Archiv für die Kategorie ‘Gedichte’

Petrichor

Fast schon denke ich vergessen,
Wie es duftet, wenn der erste Regen fällt.
Fast schon denke ich der heiße Kuss des Sommers,
Sei der letzte, lichterlohe Kuss der Welt.
Doch wenn zur Abendstunde ferne Sterne knistern,
Trägt der Nachtwind mit zartgehauchtem Flüstern,
Ein silbriges Versprechen an mein Ohr,
Petrichor.

© sybille lengauer

Beiläufig Beleidigt / Die Frau
(Ein Schreigedicht)

Ich bin nicht ‚die Frau‘,
Die mimosenhaft im Schatten vegetiert.
Ich bin nicht ‚die Frau‘,
Die zwei Schritte hinter Hammeln herspaziert.
Ich bin nicht ‚die Frau‘,
Die irgendwo am letzten Platz rangiert.
Ich bin Die Frau. DIE Frau. Die:
„Oh, verdammt wow, was für ’ne Frau!“
Ja, ich bin DIE Frau,
Die dir lachend deine Spucke stiehlt.
Ich bin DIE Frau,
Die im Boxring auf die Leber zielt. KO!
Ich bin DIE Frau,
Die nachts Schach mit deinen Träumen spielt.
Ich bin Die Frau. DIE Frau, Die:
„Oh, gottverdammt wow, was für ’ne Frau!“
Ich bin DIE Frau. Genau.
Und wer das nicht begreifen kann:
Friss Mutterkuchen und erstick daran, Mann.

© sybille lengauer

Blau ist der Himmel

Veröffentlicht: August 3, 2022 in Gedichte
Schlagwörter:,

Blau ist der Himmel

Sandstaubiger,
Durstzerrissener,
Boden,
Hitzeflirrende,
Wasserlechzende,
Stadt,
Trockenheitswelke,
Backofenglühheiße,
Felder,
Und
Blau, Blau, Blau,
Ist Der Himmel.

Algenerstickender,
Hitzeverdunstender,
Weiher,
Brandverfängliches,
Weißblondgetrocknetes,
Gras,
Spätherbstblättrige,
Knochenkahlästige,
Wälder,
Und
Blau, Blau, Blau,
Ist Der Himmel.

© sybille lengauer

Konsum (Mein Blut für Öl)

Veröffentlicht: Juli 16, 2022 in Gedichte
Schlagwörter:, ,

Konsum (Mein Blut für Öl)
Sprechgedicht

Komm, lass uns kaufen was der Markt uns bieten kann,
Komm, Kleines, lass uns online-shoppen,
Bis das Konto nicht mehr kann und dann,
Verschulden wir uns etwas mehr,
Wir konsumier’n die Meere leer,
Das Artensterben ist egal,
Mein Blut für Öl, verdammtnochmal!
*
Ich will alles haben, will mein Stück von all den Gaben,
All den geilen Sachen, die laut Werbung Freude machen,
Ich will alles haben, was den Tiger in mir weckt,
All die schönen Blinge-Blinge-Dinge,
Die das Web mir in die Schnauze steckt:
Ja heute borg’ ich, morgen schnorr’ ich,
Übermorgen lease ich das Königskind,
Denn steht nicht auch schon in der Bibel:
Dass wir Gottes Kunden sind?
Und jetzt alle!
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen,
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen.
Mein Blut für Öl!
*
Komm, lass uns kaufen was der Markt uns bieten kann,
Komm, Kleiner, lass uns online-shoppen,
Bis das Sparschwein nicht mehr kann und dann,
Verjubeln wir noch etwas mehr,
Mein Freund, ich räum’ die Wälder leer,
Die Artenvielfalt kann mich mal,
Ist doch längst alles scheißegal.
*
Die schönsten Güter sollst du haben, dich an all dem Guten laben,
All den geilen Sachen, die laut Werbung Freude machen,
Du willst alles haben, was den Sieger in dir weckt?
Dann hol’ dir all die schönen Blinge-Dinge,
Die das Web dir in die Schnauze steckt:
Du baust das Schloss, du pflanzt den Baum und finanzierst dir jeden Traum,
Es protzt dein Heim von Tor zu Giebel,
Steht nicht auch schon in der Bibel:
Hast du was, dann bist du wer,
(Das Silberkettchen macht was her!)
Singt alle mit!
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen,
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen,
Dein Blut für Öl!
*
Komm, lass uns kaufen was der Markt uns bieten kann,
Hey Baby, lass uns kaufen-kaufen,
Bis die Erde nicht mehr kann und dann,
Bestellen wir noch etwas mehr,
Wir ramschen den Planeten leer und dann noch etwas,
Mehr und mehr und mehr und mehr und mehr und mehr!
Die Kontinente laufen heiß,
Ist mir egal, ich kauf’ den Scheiß.
Mein Blut für Öl! Und einer geht noch!
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen,
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen,
Kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen, kaufen,
Und aus.

© sybille lengauer

Einsamkeit

Veröffentlicht: Juli 14, 2022 in Gedichte
Schlagwörter:

Einsamkeit

In manchen Nächten tanzen wir,
Lichttrunkene Schwärmer,
Angezogen vom Schein der Laternen,
Die Flügel fadenscheinig,
Aufgerieben vom Staub der Geschichte,
Unsere Maschinenherzen zerfallen,
Im steten Zeitenwind,
In manchen Nächten tanzen wir,
Neonverliebte Falter,
Elektrisiert vom Glanz der Städte,
Die Flügel altersschwach,
Bleiern vom Gewicht all der Jahre,
Unsere Steinseelen zermürbt,
Vom unaufhörlichen Zeitenstrom,
In manchen Nächten tanzen wir,
Liebestaumelnde Insekten,
Fasziniert vom Leuchten der Giganten,
Die Flügel ausgefranst,
Von all den Tänzen zerflogen,
Unsere Eisengedanken verrosten,
Zernagt vom Zahn der Zeit.

© sybille lengauer

Herzschlag, Divina

Veröffentlicht: Juli 7, 2022 in Gedichte
Schlagwörter:, , ,

Herzschlag, Divina

Ich will zurück in den Wald,
Will über federnde Moose laufen,
Den Duft harziger Kiefern im Haar,
In rauschenden Wipfeln will ich gebadet sein,
Gekrönt unter den Königinnen der Bäume,
Divina,
Meine Füße, verankert, verwurzelt,
Tief in der schwarzen Erde,
Tief, tief soll mein Herzschlag sein,
Divina,
Ich will zurück in die Steppe,
Will durch flüsternde Gräser streifen,
Den Ruf des kreisenden Bussards im Ohr,
In der unendlichen Weite will ich geborgen sein,
Gekrönt unter den Königinnen der Wolken,
Divina,
Meine Füße, verankert, verwurzelt,
Tief in der sandigen Erde,
Tief soll mein Herzschlag sein, tief,
Divina,
Ich will zurück in die Berge,
Will über grollende Felsen schweifen,
Den Kuss der tosenden Winde im Herzen,
Im kosmischen Himmelsband will ich verbunden sein,
Gekrönt unter den Königinnen der Sterne,
Divina,
Meine Füße, verankert, verwurzelt,
Tief in deiner, tief in meiner Erde,
Divina,
Tief, tief soll mein Herzschlag sein.

© sybille lengauer