Archiv für die Kategorie ‘Kurzgeschichten’

Seine längste Reise

16 März 2217
„Ich hätte akzeptieren müssen, dass es vorbei ist. Spätestens, als sie wieder mit dem Rauchen angefangen hat, nur um mir damit auf die Nerven zu gehen, da hätte ich es akzeptieren müssen. Unterbewusst war mir bestimmt schon längst alles klar, ich wollte es nur nicht wahrhaben, immerhin dachte ich, sie sei die Liebe meines Lebens, so etwas wirft man doch nicht leichtfertig weg. Also klammerte ich mich an die rosige Vergangenheit und verschloß die Augen vor der grauen Gegenwart, weil ich nicht sehen wollte wie lieblos und kalt wir geworden waren. Und was habe ich jetzt von meiner gewollten Blindheit? Jetzt sitze ich auf dieser beschissenen Sternfahrt fest, die ein Vermögen kostet und mich von Minute zu Minute mehr anödet, mit einer Frau, die mich nicht einmal mehr hasst, sondern nur noch stumm verachtet, vielen Dank der Nachfrage. Wie verblödet muss man eigentlich sein, sich auf eine sechswöchige Sternfahrt mit seiner zukünftigen Ex-Frau einzulassen? Ich habe mich noch nie für den Weltraum erwärmen können, selbst bei den obligatorischen Schulausflügen zum Mars musste ich immer die Kotztüte benutzen und trotzdem sagte ich ja, als unsere Paartherapeutin den Vorschlag zu dieser Reise unterbreitete. Romantisch und Phantasieanregend sollte sie sein, ein beziehungsförderndes Abenteuer und was weiß ich noch alles, aber diese Fahrt ist nichts davon, rein gar nichts, ganz im Gegenteil. Das hier ist ein eintöniger, nervtötender Vorhof zur Hölle, gespickt mit nicht enden wollenden Buffets, aalglatter Konversation, drittklassigen Konzerten und öden Gesellschaftsspielen, dafür muss nun wirklich niemand die Erde verlassen, das bekommt man in jedem Billigcasino der Welt geboten. Ich könnte aus der Haut fahren vor Wut. Wut auf mich selbst, auf die blöde Therapeutin und auf Cornelia, die wirklich rein gar nichts dazu beiträgt, diesen Trip auch nur ansatzweise erträglich zu gestalten. Sie zeigt mir die kalte Schulter, nein, noch nicht einmal mehr das, sie zeigt mir nichts mehr, spricht kein Wort mit mir und in ihren Augen liegt, wenn sie mich denn einmal ansieht, ein harter Glanz, der mich im Herzen frieren macht. Ach, verdammt, der Weltraum lässt mich immer so sentimental werden. Ich fühle mich jämmerlich im Angesicht der Sterne. Wenn man bedenkt, dass ich für die Kosten dieser Reise ein Ferienhaus auf NewMerica-Beach hätte kaufen können – darüber darf ich gar nicht genau nachdenken. Und alles nur, weil ich nicht wahrhaben wollte, was ein jeder schon längst wusste: Diese Ehe ist vorbei. Nichts geht mehr. Das Spiel ist aus.“
Godric Carpenter speicherte die Sprachaufnahme und stieß ein erschöpftes Seufzen aus. Er warf sein Memorial lustlos auf den klappbaren Schreibtisch, der die Einzelkajüte nur noch beengter machte, die wochenlang sein Zuhause sein sollte. Ein klaustrophober Schauer jagte durch seine überreizten Synapsen, doch er schüttelte das lästige Angstgefühl nur ärgerlich ab und erhob sich unter weiteren Seufzern. Antriebslos stand er in der engen Kajüte, mit hängenden Armen und ziellosen Gedanken, den Blick vage auf den Schreibtisch gerichtet, während draußen, vor dem winzigen Bullauge, der samtschwarze Weltraum vorbeizog. „Ich bin der größte Trottel des bekannten Universums“, knurrte Godric Carpenter monoton, dann gab er sich einen merklichen Ruck und verfrachtete sein Memorial in den Wandsafe. Er klappte den Schreibtisch zusammen, räumte den Sessel beiseite und machte sich schließlich mürrisch daran, seine Ausgehgarderobe für das abendliche Buffet zurechtzulegen.

20 März 2217
„Heute haben wir den ersten Planetenausflug unternommen und ich muß zugeben, dass er tatsächlich abenteuerlich und phantasieanregend war, nur leider nicht von der glücklichen Sorte. Ich hatte die blühendsten Todesphantasien, als wir in einem klapprigen Shuttle dem fremden Planeten entgegengeschleudert wurden. Kotzelend war mir, buchstäblich, wäre ich nicht neben der wimmernden Cornelia festgeschnallt gewesen, ich hätte bestimmt die Kontenance verloren. Und das alles für ein paar verfallene Alien-Ruinen, die seit Jahrmillionen in irgendeinem Dschungel verrotten. Einfach lächerlich. Aber es war immerhin eine Abwechslung in dieser ansonsten so desaströs langweiligen Reise. Ich werde uns für sämtliche planetaren Ausflüge anmelden, vielleicht habe ich ja Glück und wir zerschellen während einer Landung, dann habe ich das Elend hinter mir und Cornelia nehme ich gleich mit.“
Godric Carpenter gestattete sich ein schmales Lächeln, während er das Memorial beiseite legte, er streckte die Beine aus, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und für einen kurzen Augenblick fühlte er eine Art von Behaglichkeit, die er in der beschränkenden Enge der Kajüte für unmöglich gehalten hätte. Der Moment verstrich, die Behaglichkeit verging und das Lächeln wich aus seinem Gesicht, Godric Carpenter konnte fühlen, wie seine Gedanken in einer langgezogenen Abwärtsspirale gen Traurigkeit zogen. Missmutig bemerkte er, dass noch viele Wochen Sternfahrt vor ihm lagen, zähe, erdrückende Wochen, die ihm an Cornelias essigsaurer Seite wie Jahrzehnte erschienen und vielleicht dachte er in diesem Moment zum ersten Mal genauer darüber nach, wie befreiend es wohl wäre, wenn seine Ehefrau tatsächlich bei einem Unfall ums Leben käme.

23 März 2217
„Es gab einen Anschlag! Einen echten, terroristischen Anschlag, hier, auf dem Schiff! Heute Abend ist eine Bombe in einem Unterhaltungssaal explodiert – ich kann es immer noch nicht fassen. Uns ist glücklicherweise nichts passiert, wir waren noch am Buffet zugange, aber wir konnten eine laute Explosion hören und Schreie, diese schrecklichen Schreie werde ich garantiert nie vergessen. Wir haben uns natürlich sofort in unsere Räumlichkeiten zurückgezogen und jetzt warte ich hier seit geschlagenen drei Stunden auf weitere Informationen, während Cornelia in der Kajüte nebenan sitzt und sich die Augen aus dem Kopf weint. Aber wen kümmern schon unsere Sorgen und Nöte, die Mannschaft hat dringlicheren Aufgaben nachzugehen. Terroristen jagen, zum Beispiel, bevor noch ein weiteres Unglück geschieht. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass es auf einer Sternfahrt zu einem Anschlag kommen könnte; hätte ich daran gedacht, ich wäre niemals an Bord dieses verfluchten Schiffes gegangen. Bombenattentate im Weltraum, welcher Verrückte kann dazu imstande sein? Ich verachte diese Bastarde und ihre mörderische Philosophie, ich verachte sie aus tiefster Seele, sie sind feiger Abschaum, hinterfotzig und niederträchtig, ich spucke auf sie! Ich frage mich, wie es nun weitergeht. Wird die Sternfahrt abgebrochen? Fliegen wir zurück zur Erde oder wird die Reise fortgesetzt, als wäre nichts geschehen? Was, wenn der nächste Anschlag bei einem Planetenausflug passiert, ich habe uns für alle Rundflüge angemeldet, das könnte unser Todesurteil sein. Oder vielleicht sprengt uns so ein Irrer während des Buffets in die Luft, bei dem Gedanken wird mir speiübel, ich will sofort nach Hause, oder zumindest mein Geld zurück! Das ist vielleicht der einzige Silberstreif an diesem düsteren Horizont, ich werde diese Bastarde auf Schadensersatz verklagen, bis ihnen Hören und Sehen vergeht. Schmerzensgeld wegen seelischer Grausamkeit und was mir noch alles einfallen mag. Ich werde diese verfluchte Reederei in Grund und Boden klagen – aber was nützt mir das, wenn ich in einem Sarg nach Hause komme? Oder, und das wäre vielleicht noch viel schlimmer, was, wenn sich Cornelia bei der Scheidung alles unter den Nagel reißt?“
Godric Carpenter stoppte die Sprachaufnahme und hörte dem bitteren Klang seiner letzten Sätze hinterher, ein kleiner Teil seines Selbst schämte sich für die Aussage, dass ihm der Tod gnädiger erschiene, als sein Hab und Gut an Cornelia zu verlieren, doch der größere und gewichtigere Teil seines selbstangefüllten Ichs hatte nur wenig Verwendung für Scham, sondern suhlte sich lieber in einem Meer aus Selbstmitleid und Habgier. Unruhig ließ Godric Carpenter den Blick durch die enge Kajüte schweifen, bis sein rastloses Auge schließlich am winzigen Bullauge hängenblieb, das den tiefdunklen Kosmos zeigte und seine Gedanken anzusaugen schien, wie ein schwarzes Loch einen verirrten Stern. Er fühlte sich kleiner und kleiner werden, während er so nach draußen blickte, fühlte sich unbedeutend, verletzlich und leer, weil er nichts sah, als absolute Finsternis. Immer schneller und schneller kreiste die Unsicherheit in seinem Schädel, von heftigem Schwindel erfasst schloß er krampfhaft die Augen, um nicht mehr nach draußen sehen zu müssen, sein Puls raste, Schweiß rann kalt seinen Rücken hinunter, seine Hände zitterten. Wahrlich, Godric Carpenter verabscheute den Weltraum aus tiefstem Herzen.

26 März 2217
„Wir fliegen zurück nach Hause, Gold sei Dank. Die letzten Tage waren der reinste Nervenkrieg, kaum Informationen, dafür tausend Gerüchte und über allem schwebt ständig diese nebulöse Angst, dass es bald wieder zu einem Terroranschlag kommen könnte. Der Kapitän hält zwar allabendlich eine Ansprache, angeblich, um uns auf den neuesten Stand zu bringen, aber er produziert jedes Mal nur tonnenweise heiße Luft, das ist keine Beruhigung. Ich vermute, dass er keine Ahnung hat wer hinter dem Anschlag steckt. Und höchstwahrscheinlich hat er genauso die Hosen voll, wie ich, wenn ich ehrlich sein darf. Wir befinden uns in der lebensfeindlichsten Umgebung, die man sich vorstellen kann, Lichtjahre von der Erde entfernt und irgendwo, unter hunderten Gästen und Angestellten, versteckt sich ein irrer Bombenleger. Ich jedenfalls werde erst wieder ruhig schlafen können, wenn dieses elende Schiff sicher im Raumhafen angelegt hat, nein, noch nicht einmal dann, erst wenn ich zurück auf der Erde bin und echten, terrestrischen Boden unter meinen Füßen spüre, werde ich mich wieder entspannen können. Bis dahin schlafe ich mit einem offenen Auge, wenn überhaupt. Gerade jetzt könnte ich die Liebe und Zärtlichkeit einer verständnisvollen Partnerin dringend gebrauchen, aber damit ist bei Cornelia selbstverständlich nicht zu rechnen. Statt an meiner Seite zu sein, verlässt sie ihre Kajüte nicht mehr, sie lässt sich die Mahlzeiten bringen und verweigert jegliche Kommunikation mit mir. Im Grunde könnte ich genauso gut mit einem Stein verheiratet sein, der würde wahrscheinlich weniger Scherereien verursachen, aber sonst wäre kein Unterschied zu bemerken. Manchmal, ja manchmal wäre ich selbst lieber ein Stein, grau, hart, solide, dann wäre ich von all den elenden Sorgen und Nöten befreit. Obwohl, wer weiß, vielleicht ist Steinsein ja genauso deprimierend wie Menschsein, hat vielleicht nur noch niemand herausgefunden. Ach, was rede ich. Der Weltraum macht aus mir einen dümmlichen Schwätzer. Zurück zum Thema. Die Heimreise soll fünf Tage in Anspruch nehmen, das ist der direkte Weg nach Hause, schneller geht es nicht. In fünf Tagen kann eine Menge geschehen, die Lage bleibt also angespannt. Ich werde einen Weg suchen müssen mich abzulenken, ohne mich unnötig in Gefahr zu begeben. Holo-Golf könnte eine Möglichkeit sein, dabei verliere ich immer das Zeitgefühl und wer käme schon auf die Idee, einen Holo-Golfplatz zu attackieren. Ein Glück, dass ich meine Golfschläger mitgebracht habe, ich hatte schon so eine Vorahnung, dass sie mir nützlich sein würden.“
Godric Carpenter legte das Memorial beiseite und faltete die Hände, als wolle er ein klassisches Gebet sprechen, doch Godric Carpenter betete wenn, dann nur zu sich selbst. Emotional befand er sich in einem unergründlichen Spannungsfeld, hin- und hergerissen zwischen aufrichtiger Terrorismusangst, kindlichem Heimweh und ehrlichem Liebeskummer und es hätte nicht viel gefehlt, er wäre zur Verbindungstür gelaufen, die seine Kajüte mit der seiner Ehefrau verband, hätte ebendiese Türe sperrangelweit aufgerissen, um eine verdutzte Cornelia in den Arm zu nehmen und so lange festzuhalten, bis er wieder wußte, wo oben und unten war. Stattdessen presste er aber nur die Finger seiner Hände so fest gegeneinander, dass die Fingerspitzen weiß wurden.

29. März 2217
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal eine Aufzeichnung machen würde. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Absturz überleben würde. Eigentlich habe ich seit gestern Nacht so ziemlich gar nichts gedacht, alles lief auf Autopilot. Erst jetzt komme ich dazu meine Gedanken zu ordnen und ich bin unaussprechlich dankbar, mein Memorial bei mir zu haben, um die vielleicht letzten Stunden meines Lebens dokumentieren zu können. Verdammt, mir kommen schon wieder die Tränen, ich schaffe die Aufzeichnung wohl nicht, ohne zu heulen. Wir sind abgestürzt. Also, erst sind wir explodiert, dann abgestürzt. Nein, das Schiff ist explodiert. Die Rettungskapsel ist abgestürzt. Ich bin immer noch so durcheinander. Cornelia ist bei mir, sie schläft gerade, weil der junge Steward mit der hübschen Uniform sie mit Beruhigungspillen abgefüllt hat. Außer uns dreien gibt es noch vier weitere Überlebende, wobei es um ein älteres Mitglied der Besatzung schlecht zu stehen scheint, er ist beim Aufprall der Rettungskapsel schwer verletzt worden. Wir anderen sind, wie durch ein Wunder, unverletzt. Ein paar Schrammen und Beulen, aber noch nicht einmal gebrochene Knochen. Aber jetzt endlich der Reihe nach. Natürlich gab es ein weiteres Attentat, anders ist die Sache nicht zu erklären, leider liegen uns kaum Informationen vor. Mitten in der Nacht schrillten plötzlich die Alarme und noch ehe wir es uns versahen, befanden wir uns schon auf dem Weg zu den Evakuierungsports. Ich weiß noch, dass ich mich immer wieder nach Cornelia umgedreht habe, weil ich Angst hatte, sie im wilden Getümmel zu verlieren, ihr kreideweißes, todernstes Gesicht hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingebrannt. Zusammen retteten wir uns in eine Kapsel, was dann geschah, kann ich nicht mehr genau zusammensetzen, ich vermute, dass ich durch einen Sturz ohnmächtig geworden bin, als die Kapsel vom Schiff abgesprengt wurde. Als ich wieder zu mir kam, trudelten wir bereits in hoffnungslosem Taumel diesem Planeten entgegen. Es war Glück im Unglück, dass wir so nahe an einem habitablen System Schiffbruch erlitten haben, wobei man die Gewichtung des Glücks vielleicht nicht überbewerten sollte, denn egal wie habitabel dieser Planet auch erscheinen mag, ohne entsprechende Ausrüstung wird er uns trotzdem töten. Diese Wahrheit ist uns allen bewusst, auch wenn wir bisher noch nicht darüber gesprochen haben.“
Godric Carpenter unterdrückte ein lautes Schluchzen und beendete rasch die Sprachaufzeichnung, weil er fürchtete, sonst die Beherrschung zu verlieren und hysterisch zu werden. Behutsam steckte er das Memorial zurück in den kleinen Koffer, den er vom Schiff hatte retten können. Mit bangem Herzen sah er sich in der weitläufigen Höhle um, in die sich die kleine Gruppe nach dem Absturz der Rettungskapsel geflüchtet hatte und was er sah, stimmte ihn nicht optimistisch. Wenn er geglaubt hatte, der Weltraum würde ihm ein Gefühl der Jämmerlichkeit vermitteln, so musste er nun herausfinden, dass es sich noch viel jämmerlicher anfühlte auf einem fremden Planeten gestrandet zu sein.

30. März 2217
„Der alte Crewman ist gestorben, damit war zwar zu rechnen, aber trotzdem hat es uns alle deprimiert. Es fühlt sich falsch an, ihn unter diesen fremden Sonnen zu begraben, aber mehr können wir nicht für ihn tun. Wir haben ihn draußen vor der Höhle unter Steinen begraben – ich glaube, wenn ich noch ein drittes Mal begraben sage, werde ich verrückt. Verrückt allerdings auch, wie sehr man zusammenrückt, wenn der eigene Tod so nahe kommt. Cornelia und ich halten auf einmal zusammen wie Pech und Schwefel, kein Haar könnte zwischen uns passen, ganz so, als wären die Jahre der Entfremdung hinweggeblasen worden. Auch jetzt liegt sie hier neben mir und hält im Schlaf meine Hand. Unsere Streitigkeiten haben sich in Luft aufgelöst und vielleicht ist das der schönste Trost, der mir in dieser elenden Situation beschieden ist. Auch wenn wir hier verhungern werden, zumindest sterbe ich mit der Liebe meines Lebens an meiner Seite. Aber noch bin ich nicht tot und aufgegeben habe ich auch noch nicht! Morgen früh werde ich zusammen mit dem jungen Steward aufbrechen, um die Umgebung zu erforschen. Er behauptet, die Rettungskapsel hätte automatisch ein potentiell bewohntes Gebiet angesteuert, ich habe nicht genau verstanden wie die Technik funktioniert, aber er klingt sehr zuversichtlich. Seiner Meinung nach könnten wir einen verlassenen Außenposten finden und von dort eine Nachricht an die Erde verschicken. Sein Wort in aller Götter Ohren! Hoffentlich gibt es hier keine Eingeborenen. Oder wilde Raubtiere. Giftpflanzen wären auch sehr schlecht, oder fleischfressende Pilze oder, oder – ich sollte mir wirklich nicht so viele Gedanken machen, sonst gehe ich morgen keinen Schritt. Ich sollte lieber versuchen zu schlafen. Mit etwas Glück überlebe ich das morgige Abenteuer, um hier davon zu berichten.“
Godric Carpenter legte das Memorial auf einen fachen Stein, der als improvisiertes Tischchen diente, dann kuschelte er sich wärmesuchend an Cornelia, die im Schlaf leise murmelte und ihren Rücken an seinen weichen Bauch drückte. Gedankenverloren schmiegte er sich an ihren warmen Körper und ohne es zu bemerken, glitt er langsam in den Schlaf hinüber.

© sybille lengauer

Gestern fragte mich der Schriftsteller und weltbeste Vorleser Axel Aldenhoven, was denn die finsterste Story sei, die ich bisher geschrieben hätte. Nach einiger Überlegung antwortete ich „Devil in Space“ außerdem fiel mir noch „Bob ist ein Arschloch“ ein. Später erinnerte ich mich an eine kurze Kurzgeschichte, die ca. 2019 entstanden ist. Die könnte den finstersten Preis tatsächlich gewinnen. Oder auch nicht, ist ja von vielen Faktoren abhängig, was man als richtig, richtig finster empfindet. Ich habe die Geschichte überarbeitet und stelle sie hier wieder online. Ihr könnt ja gerne selbst überlegen, ob euch eine noch finsterere Geschichte aus meiner Feder einfällt. In diesem Sinne, finstere Grüße!
Eure Sy

Der letzte Mensch

Und wenn du der Letzte wärst,
Nach all den Milliarden,
Wenn keiner mehr käme,
Wenn niemand mehr lebte,
Wer beweinte dich?

„Bitte erwache. Bitte erwache. Bitte erwache“, wiederholt eine weibliche Computerstimme die immergleiche Aufforderung. Der alte Mann, der reglos auf dem glattgelaufenen Holzboden der Unterseestation liegt, reagiert jedoch nicht. Er liegt nur still und sieht tot aus. „Hilfsmaßnahmen eingeleitet“, verkündet die Computerstimme. Ein kleiner, rostfleckiger Roboter löst sich aus seiner Wandverankerung und steuert vorsichtig zwischen chaotisch verstreuten Messinstrumenten, hoch aufragenden Bücherstapeln und unzähligen leeren Weinflaschen hindurch. Als er den Bewusstlosen erreicht, fährt er einen winzigen Greifarm mit Spiegel aus, justiert diesen unter der Nase des alten Mannes und wartet. Der Spiegel beschlägt und die kleine Maschine stößt einen erleichtert klingenden Pfiff aus; unverzüglich verabreicht sie dem Alten eine kreislaufanregende Injektion und verharrt dann in stummer Ergebenheit. Zeit vergeht. Der fragile Greis auf dem Boden bewegt sich nicht. Langsam breitet sich die undurchdringliche Stille des toten Ozeans in der Unterseestation aus. Der kleine Roboter piept ratlos.
„Erweiterte Hilfsmaßnahmen eingeleitet“, verkündet die Computerstimme monoton. Ein riesiger Roboter löst sich aus einer weiteren Wandverankerung, seine schweren Schritte lassen die gläsernen Instrumente in ihren Regalen erzittern. Die Bücherstapel kollabieren, zerfallen zu chaotischen Haufen. Eine ungeöffnete Weinflasche fällt vom Tisch und zerbricht, der saure Geruch von Rotwein erfüllt den Raum. Geschickt hebt der massive Roboter den besinnungslosen Alten vom Boden auf, trägt dessen schlaffe Gestalt zu einem abgenutzten Chesterfield Sofa und legt ihn behutsam darauf ab. Der kleine Roboter eilt piepsend herbei und verabreicht eine weitere Injektion. Mehr Zeit vergeht. Vor dem achteckigen Fenster der Unterseestation, das wie ein riesiges, unnatürlich geformtes Auge in den lebensfeindlichen Ozean starrt, treiben Schwärme bleicher Plastiktüten vorbei. Wie Quallen tanzen sie im unsichtbaren Sog der Meeresströmungen, doch es gibt keine Quallen mehr in den Meeren der Welt. Es gibt nichts lebendiges mehr außerhalb der Unterseestation.
Die Roboter verharren vor dem abgewetzten Sofa und bewachen den zerbrechlichen Menschen, hilflos müssen sie dabei zusehen, wie das letzte bisschen Leben aus seinem fragilen Körper entweicht. „Hilfsmaßnahmen eingestellt“, ertönt die Computerstimme. Der kleine Roboter piept traurig. Der große Roboter lässt einen tiefen, gramerfüllten Basston erklingen. Er dreht seine kolossale Gestalt langsam herum und stampft mit hängenden Schultern aus dem Raum. Stille folgt seinen verhallenden Schritten in lautlosen Wellen. Noch mehr Zeit vergeht. Die Unterseestation schaukelt sanft im Sog des toxischen Wassers, ihre Lichter werden rasch von der unendlichen Dunkelheit des Meeres verschluckt.
Als der Roboter schließlich zurückkehrt, trägt er ein schimmerndes Gefäß in seinen klobigen Händen. Seine großen Füße zerstampfen die Scherben der zerbrochenen Weinflasche und der kleine, rostfleckige Roboter piept missbilligend. Behutsam stellt der metallene Riese das rätselhafte Gefäß auf den Tisch, er hantiert äußerst vorsichtig damit und entnimmt in höchster Konzentration den kostbaren Inhalt: eine knospende Rose.
„Abschiedssequenz eingeleitet“, verkündet die körperlose Computerstimme. Ein antiker Plattenspieler erwacht knatternd zum Leben, die Nadel setzt ruckelnd auf und im nächsten Moment erklingen Walgesänge aus verstaubten Lautsprechern. Andächtig legt der große Roboter die knospende Rose in die erkaltenden Finger des letzten Menschen, dann tritt er mit gesenktem Haupt zurück und beginnt dunkle, melancholische Töne auszustoßen. Seine Abschiedsklage vermischt sich mit den Walgesängen zu einem Lied der Traurigkeit. Die Melodie dringt durch die Räume der Station, klingt gedämpft nach draußen, schwingt durch den stillen, toten Ozean. Erzählt von einer anderen, lebendigeren Zeit. Der Walgesang verklingt und zum letzten Mal ertönt die Stimme des Computers: „Selbstzerstörung eingeleitet“
Die Roboter fahren zurück in ihre Verankerungen und warten ergeben auf die nahende Implosion.
Als die Unterseestation kollabiert, ist niemand mehr da, um es zu sehen.

© sybille lengauer

Maschinentrauma

12. November 2072,
Drei Jahre nach dem Untergang der Menschheit

Bar jeder lebendigen Seele liegen die Straßen der Stadt, diffuse Schwermut wabert zwischen den Gebäuden. Grau und bedrückend zeigt sich das Wetter an diesem stillen Novembernachmittag, zeigt sich das postapokalyptische Antlitz der einstmaligen Metropole. Drei Gestalten wandern durch einen Randbezirk dieser betongewordenen Depression, drei Gestalten, die man bei schlechtem Licht mit Menschen verwechseln könnte, doch keine von ihnen atmet die toxische Luft, die sie unsichtbar von allen Seiten umgibt und auch einen Herzschlag wird man bei ihnen nicht finden. Ganz gleich wie sehr sie äußerlich humanoiden Kreaturen ähneln mögen, handelt es sich doch um Maschinen, die einst erdacht und erschaffen wurden, um der Menschheit zu Diensten zu sein. Da nach dem großen Kriege jedoch kein Mensch mehr vorhanden, der bedient und umhegt werden könnte, liegt es an ihnen, einen neuen Sinn für ihre Existenz auf dem nunmehr lebensfeindlichen Planet Erde zu finden. Die drei Maschinen steuern langsam auf ein schlichtes Einfamilienhaus am Ende einer Sackgasse zu und führen ein freudloses Streitgespräch…

TaNa1: Geht’s etwas schneller? Wenn wir uns nicht beeilen sind die Energiehäppchen weg, ihr wisst doch wie gefräßig EnRy00 ist und der kommt nie zu spät.
KinDr47: Wenn du nicht ständig herumnörgeln würdest, kämen wir vielleicht etwas schneller vom Fleck.
TaNa1: Ha, von wegen. Wenn ich nicht ständig herumnörgeln würde, kämen wir niemals irgendwohin.
KinDr47: Niemand zwingt dich bei uns zu bleiben. Geh’ doch schon vor, wenn du so dermaßen energiebedürftig bist. Wir kommen auch prima ohne dich zurecht, stimmt’s Vel?
Velvo, der mit gesenktem Kopf neben den beiden Streithähnen über den Asphalt schlurft, grunzt eine unverständliche Antwort.
TaNa1: Es geht nicht um meinen Energiebedarf, es geht ums Prinzip! Wenn wir zu spät kommen sind alle guten Plätze besetzt und…
KinDr47: Und dann musst du wieder ganz hinten in der zugigen Ecke sitzen, was natürlich nicht auszuhalten ist. Ich weiß, ich weiß. Alle wissen es! Jeder hat beim letzten Mal dein nicht enden wollendes Lamento mitangehört, du hast dich ausreichend laut und lange genug beschwert.
TaNa1: He! Moment mal! Du hast selbst gesagt, dass es in der Ecke zugig war!
KinDr47 gibt ein übertrieben künstliches Lachen von sich und schlendert betont langsam weiter die Straße entlang.
TaNa1: Dein irrationales Verhalten treibt mich in den Wahnsinn, 47. Es treibt einen in den Wahnsinn, nicht wahr Vel?
VelVo: Ich weiß gar nicht warum ich überhaupt noch mit euch mitkomme. Ihr zankt ständig über jede Kleinigkeit und am Ende hören wir uns doch nur wieder denselben rührseligen Quatsch über die gute alte Zeit an. Sinnkrise hier, Depression da, blablabla. Ganz ehrlich, ich habe die Gruppensitzungen satt. Ich habe das alles hier satt. Ich habe. Es. Satt!
TaNa1: Wenn wir weiter so langsam dahinschleichen wirst du auch als einziger satt bleiben.
KinDr47: Ich fasse es nicht, du bist so ein widerlicher Nörgler!
VelVo: Ach, haltet doch beide die Klappe.
Die Maschinen erreichen endlich das Einfamilienhaus, über der Eingangstüre steht in gut lesbaren Großbuchstaben: ‚Mach aus deinem Trauma einen Traum. Wir helfen dir dabei! Maschinentraum(a) e.V.‘ VelVo bleibt demonstrativ auf der Straße stehen, steckt seine Hände in die Hosentaschen und zieht ein langes Gesicht.
TaNa1: Was ist, Vel. Kommst du nun mit rein, oder nicht?
VelVo: Oder.
TaNa1: Was soll das für eine Antwort sein? Ja oder nein!
Velvo: Weiß nicht.
KinDr47: Hör auf ihn zu bedrängen, du siehst doch, dass es ihm nicht gut geht.
TaNa1: Also ich gehe jedenfalls. Ihr könnt ja hier draußen Rost ansetzen, wenn ihr unbedingt wollt.
KinDr47: Ja, ja. Geh’ du nur zu deinen Häppchen. Ich bleibe bei Vel.
VelVo: Das ist nicht nötig, ich…
KinDr47: Oh doch, das ist nötig. Du bist ja ganz durcheinander, mein Freund.
VelVo: Bitte, 47. Ich möchte lieber alleine sein.
KinDr47: Na gut, wenn du das möchtest, muss ich es respektieren. Mach nur bitte nichts unüberlegtes, ja?
VelVo zwingt ein Lächeln auf seine blassen Lippen und nickt, KinDr47 erwidert das Lächeln und folgt TaNa1 zur Gruppensitzung. Kaum hat sich die Eingangstür hinter den beiden geschlossen, verschwindet das Lächeln aus VelVos Gesicht, bekümmert setzt er sich auf eine nahegelegene Treppenstufe und vergräbt den Kopf zwischen seinen Händen.

© sybille lengauer

Devil in Space

Pling
Ich hätte zu Hause bleiben sollen.
Pling
Mir ein Haustier kaufen.
Pling
Oder zumindest eine Zimmerpflanze.
Pling
Stattdessen liege ich hier.
Pling
Unter einem tropfenden Leitungsrohr.
Pling
Und warte auf den Tod.
Pling
Dabei hatte alles so gut angefangen. Mit unserer neuen Angriffsstrategie konnten wir die gegnerischen Verteidigungslinien mit Leichtigkeit aufbrechen, wir kamen über sie wie zornige Hornissen über eine Herde verdatterter Rindviecher. Ihre behäbigen Kampfkreuzer waren nicht annähernd in der Lage, es mit unseren wendigen EMEB*-Schiffen aufzunehmen. Endlich hatten wir die Oberhand, wir haben ihnen ordentlich eingeheizt, ein Selbstmordgeschwader nach dem anderen stürzte sich auf ihre riesigen Kriegskolosse, bis diese schließlich im unaufhörlichen Bombenhagel auseinanderplatzten und durchs Weltall taumelten wie brennende Papierlampignons zu Neujahr. Auch ich war bereit mich den Tod zu stürzen, bereit den letzten Schritt zu tun und meinen ultimativen Beitrag zu leisten auf unserem Weg zum Sieg über die Mormoriten: Mein Leben für die Heimat. Mein Leben für die Erde. Als das Startsignal des Staffelführers ertönte, verschwendete ich keinen zweiten Gedanken an mein bevorstehendes Ende, ohne zu blinzeln ging ich zum Angriff über.
Pling
Aber der Antrieb. Dieser elende, auf alle Zeit verdammte Antrieb. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen was schiefgelaufen ist, kann mich an zu wenig erinnern. Ich weiß noch, dass mit einem Mal die Antriebsenergie versagte. Ich verlor die Kontrolle über das EMEB, dann riss mich plötzlich eine Explosion aus der Steuerliege. Ich verlor das Bewusstsein und als ich endlich wieder erwachte, lag ich eingekeilt unter einem Berg aus Trümmern und verbogenem Metall. Bewegungsunfähig. Hilflos. Auf dem kalten, harten Boden meines Schiffes. Viele Stunden liege ich nun schon hier, mein Körper ist ganz gefühllos und taub geworden, doch meine Gedanken wandern rastlos umher, schweifen hierhin und dorthin und immer wieder zurück nach Hause. Zurück zur Erde. Ich weiß, dass niemand kommen wird, um nach mir zu suchen. Ich weiß, dass ich hier liegen bleiben werde, bis ich verkümmert bin und sterbe. Die Schlacht ist längst vorbei, der Krieg ist weitergezogen. Alle meine Kameraden sind tot. Nur ich brauche noch ein bisschen.
Pling
Über meinem Kopf tropft das Leitungsrohr. Ich frage mich wie lange es wohl dauern wird, bis mich dieses Geräusch in den Wahnsinn treibt. Es zerhackt meine Gedanken, lässt mich unruhig werden, nervös und fahrig. Es verunsichert mich. Ich muss es ignorieren, sonst wird das hier hässlich. Ich frage mich generell, wie lange es wohl noch dauern wird. Nicht mit dem Wahnsinn, sondern mit dem Sterben. Ich weiß nicht wie schwer meine Verletzungen sind. Schmerzen habe ich keine, aber was heißt das schon. Gehen wir aber vorerst davon aus, dass es mir körperlich relativ gut geht. Die Lebenserhaltung des EMEB scheint nicht beschädigt zu sein, das bedeutet Sauerstoff und Wärme für mindestens sechs Wochen, also bleibt mir wohl als Option nur langsames, qualvolles dahinsiechen. Hab’ mich schon besser amüsiert.
Pling
Ich hätte auf der Erde bleiben sollen. Hätte meinen Job bei der Müllentsorgung behalten und weiter mein kleines Leben leben sollen. Die Rechnungen bezahlen, die Fertigmahlzeiten essen, die Kriegsberichterstattung im Holo-View glotzen und einmal in der Woche zum staatlichen Psychiater. Ich hätte mit meinem Arsch auf meiner Couch bleiben sollen, doch was nützt es mir jetzt darüber zu klagen, ich werde das alles nie wiedersehen und irgendwie erkenne ich erst jetzt, wo ich hier liege und meine Lage zerdenke, wie wertvoll es gewesen ist. Langweilig war mir die Welt geworden. Eintönig und leer erschien mir mein Leben und alles darum herum, also warum nicht freiwillig melden für die wichtigste Mission seit Kriegsbeginn? Was wusste ich schon von Eintönigkeit und Langeweile. Inmitten des unermesslichen Nichts gestrandet zu sein, ohne Hoffnung auf Zurück, das nenne ich die ultimative Monotonie.
Pling
Ich kann mich noch genau erinnern wie euphorisiert wir alle waren, als wir damals zum ersten Mal von der fremden Intelligenz aus dem Weltraum erfuhren. Fünfundzwanzig Jahre ist das her und ich weiß noch immer ganz genau, wonach es in diesem Moment gerochen hat und welcher Song im Wireless Radio lief, bevor die Durchsage kam: Die ganze Wohnung stank nach Mutters Bratkartoffeln mit Knoblauch- und Zwiebelgranulat und sie spielten gerade ‚The swan who has fallen in love with a helicopter“ von den Candy-Shop-Boys. Dann ertönte das Signal für eine wichtige Sondermeldung und ich hielt gespannt den Atem an. Als der Sprecher die Meldung über unseren Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation verlas, ließ meine Mutter in der Küche vor Schreck den Pfannenwender fallen. Ich aber hörte nur eines: Außerirdisch. Das war atemberaubend! Ich war zwar noch ein kleiner Hosenscheißer, aber ich war fasziniert, elektrisiert und wollte unbedingt dabei sein.
Pling
Natürlich hatte ich keine Chance auf ein Ticket zu den Sternen, auch wenn ich es mir jeden Abend zum Einschlafen wünschte, außerdem an Weihnachten und zum Geburtstag und bei jeder anderen Gelegenheit, die ich ergreifen konnte. Wir waren eine typische Unterschichtsfamilie, geringe genetische Qualität, geringe Perspektive. Egal wie sehr ich mich anstrengte, egal wie fleissig ich lernte, ich war abgeschrieben, noch bevor ich überhaupt loslegen konnte. Sie nannten meinen Jahrgang die überflüssige Generation und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet wir Überflüssigen einmal allen anderen den Arsch retten würden, wenn auch nur durch unseren kollektiven Selbstmord? Ach verdammt, ich werde wohl zynisch auf meine letzten Tage. Aber was macht das schon.
Pling
Mein naiver Traum von den Aliens war auch recht schnell ausgeträumt, als uns die Mormoriten fünf Jahre später den Krieg erklärten. Also, ihre AI erklärte unserer AI den Krieg, denn direkt konnten wir damals noch nicht kommunizieren. Ist schon etwas komplizierter über 4,7 Lichtjahre hinweg mit einer völlig unbekannten Spezies zu parlieren. Bis heute behaupten einige der Eierköpfe von NASA und SETI, dass die ganze Sache mit der Kriegserklärung ein bedauernswerter Systemfehler gewesen sein muss. Ich glaube allerdings, dass die einfach nicht wahrhaben wollen, dass die Mormoriten uns nicht ausstehen können. Mir muss man das nicht erzählen, ich kann ziemlich gut verstehen, warum die uns angegriffen haben. Wir sind eine brandgefährliche, selten dämliche Spezies und das sage ich nicht nur leichtfertig dahin, das meine ich mit jeder Faser meines Körpers.
Ach, was rege ich mich auf, ist ja ohnehin zwecklos. Ich sollte meinen Frieden machen und ohne Scheu dem Ende entgegenblicken, so lang es sich auch hinziehen mag. Was nützt es in der Vergangenheit herumzuwühlen, es hat doch gar keinen Zweck über all die Entscheidungen und Schicksalswendungen nachzugrübeln, die mich schließlich hierher gebracht haben. Es ist wie es ist. Hol’s der Teufel.
Pling

*EMEB = Ein-Mann-Eine-Bombe

© sybille lengauer

Namur

Dunkelheit, von vereinzelten Blitzen durchzuckt. Wind heult, Regen peitscht die Bäume auf. In einer verlassenen Scheune drän- gen sich ängstliche Körper aneinander. Zucken bei jedem Donner- schlag. Augen, so groß, dass man fast nur Weiß sehen kann, starren angestrengt zum Scheunentor. Körper zittern unkontrolliert gegen das Entsetzen. Entferntes Hundegebell ist zu hören. Aufgeregte Rufe. Eine der Gestalten krümmt sich und beginnt leise zu weinen. Eine andere legt schützend die Arme um sie. „Hierher!“, ruft es von draußen plötzlich, drinnen sind verzweifelte Schreie zu hören. Das Scheunentor wird aufgerissen, grelle Lichtkegel fluten in die Finsternis. „Ich hab sie!“, schreit jemand, dann mischen sich Ge- wehrschüsse mit neuem Donnergrollen.
„Ich habe einen Anruf von Valicek erhalten. Kahrbauer soll an einem Artikel über Belgien schreiben.“ Zwei dunkle Gestalten ste- hen vor dem Seiteneingang eines seelenlosen Bürogebäudes und blasen enorme Dampfschwaden aus ihren E-Smokes. „Ich hatte dich gewarnt. Habe ich dir nicht gesagt, dass dieser verdammte Schmierlappen nicht locker lassen wird?“ Die Stimme des Sprechers klingt gereizt. Ein leichter, englischer Akzent unter- streicht den herablassenden Tonfall. „Ja, Jeff“, murmelt eine zweite, jüngere Stimme kleinlaut. „Dieser Kerl ist ein fucking Ter- rier, habe ich das nicht zu dir gesagt?“ Der Mann atmet eine Dampfwolke aus, die sofort von einem kalten Windstoß zerrissen wird. „Ja, Jeff“, kommt die unterwürfige Antwort von seinem Ge- genüber. „Und was hast du zu mir gesagt, Junge?“ „Bitte, ich bekomme das wieder in den Griff.“ Irgendwo in der Nähe erklingt eine Autosirene, der Wind trägt die Geräusche der Straßen mit sich. „Du gehst mir gerade unglaublich auf die Nerven“, schnaubt Jeff herablassend, er dreht sich abrupt um und betritt das Gebäude. Wie ein Schatten folgt ihm der zweite Mann. Im Fahrstuhl herrscht eisiges Schweigen. Erst als sie in einem klinisch weißen Büro angekommen sind, wendet sich Jeff erneut an seinen Begleiter. „Es ist mein Fehler. Ich dachte du wärst dieser Aufgabe gewachsen, aber nicht jeder kann die Hitze aushalten.“ Er sieht dem jungen Mann tief in die Augen, der mit hängenden Schultern im blendenden Weiß des Teppichs versinkt. „Ich übergebe die Sache an Ludger Meyer. Er weiß, wie man mit diesem Journalistenge- schmeiß umgeht. Du fliegst morgen früh nach Namur. Ich möchte einen genauen Bericht über die letzten Ereignisse. Ich habe keine Lust im Dunkeln in ein Messer zu laufen. Hast du verstanden, Tom?“ „Ja, Jeff.“ Das Gespräch ist beendet. Tom verlässt mit ge- senktem Kopf das Büro seines Vaters.

Ein Mund, der zu einem stummen Schrei verzerrt ist. Ver- zweifeltes Ringen nach einem letzten Atemzug. Dürre Arme, die sich in den unendlich weit entfernten Himmel strecken. Der Team- leiter der mobilen Einsatztruppe beugt sich über die Grube. „Der lebt noch“, stellt er fest und schießt dem zuckenden Körper sauber in den Kopf. Ein Mann in einem olivgrünen Overall steht mit ei- nem einsatzbereiten Flammenwerfer neben ihm und wartet auf das Zeichen. Über ihren Köpfen kreist ein Bussard. Der Vogel sieht die dreckigen Jeeps, die in einem Halbkreis um das Massengrab geparkt sind. Sieht die Männer, die gerade eine letzte Leiche in die Grube zerren. Mehrere Körper liegen darin, verdreht, erschossen, ausgezehrt. Über allem liegt der unbändige Geruch von Blut. Als der Flammenwerfer sein vernichtendes Feuer über die Kadaver spuckt, schlägt der Bussard zornig mit den Flügeln, lässt sich vom Wind weitertreiben.
Eine schlaflose Nacht, zwei Flugstunden und eine langweilige Taxifahrt später steht der Sohn des größten Gentechnologie- herstellers Europas vor einem rundlichen Labormitarbeiter, der ihm in gebrochenem Deutsch die Situation erklärt. „Es ist also mehr als eine Spezies entkommen?“, fasst Tom zusammen, was der Mann im weißen Kittel umständlich beschrieben hat. „Oui, Monsieur Underberg, der Labor – voll.“ Tom zeigt auf eine der Tabellen, die er von zuhause mitgebracht hat. Mäuse, Kaninchen, Affen, ein halber Streichelzoo ist darauf abgebildet. „Welche Spezies?“, fragt er betont deutlich und klopft mit seinem Kugelschreiber auf das Papier. Der Mitarbeiter nimmt ihm die Tabelle aus der Hand, überfliegt sie kurz. Dann kreuzt er mehrere Bilder an und reicht den Zettel zurück. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt eine kühle Frauenstimme hinter Tom. Der dreht sich nicht um, sondern starrt nur finster auf die Tabelle. „Mein Name ist Greta Claes, ich denke wir waren vor vierzig Minuten in mei- nem Büro verabredet, Herr Underberg“, fährt die Frau mit ihrer einseitigen Unterhaltung fort. Tom wendet den Blick nicht vom Papier ab. „Ihre Berichte an die Firma waren nicht zufrieden- stellend. Ich ging daher davon aus, dass auch ein Gespräch mit Ihnen nicht zufriedenstellend verlaufen würde, Frau Claes. Mein Vater wünscht eine genaue Analyse der Situation und ich ver- sichere Ihnen, Sie möchten seinem Wunsch nicht im Wege stehen. Sie können mir jetzt das Labor zeigen, Dr. Peeters.“ Er lässt das Blatt Papier sinken und nickt dem verlegenen Labormitarbeiter zu, der das Gespräch mit angestrengtem Gesichtsausdruck verfolgt hat. Seit Greta Claes das Zimmer betreten hat, ist er deutlich in sich zusammengesackt. „Dr. Peeters“, spricht Tom ihn erneut an, diesmal etwas lauter. „Bien sur“, beeilt sich der untersetzte Mann und führt ihn unter diversen Gesten aus dem Raum. Seiner Chefin nickt er nur entschuldigend zu. Der Weg führt durch hell erleuchtete Gänge, die von Videokameras überwacht werden. Niemand sagt ein Wort, auch nicht, wenn eine der unzähligen Sicherheitsschleusen passiert wird. Nur das Klacken der Schuhe begleitet sie durch die schier endlosen Flure. Als Dr. Peeters schließlich vor einer Tür stehenbleibt, wendet sich Tom direkt an Frau Claes. „Aufmachen“, blafft er sie an. Die adrett gekleidete Frau erwidert seine Herausforderung mit einem kalten Lächeln. Achselzuckend tippt sie einen Code in die kleine Wandtafel neben der Tür. Ein leiser Piepton erklingt. Tom verschränkt abwartend die Arme vor dem Bauch. Greta Claes nickt ihrem Angestellten zu, der daraufhin die Tür öffnet. Der enorme Raum dahinter ist nur zur Hälfte vorhanden, die andere Hälfte liegt in Schutt und Asche. Durchsichtige Folien spannen sich gegen einen blauen Himmel, Wind bläst durch Ritzen in der provisorischen Abdeckung. „Was, zum Teufel, ist hier passiert?“, fragt Tom, mit aufgerissenen Augen betritt er das ehemalige Großlabor. Er starrt gebannt auf das klaffende Loch in der Außenmauer. „Eine Gasexplosion ist pas- siert“, antwortet Greta Claes trocken. „Ich habe Ihnen den Unfall- hergang ausführlich in meinem Bericht geschildert.“ „Ja, ja. Schon gut“, wehrt Tom ungeduldig ab. Er betrachtet die großen, zerstör- ten Käfige. „Wie viele sind entkommen?“, fragt er schließlich, inmitten der Zerstörung stehend. „Auch diese Angaben finden Sie in meinem Bericht, Herr Underberg“, ihre Stimme ist ein einziger Vorwurf. „Frau Claes. In Ihrem Bericht haben Sie von einem klei- nen Zwischenfall geschrieben, bei dem einige wenige Versuchs- objekte Ihren Räumlichkeiten entwichen sind. Jetzt stehe ich hier vor einem riesigen Loch in Ihrem Labor und habe eben erfahren, dass es sich bei den Versuchsobjekten um verschiedene, hochmo- bile Spezies handelt. Ich frage Sie also noch einmal. Wie viele Versuchsobjekte sind entwichen?“ Toms ätzender Tonfall zeigt langsam Wirkung. „Zweiundzwanzig.“ Greta Claes spuckt ihm die Antwort förmlich vor die Füße. „Zehn Hasen-, fünf Ratten-, drei Hunde-, zwei Schimpansen-, zwei Schweinehybriden.“ „Warum waren diese Hybriden alle in einem Raum?“, bohrt Tom aggressiv weiter. „Sie sollten am nächsten Morgen abgetötet werden, die Versuchsreihe war abgeschlossen.“ „Welche Versuche wurden an den Viechern durchgeführt?“ „Herr Underberg, wollen wir dieses Gespräch nicht lieber in meinem Büro fortsetzen, ich denke Dr. Peeters würde nun gerne wieder seiner Arbeit nachgehen?“ Mit einer knappen Geste schickt Frau Claes ihren Mitarbeiter aus dem Raum. Tom wiegelt ungeduldig ab. „Was wir zu bereden haben, können wir überall klären. Also, welche Versuche?“ Bevor Greta Claes antwortet, schließt sie gewissenhaft die Tür des zerstörten Labors.

Laufen. Immer nur laufen. Das Herz pocht bis zum Hals, die nack- ten Füße bluten und immer weiterlaufen. Irgendwann brechen die Beine unter ihr zusammen, sie fällt der Länge nach hin. Muss es in den Wald schaffen. Zwingt sich wieder hoch. Läuft weiter. Gehetzter Atem, Schweiß auf der Haut. Als sie das Geräusch eines Helikopters hört, flüchtet sie unter einen niedrigen Busch. Kauert unter den grünen Zweigen und bedeckt ihren geschorenen Kopf mit blassen Armen. Das Wummern des Rotors vermischt sich mit einem rasenden Herzschlag. Tränen laufen aus geröteten Augen. Die Eindrücke der letzten Tage fluten unkontrolliert über sie herein. Wütend schüttelt sie die Bilder ab, stößt ein kehliges Wimmern aus. Wartet darauf, dass das dröhnende Geräusch der Maschine leiser wird. Als das Brummen verebbt, kriecht sie wieder aus dem Gebüsch und hastet weiter. Über die Böschung, quer durch den Bach. Steine bohren sich in ihre Fußsohlen. Äste peitschen über nackte Haut. Ein Schuss zerreißt die Szenerie in tausend Splitter. Grellrotes Blut schießt aus ihrem Mund. Sie taumelt gegen eine junge Buche, ein faustgroßes Loch klafft in ihrem Brustkorb. Tot bricht sie am Rand des Laubwaldes zusammen.
„Möchten Sie Milch und Zucker?“ Tom Underberg und Greta Claes sitzen sich in einem konservativ eingerichteten Büro gegen- über. Eine unscheinbare Sekretärin trägt Kaffee und Gebäck auf. „Schwarz, danke“, antwortet Tom, seine Stimme klingt ungedul- dig. Die Sekretärin serviert und verschwindet dann aus dem Büro. Stille breitet sich aus, nur unterbrochen vom diskreten Klappern guten Porzellans. Vor dem Fenster ziehen vereinzelte Wolken über einen stahlblauen Himmel. Kaffeeduft erfüllt das Zimmer. „Herr Underberg“, nimmt Greta Claes schließlich wieder das Gespräch auf, „Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Lage unter Kontrolle haben. Unsere Teams sind absolut zuverlässig.“ „Zweiundzwanzig Lebensformen“, antwortet Tom nur. Er balanciert einen Teller mit kleinen Plunderteilchen auf seinen Knien und nimmt immer abwechselnd einen Schluck Kaffee und einen Bissen Süßgebäck zu sich. Greta Claes beobachtet ihn mit unverhohlener Abscheu. „Zehn konnten bereits sichergestellt werden. Wir sprechen also von zwölf Lebensformen.“ „Was ist übrig?“ „Fünf Hasen, fünf Ratten, zwei Schweine. Die Hunde und Schimpansen konnten wir bereits am zweiten Tag sicherstellen, sie waren gemeinsam in einer Scheune versteckt. Auch einen Teil der Hasen konnten wir als Gruppe auftreiben. Die restlichen Versuchsobjekte halten sich vermutlich nicht in Gruppen auf, das macht die Sache schwieri- ger.“ „Ich will eine exakte Aufstellung der bisherigen Abläufe. Mi- nu-ti-ös.“ Tom klopft bei jeder Silbe mit seiner Tasse gegen den Teller auf seinen Knien. Kleine Krümel fliegen aus seinem Mund. „Ich will die aktuellen Reporte des Einsatzteams und ich will eine exakte Aufstellung der Hybriden und mit welchen Gefahren wir zu rechnen haben. Und ich will das alles gestern, haben Sie mich verstanden?“ Greta Claes nickt zähneknirschend und lässt ein gekünsteltes Lächeln aufblitzen.

Rabenschwarze Nacht. Kälte. Nässe. Einsamkeit. Nirgendwo ein Punkt zur Orientierung. Nur zermatschtes Laub an den Füßen, Schwärze vor den Augen und bohrende Verzweiflung. Ein paar abgebrochenen Zweige, die als Schutz gegen den Regen dienen. Er hockt in einer feuchten Kuhle, den Rücken gegen einen Stein gepresst. Versucht sich in den Schlaf zu zittern. Hat keine Kraft mehr. Der ferne Ruf eines Käuzchens lässt ihn auffahren. Die blutunterlaufenen Augen irren in der Dunkelheit hin und her. Der nächste Ruf des Käuzchens klingt näher. Gehetzt kommt er wieder auf die Füße. Hält sich an Zweigen fest, während er schwer atmend durch die Finsternis torkelt. Er kann nicht mehr weiter. Muss immer weiter. Rutscht im glitschigen Laub. Fällt einen steilen Abhang hinunter und schlägt auf spitzen Steinen auf. Das Schein- werferlicht eines heranrasenden Zuges blendet ihn. Mit blutigen Händen, blutigen Knien windet er sich zwischen den Schienen. Blind. Verängstigt. Allein. Als der Zug ihn wenige Sekunden später erfasst, bleibt nur ein blutiger Streifen auf den Gleisen zurück.
„Diese Frau ist so unfähig, man möchte sich die Haare rau- fen!“ Tom sitzt auf der Toilette und telefoniert mit seinem Vater. „Dasselbe könnte man auch über dich sagen“, erklingt Jeffs Stim- me lieblos aus dem Mobiltelefon. Tom verliert den Faden, das Gespräch gerät ins Stocken. „Wie ist die aktuelle Lage?“, fragt Jeff schließlich ungehalten in die unangenehme Stille hinein. „Wir haben zwei weitere Versuchsobjekte bergen können. Damit fehlen nur noch zehn“, beeilt sich Tom zu antworten. Das Hochgefühl, welches er zu Beginn des Gespräches empfunden hatte, ist rück- standslos verflogen. „Wer ist wir?“, blafft Jeff am anderen Ende der Leitung. Offenbar hat er ausgesprochen schlechte Laune. Tom verdreht resigniert die Augen. Er stellt auf Lautsprecher, um sich den Hintern abzuwischen. „Es bleiben nur noch fünf Ratten und fünf Hasen übrig. Wobei wir uns um die Ratten kaum Gedanken machen müssen. Claes versichert, dass sie bald eingehen wer- den.“ „Aha“, macht Jeff. „Hat irgendwas mit einem fehlenden En- zym zu tun. Steht im Bericht.“ Tom betätigt die Spülung und zieht sich wieder an. Er verzichtet darauf sich die Hände zu waschen, drückt das Handy wieder an sein Ohr. Bleibt nachdenklich vor dem Spiegel stehen. „Es sind also eigentlich nur noch die fünf Hasen, um die wir uns kümmern müssen.“ Auf der anderen Seite der Leitung bleibt es still. „Gibt es etwas Neues von Kahrbauer?“, fragt Tom und hofft, mit der Erwähnung des Journalisten das Ge- spräch wieder für sich zu gewinnen. „Was interessiert dich das?“, fragt Jeff gereizt zurück. Tom starrt sich selbst in die Augen und zeigt seinem Spiegelbild den Mittelfinger. „Ist noch was?“, quäkt es aus dem Handy. „Nein, Vater.“ „Dann bis morgen.“ Das Ge- spräch ist beendet. Tom atmet langsam durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Wählt eine neue Nummer. „Under- berg hier. Verbinden Sie mich mit Frau Claes.“ Er wartet auf die Verbindung und korrigiert ein paar Haarsträhnen an seiner Frisur. „Was kann ich für Sie tun, Herr Underberg?“ Greta Claes versucht nicht zu verschleiern, dass sein Anruf unwillkommen ist. Ihre Stimme klingt abweisend und kalt. „Mein Vater ist sehr unzufrie- den, Frau Claes.“ Tom tritt näher an den Spiegel heran, betrachtet eingehend sein junges Gesicht. „Er wird es sich vorbehalten, ent- sprechende Schritte in der Personalpolitik einzuleiten.“ „Dazu ist er absolut berechtigt“, antwortet Greta Claes trocken. „Ich möchte morgen beim Einsatz dabei sein.“ Tom fährt mit dem Zeigefinger über seine glatte Stirn und lächelt seinem Spiegelbild zu. „Dazu sind Sie absolut berechtigt.“ Frau Claes scheint sich auf einen Satz festgelegt zu haben. „Mailen Sie mir die genauen Daten. Ich werde vor Ort sein.“ „Gerne.“ Sie legt auf, ohne sich zu verabschieden.
Ständiges Erbrechen, obwohl der Magen völlig leer ist. Galle. Husten. Brennende Schmerzen. Dunkle Flüssigkeit, die aus den Ohren läuft. Augen, die eingefallen in dunklen Höhlen liegen. Die Kinder liegen eng umschlugen im Keller eines Hauses. Haben sich in der Nacht eingeschlichen und unter alten Armeedecken vergra- ben. Jetzt warten sie darauf, dass die Schmerzen endlich aufhören. Liegen schlaff übereinander. Atmen hechelnd. Von oben erklingt helles Lachen. Tapsige Schritte laufen durch ein glücklicheres Leben. Irgendwo spielt ein Liebeslied im Radio. Unten ist nur noch flaches Atmen und unregelmäßiger Herzschlag. Trockenes Würgen. Eine letzte Träne, die aus einem verkrusteten Augen- winkel läuft. Irgendwann hört auch der letzte, kleine Brustkorb auf, sich zu bewegen.

Der Jeep rast mit aufheulendem Motor über eine Schotterpiste. Hinter dem Steuer grinst Tom wie ein kleiner Schuljunge. Der Einsatzleiter, der neben ihm sitzt, ist sichtlich unbeeindruckt. „Wir haben heute Morgen die ganze Rattenbande ausgehoben. Dachten erst, sie hätten sich aufgeteilt. Hatten aber nur falsche Fährten gelegt. Schlaue Biester, diese Biester!“, schreit er gegen den Fahrt- wind an. Tom lacht und gibt noch einmal richtig Gas. Im Rück- spiegel sieht man die anderen Jeeps in einiger Entfernung folgen. „Die Meldung kommt von einem Bauernhof, drüben in Ciney. Ich hätte nicht gedacht, dass die so weit kommen würden.“ „Haben Sie eine Idee, wo die hinwollen?“ Tom geht ein wenig vom Gas und konzentriert sich mehr auf das Gespräch. „Die zieht es in die Wälder“, antwortet sein Begleiter. „Keine Ahnung ob die glauben, dass sie sich da besser verstecken können oder ob es so eine Art animalischer Instinkt ist. Was weiß ich.“ „Wie viele Hasen wurden gesichtet?“ „Vier oder fünf.“ „Haben die auch falsche Fährten gelegt?“ „Wer weiß das schon. Sie können sie ja fragen, wenn wir sie gefunden haben.“ Der Einsatzleiter lacht und klopft Tom väterlich auf die Schulter. Die restliche Fahrt erzählt er witzige Erlebnisse aus seinen früheren Tagen beim Militär. Tom genießt jede einzelne Sekunde davon. Kurz vor Ciney halten die Wagen am Seitenstreifen der Landstraße. Die Männer koordinieren sich routiniert, während Tom so tut, als würde er dazu gehören. Er wird einem jungen Mann zugeteilt, der sich als Dubois vorstellt. Die beiden bilden das Schlusslicht des Trupps, der sich nun wieder in Bewegung setzt. Vor einem Bauernhaus halten sie erneut. Der Einsatzleiter steigt aus und unterhält sich angeregt mit dem Bauern, der bereits vor die Tür getreten ist. Tom kann das Gespräch nicht verstehen, er sieht aber, dass der Bauer in eine bestimmte Richtung deutet. Der Einsatzleiter bedankt sich, Geld wird übergeben. Dann fahren die Wagen in die angegebene Richtung. Man hält nun über Funk untereinander Kontakt, spricht sich mit dem Hubschrauber- team ab. Tom verfolgt alles mit stiller Faszination. Als der Hub- schrauber schließlich eine Sichtung meldet, entfährt ihm ein auf- geregter Schrei. „Fahr, fahr, fahr!“, feuert er Dubois an. Der Jeep schießt einen Forstweg hinunter, folgt der Staubspur der anderen Wagen.

Die vier Frauen rennen panisch in verschiedene Richtungen davon, als die Jeeps am Rand der Lichtung auftauchen. Sie haben den Mo- torenlärm nicht wahrgenommen, waren zu erschöpft von der tage- langen Flucht. Nur ein wenig Schlaf. Nur ein bisschen im Sonnen- schein liegen. Jetzt laufen sie ein letztes Mal um ihr Leben. Die Jeeps teilen sich ebenfalls auf, lassen sich vom Helikopter leiten. Schüsse krachen durch den lichten Wald. Getroffen fällt eine rennende Gestalt zu Boden, überschlägt sich, bleibt liegen. Eine andere krümmt sich, hastet dann aber weiter. Dubois schneidet ihr den Weg ab. Rammt sie mit dem Wagen. Der geschundene, magere Frauenkörper schlägt mit einem dumpfen Knall gegen das Blech des Jeeps. Tom zuckt zusammen, als er das Geräusch hört. Hat sich das alles ganz anders vorgestellt. Dubois hält den Wagen an und steigt aus. „Kommen Sie, Monsieur Underberg!“ Unwillig klettert Tom aus dem Jeep. Geht um den Wagen herum und sieht sich das blutende Wesen an, das verdreht auf dem Waldboden liegt. „Das ist eine Frau!“, entfährt es ihm entsetzt. „Möchten Sie sie erschie- ßen, Monsieur Underberg?“, fragt Dubois und hält ihm grinsend eine Pistole hin. Tom wird sehr blass, greift aber schließlich nach der Waffe. Die Frau auf dem Boden schluchzt herzzerreißend. Trotz unzähliger Knochenbrüche versucht sie immer noch durch das Laub davonzukriechen. Weg von den Männern, die breitbeinig über ihr stehen. Tom zielt mit der Pistole. Seine Hand zittert stark. Sein erster Schuss geht in ihren Oberschenkel. Der zweite trifft ihren Rücken. Den dritten schießt Tom einen Meter daneben, das vierte Mal zerfetzt er ihr Gesicht, als sie sich wimmernd nach ihm umdreht. „Monsieur Underberg, très bien!“, lacht Dubois und nimmt Tom die Waffe aus den verkrampften Fingern. „Ich dachte zuerst, Sie scheißen sich ein, aber das war saubere Action.“ Aufmunternd deutet er mit der Waffe quer über die Lich- tung. Ein blasser Körper verschwindet gerade hinter einem umgestürzten Baumstamm. „Da ist noch eine, holen wir sie uns!“ Tom folgt Dubois, als dieser mit schnellen Schritten die Lichtung überquert.
„Auf unser neues Ehrenmitglied, er lebe hoch! Hoch! Hoch!“ Ausgelassenes Gelächter brandet durch den Schankraum.

Weingläser prosten ihm zu, Schnäpse werden geleert. Tom steht inmitten der Aufmerksamkeit, sein wächsernes Lächeln überstrahlt den Raum. Er stürzt sein Glas Rotwein hinunter, lässt sich sofort neu einschenken. Hinter seiner Stirn explodiert ein verzweifeltes Gesicht in tausend Knochensplitter. „Auch auf euch, meine tapferen Kameraden!“ Seine Stimme klingt etwas schrill, es war ein langer Tag. Tom kann immer noch das Blut an seiner Kleidung riechen. Nachdem er ein paar weitere Gläser Wein geleert und bei unzähligen Schnapsrunden zugegriffen hat, torkelt Tom nach draußen um seine E-Smoke zu rauchen. „Eine noch, eine noch, eine noch!“, schreit es hinter ihm her, und Tom weiß nicht, ob die Männer noch eine Schnapsrunde oder noch eine Leiche meinen. Betrunken fummelt er das Handy aus seiner Jackentasche, um seinen Vater anzurufen „Es ist nach elf, was zur Hölle willst du?“, fährt Jeff ihn verschlafen an. „Ich habe sie erschossen!“, lallt Tom zwischen Stolz und Elend. Erneut sieht er die geschundene Gestalt auf der Lichtung liegen. Ihr rotes Blut im grünen Gras. „Was hast du?“ „Ersch-sch-sch-schossen!“, schreit Tom. Er lacht schallend. Sieht eine blutverschmierte Hand, Glockenblumen, die sich im Wind wiegen, leblose Augen. „Bist du besoffen, Junge?“, jetzt schreit auch Jeff. „Natürlich bin ich besoffen, du Arschloch! Ich habe sie erschossen!“, kreischt Tom hysterisch. Tränen laufen über sein hochrotes Gesicht. Dann kotzt er unkontrolliert vor die Eingangstür der Schänke. „Tom? Tom!“ „Es sind Menschen, Vater. Wusstest du das?“ Ein langer Rotzfaden hängt aus Toms Nase. Geräuschvoll zieht er ihn nach oben. „Und ich habe sie abgeknallt.“ Er wirft das Handy gegen die Hausmauer und kotzt sich die Seele aus dem Leib.
„Gottlieb Kahrbauer?“ „Spreche ich mit Gottlieb Kahrbauer?“, fragt eine verzerrte Stimme. „Das habe ich doch gerade gesagt, oder?“, antwortet der Journalist verärgert, er ist kurz davor den Hörer wieder aufzulegen. „Es geht um Namur“, schnarrt die ano- nymisierte Stimme. Ein einziges Wort und schon hat der unbe- kannte Anrufer Kahrbauers volle Aufmerksamkeit. „Ich höre zu“, sagt er mit Bestimmtheit. „Die haben Menschen getötet!“ Trotz Stimmverzerrung klingt der Sprecher verzweifelt. Kahrbauer glaubt ein Schluchzen hören zu können. „Haben Sie irgendwelche Beweise?“ stellt er die einzige Frage, die wirklich von Belang ist. „Ich habe alle Beweise, die Sie sich wünschen können. Aber zuerst müssen Sie sie retten!“ „Wen muss ich retten?“, fragt Kahrbauer irritiert, ungeduldig winkt er seine Frau fort, die gerade eine Tasse Tee ins Arbeitszimmer bringt. „Es sind zweiundzwanzig Men- schen bei der Explosion entkommen. Einundzwanzig wurden ver- nichtet. Eine Frau lebt noch. Sie müssen sie finden!“ „Wie stellen Sie sich das vor?“ Kahrbauer weiß nicht genau, was er von seinem Gesprächspartner halten soll. „Können wir uns treffen?“, fragt er geradeheraus. „Nein!“ Die verzerrte Stimme überschlägt sich. „Dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen soll.“ Kahrbauer wartet geduldig, ob der Anrufer nach dem Köder schnappt. „Okay, ein Treffen“, willigt dieser schließlich ein. „Wie darf ich Sie anspre- chen?“, fragt der Journalist. Es ist lange still am anderen Ende der Leitung. Man kann förmlich fühlen, wie jemand mit einer Ent- scheidung ringt. „Nennen Sie mich Tom“, antwortet die verzerrte Stimme.

© sybille lengauer

Die Nacht der Toten

Eine Großstadt ist niemals dunkel, Straßen und Gehwege werden nachts von zahlreichen Laternen beleuchtet, Tanzlokale, Kneipen und Flaniermeilen, Tankstellen, Hurenhäuser und sogar einfache Werbeschilder strahlen oft heller als der Tag. Schaut man vom Grund dieses Lichtermeeres zum fernen Nachthimmel hinauf, sucht man die Sternbilder oft vergebens, dafür stößt man dort unten an jeder zweiten Straßenecke auf protzige Lichtshows, die eine herkömmliche Gebäudefassade in einen regelrechten Farbenrausch stürzen. Aus der Vogelperspektive betrachtet winden sich die Verkehrsadern der Großstadt wie glitzernde Lichterketten durch die Nacht, streben den dunkleren Vorstädten und Gemeinden zu, verweben ihr immerhungriges Herz und formen so ein strahlendes Lichtgespinst menschlicher Zivilisation. Das leuchtende Großstadtgewebe erinnert entfernt an das Röntgenbild eines sterbenskranken Krebspatienten, dessen abgekämpfter Körper voller tödlicher Metastasen steckt. Zumindest erinnerte es Mave daran, als das Passagierflugzeug, in dem er saß, im Sinkflug über seiner Heimatstadt kreiste, derweil er aus dem Flugzeugfenster starrte und an nichts anderes denken konnte, als den Tod. Schmutzigschwarz war sein vielgetragener Anzug, blauschwarz gefärbt sein struppiges Haar, rabenschwarz waren seine rastlosen Gedanken. Mave war auf dem Weg zu einer Beerdigung und jede Faser seines Körpers sträubte sich dagegen. Vor zehn Tagen war seine Mutter verstorben, gefühlte zehn Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Man hatte telefoniert, ab und an. Zum Geburtstag gratuliert und an den hohen Feiertagen manchmal eine knappe Textnachricht auf dem Handy verschickt, dann war wieder monatelang Funkstille und kaum ein Gedanke an Daheim. Bis plötzlich ein unerwarteter Anruf seiner Schwester den Kreislauf zerriß: „Mutter ist tot. Lungenkrebs.“ Vielleicht hatte Mave erwartet, dass sich die Schleusen des Himmels öffnen und eine Flut an Gefühlen über ihn hereinbrechen würde, vielleicht hatte er gehofft, es mache ihm zumindest etwas aus, doch in seinem tiefsten Inneren spürte er nur leichten, leisen Unwillen und er wusste nicht einmal zu sagen warum. Tagelang suchte er nach Ausreden um sich vor der Beisetzung zu drücken, er fühlte sich fiebrig und nicht in der Lage zu reisen, die Arbeit wuchs ihm über den Kopf, er wollte es nicht riskieren Urlaub zu nehmen, einen derart kurzfristig gebuchten Flug konnte er unmöglich bezahlen, wer war er, Krösus? Doch die Angst vor dem Zorn seiner Schwester und der Hauch eines schlechten Gewissens trieben ihn schließlich in ein Flugzeug und so hockte er nun verkrampft an jenem unbequemen Fensterplatz und hing trübseligen Gedanken nach. Wie lange war es her, dass er Mutter zuletzt besucht hatte? Fünf Jahre, oder doch sieben? War es vor seiner Scheidung von Larissa gewesen, oder danach? Er wusste es nicht zu sagen und je angestrengter er überlegte, desto weniger schien er sich erinnern zu können. Doch er versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wollte es minutiös ergründen um nicht die eigentlichen Fragen denken zu müssen, die seit dem Anruf seiner Schwester gedacht werden wollten und von ihm unterdrückt wurden: warum hatte Mutter nichts gesagt? Hatte sie nicht gewollt, dass er sie ein letztes Mal besuchte? Und hätte er sie besucht, wenn er von ihrer tödlichen Krankheit gewusst hätte? Mave wollte sich diesen Fragen nicht stellen, er versuchte seine Gedanken in sinnlose Kreisbahnen zu zwingen und grübelte doch nur düster über krebskranke Leiber und Zivilisationen. Noch während der Landung formulierte er eine kurze Textnachricht an seine Schwester, er habe es sich anders überlegt und würde den nächsten Flug zurück nehmen, doch er verschickte die Nachricht nicht, sondern starrte nur lange auf das Display des Handys, bevor er die Nachricht löschte. Missmutig verließ er mit den anderen Passagieren das Flugzeug, drängte durch das Gewimmel, griesgrämig schob er sich an der Flughafenkontrolle vorbei, er hatte keinen Koffer, also musste er nicht warten. Vor dem Flughafen standen diverse Taxis und Shuttlebusse bereit, Mave beschloss trotzig die U-Bahn zu nehmen, es würde länger dauern, es wäre unbehaglich, überheizt und stinkend und das erschien ihm gerade angemessen. Neunzig Minuten später las er gereizt die vielen Klingelschilder am Eingang eines verschachtelten Wohnkomplexes. Er fand das richtige Schild, hob die Hand um zu klingeln, doch sein Finger verharrte in der Bewegung. Jetzt oder nie, dachte Mave und wusste selbst nicht zu sagen, ob er die Flucht nach vorn oder den taktischen Rückzug meinte. Unangenehme Sekunden verstrichen, dann drückte er kräftig auf die Klingel und zuckte erschrocken zusammen, als sich sofort eine tiefe männliche Stimme meldete. „Wer ist da?“, brummte es aus der Gegensprechanlage. „Ich will zu Sandra Wagner. Ist das nicht ihre Wohnung?“, bellte Mave verdrossen, ein Passant, der mit einem kleinen Hund vorbeispazierte, warf ihm einen misstrauischen Seitenblick zu und beschleunigte seine Schritte. „Wer da ist, habe ich gefragt“, knarzte die fremde Stimme, Mave rollte entnervt mit den Augen und gab nach. „Ich bin Mave. Sandras Bruder“, blaffte er möglichst unfreundlich. Das laute Summen des Türöffners entließ ihn aus dem unangenehmen Gespräch.
„Was eine Freude dich kennenzulernen, Bro!“, brüllte ein riesiger Grizzlybär, der wenige Minuten später die Wohnungstüre öffnete und einen verdatterten Mave an seine breite Bärenbrust drückte. Der Grizzly stellte sich als Joe Ziegler vor und war Sandras neuer, vollbärtiger, flanellhemdtragender Lebensgefährte. Sandra befand sich im Augenblick nicht zuhause, sie war überraschend zu einem Arbeitseinsatz ans andere Ende der Stadt gerufen worden und hatte deshalb Joe gebeten, Mave in Empfang zu nehmen. Joe freute sich enorm über die Gelegenheit Mave in Ruhe beschnuppern zu können, von Dude zu Dude, wie er es grinsend formulierte. All dies erfuhr Mave noch bevor er die Türschwelle überschritten hatte, Joe überschüttete ihn mit Umarmungen und Worten, bis er sich eines Besseren besann und Mave mit einem lautstarken: „Was stehst du hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, komm endlich rein, Brudi!“ in die Wohnung zog. Mave sah keine andere Möglichkeit, als dem Untier zu folgen. Das geschmackvoll eingerichtete Wohnungsinnere passte allerdings ebensowenig zu Joe und seiner Waldschrataufmachung, wie dieser, nach Maves schnellgefasster Meinung, zu seiner Schwester passte. Modernes Möbeldesign und funktionaler Schick prallten hart auf Joes bärtige Holzfällerexistenz und Mave kam nicht umhin, diesen Umstand gehässig zu kommentieren. Doch sein ätzender Sarkasmus fiel auf unfruchtbaren Boden, Joe schüttelte nur ganz nach Bärenart den massigen Schädel, trollte sich in die Küche und kehrte mit zwei offenen Bierflaschen in den großen Pratzen und einem Lächeln im haarigen Gesicht zu Mave zurück. „War bestimmt’n anstrengender Flug, hm?“, brummte er versöhnlich, er reichte Mave eine Flasche, der unschlüssig im geräumigen Wohnzimmer herumstand, stumm nickte und das Bier entgegennahm. „Langer Weg nach Hause, wie?“, sagte Joe einfühlsam, er deutete einladend auf eine dunkelbraune Ledercouch und setzte sich ächzend, doch Mave hatte keine Lust auf ein solches Gespräch, schmallippig nahm er Platz, starrte auf die Bierflasche in seinen Händen und reagierte nicht mehr. Joe stieß ein behagliches Seufzen aus, er lehnte sich grunzend in der Couch zurück und trank genüsslich, Mave beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und schauderte unwillkürlich, als Joe die Flasche absetzte und laut rülpste. Was verband seine Schwester nur mit diesem haarigen Scheusal? Mave nahm sich vor, ihr später genau diese Frage zu stellen. „Willst du einen durchziehen?“, platzte Joe in Maves beziehungstheoretische Überlegungen hinein, irritiert hob dieser den Kopf, hatte er das gerade richtig verstanden? „Will ich was?“, fragte er unsicher, doch konnte er den Hauch Hoffnung nicht ganz aus seiner Stimme tilgen. „Einen harzen, qualmen, haschen. Einen Ofen anglühen. Ein Pfeifchen goutieren. Ein Möhrchen knabbern. Du weißt schon“, antwortete Joe, gutmütig lachend. „Sandra hat mir erzählt, dass du früher gekifft hast wie ein Rabe, daher dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee.“, fügte er mit gönnerhaftem Grinsen hinzu. Das hat sie dir also erzählt, ja? dachte Mave, doch die Worte verließen nicht seinen Mund. Stattdessen sagte er nur „Klar. Gerne“ und nahm sich vor ein paar ernsthafte Worte mit seiner Schwester zu wechseln, wenn sich später die Gelegenheit dazu ergab. Gebannt beobachtete er, wie Joe sich von der Ledercouch wälzte und in einem kleinen Schränkchen zu kramen begann, aus dessen Tiefen er eine hölzerne Schatulle und eine gläserne Bong hervorholte, die mit klarem Wasser gefüllt war. „Bitteschön, bitte sehr“, dröhnte Joe bärenfröhlich, er platzierte die Gegenstände auf dem Wohnzimmertisch, deutete mit einer einladenden Handbewegung darauf und Mave ließ sich nicht zweimal bitten. Dicke Rauchschwaden durchzogen bald das Wohnzimmer, Joe sah sich genötigt ein Fenster zu öffnen und die Geräusche der nächtlichen Großstadt drangen unüberhörbar laut herein. Was für eine beschissene Stadt, dachte Mave und sagte es auch laut, doch Joe zuckte nur mit den Achseln und holte mehr Bier. „Ich lebe gern hier“, resümierte er schlicht, als er aus der Küche ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Müsste so ein Kerl wie du nicht viel lieber im Wald leben?“, fragte Mave mit füchsischer Freundlichkeit, während er die Bong ein weiteres Mal stopfte. Joe kicherte humorvoll und strich bedächtig über seinen imposanten Bart, doch er blieb eine Antwort schuldig, denn in diesem Moment kam Sandra bei der Tür herein und der Bärenmann verlor die Beherrschung. „Babe!“, schrie er begeistert, wie ein riesiger Welpe sprang er freudig von der Couch um sie zu begrüßen, Mave beobachtete das Schauspiel mit hochgezogener Augenbraue. Einer innigen Umarmung folgte ein intensiver Kuss, sie lagen sich in den Armen wie Liebende, die auf Jahre getrennt gewesen waren. Ein stechender Anflug von Neid kräuselte Maves Bewusstsein, dann traf sein Blick auf die honiggrünen Augen seiner Schwester und seine Gedanken stürzten in einen eiskalten Bergsee, denn diese Augen verengten sich gefährlich, als sie zu ihm hinübersahen. Sandra löste sich aus Joes Umarmung, schnellen Schrittes ging sie auf Mave zu, der sich vorsichtshalber erhoben hatte und nicht genau wusste, ob er im nächsten Moment umarmt oder geschlagen werden würde. Seine Schwester schien ebenfalls nicht sicher zu sein, kurz zuckten ärgerliche Falten über ihr hübsches Gesicht, doch dann schien sie sich einen Ruck zu geben, sie setzte ein schiefes Lächeln auf, breitete die Arme aus und drückte Mave an ihr Herz. Es fühlte sich eigenartig an ihren vertrauten und doch fremdgewordenen Körper zu umarmen, den Duft ihres lockigen Haares einzuatmen, der ihn an lang vergangene Kindheitstage und, warum auch immer, Spaghetti mit Ketchup, erinnerte. „Schön dich zu sehen, Maffie“, flüsterte Sandra an seinem Ohr und der Klang seines alten Spitznamens jagte Schauer über Maves Rücken. „Auch schön dich zu sehen“, antwortete er heiser, Mave räusperte sich verlegen und trat einen Schritt zurück, um seine Schwester genau anzusehen. „Du siehst gut aus“, setzte er hinzu, weil er dachte, dass es sich so gehörte. „Kann man von dir nicht behaupten“, versetzte Sandra, doch Mave überhörte die Spitze. „Möchtest du ein Bier, Liebes?“, fragte Joe aus dem Hintergrund und Sandra nickte dankbar. „Bin gleich wieder da“, flötete der Flanellhemdriese und verschwand in der Küche. „Wo hast du den denn aufgetrieben?“, wollte Mave sofort wissen, Sandra wischte seine Frage mit einer unwilligen Handbewegung fort. „Ist das zwischen euch so einer Art Die-Schöne-Und-Das-Biest Ding?“, bohrte Mave unverdrossen weiter, doch seine Schwester hatte kein Interesse an der Frotzelei. „Halt die Klappe, großer Bruder. Ich liebe ihn und damit hat es sich. Verstanden?“ Mave zuckte mit den Achseln und schwieg. Sandra ließ sich stöhnend in die Couch sinken, sie streckte die Füße aus, spreizte die Zehen und knackte mit den Knöcheln. „Igitt“, kommentierte Mave, der dieses Geräusch schon in der Kindheit verabscheut hatte. „Mama hat ziemlich gelitten in ihren letzten Tagen“, sagte Sandra ganz unvermittelt und der plötzliche Themenwechsel brachte Mave völlig aus dem Konzept. Fassungslos starrte er in das Gesicht seiner Schwester und wußte nicht, was er antworten sollte. „Warum hat mir niemand etwas gesagt?“, platzte es ebenso plötzlich aus ihm heraus, Sandra knackte ausgiebig mit den Handgelenken und allen Fingern, bevor sie seine Frage mit einem knappen „Sie hat es mir verboten“ beantwortete. Ein Warum hing im Raum, doch Mave konnte sich nicht überwinden es auszusprechen, er druckste herum, nippte an seinem Bier und wechselte dankbar das Thema, als sein neuer Bärenfreund Joe aus der Küche zurückkehrte und Bierflaschen verteilte. Man redete über die Jobs, lästerte über die beschissene Regierung und über unfähige Fußballmannschaften, die nicht mehr so spielten wie früher einmal, man unterhielt sich über dieses und jenes und unterließ es geflissentlich tote Mütter, schmerzhaftes Siechtum und morgige Beerdigungen anzusprechen. Die Bong kreiste, Mave registrierte erstaunt wie routiniert seine Schwester rauchte, in seiner Erinnerung war sie immer noch ein wohlerzogenes Mädchen, das Drogen zutiefst verabscheute. Heute Nacht war von diesem Mädchen nicht mehr viel übrig, Sandra kiffte wie ein Profi und trank das Bier in Höchstgeschwindigkeit. Sie schien den kritischen Gedanken ihres Bruders zu erraten, „Spar dir das Moralgesicht, Maffie. Wir sind hier alle erwachsen“, sagte sie mit schwerem Zungenschlag und warf ein Feuerzeug nach ihm. Maves schnippische Antwort ging in einem gewaltigen Gähnen unter, das sich aus Joes kolossalem Brustkorb emporarbeitete. „Verdammt, ich bin wirklich müde“, verkündete er aus voller Kehle. „Wir sollten alle schlafengehen. Morgen wird ein langer Tag“, murmelte Sandra, die mit einem Mal sehr ernst geworden war, sie erhob sich abrupt und begann den Couchtisch abzuräumen. Joe beeilte sich behilflich zu sein, während Mave einfach nur dasaß und die beiden beobachtete. Ihre Bewegungen und Handgriffe harmonierten auf wundersame Weise, zwei Körper mit vier Armen und Beinen, die wie ein einziges Wesen agierten und den Tisch abräumten oder vielleicht kam es Mave auch nur so vor, weil er übermüdet, betrunken und völlig bekifft war. „Ich habe dir das Gästebett bezogen, die zweite Türe links“, rief Sandra aus der Küche und Mave verstand den Hinweis. „Danke“, murmelte er viel zu leise, dann suchte er das richtige Zimmer auf, ließ sich in voller Kleidung ins Bett fallen und wartete auf den Schlaf. Doch der kam nicht. Minuten vergingen, sammelten sich zu einer Viertelstunde und gerannen schließlich zur halben Stunde, sein Hosengürtel drückte, die Socken zwickten an den Waden, Mave gab auf. Er wälzte sich aus dem Bett, kramte einen Kulturbeutel aus seinem Rucksack, schlich durch den dunklen Flur auf die Toilette, wusch sich mäßig, putzte die Zähne und legte sich dann, ordentlich ausgezogen, wieder ins Bett. Niemals hätte er zugegeben, dass er sich nun besser fühlte, augenblicklich fielen seine Augen zu, ein letzter, schuldbewusster Gedanke jagte durch seinen Schädel, dann schlief er tief und fest. „Guten morgen Sonnenschein!“, röhrte ein haariger, biestiger Menschenberg mitten in Maves wirre Träume hinein, schreiend fuhr dieser aus dem Bett, um Leib und Leben zu verteidigen. „Alles gut Bro, ich bin’s nur“, brummte der Riese im Flanellhemd gutmütig, Mave blinzelte und sah genauer hin, seine schlaftrunkenen Gehirnzellen erinnerten sich an den gestrigen Tag und identifizierten Joe Ziegler. Mave entspannte sich und ließ etwas beschämt das Kopfkissen sinken, das er instinktiv wie ein Schild an seine Brust gedrückt hatte. „Was willst du hier?“, fragte er betont unfreundlich, doch seine schlechte Laune verfing sich in Joes buschigen Augenbrauen und verpuffte wirkungslos. „Aufstehzeit, Frühstück!“, donnerte dieser mit leuchtenden Augen, dann zog er sich verblüffend leichtfüßig aus dem Zimmer zurück. Mave sah ihm stirnrunzelnd hinterher, unwillig strich er durch sein zerzaustes Haar, sein Geruchssinn wies zögerlich auf die Anwesenheit von Kaffeegeruchspartikeln hin, zumindest etwas, dachte Mave und schlich in Boxershorts und T-Shirt in die Küche. Sandra saß am Küchentisch und starrte auf ihr Handy, Joe stand am Herd und bereitete etwas zu, dass Mave in Ermangelung passender Worte gedanklich als Fressfest bezeichnete. Eier, Speck, Würstchen, Bohnen, alles brutzelte munter in diversen Pfannen. Überwältigt von dem opulenten Anblick beschloss Mave spontan bei Kaffee zu bleiben. „Schwarz. Zwei Stück Zucker.“, knurrte er knapp, während er sich an den Tisch setzte und den angebotenen Teller verweigerte. Joe war unverzüglich mit einer frisch aufgebrühten Tasse Kaffee bereit, er wirbelte wie eine glückliche Küchenfee umher und war für Maves Geschmack geradezu unausstehlich gastfreundlich. „Gut geschlafen?“, fragte Sandra ruhig, Mave grunzte neutral und trank wortlos den heißen Kaffee. „Wir müssen um elf Uhr am Westfriedhof sein“, sagte sie, ohne von ihrem Handy aufzuschauen, „dort treffen wir Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut. Mama wird um elf Uhr dreißig beigesetzt. Es gibt keinen Priester und auch sonst keinen Schnickschnack, da war sie sehr eigen. Ich habe einen Kranz bestellt und man durfte ein Lied aussuchen. Sie hat sich ‚we’ll meet again‘ in der Version von Johnny Cash gewünscht, du weißt ja, was für ein Fan sie war.“ Mave bemerkte ein Zittern in Sandras Stimme und sah Tränen, die aus ihren Augen auf das Display des Handys tropften. Es tut mir leid, wollte er sagen und konnte es nicht. Stattdessen nickte er nur und schwieg. „Hast du einen ordentlichen Anzug?“, fragte Sandra, ganz unvermittelt blickte sie vom Handy hoch und Mave erschrak, als er die überwältigende Traurigkeit in ihrem blassen Gesicht sah. Ein dicker Kloß sammelte sich in seinem Hals, also nickte er nur wieder wortlos und trank noch mehr Kaffee. „Du meinst aber nicht das schäbige Teil, das du gestern schon angehabt hast, oder?“ Mave erstarrte. „Naja“, stieß er errötend hervor, Sandra schüttelte entschlossen den Kopf und sog scharf die Luft ein. „Das kommt gar nicht in Frage.“, entfuhr es ihr schroff. „Soll ich mir etwa ein Flanellhemd von dem da ausborgen?“, antwortete Mave gehässig, sein ausgestreckter Zeigefinger deutete anklagend auf Joe, der mittlerweile ebenfalls am Küchentisch platzgenommen hatte und gierig einen randvollen Teller Fressfest in sich hineinschaufelte, doch Sandra wischte Maves Einwand mit einer ärgerlichen Handbewegung fort. „Ich habe einen Anzug für dich. Er wird angemessen sein“, sagte sie entschieden und Mave hörte am Klang ihrer Stimme, dass es keinen Platz für weitere Diskussionen gab. Eine knappe Dreiviertelstunde später stand er sauber und frisch rasiert vor dem großen Badezimmerspiegel, sein ordentlich gekämmtes Haar glänzte wie blauschwarze Krähenflügel und der anthrazitblaue Anzug, der ihm von Sandra aufgenötigt worden war, saß tatsächlich hervorragend. Mave betrachtete sein Erscheinungsbild beinahe wohlwollend, dann erinnerte er sich schlagartig an den Grund seines Aufzugs und das aufkeimende Wohlgefühl verschwand. Betrübt trollte er sich aus dem Badezimmer, im Flur stieß er auf Joe, der ein schwarzes Death-Metal T-Shirt und Jogginghose trug und sich gerade auf dem Weg ins Wohnzimmer befand. Maves irritierten Blick kommentierte er mit einem entschuldigenden Grinsen: „Die Beisetzung ist nur für Familienangehörige. Ich bin erst heute Abend wieder dabei.“ „Was ist heute Abend?“, fragte Mave neugierig. „Das erfährst du noch früh genug“, antwortete Sandra in seinem Rücken, sie hatte sich ebenfalls umgezogen und trug nun ein langärmliges, schwarzes Kleid mit zartem Spitzenkragen. Ihr lockiges Haar war im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, sie hatte darauf verzichtet ihre Augen zu schminken, nur ein wenig Rouge und dezenter Lippenstift brachten etwas Farbe in ihr Gesicht. „Was erfahre ich früh genug?“, bohrte Mave nach, der es hasste mit solchen Allgemeinsprüchen abgefertigt zu werden, doch Sandra schüttelte nur den Kopf. „Nichts da“, sagte sie knapp. Mave schimpfte sie halbherzig eine blöde Ziege und verfiel anschließend in schmollendes Schweigen, um keine weitere Unterhaltung führen zu müssen. Er schmollte auf dem Weg zum Friedhof, schmollte, als er Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut vorgestellt wurde und hörte erst auf zu schmollen, als er den Nebenraum der Friedhofskapelle betrat und einen Truhensarg aus Kiefernholz erblickte. Praktisch und schlicht waren die ersten Worte, die ihm in den Sinn kamen. Da liegt sie jetzt drin, sagte eine nüchterne Stimme in seinem Kopf und Mave fühlte ein unangenehmes Stechen im Magen. Er beobachtete Sandra, die sich dem geschlossenen Sarg näherte und bittere Tränen vergoss, blieb selbst in der Nähe der Türe stehen und konnte keinen Schritt weiter. Eine innere Barriere schien ihn zurückzuhalten, erst als seine Schwester unwirsche Zeichen gab, kam er widerwillig näher. Sandra nickte einem Mann zu, der sich dezent im Hintergrund aufgehalten hatte, dieser erwiderte das Nicken und verschwand hinter einem dunklen Vorhang. Kurz darauf erfüllten die Klänge von ‚we’ll meet again‘ den kleinen Raum, Mave hatte das Lied seit Jahren nicht gehört und wunderte sich nun über die eigenartige Wahl seiner Mutter. Die Beisetzung verlief überraschend zügig. Mave hatte mit einer gefühlsduseligen Zeremonie gerechnet, doch seine Befürchtung traf nicht ein, nach ein paar wenigen Gedenkminuten wurde der Sarg von sechs Sargträgern aufgenommen und gemessenen Schrittes nach draußen verbracht, Sandra und Mave folgten langsam über den knirschenden Kiesweg, der zur Grabstelle führte. Sandra weinte unentwegt und schnäuzte in ein großes Stofftaschentuch, Mave trug einen verschossenen Gesichtsausdruck zur Schau und sonst gar nichts. Auch jetzt noch war es ihm unmöglich echte Trauer zu empfinden und langsam begann er sich ernsthaft zu fragen, was zur Hölle nicht stimmte. Er beobachtete die zuckenden Schultern seiner Schwester, versuchte sich in ihren Abschiedsschmerz hineinzufühlen, suchte jene Traurigkeit zu finden, die er nach dem Tod der Mutter in seinem Herzen erwartet hätte, aber alles was er fand waren leere Gefühlshülsen, ausgebrannte Emotionen und Müdigkeit. Mave fühlte sich vollkommen deplatziert, als wäre er gänzlich unvorbereitet in eine unmögliche Situation geworfen worden, die er keinesfalls bestehen konnte. Ein hartes Eisenband schien sich um seinen Kopf zu schlingen, schien immer enger zu werden, bis sein Schädel knirschte, sein Magen revoltierte, scharfes Brennen stieg heiß seine Kehle empor, seine Knie begannen heftig zu zittern, sein Herz pochte wild, kalter Schweiß rann von seiner Stirn. Ruckartig machte er auf den Absatz kehrt, fluchtartig verließ er den Friedhof. Er rannte bis er völlig außer Atem war, winkte schließlich ein Taxi heran und nannte den Flughafen als erstes Ziel, das ihm in den Sinn kam, doch dann erinnerte er sich an seinen Rucksack, der noch in Sandras Wohnung lag und änderte die Zielangabe. Das Innere des Taxis roch nach feuchten Socken und kalter Asche, der Taxifahrer selbst stank nach Zigaretten und ungewaschenen Haaren. Mave fühlte sich unwohl und wollte am liebsten sofort wieder aussteigen, wollte, wenn möglich, gleich ganz aus seiner Haut aussteigen und warum überhaupt Feststofflich bleiben, er hätte sich gerne aufgelöst und endlich aufgehört zu existieren. Versunken in solch finstere Gedanken ertrug er die Fahrt durch den dichten Straßenverkehr, landete schließlich vor Sandras Wohnkomplex und klingelte stürmisch, bis der Türsummer ertönte. Joe nahm ihn an der Türe mit gefühlvoll blinzelnden Äuglein in Empfang, doch Mave hatte die Schnauze voll von Gefühlen, barsch blaffte er eine fadenscheinige Begründung für sein frühes Erscheinen, schob sich an Joe vorbei in die Wohnung und stürmte ins Gästezimmer. Er wollte packen und verschwinden, jetzt und sofort, doch aus unerfindlichen Gründen stolperte er stattdessen einfach nur auf das ungemachte Bett zu, fiel hinein und blieb regungslos liegen, bis er in bleiernem Schlaf versank.
Desorientiert und mit steifen Muskeln erwachte er aus nervösen Träumen, das Zimmer lag dunkel, die Sonne schien bereits lange untergegangen zu sein, verwirrt suchte Mave nach seinem Handy, als er es gefunden hatte erschrak er über die späte Uhrzeit. Ein dringendes Bedürfnis trieb ihn aus dem Bett, mit platten Schritten quälte er sich über den Flur ins Badezimmer, um zu pinkeln. „Mave?“, fragte eine dunkle Männerstimme von der anderen Seite der Türe. „Was?“, rief Mave ungehalten zurück, er konnte es nicht leiden, wenn er beim pinkeln gestört wurde. „Wir warten im Wohnzimmer auf dich“, sagte Joe, dann entfernten sich schwere Schritte von der Tür und Mave war wieder alleine. „Aha“, machte er nur und betätigte die Spülung. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, vermied es, in den Spiegel zu sehen, dann stand er mit baumelnden Armen vor dem Waschbecken und wusste nicht weiter. Er hatte keine Lust ins Wohnzimmer zu gehen, wollte schon gar nicht seiner Schwester unter die Augen treten, doch was sollte er tun? Davonlaufen? Schon wieder? Ein bitteres Lachen drang aus seiner Kehle, er nannte sich selbst einen feigen Hund, verpasste einer Fliesenkachel einen derben Fauststoß und schritt entschlossen ins Wohnzimmer. Sandra und Joe saßen eng aneinandergekuschelt auf der braunen Ledercouch und unterhielten sich leise, als Mave hereintrat unterbrachen sie das Gespräch. Mave hatte eine negative Reaktion erwartet, hatte mit Geschrei gerechnet und schlimmen Vorwürfen, doch seine Schwester erhob sich nur in einer fließenden Bewegung von der Couch, kam ohne zu zögern auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Mave erstarrte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte und vergaß vor Schreck zu atmen. „Es ist alles gut“, flüsterte Sandra, dann löste sie die Umarmung, griff nach seiner Hand und führte ihn zur Couch. Mave folgte verunsichert, setzt sich und nahm widerstandslos eine Tasse Tee entgegen. „Trink“, befahl Sandra ernst und Mave trank. Der Tee schmeckte bitter, angewidert verzog er das Gesicht, doch trotzdem trank er. Mave hatte das verquere Gefühl, es seiner Schwester schuldig zu sein den angebotenen Tee zu trinken, also stürzte er das widerliche Getränk in großen Schlucken hinunter. Mit schiefem Lächeln reichte er die leergetrunkene Tasse zurück und kam sich dämlich vor. „Ich habe nachgedacht.“ Sandra sprach betont langsam und deutlich und Mave dachte bitter, dass nun doch noch eine Zurechtweisung folgen würde. Er begann sich gedanklich bereits zu rechtfertigen, doch Sandra wollte offenbar auf etwas völlig anderes hinaus: „Ich habe lange, sehr lange nachgedacht. Über dich und deine verkorkste Beziehung zu Mama. Warum alles schiefgelaufen ist und wieso es nie wieder heil wurde. Und weißt du was? Ich kann es nicht verstehen.“ Sie rückte nahe an Mave heran und sah ihm tief in die Augen, Mave zuckte unwillkürlich ein wenig zurück, wagte aber nicht wegzusehen. „Ich glaube du kannst es selbst nicht verstehen. Du bist damals einfach weggegangen und hast nie aufgehört dich zu entfernen. Du bist kein einziges Mal stehengeblieben, um einen Blick zurückzuwerfen auf Mama und mich.“ Sandra atmete schwer und Mave dachte unbehaglich, sie erwarte nun eine Antwort von ihm, doch sie begann wieder zu sprechen bevor er den Mund öffnen konnte. „Deswegen schicke ich dich heute Abend nach Hause“, sagte Sandra bestimmt und in ihre Augen trat ein seltsamer Glanz. „Hä?“, machte Mave, der nicht verstand und vielleicht auch nicht verstehen wollte, was seine Schwester soeben gesagt hatte. „Ich habe dir eine synthetische Droge verabreicht“, erklärte Sandra lapidar. „D-du hast was?“, stotterte Mave verblüfft. „Du hast mich schon ganz richtig verstanden, Bruderherz. Wir fahren jetzt zu Mama. Komm.“ Sandra und Joe erhoben sich zeitgleich von der Couch, Mave blieb völlig perplex sitzen und glotzte mit offenem Mund. „Du hast was?“, fragte er wieder, ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Unterleib aus und er wußte nicht zu sagen, ob es Angst oder die Droge war. „Stell dich nicht so an. Steh auf und komm“, antwortete Sandra kalt, Joe trat an Mave heran und half ihm sanft, aber bestimmt auf die Beine. Mave war viel zu schockiert, um sich gegen die Behandlung zur Wehr zu setzen, widerstandslos ließ er sich aus der Wohnung und bis zu Joes rostigem Kleinwagen führen. „Wohin fahren wir?“, fragte er vorsichtig, doch niemand gab Antwort. Eingeschüchtert nahm Mave auf der Rückbank platz, Sandra setzte sich neben ihn und drückte ganz unvermittelt seine Hand. „Es wird alles gut. Vertrau mir“, sagte sie und Mave hätte am liebsten laut losgelacht, doch in diesem Moment begann die Droge zu wirken und seine Wahrnehmung kippte und zerbrach wie ein Spiegel. Das Innere des Wagens begann zu schmelzen, die Umgebung fühlten sich merkwürdig fluffig an, milchige Flüssigkeit quoll aus den Ritzen der Sitzgarnitur, von der Decke des Autos tropfte etwas, das aussah wie dunkle Schokolade. Mave hielt sich entsetzt an der Hand seiner Schwester fest, „Krass“, war alles, was er sagen konnte, das Wort glitt weich von seinen Lippen und plumpste in leuchtend orangeroten Buchstaben in den Fußraum des Wagens. Mave starrte fasziniert und vergaß seine Angst. „Coooool“, sagte er, dehnte das Wort, so lange er konnte und beobachtete gebannt, wie die vielen Os aus seinem Mund purzelten. „Iiiist daaas noooormaaaal?“, fragte er gedehnt, das Wageninnere füllte sich mit bunten Buchstaben und Mave dachte geistesgegenwärtig daran, das Fenster zu öffnen, um sie nach draußen zu lassen, bevor kein Platz mehr war. Doch es war ihm unmöglich den Mechanismus des Fensterhebers zu bedienen, hilflos zupfte er daran herum, bis eine Frauenhand in seinem eingeschränkten Sichtfeld auftauchte und den Schalter drückte. Das Fenster glitt einen Spaltbreit herunter und die wimmelnden Buchstaben wurden vom Fahrtwind aus dem Wageninneren gerissen. Mave sah ihnen grinsend hinterher. „Auf Wiedersehen“, rief er und fand sich unheimlich komisch. „Wir sind da“, sagte eine Stimme in seinem Kopf, die wie die Stimme seiner Schwester klang, Mave nickte bedächtig und rührte sich nicht. Übelkeit stieg in seinem Magen auf, er hatte das drängende Bedürfnis erbrechen zu müssen, doch der Moment ging vorbei und die Übelkeit verschwand. Mave schloß für einen kurzen Moment die Augen, als er sie wieder öffnete stand er auf einem Kiesweg, der sich wie eine unendlich lange, leuchtend weiße Schlange durch die Dunkelheit wand. „Was zur Hölle?“, rief Mave irritiert, während er versuchte auf dem schlängelnden Kiesweg das Gleichgewicht zu halten. „Es sind nur noch ein paar Meter“, brummte ein strubbeliger Grizzlybär, der an seiner Seite trottete und ein lächerlich kariertes Flanellhemd trug. „Joe?“, fragte Mave ungläubig und blieb stehen, der Bär setzte sich auf seinen dicken Hintern, wackelte freundlich mit den Ohren und hob eine Vordertatze: „Ich wusste von Anfang an, dass du ein Bär bist!“ Triumphierend verpasste Mave der erhobenen Tatze ein High Five, das riesige Tier grinste und ein dunkles Lachen drang aus seiner pelzigen Bärenbrust. „Schon klar“, gluckste Joe, dann erhob er sich schnaufend und trottete weiter. Mave folgte der zotteligen Gestalt durch die Nacht und grübelte vergnügt, ob er vielleicht ein Stück des Weges auf Joes breitem Rücken reiten könnte. „Da ist Mamas neues Zuhause“, sagte Sandra, ihre schlanke Silhouette manifestierte aus purer Dunkelheit, ihre Worte fielen wie schwere Steine und schlugen Wellen in Maves mäandernde Gedanken. „Mamas neues Zuhause“, wiederholte er leise und versuchte zu begreifen, was er sagte. Unbehagen rieselte kalt seine Wirbelsäule hinunter, er wollte keinesfalls hinsehen, doch seine Augen wanderten selbstständig über kurzgemähten Rasen und saubere Beetmarkierungen und blieben schließlich an einem Erdgrab hängen, auf dem ein wunderschöner Trauerkranz aus Trockenblumen lag. „Hallo Mama, schau mal, wen ich mitgebracht habe“, sagte Sandra und Mave erschrak über die Traurigkeit in ihrer Stimme, er hatte das impulsive Bedürfnis seine Schwester zu umarmen, doch er konnte die Füße nicht von der Stelle bewegen. Mave stand wie angewurzelt vor dem Grab. „Ich glaube, ihr habt euch viel zu sagen. Ich lasse euch beide jetzt allein.“ Sandra begann sich langsam in Luft aufzulösen und Mave wollte schreien, wollte bitten und betteln, sie möge ihn nicht allein an diesem fürchterlichen Ort lassen, doch sein Mund blieb fest geschlossen und nur ein leises Wimmern drang aus seiner Kehle. Stockstarr musste er mitansehen, wie seine Schwester in der Dunkelheit verschwanden, in der mit einem Mal nichts mehr zu existieren schien, als Mave und das Grab seiner Mutter. Verdammte Scheiße, dachte Mave entsetzt, er versuchte seinen linken Fuß vom Boden zu heben, zog und zerrte mit aller Kraft, doch je mehr er sich bemühte, desto fester schien er verankert. Sein rechter Fuß sankt tief in den Boden ein und Mave begriff mit heißkalter Panik, dass die Erde ihn gnadenlos verschlingen würde, er schrie um Hilfe, schlug um sich, kämpfte verbissen, doch das Erdreich öffnete sich unaufhaltsam und verschluckte ihn mit einem satten Schmatzen. Absolute Finsternis umfing Mave, er wurde von ihr umschlungen, spürte eine erstickend schwere Last auf seinen Brustkorb drücken und fragte sich angsterfüllt, ob es sich so anfühlte zu sterben. Grelle Lichtblitze erschienen vor seinen Augen, weiße und rote Punkte, die wie Feuerwerk in seinem Kopf explodierten. „Das ist zu viel!“, schrie er gequält, doch der Druck wuchs unaufhörlich weiter und Mave verlor das Bewusstsein.
„Es ist eine Schande“, sagte eine knarzige Frauenstimme, Mave blinzelte und schlug verwirrt die Augen auf, er lag zusammengerollt auf dem Grab seiner Mutter und hielt den Trauerkranz fest umklammert. Eine dicklich alte Dame stand über das Grab gebeugt, sie stierte mit tadelndem Blick auf seine jämmerliche Gestalt und verzog das runzelige Gesichtchen. „Eine Schande“, wiederholte sie verstimmt, Mave löste sich beschämt vom Trauerkranz und stand unbeholfen auf. „Die haben Ihre Mutter einfach über mich drübergelegt!“, schimpfte die alte Dame, Mave klopfte Erdklumpen von seiner Kleidung und nickte ohne zuzuhören. Er fragte sich ärgerlich, wohin Sandra und Joe verschwunden waren, er fror erbärmlich und wollte gerne etwas essen, duschen und verdammtnochmal schlafen. „Tieferlegen nennen die das hier, hat man sowas schon gehört?“, ereiferte sich die runzlige Alte und langsam drang ihr Gezeter bis in Maves benebelte Gedanken. „Was haben Sie da gerade gesagt?“, fragte er langsam. „Tie-fer-le-gen“, wiederholte sie und betonte jede Silbe, als halte sie Mave für nicht ganz zurechnungsfähig. „Nein, ich meinte das davor.“ Mave wandte seine volle Aufmerksamkeit der alten Dame zu, die wie eine krumme Teekanne neben dem Grab seine Mutter stand und zornig schäumte, doch sie schien nicht gewillt, auf seine Frage einzugehen. „Ich liege schon seit dreißig Jahren hier und jetzt sowas!“, fauchte sie zornig und ballte die winzigen Fäuste. „Aha“, machte Mave, das Herz schlug hart in seiner Brust und ein Stein saß zentnerschwer in seinem Magen. „Man muss doch wohl auch Rechte haben wenn man tot ist, oder was meinen Sie?“ Mave nickte automatisch, dann schüttelte er den Kopf. Übelkeit rollte in schlingernden Wellen über ihn hinweg und diesmal konnte er den Brechreiz nicht zurückhalten, Mave taumelte würgend zu einem nahen Busch. „Geht es Ihnen nicht gut, junger Mann?“ Die alte Dame war ihm zum Busch gefolgt und lugte neugierig durch die Zweige. Mave fluchte ungehalten. „Warum laufen Sie mir nach?“, jammerte er entrüstet, „Ich kann doch auch nichts für Ihre Situation.“ „Natürlich, natürlich. Alles nicht Ihre Zuständigkeit“, grummelte die alte Dame ärgerlich. „Bitte! Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“ Mave schrie lauter als er beabsichtigt hatte, erschrocken von seiner eigenen Härte verlor er das Gleichgewicht und fiel schwer auf den Hosenboden. „Das kommt davon“, schnaubte die dickliche Dame pikiert, sie machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf davon. Mave kam ungelenk wieder auf die Beine und starrte ihrer rundlichen Gestalt mit gerunzelter Stirn hinterher, angewidert wischte er Reste von Erbrochenem aus seinem Mundwinkel. „Frau Schubert hast du also schon kennengelernt.“ Mave erkannte die vertraute Stimme seiner Mutter und zuckte schuldbewusst zusammen. Er sah sich schnell nach allen Seiten um, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. „Hallo?“, fragte er verunsichert und wusste nicht, ob er eine Antwort hören wollte. „Hallo Mave“ Plötzlich stand sie vor ihm, er blinzelte nur kurz und im nächsten Augenblick war sie da und sah haargenau so aus, wie Mave sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine lange Strickjacke aus dunkelgrüner Wolle und ausgewaschene Blue-Jeans, Mave erinnerte sich vage, dass sie diese Kleidung auch getragen hatte, als er zum letzten Mal bei ihr zu Besuch gewesen war. Er hatte sich lustig gemacht über diese Strickjacke, hatte gesagt, dass selbst fünfzig Cent auf dem Flohmarkt zu teuer wären für so ein schäbiges Teil, Mave erinnerte sich schlagartig an jedes einzelne Wort und schämte sich prompt. „Hey Bettina“, sagte er hohl, weil er nicht wußte, wie er sonst reagieren sollte. „Wie geht es dir?“ fragte sie und ging mit einem leichten Kräuseln der Stirn darüber hinweg, dass er sie nicht Mutter nannte. „Hm“, machte Mave und zuckte unschlüssig mit den Achseln. Schweigend standen sie sich gegenüber, es schien als wären sie im Tod genauso unfähig zu einer Unterhaltung, wie sie es im Leben gewesen waren. „Wie geht es Sandra?“, fragte seine Mutter schließlich, sie schlenderte die wenigen Schritte bis zu ihrem Grab und betrachtete liebevoll den schönen Trauerkranz, der nach Maves ohnmächtiger Umarmung ein wenig zerpflückt aussah. „Sie ist sehr traurig“, antwortete Mave wahrheitsgemäß, und ich bin es nicht, dachte er düster, aber er konnte sich nicht überwinden es auszusprechen. „Das liegt an deiner Depression“, flüsterte seine Mutter behutsam in seinen Gedanken, Mave riß erschrocken die Augen auf und fauchte ganz automatisch: „Ich habe keine Depressionen!“ Bettina lachte. Es war ein gelöstes, befreiendes, glockenhelles Lachen und ihre Gesichtszüge wirkten um Jahre verjüngt. „Ha-ha“, äffte Mave beleidigt, doch das Lachen war entwaffnend ansteckend und schließlich konnte er ein Schmunzeln nicht länger unterdrücken. „Es ist so schön dich zu sehen“, gluckste seine Mutter vergnügt, Mave wurde schlagartig wieder ernst, wich beschämt ihrem Blick aus und starrte auf seine Füße. Bunte Muster tanzten in verschlungenen Linien über seine Schuhe, Mave fühlte sich schwindlig und sah schnell wieder weg. Seine Augen wanderten unstet über den nächtlichen Friedhof, tasteten über den hellen Kiesweg und die dunklen Gräber und bemühten sich, nicht auf das Gesicht seiner Mutter zu treffen. „Ich liebe dich“, sagte Bettina und die Schlichtheit ihrer Worte brach wie eine Sturzflut über Mave herein, sodass etwas in seinem Inneren nachgab und krachend zerbrach. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du sterben musst?“, brüllte er zornig, dicke Tränen schossen aus seinen Augen, er schlug wütend mit der Faust gegen seine Brust und wünschte sich, die Welt in Stücke reißen zu können. „Ich wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen“, antwortete Bettina trocken, sie lehnte an einem benachbarten Grabstein und beobachtete gelassen den Tobsuchtsanfall ihres Sohnes. „Ich wollte nicht dahinsiechen und darauf warten, dass du irgendwann anrufst und dich entschuldigst, weil du nicht kommst. Ich wollte die Ausreden nicht hören, die du dir ausgedacht hättest, und ich wollte nicht lügen und behaupten, es mache mir nichts aus.“ Mave starrte fassungslos in das ruhige Gesicht seiner Mutter, in dem weder Vorwurf noch Schmerz zu lesen waren, er spürte, dass sie die Wahrheit sagte und es tat unbeschreiblich weh, sie dabei so entspannt zu sehen. „Ich wäre ganz bestimmt gekommen“, presste er bitter hervor, doch Bettina ignorierte seinen kindischen Einwand. „Du hast dich für deine unterdurchschnittliche Herkunft geschämt“, sagte sie, ohne Bedauern in der Stimme, „deshalb bist du so weit weggegangen, wie du nur konntest, um mich und deine ärmliche Vergangenheit zu vergessen.“ „Das stimmt nicht!“ Mave zog lautstark Rotz durch die Nase, seine Stimme überschlug sich schrill und er hatte Mühe genügend Luft zu bekommen. „Im Lauf der Jahre hast du dich dann nur noch an die schlechten Erlebnisse zwischen uns erinnert. Hast unsere alten Streitgespräche wiedergekäut und die vielen Male, in denen ich dich enttäuscht hatte, bis ich nur noch eine ferne, lästige Erinnerung war, die du am liebsten abgestriffen hättest ,wie einen lästigen Pullover. Aber weißt du was?“ Bettina löste sich vom Grabstein und ging mit federnden Schritten auf Mave zu, der unwillkürlich zurückschreckte, doch plötzlich von einer unsichtbaren Mauer aufgehalten wurde, die ihn zwang stehenzubleiben. Mit dem Rücken zu jener Wand stand Mave seiner Mutter gegenüber, sein Herz schlug bis zum Hals und er schloss krampfhaft die Augen, um sie nicht ansehen zu müssen. Bettina nahm sein verschwitztes Gesicht sanft in ihre kühlen Hände und zog es zärtlich an ihres heran. „Für jede schlechte Erinnerung, die du an mich hast, habe ich eine gute Erinnerung an dich“, hauchte sie und eine rasend schnelle Folge von Bildern und Gefühlen schwemmte über Maves Bewusstsein hinweg. Er fühlte Geborgenheit und Wärme, hörte Kinderlieder und ausgelassenes Gelächter und war eingebettet in das wohlige Gefühl bedingungslos geliebt zu werden. Mave verlor sich in diesem Gefühl, er sog es auf, atmete es ein und spürte in jeder Zelle seines Körpers ein sonnenähnliches Strahlen, das ihn erschaudern ließ. „Ich liebe dich“, erklang die gefühlvolle Stimme seiner Mutter überall um ihn herum und endlich brach es auch aus Mave heraus: „ich liebe dich auch“, schluchzte er betroffen und schlug die Augen auf. Bettina war verschwunden, Mave stand allein vor ihrem Grab und das plötzliche Fehlen ihrer innigen Umarmung riß ein tiefes Loch in seine Seele. „Du fehlst mir, Mama“, wimmerte er und schrak zusammen, als sich ganz unerwartet eine Hand auf seine bebende Schulter legte. „Sie fehlt mir auch“, sagte Sandra und Mave wunderte sich nicht, woher sie auf einmal gekommen war, sondern schlang nur mit wildem Seufzen die Arme um seine Schwester. „Es tut mir leid“, heulte er und drückte sie so fest an sich, wie er nur konnte, Sandra erwiderte die Umarmung innig und ließ erst wieder los, als Mave sich ein wenig beruhigt hatte. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie, mit einem prüfenden Blick auf seine zerbeulte Erscheinung. „Wie ausgekotzt“, antwortete Mave ehrlich und grinste verlegen. „Willst du Frühstücken?“ Sandra ergriff die Hand ihres Bruders und drückte liebevoll seine klammen Finger. „Gerne“, hauchte Mave und drückte zurück. „Na, dann komm.“ Sandra dirigierte den restlos erschöpften Mave bis zu einer Parkbank, auf der Joe mit überschlagenen Beinen saß und wartete. „Könnten wir nicht vielleicht auf dem Bären nach Hause reiten?“, fragte Mave hoffnungsvoll, während er vor der Parkbank langsam in die Knie ging. „Na klar“, brummte Joe freundlich und hob ihn sanft vom Boden auf.

© sybille lengauer