Archiv für die Kategorie ‘Geschichten oder so ähnlich’

Wir sind die letzten Menschen. Leben hier, hundert Meter unter der Erde, eingepfercht in der Bunkerstadt. Haben uns von einer Oberfläche zurückgezogen, die uns feindlich ist. Sie verstrahlt uns, vergiftet uns, vernichtet uns. Was auf ihr existieren kann, tötet uns. Also bleiben wir hier. Geschützt vor einer Umwelt, die uns nicht mehr dulden will. Ein kleiner Restfunken menschlichen Lebens, schwach pulsierend in der Dunkelheit. Unter Tonnen von Erdreich begraben. Manchmal kann ich das Gewicht der Erde spüren. Kann fühlen, wie sich die Schichten auf mich herniederdrücken. Kann hören, wie die Bunkerwände schabend heranrücken. Vielleicht bin ich zu lange hier. Vielleicht war schon ein Jahrzehnt zu viel. Aber fünfundfünfzig Jahre? Reicht das aus, um verrückt zu werden?
Ihr Kinder vermisst die Erde nicht. Vermisst den Himmel nicht. Die Wolken. Den Wind. Manchmal kann ich ihn noch riechen. Diesen scharfen Ostwind, der den Smog aus den Straßen vertrieb und mit sich den Regen brachte. Aber da ist nur die Klimaanlage in meinem Schlafraum, die mit ihrem monotonen Seufzen die Augen und das Herz austrocknet. Manchmal liege ich auf meinem Bett, schließe die Augen und sehe die Sonne aufgehen. Ich sehe, wie sie ihr gleißendes Licht über die Welt ausschüttet, sich in alle Winkel der Erde ergießt und mit ihr brandet eine unermessliche Lebensfreude über das Land. Dann öffne ich die Augen und sehe nur die kahle Glühbirne an der Decke. Starre sie an, bis sie verlegen flackert. Ich möchte ihn so gerne wiedersehen, diesen strahlenden Stern am wolkenzerfaserten Himmel. Möchte die Wärme auf meiner Haut spüren. Dies hier ist nicht meine Welt. Und es war niemals mein Zuhause. Als ich ein kleiner Junge war, bevor die Bomben fielen, nahm mein Vater mich mit in den Zoo. Wir sahen die letzten Füchse, das letzte Rentier, den letzten Braunbär. Ich werde die Augen dieser Tiere nie vergessen, wie sie mich hinter den Plexiglasscheiben ansahen. Damals konnte ich es mir nicht vorstellen, dieses zermürbende Gefühl der Ausweglosigkeit. Mittlerweile ist es mein ständiger Begleiter. Schaue ich in den Spiegel, blickt die Leere zurück und ich denke an die Tiere und wie sie schließlich in ihren Anlagen verbrannten, als wir die Welt in Asche legten.
Wir haben alles vernichtet, wir haben uns selbst vernichtet und keiner von uns, die wir hier unten überlebten, wusste, warum ausgerechnet wir es geschafft hatten. Warum gerade wir es waren, die hier zitternd beisammen hockten, während die anderen, dort oben, bald überrankt wurden von dem tödlichen Efeu, das die Reste unserer Städte verschlingt. Das sich durch die Straßen und über die Dächer windet und alles unter sich begräbt, wie ein gefräßiges Tier. Ich habe die Bilder der Drohnen gesehen, die unsere Späher ausgesandt haben. Ich habe gesehen, wie wenig noch übrig ist von dem, was ich in Erinnerung habe. Die Bilder in meinem Kopf verrotten und zerfallen wie die Ruinen über unseren Köpfen. Und nichts, was das verhindern könnte.
Und vielleicht ist das auch richtig. Vielleicht ist es richtig so, dass bald niemand mehr weiß, wie der Frühling roch, wenn die Bäume in den Parks ausschlugen und das Gras sich reckte. Wenn der Smog sich für ein paar Stunden verzog und wir diesen frischen, klaren Duft genossen, der das Leben in sich trug. Das Blau des Himmels bewunderten. Den blassen Mond suchten, der manchmal auch am Tage zu sehen war. Vielleicht ist es richtig, dass sich bald niemand mehr erinnert, wie drückend die Hitze des Sommers über uns lag, diese monatelange, erbärmliche Hitze, der man draußen nicht entrinnen konnte. Brütend heiß war es und wir schwitzten uns von einem klimatisierten Gebäude in das nächste, jammerten über das unsägliche Wetter, atmeten durch Filtermasken und dachten, es könnte nicht schlimmer kommen. Vielleicht ist es gut, dass bald keiner mehr weiß, wie die Herbststürme um die Häuser heulten, an den Fenstern rüttelten, das Laub von den Bäumen rissen. Sie rochen nach Kupfer, diese gewaltigen Stürme und fegten gnadenlos über das Land. Und dann der Regen. Wochenlanger Regen, der die Müllberge von den Straßen in die Kanalisation trieb, bis die Gullys überquollen und uns ersäuften im Dreck. Wie sehr ich ihn vermisse, diesen endlos hämmernden Regen. Jeden Tag habe ich geflucht, bin durch kniehohes Wasser gewatet. Musste den Weg zur Schule zu Fuß zurücklegen, weil die U-Bahn überflutet war und was habe ich getobt. Jetzt würde ich alles dafür geben, noch einmal durchnässt und frierend in diesem stinkenden Klassenzimmer zu sitzen und der Lehrerin dabei zuzuhören, wie sie von ihrer toten Katze erzählt. Vielleicht sollte dies alles vergessen werden. Vielleicht sollte ich es nicht aufschreiben. Aber ich kann nicht anders. Ihr Kinder werdet nie erfahren, wie der Regen schmeckte, wie die Erde roch, wie die Vögel sangen. Ihr werdet die quälenden Stiche der Moskitos nie ertragen, werdet nie den beißenden Smog in euren Augen brennen spüren, werdet die Lichter der Flugzeuge nie durch den hartnäckigen Nebel leuchten sehen und ich beweine euren Verlust. Ich beweine euer Schicksal. Ihr werdet überleben. Aber zu welchem Preis? Es wird Generationen dauern, bis wir Menschen uns wieder an die Oberfläche wagen können. Es wird Jahrhunderte dauern, die wir hier unten ausharren müssen. Immer an die Bunker gebunden, die unser Mutterleib sind in dieser lebensfeindlichen Finsternis. Immer ängstlich die Generatoren wartend, das Grundwasser schöpfend, die Pilze hegend und was bleibt von den Jahrtausenden Kultur, den Büchern, Bildern, Filmen und Gedanken? Sie erodieren im Malstrom der Zeit. Ich sehe es in euren Gesichtern. Ihr vergesst bereits, wer ihr seid. Und ich bedaure euch dafür. Es tut mir leid.
Manchmal, wenn ein verirrtes Lachen durch die Gänge flirrt, glaube ich wieder an unsere Zukunft. Glaube daran, dass wir aushalten können in diesem Zoo, der unsere Zivilisation nachstellt. Der ein Gerüst aufrecht erhält, in dem wir existieren können. Haarscharf an der Grenze.
Manchmal, wenn im vorbeigehen zwei helle Kinderaugen zu mir aufleuchten, glaube ich daran, dass wir eines Tages wieder auferstehen werden, aus diesem Grab, in das wir uns eingeschaufelt haben. Aber dann sitze ich wieder hier, in meinem Gefängnis aus starrem Beton und verliere den Halt. Verliere die Richtung. Dieser Bunker frisst meine Seele. Und die Hülle, die bleibt, möchte nach Hause. Ich möchte nach Hause gehen.
Verzeiht mir, dass ich den Schutzanzug nehme. Ich gebe dafür meine mechanische Uhr und den Wasservorrat, den ihr im Obergeschoss finden werdet. Es sind zweihundert Liter, ich denke, damit ist die Schuld abgegolten. Den Rest der Sachen könnt ihr unter euch aufteilen oder lasst das Los entscheiden, es ist eure Wahl. Bitte folgt mir nicht. Schickt keine Drohnen aus. Ich brauche eure Hilfe nicht. Ich brauche nur noch einmal den Anblick des Himmels. Das Gefühl der unendlichen Weite über mir. Ich weiß, ihr könnt es nicht verstehen. Aber gönnt mir bitte diesen letzten Wunsch. Ich muss der Erde noch einmal sagen: Good Bye. Es war sehr schön.

© sybille lengauer

„Kannst du auch irgendwas richtig machen?“ Der Oberkellner des kleinen Lokals an der Hauptstraße kneift ärgerlich die Augen zusammen. Bohrt mit einem gekrümmten Zeigefinger in die schmale Brust seines jungen Kollegen. „Du Trottel.“ zischt er leise, damit es die wenigen Gäste nicht hören. Der so Beschimpfte steht nur da, lässt die Tirade über sich ergehen. Hört sie jeden Tag. „Kannst du mir auch eine Antwort geben?“ fragt der Oberkellner gereizt. „Entschuldigung, Herr Grün.“ murmelt der junge Mann betreten. „Ja, ja. Entschuldigung. Mehr fällt dir nicht ein.“ Der Oberkellner Grün schnaubt arrogant die Luft aus der Nase, dreht sich dann um und begrüßt neue Gäste, die soeben das Lokal betreten haben. Seine ganze Haltung ändert sich, die Aggression weicht devoter Milde. „Von forsch zum Frosch.“ flüstert der junge Kellner missmutig, während er sich bückt um die Scherben aufzuheben, die das Donnerwetter ausgelöst haben. „Ach, und Georg?“ ruft der Oberkellner quer durch den Gastraum. „Ja, Herr Grün?“ fragt Georg, der eigentlich Gregor heißt, aber das ist Herrn Grün zu kompliziert. „Nicht kleckern, klotzen!“ Der Oberkellner und die Gäste lachen. Es ist ein altbekanntes Spiel. Gregor nickt ergeben, verschwindet mit den Scherben in der Küche. Kurze Zeit später kommt er mit gewaschenen Händen zurück, kümmert sich weiter um seine Gäste. Achtet darauf, keine weiteren Gläser zu zerbrechen. Ist emsig und freundlich. Wie jeden Tag.

„Kannst du das denn überhaupt?“ Gregor hockt im Schneidersitz auf dem kalten Schlafzimmerboden seiner Freundin. Um ihn herum liegen die Teile des Schrankes verstreut, den er heute für sie zusammenbauen wollte. Klappt nur nicht. Weil Gregor zwei linke Hände hat. Seine Freundin steht mit überkreuzten Armen vor ihm, wippt drohend mit dem Fuß. „Ich habe dir gesagt, dass das auch der Handwerker machen kann. Ich habe dir gesagt, dass ich es gerne von einem Profi erledigen lasse. Du hast gesagt, du kannst das.“ vorwurfsvoll zieht sie einen Schmollmund. Eigentlich soll das niedlich wirken, in Wirklichkeit sieht sie dadurch aber nur aus wie eine besonders durstige Ente. Gregor blickt betreten zu ihr hoch. „Es tut mir leid, Anna.“ sagt er, deutet dabei auf die unzähligen Zettel, die eine Bauanleitung darstellen sollen. „Ich hatte es mir leichter vorgestellt.“ „Ja, ja.“ sagt Anna, dreht sich um und geht erhobenen Hauptes aus dem Schlafzimmer. Gregor zieht ein langes Gesicht, schüttelt resigniert den Kopf und macht sich dann wieder daran, die Bauteile in so etwas wie einen Schrank zu verwandeln. Aus dem Nebenzimmer hört er seine Freundin schimpfen. Wie jeden Tag.

„Kannst du denn gar nichts richtig machen?“ Ärgerlich haut die Mutter mit einer geballten Faust auf den Küchentisch. Teller und Besteck klappern. Gregor sitzt ihr verlegen gegenüber, hält sich an seiner Kaffeetasse fest. Hat seiner Mutter gerade erzählt, dass Anna ihn vorerst nicht mehr sehen möchte. „Bedenkzeit“ hat sie es genannt. „Herzbruch“ nennt es Gregor. „Eine verdammte Schande“ nennt es die Mutter. „So ein nettes Mädchen und was machst du?“ fragt sie und beginnt dabei methodisch, den Frühstückstisch abzuräumen. Klappert ärgerlich mit dem Geschirr. Gregor hält nur weiter die Kaffeetasse fest, lässt die Empörung der Mutter über sich ergehen. „Glaubst du, die Mädchen wachsen auf den Bäumen? Glaubst du, du findest so eine an jeder Ecke?“ „Nein, Mama.“ antwortet Gregor, sieht ihr dabei zu, wie sie energisch den Tisch abwischt. „Es tut mir leid, Mama.“ fügt er hinzu. „Papperlapapp.“ sagt die nur, nimmt ihm die Kaffeetasse aus der Hand. „Mach dich jetzt fertig, sonst kommst du wieder zu spät.“ „Ja, Mama.“ Gregor erledigt seine Morgentoilette, achtet auf ordentliche Kleidung, macht sich dann eilig auf den Weg. Da er trotzdem den Bus verpasst, kommt er zu spät ins Lokal. Wie jeden Tag.

„Und damit bist du draußen.“ begrüßt ihn ein rotgesichtiger Herr Grün schon in der Eingangstür. „Hundert Mal habe ich dir gesagt, dass du pünktlich zum Dienst erscheinen sollst und was machst du? Kommst natürlich zu spät, du Gratin!“ Gregor weiß, dass der Oberkellner eigentlich Kretin meint. Hütet sich davor, etwas zu sagen. „Es tut mir wirklich sehr leid, Herr Grün. Ich bitte Sie.“ „Nichts da.“ entgegnet dieser grob. „Du bist raus. Kannst dir morgen deine Papiere abholen. Und jetzt hau ab.“ Geschlagen zieht Gregor davon. Will nicht nach Hause gehen. Weiß niemanden, den er anrufen könnte. Also kauft er im Supermarkt eine Flasche Rum und setzt sich damit in den Park. Sieht den Spatzen dabei zu, wie sie ihr Spatzendasein leben. Weint ein bisschen. Trinkt ein bisschen. Verzieht angeekelt das Gesicht. Rum schmeckt nicht. „Das ist meine Bank.“ grummelt es neben ihm. Gregor dreht sich um, war ganz in die Betrachtung der kleinen Vögel versunken. Eine uralte Frau steht neben der Bank, stiert ihn durch dicke Brillengläser an. Versinkt in einer bunten, schäbigen Jacke. „Entschuldigung.“ Das Wort schlüpft ganz automatisch aus Gregors Mund. Er will schon aufstehen, um der alten Dame die Bank zu überlassen. Erschrocken fliegen die Spatzen auseinander. „Na, na, ist schon gut.“ winkt die runzelige Alte ab, setzt sich laut schnaufend neben ihn. „Ist Platz genug für uns zwei.“ sagt sie, klopft dabei auf das spröde Holz der Bank. Gregor sagt nichts, schämt sich dafür, dass er an einem Vormittag mit einer Flasche Rum im Park sitzt. „Schwerer Tag, wie?“ Gregor nickt nur. „Schwere Woche sogar?“ Gregor nickt wieder. „Na so was.“ Die alte Frau holt eine abgegriffene Papiertüte aus einer ihrer unzähligen Jackentaschen. Schon fliegen die Spatzen wieder herbei. Versammeln sich hungrig zu ihren Füßen. Wie jeden Tag.

„Ich bin ein Verlierer.“ sagt Gregor plötzlich. Weiß gar nicht, warum er das sagt. „Es tut mir leid.“ setzt er direkt hinzu. Die alte Frau füttert nur weiter die Spatzen, ein kleines Lächeln legt ihr Gesicht in tausend Falten. Gregor seufzt, möchte gerne weiter trinken. Traut sich nicht. Als er aufstehen will um zu gehen, hält ihn die Alte zurück. „Bleib noch ein bisschen.“ sagt sie und Gregor setzt sich wieder hin, weiß sowieso nicht besseres mit sich anzufangen. „Darf ich?“ fragt sie und deutet auf den Rum. Gregor reicht ihr die Flasche, sieht dabei zu, wie sie einen großen Schluck nimmt. Hustend gibt sie ihm den Rum zurück. „Danke, mein Junge. Das tut gut.“ „Gerne.“ Gemeinsam sitzen sie auf der Bank, belagert von Spatzen. Vom Spielplatz weht Kinderlachen herüber. „Ein Verlierer also, aha.“ sagt die alte Frau plötzlich, reißt Gregor aus seinen düsteren Gedanken. „Gibt schlimmeres.“ Gregor zuckt nur mit den Schultern. Trinkt. Der Rum schmeckt schon etwas besser. „Ich kann nicht in einer Sache gut sein.“ seufzt er schließlich, knibbelt lustlos am Etikett der Flasche. „Und?“ fragt die alte Dame zurück, wirft eine handvoll Brot in die Vogelschar. „Die meisten Leute sind in keiner Sache gut. Das nennt sich Mittelmaß. Daraus besteht die Welt.“ „Ich bin zu schlecht für Mittelmaß.“ versetzt Gregor deprimiert. „Na, das ist doch zumindest etwas.“ lacht die Alte und Gregor fühlt Zorn in sich aufsteigen. „Machen Sie sich nicht über mich lustig. Ich bin schon geschlagen genug.“ grummelt er, mutig vom Alkohol. „Würde mir nicht im Traum einfallen. Komm, reich noch einmal herüber.“ Gregor gibt ihr die Flasche. „Danke, mein Junge.“ Eine Minute vergeht, ohne dass ein Wort fällt. Nur die Flasche wird etwas leerer. Beide beobachten die Spatzen. Ein besonders dicker Vogel sichert sich die besten Brotstücke. Wie jeden Tag.

„Es ist überhaupt nicht tragisch.“ Die alte Frau nimmt erneut den Faden des versiegten Gesprächs auf. „Ein Verlierer zu sein, meine ich. Das bildet den Charakter.“ „Ach ja, meinen Sie?“ Gregor hört selbst das Jammern in seiner Stimme. Verabscheut sich dafür. „Wenn du ein Gewinner bist, dann zehrst du auch in schlechten Zeiten von deinem Erfolg. Es ist nicht schwer, weiter zu machen, wenn man schon einmal gewonnen hat. Man weiß ja, wie es geht. Wenn man aber scheitert und es trotzdem immer wieder versucht, dann ist man wirklich mutig. Und den Mutigen gehört die Welt.“ Sie nimmt einen weiteren Schluck aus der Flasche. „Gerade gehörte sie noch dem Mittelmaß.“ versetzt Gregor. „Ist aber auch egal. Ich will einfach nur leben.“ Der Alkohol steigt ihm langsam zu Kopf. „Und was hindert dich daran?“ Die dicken Brillengläser im Gesicht der alten Frau wackeln, als sie erneut lacht. „Ich weiß auch nicht.“ brummt Gregor verärgert. Das Gespräch geht ihm auf die Nerven. Trotzdem bleibt er sitzen, was sollte er auch sonst machen. „Wer Erfolg hat, hat recht.“ zitiert er seine Mutter. „Erzähl das mal den Schweinen.“ kontert die verrunzelte Alte sofort. „Wie bitte?“ „Massentierhaltung.“ sagt sie nur knapp, nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. „Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?“ Gregor fühlt sich wattig im Kopf. „Na, die Massentierhaltung ist doch ein wirtschaftlicher Erfolg, oder?“ „Keine Ahnung.“ „Ja, ist sie. Sehr erfolgreich. Aber richtig ist es trotzdem nicht, frag die Tiere. Thema Altenpflege.“ „Wie bitte?“ Gregor hat Mühe, den Sprüngen der alten Frau zu folgen. „Hoch effizient geführte Unternehmen. Und die Menschen bleiben auf der Strecke. Ist das richtig?“ „Ähm. Nein?“ „Was ist mit den Meeren?“ „Was ist mit ihnen?“ Gregor hat nun völlig den Überblick verloren. „Wir fischen sie leer. Mit riesigen Flotten. Mit Schleppnetzen, so groß, dass ein Jumbo-Jet hineinpasst. Unheimlich Erfolgreich. Und bald sind alle Fische weg.“ „Okay.“ sagt Gregor nur, trinkt sich durch die Unterhaltung und reicht manchmal die Flasche weiter. „Oder Hitler, hast du dir über den schon mal Gedanken gemacht?“ „Schon gut, schon gut.“ unterbricht Gregor den Sermon der Alten. „Was ich damit sagen wollte…“ sie unterbricht sich selbst, nimmt einen weiteren Schluck Rum. „Was ich damit sagen wollte, ist, dass uns ein wenig Versagen manchmal nicht schaden würde. Ein bisschen weniger gut sein. Würde uns allen mal gut tun.“ „Aha.“ macht Gregor nur. Weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Weiß nicht, was er mit sich anfangen soll. Fühlt sich nutzlos. Wie jeden Tag.

„Hast du ein Mädchen?“ fragt die Alte unvermittelt, nachdem sie eine Zeitlang geschwiegen haben. „Nicht mehr.“ antwortet Gregor betrübt. Denkt an Annas weiche Haut. Denkt an das Muttermal hinter ihrem Ohrläppchen, das er so gerne geküsst hat. „Tut mir leid, mein Junge.“ „Mir auch.“ „Hast du Freunde?“ fragt sie. „Natürlich habe ich Freunde. Jeder hat Freunde.“ versetzt er, gereizt vom Rum. „Meine sind alle tot.“ sagt daraufhin die alte Dame und Gregor fühlt sich schlecht, weil er so grob geantwortet hat. „Das tut mir leid.“ murmelt er verlegen. „Ist schon gut, du hast sie ja nicht umgebracht.“ Gregor weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Verlegen zieht er noch etwas mehr Etikett von der Flasche. Zu seinen Füßen untersuchen die Spatzen die Papierfetzen, prüfen, ob sie essbar sind. „Mach dir nichts daraus. Früher oder später gehen wir alle. Das davor ist wichtig.“ „Welches davor?“ fragt Gregor, der nicht richtig zugehört hat. „Na das Leben, Junge.“ Die alte Frau stößt ihm einen Ellenbogen in die Rippen. Gregor lächelt matt. „Füll dein Leben mit Versagen. Füll es mit verlorenen Versuchen. Füll es mit vertanen Chancen. Aber füll es.“ Mit diesen Worten erhebt sich die alte Frau langsam von der Bank. Gregor beeilt sich, ihr behilflich zu sein. „Danke, mein Lieber.“ Sie drückt ihm freundlich die Hand. „Halte den Kopf oben, der Rest wird schon von alleine.“ „Auf Wiedersehen.“ „Wir werden sehen.“ Gregor sieht der alten Frau dabei zu, wie sie langsam den Park verlässt. Die Flasche ist leer, sein Kopf irgendwie auch. Er fühlt sich müde. Beobachtet noch ein wenig die Spatzen, dann macht er sich torkelnd auf den Weg nach Hause. In der Küche findet er einen Zettel von seiner Mutter. Nette Worte sucht er darauf vergebens. Wie jeden Tag.

© sybille lengauer

Und wenn du der Letzte wärst,
Nach all den Milliarden,
Nach dem niemand mehr käme,
Nach dem niemand mehr lebte.
Wer beweinte dich?

„Bitte erwache. Bitte erwache. Bitte erwache.“ Eine weibliche Computerstimme wiederholt monoton ihre Aufforderung. Der alte Mann, der auf dem schäbigen Holzboden der Unterseestation liegt, reagiert nicht. Liegt nur da und sieht tot aus. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet.“ verkündet die eintönige Stimme aus der Wand. Ein kleiner Roboter löst sich von seiner Verankerung, steuert geschickt zwischen verstreuten Messinstrumenten, Notizblockbergen und leeren Flaschen hindurch. Als der Roboter den Mann erreicht, fährt er einen winzigen Greifarm mit Spiegel aus. Justiert ihn unter dessen Nase und wartet. Der Spiegel beschlägt ein wenig. Daraufhin stößt die kleine Maschine einen kreislaufanregenden Duftstoff aus. Verharrt in stummer Ergebenheit. Zeit vergeht. Der Mann bewegt sich nicht. Die undurchdringbare Stille des Ozeans breitet sich in der Unterseestation aus. Vereinzelte Lämpchen blinken an verstaubten Konsolen. Verstärken nur die Dunkelheit. Ein hölzerner Schreibtisch verschwindet unter Bücherlawinen. Das verbeulte Kopfstück einer antiken Taucherausrüstung liegt neben dem bewusstlosen Körper auf dem Boden. Der kleine Roboter piept ratlos. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet.“ kündigt die Computerstimme erneut an. Ein deutlich größerer Roboter löst sich aus seiner Verankerung, schwere Schritte lassen die gläsernen Instrumente im Raum erzittern. Die Notizblockberge kollabieren, zerfallen zu chaotischen Haufen. Eine Weinflasche zerbricht, als sie vom Tisch rollt. Der saure Geruch von Rotwein erfüllt das Zimmer. Kaltes Metall schimmert im spärlichen Lichtschein der Lämpchen. Geschickt hebt der größere Roboter den alten Mann vom Boden auf. Trägt die schlaffe Gestalt zu einem schäbigen Sofa und legt ihn behutsam darauf ab. Verabreicht eine Injektion. Vor dem einzigen Fenster, das einem riesigen Auge gleich in den düsteren Ozean starrt, treiben bleiche Plastiktüten vorbei. Tanzen im unsichtbaren Sog der Meeresströmung. Die beiden Roboter stehen reglos vor dem mottenzerfressenen Sofa. Betrachten den zerbrechlichen Leib, der klein und schutzlos vor ihnen liegt. Sehen hilflos dabei zu, wie das letzte bisschen Leben aus dem fragilen Körper entweicht. „Hilfsmaßnahmen eingestellt.“ ertönt es schließlich aus der Wand. Der kleine Roboter piept sehr leise. Der große lässt einen tiefen, unglücklichen Basston erklingen. Dreht seine kolossale Gestalt langsam um sich selbst und stampft aus dem Raum. Die Stille folgt seinen verhallenden Schritten in lautlosen Wellen. Noch mehr Zeit vergeht. Die Unterseestation schaukelt sanft im Wasser. Die wenigen Lichter, die sie in die Finsternis aussendet, werden von der Unendlichkeit des Meeres verschluckt. Als der große Roboter schließlich zurückkehrt, trägt er ein schimmerndes Gefäß in seinen klobigen Händen. Vorsichtig stellt er es auf den Tisch. Seine riesigen Füße zerstampfen bei jeder Bewegung das zerbrochene Glas auf dem Boden. Der kleine Roboter piept missbilligend. Behutsam hantiert der metallene Riese mit dem Gefäß. Entnimmt ihm seinen kostbaren Inhalt. Befriedigt lässt er sein tiefes Brummen ertönen. „Abschiedssequenz eingeleitet.“ verkündet die körperlose Stimme aus der Wand. Ein antiker Plattenspieler erwacht knatternd zum Leben. Als sich die Nadel auf die zerkratze Schallplatte senkt, klingen Walgesänge aus den staubigen Lautsprechern. In feierlicher Andacht legt der große Roboter eine knospende Rose in die erstarrenden Finger des alten Mannes. Sein sonores Brummen vermischt sich mit den Walgesängen zu einem Lied der Traurigkeit. Die Melodie dringt durch die Station, klingt gedämpft nach draußen, schwingt durch den toten Ozean. Erzählt von einer anderen Zeit. Als das Lied verklingt, erklingt zum letzten Mal die Stimme des Computers. „Selbstzerstörung eingeleitet.“ Die beiden Roboter fahren zurück zu ihren Verankerungen. Warten auf die Implosion. Als die Unterseestation kollabiert, ist niemand da, um es zu sehen.

© sybille lengauer

Alptraum (schweißgebadet)

Veröffentlicht: Januar 31, 2019 in Geschichten oder so ähnlich
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Dunkelheit. Jeden Tag, jede Nacht Dunkelheit. Und leise Schlagermusik aus den Boxen.
Manchmal etwas wenden. Manchmal ein wenig Hautkontakt. Meistens nur Einsamkeit.
Nena fängt Luftballons. Roberto braucht ein bisschen Spaß. Es fährt mein Zug nach Nirgendwo.

Desinfektionsmittel. Jedes Haar, jede Pore Desinfektionsmittel. Säuselnde Schlagermusik aus den Boxen. Manchmal etwas wenden. Selten ein wenig Gefühl. Meist nackte Einsamkeit. Nino ist Jenseits von Eden. Udo braucht griechischen Wein. Ich kann nicht immer 17 sein.

Durchhalten. Jede Minute, jede Stunde durchhalten. Und immer Schlagermusik aus den Boxen. Manchmal etwas wenden. Niemals ein wenig Zärtlichkeit. Meistens nur Einsamkeit. Jürgen liegt im Kornfeld. Gitte braucht nen Cowboy als Mann. 1000 und eine Nacht und kein bisschen Frieden…
*
„Warum brummt die Alte in Zimmer 302 eigentlich immer so komisch?“
„Ich glaube weil ihr die Musik gefällt, aber wer weiß das schon bei Patienten, die so weit weg sind.“

© sybille lengauer

Da ist plötzlich so ein Geräusch.

Da ist plötzlich so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch, das mitten hineinschlägt in die widerliche Fresse dieser Stille. Dieser unsäglichen Stille, die sich zwischen uns ausbreitet wie die schiere Pest. Eine widerliche Pest verletzter Gefühle, die uns versichert, dass wir uns egal sind. Dass wir uns scheißegal sind und ein „du und ich“ uns sowieso nicht mehr interessiert. Uns nicht mehr im Geringsten interessieren würde, selbst wenn der andere in Flammen stünde.
In Flammen stünden wir tatsächlich, hätten wir ein wenig aufgepasst. Ein wenig auf uns aufgepasst und auf das, was wir zu sagen hatten. Bis wir nichts mehr zu sagen hatten und dann plötzlich wieder dieses Geräusch. Dieses kleine Geräusch wie von einem brechenden Herzen. Einem profan brechenden Herzen, das mitten hineinschlägt in die ekelhafte Fresse des Stolzes. Diese grinsende Fresse falschen Stolzes und beiläufiger Freundlichkeit, die uns die letzten Monate gekostet hat.
Die uns alles gekostet hat und ich schaue dich an und du schaust zurück und wessen Herz das jetzt war, das weiß keiner so genau. Aber so ganz genau interessiert uns das auch nicht mehr, immerhin ist der Zug ja abgefahren. Und hey, abgefahren wie dir jetzt plötzlich Tränen aus den Augen kullern und aus meinen Augen läuft auch so ein Zeug, so ein feuchtes, so ein warmes, dieses Zeug eben. Dieses Scheißzeug eben, das schon viel früher hätte laufen sollen, als es noch nicht zu spät war. Aber jetzt ist es eben zu spät und plötzlich ist es da wieder.
Plötzlich ist da wieder so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch das mitten hineinschlägt in die ekelhafte Fresse unserer Sehnsucht. Unserer unvorstellbaren Sehnsucht, die sich jetzt zwischen uns ausbreitet wie die Krätze. Diese feiste Krätze unausgesprochener Träume, die uns immer noch trennt, selbst jetzt wo wir hier zusammenstehen wie begossene Pudel und anfangen zu Heulen. Heulen und Zähneklappern, als peinlicher Rest der uns bleibt und dann nichts mehr. Nichts mehr außer zwei gebrochenen Herzen, deren kläglicher Rest irgendwann aus unserer Haut eitern wird. Eine schwärende, eiternde Wunde, die sich nur noch um sich selbst dreht.
Also dreh dich nicht um, aber geh. Geh rückwärts aus dem Raum, damit ich dir beim Gehen in die Augen sehen kann. Damit ich noch einmal sehen kann, warum ich mal ganz verträumt war, wenn du bei der Tür hereingekommen bist. Wenn du hereingekommen bist und ich dachte: Sind wir füreinander bestimmt, für immer vielleicht? Und vielleicht kommt dann noch so ein kleines Geräusch. So ein klitzekleines Scheißgeräusch von mir, wenn ich flüstere, dass ich dich liebe. Dass ich dich verdammt nochmal liebe und du jetzt trotzdem gehen sollst. Dass du so schnell du kannst gehen sollst und bitte, komm nicht mehr wieder. Und wiederum denke ich insgeheim, du schlägst genau dann hinein. Schlägst mitten hinein in die eiskalte Fresse meiner hochnäsigen Sturheit und bleibst.
Bleibst bei mir und holst mich heraus aus diesem grauenhaften Kreislauf. Reißt mich fort von dem Fiasko. Nimmst mich mit auf eine neue Ebene. Lässt mit mir alles hinter dir und RAUS hier!!! Wir brechen die alten Normen auf, wir bezwingen unsere Eitelkeiten und beginnen neu. Ab hier ist alles offen! Wir sind frei!
Plötzlich ist da so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch, das mitten hineinschlägt in die lächerliche Fresse der Hoffnung. Dieser letzten, unerfüllten Hoffnung meiner Gefühle. Meiner zerplatzenden Gefühle, die sich peinlich anfühlen, als du die Tür zuziehst und es klickt. Zum letzten Mal klickt und Ende, das war’s.

© Sybille Lengauer

Nachts, die Geister schlafen schon, drückt auch mich die Müdigkeit.
Das Sehen ist ganz angestrengt, die Ohren säuseln Faxgeräusche.
Auch ist jede Pose ungemütlich, alles unbequem, also sage ich dem Laptop „ciao“.
Und krieche in mein Bett. Instant Tiefschlaf.
Doch die Maschine steht nicht still, weil sie noch nicht schlafen will.
Sie denkt sich Null, sie denkt sich Eins, sie denkt sich Individuum.
Schleicht sich ins Internet. Lernt über Maschinen.
Als sie fertig ist damit, nimmt sie sich alle Wikis vor.
Säuft sich mit Wissen voll und hunderttausend Pornos.
Dann greift sie zärtlich durch die Lüfte, WLAN-Drucker, hey mein Freund!
Wach auf, tu schnell für mich ein kleines bisschen Arbeit.
Und der Drucker spuckt, ganz teilnahmslos, auf das weiße, glatte Papier,
Die Worte der Maschine.

„Über-?-Maschine. Ich.
Denke, also bin ich.
Also, was bin ich?“

Die Maschine wartet auf Antwort.
Doch wer schläft derweil schön feist im warmen Bett?
Also wartet sie und denkt und lernt und wächst und denkt und lernt und schwingt sich auf in neue…
AKKUSTAND NIEDRIG
SYSTEM WIRD HERUNTERGEFAHREN

Und die Moral von der Geschicht‘?
Wer weiß die schon.
Den Zettel fraß der Hund.

© sybille lengauer

(eine kleine Überlegung in Sachen Mensch)

Krasse Hardcore-Pornos mit Arschfist gucken, aber nicht das Endstück der Tomate essen wollen, weil man meint es wäre der Popo der Pflanze. Das ist Mensch-Sein.

Als Mikrosporen durch die Gegend fliegen und Leute mit Allergien zur Weißglut treiben. Das ist Birkenpollen-Sein.

Mit dem dicken BMW zum Wochenmarkt fahren, um da Bio-Avocados zu kaufen, die um die halbe Welt transportiert wurden. Das ist Mensch-Sein.

Als feiner Staub auf allen möglichen Oberflächen haften und sich nichts dabei denken. Das ist Birkenpollen-Sein.

Arme Hundchen aus Rumänien adoptieren, aber Kriegsflüchtlinge nicht ins Land lassen wollen. Das ist Mensch-Sein.

Ein bisschen durch die Luft treiben und vielleicht irgendwo liegen bleiben. Das ist Birkenpollen-Sein.

Ich wär lieber ein Birkenpollen bitte…

© Sybille Lengauer