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Die Verwandlung (frei nach Kafka)

Veröffentlicht: Dezember 13, 2018 in Kurzgeschichten

Liebes Tagebuch

Heute war wieder einer von diesen Tagen. Eigentlich würde ich gar nicht aufzeichnen, aber Dr. Berg meint, ich soll täglich eintragen. Also. Scheiße. Manchmal denke ich, er will mich damit nur quälen. Aber irgendwie bezahle ich ihn ja auch dafür. Em. ist wieder zurück aus dem Urlaub. Sein dummes Mondgesicht strahlte mir heute morgen entgegen, als ich ins Büro kam. Da war der Tag eigentlich schon gelaufen. Später Streit mit An., die wieder einmal ihre Pausenzeiten nicht einhalten kann. Rennt alle fünf Minuten auf die Toilette. Reizdarm, na klar. Reizhirn vielleicht.
In der Mittagspause (Low-Carb Blumenkohlreis und gedünstete Pute) habe ich bemerkt, wie sich zwei Ölaugen in der Kantine über mich lustig gemacht haben. Der eine machte unanständige Gesten, der andere tat als wäre er eine fette Frau und watschelte zwischen seinen Warmhalteplatten herum. Sie lachten. Wir werden sehen wer zuletzt lacht, wenn sie ihre Kündigung abholen können. Ich werde morgen mit Pt. darüber sprechen.
Nachmittags dann der Supergau. Mathilda rief an. Sie will sich mit mir treffen und ein „klärendes Gespräch“ führen. Ich wollte erst auflegen, aber dann dachte ich an Dr. Bergs Rat und an die feine Nasenatmung. Das Gespräch habe ich für nächste Woche angesetzt, bis dahin fällt mir auch wieder ein, warum ich mit Mathilda Schluss gemacht habe. Oder hat sie mit mir? Schade, dass ich damals dieses Tagebuch noch nicht hatte. Das Telefonat war auf jeden Fall ein Haufen Scheiße.
Heute Abend (Low-Carb Zucchini an Honigtomaten) ist mir wieder ein Glas aus der Hand gefallen. Manchmal frage ich mich, ob meine Hand das absichtlich tut. Ich werde noch die Meditationsübungen machen und dann schlafen gehen. Zumindest die Tabletten wirken.

Liebes Tagebuch

Gerade hätte ich ausrasten können. Zum Frühstück (Smoothie aus Beeren, Karotten und roter Beete) erhalte ich eine Mail vom Betriebsrat. An. hat sich beschwert, ich würde sie wegen ihrer Krankheit mobben. Als ob die wüsste, was Mobbing heißt. Als ob die wüsste, was es bedeutet, sich die Sporen zu verdienen, die es braucht, um in dieser Ellenbogenwelt nach oben zu steigen. Krebst seit fünf Jahren in der Buchhaltung herum, keine Weiterbildung, kein Esprit und wenn es ihr zu anstrengend wird, kackt sie sich in die Hose. Und ich soll die psychisch unter Druck setzen. Klar. Immer ich. Warum eigentlich immer ich? Ich werde heute Home-Office machen, ich habe keine Lust diese Idioten zu sehen. Ich werde Pt. eine Mail schreiben, damit er sich um die Kaffern in der Kantine kümmert. Abends bin ich fürs Musical verabredet.

Liebes Tagebuch (Nachtrag zu Gestern)

Das Musical war ein totaler Reinfall. Die Plätze gut, natürlich. Die Begleitung. Naja. Er ist elegant, ein bisschen borniert vielleicht, aber immerhin nicht so theatralisch wie Mathilda. Die grauen Schläfen gefallen mir nicht, die habe ich selber. Sowieso habe ich bemerkt, dass meine Haare immer grauer werden. Ich werde sie färben lassen. Das Stück, ich muss dazu leider bemerken, dass ich selbst es ausgesucht habe, war von Anfang bis Ende ÖDE. Wer interessiert sich schon für Stunden dafür, ob jemand wegen eines Stück Brotes verhaftet wird oder nicht. Das Abendessen (Heilbutt an Zitronencreme) hingegen habe ich sehr genossen. Wunderbarer Wein. Nettes Gespräch. Heute werde ich wieder zuhause arbeiten. Ich habe keine Lust, die Idioten zu sehen.

Liebes Tagebuch

Ich habe heute morgen eine Entdeckung gemacht. Über Nacht ist um meine Iris ein grauer Ring entstanden. Innen sind sie noch braun aber außen sind sie jetzt grau, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Ich habe Dr. Pratsch aufgesucht, der ja immer einen Termin für mich frei hat. Seine Erkenntnis, es handelt sich um ein Übersäuerungsproblem. Ich soll Weißmehl, Zucker und Alkohol meiden und Stress abbauen. Der macht Witze. Die Atemübungen von Dr. Berg werde ich jetzt also fünf Mal täglich machen und den Wein. Hm. Den Wein werde ich reduzieren. Sei es wie es ist, ich habe den restlichen Tag Mails abgearbeitet und Rechnungen geschrieben. Die neue Mail des Betriebsrats habe ich ignoriert, um Stress zu vermeiden.

Liebes Tagebuch

Es ist noch sehr früh, weil sich in der Nacht etwas getan hat. Die Augen sind ganz grau geworden. Die Haare auch. Ich fahre jetzt sofort zu Dr. Pratsch. Später mehr.
Nachtrag: Der Arzt ist ein Kurpfuscher! Salben rühren und Pillen drehen, zu mehr ist er nicht fähig und wenn ich mir dieses trübe Wässerchen ansehe, das er mir mitgegeben hat, bekomme ich Schweißausbrüche. Zieht mir das Geld aus der Tasche aber eine Antwort kann er mir nicht geben. Schulterzucken als Diagnose und Schonung als Rat. Was für eine Zeitverschwendung. Ich werde mir einen neuen Arzt suchen. Leider ist morgen Sonntag. Montag muss ich mich mit Mathilda treffen, da habe ich keine Nerven für einen Arztbesuch. Ich muss die Frisörin anrufen. So kann ich nicht unter die Leute gehen.

Liebes Tagebuch

Der Sonntag war… erleichternd. Die Frisörin hat Wunder gewirkt und ich sehe wieder wie ein Mensch aus. An die Augen muss ich mich gewöhnen, draußen werde ich eine Sonnenbrille tragen. Die heutige Verabredung mit Herrn Musical habe ich abgesagt. Ich habe genug graue Strähnen gesehen. Habe den Rest des Tages mit Atemübungen und Meditation verbracht, gekocht (gedünsteter Kürbis an Aprikosen und Nüssen) und das Chaos aufgeräumt, das die Putzfrau übrig gelassen hat. Ich werde sie entlassen, die Frau ist überflüssig wie ein Kropf. Apropos Kündigen. Pt. hat sich gemeldet. Er kann die zwei Schwachköpfe aus der Kantine nicht so einfach entlassen, weil sie Flüchtlinge sind und die Firma gerade eine diesbezügliche Werbekampagne fährt. WIR WERDEN SEHEN! Achso, beinah hätte ich es vergessen. Die Fische sind eingegangen. Ich hätte bei der Pflanze bleiben sollen. Naja. Gute Nacht.

Liebes Tagebuch

Meine Zunge ist grau. Wenn ich sie weit herausstrecke, sieht sie hinten fast schwarz aus. Der Rachen ist auch irgendwie farblos. Mir ist schwindlig. Ich habe mit Dr. Pratsch telefoniert, der meint ich solle in ein Krankenhaus fahren. Damit die mich dort umbringen? Lebe ich hinter dem Mond, dass ich noch nie etwas von Multiresistenten Keimen gehört habe? Ich habe Dr. Berg angerufen, er hat heute Nachmittag einen Termin für mich reserviert. Das Gespräch mit Mathilda habe ich abgesagt. Sie hat geweint. Ich habe aufgelegt.
Nachtrag: Dr. Berg ist genau so ein Kurpfuscher wie Dr. Pratsch. Sein Fachwortgeschwurbel kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er keine Ahnung hat, was mit mir los ist. Seine Pillen sind immerhin nicht so Farblos wie das Gesundheitswasser von Dr. Pratsch. Ich habe mich krank gemeldet.

Liebes Tagebuch

Es geht mir besser. Die Zunge ist zwar immer noch grau, die Augen auch, aber mir ist nicht mehr schwindlig. Ich bin trotzdem froh, dass ich diese Woche frei habe, so kann ich mich endlich um meine Bedürfnisse kümmern. Ich habe eine Masseurin bestellt (Klangschale und ätherische Öle) und Abends kommt Gerda vorbei und macht mir die Füße. Meine Zehennägel sehen fürchterlich aus. Mathilda hat geschrieben. Ihr kleines, gebrochenes Herz blutet ganz schrecklich. Ihre Rhetorik lässt dafür meine Augen bluten. Ich weiß nicht, was ich noch mit ihr machen soll. Sie will mich unbedingt noch ein letztes Mal sehen. Ich habe ihr geantwortet, sie soll meinen Hausschlüssel nicht wieder vergessen. Wenn ich sie mit dem Silbersträhnenmann verkuppeln könnte, hätte ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn der meldet sich auch schon wieder.
Nachtrag: Dr. Berg hat gerade angerufen und sich nach meinem Befinden erkundigt. Er empfiehlt eine Entgiftung und Akupunktur um mein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Ich sollte ihn vielleicht doch als meinen Arzt behalten. Das Wässerchen von Dr. Pratsch werde ich aber trotzdem noch nehmen. Sicher ist sicher.

Liebes Tagebuch

Ich hasse die Entgiftung. Kein festes Essen mehr, nur Suppe und Tee. Ich fühle mich heute Abend schon so schwach und leer, wie soll ich das zwei Wochen lang aushalten? Der heutige Tag war ein komplettes Desaster. Wahrscheinlich hing mir noch der gestrige Abend hinterher, denn da kam die Vollkatastrophe. Meine immer gute und treue Gerda verlässt mich. Sie will mit ihrem Mann an die Nordsee ziehen. Hat man Worte. Ich habe ihr gesagt, dass sie mir das nicht antun kann. Aber sie tut es mir an. Feige wie sie ist, hat sie es mir sogar erst kurz vor ihrem Wegzug gesagt, sodass mir kaum Zeit bleibt, eine neue Fußpflegerin zu finden. Dass ich die Nacht kaum geschlafen habe, ist verständlich. Es ist schon verwunderlich, wie sich eine gewöhnliche Fußpflegerin einen Umzug an die Nordsee leisten kann. Ob man da beim Finanzamt nachfragen sollte?
Zum heutigen Desaster. Ich habe mich dazu breitschlagen lassen, mich mit Mathilda zu treffen. Sie erschrak über mein Aussehen, denn mittlerweile ist auch meine Haut ziemlich grau geworden. (Dr. Berg meinte, dass es bei einer Entgiftung zu einer Erstverschlechterung kommen könnte.) Sensibelchen, das sie ist, hat sie sofort angefangen zu weinen und ist hinter einem Berg Taschentücher verschwunden. Den Schlüssel hatte sie natürlich nicht dabei. Ich hasse so etwas. Im Endeffekt habe ich das Gespräch ganz gut über die Bühne gebracht und mich schnell verabschiedet, immerhin bin ich krank. Auf dem Rückweg habe ich eine neue Pflanze gekauft. Jetzt noch etwas Suppe und dann ab ins Bett.

Liebes Tagebuch

Die Erstverschlechterung hat sich verschlechtert. Die Gelenke sind steif, sprechen ist anstrengend, ich fasse mich also kurz. Die Haut ist grau und bildet Platten, ich sehe aus wie ein Echsenmensch. Immerhin habe ich keine Schmerzen. Ich habe Dr. Berg zu mir bestellt, er kommt in einer Stunde. Bis dahin werde ich wohl auch hungern müssen, denn ich kann nicht kochen. Ich habe versucht Mathilda zu erreichen, die könnte mir wenigstens eine Suppe bringen, aber sie geht nicht ans Telefon. Dafür hat der Betriebsrat angerufen und gefragt, warum ich nicht auf ihr Schreiben reagiert habe. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen zur Hölle fahren.
Vielleicht sollte ich doch ins Krankenhaus?
Nachtrag: Dr. Berg war hier und ich fühle mich besser. Er hat strenge Bettruhe verordnet und mir die Einnahme von Dr. Pratschs Wässerchen untersagt. Es bringe die innere Zirkulation aus dem Gleichgewicht, sagt er. Jetzt habe ich ein anderes Wässerchen von ihm und noch mehr Pillen. Er hat sich auch um eine Pflegerin gekümmert, die mir unter die Arme greifen soll. Ein nettes kleines Pfannkuchengesicht Namens Li. Vielleicht fühle ich mich auch besser, weil sie jetzt mit ihrem kurzen Kittelchen in meiner Küche steht. Zumindest erleichtert ihr Anblick die Atemübungen und ihr Tee ist ganz ausgezeichnet. Die Sache mit den beiden Schweinen aus der Kantine lässt mir keine Ruhe. Ich hätte sagen sollen, dass sie mich gemobbt haben, dann hätten die schon längst den Betriebsrat auf dem Hals. Wenn ich es recht bedenke waren die Gesten des einen eindeutig sexuelle Belästigung, ich werde mit Pt. darüber sprechen, wenn es mir wieder besser geht. Um den Betriebsrat muss ich mich auch kümmern. Aber jetzt, gute Nacht.

Liebes Tagebuch

Es geht mir schlechter. Die scheiß Pflegerin ist noch nicht hier, ich liege seit Stunden wach im Bett und kann mich nicht bewegen. Ich habe versucht Dr. Berg zu erreichen, Anrufbeantworter. Bei Dr. Pratsch dasselbe. Soll ich einen Krankenwagen rufen? Ich kann doch keine fremden Leute in meine Wohnung lassen, wenn ich mich nicht bewegen kann! Ich habe versucht Mathilda anzurufen, sie geht nicht ans Telefon. Ich habe versucht Gerda anzurufen, sie geht auch nicht ans Telefon. Verdammt ich KREPIERE HIER! Ich WEINE!

Als Frau Li an diesem Morgen die Wohnung von Anette S. betrat, fand sie diese in ihrem Bett zu einem ungeheuren Stein verwandelt.

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„Ich weiß nicht, irgendwie hab ich es mir anders vorgestellt.“
Udo stand im Scheinwerferlicht des BMW und fror. Er zog die Ärmel seines Pullovers in die Länge, um seine klammen Finger zu wärmen. Es half nicht viel gegen den kalten Wind, der über die Einöde pfiff. Hinter ihm heulte ein Wolf.
„Irving!“ „Ja, schon gut.“ Irving schaltete das Handy ab. „Wenn du nur hergekommen bist um mir auf die Nerven zu gehen, können wir gleich wieder umdrehen.“ Udo war nicht zu Scherzen aufgelegt. Kälte und späte Uhrzeit gingen ihm auf die Nerven. Irving steckte grummelnd das Handy weg und holte die Kameraausrüstung aus dem Kofferraum. „Sieht ziemlich abgefuckt aus. Du hast dich nicht in der Adresse geirrt, oder?“ Irving reagierte nicht auf die Frage seines Bruders, sondern ging mit der geschulterten Kamera auf das baufällige Haus zu, das aussah als lehne es sich gegen einen heftigen Sturm. „Die allsehende Frau im Haus der Stille.“ murmelte er pathetisch, während Udo ihm leise fluchend folgte. An der Türschwelle wechselten sie einen kurzen Blick.
Udo klingelte und nichts geschah. Seufzend klopfte er an die Tür, deren einstmals roter Lack in großen Platten abgeplatzt war. Das Klopfen hallte in ihren Ohren wieder, aber im Haus regte sich kein Laut. Udo klopfte etwas herzhafter. Von drinnen antwortete Stille. „Scheint als wäre dein Vogel ausgeflogen.“ konstatierte er düster. Irving schüttelte den Kopf. „Kann nicht sein. Der Professor sagte, sie wäre immer hier.“ „Vielleicht hat er dich auch einfach nur verarscht, ist dir das schon mal durch den Kopf gegangen?“ fragte Udo mit nörgelnder Stimme. Irving hatte keine Lust mehr sich das Gemaule anzuhören. „Klar, er fährt durch halb Europa um sich mit mir auf der Spook and Science zu treffen, nur um mich in die Walachei zu schicken. Sowas kommt ständig vor, Udo. Andauernd treffe ich Professoren, die mir von parapsychologischen Erfahrungen erzählen und die versterben dann auch noch kurz darauf auf mysteriöse Art und Weise. Kommt fast jede Woche vor.“ „Ist ja schon gut, Mann.“ brummte Udo und wandte sich noch einmal der Tür zu. Sie stand offen. „Die Tür ist auf.“ kommentierte er das Offensichtliche. „Ha!“ machte Irving und filmte die offene Tür. Als sonst nichts geschah, trat Udo den Spalt vorsichtig weiter auf. Dahinter lag ein dunkler Flur, der in noch mehr Dunkelheit mündete. Die Beiden spähten angestrengt in die Finsternis.
„Filmst du das gerade?“ fragte Udo. „Mehr Professionalität bitte.“ „Sorry.“ Udo räusperte sich. „Wir schreiben den 18. November 2010 und hier sind wieder eure Brüder Rasputin.“ Er rollte das R besonders dramatisch. „Wir untersuchen gerade Hinweise auf eine übersinnlich begabte Frau, die in diesem abgelegenen Haus leben soll. Laut unseren Informationen hat sie etwas mehr auf dem Kasten als die übliche Kaffeesatzleserei. Diese Dame hier soll einem den Tod vorhersagen können! Wenn das wahr ist, erfahren eure Helden noch heute Abend, wann sie ins Gras beißen werden. Könnt ihr das glauben? Ich kann es nicht.“ „Udo!“ schnaubte Irving. „Was denn, kannst du später doch noch rausschneiden. Jetzt lass uns reingehen.“ Als sie über die Schwelle traten, gingen im Haus einige Lichter an. „Das ist jetzt aber wirklich gruselig.“ kommentierte Udo routiniert. Irving war ganz in die Kamera vertieft. „Leute, entweder haben wir es gerade mit einem Halloween-Profi zu tun, oder wir sind hier tatsächlich etwas auf der Spur. Euer Geisterjäger-Duo bleibt für euch dran, bleibt auch ihr dran, jetzt, auf eurem Lieblingskanal.“ „Alter, ich hasse es, wenn du das tust.“ „Views generieren sich nicht von selbst.“ „Du und deine kack Views.“ Streitend betraten sie ein düsteres Wohnzimmer, das sich an den vergilbten Flur anschloss. Im Kamin entflammte ein züngelndes Feuer. „Die trägt aber ganz schön dick auf, das musst du zugeben.“ Udo stieß Irving in die Rippen. „!“ machte der nur und filmte den großen, ledernen Ohrenbackensessel, der den Raum dominierte. Eine ältere Dame saß darin, nippte elegant an einer Tasse Tee und ließ die beiden Eindringlinge nicht aus den Augen. Auf einem kleinen Tischchen neben ihr standen zwei weitere Tassen, ein Schälchen mit Zuckerwürfeln und eine zierliche Teekanne. „Mann! Entschuldigen Sie bitte, ich hatte Sie erst gar nicht gesehen. Wir wussten nicht ob sie real sind und die Tür stand offen, deshalb sind wir einfach hereingekommen.“ sprudelte es aus Irving heraus. „Du laberst eine Scheiße.“ flüsterte sein Bruder kaum hörbar. „Guten Abend.“ sagte die Dame.

„Ich weiß nicht ob ich das trinken möchte.“ Udo starrte skeptisch in seine Tasse. „Alter, wie unhöflich bist du?“ zischte Irving und trank lächelnd einen großen Schluck aus seiner. Frau Heinrich, wie sich die Dame nannte, hatte ihnen Stühle zugewiesen, die so hässlich wie unbequem waren. So saßen sie nun mehr schlecht als recht in dem spärlich beleuchteten Raum und warteten, was passieren würde. Nachdem eine Weile nichts geschah, brach Irving das Schweigen. „Vor drei Wochen habe ich einen Professor Schubert in London getroffen. Er erzählte mir, dass er einer Frau begegnet sei, die ein, wie er es nannte, Gespür für das Übersinnliche entwickelt hätte. Ein ganz beachtliches Gespür. Sie kannten den Professor?“ „Ich kenne ihn.“ „Er hat sich nach unserem Treffen umgebracht, wussten sie das?“ „Er hat es mir erzählt.“ Die alte Dame lächelte. Irving hielt kurz irritiert inne, während Udo seine Tasse unauffällig auf das kleine Tischchen zurückstellte. „Ahm, Sie können sich bestimmt schon denken, warum wir Sie aufgesucht haben.“ Irving rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Oder der Professor hat ihr auch das erzählt.“ murmelte Udo kaum hörbar. Ein scharfer Blick aus dem Ohrenbackensessel erteilte ihm die Lehre, dass sein Gegenüber ein ausgezeichnetes Gehör besaß. „Sorry.“ sagte er und griff betreten wieder nach seiner Tasse. Er nippte und nickte anerkennend. „Toller Tee, Frau H.“ „Entschuldigen Sie meinen Bruder, er hat heute einen schlechten Tag.“ ätzte Irving. Er versuchte im Gesicht der alten Frau zu lesen, was bei dem spärlichen Licht nicht ganz einfach war. „Was ich sagen wollte ist, dass es mir eine große Ehre wäre, mit Ihnen ein Interview zu machen. Für unsere Show. Im Internet.“ fügte er erklärend hinzu. „Und wenn Sie mir, wenn Sie uns, dann verraten würden, wie… Naja, Sie wissen schon.“ „Ihr wollt wissen, wie ihr sterben werdet.“ sagte Frau Heinrich kühl. „Jagenaurichtig.“ sprudelte es aufgeregt aus Irving heraus. Udo verdrehte still die Augen. „Einer von der ganz skeptischen Sorte, wie?“ Die alte Frau hatte ihn scharf beobachtet. „Udo betrachtet das Übersinnliche mehr von der wissenschaftlichen Seite her, Frau Heinrich. Es braucht einen kritischen Geist, um die Wahrheit zu erkennen. Und davon hat er reichlich.“ versuchte Irving seinen Bruder zu erklären. „Und was hast du, Junge?“ fragte Frau Heinrich. „Enthusiasmus.“ grinste Irving stolz. „Deswegen musst du dich auch an der Kamera festhalten, nicht wahr, damit du vor lauter Enthusiasmus nicht wegfliegst.“ „Genau, Frau Heinrich.“ Irving hatte das Gefühl, die Situation gerettet zu haben. Er tätschelte die Kamera, die zu seinen Füßen stand. „Du kannst dein Interview haben. Wenn er draußen wartet.“ Ein runzliger Finger deutete auf Udo, der sich seufzend aus seinem Stuhl erhob. „Das ist doch Zeitverschwendung.“ sagte er und reichte ihr die leere Tasse. „Du kannst dich ja gerne noch weiter amüsieren. Ich warte im Auto.“

„Das hab ich mir echt anders vorgestellt.“
Udo saß im BMW und fror. Er zog die Ärmel seines Pullovers in die Länge, um seine klammen Finger zu wärmen. Seit einer halben Stunde hockte er im Dunkeln und wusste wenig mit sich anzufangen, nachdem der Akku seines Handys aufgegeben hatte. Er erschrak fürchterlich, als die Heckklappe des Wagens geöffnet wurde und Irving die Kamera hinein hievte. „Na, wie war’s?“ fragte er seinen Bruder, als dieser neben ihm Platz nahm. „Hm.“ machte Irving. Er war ungewöhnlich blass. „Jetzt sag schon, hat sie es dir verraten?“ „Schon.“ Irving verfiel wieder in Schweigen. „Ja, und?“ „Ich werde durch die Windschutzscheibe fliegen.“ murmelte Irving dumpf. „Wie bitte?“ „Ich werde durch die Windschutzscheibe fliegen und mein Kopf wird in vielen Teilen sein. Ich hab es gesehen, Udo.“ „Irving?“ Udo griff nach dem Arm seines Bruders. Tränen liefen über Irvings Gesicht. „Okay, wir fahren jetzt.“ Udo startete entschlossen den Wagen. Er versuchte seine Gedanken auf den Rückweg zu konzentrieren und sich nicht von Irvings Schluchzen ablenken zu lassen. Aber es hörte nicht auf. „Alter, du bist ja ganz aufgelöst. Ob die alte Hexe etwas in den Tee getan hat? Ich hab die ganze Zeit schon so komische Kopfschmerzen.“ Er warf einen Seitenblick auf seinen Bruder. Irving saß zusammengesunken im Beifahrersitz und umklammerte eine große, schwarze Küchenschere. Tränen tropften auf das Metall. „Irving?“ „Sie hat mir auch etwas von deinem Tod erzählt.“ flüsterte Irving und zog schniefend einen Rotzfaden hoch. „Irving?“ Udo verlor die Kontrolle über den BMW, als Irving ihm die Schere in den Hals stieß.

In ihrem schäbig beleuchteten Wohnzimmer saß Frau Heinrich Irving gegenüber. „Hast du es erledigt?“ „Ja, Frau Heinrich.“ „Und, fühlst du dich jetzt nicht erleichtert?“ „Ja, Frau Heinrich.“ „Gut, du kannst zu den anderen spielen gehen.“
Frau Heinrich schenkte sich eine neue Tasse Tee ein, während Irvings Abbild langsam auf dem Stuhl verblasste.

© sybille lengauer

„Pandas, die wären eine Möglichkeit.“
„Hm?“
„Pandas. Wenn wir Panda-DNA mit der von Menschen verbinden, sodass Menschen sich nur noch so spärlich fortpflanzen wie Pandas, dann könnten wir den Planet retten.“
„Bitte was?“
„Oder Faultiere. Wenn unser Metabolismus dem von Faultieren gleichen würde, damit wäre viel gewonnen.“
„Klar, Mark. Ich muss jetzt zu meinem Auto. Hab einen schönen Feierabend.“
Mark grunzte eine freundliche Antwort, vergrub seine Hände in den Hosentaschen und zog den Kopf etwas zwischen die Schultern. In Gedanken versunken trottete er gemächlich die Straße entlang auf das Bushäuschen zu. Hinter ihm schimmerten die Lichter der Stadtwerke sanft im Nieselregen.
„Krokodile. Fressen sich einmal im Jahr voll und sind damit zufrieden. Oder Boas. Aber die haben ja gar keine Beine.“ brummte er und gesellte sich zu einer Gruppe von Wartenden.
Die Menschen, die dicht gedrängt im Bushäuschen standen um sich vor dem feinen Regen zu schützen, beachteten Marks Gemurmel nicht. Man kannte den unscheinbaren Herrn, der gerne Selbstgespräche führte, vom sehen her. Als der Bus in einer kleine Gischtwolke vor ihnen zu stehen kam, stieg Mark ein ohne den Kopf zu heben. Seine Füße kannten den Weg, suchten den Platz aus und setzten sich. Seine Nase registrierte einen leicht unangenehmen, muffigen Geruch, der sich durch die feuchten Mäntel und Jacken im Inneren des Busses verbreitete. „Wäre mir als Hund egal.“ sagte er mit einem kurzen Blick auf seine Sitznachbarin. Das Mädchen starrte ausdruckslos gegen das beschlagene Fenster. Aus ihren Ohrstöpseln klang leise Popmusik. Mark versank wieder in seiner Gedankenwelt.
„Wenn wir nur weniger wären. Weniger verbrauchen würden. Wir könnten dem Planet helfen zu heilen.“
„Das ist eine schöne Idee, Herr Lebrowsky.“
„Hm?“
„Ihre Idee mit den Pandas. Die hat mir besonders gut gefallen.“
„Ach wirklich?“
„Ja, Herr Lebrowsky. Darf ich mich vorstellen. Sternbaum mein Name.“
„Wir kennen uns?“
„Ich kenne Sie, Herr Lebrowsky.“
Mark tauchte aus seinen Gedanken auf. Neben ihm saß ein schlanker, graumelierter Herr von vielleicht fünfzig Jahren. Adrett gekleidet und ordentlich frisiert war er doch nicht das Mädchen, das gerade noch auf dem Platz gesessen hatte.
„Wo ist das Mädchen hin?“
„Das Mädchen?“
„Die Musik gehört hat. Die aus dem Fenster gesehen hat.“
„Sie meinen die Dame dort drüben?“
Der Fremde wies mit einer eleganten Geste über den Mittelgang des Busses. Auf der anderen Seite saß Herr Lebrowsky in einer Sitzbank und neben ihm das Mädchen, das immer noch emotionslos aus dem Fester starrte.
„Was?“
„Herr Lebrowsky, vielleicht darf ich Ihnen kurz die Situation erklären.“
„Das da drüben bin ja ich!“
„Ja, Herr Lebrowsky, Mark, darf ich Sie Mark nennen?“
„Bitte.“
„Ausgezeichnet. Mark, ganz richtig. Das da drüben sind Sie.“
„Okay.“
„Sie hatten gerade einen Herzinfarkt, Mark.“
„Okay?“
„Sie sind tot. Bisher ist es noch niemandem aufgefallen und nachdem die kleine Nicole, welche neben Ihnen sitzt, bis zur Endstation fährt, wird es auch noch längere Zeit niemandem auffallen, aber Sie sind tot, Herr Lebrowsky.“
„Okay.“
„Vielleicht benötigen Sie einen kleinen Moment, um das zu verdauen.“
Mark sah sich benommen im Bus um. Die Menschen saßen und standen herum wie immer, sahen auf ihre Handys oder starrten vor sich hin. Nichts hätte er als ungewöhnlich bezeichnen können, außer sich selbst, wie er eingesunken auf der Bank gegenüber saß und wirkte, als würde er schlafen.
„Ich bin tot?“
„Mausetot, Herr Lebrowsky.“
„Und Sie sind?“
„Sternbaum. Ich bin Herr Sternbaum.“
„Okay.“
„Mark, ich weiß, das ist für Sie eine schwierige Situation. Es ist nicht leicht zu begreifen, wenn man gerade verstorben ist und ich möchte Ihnen versichern, dass Sie sich bisher ganz hervorragend geschlagen haben. Vielleicht sollten wir an der nächsten Station aussteigen, damit Sie ein wenig frische Luft schnappen können?“
„Ja, das halte ich für eine gute Idee.“
Mark und Herr Sternbaum verließen den Bus an der nächsten Station und welche Himmelspforten Mark auch immer erwartet hatte, es empfing ihn doch nur das verdrießliche Nieselwetter, das er noch von seinen Lebzeiten her kannte. Der Regen fiel in einem sanften Schleier um ihn herum und bildete Lachen auf dem grauen Betonboden. Mark seufzte und zog den Kopf wieder zwischen die Schultern.
„Ein Kaffee würde uns beiden bestimmt gut tun.“ meinte Herr Sternbaum aufmunternd und bewegte sich zielstrebig auf ein kleines Lokal zu. „Können Geister Kaffee trinken?“ fragte Mark verwundert, während sie eine Straße überquerten. „Wir sind keine Geister, Herr Lebrowsky.“
„Bitte, nennen Sie mich Mark.“ „Mark. Selbstverständlich.“
Herr Sternbaum lächelte und öffnete die Eingangstür des Lokales. Dahinter lag ein deprimierend trostloses Cafe, eingerichtet mit jener Lieblosigkeit, die Geldsorgen und wenig Hoffnung in einer menschlichen Seele hinterlassen. Der Raum strahlte sterile Zweckmäßigkeit aus, aber es duftete nach Kaffee. Mark setzte sich. Herr Sternbaum ging an die Theke und bestellte. Als er zurückkehrte, trug er zwei dampfende Becher in der Hand. „Schwarz, mit einem Stück Zucker für mich, Milch und drei Stück Zucker für Sie.“ Er setzte sich Mark gegenüber, während dieser dankbar nach seinem Becher griff. Der Kaffee schmeckte heiß und süß. Mark entspannte sich.
„Ich bin also tot.“
„Ja, Mark, das lässt sich leider nicht von der Hand weisen. Wie gefällt Ihnen die Erfahrung bisher?“ „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“
„Vielleicht war das auch die falsche Frage. Haben Sie Fragen?“
„Nun, was passiert jetzt?“
Herr Sternbaum lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen langen Schluck Kaffee. „Was jetzt passiert liegt ganz allein bei Ihnen, Mark. Sie sind gestorben, es ist Ihr Abschied. Möchten Sie vielleicht ihre Beerdigung sehen? Nahe Verwandte, geliebte Menschen, von denen Sie in Liebe scheiden wollen? Oder möchten Sie in einem Fass die Niagarafälle hinunterstürzen? Ich gebe zu, diese Idee ist seit den 1950ern etwas aus der Mode gekommen. Aber was auch immer Ihnen gefällt, Sie können es tun.“
„Ich kann zu meiner Beerdigung gehen?“
„Vielleicht nicht ganz so spannend wie die Niagarafälle, aber ja, Sie können zu Ihrer Beerdigung gehen.“
„Ich glaube ich bin noch nicht bereit für meine Beerdigung.“
„Alles kann, nichts muss.“
„Kann ich meine Mutter besuchen?“
„Nein, Ihre Mutter ist tot. Sie können sie noch nicht besuchen.“
„Warum, ich bin doch auch tot?“
„Ja, Mark. Aber Sie befinden sich noch in einer Art Limbus. Einer Zwischenwelt, zwischen Leben und Tod. Sie sind sozusagen nicht Fleisch und nicht Fisch, kennen Sie diese Redewendung?“
„Ja. Aber…“
„Mark, Sie können Ihre Mutter bald jederzeit sehen. Und Ihren Vater, Ihre Tanten, Onkel, Omas, Opas und alle, die Ihnen sonst noch einfallen oder die Sie vergessen haben. Aber vorher sollten Sie mit dieser Welt abschließen, sich verabschieden. Dann können Sie weiterziehen.“ Herr Sternbaum trank erneut einen langen Schluck von seinem Kaffee und sah Mark dabei ruhig in die Augen.
„Ich soll mich verabschieden.“
„Ja.“
„Ich soll abschließen.“
„Genau.“
„Und dann weiterziehen.“
„Sie haben es erfasst.“
„Und wenn ich das nicht möchte?“
„Warum sollten Sie es nicht möchten?“
Mark fühlte sich plötzlich trotzig. Herrn Sternbaums joviale Art begann ihm auf die Nerven zu fallen. „Vielleicht weil ich es einfach nicht will.“
„Selbstverständlich können Sie auch bleiben. Allerdings sind an diese Variante einige Nebenwirkungen gebunden, die ich Ihnen nicht empfehlen kann. Ich sage nur Ektoplasma.“ Herr Sternbaum hob bedeutungsvoll die Augenbrauen.
„Ich weiß gerade überhaupt nicht mehr, was ich will. Ich bin tot. Und ich sitze hier, mit Ihnen, in einem Cafe, führe diese ausgesprochen eigenartige Unterhaltung und ich glaube, ich würde jetzt gerne eine Zigarette rauchen.“ Eine brennende Zigarette erschien im selben Augenblick zwischen Marks Fingern. Mit einem kleinen Aufschrei ließ er sie fallen. „Alles kann, nichts muss.“ sagte Herr Sternbaum erneut. Mark schnaubte.
„Ich will nicht zu meiner Beerdigung. Das schon einmal sicher.“
„Kein Problem.“
„Und ich will mich auch nicht von irgendwelchen Leuten verabschieden.“
„Mhm.“
„Das Einzige, was ich immer schon wollte…“
„Ja, Herr Lebrowsky?“
„Die Erde retten. Ich wollte immer schon die Erde retten.“
„Herr…Mark. Es ist eine Sache, die Niagarafälle in einem Fass hinunterzustürzen. Es ist eine andere Sache, ein System zu retten, an dem Sie gar nicht mehr teilhaben. Sie sind kein Mitglied der Erde mehr. Warum wollen Sie sie verändern?“
„Weil es wichtig ist, für alle! Weil die Welt so nicht mehr weiter existieren kann, weil die Tiere sterben, die Pflanzen sterben, das Klima durchdreht, die Meere kollabieren, alles wird vernichtet.“
„Das ist vielleicht etwas harsch ausgedrückt.“
„Ach! Ich finde das ist noch untertrieben. Sie haben mir gesagt, es ist mein Abschied. Ich kann ihn gestalten wie ich möchte. Gut. Ich möchte, dass die Erde geheilt wird. Tiere, Pflanzen, Ozeane, das ganze Programm.“ Mark stellte seinen Becher derart heftig auf den Tisch, dass der restliche Kaffee überschwappte. Herr Sternbaum betrachtete die entstehende Lache mit einem melancholischen Blick.
„Ich möchte Dir etwas zeigen, Mark. Komm.“

Sie verließen das Cafe, überquerten die Straße und gingen zur Bushaltestelle zurück. Eine neue Zigarette erschien zwischen Marks Fingern und diesmal rauchte er sie. Herr Sternbaum setzte sich in das Wartehäuschen, Mark nahm neben ihm Platz. Kaum hatte er sich gesetzt, begann die Landschaft um das Wartehäuschen herum zu flimmern und zu verschwimmen.
„Wir reisen gerade vorwärts durch die Zeit.“ erklärte Herr Sternbaum, als wäre es die normalste Sache der Welt. „Wir springen ein paar Millionen Jahre nach vorn.“
„So etwas ist möglich?“
„Natürlich, wenn du willst können wir uns nachher ein paar Dinosaurier ansehen.“
„Wahnsinn.“
Mark betrachtete die verschwimmenden Farben und Muster. Er erinnerte sich an ein Kaleidoskop, das er als Kind besessen hatte. Irgendwie so, aber doch ganz anders sah die Welt um ihn herum gerade aus. Er konnte seine Eindrücke nicht in klare Gedanken fassen. „Wahnsinn.“ sagte er erneut.
„Wir sind da.“ unterbrach Herr Sternbaum seine Gedankengänge.
Das Wartehäuschen stand auf einer weiten, von Gräsern und niedrigen Büschen bewachsenen Ebene. Große, wattigweiche Wolken zogen über einen tiefblauen Himmel dahin, an dem schon einzelne Sterne zu sehen waren. In der Ferne konnte Mark das Zwitschern von Vögeln hören.
„Wo sind wir?“ fragte er.
„Die Frage ist nicht wo, die Frage ist wann. Wir sind dreißig Millionen Jahre in der Zukunft, Mark. Diese weite Ebene ist deine Heimatstadt. Die Berge dahinten kennst du noch gar nicht, sie müssen erst noch wachsen. Und hörst du dieses Zwitschern?“
„Ja.“
„Das sind die Enniok. Große, majestätische Tintenfische, die in riesigen Herden über diese herrliche Savanne ziehen.“
„Sie machen Witze.“
„Nein, Mark, ich mache keine Witze. Lass uns noch ein Stückchen weiterspringen.“
Herr Sternbaum setzte sich wieder hin und auch Mark nahm verdattert seinen Platz ein. Die Landschaft begann erneut zu verschwimmen. Mark sagte kein Wort. Als das Bushäuschen abermals anhielt, blickte er über einen rauchenden Trümmerhaufen und zuckende Tentakelleiber in ein brennendes Inferno. „Die Enniok haben sich weiterentwickelt. Kultur, Aufschwung, Krieg, Niedergang. Eigentlich solltest du das Prozedere schon kennen. Und wieder ein Stück vorwärts.“ Die Szene verschwand in einem Meer aus Farben. Wieder hielten sie, diesmal auf einer schattigen Lichtung. Riesige Bäume warfen ihre Schatten und zwischen ihren Ästen sprangen graue kleine Pelztiere hin und her. „Wir sind noch einmal sechzig Millionen Jahre in die Zukunft gesprungen. Die Menschheit existiert nicht mehr, die Enniok existieren nicht mehr und auch die Baloji, eine entzückende Gruppe aus der Familie der Beuteltiere werden sich entwickeln und wieder verschwinden. Das ist der Lauf des Lebens, Mark. Ich will dir noch etwas zeigen.“ Die Umgebung löste sich auf und Mark fühlte sich von einem Schwindel ergriffen. Er lehnte sich an die Wand des Wartehäuschens und schloss die Augen.
„So, nun sind wir da.“ Herr Sternbaum erhob sich energisch von seinem Sitz. „Willkommen zum Ende der Welt.“ Mark öffnete die Augen. Das Bushäuschen stand nun inmitten flüssigen Gesteines. Dunkler Rauch hüllte die geschmolzene Erde ein und doch konnte Mark über sich das riesige, aufgequollene Antlitz der Sonne sehen, die den Horizont ausfüllte. „Dies ist die Endstation. Nicht die von Nicole, selbstverständlich.“ Herr Sternbaum lachte über seinen Witz. „Das Ende der Erde, die Vernichtung. Milliarden Jahre des Lebens und nun ist es vorbei. Was genau willst du retten, Mark?“
„Die. Ich. Ich weiß nicht!“
„Mark. Mark! Lass dich nicht so hängen. Für uns alle heißt es nun einmal irgendwann: rien ne va plus. Und daran lässt sich nun einmal nichts ändern. Selbst die Sonne, die gerade dabei ist deine geliebte Erde zu verschlingen, stirbt. Bläht sich auf, wirft brennende Gase um sich und dann ist es auch für sie zu Ende. Alles geht vorbei, Mark. Verstehst du das jetzt?“
„Hm.“ grunzte Mark, der sich vorkam wie ein kleines Kind, dem man den Lauf der Welt erklärte.
„Können wir die Sache mit der Weltrettung jetzt also abhaken?“
„Hm.“ machte Mark erneut und nickte dabei ein kleines bisschen.
„Gut.“ Herr Sternbaum blinzelte kurz und Mark fand sich wieder zurück auf seiner alten Straße. „Die Sache mit den wirbelnden Farben und dem Bushäuschen hätten wir gar nicht gebraucht um durch die Zeit zu reisen, nicht wahr?“
„Nein, diese Effekte habe ich nur hinzugefügt, weil ich es so aufregender finde. Hat dir der Ausflug gefallen?“
„Geht so.“
„Nun schmoll doch bitte nicht. Ich wollte dir nur vor Augen führen, dass nichts gerettet werden muss, weil nichts gerettet werden kann. Wir alle existieren und dann hören wir wieder auf damit. Nichts ist von Bedeutung.“
„Das ist ein ziemlich pessimistischer Ansatz.“
„Das stimmt.“
„Um nicht zu sagen Nihilistisch.“
„Wenn du es so ausdrücken möchtest.“
„Wir existieren nur um zu existieren und dann sterben wir.“
„So krass habe ich es nun auch wieder nicht formuliert.“
„Doch das haben Sie.“
„Ja, das habe ich wohl.“
„Hm.“

Mark rauchte eine neue Zigarette und fuhr sich mit der freien Hand durch das immer noch feuchte Haar. Langsam rang er sich zu einer Entscheidung durch.
„Ich glaube ich bin jetzt bereit für meine Beerdigung.“ sagte er schließlich.
„Sollen wir vorher noch bei den Dinosauriern vorbeischauen?“
„Ja, ich glaube das würde mir gefallen.“

Ende

© sybille lengauer

Dora Feh

Veröffentlicht: Oktober 22, 2018 in Kurzgeschichten
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„Frau Fedora, Frau Fedora, jetzt warten Sie doch bitte!“ ruft der Krankenpflegehelfer und hechtet den hell erleuchteten Flur hinunter. Am Ende dieses Flures steht Frau Feh in ihrem ausgeleierten Jogginganzug und versucht die Türe zum Treppenhaus zu öffnen. Da sie ihre Gehhilfe vor die Türe geschoben hat und diese nur nach Innen aufgeht, ist es ein aussichtsloser Versuch. Trotzdem ist die alte Dame mit Feuereifer bei der Sache und genau das beunruhigt den heraneilenden Krankenpflegehelfer, der befürchtet, dass Frau Feh bei all diesem Geruckel und Geziehe das Gleichgewicht verlieren und zu Schaden kommen könnte. In seiner Aufregung vergisst er sogar, dass Frau Feh Schwerhörig ist und ohnehin nicht auf den Namen „Fedora“ hören würde, den man ihr vor ein paar Tagen im Pausenraum verordnet hat. Dora Feh heißt die gute Dame, 95 Jahre alt und „so verwirrt wie ihre Frisur“. Eine Diagnose aus eben demselben Pausenraum.
„Was machen Sie denn immer für Sachen?“ stößt der junge Mann ganz außer Atem hervor, als er Frau Feh schließlich erreicht hat. Die alte Dame erschrickt heftig und strauchelt in seine Arme. „Er weiß auch nicht so recht, wo er im Raum geht und wo ein anderer im Raum steht, wie?“ schimpft sie und starrt dabei forsch in seinen Hemdausschnitt. Höher reicht ihr Blickfeld nicht und da von dort nur ein paar dunkle Brusthaare zurückschauen, verliert sie schnell das Interesse.
„Er kann mir direkt behilflich sein, er kann das Portal öffnen, da.“ fordert sie, immer noch in gereiztem Ton und klopft an die Türe des Treppenhauses. „Da.“ sagt sie noch einmal, für den Fall, dass der Krankenpflegehelfer es nicht gleich verstanden hat. Der seufzt nur resigniert und dreht die alte Dame langsam in die Richtung, in der ihr Zimmer liegt. „Frau Feh, bitte beruhigen Sie sich, Sie werden sich noch verletzen.“ „Was?“ „Bitte beruhigen Sie sich, sonst verletzen Sie sich noch.“ „Was?“ „Bitte kommen Sie mit.“ „Er soll mich nicht schubsen!“ Frau Feh setzt sich unwillig in Bewegung. „Was?“ fragt sie wieder, auch wenn der Krankenpflegehelfer jetzt gar nichts mehr gesagt hat, sondern sich darauf konzentriert, die alte Frau und ihre Gehhilfe zu sortieren. Das antike Gerät mit den sperrigen Rädern ist mehr eine Behinderung als eine Hilfe, aber Frau Feh weigert sich, moderne Rollatoren zu akzeptieren. Langsam geht es zurück in Richtung Zimmer.
„Sie dürfen nicht immer weglaufen!“ schreit der Krankenpflegehelfer bemüht freundlich. Frau Feh lächelt und nickt einem Lampenschirm zu.

„Na Hopp, mein Kleiner.“ sagt Frau Feh aufmunternd und klopft sich auf die dünnen Schenkel. Sie sitzt in einem praktischen Sessel im Aufenthaltsraum und versucht einen Saugroboter zu animieren, auf ihren Schoß zu springen. Das kleine Gerät hat sich an einem Bein des Sessels festgefahren und blinkt lautlos vor sich hin. Frau Feh ist guter Dinge und klatsch begeistert in die Hände, als der kleine Roboter erneut ein kleines Stück zurück und wieder vorwärts fährt. „Wir werden das schon schaukeln.“ sagt sie und beugt sich ächzend nach vorn. Langsam versuchen ihre arthritischen Finger, das rundliche Gerät zu greifen. „Komm her, mein Freund, gleich haben wir es geschafft.“
„Was machen Sie denn da, Frau Feh?“ fragt ein Altenpflegehelfer, der zufällig in den Raum kommt. „Was?“ fragt Frau Feh, die gerade den Saugroboter erfolgreich auf ihren Schoß gehievt hat. „Das ist ein Staubsauger und kein Kuschelbot, Frau Feh. Bitte lassen Sie das Gerät seine Arbeit tun.“ sagt der Altenpflegehelfer bestimmt, nimmt den Saugroboter aus ihrem Schoß und setzt ihn zurück auf den Boden. „Ich hole Ihnen gerne einen Kuschelbot, mögen Sie lieber eine Robbe oder eine Katze?“ Er wartet keine Antwort ab sondern holt beide Geräte aus einem Schrank. Frau Feh möchte keinen. Resigniert sieht sie dem Saugroboter nach, der in einiger Entfernung über den Boden surrt.

„Hat einer die alte Fedora gesehen?“ Ein Pflegeassistent hebt verwundert den Kopf, als sein Kollege in den Pausenraum stürzt. „Was ist?“ fragt er desinteressiert. „Die alte Fedora ist nicht auf der Station.“ sprudelt der andere hervor. Lässt dabei seine Augen durch den Raum schweifen, als würde Frau Feh sich irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Kühlschrank verbergen. „Kann nicht sein.“ sagt der Erste und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse. „Jetzt diskutier hier nicht mit mir sondern komm!“

„Es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Großmutter in der vergangenen Nacht von uns gegangen ist.“ Die Stimme des Call-Center-Agents ist ruhig und gesetzt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist ebenfalls ruhig und fragt, was denn geschehen sei. „Ihre Großmutter ist gestern Abend aus unseren Räumlichkeiten entwichen. Leider war der Bewegungsmelder an ihrem Handgelenk defekt, wir werden in diesem Zusammenhang noch ein Klärungsgespräch mit dem Hersteller anstreben, aber wie dem auch sei, Frau Feh war es leider möglich, unsere Räumlichkeiten zu verlassen. Man hat sie gegen 23 Uhr im Hitterpark gefunden, sie war gestürzt und litt an einer schweren Unterkühlung. Leider hat sich ihr Körper nicht von diesem Schock erholt.“ „Im Hitterpark?“ „Im Hitterpark.“ „Warum hat man sie dort nicht früher gefunden, ich meine, der Park wird abends abgeschaltet?“ „Das kann ich Ihnen nach unseren gegenwärtigen Erkenntnissen nicht sagen. Wir haben eine Untersuchung eingeleitet und das betreffende Pflegepersonal wird einer strengen Befragung unterzogen. Natürlich werden wir Ihnen die Ergebnisse sofort mitteilen, sobald sie vorliegen. Wir haben uns die Freiheit genommen, alle Schritte für eine Beisetzung in die Wege zu leiten, ich hoffe, dass dies in Ihrem Sinne ist?“ „Ja, ja, das ist es. Durchaus, durchaus.“ „Dürfen wir Sie zum Beisetzungstermin erwarten?“ „Ich werde versuchen es einzurichten.“ „Dann verbleibe ich mit unseren innigsten Beileidsbekundungen und melde mich erneut, wenn es nähere Informationen gibt.“ „Ja, ja, das wäre schön. Danke.“
Der Call-Center-Agent zieht sich genervt das Headset vom Kopf. „Eine Schande ist das.“ murmelt er frustriert. „Was ist eine Schande?“ fragt sein Kollege, der gerade ebenfalls ein Gespräch beendet hat. „Ich habe gerade mit dem Angehörigen der alten Dame gesprochen, die gestern im Hitterpark gestorben ist.“ „Du meinst die, die von den Ratten aufgefressen wurde?“ „Angefressen. Nicht aufgefressen. Ja, genau die.“ „Und, wie hat er es aufgenommen?“ „Ich habe ihm natürlich nicht gesagt, dass sie von Ratten aufgefressen worden ist.“ „Angefressen.“ „Ja, Angefressen. Es hätte ihn aber wahrscheinlich sowieso nicht interessiert.“ „So ist das nun mal, heutzutage.“ kommentiert sein Kollege schulterzuckend. und wendet sich seinem nächsten Telefonat zu. „Ach, Scheiße ist das.“ brummt der Call-Center-Agent und setzt sich das Headset wieder auf.

© sybille lengauer

Heute, Bahnhof Recklinghausen. Auf einer Bank am Gleis Zwei sitzt eine adrett frisierte Dame um die Fünfzig. Sie trägt lila Schuhe mit kleinen Absätzen, eine farblich dazu passende Strumpfhose, ein schickes Kostüm. Sie sagt, als ich mich setze:„Fake, alles Fake.“ und schüttelt missmutig den Kopf.

Auftritt einer jungen, ausländisch aussehenden Frau. Die Dame neben mir schaut sie böse an. Dann mich. „Die Welt gehört den Menschen, nicht den Monstern.“, sprudelt es aus ihr heraus. Ich sage nichts. „Von Mutter und Vater gezeugt. Alles andere sind Roboter. Nichts als Gestank. Boring!“

Ich bin, auf eine fast perverse Art, fasziniert.

Das junge Mädel hüpft ein wenig auf und ab. Es ist nicht gerade warm heute. Die Dame sieht ihr dabei zu. „Die spielen einfach ihr Programm ab, aber das nützt ihnen nichts. Weil sie nicht selbst denken können. Teufelskreis. Immer wieder neu wird Dreck auf die Erde geschmissen, aber das ist jetzt vorbei.“ Ich atme langsam ein. Überdenke meine Strategie.

Ein Buch wäre jetzt nicht schlecht. Also hole ich „Golf Monster“ von Alice Cooper aus meiner Tasche und schlage es am Lesezeichen auf. Am Anfang des siebenten Kapitels. Alice posiert auf einem großen Foto in magischer Pose. Er ist schwer geschminkt. Trägt eine riesige Blume im auftoupierten Haar und sonst nur Wickelfolie…

Die Dame neben mir sieht natürlich hin. Atmet hörbar durch die Nase ein. Ich kann fast mit den Händen greifen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Entschlossen steht sie auf und geht erhobenen Hauptes so weit weg, wie sie kann. „Jesus.“, höre ich sie noch murmeln, dann sind ihre lila bestrumpften Beine aus meinem Blickfeld verschwunden. „Ach, Alice.“, murmle ich zurück. Ganz liebevoll.

(c) Sy

 

Der Raum war kalt und abweisend. Staub flirrte in blassen Sonnenstrahlen, der scheinbar nur zögernd durch das verdreckte Fenster schienen. Auf dem wurmstichigen Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, in dem eine gelbliche Pflanze verdorrte. Fruchtfliegen schwirrten in sanften Bahnen durch die trockene Luft. Es roch nach Einsamkeit und geronnener Zeit. Ein alter Mann saß gebeugt auf einem Stuhl, malte zittrige Kreise auf den Plastiktisch. Mechanisch tauchte er seinen Zeigefinger in einen Kaffeebecher, leckte daran, zog einen neuen Kreis ins vergilbte weiß der Tischplatte. Ein alter Fernseher, der in seiner übertriebenen Größe den Raum beherrschte, plärrte sinnlose Werbebotschaften in sein Gehirn. Er hörte schon lange nicht mehr hin.

Ein dumpfer Knall ließ ihn aufschrecken. Gehetzt sah er sich in um, als wäre er aus einem schlechten Traum aufgewacht. Langsam stand er auf und ging zum Fenster, wobei er hörbar die Luft einsog, als er seine arthritischen Knochen streckte. Auf dem Sims lag ein zerzaustes Bündel Federn. Dünne Vogelbeine reckten sich in die Luft. Ein zerzauster, schwarzer Kopf lag auf der Seite, die Augen geschlossen. Eine kleine Amsel. Zitternd stellte der alte Mann den Blumentopf auf den Boden, öffnete das Fenster und griff vorsichtig nach dem Vogel. Als er ihn mit seinen Händen umschloss, fühlte er ein leichtes Zucken.

Mit großem Bedacht ging er zurück zum Tisch, legte die kleine Amsel vor sich hin und schaute zu, wie sie atmete. Wartete. Langsam öffnete der Vogel die Augen. Lag auf der Seite und pumpte Luft in seine zarte Lunge. Durch das geöffnete Fenster drang Kindergeschrei. Ein Zittern lief durch den Körper des Vogels. Er krampfte. Schloss seine gelb umrandeten Augen. Der alte Mann seufzte tief, stand langsam auf und holte eine Schuhschachtel aus dem Abstellraum. Er polsterte sie mit Zeitungspapier, dann legte er die kleine Amsel hinein. Schloss den Deckel und stellte die Schachtel auf das Fensterbrett. Setzte sich erneut an den Tisch. Seufzte. Tauchte seinen Finger in den Kaffeebecher und malte einen zittrigen Kreis. Die Zeit blieb wieder stehen.

Leises Rascheln aus der Schachtel ließ ihn innehalten. Ächzend stand er erneut auf, ging zum Fenster und öffnete den Deckel. Die kleine Amsel blickte ihm erschrocken entgegen. Das Gefieder unordentlich. Die Flügel leicht abgespreizt vom Körper. Aufgeplustert saß sie in den Zeitungen. Der alte Mann schaute erstaunt zurück. Er hob langsam die Schachtel und hielt sie aus dem Fenster. Der Vogel schien ihn zu verstehen, schüttelte sich kurz und schwang sich dann in den Himmel. Flog ein wenig ungelenk, landete jedoch sicher im Kastanienbaum, der den kleinen Innenhof beschattete. Dort blieb er sitzen und sang ein kurzes Lied.Der alte Mann stand am Fenster, beobachtete die Amsel im Baum und dachte nach. Ein paar Minuten später drehte er sich um und ging in den Abstellraum. Er holte die große Schachtel, in der einst sein Fernseher geliefert worden war. Polsterte sie mit Zeitungspapier aus und kletterte mühsam hinein.

Der Vogel in der Kastanie sang erneut sein kleines Lied, als der alte Mann den Deckel über der Schachtel schloss und wartete…

© Sybille Lengauer

Er stöhnte müde und legte den Kohlestift aus der Hand. Drehte den dröhnenden Bass noch etwas lauter auf. Rieb sich das schmerzende Handgelenk. Schüttelte erst die rechte, dann die linke Hand. Schüttelte beide Hände zugleich. Dann den ganzen Körper. Der Zeichenblock glitt dadurch von seinem Schoß auf den krümelübersäten Boden. Scheiße. Ach was. Liegen lassen! Er nahm einen tiefen Schluck aus der Weinflasche. Warf die halbgerauchte Zigarette auf den Haufen mit den anderen Tabakleichen. Kroch langsam von der Couch auf den Boden. Ließ sich seufzend über die Zeichnung sinken. Schmierte sich selbst über das Papier. Millimeter für Millimeter. Roch den Kohlestaub. Fuhr mit der Zunge darüber. Krümel. Kacke. Überall Krümel. Zögerlich fragte sein Verstand, was er da eigentlich machte. „Nicht recht viel“, kam die Antwort vom restlichen System. „Weitermachen!“ brüllte er, so laut er konnte. Sofort konterte sein Mitbewohner mit einem herzhaften „Maul halten!“ aus dem Nebenzimmer.Etwas unbeholfen zog er sich an der Tischkante wieder in die Höhe. Hinterließ klebrig schwarze Fingerabdrücke. Schaute auf das verschmierte Papier. Kohlewirrwarr. Krümel. Etwas Spucke. Kunst? „Ach, leck mich!“ „Halt endlich die Fresse!“ dröhnte es von nebenan.

Er ließ seinen Blick durch das verlebte Zimmer schweifen. Blieb an dem Bild hängen, das von den glücklichen Tagen mit Marie erzählte. Hasste es aus tiefstem Herzen. Zwei Schritte, ein energischer Ruck und da lag es auf dem zertretenen Holzfußboden. „Scheiß auf Marie! Scheiß auf das Glück!“ Wütend griff er zum Kohlestift und kritzelte, so fest er konnte, über das Bild, über den Boden, über seine Hände, über sein Gesicht, das schon ganz nass war, vom Flennen und vom Schweiß. Die Weinflasche stand nah genug, um durch reinen Zufall in seine Hand zu schlüpfen. Schwungvoll warf er sie in das Chaos. „Yeah, Baby, das ist Fuck-you-Kunst!“ schrie er und aus dem Nebenzimmer kam keine Antwort, weil Dirk bereits in der Tür stand, das Gesicht so rot wie der Eingang zur Hölle. „Du dummes Arschloch, du selten dämliches…was, verdammt nochmal ist los mit dir?“ Dirk beglubschte wutschnaubend das Chaos. „Okay, weißt du was? Ich ziehe aus. Morgen.“ Ruckartig drehte er sich um und ging zurück in sein Zimmer. Knallte die Tür. „Scheiße.“ , schrie Dirk. „Scheiße.“

„Ja, das ist Fuck-you-Scheiße-Kunst.“, murmelte er zufrieden und legte sich in die Scherben. Seufzte tief. Schlief friedlich ein. Endlich.

© Sybille Lengauer