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Manche Dinge ändern sich nie

Veröffentlicht: Juli 4, 2019 in Kurzgeschichten
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Es ist früher Abend. Im schicken Trend-Bezirk einer anonymen Großstadt landet eine unscheinbare Straßentaube auf dem Fenstersims eines Hochhauses und wirft neugierige Blicke in den Raum hinter der dicken Dreifachglasscheibe. In dem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer schimmern indirekte Deckenleuchten gegen die hereinbrechende Dämmerung an. Ein Teil des teuren Mobiliars verschwindet unter üppigen Topfpflanzen oder hinter riesigen Zimmerpalmen und auch der extravagante Wohnzimmertisch wird von einem übergroßen Blumenstrauß voller zartgelber Rosen, oranger Löwenmäulchen und blasser Inkalilien dominiert. Auf einer geschwungenen Designer-Couch aus weinrotem Büffelleder-Imitat liegt ein übergewichtiger, weißer Angorakater wie dahingegossen da. Er beobachtet seinen Menschen aus gelben Augenschlitzen, der, angetan in Smoking und echten Lederschuhen, unruhig im Zimmer auf und ab geht und dabei immer wieder auf die goldene Rolex an seinem Handgelenk blickt.
Jonathan, laut: „Liebling?“
Diana, gedämpft aus dem Nebenzimmer: „Nur noch eine Minute, Darling!“
Jonathan: „Liebes, es ist Viertel vor Acht, wir verpassen den Empfang!“
Diana: „Ich komme, ich komme!“
Jonathan, leise: „Nicht in diesem Leben.“
Jonathan geht zur großen Fensterfront und starrt mit unruhigem Gesichtsausdruck auf die Skyline der Großstadt. Die Straßentaube fliegt erschrocken auf und verschwindet, hektisch flatternd, zwischen den dunklen Häuserschluchten. Drinnen gähnt der dicke Angorakater, er rollt seine pinke Zunge weit aus dem Maul, streckt die Pfoten von sich und schließt die gelben Augen.
Als sich die Tür zum Nebenzimmer endlich öffnet, schläft der Kater tief und fest. Jonathan wendet sich aufatmend vom Fenster ab, er schenkt Diana ein liebevolles Lächeln, die in einem bodenlangen Chiffonkleid und hochhackigen Sandalen mit Perlenbesatz, anmutig ins Wohnzimmer trippelt. Eine intensive Parfumwolke begleitet sie in das Zimmer, Jonathan atmet genießerisch den schweren Duft ein, der ihn umspült.
Jonathan: „Liebling, du siehst atemberaubend aus.“
Diana: „Ich weiß, es ist unglaublich, nicht wahr?“
Jonathan, hebt auffordernd die Arme: „Komm, zeig dich.“
Diana dreht sich graziös um sich selbst und strahlt dabei wie ein Schulmädchen beim Eröffnungstanz. Jonathan applaudiert und stößt anzügliche Pfiffe aus. Er deutet eine leichte Verbeugung an und Diana tänzelt kichernd an seine Seite. Arm in Arm verlässt das Ehepaar die Wohnung.

Die Wohltätigkeitsgala, zu der Jonathan und Diana mit dem Mercedes-Flugtaxi reisen, findet in einer aufwändig renovierten Jugendstilvilla statt, die sich hinter einer gepflegten Parkanlage und meterhohen Mauern vor den neugierigen Blicken der Straße verbirgt. Nur geladene Gäste kommen an den bulligen Security-Androiden und ihren reizbaren Schäferhunden vorbei, die den Eingang des riesigen Grundstücks bewachen. Als das Taxi in der Haltezone vor dem Tor landet, wird es von einem dunkel gekleideten Androiden mit Glatze und Sonnenbrille in Empfang genommen. Jonathan zeigt lächelnd zwei schillernde Eintrittskarten, der Sonnenbrillenandroide nickt höflich und das schmiedeeiserne Tor öffnet sich geräuschlos. Das Flugtaxi startet und gleitet lautlos die gewundene Einfahrt zur Villa hinauf. Vor dem hell erleuchteten Gebäude schweben mehrere Taxis in einer separaten Haltezone, glamourös gekleidete Gäste stehen in kleinen Gruppen beieinander, plauschen und rauchen.
Diana, auf die Gäste deutend: „Siehst du, es hat noch gar nicht angefangen.“
Jonathan: „Wir sind nur gut durch den Verkehr gekommen, das ist alles.“
Diana, rollt mit den Augen: „Sei doch nicht immer so Negativ, Darling.“
Jonathan: „Ich bin nie Negativ, Liebling.“
Diana lacht gekünstelt. Sie wartet, bis der Taxifahrer die hintere Tür des Wagens öffnet und ihr hilft auszusteigen, Jonathan klettert selbst aus dem Taxi und klopft imaginären Staub von seiner Hose. Gemeinsam erklimmen sie die breiten Marmorstufen, die zum Eingang der Villa führen und treten in die Empfangshalle ein, die von sanfter Pop-Musik geflutet wird.
Diana weist mit der Andeutung eines Nickens zu einem Pärchen, das an der diskret versteckten Garderobe steht und seine Mäntel abgibt.
Diana: „Die Johnsons kommen auch erst jetzt, siehst du?“
Diana winkt kurz, die Johnsons an der Garderobe lächeln und winken zurück.
Jonathan: „ Lock‘ sie nicht her, ich kann diesen perversen Schmierlappen nicht ausstehen!“
Diana, mit gesenkter Stimme: „Er ist der Neffe von Gideon Muhler. Ich wäre an deiner Stelle vorsichtig, wie ich ihn nenne.“
Jonathan: „Wenn du wüsstest, was der hinter verschlossenen Türen treibt, würdest du…oh nein, sie kommen herüber. Verflucht!“
Diana, zischt gereizt und drückt Jonathans Arm: „Darling!“
Jonathan knipst ein Lächeln mit vielen Zähnen an und überlässt Diana die Führung des obligatorischen Small Talk. Er atmet erleichtert auf, als sich die Johnsons nach wenigen Höflichkeitsfloskeln verabschieden und im angrenzenden Festsaal verschwinden.
Diana, leise: „Das war sehr unhöflich, Darling.“
Jonathan: „Was denn, ich habe doch gar nichts gemacht.“
Diana: „Genau das, du warst wie eine Salzsäule.“
Jonathan: „Ich habe ja auch Sodom und Gomorrha gesehen. Und es war kein schöner Anblick.“
Diana bricht in echtes Gelächter aus: „Ich hätte Martha fast nicht erkannt, entweder sie eifert jetzt dieser neuen Hässlichkeitsbewegung aus dem Internet nach, oder ihr Chirurg leidet an Parkinson.“
Lachend schlendern die beiden in den Festsaal.

Der, mit wuchtigen Spiegeln ausgehängte Saal wird von zwei massiven Kronleuchtern illuminiert, auf denen hunderte, buntgefärbte Glühbirnen flackern. Unzählige Spiegelkugeln erzeugen surreale Reflexionen an den Wänden, antike Statuen, die in grellbunten Federkostümen stecken, ragen hoch zwischen den Gästen empor. Übergroße Kopien von ägyptischen Katzensarkophagen bewachen den Eingang zum benachbarten Diner-Saal, in welchem das reichhaltige Buffet aufgebaut ist. Jonathan steuert zielstrebig durch das Meer des Kitsches darauf zu, manchmal nickt er, um ein vertrautes Gesicht in der Menge zu grüßen und lächelt dabei, freundlich nichtssagend.
Diana, nörgelnd: „Darling, das Buffet wurde doch noch gar nicht eröffnet, was sollen wir da?“
Jonathan: „Wir sichern uns einen Platz in der Pole-Position, Liebes.“
Diana, frustriert: „Oh bitte, lass uns daraus keinen Wettbewerb machen.“
Jonathan: „Das ganze Leben ist ein Wettbewerb.“
Diana, seufzt ergeben: „Ich weiß.“
In diesem Moment beginnt der erste Referent des Abends mit der Eröffnungsrede. Jonathan und Diana verharren in der Nähe des Buffets, Jonathan hört halbherzig hin, während Diana den Blick über die Köpfe der Zuschauer schweifen lässt. Im Anschluss an die langatmige Rede, die vom Publikum nur mäßig beklatscht wird, betritt der Gastgeber die kleine Bühne und erklärt, nach blumigen Worten der Freude und einer Aufforderung, reichlich Lose für die Mitternachts-Tombola zu kaufen, das Buffet für eröffnet. Die Gäste klatschen höflich, viele wenden sich augenblicklich den reich beladenen Tischen im Diner-Saal zu. Zwischen ausgestopften Raubtieren, die sich in kunstvoll arrangierten Obstlandschaften zum Kampf aufbäumen und mythischen Sagengestalten, die aus großen Eisblöcken gehauen wurden, stapeln sich silberne Platten mit exquisiten Speisen, die aufwändig garniert, reichlich glasiert und hingebungsvoll drapiert das Auge des Gourmets erfreuen. Kein Wunsch bleibt offen, an dieser langen Tafel und ein Heer von androiden Kellnern und menschlichen Köchen wartet darauf, die ausgehungerten Gäste der Wohltätigkeitsgala zu bedienen. Kaum hat der Gastgeber die kleine Bühne verlassen, stürzt Jonathan schon zu den bereitstehenden Tellern. Eine dichte Menschentraube folgt begierig seinem Beispiel. Diana hält sich kopfschüttelnd im Hintergrund und beobachtet mit geschürzter Lippe das sich anbahnende Gedränge. Sie schenkt Jonathan einen strengen Blick, als dieser schließlich mit hoch erhobenem Haupt zu ihr zurückkehrt. Ein Kellner folgt ihm dichtauf, der Androide trägt ein längliches Tablett, auf dem zwei übervolle Teller, Besteck, zwei fein geschliffene Weingläser und eine Flasche Rotwein stehen.
Diana, tadelnd: „Musste das wieder sein?“
Jonathan ignoriert ihren nörgelnden Tonfall, er nimmt ein Weinglas vom Tablett, schenkt ein und reicht es an Diana weiter.
Jonathan: „Ich habe Peter Scanton eine Hummerschere vor der Nase weggeschnappt. Du hättest seinen Gesichtsausdruck sehen sollen.“
Diana, gelangweilt: „Peter Scanton hat diesen Gesichtsausdruck schon seit seiner Zeit im College. Ganz ehrlich, ich glaube, er hat ihn sogar patentieren lassen. Ich denke nicht, dass er ihn für eine Hummerschere verändert hat.“
Jonathan, schmollt: „Du warst eben nicht dabei.“
Diana nippt an ihrem Weinglas und mustert die überquellenden Teller.
Diana: „Gab es keinen Kaviar?“
Jonathan: „Doch, der ist hier, unter dem Langustenschwanz.“
Diana: „Na herrlich, dann ist er ganz zerdrückt.“
Jonathan, vorwurfsvoll: „Du hättest dir ja selbst einen Teller holen können.“
Diana: „Und mich von euch Höhlenmenschen zertrampeln lassen? Nein, vielen Dank.“
Jonathan, lachend: „Höhlen-Johnny hat gutes Kaviar-Mammut für Felsenweibchen erlegt. Uff-Uff.“
Diana: „Du bist einfach unmöglich.“
Der künstliche Kellner verharrt mit dem Tablett in einer passiven Ruheposition, das Ehepaar macht sich mit Appetit über die Speisen auf den Tellern her. Jonathan kümmert sich hingebungsvoll um Muscheln und Krustentiere, Diana verzehrt schwarzen Kaviar mit Zitrone. Sie führt einen kleinen Porzellanlöffel geziert zum Mund und zerdrückt die salzigen Fischeier genüsslich auf der Zunge.
Jonathan, kauend: „Herrlich, einfach herrlich. Das ist keine Klon-Ware, das ist echt. Man schmeckt richtig den Unterschied.“
Diana nickt wissend. Sie trinkt eine Schluck Wein, blickt vom Tablett auf und erstarrt mit dem Glas in der Hand.
Diana, fassungslos: „Das darf nicht wahr sein.“
Jonathan blickt ebenfalls von den Speisen auf, weiß aber nicht, worauf Diana anspielt: „Was denn, Liebling?“
Diana, kreidebleich: „Sie.“
Jonathan: „Sie?“
Diana, mit bebender Stimme: „Sie!“
Jonathan, ratlos: „Wen meinst du?“
Diana, flüstert: „Heather Birgtale.“
Jonathan, flüstert auch: „Heather Birgtale?“
Diana: „Pssst, nicht so laut. Siehst du sie nicht, sie steht da drüben, neben dem Tiger.“
Jonathan findet die Gestalt von Heather Birgtale zwischen den anderen Gästen. Er mustert die mollige Blondine im schwarzen Cocktailkleid eingehend, die gerade ein Selfie vor dem aufgerissenen Maul des ausgestopften Raubtieres macht.
Jonathan: „Okay, was ist mit ihr?“
Diana sieht ungläubig zwischen der grinsenden Blondine und Jonathan hin und her.
Diana: „Merkst du es nicht?“
Jonathan kneift die Augen zusammen, dann schüttelt er den Kopf.
Jonathan, ratlos: „Keine Ahnung was du meinst.“
Diana, flüstert schrill: „Sie trägt mein Gesicht, mein Gesicht!“
Jonathan, runzelt die Stirn und sieht genauer hin: „Nein, Liebling. Das bildest du dir nur ein.“
Diana: „Ich weiß es ganz genau, sieh dir die Grübchen an! Die Wangenknochen, die Stirn! Das ist mein Gesicht. Ich fasse es nicht!“
Jonathan greift sanft nach Dianas Arm, doch sie entzieht sich mit einer schroffen Bewegung.
Diana ist den Tränen nahe.
Jonathan, flüstert: „Beruhige dich bitte. Die Leute schauen schon her.“
Diana unterdrückt die Tränen. Sie leert ihr Glas in einem Zug, setzt es entschieden auf dem Tablett ab und wendet sich zu Jonathan.
Diana, entschlossen: „Wie gehen.“
Jonathan, irritiert: „Aber der Abend hat doch gerade erst…“
Diana unterbricht ihn schroff: „Ich bleibe keine Sekunde länger in einem Haus, in dem eine andere Person mit meinem Gesicht herumläuft. Punkt.“
Jonathan: „Es ist nicht dein Gesicht, Liebes. Ich finde, es sieht dir überhaupt nicht ähnlich.“
Diana: „Und wie es mein Gesicht ist. Ich würde es überall wiedererkennen. Ich bin doch nicht blöde.“
Jonathan: „Ach Liebling.“
Diana, zornig: „Lieblinge mich nicht. Ich habe gesagt, ich will nach Hause.“
Jonathan seufzt ergeben: „Natürlich, Liebling.“
Er nickt dem Kellner zu, der daraufhin aus seiner Starre erwacht und sich mit dem Tablett zurückzieht. Bedauernd wirft Jonathan einen letzten Blick auf das Buffet, dann folgt er Diana durch den überfüllten Festsaal nach draußen. Vor der Villa warten einige Flugtaxis, Diana öffnet selbst die Tür eines Wagens und steigt ein, ohne zu grüßen.
Diana, wutschnaubend: „Ich fasse es nicht.“
Jonathan lässt sich auf den Kunstledersitz zu ihrer Rechten fallen und nennt dem Fahrer die Adresse. Das Taxi setzt sich langsam in Bewegung und schwebt durch die Parkanlage dem Ausgang zu.
Jonathan: „Liebling, ich bin mir sicher, es handelt sich um ein Missverständnis.“
Diana, wütend: „Ein Missverständnis?“
Sie fuchtelt mit der Hand vor ihrem Gesicht und zieht eine Grimasse.
Diana: „Das nennst du ein Missverständnis?“
Jonathan zuckt ratlos mit den Schultern. Er mustert die blühenden Rosenbüsche und streng getrimmten Bäume, die an der getönten Fensterscheibe vorüberziehen und sagt nichts.
Diana, mehr zu sich selbst: „Bridget hatte recht. Dr. Oliver ist ein aalglatter Betrüger.“
Jonathan bleibt stumm. Er betrachtet pseudointeressiert das schmiedeeiserne Tor, das sich vor dem herannahenden Taxi öffnet und mustert die Security-Androiden mit ihren Schäferhunden. Das Flugtaxi passiert die letzte Sicherheitszone des Anwesens und steigt lautlos in den nächtlichen Himmel.
Diana, vorwurfsvoll: „Das ist alles deine Schuld.“
Jonathan, fährt wütend auf: „Ich wusste es dauert keine fünf Minuten, bis du mir wieder die Schuld in die Schuhe schiebst. Wir sitzen seit fünfundvierzig Sekunden im Taxi, das muss ein neuer Rekord sein!“
Diana, schreit: „Ich wollte zu Dr. Wai, du hast gesagt, das wäre unmöglich!“
Jonathan: „Der Mann lebt auf seiner privaten Insel und ist der Leibarzt der britischen Königin, ich müsste meine Seele verkaufen, nur um einen Termin bei seiner Sekretärin zu bekommen!“
Diana bricht in Tränen aus: „Vater hätte uns unterstützt.“
Jonathan, höhnisch: „Ja, natürlich, er ist ja auch der Zulieferer des Satans.“
Diana, empört: „Jonathan!“
Jonathan, gerzeit: „Was?“
Diana: „Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du so nicht über Vater sprechen kannst.“
Jonathan: „Ich kann und ich werde.“
Diana: „Das nehme ich dir übel.“
Jonathan: „Du nimmst mir alles übel.“
Diana: „Natürlich, jetzt bist du wieder das Opfer.“
Jonathan, aufbrausend: „Wer redet hier von Opfer? Wer benimmt sich denn hier wie eine Furie, obwohl nichts passiert ist?“
Diana, schreit wieder: „Nichts passiert? Es ist nichts passiert?“
Jonathan: „Wahrscheinlich hast du dir alles nur eingebildet. Du bist hysterisch. Schon wieder.“
Diana, blass vor Wut: „Wie kannst du es wagen. Du mieser Affe.“
Jonathan: „Ich habe ein ganzes Jahresgehalt für dein neues Gesicht ausgegeben und das ist jetzt der Dank dafür, ja?“
Diana antwortet nicht. Sie starrt blass vor Zorn aus dem Fenster und hat keinen Blick für die glitzernde Schönheit der Großstadt, die zu ihren Füßen pulsiert.

© sybille lengauer

Raider

„Du bist also die Neue, was?“ Der vierarmige Hühne, der Chara am Ausgang der Luftschleuse anspricht, erkennt das Offensichtliche. Die hagere Menschenfrau mit den grauen Strähnen im Haar ist die einzige Passagierin, die über eine erforderliche Anzahl von Gliedmaßen verfügt, um dem holografischen Abbild zu entsprechen, das er bei sich trägt. Nur noch selten laufen humanoide Lebensformen die Raumstation Oja-Viu 6 an, die vor fünfzig Jahren tief im Heimatgebiet der Gallertartigen errichtet wurde. Der heruntergekommene Handelsposten ist kaum noch in den offiziellen Navigationskarten der Planetaren Republik verzeichnet und somit ein perfekter Ort, um sich unbemerkt zu treffen. „Mein Name ist Little Dove. Wie das kleine Täubchen. Du verstehst? Ha. Ha. Ha.“ Der Hühne stemmt seine baumdicken Hauptarme in die fleischigen Hüften und lacht übertrieben laut. Seine schlankeren Nebenarme ahmen flatternde Bewegungen nach. Sein Doppelkinn wackelt bedrohlich, kleine Speicheltropfen fliegen. Breitbeinig steht er im schmalen Gang und blockiert den Weg für die anderen Passagiere. Eine Gruppe Tequelianer fließt an ihm vorbei und rauscht missbilligend. Die zarten Liquid-Wesen formieren sich in seinem Rücken kurz zu einer verärgerten Geste, dann fließen sie weiter den Gang hinunter. Chara blickt ihnen mit hochgezogener Augenbraue hinterher, ein kleines Lächeln umspielt ihre schmalen Lippen. „Stand dein Name in einem Glückskeks oder waren deine Eltern Komiker, Herr Täubchen?“ Little Dove lässt enttäuscht die Arme sinken. „Humor ist wohl nicht so dein Ding, hä?“ grollt er mit tiefer Stimme. „Zumindest nicht der von wandelnden Klischees.“ erwidert die Menschenfrau kalt. „Kli- was?“ „Genau das.“ Chara starrt den enormen Fleischberg gelassen an. „Was soll’s,“ brummt der schließlich resignierend, „komm mit, ich bringe dich zu den anderen.“ Little Dove schüttelt seinen massigen Kopf und trottet grummelnd den Gang hinunter. Chara folgt ihm mit federnden Schritten.
„Das hat ja ganz schön lange gedauert.“ „Hättest sie ja selbst abholen können.“ „Prioritäten, mein Guter, Prioritäten!“ Little Dove schnaubt abfällig und verlässt mit beleidigter Miene die spärlich beleuchtete Nackt-Bar. Der quirlige Ardaneer, der so ungehalten zu ihm gesprochen hat, tritt mit einer galanten Begrüßungsgeste an Chara heran. Seine gereizt-violette Gesichtsfarbe wechselt zu einem freundlichen Pastellton. „Willkommen auf Oja-Viu 6, ehrenwerte Wegweiserin. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise. Wenn ich um deine Authentifizierung bitten dürfte.“ Chara streckt wortlos den rechten Arm von sich. Der Ardaneer zückt einen Scanner und prüft sorgfältig die Ident-Tätowierung an ihrem Handgelenk. Sein Gesicht beginnt in einer wohlwollenden Farbe zu leuchten. Die beiden Menschen, die am geschwungenen Tresen lehnen und auffällig unauffällig im Hintergrund bleiben, entspannen sich merklich. Mit leicht gerümpfter Nase lässt Chara einen Blick durch die schummrige Nackt-Bar schweifen. Die meisten Tische sind unbesetzt, die wenigen Gäste des heruntergekommenen Etablissements halten voneinander Abstand, scheinen sich nicht zu kennen, oder nicht kennen zu wollen. Jeder bleibt für sich, in sein Getränk vertieft. Niemand beachtet die 3D-Porno-Hologramme, die auf schmalen Lichtbühnen für Stimmung sorgen sollen. Die quietschbunten Simulationen haben ihre besten Jahre schon lange hinter sich und flimmern manchmal grünlich, wenn das grelle Licht der tanzenden Scheinwerfer auf sie trifft. Die dargebotenen Fick-Shows verkommen dadurch zu unästhetisch abgehackten Animationen. Auch die Spielautomaten, die eng aneinandergereiht an den Wänden der Bar stehen, wirken altbacken und sind von einer dicken Staubschicht überzogen. „Nett habt ihr es hier.“ stellt Chara trocken fest. Der Ardaneer lacht gekünstelt. „Ein Hafen ist ein Hafen, Liebes.“ erwidert er, dann führt er die Frau zu den beiden Menschen, die am Tresen warten. „Wenn ich vorstellen darf, das ist Pia-Pia, sie ist seit über vier Jahren für die Technik an Bord der Mary Read verantwortlich. Und dieser nette junge Mann hier ist Schwarze Mamba, er ist unser Pilot. Nenne ihm den Ort und er findet einen Weg. Ich selbst höre auf den klingenden Namen Weber. Wenn du Fragen oder Wünsche hast, wende dich getrost an mich. Ich bin der Concierge.“ Chara nickt abwesend, sie mustert den dicklichen Jungen von Kopf bis Fuß, der ihr soeben als Pilot vorgestellt wurde. „Du bist Schwarze Mamba?“ fragt sie mit weicher Stimme. „Ja. Warum fragst du?“ erwidert der rothaarige Teenager, dessen Gesicht nur aus Sommersprossen zu bestehen scheint. „Ach, nur so ein Gedanke.“ wiegelt Chara ab. Sie wendet sich der vollbusigen Bordtechnikerin zu und beginnt ihr ungeniert in den tiefen Ausschnitt zu starren. „Wo ist Balquand?“ Chara richtet die Frage an Weber, doch sie lässt Pia-Pias überquellendes Dekolleté dabei nicht aus den Augen. „Er wird bald zu uns stoßen.“ versichert der Ardaneer. „Vielleicht trinken wir bis dahin noch eine Kleinigkeit?“ schlägt Schwarze Mamba in hoffnungsvollem Ton vor. „Gerne.“ „Was darf dir bestellen?“ fragt Pia-Pia, die Charas begehrliche Blicke mit einem füchsischen Grinsen beantwortet. Sie deutet geziert auf ein Display, das in den nachlässig polierten Tresen eingelassen ist. „Überrasche mich einfach.“ Chara lässt sich zu einem kleinen Zwinkern hinreißen. „Das würde ich Ihnen nicht empfehlen.“ erklingt eine freundliche Stimme in ihrem Rücken. Chara bleibt gelassen, nichts ändert sich an ihrer entspannten Körperhaltung. Lächelnd dreht sie sich zu dem unscheinbaren Mann mit Halbglatze um, der plötzlich hinter der Gruppe aufgetaucht ist. Webers Gesicht beginnt in hektischen Farben zu leuchten. Er drängelt an den anderen vorbei zum Kapitän. „Wenn es mir bitte möglich wäre… Danke.“ Mit herausgestreckter Brust baut er sich zwischen Chara und dem Kapitän auf. „Wegweiserin, es ist mir eine unermessliche Freude, dir unseren geliebten Anführer vorzustellen.“ Weber verbeugt sich umständlich, seine Gesichtsfarbe passt sich respektvoll der dunkelblauen Uniform des Kapitäns an. „Den unvergleichlichen Monsieur Balquand. Kapitän der legendären Mary Read, Schrecken der Planetaren Republik, Geißel der Galaxis.“ „Sie übertreiben, mein alter Freund, Sie übertreiben maßlos.“ Balquand rollt entschuldigend mit den Augen und reicht Chara die Hand zum Brudergruß. „Willkommen, Wegweiserin Chara. Lassen Sie lieber die Finger von den Drinks, die Ihnen Pia-Pia spendieren möchte und lassen Sie sie auch von meinem Personal.“ Er lächelt kameradschaftlich, doch etwas in seinen Augen bleibt dabei sehr ernst. Chara erwidert den Brudergruß und neigt den Kopf in einer devoten Geste. „Verstanden, Sir. Danke, dass ich dabei sein darf.“ „Ausgezeichnet. Nun, wir sind komplett. Lasst uns an Bord gehen.“ Die Besatzungsmitglieder folgen dem Kapitän aus der schummrigen Nackt-Bar. Vor der Tür wartet Little Dove auf die Gruppe, er lehnt bequem neben einer klapprigen Imbissbude und verschlingt frittierte Bananen am Spieß. Ein emsiger Quebellianer, der die Imbissbude betreibt und stark einem flauschig gebürsteten Erdhörnchen ähnelt, reicht ständig neue Spieße nach und grinst dabei glücklich wie eine Ratte in der Schinkenkammer. Ein Haufen leergegessener Holzstäbchen zu Little Doves Füßen zeugt vom außerordentlichen Appetit des Riesen. „Da seid ihr ja.“ schnauft er mit vollem Mund.

Zwei Wochen später…
In der zweckmäßig eingerichteten Schiffskantine der Mary Read sitzen sich Chara, Schwarze Mamba und Little Dove an einem silbergrauen Metalltisch gegenüber und spielen Karten. Das Spiel ist simpel und um es etwas interessanter zu gestalten, wird um die unbeliebten Spätschichten im Observationsraum gespielt. Da Little Dove hinlänglich damit beschäftigt ist, die ausgeteilten Karten in seinen Händen zu sortieren, betrügen Chara und Schwarze Mamba nach Herzenslust. Der vierarmige Hühne runzelt ärgerlich die Stirn, als er zum wiederholten Mal verliert. „Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.“ knurrt er gereizt. Seine kleinen Augen wandern misstrauisch zwischen dem jungen Piloten und der hageren Wegweiserin hin und her, die beide aussehen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. „Manchmal hat man einfach einen schlechten Tag.“ tröstet Chara hinterfotzig. Sie tauscht einen schnellen Seitenblick mit Schwarze Mamba und sammelt lächelnd die Karten ein. „Noch eine Runde?“ fragt sie mit unschuldigem Augenaufschlag und winkt einen Bordsklaven heran, um neue Getränke zu bestellen. Ein schrilles Signal aus dem Lautsprecher unterbricht das gesellige Beisammensein. „Wir sind durch!“ Schwarze Mamba schnellt aus seinem Sessel und verlässt die Kantine im Laufschritt. Chara bleibt entspannt sitzen und beobachtet Little Dove, der konzentriert eine grüne Olive aus seinem Getränk fischt. „Heute ist unser Glückstag, mein Täubchen.“ murmelt sie leise. „Hm?“ fragt Little Dove kauend. „Ach, nichts. Wir sehen uns später.“ Chara steht auf und tätschelt zum Abschied liebevoll den Kartenstapel.
„Haben wir Sichtkontakt?“ Selbstsicher betritt sie die Brücke und wendet sich direkt an Weber, der im Kommandostuhl sitzt und dessen dunkelrote Farbe angenommen hat. „Positiv.“ bestätigt der Ardaneer. „Wurde Balquand informiert?“ „Er wartet in seinem Raum.“ Chara durchquert die Brücke und klopft höflich an die Tür zum Raum des Kapitäns. „Herein.“ Balquand sitzt an einem massiven Schreibtisch aus Walnussholz, der fast unter dem Durcheinander aus Karten, Ordnern und Büchern verschwindet, das der Kapitän über ihm ausgebreitet hat. Er blickt von seinen Aufzeichnungen hoch, als Chara mit einem respektvollen Nicken bei der Tür hereinkommt. „Ah, Chara. Schön, dass Sie es noch einrichten konnten.“ Die Wegweiserin wirft einen giftigen Blick zu Schwarze Mamba, der lässig in einem Stuhl lümmelt und unverhohlen grinst. Wortlos nimmt sie Platz und wartet ab. „Wir haben uns gerade über den Hive unterhalten.“ Balquand wendet sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. „Das Asteroiden-Labyrinth war, dank Ihrer kompetenten Hilfe, keine große Schwierigkeit für uns. Doch in den Hive zu kommen stellt eine ganz andere Herausforderung dar. Wir haben erste Bilder.“ Der Kapitän winkt und ein Bordsklave reicht Chara einen Ordner vom Schreibtisch. Die Wegweiserin studiert eingehend die verschwommenen Aufnahmen. Ihre strengen Gesichtszüge verraten nichts über ihre Gedanken. „Hm.“ macht sie nach einer ganzen Weile. Balquand runzelt die Stirn, lehnt sich in seinem ledergepolsterten Sessel zurück und wartet auf eine weitere Reaktion. „Er sieht anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte.“ Der Kapitän seufzt. „Ihrer Beschreibung nach handelt es sich um ein kleines Nest, maximal achtzig Individuen. Doch der Hive, den ich auf diesen Bildern sehe, bietet Platz für mindestens fünfhundert Tiere. Ich habe noch nie von einem so großen Hive gehört.“ „Am Risiko ändert sich wenig.“ hält Chara dagegen, energisch reckt sie das ausgeprägte Kinn vor. „Bei einem Hive dieser Größe stehen wahrscheinlich mehrere Ein- und Ausgänge zur Verfügung. Das müssen wir bedenken, bevor wir das Schwärmen der Jungköniginnen auslösen. Die Struktur im Inneren eines großen Hives ist aber genauso spiralförmig angelegt, wie es bei einem kleineren Nest der Fall ist. Für die Navigation des Piloten ändert sich also rein gar nichts. Alle Wege führen irgendwann zur Königin, es dauert nur ein wenig länger. Und Kapitän, es ist nicht von Belang, wie viele Individuen sich im Hive befinden. Wenn wir die Verhaltensregeln befolgen, die ich für unseren Einsatz erarbeitet habe, sind wir in relativer Sicherheit.“ Chara unterbricht ihre Rede und denkt kurz nach. „Und sollten uns die Wächterinnen vorher enttarnen, sind wir tot.“ fügt sie bitter hinzu. Balquand ist ihrer Erläuterung aufmerksam gefolgt. Nachdenklich reibt er über seine Augenbrauen. „Sie scheinen über ein hohes Maß an Zuversicht zu verfügen.“ „Es ist nicht mein erster Raid dieser Art, Kapitän Balquand.“ „Wie viele Besatzungsmitglieder gingen bei Ihrem letzten Hive-Raid zugrunde, Wegweiserin?“ Die Frage trifft Chara unvorbereitet, sie reagiert kurz irritiert, fängt sich aber schnell wieder. „Vier, Kapitän. Aber…“ „Von wie vielen Besatzungsmitgliedern?“ unterbricht Balquand ihren Erklärungsversuch. „Acht, Kapitän.“ Die Wegsucherin blickt verstimmt zu Boden. „Erfahrungswerte, hm?“ ätzt Schwarze Mamba, doch Balquand und Chara ignorieren ihn und so verstummt er enttäuscht. Der Kapitän misst die Wegsucherin mit einem strengen Blick, sein Räuspern beendet das unangenehme Schweigen. „Bis auf Weiteres halten wir uns am Rand des Labyrinths verborgen. Chara, bereiten Sie die Mannschaft auf den Eintritt in den Hive vor. Ich möchte, dass auch die Sklaven in den Verhaltensregen geschult werden. Mamba, trainieren Sie die Flugmanöver, die ich Ihnen aufgezeichnet habe. Informieren Sie Pia-Pia und Little Dove, dass ich sie sehen möchte.“ Mit einer knappen Geste löst Balquand die Besprechung auf.

„Wiederhole es.“
„Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen. Das Gift in den Behälter abpumpen, bis beide Drüsen leer sind. Die Flüssigkeit darf nicht mit dem Weltraum in Kontakt kommen. Den Stachel mit dem Laser versiegeln. Die Biene betäuben, sichern und im Frachtraum bergen.“
„Gut. Noch einmal.“
„Ist das wirklich nötig, Chara?“
„Ja, ist es Pia. Also?“
„Okay. Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen. Das Gift in den Behälter abpumpen,…“
„Seid ihr immer noch hier?“ Weber betritt den kleinen Shuttlehangar. Seine Gesichtsfarbe spiegelt seine Nervosität wider, der Concierge schimmert in einem kränklichen Blassgelb. „Wir gehen den Ablauf noch einmal durch.“ Chara steht mit verschränkten Armen vor Pia-Pia und Little Dove, der in einem gepanzerten Raumanzug steckt und still vor sich hin schwitzt. Schwarze Mamba lehnt betont gelangweilt am Eingang des Shuttles und gibt sich tiefenentspannt, doch die Schatten unter seinen Augen verraten, dass er in der letzten Nacht schlecht geschlafen hat. „Der Kapitän hat das Signal zum Aufbruch gegeben. Die Zeit läuft.“ Weber fuchtelt hektisch mit den Armen. „Ja, ja, ist schon gut.“ winkt Chara ab, die anderen verschwinden wortlos im Shuttle. Pia-Pia wirft Chara einen heimlichen Kuss zu, bevor sie das Shuttle betritt und die Luke schließt. Die Wegweiserin lässt ein kurzes Lächeln aufblitzen, dann folgt sie Weber aus dem Hangar. Angespannt beobachtet sie den Shuttlestart hinter einem Sichtfenster, dann folgt sie dem Ardaneer zur Brücke. „Start erfolgreich. Geschätzter Kontakt in Achtzehn Minuten.“ meldet Kapitän Balquand über Lautsprecher. Chara beschleunigt ihre Schritte.
Auf der Brücke herrscht rege Betriebsamkeit, trotzdem ist es beinah gespenstisch still. Die Bordsklaven sind perfekt aufeinander eingestimmt und erledigen ihre Aufgaben, ohne zu sprechen. Kapitän Balquand sitzt in seinem Kommandostuhl und verfolgt aufmerksam die Bilder, die das Shuttle an den Empfänger der Mary Read sendet. „Geschätzter Kontakt in Siebzehn Minuten.“ informiert er Weber und Chara, die unverzüglich ihre Plätze einnehmen. „Little Dove soll die Pheromone bereitmachen.“ befielt der Kapitän. Chara gibt die Anweisung an das Außenteam im Shuttle weiter. „Pheromone bereit.“ meldet sie nach einer halben Minute. „Gut, er soll aussteigen.“
Im Laderaum des kleinen Shuttles nestelt Little Dove in der Schwerelosigkeit an seinem Raumanzug. Die schwere Panzerung behindert seinen Bewegungsspielraum und er justiert noch einmal die drei dicken Platten, die seine empfindlichen Eingeweide vor einem Bienenstich schützen sollen. Mit einem zufriedenen Grunzen betätigt er den Knopf für das Helmvisier, dann lässt er sich in die Ausstiegsluke gleiten und verlässt den Laderaum. Pia-Pia beobachtet seine Bewegungen über die integrierte Helmkamera. Sie überwacht Little Doves Zustand im winzigen Kommandoraum des Shuttles und leitet das Gesehene an die Besatzung der Mary Read weiter. „Der Vogel ist ausgestiegen.“ meldet sie mit ernster Stimme. „Gut, Pheromone bereithalten.“ antwortet Chara von Bord der Mary Read. „Bestätigt.“ Die Bordtechnikerin ruft Schwarze Mamba im Cockpit. „Wie weit sind wir von der Wolke entfernt?“ „Kontakt in schätzungsweise Acht Minuten.“ „Hast du ein Bild für mich?“ „Klar.“ Der junge Pilot sendet der Technikerin ein Bild der funkelnden Gaswolke. „Wow.“ macht Pia-Pia.

Die kompakten Gaswolken, die sich in den gigantischen Asteroidenfeldern der Weltraum-Schutzzone bilden, stellen die Lebensgrundlage der Unmöglichen Bienen dar. Die, im Weltraum lebenden Insekten sammeln mit einem speziellen Organ die Edelgase aus den Wolken und wandeln sie in einem separaten Gas-Magen zu einem verdaulichen Nahrungsbrei, den sie an die Larven in ihrem Hive verfüttern. Dieser Vorgang ist einzigartig im Universum und trug den Unmöglichen Bienen ihren außergewöhnlichen Namen ein. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die scheuen Weltrauminsekten, da sie in den letzten hundert Jahren fast an den Rand der Ausrottung gedrängt wurden. Ein spezielles Sekret, das junge Königinnen während ihres Jungfernfluges absondern, stellt einen begehrten Rohstoff zur Herstellung einer, den Alterungsprozess verzögernden Droge dar. Unzählige Bienenvölker wurden ausgelöscht, um dieses wertvolle Sekret zu ernten. Erst seit die Unmöglichen Bienen von der Planetaren Republik unter strengen Schutz gestellt wurden, erholt sich ihr Bestand langsam. Doch trotz drakonischer Strafen wagen sich immer wieder Gruppen von Raidern in die Schutzzone, um ihr Glück zu versuchen und schnellen Reichtum zu finden.
Jene spezielle Gaswolke, die das kleine Shuttle der Mary Read gerade ansteuert, wurde in den vergangenen Tagen von vielen Arbeiterinnen des Bienenvolkes besucht und ist nun fast abgeerntet. Nur noch vereinzelt fliegen Insekten die rosa glitzernde Wolke an. Schwarze Mamba bringt das Shuttle hinter einem Asteroiden in Position und meldet sich bei Pia-Pia. „Wir sind da.“ „Verstanden.“ Die Bordtechnikerin stellt den Kontakt zu Little Dove her. „Du kannst starten.“ „Bin unterwegs.“ Little Doves Helmkamera zeigt, wie er sich geschickt von einer Halterung am Shuttle löst und die Steuerungsdüsen seines Anzugs aktiviert. Angespannt verfolgt Pia-Pia, wie er sich der Wolke nähert. „Köder ist in Position.“ meldet sie an Schwarze Mamba und die Kommandozentrale. „Ausgezeichnet.“ antwortet Chara in Balquands Namen. „Pheromone freisetzen.“ Die Bordtechnikerin stellt wieder eine Verbindung zu Little Dove her. „Setz die Pheromone frei.“ gibt sie den Befehl weiter. „Okay.“ Little Dove sprüht einen künstlichen Pheromoncocktail in den Weltraum. „Ist erledigt.“ „Verstanden.“
Als sich eine Arbeiterin der Wolke nähert, verständigt Little Dove das Shuttle. „Biene im Anflug. Ich starte Tanzmanöver.“ „Viel Glück.“ antwortet Pia-Pia. Little Dove fliegt in Achterschleifen vor der Wolke und versucht die Arbeiterin durch einen grotesken Tanz auf sich aufmerksam zu machen. Seine Bemühungen sind unnötig, die Biene hat die freigesetzten Pheromone längst wahrgenommen und schießt lautlos durch das All auf ihn zu. „Kontakt! Kontakt!“ schreit Little Dove und fliegt, so schnell er kann, zurück zum Shuttle, die Biene folgt ihm dichtauf. „Verstanden!“ schreit Pia-Pia, die sich von seiner Aufregung anstecken lässt. „Kontakt!“ ruft sie zur Kommandozentrale der Mary Read, dann unterbricht sie die Verbindung, um sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. „ Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen.“ murmelt sie leise. Hochkonzentriert folgt sie Little Doves Bewegungen. Sie justiert die Greifarme, die am Kopf des kleinen Shuttles befestigt sind und atmet hörbar aus. Als Little Dove in rasantem Tempo um das Shuttle herumfliegt, fasst Pia-Pia entschlossen nach dem Hinterleib des vorbeischießenden Insekts. „Scheiße!“ Die Greifarme haben das Ziel verfehlt. Pia-Pia stellt einen Kontakt zu Little Dove her. „Sie ist zu schnell, ich kann sie nicht greifen, du muss langsamer werden!“ „Bist du verrückt, dann fängt mich das Mistvieh!“ „Wir haben keine andere Möglichkeit!“ Little Dove setzt zu einer engen Kurve an, um die Verfolgungsjagd abzubremsen. Als er erneut an den Greifarmen vorbeifliegt, ist er langsam genug, um den riesigen Schatten seiner Verfolgerin auf der Außenhaut des Shuttles erkennen zu können. Er bremst weiter ab, um die Biene in eine gute Position zu bringen und fliegt ungewisse Sekunden dahin, in denen er nur das hektische Geräusch seinen Atems hört und unbewusst auf einen scharfen Schmerz wartet. „Ja!“ schreit Pia-Pia plötzlich. Little Dove zuckt erschrocken zusammen, er fliegt ein Wendemanöver und kehrt zu den Greifarmen zurück. Das, über drei Meter große Insekt windet sich in der stählernen Umklammerung, sein ausgefahrener Stachel steckt tief in einem sackartigen Auffangbehälter und pumpt Gift. „Die erste Drüse ist fast leer.“ meldet Little Dove. Gebannt beobachtet er den Freiheitskampf der Biene. Das blauschwarz schimmernde Tier stemmt seine kräftigen Vorderbeine gegen die Greifarme und schlägt heftig mit den schillernden Flügeln. Sein Stachel pumpt wild. „Die zweite Drüse ist leer.“ meldet Little Dove nach einer Weile. „Sicher?“ „Ganz sicher.“ bestätigt er. Der Auffangbehälter wird zurückgezogen, ein spezieller Laserarm nähert sich dem fixierten Stachel der gefangenen Arbeiterin. Little Dove hat das unbestimmte Gefühl, dass sie ihn vorwurfsvoll mit ihren riesigen Facettenaugen anstarrt. Beschämt wendet er sich ab, als der Laserstrahl ihren Stachel verödet. Zur Ablenkung sucht er den Weltraum nach anderen Arbeiterinnen ab, die dem Raid gefährlich werden könnten. „Wirkt das Betäubungsmittel?“ fragt Pia-Pia aufgeregt. Little Dove schielt vorsichtig zurück zur Unmöglichen Biene. Das mächtige Insekt bewegt sich nicht mehr, seine Beine treiben schwerelos im Raum. „Das Bienchen ist im Traumland.“ „Ja!“ Pia-Pia springt im Kontrollraum von ihrem Stuhl. „Du bist fantastisch!“ versichert sie sich selbst triumphierend.

„Ganz schön hässlich, das Viech.“
„Selber hässlich, du Hornochse.“
„Musst nicht immer gleich persönlich werden.“
Schwarze Mamba zieht einen beleidigten Schmollmund. Sein jugendliches Gesicht legt sich in tiefe Falten. Pia-Pia ignoriert seine Grimasse und starrt weiter fasziniert auf die Unmögliche Biene, die betäubt und fixiert in einem riesigen Glastank ruht. „Sie ist unfassbar schön.“ flüstert die Technikerin andächtig. „Sind die Kollektoren bereit?“ fragt Kapitän Balquand aus dem Hintergrund. Er hält Abstand zum Tank und behält das betäubte Insekt genau im Auge. „Jawohl, Kapitän.“ bestätigt Chara, die einige Werte auf einer Konsole überprüft. „Gut. Wecken Sie sie auf.“ Ein schriller Warnton erklingt und Nebel flutet mit lautem Zischen den Glastank. „Ganz toll, jetzt können wir nichts mehr sehen.“ ätzt Schwarze Mamba. „Mach den Kopf zu.“ zischt Pia-Pia. Im Glastank zuckt die Biene mit den Flügeln. Die Prozedur, die nun folgt ist grausam und wird auf allen Planeten der Republik geächtet. Die gefangene Biene wird mit starken Stromstößen traktiert, um eine chemische Reaktion in ihrem Körper auszulösen. Das gepeinigte Tier produziert ein starkes Pheromon, das ihre Schwestern aus dem Hive auffordert, ihren verletzten Körper zu bergen. Der Duftstoff ist um ein vielfaches reiner als das künstliche Pheromon, das Little Dove bei der Entführung der Biene eingesetzt hat und seine Zusammensetzung entspricht exakt der Geruchsbotschaft des Hives. Die Stromstöße lösen auch den Stichreflex der Biene aus, die jedoch kein Gift mehr durch ihren versiegelten Stachel entlassen kann. In der Folge schwellen ihre immer produzierenden Giftdrüsen stark an und entleeren sich schließlich in das Körperinnere, woraufhin das Insekt qualvoll verendet. „Das ist ja fürchterlich.“ kommentiert Little Dove den langen Todeskampf der Biene. „Es ist nötig.“ bemerkt der Kapitän pragmatisch und Chara nickt bestätigend. Erst als der Kadaver vernichtet werden soll, wendet sich Balquand wieder an seine Besatzung. „Ihr habt heute gute Arbeit geleistet. Dieser Raid war ein wichtiger Teilerfolg für unsere Unternehmung. Doch es liegt noch ein langer Weg vor uns, also vergesst nicht, warum wir hier sind.“ Balquand gibt den Befehl zur Vernichtung und starrt unbewegt in die lodernden Flammen, die den toten Bienenkörper verzehren.

„Sind die Pheromonduschen bereit?“
„Ja, Kapitän.“
„Gut. Wie sieht es bei Ihnen aus, Mamba?“
„Bereit, Kapitän.“
„Ausgezeichnet, mein Junge. Wir legen los.“
Schwarze Mamba starrt konzentriert auf den großen Navigationsmonitor. Seine Hände liegen locker auf dem Steuerknüppel und nur einem aufmerksamen Beobachter könnte auffallen, dass sie ein klein wenig zittern. „Ganz langsam.“ befielt der Kapitän, der sich auf dem Kommandostuhl nach vorn gebeugt hat und jeder Bewegung des jungen Piloten folgt. „Arbeiterinnen gesichtet.“ meldet Weber von seinem Beobachtungsposten. „Pheromone freisetzen.“ „Verstanden, Kapitän.“ Chara gibt die Anweisung an Pia-Pia im Maschinenraum weiter. Kleine Düsen, die an der Außenhaut der Mary Read installiert sind, verteilen den duftenden Hilferuf der toten Arbeiterin im Weltraum. Es dauert nur wenige Minuten und aus einer Gaswolke lösen sich sechs Arbeiterinnen. Auf den Monitoren kann man beobachten, wie schnell die Bienen dem Raumschiff näher kommen. „Vorsichtig jetzt.“ mahnt Balquand. Schwarze Mamba beginnt ein kompliziertes Flugmanöver. Der Tanz, den er den näher kommenden Insekten präsentiert, muss perfekt sein, damit sie die Mary Read als eine verletzte Schwester des Hives anerkennen. „Kontakt.“ meldet Chara. Die sechs Unmöglichen Bienen fliegen in immer enger werdenden Kreisen um das tanzende Raumschiff herum. Es scheint ihnen schwerzufallen, das riesige Objekt als eine Schwester zu akzeptieren, obwohl es riecht und sich bewegt, als ob es zu ihnen gehörte. „Noch mehr Pheromone.“ befielt Balquand. „Kapitän, wenn wir es mit den Pheromonen übertreiben, könnten wir einen Schutzreflex auslösen. Wenn die Gefahrenquelle zu groß ist, opfern sich die Bienen für das Wohl des Volkes, die Arbeiterinnen könnten uns zurücklassen. Ich rate dringend davon ab, mehr Duftstoffe freizusetzen.“ Chara hat sehr schnell gesprochen, sie sieht Balquand eindringlich an. Der Kapitän nickt verstehend. „Befehl zurückgezogen.“ „Ich glaube, sie haben den Köder geschluckt.“ meldet Weber plötzlich aufgeregt. Die Bilder auf seinem Beobachtungsmonitor zeigen, wie die Arbeiterinnen auf dem Raumschiff landen und mit langen Zungen dessen Oberfläche ablecken. „Was, zum Teufel, machen die da?“ fragt Schwarze Mamba irritiert, während er weiterhin die Tanzmanöver ausführt. „Sie leisten Erste Hilfe. Bei einer echten Arbeiterin würde der Speichel schmerzstillend wirken und die Wundheilung aktivieren.“ erklärt Chara mit gereiztem Unterton in der Stimme. „Hast du bei der Schulung gepennt?“ setzt sie spitz hinzu. „Ich bin Pilot, kein verdammter Biologe.“ hält Schwarze Mamba dagegen. „Konzentration. Bitte.“ fährt Kapitän Balquand mahnend dazwischen. Eine unangenehme Stille breitet sich auf der Brücke aus, in der man das Kratzen von Insektenbeinen an der Außenhülle hören kann. Nach einigen Minuten läuft ein Ruck durch das Raumschiff, die Bienen umklammern Teile des Schiffes und schlagen kräftig mit den Flügeln. „Wir können das Tanzmanöver jetzt beenden.“ sagt Chara. „Bestätige.“ brummt Balquand. Schwarze Mamba seufzt erleichtert und lässt das Steuer los. Die Arbeiterinnen beginnen damit, die Mary Read in Richtung Hive zu schleppen. „Helfen Sie ein wenig mit, Pilot. Sonst kommen wir nie an.“ „Jawohl, Kapitän. Aktiviere Antrieb.“ „Schön langsam, mein Junge.“ Erneut legt sich eine tiefe Stille über die Kommandozentrale. „Wächterin im Anflug.“ meldet Weber, doch niemand antwortet ihm. Alle starren gebannt auf die Monitore und das mächtige Insekt, das auf die Mary Read zusteuert. „Unfassbar.“ haucht Weber, dessen Haut ganz durchsichtig geworden ist. Die Wächterin, die sich mit hoher Geschwindigkeit dem Raumschiff nähert, ist deutlich größer als ihre Arbeiterinnen-Schwestern. Das gewaltige, nachtschwarze Tier verfügt über kräftige Beißwerkzeuge und massive, dolchartige Fortsätze an den starken Vorderbeinen. „Ihr Stachel könnte durch die Außenhaut des Schiffes dringen, wie durch Butter.“ flüstert Chara. „Danke für die Information.“ Schwarze Mamba versucht ätzend zu klingen, doch seine Stimme überschlägt sich kläglich. „Langsam jetzt.“ „Ja, Kapitän.“ Der junge Pilot drosselt die Geschwindigkeit und starrt gebannt auf seinen Navigationsmonitor. „Kontakt.“ melden Chara und Weber gleichzeitig. Die Monitore zeigen, wie die Wächterin in einem engen Bogen um das Raumschiff und die Arbeiterinnen fliegt und dann direkt auf die Sendeplattform der Mary Read zusteuert. „Nimmt sie irgendwelche Signale wahr? Senden wir etwas?“ fragt Kapitän Balquand angespannt. „Nichts, Kapitän.“ versichert Weber. Das Raumschiff erzittert, als die gewaltige Biene landet. „Oh Scheiße, oh Scheiße, oh Scheiße.“ flüstert Schwarze Mamba. „Ganz ruhig, Pilot. Chara, informieren Sie Little Dove. Er soll eine Fette Judy bereitmachen. Nur für den Notfall.“ „Jawohl, Kapitän.“ Chara stellt eine Verbindung zum Waffenraum her. „Was treibt das Viech da draußen?“ fragt Schwarze Mamba. Er klingt immer noch nervös. „Ich habe keine Ahnung.“ haucht Weber, der die Wächterin nicht aus den Augen gelassen hat. Das Insekt läuft mit pendelnden Kopfbewegungen um die Sendeplattform herum. „Sie prüft unseren Geschmack. Wenn die Pheromone richtig abgestimmt sind, wird sie uns markieren und andere Arbeiterinnen rufen, die uns in den Hive bringen.“ erklärt Chara. „Da passiert etwas!“ meldet Weber aufgeregt und deutet auf den Bildschirm. Die Wächterin versprüht ein weißliches Sekret über die Sendeplattform. Dann hebt sie gemächlich ab und fliegt, in Begleitung der sechs Arbeiterinnen, zurück zum Hive. „Fallen freisetzen.“ zischt Balquand mit rauer Stimme. Chara gibt seinen Befehl an die Bordtechnikerin weiter. „Fallen freigesetzt.“ meldet Pia-Pia nach wenigen Sekunden. Dutzende Flugkörper starten aus dem Bauch des Raumschiffes und verteilen sich im Weltraum. Die fliegenden Insektenfallen wurden mit dem Pheromon des Hives besprüht und sind mit einer einfachen KI ausgestattet, die es den Maschinen erlaubt, selbstständig ein Ausflugsloch des Hives anzusteuern, eine Jungkönigin einzufangen und zurück zum Schiff zu bringen. „Die Fallen sind unterwegs.“ berichtet Chara dem Kapitän. „Ausgezeichnet.“ „Arbeiterinnen im Anflug!“ Weber hat wieder etwas Farbe im Gesicht, seine Wangen leuchten in einem matten Hellblau und verleihen ihm ein geisterhaftes Aussehen. „Bei allen Göttern.“ seufzt Chara erleichtert.
Angespannte Minuten vergehen, in denen die Unmöglichen Bienen das Schiff umkreisen und seine Außenhaut belecken, um es dann endlich weiter zum Hive zu schleppen. Als die Arbeiterinnen das Raumschiff in einen schmalen Eingang ziehen, geht ein Raunen durch die Kommandozentrale der Mary Read. Der Anblick einer einzelnen Wächterin kann einem mutigen Mann gewaltige Furcht einflößen, wenn sich aber dreißig dieser Kampf-Bienen an den Wänden eines engen Durchlasses tummeln, gibt es keine Begriffe mehr um die Angst in Worte zu fassen, die ein jedes Wesen ergreift, das sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Ein tiefes Summen erfüllt die Brücke, das Geräusch ist allgegenwärtig und baut sich immer mehr auf. „Es geht los. Wir brauchen jetzt die Ohrschützer.“ wendet sich Chara an den Kapitän. Balquand bestätigt ihre Anweisung. Mannschaft und Sklaven legen Gehörschützer an. „Teste Sprechfunk.“ verkündet Chara durch das eingebaute Mikrofon. Die Besatzungsmitglieder bestätigen ihre Testmeldung. „Sprechfunk stabil.“ meldet Chara dem Kapitän. Balquand nickt zufrieden.

„Das ist einfach widerlich.“ Schwarze Mamba sitzt stocksteif im Pilotensessel und starrt angeekelt auf seinen Monitor. Das Bild zeigt eine dichte Masse von Bienen, die kreuz und quer in den Gängen des Hives und auf der Mary Read herumkrabbeln. „Ich finde es grandios.“ versetzt Weber, der fasziniert auf seinen Monitor starrt. „Sei es, wie es ist. Wir müssen weiter.“ Kapitän Balquand hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. „Chara, lotsen Sie uns jetzt zur Königinnenkammer.“ „Verstanden, Kapitän.“ Die Wegweiserin verlässt ihren Posten und nimmt einen Platz neben dem Pilotensessel ein. Mit ruhiger Stimme dirigiert sie Schwarze Mamba durch die gewundenen Gänge des Hives. „Du machst das ganz prima.“ lobt sie den Teenager, um seine Nervosität zu mildern. „Ja, ja. Ich weiß, ich weiß.“ wiegelt Schwarze Mamba gereizt ab. Die Konzentration steht im ins sommersprossige Gesicht geschrieben. Unbewusst nimmt er eine Hand vom Steuer und greift nach seinem Gehörschutz, um sich darunter zu kratzen. Chara hindert ihn sanft daran. „Wenn du die Dinger jetzt von den Ohren nimmst, bist du in weniger als drei Sekunden paralysiert. Fünf Sekunden später explodiert dein Gehirn. Das ist kein Witz.“ „Entschuldigung.“ murmelt Schwarze Mamba kleinlaut. „Geschätzte Ankunftszeit in der Königinnenkammer?“ fragt Balquand drängend. „Wir haben soeben die Futterspeicher passiert.“ überlegt Chara laut. „Wir müssen durch die Larvenkammern und an den Brutlagern vorbei, dann sind wir durch. Maximal dreißig Minuten.“ „Wann werden wir die Königin spüren?“ Chara dreht sich zum Kapitän um und fängt seinen besorgten Blick auf. „Ich kann nur eine Schätzung abgeben. Aber ich denke, spätestens ab den Brutlagern werden wir sie wahrnehmen können. Sensible Personen schon früher.“ „In Ordnung. Fahren Sie fort.“
Im Waffenraum der Mary Read lehnt Little Dove an dem scharfen Torpedo, das er für den Notfall einsatzbereit gemacht hat. Mit einem entrückten Lächeln auf seinem breiten Gesicht schmiegt er sich an das blanke Metall des Torpedos, seine Nebenarme massieren zärtlich die Schultern seiner Hauptarme und streicheln wohltuend über seinen verspannten Stiernacken. Little Dove weiß es nicht, doch die beinah schmerzhafte Zuneigung, die er für sich und seine Umgebung empfindet, ist ein Signal, das von der Königin ausgesandt wird. Je näher die Mary Read der Königinnenkammer kommt, desto stärker wird das Signal der unbändigen Liebe, das die Bienenkönigin für ihre Töchter aussendet.

„Wir fliegen in die Brutanlagen ein.“ meldet Weber, sanfte Pastelltöne pulsieren über sein dümmliche lächelndes Gesicht. „Verstanden, mein Lieber.“ Die Stimme des Kapitäns klingt seidenweich. „Das Signal der Königin, könnt ihr es fühlen?“ fragt Chara mit verträumter Stimme. „Ich weiß nicht genau.“ flüstert Schwarze Mamba, in dessen Augen Tränen glitzern. Chara versucht sich aus der melancholisch süßen Lethargie zu reißen, die schleichend von ihr Besitz ergreift. „Ihr Signal ist außergewöhnlich stark. Es könnte zu schweren Konzentrationsstörungen, Halluzinationen und Verhaltensänderungen kommen. Wir müssen das Störsignal verstärken.“ „Einverstanden.“ murmelt Balquand. „Wir müssen sie sofort töten, wenn wir in der Kammer sind. Dann ist dieses Zauberstück ganz schnell vorbei.“ Der Kapitän nickt geistesabwesend. „Brücke ruft Bordtechnik, ist alles in Ordnung bei dir?“ „Alles wundervoll.“ antwortet Pia-Pia, ihre Stimme klingt merkwürdig hohl. „Wundervoll.“ echot Chara und weiß nicht genau, warum sie der Technikerin nicht glaubt. „Setze Störsignal auf Maximum.“ ist alles, was sie zu sagen weiß. „Verstanden.“ antwortet Pia-Pia monoton und beendet die Verbindung. Eine bleischwere Traurigkeit hat vom Herzen der jungen Frau Besitz ergriffen, trübsinnig starrt sie auf die blinkenden Anzeigen, ohne sie wahrzunehmen. Pia-Pia hebt die rechte Hand, um den Regler für das Störsignal zu justieren, runzelt dann unwillig die Stirn und lässt sie wieder sinken.
„Brücke ruft Waffenraum, sind die Harpunen bereit?“ Durch die Funkverbindung dringt leiser Gesang an Charas Ohren. „Waffenraum, hörst du mich? Melde dich, kleines Täubchen.“ Chara lauscht angestrengt durch die Kopfhörer, doch nur der leise Gesang antwortet ihr. „Ich habe den Kontakt zum Waffenraum verloren.“ meldet sie dem Kapitän. Balquand schreckt aus seinen Gedanken hoch und sieht sich kurz verwirrt in der Kommandozentrale um. „Weber, sehen Sie bitte nach, was da los ist.“ Der Kapitän schenkt seinem Concierge ein huldvolles Lächeln. „Mit Vergnügen, Ehrenwerter.“ Weber verlässt die Kommandozentrale mit schwingenden Armen. Auf dem Weg zum Waffenraum beginnt er eine kleine Melodie zu summen.

„Ist das die Königin?“ Die Stimme des Piloten klingt aus weiter Entfernung an Charas Ohren. Mühsam wendet sie ihren Blick vom Kapitän ab, der still in seinem Kommandostuhl sitzt und grübelt. Es dauert lange, bis ihre Zunge die Frage formulieren kann, die durch ihr Gehirn geistert. „Wie bitte?“ Chara kann den Drang nur schwer unterdrücken, die verlockend glänzende Halbglatze des Kapitäns zu streicheln. Mit einem bedauernden Seufzen hält sie sich auf ihrem Stuhl zurück. „Ich weiß nicht, habe ich etwas gesagt?“ fragt Schwarze Mamba nach längerem Überlegen. Seine Augen blinzeln träge, er kann nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. „Ihr redet beide. Andauernd.“ knurrt Balquand. Chara versucht sich auf einen der Monitore zu konzentrieren. „Wir sind da!“ bringt sie schließlich hervor. Der Bildschirm zeigt einen enormen, sechseckigen Raum, über dessen Wände unzählige Arbeiterinnen kriechen. Die Königinnenkammer scheint wie ein Herz zu pochen, doch es sind die rhythmisch schlagenden Flügel der Bienen, die diesen Effekt hervorrufen. Im Zentrum der Kammer ruht die riesige Königin, die hingebungsvoll von den Arbeiterinnen umhegt und gefüttert wird. Ihr massiver Körper glänzt golden zwischen den dunklen Leibern ihrer Arbeiterinnen hervor. „Ich möchte sie berühren.“ flüstert Schwarze Mamba sehnsüchtig. „Ich auch.“ flüstert Chara zurück. Ein schmerzvolles Gefühl der Liebe zieht sie zu der Königin hin. „Wir sollten landen.“ schlägt der junge Pilot vor. Die Wegweiserin und der Kapitän nicken verträumt.
Im Waffenraum liegen sich Little Dove und Weber zärtlich in den Armen. Sie haben in den letzten Minuten Teile des Torpedos zerlegt und eine kleine Bienenkönigin aus Metall und Draht gebastelt. Dass sie dabei den sensiblen Sprengkopf der gefährlichen Waffe freigelegt haben, interessiert die beiden nicht. Little Dove summt eine einfache Melodie und streichelt liebevoll über Webers pastellfarbenes Gesicht. Der Concierge summt ein völlig anderes Liedchen und schmiegt sich an die mächtige Brust des Hühnen. Dass ihre Lieder im selben Rhythmus erklingen, in dem die Bienenflügel in der Königinnenkammer schwingen, wissen sie nicht.
„Du kannst nicht aussteigen.“ Charas Stimme klingt erschöpft. Ohne erkennbare Körperspannung lehnt sie in der Tür und versperrt Schwarze Mamba den Weg von der Brücke. „Natürlich kann ich.“ erwidert der junge Pilot drängend. „Sie braucht mich.“ „Wenn du aussteigst, stirbst du.“ hält Chara matt dagegen. „Kapitän, sie will mich nicht gehen lassen!“ raunzt Schwarze Mamba. Kapitän Balquand schreckt erneut aus seinen Gedanken hoch. „Bitte?“ „Sie will mich nicht gehen lassen!“ quengelt der Teenager gereizt. „Lassen Sie ihn gehen, Wegweiserin.“ Der Kapitän winkt ungeduldig mit der Hand. „Aber dann stirbt er.“ Chara lehnt weiterhin schlaff in der Tür. „Der Gehörschutz wird ihm nicht helfen, Kapitän.“ „Wenn er doch sterben möchte.“ Balquand zuckt gleichgültig mit den Achseln. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe. Ich muss nachdenken.“ Schwarze Mamba schnaubt triumphierend. Er drückt sich unsanft an der hageren Wegweiserin vorbei und läuft los. „Der Gehörschutz wird dir da draußen nicht helfen!“ ruft Chara ihm nach. Fluchend taumelt sie hinter ihm her, bleibt schließlich atemlos stehen, will nur etwas Luft holen, blinzelt – und versucht sich zu erinnern, warum sie sich in diesem Gang befindet. Wollte sie auf die Brücke gehen, oder wollte sie die Sektion verlassen? Chara gerät ins Grübeln. Nachdenklich bleibt sie stehen, es fällt ihr schwer, die Gedanken hinter ihrer Stirn zu fokussieren. Plötzlich kommt ihr Balquands spiegelnde Halbglatze wieder in den Sinn. „Brücke.“ sagt sie erleichtert und kehrt in die Kommandozentrale zurück.
Schwarze Mamba läuft mit einem Gefühl der äußersten Erregung den langen Gang hinunter. Er ist auf dem Weg zur nächstgelegenen Andockschleuse, um das Raumschiff zu verlassen. An seinen Raumanzug denkt er nicht, denn seine Gedanken sind ganz bei der Königin. Wie in Trance öffnet er die Innentür der Schleuse, lächelnd klettert er hinein. Erst als die Dekompression einsetzt, wird er sich seines tödlichen Fehlers bewusst. Zwar herrscht in der Königinnenkammer kein Vakuum wie im Weltraum, doch die Lebensbedingungen, unter denen die Bienen gedeihen, entsprechen nicht im entferntesten den Anforderungen, die ein empfindlicher Organismus wie der menschliche Körper an seine Umwelt stellt. Leider hat Schwarze Mamba keine Chance mehr, diese wichtige Lektion zu verinnerlichen.
Im Maschinenraum der Mary Read hockt Pia-Pia unter einer Konsole und weint bittere Tränen. Die Bordsklaven, die sich mit ihr im Maschinenraum aufhalten, stehen mit ratlosen Gesichtern um die Konsole herum. Auch sie fühlen die intensiven Signale der Königin, obwohl sie lobotomisiert sind. Pia-Pia bemerkt ihre Verwirrung nicht, sie windet sich im selbstverzehrenden Schmerz einer undefinierbaren Sehnsucht und ist Blind und Taub für das, was um sie herum geschieht. In einem Akt der Verzweiflung rauft sie sich die Haare und reißt dabei den Gehörschutz von ihren Ohren. Wenige Sekunden später verliert sie die Besinnung, kurz darauf spritzt helles Blut aus ihrer Nase, ihren Augen und den Ohren. Ihr Mund formt ein betroffenes O. Ein schmächtiger Sklave betrachtet angestrengt ihre blutüberströmte Leiche unter der Konsole. Nach einer Weile hebt er den geschorenen Kopf, sieht die anderen Sklaven an, blickt zur Decke, blickt wieder zur toten Bordtechnikerin und beginnt zu weinen. Dann zieht er sich mit einer bedächtigen Bewegung den Gehörschutz vom Kopf, blinzelt und bricht zusammen. Die anderen Sklaven sehen regungslos dabei zu, wie seine Augen aus dem Kopf geschleudert werden, als sein Gehirn mit großem Druck explodiert. Wie auf ein geheimes Zeichen hin, nehmen sie alle den Gehörschutz ab.

Stunden vergehen, in denen die Mary Read Führerlos in der Königinnenkammer liegt. Das gestrandete Raumschiff wird von den meisten Arbeiterinnen ignoriert, die einfach über das Hindernis hinweg zur Königin krabbeln. Manche Bienen halten an und versuchen Nahrungsbrei in eine der Öffnungen des Schiffsantriebs zu pumpen. Da die vermeintliche Fütterung misslingt, brechen sie den Versuch nach einiger Zeit wieder ab. Trocknender Brei verstopft so langsam alle Düsen des Schiffes und der Sekundärantrieb, der für die Energieversorgung an Bord der Mary Read essentiell ist, beginnt zu überhitzen. Im Inneren des Schiffes nimmt niemand Notiz davon. Im Waffenraum bauen Weber und Little Dove dutzende Torpedos auseinander, um aus den Teilen einen Hive zu errichten, in dem ihre selbstgebastelte Bienenkönigin wohnen kann. Little Dove dreht kleine Arbeiterinnen aus Draht, während Weber die Kammer für die Königin konstruiert. Seine Gesichtsfarbe wechselt rasend schnell, dunkle und goldene Streifen pulsieren über seine verschwitzte Stirn. Die beiden Männer sind sich in keinem Moment der Absurdität ihrer Handlung bewusst. Nur selten unterbrechen sie die sinnlose Arbeit, um innige Küsse auszutauschen.
Auf der Brücke ist Kapitän Balquand tief in seiner Gedankenwelt versunken. Regungslos sitzt er im Kommandostuhl und starrt vor sich hin, ohne zu blinzeln. Chara steht hinter ihm und streichelt rhythmisch über seine blanke Halbglatze. Sie tut dies seit Stunden, die Haut auf Balquands Kopf ist von der ständigen Berührung stark gerötet. Er nimmt es nicht zur Kenntnis. Tote Sklaven liegen auf der Brücke, in den Gängen, in den Quartieren. Der Massenselbstmord der Unfreien hat sich wie eine Springflut fortgesetzt, kein Sklave lebt mehr auf der gestrandeten Mary Read. Die vier Besatzungsmitglieder, die noch auf dem Raumschiff verbleiben, sind ebenfalls tot. Sie wissen es nur noch nicht. Als der Sekundärantrieb der Mary Read versagt und die Systeme des Schiffes nacheinander herunterfahren, reißt plötzlich ein scharfer Blitz die Königinnenkammer und Teile des Hives in Stücke. Detonierende Torpedos zerfetzen hunderte Insekten und hinterlassen ein klaffendes Loch, aus dem sterbende Bienen in den Weltraum taumeln.

© sybille lengauer

Es sah aus wie eine leuchtend weiße Blume, die zwischen den Sternen erblühte. Es besaß sechs hell glänzende Blütenblätter, die silbrig schimmerten und sich bei Anbruch der Nachtphase, wenn die rote Sonne hinter Uruks mächtigen Ringen verschwand, zu einer tränenförmigen Knospe schlossen. Von einem Augenblick zum andern war es zwischen unseren Geschwisterplaneten erschienen und wir wussten nicht, was seine Ankunft bedeuten sollte. Gebannt beobachteten wir das Verhalten der Erscheinung und stellten endlose Berechnungen an, um das Phänomen zu erklären. Wir fanden heraus, dass der hellgelbe, kugelförmige Mittelpunkt der rätselhaften Sternenblume einen Durchmesser von 3,764 Centren besaß, was ungefähr dem Durchmesser von Paregas zweitem Mond Preton entsprach. Die Länge eines Blütenblattes belief sich auf unfassbare 11,292 Centren. Eine Analyse der Flugbahn brachte uns zu dem Schluss, dass es sich zwingend um ein beseelt agierendes Objekt handeln musste. Übertragungen von Parega meldeten, dass ihre Astronomen zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt waren. Man teilte uns mit, dass der „Rat-der-vereinten-Ozeane“ beschlossen hatte, die jungfräuliche Raumkapsel „Fließende-Hoffnung 1“ zu der geheimnisvollen Sternenblume zu entsenden, um seine mysteriöse Herkunft zu ergründen.
In den Jahrzehnten vor der großen Zerstörung waren außerordentliche Erfolge erzielt worden, um den ersten Hautkontakt zwischen unseren Geschwisterplaneten herzustellen. Jahrhundertelang hatten Forscher auf Uruk und Parega nach einer Möglichkeit gesucht, die unvorstellbare Distanz zu überwinden, die zwischen unseren Planeten lag, jahrhundertelang waren sie an der Aufgabe gescheitert. Die Anziehungskraft von Uruk wirkte extrem stark und war mit den schwachen Verbrennungsmotoren unserer Zivilisation kaum zu überwinden. Hinzu kam, dass die Strahlung, die von Uruks gewaltigen Ringen ausging, einen ungeschützten Astronauten in wenigen Stunden tötete. Das extreme Magnetfeld unseres Heimatplaneten bewahrte uns vor den Auswirkungen der massiven Strahlung, allerdings konnten wir uns nicht erfolgreich gegen sie wappnen, wenn wir den schützenden Einflussbereich unseres Heimatplaneten verließen. Die komplexe Unterwassertechnologie der Pareger ermöglichte zwar in der Theorie ein überdauern in der tödlichen Strahlung, war aber zu unausgereift, um in der praktischen Raumfahrt Anwendung zu finden und zu fremdartig, um mit unseren Ideen kompatibel zu sein. Fünf Jahre vor der großen Zerstörung, gelang es einem wissenschaftlichen Team auf Parega schließlich eine Forschungskapsel zu konstruieren, die in der tödlichen Wüstenei des Weltalls überdauern und gleichzeitig der vernichtenden Ringstrahlung Uruks trotzen konnte. Fieberhaft suchten wir in diesen Jahren nach einer Möglichkeit, unseren potentiellen Besuchern ein Überleben in der enormen Gravitation Uruks zu ermöglichen. Wir setzten alles daran, unsere planetaren Geschwister endlich auf unserer Heimat willkommen heißen zu können. Das Eintreffen der Sternenblume änderte diese Pläne von Grund auf.
Die „Fließende-Hoffnung 1“ startete acht Monate vor der großen Zerstörung, an Bord befanden sich die beiden Astronauten Xhiä-Atem-des-Wasserläufers und Löha-Stimme-der-Meeresbrandung. Gebannt fieberten wir vor unseren Empfängern, als die paregesischen Übertragungen vom erfolgreichen Start der Raumkapsel berichteten. Über viele Wochen hinweg folgten wir dem Signal der „Hoffnung“ mit unseren Radioteleskopen und unseren Gebeten. Jede Nacht wandte sich unser Blick zu der geheimnisvollen Blütenknospe im Himmel und immer fragten wir uns, was in ihrem Inneren vorgehen mochte. Als das Ortungssignal der „Fließende-Hoffnung 1“ zwei Tage vor dem errechneten Kontakt mit der Sternenblume erlosch, machte sich eine große Betroffenheit unter uns breit. Hilflos warteten wir auf ein erneutes Signal und mit jeder verstreichenden Stunde stieg unsere Frustration. Es war ein namenloser Amateur-Sterngucker, der uns am späten Nachmittag des zweiten Tages darauf hinwies, dass sich das Zentrum der Blüte zu verändern begann. Eine genaue Beobachtung unabhängiger Teleskope bestätigte seine Sichtung. Natürlich gingen wir davon aus, dass die Veränderung im Kern der Sternenblume und der Signalabbruch der Raumkapsel in direkter Verbindung standen, doch über das, was dort oben wirklich vor sich ging, konnten wir nur wilde Spekulationen anstellen. In dieser Nacht schloss sich die gewaltige Blüte im Himmel nicht, als die rote Sonne hinter Uruks eisigen Ringen verschwand. Ihr kugelförmiges Zentrum pulsierte in unregelmäßigen Abständen, während die Blume langsam begann, sich um ihre eigene Achse zu drehen. Heute vermuten wir, dass Xhiä-Atem-des-Wasserläufers und Löha-Stimme-der-Meeresbrandung zu diesem Zeitpunkt aufgenommen und verändert wurden. Damals gingen wir von einer erfolgreichen Kontaktaufnahme aus, auch wenn wir uns in unserer Freude vorsichtig zeigten. Jeder Schritt, den wir in diesen Tagen gingen, fand auf unbekanntem Terrain statt, wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Zwanzig Stunden später erlosch das Pulsieren des Blütenzentrums und die Sternenblume begann sich langsam zu schließen. Kurz darauf empfingen wir plötzlich wieder das Ortungssignal der „Hoffnung“, das mit dem Code für ihre Erfolgreiche Rückkehr versehen war. Vier Monate lang folgten wir mit wachsender Ungeduld dem immergleichen Signal auf seinem langen Weg nach Hause. Monate, in denen die gewaltige Blüte im Himmel verschlossen blieb und wie eine undurchsichtige Träne auf uns herabfunkelte.

Meiner eigenen Auffassung nach beginnt die Vernichtung von Parega mit der letzten Nachricht, die von den Bewohnern dieser verlorenen Welt an uns gesendet wurde. Die Übertragung, die von der jungen Wissenschaftsassistentin Janji-Traum-der-Strömung stammte, berichtete von zwei entstellten Leichen, die aus der gelandeten „Fließende-Hoffnung 1“ geborgen worden waren. Der Kontakt zu Parega brach wenige Minuten später vollständig ab. Alle Augen, alle Ohren Uruks richteten sich auf unseren Geschwisterplaneten, doch kein Laut drang mehr durch die Stille des Weltraums zu uns. Fassungslos beobachteten wir durch unsere Teleskope, wie sich der saphirblaue Wasserplanet, dessen Anblick uns so vertraut und lieb war, in wenigen Stunden in eine fremde Welt verwandelte. Die satten Blautöne seiner gigantischen Ozeane verschwanden unter dunklen Schlieren, die wir als Wolken interpretierten. Gewaltige Stürme schienen auf der Planetenoberfläche zu toben und unsere empfindlichen Messgeräte erfassten enorme Blitze, die tief ins Weltall geschleudert wurden. Sieben Tage tobten die alles verschlingenden Unwetter über Parega hinweg und das tiefgrüne Antlitz, das sich am achten Tag unseren Augen präsentierte, erinnerte nicht mehr im Entferntesten an unseren Geschwisterplaneten. An diesem Morgen öffnete sich die Sternenblume und präsentierte unseren Teleskopen ihr mondgroßes Innerstes in strahlend leuchtendem Grün. Anmutig reckten sich ihre schimmernden Blütenblätter dem Licht unserer roten Sonne entgegen. Wir analysierten noch die Daten, die von unseren zahlreichen Satelliten zurück an die heimischen Stationen gesendet wurden, als mein Empfänger die erste Übertragung erhielt, die uns von der Oberfläche des grünen Planeten erreichte. Die Nachricht bestand aus drei einfachen Worten: „Ich werde sein.“ Ihre Bedeutung war jedoch alles andere als einfach. Ich leitete die Übertragung umgehend weiter, übergab die Entscheidung, ob wir auf die Botschaft reagieren sollten, in fähigere Hände. Während ich noch auf eine Antwort wartete, trafen von ganz Uruk Meldungen ein, dass Übertragungen mit den Worten „Ich werde sein.“ von Parega empfangen worden waren. Manche Stationen entschieden Eigenständig und reagierten direkt auf die Nachricht. Sie sendeten Fragen, oder riefen die vertrauten Namen ihrer Freunde. Doch alle erhielten nur die eine Antwort. „Ich werde sein.“ Drei Tage lang sendete Parega unablässig die Botschaft, über deren Inhalt sich unsere besten Denker die Köpfe zermarterten. Drei Tage, in denen sich die Sternenblume jeden Morgen zur Sonne hin öffnete und zum Abend wieder verschloss. Drei Tage, in denen wir uns in jeder Minute fragten, was mit unseren Brüdern und Schwestern auf Parega geschehen war. Am dritten Tag, zur Mittagsstunde, zeichneten alle Empfänger Uruks ein und dieselbe Nachricht auf. Sie lautete: „Ich bin der Same, der aus der Stille erkeimt, ich bin das Saatkorn, das in der Leere erblüht, ich bin das beständige Wachsen. Ich werde gedeihen, unter allen Himmeln. Ich werde sprießen, immerdar.“ Sekunden später traf ein grellgrüner Strahl aus dem Zentrum der Sternenblume den äußersten Rand unserer planetaren Ringe. Ich kann das maßlose Entsetzen nicht beschreiben, das unser Volk erfasste, als wir mitansehen mussten, wie sich jener Strahl durch das Ringsystem Uruks fraß und es unwiederbringlich zerstörte. Es gab nichts, das wir hätten tun können. Mit fatalistischer Niedergeschlagenheit werteten wir Satellitendaten aus, berechneten die Geschwindigkeit, mit der die Ringe zerfielen und lauschten den Worten, die von Parega zu uns drangen. Erst als wir ein Ortungssignal empfingen und begriffen, dass sich die „Fließende-Hoffnung 1“ auf den Weg zu unserem Planeten gemacht hatte, erwachte in uns allen ein Gefühl des melancholischen Aufbegehrens. Wir wollten nicht ungehört in der Dunkelheit verlöschen, wir wollten nicht unbeachtet untergehen, verschlungen von einer Lebensform, deren Zweck es war, sich unendlich auszubreiten. Wir wussten, dass die „Fließende-Hoffnung 1“ sechs Monate benötigen würde, um Uruk zu erreichen und wir wussten auch, dass wir jede Minute benötigen würden, um eine Raumkapsel nach ihrem Vorbild zu konstruieren. Ein Schiff für einen tapferen Piloten, um die Stimmen eines untergehenden Volkes aus ihrem Heimatsystem zu geleiten und ein letztes Aufflackern unserer verlöschenden Zivilisation zu den Sternen zu tragen. Eine „Letzte-Hoffnung“. Dies ist meine Geschichte vom Untergang unserer Geschwisterplaneten Parega und Uruk, die sich in friedlicher Koexistenz den Platz um ihr strahlendes Muttergestirn teilten, bis sie vernichtet wurden, von einer unbekannten Spezies. Das Archiv enthält noch unzählige weitere Berichte, die die Ereignisse rund um unsere Zerstörung beschreiben und die vielleicht hilfreich sein können, andere Zivilisationen in den unbegreiflichen Weiten der Galaxis vor unserem Schicksal zu bewahren. Es enthält außerdem alle historischen Aufzeichnungen von Uruk und Parega, Gedichte, Lieder, Mythen und Sagen, die wir aus unseren Kulturen zusammentragen konnten.
Mein Name ist HarZyä-Eisenfresser und ich war ein Freund, ein Vater, ein Bruder und ein Individuum. Vielleicht gleichen meine Gedankengänge ein wenig den Deinen, vielleicht sind wir grundverschieden wie Stein und Wasser. Doch wer auch immer du bist, der du diese Nachricht empfängst, sei wachsam und Überlebe. Ich wünsche dir viel Glück.

„Ist das etwa alles, was auf der verdammten Platte ist?“
„Ja, das Ding ist scheinbar voll mit Nachrichten dieser Art.“
„Scheiße. Diese Bergung ist ein totaler Reinfall!“
„Hm. Vielleicht springen irgendwelche Historiker-Heinis von der imperialen Fakultät darauf an.“
„Gut, nehmen wir sie eben mit.“
Vorsichtig löst Pan-Tasch den Entschlüsselungs-Generator von der uralten Festplatte, die sie aus dem Wrack der halb zerstörten Raumkapsel geborgen hat. Schin-Dschi steht mit gerunzelter Stirn neben ihr, seine stacheligen Schulterpanzer füllen das winzige Landedeck des kleinen Frachtschiffes unangenehm aus. Verächtlich starrt er durch die aufgeschweißte Luke in das Innere der verbeulten Kapsel.
„Was machen wir mit der verdammten Mumie?“
„Keine Ahnung, vielleicht stehen die Historiker ja auch darauf.“
„Das Teil sieht vergammelt aus. Ist bestimmt schimmelig oder so.“
„Dann vakuumier es doch endlich. Herrgott nochmal. Muss ich dir heute alles vorkauen?“
Schin-Dschi setzt zu einer ätzenden Gegenbemerkung an, überlegt es sich dann aber anders. Achselzuckend schießt er einen Strahl Vakuumierflüssigkeit auf den eingetrockneten Körper, der in einem verrottenden Pilotenstuhl ruht.

© sybille lengauer

Es war ein verregneter Samstagnachmittag im Juni 1993, als Professor Friedrich Bernstein den Apparat träumte. In tiefem Schlummer versunken, lag er in seinem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer auf einer altgedienten Rattancouch. Eine leichte Sommerdecke umschlang den hageren Körper des Schläfers, seine schlanken Hände ruhten, locker ineinander verschränkt, auf der eingefallenen Altherrenbrust. Sein blasser Mund stand leicht geöffnet und atmete den Duft von Pfefferminzpastillen aus. Man hätte meinen können, es handele sich nur um einen einfachen Pensionist, der hier sein wohlverdientes Nachmittagsschläfchen absolvierte, doch war der Professor nicht irgendjemand. Er war der bedeutendste Träumer unserer Zeit. Während durch ein gekipptes Fenster regengekühlter Wind in die Wohnung wehte und die hellen Stimmen einer lärmenden Kinderschar von der Straße heraufdrangen, träumte er von massiven Zahnrädern und hunderten Schrauben, sah kupferrot glänzende Röhren und Ventile, die sich vor seinem inneren Auge, Stück für Stück, zu einem kunstvoll verschlungenen Ganzen zusammenfügten. Der Apparat entstand in seinem Geiste und während er ihn erdachte, lächelte der Professor zufrieden im Schlaf. Nach einer geraumen Weile tauchte er langsam aus den tiefsten Schichten seines Unterbewussten auf, hielt jedoch weiter die faltenumkränzten Augen geschlossen, um das Bild nicht zu verlieren, das in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte. Vorsichtig tastete er mit der linken Hand über das kleine Beistelltischchen, das auf dünnen Holzbeinen neben der Couch stand. Seine suchenden Finger glitten über eine leere Kaffeetasse und mehrere Kugelschreiber hinweg, griffen kurz in den halbvollen Kristallaschenbecher, der in seiner klobigen Größe das Tischchen dominierte, überwanden eine zerknüllte Zigarettenschachtel und fanden schließlich das kleine Diktiergerät, welches immer parat lag, wenn er ein Schläfchen wagte. Ohne ein Blinzeln zu riskieren, hielt Professor Bernstein das Aufnahmegerät nah an seine Lippen und begann in rasender Geschwindigkeit aufzusagen, was er in seinem Traumbild sah.

Es war ein kühler Dienstagabend im September 1996, als Gerda Roth dem Tod begegnete. Frustriert von einem stumpfsinnigen Arbeitstag, den sie im überheizten Großraumbüro einer renommierten Versicherungsgesellschaft verlebt hatte, fuhr sie in ihrem roten Peugeot 106 Dreitürer die Landstraße entlang und führte Selbstgespräche mit dem eingebauten Radio. Ihre keck auffrisierte Dauerwelle und die knallig bunt lackierten Fingernägel konnten nicht über ihre zänkisch verkniffenen Gesichtszüge hinwegtäuschen. Gerda Roth war gerade damit beschäftigt, den Moderator einer beliebten Talk-Sendung einen arroganten Esel zu schimpfen, als ein gigantischer Tintenfisch gegen die Windschutzscheibe ihres Kleinstwagens prallte. Entsetzt trat sie die Bremse bis zum Boden durch und riss gleichzeitig das Lenkrad herum. Der rote Peugeot schleuderte quer über die dunkle Landstraße und landete mit einem dumpfen Knall im matschigen Straßengraben. Der riesige Tintenfisch, der den Wagen in seiner blinden Agonie fest umklammert hielt, kollabierte unter dem zentnerschweren Gewicht seines monströsen Leibes und erstickte zugleich in der feindlichen Umgebung, der er plötzlich ausgesetzt war. In seinem schrecklichen Todeskampf zerquetschte er die Windschutzscheibe des kleinen Peugeot und tötete Gerda Roth, die zwischen Autositz und Lenkrad eingekeilt war und von den wild peitschenden Tentakeln zermalmt wurde. Wenige Sekunden später verwandelte sich der Kadaver des Tintenfisches in dampfenden Schleim, der an der zerdrückten Karosserie des Wagens hinunterfloss und im finsteren Straßengraben versickerte.
Zur selben Zeit schritt Professor Friedrich Bernstein in einer geräumigen Werkstatt auf und ab, die er vor drei Jahren angemietet hatte. Er betrachtete kopfschüttelnd den fertiggestellten Apparat, der auf einem stabilen Eisengestell mit vier massiven Rädern ruhte. Dutzende Zahnräder ratterten munter im Inneren der würfelförmigen Maschine, heißer Dampf brodelte durch gewundene Röhren und entwich in zischenden Fontänen. Ein dickes Kabelgeflecht stellte eine Verbindung mit einem enormen Glastank her, der zu zwei Dritteln mit milchig trübem Salzwasser gefüllt war. An einem rechteckigen Schaltpult blinkten grüne und orange Lämpchen fleißig um die Wette, während ein kleiner Bildschirm Ausschnitte eines fernen Korallenriffs zeigte. Alles erregte den Anschein betriebsamer Ordnung, doch der Professor seufzte nur deprimiert. Er musterte die verzerrte Reflektion seines demoralisierten Spiegelbildes in der dicken Tankglasscheibe, dann sog er scharf die Luft durch seine Nasenflügel ein, wandte sich entschlossen dem Schaltpult zu und legte energisch einen Heben um. Nach und nach verstummte das Rattern und Zischen im Bauch des Apparates. Die Lämpchen auf den Bedienfeldern erloschen und es wurde merklich dunkler in der Werkstatt, nur das Wasser im großen Glastank tauchte die Szenerie in fahl schimmerndes Licht.
Friedrich Bernstein nickte seinem jungen Assistent zu, der in diesem Augenblick bei der Tür hereinkam und mit großer Konzentration einen Teller mit, liebevoll garnierten, Schinken-Käse-Sandwiches vor sich hertrug. „Es funktioniert nicht, Roger.“ konstatierte der Professor niedergeschlagen und schlug mit der flachen Hand auf das glattpolierte Holz des Schaltpultes. Sein Blick glitt über den flimmernden Monitor, der immer noch Ausschnitte eines fernen Meeresbodens zeigte. Ein Ichthyosaurier schoss pfeilschnell durch das Bild, doch der Professor achtete nicht darauf. Roger Bloch stellte den Teller auf einer Werkbank ab, die mit Papieren und Notizblöcken überfüllt war und blickte mit gerunzelter Stirn zum Apparat. „Es könnte an der Unschärfe liegen.“ dachte Professor Bernstein laut nach und kratzte sich ratlos an der kahlen Schläfe. „Vielleicht sollten wir noch einmal ein unbelebtes Objekt testen?“ schlug Roger Bloch vor und rückte geschäftig seine ovale Nickelbrille zurecht. Der Professor maß den jungen Mann mit einem verächtlichen Seitenblick. „Was soll das nützen?“ fragte er in gereiztem Ton. „Wir transportieren seit acht Monaten Steine durch die Zeit. Das bringt uns nicht weiter.“ Der junge Assistent begann unter dem bohrenden Blick des Professors zu schwitzen. „Vielleicht haben wir die Zeit-Ort-Verschiebung falsch kalkuliert?“ stotterte er und sah dabei betreten zu Boden. „Die Chance besteht. Rechnen wir es noch einmal durch.“ Friedrich Bernstein trat an die überfüllte Werkbank und winkte Roger Bloch ungeduldig an seine Seite. Gemeinsam arbeiteten sie sich durch lange Zahlenkolonnen, füllten karierte Notizblöcke mit komplizierten Formeln und Berechnungen. Bevor sie schließlich einen neuerlichen Versuch wagten, griff Roger Bloch zu den Schinken-Käse-Sandwiches, die er für den Professor mitgebracht hatte und verschlang sie mitsamt der Petersiliengarnierung.
Kurze Zeit später hauchte der sechzehn Jahre alte Bäckerlehrling Johann DeMondelle sein Leben aus, als er, zwei Stunden nach Mitternacht, von einem riesigen Ammonit erschlagen wurde. Der Parapuzosia seppenradensis fiel buchstäblich aus heiterem Himmel und begrub den ahnungslosen Jugendlichen donnernd unter sich, der, nur wenige Schritte von seinem Elternhaus entfernt, sein brandneues Hercules Prima Mofa besteigen wollte, um zur Bäckerei zu fahren. Es blieb nicht viel übrig, vom armen Johann DeMondelle, denn der tonnenschwere Kopffüßer zermalmte ihn bis zur Unkenntlichkeit und hinterließ einen tiefen Krater im Asphalt. Als der Ammonit sich wenige Sekunden später in dampfenden Schleim auflöste, blieb nur der zerdrückte Leichnam des unglücklichen Bäckerlehrlings zurück. Das Hercules Prima stand, von der Katastrophe völlig unbeschadet, neben dem tiefen Krater. Der mysteriöse Todesfall erregte überregionale Aufmerksamkeit und wurde in den Medien ausgiebig diskutiert, doch weder Professor Bernstein, noch sein Assistent Roger Bloch, nahmen von dem Ereignis Kenntnis. Frustriert vom neuerlichen Misserfolg, zerlegte der Professor den Apparat, um Teile der Transportvorrichtung zu verbessern, während sich Roger Bloch in die Berechnungen vertiefte, die ein Navigieren durch die Zeit ermöglichten.

Es war ein windiger Mittwochmorgen im Dezember 1996, als Professor Bernsteins Kreation endlich den erträumten Erfolg erzielte. Der alte Mann hatte unermüdlich an der Vollendung des Apparats gearbeitet und mithilfe seines Assistenten sämtliche Berechnungen bis auf das letzte Komma überprüft. Für einen ersten Versuch hatte der Professor eine Zeitlinie im frühen Kambrium ausgewählt, die er für vielversprechend hielt. Nun stand er neben Roger Bloch in der hell erleuchteten Werkstatt und nickte anerkennend. Zufrieden beobachteten die beiden einen großen Anomalocaris, der im trüben Wasser des Tanks schwamm und immer wieder gegen die durchsichtigen Glaswände stieß. „Wir haben es geschafft.“ flüsterte Roger Bloch fassungslos, während der Professor selbstgefällig lächelte. „Haben Sie je daran gezweifelt, mein Sohn?“ fragte er in jovialem Ton. „Natürlich nicht, Professor.“ Roger Bloch beeilte sich, das Lächeln zu erwidern. „Nun holen Sie schon das Videogerät.“ Professor Bernstein wedelte fahrig mit einer Hand durch die Luft. Roger Bloch verließ im Laufschritt die Werkstatt und kehrte, fast Augenblicklich, mit einem modernen Camcorder zurück. Seine Hände zitterten stark, als er das schlanke Gerät aktivierte und auf den riesigen Glastank richtete. „Wir schreiben den vierten Dezember 1996. Es ist, ähm…wie spät ist es?“ „Fünf Uhr Dreiunddreißig.“ „Es ist Fünf Uhr Dreiunddreißig und wir haben endlich…, wir können vermelden, dass… ähm.“ „So wird das nichts, Roger. Richten Sie die Kamera auf mich.“ Professor Bernstein postierte sich breitbeinig und mit grimmigem Gesichtsausdruck vor den dicken Kabeln, die den Apparat mit dem Glastank verbanden. In seinem Rücken stieß der Anomalocaris dumpf gegen die massive Glasscheibe. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, geneigtes Fachpublikum. Es ist mir eine große Freude, Ihnen heute vom erfolgreichen Test meines fantastischen Zeit-Materie-Transporters zu berichten.“ Mit einer theatralischen Handbewegung wies er auf den zischenden Apparat. „Filmen Sie jetzt den Apparat, Roger. Gut. Ausgezeichnet. Und jetzt wieder mich.“ Der Professor hüstelte geziert und wandte sich der Linse des Camcorders zu. „Bestaunen Sie nun eine urtümliche Kreatur, die eben noch durch die warmen Wasser des Japetus-Ozeans pirschte und jetzt hier, in unserer Zukunft…“ „Professor!“ Irritiert durch Roger Blochs Zwischenruf unterbrach Professor Bernstein seine dramatische Rede. Er wandte sich nach dem Glastank um und fluchte. „Es hat sich plötzlich aufgelöst,“ hauchte sein Assistent, „da ist überall Schleim!“ „Stellen Sie das Videogerät ab.“ murmelte Professor Bernstein.

Es war ein verschneiter Freitagnachmittag im Januar 1997, als Professor Bernstein den Apparat erneut testete. Er tat dies alleine und ohne fremde Hilfe, da er die Erniedrigung nicht ertragen wollte, die er jedes Mal empfand, wenn er die ratlosen Blicke seines Assistenten auf sich ruhen fühlte. Anstelle des jungen Gehilfen leistete ihm nun süßer Portwein Gesellschaft. Friedrich Bernstein stand in Jogginghose und Unterhemd vor dem holzvertäfelten Schaltpult und legte mit steinerner Miene jenen Hebel um, der seinen fantastischen Apparat zum Leben erweckte. Summend und ratternd erwachte die Maschine zum Leben, der kleine Bildschirm, der in das Schaltpult eingelassen war, flackerte und zeigte eine Unterwasserlandschaft, durch die gewaltige Schwärme von Quallen trieben. Professor Bernstein suchte mit einem einfachen Zielsystem nach einer passenden Lebensform und schoss einen Transportstrahl durch die Zeit. Ein helles Gleißen flutete durch die Werkstatt, doch der Professor kannte den Effekt und wandte vorbeugend den Blick ab. Als sich das Licht wieder auf ein normales Maß reduziert hatte, schwamm eine riesige, fluoreszierende Qualle im milchigen Wasser des Glastanks. Friedrich Bernstein erlaubte sich ein kurzes, erleichtertes Seufzen, dann kniff er skeptisch die Augen zusammen. Er trank einen großen Schluck Portwein und überprüfte einige Anzeigen auf dem Schaltpult, als plötzlich Bilder und Emotionen sein Gehirn mit großer Heftigkeit überfluteten. Er spürte die unbeschreibliche Verbundenheit einer winzigen Lebensform mit der unermesslichen Weite des riesigen Ozeans. Fühlte sich im nächsten Moment sicher an einem rauen Felsen verankert, der im warmen Meereswasser einer kleinen Lagune lag. Bunt schillernde Fische schwammen pfeilschnell umher und mit einem Mal fing er einen dieser zappelnden Leckerbissen mit langen Tentakeln und führte die gelähmte Beute genüsslich zu seinem Mund. Er spürte einen Schauder der Zufriedenheit, dann brachen plötzlich Gefühle von Angst und Zorn über ihn herein. „Hilfe!“ schrie Professor Bernstein. Er taumelte rückwärts und schlug sich die Hände vors Gesicht. Doch die Bilder und Empfindungen hörten nicht auf, er sah trübes Wasser, die verzerrten Konturen der Werkstatt und sich selbst, wie er zusammengekrümmt an einer Wand hinter dem Schaltpult lehnte. Er spürte Verwirrung und großen Zorn, zugleich Entsetzen und eine unbändige Angst, wusste nicht, wer er war oder wo er sich befand, kannte nicht einmal mehr die Anzahl seiner Gliedmaßen. Er wollte wieder um Hilfe rufen, konnte aber nicht die beiden Münder in Einklang bringen, die er zugleich empfand. Ein Gefühl großer Hilflosigkeit wanderte zwischen dem Professor und der riesigen Qualle hin und her, dann schoss rasender Schmerz durch Friedrich Bernsteins Körper, als sich die majestätische Meduse langsam zu zersetzen begann. Wie die Lebensformen, die vor ihr durch die Zeit transportiert worden waren, löste auch sie sich unerbittlich auf, doch die verbesserten Formeln des Professors verzögerten den grausamen Prozess. Das wehrlose Tier wand sich verzweifelt hinter der dicken Glasscheibe, während sich sein Körper langsam zersetzte und Friedrich Bernstein fühlte jede Sekunde seines großen Schmerzes. Erst als sich der Schirm der Qualle restlos in Schleim aufgelöst hatte, brach die Verbindung zwischen ihnen ab und Professor Bernstein verlor das Bewusstsein.

Es war ein eiskalter Samstagmorgen im Januar 1997, als Professor Friedrich Bernstein den Apparat demontierte. Schluchzend kniete er auf dem kalten Werkstattboden und löste Schraube um Schraube aus den Eingeweiden der Maschine. Eine leere Flasche Portwein ragte aus dem Wirrwarr von Röhren und Zahnrädern hervor, das den Professor umgab und auf dem stillgelegten Schaltpult stand eine weitere, halbleere Flasche neben einem umgekippten Glas. Stück für Stück nahm der Professor seinen Zeit-Materie-Transporter auseinander, trennte Kabel, kappte Verbindungen, löste Gewinde. Er hielt erst inne, als er die Maschine vollständig auseinandergenommen hatte. Dann stand er ächzend auf und ließ das dunkelbraun verfärbte Wasser aus dem Glastank in die Kanalisation ablaufen. Er trank noch mehr Portwein, trank direkt aus der Flasche und lauschte mit gesenktem Haupt dem Rauschen des abfließenden Wassers, dachte an das unendlich weit entfernte Meer, das seit Millionen von Jahren nicht mehr existierte, dachte an die tiefe Verbundenheit, die er für kurze Zeit empfunden hatte und das Gefühl des schwerelosen Dahintreibens. Die Minuten verstrichen, der Professor stand mit geschlossen Augen da und fühlte der Wehmut in seinem Herzen nach. Er stellte sich vor, wie er die Werkstatt abschloss, sich in seinen Volvo S40 setzte und bis an die Nordsee fuhr. Er träumte sich an den Stand und während über seinem Kopf die Möwen kreischten, watete er in die sturmumtosten Wellen des Meeres, kehrte zurück in die vertraute Geborgenheit seiner archaischen Heimat. Professor Bernstein trennte sich nur schwer von diesem melancholischen Gedanken. Er öffnete widerstrebend die Augen und starrte niedergeschlagen auf den leeren Glastank. „Es tut mir so leid.“ flüsterte er. Betrübt löschte er beim Verlassen der Werkstatt alle Lichter, ohne sich noch einmal umzusehen. Er schloss sorgfältig hinter sich ab und fuhr in seinem Volvo S40 nach Hause, um nie wieder zu träumen.

© sybille lengauer

In der Nacht als Herr Leon Breitenegger verstarb schien kein außergewöhnlicher Mond vom sternklaren Himmel, um sein Dahinscheiden zu illuminieren. Es fuhr kein kalter Windhauch über die Felder, um seinen erlöschenden Namen zu flüstern und es schrie auch kein einsamer Vogel Trauerklagen aus dem alten Birnbaum im Garten, um seine Seele auf ihrem langen Weg zu geleiten. Nur ein profaner Dreiviertelmond schimmerte träge aus dem wolkenverhangen Himmel. Ein steter Ostwind trug feinen Sprühregen über die Felder und nicht einmal die Ringeltauben, die in dem alten Birnbaum nisteten, wussten von Herrn Breiteneggers versterben. Klammheimlich hatte sich seine Seele davongestohlen, war von der alten Siebziger-Jahre-Couch aufgestanden und hatte den Körper nicht mitgenommen. Besagter Körper saß zusammengesunken vor dem plappernden Fernsehapparat, der Kopf war auf das breite Doppelkinn gesunken, die Arme ruhten schlaff auf dem ausladenden Bauch. Man hätte meinen können er hielte nur ein Schläfchen, doch es war niemand zugegen, um dergestalt über ihn nachzudenken. Der verwitwete Frührentner lebte allein.
Herrn Breiteneggers Seele spazierte durch den menschenleeren Ortskern des Dorfes und bewunderte eine stattliche Blutbuche, die, von einer einsamen Straßenlaterne beschienen, den kleinen Marktplatz dominierte. Stolze Äste reckten sich in den dunklen Nachthimmel, purpurrote Blätter rauschten mächtig wie die schäumende See. Leon Breiteneggers Seele überlegte, dass sie schon lange nicht mehr am Meer gewesen war. Fünfzehn Jahre, um genau zu sein. Wehmütig lauschte sie der Blätterbrandung, träumte sich an die Küste. Hörte im Himmel die Möwen kreischen. Roch den frischen Duft der Brise. Spürte den salzigen Atem des Meeres. Herrn Breiteneggers Seele verlor sich im Zauber des Moments. Eine Stunde verstrich und sie stand immer noch unter dem hoch aufragenden Baum und träumte. Zuhause im überheizten Wohnzimmer stand Herrn Breiteneggers toter Körper mechanisch von der Couch auf, stellte den Fernseher ab und schlurfte ins Bett.
Niemand bemerkte den Unterschied, als jener tote Körper am nächsten Morgen beim Bäcker erschien und, wie gewöhnlich an einem Samstag, ein Buttercroissant und ein Franzbrötchen kaufte. Und wer hätte schon darauf achten sollen, ob jener Mann, der höflich in der Warteschlange vor dem Tresen stand und freundlich grüßte, atmete und einen Puls besaß? Der Bäckereifachverkäuferin fiel nichts ungewöhnliches auf. Auch der Postbote, der wenige Stunden später vor Herrn Breiteneggers Türschwelle stand, erkannte in dem unbelebten Leib nur einen weiteren Kunden, der ein Paket entgegennahm. Selbst Herr Breitenegger stellte kaum eine Veränderung fest, er fühlte sich ein wenig unwohl, führte dies aber auf ein üppiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte mit Sahne zurück. Nur der alte Dackel der betagten Frau Schürmann erkannte den wandelnden Toten und knurrte böse hinter dem niedrigen Gartenzaun, als Herr Breitenegger am frühen Abend vorbeiging. Wütend kläffte der grauschnäuzige Dachshund am Maschendrahtzaun entlang und Frau Schürmann öffnete das Küchenfenster, um ihn zur Raison zu rufen. Herr Breitenegger hob die Hand zu einem freundlichen Gruß und die alte Dame winkte arthritisch zurück. Der Dackel überschlug sich in rasendem Zorn. Herr Breitenegger schüttelte kurz den Kopf über das despektierliche Verhalten des Hundes und spazierte weiter seines Weges. Er passierte den Marktplatz, ging unter der Blutbuche her, ohne dem Baum Beachtung zu schenken und bog in eine kleine Seitengasse ein, die, an der Kirche vorbei, zum Gemeindehaus führte. Der örtliche Singverein traf sich einmal in der Woche zur Probe und Herr Breitenegger verpasste nie einen Termin. Seine Seele saß indessen auf einer Kuhwiese, keine fünfhundert Meter entfernt und sah einer Butterblume dabei zu, wie sie ihre gelbglänzenden Kronblätter zum Abend hin verschloss. Die Seele hatte die Blume seit der Morgendämmerung beobachtet. Hatte gebannt verfolgt, wie sich die Blüte bei Sonnenaufgang öffnete und ihre zarten Staubblätter dem Licht darbot. Zeit besaß keine konkrete Bedeutung für Herrn Breiteneggers Seele und so hatte sie den ganzen Tag auf dieser Kuhweide verbracht, versunken in die Betrachtung der Butterblume, die bienenumschwärmt dem Sonnenverlauf folgte. Nichts fehlte ihr zu ihrem stillen Glück. Der verstorbene Herr Breitenegger ging nach der Gesangsprobe beschwingt zurück nach Hause, das leichte Unwohlsein war vergessen. Der Ehrentag eines befreundeten Vereinskollegen hatte Brombeerlikör und Maikäfer Flugbenzin an die Gestade seiner Leber gespült und obwohl sein Herz nicht mehr schlug und das Blut in seinen Adern bereits gerann, vermochte es der Alkohol, sein untotes Gehirn zu entrücken. Am Gartenzaun von Frau Schürmann erwartete der Dackel geduldig seine Wiederkehr. Die alte Dame pflegte das Tier auch in der Nacht im Garten zu belassen, um sich vor Räubern und Diebesgesindel zu schützen, deren lauernde Anwesenheit sie hinter jedem Strauch vermutete. Mit gesträubtem Fell stand der kleine Hund im üppigen Lavendelbeet und starrte der herannahenden Hülle entgegen. Ein leises, tiefes Knurren drang aus seiner Kehle, er hatte sich mit durchgedrücktem Rücken und steifen Krummbeinen hinter dem Zaun postiert und zitterte vor Zorn. Für den toten Herrn Breitenegger sah er verlockend appetitlich aus. Der angetrunkene Tote verharrte schwankend vor dem Zaun und lauschte dem Knurren des Hundes, in das sich das fordernde Rumoren seines Magens mischte. Ohne sich der Absurdität seiner Tat bewusst zu werden, langte er über den niedrigen Zaun, fasste das entsetzte Tier im Nacken und brach ihm das Genick. Niemand beobachtete die schreckliche Tat, niemand hätte geglaubt, wenn man davon erzählt hätte, denn Herr Breitenegger war ein angesehener Bürger des beschaulichen Dorfes. Doch zur Beschaulichkeit zählte auch, die Vorhänge zur Nacht geschlossen zu halten und so blieb der Mord an dem kleinen Dackel unbeobachtet. Sein Kadaver wurde nie aufgefunden, da er mit Haut und Haaren von dem gierigen Leichnam verschlungen worden war. Der alten Frau Schürmann brach das Verschwinden ihres Hundes das Herz, sie rief und suchte am nächsten Morgen verzweifelt nach ihm, klopfte bei Nachbarn, befragte Passanten. Als sie am frühen Nachmittag an die Tür des hungrigen Herrn Breiteneggers klopfte und arglos in seinen unaufgeräumten Hausflur trat, fraß er auch sie.
Seine Seele hatte die Nacht in einem Nahe gelegenen Schafstall verbracht. Der Geruch von sonnengetrocknetem Stroh und würzigem Heu hatte sie in die Scheune eines Bauernhofes gelockt, wo sie Stunden im Duft der Halme badete. Das beruhigende Blöken der Schafe führte sie schließlich in den angrenzenden Schafstall. Die sensiblen Tiere reagierten Neugierig auf ihr erscheinen, verstanden nach einer kurzen Schnupperprobe die friedliche Heiterkeit ihrer Gesinnung. Geborgen in der angenehmen Wärme des Stalles, eingebettet in die entspannende Geräuschkulisse der wiederkäuenden Schafe, ruhte sich die Seele von den Eindrücken auf der Kuhwiese aus. Am frühen Morgen schenkte sie einem Spatzenkind ein zweites Leben, das aus seinem runden Nest gefallen war. Der kleine Vogel war noch nicht zum Ästling herangereift und lag schutzlos zwischen den umherwandernden Schafen im Stroh. Herrn Breiteneggers Seele mochte seinen Tod nicht mitansehen und so hob sie ihn vorsichtig vom Boden auf und verbrachte ihn zurück zu seinen Geschwistern, in das weich gepolstertes Nest unter dem Fenster. Der kleine Vogel wunderte sich nicht darüber, dass er von unsichtbaren Händen ergriffen und durch die Luft getragen wurde. Nur ein vorwitziges Märzlamm warf ihm einen skeptischen Blick aus horizontalen Augenschlitzen hinterher. Herrn Breiteneggers Seele wartete auf die Rückkehr der Spatzeneltern, beobachtete zufrieden, wie die Küken mit Insekten und Raupen gestopft wurden. Die Seele versank in sentimentalen Gedanken über den immerwährenden Kreislauf des Lebens und wäre noch viele Stunden geblieben, hätte sie nicht die Ankunft der verschlafenen Bäuerin gestört, die zur morgendlichen Fütterung den Stall betrat. Leon Breiteneggers Seele beschloss den Stall zu verlassen und sich erneut mit der Butterblume auf der Kuhwiese auseinanderzusetzen. Sie wurde jedoch vom Ruf eines Kuckucks abgelenkt und wanderte stattdessen zum Rand eines kleinen Schwarzerlenwäldchens, das am Überlaufweiher des Dorfes wuchs. Gebannt lauschte sie dem unscheinbaren Vogel, der in einer abgestorbenen Eiche saß und nach einem Weibchen rief. Die Stunden vergingen, der Kuckuck war lange fortgeflogen, doch die Seele verblieb am idyllischen Weiher. Während die Sonne immer höher stieg, beobachtete sie fasziniert die akrobatischen Flugkünste der Uferschwalben, die über dem Wasser nach Insekten jagten. Sie begleitete eine Schnatterente auf ihrer Futtersuche, saß lange unter einem blühenden Ilex, der inmitten der Schwarzerlen wucherte und hörte den unzähligen Bienen und Hummeln zu, die von seiner duftenden Blütenpracht angezogen wurden. Als sich Leon Breiteneggers Seele nach einem erfüllten Tag am schilfüberwucherten Ufer des Weihers schlafen legte, hatte ihr ruheloser Körper bereits eine weitere Nachbarin verschlungen, die auf der Suche nach Frau Schürmann an der falschen Haustüre geklopft hatte.
Das Verschwinden von Amalia Schürmann war oberstes Gesprächsthema, wenn man an diesem Tag im Dorf aufeinandertraf. Man wurde nicht müde, nach wenigen Sätzen der Anteilnahme und Fassungslosigkeit zu versichern, dass es sich bei dem Verbrecher nur um einen Auswärtigen, einen Zugewanderten und Eingereisten handeln könne. In kleine Grüppchen standen die Leute beieinander und tauschten Gerüchte aus. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass auch die gute Mutter Bergheim abhanden gekommen war. An diesem Abend wurden Türen und Fenster fest verschlossen, die Jalousien knallend heruntergelassen und Hunde schliefen im Haus. Trotz alledem gelang es dem toten Herrn Breitenegger, in der Nacht einen Jugendlichen zu ermorden, der unbedarft mit dem Fahrrad über die dunkle Landstraße nach Hause fuhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Untote bereits aufgegeben, sich vor sich selbst für seinen unstillbaren Hunger zu rechtfertigen. Nach dem Mord an Frau Schürmann und der mühevollen Beseitigung all der unschönen Details, war er unschlüssig im Wohnzimmer auf und ab gestapft, hatte den Fernsehapparat an und wieder abgeschaltet und verworrene Selbstgespräche geführt. Als dann die besorgte Mutter Bergheim um Einlass bat, um sich nach Amalie Schürmann zu erkundigen, beherrschte er seinen bestialischen Blutdurst und führte sie in die unaufgeräumte Küche, die im hinteren Teil des Hauses lag. Die Nachbarin lehnte den angebotenen Kaffee dankend ab und fragte höflich, wann Herr Breitenegger zuletzt Frau Schürmann gesehen habe, die auf der Suche nach ihrem senilen Dackel verschollen sei. Lautes Magenknurren beantwortete ihre Frage und ehe sie es sich versah, schlug Herr Breitenegger gelbe Zähne in ihren fleischigen Hals. Kurz war der Kampf, in einer hellen Fontäne schoss das Blut und Herr Breitenegger gönnte sich eine zweite Tasse Kaffee zu den dampfenden Eingeweiden der ehrenwerten Mutter Bergheim, die er genüsslich verschlang. Doch je mehr er fraß, desto hungriger schien er zu werden, es war, als hätte sich in seinem Magen ein Loch aufgetan, das er nicht füllen konnte. Sein Bauch war aufgequollen und dick, sein Darm hatte die Tätigkeit eingestellt und so füllte sich jeder Zentimeter in seinem Körper mit den Leichenteilen, die er verschlang.
Es dauerte lange, die Spuren der schändlichen Mordtat zu beseitigen. Zu groß war das angerichtete Gemetzel, zu ungelenk der vollgestopfte Herr Breitenegger, der bei jeder Bewegung einen immensen Druck in sich spannen fühlte. Den Putzlappen von sich werfend, rannte er auf die Toilette und erbrach nach und nach Mutter Bergheim, Amalie Schürmann und den armen Dackel in die weiße Keramikschüssel. Kaum war der widerwärtige Prozess überstanden, knurrte sein Magen wieder fordernd. Und so kam es, dass in der Nacht jener junge Mann auf der Landstraße sein Leben lassen musste, um die unstillbare Fressgier des Verstorbenen zu besänftigen.
Kalter Bodennebel umschmeichelte die Landschaft, als seine Seele am nächsten Morgen am Ufer des Weihers erwachte und verzückt dem frühen Lied einer Mönchsgrasmücke lauschte. Mit einem Gefühl großer Demut beobachtete sie das aufsteigende Sonnenlicht, das langsam den feinen Nebel auflöste, der über Wald und Wiesen lag und in hunderten Facetten durch das Schilf schimmerte. Leon Breiteneggers Seele ließ sich in das kühle Wasser des Weihers gleiten und erlaubte sich, in seinen sanften Wellen den Zusammenhalt zu verlieren. Ihr Leichnam hatte die Stunden nach dem letzten, heimtückischen Mord mit schweren Gewissenskonflikten verbracht. Blutüberströmt war er zurück in sein Haus geschlichen. Wieder musste er sich erbrechen, um den abscheulichen Fraß der Nacht loszuwerden. Wieder knurrte sein Magen fordernd, obwohl seine Eingeweide bereits begannen, sich zu zersetzen. Blass war er, der wandelnde Tote, dunkle Venen schimmerten unter seiner Haut und die Augen starrten milchig trübe. Der Körper verfiel und trotzdem war es ihm nicht möglich, sich zur Ruhe zu legen. Nervös wanderte er durch das einsame Haus, beseitigte im einen Moment dunkle Blutflecken von den Küchenmöbeln, reinigte im nächsten das verdreckte Badezimmer und schrubbte nacheinander die Böden in allen Räumen. Er hielt erst inne, als sich die Haut von seinen Fingern zu lösen begann. Dann versuchte er zu weinen, saß auf dem feuchten Linoleumboden und strengte sich an, aber es wollte nur Hunger aus ihm heraus, für mehr war in seinem verrottenden Inneren kein Platz. Also machte er sich wieder auf, wanderte rastlos durch die Zimmer. Überlegte, ob und wie er seinen unerträglichen Appetit befriedigen könnte. Zwei Polizisten, die ihn am Vormittag zu den Vorkommnissen im Dorf befragen wollten, erleichterten den Entscheidungsprozess. Unter dem Vorwand einer schweren Krankheit, die man aufgrund seines schrecklichen Erscheinungsbildes getrost glaubte, lotste er die Beamten ins Wohnzimmer, wo er sich nach einem kurzen, gewalttätigen Kampf an ihren Organen labte. Er verschlang ihre saftigen Innereien so gierig, dass er selbst Teile der Polizeiuniformen fraß und erbrach dann direkt an Ort und Stelle. Angewidert von sich selbst wankte der tote Leon Breitenegger aus dem Schlachthaus, in das er sein Wohnzimmer verwandelt hatte. Er zog sich aus, schlurfte unter die Dusche und ließ heißes Wasser über seinen verwesenden Körper laufen, ohne es zu fühlen. Frustriert schlug er eine gemusterte Fliese entzwei, dann erbrach er dicke Fleischbrocken in die Duschwanne. Bleich und aufgedunsen stand er unter den heißen Wasserstrahlen und brüllte seinen Zorn durch das leere Haus. Ohne sich um ein Handtuch zu kümmern, verließ der das dampfgeschwängerte Badezimmer, stampfte nackt durch den Flur und riss die Haustür auf. Herr Breitenegger war bereit sich den Behörden zu stellen, um seinen Qualen ein Ende zu bereiten, doch er kam nicht weit. Schon nach wenigen Metern zog ihn der Gesang einer jungen Hausfrau magisch an, die bei geöffnetem Fenster in ihrer Küche stand und Apfelmus kochte. In wenigen Augenblicken war der gefräßige Tote in die Küche eingedrungen und über sie hergefallen. Ihre panischen Schmerzensschreie riefen einen Passanten von der Straße herbei, der noch ratlos im Vorgarten stand und zögerlich überlegte die Polizei zu verständigen, als ein nackter, blutverschmierter Wahnsinniger seinen Überlegungen ein jähes Ende bereitete. Viel zu spät erkannte Leon Breitenegger in dem zerfetzten Passanten seinen Jugendfreund Wilhelm, dem er in enger Zuneigung verbunden war. Doch es blieb ihm keine Zeit den ungeheuerlichen Verlust zu betrauern, denn schon riss ihn der gellende Schrei einer Fußgängerin aus der Erstarrung. Die Frau wies mit zitternder Hand auf das grausame Blutbad, das sich ihren weit aufgerissenen Augen in dem akkurat gepflegten Vorgarten darbot und brüllte ihr Entsetzen in die Welt hinaus. Nicht lange, denn der geifernde Untote hatte sie in wenigen Sekunden erreicht und ihre Kehle zerrissen. Nun strömten aus dem ganzen Dorf Menschen herbei um zu helfen, zu gaffen oder zumindest dabei zu sein. Wobei, das wussten sie nicht, aber sie fanden es schneller heraus als ihnen lieb war, denn Herr Breitenegger richtete unter ihnen ein schreckliches Gemetzel an. Menschen flohen kreischend, Kinder weinten, Väter flehten, ihm war es egal. Bis zum bersten angefüllt mit Menschenfleisch und doch rasend vor Hunger schob er mordend dem Marktplatz entgegen. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene bremste mit quietschenden Reifen, stellte sich quer über die Hauptstraße und spie zwei uniformierte Beamte aus, die sich ihm tapfer in den Weg stellten. Sie wurden gnadenlos von der heranwalzenden Bestie verschlungen.
Im stillen Überlaufweiher regten sich gemächliche Gedanken, flüsterten im tiefen Schlick des seichten Gewässers, erzählten den mächtigen Welsen, die den Untergrund durchpflügten, vom alten Birnbaum im Garten und von Herrn Breiteneggers gemütlichem Zuhause. Langsam fügte sich seine Seele am Grund des Weihers wieder zusammen, fand sich in den Wurzeln der Schilfpflanzen, regte sich unter Kieselsteinen und versunkenen Baumstämmen. Schließlich stieg sie ans Ufer und wandte sich mit einem leisen Seufzen dem Dorfe zu. Herrn Breiteneggers Seele ging nach Hause.
Auf dem Marktplatz war ihr Körper von mehreren Polizeiwagen umzingelt. Die herbeigerufenen Polizisten hatte sich hinter ihren Einsatzfahrzeugen verschanzt und schossen verzweifelt in die gewaltige Brust des deformierten Ungetümes, das brüllend über das Kopfsteinpflaster taumelte und nicht sterben mochte. Von unzähligen Schüssen in den Wanst getroffen, stand der Untote zwischen den Wagen, schwankte vor und zurück und brüllte zornig. Leon Breiteneggers Körper fraß die Kugeln, wie er selbst die Menschen. Kein Treffer vermochte es, ihn zu Fall zu bringen. Wutschäumend wandte er sich den Polizisten zu, brüllte wie ein verwundetes Tier und fletschte die Zähne. Verstört beobachtete seine Seele, wie er erst eine junge Polizistin und kurz darauf deren ältere Kollegen zerfleischte. Herrn Breiteneggers Seele war nicht nach Hause gegangen, sie hatte sich von den entsetzten Hilfeschreien ins Dorf leiten lassen und was sie dort mitansehen musste, machte sie Fassungslos. Schreckensstarr sah sie ihrem Körper dabei zu, wie er sich durch die Polizisten metzelte. Als der sich erneut einer Gruppe zuwandte und unaufhaltsam in ihre Richtung walzte, stürzte sie mit einem gramerfüllten Aufschrei auf ihn zu. Leon Breiteneggers Seele versuchte zurück in ihren toten Körper zu gelangen, um ihm Einhalt zu gebieten. Aber es wollte ihr nicht gelingen, sie prallte nutzlos an seinem aufgequollenen Leib ab und stürzte auf das harte Kopfsteinpflaster. Der Untote schüttelte sich kurz und setzte dann unerbittlich seinen Weg fort. Schüsse peitschten durch die Luft, Menschen schrien um Hilfe, die Seele lag auf dem Boden und heulte. In ihrem Entsetzen wandte sie sich einem jungen Beamten zu, der mit aschfahlem Gesicht hinter einer steinernen Parkbank kauerte und drang rücksichtslos in seinen Körper ein. Die überrumpelte Seele des Polizisten floh widerstandslos aus seinem zuckenden Körper, Leon Breitenegger übernahm augenblicklich die Führung. Vorsichtig kroch der junge Polizist hinter der Parkbank hervor und zog seine Pistole. Er verursachte kaum einen Laut, schlich sich langsam im Rücken des Ungetümes heran, das würgend und schlingend über einem Sterbenden hing. Keine fünf Meter war er noch entfernt, als der wandelnde Tote ihn schnüffelnd zur Kenntnis nahm. Leon Breiteneggers Körper wandte den Kopf mit krausgezogener Nase nach dem zitternden Mann um, der hinter ihm stand und seine Waffe mit schweißnassen Händen umklammerte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Leon Breiteneggers Seele in die blutüberströmte Fratze ihres früheren Gesichts, suchte in den verzerrten, verwesenden Konturen nach altvertrauten Ähnlichkeiten. Der Untote sah vor sich nur ein weiteres Stück verlockenden Fleisches und kroch mit gefletschten Zähnen auf den starrenden Polizisten zu. Die Seele riss sich von den sentimentalen Gefühlen los, die beim Anblick ihres deformierten Körpers über sie hereingebrochen waren und konzentrierte sich darauf, das Zittern in ihren neuen Händen zu unterdrücken. Sie zielte konzentriert und schoss dreimal hintereinander in das widerwärtige Antlitz ihres früheren Körpers. Der gewaltige Fleischberg erzitterte und brach würgend zusammen. Leon Breiteneggers Seele schoss zwei weitere Kugeln in seinen zerfetzten Schädel, zerstörte das untote Gehirn, das die mordgierige Bestie gesteuert hatte. Der Körper bäumte sich ein letztes Mal gurgelnd auf, erbrach einen gewaltigen Blutschwall und lag still. Erschöpft fiel der junge Mann auf die Knie, hockte zitternd in der breiige Masse aus Blut und Erbrochenem. Tränen flossen über sein Gesicht. Lange Minuten vergingen, in denen er vor seinem alten Körper im Dreck kauerte und bitterlich weinte. Das misstönende Wimmern herannahender Sirenen riss ihn aus seiner Trauer. Schwerfällig erhob sich Leon Breitenegger im Körper des jungen Polizisten und wandte sich suchend nach dessen Seele um, er war bereit, den unschuldigen Leib zu verlassen und sich wieder den stillen Wassern des Weihers zu übergeben. Schließlich fand er die Seele, wie sie mit verzücktem Lächeln unter den wogenden Ästen der Blutbuche stand und stauend die purpurroten Blätter betrachtete. Herr Breitenegger trat vorsichtig näher an die phantomhafte Gestalt heran, die nur als zartes Flimmern in der Luft auszumachen war. Er hüstelte leise, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Seele des Polizisten fuhr erschrocken herum und wich beim Anblick ihres Körpers zurück. Leon Breitenegger zwang sich zu einem Lächeln und breitete einladend die Arme aus. Die Seele sah auf seine besudelte Uniform, sah die Waffe in seiner blutigen Hand, sah das Flackern in seinen aufgerissenen Augen und floh. Ratlos blieb Herr Breitenegger im Schatten des rauschenden Baumes stehen und sah mit schmerzverzerrter Mine den Streifenwagen entgegen, die über die Hauptstraße auf den Marktplatz zuschossen. Er blickte auf das ungeheuerliche Gemetzel, das sein alter Körper angerichtet hatte, schaute auf die vielen Toten, die verstümmelt in den Straßen lagen und zwang sich zu einer Entscheidung. Er ging zurück zu der abscheulichen Hülle, die einst sein Zuhause gewesen war, starrte traurig auf die zerfetzten Überreste hinab. Die eintreffenden Polizisten mussten hilflos mitansehen, wie sich ihr junger Kollege in den Kopf schoss und tot neben einem aufgequollenen, nackten Leichnam zusammenbrach. Leon Breiteneggers Seele blieb im sterbenden Körper des jungen Polizisten, sank mit ihm zusammen in die tiefe Umarmung des Todes und fühlte nur großes Bedauern, als sie aufhörte zu existieren.

© sybille lengauer

(Ich muss mich entschuldigen, dieser Text ist zum Teil in Kursiv geschrieben. Der HTML-Textblock von WordPress kann das nicht umsetzen, bzw. es würde ewige Handarbeit erfordern, es einzupflegen. Der Visuell-Block kann zwar Kursiv anzeigen, reißt dafür aber die Gespräche, die am Anfag eines jeden Absatzes stehen, hässlich auseinander. Um es mit den Worten von Hermine Granger zu sagen: „Sieht nicht schön aus!“ Zwecks Lesbarkeit habe ich mich jetzt für den Visuell-Block entschieden, damit sind die Zeilen in Kursiv zumindest vorhanden und man versteht leichter die Sprünge in den Dimensionen. Tchuligom, ich bin ein Technik-Depp. Es grüßt, die Autorin)

Moin.“

Moin.“

Alles klar?“

Klar.“

Man hat sich nicht viel zu sagen an diesem kalten Morgen im Februar. Rauchend steht eine kleine Gruppe von Frauen im Windschatten eines altehrwürdigen Landgasthauses. Füße werden gescharrt, Hände gerieben, Nasen geschnäuzt. Alle husten, aber so ist das eben bei dieser verdammten Kälte. Während das erste Morgenrot vom anbrechenden Tag erzählt, betreten die Küchenkräfte einen modernen Anbau, der sich hinter dem ausladenden Hauptgebäude verbirgt und schnaufen die steile Treppe zum Umkleideraum hinauf. Jacken werden aufgehängt, Straßenschuhe gegen Küchencrocs getauscht. Eine studentische Aushilfe präsentiert bei dieser Gelegenheit stolz ihr erstes Tattoo, das, sorgsam unter durchsichtiger Folie verpackt, ihre schlanke Wade ziert. Es wird mäßig interessiert zur Kenntnis genommen. „Tut das nicht weh?“ fragt eine ältere Küchenhilfe. „Natürlich tut das weh.“ beantwortet eine Spülfrau die ewige Schmerzfrage und nickt der jungen Aushilfe wissend zu. Die zuckt nur mit den Schultern und lässt die Tätowierung unter ihrer weiten Stoffhose verschwinden. Manuela zieht die Bänder ihrer gelben Küchenschürze eng um die schmale Taille, bindet einen einfachen Knoten mit Schleife. „Es ist die Kopie einer uralten Tätowierung, die man an einer zweitausendfünfhundert Jahre alten Mumie gefunden hat.“ erklärt sie in etwas überheblichem Tonfall. Die laue Reaktion ihrer Kolleginnen hat sie enttäuscht. „Du hast dir eine uralte Mumie tätowieren lassen?“ versteht sie eine der Frauen absichtlich falsch. Die anderen lachen. „Genau, Adele. Ich habe mir eine uralte Mumie tätowieren lassen.“ antwortet Manuela. Sie rollt genervt mit den Augen und verlässt beleidigt den Umkleideraum. Das Spötteln der Kolleginnen folgt ihr die Treppe hinunter. Der Vormittag vergeht ereignislos. Waren und Getränke werden angeliefert, Beilagen und Salate vorbereitet. Manuela erledigt schweigsam die anfallenden Aufgaben und ignoriert die anzüglichen Mumien-Witze, die nun in der Küche kursieren. Ihre Pause verbringt sie demonstrativ mit dem zynischen Oberkellner, der sonst immer alleine raucht. Als ihre Schicht endet, verlässt sie die geschäftige Küche ohne sich zu verabschieden. Im Umkleideraum knüllt sie Kittel und Schürze achtlos in ihren Korb, tritt die Küchenschuhe in eine Ecke und schlüpft fluchend in ihre übergroße Daunenjacke.

Hey, Baby!“

Hey.“

Na?“

Na.“

Manuela nickt ihrem Freund zu, der gemütlich am niedrigen Wohnzimmertisch sitzt und einen Joint baut. Sie erwidert sein Lächeln nicht. Abgespannt und mit düsterem Blick steht sie im Türrahmen und gibt sich maulfaul. „Harter Tag, was?“ fragt Erik und krümelt Tabak aus einer Zigarette. „Ach, alles Idioten.“ Manuela schlurft mit hängenden Schultern ins Schlafzimmer, stellt ihren Korb auf den vollgehängten Wäscheständer, wirft Kittel und Schürze in den überquellenden Wäschekorb. Dann geht sie zurück ins Wohnzimmer und lässt sich ächzend auf die breite Couch fallen. „Die haben nur dämliche Witze gemacht.“ grummelt Manuela, während sie die Hose hochkrempelt und Folie von ihrer Tätowierung löst. Ein katzenartiges Wesen mit auffallend großen Ohren, hellen Flecken im nachtschwarzen Fell und einem langen, getüpfelten Schwanz schmiegt sich Rücken an Rücken an einen Widder, der seine Hinterläufe hoch in die Luft wirft, den geschwungenen Hals in einen unsichtbaren Himmel reckt und sein Maul weit aufreißt. Dunkle Blüten verzieren das Motiv der tanzenden Gewalten. „Witze?“ fragt Erik mit tränenden Augen und reicht den qualmenden Joint über den Couchtisch. „Wegen dem Tattoo.“ erklärt Manuela mit dunkler Stimme und raucht. „Des.“ verbessert Erik hustend. „Was?“ fragt Manuela gereizt, während sie die Luft anhält. „Wegen des Tattoos.“ Erik nimmt den Joint wieder entgegen. „Du mich auch.“ versetzt Manuela und hustet herzhaft. Erik inhaliert genüsslich und starrt versonnen an die Zimmerdecke. „Ich finde dein neues Tattoo ganz außergewöhnlich.“ bekennt er der Deckenlampe. „Ach, findest du?“ fragt Manuela mit belegter Stimme. „Geradezu anbetungswürdig.“ säuselt Erik, der sie ansieht und sich die Andeutung eines Grinsens erlaubt. „Ach ja?“ Manuelas Augen werden glasig, die entspannende Wirkung der Droge glättet ihre Verstimmung. „Na dann bete mal, du kleiner Glaubenskrieger.“ Sie zeigt ein schmales Lächeln und reckt das Bein über den Tisch. Erik greift nach ihrem Knöchel, haucht Küsse in Richtung Wade. „Ich bete dich an, oh göttliches Tierwesen, dessen geheiligte Linien die Haut dieser elenden Ungläubigen zieren…“ „Hey!“ ruft Manuela dazwischen. „…deren Füße zu küssen ich nicht würdig bin.“ fährt Erik mit einem schiefen Lächeln fort. Rauch quillt aus seinen Nasenlöchern. Manuela lacht herzlich. „Ich bringe dir, oh Lichtgestalt, dieses bescheidene Brandopfer dar, und alle, die noch folgen mögen.“ Mit ernstem Gesicht nimmt Erik einen tiefen Zug vom Joint und bläst eine dicke Rauchschwade über Manuelas Bein. Irgendwo tief, tief unten in den verborgenen Schichten der Erde, öffnet eine ruhende Gottheit ihre goldenen Augen. „Hör auf, bist du bescheuert?“ ruft Manuela lachend und zieht das Bein zurück. „Du hast echt einen Knall.“ stellt sie amüsiert fest. „Ich liebe dich.“ sagt Erik nur und reicht ihr den Joint. Die Zeit dümpelt im warmen Wohnzimmer dahin, der Abend versandet zur Nacht. Erik und Manuela liegen sich auf der breiten Couch gegenüber, Erik streichelt geistesabwesend Manuelas Füße, während die nur mit halb geschlossenen Augen auf den flimmernden Fernseher starrt. Kurz bevor sie einschläft, gibt Erik ihr einen sanften Schubs. „Geh ins Bettchen.“ sagt er sanft. „Krzfz.“ murmelt Manuela. „Scha-hatz.“ brummt Erik und rüttelt liebevoll an ihrem großen Zeh. „Ichgehjaschon.“ nuschelt sie, dreht sich um und schläft ein. Seufzend schält sich Erik von der Couch, er stellt den riesigen Fernseher aus und trottet alleine ins Schlafzimmer. Manuela schnarcht leise. Ihre Augenlider zucken, während der Körper tiefer in den Schlaf gleitet. „Hallo? Ist da jemand!“ Manuela steht inmitten einer ausgedehnten Graslandschaft und spürt, wie ein scharfer Windstoß ihre Worte in der Luft zerreißt. Der Himmel über ihrem Kopf ist tiefschwarz, nicht ein Stern zeigt sich in der Finsternis. In weiter Ferne recken sich die schneebedeckten Gipfel eines Gebirges aus der dunklen Ebene. Manuela fröstelt. „Hallo!“ ruft sie wieder und läuft in langen Schritten auf die schimmernden Berge zu. Ihre Füße rascheln geräuschvoll durch die trockenen Halme. Zu ihrer Linken fliegt plötzlich eine Großtrappe auf. Die Flügelspitzen des mächtigen Vogels sprühen Funken und setzen das wogende Grasland in Brand. Manuela schwebt über dem rasenden Feuer, betrachtet das lodernde Inferno aus großer Höhe. Fragt sich nicht, wie sie den Boden verlassen hat. Traumsicher gleitet sie über der Szenerie, wendet sich erneut den Bergen zu. „Ist da jemand!“ ruft sie wieder und wird von einem scharfen Windstoß in der Luft zerrissen.

Hey.“

Hey.“

Manuela sitzt zusammengekauert im Bus, nickt einem bekannten Gesicht zu und starrt dann wieder auf das Display ihres Handys. Sie verspürt kein Bedürfnis nach Smalltalk. Die Nacht war kurz, die Träume waren schlecht, die Uni beginnt viel zu früh. Der Bus befördert Schüler und Studenten aus dem Dorf in die nahe gelegene Kleinstadt, speit seine jugendliche Ladung am Bahnhof aus. Manuela schlurft zum schäbigen Bahnsteig, achtet dabei nicht auf die Menschen, die mit ihr strömen. Mit gesenktem Kopf betritt sie die wartende Bahn und blickt nur auf, um einen Sitzplatz zu suchen. Es gibt keinen. Manuela schnaubt frustriert. Eine ältere Dame, die neben ihr steht, nickt wissend. „Uns lassen die hier stehen,“ sagt sie, sieht Manuela dabei mürrisch ins Gesicht „aber den Ausländern, denen schieben sie es hinten rein.“ Manuela wendet genervt den Blick ab. Tut, als würde sie die Frau nicht hören. „Das wird man ja noch sagen dürfen.“ beschwert sich die alte Dame und schwankt heftig, als sich der Zug in Bewegung setzt. Ihre giftigen Worte verebben im Sog der Geräusche, die den Großraumwaggon erfüllen. Ein Handy klingelt unmelodiös. Ein Mann in mittleren Jahren beginnt ein zorniges Streitgespräch mit seiner Frau. Studenten plappern über die Uni, den Teilzeitjob, das Zuhause. Irgendwo jammert ein kleines Kind. Manuela reibt sich gereizt die Schläfen. Am Zielbahnhof verlässt sie erleichtert den stickigen Zug. In wenigen Minuten hat sie den nahe gelegenen Campus erreicht. Sie weicht den anderen Kommilitonen aus, bringt die Strecke hinter sich, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. An der Universität kommentiert nur der Professor für französische Geschichte ihre dunklen Augenringe mit einer spöttischen Bemerkung, sonst wird sie von niemandem zur Kenntnis genommen. Desinteressiert folgt Manuela den Kursen, die an diesem Tag auf ihrem Programm stehen. Sie arbeitet nicht mit, schreibt nichts auf, spricht nicht mit den anderen Studenten. Mittags entscheidet sie, die restlichen Kurse auszulassen und nach Hause zu fahren. Manuela friert und schwitzt gleichzeitig, fühlt sich ausgelaugt, erschöpft und leidet unter Kopfschmerzen. Nach einer eintönigen Zugfahrt zurück in die Kleinstadt wartet sie ergeben im gläsernen Bushäuschen auf den Anschlussbus. Erfolglos zittert sie gegen den eiskalten Februarwind an. Das letzte Stück des Weges verschläft sie im überheizten Bus, träumt fragmentarisch von züngelnden Flammen und schimmernden Bergketten, die lautlos nach ihr rufen. Der Busfahrer hupt Manuela an ihrer Haltestelle wach. Man kennt sich. Manuela dankt mit einem Nicken und fällt beim Aussteigen fast aus dem Bus. Zuhause angekommen lässt sie sofort heißes Wasser in die Badewanne laufen. Sie zieht sich mit klappernden Zähnen aus, wirft ihre Kleidung achtlos auf den schwarz-weißen Fliesenboden und klettert umständlich in die dampfende Badewanne. Das tätowierte Bein lässt sie gewissenhaft vom Rand der Wanne baumeln, um das Tattoo nicht nass zu machen. Als die wohlige Hitze des Bades ihren schlotternden Körper durchflutet, pinkelt sie mit einem behaglichen Seufzen ins Wasser.

Hey, Baby!“

Hey.“

Na?“

Na.“

Manuela liegt auf der breiten Wohnzimmercouch, hat sich unter zwei kuscheligen Decken vergraben. Im Fernsehen läuft ein alter Western, der Ton ist sehr leise eingestellt. Erik durchquert mit raschen Schritten den stickigen Raum und küsst sanft Manuelas glänzende Stirn. „Du glühst ja förmlich.“ sagt er erschrocken und macht ein ernstes Gesicht. „Krank.“ krächzt Manuela. „Das sehe ich.“ Erik verlässt das Wohnzimmer und rumort in der Küche. Nach wenigen Minuten kehrt er mit einer Tasse Tee zurück. „Danke.“ Manuela nimmt die Tasse entgegen und pustet. Erik setzt sich an den Rand der Couch, holt eine metallene Schatulle unter dem Tisch hervor und beginnt methodisch, einen Joint zu bauen. „War fürchterlich heute.“ flüstert Manuela und Erik nickt wissend. „Bei mir auch.“ seufzt er und dreht einen Filter zwischen seinen Fingern rund. „Die 6B ist ein Alptraum.“ setzt er düster hinzu. „Ist nicht mehr lange.“ tröstet Manuela. „Ferien helfen da auch nicht.“ Erik krümelt Tabak aus einer Zigarette, vermischt diesen mit Gras und streut das Gemisch auf ein langes Blättchen. Sorgsam legt der den Filter dazu, dann rollt er das Papier ein, benetzt den Klebestreifen mit der Zunge, dreht die Spitze des Blättchens zu, schüttelt. „Alles scheiße.“ kommentiert er die allgemeine Situation. Er brennt den Joint an, raucht, atmet tief ein und schließt kurz die Augen. „Schon etwas besser.“ sagt er und bläst eine Rauchwolke aus. „Will auch.“ lässt sich Manuela aus ihrer Deckenburg vernehmen. Erik reicht die Tüte weiter. In den tiefen Eingeweiden der Erde regt sich die goldäugige Gottheit. Das Wesen streckt seine erwachenden Sinne hinauf bis an die Oberfläche der Welt, tastet suchend nach den Menschen, die das Brandopfer darbringen. Unsichtbare Augen beobachten das seltsame Pärchen, das matt auf der Wohnzimmercouch lümmelt und raucht. Die Gottheit lauscht. „Ich möchte die Klasse abgeben.“ sagt Erik gerade. „Geht das?“ fragt Manuela hustend und reicht den Joint zurück. „Hm.“ macht Erik nur. Er raucht und starrt auf den Fernseher. Clint Eastwood stapft mit finsterer Mine durchs Bild, aber Erik hat keine Augen für den Helden des Western. „Ich hätte Tischler werden sollen.“ sagt er resigniert. „Dafür bist du zu ungeschickt.“ versetzt Manuela bissig. „Pass schön auf, du junges Gemüse.“ knurrt Erik. „Alter Sack.“ ätzt Manuela. Beide grinsen. Der Joint geht zu Ende, der Western hört auf, die Guten gewinnen. Erik bringt Manuela ins Bett, cremt fürsorglich ihr neues Tattoo ein, deckt liebevoll ihren zitternden Körper vom Hals bis zu den Zehenspitzen zu und wünscht eine gute Nacht. Warm und watteweich verpackt, fällt Manuela schnell in einen unruhigen Schlaf. Die weite Ebene steht in Flammen, brennt lichterloh bis zum Horizont. Körperlos schwebt Manuela über dem Meer aus Feuer, wendet ihren Blick den Bergen zu, die in der Ferne schimmern. Eine tiefe Sehnsucht zieht an ihrer Seele. Manuela träumt sich zum Albatros. Sie atmet beißenden Rauch, der in dicken Säulen aufsteigt, fühlt sengende Hitze, die ihren gewaltigen Flügeln Aufschwung verleiht. Im Lidschlag eines Augenblicks denkt sie sich zu den schneebedeckten Gipfeln, gleitet majestätisch über den glitzernden Schneefeldern. Manuela träumt sich zum Steinadler. Sie landet auf einem kahlen Felsen und starrt mit dunklen Augen angespannt in den sternlosen Himmel. Goldglänzende Augen starren aus der endlosen Schwärze zurück. Der Adler sträubt erschrocken das Nackengefieder, wird zu einer kleinen Rötelmaus. Manuela springt hektisch vom Felsen und versteckt sich in einer schmalen Ritze zwischen den Steinen. Die Angst lässt ihr winziges Mäuseherz rasen. Die goldenen Augen folgen ihr in die Dunkelheit des Verstecks. Starren. Manuela der Schneehase schießt mit aufgerissenem Maul zwischen den Steinen hervor und rast, wilde Haken schlagend, über das Schneefeld davon. Die goldenen Augen sehen ihr teilnahmslos hinterher und schließen sich langsam.

Guten Morgen, Baby.“

Meh.“

Wie geht es dir?“

Furchtbar.“

Erik beugt sich über das Bett und befühlt vorsichtig Manuelas heiße Stirn. Er schüttelt den Kopf und setzt ein strenges Gesicht auf. „Du bleibst heute schön Zuhause.“ verkündet er mit tiefer Pädagogenstimme. „Jawohl, Herr Doktor.“ antwortet Manuela und winkt schwach mit der Hand. Erik hilft ihr aufzustehen, führt sie sanft ins Wohnzimmer. Er bringt Tee und eine Wärmflasche an die Couch, stellt Manuelas Laptop auf den niedrigen Tisch und legt die Fernbedienung in Reichweite. „Fehlt noch etwas?“ fragt er und sieht sich dabei suchend im Wohnzimmer um. „Ich könnte ein wenig Entspannung vertragen.“ brummt Manuela, die wieder unter zwei kuschelige Decken gekrochen ist. „Natürlich.“ Erik holt seine Schatulle hervor und dreht geschickt zwei formschöne Joints, die er neben den Aschenbecher legt. Dann steht er mit einem bedauernden Seufzen auf und geht ins Badezimmer. Manuela zappt missmutig durch die unzähligen Fernsehprogramme, lauscht dabei auf die Geräusche, die Erik beim Duschen verursacht. Sie hat nur eine diffuse Erinnerung an den Traum der letzten Nacht, erinnert sich vage an das Gefühl des Fliegens und den Geruch von Todesangst im kalten Schnee. Manuela verdrängt den unangenehmen Gedanken. Sie verzieht das Gesicht, als der frisch geduschte, ordentlich frisierte und adrett gekleidete Erik ihr zum Abschied einen dicken Kuss auf die spröden Lippen drückt. „Ich werde dich noch anstecken.“ grummel sie ihm hinterher. „Dann kann ich auch auf der Couch bleiben.“ kontert Erik und geht. Manuela liegt schlapp auf der Couch, zappt lustlos durch die Programme, nippt Tee. Immer wieder wandert ihr Blick zu den beiden Joints, die neben dem Aschenbecher liegen. Zeit vergeht. „Ach, scheiß drauf.“ Manuela entscheidet sich für eine alberne Kindersendung, legt die Fernbedienung zur Seite und zündet einen Joint an. Sie raucht bedächtig, bläst dicke Rauchschwaden in die Luft und kommentiert gereizt die dümmliche Handlung der Sendung. Ein unangenehmer Schmerz fährt plötzlich durch ihre Wade. „Verdammt.“ Manuela legt den Joint in den Aschenbecher, krempelt die weite Jogginghose hoch und starrt mit gerunzelter Stirn auf die verschlungenen Linien, die ihr Bein verzieren. Die Tätowierung tanzt. Katze und Widder umwinden sich in einem verschlungenen Reigen, Blumen erblühen wie Tuschflecken auf ihrer blassen Haut. „Was zur Hölle?“ entfährt es Manuela, erschrocken lässt sie aufgestauten Rauch aus ihren Lungen entweichen. Goldene Augen öffnen sich überall im Wohnzimmer. „Scheiße!“ schreit Manuela und springt von der Couch hoch. Die Augen folgen ihrer Bewegung, schweben überall im Raum. Manuela hastet in den Flur, doch auch dort begegnen ihr goldene Blicke. „Was soll das?“ schreit sie entsetzt. „Was soll das.“ flüstert ein knisterndes Echo. Manuela erstarrt. „Hallo?“ fragt sie zaghaft. „Hallo.“ knistert das Echo. „Wer ist da?“ flüstert Manuela mit hoher Stimme. Sie schreit auf, als ihr ein heißer Windstoß ins Gesicht fährt. „Ich bin der Schatten im nächtlichen Dämmerwald, ich bin das Schimmern der wogenden See, ich bin der Atem, der über die Sanddünen hallt, ich bin das Lawinenlied, oben im Schnee.“ singt das Knistern. „Was?“ Manuela steht mit offenem Mund im Flur und glotzt. Die goldenen Augen streben einander zu, vereinen sich zu einer glänzenden Masse die wild pulsierend beginnt unterschiedliche Formen anzunehmen. Körper fließen ineinander, Hase, Widder, Steinbock, Kröte, Tiger, Rentier, Leopard, Schwalbe. Schließlich richtet sich die Form eines goldenen Mannes auf. „Wie?“ fragt Manuela fassungslos. Der gesichtslose Mensch breitet feierlich die Arme aus. „Es ist an der Zeit, meinen Namen zu nennen.“ knistert die Stimme und ein weiterer, glutheißer Windstoß fegt durch den Flur. „Wie bitte?“ Manuelas Knie zittern. „Nenne meinen Namen.“ fordert das Knistern. „Ich kenne deinen Namen nicht!“ flüstert Manuela entsetzt. „Du kennst ihn.“ flüstert die Stimme. Das goldene Wesen nimmt eine fordernde Haltung ein. „Oscar?“ quietscht Manuela und verflucht sich im selben Augenblick. „Oscar.“ knistert die Stimme befriedigt. Der Mann neigt den Kopf, faltet die klobigen Hände vor der Brust und verschwindet ins Nichts. Manuela steht allein im düsteren Flur und zittert heftig. „Ich rauche nie wieder.“ flüstert sie, dann läuft sie zur Toilette und übergibt sich.

Oscar?“

Hör auf zu lachen.“

Du hast ihn Oscar genannt?“

Hör endlich auf zu lachen.“

Erik krümmt sich. Tränen laufen über sein verzerrtes Gesicht. Manuela starrt ihn feindselig über den Couchtisch hinweg an. „Ich meine Brahma, Wotan, Voldemort, das sind starke Namen für eine Halluzination. Und du nennst ihn Oscar.“ Erik kichert. Manuela wirft mit einem Kissen nach ihm. „Du Arsch,“ faucht sie schwach, „ich hatte echt Panik.“ „Na, na.“ macht Erik. Er wirft das Kissen zurück und deutet mahnend auf den Joint in seiner Hand. „Geh mir weg mit dem Scheiß.“ schmollt Manuela. „Du musst ja nicht.“ besänftigt Erik. Er legt den Joint in den Aschenbecher und setzt sich zu ihr auf die Couch. Manuela sieht ihn finster an. „Du machst dich nur lustig über mich.“ sagt sie mit Tränen in den Augen. „Weil ich dich zum Lachen bringen möchte, Liebling.“ Seine Stimme ist weich und eindringlich. „Mir ist aber nicht nach Lachen.“ murrt Manuela. „Wer lacht kann keine Angst haben.“ erwidert Erik und lächelt aufmunternd. „Ha. Ha.“ macht Manuela. Erik nimmt sie tröstend in den Arm. „Da sind ein paar Synapsen in deinem Gehirn ein bisschen ausgeflippt und haben eine kleine Party veranstaltet. So what? War bestimmt das Fieber.“ versichert er gutmütig. „Bestimmt.“ murmelt Manuela und verkriecht sich in Eriks Umarmung. Die Wärme seines Körpers und der beruhigende Bass seiner Stimme geben ihr ein angenehmes Gefühl. „Ich rauche wirklich nie, nie wieder.“ Manuela versteckt ihren Kopf in Eriks Pullover. „Ist in Ordnung, Baby.“ versichert er und streichelt sanft über ihren Rücken. „Komm, wir sehen uns einen deiner bescheuerten Liebesfilme an.“ „Ich hasse Liebesfilme!“ Manuela windet sich in seiner Umarmung. „Dann eben Gewalt.“ brummt Erik. „Okay.“ antwortet es aus den Falten seines Pullovers. Beide schaffen es nicht, bis zum Ende des mäßigen Horrofilms wach zu bleiben. Es ist spät in der Nacht, der Fernseher läuft, wirft flimmernde Bilder über das schlafende Pärchen. Ein Talkshow-Moderator strahlt mit zahnpastaweißem Lächeln sein applaudierendes Publikum im Studio an. Seine goldenen Augen zwinkern schelmisch einem hübschen Mädchen in der ersten Reihe zu, das daraufhin in Flammen aufgeht. Der nächste Tag beginnt mit einem späten Frühstück im Wohnzimmer. Es ist Samstag Vormittag und Erik hat beim Bäcker um die Ecke belegte Brötchen gekauft. Manuela greift beherzt zu. Eine traumlose Nacht liegt hinter ihr, sie hat tief und fest geschlafen. „Dein Fieber scheint weg zu sein.“ stellt Erik fest. „Es geht mir schon viel besser.“ bestätigt Manuela mit vollem Mund. Gierig greift sie nach ihrer Tasse, schlürft genüsslich warmen Kaffee mit viel Milch. Erik lächelt und beißt zufrieden in sein Brötchen. Nach dem ausgiebigen Frühstück und einer belanglosen Plauderei wagt er einen Vorstoß. „Wollen wir uns dein Tattoo mal ansehen?“ fragt er mit weicher Stimme. „Meinetwegen.“ Manuela versucht ihre Nervosität zu verstecken, doch es gelingt ihr schlecht. Mit übertriebener Vorsicht krempelt sie das Bein der Jogginghose hoch, hält dabei unbewusst die Luft an und starrt gebannt auf das Tattoo. „Ist ganz normal.“ stellt Erik nach einer Weile fest. „Total normal.“ haucht Manuela erleichtert. Erik drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du mächtige Schamanin.“ flüstert er. „Du Arschloch.“ erwidert Manuela liebevoll. Der Vormittag plätschert dahin, im Fernsehen läuft eine beliebte Zeichentrickserie. Erik dreht ganz beiläufig einen Joint. Manuela sieht ihm nachdenklich dabei zu. „Ich möchte wirklich nicht.“ lehnt sie ab, als er sie fragend ansieht. Erik nickt verständnisvoll. Er zündet den Joint an und bläst einen dicken Rauchring zum Fernseher. Es knistert. Der Bildschirm verwandelt sich in flüssiges Gold. Manuela und Erik erstarren auf der Couch. Sekunden vergehen in absoluter Reglosigkeit. „Es brennt wieder!“ schreit Manuela plötzlich und reißt hektisch das Hosenbein nach oben. Die schwarzen Linien ihrer Tätowierung tanzen eng umschlungen über ihre Wade. „Fuck.“ haucht Erik. „Du siehst es auch!“ „Oh Fuck.“ wiederholt Erik nur. Der goldene Fernsehbildschirm fließt lautlos auf den Wohnzimmerboden und manifestiert sich in Menschenform. „Oscar.“ flüstert Manuela entsetzt. Erik prustet hysterisch. „Oscar.“ knistert das Echo zufrieden und ein heißer Windstoß fegt durch das Wohnzimmer, wirbelt Staub von den Regalen. „Oh, wow.“ macht Erik. Manuela starrt den goldenen Mann mit weit aufgerissenen Augen an. „Das ist keine Halluzination.“ bricht es aus ihr heraus. Erik nickt stumm, starrt mit offenem Mund. „Sag etwas.“ flüstert sie. „Was?“ piepst Erik und klappt den Mund zu. „Ich weiß nicht.“ zischt Manuela. Die goldene Gestalt macht einen Schritt auf die Couch zu. Manuela zuckt erschrocken zurück, Erik schnellt in die Höhe. „Verschwinde du Mistvieh!“schreit er lauthals und fuchtelt mit leeren Händen durch die Luft. „Es ist an der Zeit, die Kultstätte zu errichten.“ knistert die Stimme. Der goldene Körper hebt feierlich die Arme zur Zimmerdecke. „Bitte was?“ Erik hält verdutzt inne. „Kultstätte?“ fragt Manuela, die sich tief in die Couch drückt. Ihr Blick wandert zwischen dem gesichtslosen Wesen und Eriks entgleisten Gesichtszügen hin und her. „Drei Tage.“ verkündet das Knistern und die goldene Manifestation löst sich in einem heißen Luftstoß auf. Der Fernseher flimmert, das Bild kehrt zurück, zeigt eine lustige Zeichentrickfamilie.

Baby, wir können doch keine Kultstätte bauen.“

Und was passiert wenn wir das verdammte Ding nicht bauen?“

Ich habe keine Ahnung was dann passiert. Aber ich baue ganz bestimmt keine Kultstätte!“

Wenn du noch einmal Kultstätte sagst, verlasse ich die Wohnung!“

Ein Streit ist nach dem Verschwinden des Wesens entbrannt. Wer ihn begonnen hat, warum er gerade jetzt geführt wird, es ist nicht zu ergründen. Die Nerven liegen blank und so entlädt sich die Stimmung in einem hitzigen Gewitter. Manuela sitzt mit zorngerötetem Gesicht vor ihrem Laptop. Sie sucht im Internet nach Antworten, ein vollgeschmierter Notizblock mit krakeligen Skizzen liegt neben ihr auf der Couch. Erik wandert gereizt im Zimmer auf und ab. „Das ist doch total bescheuert.“ mault er. „Du bist total bescheuert.“ versetzt Manuela leise. Erik grunzt und stapft weiter durchs Zimmer. „Vielleicht ist das so eine Art abgefuckte Reality-Show und am Ende war alles nur Spaß?“ überlegt Manuela laut. „Das kannst du deinem Frisör erzählen.“ motzt Erik gereizt. „Ich gebe mir wenigstens Mühe!“ Tränen schimmern in Manuelas Augen. „Tut mir leid.“ lenkt Erik ein. „Wir müssen eine Möglichkeit finden, dieses Ding loszuwerden.“ setzt er hinterher. „Wie stellst du dir das vor?“ fragt Manuela und wischt Feuchtigkeit aus ihren Augenwinkeln fort. „Keine Ahnung. Uns fällt schon etwas ein.“ Erik lässt sich auf die Couch fallen, ächzend zückt er sein Handy. „Ich würde jetzt wirklich gerne rauchen.“ seufzt er niedergeschlagen. „Nichts da.“ Manuela sieht ihn scharf an. „Ich weiß, ich weiß.“ Missmutig durchforsten sie gemeinsam das Internet. Suchen in Foren und Onlinezeitungen nach Berichten über die tätowierte Mumie, nach goldenen Augen, Bildern religiöser Kultstätten und den Zeilen des eigenartigen Gedichts, an die sich Manuela noch erinnern kann. Das Wort ‚Lawinenlied‘ erzielt mehrere Treffer. Aufgeregt liest Erik einen Artikel vor. Er handelt von Brauchtumspflege und Musikfirmen, die Lizenzrechte an Volksliedern aufkaufen. Nichts an dem kurzen Bericht erscheint hilfreich. „Ach verdammt.“ flucht Erik, er wirft das Handy frustriert auf den Tisch und trollt sich ins Badezimmer. Manuela durchforstet weiter das Internet. Als Erik, nach Duschgel und herbem Aftershave duftend, zurück ins Wohnzimmer kommt, präsentiert sie stolz eine Internetseite auf dem Laptop. „Was ist das?“ fragt Erik und setzt sich zu ihr. „Der Liedtext.“ sagt Manuela triumphierend. „Sehr gut. Lies vor.“ Erik greift gedankenverloren nach der Schatulle unter dem Tisch. „Nein.“ sagt Manuela laut. Erik murmelt eine Entschuldigung und legt die Schatulle zurück. „Hör zu.“ fordert sie und liest: „ ‚Er ist der Schatten im nächtlichen Dämmerwald, er ist das Schimmern der wogenden See, er ist der Atem, der über die Sanddünen hallt, er ist das Lawinenlied, oben im Schnee. Er ist das Feuer, das unsere Sünden verbrennt, er ist der flammende Blick, der unsre Makel erkennt, tausend Augen ruhen schauend im goldenen See‘.“ Manuela sieht Erik gespannt an. Der zuckt nur mit den Schultern. „Was soll uns das bringen?“ fragt er. „Na wir wissen jetzt, dass das Lied existiert. Und wir wissen auch, dass dieses Ding schon einmal gesehen wurde. Sonst gäbe es ja das Lied nicht!“ sprudelt es aus Manuela heraus. „Und weiter?“ Erik zieht skeptisch eine Augenbraue hoch. „Nichts weiter.“ Das aufgeregte Leuchten verschwindet aus Manuelas Gesicht. Eine unangenehme Stille breitet sich im Wohnzimmer aus. „Lass uns die blöde Kultstätte bauen.“ sagt Erik niedergeschlagen.

Das ist bescheuert.“

Es ist cool.“

Total daneben.“

Ich finde es sieht gut aus.“

Manuela und Erik stehen vor dem hölzernen Schrein, den sie in den vergangenen drei Tagen gebastelt haben. Der Schrein steht auf einem Podest aus Pressspanplatten und ist mit goldener Glanzfolie überzogen. Das Podest ist schwarz lackiert und mit rotem Stoff umwickelt. Kunstblumen und frische Birkenzweige runden das Bild ab. Im Schrein steht eine goldene Siegerstatue, die einen Lorbeerkranz in Händen hält. Zu ihren Füßen flackern elektrische Teelichte. „Das ist doch lächerlich.“ brummt Erik gereizt. „Hilf mir lieber mit den Aufstellern.“ faucht Manuela und geht in den Flur. Erik folgt ihr, schüttelt dabei nur unwillig den Kopf. Gemeinsam tragen sie ein langes, schmales Paket ins Wohnzimmer. Es dauert nicht lange die Pappaufsteller zusammenzubauen. Nach wenigen Minuten sind die lebensgroßen Oscar-Figuren fertig. Manuela stellt sie rechts und links neben dem Podest auf. Sie mustert das Ergebnis kritisch, rückt ein paar Blumen um den Schrein zurecht, nickt und räumt die Paketreste in den Flur. Erik steht nur da, starrt die riesigen Pappaufsteller an und zieht ein finsteres Gesicht. „Hör endlich auf zu schmollen.“ versetzt Manuela gereizt, als sie wieder ins Zimmer kommt. Sie setzt sich auf die Couch und betrachtet die fertige Kultstätte. „Sieht schön aus.“ stellt sie fest. „Und jetzt?“ fragt Erik, der sich nicht von der Stelle bewegt hat. „Jetzt weihen wir sie ein.“ antwortet Manuela düster und holt die metallene Schatulle unter dem niedrigen Tisch hervor. „Ich habe nachgedacht. Da Oscar immer erscheint wenn wir kiffen, muss es eine Verbindung zwischen den Joints und dem Tattoo geben. Wir rauchen also und er wird kommen.“ „Und dann?“ „Dann sehen wir weiter. Die Tage sind ohnehin um.“ Erik setzt sich kopfschüttelnd an den Couchtisch und öffnet die Schatulle. Ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen, als er das Tütchen mit Gras auspackt. „Das sollte dir wirklich keinen Spaß machen.“ zischt Manuela. Sie streicht nervös über das Tattoo an ihrer Wade. „Wie fühlst du dich?“ fragt Erik sanft, die Aussicht auf das Rauchvergnügen glättet seine Verstimmung. „Ängstlich. Verwirrt. Müde. Zornig. Such es dir aus.“ Manuela betrachtet die Tätowierung mit gerunzelter Stirn, wendet dann resigniert den Blick ab. „Aber du fühlst dich nicht mehr fiebrig, oder?“ fragt Erik weiter. „Nein, alles prima.“ Manuela beobachtet seine Hände. Erik dreht routiniert den Joint, platziert ihn sorgfältig im Aschenbecher und legt die Hände in den Schoß. Eine Minute vergeht. „Ich trau mich nicht.“ flüstert er schließlich, sitzt dabei vor dem Aschenbecher wie die Maus vor der Falle. „Ach scheiße.“ Manuela schnappt sich den Joint, nimmt das Feuerzeug vom Tisch und brennt die Spitze der Tüte ab. „Heil dir, oder so.“ sagt sie mit einem Nicken zum Schrein hin, zündet den Joint an und raucht. Sie zieht schnell hintereinander, behält den Rauch in der Lunge, gibt den Joint weiter an Erik. Der zieht lange, schließt genießerisch die Augen. Manuela hustet. „Merkst du schon etwas?“ fragt Erik und reicht den Joint zurück. „Bisher nicht.“ Manuela betrachte die schwarzen Linien des Tattoos mit zusammengekniffenen Augen und zuckt dann mit den Schultern. Sie raucht wieder. „Vielleicht haben wir irgendetwas übersehen.“ murmelt sie und reicht den Joint zurück, ohne aufzusehen. Erik reagiert nicht. „Schatz?“ fragt Manuela und blickt auf. Goldene Augen starren ihr aus Eriks Gesicht entgegen. Manuela springt mit einem entsetzten Schrei von der Couch. Im selben Moment entzünden sich die lebensgroßen Oscar-Pappaufsteller mit einem lauten Zischen. Manuela versucht kreischend in den Flur zu flüchten, aber die brennenden Pappaufsteller versperren ihr den Weg. Hellgelbe Flammen züngeln gierig über den Boden, schlagen bis an die Zimmerdecke, der Vorhang am Fenster fängt lodernd Feuer. „Aufhören!“ Manuela bleibt entsetzt stehen und reißt hilflos die Hände in die Luft. Die Flammen ziehen sich langsam zurück, züngeln blau und orange über die Wände, fließen zum Podest und verlöschen am Fuße des Schreins. Die Oscar-Pappaufsteller zerfallen zu kleinen Aschehaufen. Erik erhebt sich. „Es ist an der Zeit, ein Opfer zu bringen.“ verkündet er knisternd. „Bitte hör auf.“ schluchzt Manuela. Sie lässt vorsichtig die Hände sinken, macht einen kleinen Schritt auf die Tür zu. „Bringe das Opfer.“ Die goldenen Augen in Eriks Gesicht starren sie ausdruckslos an. Manuela erschaudert unter dem eiskalten Blick. „Was für ein Opfer?“ flüstert sie. „Ein Leben für die Gottheit.“ antwortet das Knistern, heißer Wind wirbelt Aschewolken durch den Raum. Manuela krümmt sich, Tränen laufen über ihr verzerrtes Gesicht. Erik wendet sich dem Schrein zu, hebt gebieterisch den rechten Arm. Aus dem Lorbeerkranz der Siegerstaue spritzen Funken. „Hör auf damit!“ schreit Manuela hysterisch. Erik fährt wütend zu ihr herum, sein Gesicht ist eine zornige Fratze. Flammen schlagen aus seinem weit geöffneten Mund, sein Rachen glüht hellrot. Die Haut auf seinem Gesicht schält sich, wirft Blasen, verkohlt zu schwarzen Fetzen. Manuela gerät in Panik und flieht. Sie stürmt aus dem Wohnzimmer, schlittert durch den Flur und schlägt die Eingangstür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Im Treppenhaus bleibt sie keuchend stehen. „Das ist nicht passiert, das ist gar nicht passiert!“ schluchzt sie hysterisch. Unter der Wohnungstür quillt dunkler Rauch hervor. „Oh Gott, nein.“ Manuela begreift und hämmert wild an die verschlossene Tür. „Erik!“ kreischt sie, rüttelt verzweifelt am Türknauf. „Feuer!“ schreit jemand im Haus.

Es dauert lange Minuten, bis die Feuerwehr eintrifft. Das Einsatzfahrzeug fährt mit wummernden Sirenen vor, Nachbarn und Schaulustige versammeln sich in einer dicken Traube um den Löschwagen. „Da ist noch einer drin!“ ruft eine Frau mit Lockenwicklern in den Haaren, noch bevor jemand aus dem Fahrzeug gestiegen ist. „Der junge Schubert ist noch drinnen!“ schreit ein untersetzter Mann mit Brille und deutet, wild gestikulierend, zum Haus hinüber. Flammen züngeln aus den Fenstern im ersten Stock des Gebäudes. Schwarzer Rauch steigt in einer dickten Wolke in den Himmel. Ein Polizeiwagen trifft mit blinkendem Blaulicht ein und die besorgten Menschen wenden sich hilfesuchend den Polizisten zu. In dem Tumult achtet niemand auf Manuela, die stumm am Rand des Bürgersteiges hockt und mit riesigen Augen zu ihrer brennenden Wohnung hochstarrt.

Möchtest du Tee?“

Nein danke.“

Oder ein Wasser?“

Nein danke.“

Vielleicht Saft?“

Danke, ich möchte nichts.“

Manuela sitzt zusammengesunken an einem beigefarbenen Küchentisch, ihr schmaler Körper verliert sich in einem flauschigen Bademantel, versinkt förmlich zwischen einer geschmacklosen Blümchentapete und überquellenden Küchenschränken. Ihre Großmutter sitzt ihr mit besorgter Miene gegenüber und reibt sich ratlos die faltigen Hände. „Vielleicht ein Kakao?“ fragt sie hilflos. Manuela bricht in Tränen aus. „Ach Mannie.“ sagt die Großmutter traurig und weint mit. Sie steht umständlich auf, umrundet den Tisch und nimmt ihre weinende Enkelin in die Arme. „Er kann nicht tot sein.“ heult Manuela und drückt sich an die weiche Brust, umschlingt die Großmutter, so fest sie kann. „Na, na.“ ächzt die alte Frau und tätschelt liebevoll Manuelas Kopf. „Hast du deinen Vater angerufen?“ fragt sie und befreit sich sanft aus der festen Umarmung. „Er geht nicht ans Telefon.“ stößt Manuela zwischen heftigen Schluchzern hervor. „Er war schon immer unzuverlässig.“ schimpft die Großmutter und tätschelt Manuelas knochigen Rücken. „Sprich nicht so über Papa.“ schluchzt Manuela und folgt damit einem alten Familienritual. „Ich habe ihn geboren, ich weiß wovon ich spreche.“ erwidert die alte Dame resolut. Manuela zeigt die Andeutung eines Lächelns. Sie hat diese Unterhaltung schon viele Male geführt. „Ich glaube ein Kakao wäre tatsächlich nicht schlecht.“ sagt sie und putzt sich geräuschvoll die Nase mit einem feuchten Taschentuch. „Natürlich, mein Liebes.“ Die Großmutter macht sich zufrieden daran, den Kakao zu bereiten, summt dabei eine Melodie, die Manuela seit Kindheitstagen kennt. „Oma?“ fragt Manuela nach einer Weile. „Ja, Liebes?“ „Ich glaube, ich bin verrückt.“ flüstert Manuela. Sie starrt mit leerem Blick auf den krummen Rücken der alten Frau, die am Herd steht und mit einem Schneebesen in einem Emaille-Topf rührt. „Du glaubst vielleicht, dein Herz zerspringt und dass du nie wieder froh sein wirst. Aber das ist nicht verrückt.“ sagt die erfahrene Großmutter und rührt dabei weiter die Milch um. „Nein Oma, das meine ich nicht.“ flüstert Manuela, neue Tränen laufen über ihr Gesicht. „Was meinst du dann?“ Die Großmutter schüttet den dampfenden Kakao in zwei Tassen. Manuela antwortet nicht. Sie nimmt stumm eine Tasse entgegen, schlürft vorsichtig den heißen Kakao und weint still. Nach weiteren Tränen und düsteren Andeutungen verordnet die besorgte Großmutter schließlich eine starke Beruhigungstablette aus ihrer reichhaltigen Heimapotheke. Manuela schluckt brav die Kapsel, folgt der alten Dame in das angrenzende Schlafzimmer, lässt sich ins Bett legen und mit einer dicken Daunenbettdecke zudecken. „Wenn du wieder aufwachst, fühlst du dich schon ein wenig besser.“ verspricht die Großmutter und streichelt liebevoll durch Manuelas Haar. „Ich werde versuchen deinen Vater zu erreichen. Schlaf gut, Mannie.“ „Danke, Omi.“ Manuela drückt sich in die weichen Kissen, die nach Großmuttersalbe und Kindheitserinnerungen duften. Schnell gleitet sie in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Manuela schwebt körperlos über einem wogenden Flammenmeer, erblickt ferne Berge am Horizont und schreit ihre ohnmächtige Wut über die brennende Ebene hinaus. Zornig steigt sie höher in den nachtschwarzen Himmel, kreist gestaltlos über dem Land, wendet sich schließlich dem Gebirge zu. „Wo bist du?“ schreit sie wütend, denkt sich zu den Bergen und schwebt über den schneebedeckten Gipfeln. Goldene Augen öffnen sich im glitzernden Schnee, starren den träumenden Gedanken an, der Manuela ist. „Du Wichser!“ hallt Manuelas Stimme über die Berge. Ein katzenartiges Wesen mit hellen Flecken im blauschwarzen Fell manifestiert sich auf einem kahlen Felsen und lacht spöttisch. Manuela versucht ein Adler zu werden, aber es gelingt ihr nicht eine Gestalt anzunehmen. Das Katzentier zwinkert aus goldenen Augen zu ihr empor. „Das Opfer war akzeptabel.“ schnurrt es und schlägt verspielt mit dem langen Tüpfelschwanz. „Du dreckiger…“ knurrt Manuela. Sie versucht eine Form anzunehmen, möchte sich auf das feixende Wesen stürzen, kann es aber nicht. Das Katzentier verwandelt sich in einen Steinbock mit gewaltigen Hörnern, springt in eleganten Sätzen über das Schneefeld davon und verschwindet lachend zwischen hoch aufragenden Felsen. Manuela hängt verzweifelt im Himmel und versucht aufzuwachen. Im dunklen Schlafzimmer der Großmutter fährt sie schweißüberströmt aus den Kissen hoch. Sie schält sich halb aus der feuchten Daunendecke, tastet suchend nach dem Schalter der kleinen Nachttischlampe, die neben dem Bett steht. Das matte Licht der alten Glühbirne vertreibt die Finsternis. Eine goldglänzende Gestalt steht am Fußende des Bettes und starrt. Manuela hat keine Schreie mehr. Zitternd sitzt sie im Bett, beginnt leise zu weinen. „Es ist an der Zeit, ein Opfer zu bringen.“ sagt der goldene Mann, der Eriks Gesichtszüge trägt. Seine knisternde Stimme klingt entsetzlich vertraut. „Nein.“ Manuela schüttelt kraftlos den Kopf. „Nicht mehr.“ bittet sie. Die Schreie ihrer Großmutter lassen sie auffahren und an dem Goldwesen vorbei aus dem Zimmer stürmen. „Neinneinnein!“ schreit Manuela. Sie stolpert heulend durch den dunklen Flur, öffnet schwungvoll die Tür zum kleinen Kabinett, das als Gästezimmer dient. „Oma!“ Das schmale Bett, das den engen Raum dominiert steht in Flammen. Die alte Frau, die darinnen liegt, brennt lichterloh. Windet sich in unerträglichen Schmerzen. „Nein!“ schreit Manuela wieder. Sie wirft sich auf die brennende Gestalt, spürt wie gnadenlose Hitze ihre Haut versengt. Der goldene Mann taucht neben ihr auf, reißt sie aus dem Zimmer, wirft sie unsanft auf den Boden des Flures. „Du nicht.“ faucht er, das Knistern in seiner Stimme klingt zornig. „Aaaah.“ schreit Manuela.

Was haben wir?“

Mord.“

Können Sie das etwas genauer erläutern?“

Der Reporter sieht die beiden Polizisten neugierig an, die nach dem verheerenden Wohnungsbrand vor den rauchenden Trümmern des Mehrfamilienhauses stehen. „Wir brauchen einen Leichensack und Sie bessere Fragen.“ sagt er ältere Polizist schlecht gelaunt und geht zu seinem Wagen. Sein jüngerer Kollege bleibt kurz stehen und sieht den Reporter blass an. „Verrückte Sache.“ raunt er, dann folgt er dem Kollegen zum Auto. Der Reporter sieht ihm nachdenklich hinterher. „Aha.“ murmelt er und zündet sich eine Zigarette an. Geduldig wartet er darauf, dass die Leiche abtransportiert wird, um ein Foto vom Leichensack auf der Bahre zu machen. Dann mailt er das Bild an die Redaktion und fährt zum städtischen Krankenhaus, um weitere Informationen zu sammeln. Auf der Intensivstation des Krankenhauses liegt Manuela. Sie hat eine schwere Rauchvergiftung, ernste Verbrennungen und ist nicht ansprechbar. Der Reporter versucht mit Charme und Witz, den Krankenschwestern der Station brisante Details zu entlocken, scheitert aber kläglich. Erst Tage später erfährt er mehr von der Verletzten auf der Intensivstation, die ihre eigene Großmutter angezündet hat. Ihr Zustand ist besorgniserregend, sie reagiert nicht auf Ansprache, zeigt keine Schmerzreaktion. Hundert Euro und ein junger Pflegeassistent spielen bei diesem Erkenntnisgewinn eine entscheidende Rolle. „Sie liegt nur da, starrt an die Decke und flüstert.“ erzählt der Pflegeassistent bei einem heimlichen Treffen in der Parkgarage. „Was flüstert sie denn?“ fragt der Reporter neugierig und macht Notizen. „Sie murmelt immer ‚Oskar, Oskar‘ und irgendwas von ihrer irren Tätowierung.“ Der junge Mann weiß, wie man Geld verdient. Der Reporter bietet einen hohen Betrag für ein Foto der Täterin und ihrer rätselhaften Tätowierung.

Schau mal?“

Hm?“

Krass, oder?“

Ja, voll Krass.“

In einem Schnellrestaurant am Rande einer Kleinstadt sitzen sich fünf junge Erwachsene gegenüber, kauen labbrige Pommes und kalte Burger. Ein iPad wird zwischen ihnen herumgereicht. „Die grausame Feuerteufelin“ titelt der Artikel, der ihre Aufmerksamkeit erregt hat und darunter ist ein verschwommenes Bild von Manuela zu sehen, deren ausgemergelter Körper an Infusionsschläuchen hängt. Ein schärferes Detailfoto zeigt ihre unversehrte Tätowierung. Ein roter Pfeil führt zum Einleitungstext. ‚Jetzt packt der Tätowierer aus: So abartig trieb es die irre Satanistin von Kirchhausen!‘ steht da in Kursivschrift. „Läuft bei der.“ bemerkt ein junger Mann in Jeansjacke betont cool, einer seiner Freunde kichert. „Voll die krasse Berühmtheit.“ sagt eines der Mädchen, in ihrer Stimme schwingt Bewunderung. „Im Irrenhaus vielleicht.“ frotzelt ein Junge und schaufelt Pommes in seinen Mund. „Das Tattoo ist nice.“ schwärmt seine Freundin. „Die hat ihren Lover und ihre Oma abgefackelt.“ hält ein dunkelhaariger Schönling dagegen. Er verteilt arrogante Blicke über seine Sonnenbrille hinweg. „Ich fackel dich auch gleich ab.“ lacht ein pickeliges Mädchen und nimmt das iPad an sich. „Das Tattoo ist echt nice.“ sagt sie in grüblerischem Tonfall und legt nachdenklich den Kopf schief. „Du traust dich doch nie zu einem Tätowierer.“ ätzt der Schönling. „Wetten doch, Bruderherz?“ grinst das Mädchen.

Hey.“

Was kann ich für dich tun?“

Ich möchte einen Termin.“

Bist du schon Volljährig?“

Ein paar Monate sind vergangen. Das pickelige Mädchen steht unsicher in einem Tattoo-Studio und zeigt mit schwitzigen Händen den Personalausweis vor. „Ich hab das Motiv dabei und ich weiß auch genau die Stelle.“ erklärt sie in übereifrigem Tonfall. Der Tätowierer lächelt milde. „Dann zeig mal her.“ brummt er und führt sie an den gläsernen Verkaufstresen, der mit Zeitschriften, Vorlagenmappen und Piercingzubehör übersät ist. Die junge Frau kramt umständlich ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrem quietschgelben Rucksack. „Hier.“ sagt sie und klingt ein bisschen nervös. „Ach.“ seufzt der Tätowierer, als er das Blatt Papier entfaltet. Er nickt und holt eine Vorlage aus einer Mappe, die ganz oben auf einem der Stapel liegt. „Hier, das habe ich schon vorgezeichnet. Das will seit der Katastrophe im Krankenhaus wirklich jeder haben.“ Er zeigt der jungen Frau die stilisierte Vorlage eines katzenartigen Wesens, das sich eng an einen springenden Widder schmiegt. „Genau das will ich.“ freut sich die junge Frau und strahlt. Der Tätowierer zuckt ergeben mit den Achseln.

© sybille lengauer

Bunkeranlage C

Veröffentlicht: Mai 1, 2019 in Kurzgeschichten
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Es ist Frühling in der weitläufigen Gartensphäre der Bunkeranlage C. Sieben Kinder laufen durch das hohe Gras, jagen sich gegenseitig im wuchernden Grün. Ein Mädchen springt leichtfüßig über einen kristallklaren Bach, der sich durch die Wiese schlängelt. Ihr himmelblaues Kleid flattert dabei wild um ihre Beine, spiegelt die Farbe des Himmels. Sie verschwindet lachend zwischen blühenden Apfelbäumen, die auf dieser Seite des Ufers dicht zusammenstehen. Ein anderes Mädchen springt mit einem spitzen Schrei hinterher und folgt ihr in den Apfelhain. Als sie in das Blütenmeer eintaucht, sieht sie einen blauen Stoffzipfel zwischen den Baumstämmen verschwinden. „Ich kriege dich, CaGa!“ ruft sie triumphierend und nimmt die Verfolgung auf. „Ha!“ macht das Mädchen im himmelblauen Kleid nur und taucht flink zwischen den Bäumen hindurch. Sie läuft in einem engen Bogen zurück zum Bach und zu den Kindern, die sich am anderen Ufer fröhlich mit Wasser bespritzen. Ein Junge wirft ihr lachend einen goldenen Ball zu. „Boot!“ schreit CaGa und bleibt stehen. „Das gilt nicht!“ ruft ihre Verfolgerin, die mit hochroten Wangen zwischen den Apfelbäumen hervorschießt. Blütenfetzen hängen in ihren hellblonden Haaren. „Gilt wohl.“ lacht CaGa und tätschelt zufrieden den Ball. „CaBa gibt dir immer das Boot.“ schimpft das blonde Mädchen und rupft sich Apfelblüten aus der zerzausten Frisur. „Das stimmt überhaupt nicht!“ CaGa reißt ihre braunen Augen auf, streckt die Zunge heraus und macht „Bäh-hä“. „Stimmt wohl, ihr seid ein Liebespaar.“ ätzt das blonde Mädchen und stapft durch die Wiese auf CaGa zu. „Du bist eine hässliche Lügnerin, CaDa!“ ruft der Junge daraufhin von der anderen Seite des Baches herüber und bekommt rote Ohren. Die anderen Kinder lachen. „Und du bist eine dreckige Mistgeburt.“ kontert die mit blitzenden Augen. „Es heißt Missgeburt, du ekliger Pickel!“ mischt sich CaGa wieder ein. „Selber Pickel!“ CaDa stürzt sich mit einem grellen Schrei auf CaGa, die Mädchen stolpern und fallen platschend in den Bach. Es spritzt gewaltig, die Kinder schreien hysterisch. Prustend liegen sie im eiskalten Wasser. „C-Einheit!“ ruft eine strenge Stimme und die Auseinandersetzung endet abrupt. Die Mädchen erstarren im Bach, die andern Kinder senken betreten die Köpfe. Eine Arbeiterin rollt zornig über die Wiese. Ihr runder, silbrig glänzender Körper gleitet sirrend über das Gras. „Euer fernbleiben vom Unterricht wird missbilligt.“ schimpft die Arbeiterin. Ihr Augenschlitz leuchtet ungehalten. „Tut uns leid.“ sagt CaGa und klettert mit zerknirschtem Gesichtsausdruck aus dem Bach. Sie hilft CaDa aus dem Wasser, gemeinsam waten die beiden ans Ufer und stellen sich tropfnass zu den anderen Kindern. Der goldene Ball bleibt in der Wiese zurück. „Ihr sollt nicht meinen, dass es mit einer Entschuldigung getan ist. Der Schwarm vergisst nicht.“ versetzt die Arbeiterin und rollt zum Ausgang. Die Kinder folgen ihr mit langen Gesichtern. Am Tor schalten sich die holografischen Verstärker ab, mit denen die Erscheinung der Gartensphäre unterstützt wird. Der Garten verliert seine üppige Vielfalt, gleicht jetzt mehr einem unterirdischen Gewächshaus, als einem wuchernden Paradies. Der strahlend blaue Himmel verschwindet, der Bach wird zu einem einfachen Bewässerungskanal. Der dichte Apfelhain besteht aus ein paar dürren Bäumen in Pflanzkübeln, die kaum Blüten tragen. Das hohe Gras der Wiese schrumpft zu einfachem Rollrasen zusammen, in dem ein gelber Gummiball liegt. CaGa blickt kurz zurück und schüttelt bedauernd den Kopf. Dann trottet sie hinter den anderen Kindern her, die der Arbeiterin zum Unterrichtsraum folgen.
„Es mag euch vielleicht unbegreiflich erscheinen, doch meine Lehren haben einen größeren Wert für eure Zukunft als die kindlichen Spiele, die ihr in den Sphären spielt.“ Der ehrwürdige Meister schwebt ungehalten im Klassenzimmer auf und ab. Sein tonnenförmiger Leib dreht sich langsam um die eigene Achse, während er die sieben Kinder durch sein rotes Okular mustert. „Es zeugt von Unreife und Respektlosigkeit gegenüber dem Schwarm, dem Unterricht unerlaubt fernzubleiben.“ Die Kinder sitzen still an ihren Pulten und starren betreten auf ihre leeren Bildschirme. CaGa und CaDa haben trockene Kleider an. Sie sitzen heute besonders weit auseinander und beachten sich möglichst offensichtlich nicht. „Die Mathematikstunde, die ihr durch euer Schwänzen verpasst habt, werdet ihr heute Nachmittag in einer Doppelstunde nachholen. Der Freizeitaufenthalt in der Wassersphäre entfällt.“ sagt der Meister und schwebt in die Mitte des Raumes. Er aktiviert seinen Projektor und wirft ein bewegtes Bild an die hellgraue Betonwand des Klassenzimmers. Die Kinder stöhnen. „Eurer Reaktion entnehme ich, dass ihr bereits alles über den Beginn des vierten Vernichtungskrieges wisst. Vielleicht möchte also jemand von euch erzählen, was heute vor genau zweihundert Jahren in Europa geschehen ist? Du vielleicht, CaAa?“ Der angesprochene Junge reißt erschrocken die Augen auf. „Die…ich…der…“ stottert er, dann bricht er ab und zuckt ratlos mit den Schultern. CaDa meldet sich eifrig zu Wort. Der ehrwürdige Meister blinkt ihr auffordernd zu und CaDa holt tief Luft: „Während der drei großen Vernichtungskriege, die auf die Machtergreifung der MaXx-Corporation in China folgten, schlossen sich die unabhängigen Firmen Europas zu einer vereinten Großmacht zusammen. Der United-Europe, kurz UE. Zwischen den Jahren 2343 und 2346 gelang es der UE, den globalen Markteinfluss der MaxX-Corporation massiv zu schwächen, indem man gezielt Saboteure in chinesische Produktionsanlagen einschleuste. Die Verlustzahlen unter der menschlichen Bevölkerung waren aufgrund dieser veränderten Strategie gering, was die Akzeptanz in der europäischen Arbeiterschaft stärkte und die Macht der UE stützte. Doch gelang es einer Gruppe von chinesischen Rebellen, am ersten Mai 2347…“ „Danke, CaDa, das genügt.“ würgt der ehrwürdige Meister ihren monotonen Vortrag ab. CaGa kichert gehässig. „Kann mir jemand etwas über den Beginn des vierten Vernichtungskriegs erzählen, ohne dabei von einem Bildschirm abhängig zu sein?“ fragt der Meister gereizt. „Ich habe nicht abgelesen!“ wehrt sich das Mädchen empört. „Nein, du hast den Text auswendig gelernt. Das ist nicht besser.“ versetzt der Meister. „Aber…“ hebt CaDa an, sich zu verteidigen. „Nichts aber.“ Der Meister schwebt zu ihrem Pult und betrachtet CaDa streng durch sein rotes Okular. „Es hat keinen Mehrwert, einfach nur Daten in dein Gehirn zu stopfen. Du kennst die Zahlen und Fakten, aber du begreifst nicht die Sensibilität der Ereignisse, die zur Entstehung des… CaGa, was amüsiert dich so sehr?“ Der ehrwürdige Meister wendet sich drohend dem kichernden Mädchen zu. CaGa errötet, das hämische Grinsen verschwindet schlagartig aus ihrem Gesicht. „Nichts, Ehrwürdiger.“ murmelt sie verlegen. „Dein Verhalten wird registriert.“ versetzt der Meister. „Nun, wo waren wir?“ fragt er ungehalten und schwebt wieder zurück in die Mitte des Raumes. Ein Mädchen aus der hinteren Reihe meldet sich. „Ja, CaEa?“ „Die Anschläge vom ersten Mai 2347, Ehrwürdiger. Die Auslöschung Europas.“ „Sehr gut, CaEa.“ brummt der Meister und wirft ein neues, bewegtes Bild an die Betonwand.
Der Vormittag vergeht zäh, der Unterricht will nicht enden. Die Kinder quälen sich durch die Geschichtsstunde, hören dutzende Beispiele ausgestorbener Sprachen, notieren Stichworte über die klassische KI des letzten Jahrhunderts und zeichnen zum Abschluss den genauen Aufbau des Schwarmbunkers auf ihren Bildschirmen nach. In der Mittagspause werden sie von einer Arbeiterin abgeholt. Die bringt sie allerdings nicht, wie üblich, in die kleine Mensa, sondern führt die Kinder zurück zur Gartensphäre. „Euer Spiel hat Schäden an den Pflanzen verursacht. Behebt sie.“ lautet ihre knappe Anweisung. Die Kinder trotten ergeben in die Sphäre und machen sich mit knurrenden Mägen daran, die Anlage aufzuräumen. Niemandem ist mehr zum Lachen zumute. Der Nachmittag bringt die angekündigte Doppelstunde Mathematik und eine Menge Hausaufgaben. Ein Helfer des ehrwürdigen Meisters schwebt wachend über den Kindern, die hungrig und gereizt vor ihren Bildschirmen hocken. CaDa wühlt erschöpft durch ihr blondes Haar und seufzt tief. Sie sieht zu CaGa hinüber, die gerade erfolglos versucht, ein Gähnen zu unterdrücken. Heimlich streckt sie ihr die Zunge heraus, dann wendet sie sich wieder ihrem Bildschirm zu. Die Minuten vergehen zäh, die Hausaufgaben werden nicht weniger. Eine Arbeiterin bringt schließlich Erlösung, als sie die Kinder zu einem späten Essen in die Mensa geleitet. Gierig saugen sie dort die warmen Nährbrei-Portionen in sich hinein, während zwei Hegerinnen zwischen den Sitzreihen umhergleiten und mit ihren weichen Tentakeln über die Körper der erschöpften Kinder streicheln. Es ist ein altes Ritual. Berührung stärkt Zusammenhalt. Satt und müde geht es nach dem Essen zurück in den Unterrichtsraum. Die Kinder haben Mühe, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. CaDa kommt nicht über den ersten Satz ihres Referats hinaus und malt gelangweilt Blumen an den Rand des Bildschirms. In ihrem Rücken tuscheln CaBa und CaFa leise miteinander, bis der aufmerksame Helfer missbilligend piept und zur Ruhe auffordert.
Als die Kinder endlich in den Abend entlassen werden, schlurfen sie auf direktem Weg zur Schlafsphäre der Bunkeranlage C. Niemandem steht der Sinn nach einem Abenteuer. CaDa und CaGa trotten friedlich nebeneinander her, die Müdigkeit hat den Groll vertrieben. „C-Einheit!“ ruft eine Arbeiterin, als sie gerade in ihre weiche Nachtmutter kriechen wollen, „Habt ihr nicht etwas vergessen?“ Die Kinder schlüpfen zurück auf den kalten Boden der Sphäre, knien nieder und beginnen gemeinsam, ein kleines Gebet zu sprechen: „Lieber Schwarm, ich bin noch klein, kann so vieles nicht allein. Drum lass Maschinen sein auf Erden, die mir helfen, groß zu werden. Die mich nähren, die mich kleiden, die mich führen, die mich leiten. Ich bitte euch für diese Nacht, dass ihr mich im Schlaf bewacht. Dass kein Böser Traum mich weckt, und das Dunkle mich nicht schreckt. Amen.“ „Sehr gut.“ sagt die Arbeiterin zufrieden und gleitet zum Ausgang. Sie aktiviert die holografischen Verstärker, die einen glitzernden Sternenhimmel an die hohe Decke der Schlafsphäre projizieren und gleitet leise durch das Tor hinaus.

© sybille lengauer