Archiv für die Kategorie ‘Gedichte’

Der alte Mann und die drei Jungen

Veröffentlicht: Mai 21, 2019 in Gedichte
Schlagwörter:,

Er stakt wie ein blassgrauer Reiher,
Durch den Park im Stadtregenschleier,
Fischt nach Flaschen und Dosen mit verhärmtem Gesicht,
Regen mag er nicht.

Sie lümmeln dreist wie fette Hyänen,
Die sich als Herren der Parklandschaft wähnen,
Auf dem Spielplatz und halten dort hohes Gericht,
Penner mögen sie nicht.

Er schleicht wie ein fußkranker Gaul,
Blickt den Mülltonnen tief ins geöffnete Maul,
Seine Augen starren glanzlos aus dem zerfurchten Gesicht,
Rente kennt er nicht.

Sie grölen schrill wie rollige Kater,
Veranstalten hochmutbesoffen ihr Schmierentheater,
Du ahnst es schon, dies ist ein Kummergedicht:
Mitleid kennen sie nicht.

Er schwankt wie ein trunkener Bär,
Über die Wege und grünenden Wiesen einher,
Zieht die verwaschene Kappe beschämt ins Gesicht,
Hoffnung hat er nicht.

Sie lachen hämisch wie zynische Schweine,
Werfen ihm Flaschen zwischen die Beine,
Johlen lustvoll, wenn eine zerbricht,
Anstand haben sie nicht.

© sybille lengauer

Steingedicht

Fels in der Brandung?
Eher ein Findling.
Von Zeit und Gewalten,
Geformt und zerschliffen.
Getrieben von Gletschern,
Längst sind sie zerflossen,
Jene kalten Giganten,
Die Berge versetzten.
Und so ruhe ich hier,
In der duftenden Heide,
Setze Moos an, wärme Echsen.
Doch mein Herz singt noch die Lieder,
Aus den Gebirgen, den fernen,
Die der Adler umkreiste.
Mein Herz ist aus den Steinen,
Der Alpen geboren.

© sybille lengauer

An der Kette

Veröffentlicht: April 21, 2019 in Gedichte

Es knurrt der Kettenhund.
Den ganzen Tag.
Die ganze Nacht.
Chr-Chr-Chr.
Knurrt der Kettenhund.
Bellt nicht.
Beißt.
Chr-Chr-Chr.
Gemeiner Kettenhund.
Hängt an deinem Hosenbein.
Präoperativer Eingriff.
Chr-Chr-Chr.
Grollt der Kettenhund.
Schläft kaum.
Wacht.
Chr-Chr-Chr.
Gereizter Kettenhund.
Dreht sich im Kreis.
Jagt seinen Schwanz.
Chr-Chr-Chr.
Keift der Kettenhund.
Kennt den Geruch der Welt.
Nicht.
Chr-Chr-Chr.
Alter Kettenhund.
Liegt in der Sonne.
Lauert den Staub an.
Chr-Chr-Chr.
Schmatzt der Kettenhund.
Lebt von dem Rest.
Liebe.
Chr-Chr-Chr.
Armer Kettenhund.

© sybille lengauer

Das Ungewicht

Veröffentlicht: April 7, 2019 in Gedichte
Schlagwörter:, ,

Das Ungewicht

Was wiege ich schon?
Gegen all die Milliarden.
Menschen, Jahre, Widrigkeiten.
Bin nicht besser als irgendeiner.
Ein Schimmern, ein Donnern, ein Glimmen.
Bin nicht schlechter als irgendwer.
Verblasst, erloschen, vergangen.
In einem Augenblick.
Kaum mehr wert als jenes Klischee.
Das irgendwo in China gerade umfällt.
Sack Reis, Fahrrad, Kritiker.
Bin nicht schlechter als irgendeiner.
Ein Leuchten, ein Beben, ein Knistern.
Bin nicht besser als irgendwer.
Verglüht, erloschen, verglommen.
In einem Wimpernschlag.
Was ich unternehme gilt Nichts und Alles.
Zerrieben im ernüchternden Abgesang der Zeit.
Ziele, Träume, Nichtigkeiten.
Bin nicht mehr als ein winziger Tropfen.
Ein Flackern, ein Rauschen, ein Katzensprung.
Bin nicht weniger als das unendliche Meer.
Verschlungen, erloschen, verschollen.
In einem Atemzug.
Meine Bedeutungslosigkeit macht mich frei.

© sybille lengauer

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Cowboy

Veröffentlicht: April 6, 2019 in Gedichte
Schlagwörter:, ,

(Eine schlechte Kombination von schlechten Filmen und schlechter Musik)

Hey, Hey, Hey.
Ich bin der ewige Reiter.
Hey, Hey, Hey.
Jetzt auch in deiner Stadt.
Hey, Hey, Hey.
Ich ziehe erst wieder weiter.
HEY!
Wenn sich nichts mehr bewegt.

Reiten, immer nur reiten.
Mit etwas Glück ein Gefecht.
Danach reiten, wieder nur reiten.
Und abends Bohnen.
Jede verdammte Nacht Bohnen.
Bekommt mir auf Dauer auch schlecht.
Aber zu reiten, immer nur reiten.
Ist mein Lebensziel.
Ja, mein Lebensziel.
Ich bin einer von den Guten.

Hey, Hey, Hey.
Ich bin der ewige Reiter.
Hey, Hey, Hey.
Jetzt auch in deiner Stadt.
Hey, Hey, Hey.
Ich ziehe erst wieder weiter.
HEY!
Wenn sich nichts mehr bewegt.
Nein, nichts mehr bewegt.

Reiten. Kilometerweit reiten.
Manchmal trifft man das andre Geschlecht.
Dann reitet man liegend.
Und abends Whiskey.
Jede verdammte Nacht Whiskey.
Bekommt mir, ist nur für die Leber schlecht.
Dann wieder reiten, immer nur reiten.
Ist mein Lebensziel.
Ja, mein Lebensziel.
Vor Damen nehme ich stets den Hut ab.

Hey, Hey, Hey.
Ich bin der ewige Reiter.
Hey, Hey, Hey.
Vielleicht blas ich dir die Lichter aus.
Hey, Hey, Hey.
Ich ziehe erst wieder weiter.
HEY!
Wenn sich nichts mehr bewegt.

Reiten, stundenlang reiten.
Ein Indianerdorf kommt grade recht.
Kurzes Gemetzel im Sattel.
Und abends Bohnen.
Jede verfluchte Nacht Bohnen.
Mir wird schon vom Anblick schlecht.
Aber zu reiten, immer nur reiten.
Ist mein Lebensziel.
Ja, mein Lebensziel.
Ich bin einer von den Guten.

Hey, Hey, Hey.
Ich bin der ewige Reiter.
Hey, Hey, Hey.
Jetzt auch in deiner Stadt.
Hey, Hey, Hey.
Ich ziehe erst wieder weiter.
HEY!
Wenn sich nichts mehr bewegt.
Nicht mal ein Grashalm bewegt.
Und abends Whiskey.
Bohnen und Whiskey.
Versteh einer das verdammte Klischee.
Hey, Hey, Hey.

Ich bin einer von den Guten.

© sybille lengauer

Da lag ich nun. Hingenagelt an die Diagnose. Und las und schwieg, schrieb nicht, litt und las. Und schrieb nicht und schmollte und las. Sprach wenig über das, was mich bewegte. Und wer will schon. Ja, wer will schon? Ist doch alles das, überall schon, tausendmal ist es passiert. Was sollt‘ ich reden? Konnt‘ ohnehin nur flüstern. Übte Logopäden-Sprech. Mein Ba-Ba-Ta-Ta-Pa-Pa krächzte immer an der Wand lang. Doch nirgendwo ein Ausgang. Es genügte! Wenn die Oberflächlichkeit sich ab und an wutrot erregte. Und das Innerste sich hüllte, in Schichten, Schuppen, panzerdick. Meterweit ins Herz hinein sich mit den Worten füllte. Den ungesagten, ungeschrienen, ungekreischten, ungenierten Sätzen. Die sich ballten wie die Flut. Ungesagt verhallten wie die Ebbe. Das hört nicht mal die Katze. Und nirgendwo ein Meer in Sicht, nur Regen. Aber Wasser immerhin. Und wo kämen wir denn hin, der Hoffnung zu versagen? Die allumher verkündet ward, mit guten Heilungschancen. Was sind schon zwei Sechser im Lotto.
Also lag ich da, kotzte ein bisschen, krächzte ein bisschen, und las und schwieg, schrieb nicht, litt und las. Und schrieb nicht und heulte und las. Dachte lange über das, was mich bewegte. Doch wer will schon. Ja, wer will schon? Ist doch alles das, überall schon, millionenmal ist es passiert. Was sollt‘ ich brennen? Konnt‘ ohnehin nur knistern. Übte Logopäden-Sprech. Mein Ha-Ha-Ma-Ma-Oooo-Oooo schabte immer an der Welt lang. Und nirgendwo ein Eingang. Es genügte! Dass die Oberflächlichkeit sich ab und an glutrot erregte. Derweil das Innerste sich hüllte, in die Wälle, Mauern, ziegeldick. Zentnerschwer ins Herz hinein sich mit den Stimmen füllte. Den ungesagten, ungeschrienen, ungekreischten, ungenierten Liedern. Die sich ballten in der Flut. Ungesungen verhallten in der Ebbe. Immer weiter atmen. Das stört nicht mal die Katze. Und nirgendwo das Meer in Sicht. Nichts anderes als Regen. Und wo kämen wir hin, der Hoffnung zu versagen? Die allumher verkündet ward, mit besten Genesungswünschen. Kein Mottospruch der Welt ist ein Geschenk.

© sybille lengauer

Seelenblätter

Veröffentlicht: März 14, 2019 in Gedichte
Schlagwörter:

(im Frühling)

Recke dich, Blatt,
Strecke dich, statt,
Nur dort zu ruh’n,
Wo der Wintergeist schläft.
Recke dich, Blatt,
Gedeihe machtvoll, anstatt,
Nur ängstlich zu warten,
Ob deine Seele dich trägt.
Recke dich, Blatt,
Sieh dich rundherum satt,
An jener Fülle in der,
Nun dein Knospenherz schlägt.

© sybille lengauer