Archiv für die Kategorie ‘Kurzgeschichten’

In der Nacht als Herr Leon Breitenegger verstarb schien kein außergewöhnlicher Mond vom sternklaren Himmel, um sein Dahinscheiden zu illuminieren. Es fuhr kein kalter Windhauch über die Felder, um seinen erlöschenden Namen zu flüstern und es schrie auch kein einsamer Vogel Trauerklagen aus dem alten Birnbaum im Garten, um seine Seele auf ihrem langen Weg zu geleiten. Nur ein profaner Dreiviertelmond schimmerte träge aus dem wolkenverhangen Himmel. Ein steter Ostwind trug feinen Sprühregen über die Felder und nicht einmal die Ringeltauben, die in dem alten Birnbaum nisteten, wussten von Herrn Breiteneggers versterben. Klammheimlich hatte sich seine Seele davongestohlen, war von der alten Siebziger-Jahre-Couch aufgestanden und hatte den Körper nicht mitgenommen. Besagter Körper saß zusammengesunken vor dem plappernden Fernsehapparat, der Kopf war auf das breite Doppelkinn gesunken, die Arme ruhten schlaff auf dem ausladenden Bauch. Man hätte meinen können er hielte nur ein Schläfchen, doch es war niemand zugegen, um dergestalt über ihn nachzudenken. Der verwitwete Frührentner lebte allein.
Herrn Breiteneggers Seele spazierte durch den menschenleeren Ortskern des Dorfes und bewunderte eine stattliche Blutbuche, die, von einer einsamen Straßenlaterne beschienen, den kleinen Marktplatz dominierte. Stolze Äste reckten sich in den dunklen Nachthimmel, purpurrote Blätter rauschten mächtig wie die schäumende See. Leon Breiteneggers Seele überlegte, dass sie schon lange nicht mehr am Meer gewesen war. Fünfzehn Jahre, um genau zu sein. Wehmütig lauschte sie der Blätterbrandung, träumte sich an die Küste. Hörte im Himmel die Möwen kreischen. Roch den frischen Duft der Brise. Spürte den salzigen Atem des Meeres. Herrn Breiteneggers Seele verlor sich im Zauber des Moments. Eine Stunde verstrich und sie stand immer noch unter dem hoch aufragenden Baum und träumte. Zuhause im überheizten Wohnzimmer stand Herrn Breiteneggers toter Körper mechanisch von der Couch auf, stellte den Fernseher ab und schlurfte ins Bett.
Niemand bemerkte den Unterschied, als jener tote Körper am nächsten Morgen beim Bäcker erschien und, wie gewöhnlich an einem Samstag, ein Buttercroissant und ein Franzbrötchen kaufte. Und wer hätte schon darauf achten sollen, ob jener Mann, der höflich in der Warteschlange vor dem Tresen stand und freundlich grüßte, atmete und einen Puls besaß? Der Bäckereifachverkäuferin fiel nichts ungewöhnliches auf. Auch der Postbote, der wenige Stunden später vor Herrn Breiteneggers Türschwelle stand, erkannte in dem unbelebten Leib nur einen weiteren Kunden, der ein Paket entgegennahm. Selbst Herr Breitenegger stellte kaum eine Veränderung fest, er fühlte sich ein wenig unwohl, führte dies aber auf ein üppiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte mit Sahne zurück. Nur der alte Dackel der betagten Frau Schürmann erkannte den wandelnden Toten und knurrte böse hinter dem niedrigen Gartenzaun, als Herr Breitenegger am frühen Abend vorbeiging. Wütend kläffte der grauschnäuzige Dachshund am Maschendrahtzaun entlang und Frau Schürmann öffnete das Küchenfenster, um ihn zur Raison zu rufen. Herr Breitenegger hob die Hand zu einem freundlichen Gruß und die alte Dame winkte arthritisch zurück. Der Dackel überschlug sich in rasendem Zorn. Herr Breitenegger schüttelte kurz den Kopf über das despektierliche Verhalten des Hundes und spazierte weiter seines Weges. Er passierte den Marktplatz, ging unter der Blutbuche her, ohne dem Baum Beachtung zu schenken und bog in eine kleine Seitengasse ein, die, an der Kirche vorbei, zum Gemeindehaus führte. Der örtliche Singverein traf sich einmal in der Woche zur Probe und Herr Breitenegger verpasste nie einen Termin. Seine Seele saß indessen auf einer Kuhwiese, keine fünfhundert Meter entfernt und sah einer Butterblume dabei zu, wie sie ihre gelbglänzenden Kronblätter zum Abend hin verschloss. Die Seele hatte die Blume seit der Morgendämmerung beobachtet. Hatte gebannt verfolgt, wie sich die Blüte bei Sonnenaufgang öffnete und ihre zarten Staubblätter dem Licht darbot. Zeit besaß keine konkrete Bedeutung für Herrn Breiteneggers Seele und so hatte sie den ganzen Tag auf dieser Kuhweide verbracht, versunken in die Betrachtung der Butterblume, die bienenumschwärmt dem Sonnenverlauf folgte. Nichts fehlte ihr zu ihrem stillen Glück. Der verstorbene Herr Breitenegger ging nach der Gesangsprobe beschwingt zurück nach Hause, das leichte Unwohlsein war vergessen. Der Ehrentag eines befreundeten Vereinskollegen hatte Brombeerlikör und Maikäfer Flugbenzin an die Gestade seiner Leber gespült und obwohl sein Herz nicht mehr schlug und das Blut in seinen Adern bereits gerann, vermochte es der Alkohol, sein untotes Gehirn zu entrücken. Am Gartenzaun von Frau Schürmann erwartete der Dackel geduldig seine Wiederkehr. Die alte Dame pflegte das Tier auch in der Nacht im Garten zu belassen, um sich vor Räubern und Diebesgesindel zu schützen, deren lauernde Anwesenheit sie hinter jedem Strauch vermutete. Mit gesträubtem Fell stand der kleine Hund im üppigen Lavendelbeet und starrte der herannahenden Hülle entgegen. Ein leises, tiefes Knurren drang aus seiner Kehle, er hatte sich mit durchgedrücktem Rücken und steifen Krummbeinen hinter dem Zaun postiert und zitterte vor Zorn. Für den toten Herrn Breitenegger sah er verlockend appetitlich aus. Der angetrunkene Tote verharrte schwankend vor dem Zaun und lauschte dem Knurren des Hundes, in das sich das fordernde Rumoren seines Magens mischte. Ohne sich der Absurdität seiner Tat bewusst zu werden, langte er über den niedrigen Zaun, fasste das entsetzte Tier im Nacken und brach ihm das Genick. Niemand beobachtete die schreckliche Tat, niemand hätte geglaubt, wenn man davon erzählt hätte, denn Herr Breitenegger war ein angesehener Bürger des beschaulichen Dorfes. Doch zur Beschaulichkeit zählte auch, die Vorhänge zur Nacht geschlossen zu halten und so blieb der Mord an dem kleinen Dackel unbeobachtet. Sein Kadaver wurde nie aufgefunden, da er mit Haut und Haaren von dem gierigen Leichnam verschlungen worden war. Der alten Frau Schürmann brach das Verschwinden ihres Hundes das Herz, sie rief und suchte am nächsten Morgen verzweifelt nach ihm, klopfte bei Nachbarn, befragte Passanten. Als sie am frühen Nachmittag an die Tür des hungrigen Herrn Breiteneggers klopfte und arglos in seinen unaufgeräumten Hausflur trat, fraß er auch sie.
Seine Seele hatte die Nacht in einem Nahe gelegenen Schafstall verbracht. Der Geruch von sonnengetrocknetem Stroh und würzigem Heu hatte sie in die Scheune eines Bauernhofes gelockt, wo sie Stunden im Duft der Halme badete. Das beruhigende Blöken der Schafe führte sie schließlich in den angrenzenden Schafstall. Die sensiblen Tiere reagierten Neugierig auf ihr erscheinen, verstanden nach einer kurzen Schnupperprobe die friedliche Heiterkeit ihrer Gesinnung. Geborgen in der angenehmen Wärme des Stalles, eingebettet in die entspannende Geräuschkulisse der wiederkäuenden Schafe, ruhte sich die Seele von den Eindrücken auf der Kuhwiese aus. Am frühen Morgen schenkte sie einem Spatzenkind ein zweites Leben, das aus seinem runden Nest gefallen war. Der kleine Vogel war noch nicht zum Ästling herangereift und lag schutzlos zwischen den umherwandernden Schafen im Stroh. Herrn Breiteneggers Seele mochte seinen Tod nicht mitansehen und so hob sie ihn vorsichtig vom Boden auf und verbrachte ihn zurück zu seinen Geschwistern, in das weich gepolstertes Nest unter dem Fenster. Der kleine Vogel wunderte sich nicht darüber, dass er von unsichtbaren Händen ergriffen und durch die Luft getragen wurde. Nur ein vorwitziges Märzlamm warf ihm einen skeptischen Blick aus horizontalen Augenschlitzen hinterher. Herrn Breiteneggers Seele wartete auf die Rückkehr der Spatzeneltern, beobachtete zufrieden, wie die Küken mit Insekten und Raupen gestopft wurden. Die Seele versank in sentimentalen Gedanken über den immerwährenden Kreislauf des Lebens und wäre noch viele Stunden geblieben, hätte sie nicht die Ankunft der verschlafenen Bäuerin gestört, die zur morgendlichen Fütterung den Stall betrat. Leon Breiteneggers Seele beschloss den Stall zu verlassen und sich erneut mit der Butterblume auf der Kuhwiese auseinanderzusetzen. Sie wurde jedoch vom Ruf eines Kuckucks abgelenkt und wanderte stattdessen zum Rand eines kleinen Schwarzerlenwäldchens, das am Überlaufweiher des Dorfes wuchs. Gebannt lauschte sie dem unscheinbaren Vogel, der in einer abgestorbenen Eiche saß und nach einem Weibchen rief. Die Stunden vergingen, der Kuckuck war lange fortgeflogen, doch die Seele verblieb am idyllischen Weiher. Während die Sonne immer höher stieg, beobachtete sie fasziniert die akrobatischen Flugkünste der Uferschwalben, die über dem Wasser nach Insekten jagten. Sie begleitete eine Schnatterente auf ihrer Futtersuche, saß lange unter einem blühenden Ilex, der inmitten der Schwarzerlen wucherte und hörte den unzähligen Bienen und Hummeln zu, die von seiner duftenden Blütenpracht angezogen wurden. Als sich Leon Breiteneggers Seele nach einem erfüllten Tag am schilfüberwucherten Ufer des Weihers schlafen legte, hatte ihr ruheloser Körper bereits eine weitere Nachbarin verschlungen, die auf der Suche nach Frau Schürmann an der falschen Haustüre geklopft hatte.
Das Verschwinden von Amalia Schürmann war oberstes Gesprächsthema, wenn man an diesem Tag im Dorf aufeinandertraf. Man wurde nicht müde, nach wenigen Sätzen der Anteilnahme und Fassungslosigkeit zu versichern, dass es sich bei dem Verbrecher nur um einen Auswärtigen, einen Zugewanderten und Eingereisten handeln könne. In kleine Grüppchen standen die Leute beieinander und tauschten Gerüchte aus. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass auch die gute Mutter Bergheim abhanden gekommen war. An diesem Abend wurden Türen und Fenster fest verschlossen, die Jalousien knallend heruntergelassen und Hunde schliefen im Haus. Trotz alledem gelang es dem toten Herrn Breitenegger, in der Nacht einen Jugendlichen zu ermorden, der unbedarft mit dem Fahrrad über die dunkle Landstraße nach Hause fuhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Untote bereits aufgegeben, sich vor sich selbst für seinen unstillbaren Hunger zu rechtfertigen. Nach dem Mord an Frau Schürmann und der mühevollen Beseitigung all der unschönen Details, war er unschlüssig im Wohnzimmer auf und ab gestapft, hatte den Fernsehapparat an und wieder abgeschaltet und verworrene Selbstgespräche geführt. Als dann die besorgte Mutter Bergheim um Einlass bat, um sich nach Amalie Schürmann zu erkundigen, beherrschte er seinen bestialischen Blutdurst und führte sie in die unaufgeräumte Küche, die im hinteren Teil des Hauses lag. Die Nachbarin lehnte den angebotenen Kaffee dankend ab und fragte höflich, wann Herr Breitenegger zuletzt Frau Schürmann gesehen habe, die auf der Suche nach ihrem senilen Dackel verschollen sei. Lautes Magenknurren beantwortete ihre Frage und ehe sie es sich versah, schlug Herr Breitenegger gelbe Zähne in ihren fleischigen Hals. Kurz war der Kampf, in einer hellen Fontäne schoss das Blut und Herr Breitenegger gönnte sich eine zweite Tasse Kaffee zu den dampfenden Eingeweiden der ehrenwerten Mutter Bergheim, die er genüsslich verschlang. Doch je mehr er fraß, desto hungriger schien er zu werden, es war, als hätte sich in seinem Magen ein Loch aufgetan, das er nicht füllen konnte. Sein Bauch war aufgequollen und dick, sein Darm hatte die Tätigkeit eingestellt und so füllte sich jeder Zentimeter in seinem Körper mit den Leichenteilen, die er verschlang.
Es dauerte lange, die Spuren der schändlichen Mordtat zu beseitigen. Zu groß war das angerichtete Gemetzel, zu ungelenk der vollgestopfte Herr Breitenegger, der bei jeder Bewegung einen immensen Druck in sich spannen fühlte. Den Putzlappen von sich werfend, rannte er auf die Toilette und erbrach nach und nach Mutter Bergheim, Amalie Schürmann und den armen Dackel in die weiße Keramikschüssel. Kaum war der widerwärtige Prozess überstanden, knurrte sein Magen wieder fordernd. Und so kam es, dass in der Nacht jener junge Mann auf der Landstraße sein Leben lassen musste, um die unstillbare Fressgier des Verstorbenen zu besänftigen.
Kalter Bodennebel umschmeichelte die Landschaft, als seine Seele am nächsten Morgen am Ufer des Weihers erwachte und verzückt dem frühen Lied einer Mönchsgrasmücke lauschte. Mit einem Gefühl großer Demut beobachtete sie das aufsteigende Sonnenlicht, das langsam den feinen Nebel auflöste, der über Wald und Wiesen lag und in hunderten Facetten durch das Schilf schimmerte. Leon Breiteneggers Seele ließ sich in das kühle Wasser des Weihers gleiten und erlaubte sich, in seinen sanften Wellen den Zusammenhalt zu verlieren. Ihr Leichnam hatte die Stunden nach dem letzten, heimtückischen Mord mit schweren Gewissenskonflikten verbracht. Blutüberströmt war er zurück in sein Haus geschlichen. Wieder musste er sich erbrechen, um den abscheulichen Fraß der Nacht loszuwerden. Wieder knurrte sein Magen fordernd, obwohl seine Eingeweide bereits begannen, sich zu zersetzen. Blass war er, der wandelnde Tote, dunkle Venen schimmerten unter seiner Haut und die Augen starrten milchig trübe. Der Körper verfiel und trotzdem war es ihm nicht möglich, sich zur Ruhe zu legen. Nervös wanderte er durch das einsame Haus, beseitigte im einen Moment dunkle Blutflecken von den Küchenmöbeln, reinigte im nächsten das verdreckte Badezimmer und schrubbte nacheinander die Böden in allen Räumen. Er hielt erst inne, als sich die Haut von seinen Fingern zu lösen begann. Dann versuchte er zu weinen, saß auf dem feuchten Linoleumboden und strengte sich an, aber es wollte nur Hunger aus ihm heraus, für mehr war in seinem verrottenden Inneren kein Platz. Also machte er sich wieder auf, wanderte rastlos durch die Zimmer. Überlegte, ob und wie er seinen unerträglichen Appetit befriedigen könnte. Zwei Polizisten, die ihn am Vormittag zu den Vorkommnissen im Dorf befragen wollten, erleichterten den Entscheidungsprozess. Unter dem Vorwand einer schweren Krankheit, die man aufgrund seines schrecklichen Erscheinungsbildes getrost glaubte, lotste er die Beamten ins Wohnzimmer, wo er sich nach einem kurzen, gewalttätigen Kampf an ihren Organen labte. Er verschlang ihre saftigen Innereien so gierig, dass er selbst Teile der Polizeiuniformen fraß und erbrach dann direkt an Ort und Stelle. Angewidert von sich selbst wankte der tote Leon Breitenegger aus dem Schlachthaus, in das er sein Wohnzimmer verwandelt hatte. Er zog sich aus, schlurfte unter die Dusche und ließ heißes Wasser über seinen verwesenden Körper laufen, ohne es zu fühlen. Frustriert schlug er eine gemusterte Fliese entzwei, dann erbrach er dicke Fleischbrocken in die Duschwanne. Bleich und aufgedunsen stand er unter den heißen Wasserstrahlen und brüllte seinen Zorn durch das leere Haus. Ohne sich um ein Handtuch zu kümmern, verließ der das dampfgeschwängerte Badezimmer, stampfte nackt durch den Flur und riss die Haustür auf. Herr Breitenegger war bereit sich den Behörden zu stellen, um seinen Qualen ein Ende zu bereiten, doch er kam nicht weit. Schon nach wenigen Metern zog ihn der Gesang einer jungen Hausfrau magisch an, die bei geöffnetem Fenster in ihrer Küche stand und Apfelmus kochte. In wenigen Augenblicken war der gefräßige Tote in die Küche eingedrungen und über sie hergefallen. Ihre panischen Schmerzensschreie riefen einen Passanten von der Straße herbei, der noch ratlos im Vorgarten stand und zögerlich überlegte die Polizei zu verständigen, als ein nackter, blutverschmierter Wahnsinniger seinen Überlegungen ein jähes Ende bereitete. Viel zu spät erkannte Leon Breitenegger in dem zerfetzten Passanten seinen Jugendfreund Wilhelm, dem er in enger Zuneigung verbunden war. Doch es blieb ihm keine Zeit den ungeheuerlichen Verlust zu betrauern, denn schon riss ihn der gellende Schrei einer Fußgängerin aus der Erstarrung. Die Frau wies mit zitternder Hand auf das grausame Blutbad, das sich ihren weit aufgerissenen Augen in dem akkurat gepflegten Vorgarten darbot und brüllte ihr Entsetzen in die Welt hinaus. Nicht lange, denn der geifernde Untote hatte sie in wenigen Sekunden erreicht und ihre Kehle zerrissen. Nun strömten aus dem ganzen Dorf Menschen herbei um zu helfen, zu gaffen oder zumindest dabei zu sein. Wobei, das wussten sie nicht, aber sie fanden es schneller heraus als ihnen lieb war, denn Herr Breitenegger richtete unter ihnen ein schreckliches Gemetzel an. Menschen flohen kreischend, Kinder weinten, Väter flehten, ihm war es egal. Bis zum bersten angefüllt mit Menschenfleisch und doch rasend vor Hunger schob er mordend dem Marktplatz entgegen. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene bremste mit quietschenden Reifen, stellte sich quer über die Hauptstraße und spie zwei uniformierte Beamte aus, die sich ihm tapfer in den Weg stellten. Sie wurden gnadenlos von der heranwalzenden Bestie verschlungen.
Im stillen Überlaufweiher regten sich gemächliche Gedanken, flüsterten im tiefen Schlick des seichten Gewässers, erzählten den mächtigen Welsen, die den Untergrund durchpflügten, vom alten Birnbaum im Garten und von Herrn Breiteneggers gemütlichem Zuhause. Langsam fügte sich seine Seele am Grund des Weihers wieder zusammen, fand sich in den Wurzeln der Schilfpflanzen, regte sich unter Kieselsteinen und versunkenen Baumstämmen. Schließlich stieg sie ans Ufer und wandte sich mit einem leisen Seufzen dem Dorfe zu. Herrn Breiteneggers Seele ging nach Hause.
Auf dem Marktplatz war ihr Körper von mehreren Polizeiwagen umzingelt. Die herbeigerufenen Polizisten hatte sich hinter ihren Einsatzfahrzeugen verschanzt und schossen verzweifelt in die gewaltige Brust des deformierten Ungetümes, das brüllend über das Kopfsteinpflaster taumelte und nicht sterben mochte. Von unzähligen Schüssen in den Wanst getroffen, stand der Untote zwischen den Wagen, schwankte vor und zurück und brüllte zornig. Leon Breiteneggers Körper fraß die Kugeln, wie er selbst die Menschen. Kein Treffer vermochte es, ihn zu Fall zu bringen. Wutschäumend wandte er sich den Polizisten zu, brüllte wie ein verwundetes Tier und fletschte die Zähne. Verstört beobachtete seine Seele, wie er erst eine junge Polizistin und kurz darauf deren ältere Kollegen zerfleischte. Herrn Breiteneggers Seele war nicht nach Hause gegangen, sie hatte sich von den entsetzten Hilfeschreien ins Dorf leiten lassen und was sie dort mitansehen musste, machte sie Fassungslos. Schreckensstarr sah sie ihrem Körper dabei zu, wie er sich durch die Polizisten metzelte. Als der sich erneut einer Gruppe zuwandte und unaufhaltsam in ihre Richtung walzte, stürzte sie mit einem gramerfüllten Aufschrei auf ihn zu. Leon Breiteneggers Seele versuchte zurück in ihren toten Körper zu gelangen, um ihm Einhalt zu gebieten. Aber es wollte ihr nicht gelingen, sie prallte nutzlos an seinem aufgequollenen Leib ab und stürzte auf das harte Kopfsteinpflaster. Der Untote schüttelte sich kurz und setzte dann unerbittlich seinen Weg fort. Schüsse peitschten durch die Luft, Menschen schrien um Hilfe, die Seele lag auf dem Boden und heulte. In ihrem Entsetzen wandte sie sich einem jungen Beamten zu, der mit aschfahlem Gesicht hinter einer steinernen Parkbank kauerte und drang rücksichtslos in seinen Körper ein. Die überrumpelte Seele des Polizisten floh widerstandslos aus seinem zuckenden Körper, Leon Breitenegger übernahm augenblicklich die Führung. Vorsichtig kroch der junge Polizist hinter der Parkbank hervor und zog seine Pistole. Er verursachte kaum einen Laut, schlich sich langsam im Rücken des Ungetümes heran, das würgend und schlingend über einem Sterbenden hing. Keine fünf Meter war er noch entfernt, als der wandelnde Tote ihn schnüffelnd zur Kenntnis nahm. Leon Breiteneggers Körper wandte den Kopf mit krausgezogener Nase nach dem zitternden Mann um, der hinter ihm stand und seine Waffe mit schweißnassen Händen umklammerte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Leon Breiteneggers Seele in die blutüberströmte Fratze ihres früheren Gesichts, suchte in den verzerrten, verwesenden Konturen nach altvertrauten Ähnlichkeiten. Der Untote sah vor sich nur ein weiteres Stück verlockenden Fleisches und kroch mit gefletschten Zähnen auf den starrenden Polizisten zu. Die Seele riss sich von den sentimentalen Gefühlen los, die beim Anblick ihres deformierten Körpers über sie hereingebrochen waren und konzentrierte sich darauf, das Zittern in ihren neuen Händen zu unterdrücken. Sie zielte konzentriert und schoss dreimal hintereinander in das widerwärtige Antlitz ihres früheren Körpers. Der gewaltige Fleischberg erzitterte und brach würgend zusammen. Leon Breiteneggers Seele schoss zwei weitere Kugeln in seinen zerfetzten Schädel, zerstörte das untote Gehirn, das die mordgierige Bestie gesteuert hatte. Der Körper bäumte sich ein letztes Mal gurgelnd auf, erbrach einen gewaltigen Blutschwall und lag still. Erschöpft fiel der junge Mann auf die Knie, hockte zitternd in der breiige Masse aus Blut und Erbrochenem. Tränen flossen über sein Gesicht. Lange Minuten vergingen, in denen er vor seinem alten Körper im Dreck kauerte und bitterlich weinte. Das misstönende Wimmern herannahender Sirenen riss ihn aus seiner Trauer. Schwerfällig erhob sich Leon Breitenegger im Körper des jungen Polizisten und wandte sich suchend nach dessen Seele um, er war bereit, den unschuldigen Leib zu verlassen und sich wieder den stillen Wassern des Weihers zu übergeben. Schließlich fand er die Seele, wie sie mit verzücktem Lächeln unter den wogenden Ästen der Blutbuche stand und stauend die purpurroten Blätter betrachtete. Herr Breitenegger trat vorsichtig näher an die phantomhafte Gestalt heran, die nur als zartes Flimmern in der Luft auszumachen war. Er hüstelte leise, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Seele des Polizisten fuhr erschrocken herum und wich beim Anblick ihres Körpers zurück. Leon Breitenegger zwang sich zu einem Lächeln und breitete einladend die Arme aus. Die Seele sah auf seine besudelte Uniform, sah die Waffe in seiner blutigen Hand, sah das Flackern in seinen aufgerissenen Augen und floh. Ratlos blieb Herr Breitenegger im Schatten des rauschenden Baumes stehen und sah mit schmerzverzerrter Mine den Streifenwagen entgegen, die über die Hauptstraße auf den Marktplatz zuschossen. Er blickte auf das ungeheuerliche Gemetzel, das sein alter Körper angerichtet hatte, schaute auf die vielen Toten, die verstümmelt in den Straßen lagen und zwang sich zu einer Entscheidung. Er ging zurück zu der abscheulichen Hülle, die einst sein Zuhause gewesen war, starrte traurig auf die zerfetzten Überreste hinab. Die eintreffenden Polizisten mussten hilflos mitansehen, wie sich ihr junger Kollege in den Kopf schoss und tot neben einem aufgequollenen, nackten Leichnam zusammenbrach. Leon Breiteneggers Seele blieb im sterbenden Körper des jungen Polizisten, sank mit ihm zusammen in die tiefe Umarmung des Todes und fühlte nur großes Bedauern, als sie aufhörte zu existieren.

© sybille lengauer

(Ich muss mich entschuldigen, dieser Text ist zum Teil in Kursiv geschrieben. Der HTML-Textblock von WordPress kann das nicht umsetzen, bzw. es würde ewige Handarbeit erfordern, es einzupflegen. Der Visuell-Block kann zwar Kursiv anzeigen, reißt dafür aber die Gespräche, die am Anfag eines jeden Absatzes stehen, hässlich auseinander. Um es mit den Worten von Hermine Granger zu sagen: „Sieht nicht schön aus!“ Zwecks Lesbarkeit habe ich mich jetzt für den Visuell-Block entschieden, damit sind die Zeilen in Kursiv zumindest vorhanden und man versteht leichter die Sprünge in den Dimensionen. Tchuligom, ich bin ein Technik-Depp. Es grüßt, die Autorin)

Moin.“

Moin.“

Alles klar?“

Klar.“

Man hat sich nicht viel zu sagen an diesem kalten Morgen im Februar. Rauchend steht eine kleine Gruppe von Frauen im Windschatten eines altehrwürdigen Landgasthauses. Füße werden gescharrt, Hände gerieben, Nasen geschnäuzt. Alle husten, aber so ist das eben bei dieser verdammten Kälte. Während das erste Morgenrot vom anbrechenden Tag erzählt, betreten die Küchenkräfte einen modernen Anbau, der sich hinter dem ausladenden Hauptgebäude verbirgt und schnaufen die steile Treppe zum Umkleideraum hinauf. Jacken werden aufgehängt, Straßenschuhe gegen Küchencrocs getauscht. Eine studentische Aushilfe präsentiert bei dieser Gelegenheit stolz ihr erstes Tattoo, das, sorgsam unter durchsichtiger Folie verpackt, ihre schlanke Wade ziert. Es wird mäßig interessiert zur Kenntnis genommen. „Tut das nicht weh?“ fragt eine ältere Küchenhilfe. „Natürlich tut das weh.“ beantwortet eine Spülfrau die ewige Schmerzfrage und nickt der jungen Aushilfe wissend zu. Die zuckt nur mit den Schultern und lässt die Tätowierung unter ihrer weiten Stoffhose verschwinden. Manuela zieht die Bänder ihrer gelben Küchenschürze eng um die schmale Taille, bindet einen einfachen Knoten mit Schleife. „Es ist die Kopie einer uralten Tätowierung, die man an einer zweitausendfünfhundert Jahre alten Mumie gefunden hat.“ erklärt sie in etwas überheblichem Tonfall. Die laue Reaktion ihrer Kolleginnen hat sie enttäuscht. „Du hast dir eine uralte Mumie tätowieren lassen?“ versteht sie eine der Frauen absichtlich falsch. Die anderen lachen. „Genau, Adele. Ich habe mir eine uralte Mumie tätowieren lassen.“ antwortet Manuela. Sie rollt genervt mit den Augen und verlässt beleidigt den Umkleideraum. Das Spötteln der Kolleginnen folgt ihr die Treppe hinunter. Der Vormittag vergeht ereignislos. Waren und Getränke werden angeliefert, Beilagen und Salate vorbereitet. Manuela erledigt schweigsam die anfallenden Aufgaben und ignoriert die anzüglichen Mumien-Witze, die nun in der Küche kursieren. Ihre Pause verbringt sie demonstrativ mit dem zynischen Oberkellner, der sonst immer alleine raucht. Als ihre Schicht endet, verlässt sie die geschäftige Küche ohne sich zu verabschieden. Im Umkleideraum knüllt sie Kittel und Schürze achtlos in ihren Korb, tritt die Küchenschuhe in eine Ecke und schlüpft fluchend in ihre übergroße Daunenjacke.

Hey, Baby!“

Hey.“

Na?“

Na.“

Manuela nickt ihrem Freund zu, der gemütlich am niedrigen Wohnzimmertisch sitzt und einen Joint baut. Sie erwidert sein Lächeln nicht. Abgespannt und mit düsterem Blick steht sie im Türrahmen und gibt sich maulfaul. „Harter Tag, was?“ fragt Erik und krümelt Tabak aus einer Zigarette. „Ach, alles Idioten.“ Manuela schlurft mit hängenden Schultern ins Schlafzimmer, stellt ihren Korb auf den vollgehängten Wäscheständer, wirft Kittel und Schürze in den überquellenden Wäschekorb. Dann geht sie zurück ins Wohnzimmer und lässt sich ächzend auf die breite Couch fallen. „Die haben nur dämliche Witze gemacht.“ grummelt Manuela, während sie die Hose hochkrempelt und Folie von ihrer Tätowierung löst. Ein katzenartiges Wesen mit auffallend großen Ohren, hellen Flecken im nachtschwarzen Fell und einem langen, getüpfelten Schwanz schmiegt sich Rücken an Rücken an einen Widder, der seine Hinterläufe hoch in die Luft wirft, den geschwungenen Hals in einen unsichtbaren Himmel reckt und sein Maul weit aufreißt. Dunkle Blüten verzieren das Motiv der tanzenden Gewalten. „Witze?“ fragt Erik mit tränenden Augen und reicht den qualmenden Joint über den Couchtisch. „Wegen dem Tattoo.“ erklärt Manuela mit dunkler Stimme und raucht. „Des.“ verbessert Erik hustend. „Was?“ fragt Manuela gereizt, während sie die Luft anhält. „Wegen des Tattoos.“ Erik nimmt den Joint wieder entgegen. „Du mich auch.“ versetzt Manuela und hustet herzhaft. Erik inhaliert genüsslich und starrt versonnen an die Zimmerdecke. „Ich finde dein neues Tattoo ganz außergewöhnlich.“ bekennt er der Deckenlampe. „Ach, findest du?“ fragt Manuela mit belegter Stimme. „Geradezu anbetungswürdig.“ säuselt Erik, der sie ansieht und sich die Andeutung eines Grinsens erlaubt. „Ach ja?“ Manuelas Augen werden glasig, die entspannende Wirkung der Droge glättet ihre Verstimmung. „Na dann bete mal, du kleiner Glaubenskrieger.“ Sie zeigt ein schmales Lächeln und reckt das Bein über den Tisch. Erik greift nach ihrem Knöchel, haucht Küsse in Richtung Wade. „Ich bete dich an, oh göttliches Tierwesen, dessen geheiligte Linien die Haut dieser elenden Ungläubigen zieren…“ „Hey!“ ruft Manuela dazwischen. „…deren Füße zu küssen ich nicht würdig bin.“ fährt Erik mit einem schiefen Lächeln fort. Rauch quillt aus seinen Nasenlöchern. Manuela lacht herzlich. „Ich bringe dir, oh Lichtgestalt, dieses bescheidene Brandopfer dar, und alle, die noch folgen mögen.“ Mit ernstem Gesicht nimmt Erik einen tiefen Zug vom Joint und bläst eine dicke Rauchschwade über Manuelas Bein. Irgendwo tief, tief unten in den verborgenen Schichten der Erde, öffnet eine ruhende Gottheit ihre goldenen Augen. „Hör auf, bist du bescheuert?“ ruft Manuela lachend und zieht das Bein zurück. „Du hast echt einen Knall.“ stellt sie amüsiert fest. „Ich liebe dich.“ sagt Erik nur und reicht ihr den Joint. Die Zeit dümpelt im warmen Wohnzimmer dahin, der Abend versandet zur Nacht. Erik und Manuela liegen sich auf der breiten Couch gegenüber, Erik streichelt geistesabwesend Manuelas Füße, während die nur mit halb geschlossenen Augen auf den flimmernden Fernseher starrt. Kurz bevor sie einschläft, gibt Erik ihr einen sanften Schubs. „Geh ins Bettchen.“ sagt er sanft. „Krzfz.“ murmelt Manuela. „Scha-hatz.“ brummt Erik und rüttelt liebevoll an ihrem großen Zeh. „Ichgehjaschon.“ nuschelt sie, dreht sich um und schläft ein. Seufzend schält sich Erik von der Couch, er stellt den riesigen Fernseher aus und trottet alleine ins Schlafzimmer. Manuela schnarcht leise. Ihre Augenlider zucken, während der Körper tiefer in den Schlaf gleitet. „Hallo? Ist da jemand!“ Manuela steht inmitten einer ausgedehnten Graslandschaft und spürt, wie ein scharfer Windstoß ihre Worte in der Luft zerreißt. Der Himmel über ihrem Kopf ist tiefschwarz, nicht ein Stern zeigt sich in der Finsternis. In weiter Ferne recken sich die schneebedeckten Gipfel eines Gebirges aus der dunklen Ebene. Manuela fröstelt. „Hallo!“ ruft sie wieder und läuft in langen Schritten auf die schimmernden Berge zu. Ihre Füße rascheln geräuschvoll durch die trockenen Halme. Zu ihrer Linken fliegt plötzlich eine Großtrappe auf. Die Flügelspitzen des mächtigen Vogels sprühen Funken und setzen das wogende Grasland in Brand. Manuela schwebt über dem rasenden Feuer, betrachtet das lodernde Inferno aus großer Höhe. Fragt sich nicht, wie sie den Boden verlassen hat. Traumsicher gleitet sie über der Szenerie, wendet sich erneut den Bergen zu. „Ist da jemand!“ ruft sie wieder und wird von einem scharfen Windstoß in der Luft zerrissen.

Hey.“

Hey.“

Manuela sitzt zusammengekauert im Bus, nickt einem bekannten Gesicht zu und starrt dann wieder auf das Display ihres Handys. Sie verspürt kein Bedürfnis nach Smalltalk. Die Nacht war kurz, die Träume waren schlecht, die Uni beginnt viel zu früh. Der Bus befördert Schüler und Studenten aus dem Dorf in die nahe gelegene Kleinstadt, speit seine jugendliche Ladung am Bahnhof aus. Manuela schlurft zum schäbigen Bahnsteig, achtet dabei nicht auf die Menschen, die mit ihr strömen. Mit gesenktem Kopf betritt sie die wartende Bahn und blickt nur auf, um einen Sitzplatz zu suchen. Es gibt keinen. Manuela schnaubt frustriert. Eine ältere Dame, die neben ihr steht, nickt wissend. „Uns lassen die hier stehen,“ sagt sie, sieht Manuela dabei mürrisch ins Gesicht „aber den Ausländern, denen schieben sie es hinten rein.“ Manuela wendet genervt den Blick ab. Tut, als würde sie die Frau nicht hören. „Das wird man ja noch sagen dürfen.“ beschwert sich die alte Dame und schwankt heftig, als sich der Zug in Bewegung setzt. Ihre giftigen Worte verebben im Sog der Geräusche, die den Großraumwaggon erfüllen. Ein Handy klingelt unmelodiös. Ein Mann in mittleren Jahren beginnt ein zorniges Streitgespräch mit seiner Frau. Studenten plappern über die Uni, den Teilzeitjob, das Zuhause. Irgendwo jammert ein kleines Kind. Manuela reibt sich gereizt die Schläfen. Am Zielbahnhof verlässt sie erleichtert den stickigen Zug. In wenigen Minuten hat sie den nahe gelegenen Campus erreicht. Sie weicht den anderen Kommilitonen aus, bringt die Strecke hinter sich, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. An der Universität kommentiert nur der Professor für französische Geschichte ihre dunklen Augenringe mit einer spöttischen Bemerkung, sonst wird sie von niemandem zur Kenntnis genommen. Desinteressiert folgt Manuela den Kursen, die an diesem Tag auf ihrem Programm stehen. Sie arbeitet nicht mit, schreibt nichts auf, spricht nicht mit den anderen Studenten. Mittags entscheidet sie, die restlichen Kurse auszulassen und nach Hause zu fahren. Manuela friert und schwitzt gleichzeitig, fühlt sich ausgelaugt, erschöpft und leidet unter Kopfschmerzen. Nach einer eintönigen Zugfahrt zurück in die Kleinstadt wartet sie ergeben im gläsernen Bushäuschen auf den Anschlussbus. Erfolglos zittert sie gegen den eiskalten Februarwind an. Das letzte Stück des Weges verschläft sie im überheizten Bus, träumt fragmentarisch von züngelnden Flammen und schimmernden Bergketten, die lautlos nach ihr rufen. Der Busfahrer hupt Manuela an ihrer Haltestelle wach. Man kennt sich. Manuela dankt mit einem Nicken und fällt beim Aussteigen fast aus dem Bus. Zuhause angekommen lässt sie sofort heißes Wasser in die Badewanne laufen. Sie zieht sich mit klappernden Zähnen aus, wirft ihre Kleidung achtlos auf den schwarz-weißen Fliesenboden und klettert umständlich in die dampfende Badewanne. Das tätowierte Bein lässt sie gewissenhaft vom Rand der Wanne baumeln, um das Tattoo nicht nass zu machen. Als die wohlige Hitze des Bades ihren schlotternden Körper durchflutet, pinkelt sie mit einem behaglichen Seufzen ins Wasser.

Hey, Baby!“

Hey.“

Na?“

Na.“

Manuela liegt auf der breiten Wohnzimmercouch, hat sich unter zwei kuscheligen Decken vergraben. Im Fernsehen läuft ein alter Western, der Ton ist sehr leise eingestellt. Erik durchquert mit raschen Schritten den stickigen Raum und küsst sanft Manuelas glänzende Stirn. „Du glühst ja förmlich.“ sagt er erschrocken und macht ein ernstes Gesicht. „Krank.“ krächzt Manuela. „Das sehe ich.“ Erik verlässt das Wohnzimmer und rumort in der Küche. Nach wenigen Minuten kehrt er mit einer Tasse Tee zurück. „Danke.“ Manuela nimmt die Tasse entgegen und pustet. Erik setzt sich an den Rand der Couch, holt eine metallene Schatulle unter dem Tisch hervor und beginnt methodisch, einen Joint zu bauen. „War fürchterlich heute.“ flüstert Manuela und Erik nickt wissend. „Bei mir auch.“ seufzt er und dreht einen Filter zwischen seinen Fingern rund. „Die 6B ist ein Alptraum.“ setzt er düster hinzu. „Ist nicht mehr lange.“ tröstet Manuela. „Ferien helfen da auch nicht.“ Erik krümelt Tabak aus einer Zigarette, vermischt diesen mit Gras und streut das Gemisch auf ein langes Blättchen. Sorgsam legt der den Filter dazu, dann rollt er das Papier ein, benetzt den Klebestreifen mit der Zunge, dreht die Spitze des Blättchens zu, schüttelt. „Alles scheiße.“ kommentiert er die allgemeine Situation. Er brennt den Joint an, raucht, atmet tief ein und schließt kurz die Augen. „Schon etwas besser.“ sagt er und bläst eine Rauchwolke aus. „Will auch.“ lässt sich Manuela aus ihrer Deckenburg vernehmen. Erik reicht die Tüte weiter. In den tiefen Eingeweiden der Erde regt sich die goldäugige Gottheit. Das Wesen streckt seine erwachenden Sinne hinauf bis an die Oberfläche der Welt, tastet suchend nach den Menschen, die das Brandopfer darbringen. Unsichtbare Augen beobachten das seltsame Pärchen, das matt auf der Wohnzimmercouch lümmelt und raucht. Die Gottheit lauscht. „Ich möchte die Klasse abgeben.“ sagt Erik gerade. „Geht das?“ fragt Manuela hustend und reicht den Joint zurück. „Hm.“ macht Erik nur. Er raucht und starrt auf den Fernseher. Clint Eastwood stapft mit finsterer Mine durchs Bild, aber Erik hat keine Augen für den Helden des Western. „Ich hätte Tischler werden sollen.“ sagt er resigniert. „Dafür bist du zu ungeschickt.“ versetzt Manuela bissig. „Pass schön auf, du junges Gemüse.“ knurrt Erik. „Alter Sack.“ ätzt Manuela. Beide grinsen. Der Joint geht zu Ende, der Western hört auf, die Guten gewinnen. Erik bringt Manuela ins Bett, cremt fürsorglich ihr neues Tattoo ein, deckt liebevoll ihren zitternden Körper vom Hals bis zu den Zehenspitzen zu und wünscht eine gute Nacht. Warm und watteweich verpackt, fällt Manuela schnell in einen unruhigen Schlaf. Die weite Ebene steht in Flammen, brennt lichterloh bis zum Horizont. Körperlos schwebt Manuela über dem Meer aus Feuer, wendet ihren Blick den Bergen zu, die in der Ferne schimmern. Eine tiefe Sehnsucht zieht an ihrer Seele. Manuela träumt sich zum Albatros. Sie atmet beißenden Rauch, der in dicken Säulen aufsteigt, fühlt sengende Hitze, die ihren gewaltigen Flügeln Aufschwung verleiht. Im Lidschlag eines Augenblicks denkt sie sich zu den schneebedeckten Gipfeln, gleitet majestätisch über den glitzernden Schneefeldern. Manuela träumt sich zum Steinadler. Sie landet auf einem kahlen Felsen und starrt mit dunklen Augen angespannt in den sternlosen Himmel. Goldglänzende Augen starren aus der endlosen Schwärze zurück. Der Adler sträubt erschrocken das Nackengefieder, wird zu einer kleinen Rötelmaus. Manuela springt hektisch vom Felsen und versteckt sich in einer schmalen Ritze zwischen den Steinen. Die Angst lässt ihr winziges Mäuseherz rasen. Die goldenen Augen folgen ihr in die Dunkelheit des Verstecks. Starren. Manuela der Schneehase schießt mit aufgerissenem Maul zwischen den Steinen hervor und rast, wilde Haken schlagend, über das Schneefeld davon. Die goldenen Augen sehen ihr teilnahmslos hinterher und schließen sich langsam.

Guten Morgen, Baby.“

Meh.“

Wie geht es dir?“

Furchtbar.“

Erik beugt sich über das Bett und befühlt vorsichtig Manuelas heiße Stirn. Er schüttelt den Kopf und setzt ein strenges Gesicht auf. „Du bleibst heute schön Zuhause.“ verkündet er mit tiefer Pädagogenstimme. „Jawohl, Herr Doktor.“ antwortet Manuela und winkt schwach mit der Hand. Erik hilft ihr aufzustehen, führt sie sanft ins Wohnzimmer. Er bringt Tee und eine Wärmflasche an die Couch, stellt Manuelas Laptop auf den niedrigen Tisch und legt die Fernbedienung in Reichweite. „Fehlt noch etwas?“ fragt er und sieht sich dabei suchend im Wohnzimmer um. „Ich könnte ein wenig Entspannung vertragen.“ brummt Manuela, die wieder unter zwei kuschelige Decken gekrochen ist. „Natürlich.“ Erik holt seine Schatulle hervor und dreht geschickt zwei formschöne Joints, die er neben den Aschenbecher legt. Dann steht er mit einem bedauernden Seufzen auf und geht ins Badezimmer. Manuela zappt missmutig durch die unzähligen Fernsehprogramme, lauscht dabei auf die Geräusche, die Erik beim Duschen verursacht. Sie hat nur eine diffuse Erinnerung an den Traum der letzten Nacht, erinnert sich vage an das Gefühl des Fliegens und den Geruch von Todesangst im kalten Schnee. Manuela verdrängt den unangenehmen Gedanken. Sie verzieht das Gesicht, als der frisch geduschte, ordentlich frisierte und adrett gekleidete Erik ihr zum Abschied einen dicken Kuss auf die spröden Lippen drückt. „Ich werde dich noch anstecken.“ grummel sie ihm hinterher. „Dann kann ich auch auf der Couch bleiben.“ kontert Erik und geht. Manuela liegt schlapp auf der Couch, zappt lustlos durch die Programme, nippt Tee. Immer wieder wandert ihr Blick zu den beiden Joints, die neben dem Aschenbecher liegen. Zeit vergeht. „Ach, scheiß drauf.“ Manuela entscheidet sich für eine alberne Kindersendung, legt die Fernbedienung zur Seite und zündet einen Joint an. Sie raucht bedächtig, bläst dicke Rauchschwaden in die Luft und kommentiert gereizt die dümmliche Handlung der Sendung. Ein unangenehmer Schmerz fährt plötzlich durch ihre Wade. „Verdammt.“ Manuela legt den Joint in den Aschenbecher, krempelt die weite Jogginghose hoch und starrt mit gerunzelter Stirn auf die verschlungenen Linien, die ihr Bein verzieren. Die Tätowierung tanzt. Katze und Widder umwinden sich in einem verschlungenen Reigen, Blumen erblühen wie Tuschflecken auf ihrer blassen Haut. „Was zur Hölle?“ entfährt es Manuela, erschrocken lässt sie aufgestauten Rauch aus ihren Lungen entweichen. Goldene Augen öffnen sich überall im Wohnzimmer. „Scheiße!“ schreit Manuela und springt von der Couch hoch. Die Augen folgen ihrer Bewegung, schweben überall im Raum. Manuela hastet in den Flur, doch auch dort begegnen ihr goldene Blicke. „Was soll das?“ schreit sie entsetzt. „Was soll das.“ flüstert ein knisterndes Echo. Manuela erstarrt. „Hallo?“ fragt sie zaghaft. „Hallo.“ knistert das Echo. „Wer ist da?“ flüstert Manuela mit hoher Stimme. Sie schreit auf, als ihr ein heißer Windstoß ins Gesicht fährt. „Ich bin der Schatten im nächtlichen Dämmerwald, ich bin das Schimmern der wogenden See, ich bin der Atem, der über die Sanddünen hallt, ich bin das Lawinenlied, oben im Schnee.“ singt das Knistern. „Was?“ Manuela steht mit offenem Mund im Flur und glotzt. Die goldenen Augen streben einander zu, vereinen sich zu einer glänzenden Masse die wild pulsierend beginnt unterschiedliche Formen anzunehmen. Körper fließen ineinander, Hase, Widder, Steinbock, Kröte, Tiger, Rentier, Leopard, Schwalbe. Schließlich richtet sich die Form eines goldenen Mannes auf. „Wie?“ fragt Manuela fassungslos. Der gesichtslose Mensch breitet feierlich die Arme aus. „Es ist an der Zeit, meinen Namen zu nennen.“ knistert die Stimme und ein weiterer, glutheißer Windstoß fegt durch den Flur. „Wie bitte?“ Manuelas Knie zittern. „Nenne meinen Namen.“ fordert das Knistern. „Ich kenne deinen Namen nicht!“ flüstert Manuela entsetzt. „Du kennst ihn.“ flüstert die Stimme. Das goldene Wesen nimmt eine fordernde Haltung ein. „Oscar?“ quietscht Manuela und verflucht sich im selben Augenblick. „Oscar.“ knistert die Stimme befriedigt. Der Mann neigt den Kopf, faltet die klobigen Hände vor der Brust und verschwindet ins Nichts. Manuela steht allein im düsteren Flur und zittert heftig. „Ich rauche nie wieder.“ flüstert sie, dann läuft sie zur Toilette und übergibt sich.

Oscar?“

Hör auf zu lachen.“

Du hast ihn Oscar genannt?“

Hör endlich auf zu lachen.“

Erik krümmt sich. Tränen laufen über sein verzerrtes Gesicht. Manuela starrt ihn feindselig über den Couchtisch hinweg an. „Ich meine Brahma, Wotan, Voldemort, das sind starke Namen für eine Halluzination. Und du nennst ihn Oscar.“ Erik kichert. Manuela wirft mit einem Kissen nach ihm. „Du Arsch,“ faucht sie schwach, „ich hatte echt Panik.“ „Na, na.“ macht Erik. Er wirft das Kissen zurück und deutet mahnend auf den Joint in seiner Hand. „Geh mir weg mit dem Scheiß.“ schmollt Manuela. „Du musst ja nicht.“ besänftigt Erik. Er legt den Joint in den Aschenbecher und setzt sich zu ihr auf die Couch. Manuela sieht ihn finster an. „Du machst dich nur lustig über mich.“ sagt sie mit Tränen in den Augen. „Weil ich dich zum Lachen bringen möchte, Liebling.“ Seine Stimme ist weich und eindringlich. „Mir ist aber nicht nach Lachen.“ murrt Manuela. „Wer lacht kann keine Angst haben.“ erwidert Erik und lächelt aufmunternd. „Ha. Ha.“ macht Manuela. Erik nimmt sie tröstend in den Arm. „Da sind ein paar Synapsen in deinem Gehirn ein bisschen ausgeflippt und haben eine kleine Party veranstaltet. So what? War bestimmt das Fieber.“ versichert er gutmütig. „Bestimmt.“ murmelt Manuela und verkriecht sich in Eriks Umarmung. Die Wärme seines Körpers und der beruhigende Bass seiner Stimme geben ihr ein angenehmes Gefühl. „Ich rauche wirklich nie, nie wieder.“ Manuela versteckt ihren Kopf in Eriks Pullover. „Ist in Ordnung, Baby.“ versichert er und streichelt sanft über ihren Rücken. „Komm, wir sehen uns einen deiner bescheuerten Liebesfilme an.“ „Ich hasse Liebesfilme!“ Manuela windet sich in seiner Umarmung. „Dann eben Gewalt.“ brummt Erik. „Okay.“ antwortet es aus den Falten seines Pullovers. Beide schaffen es nicht, bis zum Ende des mäßigen Horrofilms wach zu bleiben. Es ist spät in der Nacht, der Fernseher läuft, wirft flimmernde Bilder über das schlafende Pärchen. Ein Talkshow-Moderator strahlt mit zahnpastaweißem Lächeln sein applaudierendes Publikum im Studio an. Seine goldenen Augen zwinkern schelmisch einem hübschen Mädchen in der ersten Reihe zu, das daraufhin in Flammen aufgeht. Der nächste Tag beginnt mit einem späten Frühstück im Wohnzimmer. Es ist Samstag Vormittag und Erik hat beim Bäcker um die Ecke belegte Brötchen gekauft. Manuela greift beherzt zu. Eine traumlose Nacht liegt hinter ihr, sie hat tief und fest geschlafen. „Dein Fieber scheint weg zu sein.“ stellt Erik fest. „Es geht mir schon viel besser.“ bestätigt Manuela mit vollem Mund. Gierig greift sie nach ihrer Tasse, schlürft genüsslich warmen Kaffee mit viel Milch. Erik lächelt und beißt zufrieden in sein Brötchen. Nach dem ausgiebigen Frühstück und einer belanglosen Plauderei wagt er einen Vorstoß. „Wollen wir uns dein Tattoo mal ansehen?“ fragt er mit weicher Stimme. „Meinetwegen.“ Manuela versucht ihre Nervosität zu verstecken, doch es gelingt ihr schlecht. Mit übertriebener Vorsicht krempelt sie das Bein der Jogginghose hoch, hält dabei unbewusst die Luft an und starrt gebannt auf das Tattoo. „Ist ganz normal.“ stellt Erik nach einer Weile fest. „Total normal.“ haucht Manuela erleichtert. Erik drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du mächtige Schamanin.“ flüstert er. „Du Arschloch.“ erwidert Manuela liebevoll. Der Vormittag plätschert dahin, im Fernsehen läuft eine beliebte Zeichentrickserie. Erik dreht ganz beiläufig einen Joint. Manuela sieht ihm nachdenklich dabei zu. „Ich möchte wirklich nicht.“ lehnt sie ab, als er sie fragend ansieht. Erik nickt verständnisvoll. Er zündet den Joint an und bläst einen dicken Rauchring zum Fernseher. Es knistert. Der Bildschirm verwandelt sich in flüssiges Gold. Manuela und Erik erstarren auf der Couch. Sekunden vergehen in absoluter Reglosigkeit. „Es brennt wieder!“ schreit Manuela plötzlich und reißt hektisch das Hosenbein nach oben. Die schwarzen Linien ihrer Tätowierung tanzen eng umschlungen über ihre Wade. „Fuck.“ haucht Erik. „Du siehst es auch!“ „Oh Fuck.“ wiederholt Erik nur. Der goldene Fernsehbildschirm fließt lautlos auf den Wohnzimmerboden und manifestiert sich in Menschenform. „Oscar.“ flüstert Manuela entsetzt. Erik prustet hysterisch. „Oscar.“ knistert das Echo zufrieden und ein heißer Windstoß fegt durch das Wohnzimmer, wirbelt Staub von den Regalen. „Oh, wow.“ macht Erik. Manuela starrt den goldenen Mann mit weit aufgerissenen Augen an. „Das ist keine Halluzination.“ bricht es aus ihr heraus. Erik nickt stumm, starrt mit offenem Mund. „Sag etwas.“ flüstert sie. „Was?“ piepst Erik und klappt den Mund zu. „Ich weiß nicht.“ zischt Manuela. Die goldene Gestalt macht einen Schritt auf die Couch zu. Manuela zuckt erschrocken zurück, Erik schnellt in die Höhe. „Verschwinde du Mistvieh!“schreit er lauthals und fuchtelt mit leeren Händen durch die Luft. „Es ist an der Zeit, die Kultstätte zu errichten.“ knistert die Stimme. Der goldene Körper hebt feierlich die Arme zur Zimmerdecke. „Bitte was?“ Erik hält verdutzt inne. „Kultstätte?“ fragt Manuela, die sich tief in die Couch drückt. Ihr Blick wandert zwischen dem gesichtslosen Wesen und Eriks entgleisten Gesichtszügen hin und her. „Drei Tage.“ verkündet das Knistern und die goldene Manifestation löst sich in einem heißen Luftstoß auf. Der Fernseher flimmert, das Bild kehrt zurück, zeigt eine lustige Zeichentrickfamilie.

Baby, wir können doch keine Kultstätte bauen.“

Und was passiert wenn wir das verdammte Ding nicht bauen?“

Ich habe keine Ahnung was dann passiert. Aber ich baue ganz bestimmt keine Kultstätte!“

Wenn du noch einmal Kultstätte sagst, verlasse ich die Wohnung!“

Ein Streit ist nach dem Verschwinden des Wesens entbrannt. Wer ihn begonnen hat, warum er gerade jetzt geführt wird, es ist nicht zu ergründen. Die Nerven liegen blank und so entlädt sich die Stimmung in einem hitzigen Gewitter. Manuela sitzt mit zorngerötetem Gesicht vor ihrem Laptop. Sie sucht im Internet nach Antworten, ein vollgeschmierter Notizblock mit krakeligen Skizzen liegt neben ihr auf der Couch. Erik wandert gereizt im Zimmer auf und ab. „Das ist doch total bescheuert.“ mault er. „Du bist total bescheuert.“ versetzt Manuela leise. Erik grunzt und stapft weiter durchs Zimmer. „Vielleicht ist das so eine Art abgefuckte Reality-Show und am Ende war alles nur Spaß?“ überlegt Manuela laut. „Das kannst du deinem Frisör erzählen.“ motzt Erik gereizt. „Ich gebe mir wenigstens Mühe!“ Tränen schimmern in Manuelas Augen. „Tut mir leid.“ lenkt Erik ein. „Wir müssen eine Möglichkeit finden, dieses Ding loszuwerden.“ setzt er hinterher. „Wie stellst du dir das vor?“ fragt Manuela und wischt Feuchtigkeit aus ihren Augenwinkeln fort. „Keine Ahnung. Uns fällt schon etwas ein.“ Erik lässt sich auf die Couch fallen, ächzend zückt er sein Handy. „Ich würde jetzt wirklich gerne rauchen.“ seufzt er niedergeschlagen. „Nichts da.“ Manuela sieht ihn scharf an. „Ich weiß, ich weiß.“ Missmutig durchforsten sie gemeinsam das Internet. Suchen in Foren und Onlinezeitungen nach Berichten über die tätowierte Mumie, nach goldenen Augen, Bildern religiöser Kultstätten und den Zeilen des eigenartigen Gedichts, an die sich Manuela noch erinnern kann. Das Wort ‚Lawinenlied‘ erzielt mehrere Treffer. Aufgeregt liest Erik einen Artikel vor. Er handelt von Brauchtumspflege und Musikfirmen, die Lizenzrechte an Volksliedern aufkaufen. Nichts an dem kurzen Bericht erscheint hilfreich. „Ach verdammt.“ flucht Erik, er wirft das Handy frustriert auf den Tisch und trollt sich ins Badezimmer. Manuela durchforstet weiter das Internet. Als Erik, nach Duschgel und herbem Aftershave duftend, zurück ins Wohnzimmer kommt, präsentiert sie stolz eine Internetseite auf dem Laptop. „Was ist das?“ fragt Erik und setzt sich zu ihr. „Der Liedtext.“ sagt Manuela triumphierend. „Sehr gut. Lies vor.“ Erik greift gedankenverloren nach der Schatulle unter dem Tisch. „Nein.“ sagt Manuela laut. Erik murmelt eine Entschuldigung und legt die Schatulle zurück. „Hör zu.“ fordert sie und liest: „ ‚Er ist der Schatten im nächtlichen Dämmerwald, er ist das Schimmern der wogenden See, er ist der Atem, der über die Sanddünen hallt, er ist das Lawinenlied, oben im Schnee. Er ist das Feuer, das unsere Sünden verbrennt, er ist der flammende Blick, der unsre Makel erkennt, tausend Augen ruhen schauend im goldenen See‘.“ Manuela sieht Erik gespannt an. Der zuckt nur mit den Schultern. „Was soll uns das bringen?“ fragt er. „Na wir wissen jetzt, dass das Lied existiert. Und wir wissen auch, dass dieses Ding schon einmal gesehen wurde. Sonst gäbe es ja das Lied nicht!“ sprudelt es aus Manuela heraus. „Und weiter?“ Erik zieht skeptisch eine Augenbraue hoch. „Nichts weiter.“ Das aufgeregte Leuchten verschwindet aus Manuelas Gesicht. Eine unangenehme Stille breitet sich im Wohnzimmer aus. „Lass uns die blöde Kultstätte bauen.“ sagt Erik niedergeschlagen.

Das ist bescheuert.“

Es ist cool.“

Total daneben.“

Ich finde es sieht gut aus.“

Manuela und Erik stehen vor dem hölzernen Schrein, den sie in den vergangenen drei Tagen gebastelt haben. Der Schrein steht auf einem Podest aus Pressspanplatten und ist mit goldener Glanzfolie überzogen. Das Podest ist schwarz lackiert und mit rotem Stoff umwickelt. Kunstblumen und frische Birkenzweige runden das Bild ab. Im Schrein steht eine goldene Siegerstatue, die einen Lorbeerkranz in Händen hält. Zu ihren Füßen flackern elektrische Teelichte. „Das ist doch lächerlich.“ brummt Erik gereizt. „Hilf mir lieber mit den Aufstellern.“ faucht Manuela und geht in den Flur. Erik folgt ihr, schüttelt dabei nur unwillig den Kopf. Gemeinsam tragen sie ein langes, schmales Paket ins Wohnzimmer. Es dauert nicht lange die Pappaufsteller zusammenzubauen. Nach wenigen Minuten sind die lebensgroßen Oscar-Figuren fertig. Manuela stellt sie rechts und links neben dem Podest auf. Sie mustert das Ergebnis kritisch, rückt ein paar Blumen um den Schrein zurecht, nickt und räumt die Paketreste in den Flur. Erik steht nur da, starrt die riesigen Pappaufsteller an und zieht ein finsteres Gesicht. „Hör endlich auf zu schmollen.“ versetzt Manuela gereizt, als sie wieder ins Zimmer kommt. Sie setzt sich auf die Couch und betrachtet die fertige Kultstätte. „Sieht schön aus.“ stellt sie fest. „Und jetzt?“ fragt Erik, der sich nicht von der Stelle bewegt hat. „Jetzt weihen wir sie ein.“ antwortet Manuela düster und holt die metallene Schatulle unter dem niedrigen Tisch hervor. „Ich habe nachgedacht. Da Oscar immer erscheint wenn wir kiffen, muss es eine Verbindung zwischen den Joints und dem Tattoo geben. Wir rauchen also und er wird kommen.“ „Und dann?“ „Dann sehen wir weiter. Die Tage sind ohnehin um.“ Erik setzt sich kopfschüttelnd an den Couchtisch und öffnet die Schatulle. Ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen, als er das Tütchen mit Gras auspackt. „Das sollte dir wirklich keinen Spaß machen.“ zischt Manuela. Sie streicht nervös über das Tattoo an ihrer Wade. „Wie fühlst du dich?“ fragt Erik sanft, die Aussicht auf das Rauchvergnügen glättet seine Verstimmung. „Ängstlich. Verwirrt. Müde. Zornig. Such es dir aus.“ Manuela betrachtet die Tätowierung mit gerunzelter Stirn, wendet dann resigniert den Blick ab. „Aber du fühlst dich nicht mehr fiebrig, oder?“ fragt Erik weiter. „Nein, alles prima.“ Manuela beobachtet seine Hände. Erik dreht routiniert den Joint, platziert ihn sorgfältig im Aschenbecher und legt die Hände in den Schoß. Eine Minute vergeht. „Ich trau mich nicht.“ flüstert er schließlich, sitzt dabei vor dem Aschenbecher wie die Maus vor der Falle. „Ach scheiße.“ Manuela schnappt sich den Joint, nimmt das Feuerzeug vom Tisch und brennt die Spitze der Tüte ab. „Heil dir, oder so.“ sagt sie mit einem Nicken zum Schrein hin, zündet den Joint an und raucht. Sie zieht schnell hintereinander, behält den Rauch in der Lunge, gibt den Joint weiter an Erik. Der zieht lange, schließt genießerisch die Augen. Manuela hustet. „Merkst du schon etwas?“ fragt Erik und reicht den Joint zurück. „Bisher nicht.“ Manuela betrachte die schwarzen Linien des Tattoos mit zusammengekniffenen Augen und zuckt dann mit den Schultern. Sie raucht wieder. „Vielleicht haben wir irgendetwas übersehen.“ murmelt sie und reicht den Joint zurück, ohne aufzusehen. Erik reagiert nicht. „Schatz?“ fragt Manuela und blickt auf. Goldene Augen starren ihr aus Eriks Gesicht entgegen. Manuela springt mit einem entsetzten Schrei von der Couch. Im selben Moment entzünden sich die lebensgroßen Oscar-Pappaufsteller mit einem lauten Zischen. Manuela versucht kreischend in den Flur zu flüchten, aber die brennenden Pappaufsteller versperren ihr den Weg. Hellgelbe Flammen züngeln gierig über den Boden, schlagen bis an die Zimmerdecke, der Vorhang am Fenster fängt lodernd Feuer. „Aufhören!“ Manuela bleibt entsetzt stehen und reißt hilflos die Hände in die Luft. Die Flammen ziehen sich langsam zurück, züngeln blau und orange über die Wände, fließen zum Podest und verlöschen am Fuße des Schreins. Die Oscar-Pappaufsteller zerfallen zu kleinen Aschehaufen. Erik erhebt sich. „Es ist an der Zeit, ein Opfer zu bringen.“ verkündet er knisternd. „Bitte hör auf.“ schluchzt Manuela. Sie lässt vorsichtig die Hände sinken, macht einen kleinen Schritt auf die Tür zu. „Bringe das Opfer.“ Die goldenen Augen in Eriks Gesicht starren sie ausdruckslos an. Manuela erschaudert unter dem eiskalten Blick. „Was für ein Opfer?“ flüstert sie. „Ein Leben für die Gottheit.“ antwortet das Knistern, heißer Wind wirbelt Aschewolken durch den Raum. Manuela krümmt sich, Tränen laufen über ihr verzerrtes Gesicht. Erik wendet sich dem Schrein zu, hebt gebieterisch den rechten Arm. Aus dem Lorbeerkranz der Siegerstaue spritzen Funken. „Hör auf damit!“ schreit Manuela hysterisch. Erik fährt wütend zu ihr herum, sein Gesicht ist eine zornige Fratze. Flammen schlagen aus seinem weit geöffneten Mund, sein Rachen glüht hellrot. Die Haut auf seinem Gesicht schält sich, wirft Blasen, verkohlt zu schwarzen Fetzen. Manuela gerät in Panik und flieht. Sie stürmt aus dem Wohnzimmer, schlittert durch den Flur und schlägt die Eingangstür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Im Treppenhaus bleibt sie keuchend stehen. „Das ist nicht passiert, das ist gar nicht passiert!“ schluchzt sie hysterisch. Unter der Wohnungstür quillt dunkler Rauch hervor. „Oh Gott, nein.“ Manuela begreift und hämmert wild an die verschlossene Tür. „Erik!“ kreischt sie, rüttelt verzweifelt am Türknauf. „Feuer!“ schreit jemand im Haus.

Es dauert lange Minuten, bis die Feuerwehr eintrifft. Das Einsatzfahrzeug fährt mit wummernden Sirenen vor, Nachbarn und Schaulustige versammeln sich in einer dicken Traube um den Löschwagen. „Da ist noch einer drin!“ ruft eine Frau mit Lockenwicklern in den Haaren, noch bevor jemand aus dem Fahrzeug gestiegen ist. „Der junge Schubert ist noch drinnen!“ schreit ein untersetzter Mann mit Brille und deutet, wild gestikulierend, zum Haus hinüber. Flammen züngeln aus den Fenstern im ersten Stock des Gebäudes. Schwarzer Rauch steigt in einer dickten Wolke in den Himmel. Ein Polizeiwagen trifft mit blinkendem Blaulicht ein und die besorgten Menschen wenden sich hilfesuchend den Polizisten zu. In dem Tumult achtet niemand auf Manuela, die stumm am Rand des Bürgersteiges hockt und mit riesigen Augen zu ihrer brennenden Wohnung hochstarrt.

Möchtest du Tee?“

Nein danke.“

Oder ein Wasser?“

Nein danke.“

Vielleicht Saft?“

Danke, ich möchte nichts.“

Manuela sitzt zusammengesunken an einem beigefarbenen Küchentisch, ihr schmaler Körper verliert sich in einem flauschigen Bademantel, versinkt förmlich zwischen einer geschmacklosen Blümchentapete und überquellenden Küchenschränken. Ihre Großmutter sitzt ihr mit besorgter Miene gegenüber und reibt sich ratlos die faltigen Hände. „Vielleicht ein Kakao?“ fragt sie hilflos. Manuela bricht in Tränen aus. „Ach Mannie.“ sagt die Großmutter traurig und weint mit. Sie steht umständlich auf, umrundet den Tisch und nimmt ihre weinende Enkelin in die Arme. „Er kann nicht tot sein.“ heult Manuela und drückt sich an die weiche Brust, umschlingt die Großmutter, so fest sie kann. „Na, na.“ ächzt die alte Frau und tätschelt liebevoll Manuelas Kopf. „Hast du deinen Vater angerufen?“ fragt sie und befreit sich sanft aus der festen Umarmung. „Er geht nicht ans Telefon.“ stößt Manuela zwischen heftigen Schluchzern hervor. „Er war schon immer unzuverlässig.“ schimpft die Großmutter und tätschelt Manuelas knochigen Rücken. „Sprich nicht so über Papa.“ schluchzt Manuela und folgt damit einem alten Familienritual. „Ich habe ihn geboren, ich weiß wovon ich spreche.“ erwidert die alte Dame resolut. Manuela zeigt die Andeutung eines Lächelns. Sie hat diese Unterhaltung schon viele Male geführt. „Ich glaube ein Kakao wäre tatsächlich nicht schlecht.“ sagt sie und putzt sich geräuschvoll die Nase mit einem feuchten Taschentuch. „Natürlich, mein Liebes.“ Die Großmutter macht sich zufrieden daran, den Kakao zu bereiten, summt dabei eine Melodie, die Manuela seit Kindheitstagen kennt. „Oma?“ fragt Manuela nach einer Weile. „Ja, Liebes?“ „Ich glaube, ich bin verrückt.“ flüstert Manuela. Sie starrt mit leerem Blick auf den krummen Rücken der alten Frau, die am Herd steht und mit einem Schneebesen in einem Emaille-Topf rührt. „Du glaubst vielleicht, dein Herz zerspringt und dass du nie wieder froh sein wirst. Aber das ist nicht verrückt.“ sagt die erfahrene Großmutter und rührt dabei weiter die Milch um. „Nein Oma, das meine ich nicht.“ flüstert Manuela, neue Tränen laufen über ihr Gesicht. „Was meinst du dann?“ Die Großmutter schüttet den dampfenden Kakao in zwei Tassen. Manuela antwortet nicht. Sie nimmt stumm eine Tasse entgegen, schlürft vorsichtig den heißen Kakao und weint still. Nach weiteren Tränen und düsteren Andeutungen verordnet die besorgte Großmutter schließlich eine starke Beruhigungstablette aus ihrer reichhaltigen Heimapotheke. Manuela schluckt brav die Kapsel, folgt der alten Dame in das angrenzende Schlafzimmer, lässt sich ins Bett legen und mit einer dicken Daunenbettdecke zudecken. „Wenn du wieder aufwachst, fühlst du dich schon ein wenig besser.“ verspricht die Großmutter und streichelt liebevoll durch Manuelas Haar. „Ich werde versuchen deinen Vater zu erreichen. Schlaf gut, Mannie.“ „Danke, Omi.“ Manuela drückt sich in die weichen Kissen, die nach Großmuttersalbe und Kindheitserinnerungen duften. Schnell gleitet sie in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Manuela schwebt körperlos über einem wogenden Flammenmeer, erblickt ferne Berge am Horizont und schreit ihre ohnmächtige Wut über die brennende Ebene hinaus. Zornig steigt sie höher in den nachtschwarzen Himmel, kreist gestaltlos über dem Land, wendet sich schließlich dem Gebirge zu. „Wo bist du?“ schreit sie wütend, denkt sich zu den Bergen und schwebt über den schneebedeckten Gipfeln. Goldene Augen öffnen sich im glitzernden Schnee, starren den träumenden Gedanken an, der Manuela ist. „Du Wichser!“ hallt Manuelas Stimme über die Berge. Ein katzenartiges Wesen mit hellen Flecken im blauschwarzen Fell manifestiert sich auf einem kahlen Felsen und lacht spöttisch. Manuela versucht ein Adler zu werden, aber es gelingt ihr nicht eine Gestalt anzunehmen. Das Katzentier zwinkert aus goldenen Augen zu ihr empor. „Das Opfer war akzeptabel.“ schnurrt es und schlägt verspielt mit dem langen Tüpfelschwanz. „Du dreckiger…“ knurrt Manuela. Sie versucht eine Form anzunehmen, möchte sich auf das feixende Wesen stürzen, kann es aber nicht. Das Katzentier verwandelt sich in einen Steinbock mit gewaltigen Hörnern, springt in eleganten Sätzen über das Schneefeld davon und verschwindet lachend zwischen hoch aufragenden Felsen. Manuela hängt verzweifelt im Himmel und versucht aufzuwachen. Im dunklen Schlafzimmer der Großmutter fährt sie schweißüberströmt aus den Kissen hoch. Sie schält sich halb aus der feuchten Daunendecke, tastet suchend nach dem Schalter der kleinen Nachttischlampe, die neben dem Bett steht. Das matte Licht der alten Glühbirne vertreibt die Finsternis. Eine goldglänzende Gestalt steht am Fußende des Bettes und starrt. Manuela hat keine Schreie mehr. Zitternd sitzt sie im Bett, beginnt leise zu weinen. „Es ist an der Zeit, ein Opfer zu bringen.“ sagt der goldene Mann, der Eriks Gesichtszüge trägt. Seine knisternde Stimme klingt entsetzlich vertraut. „Nein.“ Manuela schüttelt kraftlos den Kopf. „Nicht mehr.“ bittet sie. Die Schreie ihrer Großmutter lassen sie auffahren und an dem Goldwesen vorbei aus dem Zimmer stürmen. „Neinneinnein!“ schreit Manuela. Sie stolpert heulend durch den dunklen Flur, öffnet schwungvoll die Tür zum kleinen Kabinett, das als Gästezimmer dient. „Oma!“ Das schmale Bett, das den engen Raum dominiert steht in Flammen. Die alte Frau, die darinnen liegt, brennt lichterloh. Windet sich in unerträglichen Schmerzen. „Nein!“ schreit Manuela wieder. Sie wirft sich auf die brennende Gestalt, spürt wie gnadenlose Hitze ihre Haut versengt. Der goldene Mann taucht neben ihr auf, reißt sie aus dem Zimmer, wirft sie unsanft auf den Boden des Flures. „Du nicht.“ faucht er, das Knistern in seiner Stimme klingt zornig. „Aaaah.“ schreit Manuela.

Was haben wir?“

Mord.“

Können Sie das etwas genauer erläutern?“

Der Reporter sieht die beiden Polizisten neugierig an, die nach dem verheerenden Wohnungsbrand vor den rauchenden Trümmern des Mehrfamilienhauses stehen. „Wir brauchen einen Leichensack und Sie bessere Fragen.“ sagt er ältere Polizist schlecht gelaunt und geht zu seinem Wagen. Sein jüngerer Kollege bleibt kurz stehen und sieht den Reporter blass an. „Verrückte Sache.“ raunt er, dann folgt er dem Kollegen zum Auto. Der Reporter sieht ihm nachdenklich hinterher. „Aha.“ murmelt er und zündet sich eine Zigarette an. Geduldig wartet er darauf, dass die Leiche abtransportiert wird, um ein Foto vom Leichensack auf der Bahre zu machen. Dann mailt er das Bild an die Redaktion und fährt zum städtischen Krankenhaus, um weitere Informationen zu sammeln. Auf der Intensivstation des Krankenhauses liegt Manuela. Sie hat eine schwere Rauchvergiftung, ernste Verbrennungen und ist nicht ansprechbar. Der Reporter versucht mit Charme und Witz, den Krankenschwestern der Station brisante Details zu entlocken, scheitert aber kläglich. Erst Tage später erfährt er mehr von der Verletzten auf der Intensivstation, die ihre eigene Großmutter angezündet hat. Ihr Zustand ist besorgniserregend, sie reagiert nicht auf Ansprache, zeigt keine Schmerzreaktion. Hundert Euro und ein junger Pflegeassistent spielen bei diesem Erkenntnisgewinn eine entscheidende Rolle. „Sie liegt nur da, starrt an die Decke und flüstert.“ erzählt der Pflegeassistent bei einem heimlichen Treffen in der Parkgarage. „Was flüstert sie denn?“ fragt der Reporter neugierig und macht Notizen. „Sie murmelt immer ‚Oskar, Oskar‘ und irgendwas von ihrer irren Tätowierung.“ Der junge Mann weiß, wie man Geld verdient. Der Reporter bietet einen hohen Betrag für ein Foto der Täterin und ihrer rätselhaften Tätowierung.

Schau mal?“

Hm?“

Krass, oder?“

Ja, voll Krass.“

In einem Schnellrestaurant am Rande einer Kleinstadt sitzen sich fünf junge Erwachsene gegenüber, kauen labbrige Pommes und kalte Burger. Ein iPad wird zwischen ihnen herumgereicht. „Die grausame Feuerteufelin“ titelt der Artikel, der ihre Aufmerksamkeit erregt hat und darunter ist ein verschwommenes Bild von Manuela zu sehen, deren ausgemergelter Körper an Infusionsschläuchen hängt. Ein schärferes Detailfoto zeigt ihre unversehrte Tätowierung. Ein roter Pfeil führt zum Einleitungstext. ‚Jetzt packt der Tätowierer aus: So abartig trieb es die irre Satanistin von Kirchhausen!‘ steht da in Kursivschrift. „Läuft bei der.“ bemerkt ein junger Mann in Jeansjacke betont cool, einer seiner Freunde kichert. „Voll die krasse Berühmtheit.“ sagt eines der Mädchen, in ihrer Stimme schwingt Bewunderung. „Im Irrenhaus vielleicht.“ frotzelt ein Junge und schaufelt Pommes in seinen Mund. „Das Tattoo ist nice.“ schwärmt seine Freundin. „Die hat ihren Lover und ihre Oma abgefackelt.“ hält ein dunkelhaariger Schönling dagegen. Er verteilt arrogante Blicke über seine Sonnenbrille hinweg. „Ich fackel dich auch gleich ab.“ lacht ein pickeliges Mädchen und nimmt das iPad an sich. „Das Tattoo ist echt nice.“ sagt sie in grüblerischem Tonfall und legt nachdenklich den Kopf schief. „Du traust dich doch nie zu einem Tätowierer.“ ätzt der Schönling. „Wetten doch, Bruderherz?“ grinst das Mädchen.

Hey.“

Was kann ich für dich tun?“

Ich möchte einen Termin.“

Bist du schon Volljährig?“

Ein paar Monate sind vergangen. Das pickelige Mädchen steht unsicher in einem Tattoo-Studio und zeigt mit schwitzigen Händen den Personalausweis vor. „Ich hab das Motiv dabei und ich weiß auch genau die Stelle.“ erklärt sie in übereifrigem Tonfall. Der Tätowierer lächelt milde. „Dann zeig mal her.“ brummt er und führt sie an den gläsernen Verkaufstresen, der mit Zeitschriften, Vorlagenmappen und Piercingzubehör übersät ist. Die junge Frau kramt umständlich ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrem quietschgelben Rucksack. „Hier.“ sagt sie und klingt ein bisschen nervös. „Ach.“ seufzt der Tätowierer, als er das Blatt Papier entfaltet. Er nickt und holt eine Vorlage aus einer Mappe, die ganz oben auf einem der Stapel liegt. „Hier, das habe ich schon vorgezeichnet. Das will seit der Katastrophe im Krankenhaus wirklich jeder haben.“ Er zeigt der jungen Frau die stilisierte Vorlage eines katzenartigen Wesens, das sich eng an einen springenden Widder schmiegt. „Genau das will ich.“ freut sich die junge Frau und strahlt. Der Tätowierer zuckt ergeben mit den Achseln.

© sybille lengauer

Bunkeranlage C

Veröffentlicht: Mai 1, 2019 in Kurzgeschichten
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Es ist Frühling in der weitläufigen Gartensphäre der Bunkeranlage C. Sieben Kinder laufen durch das hohe Gras, jagen sich gegenseitig im wuchernden Grün. Ein Mädchen springt leichtfüßig über einen kristallklaren Bach, der sich durch die Wiese schlängelt. Ihr himmelblaues Kleid flattert dabei wild um ihre Beine, spiegelt die Farbe des Himmels. Sie verschwindet lachend zwischen blühenden Apfelbäumen, die auf dieser Seite des Ufers dicht zusammenstehen. Ein anderes Mädchen springt mit einem spitzen Schrei hinterher und folgt ihr in den Apfelhain. Als sie in das Blütenmeer eintaucht, sieht sie einen blauen Stoffzipfel zwischen den Baumstämmen verschwinden. „Ich kriege dich, CaGa!“ ruft sie triumphierend und nimmt die Verfolgung auf. „Ha!“ macht das Mädchen im himmelblauen Kleid nur und taucht flink zwischen den Bäumen hindurch. Sie läuft in einem engen Bogen zurück zum Bach und zu den Kindern, die sich am anderen Ufer fröhlich mit Wasser bespritzen. Ein Junge wirft ihr lachend einen goldenen Ball zu. „Boot!“ schreit CaGa und bleibt stehen. „Das gilt nicht!“ ruft ihre Verfolgerin, die mit hochroten Wangen zwischen den Apfelbäumen hervorschießt. Blütenfetzen hängen in ihren hellblonden Haaren. „Gilt wohl.“ lacht CaGa und tätschelt zufrieden den Ball. „CaBa gibt dir immer das Boot.“ schimpft das blonde Mädchen und rupft sich Apfelblüten aus der zerzausten Frisur. „Das stimmt überhaupt nicht!“ CaGa reißt ihre braunen Augen auf, streckt die Zunge heraus und macht „Bäh-hä“. „Stimmt wohl, ihr seid ein Liebespaar.“ ätzt das blonde Mädchen und stapft durch die Wiese auf CaGa zu. „Du bist eine hässliche Lügnerin, CaDa!“ ruft der Junge daraufhin von der anderen Seite des Baches herüber und bekommt rote Ohren. Die anderen Kinder lachen. „Und du bist eine dreckige Mistgeburt.“ kontert die mit blitzenden Augen. „Es heißt Missgeburt, du ekliger Pickel!“ mischt sich CaGa wieder ein. „Selber Pickel!“ CaDa stürzt sich mit einem grellen Schrei auf CaGa, die Mädchen stolpern und fallen platschend in den Bach. Es spritzt gewaltig, die Kinder schreien hysterisch. Prustend liegen sie im eiskalten Wasser. „C-Einheit!“ ruft eine strenge Stimme und die Auseinandersetzung endet abrupt. Die Mädchen erstarren im Bach, die andern Kinder senken betreten die Köpfe. Eine Arbeiterin rollt zornig über die Wiese. Ihr runder, silbrig glänzender Körper gleitet sirrend über das Gras. „Euer fernbleiben vom Unterricht wird missbilligt.“ schimpft die Arbeiterin. Ihr Augenschlitz leuchtet ungehalten. „Tut uns leid.“ sagt CaGa und klettert mit zerknirschtem Gesichtsausdruck aus dem Bach. Sie hilft CaDa aus dem Wasser, gemeinsam waten die beiden ans Ufer und stellen sich tropfnass zu den anderen Kindern. Der goldene Ball bleibt in der Wiese zurück. „Ihr sollt nicht meinen, dass es mit einer Entschuldigung getan ist. Der Schwarm vergisst nicht.“ versetzt die Arbeiterin und rollt zum Ausgang. Die Kinder folgen ihr mit langen Gesichtern. Am Tor schalten sich die holografischen Verstärker ab, mit denen die Erscheinung der Gartensphäre unterstützt wird. Der Garten verliert seine üppige Vielfalt, gleicht jetzt mehr einem unterirdischen Gewächshaus, als einem wuchernden Paradies. Der strahlend blaue Himmel verschwindet, der Bach wird zu einem einfachen Bewässerungskanal. Der dichte Apfelhain besteht aus ein paar dürren Bäumen in Pflanzkübeln, die kaum Blüten tragen. Das hohe Gras der Wiese schrumpft zu einfachem Rollrasen zusammen, in dem ein gelber Gummiball liegt. CaGa blickt kurz zurück und schüttelt bedauernd den Kopf. Dann trottet sie hinter den anderen Kindern her, die der Arbeiterin zum Unterrichtsraum folgen.
„Es mag euch vielleicht unbegreiflich erscheinen, doch meine Lehren haben einen größeren Wert für eure Zukunft als die kindlichen Spiele, die ihr in den Sphären spielt.“ Der ehrwürdige Meister schwebt ungehalten im Klassenzimmer auf und ab. Sein tonnenförmiger Leib dreht sich langsam um die eigene Achse, während er die sieben Kinder durch sein rotes Okular mustert. „Es zeugt von Unreife und Respektlosigkeit gegenüber dem Schwarm, dem Unterricht unerlaubt fernzubleiben.“ Die Kinder sitzen still an ihren Pulten und starren betreten auf ihre leeren Bildschirme. CaGa und CaDa haben trockene Kleider an. Sie sitzen heute besonders weit auseinander und beachten sich möglichst offensichtlich nicht. „Die Mathematikstunde, die ihr durch euer Schwänzen verpasst habt, werdet ihr heute Nachmittag in einer Doppelstunde nachholen. Der Freizeitaufenthalt in der Wassersphäre entfällt.“ sagt der Meister und schwebt in die Mitte des Raumes. Er aktiviert seinen Projektor und wirft ein bewegtes Bild an die hellgraue Betonwand des Klassenzimmers. Die Kinder stöhnen. „Eurer Reaktion entnehme ich, dass ihr bereits alles über den Beginn des vierten Vernichtungskrieges wisst. Vielleicht möchte also jemand von euch erzählen, was heute vor genau zweihundert Jahren in Europa geschehen ist? Du vielleicht, CaAa?“ Der angesprochene Junge reißt erschrocken die Augen auf. „Die…ich…der…“ stottert er, dann bricht er ab und zuckt ratlos mit den Schultern. CaDa meldet sich eifrig zu Wort. Der ehrwürdige Meister blinkt ihr auffordernd zu und CaDa holt tief Luft: „Während der drei großen Vernichtungskriege, die auf die Machtergreifung der MaXx-Corporation in China folgten, schlossen sich die unabhängigen Firmen Europas zu einer vereinten Großmacht zusammen. Der United-Europe, kurz UE. Zwischen den Jahren 2343 und 2346 gelang es der UE, den globalen Markteinfluss der MaxX-Corporation massiv zu schwächen, indem man gezielt Saboteure in chinesische Produktionsanlagen einschleuste. Die Verlustzahlen unter der menschlichen Bevölkerung waren aufgrund dieser veränderten Strategie gering, was die Akzeptanz in der europäischen Arbeiterschaft stärkte und die Macht der UE stützte. Doch gelang es einer Gruppe von chinesischen Rebellen, am ersten Mai 2347…“ „Danke, CaDa, das genügt.“ würgt der ehrwürdige Meister ihren monotonen Vortrag ab. CaGa kichert gehässig. „Kann mir jemand etwas über den Beginn des vierten Vernichtungskriegs erzählen, ohne dabei von einem Bildschirm abhängig zu sein?“ fragt der Meister gereizt. „Ich habe nicht abgelesen!“ wehrt sich das Mädchen empört. „Nein, du hast den Text auswendig gelernt. Das ist nicht besser.“ versetzt der Meister. „Aber…“ hebt CaDa an, sich zu verteidigen. „Nichts aber.“ Der Meister schwebt zu ihrem Pult und betrachtet CaDa streng durch sein rotes Okular. „Es hat keinen Mehrwert, einfach nur Daten in dein Gehirn zu stopfen. Du kennst die Zahlen und Fakten, aber du begreifst nicht die Sensibilität der Ereignisse, die zur Entstehung des… CaGa, was amüsiert dich so sehr?“ Der ehrwürdige Meister wendet sich drohend dem kichernden Mädchen zu. CaGa errötet, das hämische Grinsen verschwindet schlagartig aus ihrem Gesicht. „Nichts, Ehrwürdiger.“ murmelt sie verlegen. „Dein Verhalten wird registriert.“ versetzt der Meister. „Nun, wo waren wir?“ fragt er ungehalten und schwebt wieder zurück in die Mitte des Raumes. Ein Mädchen aus der hinteren Reihe meldet sich. „Ja, CaEa?“ „Die Anschläge vom ersten Mai 2347, Ehrwürdiger. Die Auslöschung Europas.“ „Sehr gut, CaEa.“ brummt der Meister und wirft ein neues, bewegtes Bild an die Betonwand.
Der Vormittag vergeht zäh, der Unterricht will nicht enden. Die Kinder quälen sich durch die Geschichtsstunde, hören dutzende Beispiele ausgestorbener Sprachen, notieren Stichworte über die klassische KI des letzten Jahrhunderts und zeichnen zum Abschluss den genauen Aufbau des Schwarmbunkers auf ihren Bildschirmen nach. In der Mittagspause werden sie von einer Arbeiterin abgeholt. Die bringt sie allerdings nicht, wie üblich, in die kleine Mensa, sondern führt die Kinder zurück zur Gartensphäre. „Euer Spiel hat Schäden an den Pflanzen verursacht. Behebt sie.“ lautet ihre knappe Anweisung. Die Kinder trotten ergeben in die Sphäre und machen sich mit knurrenden Mägen daran, die Anlage aufzuräumen. Niemandem ist mehr zum Lachen zumute. Der Nachmittag bringt die angekündigte Doppelstunde Mathematik und eine Menge Hausaufgaben. Ein Helfer des ehrwürdigen Meisters schwebt wachend über den Kindern, die hungrig und gereizt vor ihren Bildschirmen hocken. CaDa wühlt erschöpft durch ihr blondes Haar und seufzt tief. Sie sieht zu CaGa hinüber, die gerade erfolglos versucht, ein Gähnen zu unterdrücken. Heimlich streckt sie ihr die Zunge heraus, dann wendet sie sich wieder ihrem Bildschirm zu. Die Minuten vergehen zäh, die Hausaufgaben werden nicht weniger. Eine Arbeiterin bringt schließlich Erlösung, als sie die Kinder zu einem späten Essen in die Mensa geleitet. Gierig saugen sie dort die warmen Nährbrei-Portionen in sich hinein, während zwei Hegerinnen zwischen den Sitzreihen umhergleiten und mit ihren weichen Tentakeln über die Körper der erschöpften Kinder streicheln. Es ist ein altes Ritual. Berührung stärkt Zusammenhalt. Satt und müde geht es nach dem Essen zurück in den Unterrichtsraum. Die Kinder haben Mühe, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. CaDa kommt nicht über den ersten Satz ihres Referats hinaus und malt gelangweilt Blumen an den Rand des Bildschirms. In ihrem Rücken tuscheln CaBa und CaFa leise miteinander, bis der aufmerksame Helfer missbilligend piept und zur Ruhe auffordert.
Als die Kinder endlich in den Abend entlassen werden, schlurfen sie auf direktem Weg zur Schlafsphäre der Bunkeranlage C. Niemandem steht der Sinn nach einem Abenteuer. CaDa und CaGa trotten friedlich nebeneinander her, die Müdigkeit hat den Groll vertrieben. „C-Einheit!“ ruft eine Arbeiterin, als sie gerade in ihre weiche Nachtmutter kriechen wollen, „Habt ihr nicht etwas vergessen?“ Die Kinder schlüpfen zurück auf den kalten Boden der Sphäre, knien nieder und beginnen gemeinsam, ein kleines Gebet zu sprechen: „Lieber Schwarm, ich bin noch klein, kann so vieles nicht allein. Drum lass Maschinen sein auf Erden, die mir helfen, groß zu werden. Die mich nähren, die mich kleiden, die mich führen, die mich leiten. Ich bitte euch für diese Nacht, dass ihr mich im Schlaf bewacht. Dass kein Böser Traum mich weckt, und das Dunkle mich nicht schreckt. Amen.“ „Sehr gut.“ sagt die Arbeiterin zufrieden und gleitet zum Ausgang. Sie aktiviert die holografischen Verstärker, die einen glitzernden Sternenhimmel an die hohe Decke der Schlafsphäre projizieren und gleitet leise durch das Tor hinaus.

© sybille lengauer

Die Hirschfrau

Veröffentlicht: April 26, 2019 in Kurzgeschichten
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Es ist nie still im nächtlichen Sommerwald. Emsige Lebewesen knistern im dichten Unterholz, Wind flüstert in den Wipfeln der Bäume. Fledermäuse sirren durch die Dunkelheit, jagen geisterbleichen Motten hinterher. Ein Waldkauz jammert klagend. In einem Tümpel rufen Frösche sehnsüchtig zur Balz auf. Über den rauschenden Baumkronen spannt sich der grenzenlose Himmel, bauschige Wolken durchziehen seine samtblaue Weite. Funkelnde Sterne treten gegen einen sichelförmigen Mond an, der ein sardonisches Lächeln in die Nacht reißt.
Clemens fühlt sich einsam inmitten der Fülle. Er hört nicht den Nachtgesang der Frösche, hört nur die Stille in seinem Herzen. Er sieht nicht, wie das Licht des Mondes durch die Bäume schimmert, sieht nur das Ende seines Weges, an einem glatten Buchenast. Clemens erhängt sich. Zumindest ist das seine Absicht. Bisher hat er es vom Waldparkplatz bis zur kräftigen Buche geschafft, die er ausgesucht hat.
„An diesem Ast könnte man sich prima aufhängen.“ dachte er vor drei Monaten, als sein Bruder ihn schwatzend durch das Naturschutzgebiet schleifte. Die jungen Blätter des Baumes hatten in der Frühlingssonne beinah neongrün geleuchtet und Clemens war kurz stehengeblieben, hatte sich vorgestellt, wie er friedlich unter dem hellgrünen Blätterdach im Wind schaukelte. Der Gedanke wirkte beruhigend auf ihn. Es fiel Clemens leichter, den Schwall der Worte zu ertragen, den sein Bruder über ihm ausgoss. Es fiel Clemens leichter, den sinnlosen Spaziergang zu ertragen. Die Fahrt zurück im stickigen Auto und auch den nächsten Tag, mit all seinen Hindernissen. Und so blieb der Gedanke. Lungerte in seinem Gehirn, weckte ihn manchmal auf, wenn er abends vor dem Fernseher einschlief und zeigte ihm das Bild seiner schaukelnden Leiche.
Clemens ist schon lange schwer depressiv. Bisher fehlte ihm der Antrieb, um sich das Leben zu nehmen, aber sein Therapeut hat neue Tabletten verordnet. Dr. Mertens hofft, dass Clemens durch die veränderte Medikation mehr aus sich heraus und in die Umarmung eines sozialen Umfelds treten könnte, doch der springt stattdessen über seinen eigenen Schatten und überwindet die letzte Hemmschwelle. Clemens leuchtet mit seiner Stirnlampe den glatten Stamm der Buche empor. Der Ast reckt sich hoch über seinem Kopf in die Dunkelheit, blickt nicht zurück, sieht nicht einladend oder abweisend aus, ist einfach nur ein stabiler Buchenast. Clemens überprüft den Inhalt seines Rucksacks. Starrt auf das Seil, ohne es wirklich anzusehen. Dann schlingt er seinen Ledergürtel um den Stamm des Baumes und klettert ungelenk nach oben. Seit seiner Jugend ist er nicht mehr auf Bäume geklettert, doch im Grunde ist es wie mit dem Fahrradfahren. Man verlernt es nie. Clemens zieht sich auf den untersten Ast. Keuchend legt er eine Pause ein. Der wackelnde Lichtkegel seiner Stirnlampe macht ihn seekrank. Ärgerlich schaltet er das Lämpchen ab, wartet auf dem Ast, bis sich seine Augen an die Nacht gewöhnt haben. Dann klettert er weiter nach oben, bis er, verschwitzt und außer Atem, den hohen Ast erreicht. Clemens ist am Ziel. Er empfindet Erleichterung. Das Seil ist präpariert, der Knoten ist geübt, Clemens weiß, was er tut. Keine drei Minuten später sitzt er sieben Meter über dem Waldboden, die Schlinge um den Hals gelegt, das Seil fest um den Ast geschlungen. Zum ersten Mal nimmt Clemens seine Umgebung wirklich wahr. Er riecht den harzgeschwängerten Duft des Waldes, hört die Blätter der Buche in der sanften Brise rauschen, spürt ihre kühle Rinde unter seinen Händen. Durch das dichte Laubdach funkeln vereinzelte Sterne. In diesem Augenblick leuchten sie nur für ihn. Clemens springt. Schmerz folgt auf den kurzen Fall, blendender, gellender Schmerz. Schmerz der aufhören will. Nicht mehr gespürt werden will. Der atmen will. Der gequälte Körper bäumt sich auf, wehrt sich krampfhaft gegen das straffe Seil, das gnadenlos den Kehlkopf zerdrückt. Clemens zuckt und schaukelt wild hin und her.

Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. Zeit vergeht nicht. Zeit existiert nicht. Nur Dunkelheit. Keine Schmerzen, keine Gedanken, keine Richtung. Nur ein Körper, der an einem Seil im Nichts hängt. Clemens wartet. Hängt da und wartet darauf, dass etwas passiert. Dass sich die Dunkelheit auflöst, oder ein Abgrund sich auftut, aber es bleibt einfach nur Finster. Er erschrickt heftig, als plötzlich eine Frau vor ihm steht, die ein mächtiges Hirschgeweih auf dem Kopf trägt. Mit dunklen Augen sieht sie ihn ausdruckslos an. Ein Blumenkranz aus Lungenkraut, Waldmeister und Goldnessel windet sich durch ihr langes Haar, rankt das ausladende Geweih empor. Ihr Körper verschwindet in einem dicken Mantel aus rotbraunem Fell, der bis zu ihren nackten Füßen reicht. Weidenröschen sprießen zwischen ihren Zehen hervor. Ein intensiver Geruch nach Moschus und Jasmin hüllt Clemens ein, der an seinem Seil baumelt und die Augen aufreißt. „?“ fragt die fremde Frau. Clemens versteht nicht. Er hängt nur sprachlos im Nichts und starrt die Hirschfrau an. „?“ fragt sie erneut, dann zieht sie ein kleines Messer unter ihrem Mantel hervor und schneidet mit einer fließenden Bewegung das Seil durch. Clemens fällt entgeistert ins Nichts. Er landet auf weichem Boden, spürt knisterndes Laub zwischen seinen Fingern, obwohl er nichts sehen kann. Verwirrt blickt er zu der Fremden auf. Die Hirschfrau neigt den schönen Kopf, lächelt und streckt eine schlanke Hand zu ihm aus. Clemens denkt nicht lange nach und ergreift sie. Um ihn herum erwacht die Dunkelheit zum Leben. Schatten von riesigen Bäumen wachsen aus dem Nichts. Recken sich in einen sternlosen Himmel, über den fahle Polarlichter wandern. Hunderte Waldblumen sprießen aus einem federweichen Boden. Prächtiger Fingerhut blüht in leuchtenden Farben, Waldveilchen entfalten sich in einem dicken Teppich aus Sauerklee und Moos. Farne entrollen riesige Blätter, Weißdornbüsche schießen auf und tausende, schneeweiße Blüten verbreiten süßlichen Duft. „?“ fragt die Frau wieder. „Ich kann dich nicht verstehen.“ sagt Clemens und fasst sich erschrocken an den Hals. Er hat den Schmerz nicht vergessen. Er hat die Todesangst nicht vergessen. Die Fremde nickt wissend. Sie zieht Clemens auf die Beine. Hält seine Hand fest und sieht ihm sanft ins Gesicht. Ihre Haut fühlt sich warm und weich an. Ihre großen, dunklen Augen sprechen von Geborgenheit. „Bin ich tot?“ fragt Clemens mit leiser Stimme. „Im Moment zappelst du noch ein wenig.“ antwortet es rau in seinem Rücken. Clemens dreht sich schaudernd um. In einer jungen Esche sitzt ein Rabe und erwidert herausfordernd seinen Blick. „Krah.“ macht der Rabe. „!“ sagt die Frau. Der Rabe flattert zornig auf und verschwindet krächzend zwischen den mächtigen Bäumen. Clemens sieht ihm erstaunt hinterher. „Was war das?“ fragt er. Die Fremde berührt sein Gesicht, wendet es sanft dem ihren zu. Die Hirschfrau haucht ein Lied. Die Melodie ist simpel und doch komplex. Traurig und trotzdem heiter. Leise und dabei so laut, dass der Wald erzittert. Clemens spürt das Lied in seinem Kopf, fühlt, wie die Töne auf seiner Haut prickeln und sein Innerstes berühren. Er drückt die Hand der Fremden, so fest er kann. Weint, lacht, weiß selbst nicht, was er empfindet. Während sie singt, rankt der Blumenkranz im Haar der Hirschfrau langsam über ihren Rücken, den langen Mantel hinunter. Verschmilzt mit dem dichten Blütenteppich auf dem Waldboden. Fingerhut beginnt, ihren Rücken hinauf zu wachsen. Zu ihren Füßen reifen Erdbeeren. Clemens lauscht verzaubert, saugt die Melodie in sich auf, spürt, wie sein ganzer Körper mit den Tönen schwingt. Berauscht gerät er ins Taumeln, lässt die Hand der Hirschfrau los und fällt jäh ins Nichts. Erschrocken starrt Clemens die blumenumrankte Gestalt an, die in der absoluten Dunkelheit vor ihm steht. Das Lied ist verklungen, der Wald ist verschwunden, Clemens zittert. „Wer bist du?“ fragt er. Die Fremde antwortet mit einer traurigen Geste. „?“ fragt sie ihn und streckt erneut die Hand aus. Clemens liegt auf dem Rücken im Nichts, starrt auf ihre Hand, starrt auf die Erdbeeren, die immer noch zwischen ihren Zehen reifen. Er hebt den Kopf. Über ihm baumelt sein Körper am Seil. Seine Füße treten wild durch die Luft, seine Hände versuchen krampfhaft, die enge Schlinge zu lösen. „Ich sterbe gerade.“ stellt er nüchtern fest. Die Hirschfrau sieht ebenfalls zu seinem zuckenden Körper hinauf, sie nickt langsam. „Du bist so etwas wie ein Engel.“ flüstert Clemens und kommt sich dumm vor. Die Fremde sieht ihn sanft an und streckt wieder die Hand aus. „Okay.“ sagt er nur und greift nach ihr. Schon steht er wieder im dichten Blütenmeer, sein baumelnder Körper verschwindet, hohe Bäume ersetzen den bitteren Anblick. Polarlichter ziehen wieder über einen nachtschwarzen Himmel. Clemens atmet den intensiven Duft von Moschus und Jasmin, verliert sich in der Farbenpracht des Waldes. „Sing mir dein Lied.“ bittet er. Im Geweih der Frau erblüht roter Fingerhut, als sie erneut die überirdische Melodie haucht. Clemens beobachtet gebannt, wie sich ihre vollen Lippen teilen. Sein Blick gleitet über ihr betörendes Gesicht. Vorsichtig berührt er die glatte Haut ihrer Wange. Die Hirschfrau schließt die Augen, tritt näher an ihn heran. Clemens nimmt sie in die Arme, versinkt in der wohligen Wärme ihres Pelzes. Das Lied schwingt in ihm, er zertritt achtlos die Beeren, die zu seinen Füßen wachsen. Schmiegt sich an ihren weichen Körper, verliert sich im Augenblick. Die Fremde öffnet die Augen und beendet ihr Lied. Die Melodie schwingt trotzdem weiter, wird von den Blüten und Blättern des Waldes getragen. Klingt in den Polarlichtern am Himmel. Clemens atmet tief ein und küsst sie. Eng umschlungen stehen sie da, unter den wogenden Zweigen der gewaltigen Bäume. Der Wald erzittert in einer großartigen Harmonie. Die Hirschfrau legt ihren Mantel um Clemens Schultern, erwidert fordernd seinen schüchternen Kuss. Clemens kriecht in ihre innige Umarmung, versinkt in ihrem animalischen Duft. Zarte Blumen beginnen in seinem Haar zu sprießen.
Ein Fuchs beobachtet das Liebespaar. Er liegt unter einem Weißdorn und zuckt ungeduldig mit den Ohren. „Wann können wir endlich anfangen?“ fragt er. Oben im Weißdorn hockt der Rabe. „Wen meinst du mit wir?“ fragt er zurück. „Bruder, du gibst mir doch etwas ab.“ bettelt der Fuchs und hechelt treuherzig zum Raben empor. „Mein Fund, mein Fest.“ antwortet der. „Es ist doch genug für uns beide da.“ bittet der Fuchs und zeigt beim Lächeln alle Zähne. „Das wird sich zeigen.“ brummt der Rabe. „Wir könnten ein Spiel spielen.“ schlägt der Fuchs vor. „Ich kenne deine Spiele.“ versetzt der Rabe. „Andererseits, warum nicht. Es dauert eine Weile, bis sie seine Seele gefressen hat.“ Der Fuchs nickt wissend. Gemeinsam ziehen sie sich tiefer in den Wald zurück.

© sybille lengauer

Bob ist ein Arschloch

„Bob?“
„Ja, Liebes?“
„Du bist schon wieder so still.“
„Tut mir leid.“
„Du weißt was Doktor Tomalla gesagt hat. Schweigen untergräbt das Fundament unserer Beziehung.“
„Ja, Liebes. Entschuldige. Es war eine lange Fahrt.“
„Möchtest du davon erzählen?“
„Da gibt es nichts zu erzählen.“
„Wir haben uns vier Tage nicht gesehen.“
„Es ist eben nichts passiert.“
„Ach, Bob.“
„Vielleicht sollte ich eine Runde mit dem Hund gehen.“
„Wie du meinst.“
Bob schiebt bedächtig den unangetasteten Teller mit Pellkartoffeln und Sahnehering von sich. Seine Frau lässt ihn dabei nicht aus den Augen. Ihr Blick bohrt sich vorwurfsvoll in seinen massigen Leib, der sich ungelenk hinter dem Küchentisch hervorschält. „Komm, Rocky.“ grunzt Bob und ein dicker Jack Russell Terrier krabbelt freudig aus seinem Körbchen. Der Hund wackelt auf krummen Beinen über den Laminatboden und wedelt dabei sanft mit dem kurzen Schwanz. „Bis später.“ sagt Bob und er hört die Missbilligung in dem kurzen „Bis dann“, das ihm seine Frau hinterherschickt. Schnaufend quält sich Bob die Stufen des Treppenhauses hinab. Der Fahrstuhl funktioniert seit Wochen nicht mehr und Bobs Wohnung liegt im vierten Stock, es ist ein langer Weg nach Unten. Rocky wackelt vor ihm die Treppen hinunter, humpelt gelegentlich, weil seine Jack Russell Kniescheiben aus ihren Gelenken springen. Die schwankenden Hopser des Hundes harmonieren in grotesker Weise mit dem schaukelnden Seegang seines Herrchens. Der Kleine macht drei Sprünge, der Große einen Schritt. Im Parterre befestigt Bob ächzend eine Flexi-Leine an Rockys Halsband, dann verlässt er das Mietshaus, trottet hinter seinem kleinen Hund die abendliche Straße hinunter. Bob ist durstig.

Es ist stockdunkel im vollgepackten Laderaum des LKW. Eine dicke Abdeckplane sperrt die Lichter der Autobahn aus. Das monotone Brummen des veralteten Motors übertönt die geflüsterten Worte der jungen Frau, die zusammengekauert in der schaukelnden Finsternis hockt und leise betet. Mehr bleibt ihr nicht zu tun, sie ist dem Los der Straße ausgeliefert, kommt entweder unentdeckt ans Ziel, oder eben nicht. Und vielleicht helfen ihre geflüsterten Stoßgebete an all die Götter, die gerade zuhören. Wer weiß das schon?

„Noch ein Bierchen, Bob?“
„Gerne.“
„War wieder eine harte Tour, hm?“
„Wie immer.“
„Ändert sich nie was, hm?“
„Genau.“
„Genau.“
Bob nickt zustimmend und reicht sein leeres Glas über den Tresen. Der Wirt der kleine Eckkneipe nimmt es entgegen, füllt am Zapfhahn nach und reicht das volle Glas zurück. Bob lümmelt gemütlich auf seinem Stammplatz an der Theke, Rocky schläft zusammengerollt unter einer Holzbank. Da keine weiteren Gäste in der Kneipe sind, hat der Wirt das Rauchverbot aufgehoben. Immerhin ist er selbst Raucher. Der gläserne Aschenbecher quillt schon ein wenig über, der Tresen war bestimmt schon einmal sauberer, die Schlagermusik aus den billigen Boxen war nie besser oder schlechter als an diesem Abend. Schmalzige Liebeslieder verschmelzen in ihrer eintönigen Beliebigkeit zu immer gleichem Gedudel. Bob wippt mit dem Fuß im Takt, trinkt genüsslich das perlende Bier aus und schmatzt anerkennend. „Noch ein Bierchen, Bob?“ wiederholt der Wirt die ewige Frage. „Nein danke, Franz. Das Bett ruft.“ „Na dann.“ Der Wirt kassiert, man rundet ab unter Freunden. Rocky wird wachgetätschelt und bekommt eine Erdnuss ins Maul geschoben, weil er ein artiges Hundchen war. Genüsslich zerbeißt der Hund die Nuss und Bob sieht ihm zufrieden dabei zu. „Kommst du morgen zum Turnier?“ fragt der Wirt. „Muss arbeiten.“ brummt Bob. „Wirst was verpassen.“ Franz wischt nachlässig mit einem feuchten Tuch über den Tresen. „Ist doch nur Darts.“ Bob zuckt mit den Achseln und legt Rocky die Leine an. Er nickt noch einmal gutmütig dem Wirt zu, schwankt dann aus der schummrigen Eckkneipe und summt den ganzen Weg bis nach Hause ein kleines Lied. Bob ist beschwingt.

Der LKW wird langsamer und die junge Frau hält ängstlich in ihrem Gebet inne. Als der Wagen weiter abbremst und der Motorenlärm schließlich verebbt, schlägt ihr Herz wild gegen ihren verkrampften Brustkorb. Mit schreckgeweiteten Augen kriecht sie tiefer in die Dunkelheit, presst ängstlich die Hände vor den Mund, lauscht angestrengt nach Draußen. Die Geräusche der Autobahn ziehen am LKW vorbei. Autotüren werden zugeschlagen. Stimmen nähern sich. Die junge Frau kann nicht verstehen was sie sagen. Sie spricht die Sprache nicht. Das Gespräch umrundet den Hänger, jemand klopft dabei hart gegen die fest gespannte Abdeckplane. Die Stimmen verweilen am Ende der Ladefläche.

„Nicht.“
„Ach bitte.“
„Ich will nicht.“
„Ach bitte.“
Bob stellt sich das brünette Mädchen aus der Duschgelwerbung vor, während er wohlig das schlaffe Hinterteil seiner Frau massiert. Die liegt steif neben ihm und ist mit seiner betrunkenen Begierde nicht einverstanden. „Du stinkst.“ schmollt sie ins Kissen. „Bitte.“ flüstert Bob. Er rückt näher an ihren desinteressierten Leib, drückt seinen mächtigen Bauch gegen ihren abweisenden Rücken, bedeckt ihren Nacken mit zärtlichen Küssen. „Das kitzelt. Und du stinkst. Hör jetzt auf damit, Robert.“ Unwillig zieht sie sich aus seiner fordernden Umarmung. Das Bild des hübschen Duschgelmädchens zerplatzt. Bob robbt zurück auf seine Seite des Bettes. Enttäuscht stellt er sich vor, wie er seine Ehefrau die vielen Stufen des Treppenhauses hinunterstößt. Danach erwürgt er sie klassisch auf dem Laminatboden der teuren Einbauküche und weil er schon sehr müde ist, stellt er sich schließlich vor, wie er sie einfach mit seinem LKW überrollt. Bob träumt. Er fährt den LKW durch die unzähligen Straßen seiner Erinnerungen. Auf der Fahrt begegnen ihm Gesichter von jungen Mädchen. Unruhig wälzt er sich im Bett hin und her. Das wütende Zischen seiner Ehefrau reißt ihn noch einmal aus den unangenehmen Traumbildern. Zornig verlässt sie das Bett, um auf der Couch zu schlafen. Bob schickt ihr einen bösen Gedanken hinterher, dann denkt er plötzlich an das Geld, das viele, schöne Geld und er fällt in ein bierseliges Koma. Bob ist im Tiefschlaf.

Es rumpelt am Ende des Laderaums. Die Plane wird gelöst. Im Versteck hört man nur stoßweises Atmen, das von leisem Schluchzen unterbrochen wird. Jemand klettert auf die Ladefläche, Paletten werden verschoben. Eine Stimme nörgelt und wird von einer anderen scharf zurechtgewiesen. Der barsche Tonfall versetzt die junge Frau in noch größere Panik. Zitternd kauert sie in ihrem Versteck, beißt sich fest in die weiche Handfläche. Spürt den Druck der Zähne nicht. Sie fühlt nur den eiskalten Abgrund, der sich in ihrer Magengrube auftut.

„Schon wieder die große Tour, Bob?“
„Ja, schon wieder.“
„Bist da drüben ja fast zuhause.“
„Bestimmt nicht, die können nicht kochen.“
„Du alter Charmeur.“
„Deine Steaks sind eben unschlagbar, Conny.“
Bob wischt mit einem Stück Baguette den Fleischsaft vom Teller. Genießerisch kauend lehnt er sich im Sessel zurück. Die strohblonde Bedienung räumt den Teller weg, bringt ungefragt eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. „Danke, Conny.“ Bob kommt jede Woche hierher. Bestellt Steak mit Röstzwiebeln und Spiegelei, dazu ein kleines Bier, vielen Dank. Conny arbeitet seit zehn Jahren in der Raststätte und weiß einen zuverlässigen Esser wie Bob zu schätzen. Der Kaffee geht auf’s Haus. „Herrlicher Apfelkuchen, Conny.“ „Danke, Bob.“ Zufrieden gibt er ein großzügiges Trinkgeld und so bleibt alles in Balance. „Bis zum nächsten Mal.“ verabschiedet sich Bob. Conny winkt freundlich und wendet sich eine schwangeren Kundin zu, die einen Energy Drink kaufen möchte. Bob verlässt das Restaurant der kleinen Autobahnraststätte. Gemächlich schlurft er zu seinem LKW, raucht noch eine Zigarette, bevor er ins Führerhaus klettert und zurück auf die Autobahn fährt. Bob ist wieder unterwegs.

Eine letzte Palette wird verschoben, die Planen um das Versteck rutschen auf den Boden, Kisten fallen polternd um. Licht bricht in blendend grellen Strahlen durch die Finsternis. Ein entsetzter Schrei gellt aus dem Chaos hervor. Herrisch drängt ein Mann in schwarzer Lederjacke durch den Spalt, zwängt sich ins Versteck und vielleicht waren es doch Dämonen, die auf die geflüsterten Stoßgebete der jungen Frau gehört haben. Wer weiß das schon? Der Mann ruft etwas in den vorderen Bereich der Ladefläche. Dann beugt er sich zu der Frau, die verängstigt in der kleinen Nische kauert und schlägt sie mit gezielten Hieben bewusstlos.

„Bist du hungrig?“
„Bisschen“
„Verstehst du Deutsch?“
„Bisschen“
„Möchtest du das haben?“
Bob wedelt mit dem Schokoriegel. Er sitzt lässig auf den Stufen seines Führerhauses und mustert das schüchterne Mädchen mit freundlich blitzenden Augen. „Ficki-Ficki?“ fragt sie mit leiser Stimme und er schüttelt lachend den Kopf. „Nein danke.“ Er wirft ihr den Schokoriegel zu. „Hier, ich hab noch mehr.“ Gierig verschlingt das Mädchen den Riegel. „Mehr?“ fragt er und zaubert einen weiteren aus dem Cockpit des LKW. Das Mädchen fängt den zweiten Riegel und tritt dann misstrauisch einen Schritt zurück. „Ich fahre Grenze.“ sagt Bob ganz beiläufig, während er einen Schokoriegel auspackt und herzhaft zubeißt. Kauend blickt er über den Kopf des Mädchens hinweg, sieht nachdenklich in den Himmel. Die Lichter der Stadt vertreiben die Sterne, doch hier, im Gewerbegebiet, kann man zumindest den großen Wagen erahnen. „Wenn Geld gut, ich dich mitnehmen. Deutschland.“ Bob beißt wieder in den Riegel. Er liebt diesen Geschmack. Das Mädchen mustert ihn skeptisch. „Morgen Abend. Hast du verstanden? Morgen. Abend.“ Sie nickt und hebt bittend die Hände. Bob wirft ihr einen weiteren Schokoriegel zu. Das Mädchen verschwindet in den verschlungenen Straßen des Gewerbegebiets. „Vielleicht sehen wir uns ja.“ murmelt Bob. Dann klettert er zurück auf seinen Sitz, startet den Motor und fährt in die Stadt, um die Ware auszuliefern. Bob ist immer pünktlich.

Der Mann in der schwarzen Lederjacke zerrt die wehrlose Frau aus ihrem winzigen Versteck. „Hilf mir schon.“ zischt er gereizt. Bob eilt an seine Seite. Gemeinsam wuchten sie den ohnmächtigen Körper aus dem Laderaum, tragen ihn zu einem unauffälligen Lieferwagen. „Mann ist die schwer.“ schnauft Bob. „Mach schon auf.“ keucht der Lederjackenmann. Bob lässt die Beine der jungen Frau auf den Asphalt gleiten. Er öffnet die Heckklappe des Lieferwagens und hilft, die Bewusstlose sicher zu verladen. Der Mann in der schwarzen Lederjacke nickt dem Fahrer zu, das Auto startet und fährt vom spärlich beleuchteten Rastplatz. „Warum hilft der eigentlich nie?“ fragt Bob und deutet den verschwindenden Rücklichtern des Lieferwagens hinterher. „Hat es böse im Rücken.“ antwortet der Lederjackenmann. „Wie immer problemlos.“ stellt er zufrieden fest und streckt Bob ein Bündel Geldscheine entgegen. Der nimmt es mit zufriedenem Nicken an. „Immer wieder gerne.“ antwortet er. Man schüttelt sich die Hände, dann klettert Bob zurück ins Führerhaus, während der Mann zu seinem geparkten Mercedes geht.

„Du hast Geld? Pinke-Pinke?“
„Bisschen.“
„Die paar Scheine? Ist das alles?“
„Alles.“
„Zeig mal her.“
Bob klettert aus dem LKW und nähert sich lächelnd dem Mädchen, das am nächsten Abend wieder zu dem LKW-Parkplatz ins Gewerbegebiet gekommen ist. Sie weicht zurück, als Bob näher kommt. Der lacht gutmütig und holt eine Dose Cola-Whiskey aus einer seiner Jackentaschen. „Hier, für dich.“ sagt er. Zögerlich nimmt sie die Dose an, reicht ihm ein paar zerknitterte Scheine. Bob lacht. „Zu wenig.“ sagt er abfällig und gibt die Scheine zurück. Das Mädchen hebt abwehrend die Hände. Sie will das Geld nicht mehr haben. Aus der Tasche ihrer ausgeblichenen Jeans holt sie einen silbernen Rosenkranz. Ihre Augen werden feucht, als sie ihn an Bob übergibt. „Familienerbstück, wie?“ Bob nimmt den Rosenkranz entgegen, tut so, als würde er dessen Gewicht abschätzen. „Na gut.“ brummt er schließlich. Das Mädchen atmet erleichtert auf. „Komm, wir haben nicht die ganze Nacht.“ Bob führt sie zum Laderaum seines LKW. Er versichert sich, dass niemand auf der Straße zu sehen ist, dann hebt er die Plane hoch und klettert mit dem Mädchen ins dunkle Innere. Mit einer Taschenlampe leuchtet er den Weg zum Versteck. Als sie vorsichtig in die enge Nische kriecht, glänzt ihr Haar, wie das des Mädchens aus der Duschgelwerbung. Bob leuchtet ihren schlanken Körper ab. Steht in der diffusen Dunkelheit und bewegt sich nicht. „Du willst gerne nach Deutschland, nicht wahr?“ fragt er schließlich sanft. „Ficki-Ficki?“ fragt sie resigniert. „Bisschen.“ antwortet er und öffnet den Reißverschluss seiner Hose. Bob ist Pragmatiker.

Die Leitung ist frei, das Handy stellt knackend eine Verbindung her. Bob sitzt am Steuer des LKW, fährt über die glatt asphaltierte Autobahn und wartet, dass sein Geschäftspartner ans Telefon geht. Als der sich endlich meldet, ist seine Stimme flüssiges Gold. „Bob, mein Bester, schön dich wieder zu hören!“ „Freut mich auch.“ brummt Bob. „Hast du gute Nachrichten für mich?“ „Höchstens Dreizehn.“ antwortet Bob. „Ausgezeichnet.“ freut sich der Mann am Telefon. „Gleiche Zeit, gleicher Ort.“ sagt Bob. „Wunderbar.“ Das Gespräch ist beendet. Bob steuert den LWK weiter über die Autobahn. In der gemütlichen Wärme des Cockpits fühlt er sich ein wenig schläfrig. Er kurbelt das Fenster einen Spalt breit herunter, lässt die kalte Nachtluft herein. Dann sucht er einen Radiosender, der guten, alten Schlager spielt und pfeift schief mit, als er ein Lied erkennt.

© sybille lengauer

Sand

Veröffentlicht: April 18, 2019 in Kurzgeschichten
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Sand. Allgegenwärtiger Sand. Kaum ein Grashalm, der sich hinter schützenden Felsbrocken regt. Keine Bäume, nur ein paar wenige, verkrüppelte Sträucher, die zäh dem heißen Wind trotzen.
Stille. Undurchdringliche Stille. Kein Bussard ruft, keine Maus raschelt durch das spärliche Gras, nicht einmal eine Eidechse gleitet über die kochend heißen Steine.
Hitze. Lähmende Hitze. Kein Fleckchen Erde, das nicht ausgezehrt wäre von der sengenden Glut, die selbst das letzte bisschen Feuchtigkeit aus dem Land herausbrennt.
Die Ruinen der zerstörten Großstadt ähneln einem bizarren Gebirge, das sich einsam aus der öden Landschaft erhebt. Wie Stümpfe abgebrochener Zähne ragen die Reste der Wolkenkratzer in den stahlblauen Himmel. Starren blicklos in eine flimmernde Weite, die unerbittlich zurückstarrt, ohne jemals zu blinzeln. Aufgeplatzte Betonstraßen, in denen die Wracks von tausenden Autos vom stetigen Wind geschleift werden, führen schnurgerade durch die zerstörten Häuserschluchten. Sanddünen wachsen an den verfallenen Gebäuden empor. Flirrender Staub tanzt durch verlassene Räume, bildet überall zentimeterdicke Schichten, wo er vom heißen Atem der Wüste hingetrieben wird. Doch tief, tief unten, in den Eingeweiden der zerstörten Stadt, in den alten U-Bahn-Schächten, die noch nicht eingestürzt sind, in der verrottenden Kanalisation, die nun niemand mehr benötigt, sickert ein wenig Wasser aus verborgenen Ritzen. Farblose Pflanzen gedeihen hier, geschützt vor den tödlichen Strahlen der Sonne. Ziehen ihre Nährstoffe aus den Fadengeflechten der widerstandsfähigen Pilze, an deren Zyklus sie sich angepasst haben. Sie bilden einen schier undurchdringlichen Dschungel aus rankenden Stielen und dornharten Blättern, die bleich in der Düsternis übereinander wuchern. Fluoreszierende Schleimpilze ziehen sich über die feuchten Wände, tauchen die Szenerie in zartgrünes Licht. Tiere existieren hier. Blasse, kleine Geschöpfe, die sich zäh von dem ernähren, was die Unterwelt zu bieten hat. Winzige Leuchtameisen bestäuben die zahllosen Blüten, angelockt durch deren süßlichen Duft. Haarlose Nagetiere bauen ihre kugelrunden Nester in den Wurzeln der Pflanzen. Werden belauert von züngelnden Schlagen, die sich leise durch die unterirdische Welt winden.
Leona ist auf der Suche nach diesen Orten. Sie kennt die spärlichen Anzeichen an der Oberfläche, die auf diese verborgenen Lebensräume hinweisen. Dick eingemummt in ihren verdreckten Schutzanzug, die empfindlichen Augen durch schwarze Brillengläser geschützt, eine Atemschutzmaske mit notdürftig geflickten Filtern über Nase und Mund, auf dem Rücken ein riesiger Rucksack, so zieht sie durch die trostlosen Straßen der ehemaligen Großstadt, immer auf der Suche nach einem geheimen Hort des Lebens, der sie für ein paar Wochen erhalten kann. Immer unterwegs. Immer allein. Leona weiß um die sensible Balance der wenigen, verbliebenen Oasen. Sie bleibt nie lange an einem Fleck, zieht immer weiter durch die menschenleeren Ruinenstädte und kehrt erst nach Jahren wieder zu einem unterirdischen Wald zurück, in dem sie schon einmal gewesen ist. Seit dreiundzwanzig Jahren folgt sie diesem Rhythmus. Überlebt in der unwirtlichen Einöde, die einst ein blühendes Zuhause der menschlichen Kultur war.
„Hör auf damit.“ brummt sie gereizt.
„Womit soll ich aufhören, ich mach doch gar nichts.“
„Du summst.“
„Ich summe nicht.“
„Du summst die ganze Zeit, verdammt.“
„Könnte an deinen ungewaschenen Ohren liegen, dass du ein Summen hörst. Ich bin es jedenfalls nicht.“
„Du kannst mich mal.“
Leona klettert auf einen rostigen Laternenmast, der sich einsam über eine sanft gewellte Sandfläche erhebt, die vor langer Zeit ein ausgedehnter Park war. Sie holt ein Fernglas aus der Brusttasche ihres Anzugs, späht angestrengt in alle Richtungen. Redet dabei unablässig mit sich selbst.
„Du gehst mir heute schon den ganzen Tag lang auf die Nerven.“
„Was kann ich dafür, dass du mit dem falschen Fuß aufgestanden bist?“
„Ich bin gar nicht aufgestanden, falls du das vergessen hast. Wir sind die ganze Nacht lang gewandert, weil du unbedingt dieses blöde Viertel erreichen wolltest.“
„Wir werden hier eine Oase finden. Glaub mir einfach.“
„Glauben kann ich Gott. Dir kann ich maximal vertrauen und dazu bin ich im Moment nicht in der Stimmung. Hier ist nur beschissener Sand.“
„Schau genauer hin. Da, Richtung Nordost.“
Leona kneift die Augen zusammen. Starrt angestrengt durch das Fernglas. Sieht nur Sand und verlockend wabernde Trugbilder von Ozeanen, die nicht existieren. Gereizt verlagert sie ihr Gewicht, um besser auf dem Laternenmast Halt zu finden.
„Ich sehe nichts.“
„Die dunklen Flecken?“
„Da sind keine dunklen Flecken.“
„Ich schwöre dir, da sind welche.“
„Und ich schwöre dir, wenn du dich irrst…“
Sie lässt ihre Drohung unausgesprochen verklingen. Steckt das Fernglas weg und klettert, schwer atmend, vom Laternenmast herunter. Schimpfend macht sich auf den Weg nach Nordosten. Trottet langsam über den brennend heißen Sand, achtet auf verborgene Löcher und tückische Stolperfallen. Leona kennt die unzähligen Gefahren der Ruinen. Kennt den tückischen Treibsand, die unberechenbaren Abgründe und die alles erstickenden Staubstürme, die in der verlorenen Stadt herrschen. Sie lässt sich Zeit. Nimmt lieber einen Umweg in Kauf, als ein Risiko einzugehen. Wägt sorgsam ab, bevor sie sich auf ein Wagnis einlässt. Leona überlebt.
„Du machst es schon wieder.“
„Was?“
„Summen.“
„Ich summe nicht.“
„Ich kann es aber hören!“
„Du hörst, was du hören willst, meine Liebe.“
„Meine-Liebe mich nicht.“
„Vielleicht sollten wir eine Rast einlegen, du bist wirklich überreizt.“
„Ich bin nicht überreizt, ich bin nur müde. Und durstig. Und hungrig.“
„Das bin ich auch.“
„Gut, dann eben eine Rast.“
Leona hält mürrisch an einer zerstörten Brücke, lässt sich im Schatten der verfallenen Betonkonstruktion nieder. Sie holt einen Trinkbeutel aus ihrem Rucksack, steckt das dünne Röhrchen unter die Atemmaske und trinkt. Dann setzt sie das Röhrchen ab und seufzt erleichtert.
„Hier, jetzt du.“
„Danke.“
Leona trinkt erneut. Verstaut den Lederbeutel dann wieder sorgsam an seinem Platz. Etwas Trockenfleisch findet seinen Weg in ihren Mund. Sie kaut die zähen Stückchen stumm. Starrt vor sich hin und ruht die erschöpften Muskeln aus.
„Sollen wir schlafen?“
„Ich weiß nicht. Dann verlieren wir noch mehr Zeit.“
„Aber du bist müde. Und ich kann auch schon kaum die Augen offen halten.“
„Du hast ja recht.“
Leona kriecht in eine Ecke, in der sie vor Sonne und Wind geschützt ist, rollt sich neben dem Rucksack zusammen und schließt erschöpft die Augen. Fällt augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem sie eine halbe Stunde später benommen erwacht. Noch einmal holt sie den Trinkbeutel hervor, saugt vorsichtig einen Schluck der kostbaren Flüssigkeit ein, dann macht sie sich erneut auf den Weg. Summt dabei leise eine traurige Melodie.

Langsam kommt die Dämmerung. Die Sonne versinkt hinter dem flimmernden Horizont, taucht die Welt in rötlichen Schimmer. Versetzt den Himmel in einen brennenden Farbenrausch. Die verlassenen Ruinen werfen lange Schatten, die wie dunkle Geister über der Szenerie liegen. Leona steht auf dem niedrigen Dach eines ehemaligen Autohauses, blickt in eine tiefe Senke und mustert wachsam die dunklen Flecken, die sich darin gebildet haben. Sie hat kein Auge übrig für das farbenprächtige Schauspiel der abendlichen Wüste.
„Das könnte etwas sein.“
„Habe ich dir doch gesagt.“
„Du sagst viel, wenn der Tag lang ist.“
Sie kniet nieder, starrt aufmerksam in die Senke.
„Wir sollten ein Lager aufschlagen und uns morgen abseilen.“
„In Ordnung.“
Leona übernachtet im Autohaus. Sie bringt sorgsam vier Taufänger in Position, die den feuchten Hauch des Morgens in kleinen Fläschchen konservieren, sucht einen verstaubten Wagen aus, der geräumig und bequem erscheint und bettet sich darin zur Ruhe. Erleichtert legt sie Brille und Atemschutzmaske ab, reibt über die aufgeraute, juckende Haut ihres Gesichts. Sie öffnet den Schutzanzug, kriecht ächzend heraus und rümpft die Nase, als der scharfe Geruch ihres ungewaschenen Körpers das Wageninnere flutet. Vor dem Schlafen isst sie noch ein wenig Trockenfleisch, trinkt zwei kleine Schlucke Wasser. Die Vorräte sind knapp. „Schlaf gut.“ sagt sie, rollt sich auf der Rückbank des Autos ein und träumt vom Geräusch des Regens. Träumt, bis sich die ersten Sonnenstrahlen durch die trostlosen Ruinen zwängen und von einem neuen Tag in der unendlichen Wüste künden.

„Sieht verdammt gut aus.“ Leona hängt an einem Seil, das sie sorgsam an einer Hausmauer verankert hat. Vorsichtig setzt sie ihre Schritte, trägt breite, ovale Schneeschuhe, die ihr Gewicht besser auf dem tückisch rutschenden Sand verteilen. Immer wieder sieht sie sich prüfend nach den dunklen Flecken um, während sie weiter in die Senke hinabsteigt. An einer besonders dunklen Stelle hält sie an, nimmt etwas Sand zwischen die Finger und zerreibt ihn. „Volltreffer.“ Leona nickt bestätigend zum Rand der Senke hin, verstaut etwas von dem Sand in einer kleinen Dose. Dreht sich dann langsam um und folgt konzentriert den flachen Spuren, die sie bei ihrem Hinweg ausgetreten hat. Sand rieselt unter ihren Füßen, rieselt an ihr vorbei in den tief gelegenen Grund der Senke, der wie ein großer Trichter alles verschluckt, was in ihm landet. Leona atmet erleichtert auf, als sie wieder festen Boden unter sich spürt. Sie legt die Schuhe ab, löst das Seil und begibt sich zurück in den Schatten des Autohauses, in dem sie ihre restliche Ausrüstung zurückgelassen hat. Der dunkle Sand aus der Senke, den sie nun ohne Schutzhandschuhe berühren kann, fühlt sich ölig und feucht an. Leona brummt zufrieden und setzt sich auf den sandigen Boden des Autohauses. An einem Stück Trockenfleisch kauend, studiert sie eine stark zerknitterte Karte.
„Es ist mit Sicherheit kein U-Bahn-Tunnel.“ stellt sie schließlich fest.
„Vielleicht eine Tiefgarage?“
„Ich weiß nicht, könnte sein.“
„Wir sollten diese beiden Häuser überprüfen. Hier und hier drüben. Vielleicht finden wir einen Eingang.“
„Was ist mit diesem Gebäude?“
„Ich weiß nicht, sieht aus wie ein normales Wohnhaus. Das können wir uns zum Schluss vornehmen.“
„Gut, einverstanden.“
Leona packt sorgfältig ihre Habe ein. Alles hat seinen bestimmten Platz im Rucksack, wird ordentlich zusammengelegt und verstaut. Als sie fertig ist, erzählen nur noch der verwischte Staub und ein paar Spuren im allgegenwärtigen Sand von ihrer Anwesenheit. Hinter der kaputten Eingangstür des Autohauses bleibt sie noch einmal im Schatten stehen.
„Sollen wir eine Münze werfen, mit welchem wir beginnen?“
„Klar.“
Gutmütig lächelnd fasst Leona unter ihren Schutzanzug, holt eine in Draht gefasste Münze hervor, die an einem Lederband baumelt. „Kopf ist Nord, Zahl ist Süd.“ sagt sie, wirbelt das Band und wirft die Kette in die Luft. Die Münze fliegt hoch und landet im Sand zu ihren Füßen.
„Zahl.“
„Süden also.“
„Dann lass uns gehen.“
Leona blickt nicht zurück, als sie den Schatten des Autohauses verlässt und sich auf den Weg zu der hoch aufragenden Ruine macht. Besonnen umkreist sie das verfallene Gebäude, sucht nach Schwachstellen in der Architektur, die ihr zum Verhängnis werden könnten.
„Hier steht ‚Marriott‘ dran, ich glaube, das war einmal ein Hotel.“
„Sieht ganz gut aus.“
„Das sagst du immer. Und zehn Minuten später muss ich dir wieder das Leben retten.“
„Ich bitte dich, wer hat dich neulich aus dieser Grube gezogen?“
„Fang nicht wieder mit der elenden Grube an.“
Mit sich selbst streitend, betritt Leona das Gebäude durch die breite, zerbrochene Eingangstür. Staubwolken wirbeln auf, feine Sandkörnchen legen sich auf ihren Schutzanzug. Leona stellt den riesigen Rucksack neben der Eingangstür ab und sieht sich wachsam in der großen Eingangshalle um. Ihr Blick sucht lange die fleckige Decke ab, dann prüft sie eingehend den, mit einer dicken Sandschicht bedeckten, Boden. „Sieht nicht so aus, als würde hier etwas in der nächsten Zeit nachgeben.“ stellt sie schließlich fest. Zufrieden grunzend hält sie nach einem Fahrstuhlschacht Ausschau, der ihr den Abstieg in die unteren Etagen ermöglicht. Findet ihn am anderen Ende der geräumigen Eingangshalle. Ihr Weg führt vorbei an ausgebleichten Skeletten, die eng umschlungen auf dem sandigen Boden liegen, einsam an verstaubten Tischen sitzen oder zusammengesunken in den Ecken zerschlissener Sofas kauern. Leona beachtet die Toten nicht. Tritt achtlos über sie hinweg und steuert auf die Fahrstühle zu. Sie übersieht die verdächtige Delle im Boden, konzentriert sich zu sehr auf das Ziel vor ihren Augen. Krachend gibt der Untergrund nach und Leona stürzt mit einem überraschten Aufschrei in die Tiefe.

„Verdammt.“
„Geht es dir gut?“
„Ich weiß nicht. Und dir?“
„Keine Ahnung.“
Leona liegt benommen auf den Überresten eines zerbrochenen Holzregals, das ihren Sturz etwas abgemildert hat. Vorsichtig prüft sie ihre Extremitäten, erforscht den Körper nach Anzeichen einer Verletzung. Als kein greller Schmerzimpuls auf ihre Versuche antwortet, setzt sie sich ächzend auf und hustet.
„Das war ja wieder eine Spitzenleistung.“
„Du hättest es genauso gut sehen können.“
„Klar, schieb es nur wieder auf mich.“
„Ach, wir sind beide Idioten.“
Der Zorn hilft ihr auf die Beine. Schwankend steht sie in der Dunkelheit, sieht verstimmt nach oben zu dem Loch, das in der Decke klafft. „Zumindest ist der Fahrstuhlschacht nicht weit entfernt.“ stellt sie nüchtern fest. Leona zieht eine kleine Stabtaschenlampe aus einer Tasche ihres Anzuges und leuchtet durch den Raum.
„Wow.“
„Oh mein Gott.“
„Sieh dir das an!“
„Konserven!“
Leona ist in einem Vorratslager des ehemaligen Hotels gelandet. Mit großen Augen blickt sie auf lange Reihen von Regalen, die gefüllt sind mit Konservendosen und Plastikverpackungen. Nach dreiundzwanzig Jahren sind viele Waren verdorben, aber Leona weiß, dass manche Produkte eine Ewigkeit halten. Andächtig bleibt sie vor einer Schachtel mit Honiggläsern stehen. „Wow.“ haucht sie wieder. Reißt das Plastik von der Verpackung, reißt den darunterliegenden Karton in Stücke, nimmt ein Glas heraus und öffnet andächtig den Deckel. Der Geruch von Honig erfüllt das alte Lager. „Ich zuerst.“ quengelt sie und hält das Glas in der ausgestreckten Hand. „Nein, ich.“ „Es ist genug für uns beide da.“ „Dann kannst du mir ja den Vortritt lassen.“ „Wieso bist du immer zuerst an der Reihe!“ „Das ist doch gar nicht wahr.“ „Natürlich ist es wahr, du denkst immer nur an dich!“ Wütend fährt Leona herum und lässt dabei das Glas auf den Boden fallen. „Sieh dir an, was du angerichtet hast!“ schreit Leona und deutet zornig auf die Scherben. Sie reißt sich die Atemschutzmaske vom Gesicht, versetzt sich selbst eine schallende Ohrfeige. „Du egoistisches Miststück!“ Leona schlägt sich erneut, schlägt hart zu und faucht dabei böse. „Ich hasse dich!“ kreischt sie und torkelt gegen das Regal. Weinend bricht sie zusammen, bleibt verkrümmt sitzen und schüttelt verzweifelt den Kopf. Lange sitzt sie so da, stiert vor sich hin und blutet aus der Nase. Als sie endlich wieder aufsteht, geht sie stumm zu dem Karton zurück, nimmt ein neues Glas heraus, dreht den Verschluss mit einem kräftigen Ruck auf und verschlingt gierig den kristallisierten Honig. Tränen laufen über ihr schmutziges Gesicht. Der ungewohnt süße Geschmack fühlt sich erst widerlich an. Dann jagt der reichhaltige Zucker ein Schaudern über ihren Körper, schickt Gänsehaut von ihrem Nacken bis zu den Zehenspitzen. Leona lacht und weint zugleich. Stopft das klebrige Gold weiter in sich hinein, leckt die Finger gierig blank. Dann tanzt sie lachend durch das Lager, trunken von der Energie des Honigs. Irgendwann bricht sie wieder zusammen und schluchzt heftig. Der unermessliche Reichtum des Schatzes macht sie fassungslos.

„Das machst du ganz prima.“ sagt Leona sanft. „Danke.“ antwortet sie kühl. Sie zieht eine Ladung mit Lebensmitteln und Getränken aus dem Loch in der Eingangshalle. Leona hat eine feste Basis im Autohaus errichtet und schafft nun einen Teil des Lagervorrats in ihr neues Zuhause. Sie wird lange mit dieser Fülle an Vorräten überleben können, hat nun endlich Zeit, sich auf wichtige Reparaturen zu konzentrieren, die sie bei ihrer Wanderung vernachlässigt hat. Ihre Körperhaltung drückt trotzdem keine Zufriedenheit aus.
„Bist du immer noch böse auf mich?“
„Nein, alles wunderbar.“
„Ich weiß genau, wann du mich anlügst.“
„Ach, tust du das?“
Leona schleift das Paket aus dem Hotel, wuchtet es auf einen improvisierten Schlitten und zieht diesen durch die kalte Luft der Wüstennacht. Ihre Augen suchen kurz den Himmel ab, sind blind für den majestätischen Anblick der funkelnden Sterne. Nicht eine Wolke zeigt sich am nächtlichen Himmel. Leona zuckt mit den Schultern und zieht den Schlitten weiter zum Autohaus. Es ist ihre letzte Tour, bald bricht der Morgen an und Leona wird sich schlafen legen. Sie meidet nun den Tag, da sie den Blick in die Ferne nicht mehr braucht, um sich zu orientieren. Vor dem Autohaus hievt Leona das große Paket vom Schlitten und zerrt es nach drinnen. Nachdem sie die Nahrungsmittel und Getränke sicher verstaut hat, zündet sie ein kleines Feuerchen vor dem Eingang des niedrigen Gebäudes an. Leona verbrennt die Büroeinrichtung des Autohauses, starrt nachdenklich in die bunten Flammen, die das lackierte Holz erzeugt. Ein Topf mit Reis und aufgeweichtem Dörrfleisch blubbert über dem Feuer. Leonas Magen knurrt. Ächzend steht sie noch einmal auf, geht nach drinnen und kehrt mit einer Flasche Gin zurück. Sie stellt die Flasche in den Sand, holt den Topf aus dem Feuer und rührt, bis die Masse kalt genug geworden ist. Hungrig löffelt sie den salzigen Brei, isst, bis kein Bissen mehr Platz hat. Dann rülpst sie laut, öffnet die Flasche und trinkt einen großen Schluck. Leona starrt wieder ins Feuer. Die Flammen spiegeln sich in ihren großen Augen, flackern über ihr ausgezehrtes Gesicht. „Wir müssen reden.“ sagt sie schließlich. „Wir müssen gar nichts.“ erwidert sie, starrt weiter ins Feuer und trinkt in langen Zügen.
„Du kannst nicht ewig beleidigt sein.“
„Ich bin nicht beleidigt.“
„Was bist du dann?“
Leona greift wütend nach einem Stuhlbein, stochert damit im Feuer herum. Funken fliegen auf, tanzen in den Himmel, der im Osten langsam zu erröten beginnt. „Ich weiß auch nicht.“ brummt sie nach einer geraumen Weile. Frustriert setzt sie die Flasche an die Lippen und trinkt.
„Alkohol macht es auch nicht besser.“ „Stimmt.“ Leona steht schwankend auf und geht hinein. Kommt mit einer Schachtel Zigaretten zurück, setzt sich wieder hin und beginnt zu rauchen. „Davon wird dir schlecht.“ kommentiert sie und lacht plötzlich bitter auf. „Was interessiert dich das.“ versetzt sie. Trinkt, raucht und starrt mürrisch in den spektakulären Sonnenaufgang. Bevor sie sich schlafen legt, kotzt sie ausgiebig in den trockenen Sand, flucht über die verschwendete Nahrung und befielt sich, das Maul zu halten.
Am nächsten Abend sitzt sie wieder vor einem kleinen Feuerchen, bereitet ein Frühstück zu und hält sich den brummenden Schädel. „Ich habe dich ja gewarnt.“ sagt sie triumphierend, verzieht danach genervt das Gesicht. „Sei doch bitte einmal ruhig.“ knurrt Leona. Stumm stopft sie den heißen Brei in sich hinein, trinkt ausgiebig Wasser und wendet sich dann den Arbeiten zu, die sie in der heutigen Nacht beschäftigen. Der Rucksack muss ausgebessert werden, der Schutzanzug hat Risse, ihre Unterwäsche hält nur noch an wenigen Fäden zusammen. Leona arbeitet still, spricht über Stunden hinweg kein Wort. Manchmal steht sie auf, geht hinein und kommt mit einem Gegenstand zurück, den sie für ihre Ausbesserungsarbeiten braucht. Das Innere des Autohauses hat sich stark verändert. Leona hat viele Wagen nach draußen geschoben. Mit Geschickt und Mühe hat sie sich ein geräumiges Zuhause geschaffen, das verbarrikadiert ist gegen die unerbittlichen Elemente. Ein Berg von Decken und Kissen aus dem Hotel bildet ihr riesiges Bett, darum herum türmen sich Stapel aus Lebensmitteln und Getränken. Leona schläft gerne in ihrem Hort. Jetzt geht sie zu einem kleinen Schränkchen, das sie aus dem Büro geborgen hat und holt eine lange Schere aus einer der Schubladen. Auf dem Weg nach draußen greift sie nach einer Flasche Whiskey. „Schon wieder?“ fragt sie traurig, als sie sich zurück ans Feuer setzt. „Fang bitte nicht wieder damit an.“ antwortet sie gereizt. Leona wirft neues Holz ins Feuer. Öffnet die Flasche und trinkt. „Willst du nun jede Nacht trinken?“ „Und was, wenn dem so wäre?“ Sie nimmt grob die Näharbeit wieder auf, mit der sie sich beschäftigt hat, grunzt dann und legt sie wieder zur Seite. „Es geht dich einen Scheißdreck an.“ stellt sie mit Nachdruck in der Stimme fest.
„Du weißt, dass das nicht stimmt.“
„Gar nichts weiß ich.“
„Warum ist dir immer alles egal?“
„Warum sagst du immer ‚immer‘ wenn du nörgelst?“
„Warum denkst du, es wäre eine gute Idee, mich nachzuäffen?“
„Warum denkst du, es wäre eine gute Idee, mir ständig auf die Nerven zu fallen?“
Leona lässt ihre geballte Faust wütend auf den weichen Boden knallen. Sie murmelt etwas und wirft weiter Holz ins Feuer. Die Flammen fressen sich begierig durch das trockene Holz, züngeln in bunten Farben in die mächtige Dunkelheit der Nacht. „Was hast du da gerade gesagt?“ zischt Leona, ihre Augen werden schmal. „Nichts.“ erwidert sie, starrt gereizt ins Feuer. „Nein. Du hast nicht Nichts gesagt.“ Leonas Stimme ist sehr leise. Eine große Erregung zittert in ihren Worten. „Doch.“ antwortet sie knapp. „Sag es!“ schreit Leona. „Hör endlich auf!“ schreit sie zurück.
Leona greift nach der Schere, die neben ihr im Sand liegt. Ihre Stimme verliert sich fast im munteren prasseln des Feuers. „Ich habe gesagt, dass ich ohne dich besser dran wäre! Na? Bist du nun zufrieden? Dann: Lass. Mich. Endlich. In. Ruhe!“ Die letzten Worte schreit sie wieder, stößt dabei mit der spitzen Schere durch die leere Luft. Niemand antwortet ihrem Ausbruch. Blinzelnd sieht sich Leona um. Sie sitzt einsam vor dem Feuer, hält verkrampft die Schere in der Hand. Leona blickt verwirrt um sich, dreht sich nach links und rechts, schaut hinter sich, steht schließlich auf und läuft um das Gebäude. Sie ist allein. Stirnrunzelnd kehrt sie zurück zum Feuer, setzt sich und starrt in die Flammen.

„Hast du an das Seil gedacht?“ Leona steht vor dem Loch in der Eingangshalle des Hotels und tastet suchend ihren Schutzanzug ab. Sie will sich nur kurz abseilen, um eine neue Flasche von dem herrlichen Sherry zu holen, der ihr so besonders wohl tut. Stille beantwortet ihre Frage. Leona zuckt kurz schuldbewusst zusammen. Seufzend dreht sie sich um und verlässt mit schlurfenden Schritten das Hotel. Im Autohaus stöbert sie das Seil aus dem Chaos, in das sie ihre Basis in den vergangenen Wochen verwandelt hat. Leona hat eine Menge Dinge gehortet, hat ihr Zuhause in ein Sammelsurium aus Gegenständen verwandelt, die sie in der Umgebung gefunden hat. Ausgebleichtes Spielzeug drängt sich in improvisierten Regalen neben dutzenden Büchern und unnützen Relikten aus der Vergangenheit. Lampions und Girlanden hängen in wirren Trauben von der Decke des Autohauses, an den Wänden kleben bunte Bilder von Vögeln, Wäldern, Delfinen, Wasserfällen und muskulösen, jungen Männern. Leona lacht triumphierend auf, als sie das Seil schließlich findet. Sie wickelt es geschickt auf und läuft zurück in die Ruine des Hotels. Dort verankert sie das Seil dem Flaschenzug, den sie für den Transport der Pakete gebaut hat, schlingt es ungeduldig durch die Halterung an ihrem Anzug und lässt sich in die Dunkelheit gleiten. Der schlampige Knoten, mit dem sie das Seil am Flaschenzug befestigt hat, löst sich prompt. Ihr erschrockener Schrei schallt zum zweiten Mal durch den riesigen Hotelfriedhof, der teilnahmslos in den Nachthimmel ragt. Leona schlägt hart mit dem Hinterkopf auf und verliert das Bewusstsein. Als sie zu sich kommt, liegt sie benommen auf dem harten Boden des Lagers. Vorsichtig prüft sie ihre Extremitäten, zieht mit einem scharfen Laut die Luft ein, als ein heftiger Schmerz durch ihr Bein fährt. „Das darf nicht wahr sein.“ Leona tastet nach der kleinen Taschenlampe. Fühlt, dass diese zerbrochen ist und sucht daraufhin nach der Ersatzlampe, die sie im Anzug bei sich trägt. Der kleine Lichtkreis, mit dem sie ihre Beine endlich beleuchtet, offenbart keine offensichtlichen Verletzungen. Vorsichtig tastet Leona an der Hose des Anzugs entlang. Ein starker Schmerz verrät schließlich das gebrochene Schienbein. „Verdammt.“ knirscht Leona. Panik greift mit eiskalten Krallen nach ihr, aber Leona wehrt sich gegen das Rasen ihres Herzens, denkt bewusst gegen den klaffenden Abgrund an, der sich in ihrer Seele öffnen will. „Das ist keine große Tragödie.“ flüstert sie tapfer. „Wir müssen das Bein nur schienen. Das kriegen wir schon hin, oder?“ Leona lauscht in der erdrückenden Stille nach einer Antwort. „Hörst du mich?“ ruft sie verzweifelt. Da ist sie wieder, die kopflose Panik. War nie weg, hat nur gelauert, auf den einen Moment, an dem Leona nicht wachsam ist. Der Lichtstrahl ihrer Lampe zittert hektisch über die Regale. Ihr Mund wird trocken, der Herzschlag galoppiert. Schreckensbilder aus der Vergangenheit brechen über sie herein. Peter, der qualvoll im Feuer stirbt. Karin, die schreiend verblutet. Sonja, die sich einfach hinlegt und nicht mehr aufsteht, weil ihr kleiner Sohne verhungert ist. Miriam, die hilflos im tödlichen Treibsand versinkt. All die Toten sterben erneut vor Leonas innerem Auge, während sie entsetzt nach Luft schnappt. Ein bleierner Ring legt sich eng um ihre Lungen, nimmt ihr die Luft zum Atmen. Leona hyperventiliert, verdreht die Augen, verliert wieder das Bewusstsein.
Als sie diesmal erwacht, bleibt sie lange still liegen. Starrt ausdruckslos auf das Loch in der Decke. Dann wendet sie den Kopf und mustert das Seil, das neben ihr auf dem Boden liegt. „Ich komme da hoch.“ presst Leona hervor. Rappelt sich stöhnend auf und sucht nach Material, mit dem sie das gebrochene Schienbein versorgen kann. Sie robbt fluchend durch den Gang, feuert sich selbst an, bis sie schließlich eine Palette mit gestapelten Holzkisten findet. Mühsam schlüpft sie mit den Armen aus ihrem Anzug, zieht das Unterhemd aus und reißt es in Streifen. Jede Bewegung bringt Scherzen. Leona zerbricht umständlich zwei Holzkisten und bastelt eine einfache, aber stabile Schiene. Sie stöhnt gequält auf, als sie die geschichteten Bretter eng an ihr gebrochenes Bein wickelt. Unterdrückt den Drang, sich zu erbrechen. Erschöpft ruht sie aus, nachdem der letzte Knoten gebunden ist. Liegt flach auf dem Boden und atmet gegen den Schmerz. Dann zieht sie sich mühselig an einem Regal nach oben und humpelt langsam zurück zum Seil. „Wie kriege ich dich nach oben?“ fragt sie die Dunkelheit. Augenblicklich denkt sie an die Pakete mit Pfeffer, die ihr bei einer vergangenen Expeditionen im Lager aufgefallen sind. Sie sind fünf Kilo schwer und könnten stabil genug sein, um nicht sofort zu zerbrechen, wenn sie aus dem Loch geschleudert werden. Leona schlurft langsam die Regale entlang, findet die Pakete und schleppt eines davon zurück zum Seil. Sie verknotet es, prüft den Knoten sorgfältig, denkt sich in die Eingangshalle und überlegt, wo das Pfefferpaket landen muss, um sich zu verkeilen. Sie wählt ihr Ziel mit bedacht, blickt angestrengt nach oben, beginnt, das Seil zu schwingen. Unzählige Male hat sie so schon geworfen. Sich aus Gruben, Abgründen und diesem Lager gezogen. Doch noch nie war sie dabei wirklich alleine. Die Unsicherheit lässt ihre Hand zittern, als sie das wirbelnde Geschoss loslässt. Das Paket landet klatschend an der Decke, fällt wieder zurück auf den Boden des Lagers und zerplatzt. Pfefferkörner fliegen durch die Luft. Leona flucht. Stöhnend humpelt sie zurück zu den Paketen. Der zweite Versuch gelingt besser, das Paket fliegt durch das Loch in der Decke, verkeilt sich aber nicht. Leona pausiert erschöpft, wartet, bis sich ihre zitternden Muskeln von der brutalen Anstrengung erholt haben. Beim dritten Mal verkeilt sich das Paket endlich. Leona freut sich still, ist zu ausgelaugt, um einen Laut von sich zu geben. Sie weiß, dass sie nach oben klettern muss. Hat Angst vor dem Kraftakt. Also humpelt sie durch das Lager und kehrt mir uralten Schokoriegeln und einer Wasserflasche zurück. Setzt sich ächzend unter das Loch, isst die Schokolade, trinkt das Wasser und wartet. Irgendwann hat sie das Gefühl, bereit zu sein. Sie nimmt all ihren Mut zusammen, windet das Seil durch die Halterung des Anzugs, legt ihr ganzes Gewicht hinein, um die Stabilität des Pakets zu prüfen. „Wir kriegen das hin.“ versichert sie sich wieder, dann beginnt sie den Aufstieg. Quälend langsam kommt sie voran, die Muskeln in ihren Armen brennen, können das Gewicht des Körpers kaum tragen. Leona kämpft sich Zentimeter für Zentimeter nach Oben. Sie hört auf nachzudenken, hört auf, Schmerz zu empfinden, sieht nur noch das nächste Stück Seil, nach dem ihre zitternden Finger greifen. Ihre Hände schwitzen. Leona gleitet ab, verliert den Halt und fällt zurück auf den Boden des Lagers. Der Sturz presst die Luft aus ihren Lungen, der Schmerz im Schienbein jagt rote Explosionen durch ihr Gehirn. Leona weint verzweifelt. „Ich schaffe das nicht!“ heult sie zwischen zwei großen Schluchzern. „Ganz ruhig jetzt, ganz ruhig.“ Leona erstarrt. „Ich bin ja bei dir.“ sagt sie mit beruhigender Stimme. „Du bist wieder da?“ flüstert Leona ungläubig, dicke Tränen laufen über ihre Wangen. „Ich war nie weg.“ antwortet sie sanft. „Es tut mir so leid.“ „Mir auch.“ „Ich hätte nie sagen sollen, dass ich ohne dich…“ „Das ist jetzt nicht wichtig.“ unterbricht sie sich selbst. „Wir müssen hier raus und dich versorgen.“ Leona blickt hoch zu dem Loch. „Wir kriegen das hin.“ sagt sie und nickt dabei zuversichtlich.

© sybille lengauer

Salvation

„Joniver?“
„Ja, Baby?“
„Meinst du wirklich, dass das hier eine gute Idee ist?“
„Unbedingt, Baby.“
„Dir ist klar, was passiert, wenn sie uns erwischen?“
„Absolut klar. Und es ist mir scheißegal. Du bist jedes Risiko wert, Becca.“
„Ach, jetzt spinnst du aber wirklich.“
„Immer, Baby.“
„Psst, ich glaube, ich habe etwas gehört!“
Eng umschlungen erstarrten die beiden Liebenden, die sich im nächtlichen Arboretum des Generationen-Raumschiffes Salvation hinter einem kränklichen Holunderstrauch verbargen. Das junge Mädchen lauschte mit großen Augen auf ein verdächtiges Geräusch, während der blasse Androide, der sie sanft im Arm hielt, mit seinen empfindlichen Sensoren die Umgebung abtastete. „Da ist nichts, Baby.“ stellte er schließlich mit Bestimmtheit fest. Becca entspannte sich wieder und die beiden versanken in einem minutenlangen Kuss. Lippen tasteten, Hände streichelten. Warme Gänsehaut streifte erregt über kühles Hautimitat. Leises Stöhnen klang lockend hinter dem dürren Gebüsch hervor. Es war der richtige Moment für die „Moralische Instanz“, um zuzuschlagen. Zwei vermummte Gestalten tauchten plötzlich hinter dem Liebespaar auf. Joniver wurde augenblicklich mit einem starken Elektroschocker betäubt, Becca bekam harte Schläge auf Kopf und Gesicht, bis sie aufhörte zu schreien. Zwei weitere, vermummte Personen deaktivierten ihre Tarnvorrichtungen, hoben den erschlafften Joniver zwischen sich auf und trugen ihn fort. Als Becca sah, dass er hinausgetragen wurde, schrie sie verzweifelt seinen Namen und wurde erneut heftig geschlagen. „Bitte, bitte, werft ihn nicht raus!“ lispelte sie weinend, ihre Lippe war aufgeplatzt und blutete stark. Niemand beachtete ihre flehenden Worte. Ein Vermummter fixierte sie brutal auf der zertrampelten Wiese, ein anderer presste ihr einen heißen Brennstempel auf die Stirn. Becca kreischte und trat verzweifelt um sich. Bekam nur noch mehr Schläge, bis sie schließlich schluchzend dalag und nicht mehr reagierte. Daraufhin ließ man sie wortlos hinter dem Holunderstrauch zurück. Die anonymen Gestalten aktivierten ihre Tarnvorrichtungen und verschwanden so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren. Die ganze Aktion hatte nur wenige Minuten gedauert.
Becca wird nie herausfinden, wer aus der Gemeinde sie angegriffen hat. Wer ihren künstlichen Liebhaber betäubt und aus der Luftschleuse geworfen, wer sie verprügelt und ihre Stirn gebrandmarkt hat. Waren es ihre Eltern, ihre Geschwister, waren es Freunde? Mit Sicherheit waren es Menschen, die sie kennt, denn alle kennen sich auf Salvation. Jeder sieht jeden. Immer. Und jeder wird Rebecca sehen, mit dem hässlichen Brandmal auf der Stirn.
Becca erwachte langsam aus ihrer entsetzten Erstarrung. Sie lag verkrümmt in der taufeuchten Wiese, halbnackt und durchfroren vom kalten Nebel, der in den simulierten Morgenstunden das Arboretum benetzte. Als sie sich stöhnend aufsetzte, fielen grelle Fetzen der Erinnerung stoßweise über sie her. Brachen unvermittelt herein und feuerten eine zusammenhanglose Dia-Horror-Show in ihrem Gehirn ab. Becca wimmerte. Sie schlang die zitternden Arme eng um ihren Oberkörper, wiegte sich vor und zurück und weinte, weinte, weinte. Bis die Tränen versiegten und nur das starke Zittern blieb, das ihren gesamten Körper erfasst hatte. Niemand fand sie. Niemand wollte sie finden. Becca saß eine lange Zeit im feuchten Gras, das sich um sie herum wieder aufgerichtet hatte. Sie hörte nicht die ersten Vogelstimmen, die den künstlichen Garten mit zwitscherndem Leben füllten. Sie spürte nicht die warmen Strahlen der fünftausend Leuchtstäbe, die einen orangefarbenen Sonnenaufgang simulierten. Sie sah nicht die bunten Blütenköpfe der unzähligen Blumen, die sich öffneten und zum Licht hin streckten. Becca fühlte nur den dumpfen Schmerz, tief in ihrem erschütterten Innersten. Den steinharten Knoten, zu dem ihre Seele geworden war. Schicht um Schicht wucherte eine derbe, zähe Mauer um ihr Herz, panzerte unter jeder Schicht die verletzten Gefühle ein, während das Mädchen dasaß und unkontrolliert zitterte. Als sie sich auf wackeligen Beinen erhob, fühlte sie gar nichts mehr. Sie ließ ihren Schmerz liegen, zertrampelt hinter dem kränklichen Holunderstrauch. Schaute durch abgestumpfte Augen geradeaus und schwankte langsam aus dem Park. Niemand grüßte sie auf ihrem schier endlos langen Weg nach Hause. Niemand wollte sie grüßen. Niemand wollte sie ansprechen und was hätte man auch reden sollen, mit einer Verräterin.

„Sir?“
„Sprechen Sie, Mister Rogers.“
„Die nächtlichen Ereignisprotokolle sind eingetroffen.“
„Bericht.“
„Eine ruhige Nacht, Sir. Zwei gemeldete Überschreitungen der Ausgangssperre.“
„Erläutern Sie.“
„Versuchter Raub und Unzucht mit einer künstlichen Lebensform, Sir.“
„Schon wieder Unzucht?“
„Ja Sir, es tut mir leid, Sir.“
„Wurde die Androide exekutiert?“
„Der Androide wurde aus der Luftschleuse gestoßen, Sir.“
„Der Androide?“
„Ja, Sir. Täter ist eine vierzehnjährige Nachfahrin Namens Rebecca Ross. Sie wurde gebrandmarkt.“
„Die Jugend wird immer verrückter. Was ist mit dem Räuber?“
„Jack Deuter. Ebenfalls aus der Luftschleuse gestoßen, Sir. Es war sein drittes Vergehen. Seine korrumpierte Erblinie endet mit ihm, Sir.“
„Gut. Gut. Danke Mister Rogers. Neuigkeiten von den Pfadfindern, Mister Chang?“
„Die Aussichten sind unverändert positiv. Errechneter Eintritt ins Zielsystem in siebenundneunzig Jahren, Sir.“
„Ausgezeichnet. Sie können wegtreten, meine Herren.“
„Danke, Sir.“
Kapitän Tonk lehnte sich mit gerunzelter Stirn in seinem komfortablen Lehnstuhl zurück und sah den Offizieren hinterher, als diese den holzgetäfelten Besprechungsraum verließen. „Rebecca Ross. Rebecca Ross.“ überlegte er laut. Dann drückte er den Verbindungsknopf an seiner Armlehne. „Miss Jones?“ fragte er den Bord-Computer. „Ja, Sir?“ antwortete eine angenehme Frauenstimme. „Ich möchte den Stammbaum von Rebecca Ross sehen.“ „Gerne, Sir.“ Sekunden später sendete der Computer die gewünschte Information auf sein Tablet. Geduldig studierte er die dreihundertfünfzig Jahre zurückreichende Ahnenhistorie in den Aufzeichnungen des Schiffes, die die Entstehung des Individuums Rebecca Ross dokumentierte. Las, bis er auf einen bestimmten Namen stieß. „James-Warren Langton. Wusste ich es doch!“ rief Kapitän Tonk schließlich triumphierend und warf das Tablet auf den leeren Tisch. Er erhob sich schwungvoll und verließ grinsend den Besprechungsraum. Vor der Tür salutierte sein massiger Androiden-Leibwächter und folgte ihm wie ein devoter Schatten, während er den hell erleuchteten Korridor entlang stolzierte. Gemeinsam betraten sie den Fahrstuhl. „Deck sieben.“ befahl Tonk, zufrieden lächelnd. Sein bleicher Leibwächter stand neben ihm, starrte stumm gegen die Wand des Fahrstuhls. „Deck sieben.“ bestätigte eine Computerstimme nach kurzer Fahrzeit. Tonk trat aus der Kabine auf einen Korridor, der jenem glich, den er verlassen hatte. Zügig schritt der Kapitän aus und hielt schließlich vor einer stählernen Schiebetür. Sein Grinsen wuchs in füchsische Breite, während er den Summer betätigte. Doch antwortete niemand auf sein Klingeln. Das Grinsen erlosch schlagartig. Er presste erneut den Summer. Drückte lange auf den runden Knopf, drückte so fest, dass die Spitze seines Daumens weiß wurde. .„Ja? Wer ist da?“ fragte es schließlich verschlafen aus der Gegensprechanlage. „Guten Morgen, Pubert!“ Kapitän Tonk ließ seinen sonoren Bass durch den langgezogenen Gang dröhnen. „Jeremias?“ „Willst du mich nicht hereinlassen, mein alter Freund?“ „Natürlich, mein Junge. Komm herein.“ Ein dunkles Brummen erklang, die Schiebetür öffnete sich langsam und der Kapitän trat ein. Das Grinsen erschien wieder auf seinem Gesicht. Sein künstlicher Leibwächter stellte sich vor der Tür in Position und verharrte regungslos, den Blick starr an die gegenüberliegende Wand geheftet.
Die Räumlichkeiten des Obersten Ratsmitglieds, Pubert Wellington, waren geschmackvoll eingerichtet. Der Kapitän hatte jedoch kein Auge für das exquisite Interieur, sondern kam direkt zum Kern seines Anliegens. „Heute Nacht hat sich ein ziemlich schmutziger Fall von Unzucht mit einer künstlichen Lebensform zugetragen, Pubert.“ rief er tönend, während er schnurstracks auf die ausladende Bar zusteuerte, um sich ein Glas Whiskey einzuschenken. „Es ist auffallend aufmerksam von dir, mir diese schlechte Neuigkeit persönlich mitzuteilen.“ erwiderte der zierliche, alte Mann, der zusammengesunken auf einem mächtigen Ledersofa saß, mit leiser Stimme. Der Kapitän verzog kurz das Gesicht, doch dann kehrte sein Grinsen zurück. Er hob das volle Glas, sog genießerisch den harzigen Duft des bernsteinfarbenen Alkohols ein. „Wie es scheint, handelt es sich bei der Täterin um eine deiner Nachfahrinnen, Pubert. Ihr Name ist Rebecca Ross, sie ist die Ur-Ur-Urenkelin von James-Warren Langton.“ Er trank einen großen Schluck, schloss dabei anerkennend die Augen. „Ich verstehe nun, warum dir diese Neuigkeit einen Besuch wert ist, Jeremias.“ antwortete der alte Mann sanft. „Ach, das tust du, ja?“ „Natürlich.“ Die flüsternde Stimme des alten Mannes versank, wie er selbst, zwischen den dicken Polstern des Ledersofas. „Deine verdammte Blockade im Rat endet hier und heute, oder ich mache deine Verwandtschaft publik. Der Wert deiner Gene wäre korrumpiert, du würdest das Siegel der Moralischen Erbreinheit verlieren.“ zischte Kapitän Tonk. Pubert wackelte mit dem Kopf. Er langte ächzend nach dem Mundstück einer gläsernen Wasserpfeife, die auf dem Boden neben dem Sofa stand. „Ein interessanter Schachzug.“ bemerkte er trocken, während er die Pfeife schmauchte. „Dann hätten wir das ja endlich geklärt.“ Kapitän Tonk trankt strahlend sein Glas leer, stellte es knallend auf die Bar zurück. „Jeremias?“ „Ja, Pubert?“ „Ich werde nicht zulassen, dass du dich konservieren lässt. Du wirst nicht der Kapitän sein, der die Salvation nach „New Eden“ bringt. Niemals.“ Puberts Stimme war so leise, dass der Kapitän ihn kaum verstehen konnte. Er starrte den grazilen Mann mit zusammengekniffenen Augen an. „Wie bitte?“ knirschte er. „Du hast mich genau verstanden, Junge. Mach deine Erkenntnisse publik, verdirb meinen genetischen Wert, es ist mir egal. Aber du wirst keinen Fuß auf die neue Erde setzen. Hast du mich verstanden?“ Pubert sprach immer noch sehr leise, doch seine letzten Worte klangen klar und deutlich durch das geräumige Quartier. Jeremias griff mit dunkelrotem Gesicht nach dem leeren Glas und schleuderte es mit Wucht gegen die Wand. „Wie kannst du es wagen?“ brüllte er. Ein massiger Androiden-Leibwächter löste sich aus seiner Wandverankerung und maß den Kapitän mit drohendem Blick. Der hob nur abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück. „Schon gut, schon gut.“ maulte er. „Vielleicht solltest du jetzt gehen, Jeremias.“ stellte Pubert Wellington fest, der immer noch an seiner Wasserpfeife nuckelte. „Ich bin der verfluchte Kapitän dieses Schiffes!“ schrie Tonk, der sich trotz seines rasenden Zornes um eine passive Körperhaltung bemühte. Der Leibwächter ließ ihn nicht aus den Augen. „Und das wirst du auch bleiben. Bis dein Zyklus in vierzig Jahren endet. Und dann setzt du dich zur Ruhe und wartest darauf, dass der Tod dich gnädig aufnimmt. So wie all die Kapitäne vor dir es getan haben. So wie ich es tue.“ „Aber.“ „Kein aber. Geh jetzt, Jeremias.“ Der Kapitän verließ das Quartier, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Draußen stieß er mit seinem Androiden-Leibwächter zusammen. „Du verfluchte Maschine.“ zischte er, dann stürmte er den Korridor hinunter und betrat wutschnaubend den Fahrstuhl.
Kapitän Jeremias Tonk wird nie verstehen, warum der ehemalige Kapitän, Pubert Wellington, gegen seinen Vorschlag stimmt, sich durch das neu entwickelte Verfahren der Konservierung aufbewahren zu lassen. Ist es Neid? Ist es Starrsinn? Oder ahnt das Oberste Ratsmitglied einfach nur, dass der hitzköpfige Kapitän nicht zum Anführer der ersten, interstellaren Siedlerbewegung in der Menschheitsgeschichte geeignet ist. Pubert wird diese Frage nicht mehr beantworten können, denn eine Nadelspinne tötet ihn noch in derselben Nacht mit ihrem vergifteten Stachel.
Kapitän Tonk lehnte sich am nächsten Morgen entspannt in seinem bequemen Lehnstuhl zurück, während er dem Ereignisbericht des Mordes lauschte. Er setzte ein erschrockenes Gesicht auf, das nicht zu seiner lässigen Körperhaltung passen wollte und veranlasste eine eingehende Untersuchung des hinterhältigen Giftanschlages. Bedauerlicherweise verlief die Untersuchung ohne Ergebnis, obwohl der Kapitän immer wieder persönlich die Bemühungen seiner Offiziere unterstütze. Jeremias wartete sechs Monate, bis er seinen Vorschlag der Konservierung erneut vor den Rat der Salvation brachte. Ohne die gewichtige Gegenstimme seines Kontrahenten, wurde sein Vorschlag mit knapper Mehrheit angenommen. Der Beschluss löste jedoch eine Kettenreaktion aus, die Kapitän Tonk nicht vorhergesehen hatte. Ratsmitglieder und Bürger beantragten nun ebenfalls, für die Landung im Zielsystem konserviert zu werden. Die darauffolgenden, monatelangen Machtkämpfe kosteten vielen Ratsmitgliedern und Bürgern des Generationen-Raumschiffes das Leben, stürzten das sensible Gefüge der Salvation ins Chaos. Jeremias Tonk überstand die blutigen Auseinandersetzungen. Er setzte sich mit Hilfe massiver Gewalteinwirkung gegen seine Kontrahenten durch und regierte die Salvation mit eiserner Faust, beherrschte als Kapitän und Oberstes Ratsmitglied mehr als zwanzig Jahre lang das riesige Schiff.

„Ellen?“
„Was?“
„Ich will das nicht tun.“
„Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen, Jordan.“
„Bitte, ich bringe das nicht fertig!“
„Halt dein Maul und komm!“
Zwei dunkel gekleidete Personen schoben sich eng an der Wand des Korridors entlang, versuchten dadurch, den Kameras auszuweichen. „Was, wenn sie uns erwischen?“ fragte Jordan wieder. „Verdammt, was habe ich gerade gesagt?“ zischte Ellen gereizt zurück. „Tut mir leid.“ murmelte Jordan. Er folgte ergeben seiner älteren Schwester, folgte ihr, wie er es immer getan hatte. Sie verharrten schließlich vor der metallisch glänzenden Tür des Kindergartens. Fröhliche Musik drang aus dem verschlossenen Raum. „Zieh dich aus.“ flüsterte Ellen und schlüpfte dabei selbst aus ihrem dunklen Umhang und der weiten Hose. Darunter kam eine bunte Verkleidung zum Vorschein. Ellen holte eine Clownsmaske aus ihrem Rucksack, streifte sie geschickt über, verstaute den Umhang und die Hose. Jordan folgte ihrer knappen Anweisung, auch er legte den Umhang ab und verwandelte sich in einen lustigen Clown. Ellen hielt einen Code-Scrambler an die Sicherheitstafel der Eingangstür. Mit einem leisen Brummen glitt sie auf, ließ die beiden Jugendlichen ein. Der Kindergarten wurde seit der Androiden-Säuberung von tumben Service-Robotern betreut. Ihre Aufgabe war es, die Kinder zu unterhalten, zu versorgen und zu beschützen. Die bunten Clowns stellten keine konkrete Gefahr für die Kinder dar, somit wurden sie ignoriert, sobald sie erfolgreich das Sicherheitssystem der Tür überlistet hatten. Ellen stimmte in das fröhliche Lied ein, das aus den Lautsprechern in der Wand klang. Jordan holte Luftballons aus seinem Rucksack, blies sie auf und begann geschickt, drollige Tiere zu formen. Die Kinder glotzten fasziniert. Nachdem die Geschwister fünfzehn Minuten lang für Spaß gesorgt hatten, nickte Ellen ihrem Bruder zu. Sie hatte eine Wahl getroffen. Jordan nickte zurück, die Clownsmaske verbarg sein unglückliches Gesicht. Gemeinsam lockten sie ein kleines Mädchen aus dem geschützten Umfeld des Kindergartens. Ellen lotste das Kind an einem plumpen Roboter vorbei, Jordan lenkte die andern Maschinen ab, indem er ein kleines Kind grob zu Boden stieß, als niemand auf ihn achtete. Während sich die Roboter emsig um den weinenden Jungen scharten, schlichen Jordan und Ellen aus dem Kindergarten. Vor der Tür betäubte Ellen das kleine Mädchen mit einer verborgenen Nadel an ihrem Handgelenk. Das Kind sackte sofort zusammen. Nachdem sie sich eilig wieder umgezogen hatten, schulterte Jordan den bewusstlosen Körper. „Ellen!“ „Ruhe jetzt.“ zischte die nur und zog ihren Bruder hastig an der Wand entlang. „Kommt schon!“ Gemeinsam schlichen sie durch den Korridor, Ellen führte, Jordan folgte. Er verdrängte die Gedanken an das, was noch vor ihm lag. Dachte an seine hohläugigen Brüder und Schwestern, die in Ghetto Drei, tief im Bauch der Salvation, verhungerten. Dachte an seine Eltern, die Kapitän Tonk aus der Luftschleuse hatte werfen lassen, weil sie für größere Nahrungsrationen protestiert hatten. Jordan schluckte und setzte weiter einen Schritt vor den anderen. Ellen überlistete eine weitere Tür und schlüpfte in den Verbindungsschacht, der die oberen Decks des Generationen-Raumschiffes mit den Maschinendecks verband. Hinter der Tür hielt sie unvermittelt an und starrte ihrem Bruder wütend in die schreckgeweiteten Augen. Eine kräftige Ohrfeige schallte durch den Verbindungsschacht. „Nie wieder, hast du mich verstanden, nie wieder kneifst du den Schwanz ein, wenn wir mitten in einer Mission sind. NIE WIEDER, Jordan!“ „Es tut mir leid, Ellen.“ Jordan legte das ohnmächtige Mädchen auf den Boden zwischen sich und seine Schwester. „Wir könnten draufgehen, hast du das immer noch nicht kapiert?“ „Es tut mir leid, Ellen.“ „Du verdammter Idiot.“ fauchte sie, schüttelte ungläubig den Kopf. „Wir haben noch einen Kilometer vor uns. Also komm jetzt.“ Wütend führte sie ihren Bruder durch die verworrenen Gänge, in die sich der Verbindungsschacht verzweigte.
Jordan weiß, dass er das kleine Mädchen nicht töten darf, um seinen Hunger zu stillen. Er weiß aber auch, dass seine Geschwister sterben werden, wenn sie nichts zu Essen bekommen. Der Krieg, der seit der Androiden-Säuberung zwischen dem alten und dem neu gewählten Rat der Salvation entbrannt ist, findet zu keinem Ende. Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Jordan wird das Mädchen töten müssen. Und weiterleben.
„Ellen?“ fragte er leise, starrte dabei traurig auf den schmalen Rücken seiner Schwester. „Ja, Jordan?“ „Es tut mir wirklich leid.“ Jordan schubste den leblosen Körper des kleinen Mädchens bequemer auf seiner Schulter zurecht, während er hinter Ellen hertrottete. Sie drehte sich nicht nach ihm um, führte nur weiter durch das Labyrinth der Gänge. Ellen war zu angespannt, um sich auf Jordans Entschuldigung einzulassen. Erst, als sie den verborgenen Eingang zu Ghetto Drei erreichten, ließ sie den angehaltenen Atem in einem tiefen Seufzer entweichen. Der Scrambler half ihr erneut, öffnete die geheime Tür zum Ghetto. Ellen lächelte kalt, als sie sicher auf der dunklen, schmutzigen Gasse stand. Sie lehnte sich kurz an eine ausgebrannte Mülltonne, dann streckte sie den Rücken durch und reckte das Kinn vor. „Gib sie mir.“ forderte sie ihren Bruder auf. Jordan legte das kleine Mädchen in ihre ausgestreckten Arme. Ellen wog den bewusstlosen Körper und stelle zufrieden fest, wie schwer das Kind war. „Gut.“ kommentierte sie knapp und reichte den Körper zurück an ihren Bruder. „Komm jetzt.“ befahl Ellen und führte eilig den Weg zum alten Schlachthaus an. Sie wusste, dass ihre Geschwister warteten. Ihr Magen knurrte hungrig.

„Maam?“
„Haben wir Nachricht von den Pfadfindern, Miss Jarvis?“
„Positiv. Wir rechnen in zwölf Stunden mit Sichtkontakt zum Planeten, Maam.“
„Ausgezeichnet, Miss Jarvis. Sie können wegtreten.“
„Danke, Maam.“
Die Kapitänin der Salvation wollte sich erneut ihrem Tablet zuwenden, wurde jedoch von einem dezenten Räuspern unterbrochen. „Ja, Mister Molock?“ fragte sie, ohne den Blick zu heben. „Wir haben noch nicht über den Kokon gesprochen, Maam.“ Norma Finch sah von ihrem Tablet auf und maß den jungen Offizier mit strengem Blick. „Es ist nicht nötig, darüber zu sprechen, Mister Molock. Ich stimme dem Freien Bürgerrat zu, dass die Schreckensherrschaft von Jeremias Tonk vor siebzig Jahren endete. Seine fatalen Entscheidungen, allen voran jene, unsere Androiden auszurotten, haben großes Leid über die Salvation gebracht und ihn als Kapitän und Erbträger disqualifiziert. Seine Linie ist tot und das bleibt auch er. Testament hin oder her.“ „Ja, Maam. Verzeihung, Maam.“ Finch beobachtete gelassen, wie sich das Gesicht des jungen Mannes rot verfärbte. „Sie sind zu jung, um sich an die Jahrzehnte des Mangels erinnern zu können, Mister Molock. Die Misswirtschaft dieses Mannes beeinflusste unser geliebtes Mutterschiff Jahrzehnte über seine Konservierung hinaus. Rollen Sie nicht mit den Augen, junger Mann, ich weiß, dass sie darüber im Geschichtsunterricht alles gelernt haben.“ Der Offizier riss erschrocken die Augen auf. „Maam, ich würde niemals…!“ „Schon gut, Mister Molock. Sie können wegtreten.“ Kapitänin Finch wandte sich verstimmt dem Tablet zu, während der verlegene Offizier mit gesenktem Kopf den holzgetäfelten Besprechungsraum verließ. „Dieser verdammte Kokon.“ murmelte sie schließlich, da der Gedanke sie nicht mehr loslassen wollte. Sie drückte den Verbindungsknopf an der Armlehne ihres komfortablen Lehnstuhls. „Miss Jones?“ wandte sie sich an den Computer. „Ja, Maam?“ „Vereinbaren Sie einen Termin mit Peter Wellington, ich möchte ihn sprechen, bevor wir ins Planetensystem eintreten.“ „Gerne, Maam.“ Kurze Zeit später bestätigte Miss Jones einen zeitnahen Termin mit dem Mitglied des Bürgerrates. Norma Finch grunzte zufrieden. Endlich konnte sie sich wieder dringlicheren Problemen zuwenden. Die finalen Aufgaben, die für eine erfolgreiche Anlandung auf der zweiten Erde nötig waren, beanspruchten ihre Aufmerksamkeit rund um die Uhr. Kapitän Tonks Genozid an den Androiden, der Krieg und die anschließenden Jahrzehnte des Mangels hatten tiefe Spuren beim Schiff, bei der Mannschaft und der Ausrüstung hinterlassen. Wertvolle Rohstoffe und Ressourcen fehlten und Kapitänin Finch hatte in den letzten zwanzig Jahren hart gearbeitet, um eine erfolgreiche Besiedlung von „New Eden“ möglich zu machen. Nun galt es, nur noch wenige Wochen abzuwarten. Wochen, in denen man das blaue Antlitz von „New Eden“ bereits in der unermesslichen Tiefe des Weltalls leuchten sehen konnte. Finch sah auf ihre Zeitanzeige. Noch elf Stunden bis zum Sichtkontakt. Die Kapitänin vertiefte sich erneut in ihre Aufgaben. Wenige Stunden später saß sie, mit unterschlagenen Beinen auf einem Sitzkissen, im spärlich eingerichteten Quartier von Peter Wellington. Der Vertreter des Freien Bürgerrats und Enkel von Pubert Wellington, bestand auf einer spartanischen Einrichtung seiner Wohneinheit, die zu seiner asketischen Grundeinstellung passte. „Was kann ich für dich tun, Norma?“ fragte er, goss dabei behutsam heißen Tee in zwei vorbereitete Schalen. „Es geht um den Kokon.“ „Schon wieder, meine Liebe?“ Norma Finch schnaubte. „Ja, schon wieder. Immer wieder tauchen sie auf, diese naiven Kinder. Stehen vor mir und fragen: ‚Was ist mit dem Kokon, Maam?‘, ‚Was ist mit dem Testament, Maam?‘. Wir können die Sache nicht einfach im Sand verlaufen lassen, Peter. Der Kokon muss vernichtet werden, bevor wir „New-Eden“ erreichen.“ „Das wäre Mord, Norma.“ hielt Peter Wellington dagegen. Er setzte sich neben der Kapitänin auf ein Sitzkissen. Reichte ihr eine Schale mit dampfendem Tee. „Na und?“ fragte Finch gereizt. „Früher hat man ständig Leute aus der Luftschleuse geworfen. Jede Woche gab es Hinrichtungen und niemanden hat es interessiert. Heute kann ich keinen Massenmörder aus seinem unnatürlichen Schlaf erlösen, ohne dass die Salvation einen Aufstand macht. Ich verliere langsam die Geduld, Peter.“ „Du musst einen großen Druck ertragen, meine Liebe.“ Wellington griff nach ihrer freien Hand, drückte sie väterlich. „Es ist eine schwere Aufgabe, unser gewaltiges Schiff sicher in den Hafen der neuen Heimat zu bringen. Aber es wäre nicht richtig, diesen bedeutungsvollen Schritt in der Geschichte der Menschheit mit einem weiteren Mord zu beflecken. Diese unsagbar dunklen Zeiten liegen hinter uns, Norma.“ Die Kapitänin nickte resigniert. „Du hast ja Recht, Peter.“ stimmte sie ihm zu und trank den heißen Tee.
Peter Wellington wird niemals zugeben, dass er in seinem tiefsten Innersten wünscht, Normas Forderung nachgeben zu können. Der Zorn, den er empfindet, wenn er an Jeremias Tonk denkt, ist grenzenlos. Doch ebenso grenzenlos ist seine Furcht vor den verschlingenden Strudeln der Gewalt, in denen das Schiff wieder versinken könnte, wenn er den Mord an einem ehemaligen Kapitän der Salvation gestattet.
„Wir werden eine Ratskonferenz abhalten und die Entscheidung, Kapitän Tonk in seinem Kokon zu belassen, offiziell mitteilen. Wir werden die Bürger auffordern, sich bei Fragen an uns zu wenden, da es sich um eine moralisch-ethische Angelegenheit handelt, die der Zuständigkeit des Freien Bürgerrates obliegt. Damit solltest du entlastet sein.“ „Danke, Peter.“ Norma erwiderte den warmen Druck seiner Hand dankbar. Das Angebot, die Angelegenheit an den Freien Rat abzutreten, erleichterte ihr Gewissen, auch wenn sie es niemals zugegeben hätte. „Keine Ursache, Maam.“ Peter Wellington lächelte sanft und Norma Finch erwiderte das Lächeln. Beruhigt verließ sie sein kahles Quartier, grüßte auf dem Weg zur Hauptbrücke junge und alte Crewmitglieder, die ihr respektvoll zunickten. Trotz all der drängenden Aufgaben vergingen die Stunden bis zum ersten Sichtkontakt zäh. Immer wieder erwischte sich die Kapitänin dabei, wie sie ihren Zeitanzeiger kontrollierte. Immer wieder hatte sie das Gefühl, dass die Minuten rückwärts liefen. Und trotzdem überraschte sie schließlich die Meldung der Kommunikationsoffizierin, dass die Pfadfinder die ersten, konkreten Aufnahmen des Planeten zur Astronomischen Station sendeten. „Abspielen.“ befahl Finch, die sich in ihrer Aufregung aus dem Stuhl erhoben hatte. Ein lautes Jubeln lief durch die Hauptbrücke, als die Crew zum ersten Mal scharfe Aufnahmen von „New Eden“ sah. Die zarte Atmosphäre des blauen Planeten leuchtete sanft in der Dunkelheit des Weltalls. Zwei kleine Monde umkreisten den fernen Erdball, an dem die Hoffnungen und Träume der Besatzung des Generationen-Raumschiffes hingen. „Sie ist wundervoll!“ rief eine Offizierin, ein junger Kadett brach in Tränen aus. „Sie ist in der Tat wundervoll.“ sagte Kapitänin Finch mit zitternder Stimme. Dann wandte sie sich an die Crew. „Dies sind vielversprechende Bilder. Doch unsere Aufgabe ist noch nicht getan und Sie alle wissen das. Wir haben neun Wochen Zeit, um die Salvation fit für die Umlaufbahn um „New Eden“ zu machen. Wir sehen jetzt, dass wir einen zweiten Mond in unsere Berechnungen einfließen lassen müssen und wir können nun die genaue Zusammensetzung der Atmosphäre erfassen, um uns gegebenenfalls anzupassen. Also, meine Damen und Herren, machen Sie sich an die Arbeit.“ Finch entließ die Mannschaft. Sie gestattete sich einen weiteren Blick auf „New Eden“, dann wandte auch sie sich ihren unzähligen Aufgaben zu. Die Wochen verstrichen rastlos, die Arbeiten am Schiff schritten voran. Die Crew, durch geschulte Bürger der Salvation verstärkt, arbeitete in Doppelschichten, um das Raumschiff auf den Eintritt in die Umlaufbahn vorzubereiten. Kapitänin Finch war überall dabei, half im Maschinenraum, reparierte defekte Leitungen, erkundete die medizinischen Vorratslager, besprach sich mit den Offizieren, aß kaum, schlief selten. Manchmal nickte sie kurz in ihrem Stuhl ein, das Tablet in der schlaffen Hand, den Kopf auf der knochigen Schulter. Irgendwann schreckte sie dann schuldbewusst hoch und bestellte eine heiße Tasse Kaffee, um weiter wach bleiben zu können. Zwei Tage, bevor die Salvation in eine Umlaufbahn um „New Eden“ einschwenkte, verordnete Kapitänin Norma Finch sich und der Besatzung eine Auszeit. Fünf Stunden ruhten die Arbeiten an dem Schiff, ruhte die Mannschaft, ruhte die Bevölkerung. Wer zu aufgeregt war, um schlafen zu können, erhielt ein chemisches Mittel. Anordnung der Kapitänin. Nur eine kleine Rumpfbesatzung überwachte die lebenswichtigen Funktionen des riesigen Raumschiffes, der Rest schlief fünf zusammenhängende Stunden. Regeneration war für den Erfolg der Mission lebenswichtig. Als Finch aus ihrem chemischen Schlaf erwachte, waren ihre ersten Gedanken sofort bei der neuen Erde. Sie wälzte sich aus ihrem Bett und ging barfuß zur Sprechanlage. „Miss Jones?“ „Ja, Maam?“ antwortete die sanfte Computerstimme. „Sichtkontakt zu „New Eden“ herstellen.“ „Gerne, Maam.“ Der blaue Planet erschien augenblicklich auf dem quadratischen Bildschirm, der in die Wand ihres Quartiers eingelassen war. Finch starrte auf die fremden Kontinente, betrachtete die ausgedehnten Wolkenformationen, verlor sich für kurze Zeit in diesem atemberaubenden Anblick. „Sichtkontakt beenden.“ befahl sie schließlich, um sich vom Bildschirm lösen zu können. Sie ging in die kleine Nasszelle, duschte ausgiebig und zog eine frische Uniform an. Nach gründlicher Sauberkeit duftend, verließ sie das Quartier, reihte sich ein in den Strom der Menschen, die nach diesen Momenten der Ruhe zurück zu ihren Stationen drängten. Nur wenige Stunden trennten sie von jenem verheißungsvollen Ziel, zu dem ihre Vorfahren vor vierhundertsiebenundvierzig Jahren aufgebrochen waren.

„Maren, Maren wo bist du?“
„Ich bin…hier.“
„Wo ist hier, verdammt?“
„Hier…unten…“
„Wo, Maren, wo?“

„Maren?“

„Maren!“
Avon Tompson lauschte angestrengt durch die Kopfhörer seines Helms, wartete auf die vertraute Stimme seiner Teamkollegin. Hörte nur entferntes Knacken und Rauschen. Verzweifelt schlug er gegen den Helm. „Verdammt, Maren!“ schrie er. Über eine Bedientafel am Handgelenk verband er sich mit seinen restlichen Teamkollegen. „Maren ist verschwunden!“ schrie er ins Headset, merkte gar nicht, dass er schrie. „Was ist los, Mann?“ antwortete Pula, ihre Stimme klang träge wie immer. „Maren ist verschwunden!“ schrie Avon erneut. „Nun mal ruhig, Kamerad.“ Das war die Stimme von Herford. Sein zuversichtlicher Tonfall brachte Avon etwas zur Besinnung. „Wir waren hinter dem zweiten Basislager. Maren wollte die Gesteinsformation am Südhang analysieren. Ich wollte die Fahlpilze am Hang untersuchen. Dann habe ich einen Schrei gehört und ich kann Maren nirgendwo orten. Ich habe seit fünf Minuten keinen Kontakt mehr zu ihr und es wird dunkel. Helft mir, Leute.“ flehte er verzweifelt. „Alles klar, Tompson, wir sind unterwegs.“ brummte Herford. „Check.“ bestätigte Pula. Als sie ihren Teamkollegen wenige Minuten später erreichten, schrie Avon wieder ins Headset. „Maren! Maren bitte melden!“ „Ist gut, Kamerad.“ Herford legte beruhigend einen Arm um Avons Schulter. „Ich kann sie nicht orten. Das verdammte Tablet zeigt nichts an!“ schluchzte dieser, seine Stimme überschlug sich panisch. „Übernehme.“ kommentiere Pula. Sie zog ein schmales Tablet aus ihrem Schutzanzug und vertiefte sich in die Anzeigen. „Lebenszeichen, circa achtzig Meter voraus. Schwach.“ stieß sie schließlich zwischen zusammengepressten Lippen hervor, setzte sich unverzüglich in Bewegung. Herford und Tompson folgten ihr dichtauf. Pula führte sie zu einem steinigen Abhang, der von riesigen Pilzen übersät war, die fahl in der Dämmerung schimmerten. Sie verharrte schließlich am Rand einer tiefen Schlucht. „Verdammt.“ sagte sie. „Oh, nein!“ schrie Avon. Herford sagte nichts. Er sah kurz auf seine Anzeigen, dann stellte er eine Verbindung zum Mutterschiff her. „Außenteam Eins an Salvation, Falcon Herford hier, hört ihr mich?“ „Laut und deutlich, Mister Herford. Wie ist Ihre Lage?“ antwortete es nach kurzer Zeit aus den Kopfhörern. „Melde Notfall, Sir. Crewmitglied Maren Liang ist in eine Schlucht gestürzt und sehr wahrscheinlich verletzt. Erbitte umgehend Unterstützung.“ „Verstanden, Außenteam. Wir schicken mobile Verstärkung. Versuchen Sie, ihren genauen Standort festzustellen, damit wir sie zügig bergen können.“ „Verstanden, Sir.“ „Und noch etwas, Herford.“ „Ja, Sir?“ „Immer schön die Nerven behalten.“ „Natürlich, Sir.“ Herford beendete die Verbindung zur Kommandozentrale der Salvation. „Sie sind unterwegs.“ informierte er die anderen knapp. „Wir können doch nicht einfach hier herumstehen und warten!“ Avon schrie wieder. „Bleib ruhig, Tompson. Wir kriegen das hin. Die Kommandozentrale bittet uns, Marens Standort möglichst genau zu bestimmen und genau das werden wir jetzt tun. Also strengt euch an, Leute. Ihr Leben könnte davon abhängen.“ Das Außenteam folgte seinen Anweisungen. Als die mobile Verstärkung in Form eines grauen Shuttles eintraf, übergab Pula die gesammelten Daten an den mürrischen Piloten. „Kann ich mitkommen?“ fragte Avon, der sich mittlerweile etwas beruhigt hatte. „Negativ.“ antwortete der Pilot, tippte an seinen Helm und ging zurück ins Shuttle. Dann hob er ab und steuerte direkt in die Schlucht. Das Außenteam sah ihm hoffnungsvoll hinterher. Die Minuten verstrichen. „Habe Kontakt.“ meldete der Pilot schließlich über eine offene Verbindung. Das Team atmete erleichter auf. „Landung nicht möglich, automatische Bergung eingeleitet.“ kommentierte er routiniert. Angespannte Stille antwortete seiner Ausführung. Eine Minute verging ohne weitere Meldung. „Bergung geglückt.“ verkündete der Pilot. Tompson brach in jubelnde Rufe aus, Herford und Pula sahen sich skeptisch an. Sie hatten den dunklen Unterton in der Stimme des Piloten gehört. „Person tot geborgen, ich wiederhole, Person tot geborgen.“ Tompsons Freudenschreie verstummten abrupt. Herford trat zu ihm, legte erneut eine Hand auf seine Schulter. „Es tut mir leid, mein Freund.“ „Maren!“ schluchzte Avon, dann brach er weinend zusammen. Pula trat einen Schritt zurück, die Intensität von Avons Ausbrüchen war ihr zuwider. Um sich abzulenken, stellte sie eine Verbindung zum Mutterschiff her. „Salvation, hier Außenteam Eins, Pula Volk hier. Crewmitglied Maren Liang wurde tot geborgen.“ „Verstanden, Außenteam Eins.“ Pula nickte und beendete die Verbindung. Sie beobachtete, wie das kleine Shuttle aus der Schlucht aufstieg und auf einem flachen Plateau in unmittelbarer Nähe landete. Herford hinderte Tompson daran, kopflos das Shuttle zu stürmen. „Ruhig, Kamerad.“ brummte er und hielt den schmächtigen Offizier mit Mühe zurück. Als sich die Tür des Shuttles öffnete, schrie Avon Tompson verzweifelt auf und riss sich los. Er stürmte in den Bauch des Transportschiffes, stieß dabei den erschrockenen Piloten grob zur Seite. „Maren!“ schrie er laut und Pula rollte genervt mit den Augen. „Großer Gott!“ schrie es aus dem Shuttle. „Was ist passiert?“ fragte Falcon Herford den Piloten, der kopfschüttelnd nach draußen getreten war. „Helmbruch.“ sagte der nur knapp. „Verdammt.“ „Sie war den Sporen voll ausgesetzt.“ „Arme Maren.“ flüsterte Pula, die blass geworden war. Ihr genervter Gesichtsausdruck war echter Bestürzung gewichen. „Maren!“ schrie es wieder aus dem Shuttle. „Geh lieber zu ihm, bevor er wieder etwas Blödsinniges macht.“ sagte Pula, an Herford gewandt. Der nickte nur und betrat gebeugt das Shuttle. Im Inneren des winzigen Schiffes kniete Avon Tompson vor der aufgeblähten Leiche seiner Teamkollegin und Freundin. Marens schlanke Gestalt war bis zur Unkenntlichkeit aufgequollen, das Gesicht unter dem zerbrochenen Schutzhelm leuchtete im gedämpften Licht des Shuttles in blassen Farben. „Das hat sie nicht verdient, Falcon.“ schluchzte Tompson. „Nein, das hat sie nicht.“ bestätigte Herford sanft. „Diese verfluchten Sporen!“ Tompson schrie wieder. Herford trat leise an seinen Freund heran. „Wir können sie doch nicht hier lassen, Flacon.“ weinte Avon Tompson. Sein Helmvisier war von Rotz und Tränen ganz beschlagen. So sah er nicht, dass Herford einen Injektions -Stift aus dem Ärmel seines Anzugs gezogen hatte. Er spürte nur den Stich der Nadel, dann schwanden seine Sinne. „Ich habe Tompson ein Beruhigungsmittel verpasst.“ informierte Herford die Anderen. „War das wirklich nötig?“ maulte Pula. „Er hätte sie nicht zurückgelassen.“ antwortete Herford. „Verdammter Sentimentalist.“ knurrte Pula. Gemeinsam schafften sie die unförmige Leiche ihrer toten Kameradin aus dem Shuttle. Pula vermied es, Maren anzusehen, auf deren Gesicht immer mehr fluoreszierende Pilze sprossen. In der hereinbrechenden Nacht leuchteten die Pilze in pulsierenden, grünen und blauen Farbtönen. Auch der Wald aus riesenhaften Pilzen, der sich bis zur Schlucht erstreckte, pulste in unterschiedlichen Farbschattierungen, die der Dunkelheit eine gespenstische Tiefe verliehen. Sie legten Maren ans Ende des Plateaus, überließen sie der zersetzenden Wirkung des Planeten.
Falcon Herford kämpft mit der Entscheidung, seine tote Kollegin auf der neuen Erde zurück zu lassen. Er weiß, dass er sie nicht mit zur Salvation nehmen kann, das Ansteckungsrisiko ist viel zu hoch. Er weiß auch, dass er morgen seinem Teamkollegen und besten Freund, Avon Tompson, Rede und Antwort stehen muss, warum er Maren auf „New Eden“ zurückgelassen hat. Allein und ohne anständiges Begräbnis.
„Einsteigen.“ befahl der Pilot. Pula und Herford kletterten zu ihrem bewusstlosen Teamkollegen in den Laderaum des Shuttles. „Desinfektion wird eingeleitet, schließt die Augen.“ sagte der Pilot. Reinigende Laserstrahlen verdampften die sensiblen Sporen der Pilze, die sämtliche Kontinente der neuen Erde bedeckten. „Wir starten.“ verkündete der Pilot. Summend erwachte das Shuttle zum Leben, erhob sich vom felsigen Plateau, ließ den pulsierenden Wald, die Schlucht und Maren Liangs sanft glühende Leiche unter sich zurück.

„Wir haben wieder einen verloren, Maam.“
„Wie viele sind es damit, Mister Logan?“
„Vier in diesem Monat, Achtundzwanzig insgesamt, Maam.“
„Verdammt, so kann das nicht weitergehen.“
Norma Finch beendete die Sprechverbindung und schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. Eine Teeschale kippte klappernd um, heißer Tee ergoss sich über das glatt polierte Holz der Tischplatte. „Entschuldige.“ sagte sie beschämt. Peter Wellington lächelte nachsichtig. Er saß Norma auf einem Sitzkissen gegenüber und schenkte nur wortlos neuen Tee in ihre Schale. „Wir verlieren zu viele Leute, Peter. Und unsere Wissenschaftler haben immer noch keine Fortschritte erzielt.“ Norma fuhr sich müde mit einer Hand durch das kurzgeschnittene Haar. „Der Pilz?“ fragte Wellington. „Ja, der scheißverfluchte Pilz!“ Die Kapitänin fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum. „Entschuldige.“ Sie sackte in sich zusammen. „Ich verliere den Halt, Peter. Und ich fühle mich hilflos. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich absolut hilflos. Wenn wir „New Eden“ nicht besiedeln können, was machen wir dann? Sollen wir hier bleiben und darauf hoffen, dass unsere Forschungsteams ein Mittel gegen die Sporen finden? Bisher sind sie völlig ratlos. Oder sollen wir umkehren, vierhundertsiebenundvierzig Jahre zurückfliegen zu einer alten Heimat, die uns längst vergessen hat? Wir sind hier draußen auf uns allein gestellt und alles, worauf wir uns vorbereitet haben, hilft uns nicht weiter gegen einen Pilz, der so hartnäckig ist, dass er unseren besten Chemikern ins Gesicht lacht. Diese verdammten Sporen sind überall. Im letzten Monat hatten wir zwei Kontaminationsmeldungen auf dem Schiff! Wenn das so weitergeht, sind wir in wenigen Monaten alle infiziert. Hilf mir, Peter.“ Norma Finch sah ihrem Mentor flehentlich in die Augen. „Ich habe bereits mit dem Bürgerrat gesprochen. Wir stimmen mit dir überein, dass die aktuelle Situation nicht tragbar für das Schiff und die Besatzung ist.“ Wellington sprach leise und gedehnt, als müsste er sich jeden Satz abringen. „Der freie Rat unterbreitet dir den Vorschlag, nach Hause zu fliegen, Norma.“ „Du meinst zur alten Erde.“ „Ja, Norma. Das war einmal unser Zuhause.“ „Mein Zuhause ist der Weltraum, genauso wie deines. Wir haben nie einen Planeten betreten, wir haben nie echte Luft geatmet, Peter.“ „Du hast recht, Norma.“ „Damit war alles umsonst.“ Die Kapitänin ließ den Kopf hängen. „All die Jahrhunderte. All die Generationen von Menschen. Für nichts.“ „Es tut mir leid, Norma.“ Wellington trank einen Schluck Tee, ließ Finch dabei nicht aus den Augen. Die zuckte nur verbittert mit den Schultern, griff ebenfalls nach ihrer Schale und trank. „Der Bürgerrat hat in diesem Zusammenhang ein Anliegen, Norma.“ „Peter, wenn du so anfängst kann es nur schlimm sein, also sag es mir lieber direkt.“ Finch sah Wellington scharf in die Augen. „Der Rat wünscht, dass du dich konservieren lässt, um unsere Rückkehr zur alten Erde zu koordinieren, wenn die Zeit gekommen ist.“ ratterte Peter Wellington seinen Text herunter. „Seid ihr verrückt geworden?“ schrie Norma entsetzt auf. Die Teeschale glitt aus ihrer Hand und zerbrach klirrend auf dem Boden. „Verrückt vielleicht nicht, Norma, aber verzweifelt. Wir wissen nicht, wie die Lage auf der Erde sein wird. Wir werden fast neunhundert Jahre fort gewesen sein. Niemand kann ermessen, was auf der Erde nach einer so langen Zeit passiert ist. Wir brauchen eine erfahrene Anführerin, um die Probleme zu meistern, die auf uns zukommen könnten.“ „Genauso erfahren, wie ich die Probleme hier auf „New Eden“ zu meistern verstehe?“ fragte Norma Finch wütend. „Mit dieser Situation konnte niemand rechnen, Norma. Es kann niemand etwas dafür, dass uns dieser Planet tötet.“ „Ich lasse mich nicht konservieren, Peter. Nur Despoten machen so etwas.“ „Ich fürchte, Helden machen es auch, Norma. Ich bitte dich, denk darüber nach.“ „Niemals.“ fauchte die Kapitänin mit hochrotem Gesicht, sprang von dem Sitzkissen auf und verließ das Quartier. Peter Wellington sah ihr deprimiert hinterher. Zornig stapfte Norma Finch durch den schummrig erleuchteten Korridor. Sie grüßte niemanden, achtete nicht auf den Weg. Ihre Beine entschieden, sie in den wuchernden Wald des Arboretums zu tragen. Dort liefen sie auf und ab, während der Körper über ihnen Selbstgespräche führte. „Konservieren. Ich. Mich!“ rief Norma, ihre Stiefel wirbelten kleine Kieselsteine über den Weg. „Verdammt nochmal.“ sie ließ sich auf eine Bank fallen, starrte blind ins wuchernde Grün. „Wie dieses verfluchte Monster.“ knurrte sie und dachte an Kapitän Jeremias Tonk. „Maam?“ Eine zitternde Stimme riss die Kapitänin aus ihrem Selbstgespräch. „Was ist, Kadett?“ fragte sie brüsk. „Die Isolierstation meldet einen erneuten Bruch der Quarantäne-Eindämmung, Maam. Krankenstation B muss dekontaminiert werden.“ Die Stimme des jungen Kadetten überschlug sich vor Nervosität. Sein Adamsapfel hüpfte auf und nieder. „Unsere Embryonen sind auf Krankenstation B.“ Finch wurde kreidebleich, sie fuhr von der Bank hoch. „Korrekt, Maam.“ „Kommen Sie mit, Kadett.“ Norma Finch stürmte aus dem Arboretum, dicht gefolgt von dem jungen Mann, der sich bemühte mit ihr Schritt zu halten. „Bericht!“ forderte die Kapitänin atemlos, als sie die Haupt-Krankenstation der Salvation erreicht hatte. Hinter ihr rang der Kadett verzweifelt nach Luft. „Die Sporen haben sich über einen defekten Ventilationsschacht verbreitet, Maam. Krankenstation B und C wurden infiziert. Wir mussten die Bereiche isolieren und dekontaminieren.“ meldete ein medizinischer Offizier. „Unsere Embryonen?“ „Unklar, Maam. Theoretisch könnten sie die Bestrahlung überstanden haben. Jedoch sind genetische Spätfolgen zu befürchten, die sich verheerend auf die Fertilität unserer Nachfahren auswirken könnten.“ „Dieser verdammte Pilz.“ fluchte Norma zum wiederholten Mal.
Norma Finch sieht in diesem Moment erschreckend klar, dass sie keine Chance hat, das Überleben ihrer Besatzung in der tödlichen Umgebung von „New Eden“ zu gewährleisten. Sie beschließt, zur alten Erde zurückzukehren, beschließt, sich erneut mit dem Bürgerrat zu treffen und über seinen Wunsch zu diskutieren. Sie ist immer noch nicht bereit, sich konservieren zu lassen. Aber sie denkt darüber nach.
„Wie viele Embryonen sind betroffen, Doktor…?“ „Wotan, Maam. Wir errechnen die Verlustrate auf zweiundsiebzig Prozent, vorausgesetzt wir vernichten alle Embryonen, die bei der Dekontamination verstrahlt wurden.“ Norma sog entsetzt die Luft ein. „Raten Sie und Ihre Kollegen zu diesem Vorgehen, Doktor Wotan?“ „Ich fürchte ja, Maam. Die Embryonen in der Reproduktionskette zu belassen, stellt ein unkalkulierbares Risiko für die Zukunft dar. Die Bevölkerung wird zwar stark schrumpfen, aber unsere Nachkommen werden gesund sein.“ antwortete der Offizier und blickte dabei starr an ihrem Ohr vorbei ins Nichts. „Es tut mir leid, Maam.“ „Danke, Doktor Wotan. Fahren Sie mit Ihrer Arbeit fort.“ Norma Finch nickte dem Kadett zu, der immer noch hinter ihr stand. „Laufen Sie zu Peter Wellington und bestellen Sie ihm, dass er eine Sitzung des Freien Bürgerrats einberufen soll, wir haben einiges zu besprechen. Laufen Sie dann zur Zentrale von Miss Jones und veranlassen Sie, dass die Pfadfinder mögliche Routen für einen Rückflug zur alten Erde berechnen. Sprechen Sie mit niemandem, den es nichts angeht, gehen Sie nirgendwo hin, wo ich Sie nicht hingeschickt habe. Sie erstatten mir persönlich Meldung, sobald die Pfadfinder erste Ergebnisse liefern, verstanden Kadett?“ „Verstanden, Maam.“ Der junge Mann entfernte sich im Laufschritt. Kapitänin Finch sah ihm mit hängenden Mundwinkeln hinterher. Missmutig steckte sie die Hände in die Hosentaschen ihrer Uniform. „Wir fliegen zurück, verdammt nochmal.“ murmelte sie unglücklich.

„Hast du den Scrambler dabei?“
„Was glaubst du?“
„Wenn ich an etwas glauben würde, müsste ich dich nicht fragen.“
„Natürlich habe ich den Scrambler dabei, Baby.“
„Danke. War das so schwer?“
Miar musterte ihren Freund entnervt. Der lachte nur, drängte sich an ihr vorbei durch den schmalen Gang und verschwand mit dem glimmenden Leuchtstab in der Dunkelheit. „Warte, Kash!“ rief Miar und folgte seiner schlanken Gestalt durch die feuchte Düsternis, tief in den Eingeweiden des königlichen Generationen-Raumschiffes Salvation. Kash verlangsamte sein Tempo, gab Miar die Möglichkeit, zu ihm aufzuschließen. „Du Affe.“ keuchte sie, als sie ihn endlich eingeholt hatte. „Affen leben auf Bäumen und du hast noch nie einen gesehen, Schätzchen.“ konterte Kash. „Doch, ich sehe einen. Jetzt gerade, wie er so vor mir steht.“ „Ich liebe dich, Baby.“ grinste Kash. Er führte Miar weiter durch den Gang, bog manchmal links oder rechts ab, versicherte sich immer wieder des Weges, indem er umständlich eine alte Karte studierte, die er zusammengefaltet in der Brusttasche seines Hemdes trug. „Sind wir bald da?“ nörgelte Miar. „Noch hundert Meter, Baby.“ raunte Kash. Er griff nach ihrer Hand, hob mit der anderen den Leuchtstab über seinen Kopf. „Komm.“ flüsterte er. Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt er vor einer rostigen Tür. Umständlich zog er den unförmigen Scrambler aus seiner Hosentasche. „Jetzt bete, dass es klappt.“ „Heiliger Affengott, erhöre unser Flehen…“ „Du Miststück!“ lachte Kash und hielt dabei den Scrambler an die verstaubte Sicherheitstafel der Tür. Der Scrambler arbeitete lautlos, gebannt sahen Miar und Kash dabei zu. Ein leiser Piepton erklang und die rostige Tür öffnete sich quietschend. Miar trat ein paar Schritte zurück, Kash stellte sich schützend vor sie. Doch in der Dunkelheit, die hinter der Tür wartete, lauerte nichts als Staub. Kash warf den Leuchtstab in den Raum, zündete einen weiteren an, dann trat er ein. Miar folgte ihm auf den Fersen. Drängte sich in seinen Rücken, spähte vorsichtig an seinem erhobenen Arm vorbei. Leere Tische und Regale, verstaubte Reagenzgläser und rostige Drehstühle erwiderten ihren Blick. Miar wagte sich hinter Kashs Rücken hervor. „Hier ist gar nichts.“ stellte sie beleidigt fest. „Sei dir da nicht so sicher, Baby.“ antwortete Kash. „In den Unterlagen steht, dass sie die Kokons hier unten eingelagert haben. Es muss einen zweiten Raum geben, immerhin ist das hier mehr ein Büro und kein Lagerraum für Konservierte, oder?“ „Du bist heute wieder ganz schlau, nicht wahr?“ ätzte Miar, die sich das Abenteuer spannender vorgestellt hatte. Ein endloser Gang und verstaubte Räume, das konnte man auf fast jedem beliebigen Deck der Salvation finden. Die geschrumpfte Bevölkerung hatte im Lauf der Jahrhunderte weite Teile des Schiffes aufgegeben. Staub und Einsamkeit waren keine Sensation für Miar. „Lass uns zurückgehen.“ „Warte, Baby.“ Kash deutete auf eine unscheinbare Tür an der rückwärtigen Wand des Raumes. „Ach, Kash.“ maulte Miar. „Komm schon, Baby.“ Kash zwinkerte ihr zu. „Okay, aber nur diese eine Tür.“ grummelte Miar. Sie blieb mit verschränkten Armen stehen, während Kash zu der Tür ging und sie vorsichtig öffnete. Nur widerstrebend folgte das Metall seinen Bemühungen, öffnete sich unter lautem Quietschen. Kash warf den zweiten Leuchtstab in die Finsternis. Das Glühen erhellte einen gefliesten Raum, in dem zwei massive, gläserne Behälter ruhten. „Pfoa.“ machte Kash. „Was ist?“ rief Miar, rannte zu ihm hinüber und spähte in die diffuse Düsternis. „Die Kokons!“ rief sie aus, als sie die riesigen Glasbehälter sah. Kash stellte sich in den Raum, zündete einen dritten Leuchtstab an und sah sich staunend um. Mit geweiteten Augen starrte er einen Behälter an, versuchte, etwas in der trüben Flüssigkeit erkennen. „Wer ist wer?“ fragte Miar. Kash leuchtete den Behälter ab. Wischte eine dicke Staubschicht von einer Tafel am Fuß des Glases. „Kapitän Jeremias Tonk.“ las er vor. „Der Usurpator.“ hauchte Miar. Kash ging zum anderen Behälter, wischte auch dort den dicken Staub von der Tafel. „Kapitänin Norma Finch.“ flüsterte er ehrfürchtig. „Die königliche Führerin.“ Miars Stimme war kaum zu hören. „Können wir sie…du weißt schon. Können wir sie aufwecken?“ fragte sie andächtig. „Nein, Baby, das ist unmöglich.“ sagte Kash. „Warum nicht?“ „Wir haben die Technologie dafür seit langer Zeit verloren.“ „Warum haben wir eigentlich alles verloren, was wir einmal hatten?“ Miar verzog den Mund. „Schmolle nicht, Liebling. Wir können die Kokons immer noch verkaufen. Die haben Sammlerwert.“ Kash nahm seine Freundin glücklich in die Arme. „Wir haben ausgesorgt, Baby.“
Miar ahnt, dass nichts so einfach ist, wie Kash es sich vorstellt. Aber sie weiß auch, dass die kurzen Momente des Glücks rar sind, auf der geschundenen Salvation. Hunger und Krankheit herrschen auf dem königlichen Generationen-Schiff, das sich nach endloser Odyssee dem Heimatplaneten nähert, den es vor achthundertvierundneunzig Jahren verlassen hat.
„Hast du gut gemacht, mein Großer.“ sagte Miar und küsste Kash lange auf den Mund. Versank in seiner Umarmung, versenkte sich in dem Augenblick. Als sich ihre Lippen wieder trennten, drückte Kash seine Hand gegen das dicke Glas, das den Kokon von Norma Finch umschloss. „Auf Wiedersehen, meine Teure.“ sagte er zärtlich. „Du Spinner.“ lachte Miar und boxte seine schmale Brust. Dann hoben sie die Leuchtstäbe vom Boden auf, verschlossen die Türen hinter sich und folgten dem verlassenen Korridor zum Ausgang des stillgelegten Decks.

„Hoheit?“
„Was ist, Corner?“
„Unsere Sicherheitsleute haben zwei Jugendliche aufgegriffen, die sich auf Deck Neun herumgetrieben haben. Sie behaupten, die Kokons der Kapitäne Tonk und Finch gefunden zu haben.“
„Haben sie dafür irgendwelche Beweise?“
„Nein, Hoheit. Der Bericht erwähnt nur eine zerknitterte Karte.“
„Dann sperrt sie ein paar Tage lang ein. Für unbefugtes Herumschleichen oder was weiß ich, wofür. Zumindest, bis wir in Sichtweite der Erde sind. Ich habe keine Lust, dass die Leute durchdrehen weil sie glauben, die königliche Anführerin würde wieder auferstehen, nur weil wir das Planetensystem erreicht haben.“
„Sehr wohl, Eure Hoheit.“
„Und Corner?“
„Ja, Hoheit?“
„Bring mir diese ominöse Karte.“
„Sehr wohl, Hoheit.“
Lord Corner entfernte sich aus dem reich geschmückten Thronsaal, ging eilig durch den Korridor und betrat schließlich die spärlich erleuchtete Wachstube, die den Bericht abgesendet hatte. „Seine Exzellenz wünscht, dass die beiden Herumschleicher inhaftiert bleiben. Die Karte der Missetäter wird unverzüglich an mich übergeben.“ bellte er den diensthabenden Wächter an. „Herumschleicher, Mylord?“ fragte der nur verdattert. „Die Jugendlichen, Mann.“ herrschte Corner ihn an. „Sofort.“ Der Wächter stürmte in ein benachbartes Zimmer. Corner hörte aufgeregtes Flüstern. „Die Karte ist weg, Mylord.“ berichtete der Wächter zerknirscht, als er zu ihm zurückkehrte. „Wie, weg?“ fragte Corner, legte dabei die Stirn in zornige Falten. „Der Junge hat sie gegessen.“ erklärte der Wächter. „Beachtlich. Nun gut. Sperr die beiden für die nächsten Wochen ein und lass sie erst wieder laufen, wenn wir Kontakt zur Erde haben.“ „Verstanden, Mylord.“ Lord Corner verließ die Wachstube und eilte den langen Weg zurück zum Thronsaal, um dem König zu berichten. „Er hat sie also gegessen, wie?“ fragte der König, als Corner geendet hatte. „Sieht ganz so aus, Eure Hoheit.“ Corner sah dem König in die Augen, der antwortete mit einem Lachen, das sein feistes Doppelkinn wackeln ließ. „Hätte ich auch getan. Nun denn, sei es drum. Wir haben wichtigeres zu tun. Ist meine Hymne fertig?“ „Ja, Hoheit, Hofmusiker Baker meldet, dass er bereit ist, die Hymne mit dem Orchester zu studieren, wenn Ihr Eure Zustimmung zu seiner Komposition gegeben habt.“ „Dann schicke ihn zu mir, damit ich mir das gute Stück anhören kann. Was ist mit den Fahnen und dem Schiffsaufgebot?“ „Alles ist nach Euren Wünschen vorbereitet, Hoheit. Wenn wir Kontakt zur Erde herstellen, wird die königliche Salvation in den Farben Eures Wappens erstrahlen.“ „Ausgezeichnet, Corner.“ „Danke, Hoheit.“ Corner zog sich aus dem Thronsaal zurück, winkte einen Pagen herbei, der durch den Korridor schlich. „Du, herkommen.“ „Ja, Mylord?“ fragte der Page, der augenblicklich bleich geworden war. „Lauf zu Baker und sage ihm, der König will seine verdammte Hymne hören.“ „Jawohl, Mylord.“ der zitternde Page rannte mit wild schlenkernden Armen davon. „Das ist die falsche Richtung, Junge!“ rief ihm Corner hinterher. Der Page wendete mitten im Lauf, stürzte, rappelte sich wieder in die Höhe und rannte, um Verzeihung bittend, an Lord Corner vorbei, der ihm finster nachstarrte. Dann machte er sich auf den Weg zur Küche, um nach dem Mittagessen für den König zu sehen. In der königlichen Küche empfingen ihn wallende und dampfende Kochtöpfe, brutzelnde Pfannen und duftende Kuchen. Corners Magen knurrte. „Einen kleinen Imbiss, werter Lord Corner?“ fragte der Oberkoch, der breit lächelnd auf ihn zukam. „Aber gerne doch.“ erwiderte der und ließ sich bereitwillig zu einem kleinen Nischentisch führen. „Darf es ein Süppchen sein? Oder lieber ein saftiges Scheibchen Schinken?“ „Das Süppchen klingt ausgezeichnet.“ antwortete Lord Corner und nahm Platz. Zufrieden beobachtete er das emsige Treiben, das sich um ihn herum entfaltete. Ein Gedeck wurde aufgetragen und eine kleine Terrine, gefüllt mit dampfender, cremiger Suppe vor ihm abgestellt. Der Oberkoch streute persönlich ein paar grüne Blätter auf die Suppe, dann setzte er sich auf den Stuhl gegenüber und winkte seinem Personal zu, sich wieder an die Arbeit zu begeben. Corner probierte die Suppe und nickte anerkennend. „Hervorragend, wie immer.“ sagte er und der Koch nickte zufrieden. „Was wird der König speisen?“ „Eine liebevoll zusammengestellte Abfolge von ausgewählten Gemüse- und Fleischgerichten, gefolgt von feinen Kuchen und einem Parfait aus Honig und Nüssen.“ sagte der Oberkoch, während seine Augen auf einem Küchenhelfer ruhten. „Fernando, die Jus darf nicht abgedeckt werden, hast du das verstanden?“ schrie er, dann wandte er sich wieder Lord Corner zu. „Entschuldigen Sie, das Personal.“ „Ich verstehe.“ antwortete Corner und schlürfte seine Suppe. „Nüsse also. Und Honig.“ „Möchte Mylord etwas von dem Parfait versuchen?“ „Nur eine kleine Winzigkeit.“ „Sehr gerne.“ Der Oberkoch winkte einen Küchenhelfer heran. „Sag Rostan, er soll etwas von dem Parfait für unseren geschätzten Lord Corner herrichten.“ „Sofort.“ Der Küchenhelfer eilte davon. Kurze Zeit später erschien er wieder, trug ein Tablett mit einem schön garnierten Teller vorsichtig vor sich her. „Ausgezeichnet.“ nickte Corner anerkennend. Er leerte die Suppenterrine und nahm sich gierig das Parfait vor. Genüsslich verdrehte er die Augen, als das Eis auf seiner Zunge schmolz. „Unglaublich. Wie machst du das nur?“ fragte er den Oberkoch. „Das bleibt mein Geheimnis, Mylord.“
Im Grunde ist es Corner völlig egal, wie der Oberkoch seine fantastischen Rezepte verwirklicht. Er weiß, dass es auf dem königlichen Generationen-Schiff kaum noch Nahrungsmittel gibt und er weiß, dass es seit Jahrhunderten keine Nüsse mehr auf der Salvation gegeben hat. Geschweige denn Honig. Trotzdem genießt er den Geschmack des Parfaits und ob es nun aus echten Zutaten, oder in Form gebrachter Nährmasse besteht, die raffiniert mit Geschmack versehen wurde, es ist ihm einerlei. Echte Nahrungsmittel hat er ohnehin noch nie gegessen.
Nach dem Besuch in der Küche traf sich Lord Corner mit den königlichen Beratern. Zusammen besprachen sie mögliche Strategien, wie man einen ersten Kontakt zur alten Erde herstellen könnte. Zumindest hatte sich Corner das Treffen so vorgestellt. „Wir können nicht einfach auftauchen, grüßen und dann hoffen, dass uns nichts passiert.“ stellte er am Anfang der Diskussion die Marschrichtung klar. „Wir haben keine Pfadfinder mehr, wir haben keine Sensoren für die Fernkommunikation, wenn man es richtig bedenkt, sind wir blind, taub und kriechen Fußlahm durch den Weltraum. Was sollte die Erde daran hindern, uns umgehend zu zerstören?“ fragte er streng in die Runde. „Wir stellen keine Gefahr dar, Mylord.“ antwortete einer der königlichen Berater. Die anderen nickten. „Und wie stellen wir das unter Beweis?“ „Die Menschen auf der alten Erde werden wohl in der Lage sein, ein taubes, blindes, fußlahmes Raumschiff zu erkennen, das durch ihr Sonnensystem kriecht.“ versetzte ein Berater schnippisch. Corner bedachte ihn mit einem finsteren Blick. Der Mann schlug die Augen nieder. „Wir brauchen einen konkreten Plan, meine Herren.“ fuhr Lord Corner in seiner Ausführung fort. „Es gibt keinen Plan, Mylord. Wir haben nichts, womit wir planen könnten.“ Unterbrach ihn einer der Berater. Verlegene Stille breitete sich nach seinen Worten aus. „Wie meinen Sie das?“ fragte Corner und sah dem Berater direkt in die Augen. „Unsere Ressourcen gehen an den König, Mylord. Der extra Aufwand für das Orchester, für die Fahnen und die Schiffsverzierungen verschlingt Unmengen von Material. Und selbst, wenn dem nicht so wäre, wir haben nichts, womit wir uns verteidigen könnten. Wir können nur abwarten und hoffen, dass uns die Menschen der alten Erde freundlich empfangen. Sofern sie überhaupt noch existieren.“ „Was soll das wieder heißen?“ fragte Corner gereizt. „Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie sich ausgerottet haben.“ antwortete der Berater. „Die Wahrscheinlichkeit besteht immer.“ stimmte ein anderer Berater zu. Seine Kollegen nickten einstimmig. Lord Corner rümpfte abfällig die Nase. „Das sind doch alles keine Lösungen, meine Herren.“ „Wir sind nicht da, um Lösungen zu präsentieren, Mylord. Wir sind da, um den König zu beraten. Und wir raten dazu, den Planet Erde eiligst anzusteuern, da uns in spätestens drei Monaten die letzten Nahrungsreserven ausgehen werden und wir dann einer Revolution ins Auge blicken, gegen die das dunkle Zeitalter der Mangeljahre ein feuchter Furz gewesen ist.“ Der Berater, der gesprochen hatte, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Tja, Mylord, so sieht es aus.“ Wütend starrten sich die Männer über den Tisch hinweg an. Schließlich unterbrach Corner den Blickkontakt. „Ich werde den König also informieren, dass wir den Kurs unverändert beibehalten und in wenigen Wochen die Erde erreichen werden.“ „Je früher, desto besser.“ antwortete der Berater, der Corner weiterhin angestarrt hatte, ohne zu blinzeln. Seine Augen glühten. Lord Corner verließ die Beratungssitzung mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Der gute Geschmack des Honig-Nuss-Parfaits war einem bleiernen, schalen Geschmack gewichen, der seinen Mund ausfüllte. Deprimiert ging er zurück zum Thronsaal. Seine Majestät, der König, ruhte friedlich in seinem Thron, schnarchte und zuckte manchmal im Schlaf. Eine Konkubine lag zusammengerollt zu seinen Füßen und starrte gelangweilt an die Decke, von der bunte Girlanden hingen. Corner trat leise den Rückzug an und ging in sein eigenes Quartier. Als er sich endlich ins Bett legte, dachte er an die Warnung der königlichen Berater. Das Wort Revolution spukte durch seine Gedanken, ließ ihn keinen Schlaf finden. Unruhig wälzte er sich hin und her. Drehte sich auf den Rücken und stierte in die Dunkelheit. „Wie bringe ich es ihm nur möglichst schonend bei?“ fragte er die Stille. Am nächsten Morgen hatte er immer noch keine Antwort auf diese quälende Frage gefunden. Der Zufall half ihm jedoch, als ein atemloser Page mit einer Eilmeldung in sein Quartier stürmte. „Mylord, die Astronomische Station meldet die Annäherung eines fremden Objekts!“ Lord Corner war dankbar, den Thronsaal mit dieser überraschenden Neuigkeit betreten zu können. „Was für ein Objekt, Corner?“ Der König sah verwundert von seinem reichhaltigen Frühstück auf. „Wir wissen es nicht, Hoheit. Aber es wird langsamer.“ „Ein Schiff!“ schrie der König, warf die Serviette von sich, die in seinem Halskragen gesteckt hatte und zwängte seinen massiven Körper aus dem Sessel. „Eure Hoheit!“ Corner eilte an die Seite seines Herrschers. Der stützte sich, schwer atmend, auf ihn und befahl mit gebieterischer Stimme:„Bring mich zu dem Schiff, Corner!“ „Wenn es Eurer Hoheit gefällt, bringe ich das Schiff zu Ihm, und nicht Seine Hoheit zum Schiff. Die Erdenmenschen werden Seiner Exzellenz mit Freuden ihre Aufwartung machen.“ „Ist dem so, Corner?“ fragte der König missmutig und ließ sich zurück in den Sessel fallen. „Natürlich, Eure Hoheit. Warum wären sie sonst gekommen?“ Lord Corner hob die Serviette vom Boden auf, klopfte sie umständlich ab und steckte sie sanft zurück in den Halskragen des Königs. Dann verließ er den Thronsaal unter vielen Komplimenten und Verbeugungen, schloss die Tür hinter sich mit einem leisen Klicken. „Das hätten wir.“ sagte er und machte sich auf den Weg zur Astronomischen Station. Der führende Wissenschaftler begrüßte ihn überschwänglich. „Sie kommen genau richtig, in drei Minuten haben wir Kontakt zum Schiff, Mylord!“ rief er und deutete mit leuchtenden Augen auf seine Instrumententafel. „Wissen wir, um was für ein Schiff es sich handelt?“ „Nein, Mylord. So eine Bauart haben wir noch nie gesehen. Aber das war auch zu erwarten, nach fast neunhundert Jahren.“ „Sind sie uns feindlich gesinnt?“ „Das bezweifle ich, Mylord. Sie senden ein Lied.“ „Sie senden ein Lied?“ fragte Corner ungläubig. „Ja, hören Sie hin.“ Der Wissenschaftler betätigte eine Taste auf seiner Instrumententafel und laute Musik dröhnte durch die Astronomische Station. „Das klingt ja grauenhaft!“ rief Lord Corner und schlug sich die Hände über die Ohren. „Für uns vielleicht, für sie ist es möglicherweise eine Art Begrüßungsmelodie, wer weiß?“ „Dann müssen wir uns stark voneinander entfernt haben. Zumindest, was das Gehör betrifft.“ schrie Corner. „Danke, Sie können abschalten.“ Der Wissenschaftler drückte eine Taste und die verzerrte Melodie verklang. „Na das kann ja heiter werden.“ murmelte Corner. Versonnen starrte er auf den Bildschirm, der einen kleinen, blinkenden Punkt zeigte, der sich stetig der Salvation näherte. „Kontakt in einer Minute.“ meldete ein anderer Wissenschaftler. Lord Corner setzte sich auf einen freien Stuhl und starrte die Anzeige an. Die Sekunden verstrichen. „Kontakt in 3, 2, 1.“ Stille breitete sich in der Astronomischen Station aus. „Rufen Sie sie.“ befahl Corner aufgeregt. „Königliches Generationen-Raumschiff Salvation an fremdes Schiff, können Sie uns hören? Können Sie uns hören, fremdes Schiff, bitte antworten Sie.“ „Wir hören Sie laut und deutlich, Salvation.“ Der Rest der Antwort ging im lauten Jubel der Wissenschaftler unter. Lord Corner wartete ungeduldig darauf, dass die Rufe verebbten. „Wir landen an.“ verkündete die fremde Stimme aus den Lautsprechern. Corner hob fragend die Augenbrauen. „Landedeck A.“ sagte einer der Wissenschaftler, der seinen Gesichtsausdruck verstanden hatte. Corner stürmte aus der Station. Er erreichte das Landedeck in dem Moment, als das fremde Raumschiff gemächlich zur Landung ansetzte. Staunend blickte er durch die dicken Sicherheitsscheiben, die ihn vom Landedeck trennten. Hinter ihm bildete sich eine Traube aus neugierigen Wissenschaftlern und Besatzungsmitgliedern. Sie beobachteten, wie Staubhosen über die riesige Plattform wirbelten, die seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden war. Zischend stabilisierte sich das weiß glänzende Raumschiff, setzte dann sanft auf der Plattform auf. Corner verharrte hinter der Scheibe, wartete gebannt auf das, was als nächstes geschehen würde. Er ignorierte die geflüsterten Gespräche und erstaunten Rufe in seinem Rücken. Konzentrierte sich ganz auf den Anblick des Schiffes. Dampfend stand es auf der Plattform, kleine Eisplatten lösten sich von seiner Außenhaut und schmolzen auf dem schmutzigen Boden. Die Staubhosen legten sich, die Dampfschwaden zogen davon. An dem blendend weißen Schiff regte sich nichts. Schließlich fasste sich Lord Corner ein Herz und öffnete die Sicherheitstür zum Landedeck A. Er wies die Umstehenden an, ihm nicht zu folgen, dann betrat er das Landedeck. Klein und schutzlos fühlte er sich, während er auf das große Raumschiff zuging und seine stromlinienförmige Eleganz bewunderte. Er sprang erschrocken zurück, als sich zischend ein Tor an der Seite des Schiffes öffnete und eine silbrig glänzende Rampe entrollt wurde. Corner stand da und starrte in den gähnenden Eingang des fremden Schiffes. Undefinierbare Gestalten bewegten sich dahinter und Corner kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Dann riss er sie erstaunt wieder auf, als zwei schneeweiße Androiden die Rampe herunter kamen und sich vor ihn stellten. „Wir grüßen dich, Inkarnation der Salvation.“ sagte ein Androide. „Wir heißen dich in unserem System willkommen.“ sagte der andere. „In eurem System?“ hauchte Lord Corner, der Androiden nur aus alten Aufzeichnungen kannte. „Das Planetare System Mother One. Deine Sensoren haben unsere Nachrichten sicher empfangen?“ fragte der Androide und legte den weißen Kopf schief, um seiner Frage mehr Nachdruck zu verleihen. „Wir dachten, es wäre Musik.“ gestand Corner verlegen. „Inkarnation der Salvation, wir verstehen deine Aussage nicht.“ „Warum bezeichnet ihr mich als eine Inkarnation meines Schiffes?“ fragte Corner. „Deines Schiffes?“ fragte einer der Androiden zurück. Corner fühlte sich immer ratloser. „Wir sind Menschen. Wir kommen von der Erde. Von diesem Sonnensystem. Wir flogen vor vielen Jahrhunderten zum Sternsystem des Planeten „New Eden“, um eine neue Kolonie zu gründen, doch der Planet erwies sich als unbewohnbar. Durch unzählige Widerstände haben wir uns zurückgekämpft. Hierher. Nach Hause.“ Er verstummte hilflos, sah zwischen den Androiden hin und her. „Wir kommen von hier.“ fügte er hinzu. „Negativ.“ erwiderte ein Androide, der andere schüttelte nur den Kopf. „Negativ?“ fragte Lord Corner fassungslos. „Es existiert kein menschliches Leben auf Mother One. Es hat niemals menschliches Leben auf Mother One existiert. Das Dogma erkennt es.“ „Das Dogma?“ echote Lord Corner. „Erkennt es.“ fügte ein Androide zufrieden hinzu. Er sah seinen Begleiter ausdruckslos an. Der neigte kurz den glatt polierten Kopf. „Wir bitten um Verzeihung. Deine Reise war lang und beschwerlich. Es verwundert nicht, dass du von den Strapazen verwirrt bist. Wir laden dich ein, unser Schiff zu besuchen und zu kontemplativer Ruhe zu finden, die ein weiteres Gespräch ermöglicht.“ Der Androide wies mit einer fließenden Bewegung die Rampe empor. Corner verfolgte die Geste mit den Augen, bewegte sich aber nicht von der Stelle. „Der König ist bereit, euch im Thronsaal zu empfangen.“ sagte er mechanisch. Hinter seiner Stirn schrien seine Gedanken wild durcheinander. Auf seinem Gesicht war davon nichts zu erkennen. „Was ist ein König?“ fragte ein Androide. „Was ist ein Thronsaal?“ fragte der andere. „König William der Zweite ist Herrscher des königlichen Generationen-Raumschiffes Salvation. Seine, durch sorgfältige Auswahl vorbestimmten Gene, machen ihn zum Idealen Anführer der menschlichen Population, die dieses Schiff beherbergt. Seine Ahnenreihe reicht weit in die Zeit zurück, als wir die Erde verließen und ist frei von jeglichem Makel. Seine Erbanlagen sind perfekt komponiert, sodass er zurecht die Krone trägt, die er bei seiner Geburt empfangen hat.“ Lord Corner unterbrach sich selbst, um Atem zu holen. Dann fuhr er fort:„Der Thronsaal ist der Ort, an dem der König Gäste empfängt und Gespräche führt. Es ist eine große Ehre, von ihm empfangen zu werden. Ich würde mich freuen, euch dorthin begleiten zu dürfen.“ Die Androiden starrten ihn wortlos an. Corner begann unter ihren Blicken zu schwitzen. „Es ist uns eine große Ehre.“ sagte einer der Androiden schließlich. Corner ließ die angehaltene Luft erleichtert aus seiner gequälten Lunge strömen. „Hier entlang, bitte.“ Er drehte sich um und starrte in die Gesichter der Wissenschaftler und Besatzungsmitglieder, die sich hinter der Sicherheitstür drängten. Wild gestikulierend scheuchte er sie zur Seite, während er die Androiden zum Ausgang führte. Leises Raunen empfing ihn und seine Gäste, als er auf den Korridor trat. Die Menschen standen dicht gedrängt, versuchten, einen Blick auf die Androiden zu erhaschen, ohne zu weit nach vorne geschoben zu werden. Lord Corner sah sich scharf nach ihnen um und die Menschen wichen respektvoll weiter zurück. „Hier entlang, meine Herren.“ Lord Corner wies den Gang hinunter, ignorierte die erschrockenen Besatzungsmitglieder, die seiner zeigenden Hand auswichen und sich an die Wand des Korridors drückten. Die Androiden folgten ihm durch die faszinierte Menge. Der Weg zum Thronsaal erschien Corner endlos. Er versuchte, die Androiden in leichte Konversation zu verwickeln, scheiterte aber an dem Unverständnis, das sie seinen Aussagen entgegenbrachten. Auch machte ihn der Umstand nervös, dass ihnen eine große Traube aus Neugierigen und Gaffern folgte. Mit Abstand zwar, aber sie folgten ihnen, Menschen reckten die Hälse und tuschelten. Als Corner endlich die goldverzierte Tür zum Thronsaal erreichte, atmete er erleichtert auf. „Dies ist nun der Thronsaal, ich präsentiere König William den Zweiten.“ sagte er feierlich und stieß die Tür auf. Der König schrak aus seinem Nickerchen hoch und blinzelte verdutzt den drei Wesen entgegen, die auf ihn zukamen. Eines erkannte er als Lord Corner und sein Gesicht teilte sich zu einem Lächeln. „Ah, mein guter Corner!“ rief er. „Eure Hoheit.“ antwortete Corner und verbeugte sich tief. „Ich erlaube mir, die Vertreter des Planetaren Systems Mother One vorzustellen, die uns die Gunst ihres Besuches erteilen.“ „Was für ein System?“ fragte König William und wischte sich einen Speichelfaden vom Kinn. Er verscheuchte eine Konkubine, die zu seinen Füßen gesessen und die Androiden mit offenen Mund bestaunt hatte. „Das Planetare System Mother One. Wir nennen es Heimatsystem.“ hob Corner zu einer Antwort an. „Was anzuzweifeln ist.“ fiel ein Androide in seine Erläuterung ein. Der König runzelte die Stirn. „Meine Herren, ich bitte Sie, sich unsere Argumente in Ruhe anzuhören. Es handelt sich hierbei augenscheinlich um eine diffizile Situation und ich möchte Missverständnisse vermeiden.“ Lord Corner schwitzte. „Was ist Mother One?“ fragte der König, der es gewohnt war, Corners Vorschläge zu ignorieren. „Unser Heimatsystem.“ erklärte einer der Androiden. „Wir siedeln auf den inneren und äußeren Planeten des Sonnensystems. Ausgehend vom dritten Planeten, schwangen wir uns vor Jahrhunderten auf, das System zu beherrschen.“ „Der dritte Planet?“ hakte Corner nach, der aufmerksam zugehört hatte. „Korrekt.“ bestätigte ein Androide. „Wir nennen ihn Erde.“ sagte Lord Corner. Er ging durch den Thronsaal, nahm ein altes Tablet aus einem bunt bemalten Regal und schaltete es ein. Als er das gewünschte Bild gefunden hatte, kehrte er damit zu den wartenden Androiden zurück. Der König beobachtete ihn mit blitzenden Augen. „Dies ist die Erde. Dritter Planet des Sonnensystems, das wir unsere alte Heimat nennen. Unsere Aufzeichnungen sind knapp neunhundert Jahre alt, aber ich denke nicht, dass sich die Form der Kontinente derart stark verändert hat, dass man sie nicht mehr erkennen könnte.“ Die Androiden sahen ausdruckslos auf das Tablet. Eine kleine Miniaturerde drehte sich auf dem flachen Bildschirm, leuchtete schwach, weil die Energie des Gerätes erschöpft war. „Das ist nicht möglich.“ stellte ein Androide schließlich fest. Er wandte sich an seinen Partner, sein weißes Gesicht strahlte Unruhe aus, obwohl sich nichts an der Mimik veränderte. „Das ist gegen das Dogma.“ antwortete der zweite Androide. Ihre Körperhaltung versteifte sich kaum merklich. Corner nahm es trotzdem wahr. Eilig schaltete er das Tablet aus und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Meine Herren. Bestimmt lassen sich für die aufgeworfenen Fragen zufriedenstellende Antworten finden. Ich ersuche Sie, geduldig mit uns zu sein, wir sind Reisende, die einen unvorstellbar langen Weg hinter sich haben. Wir haben Geschichten zu erzählen, Erfahrungen zu teilen und verfügen über unvorstellbare Reichtümer des Wissens, an denen wir Sie mit Freuden teilhaben lassen.“ Die Androiden starrten ihn regungslos an. Corners Gedanken überschlugen sich. „Ich bitte Sie, uns heute Abend bei einem Empfang zu Ehren Ihrer Ankunft erneut zu besuchen. Wir möchten Sie für die Unannehmlichkeiten entschädigen, die Ihnen durch unser unangekündigtes Erscheinen entstanden sind und laden Sie herzlich ein, unsere Gäste auf der bescheidenen Salvation zu sein. Bitte, nehmen Sie unsere Einladung an.“ „Welcher Empfang?“ fragte der König in seinem Rücken. Lord Corner unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. „Wir werden Ihre Einladung überdenken. Rechnen Sie in einer Stunde mit unserer Antwort.“ Die Androiden verbeugten sich vor dem König, wie es Corner beim Eintreten in den Thronsaal getan hatte, dann drehten sie sich um und gingen im Gleichschritt hinaus. Draußen teilte sich eine neugierige Menge, die erfolglos an der massiven Tür gelauscht hatte und ließ die Androiden passieren. Corner stürzte zu einem Pagen, der erstarrt in einer Ecke des Thronsaales stand und sich an einem leeren Tablett festhielt. „Nimm drei Wachen und sorge dafür, dass die Androiden wohlbehalten zu ihrem Schiff geleitet werden. Stelle die Wachen vor der Tür des Landedecks ab und erstatte mir sofort Meldung, falls irgendetwas geschieht. Lauf schon.“ Der Page blinzelte. Lord Corner schüttelte ihn erbost. „Hast du mich verstanden, Junge?“ schrie er. „Drei Wachen. Bleiben vor der Tür. Ich erstatte Bericht.“ flüsterte der Page, dann rannte er los. „Corner?“ Lord Corner drehte sich langsam zum Thron um und setzte erneut sein strahlendes Lächeln auf. „Eure Hoheit?“ fragte er und eilte händeringend zum Thron. „Was war das eben?“ fragte der König. Er verschränkte die feisten Arme über seinem ausladenden Bauch und schob das wabbelige Kinn vor. „Ich bin um die Sicherheit unserer Gäste bemüht und auch um Eure Sicherheit, ehrwürdige Hoheit.“ flötete Corner. „Das meine ich nicht. Ich spreche von diesem ominösen Mother One. Wovon sprachen diese polierten Maschinen?“ „Ich weiß es nicht, Hoheit.“ log Corner. Der König sah ihn abschätzig an. „Wir werden die Maschinen heute Abend dazu befragen. Bei dem Empfang.“ er spuckte das Wort förmlich aus, spießte Lord Corner dabei mit Blicken auf. Der nickte nur eifrig und schwitzte. Dankbar empfing er den Wink, der ihn aus der Gesellschaft des Königs entließ. Vor der Tür des Thronsaals blieb er stehen und erlaubte seinem galoppierenden Herzschlag, langsamer zu werden. „Wenn sie die Sache mit dem Genozid erfahren, sind wir geliefert.“ sagte er zum leeren Korridor und spürte den Abgrund, der sich in seinem Magen auftat. „Wir haben Tausende von ihnen vernichtet.“ flüsterte er so leise, dass nicht einmal er selbst es hören konnte. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. „Lord Corner?“ Corner zuckte zusammen und drehte sich zu dem Pagen um, der lautlos hinter ihm aufgetaucht war. „Ja?“ fragte er, seine Stimme klang viel zu hoch. „Die Androiden lehnen die Einladung zum Empfang ab. Die Androiden lehnen weitere Gespräche mit dem König ab. Die Androiden ersuchen uns, das Planetare System Mother One zu verlassen.“ Die Botschaften sprudelten aus dem jungen Mann heraus, der dabei mit riesigen Augen in Corners fassungsloses Gesicht blickte. „Die Androiden gewähren uns eine Stunde, um auf ihre Bitte einzugehen.“ „Was?“ fragte Corner entsetzt. Er wartete keine Antwort ab sondern stürmte los, rannte, so schnell er konnte, zu Landedeck A. Wütend verscheuchte er die Menschenmenge, die sich vor der durchsichtigen Sicherheitstür versammelt hatte. Die Wachen salutierten und traten zur Seite, Lord Corner beachtete sie nicht. Er straffte die Schultern, sammelte seine Gedanken, so gut er konnte und betrat lächelnd die Landerampe. Das fremde Raumschiff stand glänzend auf der schäbigen Plattform. Nicht ein Körnchen Staub hatte sich auf die Außenhaut des Schiffes gelegt. Corner konnte keine Naht entdecken, die ihm das Tor gezeigt hätte, das sich bei seinem ersten Besuch geöffnet hatte. Einsam stand er vor dem eleganten Schiff, starrte unsicher nach oben. „Meine Herren!“ rief er schließlich und hob ausladend die Hände. „Ich bitte Sie um Verzeihung! Sollten meine Worte ihren Unwillen erregt, sollten meine Ausführungen Sie mit Gram erfüllt haben, so bitte ich Sie hiermit, aus tiefstem Herzen, haben Sie die Güte, einem unwürdigen Wesen wie mir zu verzeihen. Ich tat es aus bloßer Dummheit und niemals in der Absicht, ihren Unmut zu erregen. Ich bitte Sie!“ Corner kniete sich hin. Er war sich bewusst, dass vor der Tür dutzende Schaulustige seiner Aufführung folgten. Er verdrängte den Gedanken. Verharrte kniend vor dem Schiff und wartete. Als der Schmerz in seinen Knien langsam unerträglich wurde, ertönte ein sanftes Zischen. Das Tor öffnete sich und die Rampe fuhr herab. Corner wagte es nicht, sich zu erheben. Mit zusammengebissenen Zähen verharrte er auf dem Boden, wartete demütig auf das Erscheinen der Androiden. Doch niemand kam. Nach einer weiteren, ereignislosen Minute traf Corner eine Entscheidung und rappelte sich mühsam hoch. Er stöhnte auf, drückte die geplagten Knie durch und humpelte langsam die Rampe zum Schiff empor. Doch mit jedem Schritt vergaß er die brennenden Schmerzen mehr, die in seinen Gelenken tobten. Das Innere des Schiffes kam in sein Blickfeld und darinnen sah Corner mehrere Reihen von Androiden, die auf seine Ankunft warteten. Stumm starrten ihm die Maschinen entgegen und Corner fühlte ein rumoren in seinen Eingeweiden, während er steifbeinig auf sie zumarschierte. Die Reihen der Androiden teilten sich, sobald er das Tor erreicht hatte und bildeten eine schmale Gasse. Corner schluckte. Er versuchte, nicht zu verängstigt auszusehen, nickte den ausdruckslosen Gesichtern zu, tat, als würde er Bekannte in der Menge grüßen und lächelte um sein Leben. Die Androiden regten sich nicht, antworteten nicht, starrten ihn nur an, ohne zu blinzeln. Lord Corners Lächeln gefror, er hörte auf zu nicken und zu grüßen und folgte der engen Gasse in den Bauch des Schiffes. Immer kleiner fühlte er sich, immer enger rückten die weißen Körper der Androiden heran, immer rasender schlug sein Herz. Einer Panik nahe, erkannte Lord Corner plötzlich schimmerndes Licht am Ende der Gasse und lief erleichtert darauf zu. Er erreichte einen großen, kugelförmigen Raum, der weiß gekachelt und taghell erleuchtet war. In der Mitte des Raumes stand ein einzelner Androide. Corners Augen tränten von der ungewohnten Helligkeit. Er zwinkerte, hielt eine Hand vor die Augen und versuchte, sich dabei so würdevoll wie möglich zu verbeugen. „Ich danke Ihnen für…“ „Sprich nicht, Mensch.“ fuhr ihn der Androide an. Lord Corner erstarrte. „Wir haben dich gerufen, um dir mit unseren eigenen Worte mitzuteilen, dass du und deine Art nicht erwünscht seid, auf Mother One. Unsere Nachricht an deinen Diener scheint mangelhaft gewesen zu sein, nun fordern wir dich persönlich auf: Verlasst unser Planetares System. Ihr seid hier unerwünscht.“ „Aber warum?“ entfuhr es Corner, dessen Augen sich langsam an die Helligkeit gewöhnten. Er senkte die Hand und stand mit hängenden Armen da, wusste nicht, wie er reagieren sollte. „Es ist gegen das Dogma.“ erklärte der Androide kalt. „Das Dogma erkennt es.“ sagten alle Androiden auf dem Schiff gleichzeitig und Corner spürte, wie sich die feinen Härchen in seinem Nacken steil aufrichteten. „Ihr habt eine halbe Stunde.“ „Eine halbe Stunde?“ „Korrekt.“ bestätigte der Androide. „Geh nun, Mensch. Wir wünschen keinen Kontakt zu dir und deinesgleichen.“ Corner senkte ergeben den Kopf und verließ den kugelförmigen Raum. Er zwängte sich zurück durch die schmale Gasse aus weiß schimmernden Körpern, konnte die vernichtenden Blicke der Androiden auf sich ruhen spüren. An der Rampe zum Landedeck atmete er das erste Mal befreit aus, dann eilte auf die Plattform, rannte zur Tür, verscheuchte die Gaffer und hastete den Korridor hinunter zum Thronsaal. „Eure Hoheit!“ rief er, kaum dass er den ausladend geschmückten Saal betreten hatte. Doch König William der Zweite weilte nicht in seinem Thron und saß auch nicht an seiner Tafel. Lord Corner sah sich gehetzt um. „Wo ist der König?“ schrie er. „Der König besucht die Androiden.“ antwortete ein Page, der aus einer verborgenen Wandnische hervortrat. „Das ist unmöglich, ich komme gerade von dort.“ schrie Lord Corner. „Er ist vor ein paar Minuten aufgebrochen. Hat den Schwebestuhl genommen und ist durch den Seiteneingang hinaus.“ „Er ist allein?“ Das Entsetzen in Corners Stimme kannte keine Grenzen. „Er hat zwei Wachen mitgenommen.“ Der Page wich zurück, als ihn der geballte Zorn traf, der sich in Lord Corner aufgestaut hatte. „Du hirnloser Vollidiot!“ Corner schlug nach dem Pagen, der geschickt auswich. „Wie kannst du es wagen?“ Corner hielt inne. Dann drehte er sich um und stürmte aus dem Thronsaal. Als er sich den Landedecks näherte, hörte er entsetzte Schreie. Corner raste den Korridor entlang und stieß unvermittelt mit einem Crewmitglied zusammen, das in die entgegengesetzte Richtung hastete. Beide gingen ächzend zu Boden. „Was ist passiert?“ fragte Corner benommen, der Sturz hatte die Luft aus seinen Lungen gedrückt und er kam nur langsam zurück auf die Beine. „Sie schießen auf uns!“ stieß der uniformierte Mann entsetzt aus, rappelte sich hoch und rannte weiter. „Oh, nein.“ hauchte Lord Corner. Auf seinem Weg zum Landedeck A, kamen ihm weitere Mitglieder der Besatzung entgegen, alle rannten um ihr Leben und blickten immer wieder entsetzt zurück. Corner versuchte nicht, sie aufzuhalten. Mit steinschwerer Seele erreichte er schließlich das Landedeck. Überall im Korridor lagen Leichen, verstümmelt, verbrannt, ineinander verkeilt. Lord Corner würgte, als er den schweren Geruch des Blutes wahrnahm. Die Sicherheitstür zum Landedeck öffnete und schloss sich ununterbrochen. Der Kopf des Königs klemmte zwischen den Türflügeln fest, der Rest seines fetten Körpers lag gleichmäßig im Korridor und auf dem Landedeck verteilt. Corner wandte den Blick ab, doch er konnte das schmatzende Geräusch nicht ertragen, mit dem sich die automatische Tür auf und zu bewegte. Stöhnend hob er den Kopf des Königs hoch, unterdrückte starken Brechreiz. Die Tür zum Landedeck schloss sich mit einem satten Klicken. Augenblicklich starteten die Motoren des stromlinienförmigen Raumschiffes. Corner betätigte resigniert einen Hebel, um die Außenluke des Landedecks zu öffnen. Das Raumschiff wirbelte neue Staubhosen auf, als es sich elegant von der Plattform erhob und aus der geöffneten Luke steuerte. Corner sah mit bleichem Gesicht hinterher. „Was mache ich jetzt nur?“ fragte er den Kopf des Königs. Er starrte durch die Sicherheitstür, starrte durch die geöffnete Luke in das Vakuum des Weltraums. Das glänzend weiße Schiff der Androiden wurde rasch von der unergründlichen Schwärze verschluckt. Ein grüner Lichtpunkt löste sich von dem schrumpfenden Objekt, schoss auf die Salvation zu und wurde dabei schnell größer. „Oh, nein.“ hauchte Lord Corner. Er verdampfte in der gewaltigen Explosion, die das Generationen-Raumschiff Salvation und seine verbliebene Besatzung in Stücke riss.

© sybille lengauer