gedichte
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Wiegenlied

Still jetzt, still.
Der Krieg ist nahe, mein Kind.
Durch die Haselbüsche streift nicht der Frühlingswind.
Sondern der Tod, kannst du ihn hören?
Er brüllt aus blechernen Kehlen dein Wiegenlied.
Still jetzt, still.
Der Krieg ist nahe, mein Kind.
Durch die Uferböschung streicht nicht der Morgenwind.
Sondern der Tod, kannst du ihn hören?
Er kreischt mit stählernen Zungen dein Wiegenlied.
Still jetzt, still.
Der Krieg ist nahe, mein Kind.
Durch die Fensterritzen pfeift nicht der Märzwind.
Sondern der Tod, kannst du ihn hören?
Er schmettert in eisernen Tönen dein Wiegenlied.

© sybille lengauer

Sonnenaufgang

Wie du tastend dich emporhebst,
Aus der düsteren Umarmung.
Deine Farben augenschmeichelnd,
Mit der Dunkelheit verwebst.
Wie du die Stille singend machst,
Weil tausend Vogelkehlen rufen:
„Halleluja! Wir sind Leben!“

Wie die Nacht zerschellt,
Wie die Nacht zerbricht,
An deinem Licht.

Wie du den Mond verblassen lässt,
Seinen Platz am Himmel forderst.
Die andern Sterne absorbierst,
Mit stummer Unausweichlichkeit.
Wie du das Himmelsschwarz zerfaserst,
Derweil die Vogelseelen singen:
„Halleluja! Wir sind Leben!“

Wie die Nacht zerschellt,
Wie die Nacht zerbricht,
An deinem Licht.

© sybille lengauer