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Dora Feh

Veröffentlicht: Oktober 22, 2018 in Kurzgeschichten
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„Frau Fedora, Frau Fedora, jetzt warten Sie doch bitte!“ ruft der Krankenpflegehelfer und hechtet den hell erleuchteten Flur hinunter. Am Ende dieses Flures steht Frau Feh in ihrem ausgeleierten Jogginganzug und versucht die Türe zum Treppenhaus zu öffnen. Da sie ihre Gehhilfe vor die Türe geschoben hat und diese nur nach Innen aufgeht, ist es ein aussichtsloser Versuch. Trotzdem ist die alte Dame mit Feuereifer bei der Sache und genau das beunruhigt den heraneilenden Krankenpflegehelfer, der befürchtet, dass Frau Feh bei all diesem Geruckel und Geziehe das Gleichgewicht verlieren und zu Schaden kommen könnte. In seiner Aufregung vergisst er sogar, dass Frau Feh Schwerhörig ist und ohnehin nicht auf den Namen „Fedora“ hören würde, den man ihr vor ein paar Tagen im Pausenraum verordnet hat. Dora Feh heißt die gute Dame, 95 Jahre alt und „so verwirrt wie ihre Frisur“. Eine Diagnose aus eben demselben Pausenraum.
„Was machen Sie denn immer für Sachen?“ stößt der junge Mann ganz außer Atem hervor, als er Frau Feh schließlich erreicht hat. Die alte Dame erschrickt heftig und strauchelt in seine Arme. „Er weiß auch nicht so recht, wo er im Raum geht und wo ein anderer im Raum steht, wie?“ schimpft sie und starrt dabei forsch in seinen Hemdausschnitt. Höher reicht ihr Blickfeld nicht und da von dort nur ein paar dunkle Brusthaare zurückschauen, verliert sie schnell das Interesse.
„Er kann mir direkt behilflich sein, er kann das Portal öffnen, da.“ fordert sie, immer noch in gereiztem Ton und klopft an die Türe des Treppenhauses. „Da.“ sagt sie noch einmal, für den Fall, dass der Krankenpflegehelfer es nicht gleich verstanden hat. Der seufzt nur resigniert und dreht die alte Dame langsam in die Richtung, in der ihr Zimmer liegt. „Frau Feh, bitte beruhigen Sie sich, Sie werden sich noch verletzen.“ „Was?“ „Bitte beruhigen Sie sich, sonst verletzen Sie sich noch.“ „Was?“ „Bitte kommen Sie mit.“ „Er soll mich nicht schubsen!“ Frau Feh setzt sich unwillig in Bewegung. „Was?“ fragt sie wieder, auch wenn der Krankenpflegehelfer jetzt gar nichts mehr gesagt hat, sondern sich darauf konzentriert, die alte Frau und ihre Gehhilfe zu sortieren. Das antike Gerät mit den sperrigen Rädern ist mehr eine Behinderung als eine Hilfe, aber Frau Feh weigert sich, moderne Rollatoren zu akzeptieren. Langsam geht es zurück in Richtung Zimmer.
„Sie dürfen nicht immer weglaufen!“ schreit der Krankenpflegehelfer bemüht freundlich. Frau Feh lächelt und nickt einem Lampenschirm zu.

„Na Hopp, mein Kleiner.“ sagt Frau Feh aufmunternd und klopft sich auf die dünnen Schenkel. Sie sitzt in einem praktischen Sessel im Aufenthaltsraum und versucht einen Saugroboter zu animieren, auf ihren Schoß zu springen. Das kleine Gerät hat sich an einem Bein des Sessels festgefahren und blinkt lautlos vor sich hin. Frau Feh ist guter Dinge und klatsch begeistert in die Hände, als der kleine Roboter erneut ein kleines Stück zurück und wieder vorwärts fährt. „Wir werden das schon schaukeln.“ sagt sie und beugt sich ächzend nach vorn. Langsam versuchen ihre arthritischen Finger, das rundliche Gerät zu greifen. „Komm her, mein Freund, gleich haben wir es geschafft.“
„Was machen Sie denn da, Frau Feh?“ fragt ein Altenpflegehelfer, der zufällig in den Raum kommt. „Was?“ fragt Frau Feh, die gerade den Saugroboter erfolgreich auf ihren Schoß gehievt hat. „Das ist ein Staubsauger und kein Kuschelbot, Frau Feh. Bitte lassen Sie das Gerät seine Arbeit tun.“ sagt der Altenpflegehelfer bestimmt, nimmt den Saugroboter aus ihrem Schoß und setzt ihn zurück auf den Boden. „Ich hole Ihnen gerne einen Kuschelbot, mögen Sie lieber eine Robbe oder eine Katze?“ Er wartet keine Antwort ab sondern holt beide Geräte aus einem Schrank. Frau Feh möchte keinen. Resigniert sieht sie dem Saugroboter nach, der in einiger Entfernung über den Boden surrt.

„Hat einer die alte Fedora gesehen?“ Ein Pflegeassistent hebt verwundert den Kopf, als sein Kollege in den Pausenraum stürzt. „Was ist?“ fragt er desinteressiert. „Die alte Fedora ist nicht auf der Station.“ sprudelt der andere hervor. Lässt dabei seine Augen durch den Raum schweifen, als würde Frau Feh sich irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Kühlschrank verbergen. „Kann nicht sein.“ sagt der Erste und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse. „Jetzt diskutier hier nicht mit mir sondern komm!“

„Es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Großmutter in der vergangenen Nacht von uns gegangen ist.“ Die Stimme des Call-Center-Agents ist ruhig und gesetzt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist ebenfalls ruhig und fragt, was denn geschehen sei. „Ihre Großmutter ist gestern Abend aus unseren Räumlichkeiten entwichen. Leider war der Bewegungsmelder an ihrem Handgelenk defekt, wir werden in diesem Zusammenhang noch ein Klärungsgespräch mit dem Hersteller anstreben, aber wie dem auch sei, Frau Feh war es leider möglich, unsere Räumlichkeiten zu verlassen. Man hat sie gegen 23 Uhr im Hitterpark gefunden, sie war gestürzt und litt an einer schweren Unterkühlung. Leider hat sich ihr Körper nicht von diesem Schock erholt.“ „Im Hitterpark?“ „Im Hitterpark.“ „Warum hat man sie dort nicht früher gefunden, ich meine, der Park wird abends abgeschaltet?“ „Das kann ich Ihnen nach unseren gegenwärtigen Erkenntnissen nicht sagen. Wir haben eine Untersuchung eingeleitet und das betreffende Pflegepersonal wird einer strengen Befragung unterzogen. Natürlich werden wir Ihnen die Ergebnisse sofort mitteilen, sobald sie vorliegen. Wir haben uns die Freiheit genommen, alle Schritte für eine Beisetzung in die Wege zu leiten, ich hoffe, dass dies in Ihrem Sinne ist?“ „Ja, ja, das ist es. Durchaus, durchaus.“ „Dürfen wir Sie zum Beisetzungstermin erwarten?“ „Ich werde versuchen es einzurichten.“ „Dann verbleibe ich mit unseren innigsten Beileidsbekundungen und melde mich erneut, wenn es nähere Informationen gibt.“ „Ja, ja, das wäre schön. Danke.“
Der Call-Center-Agent zieht sich genervt das Headset vom Kopf. „Eine Schande ist das.“ murmelt er frustriert. „Was ist eine Schande?“ fragt sein Kollege, der gerade ebenfalls ein Gespräch beendet hat. „Ich habe gerade mit dem Angehörigen der alten Dame gesprochen, die gestern im Hitterpark gestorben ist.“ „Du meinst die, die von den Ratten aufgefressen wurde?“ „Angefressen. Nicht aufgefressen. Ja, genau die.“ „Und, wie hat er es aufgenommen?“ „Ich habe ihm natürlich nicht gesagt, dass sie von Ratten aufgefressen worden ist.“ „Angefressen.“ „Ja, Angefressen. Es hätte ihn aber wahrscheinlich sowieso nicht interessiert.“ „So ist das nun mal, heutzutage.“ kommentiert sein Kollege schulterzuckend. und wendet sich seinem nächsten Telefonat zu. „Ach, Scheiße ist das.“ brummt der Call-Center-Agent und setzt sich das Headset wieder auf.

© sybille lengauer

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Heute, Bahnhof Recklinghausen. Auf einer Bank am Gleis Zwei sitzt eine adrett frisierte Dame um die Fünfzig. Sie trägt lila Schuhe mit kleinen Absätzen, eine farblich dazu passende Strumpfhose, ein schickes Kostüm. Sie sagt, als ich mich setze:„Fake, alles Fake.“ und schüttelt missmutig den Kopf.

Auftritt einer jungen, ausländisch aussehenden Frau. Die Dame neben mir schaut sie böse an. Dann mich. „Die Welt gehört den Menschen, nicht den Monstern.“, sprudelt es aus ihr heraus. Ich sage nichts. „Von Mutter und Vater gezeugt. Alles andere sind Roboter. Nichts als Gestank. Boring!“

Ich bin, auf eine fast perverse Art, fasziniert.

Das junge Mädel hüpft ein wenig auf und ab. Es ist nicht gerade warm heute. Die Dame sieht ihr dabei zu. „Die spielen einfach ihr Programm ab, aber das nützt ihnen nichts. Weil sie nicht selbst denken können. Teufelskreis. Immer wieder neu wird Dreck auf die Erde geschmissen, aber das ist jetzt vorbei.“ Ich atme langsam ein. Überdenke meine Strategie.

Ein Buch wäre jetzt nicht schlecht. Also hole ich „Golf Monster“ von Alice Cooper aus meiner Tasche und schlage es am Lesezeichen auf. Am Anfang des siebenten Kapitels. Alice posiert auf einem großen Foto in magischer Pose. Er ist schwer geschminkt. Trägt eine riesige Blume im auftoupierten Haar und sonst nur Wickelfolie…

Die Dame neben mir sieht natürlich hin. Atmet hörbar durch die Nase ein. Ich kann fast mit den Händen greifen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Entschlossen steht sie auf und geht erhobenen Hauptes so weit weg, wie sie kann. „Jesus.“, höre ich sie noch murmeln, dann sind ihre lila bestrumpften Beine aus meinem Blickfeld verschwunden. „Ach, Alice.“, murmle ich zurück. Ganz liebevoll.

(c) Sy

 

Der Raum war kalt und abweisend. Staub flirrte in blassen Sonnenstrahlen, der scheinbar nur zögernd durch das verdreckte Fenster schienen. Auf dem wurmstichigen Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, in dem eine gelbliche Pflanze verdorrte. Fruchtfliegen schwirrten in sanften Bahnen durch die trockene Luft. Es roch nach Einsamkeit und geronnener Zeit. Ein alter Mann saß gebeugt auf einem Stuhl, malte zittrige Kreise auf den Plastiktisch. Mechanisch tauchte er seinen Zeigefinger in einen Kaffeebecher, leckte daran, zog einen neuen Kreis ins vergilbte weiß der Tischplatte. Ein alter Fernseher, der in seiner übertriebenen Größe den Raum beherrschte, plärrte sinnlose Werbebotschaften in sein Gehirn. Er hörte schon lange nicht mehr hin.

Ein dumpfer Knall ließ ihn aufschrecken. Gehetzt sah er sich in um, als wäre er aus einem schlechten Traum aufgewacht. Langsam stand er auf und ging zum Fenster, wobei er hörbar die Luft einsog, als er seine arthritischen Knochen streckte. Auf dem Sims lag ein zerzaustes Bündel Federn. Dünne Vogelbeine reckten sich in die Luft. Ein zerzauster, schwarzer Kopf lag auf der Seite, die Augen geschlossen. Eine kleine Amsel. Zitternd stellte der alte Mann den Blumentopf auf den Boden, öffnete das Fenster und griff vorsichtig nach dem Vogel. Als er ihn mit seinen Händen umschloss, fühlte er ein leichtes Zucken.

Mit großem Bedacht ging er zurück zum Tisch, legte die kleine Amsel vor sich hin und schaute zu, wie sie atmete. Wartete. Langsam öffnete der Vogel die Augen. Lag auf der Seite und pumpte Luft in seine zarte Lunge. Durch das geöffnete Fenster drang Kindergeschrei. Ein Zittern lief durch den Körper des Vogels. Er krampfte. Schloss seine gelb umrandeten Augen. Der alte Mann seufzte tief, stand langsam auf und holte eine Schuhschachtel aus dem Abstellraum. Er polsterte sie mit Zeitungspapier, dann legte er die kleine Amsel hinein. Schloss den Deckel und stellte die Schachtel auf das Fensterbrett. Setzte sich erneut an den Tisch. Seufzte. Tauchte seinen Finger in den Kaffeebecher und malte einen zittrigen Kreis. Die Zeit blieb wieder stehen.

Leises Rascheln aus der Schachtel ließ ihn innehalten. Ächzend stand er erneut auf, ging zum Fenster und öffnete den Deckel. Die kleine Amsel blickte ihm erschrocken entgegen. Das Gefieder unordentlich. Die Flügel leicht abgespreizt vom Körper. Aufgeplustert saß sie in den Zeitungen. Der alte Mann schaute erstaunt zurück. Er hob langsam die Schachtel und hielt sie aus dem Fenster. Der Vogel schien ihn zu verstehen, schüttelte sich kurz und schwang sich dann in den Himmel. Flog ein wenig ungelenk, landete jedoch sicher im Kastanienbaum, der den kleinen Innenhof beschattete. Dort blieb er sitzen und sang ein kurzes Lied.Der alte Mann stand am Fenster, beobachtete die Amsel im Baum und dachte nach. Ein paar Minuten später drehte er sich um und ging in den Abstellraum. Er holte die große Schachtel, in der einst sein Fernseher geliefert worden war. Polsterte sie mit Zeitungspapier aus und kletterte mühsam hinein.

Der Vogel in der Kastanie sang erneut sein kleines Lied, als der alte Mann den Deckel über der Schachtel schloss und wartete…

© Sybille Lengauer

Er stöhnte müde und legte den Kohlestift aus der Hand. Drehte den dröhnenden Bass noch etwas lauter auf. Rieb sich das schmerzende Handgelenk. Schüttelte erst die rechte, dann die linke Hand. Schüttelte beide Hände zugleich. Dann den ganzen Körper. Der Zeichenblock glitt dadurch von seinem Schoß auf den krümelübersäten Boden. Scheiße. Ach was. Liegen lassen! Er nahm einen tiefen Schluck aus der Weinflasche. Warf die halbgerauchte Zigarette auf den Haufen mit den anderen Tabakleichen. Kroch langsam von der Couch auf den Boden. Ließ sich seufzend über die Zeichnung sinken. Schmierte sich selbst über das Papier. Millimeter für Millimeter. Roch den Kohlestaub. Fuhr mit der Zunge darüber. Krümel. Kacke. Überall Krümel. Zögerlich fragte sein Verstand, was er da eigentlich machte. „Nicht recht viel“, kam die Antwort vom restlichen System. „Weitermachen!“ brüllte er, so laut er konnte. Sofort konterte sein Mitbewohner mit einem herzhaften „Maul halten!“ aus dem Nebenzimmer.Etwas unbeholfen zog er sich an der Tischkante wieder in die Höhe. Hinterließ klebrig schwarze Fingerabdrücke. Schaute auf das verschmierte Papier. Kohlewirrwarr. Krümel. Etwas Spucke. Kunst? „Ach, leck mich!“ „Halt endlich die Fresse!“ dröhnte es von nebenan.

Er ließ seinen Blick durch das verlebte Zimmer schweifen. Blieb an dem Bild hängen, das von den glücklichen Tagen mit Marie erzählte. Hasste es aus tiefstem Herzen. Zwei Schritte, ein energischer Ruck und da lag es auf dem zertretenen Holzfußboden. „Scheiß auf Marie! Scheiß auf das Glück!“ Wütend griff er zum Kohlestift und kritzelte, so fest er konnte, über das Bild, über den Boden, über seine Hände, über sein Gesicht, das schon ganz nass war, vom Flennen und vom Schweiß. Die Weinflasche stand nah genug, um durch reinen Zufall in seine Hand zu schlüpfen. Schwungvoll warf er sie in das Chaos. „Yeah, Baby, das ist Fuck-you-Kunst!“ schrie er und aus dem Nebenzimmer kam keine Antwort, weil Dirk bereits in der Tür stand, das Gesicht so rot wie der Eingang zur Hölle. „Du dummes Arschloch, du selten dämliches…was, verdammt nochmal ist los mit dir?“ Dirk beglubschte wutschnaubend das Chaos. „Okay, weißt du was? Ich ziehe aus. Morgen.“ Ruckartig drehte er sich um und ging zurück in sein Zimmer. Knallte die Tür. „Scheiße.“ , schrie Dirk. „Scheiße.“

„Ja, das ist Fuck-you-Scheiße-Kunst.“, murmelte er zufrieden und legte sich in die Scherben. Seufzte tief. Schlief friedlich ein. Endlich.

© Sybille Lengauer

Du und ich

Veröffentlicht: August 26, 2013 in Gedichte / Geschichten / Neuigkeiten, Kurzgeschichten
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Ich habe dich gerufen. Ich habe so lange deinen Namen gerufen, bis meine Stimme nur noch ein krächzendes Flüstern war. Mich auf dem Boden gewunden. Mit suchenden Fingern. Zitternden Muskeln. Du hast derweil im Nebenzimmer in den Fernseher gestarrt. Gemütlich auf dem Ledersofa. Ich habe Blut gekotzt. Blut geschwitzt. Mir die Zähne zu kleinen Brocken zermalmt. Du hast weiter dein beschissenes Programm geschaut. Germanys next Top-Trottel, oder so. Hast dir Chips ins Maul gestopft, während ich hier langsam krepiert bin. Ja, krepiert. Jetzt bist du Arschloch traurig. Hast Depressionen, weil du mir nicht geholfen hast. Weil du keine fünf Meter von mir entfernt deinen faulen Arsch kultiviert hast. Mit dem spitzen Fingernagel in der Nase. Du suchst jetzt einen Therapieplatz. Ich bin tot.

Bei meiner Beerdigung waren kaum Leute. Hat mich nicht überrascht, ich war kein geselliger Typ. Aber ein paar mehr hätten es schon sein können. Obwohl. Das Wetter war auch ein bisschen zu gut für so eine Veranstaltung. Wer will schon auf einem Friedhof herumstehen, wenn er auch am Badesee liegen kann. Oder schön schlemmen im Eissalon. Du warst sehr wohl da. Gramgebeugt und tränenüberströmt. Hast ausgesehen wie eine fette, traurige Krähe. Umgeben von deinen fetten, traurigen Krähenfreundinnen. Wobei du doch ein wenig abgenommen hast, seit dich die Schuldgefühle zerfressen. Geschieht dir ganz recht. Nun hockst du wieder vor dem Fernseher. Starrst mit glasigen Augen. Siehst nichts. Hörst nichts. Ziehst gedankenverloren immer wieder eine Haarsträhne durch deine Finger. Bist ein Schatten deiner selbst. Ich schwebe hinter dir durch das Sitzmöbel. Am Anfang war das noch recht unheimlich, aber mittlerweile macht es mir nichts mehr aus. Ich gewöhne mich an alles. Wenn ich durch dich hindurch schwebe und mich konzentriere, dann bekommst du eine Gänsehaut. Fühlst dich sichtlich unwohl. Also mache ich das jetzt alle paar Minuten.

Vorhin hast du mit deiner besten Freundin telefoniert. Die mit den riesigen Titten und der Turmfrisur. Habe mich immer gefragt, wie es wohl wäre, mein Gesicht zwischen diese massigen Dinger zu stecken. Dachte immer, es müsse sich anfühlen wie weiche, fleischige Ohrenschützer. Finde ich wohl nie mehr heraus. Was ich so mitgehört habe, ist sie voller Verständnis für dich und deine Situation. Glaube ich gerne. Sie ist mindestens so dämlich wie du. Morgen wollt ihr gemeinsam ins Kino. Wenn ich kann, vermiese ich dir diesen Ausflug nach Strich und Faden. Mir fällt sicher etwas ein. Du greifst nach einem Taschentuch, weil dir wieder die Tränen kommen. Wundert mich schon, dass du derart viel heulst. So sehr hast du mich doch gar nicht mehr geliebt. Hast du selber gesagt, neulich, als ich noch lebendig war. Scheinbar vermisst du mich doch mehr, als wir beide angenommen hatten. Aber vielleicht heulst du auch, weil du dir selber leid tust. Darin warst du schon immer meisterlich. Ich wandere wieder einmal durch dich hindurch. Du schauderst und seufzt. Das wird mir bestimmt nie langweilig.

Irgendetwas stimmt mit dem Plafond nicht. Er schimmert und wabert ein wenig. Kleine, glitzernde Funken fallen auf den Boden. Das sieht ganz schön verrückt aus. Du bekommst davon nichts mit, also scheint die Show für mich zu sein. Ich schwebe aus dir heraus und das Schimmern wird stärker. Ein Kreis aus hellem Licht erscheint. Ein bisschen spät, wenn mir die Bemerkung gestattet ist. Hänge seit zwei Wochen hier herum. Aber jetzt merke ich, wie es mich langsam zum Licht zieht. Warm und angenehm ist es darin. Ich glaube, ich höre leise Musik. Also, damit wäre es endlich überstanden, nicht wahr? Wir sehen uns dann drüben, wenn es unbedingt sein muss. Dann kann ich dir vielleicht endlich das blaue Auge verpassen, das du verdient hast. Mach’s gut, du blöde Kuh.

Ich wünsch dir einen schönen Hochzeitstag.

© Sybille Lengauer

Liebe Freunde, Leser und Mitmenschen,

letztes Jahr habe ich mich an einem Aufruf beteiligt und eine Kurzgeschichte für einen Fantasy-Geschichtenband rund um das grandiose Rollenspiel „Finsterland“ (http://www.finsterland.net)  eingereicht. Nun ist es bald soweit, und „Geschichten aus dem Finsterland“ kommt auf den Markt. Wer neugierig ist, kann sich schon mal ein kleines Interview mit meiner Wenigkeit durchlesen. Zu finden ist es unter:

http://www.mediafire.com/view/?3y89c8mcrc4cvv4

Viel Spaß!

Sy

Mein Leben mit Tier (aus aktuellem Anlass)

Veröffentlicht: Januar 9, 2013 in Kurzgeschichten
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Heute ist Badetag. So etwas kennt der durchschnittliche Deutsche nicht unbedingt, weil die tägliche Dusche hierzulande eigentlich eine Pflichtveranstaltung darstellt. Nicht bei mir. Ich stinke nicht täglich. Aber schon regelmässig. Und heute ist es wieder soweit. Puh, wenn ich so an meiner Achsel schnuppere, wäre es eigentlich sogar schon gestern soweit gewesen. Aber was soll man machen, gestern hatte ich einfach keine Lust, nass zu werden. Heute schon! Also schnell jetzt, die kleine Badewanne einlassen. Eine gute Portion Schaumbad hineindrücken. Herrlich! Schon wachsen die ersten Schauminseln aus dem dampfenden Nass. Türmen sich übereinander. Bilden weiße, glitzernde Kontinente. Fließen schließlich ineinander, bis ein schaumiges Pangäa entsteht und mir verlockend entgegenglitzert. Ich freue mich schon, Teil dieses Schaumtraums zu werden. Also, raus aus den Klamotten und vorsichtig den dicken Zeh ins Wasser stecken – aua, es ist wirklich heiß. Ist aber nicht zu dramatisch, also hinein mit dem zaudernden Körper! Die Haut wird sofort rot, prickelt und brennt. Aber wenn man das ein paar Sekunden aushält, legt sich der Hitzeschock. Und dann wird es herrlich. Ich sinke in die Schaumflut. Schließe die Augen, seufze glücklich. Ah, da ist sie, die wohlige Entspannung.

Neben mir miaut es. Ich öffne die Augen und blicke in ein kleines, pelziges Gesicht. Mein roter Kater Konstantin steht am Badewannenrand und schaut mich fragend an. Betrachtet nachdenklich den Schaum und ich kann förmlich sehen, wie es in seinem kleinen Katzenhirn arbeitet.  Hinter ihm sieht seine bunte Schwester Tiffany neugierig zu, was er da so treibt. Er kommt zu einem Entschuss und steckt die linke Pfote in die weiße Glitzerpracht. Holt sich eine schöne Portion heran. Schnuppert und probiert vorsichtig mit der Zunge. Es scheint ihm zu schmecken. Und lustig ist es wohl auch. Konstantin holt sich noch einen Happen, springt damit auf den Boden und beginnt zu spielen. Kaum hat sich der Schaum aufgelöst, hopst er wieder hoch und langt erneut zu. Tiffany findet das äußerst interessant. Auch sie springt auf den Badewannenrand, untersucht den Schaum und langt dann kräftig zu. Die Schaumparty ist eröffnet! Ich lache Tränen, nehme kleine Schaumberge in die Hände und puste. Jetzt schneit es! Die Katzen geraten vor Begeisterung außer Rand und Band. Hüpfen und springen wie verrückt, um die Schaumfetzen zu fangen. Langsam verwandelt sich das Badezimmer in einen richtigen Nassraum. Aber meinen Katzen macht das nicht viel aus. Sie haben Spaß. Ich auch. Natürlich weiß ich, wie das Ganze hier enden wird. Einer der Beiden wird schließlich bei mir in der Wanne landen. Und sich dafür mit allen vorhandenen Krallen bedanken. Aber was soll’s? Also spielen wir weiter, bis Konstantin schließlich meine Vorahnung erfüllt. Ein kühner Sprung, eine raumgreifende Drehung und PLATSCH.

Weil ich damit gerechnet habe, fange ich ihn geschickt auf. Verhindere das Schlimmste. Aber sein Hinterteil ist pitschnass, das Katzenego deutlich angeschlagen. Wenig begeistert klammert er sich in mein Fleisch. Ich nehme das gelassen hin. Angle mit der freien Hand nach einem Handtuch und rubble den kleinen Katzenbatzen trocken, so gut es geht. Konstantin ist konsterniert. Beleidigt trollt er sich aus dem Badezimmer, sobald ich ihn auf die Fliesen setze. Mein Hund Toulouse nimmt ihn im Flur neugierig in Empfang. Möchte gerne erschnuppern, was da genau passiert ist. Konstantin befindet es für unnötig, sich abschnüffeln zu lassen und verkrümelt sich erhobenen Hauptes. Dass er dabei immer wieder die feuchten Hinterbeine ausschüttelt, dämpft den erhabenen Abgang ein wenig. Toulouse schaut ihm nach, bleibt aber wo er ist. Er weiß, dass eine beleidigte Katze über wenig Humor verfügt.

Tiffany hat derweil das Handtuch zum Opfertier erklärt. Sie beisst darauf herum, schlägt die Krallen hinein und freut sich sichtlich, dass sie einen so tollen, neuen Gegner gefunden hat. Frieden kehrt ein. Ich sinke wieder zurück in die Wanne. Mittlerweile ist das Wasser nur noch lauwarm, der Schaum zersetzt sich. Ich beginne mit der Körperpflege, bevor es mir zu kalt wird. Als ich gerade dabei bin, meine Haare zu waschen, platscht es erneut gewaltig. Ich bin einem Herzinfarkt nahe, habe mich kräftig erschrocken. Diesmal ist es aber keine Katze, die bei mir in der Wanne gelandet ist. Nein, es ist ein gottverdammter Kaktus! Tiffany hat das Interesse am Handtuchfeind rasch verloren und beschlossen, das Fenstersims zu erkunden. Dass sie dabei den Kaktus als Landeplatz für ihren tollen Hochsprung auserkoren hat, ist ein tragischer Zufall. Dass der Blumentopf bei ihrer entsetzten Flucht dann ausgerechnet in hohem Bogen zu mir ins Wasser fällt wohl auch.  Jetzt dümpelt der schöne Kaktus traurig bei mir in der Wanne herum und die sandige Erde verwandelt mein herrliches Schaumbad zügig in ein Schlammbad. Auch außerhalb der Wanne bietet sich ein Bild der Verheerung dem entsetzten Auge dar. Es war ein großer Blumentopf und im Sturz hat sich sein Inhalt großzügig über den Raum verteilt. Wo ich hinsehe, sehe ich Erdbrocken und Sand. Und auch ich war noch nie so sauber und dreckig zugleich. Überall Krümel, selbst in den Haaren.

Ich keife ein wenig. Klettere ärgerlich aus dem Dreckwasser. Tapse patschnass zur Tür und hole mir ein neues Handtuch. Von den Katzen ist derweil nichts mehr zu sehen, haben sich unisono verkrümelt, die Banditen. Mein Hund ist ebenfalls geflüchtet. Er schaut mir vom Schlafzimmer aus neugierig zu, während ich versuche, dem Chaos Herr zu werden. Das ist gar nicht so einfach. Erstmal den ersaufenden Kaktus aus den trüben Fluten retten. Dann selber provisorisch trocken werden. Irgendwas anziehen. Dann beginne ich mit den Aufräumarbeiten, hole Schaufel und Besen. Weil das schon wieder recht interessant ist und die schlimmste Gefahr vorüber, kommen Katzen und Hund, um mir zu helfen. Während ich also auf der einen Seite die nasse Erde zu kleinen Haufen kehre, werden diese hinter meinem Rücken neu umverteilt. So wandert ein Teil des Chaos zügig in den Flur. Wer jetzt die Nerven verliert, kann sich die Tierhaltung getrost sparen. Ich verliere sie trotzdem ein bisschen und schimpfe ziellos herum. Mensch bleibt halt Mensch. Die Tiere kümmern sich wenig darum. Erdferkeln ist einfach zu lustig. Erst als ich ihren natürlichen Erzfeind, den Staubsauger hole, ist der Spaß vorbei. Die drei Plagen ergreifen die Flucht. Ich sauge, kehre, wische und schimpfe dabei leise vor mich hin. Schießlich ist es geschafft. Der arme Kaktus steht in einem neuen Topf mit Erde auf dem Wohnzimmertisch. Der Boden ist großteils zumutbar, auch wenn ich nicht davon essen würde. Handtücher und Badezimmerteppich werden in der Waschmaschine sauber.

Puh! Jetzt erstmal eine rauchen. Ich wickle mich in meine Kuscheldecke und setze mich auf die Couch. Für die Katzen ist das ein ultimatives Signal. Schon sitzen beide auf meinem Schoß und schnurren herzhaft. Toulouse trottet auch heran. Beobachtet, was wir da treiben. Und während ich mir genüsslich die wohlverdiente Zigarette anzünde, beschließt mein Hund heldenhaft, dass man den Kaktus nicht so einsam herumstehen lassen darf. Bevor ich auch nur blinzeln kann, beißt er beherzt in die leidgeprüfte Pflanze und rupft sie vom Tisch. Ein Schelm, wer dabei an göttliche Fügung denkt…

© Sybille Lengauer

PS.: Kein Tier ist bei dieser Geschichte zu Schaden gekommen, ein Überleben des Kaktus kann ich allerdings nicht garantieren.