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Namur

Dunkelheit, von vereinzelten Blitzen durchzuckt. Wind heult, Regen peitscht die Bäume auf. In einer verlassenen Scheune drän- gen sich ängstliche Körper aneinander. Zucken bei jedem Donner- schlag. Augen, so groß, dass man fast nur Weiß sehen kann, starren angestrengt zum Scheunentor. Körper zittern unkontrolliert gegen das Entsetzen. Entferntes Hundegebell ist zu hören. Aufgeregte Rufe. Eine der Gestalten krümmt sich und beginnt leise zu weinen. Eine andere legt schützend die Arme um sie. „Hierher!“, ruft es von draußen plötzlich, drinnen sind verzweifelte Schreie zu hören. Das Scheunentor wird aufgerissen, grelle Lichtkegel fluten in die Finsternis. „Ich hab sie!“, schreit jemand, dann mischen sich Ge- wehrschüsse mit neuem Donnergrollen.
„Ich habe einen Anruf von Valicek erhalten. Kahrbauer soll an einem Artikel über Belgien schreiben.“ Zwei dunkle Gestalten ste- hen vor dem Seiteneingang eines seelenlosen Bürogebäudes und blasen enorme Dampfschwaden aus ihren E-Smokes. „Ich hatte dich gewarnt. Habe ich dir nicht gesagt, dass dieser verdammte Schmierlappen nicht locker lassen wird?“ Die Stimme des Sprechers klingt gereizt. Ein leichter, englischer Akzent unter- streicht den herablassenden Tonfall. „Ja, Jeff“, murmelt eine zweite, jüngere Stimme kleinlaut. „Dieser Kerl ist ein fucking Ter- rier, habe ich das nicht zu dir gesagt?“ Der Mann atmet eine Dampfwolke aus, die sofort von einem kalten Windstoß zerrissen wird. „Ja, Jeff“, kommt die unterwürfige Antwort von seinem Ge- genüber. „Und was hast du zu mir gesagt, Junge?“ „Bitte, ich bekomme das wieder in den Griff.“ Irgendwo in der Nähe erklingt eine Autosirene, der Wind trägt die Geräusche der Straßen mit sich. „Du gehst mir gerade unglaublich auf die Nerven“, schnaubt Jeff herablassend, er dreht sich abrupt um und betritt das Gebäude. Wie ein Schatten folgt ihm der zweite Mann. Im Fahrstuhl herrscht eisiges Schweigen. Erst als sie in einem klinisch weißen Büro angekommen sind, wendet sich Jeff erneut an seinen Begleiter. „Es ist mein Fehler. Ich dachte du wärst dieser Aufgabe gewachsen, aber nicht jeder kann die Hitze aushalten.“ Er sieht dem jungen Mann tief in die Augen, der mit hängenden Schultern im blendenden Weiß des Teppichs versinkt. „Ich übergebe die Sache an Ludger Meyer. Er weiß, wie man mit diesem Journalistenge- schmeiß umgeht. Du fliegst morgen früh nach Namur. Ich möchte einen genauen Bericht über die letzten Ereignisse. Ich habe keine Lust im Dunkeln in ein Messer zu laufen. Hast du verstanden, Tom?“ „Ja, Jeff.“ Das Gespräch ist beendet. Tom verlässt mit ge- senktem Kopf das Büro seines Vaters.

Ein Mund, der zu einem stummen Schrei verzerrt ist. Ver- zweifeltes Ringen nach einem letzten Atemzug. Dürre Arme, die sich in den unendlich weit entfernten Himmel strecken. Der Team- leiter der mobilen Einsatztruppe beugt sich über die Grube. „Der lebt noch“, stellt er fest und schießt dem zuckenden Körper sauber in den Kopf. Ein Mann in einem olivgrünen Overall steht mit ei- nem einsatzbereiten Flammenwerfer neben ihm und wartet auf das Zeichen. Über ihren Köpfen kreist ein Bussard. Der Vogel sieht die dreckigen Jeeps, die in einem Halbkreis um das Massengrab geparkt sind. Sieht die Männer, die gerade eine letzte Leiche in die Grube zerren. Mehrere Körper liegen darin, verdreht, erschossen, ausgezehrt. Über allem liegt der unbändige Geruch von Blut. Als der Flammenwerfer sein vernichtendes Feuer über die Kadaver spuckt, schlägt der Bussard zornig mit den Flügeln, lässt sich vom Wind weitertreiben.
Eine schlaflose Nacht, zwei Flugstunden und eine langweilige Taxifahrt später steht der Sohn des größten Gentechnologie- herstellers Europas vor einem rundlichen Labormitarbeiter, der ihm in gebrochenem Deutsch die Situation erklärt. „Es ist also mehr als eine Spezies entkommen?“, fasst Tom zusammen, was der Mann im weißen Kittel umständlich beschrieben hat. „Oui, Monsieur Underberg, der Labor – voll.“ Tom zeigt auf eine der Tabellen, die er von zuhause mitgebracht hat. Mäuse, Kaninchen, Affen, ein halber Streichelzoo ist darauf abgebildet. „Welche Spezies?“, fragt er betont deutlich und klopft mit seinem Kugelschreiber auf das Papier. Der Mitarbeiter nimmt ihm die Tabelle aus der Hand, überfliegt sie kurz. Dann kreuzt er mehrere Bilder an und reicht den Zettel zurück. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt eine kühle Frauenstimme hinter Tom. Der dreht sich nicht um, sondern starrt nur finster auf die Tabelle. „Mein Name ist Greta Claes, ich denke wir waren vor vierzig Minuten in mei- nem Büro verabredet, Herr Underberg“, fährt die Frau mit ihrer einseitigen Unterhaltung fort. Tom wendet den Blick nicht vom Papier ab. „Ihre Berichte an die Firma waren nicht zufrieden- stellend. Ich ging daher davon aus, dass auch ein Gespräch mit Ihnen nicht zufriedenstellend verlaufen würde, Frau Claes. Mein Vater wünscht eine genaue Analyse der Situation und ich ver- sichere Ihnen, Sie möchten seinem Wunsch nicht im Wege stehen. Sie können mir jetzt das Labor zeigen, Dr. Peeters.“ Er lässt das Blatt Papier sinken und nickt dem verlegenen Labormitarbeiter zu, der das Gespräch mit angestrengtem Gesichtsausdruck verfolgt hat. Seit Greta Claes das Zimmer betreten hat, ist er deutlich in sich zusammengesackt. „Dr. Peeters“, spricht Tom ihn erneut an, diesmal etwas lauter. „Bien sur“, beeilt sich der untersetzte Mann und führt ihn unter diversen Gesten aus dem Raum. Seiner Chefin nickt er nur entschuldigend zu. Der Weg führt durch hell erleuchtete Gänge, die von Videokameras überwacht werden. Niemand sagt ein Wort, auch nicht, wenn eine der unzähligen Sicherheitsschleusen passiert wird. Nur das Klacken der Schuhe begleitet sie durch die schier endlosen Flure. Als Dr. Peeters schließlich vor einer Tür stehenbleibt, wendet sich Tom direkt an Frau Claes. „Aufmachen“, blafft er sie an. Die adrett gekleidete Frau erwidert seine Herausforderung mit einem kalten Lächeln. Achselzuckend tippt sie einen Code in die kleine Wandtafel neben der Tür. Ein leiser Piepton erklingt. Tom verschränkt abwartend die Arme vor dem Bauch. Greta Claes nickt ihrem Angestellten zu, der daraufhin die Tür öffnet. Der enorme Raum dahinter ist nur zur Hälfte vorhanden, die andere Hälfte liegt in Schutt und Asche. Durchsichtige Folien spannen sich gegen einen blauen Himmel, Wind bläst durch Ritzen in der provisorischen Abdeckung. „Was, zum Teufel, ist hier passiert?“, fragt Tom, mit aufgerissenen Augen betritt er das ehemalige Großlabor. Er starrt gebannt auf das klaffende Loch in der Außenmauer. „Eine Gasexplosion ist pas- siert“, antwortet Greta Claes trocken. „Ich habe Ihnen den Unfall- hergang ausführlich in meinem Bericht geschildert.“ „Ja, ja. Schon gut“, wehrt Tom ungeduldig ab. Er betrachtet die großen, zerstör- ten Käfige. „Wie viele sind entkommen?“, fragt er schließlich, inmitten der Zerstörung stehend. „Auch diese Angaben finden Sie in meinem Bericht, Herr Underberg“, ihre Stimme ist ein einziger Vorwurf. „Frau Claes. In Ihrem Bericht haben Sie von einem klei- nen Zwischenfall geschrieben, bei dem einige wenige Versuchs- objekte Ihren Räumlichkeiten entwichen sind. Jetzt stehe ich hier vor einem riesigen Loch in Ihrem Labor und habe eben erfahren, dass es sich bei den Versuchsobjekten um verschiedene, hochmo- bile Spezies handelt. Ich frage Sie also noch einmal. Wie viele Versuchsobjekte sind entwichen?“ Toms ätzender Tonfall zeigt langsam Wirkung. „Zweiundzwanzig.“ Greta Claes spuckt ihm die Antwort förmlich vor die Füße. „Zehn Hasen-, fünf Ratten-, drei Hunde-, zwei Schimpansen-, zwei Schweinehybriden.“ „Warum waren diese Hybriden alle in einem Raum?“, bohrt Tom aggressiv weiter. „Sie sollten am nächsten Morgen abgetötet werden, die Versuchsreihe war abgeschlossen.“ „Welche Versuche wurden an den Viechern durchgeführt?“ „Herr Underberg, wollen wir dieses Gespräch nicht lieber in meinem Büro fortsetzen, ich denke Dr. Peeters würde nun gerne wieder seiner Arbeit nachgehen?“ Mit einer knappen Geste schickt Frau Claes ihren Mitarbeiter aus dem Raum. Tom wiegelt ungeduldig ab. „Was wir zu bereden haben, können wir überall klären. Also, welche Versuche?“ Bevor Greta Claes antwortet, schließt sie gewissenhaft die Tür des zerstörten Labors.

Laufen. Immer nur laufen. Das Herz pocht bis zum Hals, die nack- ten Füße bluten und immer weiterlaufen. Irgendwann brechen die Beine unter ihr zusammen, sie fällt der Länge nach hin. Muss es in den Wald schaffen. Zwingt sich wieder hoch. Läuft weiter. Gehetzter Atem, Schweiß auf der Haut. Als sie das Geräusch eines Helikopters hört, flüchtet sie unter einen niedrigen Busch. Kauert unter den grünen Zweigen und bedeckt ihren geschorenen Kopf mit blassen Armen. Das Wummern des Rotors vermischt sich mit einem rasenden Herzschlag. Tränen laufen aus geröteten Augen. Die Eindrücke der letzten Tage fluten unkontrolliert über sie herein. Wütend schüttelt sie die Bilder ab, stößt ein kehliges Wimmern aus. Wartet darauf, dass das dröhnende Geräusch der Maschine leiser wird. Als das Brummen verebbt, kriecht sie wieder aus dem Gebüsch und hastet weiter. Über die Böschung, quer durch den Bach. Steine bohren sich in ihre Fußsohlen. Äste peitschen über nackte Haut. Ein Schuss zerreißt die Szenerie in tausend Splitter. Grellrotes Blut schießt aus ihrem Mund. Sie taumelt gegen eine junge Buche, ein faustgroßes Loch klafft in ihrem Brustkorb. Tot bricht sie am Rand des Laubwaldes zusammen.
„Möchten Sie Milch und Zucker?“ Tom Underberg und Greta Claes sitzen sich in einem konservativ eingerichteten Büro gegen- über. Eine unscheinbare Sekretärin trägt Kaffee und Gebäck auf. „Schwarz, danke“, antwortet Tom, seine Stimme klingt ungedul- dig. Die Sekretärin serviert und verschwindet dann aus dem Büro. Stille breitet sich aus, nur unterbrochen vom diskreten Klappern guten Porzellans. Vor dem Fenster ziehen vereinzelte Wolken über einen stahlblauen Himmel. Kaffeeduft erfüllt das Zimmer. „Herr Underberg“, nimmt Greta Claes schließlich wieder das Gespräch auf, „Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Lage unter Kontrolle haben. Unsere Teams sind absolut zuverlässig.“ „Zweiundzwanzig Lebensformen“, antwortet Tom nur. Er balanciert einen Teller mit kleinen Plunderteilchen auf seinen Knien und nimmt immer abwechselnd einen Schluck Kaffee und einen Bissen Süßgebäck zu sich. Greta Claes beobachtet ihn mit unverhohlener Abscheu. „Zehn konnten bereits sichergestellt werden. Wir sprechen also von zwölf Lebensformen.“ „Was ist übrig?“ „Fünf Hasen, fünf Ratten, zwei Schweine. Die Hunde und Schimpansen konnten wir bereits am zweiten Tag sicherstellen, sie waren gemeinsam in einer Scheune versteckt. Auch einen Teil der Hasen konnten wir als Gruppe auftreiben. Die restlichen Versuchsobjekte halten sich vermutlich nicht in Gruppen auf, das macht die Sache schwieri- ger.“ „Ich will eine exakte Aufstellung der bisherigen Abläufe. Mi- nu-ti-ös.“ Tom klopft bei jeder Silbe mit seiner Tasse gegen den Teller auf seinen Knien. Kleine Krümel fliegen aus seinem Mund. „Ich will die aktuellen Reporte des Einsatzteams und ich will eine exakte Aufstellung der Hybriden und mit welchen Gefahren wir zu rechnen haben. Und ich will das alles gestern, haben Sie mich verstanden?“ Greta Claes nickt zähneknirschend und lässt ein gekünsteltes Lächeln aufblitzen.

Rabenschwarze Nacht. Kälte. Nässe. Einsamkeit. Nirgendwo ein Punkt zur Orientierung. Nur zermatschtes Laub an den Füßen, Schwärze vor den Augen und bohrende Verzweiflung. Ein paar abgebrochenen Zweige, die als Schutz gegen den Regen dienen. Er hockt in einer feuchten Kuhle, den Rücken gegen einen Stein gepresst. Versucht sich in den Schlaf zu zittern. Hat keine Kraft mehr. Der ferne Ruf eines Käuzchens lässt ihn auffahren. Die blutunterlaufenen Augen irren in der Dunkelheit hin und her. Der nächste Ruf des Käuzchens klingt näher. Gehetzt kommt er wieder auf die Füße. Hält sich an Zweigen fest, während er schwer atmend durch die Finsternis torkelt. Er kann nicht mehr weiter. Muss immer weiter. Rutscht im glitschigen Laub. Fällt einen steilen Abhang hinunter und schlägt auf spitzen Steinen auf. Das Schein- werferlicht eines heranrasenden Zuges blendet ihn. Mit blutigen Händen, blutigen Knien windet er sich zwischen den Schienen. Blind. Verängstigt. Allein. Als der Zug ihn wenige Sekunden später erfasst, bleibt nur ein blutiger Streifen auf den Gleisen zurück.
„Diese Frau ist so unfähig, man möchte sich die Haare rau- fen!“ Tom sitzt auf der Toilette und telefoniert mit seinem Vater. „Dasselbe könnte man auch über dich sagen“, erklingt Jeffs Stim- me lieblos aus dem Mobiltelefon. Tom verliert den Faden, das Gespräch gerät ins Stocken. „Wie ist die aktuelle Lage?“, fragt Jeff schließlich ungehalten in die unangenehme Stille hinein. „Wir haben zwei weitere Versuchsobjekte bergen können. Damit fehlen nur noch zehn“, beeilt sich Tom zu antworten. Das Hochgefühl, welches er zu Beginn des Gespräches empfunden hatte, ist rück- standslos verflogen. „Wer ist wir?“, blafft Jeff am anderen Ende der Leitung. Offenbar hat er ausgesprochen schlechte Laune. Tom verdreht resigniert die Augen. Er stellt auf Lautsprecher, um sich den Hintern abzuwischen. „Es bleiben nur noch fünf Ratten und fünf Hasen übrig. Wobei wir uns um die Ratten kaum Gedanken machen müssen. Claes versichert, dass sie bald eingehen wer- den.“ „Aha“, macht Jeff. „Hat irgendwas mit einem fehlenden En- zym zu tun. Steht im Bericht.“ Tom betätigt die Spülung und zieht sich wieder an. Er verzichtet darauf sich die Hände zu waschen, drückt das Handy wieder an sein Ohr. Bleibt nachdenklich vor dem Spiegel stehen. „Es sind also eigentlich nur noch die fünf Hasen, um die wir uns kümmern müssen.“ Auf der anderen Seite der Leitung bleibt es still. „Gibt es etwas Neues von Kahrbauer?“, fragt Tom und hofft, mit der Erwähnung des Journalisten das Ge- spräch wieder für sich zu gewinnen. „Was interessiert dich das?“, fragt Jeff gereizt zurück. Tom starrt sich selbst in die Augen und zeigt seinem Spiegelbild den Mittelfinger. „Ist noch was?“, quäkt es aus dem Handy. „Nein, Vater.“ „Dann bis morgen.“ Das Ge- spräch ist beendet. Tom atmet langsam durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Wählt eine neue Nummer. „Under- berg hier. Verbinden Sie mich mit Frau Claes.“ Er wartet auf die Verbindung und korrigiert ein paar Haarsträhnen an seiner Frisur. „Was kann ich für Sie tun, Herr Underberg?“ Greta Claes versucht nicht zu verschleiern, dass sein Anruf unwillkommen ist. Ihre Stimme klingt abweisend und kalt. „Mein Vater ist sehr unzufrie- den, Frau Claes.“ Tom tritt näher an den Spiegel heran, betrachtet eingehend sein junges Gesicht. „Er wird es sich vorbehalten, ent- sprechende Schritte in der Personalpolitik einzuleiten.“ „Dazu ist er absolut berechtigt“, antwortet Greta Claes trocken. „Ich möchte morgen beim Einsatz dabei sein.“ Tom fährt mit dem Zeigefinger über seine glatte Stirn und lächelt seinem Spiegelbild zu. „Dazu sind Sie absolut berechtigt.“ Frau Claes scheint sich auf einen Satz festgelegt zu haben. „Mailen Sie mir die genauen Daten. Ich werde vor Ort sein.“ „Gerne.“ Sie legt auf, ohne sich zu verabschieden.
Ständiges Erbrechen, obwohl der Magen völlig leer ist. Galle. Husten. Brennende Schmerzen. Dunkle Flüssigkeit, die aus den Ohren läuft. Augen, die eingefallen in dunklen Höhlen liegen. Die Kinder liegen eng umschlugen im Keller eines Hauses. Haben sich in der Nacht eingeschlichen und unter alten Armeedecken vergra- ben. Jetzt warten sie darauf, dass die Schmerzen endlich aufhören. Liegen schlaff übereinander. Atmen hechelnd. Von oben erklingt helles Lachen. Tapsige Schritte laufen durch ein glücklicheres Leben. Irgendwo spielt ein Liebeslied im Radio. Unten ist nur noch flaches Atmen und unregelmäßiger Herzschlag. Trockenes Würgen. Eine letzte Träne, die aus einem verkrusteten Augen- winkel läuft. Irgendwann hört auch der letzte, kleine Brustkorb auf, sich zu bewegen.

Der Jeep rast mit aufheulendem Motor über eine Schotterpiste. Hinter dem Steuer grinst Tom wie ein kleiner Schuljunge. Der Einsatzleiter, der neben ihm sitzt, ist sichtlich unbeeindruckt. „Wir haben heute Morgen die ganze Rattenbande ausgehoben. Dachten erst, sie hätten sich aufgeteilt. Hatten aber nur falsche Fährten gelegt. Schlaue Biester, diese Biester!“, schreit er gegen den Fahrt- wind an. Tom lacht und gibt noch einmal richtig Gas. Im Rück- spiegel sieht man die anderen Jeeps in einiger Entfernung folgen. „Die Meldung kommt von einem Bauernhof, drüben in Ciney. Ich hätte nicht gedacht, dass die so weit kommen würden.“ „Haben Sie eine Idee, wo die hinwollen?“ Tom geht ein wenig vom Gas und konzentriert sich mehr auf das Gespräch. „Die zieht es in die Wälder“, antwortet sein Begleiter. „Keine Ahnung ob die glauben, dass sie sich da besser verstecken können oder ob es so eine Art animalischer Instinkt ist. Was weiß ich.“ „Wie viele Hasen wurden gesichtet?“ „Vier oder fünf.“ „Haben die auch falsche Fährten gelegt?“ „Wer weiß das schon. Sie können sie ja fragen, wenn wir sie gefunden haben.“ Der Einsatzleiter lacht und klopft Tom väterlich auf die Schulter. Die restliche Fahrt erzählt er witzige Erlebnisse aus seinen früheren Tagen beim Militär. Tom genießt jede einzelne Sekunde davon. Kurz vor Ciney halten die Wagen am Seitenstreifen der Landstraße. Die Männer koordinieren sich routiniert, während Tom so tut, als würde er dazu gehören. Er wird einem jungen Mann zugeteilt, der sich als Dubois vorstellt. Die beiden bilden das Schlusslicht des Trupps, der sich nun wieder in Bewegung setzt. Vor einem Bauernhaus halten sie erneut. Der Einsatzleiter steigt aus und unterhält sich angeregt mit dem Bauern, der bereits vor die Tür getreten ist. Tom kann das Gespräch nicht verstehen, er sieht aber, dass der Bauer in eine bestimmte Richtung deutet. Der Einsatzleiter bedankt sich, Geld wird übergeben. Dann fahren die Wagen in die angegebene Richtung. Man hält nun über Funk untereinander Kontakt, spricht sich mit dem Hubschrauber- team ab. Tom verfolgt alles mit stiller Faszination. Als der Hub- schrauber schließlich eine Sichtung meldet, entfährt ihm ein auf- geregter Schrei. „Fahr, fahr, fahr!“, feuert er Dubois an. Der Jeep schießt einen Forstweg hinunter, folgt der Staubspur der anderen Wagen.

Die vier Frauen rennen panisch in verschiedene Richtungen davon, als die Jeeps am Rand der Lichtung auftauchen. Sie haben den Mo- torenlärm nicht wahrgenommen, waren zu erschöpft von der tage- langen Flucht. Nur ein wenig Schlaf. Nur ein bisschen im Sonnen- schein liegen. Jetzt laufen sie ein letztes Mal um ihr Leben. Die Jeeps teilen sich ebenfalls auf, lassen sich vom Helikopter leiten. Schüsse krachen durch den lichten Wald. Getroffen fällt eine rennende Gestalt zu Boden, überschlägt sich, bleibt liegen. Eine andere krümmt sich, hastet dann aber weiter. Dubois schneidet ihr den Weg ab. Rammt sie mit dem Wagen. Der geschundene, magere Frauenkörper schlägt mit einem dumpfen Knall gegen das Blech des Jeeps. Tom zuckt zusammen, als er das Geräusch hört. Hat sich das alles ganz anders vorgestellt. Dubois hält den Wagen an und steigt aus. „Kommen Sie, Monsieur Underberg!“ Unwillig klettert Tom aus dem Jeep. Geht um den Wagen herum und sieht sich das blutende Wesen an, das verdreht auf dem Waldboden liegt. „Das ist eine Frau!“, entfährt es ihm entsetzt. „Möchten Sie sie erschie- ßen, Monsieur Underberg?“, fragt Dubois und hält ihm grinsend eine Pistole hin. Tom wird sehr blass, greift aber schließlich nach der Waffe. Die Frau auf dem Boden schluchzt herzzerreißend. Trotz unzähliger Knochenbrüche versucht sie immer noch durch das Laub davonzukriechen. Weg von den Männern, die breitbeinig über ihr stehen. Tom zielt mit der Pistole. Seine Hand zittert stark. Sein erster Schuss geht in ihren Oberschenkel. Der zweite trifft ihren Rücken. Den dritten schießt Tom einen Meter daneben, das vierte Mal zerfetzt er ihr Gesicht, als sie sich wimmernd nach ihm umdreht. „Monsieur Underberg, très bien!“, lacht Dubois und nimmt Tom die Waffe aus den verkrampften Fingern. „Ich dachte zuerst, Sie scheißen sich ein, aber das war saubere Action.“ Aufmunternd deutet er mit der Waffe quer über die Lich- tung. Ein blasser Körper verschwindet gerade hinter einem umgestürzten Baumstamm. „Da ist noch eine, holen wir sie uns!“ Tom folgt Dubois, als dieser mit schnellen Schritten die Lichtung überquert.
„Auf unser neues Ehrenmitglied, er lebe hoch! Hoch! Hoch!“ Ausgelassenes Gelächter brandet durch den Schankraum.

Weingläser prosten ihm zu, Schnäpse werden geleert. Tom steht inmitten der Aufmerksamkeit, sein wächsernes Lächeln überstrahlt den Raum. Er stürzt sein Glas Rotwein hinunter, lässt sich sofort neu einschenken. Hinter seiner Stirn explodiert ein verzweifeltes Gesicht in tausend Knochensplitter. „Auch auf euch, meine tapferen Kameraden!“ Seine Stimme klingt etwas schrill, es war ein langer Tag. Tom kann immer noch das Blut an seiner Kleidung riechen. Nachdem er ein paar weitere Gläser Wein geleert und bei unzähligen Schnapsrunden zugegriffen hat, torkelt Tom nach draußen um seine E-Smoke zu rauchen. „Eine noch, eine noch, eine noch!“, schreit es hinter ihm her, und Tom weiß nicht, ob die Männer noch eine Schnapsrunde oder noch eine Leiche meinen. Betrunken fummelt er das Handy aus seiner Jackentasche, um seinen Vater anzurufen „Es ist nach elf, was zur Hölle willst du?“, fährt Jeff ihn verschlafen an. „Ich habe sie erschossen!“, lallt Tom zwischen Stolz und Elend. Erneut sieht er die geschundene Gestalt auf der Lichtung liegen. Ihr rotes Blut im grünen Gras. „Was hast du?“ „Ersch-sch-sch-schossen!“, schreit Tom. Er lacht schallend. Sieht eine blutverschmierte Hand, Glockenblumen, die sich im Wind wiegen, leblose Augen. „Bist du besoffen, Junge?“, jetzt schreit auch Jeff. „Natürlich bin ich besoffen, du Arschloch! Ich habe sie erschossen!“, kreischt Tom hysterisch. Tränen laufen über sein hochrotes Gesicht. Dann kotzt er unkontrolliert vor die Eingangstür der Schänke. „Tom? Tom!“ „Es sind Menschen, Vater. Wusstest du das?“ Ein langer Rotzfaden hängt aus Toms Nase. Geräuschvoll zieht er ihn nach oben. „Und ich habe sie abgeknallt.“ Er wirft das Handy gegen die Hausmauer und kotzt sich die Seele aus dem Leib.
„Gottlieb Kahrbauer?“ „Spreche ich mit Gottlieb Kahrbauer?“, fragt eine verzerrte Stimme. „Das habe ich doch gerade gesagt, oder?“, antwortet der Journalist verärgert, er ist kurz davor den Hörer wieder aufzulegen. „Es geht um Namur“, schnarrt die ano- nymisierte Stimme. Ein einziges Wort und schon hat der unbe- kannte Anrufer Kahrbauers volle Aufmerksamkeit. „Ich höre zu“, sagt er mit Bestimmtheit. „Die haben Menschen getötet!“ Trotz Stimmverzerrung klingt der Sprecher verzweifelt. Kahrbauer glaubt ein Schluchzen hören zu können. „Haben Sie irgendwelche Beweise?“ stellt er die einzige Frage, die wirklich von Belang ist. „Ich habe alle Beweise, die Sie sich wünschen können. Aber zuerst müssen Sie sie retten!“ „Wen muss ich retten?“, fragt Kahrbauer irritiert, ungeduldig winkt er seine Frau fort, die gerade eine Tasse Tee ins Arbeitszimmer bringt. „Es sind zweiundzwanzig Men- schen bei der Explosion entkommen. Einundzwanzig wurden ver- nichtet. Eine Frau lebt noch. Sie müssen sie finden!“ „Wie stellen Sie sich das vor?“ Kahrbauer weiß nicht genau, was er von seinem Gesprächspartner halten soll. „Können wir uns treffen?“, fragt er geradeheraus. „Nein!“ Die verzerrte Stimme überschlägt sich. „Dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen soll.“ Kahrbauer wartet geduldig, ob der Anrufer nach dem Köder schnappt. „Okay, ein Treffen“, willigt dieser schließlich ein. „Wie darf ich Sie anspre- chen?“, fragt der Journalist. Es ist lange still am anderen Ende der Leitung. Man kann förmlich fühlen, wie jemand mit einer Ent- scheidung ringt. „Nennen Sie mich Tom“, antwortet die verzerrte Stimme.

© sybille lengauer

Die Nacht der Toten

Eine Großstadt ist niemals dunkel, Straßen und Gehwege werden nachts von zahlreichen Laternen beleuchtet, Tanzlokale, Kneipen und Flaniermeilen, Tankstellen, Hurenhäuser und sogar einfache Werbeschilder strahlen oft heller als der Tag. Schaut man vom Grund dieses Lichtermeeres zum fernen Nachthimmel hinauf, sucht man die Sternbilder oft vergebens, dafür stößt man dort unten an jeder zweiten Straßenecke auf protzige Lichtshows, die eine herkömmliche Gebäudefassade in einen regelrechten Farbenrausch stürzen. Aus der Vogelperspektive betrachtet winden sich die Verkehrsadern der Großstadt wie glitzernde Lichterketten durch die Nacht, streben den dunkleren Vorstädten und Gemeinden zu, verweben ihr immerhungriges Herz und formen so ein strahlendes Lichtgespinst menschlicher Zivilisation. Das leuchtende Großstadtgewebe erinnert entfernt an das Röntgenbild eines sterbenskranken Krebspatienten, dessen abgekämpfter Körper voller tödlicher Metastasen steckt. Zumindest erinnerte es Mave daran, als das Passagierflugzeug, in dem er saß, im Sinkflug über seiner Heimatstadt kreiste, derweil er aus dem Flugzeugfenster starrte und an nichts anderes denken konnte, als den Tod. Schmutzigschwarz war sein vielgetragener Anzug, blauschwarz gefärbt sein struppiges Haar, rabenschwarz waren seine rastlosen Gedanken. Mave war auf dem Weg zu einer Beerdigung und jede Faser seines Körpers sträubte sich dagegen. Vor zehn Tagen war seine Mutter verstorben, gefühlte zehn Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Man hatte telefoniert, ab und an. Zum Geburtstag gratuliert und an den hohen Feiertagen manchmal eine knappe Textnachricht auf dem Handy verschickt, dann war wieder monatelang Funkstille und kaum ein Gedanke an Daheim. Bis plötzlich ein unerwarteter Anruf seiner Schwester den Kreislauf zerriß: „Mutter ist tot. Lungenkrebs.“ Vielleicht hatte Mave erwartet, dass sich die Schleusen des Himmels öffnen und eine Flut an Gefühlen über ihn hereinbrechen würde, vielleicht hatte er gehofft, es mache ihm zumindest etwas aus, doch in seinem tiefsten Inneren spürte er nur leichten, leisen Unwillen und er wusste nicht einmal zu sagen warum. Tagelang suchte er nach Ausreden um sich vor der Beisetzung zu drücken, er fühlte sich fiebrig und nicht in der Lage zu reisen, die Arbeit wuchs ihm über den Kopf, er wollte es nicht riskieren Urlaub zu nehmen, einen derart kurzfristig gebuchten Flug konnte er unmöglich bezahlen, wer war er, Krösus? Doch die Angst vor dem Zorn seiner Schwester und der Hauch eines schlechten Gewissens trieben ihn schließlich in ein Flugzeug und so hockte er nun verkrampft an jenem unbequemen Fensterplatz und hing trübseligen Gedanken nach. Wie lange war es her, dass er Mutter zuletzt besucht hatte? Fünf Jahre, oder doch sieben? War es vor seiner Scheidung von Larissa gewesen, oder danach? Er wusste es nicht zu sagen und je angestrengter er überlegte, desto weniger schien er sich erinnern zu können. Doch er versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wollte es minutiös ergründen um nicht die eigentlichen Fragen denken zu müssen, die seit dem Anruf seiner Schwester gedacht werden wollten und von ihm unterdrückt wurden: warum hatte Mutter nichts gesagt? Hatte sie nicht gewollt, dass er sie ein letztes Mal besuchte? Und hätte er sie besucht, wenn er von ihrer tödlichen Krankheit gewusst hätte? Mave wollte sich diesen Fragen nicht stellen, er versuchte seine Gedanken in sinnlose Kreisbahnen zu zwingen und grübelte doch nur düster über krebskranke Leiber und Zivilisationen. Noch während der Landung formulierte er eine kurze Textnachricht an seine Schwester, er habe es sich anders überlegt und würde den nächsten Flug zurück nehmen, doch er verschickte die Nachricht nicht, sondern starrte nur lange auf das Display des Handys, bevor er die Nachricht löschte. Missmutig verließ er mit den anderen Passagieren das Flugzeug, drängte durch das Gewimmel, griesgrämig schob er sich an der Flughafenkontrolle vorbei, er hatte keinen Koffer, also musste er nicht warten. Vor dem Flughafen standen diverse Taxis und Shuttlebusse bereit, Mave beschloss trotzig die U-Bahn zu nehmen, es würde länger dauern, es wäre unbehaglich, überheizt und stinkend und das erschien ihm gerade angemessen. Neunzig Minuten später las er gereizt die vielen Klingelschilder am Eingang eines verschachtelten Wohnkomplexes. Er fand das richtige Schild, hob die Hand um zu klingeln, doch sein Finger verharrte in der Bewegung. Jetzt oder nie, dachte Mave und wusste selbst nicht zu sagen, ob er die Flucht nach vorn oder den taktischen Rückzug meinte. Unangenehme Sekunden verstrichen, dann drückte er kräftig auf die Klingel und zuckte erschrocken zusammen, als sich sofort eine tiefe männliche Stimme meldete. „Wer ist da?“, brummte es aus der Gegensprechanlage. „Ich will zu Sandra Wagner. Ist das nicht ihre Wohnung?“, bellte Mave verdrossen, ein Passant, der mit einem kleinen Hund vorbeispazierte, warf ihm einen misstrauischen Seitenblick zu und beschleunigte seine Schritte. „Wer da ist, habe ich gefragt“, knarzte die fremde Stimme, Mave rollte entnervt mit den Augen und gab nach. „Ich bin Mave. Sandras Bruder“, blaffte er möglichst unfreundlich. Das laute Summen des Türöffners entließ ihn aus dem unangenehmen Gespräch.
„Was eine Freude dich kennenzulernen, Bro!“, brüllte ein riesiger Grizzlybär, der wenige Minuten später die Wohnungstüre öffnete und einen verdatterten Mave an seine breite Bärenbrust drückte. Der Grizzly stellte sich als Joe Ziegler vor und war Sandras neuer, vollbärtiger, flanellhemdtragender Lebensgefährte. Sandra befand sich im Augenblick nicht zuhause, sie war überraschend zu einem Arbeitseinsatz ans andere Ende der Stadt gerufen worden und hatte deshalb Joe gebeten, Mave in Empfang zu nehmen. Joe freute sich enorm über die Gelegenheit Mave in Ruhe beschnuppern zu können, von Dude zu Dude, wie er es grinsend formulierte. All dies erfuhr Mave noch bevor er die Türschwelle überschritten hatte, Joe überschüttete ihn mit Umarmungen und Worten, bis er sich eines Besseren besann und Mave mit einem lautstarken: „Was stehst du hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, komm endlich rein, Brudi!“ in die Wohnung zog. Mave sah keine andere Möglichkeit, als dem Untier zu folgen. Das geschmackvoll eingerichtete Wohnungsinnere passte allerdings ebensowenig zu Joe und seiner Waldschrataufmachung, wie dieser, nach Maves schnellgefasster Meinung, zu seiner Schwester passte. Modernes Möbeldesign und funktionaler Schick prallten hart auf Joes bärtige Holzfällerexistenz und Mave kam nicht umhin, diesen Umstand gehässig zu kommentieren. Doch sein ätzender Sarkasmus fiel auf unfruchtbaren Boden, Joe schüttelte nur ganz nach Bärenart den massigen Schädel, trollte sich in die Küche und kehrte mit zwei offenen Bierflaschen in den großen Pratzen und einem Lächeln im haarigen Gesicht zu Mave zurück. „War bestimmt’n anstrengender Flug, hm?“, brummte er versöhnlich, er reichte Mave eine Flasche, der unschlüssig im geräumigen Wohnzimmer herumstand, stumm nickte und das Bier entgegennahm. „Langer Weg nach Hause, wie?“, sagte Joe einfühlsam, er deutete einladend auf eine dunkelbraune Ledercouch und setzte sich ächzend, doch Mave hatte keine Lust auf ein solches Gespräch, schmallippig nahm er Platz, starrte auf die Bierflasche in seinen Händen und reagierte nicht mehr. Joe stieß ein behagliches Seufzen aus, er lehnte sich grunzend in der Couch zurück und trank genüsslich, Mave beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und schauderte unwillkürlich, als Joe die Flasche absetzte und laut rülpste. Was verband seine Schwester nur mit diesem haarigen Scheusal? Mave nahm sich vor, ihr später genau diese Frage zu stellen. „Willst du einen durchziehen?“, platzte Joe in Maves beziehungstheoretische Überlegungen hinein, irritiert hob dieser den Kopf, hatte er das gerade richtig verstanden? „Will ich was?“, fragte er unsicher, doch konnte er den Hauch Hoffnung nicht ganz aus seiner Stimme tilgen. „Einen harzen, qualmen, haschen. Einen Ofen anglühen. Ein Pfeifchen goutieren. Ein Möhrchen knabbern. Du weißt schon“, antwortete Joe, gutmütig lachend. „Sandra hat mir erzählt, dass du früher gekifft hast wie ein Rabe, daher dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee.“, fügte er mit gönnerhaftem Grinsen hinzu. Das hat sie dir also erzählt, ja? dachte Mave, doch die Worte verließen nicht seinen Mund. Stattdessen sagte er nur „Klar. Gerne“ und nahm sich vor ein paar ernsthafte Worte mit seiner Schwester zu wechseln, wenn sich später die Gelegenheit dazu ergab. Gebannt beobachtete er, wie Joe sich von der Ledercouch wälzte und in einem kleinen Schränkchen zu kramen begann, aus dessen Tiefen er eine hölzerne Schatulle und eine gläserne Bong hervorholte, die mit klarem Wasser gefüllt war. „Bitteschön, bitte sehr“, dröhnte Joe bärenfröhlich, er platzierte die Gegenstände auf dem Wohnzimmertisch, deutete mit einer einladenden Handbewegung darauf und Mave ließ sich nicht zweimal bitten. Dicke Rauchschwaden durchzogen bald das Wohnzimmer, Joe sah sich genötigt ein Fenster zu öffnen und die Geräusche der nächtlichen Großstadt drangen unüberhörbar laut herein. Was für eine beschissene Stadt, dachte Mave und sagte es auch laut, doch Joe zuckte nur mit den Achseln und holte mehr Bier. „Ich lebe gern hier“, resümierte er schlicht, als er aus der Küche ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Müsste so ein Kerl wie du nicht viel lieber im Wald leben?“, fragte Mave mit füchsischer Freundlichkeit, während er die Bong ein weiteres Mal stopfte. Joe kicherte humorvoll und strich bedächtig über seinen imposanten Bart, doch er blieb eine Antwort schuldig, denn in diesem Moment kam Sandra bei der Tür herein und der Bärenmann verlor die Beherrschung. „Babe!“, schrie er begeistert, wie ein riesiger Welpe sprang er freudig von der Couch um sie zu begrüßen, Mave beobachtete das Schauspiel mit hochgezogener Augenbraue. Einer innigen Umarmung folgte ein intensiver Kuss, sie lagen sich in den Armen wie Liebende, die auf Jahre getrennt gewesen waren. Ein stechender Anflug von Neid kräuselte Maves Bewusstsein, dann traf sein Blick auf die honiggrünen Augen seiner Schwester und seine Gedanken stürzten in einen eiskalten Bergsee, denn diese Augen verengten sich gefährlich, als sie zu ihm hinübersahen. Sandra löste sich aus Joes Umarmung, schnellen Schrittes ging sie auf Mave zu, der sich vorsichtshalber erhoben hatte und nicht genau wusste, ob er im nächsten Moment umarmt oder geschlagen werden würde. Seine Schwester schien ebenfalls nicht sicher zu sein, kurz zuckten ärgerliche Falten über ihr hübsches Gesicht, doch dann schien sie sich einen Ruck zu geben, sie setzte ein schiefes Lächeln auf, breitete die Arme aus und drückte Mave an ihr Herz. Es fühlte sich eigenartig an ihren vertrauten und doch fremdgewordenen Körper zu umarmen, den Duft ihres lockigen Haares einzuatmen, der ihn an lang vergangene Kindheitstage und, warum auch immer, Spaghetti mit Ketchup, erinnerte. „Schön dich zu sehen, Maffie“, flüsterte Sandra an seinem Ohr und der Klang seines alten Spitznamens jagte Schauer über Maves Rücken. „Auch schön dich zu sehen“, antwortete er heiser, Mave räusperte sich verlegen und trat einen Schritt zurück, um seine Schwester genau anzusehen. „Du siehst gut aus“, setzte er hinzu, weil er dachte, dass es sich so gehörte. „Kann man von dir nicht behaupten“, versetzte Sandra, doch Mave überhörte die Spitze. „Möchtest du ein Bier, Liebes?“, fragte Joe aus dem Hintergrund und Sandra nickte dankbar. „Bin gleich wieder da“, flötete der Flanellhemdriese und verschwand in der Küche. „Wo hast du den denn aufgetrieben?“, wollte Mave sofort wissen, Sandra wischte seine Frage mit einer unwilligen Handbewegung fort. „Ist das zwischen euch so einer Art Die-Schöne-Und-Das-Biest Ding?“, bohrte Mave unverdrossen weiter, doch seine Schwester hatte kein Interesse an der Frotzelei. „Halt die Klappe, großer Bruder. Ich liebe ihn und damit hat es sich. Verstanden?“ Mave zuckte mit den Achseln und schwieg. Sandra ließ sich stöhnend in die Couch sinken, sie streckte die Füße aus, spreizte die Zehen und knackte mit den Knöcheln. „Igitt“, kommentierte Mave, der dieses Geräusch schon in der Kindheit verabscheut hatte. „Mama hat ziemlich gelitten in ihren letzten Tagen“, sagte Sandra ganz unvermittelt und der plötzliche Themenwechsel brachte Mave völlig aus dem Konzept. Fassungslos starrte er in das Gesicht seiner Schwester und wußte nicht, was er antworten sollte. „Warum hat mir niemand etwas gesagt?“, platzte es ebenso plötzlich aus ihm heraus, Sandra knackte ausgiebig mit den Handgelenken und allen Fingern, bevor sie seine Frage mit einem knappen „Sie hat es mir verboten“ beantwortete. Ein Warum hing im Raum, doch Mave konnte sich nicht überwinden es auszusprechen, er druckste herum, nippte an seinem Bier und wechselte dankbar das Thema, als sein neuer Bärenfreund Joe aus der Küche zurückkehrte und Bierflaschen verteilte. Man redete über die Jobs, lästerte über die beschissene Regierung und über unfähige Fußballmannschaften, die nicht mehr so spielten wie früher einmal, man unterhielt sich über dieses und jenes und unterließ es geflissentlich tote Mütter, schmerzhaftes Siechtum und morgige Beerdigungen anzusprechen. Die Bong kreiste, Mave registrierte erstaunt wie routiniert seine Schwester rauchte, in seiner Erinnerung war sie immer noch ein wohlerzogenes Mädchen, das Drogen zutiefst verabscheute. Heute Nacht war von diesem Mädchen nicht mehr viel übrig, Sandra kiffte wie ein Profi und trank das Bier in Höchstgeschwindigkeit. Sie schien den kritischen Gedanken ihres Bruders zu erraten, „Spar dir das Moralgesicht, Maffie. Wir sind hier alle erwachsen“, sagte sie mit schwerem Zungenschlag und warf ein Feuerzeug nach ihm. Maves schnippische Antwort ging in einem gewaltigen Gähnen unter, das sich aus Joes kolossalem Brustkorb emporarbeitete. „Verdammt, ich bin wirklich müde“, verkündete er aus voller Kehle. „Wir sollten alle schlafengehen. Morgen wird ein langer Tag“, murmelte Sandra, die mit einem Mal sehr ernst geworden war, sie erhob sich abrupt und begann den Couchtisch abzuräumen. Joe beeilte sich behilflich zu sein, während Mave einfach nur dasaß und die beiden beobachtete. Ihre Bewegungen und Handgriffe harmonierten auf wundersame Weise, zwei Körper mit vier Armen und Beinen, die wie ein einziges Wesen agierten und den Tisch abräumten oder vielleicht kam es Mave auch nur so vor, weil er übermüdet, betrunken und völlig bekifft war. „Ich habe dir das Gästebett bezogen, die zweite Türe links“, rief Sandra aus der Küche und Mave verstand den Hinweis. „Danke“, murmelte er viel zu leise, dann suchte er das richtige Zimmer auf, ließ sich in voller Kleidung ins Bett fallen und wartete auf den Schlaf. Doch der kam nicht. Minuten vergingen, sammelten sich zu einer Viertelstunde und gerannen schließlich zur halben Stunde, sein Hosengürtel drückte, die Socken zwickten an den Waden, Mave gab auf. Er wälzte sich aus dem Bett, kramte einen Kulturbeutel aus seinem Rucksack, schlich durch den dunklen Flur auf die Toilette, wusch sich mäßig, putzte die Zähne und legte sich dann, ordentlich ausgezogen, wieder ins Bett. Niemals hätte er zugegeben, dass er sich nun besser fühlte, augenblicklich fielen seine Augen zu, ein letzter, schuldbewusster Gedanke jagte durch seinen Schädel, dann schlief er tief und fest. „Guten morgen Sonnenschein!“, röhrte ein haariger, biestiger Menschenberg mitten in Maves wirre Träume hinein, schreiend fuhr dieser aus dem Bett, um Leib und Leben zu verteidigen. „Alles gut Bro, ich bin’s nur“, brummte der Riese im Flanellhemd gutmütig, Mave blinzelte und sah genauer hin, seine schlaftrunkenen Gehirnzellen erinnerten sich an den gestrigen Tag und identifizierten Joe Ziegler. Mave entspannte sich und ließ etwas beschämt das Kopfkissen sinken, das er instinktiv wie ein Schild an seine Brust gedrückt hatte. „Was willst du hier?“, fragte er betont unfreundlich, doch seine schlechte Laune verfing sich in Joes buschigen Augenbrauen und verpuffte wirkungslos. „Aufstehzeit, Frühstück!“, donnerte dieser mit leuchtenden Augen, dann zog er sich verblüffend leichtfüßig aus dem Zimmer zurück. Mave sah ihm stirnrunzelnd hinterher, unwillig strich er durch sein zerzaustes Haar, sein Geruchssinn wies zögerlich auf die Anwesenheit von Kaffeegeruchspartikeln hin, zumindest etwas, dachte Mave und schlich in Boxershorts und T-Shirt in die Küche. Sandra saß am Küchentisch und starrte auf ihr Handy, Joe stand am Herd und bereitete etwas zu, dass Mave in Ermangelung passender Worte gedanklich als Fressfest bezeichnete. Eier, Speck, Würstchen, Bohnen, alles brutzelte munter in diversen Pfannen. Überwältigt von dem opulenten Anblick beschloss Mave spontan bei Kaffee zu bleiben. „Schwarz. Zwei Stück Zucker.“, knurrte er knapp, während er sich an den Tisch setzte und den angebotenen Teller verweigerte. Joe war unverzüglich mit einer frisch aufgebrühten Tasse Kaffee bereit, er wirbelte wie eine glückliche Küchenfee umher und war für Maves Geschmack geradezu unausstehlich gastfreundlich. „Gut geschlafen?“, fragte Sandra ruhig, Mave grunzte neutral und trank wortlos den heißen Kaffee. „Wir müssen um elf Uhr am Westfriedhof sein“, sagte sie, ohne von ihrem Handy aufzuschauen, „dort treffen wir Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut. Mama wird um elf Uhr dreißig beigesetzt. Es gibt keinen Priester und auch sonst keinen Schnickschnack, da war sie sehr eigen. Ich habe einen Kranz bestellt und man durfte ein Lied aussuchen. Sie hat sich ‚we’ll meet again‘ in der Version von Johnny Cash gewünscht, du weißt ja, was für ein Fan sie war.“ Mave bemerkte ein Zittern in Sandras Stimme und sah Tränen, die aus ihren Augen auf das Display des Handys tropften. Es tut mir leid, wollte er sagen und konnte es nicht. Stattdessen nickte er nur und schwieg. „Hast du einen ordentlichen Anzug?“, fragte Sandra, ganz unvermittelt blickte sie vom Handy hoch und Mave erschrak, als er die überwältigende Traurigkeit in ihrem blassen Gesicht sah. Ein dicker Kloß sammelte sich in seinem Hals, also nickte er nur wieder wortlos und trank noch mehr Kaffee. „Du meinst aber nicht das schäbige Teil, das du gestern schon angehabt hast, oder?“ Mave erstarrte. „Naja“, stieß er errötend hervor, Sandra schüttelte entschlossen den Kopf und sog scharf die Luft ein. „Das kommt gar nicht in Frage.“, entfuhr es ihr schroff. „Soll ich mir etwa ein Flanellhemd von dem da ausborgen?“, antwortete Mave gehässig, sein ausgestreckter Zeigefinger deutete anklagend auf Joe, der mittlerweile ebenfalls am Küchentisch platzgenommen hatte und gierig einen randvollen Teller Fressfest in sich hineinschaufelte, doch Sandra wischte Maves Einwand mit einer ärgerlichen Handbewegung fort. „Ich habe einen Anzug für dich. Er wird angemessen sein“, sagte sie entschieden und Mave hörte am Klang ihrer Stimme, dass es keinen Platz für weitere Diskussionen gab. Eine knappe Dreiviertelstunde später stand er sauber und frisch rasiert vor dem großen Badezimmerspiegel, sein ordentlich gekämmtes Haar glänzte wie blauschwarze Krähenflügel und der anthrazitblaue Anzug, der ihm von Sandra aufgenötigt worden war, saß tatsächlich hervorragend. Mave betrachtete sein Erscheinungsbild beinahe wohlwollend, dann erinnerte er sich schlagartig an den Grund seines Aufzugs und das aufkeimende Wohlgefühl verschwand. Betrübt trollte er sich aus dem Badezimmer, im Flur stieß er auf Joe, der ein schwarzes Death-Metal T-Shirt und Jogginghose trug und sich gerade auf dem Weg ins Wohnzimmer befand. Maves irritierten Blick kommentierte er mit einem entschuldigenden Grinsen: „Die Beisetzung ist nur für Familienangehörige. Ich bin erst heute Abend wieder dabei.“ „Was ist heute Abend?“, fragte Mave neugierig. „Das erfährst du noch früh genug“, antwortete Sandra in seinem Rücken, sie hatte sich ebenfalls umgezogen und trug nun ein langärmliges, schwarzes Kleid mit zartem Spitzenkragen. Ihr lockiges Haar war im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, sie hatte darauf verzichtet ihre Augen zu schminken, nur ein wenig Rouge und dezenter Lippenstift brachten etwas Farbe in ihr Gesicht. „Was erfahre ich früh genug?“, bohrte Mave nach, der es hasste mit solchen Allgemeinsprüchen abgefertigt zu werden, doch Sandra schüttelte nur den Kopf. „Nichts da“, sagte sie knapp. Mave schimpfte sie halbherzig eine blöde Ziege und verfiel anschließend in schmollendes Schweigen, um keine weitere Unterhaltung führen zu müssen. Er schmollte auf dem Weg zum Friedhof, schmollte, als er Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut vorgestellt wurde und hörte erst auf zu schmollen, als er den Nebenraum der Friedhofskapelle betrat und einen Truhensarg aus Kiefernholz erblickte. Praktisch und schlicht waren die ersten Worte, die ihm in den Sinn kamen. Da liegt sie jetzt drin, sagte eine nüchterne Stimme in seinem Kopf und Mave fühlte ein unangenehmes Stechen im Magen. Er beobachtete Sandra, die sich dem geschlossenen Sarg näherte und bittere Tränen vergoss, blieb selbst in der Nähe der Türe stehen und konnte keinen Schritt weiter. Eine innere Barriere schien ihn zurückzuhalten, erst als seine Schwester unwirsche Zeichen gab, kam er widerwillig näher. Sandra nickte einem Mann zu, der sich dezent im Hintergrund aufgehalten hatte, dieser erwiderte das Nicken und verschwand hinter einem dunklen Vorhang. Kurz darauf erfüllten die Klänge von ‚we’ll meet again‘ den kleinen Raum, Mave hatte das Lied seit Jahren nicht gehört und wunderte sich nun über die eigenartige Wahl seiner Mutter. Die Beisetzung verlief überraschend zügig. Mave hatte mit einer gefühlsduseligen Zeremonie gerechnet, doch seine Befürchtung traf nicht ein, nach ein paar wenigen Gedenkminuten wurde der Sarg von sechs Sargträgern aufgenommen und gemessenen Schrittes nach draußen verbracht, Sandra und Mave folgten langsam über den knirschenden Kiesweg, der zur Grabstelle führte. Sandra weinte unentwegt und schnäuzte in ein großes Stofftaschentuch, Mave trug einen verschossenen Gesichtsausdruck zur Schau und sonst gar nichts. Auch jetzt noch war es ihm unmöglich echte Trauer zu empfinden und langsam begann er sich ernsthaft zu fragen, was zur Hölle nicht stimmte. Er beobachtete die zuckenden Schultern seiner Schwester, versuchte sich in ihren Abschiedsschmerz hineinzufühlen, suchte jene Traurigkeit zu finden, die er nach dem Tod der Mutter in seinem Herzen erwartet hätte, aber alles was er fand waren leere Gefühlshülsen, ausgebrannte Emotionen und Müdigkeit. Mave fühlte sich vollkommen deplatziert, als wäre er gänzlich unvorbereitet in eine unmögliche Situation geworfen worden, die er keinesfalls bestehen konnte. Ein hartes Eisenband schien sich um seinen Kopf zu schlingen, schien immer enger zu werden, bis sein Schädel knirschte, sein Magen revoltierte, scharfes Brennen stieg heiß seine Kehle empor, seine Knie begannen heftig zu zittern, sein Herz pochte wild, kalter Schweiß rann von seiner Stirn. Ruckartig machte er auf den Absatz kehrt, fluchtartig verließ er den Friedhof. Er rannte bis er völlig außer Atem war, winkte schließlich ein Taxi heran und nannte den Flughafen als erstes Ziel, das ihm in den Sinn kam, doch dann erinnerte er sich an seinen Rucksack, der noch in Sandras Wohnung lag und änderte die Zielangabe. Das Innere des Taxis roch nach feuchten Socken und kalter Asche, der Taxifahrer selbst stank nach Zigaretten und ungewaschenen Haaren. Mave fühlte sich unwohl und wollte am liebsten sofort wieder aussteigen, wollte, wenn möglich, gleich ganz aus seiner Haut aussteigen und warum überhaupt Feststofflich bleiben, er hätte sich gerne aufgelöst und endlich aufgehört zu existieren. Versunken in solch finstere Gedanken ertrug er die Fahrt durch den dichten Straßenverkehr, landete schließlich vor Sandras Wohnkomplex und klingelte stürmisch, bis der Türsummer ertönte. Joe nahm ihn an der Türe mit gefühlvoll blinzelnden Äuglein in Empfang, doch Mave hatte die Schnauze voll von Gefühlen, barsch blaffte er eine fadenscheinige Begründung für sein frühes Erscheinen, schob sich an Joe vorbei in die Wohnung und stürmte ins Gästezimmer. Er wollte packen und verschwinden, jetzt und sofort, doch aus unerfindlichen Gründen stolperte er stattdessen einfach nur auf das ungemachte Bett zu, fiel hinein und blieb regungslos liegen, bis er in bleiernem Schlaf versank.
Desorientiert und mit steifen Muskeln erwachte er aus nervösen Träumen, das Zimmer lag dunkel, die Sonne schien bereits lange untergegangen zu sein, verwirrt suchte Mave nach seinem Handy, als er es gefunden hatte erschrak er über die späte Uhrzeit. Ein dringendes Bedürfnis trieb ihn aus dem Bett, mit platten Schritten quälte er sich über den Flur ins Badezimmer, um zu pinkeln. „Mave?“, fragte eine dunkle Männerstimme von der anderen Seite der Türe. „Was?“, rief Mave ungehalten zurück, er konnte es nicht leiden, wenn er beim pinkeln gestört wurde. „Wir warten im Wohnzimmer auf dich“, sagte Joe, dann entfernten sich schwere Schritte von der Tür und Mave war wieder alleine. „Aha“, machte er nur und betätigte die Spülung. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, vermied es, in den Spiegel zu sehen, dann stand er mit baumelnden Armen vor dem Waschbecken und wusste nicht weiter. Er hatte keine Lust ins Wohnzimmer zu gehen, wollte schon gar nicht seiner Schwester unter die Augen treten, doch was sollte er tun? Davonlaufen? Schon wieder? Ein bitteres Lachen drang aus seiner Kehle, er nannte sich selbst einen feigen Hund, verpasste einer Fliesenkachel einen derben Fauststoß und schritt entschlossen ins Wohnzimmer. Sandra und Joe saßen eng aneinandergekuschelt auf der braunen Ledercouch und unterhielten sich leise, als Mave hereintrat unterbrachen sie das Gespräch. Mave hatte eine negative Reaktion erwartet, hatte mit Geschrei gerechnet und schlimmen Vorwürfen, doch seine Schwester erhob sich nur in einer fließenden Bewegung von der Couch, kam ohne zu zögern auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Mave erstarrte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte und vergaß vor Schreck zu atmen. „Es ist alles gut“, flüsterte Sandra, dann löste sie die Umarmung, griff nach seiner Hand und führte ihn zur Couch. Mave folgte verunsichert, setzt sich und nahm widerstandslos eine Tasse Tee entgegen. „Trink“, befahl Sandra ernst und Mave trank. Der Tee schmeckte bitter, angewidert verzog er das Gesicht, doch trotzdem trank er. Mave hatte das verquere Gefühl, es seiner Schwester schuldig zu sein den angebotenen Tee zu trinken, also stürzte er das widerliche Getränk in großen Schlucken hinunter. Mit schiefem Lächeln reichte er die leergetrunkene Tasse zurück und kam sich dämlich vor. „Ich habe nachgedacht.“ Sandra sprach betont langsam und deutlich und Mave dachte bitter, dass nun doch noch eine Zurechtweisung folgen würde. Er begann sich gedanklich bereits zu rechtfertigen, doch Sandra wollte offenbar auf etwas völlig anderes hinaus: „Ich habe lange, sehr lange nachgedacht. Über dich und deine verkorkste Beziehung zu Mama. Warum alles schiefgelaufen ist und wieso es nie wieder heil wurde. Und weißt du was? Ich kann es nicht verstehen.“ Sie rückte nahe an Mave heran und sah ihm tief in die Augen, Mave zuckte unwillkürlich ein wenig zurück, wagte aber nicht wegzusehen. „Ich glaube du kannst es selbst nicht verstehen. Du bist damals einfach weggegangen und hast nie aufgehört dich zu entfernen. Du bist kein einziges Mal stehengeblieben, um einen Blick zurückzuwerfen auf Mama und mich.“ Sandra atmete schwer und Mave dachte unbehaglich, sie erwarte nun eine Antwort von ihm, doch sie begann wieder zu sprechen bevor er den Mund öffnen konnte. „Deswegen schicke ich dich heute Abend nach Hause“, sagte Sandra bestimmt und in ihre Augen trat ein seltsamer Glanz. „Hä?“, machte Mave, der nicht verstand und vielleicht auch nicht verstehen wollte, was seine Schwester soeben gesagt hatte. „Ich habe dir eine synthetische Droge verabreicht“, erklärte Sandra lapidar. „D-du hast was?“, stotterte Mave verblüfft. „Du hast mich schon ganz richtig verstanden, Bruderherz. Wir fahren jetzt zu Mama. Komm.“ Sandra und Joe erhoben sich zeitgleich von der Couch, Mave blieb völlig perplex sitzen und glotzte mit offenem Mund. „Du hast was?“, fragte er wieder, ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Unterleib aus und er wußte nicht zu sagen, ob es Angst oder die Droge war. „Stell dich nicht so an. Steh auf und komm“, antwortete Sandra kalt, Joe trat an Mave heran und half ihm sanft, aber bestimmt auf die Beine. Mave war viel zu schockiert, um sich gegen die Behandlung zur Wehr zu setzen, widerstandslos ließ er sich aus der Wohnung und bis zu Joes rostigem Kleinwagen führen. „Wohin fahren wir?“, fragte er vorsichtig, doch niemand gab Antwort. Eingeschüchtert nahm Mave auf der Rückbank platz, Sandra setzte sich neben ihn und drückte ganz unvermittelt seine Hand. „Es wird alles gut. Vertrau mir“, sagte sie und Mave hätte am liebsten laut losgelacht, doch in diesem Moment begann die Droge zu wirken und seine Wahrnehmung kippte und zerbrach wie ein Spiegel. Das Innere des Wagens begann zu schmelzen, die Umgebung fühlten sich merkwürdig fluffig an, milchige Flüssigkeit quoll aus den Ritzen der Sitzgarnitur, von der Decke des Autos tropfte etwas, das aussah wie dunkle Schokolade. Mave hielt sich entsetzt an der Hand seiner Schwester fest, „Krass“, war alles, was er sagen konnte, das Wort glitt weich von seinen Lippen und plumpste in leuchtend orangeroten Buchstaben in den Fußraum des Wagens. Mave starrte fasziniert und vergaß seine Angst. „Coooool“, sagte er, dehnte das Wort, so lange er konnte und beobachtete gebannt, wie die vielen Os aus seinem Mund purzelten. „Iiiist daaas noooormaaaal?“, fragte er gedehnt, das Wageninnere füllte sich mit bunten Buchstaben und Mave dachte geistesgegenwärtig daran, das Fenster zu öffnen, um sie nach draußen zu lassen, bevor kein Platz mehr war. Doch es war ihm unmöglich den Mechanismus des Fensterhebers zu bedienen, hilflos zupfte er daran herum, bis eine Frauenhand in seinem eingeschränkten Sichtfeld auftauchte und den Schalter drückte. Das Fenster glitt einen Spaltbreit herunter und die wimmelnden Buchstaben wurden vom Fahrtwind aus dem Wageninneren gerissen. Mave sah ihnen grinsend hinterher. „Auf Wiedersehen“, rief er und fand sich unheimlich komisch. „Wir sind da“, sagte eine Stimme in seinem Kopf, die wie die Stimme seiner Schwester klang, Mave nickte bedächtig und rührte sich nicht. Übelkeit stieg in seinem Magen auf, er hatte das drängende Bedürfnis erbrechen zu müssen, doch der Moment ging vorbei und die Übelkeit verschwand. Mave schloß für einen kurzen Moment die Augen, als er sie wieder öffnete stand er auf einem Kiesweg, der sich wie eine unendlich lange, leuchtend weiße Schlange durch die Dunkelheit wand. „Was zur Hölle?“, rief Mave irritiert, während er versuchte auf dem schlängelnden Kiesweg das Gleichgewicht zu halten. „Es sind nur noch ein paar Meter“, brummte ein strubbeliger Grizzlybär, der an seiner Seite trottete und ein lächerlich kariertes Flanellhemd trug. „Joe?“, fragte Mave ungläubig und blieb stehen, der Bär setzte sich auf seinen dicken Hintern, wackelte freundlich mit den Ohren und hob eine Vordertatze: „Ich wusste von Anfang an, dass du ein Bär bist!“ Triumphierend verpasste Mave der erhobenen Tatze ein High Five, das riesige Tier grinste und ein dunkles Lachen drang aus seiner pelzigen Bärenbrust. „Schon klar“, gluckste Joe, dann erhob er sich schnaufend und trottete weiter. Mave folgte der zotteligen Gestalt durch die Nacht und grübelte vergnügt, ob er vielleicht ein Stück des Weges auf Joes breitem Rücken reiten könnte. „Da ist Mamas neues Zuhause“, sagte Sandra, ihre schlanke Silhouette manifestierte aus purer Dunkelheit, ihre Worte fielen wie schwere Steine und schlugen Wellen in Maves mäandernde Gedanken. „Mamas neues Zuhause“, wiederholte er leise und versuchte zu begreifen, was er sagte. Unbehagen rieselte kalt seine Wirbelsäule hinunter, er wollte keinesfalls hinsehen, doch seine Augen wanderten selbstständig über kurzgemähten Rasen und saubere Beetmarkierungen und blieben schließlich an einem Erdgrab hängen, auf dem ein wunderschöner Trauerkranz aus Trockenblumen lag. „Hallo Mama, schau mal, wen ich mitgebracht habe“, sagte Sandra und Mave erschrak über die Traurigkeit in ihrer Stimme, er hatte das impulsive Bedürfnis seine Schwester zu umarmen, doch er konnte die Füße nicht von der Stelle bewegen. Mave stand wie angewurzelt vor dem Grab. „Ich glaube, ihr habt euch viel zu sagen. Ich lasse euch beide jetzt allein.“ Sandra begann sich langsam in Luft aufzulösen und Mave wollte schreien, wollte bitten und betteln, sie möge ihn nicht allein an diesem fürchterlichen Ort lassen, doch sein Mund blieb fest geschlossen und nur ein leises Wimmern drang aus seiner Kehle. Stockstarr musste er mitansehen, wie seine Schwester in der Dunkelheit verschwanden, in der mit einem Mal nichts mehr zu existieren schien, als Mave und das Grab seiner Mutter. Verdammte Scheiße, dachte Mave entsetzt, er versuchte seinen linken Fuß vom Boden zu heben, zog und zerrte mit aller Kraft, doch je mehr er sich bemühte, desto fester schien er verankert. Sein rechter Fuß sankt tief in den Boden ein und Mave begriff mit heißkalter Panik, dass die Erde ihn gnadenlos verschlingen würde, er schrie um Hilfe, schlug um sich, kämpfte verbissen, doch das Erdreich öffnete sich unaufhaltsam und verschluckte ihn mit einem satten Schmatzen. Absolute Finsternis umfing Mave, er wurde von ihr umschlungen, spürte eine erstickend schwere Last auf seinen Brustkorb drücken und fragte sich angsterfüllt, ob es sich so anfühlte zu sterben. Grelle Lichtblitze erschienen vor seinen Augen, weiße und rote Punkte, die wie Feuerwerk in seinem Kopf explodierten. „Das ist zu viel!“, schrie er gequält, doch der Druck wuchs unaufhörlich weiter und Mave verlor das Bewusstsein.
„Es ist eine Schande“, sagte eine knarzige Frauenstimme, Mave blinzelte und schlug verwirrt die Augen auf, er lag zusammengerollt auf dem Grab seiner Mutter und hielt den Trauerkranz fest umklammert. Eine dicklich alte Dame stand über das Grab gebeugt, sie stierte mit tadelndem Blick auf seine jämmerliche Gestalt und verzog das runzelige Gesichtchen. „Eine Schande“, wiederholte sie verstimmt, Mave löste sich beschämt vom Trauerkranz und stand unbeholfen auf. „Die haben Ihre Mutter einfach über mich drübergelegt!“, schimpfte die alte Dame, Mave klopfte Erdklumpen von seiner Kleidung und nickte ohne zuzuhören. Er fragte sich ärgerlich, wohin Sandra und Joe verschwunden waren, er fror erbärmlich und wollte gerne etwas essen, duschen und verdammtnochmal schlafen. „Tieferlegen nennen die das hier, hat man sowas schon gehört?“, ereiferte sich die runzlige Alte und langsam drang ihr Gezeter bis in Maves benebelte Gedanken. „Was haben Sie da gerade gesagt?“, fragte er langsam. „Tie-fer-le-gen“, wiederholte sie und betonte jede Silbe, als halte sie Mave für nicht ganz zurechnungsfähig. „Nein, ich meinte das davor.“ Mave wandte seine volle Aufmerksamkeit der alten Dame zu, die wie eine krumme Teekanne neben dem Grab seine Mutter stand und zornig schäumte, doch sie schien nicht gewillt, auf seine Frage einzugehen. „Ich liege schon seit dreißig Jahren hier und jetzt sowas!“, fauchte sie zornig und ballte die winzigen Fäuste. „Aha“, machte Mave, das Herz schlug hart in seiner Brust und ein Stein saß zentnerschwer in seinem Magen. „Man muss doch wohl auch Rechte haben wenn man tot ist, oder was meinen Sie?“ Mave nickte automatisch, dann schüttelte er den Kopf. Übelkeit rollte in schlingernden Wellen über ihn hinweg und diesmal konnte er den Brechreiz nicht zurückhalten, Mave taumelte würgend zu einem nahen Busch. „Geht es Ihnen nicht gut, junger Mann?“ Die alte Dame war ihm zum Busch gefolgt und lugte neugierig durch die Zweige. Mave fluchte ungehalten. „Warum laufen Sie mir nach?“, jammerte er entrüstet, „Ich kann doch auch nichts für Ihre Situation.“ „Natürlich, natürlich. Alles nicht Ihre Zuständigkeit“, grummelte die alte Dame ärgerlich. „Bitte! Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“ Mave schrie lauter als er beabsichtigt hatte, erschrocken von seiner eigenen Härte verlor er das Gleichgewicht und fiel schwer auf den Hosenboden. „Das kommt davon“, schnaubte die dickliche Dame pikiert, sie machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf davon. Mave kam ungelenk wieder auf die Beine und starrte ihrer rundlichen Gestalt mit gerunzelter Stirn hinterher, angewidert wischte er Reste von Erbrochenem aus seinem Mundwinkel. „Frau Schubert hast du also schon kennengelernt.“ Mave erkannte die vertraute Stimme seiner Mutter und zuckte schuldbewusst zusammen. Er sah sich schnell nach allen Seiten um, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. „Hallo?“, fragte er verunsichert und wusste nicht, ob er eine Antwort hören wollte. „Hallo Mave“ Plötzlich stand sie vor ihm, er blinzelte nur kurz und im nächsten Augenblick war sie da und sah haargenau so aus, wie Mave sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine lange Strickjacke aus dunkelgrüner Wolle und ausgewaschene Blue-Jeans, Mave erinnerte sich vage, dass sie diese Kleidung auch getragen hatte, als er zum letzten Mal bei ihr zu Besuch gewesen war. Er hatte sich lustig gemacht über diese Strickjacke, hatte gesagt, dass selbst fünfzig Cent auf dem Flohmarkt zu teuer wären für so ein schäbiges Teil, Mave erinnerte sich schlagartig an jedes einzelne Wort und schämte sich prompt. „Hey Bettina“, sagte er hohl, weil er nicht wußte, wie er sonst reagieren sollte. „Wie geht es dir?“ fragte sie und ging mit einem leichten Kräuseln der Stirn darüber hinweg, dass er sie nicht Mutter nannte. „Hm“, machte Mave und zuckte unschlüssig mit den Achseln. Schweigend standen sie sich gegenüber, es schien als wären sie im Tod genauso unfähig zu einer Unterhaltung, wie sie es im Leben gewesen waren. „Wie geht es Sandra?“, fragte seine Mutter schließlich, sie schlenderte die wenigen Schritte bis zu ihrem Grab und betrachtete liebevoll den schönen Trauerkranz, der nach Maves ohnmächtiger Umarmung ein wenig zerpflückt aussah. „Sie ist sehr traurig“, antwortete Mave wahrheitsgemäß, und ich bin es nicht, dachte er düster, aber er konnte sich nicht überwinden es auszusprechen. „Das liegt an deiner Depression“, flüsterte seine Mutter behutsam in seinen Gedanken, Mave riß erschrocken die Augen auf und fauchte ganz automatisch: „Ich habe keine Depressionen!“ Bettina lachte. Es war ein gelöstes, befreiendes, glockenhelles Lachen und ihre Gesichtszüge wirkten um Jahre verjüngt. „Ha-ha“, äffte Mave beleidigt, doch das Lachen war entwaffnend ansteckend und schließlich konnte er ein Schmunzeln nicht länger unterdrücken. „Es ist so schön dich zu sehen“, gluckste seine Mutter vergnügt, Mave wurde schlagartig wieder ernst, wich beschämt ihrem Blick aus und starrte auf seine Füße. Bunte Muster tanzten in verschlungenen Linien über seine Schuhe, Mave fühlte sich schwindlig und sah schnell wieder weg. Seine Augen wanderten unstet über den nächtlichen Friedhof, tasteten über den hellen Kiesweg und die dunklen Gräber und bemühten sich, nicht auf das Gesicht seiner Mutter zu treffen. „Ich liebe dich“, sagte Bettina und die Schlichtheit ihrer Worte brach wie eine Sturzflut über Mave herein, sodass etwas in seinem Inneren nachgab und krachend zerbrach. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du sterben musst?“, brüllte er zornig, dicke Tränen schossen aus seinen Augen, er schlug wütend mit der Faust gegen seine Brust und wünschte sich, die Welt in Stücke reißen zu können. „Ich wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen“, antwortete Bettina trocken, sie lehnte an einem benachbarten Grabstein und beobachtete gelassen den Tobsuchtsanfall ihres Sohnes. „Ich wollte nicht dahinsiechen und darauf warten, dass du irgendwann anrufst und dich entschuldigst, weil du nicht kommst. Ich wollte die Ausreden nicht hören, die du dir ausgedacht hättest, und ich wollte nicht lügen und behaupten, es mache mir nichts aus.“ Mave starrte fassungslos in das ruhige Gesicht seiner Mutter, in dem weder Vorwurf noch Schmerz zu lesen waren, er spürte, dass sie die Wahrheit sagte und es tat unbeschreiblich weh, sie dabei so entspannt zu sehen. „Ich wäre ganz bestimmt gekommen“, presste er bitter hervor, doch Bettina ignorierte seinen kindischen Einwand. „Du hast dich für deine unterdurchschnittliche Herkunft geschämt“, sagte sie, ohne Bedauern in der Stimme, „deshalb bist du so weit weggegangen, wie du nur konntest, um mich und deine ärmliche Vergangenheit zu vergessen.“ „Das stimmt nicht!“ Mave zog lautstark Rotz durch die Nase, seine Stimme überschlug sich schrill und er hatte Mühe genügend Luft zu bekommen. „Im Lauf der Jahre hast du dich dann nur noch an die schlechten Erlebnisse zwischen uns erinnert. Hast unsere alten Streitgespräche wiedergekäut und die vielen Male, in denen ich dich enttäuscht hatte, bis ich nur noch eine ferne, lästige Erinnerung war, die du am liebsten abgestriffen hättest ,wie einen lästigen Pullover. Aber weißt du was?“ Bettina löste sich vom Grabstein und ging mit federnden Schritten auf Mave zu, der unwillkürlich zurückschreckte, doch plötzlich von einer unsichtbaren Mauer aufgehalten wurde, die ihn zwang stehenzubleiben. Mit dem Rücken zu jener Wand stand Mave seiner Mutter gegenüber, sein Herz schlug bis zum Hals und er schloss krampfhaft die Augen, um sie nicht ansehen zu müssen. Bettina nahm sein verschwitztes Gesicht sanft in ihre kühlen Hände und zog es zärtlich an ihres heran. „Für jede schlechte Erinnerung, die du an mich hast, habe ich eine gute Erinnerung an dich“, hauchte sie und eine rasend schnelle Folge von Bildern und Gefühlen schwemmte über Maves Bewusstsein hinweg. Er fühlte Geborgenheit und Wärme, hörte Kinderlieder und ausgelassenes Gelächter und war eingebettet in das wohlige Gefühl bedingungslos geliebt zu werden. Mave verlor sich in diesem Gefühl, er sog es auf, atmete es ein und spürte in jeder Zelle seines Körpers ein sonnenähnliches Strahlen, das ihn erschaudern ließ. „Ich liebe dich“, erklang die gefühlvolle Stimme seiner Mutter überall um ihn herum und endlich brach es auch aus Mave heraus: „ich liebe dich auch“, schluchzte er betroffen und schlug die Augen auf. Bettina war verschwunden, Mave stand allein vor ihrem Grab und das plötzliche Fehlen ihrer innigen Umarmung riß ein tiefes Loch in seine Seele. „Du fehlst mir, Mama“, wimmerte er und schrak zusammen, als sich ganz unerwartet eine Hand auf seine bebende Schulter legte. „Sie fehlt mir auch“, sagte Sandra und Mave wunderte sich nicht, woher sie auf einmal gekommen war, sondern schlang nur mit wildem Seufzen die Arme um seine Schwester. „Es tut mir leid“, heulte er und drückte sie so fest an sich, wie er nur konnte, Sandra erwiderte die Umarmung innig und ließ erst wieder los, als Mave sich ein wenig beruhigt hatte. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie, mit einem prüfenden Blick auf seine zerbeulte Erscheinung. „Wie ausgekotzt“, antwortete Mave ehrlich und grinste verlegen. „Willst du Frühstücken?“ Sandra ergriff die Hand ihres Bruders und drückte liebevoll seine klammen Finger. „Gerne“, hauchte Mave und drückte zurück. „Na, dann komm.“ Sandra dirigierte den restlos erschöpften Mave bis zu einer Parkbank, auf der Joe mit überschlagenen Beinen saß und wartete. „Könnten wir nicht vielleicht auf dem Bären nach Hause reiten?“, fragte Mave hoffnungsvoll, während er vor der Parkbank langsam in die Knie ging. „Na klar“, brummte Joe freundlich und hob ihn sanft vom Boden auf.

© sybille lengauer

Heinrich, der Detekiv

Wenn du den Leuten erzählst, dass du von Beruf Barkeeper bist, denken die meisten sofort du würdest nur nächtelang hinter irgendeinem schummrig beleuchteten Tresen lehnen, gelegentlich ein wenig Alkohol ausschenken und endlos Gläser polieren. Sie stellen sich vor, deine Hauptaufgabe bestünde darin besoffenen Vollversagern zuzuhören, die ihr Herz ausschütten und ihr Bewusstsein zuschütten wollen und ihnen das Geld mit überteuerten Cocktails aus der Tasche zu ziehen. Irgendwie kommt ihnen nie in den Sinn, dass der Beruf des Barkeepers ein echter Knochenjob ist: die langen, langen Nachtschichten im Stehen (hast du schon mal einen Barkeeper gesehen, der sich während der Arbeit hingesetzt hat?), die Dauerbelastung durch denn gottverdammten Lärm und der anhaltende Stress (hast du schon mal einen Landfrauen-Kegelverein zu Gast gehabt, während gleichzeitig zwei Junggesellenabschiede und eine Geburtstagsfeier stattfinden?), früher kam noch der Rauch von hunderten Zigaretten hinzu, dafür bläst dir heutzutage ständig irgendeine blöde Klimaanlage den Nacken steif – all das erträgst du mit einem Lächeln im Gesicht und einem flotten Spruch auf den Lippen, denn ein schlecht gelaunter Barkeeper macht kein Geschäft und ist bald ein arbeitsloser Barkeeper. Von der seelischen Belastung dieser gute-Laune-Diktatur, von den Bandscheibenvorfällen und entzündeten Gelenken, den Krampfadern und chronischen Hämorrhoiden will ich gar nicht erst anfangen, doch all das sehen die Leute nicht, wenn du ihnen erzählst, dass du Barkeeper bist, sie sehen nur ein Klischee, das sich in ihren Köpfen festgesetzt hat und das genügt ihnen schon. Aber vielleicht muss das ja so sein, vielleicht sehen wir ständig nur die Klischees der Begriffe, ohne sie jemals wirklich wahrzunehmen, sehen immer nur die fadenscheinige Kulisse, ohne dahinter schauen zu wollen. Darum halten wir anzugtragende Bankiers für schlau und kopftuchtragende Putzfrauen für dumm und Barkeeper eben für so etwas wie das Inventar einer Bar, ein mobiler Getränkespender mit Puls, gesichtslos und zur erleichterten Handhabung mit einem Namensschild versehen, auf dem nur der Vorname steht: ‚Es bedient Sie Roberto‘ und alles wird gut. Und vielleicht ist es richtig, sich nicht allzu sehr für sein Gegenüber zu interessieren, da wir ja allesamt, ganz nach Klischee, unser Päckchen zu tragen haben und wo kämen wir da hin, wenn sich jeder ständig für die Lebenszustände des anderen interessieren und sogar noch verantwortlich fühlen müsste? Wir würden aufgerieben werden und schließlich den Verstand verlieren, so wie diese armen Irren, die sich die Schädel kahlrasieren und auf der Straße Umarmungen für Krishna verteilen oder was weiß ich – oder wir würden Tag und Nacht Tränen vergießen ob der schieren Ungerechtigkeit der Welt und unseres Lebens nicht mehr froh.

Heinrich war so ein erzsentimentaler Typ, auch wenn man das aufgrund seiner grobschlächtigen Erscheinung nicht vermutet hätte. Er sah aus wie ein brutaler Fleischhauer oder ein minderbemittelter Straßenboxer, du weißt schon, mit einer zerquetschten Blumenkohlnase im hässlichen Gesicht, mit winzigen Äuglein, wulstigen Lippen, einem gedrungenen, tonnenförmigen Körper, der zu gleichen Teilen aus festem Muskelfleisch und hartem Fett zu bestehen schien und abnorm riesigen Händen, die wie deformierte Klodeckel aussahen. Die fadenscheinige Kulisse seines abstoßenden Äußeren wies ihn als brutalen Wüstling aus, doch dahinter steckten ein wacher Verstand und ein butterweiches Herz, das an der Welt zu zerbrechen drohte. Nie im Leben wäre man auf den Gedanken gekommen, dass Heinrich ein erfolgreicher Privatdetektiv war und genau darin bestand wohl sein großer Vorteil, man unterschätzte ihn mit grausamer Beiläufigkeit, sofern er überhaupt wahrgenommen wurde, denn Heinrich konnte, wenn er wollte, so unauffällig sein wie eine tote Ratte im Rinnstein, man bemerkte ihn erst, wenn man fast auf ihn trat. Ich möchte wetten er hätte sein brutales Aussehen liebend gerne gegen eine attraktivere Erscheinung eingetauscht, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert und so machte er das Beste aus seinen verborgenen Talenten, er wurde nicht Fleischhauer, er wurde nicht Straßenboxer, er wurde ein gut bezahlter Schnüffler, der untreuen Ehepartnern nachspionierte, hinterfotzigen Betrügern das Handwerk legte oder vermisste Personen ausfindig machte, nachdem die Polizei schon lange aufgehört hatte nach ihnen zu suchen. Heinrich betonte mehrfach, dass er über lange Jahre große Befriedigung aus seinem Beruf gezogen hatte, der eigentlich vielmehr einer Berufung als einer normalen 0815-Beschäftigung gleichkam. Er steckte sein Herzblut in jeden einzelnen Fall und war erst dann zufrieden, wenn auch seine Klienten zufriedengestellt waren (was ihm erstaunlich häufig gelang, er war wirklich verdammt gut in seinem Metier und das sage ich nicht nur, weil er ein feiner Kerl war. Ich kenne eine Menge Leute. Ich habe mich umgehört.). Im Grunde hatte er sich recht behaglich in seinem Leben eingerichtet, auch wenn er manchmal, in einem melancholischen Moment, den Sinn seiner Existenz hinterfragte und besoffen vor Weltschmerz den Mond anheulte – wer tut das nicht, von Zeit zu Zeit? Seine grundsätzliche Lebenseinstellung war jedenfalls positiv, bis er über den einen Auftrag stolperte, der ihm das Genick brechen sollte, jenen Fall, der ihn zu einem gebrochenen, tieftraurigen Menschen machte, den die undurchsichtige Strömung des Zufalls schließlich an meinen alkoholgetränkten Arbeitsplatz spülte: Das Verschwinden der vierzehnjährigen Cindy Nabicht.

Heinrich tauchte eines Abends an meinem Tresen auf; wie so viele Gäste davor und danach grüßte er mit einem knappen Kopfnicken und verlangte, ganz altbacken, nach Bier und einem Doppelten. Ich erwiderte den Gruß, servierte das Gedeck und nahm unauffällig Maß, sah er doch wie ein fieser Schläger aus dem Bilderbuch aus, der Ärger und zerbrochenes Mobiliar versprach – doch irgendetwas an seiner Ausstrahlung ließ mich zügig erkennen, dass von diesem ungeschlachten Kerl keinerlei Gefahr zu erwarten war, es wirkte vielmehr, als habe sich die personifizierte Traurigkeit an meinen Tresen gesellt, ein Sorgentropf mit Mördervisage, der nur in Ruhe seinen Kummer ertränken wollte. Ich beachtete ihn also nicht weiter als nötig, versorgte nur seinen Durst regelmäßig mit Nachschub und ließ ihm seinen Frieden, denn traurige Trinker soll man nicht unterbrechen. Außerdem hatte ich ordentlich zu tun, der Laden war, wie so häufig, bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft mit Gästen. Erst als sich die Nacht dem Ende neigte und nur noch wenige Ausdauertrinker die Bar bevölkerten, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf jenen vierschrötigen Klotz, der still auf einem Barhocker saß, sich mit schier mechanischer Präzision betrank und dabei wirkte wie ein einziges elendes Seufzen. Ich überlegte, ob und wie ich ihn ansprechen sollte, doch noch bevor ich einen passenden Spruch aus meinem reichhaltigen Konversations-Potpourri hervorkramen konnte, richtete er seine kleinen Äuglein auf mich und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Ich verstand und hielt die Klappe, stellte nur ein weiteres Gedeck vor ihm ab und trollte mich wieder, ich zwinge niemandem ein Gespräch auf, so einer bin ich nicht. Meine Reaktion schien ihm zu gefallen, er gab später ein großzügiges Trinkgeld, bevor er mit mächtig Schlagseite aus der Bar hinaus wankte. Am nächsten Abend, kurz nach der Happy Hour, war er wieder da, bestelle Bier und einen Doppelten und das Spiel begann von vorn. Drei Wochen lang ging das so, Heinrich tauchte am Tresen auf und nickte zur Begrüßung, trank die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen und verschwand, ohne einen Satz gesprochen zu haben, selbst seine immergleiche Bestellung brauchte er nicht mehr zu artikulieren und darüber zeigte er sich hochzufrieden, das Trinkgeld war regelmäßig reichlich und Heinrich avancierte bald zu meinem liebsten Stammgast, er verursachte keinen Ärger, stand niemandem im Weg und trank in beachtlichen Mengen, hätte ich mehr Gäste wie ihn, ich wäre tiefenentspannt wie der adipöse Kater meiner noch adipöseren Vermieterin, der den ganzen Tag nur faul in der Sonne herumliegt und die Fliegen an der Fensterscheibe beobachtet.
Eines frühen Morgens, als ich bereits die helle Deckenbeleuchtung eingeschaltet hatte, die selbst die hartnäckigsten Irrlichter hinaus auf die Straße treibt, brach es plötzlich aus Heinrich heraus und er begann zu reden. Hart und schnell, es hatte den Anschein, als wollten die Worte, die sich über die Wochen hinter seinen unschönen Lippen aufgestaut hatten alle auf einmal ausgespuckt werden, sie drängten hervor und reihten sich im Stakkato aneinander, ganz ohne Punkt und Komma. „Ich hätte ihn fast getötet“, begann er und ich hielt erstaunt in meiner Abrechnung inne und fragte mich, ob ich richtig gehört hatte, doch Heinrich achtete nicht auf meine Reaktion, sondern redete einfach weiter. „Ich hätte ihm fast das Licht ausknipst, dabei ist er doch auch nur ein armer, alter Trottel, der es nicht besser weiß, oder nicht? Er hat sie abgöttisch geliebt und wollte nur das Beste für sie und jetzt muss er mit der Schuld leben, auch wenn er das heute noch nicht einsehen kann, nicht einsehen will. Er hat sie dazu getrieben, seine Ignoranz hat sie in den Tod getrieben, aber wir alle tragen Mitschuld an diesem elenden Zustand, weil wir alle verantwortlich sind für den Zustand unserer Gesellschaft und das müssen wir akzeptieren, oder nicht?“ Er schaute mir ganz unvermittelt in die Augen und ich zuckte vielleicht ein bisschen zurück, als ich den überwältigenden Schmerz in ihnen lodern sah, ich wusste nicht mehr zu antworten, als mit einem nichtssagenden Schulterzucken zwei Bier zu zapfen, eines stellte ich vor ihm ab, das andere war für mich, ich prostete ihm zu, er seufzte und trank in langen Schlucken, dann kramte er sein Portemonnaie hervor, legte einen großzügigen Betrag auf den Tresen und ging, ohne noch etwas zu sagen.

Tagelang keine Spur von Heinrich. Ich ärgerte mich nicht wenig, weil ich fürchtete, ihn mit meiner spärlichen Reaktion vergrault zu haben und fragte mich insgeheim, ob er sich vielleicht das Leben genommen hatte, sein Blick war so unbeschreiblich schmerzerfüllt gewesen, es hätte mich nicht groß gewundert, wenn er sich den Strick genommen hätte, vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon baumeln. Wäre nicht der erste Gast, den ich an die große Traurigkeit verlor, Selbstmord kommt in den besten Familien vor, oder wie heißt das noch schnell? Doch eine Woche später, kurz nach der Happy Hour, war Heinrich wieder da, stellte sich an den Tresen und grüßte mit einem knappen Kopfnicken, so als wäre nichts gewesen. Das sehr wohl etwas gewesen war, erkannte ich an seinem verwahrlosten Äußeren, sein Hemd war dreckig und zerknittert und hing vorne aus der Hose, die Hose selbst war mit dunklen Flecken übersäht, Heinrich sah aus, als hätte er im Rinnstein gelegen und vielleicht hatte er das auch, wer konnte das schon wissen. Sein Gesicht wirkte verquollen, die Haut wächsern und bleich, seine kleinen Augen waren unter dicken Augenringen zu winzigen Punkten geschrumpft und all das wurde umrandet von einem stoppeligen Drei-Tage-Bart, der ihn noch ungepflegter und bedrohlicher erscheinen ließ. Ich servierte sein übliches Gedeck und bemühte mich, ihn nicht allzu intensiv anzustarren, doch er schien meinen Blick trotzdem zu bemerken, denn er runzelte zerknirscht die Stirn und stopfte sich das Hemd in die Hose. Ich stellte ihm daraufhin einen weiteren Doppelten hin, sagte in ruhigem Ton „geht auf’s Haus“ und zog mich wieder zurück, immerhin wollte ich ihn nicht wieder verschrecken, sondern nur meine Sympathie ausdrücken, ohne überheblich zu wirken. Heinrich verstand die Geste, schien sich sogar darüber zu freuen, ein kurzes Lächeln huschte über sein abstoßendes Gesicht, doch dann wurde es schnell wieder finster, die Schwermut drückte seine Mundwinkel herunter und es war, als hätte es nie ein Lächeln gegeben.
Heinrich fand schnell wieder in seinen alten Rhythmus, er trank mit stiller Entschlossenheit und ignorierte den ausgelassenen Trubel, der an allen Ecken gegen die Bar brandete, bis die Gäste schließlich immer weniger wurden und so etwas wie Ruhe einkehrte, nur unterbrochen von den gelallten Unterhaltungen der wenigen Hartgesottenen, die bis zuletzt nicht nach Hause gehen wollten. Ich hielt mich unauffällig in Heinrichs Nähe auf und wartete gespannt, ob er so kurz vor der Sperrstunde wieder Redebedarf zeigen würde, ich war neugierig, das muss ich offen zugeben und ich bin nur selten neugierig, denn die meisten Geschichten hast du schon einmal zu of gehört, wenn du längere Zeit in meinem Job bist, das ist wie bei Taxifahrern und Friseuren, wir haben alle schon alles gehört, mindestens vierzig Stunden die Woche, für viel zu wenig Lohn. Aber Heinrich hatte so etwas an sich, ich kann es nicht näher beschreiben, es war nicht zu greifen, nicht zu erklären, aber es machte ihn interessanter als die meisten Menschen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte. Ich hoffte also, dass er wieder ein Gespräch beginnen würde, forderte es sogar heraus, indem ich ab und an versuchte Blickkontakt herzustellen und tatsächlich hatte ich Glück, Heinrich erwiderte meinen Blick und etwas sagte mir, dass er nun soweit war, er wollte endlich loswerden, was ihn so sehr belastete. Ich sorgte also dafür, dass wir ungestört waren, zapfte zwei Bier, kramte den letzten verbliebenen Aschenbecher aus der großen Schublade, der aus nostalgischen Gründen das große Rauchverbot überstanden hatte, umrundete den Tresen, zog einen Hocker heran und setzte mich neben Heinrich. Ich bot ihm eine Zigarette an, wir rauchten und beobachteten den Zigarettenrauch, der die verlassene Bar in verschlungene Nebel tauchte und ich fühlte so etwas wie Verbundenheit mit diesem unansehnlichen Kerl, der sich nun endlich namentlich vorstellte und mir ganz altmodisch die Hand schüttelte, so als wären wir einander offiziell bekannt gemacht worden.
Das Gespräch kam erst nur stockend in Gang, Heinrich erzählte in sprunghaften Anekdoten von seinen Erfahrungen als Privatdetektiv, ich plauderte daraufhin auch ein wenig aus dem Nähkästchen und gab ein saftiges Geschichtchen zum Besten, um die trübe Stimmung aufzulockern, doch es war als würde man versuchen einen Ziegelstein zu unterhalten, Heinrich hörte zwar zu, doch er zeigte keinerlei Emotion, nicht einmal ein Schmunzeln war ihm zu entlocken. Ich hörte also auf ihn unterhalten zu wollen und hörte lieber zu, was er zu sagen hatte, auch wenn es schwierig war einen roten Faden zu entdecken, ich dachte, dass er irgendwann schon zum Punkt kommen würde und ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Wir rauchten und tranken, Heinrich erzählte und ich hörte zu, Zeit verging ungemessen und es fühlte sich bald an, als säßen wir seit unendlichen Stunden an der Bar, zeitlos ins Gespräch vertieft, zwei undurchschaubare Gestalten, die sich langsam annäherten. „Ich liebe meinen Beruf“, sagte Heinrich schließlich und ich nickte zur Bestätigung und hob das Glas an die Lippen. „Ich liebe meinen Beruf“, wiederholte er mit Nachdruck, „aber ich kann nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr.“ Er ließ den Kopf hängen und seufzte schwer, ich trank schweigend und wartete ab, wie es weitergehen würde. „Es ist alles so sinnlos geworden“, murmelte Heinrich und ich wusste, wir waren nun kurz davor den Kern seines Kummers zu ergründen. „Was ist denn passiert?“, fragte ich möglichst neutral, um nicht aufdringlich zu erscheinen und endlich begann Heinrich zu erzählen.
„Es fing an wie ein ganz normaler Auftrag. Eine vermisste Person, weiblich, minderjährig, soziale Unterschicht, der Vater alleinerziehend. Wahrscheinlich eine Ausreißerin, also nichts, was die Polizei auch nur einen Furz lang interessieren würde und genau so verhielten die sich auch, eine ordentliche Suchaktion gab es nicht, nur ein bisschen Papierkram wurde aufgehäuft und damit war die Sache aus offizieller Sicht erledigt. Für Cindys Vater war allerdings gar nichts erledigt, er war überzeugt, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war und die Untätigkeit der Polizei versetzte ihn in hilflose Wut. Also engagierte er mich, nachdem er sich in den entsprechenden Kreisen umgehört hatte und obwohl er wusste, dass mein Honorar nicht billig war, war er fest entschlossen den Besten zu engagieren. Auch wenn ich eigentlich nicht zum Protzen neige, ich bin eben wirklich gut in meinem Beruf. Also kam Thomas Nabicht an einem verregneten Vormittag in mein Büro, legte ein großes Bündel Geldscheine auf den Tisch und verlangte, dass ich seine vermisste Tochter aufspüren sollte, tot oder lebendig, nur finden sollte ich sie und ich verstand, dass er damit nicht auf die alten Suchplakate im Western anspielte, sondern nur sehr ungeschickt die Befürchtung ausdrückte, dass Cindy nicht mehr am Leben war. Ich akzeptierte den Fall, vielleicht weil der Vater mir leid tat, vielleicht weil ich gerade nichts spannenderes zu tun hatte, ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen. Hätte ich nur die Finger davon gelassen, aber hinterher ist man ja immer klüger, nicht wahr? Also begann ich die üblichen Fäden zu ziehen, ich erkundigte mich an den gängigen Orten, an denen sich die Jugendlichen aus ihrer sozialen Schicht regelmäßig trafen, befragte ihre Freundinnen und Schulkolleginnen, kontaktierte einige Bekannte, die in der Ausreißer-Szene unterwegs waren, Streetworker, Zuhälter und alles dazwischen. Ich bohrte und grub und bald schon kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, das Cindy ein lebenslustiges und humorvolles Mädchen war, das gut in der Schule zurechtkam, einen stabilen Freundeskreis hatte und generell wenig Gründe, plötzlich Hals über Kopf davonzulaufen. Stattdessen schälte sich aus den vielen Gesprächen ein Name hervor, den die Polizei bei ihrer nachlässigen Suche sicherlich nicht zu hören bekommen hatte, genau wie die Tätigkeit, die mit dem Namensträger in Verbindung stand. Es handelte sich um einen berüchtigten Engelmacher, ich glaube, so nennt man diese Leute mittlerweile wieder, in seinem früheren Leben war er Krankenpfleger in einem Seniorenheim, jetzt nahm er illegale Schwangerschaftsabbrüche vor, die manchmal auf fatale Weise endeten. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl, ich dachte tatsächlich daran den Fall zu beenden oder an einen Kollegen abzutreten, denn die Richtung, in die sich das alles entwickelte, gefiel mir immer weniger, doch mein Berufsethos zwang mich weiterzumachen, auch wenn mir von Tag zu Tag mehr das Lachen verging, ich fühlte mich auf eine verquere Art verantwortlich und das auf mehreren Ebenen und nicht nur, weil ich das Geld des Vaters angenommen hatte. Ich war damals gegen das verdammte Gesetz der Konservativen, das Abtreibung wieder zu einer Straftat erklärt hat, ich wusste genau, was das für viele Frauen und Mädchen bedeuten würde, aber weder bin ich wutentbrannt auf die Straße gegangen, noch habe ich mich sonst irgendwie engagiert, ich habe das Gesetz nur, wie so viele, still missbilligt und das bedaure ich bis heute zutiefst. Es ist eine Schande, wie viel Leid dieses kurzsichtige Verbot in den letzten Jahren angerichtet hat, es ist in meinen Augen ein absolutes Verbrechen an den Frauen, das wir tatenlos mitansehen. Wir alle tragen Schuld, wir haben als Gesellschaft versagt, jeder einzelne von uns hat versagt und damit sind wir auch allesamt schuld am Tod von Cindy Nabicht.
Cindy war bei einem One-Night-Stand ungewollt schwanger geworden, vielleicht gab es einen Unfall und das Kondom war gerissen, vielleicht hatte sie in ihrem jugendlichen Übermut auch ganz auf Verhütung verzichtet, es ist egal, auf welche Art das Unglück bei der Tür hereinkommen konnte, wichtig war nur das Ergebnis und das sollte ihr restliches Leben beeinflussen. Cindy war vierzehn Jahre alt, ohne ordentlichen Schulabschluss und mit einem Baby als Ballast wäre sie jeglicher Perspektive beraubt, die ohnehin geringe Aussicht auf ein besseres Leben wäre für immer dahin und so blieb aus ihrer Sicht nur ein möglicher Ausweg und der hieß illegale Abtreibung. Cindy bezahlte diese Entscheidung mit ihrem Leben und ich kann mir nicht vorstellen – ich will mir nicht vorstellen – wie groß ihr Leid in den letzten Minuten gewesen sein muss, wie groß die Angst. Sie verblutete in einem dreckigen Hinterzimmer, während ein unfähiger Ex-Krankenpfleger mit seinen widerlichen Gerätschaften in ihr herumstocherte und ich kann nur hoffen, dass sie unter Betäubung stand, genau wissen kann ich es nicht, denn eine konkrete Aussage habe ich diesbezüglich natürlich nicht aus dem Schweinehund herausholen können. Als er endlich bemerkte, dass die Kleine tot war, hat er sie bis zur Nacht in eben diesem Hinterzimmer unter einem Haufen alter Decken und Kartons verborgen und einfach sein Tagwerk weitergemacht, als wäre nichts gewesen, später hat er die Leiche aus der Stadt geschafft und in einem Weiher versenkt, ich habe die Stelle schließlich gefunden, aber von Cindy war nicht mehr viel übrig nach all den Monaten. Und was macht der Vater, dieser irre Idiot? Leugnet erst, dass seine Tochter jemals Schwanger gewesen sein könnte und entzieht mir den Auftrag unter großem Geschrei, nur um zwei Tage später dem Engelmacher aufzulauern und ihm ein Messer zwischen die Rippen zu stecken. Ich hätte ihn erschlagen können und beinah hätte ich es auch getan, denn ich fand ihn noch vor der Polizei und stellte ihn zur Rede, aber es war nicht mehr viel mit ihm anzufangen, er hatte völlig den Verstand verloren und faselte nur noch von seiner Ehre und der Ehre seiner Tochter, die es wiederherzustellen gelte. Dabei hat dieser hohle Wertekatalog von Ehre und Reinheit und all dem Mist sie doch gerade erst in den Tod getrieben, aber das verstehen die Thomas Nabichts dieser Welt nicht, oder vielleicht immer erst dann, wenn es zu spät ist.“
Heinrich atmete schwer, in seinen kleinen Augen glänzten Tränen und seine riesige Klodeckelhand zitterte, als er das Bierglas anhob, um zu trinken. Er sah mitgenommen aus und auch mich hatte die Geschichte nicht unberührt gelassen, auch wenn es im Grunde ein übliches Familiendrama war, wie man es immer wieder in den Nachrichten hört, die Tochter tot, der Vater ein Mörder, nichts ist mehr, wie es vorher war und doch ist es nur eine Geschichte von vielen, an die sich bald kein Mensch mehr erinnert. Doch für Heinrich war es der berühmte Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte und sein geordnetes Weltbild wanken ließ, bis es schließlich über seinem Kopf zusammenkrachte und ihn unter sich begrub. Er war ausgebrannt, hatte sich emotional aufgerieben an einer Tragödie, deren Verlauf er nie hätte ändern können und nun saß er hier und betrank sich, um den Schmerz zu vergessen, der ihn aufzufressen drohte. Ich drückte meine Anteilnahme aus, aber mir war klar, dass es Heinrich nie um mein Mitgefühl gegangen war, ihm lag nur daran, sich endlich von der Seele zu reden, was ihn so sehr belastete und ich war eben der geeignete Empfänger. Ich verstand instinktiv, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte und nun nichts weiter blieb, als diesem gebrochenen Menschen die Hand zu drücken und ihm alles Gute zu wünschen, auch wenn das vielleicht dämlich klingen mag, in diesem Moment, an diesem Ort war es richtig. Heinrich drückte meine Hand in freundschaftlicher Wärme, dann rutschte er bedächtig vom Barhocker, kramte einige zerknitterte Geldscheine aus seinen Hosentaschen und stapelte diese auf dem Tresen zu einem schiefen Häufchen. „Das ist der Rest vom Nabicht-Honorar. Ich will es nicht mehr. Stimmt so“, sagte er mit düsterem Gesichtsausdruck und wandte sich zum Gehen, doch nach wenigen Schritten blieb er stehen und drehte sich noch einmal nach mir um. „Danke für alles“, sagte er leise, aber gut hörbar, dann ging er und kam nicht wieder.
Ein paar Monate später hat er tatsächlich zum Seil gegriffen, ich erfuhr es aus einem schlichten Nachruf in der Zeitung, der zwar nicht von Selbstmord sprach, aber doch recht eindeutig formuliert war, ‚Plötzlich und überraschend aus dem Leben geschieden‘, stand da und wer das nicht versteht, der schläft noch auf Bäumen. Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich mehr bestätigt als schockiert, denn ich hatte schon vermutet, dass Heinrich mit seinem Leben abgeschlossen hatte und was bleibt einem auch übrig, wenn man angesichts der Schlechtigkeit der Welt die Hoffnung verliert, man verkümmert im Geist wie im Herzen, bis der Tod wie eine Erleichterung erscheint. Ist nur schade, dass es immer die Guten erwischt, aber so ist das eben, die Schlechten kümmert es ja auch nicht.

© sybille lengauer

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam…

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam, befand ich mich wie gewöhnlich auf dem Weg zur Auskunftei, ich hatte soeben ein Trinkpäckchen Kakao und ein Buttercroissant beim Bäcker erworben und war nun schnellen Schrittes unterwegs zum Büro, im flotten Zickzack durch die überfüllte Fußgängerzone, da begann plötzlich ein merkwürdiges Flüstern, ein Murmeln und Rauschen wie von gurgelndem Wasser, das sich von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe fortpflanzte und dabei anschwoll zu einer regelrechten Flut, die sich auftürmte und überschäumte und meine Aufmerksamkeit mit sich riss. Wilde Gerüchte brandeten an mein Ohr, sprachen von einer schrecklichen Naturkatastrophe, einem fürchterlichen Terroranschlag, einem missglückten Militärexperiment, sprachen von diesem und jenem, niemand schien etwas konkretes zu wissen, alles bestand aus Hörensagen und Vermutungen und nur eines schien von Gewissheit: etwas schlimmes war geschehen. Ich versuchte auf eigene Faust zu ergründen was vorgefallen war und gesellte mich zu einer immer größer werdenden Menschenmenge, die sich um das Schaufenster eines Elektrohandels drängte, der Fernseher in allen möglichen Größen und Formen verkaufte und ein ganzes Dutzend davon zu Demonstrationszwecken in seiner Auslage aufgestapelt und eingeschaltet hatte und so konnte ich, eingeklemmt zwischen die schwitzenden Leiber der anderen Schaulustigen, einen ersten Blick auf das Rote Auge Gottes erhaschen, das bedrohlich pulsierend über einem anonymen Häusermeer schwebte und die ganze Welt in Aufruhr versetzte. Die Filmaufnahmen entsprangen ganz offensichtlich ungeübten Laienhänden; Passanten, die gerade zufällig zugegen waren und das Schauspiel für die Nachwelt aufzeichneten, die Videos waren allesamt verwackelt und verschwommen, ich wußte nicht zu sagen aus welcher Stadt, nicht einmal aus welchem Land sie stammten und vermutete vorschnell, dass es sich um die USA handeln müsse, immerhin geschah in den Actionfilmen alles von Belang dort drüben, es kam mir also ganz logisch vor, dass dem auch in der Realität so sein müsse. Dann erkannte ich plötzlich den Kölner Dom und ein kalter Schauer jagte über meinen Rücken, der Schrecken war viel näher als erwartet, und auch wenn ich nicht wusste, um welchen Schrecken es sich bei diesem roten Ding im Himmel überhaupt handelte, gewann er durch die unerwartete Nähe an Intensität. Später an diesem Tag erfuhr ich, dass das Rote Auge Gottes über zahllosen Großstädten auf der ganzen Welt erschienen war, es handelte sich um puren Zufall, dass ich es ausgerechnet über Köln zum ersten Mal erblickte, doch an diesem spätsommerlichen Vormittag wusste ich das natürlich noch nicht, genausowenig, wie ich wusste, dass es sich bei diesem gewaltigen Objekt um unseren Herrn und Schöpfer handelte, der auf die Erde zurückgekehrt war, um sich an uns zu laben. Ich hätte wahrscheinlich lauthals aufgelacht, wenn mir jemand erzählt hätte, was ich soeben, mit an Beiläufigkeit grenzender Leichtigkeit, auf dieses Blatt Papier geschrieben habe: unser Herr und Schöpfer – dazu wollte mir damals nichts weiter einfallen als ein gelangweiltes Schulterzucken, ich war in etwa so religiös wie ein Türknauf. Das änderte sich natürlich, als Gottes Plagen über uns hereinbrachen, doch damit springe ich bereits zu weit in meiner Erzählung nach vorn, denn vor den Plagen kamen die Träume und die waren schlimm genug. An besagtem Tag Eins ahnte ich allerdings weder von Plagen noch Träumen, ich verstand nur, dass etwas im Himmel aufgetaucht war, das man mit Fug und Recht als Unbekanntes Flugobjekt bezeichnen konnte und in meine gruppendynamisch aufgeladene Beunruhigung mischte sich eine durchaus große Portion naiver Neugierde, ich brannte förmlich darauf zu erfahren, um was es sich bei diesem rätselhaften Ding handelte. Als ich mich schließlich von den Bildschirmen in der Auslage löste, um arg verspätet ins Büro zu eilen, begannen sich die Straßen bereits merklich zu leeren, die Leute strömten in Scharen nach Hause, um in der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände das mysteriöse Geschehen weiter zu verfolgen; ich überlegte spontan, es ihnen gleich zu tun und die schnöde Arbeit ausfallen zu lassen, doch zu diesem Zeitpunkt waren meine Beine den gewohnten Weg bereits zu Ende gelaufen und hatten mich zuverlässig vor den Eingang des verschachtelten Bürokomplexes getragen, während meine Gedanken anderweitig beschäftigt waren; also folgte ich ihrem Beispiel und betrat fügsam das Gebäude. Der anschließende Arbeitstag verging einerseits turbulent und doch in höchstem Maße unproduktiv, ständig hingen wir in kleinen Grüppchen vor dem Radio und lauschten gebannt den neuesten Berichten, private Mobiltelefone vibrierten im Minutentakt, weil sich diverse Verwandte, Freunde und Bekannte über die neuesten verfügbaren Informationen austauschen wollten, mein Exmann rief sogar viermal hintereinander an, um mir sein besorgtes Herz auszuschütten; selbst die fleißigsten Vorzeigemitarbeiter waren nicht in der Lage sich auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren, die Sensationsgier lähmte uns alle und ließ uns gleichzeitig zappelig und unruhig werden wie quirlige Kinder in einem Süsswarenladen. Das Ohr am Radio brachte uns allerdings keine sonderliche Erleuchtung, wechselnde Nachrichtensprecher stotterten im Grunde nur immer die gleichen, mit der Zeit langweilig werdenden Sätze von unerklärlichen Phänomenen, die sich offenbar weltweit zur gleichen Zeit ereigneten und jedweder logischen Erklärung spotteten, wobei ich persönlich felsenfest davon überzeugt war, dass es sich bei den fremdartigen Objekten um hochtechnisierte Raumschiffe handeln musste, Fortbewegungsmittel einer fremden Intelligenz, die über die unvorstellbar gigantische Entfernung des Weltraums den ersten Kontakt zu uns hergestellt hatte. Beim Gedanken an die unfassbare Ausdehnung des Universums erschauderte ich jedes Mal unwillkürlich und so etwas wie Ehrfurcht vor dem großen Können jener mysteriösen Fremden schlich sich in mein ahnungsloses Herz, das sich damals noch vor kindlicher Neugier förmlich überschlug. Heute weiß ich, dass Gott nicht den Tiefen des Alls entstammt, sondern einer benachbarten Dimension, die nur ein Wimpernschlag von unserer Heimatwelt trennt – und die für uns Sterbliche trotzdem unerreichbar weit entfernt ist, weil wir dort nicht existieren können; Gott ist auch nicht an unsere schnöden physikalischen Gesetze gebunden, die enormen Weiten des Weltraums bereiten ihm kein Kopfzerbrechen, denn Gott ist wahrlich allmächtig – zumindest in unserer Realitätsebene. Manchmal frage ich mich, ob es an jenem Ort, von dem er zu uns zurückgekehrt ist, noch weitere Wesen gibt, die so andersartig sind wie er, vielleicht ist er dort drüben nur einer von vielen und gar nichts besonderes – aber dieser Gedanke ist im Grunde obsolet, denn auf solche Fragen werde ich nie eine vernünftige Antwort erhalten. Wie dem auch sei, an jenem ersten Tag von Gottes Rückkehr war ich jedenfalls absolut davon überzeugt, dass wir, im Sinne von Menschheit, von Aliens aus dem All besucht worden waren und dass nun, aufgrund ihrer überlegenen Weisheit und intellektuellen Reife, ein neues, besseres Zeitalter anbrechen würde. Armut, Gebrechlichkeit, Schmerz, all diese unliebsamen Lasten würden sie von unseren Schultern nehmen und uns in den erlauchten Kreis der Weltraumreisenden erheben – so zumindest malte ich es mir freudig aus und auch wenn sich bisweilen der Hauch des Zweifels in meine, zugegeben recht utopische, Phantasie mischte, hielt ich doch den ganzen Tag weiter an ihr fest und verteidigte sie erbittert gegen meine pessimistischeren Kollegen, die schon begannen vom Untergang der Welt zu unken; erst als Nachts die Alpträume zum ersten Mal über mich hereinfielen und mich schweißgebadet aus dem Bett trieben, begann ich langsam die bittere Wahrheit zu begreifen. Schrecklich waren sie, diese Träume, schwindelerregend und erdrückend zugleich, das Rote Auge Gottes verfolgte mich unaufhörlich und blickte gnadenlos in meine Seele, um dort mit chirurgischer Präzision all die kleinen und größeren Verfehlungen zu inspizieren, die ich lieber weiterhin verborgen gehalten hätte. Ich versuchte mich gegen seinen brennenden Blick zu wehren, doch war ich hilflos der Übermacht ausgeliefert und als ich endlich schweißüberströmt aus dem Schlaf schreckte, war meine kindlich-naive Freude über den vermeintlich außerirdischen Besuch restlos verpufft. Sieben Nächte lang quälten uns diese Träume, egal ob Jung oder Alt, Reich oder Arm, Religiös oder Ungläubig, ein jeder musste es ertragen, im Schlaf von Gottes brennendem Blick seziert zu werden. Tagsüber versuchten wir alle einen Alltag aufrecht zu erhalten, der sich seit der Ankunft Gottes nur noch wie überflüssiger, völlig nutzloser Zeitvertreib anfühlte, wir schleppten uns zur Arbeit, erledigten die anfallenden Aufgaben, gingen anschließend nach Hause, aßen, tranken und versuchten so wenig wie möglich zu schlafen. Die unbequeme Frage, was denn nun genau passieren würde, wenn Gott genug in unsere Seelen geschaut hatte, um ein Urteil zu fällen, wurde immer wieder unter vorgehaltener Hand diskutiert, doch niemand wusste eine befriedigende Antwort, alles war pure, angstdurchsetzte Spekulation. Würde Gott uns bestrafen? Würde er eine neue Sintflut schicken, um die vielen Sünder von den wenigen Rechtschaffenen zu trennen? Zwei Arbeitskollegen reagierten schnell und investierten in hochseetaugliche Boote – ich sah darin keinen Sinn, denn ich ging davon aus, dass sich Gott, wenn er uns Sünder denn ersäufen wollte, nicht von irgendwelchen Booten aufhalten lassen würde. Es fiel mir erschreckend schwer, nicht in passiven Fatalismus zu verfallen, es war verführerisch einfach, die Hände in den Schoß zu legen und auf das vernichtende Gottesurteil zu warten, auch wenn mich die erwiesene Existenz Gottes in schreckliche Panikzustände trieb, denn ich hatte seit der Kindheit aufgehört zu glauben und selbst jetzt, wo ich jederzeit sein brennendes Auge über unseren Köpfen sehen konnte, wollte mein Verstand immer noch nach Ausreden suchen, warum dies unmöglich Gott sein konnte. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben – wollte überhaupt nicht glauben – und war doch gezwungen, die physische Realität seiner Existenz anzuerkennen, schließlich sah ich ihn jeden Tag im Himmel und nachts in meinen Träumen, wieder und immer wieder, bis ich meinte verrückt zu werden. Sieben Nächte mussten wir alle Gottes stummen, unnachgiebigen Blick ertragen, in der achten Nacht sprach er schließlich zu uns, seine Stimme klang in meinen Gedanken mächtig wie ein Donnerschlag und ich schrie mein Entsetzen so laut heraus, dass ich schlagartig erwachte, doch seine Worte hallten überdeutlich in meinem Kopf wider und machten mich zittern, denn Gott hatte tief in meine Seele geschaut und was er dort gefunden hatte, erzürnte ihn; ich war schuldig, doch nicht nur ich, allesamt waren wir besudelt, es mangelte uns am rechten Glauben und das missfiel Gott zutiefst. Also schickte er uns die Plagen, um unseren Glauben zu stärken, er ließ Heuschrecken und Kröten auf die Erde herabregnen, schickte Erdbeben und grauenvolle Feuersbrünste, die sich durch die Städte und Landschaften fraßen, wie durch dünnes Papier, doch die schlimmste Strafe von allen – er nahm uns unsere ungeborenen Kinder. Ich wusste bis zu jenem Zeitpunkt nicht, dass ich im dritten Monat schwanger war, ich ahnte es noch nicht einmal, denn ich hatte zwei Jahren zuvor eine Hormonspirale einlegen lassen und kümmerte mich seither nicht um die oftmals ausbleibende Monatsblutung, immerhin war das eine ganz normale Reaktion des Körpers und außerdem war mein Sexualleben derart heruntergefahren, dass ich gar nicht an die Möglichkeit dachte, schwanger zu sein. Mein Entsetzen war daher unbeschreiblich, als ich eines Morgens in einer kleinen Blutlache erwachte und ganz ohne weitere Erklärung wusste, dass Gott mein ungeborenes Kind genommen hatte, es getötet hatte, noch bevor ich überhaupt wusste, dass es in mir keimte, noch bevor ich auch nur einen liebevollen Gedanken an das kleine Fünkchen Leben richten konnte, war es schon wieder verloschen. Gott nahm unsere ungeborenen Kinder, egal, wie weit sie entwickelt waren, hochschwangere Frauen erwachten im eigenen Blut und tasteten entsetzt nach den Babys in ihren Bäuchen, die sich nicht mehr regten, sondern still und tot im Fruchtwasser trieben und genau wie ich, wussten auch sie ohne weitere Erklärung, wer für diesen unbeschreiblichen Verlust verantwortlich war, der unsere Herzen bitter machte und unser Lachen stahl. In hilfloser Wut wandten sich viele von uns gegen Gott, verfluchten ihn und seine herzlose Tat, schrieen und drohten zum Himmel hinauf, doch es nützte uns nichts zu klagen und zu toben, denn Gott scherte sich nicht um unseren Zorn, er strafte uns nur weiter, schickte Wirbelstürme und Springfluten und tötete Menschen, wie es ihm gefiel und es gab nichts, was wir dagegen unternehmen konnten. Damals häuften sich die Selbstmorde, brave Bürger gingen morgens wie gewohnt zur Arbeit und stürzten sich mittags aus den Bürofenstern auf die Straße, manche stiegen auch klammheimlich in ihre Autos und fuhren gegen Brückenpfeiler oder stürzten sich in tiefe Schluchten, andere wieder tranken Unkrautvernichtungsmittel oder schlitzten sich die Pulsadern auf. Eine regelrechte Todeswelle schwappte über die Erde hinweg, zigtausende starben, entweder wegen der Plagen oder durch eigene Hand, wobei sich Gott weder um die einen, noch um die anderen kümmerte, unser Sterben war und ist ihm einerlei, ihn interessieren nur unsere unsterblichen Seelen, er ergötzt sich förmlich an unserem Entsetzen, straft und schikaniert uns, wie es ihm gefällt, bis unsere Herzen überquellen vor Angst und unsere Seelen geläutert und voller Glaube sind, denn davon ernährt er sich, ja, er ernährt sich von unserem Glauben! Gott schlürft unsere Gottesfurcht wie frische Austern aus dem Meer und frisst sich satt an unseren Ängsten; wie ein garstiges Raubtier steht er über uns im Himmel, rot und pulsierend wie eine zweite Sonne und das einzige, was uns bleibt, ist zu warten und zu hoffen, dass er eines Tages genug gefressen hat und zurückkehrt in seine eigene Dimension…

© sybille lengauer

Der Feinschmecker

Typhoid Beetlebottle trieb mit geschlossenen Augen in der Schwerelosigkeit seines watteweich gepolsterten Schlafzimmers dahin und schmatze genüsslich bei dem Gedanken, dass, sobald er auch nur blinzelte oder den kleinen Finger hob, sein vierhundertsiebenundsechzigster Geburtstag offiziell beginnen und er mit lukullischen Köstlichkeiten überschüttet werden würde. Noch zögerte er den aufregenden Moment hinaus, stellte sich schlafend und wartete geduldig, bis der Appetit in seinen mächtigen Eingeweiden schier unerträglich wurde. Bedächtig öffnete er schließlich die Augen und seine wulstigen Lippen teilten sich zu einem gewaltigen Gähnen, das mehrere Reihen nadelspitzer Zähne und eine grellrote, gierig schlängelnde Zunge in seinem finsteren Schlund entblößte. Hunderte winzig kleine, spinnenartige Putzermaschinchen stoben sogleich aus allen Winkeln des Zimmers, um mit der Reinigung ihres unsagbar riesigen Meisters zu beginnen und seinen voluminösen Körper in kostbare Stoffe zu kleiden. Höfliches Klopfen ertönte an der dickgepolsterten Eingangstür, Typhoid Beetlebottle grinste erwartungsvoll, schwebte zu einer Wandhalterung und ließ sich elegant zu Boden gleiten, dann stellte er die Schwerkraft im Schlafzimmer her und öffnete die Tür mit einer beiläufigen Handbewegung. Ein silberglänzender Butloide rollte augenblicklich ins Schlafzimmer und stimmte ein fröhliches Geburtstagsständchen an, ihm folgten dichtauf mehrere emsig trippelnde Servicemaschinen, die wie bunt schillernde Rosenkäfer geformt waren. Auf ihren abgeflachten Rückenpanzern transportierten sie dutzende Schüsseln und Tabletts, die herrlich duftende, liebevoll dekorierte Speisen und exquisite Gerichte aus der gesamten bekannten Galaxis enthielten. Der Butloide beendete das fröhliche Liedchen und begann unverzüglich mit seinen zangenartigen Greifwerkzeugen eine Auswahl der verschiedensten Köstlichkeiten auf einem Präsentierteller anzurichten, wobei er es nicht versäumte die herrlichen Kreationen ausgiebig vorzustellen. Er lobte das albryanische Fettaugensoufflé in Wyrm-Schaumsauce; der Butloide betonte in würdevollem Ton, dass die Wyrm eine bedrohte Spezies waren, von der nur noch fünfundvierzig Exemplare existierten. Typhoid Beetlebottle nickte anerkennend, ächzend zwängte er sich in seinen Anti-Gravitationsstuhl und seufzte erleichtert, als sein erdrückend schweres Körpergewicht durch das Wunder der Technik auf den Hauch einer Feder reduziert wurde. Der Butloide präsentierte währenddessen eine Portion xynischer Krabbenchips in blauer Laumeersauce und pries knusprig gebratene ilkanische Bastwein-Schwalbenbrüstchen, er behandelte die Speisen wie kostbare Diamanten, was sie, genau betrachtet, vielleicht sogar waren, denn sowohl die xynischen Krabben, als auch die berühmten Bastweinschwalben von Ilkan waren akut vom Aussterben bedroht. Das Herzstück des opulenten Frühstücks bildete ein puscheliges, cremefarbenes Tierchen mit sechs krummen Stummelbeinen und durchsichtigen, zerknittert wirkenden Flügeln, das benommen in einer pompös verzierten Schüssel hockte und traurig fiepte. Der Butloide hob das Tierchen vorsichtig aus der Terrine, sodass Typhoid Beetlebottle es eingehend von allen Seiten betrachten konnte. „Ein Hygerion!“, entfuhr es dem Feinschmecker lebhaft, auf seinen Wangen bildeten sich vor Aufregung hektische Flecken, gierig leckte er über seine widerwärtigen Lippen. „Es ist das letzte seiner Art“, betonte der Butloide feierlich, er setzte das wehrlose Lebewesen zurück in die Schüssel und übergoss es mit heißem Öl. Typhoid Beetlebottle stieß einen vergnügten Jauchzer aus und schwebte bis auf wenige Zentimeter an den Butloiden heran, genüsslich öffnete er den Mund, um sich wie ein überdimensional großes Kuckucksküken füttern zu lassen. Der Butloide stopfte das frittierte Hygerion geschickt in den weit geöffneten Rachen seines gefräßigen Herrn und ließ sich dabei nicht von dessen furchtbar spitzen Zähnen irritieren.
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Carmelia Bjarnsdóttir schreckte aus einem widerlichen Alptraum voller ekelerregender Schleimmonster und zuckender Tentakel, gehetzt sah sie sich in ihrer gemütlichen Schlafkoje um. Manchmal wirkten ihre Träume viel zu real und es hätte sie nicht gewundert, wenn eines Tages so ein abscheulicher Tentakel unter ihrer Schlafstatt hervorgekrochen wäre. Carmelia schüttelte sich und rieb kräftig über ihre schlanken Unterarme, um die hartnäckige Gruselgänsehaut zu vertreiben, dann löste sie die Schlafgurte, die sie während des schwerelosen Schlafes in der Koje hielten und ließ sich langsam in Richtung Sanitäranlagen treiben. Im dämmrig beleuchteten Schlafquartier des Raumfrachters ‚Tumbling Dandelion‘ schliefen noch weitere Mitglieder ihrer weitverzweigten Familie in gemütlicher Schwerelosigkeit der Tagschicht entgegen, Carmelia glitt mit angehaltenem Atem an Onkel Rolaf vorbei, der im Schlaf oft übelriechende Fürze produzierte, schwebte leise an ihren besten Freunden, den Zwillingsbrüdern Oischen und Augrel vorüber, die eng umschlungen in einer Koje schliefen und war fast schon aus dem Schlafraum hinaus, als ein mulmiges Gefühl sie dazu brachte in die Koje ihrer Lieblingstante Lydden zu sehen. Die Tante hing schlapp auf der Seite und starrte mit halbgeschlossenen Augen ins Nichts. „Tante Lyddie? Ist alles in Ordnung?“ Carmelia schwebte besorgt an das ausdruckslose Gesicht der Tante heran, sie spürte keinen Atem und suchte zögerlich am Hals nach einem Puls, doch als ihre Finger über die eiskalte Haut des Halses glitten, zuckte sie erschrocken zurück, Carmelia war sicher, dass sie bei Tante Lydden keinen Herzschlag mehr finden würde. „Buh“, machte die Tante genau in diesem Moment, Carmelia kreischte erschrocken und flog rückwärts gegen eine leere Schlafkoje, sie stieß sich den Kopf und sah für einen kurzen Moment Sterne aufblitzen. Tante Lydden lachte so herzhaft, dass Tränen aus ihren dunkelbraunen Augen sprangen, anscheinend hatte sie sich lange auf diesen Streich vorbereitet und war nun äußerst entzückt vom gelungenen Ergebnis. Carmelia fluchte und wünschte Tante Lydden die waylyrische Daumenpest an den Hals, doch diese lachte nur bestechend vergnügt und gluckste so freudig, dass es ansteckend war. „Wart’s nur ab, das zahl’ ich dir heim“, knurrte Carmelia und drohte wenig überzeugend mit der Faust. „Das hoffe ich doch sehr“, gab Tante Lydden erheitert zurück, ihre Wangen waren rosa verfärbt und auf ihren vormals blassen Lippen blühte eine zarte Röte. „In zwei Tagen erreichen wir Landarion. Wenn du willst, kaufe ich dir zur Versöhnung ein paar Süßigkeiten auf dem Markt“ , versprach sie augenzwinkernd, dann kuschelte sie sich wohlig in ihre Koje und wünschte Gute Nacht.
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Typhoid Beetlebottle lehnte sich schnaufend in seinem Anti-Gravitationsstuhl zurück und rülpste ohrenbetäubend laut, eine riesige, fettfleckige Serviette umspannte seinen erschreckend aufgeblähten Bauch, trotzdem waren sein Gesicht, seine feine Kleidung und selbst das kostspielige Sitzmöbel mit Essensresten beschmiert. Wenn sich Typhoid Beetlebottle erst in einen Fressrausch hineinsteigerte, gab es für Etikette keinen Platz mehr. Das Festbankett zu seinem Geburtstag hatte den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein gedauert, nach dem Frühstück war er mit leichten Erfrischungen und kleinen Häppchen verwöhnt worden, die sich nahtlos aneinanderfügten, bis die nächste Vollmahlzeit aufgetragen wurde, die erneut aus herrlich köstlichen Kreationen besonders gefährdeter Lebensformen bestand und in der Vernichtung einer Tierart kulminierte. So ging es Stunde um Stunde, in jedem Zimmer seines großzügigen Anwesens wurde Typhoid Beetlebottle mit neuen Genüssen überrascht und gefüttert, ab und an verlangte der gefräßige Koloss japsend nach seinen persönlichen Magenentleerern, um wieder Platz für die kreativ arrangierten Delikatessen zu schaffen. Dann flatterte eine Gruppe rabenschwarzer Vögel herbei, Typhoid Beetlebottle öffnete den Mund sperrangelweit und wartete geduldig, bis die Tiere seinen Magen leergepumpt hatten. Die Vögel steckten ihre sichelförmigen Schnäbel tief in seinen finsteren Schlund und saugten gierig die Essensreste aus seinem Magen, bis ihre Kröpfe prall und voll waren wie der Blutbauch eines gefräßigen Moskitoweibchens. Kaum hatten sie ihr scheußliches Werk getan, verscheuchte Beetlebottle die schwarze Brut, um sich wieder den vorzüglichen Spezialitäten zu widmen, die er beinah wollüstig verschlang. Als er, nach einer schier unzählbar langen Abfolge verschiedenster Speisen und Getränke, endlich genug gefressen und getrunken hatte, und dies seinen eifrigen Dienern mit unschicklichen Gesten signalisierte, waren durch seinen gnadenlosen Appetit siebzehn Tierarten ausgerottet worden. Typhoid Beetlebottle ließ sich ausgiebig von den winzigen Putzermaschinchen reinigen und schließlich mit all dem Pomp und Trara, den er für seine Person für angemessen hielt, zu seinem weich gepolsterten Schlafzimmer geleiten. All seine künstlichen und natürlichen Bediensteten, vom versnobten Butloiden bis hinunter zum verschwitzten Küchenjungen, folgten ihm unter Lobpreisungen und Jubelrufen in einer langen Prozession zum Schlafgemach, wo sich der nimmersatte Riese schnaufend aus seinem Anti-Gravitationsstuhl befreite und erleichtert die Schwerkraft deaktivierte. Seine Dienerschaft stand vor der Schlafzimmertür versammelt und applaudierte dem schwebenden Giganten, der sich glücklich lächelnd zu einer gewaltigen Kugel zusammenrollte und augenblicklich in tiefen Schlaf verfiel. Typhoid Beetlebottle würde ruhen und träumen, bis sein Hunger ihn erneut aus tiefem Schlummer weckte, pünktlich in einem Jahr, an seinem vierhundertachtundsechzigsten Geburtstag.
Kaum hatte ihr grausiger Meister die Augen geschlossen, fiel jeglicher Elan von seinen Untergebenen ab. „Endlich ist es überstanden“, seufzte der Butloide monoton, in seiner Stimme lag eine Erschöpfung, die man einer Maschine nicht zugetraut hätte. „Nach dem Fest ist vor dem Fest“, erwiderte eine hagere, glatzköpfige Köchin mit bitterem Schnauben, der Butloide nickte wissend und schwieg.
*
Carmelia Bjarnsdóttir saß mit überschlagenen Beinen vor einer rostigen Ausstiegsluken der ‚Tumbling Dandelion‘ und bohrte gedankenverloren in der Nase. Sie war mit ihrer Freundin Mjaja verabredet, gemeinsam wollten die Mädchen den berühmten Spezialitätenmarkt von Landarion erkunden und, wenn möglich, das ein oder andere Abenteuer erleben, doch wie üblich kam Mjaja zu spät. Carmelia verabscheute Unpünktlichkeit zutiefst, doch es war ihr ausdrücklich verboten worden die ‚Dandelion‘ alleine zu verlassen und so musste sie warten, ob es ihr passte oder nicht. Natürlich wusste sie um die Gefahren, die außerhalb des Schiffes drohten, ihr weitgereister und lebenserfahrener Onkel Higgard hatte die Mädchen gestern beim Abendessen noch eindringlich vor den Taschendieben, Halsabschneidern und hinterhältigen Gaunern gewarnt, die seiner Meinung nach an jeder Ecke lauerten und sich selbst gerne hochtrabend als Weltraumpiraten bezeichneten. Onkel Higgard war nicht müde geworden, jene verdorbenen Charaktere in den wildesten Farben zu beschreiben und Carmelia brannte förmlich darauf, diese sagenumwobenen Bösewichte endlich aus nächster Nähe zu sehen. Sie hatte eine etwas verworrene Vorstellung von knorrig verwachsenen Männern und Frauen, die scharf schmeckenden Rum tranken, lauthals lachten und ständig verruchte Dinge sagten, wie: „Soll dich der Deibel am Arsch packen!“ Natürlich ahnte Carmelia, dass die Piraten in Wirklichkeit noch ganz andere Dinge sagten und taten, aber ihre naive Fantasie reichte nicht aus, um sich die schrecklichen Gräuel vorzustellen, zu denen dieser Menschenschlag fähig war. Endlich sah sie den strubbeligen Haarschopf ihrer Freundin aus dem vertrauten Halbdunkel eines Korridors auftauchen, Mjaja war in großer Eile, ihr hübsches Gesicht war pink verfärbt und ganz verschwitzt, „Sorry, es ging nicht eher!“, keuchte sie atemlos und Carmelia, die Mjaja bis eben noch für ihre Unpünktlichkeit verflucht hatte, gab ihr mit einem generösen Kopfnicken zu verstehen, dass die Verspätung schon vergessen und nicht der Rede wert war. „Wollen wir?“, fragte Mjaja und schon drückte sie den grünen Knopf, der die Ausstiegsluke öffnete. Carmelia sprang auf die Beine und grinste überglücklich, sie freute sich auf den spannenden Ausflug und ganz besonders auf den Spezialitätenmarkt, von dem sie schon eine Menge gehört hatte. In ihrer Hosentasche klimperten ein paar Münzen, die ihr Tante Lydden heute morgen zugesteckt hatte – für die Versöhnungssüßigkeiten, wie sie es liebenswürdig formulierte. Carmelia konnte es kaum erwarten die Münzen auszugeben, sie malte sich die herrlichsten Gaumenfreuden aus und konnte den lila Lippenlutscher, die prickelnde Brittelbrause und all die anderen Leckereien schon förmlich auf der Zunge schmecken. Kurze Zeit später tanzte sie enthusiastisch um einen bunt geschmückten Spezialitätenstand herum, der genau diese Köstlichkeiten offerierte und hätte am liebsten den ganzen Warenbestand aufgekauft, doch Mjaja mahnte zur Geduld. „Du weißt doch gar nicht was es hier sonst noch alles gibt“, raunte sie leise, damit die rundliche Verkäuferin es nicht hörte und Carmelia musste ihr zerknirscht recht geben. Erst umschauen, dann Geld ausgeben, so lautete die Devise. Und es dauerte nicht lange, bis das Mädchen etwas gefunden hatte, das ihr viel wichtiger erschien, als all die Süßigkeiten und Naschkatzenträume, die der Spezialitätenmarkt zu bieten hatte. Ein flauschiges, kunterbunt getupftes Wesen mit großen Knopfaugen und einer entzückend herzförmigen Schnauze hockte in einem engen Käfig aus Draht und starrte traurig vor sich hin, man konnte förmlich spüren wie deprimiert das arme Tier in seinem trostlosen Gefängnis war. Auf einem zerknitterten Zettel, der von einer Seite des Käfigs hing, stand in schnörkeliger Handschrift die Bezeichnung ‚Landarisches Bonbonschweinchen‘ und gleich darunter ein Rezeptvorschlag, wie es am besten zuzubereiten war. Carmelia verlor augenblicklich ihr Herz an das drollige Geschöpf, sie wollte es unbedingt vor dem Kochtopf bewahren und mit nach Hause nehmen, doch Mjaja war strikt dagegen und ein erbitterter Disput entbrannte zwischen den Freundinnen. Wer würde sich um die Bedürfnisse des Wesens kümmern und wie sollte es auf dem Raumfrachter Artgerecht gehalten werden, immerhin war so ein Tier nicht für ein Leben im Weltraum gemacht? Und warum überhaupt ein Haustier anschaffen, wenn doch die beengten Räumlichkeiten der ‚Tumbling Dandelion’ förmlich überkochten vor Menschen, denen man kaum aus dem Weg gehen konnte? Carmelia wusste nur zu antworten, dass sie wild entschlossen war das Bonbonschweinchen zu retten, sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen und nichts unversucht lassen, selbst wenn es sie das Leben kostete! Derart theatralischen Ausbrüchen konnte Mjaja schließlich nichts mehr entgegensetzen und so kam es, wie es kommen musste, Carmelia kaufte das traurig dreinblickende Schweinchen und schleppte den Käfig überglücklich zum Schiff. Die ominösen Weltraumpiraten und ihre verdorbenen Flüche waren vergessen, der verführerische Spezialitätenmarkt mit all seinen Verlockungen interessierte sie nicht mehr und wie hätte sie auch ahnen können, dass Landarion mitsamt seinem verbotenem Zauber bald auf immer zerstört sein würde?
*
Warkus der Freudlose schlug empört auf einen sündteuren Holztisch ein und knurrte aggressiv, um sein Missfallen zu unterstreichen, ein struppiger Graupapagei, der eben noch friedlich auf seiner Schulter geschlafen hatte, flatterte erschrocken mit den Flügeln und murmelte einen saftigen Fluch, doch Warkus der Freudlose kümmerte sich nicht darum. Er hatte sich die Vertragsverhandlung mit dem verdammten Butloiden einfacher vorgestellt, immerhin waren er und seine Mannschaft schon seit vielen Jahren für die Beschaffung der seltenen Tierarten zuständig, die in Massen für die Geburtstage von Typhoid Beetlebottle benötigt wurden. Dafür erwartete er auch in Zukunft eine angemessene Bezahlung, doch der hinterfotzige Butloide versuchte ihm einen Vertrag unterzujubeln, der schlechter war als alle Verträge zuvor. „Das ist eine absolute Beleidigung!“, grollte Warkus der Freudlose und knirschte mit den schwarzgefärbten Zähnen, die schweren Goldringe an seinen Fingern hinterließen hässliche Kratzer im wertvollen Holz des Tisches, doch der Butloide ließ sich von diesem Gebaren nicht beeindrucken. „Wenn Sie mit den Konditionen nicht einverstanden sind, brauchen Sie es nur zu sagen. Wir werden ein anderes Team finden, das mit Freuden Ihre Aufgaben übernehmen wird“, antwortete er herablassend und im Grunde war damit alles gesagt. Warkus der Freudlose schluckte trocken und schüttelte den Kopf, er wusste, dass seine Leute dringend auf den Großauftrag von Beetlebottle angewiesen waren und er wusste auch, dass der verfluchte Butloide das ebenfalls wusste. Natürlich hätte er den arroganten Metallsack am liebsten sofort und auf der Stelle erschlagen, gevierteilt und zu feinem Pulver zerstampft, doch was hätte ihm das genützt? Die Zeiten waren hart und man nahm, was man kriegen konnte. Also nahm er auch diesen elenden Vertag, der zwar schlecht war, aber besser als nichts. Der Butloide nickte zufrieden und ließ ein unnatürlich breites Lächeln aufblitzen. Während Warkus der Freudlose widerwillig den Vertrag unterzeichnete, holte er, wie zur Belohnung, ein Fläschchen thyrogischen Rum aus einem Schränkchen hervor und schenkte ein Glas randvoll ein. Warkus der Freudlose hätte ihm den Rum gerne in seine überhebliche Bultoidenfresse geschüttet, doch im Grunde seines Herzens war er Pragmatiker und deshalb trank er, auch wenn sein Innerstes vor Wut zu bersten drohte. Er schluckte seinen Zorn buchstäblich hinunter und verabschiedete sich mit knappen, aber freundlichen Worten von seinem verhassten Auftraggeber, doch kaum hatte er das protzige Anwesen von Typhoid Beetlebottle verlassen, begann er wie rasend zu schimpfen und zu toben. „Hast du schlechte Laune, Boss?“, fragte der zerrupfte Graupapagei auf seiner Schulter hoffnungsvoll. „Lass mich in Ruhe“, blaffte Warkus der Freudlose schroff, aber das Tier war nicht mehr zu bremsen. „Kein Problem, Boss. Ich werde dich im Nu wieder aufheitern! Also, was ist grün und hat drei Ecken?“, fragte der hässliche Vogel, seine hellgelben Augen blitzen verspielt. „Ist mir egal“, erwiderte der Weltraumpirat gereizt, seine Kiefermuskeln malmten bedrohlich, seine Wangen blähten sich, als stünde er kurz vor der Explosion. „Ein grünes Dreieck!“ Der Graupapagei schlug kreischend mit den Flügeln, während Warkus der Freudlose nur niedergeschlagen die Luft aus den aufgeblähten Backen sausen ließ und schwermütig grunzte. Einmal mehr fragte er sich, warum er den lästigen Vogel nicht schon längst pulverisiert hatte, doch das Tier war ein Geschenk seiner verstorbenen Tochter gewesen und so sehr er es auch hasste, so wenig konnte er sich davon trennen. „Ich hab’ noch einen, Boss. Was liegt am Strand und redet undeutlich?“, fragte der Papagei ohne jeglichen Sinn für den falschen Moment und sein krummer Schnabel knirschte vor unterdrückter Aufregung. „Halt die Fresse“, zischte Warkus der Freudlose zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Eine Nuschel!“, gackerte der Papagei, das struppige Kopfgefieder wippte im Takt seines krächzenden Gelächters, dicke Freudentränen kullerten aus seinen Augen. Warkus der Freudlose schüttelte resigniert den Kopf und ließ kraftlos die Schultern hängen, missmutig stapfte er zu einem wartenden Shuttle und flog schweigend zurück zu seinem Kampfschiff ‚Nasty Leech‘.
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Auf der ‚Tumbling Dandelion‘ herrschte hektische Aufregung, die Erwachsenen eilten durch die Korridore, niemand verlor auch nur ein überflüssiges Wort. Carmelia Bjarnsdóttir lehnte unauffällig neben dem Eingang des Koordinationszentrums und achtete darauf, möglichst niemandem im Weg zu stehen. Mit gerunzelter Stirn versuchte sie zu begreifen warum das ganze Schiff in hellem Aufruhr war. In ihren Armen hielt sie das putzige Bonbonschweinchen, das sie auf den eigentümlichen Namen Hjarta getauft hatte. Das buntgetupfte Lebewesen schmiegte sich zutraulich an ihre Brust und schnurrte hingerissen, wenn das Mädchen über seinen flauschigen Kopf streichelte. Als Tante Lydden mit sorgenvoll verkniffenem Gesicht vorbeieilte, wagte sich Carmelia mutig aus dem Hintergrund, „Was ist denn los, Tante Lyddie?“, fragte sie und ihre Stimme klang ängstlicher, als sie beabsichtigt hatte. „Später“, antwortete Tante Lydden nur und schon war sie im Koordinationszentrum verschwunden. Also wartete Carmelia, bis es ihr langweilig wurde und dann wartete sie noch ein wenig länger. Sie beobachtete die besorgten Gesichter der Erwachsenen, die durch die Korridore hasteten und versuchte zu ergründen was vorgefallen war. Carmelia hasste es, nicht in die wichtigen Ereignisse eingebunden zu werden, die den großen Raumfrachter, ihre Heimat, tagtäglich bewegten. Sie fühlte sich erwachsen genug, um an den komplexen Geschehnissen teilzuhaben – doch leider sahen das die Tanten und Onkel ganz anders, die sich gemeinschaftlich um die Kinder der ‚Tumbling Dandelion‘ kümmerten, während ihre Eltern oftmals auf weit entfernten Raumschiffen arbeiteten. Carmelia blieb also nichts anderes übrig, als die aufgeschnappten Informationen sinnvoll zu kombinieren. Etwas war auf Landarion geschehen, etwas schreckliches, etwas finsteres, etwas böses. Mehr wusste sie beim besten Willen nicht zu ergründen, doch es genügte ihrer lebhaften Fantasie, um sich die schlimmsten Katastrophen auszumalen. Carmelia spürte einen unangenehmen Druck im Magen, ein beklemmendes Unwohlsein, das sich um den Gedanken zentrierte, dass sie selbst vielleicht nur um Haaresbreite dieser namenlosen Tragödie entronnen war. Sie fühlte sich plötzlich sehr klein und verloren und drückte das schnurrende Bonbonschweinchen beunruhigt an ihr wild klopfendes Herz.
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Rivien der Tänzer beugte sich sprungbereit über einen langgezogenen Besprechungstisch und starrte Martjen dem Denker tief in die wasserblauen Augen. „Sag das nochmal, du Saftsack“, knurrte er gereizt und seine dunklen Mandelaugen zuckten mordlüstern. Martjen der Denker lehnte sich ebenfalls gewichtig nach vorn, sein auffallend winziger Kopf wippte herausfordernd auf seinen kurios breiten Schultern. Die übrige Mannschaft des Kampfschiffes ‚Nasty Leech‘ drängte sich blutlüstern um den Tisch und stachelte die Kontrahenten durch bösartige Zwischenrufe und gehässige Bemerkungen an; die Stimmung im Besprechungsraum war spürbar explosiv. „Du hast es nicht mehr drauf, Alterchen!“, trällerte Martjen der Denker und wackelte herausfordernd mit der Hüfte, Rivien der Tänzer zückte wutschnaubend ein Messer und schnellte katzengleich über den Tisch, seine kurzen, erstaunlich muskulösen Beine tänzelten in einem irren Stakkato. Martjen der Denker zuckte grinsend zurück und wich der blitzenden Klinge geschickt aus, „Siehst du? Du bringst es einfach nicht mehr! Vielleicht solltest du in Rente gehen!“, rief er lachend, während der Tänzer weiter auf ihn eindrang und wütend zischte. „Schluss jetzt!“ Warkus der Freudlose polterte donnernd zwischen die Streithähne, er hatte das Schauspiel bisher mit verschränkten Armen und herabgezogenen Mundwinkeln verfolgt, doch nun verlor er die Geduld. „Ich verlange Disziplin!“, brüllte er gereizt und die Mannschaft zog beim Klang seiner Stimme vorsichtshalber die Köpfe ein. Rivien der Tänzer verzerrte das Gesicht zu einem zornigen Fauchen, doch das Messer verschwand ohne Widerrede in den Falten seiner farbenfrohen Jacke. Martjen der Denker machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte dem Tänzer demonstrativ den breiten Rücken zu. „Setzt euch endlich hin, verdammtnochmal“, knurrte Warkus der Freudlose barsch, von seiner Schulter krächzte der Graupapagei ein herzhaftes „Hinsetzten, ihr Arschmaden!“ und schlug herrisch mit den zerzausten Flügeln. Füße scharrten, heisere Stimmen murmelten verhaltene Flüche, die Piraten nahmen Platz. „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, also sperrt eure dreckigen Ohren auf.“ Warkus der Freudlose hielt nicht viel von langen Ansprachen und kam direkt zur Sache. „Die schlechte Nachricht: die Systeme Ilkan, Ompympa Centauri und Albryan haben sich nun ebenfalls der Neuen Galaktischen Umweltbewegung angeschlossen und stehen ab sofort unter dem Schutz der Matriarchin. Damit verlieren wir drei unserer wichtigsten Erntegebiete und das müssen wir zwingend kompensieren. Die gute Nachricht: der Krieg zwischen der königlichen Familie von Farn und den landarischen Freiheitsrebellen ist entschieden. Landarion wurde vernichtend geschlagen und wenn ich vernichtend sage, dann meine ich das auch. Der Planet wurde sterilisiert. Wir können also sämtliche landarischen Tierarten auf unsere Liste setzen und das ist immerhin etwas. Ich will ehrlich sein, diese Saison wird kein Zuckerschlecken. Also reißt euch zusammen und strengt euch verdammtnochmal an, kapiert?“ Seine Ansprache löste wenig Begeisterung aus, ein missmutiges Raunen ging durch den Besprechungsraum. Die Motivation der Mannschaft war, salopp ausgedrückt, ziemlich im Arsch, seit Warkus der Freudlose notgedrungen die Gehälter gekürzt hatte. Der erfahrene Haudegen fühlte sich selbst alles andere als motiviert, er legte sich abends mit einer erdrückenden Sorgenlast ins Bett und stand morgens ohne zündende Ideen wieder auf. Insgeheim war er überzeugt, dass ihm eine derart lähmende Einfallslosigkeit früher nicht widerfahren wäre. Früher. Als allein sein Name ein gefürchteter Schrecken war, den man nur leise flüsterte, während man ängstlich über die Schulter schaute. Doch heute, mit grauen Strähnen im krausen Bart und tiefen Kummerfalten in der grausamen Seele, schien ihm die Last der Probleme von Tag zu Tag erdrückender, die spielerische Leichtigkeit war dahin. Vielleicht war er es ja, der in Rente gehen sollte? Verdrossen schob er den unliebsamen Gedanken beiseite. Ein Pirat ging nicht in Rente, ein Pirat ging entweder unter, oder in die Geschichte ein und Warkus der Freudlose hatte keinesfalls vor unterzugehen.
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Carmelia Bjarnsdóttir schwebte lang ausgestreckt in ihrer gemütlichen Koje und wartete auf den Schlaf, der nicht kommen wollte. Das flauschige Bonbonschweinchen ruhte gut gesichert auf ihrem Bauch, seine langen Schnurrhaare wackelten lustig in seinem niedlichen Gesichtchen und seine winzigen Pfoten zuckten, während es lebhaft träumte. Carmelia streichelte sanft über das seidenweiche Fell des putzigen Tieres und empfand für einen kurzen Moment Freude und Dankbarkeit, doch dann umwölkten neuerlich dunkle Gedanken ihr kindliches Gemüt. Bedrückt starrte sie an die Seitenwand der Koje, ihre Augen wanderten ziellos über die vielen Fotos von Familienmitgliedern und Freunden, die sie im Lauf der Zeit in den weichen Stoff gepinnt hatte. All die Menschen die sie kannte und liebte, die gut vernetzte Gemeinschaft, in der sie sich geborgen fühlte. Normalerweise gab ihr dieser Gedanke große Kraft, doch neuerdings fühlte sie sich dabei auf eine verquere Art schuldig. Vor ein paar Tagen hatte sie erfahren, dass Landarion nicht mehr existierte. Nein, das war falsch. Der Planet existierte sehr wohl, doch er bestand nur noch aus einem Haufen lebloser Steine. Ein kosmisches Totenhaus, Grab von Milliarden Lebewesen. Die Erkenntnis, dass es offenbar ganz ohne Weiters möglich war einen ganzen Planet mit all seinen Bewohnern zu zerstören, erschütterte das naive Weltbild des Mädchens bis in die Grundfesten und der erschreckende Gedanke, dass ihr geliebtes Bonbonschweinchen nun vielleicht das letzte seiner Art sein könnte, ließ sie seit Nächten keinen Schlaf mehr finden, ließ sie nicht essen, nicht spielen und nicht mehr fröhlich sein. Ihr geliebtes Hjarta würde nie eine Familie gründen, nie Babies bekommen und großziehen können und Carmelia, die ihr ganzes Leben im Schoß ihrer Großfamilie verbracht hatte, konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als das. Wenn sie darüber nachdachte, wie einsam sie wäre, wenn außer ihr kein menschliches Wesen mehr existierte, spürte sie in ihrem jungen Herzen abgrundtiefes Entsetzen. Und aus Gründen, die sie sich nicht genau erklären konnte, musste sie immer und immer wieder darüber nachdenken, es war wie verhext, kaum kam sie etwas zur Ruhe, begannen ihre Gedanken um die Urängste Einsamkeit und Verlust zu kreisen. Carmelia hatte versucht mit ihren Freunden über diese bedrückenden Gedanken zu sprechen, doch sie fand nicht die richtigen Worte und fühlte sich unverstanden. „Mein armer Liebling “, flüsterte sie leise, vorsichtig liebkoste sie das unschuldig träumende Bonbonschweinchen, um es nicht zu wecken. „He Carmy, bist du noch wach?“ Oischen steckte seinen strubbeligen Rotschopf in Carmelias Schlafkoje, sein Zwillingsbruder Augrel schwebte nur wenige Zentimeter hinter ihm und schnitt schaurige Grimassen. „So ziemlich“, antwortete Carmelia niedergeschlagen, doch die leichte Andeutung eines Lächelns schlich sich in ihr Gesicht, als Augrel im Hintergrund die Zunge bis zum Kinn herausstreckte und dazu die Augen verdrehte, bis man nur noch das Weiße sah. Oischen drehte sich neugierig zu seinem Bruder um und versetzte ihm einen ordentlichen Knuff. „Lass die blöden Faxen, du Arschgesicht“, knurrte er und versuchte dabei möglichst autoritär zu klingen, was bei Oischen bedeutete, dass er so tief brummte wie er nur konnte. „He, nenn mich gefälligst nicht Arschgesicht, du blöder Pockenschädel“ , fauchte Augrel, seine grünen Augen blitzten angriffslustig. „Sag nicht Pockenschädel zu mir, du elende Stinkblase!“ „Selber Stinkblase, du Eimer voll Alienkotze!“ Die Zwillinge rangelten miteinander und beschimpften sich nach Herzenslust, bis das Bonbonschweinchen blinzelnd die Augen öffnete und auf entzückende Weise gähnte. „Jetzt habt ihr Hjarta aufgeweckt“, bemerkte Carmelia mit vorwurfsvoller Miene, die Zwillinge unterbrachen ihre spielerische Auseinandersetzung und gaben sich übertrieben beschämt. „Großes sorry, kleines Schweinchen!“ Augrel entließ Oischen aus einem gemeinen Klammergriff und zeigte ein entwaffnend sympathisches Lächeln. „Tschuldigung, war keine böse Absicht“, nuschelte Oischen und schlug theatralisch die Augen nieder. Carmelia streichelte über die weichen Ohren des Bonbonschweinchens und nickte huldvoll. „Schon in Ordnung. Was wollt ihr denn überhaupt von mir?“ „Ich habe eine unschlagbar gute Idee!“, platzte es aufgeregt aus Augrel heraus und Oischen nickte begeistert, alle Zwistigkeiten waren vergessen. „Aha“, machte Carmelia abwartend, denn sie wusste aus Erfahrung, dass Augrels unschlagbar gute Ideen entweder absolut genial oder völlig verblödet waren. Die Zwillinge drängten in die Schlafkoje und begannen wichtigtuerisch zu tuscheln. „Wie wäre es, wenn wir so eine Art Vermisstenanzeige im Space-Web starten?“, begann Oischen und Augrel fügte nahtlos hinzu, „Vielleicht gibt es ja irgendwo noch ein zweites Bonbonschweinchen, wäre das so unwahrscheinlich? Dann müssen wir sie nur noch zusammenbringen und schon ist das Problem mit dem Aussterben gelöst!“ „Na, was sagst du?“, fragten beide gleichzeitig. „Die Idee ist wunderbar“, hauchte Carmelia ganz hingerissen. „Ich habe da schon etwas vorbereitet…“ Augrel zog ein altes Web-Pad aus seiner Hosentasche und präsentierte mit stolzgeschwellter Brust eine kunterbunt gestaltete Suchanzeige. ‚Muss Hjarta für immer alleine bleiben?‘ stand in großen, lilafarbenen Buchstaben über einem besonders hübschen Farbfoto des Bonbonschweinchens und darunter, in knallig roten Lettern ‚Rettet dieses niedliche Tier vor dem Aussterben! Wer besitzt ein Landarisches Bonbonschweinchen oder weiß, wo sich eines befindet? Um sachdienliche Hinweise wird dringend gebeten! Meldet euch bei Carmelia Bjarnsdóttir auf der Tumbling Dandelion!’ In deutlich kleinerer Schrift stand noch etwas weiter darunter: ‚Keine Belohnung möglich, bitte keine unseriösen Angebote’ „Das ist ja unglaublich!“, entfuhr es Carmelia entzückt. „Du brauchst nur ja zu sagen, dann laden wir die Anzeige hoch“, versprach Oischen mit leuchtenden Augen, Augrel reckte die Daumen hoch und grinste bis über beide Ohren. Carmelia nickte so fest sie nur konnte, sie war zu gerührt, um die passenden Worte zu finden, Freudentränen schimmerten in ihren Augen. Wenige Minuten später stand die Suchanzeige bereits im galaktischen Space-Web, wo sie von jedermann gelesen und beantwortet werden konnte. Leider auch von Weltraumpiraten.
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Arnulf der Schwarze saß allein in der spartanisch eingerichteten Kantine der ‚Nasty Leech‘ und mampfte kalte Stampfkartoffeln aus einer Rationstüte. Da er sich selten um Hygiene scherte, fuhr er mit den bloßen Fingern in die knisternde Tüte und wischte die klebrigen Reste achtlos an seiner dunklen Hose ab. Wenn Arnulf der Schwarze frustriert war, begann er für gewöhnlich zu essen, weil das seine Nerven beruhigte. Und Arnulf der Schwarze war derzeit auf das Äußerste frustriert, denn die sonst so lukrative Artenjagd gestaltete sich in dieser Saison nervtötend schwierig. Es schien, als habe sich die gesamte Galaxis gegen die Weltraumpiraten verschworen, überall stießen sie auf die widerwärtig selbstgerechten Vertreter der Neuen Galaktischen Umweltbewegung, jedes System schien plötzlich vom Heiligen Geist des Artenschutzes umflort. Er fragte sich resigniert, ob es nicht besser gewesen wäre, dem Drängen seiner Mutter nachzugeben und eine Bar auf Raumstation 0916 zu eröffnen. Der Vorschlag war ihm vor einigen Monaten noch lächerlich, ja geradezu dämlich erschienen, doch mittlerweile erstrahlte er in neuem, verheißungsvollem Licht. Doch die Chance war leider vertan, Mutter hatte ihr Vermögen anderweitig investiert und Arnulf der Schwarze konnte nur hoffen, dass ihr das Glück mehr gewogen war, als ihm. Seine ausgesprochen miese Laune hätte frisch gekochten Schokoladenpudding mit Himbeersauce verdient, oder zumindest einen gehaltvollen Nudelauflauf, doch auf der ‚Nasty Leech‘ gab es statt einer anständigen Kochapparatur nur haltbare, festverschweißte Fertignahrung und so musste sich Arnulf der Schwarze mit kalten Stampfkartoffeln aus der Tüte begnügen. Als der junge Urdur plötzlich freudestrahlend in die Kantine stürmte und wild mit einem Web-Pad fuchtelte, warf Arnulf der Schwarze ärgerlich einen Brocken Kartoffelmatsch nach ihm. Urdur, der noch zu jung war, um einen zweiten Namen zu tragen und daher auf jede Möglichkeit brannte, sich mit großen Taten zu profilieren, wich dem fliegenden Batzen geschickt aus und hörte nicht auf wie ein Reaktor zu strahlen. „Volltreffer, ich hab’ einen Volltreffer!“, jauchzte er und seine Stimme überschlug sich schrill. Arnulf der Schwarze wischte die Finger an seiner Hose trocken und nahm das Web-Pad mit gerunzelter Stirn entgegen, seine tiefschwarzen Augen huschten über das Bild des Bonbonschweinchens und den farbenfrohen Anzeigentext, der Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich in rasantem Tempo. Erst lächelte er hocherfreut, dann zogen misstrauische Wolken über sein Gesicht und schließlich brannte echter Zorn in seinen Augen. „Warum kommst du damit zu mir?“, fragte er eisig, er verschränkte seine muskulösen Arme vor der massigen Brust, um seine Verstimmung zu unterstreichen. Urdur wich verunsichert zurück, offenbar hatte er mit einer anderen Reaktion gerechnet. „Ich dachte… ich dachte…“, stotterte er, doch die Worte steckten hinter seinem nervös hüpfenden Adamsapfel fest und er konnte nicht weitersprechen. „Du dachtest was? Dass du mir mit dieser billigen Fälschung den Streich deines Lebens spielen kannst? Dass ich wie ein alter Trottel zum Freudlosen laufe und mich vor ihm bis auf die Knochen blamiere, dachtest du das?“, schnappte Arnulf der Schwarze wütend. Urdur riss entsetzt die Augen auf, „Ich würde niemals…!“, begann er händeringend, doch Arnulf der Schwarze sprang wutschnaubend auf die Beine und jagte den Jungpirat unter donnernden Flüchen und harten Schlägen aus der Kantine. „Dann gehe ich eben zu jemand anderem!“, schrie Urdur beleidigt, bevor die Tür mit einem lauten Knall hinter ihm zuschnappte. „Geh zur Hölle!“, brüllte ihm Arnulf der Schwarze grimmig hinterher.

„Wie konntet ihr so etwas unfassbar Dummes tun?“ Onkel Higgard schritt energisch im vollbesetzten Gemeinschaftsraum der ‚Tumbling Dandelion’ auf und ab, sein Atem rasselte hektisch im Rhythmus seiner Schritte, ein Web-Pad wackelte in seiner zittrigen linken Hand. Auf dem zerkratzten Bildschirm des Pads war die Suchanzeige für das Bonbonschweinchen zu sehen, die seit mehreren Tagen im Space-Web kursierte und mittlerweile hunderttausende Aufrufe verzeichnete. Carmelia Bjarnsdóttir und die Zwillinge Oischen und Augrel standen mit gesenkten Köpfen in der Mitte des Gemeinschaftsraumes und starrten betreten zu Boden. „Wir…“, begann Augrel stockend, dicke Tränen tropften aus seinen Augen. „Wir wollten nur…“, führte Oischen den Satz zögerlich fort, doch dann versiegte sein Mut und er verstummte. „Es war nur gut gemeint“, flüsterte Carmelia, heiße Verlegenheit glühte rot auf ihren Wangen. „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Mittlerweile sind vielleicht schon dutzende Artenjäger hinter uns her!“, versetzte Onkel Higgard scharf und die anwesenden Erwachsenen murmelten zustimmend. „Es tut uns leid“, jammerten Augrel und Oischen wie aus einem Mund, ihre Stimmen klangen zittrig und verweint. „Natürlich tut es das“ Tante Lydden trat heran, stellte sich schützend neben die drei Beschuldigten und hob die Stimme, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Die Kinder haben einen Fehler begangen, ja. Sie schämen sich und das ist auch gut und richtig. Nun quält sie nicht weiter, sondern lasst uns gemeinsam überlegen was zu tun ist, um die ‚Dandelion‘ zu beschützen.“ „Wir setzten das haarige Biest auf dem nächsten Asteroiden aus und suchen das Weite!“, schlug Tante Krokantia prompt vor, sie hatte von Anfang an gegen das neue Haustier opponiert und witterte nun ihre große Chance. Carmelia stieß einen spitzen Schrei aus und wandte sich hilfesuchend an Tante Lydden. „Das dürft ihr nicht tun, bitte nicht!“ „Beruhige dich, Kind. Wir führen eine Diskussion, also verhalte dich dementsprechend“, sagte Tante Lydden streng und Carmelia bemühte sich nach Leibeskräften um Selbstbeherrschung. Onkel Rolaf meldete sich mit dem Vorschlag zu Wort, das Bonbonschweinchen möglichst gewinnbringend im Space-Web zu versteigern, was zögerlichen Beifall erntete und erneutes Entsetzen bei Carmelia auslöste, doch diesmal unterdrückte sie ihre Angst und schüttelte nur verzweifelt den Kopf. Tante Lydden argumentierte geschickt, das Bonbonschweinchen sei von Carmelia rechtmäßig erworben worden und man dürfe ihr den Besitz nicht einfach so wegnehmen. Sie schlug vor, stattdessen die Handelsaktivitäten der ‚Tumbling Dandelion‘ vorläufig in das nahe gelegene Schutzgebiet der Matriarchin zu verlagern, da sich die kriminellen Übeltäter dort wahrscheinlich nicht blickenlassen würden. Dieser Vorschlag gefiel Carmelia schon besser, doch die Erwachsenen zeigten sich weniger begeistert, denn die Preise waren im Schutzgebiet streng reguliert und manche Waren konnten dort überhaupt nicht verkauft werden. Die Argumente wurden hin- und hergeschoben, alte Streitigkeiten flammten neu auf, Onkel Geraldo und Tante Miranda gerieten heftig aneinander, wobei es hauptsächlich um einen seit Jahren verlorenen Schraubenschlüssel ging, doch schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Die ‚Tumbling Dandelion‘ würde umgehend in das sichere Schutzgebiet der Matriarchin fliegen, um dort nach einer neuen, besser geeigneten Heimat für das Bonbonschweinchen zu suchen. Für Carmelia bedeutete der Kompromiss Fluch und Segen zugleich, denn einerseits sah sie darin eine Chance, das Bonbonschweinchen vor seinen Feinden zu beschützen, andererseits bedeutete die Suche nach einem neuen Lebensraum aber auch eine Trennung für immer und Carmelia mochte sich nicht ausmalen, ihr geliebtes Hjarta wegzugeben.
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Warkus der Freudlose saß angespannt im schwarzlackierten Kommandostuhl der ‚Nasty Leech’ und kaute an seinen Fingernägeln, ohne es zu bemerken. „Wie lange noch bis zum Kontakt?“, fragte er, seine Stimme klang angespannt und gereizt. „Kontakt in zehn Minuten“, antwortete Arnulf der Schwarze verdrossen, seine Laune hatte sich in den letzten Tagen rapide verschlechtert, denn der junge Urdur hatte natürlich jedem, der es hören wollte, von seinem paranoiden Kontrollverlust in der Kantine erzählt und die anderen Piraten ließen ihn diesen peinlichen Fauxpas gehörig spüren. „Störfrequenz aktivieren, Laserkanonen laden, Enterhaken ausrichten“, befahl der alte Weltraumpirat und spuckte gedankenlos ein abgebissenes Stück Fingernagel auf den Fußboden. Martjen der Denker gab seine Anweisungen über eine altmodische Sprechanlage weiter an die betreffenden Stationen im Bauch des getarnten Kampfschiffes. Warkus der Freudlose rieb mit den Fingern über seine brennenden Augen und bemühte sich konzentriert zu bleiben, doch seine verfluchten Hämorrhoiden juckten schrecklich und im Rücken zwickte ein alter Bandscheibenvorfall, der sich immer dann bemerkbar machte, wenn er über einen zu langen Zeitraum zu nachlässig mit sich selbst war. Er fand keine bequeme Sitzposition auf dem harten, unbequemen Kommandostuhl und wünschte sich nichts sehnlicher als ein Sitzkissen und eine kühlende Salbe, wobei er das selbst unter schwerer Folter niemals zugegeben hätte. Der Graupapagei schnappte liebevoll nach seinem Ohrläppchen und krächzte: „Alles klar, Boss? Möchtest du ein fröhliches Liedchen hören? Schööön ist es ein Pirat zu sein…“ „Ruhe jetzt, verflucht“, knurrte Warkus der Freudlose und seine schwarzgefärbten Zähne knirschten gefährlich. Der elende Vogel gehorchte ausnahmsweise, sein krummer Schnabel klappte zu und er saß still wie eine ausgesprochen hässliche Statue. Warkus der Freudlose trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Armlehne und unterdrückte ein Seufzen. „Wie lange no…“, begann er zu fragen, „Kontakt in sechs Minuten“ , fiel ihm Arnulf der Schwarze unhöflich ins Wort. Warkus der Freudlose runzelte irritiert die Stirn und maß Arnulf den Schwarzen mit einem langen, finsteren und ausgesprochen abschätzigen Blick, der nichts Gutes verhieß. Martjen der Denker beobachtete das Geschehen mit tückischem Grinsen, vielleicht war die Zeit bald reif für einen langersehnten Personalwechsel, dachte er begehrlich.
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Im Gemeinschaftsraum der ‚Tumbling Dandelion‘ war man gerade damit beschäftigt die Strafaufgaben zu besprechen, die den Kindern für ihre große Dummheit auferlegt werden sollten und die in großen Teilen aus extra Putz- und Küchendienst bestanden, als plötzlich ein grässliches, metallisch hartes Geräusch die erlahmende Diskussion zerriss. Ein kräftiger Ruck ging durch das gesamte Frachtschiff, Sirenen schrillten, Warnlichter flackerten. „Das ist ein Angriff!“, schrie jemand entsetzt und als wäre das ein Signal, stürmten alle zur Tür hinaus. Carmelia Bjarnsdóttir und die Zwillinge wurden fast von der Menge zerquetscht, so kopflos verhielten sich manche Erwachsene in der ausbrechenden Panik. Oischen schrie hysterisch und Augrel jammerte, er wolle nie wieder irgendetwas böses tun. Carmelia war es schließlich, die tapfer durch die schubsenden Leiber drängte und die Geschwister in eine sichere Ecke des Raumes zog. Atemlos lauschte sie den beklemmenden Sirenen, ihre Augen weit aufgerissen, der Mund angstverzerrt. Augrel klammerte sich schutzsuchend an den Ärmel ihres Pullovers, während Oischen halbherzig versuchte sich loszureißen. „Ich muss helfen“, keuchte er theatralisch, doch Carmelia schüttelte nur stumm den Kopf und hielt den Jungen so fest an sich gedrückt, dass die Knöchel ihrer Finger weiß hervortraten. Angst strich mit langen, spitzen Fingernägeln ihren Rücken entlang und lähmte ihre Gedanken, bis ihr heißkalt das Bonbonschweinchen in den Sinn kam, das zwei Decks entfernt in einem großen, selbstgebauten Kleintierstall saß und völlig schutzlos dem Überfall ausgeliefert war. Carmelia blinzelte entsetzt und stürzte aus dem Besprechungsraum, Augrel und Oischen zerrte sie entschlossen hinter sich her, sie wollte die Zwillinge für keine Sekunde aus den Augen verlieren. Im Korridoren schrillten die Sirenen ohrenbetäubend laut, grelle Warnlichter blinkten und verwandelten den langen Gang in eine flackernde Röhre aus Licht und Finsternis. Carmelia schluckte einen dicken Angstkloß hinunter, der wie ein erstickender Klumpen in ihrem Hals feststeckte und hastete zielstrebig zu einem nahegelegenen Wartungsschacht. „Ich kenne eine Abkürzung zu Hjarta“, stieß sie gepresst hervor, kalter Schweiß perlte von ihrer Stirn, ihr Herz raste. „Lass mich endlich los“, quengelte Oischen ungehalten, Carmelia fuhrt zu ihm herum und wollte schreien, er solle endlich still sein und tun, was sie verdammtnochmal sagte, doch stattdessen brach sie ganz unvermittelt in Tränen aus. „Das ist alles meine Schuld“, wisperte sie verzweifelt, ihre Stimme war kaum mehr als ein piepsiges Flüstern, das im Lärm der Sirenen unterging. „Alles, alles meine Schuld!“ Carmelia schluchzte herzzerreißend, die Tränen stürzten in regelrechten Wasserfällen aus ihren glasig schimmernden Augen. Oischen stand wie vom Donner gerührt im grellen Stakkato der blinkenden Warnlichter und betrachtete Carmelia mit einer Mischung aus Sorge und Entsetzen, während Augrel sich nur noch fester an ihren Ärmel drückte und hemmungslos mitweinte. „Och Carmy, red’ doch keinen solchen Mist. Komm, holen wir dein blödes Schweinchen“, sagte Oischen schließlich betont lässig und kletterte rasch in den Wartungsschacht, weil er nicht wußte, wie er sonst auf die Situation reagieren sollte.
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„Wie geht es voran?“ Warkus der Freudlose ruckelte verhalten im unliebsam gewordenen Kommandostuhl hin und her, um den brennenden Hämorrhoidenjuckreiz möglichst unauffällig zu mildern. „Enterhaken in Position“, brummte Arnulf der Schwarze unfreundlich. „Bereitmachen zum Entern“, befahl Warkus der Freudlose, er drückte den verspannten Rücken durch, bis die Wirbel zwischen seinen Schulterblättern hörbar knackten und die Andeutung eines Lächelns stahl sich auf sein verlebtes Gesicht; egal wie schlecht seine Laune auch sein mochte, ein Überfall hob garantiert die Stimmung. Der Graupapagei erwachte aus seiner eigentümlichen Erstarrung und sträubte aufgeregt das Gefieder, „Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“, skandierte er begeistert, doch niemand schenkte ihm Beachtung. „ Der Entertrupp steht bereit, oh Kapitän!“, verkündete Martjen der Denker und knallte übertrieben zackig die Hacken zusammen, Arnulf der Schwarze warf ihm einen ärgerlichen Seitenblick zu und rollte genervt mit den Augen, doch der Denker scherte sich nicht darum. Er war mit Feuereifer bei der Sache, um Arnulf den Schwarzen möglichst schlecht dastehen zu lassen und er hatte nichts dagegen, wenn dieser das auch wusste. Warkus der Freudlose ignorierte den kleinlichen Machtkampf seiner Untergebenen und gab mit einer fast beschwingten Handbewegung das Signal zum Angriff. Er dachte zufrieden, dass es im ganzen Universum nichts Schöneres gab, als einen simplen Raubüberfall.
„Abbruch! Abbruch!“, brüllte Arnulf der Schwarze plötzlich in die rosarote Zufriedenheitswolke des bejahrten Schurken hinein und bevor dieser noch fragen konnte, was zur Hölle nun wieder nicht stimmte, erschütterte eine schwere Explosion die ‚Nasty Leech‘ und riß ihn vom Kommandostuhl, als wäre er ein welkes Blatt im Sturm. Der Graupapagei flatterte kreischend durch die Luft und überschüttete alle Anwesenden mit derben Verwünschungen. Warkus der Freudlose rappelte sich ächzend zurück auf die Beine und wankte zu Arnulf dem Schwarzen, der sich leichenblass über die blinkenden Instrumententafeln beugte. „Was ist verdammtnochmal los?“, schrie er zornig, während das Schiff unter seinen Füßen bockte und vibrierte, als wolle es auseinanderbrechen. „Die ‚Driftwood‘ hat sich an Steuerbord enttarnt und das Feuer eröffnet!“, brüllte Arnulf der Schwarze nicht minder aggressiv, eine weitere Explosion rüttelte die ‚Nasty Leech‘ kräftig durch, gleißende Funken spritzten aus platzenden Energieleitungen und verglühten auf dem Boden. „Enterhaken lösen und Ausweichmanöver einleiten! Feuer frei aus allen Rohren! Schießt diese Bastarde aus dem Weltraum!“ Warkus der Freudlose tobte vor Wut, Speichel spritzte von seinen Lippen, seine Augen irrlichterten über die unzähligen rotleuchtenden Anzeigen, während er wie rasend zu erfassen suchte, was eigentlich gerade geschehen war. „Die ‚Tumbling Dandelion‘ nimmt Fahrt auf. Sie versucht zu fliehen“, rief Arnulf der Schwarze und deutete aufgeregt auf seine Instrumente. „Um den scheiß Frachter kümmern wir uns später. Jetzt haben wir eine Rechnung zu begleichen“, knurrte Warkus der Freudlose und fletschte rachsüchtig die schwarzen Zähne, peinliche Fragen rasten unkontrolliert durch seinen adrenalingepeitschten Schädel. Wie war es der verdammten ‚Driftwood‘ nur gelungen, sich völlig unbemerkt an die ‚Nasty Leech‘ heranzuschleichen? Und warum, bei allen sieben Höllen, hatte er nicht rechtzeitig bedacht, dass auch andere Piratenschiffe Jagd auf dieses verlockende Ziel machen würden und entsprechende Vorbereitungen getroffen? War er wirklich so behäbig und stumpf geworden, dass selbst ein einfacher Überfall wie dieser unvermeidlich schiefgehen musste? „Wie ist unser Status?“, verlangte er barsch zu wissen, um sich aus dem selbstmitleidstriefenden Fragenstrudel zu befreien. „Schwere Schäden am Plünderungsmodul, kein Kontakt zum Entertrupp“, keuchte Martjen der Denker, er blutete aus einer schlimmen Kopfwunde und konnte sich offenbar kaum auf den Beinen halten. „Verdammte Kacke!“, brüllte Warkus der Freudlose, jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht, die Haut wirkte aschfahl und fast durchscheinend, blaue Adern traten unter seinen Augen hervor und verliehen ihm das maskenhafte Aussehen eines Totenschädels. „Die ‚Driftwood‘ hat das Feuer eingestellt und bittet um ein Gespräch. Soll ich die Verbindung herstellen?“, fragte Arnulf der Schwarze und Warkus der Freudlose dachte grollend, er würde lieber nackt aus der nächstbesten Luftschleuse springen, als auch nur ein einziges Wort mit dem Kapitän der ‚Driftwood’ zu wechseln. Trotzdem nickte er und grollte ein mürrisches „Meinetwegen“, denn er brauchte die Atempause dringend, um eine Strategie zu überlegen. Wenige Sekunden später starrte er in das goldbärtige Gesicht von Helge dem Schönen, der genüsslich eine dicke Zigarre paffte und herablassend grinste. „Grüß dich, Warkus. Nett, dich zu sehen. Wie geht es dir?“ Helge der Schöne blies dicke Rauchkringel und schmatzte genüsslich, doch Warkus der Freudlose legte keinen Wert auf leichte Konversation. „Was soll diese verkackte Kackscheiße?“, brüllte er hitzig und ballte angriffslustig die beringten Fäuste, seine Nasenflügel bebten, die Muskeln an seinem Hals traten deutlich hervor. „Na, na, na. Warum so unhöflich?“, tadelte der Schöne und schürzte gekünstelt die vollen Lippen. Warkus der Freudlose hätte ihn am liebsten durch den Bildschirm hindurch erwürgt. „Was willst du, Saftsack?“, knurrte er und versuchte nicht seine Mordlust zu verstecken. „Ich habe dir ein Angebot zu unterbreiten“, antwortete sein Gegenüber gestelzt und blies noch mehr Rauchkringel in die Luft. „Reichlich spät dafür, findest du nicht?“, erwiderte Warkus der Freudlose trocken, doch Helge der Schöne schüttelte nur lachend den Kopf. „Für ein gutes Angebot ist es nie zu spät, oder?“, erwiderte er augenzwinkernd. „Jetzt rück’ schon endlich raus mit der Sprache. Was willst du?“, donnerte Warkus der Freudlose, dessen hauchdünner Geduldsfaden endgültig zu zerreißen drohte. „Ich biete dir an, dich der Neuen Galaktischen Umweltbewegung anzuschließen, mein Lieber“, verkündete Helge der Schöne und sog ausgiebig an seiner Zigarre. „Du machst wohl Witze. Hahaha!“ Warkus der Freudlose versuchte abfällig zu lachen, doch es klang selbst in seinen Ohren erschreckend schrill. „Soll das etwa heißen, du hängst jetzt am Milchbusen der Matriarchin?“, versetzte er betont ätzend. „Aber nicht doch, mein Bester. Ich stehe immer auf Seiten der Gewinner, wie du weißt. Aber wo stehst du? Die Matriarchin hat ein Kopfgeld auf Typhoid Beetlebottle ausgesetzt und auf jeden, der für ihn arbeitet. Wegen anhaltender Grausamkeit und Erregung Interplanetarischen Ärgernisses, du verstehst? Sie hat die Unterstützung des Präsidenten der Vereinten Gasriesen und selbst die königliche Familie von Farn steht hinter ihr. Ich rate dir also, lass ab von dieser albernen Jagd und schließe dich der Bewegung an, wir können dich und dein Schiff gut gebrauchen. Also, was sagst du?“ Warkus der Freudlose brauchte keine zehn Sekunden, um eine Entscheidung zu fällen. „Nur über meine Leiche“, war alles, was er zornesbleich erwiderte.
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„Was geschieht jetzt?“ Carmelia Bjarnsdóttir drängte sich zusammen mit Augrel und Oischen um einen tragbaren Mini-Bildschirm, der über ein Wirrwarr an Kabeln mit einer Außenkamera der ‚Tumbling Dandelion‘ verknüpft war und unscharfe, grässlich verschwommene Aufnahmen des Weltraums zeigte. Augrel war auf die zündende Idee gekommen, einen alten Bildschirm aus dem Schulbestand mit einer Außenkamera zu verbinden und scheinbar war er auch der einzige, der etwas konkretes in den verrauschten Bildern erkennen konnte. „Die Piratenschiffe kämpfen gegeneinander!“, erklärte er begeistert das flimmernde Schneetreiben und Carmelia fragte sich zum wiederholten Mal, ob er sich das alles nicht nur ausdachte, um von der schrecklichen Realität des Angriffs abzulenken. Sie selbst jedenfalls konnte nur mit Sicherheit sagen, dass sie versteckt in einem schwer zugänglichen Winkel der ‚Tumbling Dandelion‘ hockte und sich fühlte wie ein hilfloser Wurm an der Angel. Ängstlich streichelte sie das flauschige Bonbonschweinchen, das ruhig in ihren Armen lag, selbst das kleine Tierchen schien die Gefährlichkeit der Situation zu durchschauen, es verhielt sich ungewöhnlich still und schnurrte nicht. Ein neuerlicher Ruck durchlief die ‚Tumbling Dandelion‘ und rüttelte die Kinder kräftig durch, Oischen und Carmelia wimmerten verängstigt, doch Augrel stieß einen begeisterten Schrei aus. „Wir beschleunigen!“, jubelte er entzückt und Oischen seufzte so erleichtert, als wäre eine zentnerschwere Last von seiner Brust gefallen und er könnte endlich wieder frei atmen. „Bist du ganz sicher?“, fragte Carmelia skeptisch, obwohl auch sie durch ihre Füße spüren konnte, dass sich die ‚Tumbling Dandelion‘ schneller bewegte und ein Anflug von Hoffnung ihr Herz durchströmte. „Natürlich bin ich sicher, du stinkiger Hirnfurz“, antwortete Augrel prompt, er streckte die Zunge weit heraus und machte „Bäh“. Kaum wähnte er die Gefahr gebannt, war er schon wieder zu Scherzen aufgelegt, seine schreckliche Todesangst und die vielen Tränen schienen vergessen.
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Arnulf der Schwarze lag röchelnd auf dem Rücken und starrte mit weit aufgerissenen Augen in das heitere Antlitz von Martjen dem Denker, der lächelnd über ihm kniete und aussah, als käme er frisch aus dem Schlachthaus. „Weg von mir“, keuchte Arnulf der Schwarze unter großer Anstrengung, obwohl Martjen der Denker keine Anstalten machte, ihm auch nur ein Haar zu krümmen. Dem Denker genügte es, Arnulf dem Schwarzen beim Sterben zuzusehen. Das Atmen bereitete dem Schwerverletzten immer größere Schmerzen, er kämpfte verbissen gegen eine Ohnmacht an, denn er wusste instinktiv, dass er nicht wieder erwachen würde, wenn er jetzt die Augen schloss. Eine schreckliche Explosion in einer Instrumententafel hatte seinen Brustkorb zerschmettert und er fühlte sich von Minute zu Minute schwächer werden, bleierne Erschöpfung drückte ihn nieder, sein Sichtfeld verengte sich, sodass er kaum noch wahrnehmen konnte, was um ihn herum geschah. Kraftlos hob er die rechte Hand, um Martjen den Denker von sich zu stoßen, doch dieser lächelte nur unergründlich und wich nicht von seiner Seite. Arnulf der Schwarze starb mit einem Zittern und Martjen der Denker dachte hochzufrieden, dass ihm der missglückte Angriff auf den verdammten Raumfrachter gleich zwei unliebsame Konkurrenten vom Hals geschafft hatte, denn das Plünderungsmodul war bei dem hinterhältigen Angriff der ‚Driftwood’ mit Mann und Maus vernichtet worden und auch Rivien der Tänzer hatte sein eisiges Grab im Weltraum gefunden. Der Denker erhob sich von den Knien und bedachte Arnulf den Schwarzen mit einem letzten, nahezu freundschaftlichen Blick, dann wandte er sich erwartungsvoll Warkus dem Freudlosen zu, der mit starrer Miene im Kommandostuhl hockte und die qualvolle Todesszene reglos mitangesehen hatte. Der Kampf gegen die ‚Driftwood‘ war überstanden, das feindliche Kampfschiff lag in tausend Trümmern, Helge der Schöne und seine auf ewig verfluchte Mannschaft hatten den schändlichen Angriff auf die ‚Nasty Leech‘ mit dem Leben bezahlt, doch Warkus der Freudlose fand keine Befriedigung in einem Sieg, der so bitter schmeckte wie dieser. Ein Teil seiner Mannschaft war tot oder schwer verwundet, sein Kampfschiff hatte nicht unerhebliche Schäden davongetragen und die Reparatur würde horrende Kosten verursachen – von seinem möglicherweise irreparabel angeknacksten Ego ganz zu schweigen. Warkus der Freudlose befahl mit monotoner Stimme die Toten zu bestatten und die Verfolgung der ‚Tumbling Dandelion‘ aufzunehmen, dann zog er sich mitsamt Papagei in sein Quartier zurück, weil er das grässlich zufriedene Grinsen von Martjen dem Denker nicht mehr länger ertragen konnte.
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Auf der ‚Tumbling Dandelion‘ versuchten Mjaja und Tante Lydden eine nervlich zerrüttete Carmelia Bjarnsdóttir in den Schlaf zu singen, obwohl beide ausgesprochen schlecht dafür geeignet waren. Sie trafen keinen Ton gerade, sangen zittrig und schief und vergaßen ständig den Text, doch ihr fürchterlicher Gesang klang in den Ohren des aufgewühlten Mädchens nach familiärer Geborgenheit und Frieden. Carmelia rollte sich in der Schlafkoje zusammen und kuschelte sich eng an das kleine Bonbonschweinchen, das zufrieden an ihrer Seite schwebte und beruhigend schnurrte. Langsam sickerten all die giftigen Panikgefühle und Ängste aus ihren Gedanken, sie wurde ruhiger und konnte endlich ein wenig entspannen. Ihre Augenlider wogen unsagbar schwer, sie glitt immer weiter über den Rand der Träume hinaus und hatte doch das eigenartige Gefühl, hellwach in der Koje zu schweben und dem schrecklich-schönen Gesang ihrer Familie zu lauschen. Die Realität verschwamm mit undurchsichtigen Traumschlieren, Carmelia dachte benommen, dass sie nun wahrscheinlich bald einschlafen würde und im selben Augenblick hatte der Schlaf sie verschluckt. Sie träumte von flackernden Lichtern und heulenden Sirenen, kletterte einen schier unendlich tiefen Wartungsschacht hinunter, der bis zum Spezialitätenmarkt von Landarion führte und stritt dort mit Mjaja um die besten Süßigkeiten, die sie partout nicht teilen wollte, bis urplötzlich ein mitternachtsschwarzes Piratenschiff am Himmel erschien und mit riesigen Kanonen in die Marktstände schoss. Carmelia wollte weglaufen, doch ihre Beine bewegten sich nur schwerfällig, die Luft schien plötzlich zäh wie Kuchenteig und sie kam keinen Meter voran. In ihrem Rücken hörte sie das garstige Raumschiff näher kommen, es brüllte und gebärdete sich wie ein hungriges Raubtier und Carmelia glaubte, seinen heißen Atem im Nacken zu spüren, sie rannte mit aller Kraft und kam trotzdem kaum von der Stelle, sie strampelte und schrie laut um Hilfe, doch aus ihrem Mund kam nur ein heiseres Krächzen. Carmelia erwachte schweißgebadet und schnappte erschrocken nach Luft, es dauerte einige Herzschläge, bis sie verstand, dass sie sicher in ihrer Schlafkoje schwebte und nicht von einem blutrünstigen Piratenschiffmonster verfolgt wurde. Benommen liebkoste sie das kleine Bonbonschweinchen, das schmatzend das Mäulchen öffnete und herzallerliebst gähnte. „Was für ein mieser Traum“, flüsterte Carmelia, sie schüttelte sich, um die unangenehmen Bilderfetzen abzustreifen, dann löste sie die Schlafgurte und glitt aus der Koje. Im schwerelosen Schlafquartier der ‚Tumbling Dandelion‘ herrschte ungewöhnliche Stille, alle anderen Kojen waren unbelegt, was ausgesprochen ungewöhnlich war. Carmelia runzelte beunruhigt die Stirn, der angstdurchtränkte Gedanke schoss durch ihren Kopf, sie wäre ganz allein auf dem großen Frachtschiff und alle anderen längst von den Piraten entführt. Natürlich wusste sie instinktiv, dass dieser Gedanke blanker Unsinn und ein Auswuchs ihrer Fantasie war, trotzdem konnte sie nicht anders, ihre Hände wurden schwitzig und feucht, ihr Atem ging schneller, das Herz pochte hart in ihrer Brust. Carmelia holte rasch das verschlafene Bonbonschweinchen aus der Koje und schwebte aus dem Schlafquartier. Auf dem Korridor stieß sie beinahe mit Onkel Rolaf zusammen, der sich nur kurz entschuldigte und dann hastig in Richtung Maschinenraum rannte. Carmelia sah ihm mit wachsender Besorgnis hinterher und beschloss spontan zum Koordinationszentrum zu gehen, um, wenn möglich, ein paar Informationen aufzuschnappen. Unterwegs begegnete sie nur wenigen Erwachsenen, die ihr jedoch kaum Beachtung schenkten und eilig durch die Korridore liefen. Carmelia fühlte sich unangenehm an den schrecklichen Tag erinnert, an dem Landarion angegriffen und vernichtet worden war, die Stimmung knisterte ähnlich angespannt und das Mädchen begriff schaudernd, dass es diesmal nicht um einen fremden Planet ging, der in Todesgefahr war, sondern um die ‚Tumbling Dandelion‘ selbst.
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Warkus der Freudlose brütete schlechtgelaunt über einem seitenlangen Schadensbericht, den seine Mannschaft in den vergangenen vierundzwanzig Stunden aufgelistet hatte; mit jedem Posten wuchsen die Reparaturkosten weiter ins Unermessliche und er fragte sich resigniert, wer das alles verdammtnochmal bezahlen sollte. Die Jagd nach dem Bonbonschweinchen drohte zum Fiasko zu werden und er sah keine Möglichkeit, diesen Rückschlag wieder wettzumachen. Warkus der Freudlose dachte zynisch, dass zumindest die Personalkosten drastisch gesunken waren, doch der Gedanke hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack, er hatte wichtige Leute verloren und auch die mussten irgendwie ersetzt werden. Schwermütig sackte er über seinem Arbeitstisch zusammen und barg das Gesicht in den Händen, um nichts mehr sehen zu müssen. „Lass den Kopf nicht hängen, Boss!“ Der garstige Graupapagei stakste ungelenk über den Tisch und beäugte den niedergeschlagenen Weltraumpirat aus glitzernden Augen. „Ich kenne einen Witz, der wird dich im Handumdrehen wieder aufmuntern!“ „Verschone mich mit deinen Witzen“, murmelte Warkus der Freudlose, ohne das Gesicht aus den Händen zu nehmen, doch der Graupapagei stieß nur ein eigentümliches Krächzen aus, das ganz wie gehässiges Kichern klang und kreischte unerbittlich, „Also, was ist bunt und rennt über den Tisch? Na? Ein Fluchtsalat!“ „Oh, bitte“, stöhnte Warkus der Freudlose, während sich der Papagei vor Lachen überschlug und über den Tisch kullerte. „Okay, okay. Wie findest du den: Was ist weiß und stört beim Essen? Hä? Eine Lawine!“ Warkus der Freudlose hob wie in Zeitlupe den Kopf und starrte den plappernden Vogel aus hasserfüllten Augen an. „Du hast in deinem ganzen, verschissenen Leben noch keine Lawine gesehen“, knurrte er aus tiefster Kehle. „Hey Boss, was macht ein Pirat am Computer? Na? Er drückt die Entertaste! Hahaha!“ Warkus der Freudlose stieß einen gutturalen Schrei aus und stürzte sich auf den Graupapagei, der lauthals kreischend in die Luft flatterte und geschickt den schwerfälligen Hieben des alten Recken auswich. Der elende Vogel umflog seinen tobenden Herrn in wilden Kreisen und amüsierte sich köstlich. „Wenn ich kurz unterbrechen dürfte…“ Martjen der Denker stand in der Tür und beobachtete die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tier mit unverhohlener Süffisanz. Warkus der Freudlose erstarrte in der Bewegung und errötete peinlich berührt, er fühlte sich ertappt und versuchte die Situation mit aufgesetzter Grobheit zu überdecken. „Kannst du nicht anklopfen?“, fauchte er zornig, doch Martjen der Denke zuckte nur mit seinen überbreiten Schultern und schob kokett die Unterlippe vor. „Was willst du?“, fragte Warkus der Freudlose unfreundlich, er setzte sich zurück an den Arbeitstisch und nahm den Schadensbericht zur Hand, um beschäftigt zu wirken. Der Graupapagei flatterte zurück auf seine Schulter, als wäre nichts gewesen. „Ich habe schlechte Neuigkeiten“, begann Martjen der Denker und Warkus der Freudlose dachte bitter, dass er eigentlich nichts anderes erwartet hatte, „die ‚Tumbling Dandelion‘ fliegt zur Schutzzone der Matriarchin und sie ist überraschend schnell. Wir sind ihr zwar auf den Fersen, doch unser Antrieb ist beschädigt und gibt vielleicht nicht genug her. Den Berechnungen zufolge wird es ein knappes Rennen.“ Warkus der Freudlose nickte und hüllte sich in undurchsichtiges Schweigen, Martjen der Denker deutete die Stille falsch und hielt den Moment für geeignet, einen Vorstoß zu wagen. „Wenn ich vielleicht vorschlagen dürfte, eine neue Strategie bezüglich der…“, begann er vorsichtig, doch Warkus der Freudlose preschte gnadenlos dazwischen, „Was für eine neue Strategie? Es gibt keine neue Strategie!“, schrie er und schleuderte den Schadensbericht quer durch das Quartier. „Naja…“ Martjen der Denker druckste unsicher herum, doch dann wagte er den Sprung nach vorn, „das Kopfgeld auf Typhoid Beetlebottle ist tatsächlich recht ansehnlich und die Matriarchin bietet jedem Gesetzlosen, der sich freiwillig stellt und der Neuen Galaktischen Umweltbewegung beitritt, die vollständige Begnadigung an“, sagte er und zog sicherheitshalber den Kopf ein, falls Warkus der Freudlose mit weiteren Gegenständen werfen wollte, doch der knurrte nur gereizt, dass er kein verfluchter Kopfgeldjäger sei und auch nicht vorhatte, der willenlose Lakai einer geistesgestörten Naturliebhaberin zu werden und damit war die Diskussion für ihn erledigt.
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Carmelia Bjarnsdóttir drückte sich seit Stunden möglichst unauffällig in der Nähe des Koordinationszentrums herum und lauerte auf Neuigkeiten. Sie hatte aufschnappen können, dass die Schutzzone der Matriarchin nicht mehr allzu weit entfernt war, doch das schien kein Grund zur Erleichterung zu sein, denn die Erwachsenen, die manchmal aus dem Koordinationszentrum eilten, wirkten schrecklich angespannt und hochgradig nervös. Was passierte nur hinter der verschlossenen Türe? Carmelia hätte alles gegeben, um dabei sein zu dürfen, sie überlegte in einem Anflug von kindlicher Ungeduld, einfach rundheraus anzuklopfen und nach Tante Lydden zu fragen, doch dann verwarf sie den Gedanken wieder. Die Tante hatte andere Sorgen, als sich um ihre dummen Fragen zu kümmern. „Hey Carmy“ Carmelia erschrak und ließ um ein Haar das Bonbonschweinchen fallen, das zufrieden in ihren Armen ruhte und sein Mittagessen verdaute. Sie fuhr zu Oischen herum, der wie aus dem Nichts hinter ihr aufgetaucht war und funkelte ihn zornig an. „Warum schleichst du dich so an? Willst du, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?“, entfuhr es ihr gereizt, doch Oischen ließ sich davon nicht einschüchtern. „Komm schnell mit!“ Er deutete mit hibbeligen Handbewegungen den Korridor hinunter und wackelte wichtigtuerisch mit den Augenbrauen. „Ich kann hier nicht weg. Ich muss wissen, was da drinnen geschieht“, erwiderte Carmelia und schüttelte energisch den Kopf, Oischen wackelte noch etwas intensiver mit den Augenbrauen und zog heftig am Ärmel ihres Pullovers. „Genau darum geht es doch, Augrel hatte wieder eine Spitzenidee, er bastelt schon seit Stunden! Jetzt komm schon, oder muss ich dich tragen?“ Carmelia warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick zur verschlossenen Tür, dann gab sie seufzend nach und folgte Oischen den Korridor hinunter. Oischen benahm sich ausgesprochen merkwürdig, er warf ständig misstrauische Blicke über seine Schulter und kniff argwöhnisch die Augen zusammen, deutete mehrere, in Carmelias Augen völlig sinnlose Ausfallschritte an, dann öffnete er plötzlich ruckartig die Tür zu einer Rumpelkammer und sprang hinein, Carmelia folgte ihm kopfschüttelnd und wußte nicht recht, was sie erwarten sollte. In dem vollgestopften Raum saß Augrel auf einem großen, bis auf das Gehäuse ausgeschlachteten Reinigungsroboter, dessen zylindrischer Körper bis fast unter die Zimmerdecke reichte. Er hielt das Endstück eines eigentümlich gewundenen Plastikschlauches gegen sein linkes Ohr gepresst, der nach mehreren Windungen in einem schmalen Lüftungsschlitz verschwand, und grinste wie ein Verrückter. „Es funktioniert, ich bin ein Genie!“, rief er freudestrahlend. Carmelia drückte Oischen das Bonbonschweinchen in den Arm, sie kletterte geschickt zu Augrel hinauf und sah ihn neugierig an, doch der hielt ihr nur das metallumrandete Endstück des Schlauches entgegen und grinste ununterbrochen. Carmelia überlegte nicht lange, sondern presste ein Ohr gegen das hautwarme Metall und lauschte gespannt.
„…Feuer ist unter Kontrolle, aber ich weiß nicht, wie lange die Maschinen diese Geschwindigkeit noch aushalten…“, hörte sie eine nervöse Stimme rufen, die vertraut nach Onkel Geraldo klang. Carmelia riß fasziniert die Augen auf und lauschte mit offenem Mund den Gesprächsfetzen aus dem Koordinationszentrum.
„…in Rufweite zu Grenzposten 37…“, sagte Onkel Higgard gerade, seine Stimme war kratzig und heiser, Carmelia konnte seine tiefe Erschöpfung förmlich durch den Plastikschlauch spüren.
„…Notruf absetzen. Mit etwas Glück kommen sie uns zu Hilfe…“ Das war eindeutig Tante Lydden, ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und klar.
„…die ‚Nasty Leech‘ kommt in dreißig Minuten in Reichweite…“, bemerkte Onkel Higgard gepresst, Carmelia schnappte erschrocken nach Luft, die Angst vor einem neuerlichen Angriff stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Was ist los, was passiert gerade?“ Oischen hopste aufgeregt am Fuß des Reinigungsroboters auf und nieder und winkte ungeduldig zu Carmelia und Augrel empor, doch Carmelia presste nur weiterhin ihr Ohr gegen das Endstück und antwortete nicht. Augrel zuckte ratlos mit den Achseln, um zu signalisieren, dass er nicht die blasseste Ahnung hatte. „He, das ist unfair“, klagte Oischen und zog ein Schmollgesicht, er setzte das Bonbonschweinchen in einen leeren Putzeimer und kletterte ebenfalls auf den Reinigungsroboter, der unter dem Gewicht der drei Kinder bedrohlich schwankte. „Ich will auch mal hören“, quengelte er und griff begehrlich nach dem Hörschlauch, doch Carmelia stieß ihn unwillig von sich und schnitt eine zornige Grimasse. „Hau ab!“, fauchte sie und kräuselte unwillig die Nase. „Gib schon her, du blöde Paviankönigin!“, verlangte Oischen und griff nach dem Schlauch. Eine wilde Rangelei brach aus, Carmelia trat und spuckte rücksichtslos, Oischen zog rabiat an ihren Haaren, Augrel verteilte enthusiastisch Kopfnüsse in alle Richtungen und schien sich keiner Seite anschließen zu wollen. Der Reinigungsroboter wankte heftig hin und her und kippte schließlich mit lautem Knirschen gegen die Wand, die Kinder verloren das Gleichgewicht und purzelten in einem wirren Knäuel zu Boden. „Jetzt sieh dir nur an, was du angerichtet hast!“, schrie Carmelia entsetzt, sie hielt das abgerissene Endstück des Hörschlauches in der Hand, in ihren Augen glänzten Tränen. „Das war ich nicht. Du warst das!“, gab Oischen beleidigt zurück, ein dünnes Blutrinnsal lief aus seiner Nase und er schniefte unablässig. „Hört endlich auf zu streiten und helft mir lieber, ihn wieder zu reparieren“, versetzte Augrel in einem Anflug von Weisheit, Carmelia reichte ihm beschämt das abgerissene Endstück und murmelte eine Entschuldigung.
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Martjen der Denker saß stocksteif auf seinem angestammten Platz im Kommandozentrum der ‚Nasty Leech‘ und beobachtete verstohlen Warkus den Freudlosen, der seinen inneren Schweinehund überwunden und sich zurück in den unbequemen Kommandostuhl gequält hatte, um den erneuten Angriff auf die ‚Tumbling Dandelion‘ zu befehligen. Der Denker hatte die vergangenen Stunden genutzt, um ein paar interessante Gespräche mit der Mannschaft zu führen und ein wenig auf den Busch zu klopfen, wie er es gedanklich formulierte. Standen die Piraten immer noch geschlossen hinter Warkus dem Freudlosen, oder hegten sie Zweifel an dessen Führungskompetenz? Waren sie zufrieden mit der schlechten Bezahlung und den miserablen Arbeitsbedingungen, oder hätten sie gerne eine neue, bessere Perspektive? Was hielten sie von der Idee, das Kommando der ‚Nasty Leech‘ an einen jüngeren, moderner denkenden Kollegen zu übergeben, der die Zeichen der Zeit zu deuten wusste und das Schiff in eine rosigere Zukunft führen konnte? Und wie wäre es, wenn dieser Kollege Martjen der Denker hieß? Sein Vorschlag stieß auf manch offenes Ohr, das ausschlaggebende Zauberwort lautete Amnestie und wenn es erforderlich war, dafür der Matriarchin in den Hintern zu kriechen und ihr den Kopf von Typhoid Beetlebottle zu servieren – warum nicht? Im Grunde war es doch egal, ob sie ihr Geld als Artenjäger oder Artenschützer verdienten, ausschlaggebend war, dass die Kasse am Ende des Tages stimmte. Und so saß Martjen der Denker nun wie elektrisiert auf seinem Platz und überlegte fieberhaft, wie er Warkus den Freudlosen ohne großes Risiko beseitigen und die Herrschaft über die ‚Nasty Leech’ übernehmen konnte, bevor es vielleicht zu spät war.
Warkus der Freudlose war seinerseits so beschäftigt mit all den drückenden Problemen, die schwer auf seinen gramgebeugten Schultern lasteten, dass er die veränderte Stimmung seiner Mannschaft nicht bemerkte. Wäre er nur etwas aufmerksamer gewesen, ihm wären die verstohlenen Blicke nicht verborgen geblieben, das beredte Schweigen und die fatale Anspannung, die wie eine Käseglocke über allem lag und die Luft zum Atmen schier unerträglich machte. Doch er registrierte nichts, sondern grübelte nur missmutig über seine verzwickte finanzielle Lage, während er ungeduldig darauf wartete, dass die ‚Tumbling Dandelion‘ in Reichweite der Kanonen kam. „Wie lange dauert das denn noch?“, nörgelte er ungehalten. „Wie lange? Wie lange?“, wiederholte der Graupapagei krächzend, der bis eben noch tief und fest auf seiner Schulter geschlafen hatte. „Noch fünfzehn Minuten“, antwortete ein blutjunger Pirat, der den Platz von Arnulf dem Schwarzen eingenommen hatte und an dessen Namen er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte. Wie kam es nur, dass diese Milchbubis plötzlich überall aus der Erde schossen wie Pilze, während sich die Reihen der alten Garde immer mehr lichteten? Gehörte auch er zu einer aussterbenden Art? Warkus der Freudlose wies diesen theatralischen Gedanken gereizt von sich, jetzt war nicht die Zeit für Sentimentalitäten. „Enterhaken justieren, Laserkanonen laden, bereitmachen zum Entern“, befahl er in herrischem Ton. „Die Enterhaken funktionieren nicht mehr, wir haben sie beim Kampf mit der ‚Driftwood‘ verloren“, erwiderte Martjen der Denker und hätte Warkus der Freudlose nur ein wenig besser aufgepasst, ihm wäre der eiskalte Unterton in seiner Stimme nicht entgangen. Stattdessen murmelte er nur unflätige Beschimpfungen und verlangte, dass der vermaledeite Frachter mit Waffengewalt unter Kontrolle gebracht werden musste, bevor er die Grenze zur Schutzzone erreichte. „Schießt ihren Antrieb in Stücke. Ich will dieses Schiff“, knurrte er düster, dann verfiel er in brütendes Schweigen. „Ein Patrouillenschiff der Matriarchin nähert sich mit hoher Geschwindigkeit der ‚Tumbling Dandelion‘. Geschätzte Ankunftszeit in zwanzig Minuten“, meldete der junge Pirat an den Instrumententafeln, sein großer Adamsapfel hüpfte nervös, Schweiß stand ihm auf der Stirn, sein Blick wanderte unsicher zu Martjen dem Denker, der heimlich signalisierte die Ruhe zu bewahren. „Verdammt!“, entfuhr es Warkus dem Freudlosen, zornig grub er die Hände in die Armlehnen des Kommandostuhls. „Ersuche um ein Gespräch. Vielleicht kann ich mit den Scheißkerlen verhandeln“, verlangte er mürrisch, obwohl er sich wenig Chancen auf Erfolg ausrechnete. Wenige Sekunden später erschien auf dem Bildschirm das dunkle Gesicht einer bemerkenswert attraktiven Frau Mitte vierzig, die ihn herablassend aus schwarzen Augen musterte. „Mein Name ist Sandra Opalah, ich bin die Kommandantin des Patrouillenschiffes ‚Eagle 37‘. Sie belästigen ein Raumschiff, das um den Beistand der Matriarchin ersucht hat. Hiermit teile ich Ihnen mit, dass diesem Gesuch entsprochen wurde. Die ‚Tumbling Dandelion‘ steht ab sofort unter dem Schutz der Matriarchin und wird von uns gegebenenfalls verteidigt. Brechen Sie die Verfolgung unverzüglich ab und ziehen Sie sich zurück.“ Warkus der Freudlose starrte sprachlos den Bildschirm an und rang um Fassung, er wollte, wenn möglich, eine Auseinandersetzung mit dem hochmodernen Patrouillenschiff vermeiden, doch war er nicht gewillt, auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen. Er verlegte sich auf Süßholzraspeln und hoffte richtig zu liegen. „Holde Schönheit“, begann er schwungvoll, doch die Kommandantin verdrehte entnervt die Augen und hob abwehrend die Hände. „Lassen Sie das“, entfuhr es ihr gereizt. „Ich bitte um Verzeihung“, flötete Warkus der Freudlose und deutete eine kleine Verbeugung an, „aber im Weltraum trifft man selten auf solch beeindruckend schö…“ „Ich habe gesagt, Sie sollen das lassen“, fauchte Sandra Opalah und ihre schwarzen Augen funkelten erbost. „Ziehen Sie sich sofort zurück, oder wir eröffnen das Feuer.“ „Wie wäre es, wenn Sie sich stattdessen zurückziehen und uns diesen kleinen, völlig unbedeutenden Frachter überlassen würden? Ich könnte mir vorstellen, dass sich ein solches Verhalten als durchaus lohnenswert erweist“, erwiderte Warkus der Freudlose hölzern, doch die Kommandantin schüttelte nur abweisend den Kopf und gab ein arrogantes Schnauben von sich. „Dann bleibt mir wohl keine andere Wahl, als dich zu töten, mein Täubchen“, knurrte Warkus der Freudlose ungehobelt. „Mir auch nicht“, flüsterte Martjen der Denker in seinem Rücken und drückte ein Messer gegen seinen Hals. Warkus der Freudlose erstarrte und selbst sein Herzschlag schien auszusetzen. Der Graupapagei kreischte entsetzt und flatterte hektisch davon, „Meuterei! Meuterei!“, schrie er schockiert, doch das half leider nichts. Martjen der Denker gestattete sich ein zynisches Lächeln und stach gnadenlos zu.
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Auf der ‚Tumbling Dandelion‘ sah man der Ankunft des Patrouillenschiffes mit großer Erleichterung entgegen, Carmelia Bjarnsdóttir und die Zwillinge Augrel und Oischen saßen einmütig auf dem zylindrischen Reinigungsroboter und lauschten abwechselnd den Stimmen aus dem Koordinationszentrum.
„…die ‚Nasty Leech‘ hat den Angriff abgebrochen und signalisiert ihre Kapitulation…“, verkündete Onkel Higgard gerade und die Jubelrufe aus dem Koordinationszentrum vermischten sich mit den begeisterten Schreien der Kinder.
„…sende unseren Dank an die Kommandantin der ‚Eagle 37‘, ohne ihren Beistand hätten wir das nicht überlebt…“, sagte Tante Lydden, in ihrer Stimme schwang große Erleichterung.
„Es ist vorbei!“, rief Oischen begeistert und umarmte seinen Bruder so stürmisch, dass beide vom Reinigungsroboter rutschten und in einem wirren Knäuel aus Armen und Beinen über den Boden rollten. Carmelia beobachtete die Zwillinge mit mildem Lächeln, sie fühlte sich federleicht und beschwingt, doch auch unendlich erschöpft und seltsam leer. Ihr Blick wanderte wehmütig zum Bonbonschweinchen, das zufrieden in seinem Putzeimer saß und sich ausgiebig die Vorderpfoten leckte. Sie hoffte inständig das possierliche Tierchen behalten zu dürfen, nachdem die Gefahr durch die Piraten nun abgewendet war, doch sie fürchtete, dass die Erwachsenen das möglicherweise anders sahen. „Was ist los? Freust du dich nicht?“, fragte Augrel verwundert, er kletterte zurück auf den Reinigungsroboter und sah ihr fragend ins Gesicht. „Natürlich freue ich mich“, antwortete sie nach kurzem Zögern, „es ist nur…“, sie verstummte und starrte wieder auf das geliebte Tier, ihre Gesichtszüge wurden weich. „Du hast Angst, dass du dein Schweinchen trotzdem weggeben musst, nicht wahr?“, fragte Augrel verständnisvoll. Carmelia nickte dankbar und war froh, dass er wusste was sie meinte, aber nicht ausdrücken konnte. „Ach, mach dir darüber keine Sorgen. Das kriegen wir auch noch geregelt“, versicherte Augrel gutgelaunt und grinste so liebenswürdig, dass Carmelia nicht anders konnte, als ihm zu glauben.
*
Warkus der Freudlose lag röchelnd neben dem Kommandostuhl und drückte die Hände fest gegen seinen Hals, aus dem das Blut in grellroten Fontänen schoss. Seine trüben Augen bohrten sich vorwurfsvoll in die verschwommene Silhouette von Martjen dem Denker, der entspannt im blutverschmierten Kommandostuhl lümmelte und den Sterbenden nicht weiter beachtete. „Sieht nicht gut aus, Boss!“, krächzte der Graupapagei, der wie ein gerupfter Todesengel auf der Brust des dahinsiechenden Weltraumpiraten hockte und ihn aufmerksam aus hellgelben Augen beobachtete. Warkus der Freudlose gab gurgelnde Geräusche von sich und verzog das Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse. „Mit einem Lied geht es gleich besser“, verkündete der Papagei gleichmütig und holte tief Luft. Warkus der Freudlose mobilisierte die letzten Kraftreserven, die sein sterbender Körper aufbringen konnte, seine blutüberströmten Hände schnellten vor und legten sich in tödlicher Entschlossenheit um den zerbrechlichen Körper des elenden Vogels, doch er brachte es selbst im Sterben nicht zustande, das Geschenk seiner toten Tochter zu zerstören. Seine Hände öffneten sich ein allerletztes Mal und gaben den unverletzten Papagei frei, der nur kurz sein zerdrücktes Gefieder schüttelte und dann unerschütterlich zu singen begann; doch Warkus der Freudlose hörte es nicht mehr.
*
Typhoid Beetlebottle schreckte aus tiefem Schlummer und rieb sich verwundert die Augen, ein merkwürdiges Geräusch hatte ihn aus seinen wohligen Träumen gerissen und er fragte sich schlaftrunken, ob es vielleicht sein knurrender Magen war, der ihn so plötzlich geweckt hatte. Doch das mysteriöse Geräusch entstammte nicht seinem voluminösen Körper, sondern drang durch die Wände seines luxuriösen Schlafzimmers und es klang auch mehr wie ein dröhnendes Wummern, als ein hungriges Knurren. Typhoid Beetlebottle konnte sich beim besten Willen nicht erklären, worum es sich bei diesem seltsamen Geräusch handelte. Er gähnte, streckte ausgiebig die steifen Glieder und wartete darauf, dass seine Putzermaschinchen herbeieilen und mit der Reinigung seines gewaltigen Leibes beginnen würden, doch die winzigen Maschinen ließen sich nicht blicken – und auch sonst kam niemand. Kein höfliches Klopfen ertönte an der dickgepolsterten Eingangstür, kein Butloide rollte herbei, um ein fröhliches Geburtstagsständchen anzustimmen. Typhoid Beetlebottle schwebte beunruhigt zu einer dezent beleuchteten Wandtafel und drückte auf sämtliche Knöpfe, die sein Personal verständigten, doch auch nach längerem Warten tauchte niemand auf, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen. Nur das sonderbare Geräusch erklang wieder und wieder und strapazierte seine Nerven. Angst und Zorn kämpften in Typhoid Beetlebottle um die Vormachtstellung, und da er es eher gewohnt war wütend zu werden, als sich zu sorgen, gewann der Zorn die Oberhand. Entrüstet zwängte er sich in seinen Anti-Gravitationsstuhl, sein feister Körper bebte vor Empörung, wutschnaubend schwebte er aus dem Schlafzimmer, um nach den Verantwortlichen für sein Ungemach zu suchen und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Das enervierende Wummern erklang nun lauter, schwoll an zu einem bedrohlichen Donnern und Typhoid Beetlebottle beschloss entnervt, die Suche nach seinen Angestellten auf einen späteren Zeitpunk zu verschieben und erst zu eruieren, woher dieses verdammte Geräusch nun stammte und was es zu bedeuten hatte. Das donnernde Wummern schien vom vergoldeten Eingangsportal her zu dringen, irritiert schwebte er zu einem großen Panoramafenster und glotzte nach draußen, sein grausiger Mund klappte erschrocken auf, seine Augen wurden weit. Im akkurat gepflegten Garten war eine beängstigend große Menschenmenge versammelt, viele hielten gefährlich aussehende Waffen in den Händen, manche drohten mit bloßen Fäusten oder fletschten aggressiv die Zähne, um ihre Raserei zur Schau zu stellen. Mehrere Personen drängten sich am Eingangsportal und versuchten es mit roher Gewalt zu öffnen, sie schmetterten einen Rammbock gegen die stahlverstärkten Portalflügel, der erschreckende Ähnlichkeiten mit dem silberglänzenden Butloiden aufwies und das dröhnende Wummern, das dabei entstand, drang Typhoid Beetlebottle bis in Mark und Bein. Entsetzt zuckte er vom Panoramafenster zurück, sein Herz raste, sein Atem ging schnell. Wie war es nur möglich, dass eine Horde ungepflegter, stinkender, bis auf die Zähne bewaffneter Wilder in sein streng geschütztes Anwesen vordringen konnte? Wo waren seine Leibwächter, die sich in Scharen auf die Eindringlinge stürzen und sie in Stücke reißen müssten? Typhoid Beetlebottle ahnte mit wachsender Panik, dass er von seinen Angestellten verraten und verkauft worden war, die feige Brut hatte offensichtlich die Sicherheitsanlagen deaktiviert und dann die Flucht ergriffen. Einzig der treu programmierte Butloide hatte scheinbar versucht ihn zu verteidigen und musste dafür mit seinem künstlichen Leben bezahlen. Alle anderen hatten sich gegen ihn verschworen, sogar seine mechanischen Gehilfen hatten sich aus dem Staub gemacht, doch noch ehe er daran denken konnte, sich ebenfalls zu absentieren, gab das Eingangsportal mit einem lauten Knirschen den unerbittlichen Schlägen des Butloiden-Rammbocks nach und die Menschenmenge strömte grölend ins Haus. „Wie könnt ihr es wagen mein Heim zu besudeln!“, brüllte Typhoid Beetlebottle entrüstet und sein verfettetes Herz raste so schnell wie seine galoppierenden Gedanken. Er dachte an Vergeltung und dachte zugleich an sein kostbares Leben, das sich nun plötzlich in allerhöchster Gefahr befand, mit einem dünnen Schrei wandte er sich zur Flucht, doch sein Anti-Gravitationsstuhl schwebte nur quälend langsam vorwärts und schon bald war er von Angreifern umzingelt. „Wer seinen Kopf abschlägt, erhält eine extra Prämie“, knurrte ein schmerbäuchiger Widerling grinsend und eine hagere, kahlköpfige Frau lachte irr und richtete eine riesige Pistole auf sein Gesicht, Typhoid Beetlebottle gab ein klägliches Wimmern von sich und begann hemmungslos um sein Leben zu betteln. „Ich zahle euch das Doppelte und noch viel mehr, wenn ihr mich verschont, egal wie hoch der Preis ist, ich kann ihn überbieten!“, schluchzte er verzweifelt, doch sein Flehen wurde nicht erhört. Ein breitschultriger, ungeschlachter Rohling drängte ungestüm durch die umstehenden Leiber und zückte einen entsetzlich langen Säbel. „Die ‚Nasty Leech‘ lässt freundlich Grüßen“, zischte er hämisch, der Säbel schnitt fauchend durch die Luft und Typhoid Beetlebottle fragte sich verwundert, warum er keinen Schmerz verspürte, da glitt sein Kopf langsam von seinem Hals und das letzte, was der große Feinschmecker und Vernichter unzähliger Arten sah, bevor er für immer die Augen schloss, war ein Gewirr aus dreckigen Füßen und ein grässlich verschmutzter Marmorboden.

© sybille lengauer

Geister

Veröffentlicht: März 18, 2021 in Kurzgeschichten
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Geister

Pensionär Julius Schubert schlurfte bronchitisch keuchend den schmalen Flur seiner abgewohnten Zwei-Zimmer-Wohnung entlang, die im Parterre eines ebenso heruntergekommenen Mehrfamilienhauses lag. Mit akribischer Sorgfalt berührte er die linke Wand des schlauchartigen Flures an bestimmten Stellen, an denen die vergilbte Raufasertapete bereits ganz abgewetzt und bräunlich verfärbt war von den vielen Malen, die er sie im Lauf der Jahre angefasst hatte. Manchmal musste er stöhnend auf die Knie gehen, die unter der Belastung arthritisch knackten, oder sich ächzend bis unter die dunkelgetäfelte Flurdecke recken, um gewisse Stellen der Wand erreichen zu können und dabei zählte er laut, wie oft der betreffende Fleck von seinem knorrigen Zeigefinger berührt worden war. „Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben“, haspelte er gepresst, während sein Finger in schnellem Tempo auf die abgegriffene Tapete klackte, sein Kopf ruckte vor und zurück, als wolle er das Gesprochene dadurch bestätigen, dann wandte er sich ächzend der nächsten Stelle zu. „Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben“, zählte er wieder, sein Kopf ruckte und schon quälte er sich weiter voran, immer an der Wand entlang, so ging es eine ganze Weile. Als Herr Schubert endlich am Ende des Flures angekommen war blieb er keuchend vor der Wohnungstür stehen, die durch sieben Türketten aus Nickel gesichert und fest abgeschlossen war. Er löste jede Kette, legte sie neu an, löste sie erneut und wiederholte dieses Prozedere siebenmal hintereinander, wobei er ebenfalls laut mitzählte, kaum war er fertig, bearbeitete er auch schon die rechte Wand des Flures, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap machte sein schwieliger Zeigefinger an der speckigen Tapete. Anschließend wankte er japsend in die kleine, schrecklich unaufgeräumte Einbauküche, um dort alle Herdknöpfe zu drehen, immer auf die höchste Stufe und wieder auf Null, bis er jeden Knopf sieben Mal hin und her gedreht hatte, dann öffnete und schloss er die Kühlschranktür und zählte auch dabei laut bis sieben. Mehr als eineinhalb Stunden waren auf diese Weise verstrichen, Julius Schubert lehnte sich sichtlich erschöpft gegen die schmutzstarrende Küchenspüle und warf einen besorgten Blick auf die runde Uhr aus silbernem Kunststoff, die über der Küchentür hing und unangenehm laut tickte. „Ganz unmöglich“, japste der alte Herr atemlos, sein Brustkorb pumpte von der schweren Anstrengung, seine Knie zitterten und Schweiß rann in Strömen von seiner fleckigen Stirn, „schneller schaffe ich es einfach nicht mehr.“ Die Wanduhr wackelte, fiel krachend auf den klebrigen Küchenfußboden und zerbrach in sieben Teile. Herr Schubert zuckte erschrocken zusammen, er beeilte sich die zerbrochenen Stücke aufzuheben und auf die dreckige Küchenarbeitsplatte zu legen. „Es tut mir leid, ich werde mich mehr anstrengen“, versicherte er ängstlich, doch nun öffnete sich die Besteckschublade, alle Löffel, Messer und Gabeln schossen in hohem Bogen hervor und landeten klirrend zu seinen Füßen, die in schäbigen, löchrigen Stoffpantoffeln steckten. „Bitte! Ich verspreche es“, wimmerte Julius Schubert, in seinen Augen glänzten Tränen, stöhnend bückte er sich nach dem verstreuten Besteck und packte es unsortiert zurück in die Schublade.
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Sozialarbeiter Marius Horn blätterte konzentriert in einer der zerfledderten Akten, die ihm von seiner Kollegin Myriam Schnellwasser übergeben worden waren, bevor sie sich augenzwinkernd in den langersehnten Sommerurlaub verabschiedet hatte. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn las er ihre lückenhaften Einträge und lieblos formulierten Notizen über einen gewissen Julius Schubert (71 Jahre alt, alleinstehend), den er stellvertretend für Frau Schnellwasser betreuen sollte, bis diese in drei Wochen von den Kanarischen Inseln zurückgekehrt war. „Schwierig, schwierig“, murmelte Marius Horn, während er in einem Gutachten über Herrn Schuberts psychischen Zustand blätterte. Er griff nach seiner übergroßen Kaffeetasse, auf der in kindlich gekrakelten Buchstaben ‚Für den bestesten Papi der Welt‘ geschrieben stand und trank einige Schlucke lauwarmen Kaffee, ohne von den eng beschriebenen Seiten aufzuschauen. Was er las, ließ ihn zu der unangenehmen Überzeugung gelangen, dass man einen Fall wie Herrn Schubert, der offenbar glaubte von zwei bösen Geistern verfolgt und beherrscht zu werden, deutlich engmaschiger Betreuen müsste, als das bisher unter der Obhut von Frau Schnellwasser geschehen war. Übellaunig wünschte er der arbeitsscheuen Kollegin die Pest an den Hals oder zumindest einen möglichst unerfreulichen, weil verregneten Urlaub. Er beschloss Herrn Schubert schnellstmöglich zu kontaktieren, um einen besseren Einblick in dessen psychische und physische Verfassung zu erlangen und gegebenenfalls weitere Unterstützungsmaßnahmen in die Wege zu leiten und genau so schrieb er es auch in die Akte.
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Julius Schubert schrak wimmernd aus seinem wohlverdienten und ebenso wohlbenötigten Mittagsschläfchen, das er täglich zwischen zwölf und dreizehn Uhr dreißig zu absolvieren pflegte, sofern es die Geister gestatteten. Unentwegtes Klingeln an der Wohnungstür ließ ihn stöhnend von der abgewetzten Wohnzimmercouch auffahren und hektisch die dünne Sofadecke von sich werfen, in die er sich wie in einen fadenscheinigen Kokon eingewickelt hatte. „Einen Moment“, rief er halb schlafend, halb wachend und rieb mit seinen schwieligen Händen kräftig über sein runzliges Gesicht, um die lähmende Müdigkeit aus seinen Knochen zu vertreiben, dann schlüpfte er mit ungelenken Bewegungen in seine löchrigen Pantoffeln, schlurfte auf schmalen Pfaden aus dem altmodisch möblierten Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Zimmerdecke mit windschiefen Zeitungs- und Bücherstapeln vollgestopft war und wankte eiligen Schrittes in den schmalen, dunklen Flur.
Marius Horn, der sich nach unzähligen erfolglosen Versuchen Herrn Schubert telefonisch zu erreichen zu einem persönlichen Kontrollbesuch entschlossen hatte, nahm zufrieden grunzend den Daumen vom rostigen Klingelknopf, als er das Rumoren des Alten aus dessen Wohnung vernahm. Er hatte die Eingangstür des heruntergekommenen Mehrfamilienhauses unverschlossen vorgefunden und Herrn Schuberts Wohnung ohne Schwierigkeiten ausmachen können, bewaffnet mit einer dicken kunstledernen Aktentasche und einer großen Portion künstlich aufgesetztem Enthusiasmus wartete er im schlecht beleuchteten Stiegenhaus, in dem es intensiv nach einer Mischung aus dreckigen Windeln, Kohlgemüse und saurem Achselschweiß roch. Angestrengt lauschte er auf die Geräusche, die aus der Wohnung an seine neugierig gespitzten Ohren drangen, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap, hörte er leise, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap und Herr Horn hätte schwören können, manchmal gequältes Wispern zu vernehmen. „Geht es Ihnen gut, Herr Schubert?“, rief der Sozialarbeiter ehrlich besorgt. „Nur – einen – Augenblick!“, keuchte eine dünne, zittrige Stimme zur Antwort. Fünfundzwanzig Minuten später stand Marius Horn noch immer im stinkenden Stiegenhaus und wartete; den Blick zähneknirschend auf seine digitale Armbanduhr geheftet. Ein plötzliches Schaben und Kratzen ließ ihn aufmerken, er hörte wie eine Türkette ratschend zurückgezogen wurde und holte schon hoffnungsvoll Luft, um Herrn Schubert mit einem Schwall warmer Worte zu begrüßen, wenn dieser endlich die verdammte Tür öffnete, doch sein vorschneller Optimismus verpuffte ebenso wirkungslos wie sein angestauter Atem, denn die Wohnungstür blieb auch weiterhin fest verschlossen und nur das ratschende Geräusch wiederholte sich mit enervierender Regelmäßigkeit. Endlich, nach zehn weiteren, quälend langsam verstreichenden Minuten, öffnete ein zutiefst erschöpfter und leichenblasser Julius Schubert die Wohnungstür, benommen von der kräftezehrenden Anstrengung taumelte er in die weichen Arme des überraschten Sozialarbeiters. Marius Horn konnte den zittrigen Alten gerade noch auffangen und einen schweren Sturz verhindern, erschrocken fühlte er während der unfreiwillig innigen Umarmung, wie knochig und fragil der alte Herr unter seiner zerlumpten Kleidung war. Vorsichtig führte er Herrn Schubert zurück in dessen düstere Wohnung, geleitete ihn durch den langgezogenen Flur bis in das chaotisch vollgestopfte Wohnzimmer, wo er ihn behutsam auf die schmuddelige Couch verfrachtete und endlich die Zeit fand, sich förmlich vorzustellen. Julius Schubert versuchte den hilfsbereiten Sozialarbeiter angemessen zu begrüßen, doch ihm fehlte der nötige Atem, japsend lehnte er in einer Ecke der Couch und rang nach Luft, seine Lippen waren stark bläulich verfärbt, seine Augen quollen weit hervor, instinktiv presste er die rechte Hand auf die Brust, um sein wild galoppierendes Herz zu beruhigen. „Ich werde den Notarzt verständigen“, bemerkte Marius Horn, der den Alten mit besorgtem Stirnrunzeln musterte und einen Kreislaufkollaps oder sogar einen Herzinfarkt befürchtete. Julius Schubert riss bei diesen Worten ängstlich den Mund auf und begann nervös zu hyperventilieren, „Bitte! Kein Arzt!“, röchelte er panisch, doch der Sozialarbeiter ließ sich nicht umstimmen.
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Marius Horn saß vornübergebeugt am Schreibtisch seines privaten Arbeitszimmers und dokumentierte, wie üblich, die Ereignisse des Tages. Der schwierige Termin bei Herrn Julius Schubert erforderte seine volle Konzentration, gewissenhaft tippte er seine Eindrücke in den altgedienten Computer, manchmal warf er einen Blick auf seine handschriftlichen Notizen, die er direkt nach dem Termin angefertigt hatte. Der nervlich zerrüttete Herr Schubert hatte sich leider mit Händen und Füßen gegen eine Untersuchung durch den Notarzt gewehrt und war schließlich so dramatisch kollabiert, dass er in ein Krankenhaus verbracht werden musste. Marius Horn schrieb darüber einen minutiös genauen Bericht und sparte nicht mit Einzelheiten über den bedenklichen Zustand des gebrechlichen Seniors und der vermüllten Wohnung, nur ein kleines Detail ließ er absichtlich beiseite, weil er nicht wusste, wie er es in die Dokumentation einbauen sollte und sich vielleicht auch ein wenig schämte: Er hatte dem völlig aufgelösten Herrn Schubert an der Krankenbahre geschworen sich um dessen ‚Geister‘ zu kümmern, solange dieser nicht dazu in der Lage war. Natürlich konnte er jetzt, in der komfortablen Behaglichkeit seines gemütlichen Arbeitszimmers, nur noch peinlich berührt den Kopf schütteln über diesen unprofessionellen Patzer, doch als er die zittrige Hand des Alten gehalten und in dessen schreckensgeweitete Augen geschaut hatte, da war es ihm nur menschlich erschienen den Ärmsten mit einem Lippenbekenntnis zu beruhigen. Marius Horn seufzte ergeben und beschloss, dass sein Bericht auch ohne diese kleine Einzelheit vollständig genug sei. Er ließ ebenso unerwähnt, dass er in der Sekunde des Versprechens einen unangenehm kalten Schauer verspürte, der die feinen Härchen an seinem Nacken zu Berge stehen ließ und verschwieg außerdem, dass er für einen mikroskopisch kleinen Moment gedacht hatte, dass dieser Schwur möglicherweise der schlimmste Fehler seines Lebens gewesen war. Stattdessen formulierte er komplizierte Schachtelsätze über Herrn Schuberts verwahrlosten Zustand und die nötigen Hilfsmaßnahmen, die in seinen Augen dringend erforderlich waren. Gedankenverloren tastete er nach seiner Wasserflasche, die immer auf dem Schreibtisch gleich neben der Tastatur bereitstand, um seine kratzig trockene Kehle mit einem Schluck Mineralwasser zu befeuchten, doch seine Finger griffen wiederholt ins Leere. Marius Horn wandte irritiert den Blick vom Bildschirm und blinzelte verdutzt; die Wasserflasche schwebte wenige Zentimeter neben dem Tisch und drehte sich langsam in der Luft. „Was zur Hölle?“, hauchte er verblüfft. „Hölle ist ein gutes Stichwort“, flüsterte eine helle Kinderstimme nah an seinem linken Ohr und ein grässliches Lachen erfüllte das Zimmer, die Wasserflasche knallte wuchtig auf den Fußboden und zerbrach mit lautem Klirren, das Mineralwasser schoß aus dem berstenden Flaschenhals und spritze bis zur Zimmerdecke. Marius Horn zuckte erschrocken zurück und sah sich hektisch nach allen Seiten um, „Ist da jemand?“, fragte er eingeschüchtert und kam sich dumm dabei vor. „Ist da jemand?“, äffte die unsichtbare Kinderstimme und ein gehässiges Kichern ertönte. Marius Horn fuhr in Sekundenschnelle von seinem Stuhl, als ein eiskalter Atemzug sein Genick streifte, „Was soll der Unsinn? Ich finde das nicht witzig!“, herrschte er betont zornig, um seine lähmende Verunsicherung zu übertünchen. „Ich schon“, gluckste die Stimme an seinem Ohr. „Ich auch“, raunte eine zweite, dunklere Stimme und Marius Horn hatte den Eindruck, als spräche sie direkt über seinem Kopf, zögerlich verdrehte er die Augen, um vorsichtig nach oben zu linsen, doch an der Zimmerdecke war nichts zu sehen, außer einem frischen Wasserfleck. „Das ist ein dummer Trick“, sagte er und versuchte möglichst unbeeindruckt zu klingen. „Du bist ein dummer Trick.“
Die Stimme klang plötzlich entsetzlich gefühllos und harsch, alle Lampen im Arbeitszimmer platzten mit einem satten Knall und der Computer implodierte.
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Julius Schubert lag in einem modernen Pflegebett und schlummerte friedlich in der unauslotbar tiefen Umarmung der starken Beruhigungsmittel, die ihm seit seiner Einlieferung vor zwei Tagen in großzügigen Dosen verabreicht worden waren, als Marius Horn plötzlich in das abgedunkelte Krankenzimmer stürzte, ohne vorher anzuklopfen. „Helfen Sie mir!“, schrie der Sozialarbeiter händeringend, während er ans Bett des alten Mannes stolperte und das Bettlaken umklammerte wie ein Ertrinkender eine rettende Boje. Julius Schubert tauchte nur langsam aus seinen watteweichen Träumen auf, verschlafen blinzelte er zu dem aschfahlen Gesicht empor, das sich hilfesuchend über ihn beugte, ihm jedoch nur entfernt vertraut erschien. „Kennen wir uns?“, fragte er freundlich oder versuchte es zumindest, denn das Beruhigungsmittel ließ ihn nur schwer verständlich nuscheln. Marius Horn schüttelte sich, als litte er unter starken Krämpfen, er fiel vor dem Bett auf die Knie und begann hysterisch zu schluchzen. „Nehmen Sie sie zurück, bitte, nehmen Sie sie wieder zurück!“, bettelte er und flennte haltlos, die Tränen schossen sturzflutartig aus seinen Augen, ein langer Rotzfaden baumelte von seiner Nase, doch es schien ihn nicht zu kümmern. Ein berechnender Ausdruck schlich sich in die Augen des Alten, der nun endlich erkannte, wer da vor ihm auf dem Boden kniete. „Ach, Sie sind es also“, nuschelte er und seine blutleeren Lippen verzerrten sich zur Karikatur eines Grinsens. „Ich flehe Sie an, Sie müssen mir helfen!“, wimmerte Marius Horn, er wischte mit dem Handrücken über sein nasses Gesicht und schniefte herzzerreissend, „ständig sekkieren sie mich, plagen und quälen meinen Geist und meinen Körper, ich ertrage das nicht mehr. Sie lassen mich nicht essen, sie lassen mich nicht schlafen. Meine Frau ist mit den Kindern zu ihrer Schwester gezogen, weil sie glaubt ich sei verrückt geworden! Bitte, nehmen Sie die Dämonen wieder zurück!“ „Oh, daraus wird nichts“, murmelte Herr Schubert und ein zufriedener Ausdruck huschte über sein eingefallenes Gesicht, „die Satansbrut klebt nun an Ihnen und Sie müssen sich um sie kümmern, bis jemand anderes freiwillig die Bürde übernimmt und so geht es weiter und immer weiter und immer weiter“, flüsterte er, seine Stimme wurde dabei leiser und leiser und erstarb schließlich ganz. Marius Horn stieß ein unmenschliches Heulen aus, er raufte sich die Haare und stieß derbe Flüche und Drohungen gegen Herrn Schubert aus, bis er von einer herbeieilenden Krankenschwester unsanft aus dem Zimmer befördert wurde. Julius Schubert beobachtete das Spektakel mit amüsierter Gelassenheit, entspannt kuschelte er sich in die weiche Matratze des Pflegebetts und als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, schlummerte er friedlich ein.

© sybille lengauer