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Namur

Dunkelheit, von vereinzelten Blitzen durchzuckt. Wind heult, Regen peitscht die Bäume auf. In einer verlassenen Scheune drän- gen sich ängstliche Körper aneinander. Zucken bei jedem Donner- schlag. Augen, so groß, dass man fast nur Weiß sehen kann, starren angestrengt zum Scheunentor. Körper zittern unkontrolliert gegen das Entsetzen. Entferntes Hundegebell ist zu hören. Aufgeregte Rufe. Eine der Gestalten krümmt sich und beginnt leise zu weinen. Eine andere legt schützend die Arme um sie. „Hierher!“, ruft es von draußen plötzlich, drinnen sind verzweifelte Schreie zu hören. Das Scheunentor wird aufgerissen, grelle Lichtkegel fluten in die Finsternis. „Ich hab sie!“, schreit jemand, dann mischen sich Ge- wehrschüsse mit neuem Donnergrollen.
„Ich habe einen Anruf von Valicek erhalten. Kahrbauer soll an einem Artikel über Belgien schreiben.“ Zwei dunkle Gestalten ste- hen vor dem Seiteneingang eines seelenlosen Bürogebäudes und blasen enorme Dampfschwaden aus ihren E-Smokes. „Ich hatte dich gewarnt. Habe ich dir nicht gesagt, dass dieser verdammte Schmierlappen nicht locker lassen wird?“ Die Stimme des Sprechers klingt gereizt. Ein leichter, englischer Akzent unter- streicht den herablassenden Tonfall. „Ja, Jeff“, murmelt eine zweite, jüngere Stimme kleinlaut. „Dieser Kerl ist ein fucking Ter- rier, habe ich das nicht zu dir gesagt?“ Der Mann atmet eine Dampfwolke aus, die sofort von einem kalten Windstoß zerrissen wird. „Ja, Jeff“, kommt die unterwürfige Antwort von seinem Ge- genüber. „Und was hast du zu mir gesagt, Junge?“ „Bitte, ich bekomme das wieder in den Griff.“ Irgendwo in der Nähe erklingt eine Autosirene, der Wind trägt die Geräusche der Straßen mit sich. „Du gehst mir gerade unglaublich auf die Nerven“, schnaubt Jeff herablassend, er dreht sich abrupt um und betritt das Gebäude. Wie ein Schatten folgt ihm der zweite Mann. Im Fahrstuhl herrscht eisiges Schweigen. Erst als sie in einem klinisch weißen Büro angekommen sind, wendet sich Jeff erneut an seinen Begleiter. „Es ist mein Fehler. Ich dachte du wärst dieser Aufgabe gewachsen, aber nicht jeder kann die Hitze aushalten.“ Er sieht dem jungen Mann tief in die Augen, der mit hängenden Schultern im blendenden Weiß des Teppichs versinkt. „Ich übergebe die Sache an Ludger Meyer. Er weiß, wie man mit diesem Journalistenge- schmeiß umgeht. Du fliegst morgen früh nach Namur. Ich möchte einen genauen Bericht über die letzten Ereignisse. Ich habe keine Lust im Dunkeln in ein Messer zu laufen. Hast du verstanden, Tom?“ „Ja, Jeff.“ Das Gespräch ist beendet. Tom verlässt mit ge- senktem Kopf das Büro seines Vaters.

Ein Mund, der zu einem stummen Schrei verzerrt ist. Ver- zweifeltes Ringen nach einem letzten Atemzug. Dürre Arme, die sich in den unendlich weit entfernten Himmel strecken. Der Team- leiter der mobilen Einsatztruppe beugt sich über die Grube. „Der lebt noch“, stellt er fest und schießt dem zuckenden Körper sauber in den Kopf. Ein Mann in einem olivgrünen Overall steht mit ei- nem einsatzbereiten Flammenwerfer neben ihm und wartet auf das Zeichen. Über ihren Köpfen kreist ein Bussard. Der Vogel sieht die dreckigen Jeeps, die in einem Halbkreis um das Massengrab geparkt sind. Sieht die Männer, die gerade eine letzte Leiche in die Grube zerren. Mehrere Körper liegen darin, verdreht, erschossen, ausgezehrt. Über allem liegt der unbändige Geruch von Blut. Als der Flammenwerfer sein vernichtendes Feuer über die Kadaver spuckt, schlägt der Bussard zornig mit den Flügeln, lässt sich vom Wind weitertreiben.
Eine schlaflose Nacht, zwei Flugstunden und eine langweilige Taxifahrt später steht der Sohn des größten Gentechnologie- herstellers Europas vor einem rundlichen Labormitarbeiter, der ihm in gebrochenem Deutsch die Situation erklärt. „Es ist also mehr als eine Spezies entkommen?“, fasst Tom zusammen, was der Mann im weißen Kittel umständlich beschrieben hat. „Oui, Monsieur Underberg, der Labor – voll.“ Tom zeigt auf eine der Tabellen, die er von zuhause mitgebracht hat. Mäuse, Kaninchen, Affen, ein halber Streichelzoo ist darauf abgebildet. „Welche Spezies?“, fragt er betont deutlich und klopft mit seinem Kugelschreiber auf das Papier. Der Mitarbeiter nimmt ihm die Tabelle aus der Hand, überfliegt sie kurz. Dann kreuzt er mehrere Bilder an und reicht den Zettel zurück. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt eine kühle Frauenstimme hinter Tom. Der dreht sich nicht um, sondern starrt nur finster auf die Tabelle. „Mein Name ist Greta Claes, ich denke wir waren vor vierzig Minuten in mei- nem Büro verabredet, Herr Underberg“, fährt die Frau mit ihrer einseitigen Unterhaltung fort. Tom wendet den Blick nicht vom Papier ab. „Ihre Berichte an die Firma waren nicht zufrieden- stellend. Ich ging daher davon aus, dass auch ein Gespräch mit Ihnen nicht zufriedenstellend verlaufen würde, Frau Claes. Mein Vater wünscht eine genaue Analyse der Situation und ich ver- sichere Ihnen, Sie möchten seinem Wunsch nicht im Wege stehen. Sie können mir jetzt das Labor zeigen, Dr. Peeters.“ Er lässt das Blatt Papier sinken und nickt dem verlegenen Labormitarbeiter zu, der das Gespräch mit angestrengtem Gesichtsausdruck verfolgt hat. Seit Greta Claes das Zimmer betreten hat, ist er deutlich in sich zusammengesackt. „Dr. Peeters“, spricht Tom ihn erneut an, diesmal etwas lauter. „Bien sur“, beeilt sich der untersetzte Mann und führt ihn unter diversen Gesten aus dem Raum. Seiner Chefin nickt er nur entschuldigend zu. Der Weg führt durch hell erleuchtete Gänge, die von Videokameras überwacht werden. Niemand sagt ein Wort, auch nicht, wenn eine der unzähligen Sicherheitsschleusen passiert wird. Nur das Klacken der Schuhe begleitet sie durch die schier endlosen Flure. Als Dr. Peeters schließlich vor einer Tür stehenbleibt, wendet sich Tom direkt an Frau Claes. „Aufmachen“, blafft er sie an. Die adrett gekleidete Frau erwidert seine Herausforderung mit einem kalten Lächeln. Achselzuckend tippt sie einen Code in die kleine Wandtafel neben der Tür. Ein leiser Piepton erklingt. Tom verschränkt abwartend die Arme vor dem Bauch. Greta Claes nickt ihrem Angestellten zu, der daraufhin die Tür öffnet. Der enorme Raum dahinter ist nur zur Hälfte vorhanden, die andere Hälfte liegt in Schutt und Asche. Durchsichtige Folien spannen sich gegen einen blauen Himmel, Wind bläst durch Ritzen in der provisorischen Abdeckung. „Was, zum Teufel, ist hier passiert?“, fragt Tom, mit aufgerissenen Augen betritt er das ehemalige Großlabor. Er starrt gebannt auf das klaffende Loch in der Außenmauer. „Eine Gasexplosion ist pas- siert“, antwortet Greta Claes trocken. „Ich habe Ihnen den Unfall- hergang ausführlich in meinem Bericht geschildert.“ „Ja, ja. Schon gut“, wehrt Tom ungeduldig ab. Er betrachtet die großen, zerstör- ten Käfige. „Wie viele sind entkommen?“, fragt er schließlich, inmitten der Zerstörung stehend. „Auch diese Angaben finden Sie in meinem Bericht, Herr Underberg“, ihre Stimme ist ein einziger Vorwurf. „Frau Claes. In Ihrem Bericht haben Sie von einem klei- nen Zwischenfall geschrieben, bei dem einige wenige Versuchs- objekte Ihren Räumlichkeiten entwichen sind. Jetzt stehe ich hier vor einem riesigen Loch in Ihrem Labor und habe eben erfahren, dass es sich bei den Versuchsobjekten um verschiedene, hochmo- bile Spezies handelt. Ich frage Sie also noch einmal. Wie viele Versuchsobjekte sind entwichen?“ Toms ätzender Tonfall zeigt langsam Wirkung. „Zweiundzwanzig.“ Greta Claes spuckt ihm die Antwort förmlich vor die Füße. „Zehn Hasen-, fünf Ratten-, drei Hunde-, zwei Schimpansen-, zwei Schweinehybriden.“ „Warum waren diese Hybriden alle in einem Raum?“, bohrt Tom aggressiv weiter. „Sie sollten am nächsten Morgen abgetötet werden, die Versuchsreihe war abgeschlossen.“ „Welche Versuche wurden an den Viechern durchgeführt?“ „Herr Underberg, wollen wir dieses Gespräch nicht lieber in meinem Büro fortsetzen, ich denke Dr. Peeters würde nun gerne wieder seiner Arbeit nachgehen?“ Mit einer knappen Geste schickt Frau Claes ihren Mitarbeiter aus dem Raum. Tom wiegelt ungeduldig ab. „Was wir zu bereden haben, können wir überall klären. Also, welche Versuche?“ Bevor Greta Claes antwortet, schließt sie gewissenhaft die Tür des zerstörten Labors.

Laufen. Immer nur laufen. Das Herz pocht bis zum Hals, die nack- ten Füße bluten und immer weiterlaufen. Irgendwann brechen die Beine unter ihr zusammen, sie fällt der Länge nach hin. Muss es in den Wald schaffen. Zwingt sich wieder hoch. Läuft weiter. Gehetzter Atem, Schweiß auf der Haut. Als sie das Geräusch eines Helikopters hört, flüchtet sie unter einen niedrigen Busch. Kauert unter den grünen Zweigen und bedeckt ihren geschorenen Kopf mit blassen Armen. Das Wummern des Rotors vermischt sich mit einem rasenden Herzschlag. Tränen laufen aus geröteten Augen. Die Eindrücke der letzten Tage fluten unkontrolliert über sie herein. Wütend schüttelt sie die Bilder ab, stößt ein kehliges Wimmern aus. Wartet darauf, dass das dröhnende Geräusch der Maschine leiser wird. Als das Brummen verebbt, kriecht sie wieder aus dem Gebüsch und hastet weiter. Über die Böschung, quer durch den Bach. Steine bohren sich in ihre Fußsohlen. Äste peitschen über nackte Haut. Ein Schuss zerreißt die Szenerie in tausend Splitter. Grellrotes Blut schießt aus ihrem Mund. Sie taumelt gegen eine junge Buche, ein faustgroßes Loch klafft in ihrem Brustkorb. Tot bricht sie am Rand des Laubwaldes zusammen.
„Möchten Sie Milch und Zucker?“ Tom Underberg und Greta Claes sitzen sich in einem konservativ eingerichteten Büro gegen- über. Eine unscheinbare Sekretärin trägt Kaffee und Gebäck auf. „Schwarz, danke“, antwortet Tom, seine Stimme klingt ungedul- dig. Die Sekretärin serviert und verschwindet dann aus dem Büro. Stille breitet sich aus, nur unterbrochen vom diskreten Klappern guten Porzellans. Vor dem Fenster ziehen vereinzelte Wolken über einen stahlblauen Himmel. Kaffeeduft erfüllt das Zimmer. „Herr Underberg“, nimmt Greta Claes schließlich wieder das Gespräch auf, „Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Lage unter Kontrolle haben. Unsere Teams sind absolut zuverlässig.“ „Zweiundzwanzig Lebensformen“, antwortet Tom nur. Er balanciert einen Teller mit kleinen Plunderteilchen auf seinen Knien und nimmt immer abwechselnd einen Schluck Kaffee und einen Bissen Süßgebäck zu sich. Greta Claes beobachtet ihn mit unverhohlener Abscheu. „Zehn konnten bereits sichergestellt werden. Wir sprechen also von zwölf Lebensformen.“ „Was ist übrig?“ „Fünf Hasen, fünf Ratten, zwei Schweine. Die Hunde und Schimpansen konnten wir bereits am zweiten Tag sicherstellen, sie waren gemeinsam in einer Scheune versteckt. Auch einen Teil der Hasen konnten wir als Gruppe auftreiben. Die restlichen Versuchsobjekte halten sich vermutlich nicht in Gruppen auf, das macht die Sache schwieri- ger.“ „Ich will eine exakte Aufstellung der bisherigen Abläufe. Mi- nu-ti-ös.“ Tom klopft bei jeder Silbe mit seiner Tasse gegen den Teller auf seinen Knien. Kleine Krümel fliegen aus seinem Mund. „Ich will die aktuellen Reporte des Einsatzteams und ich will eine exakte Aufstellung der Hybriden und mit welchen Gefahren wir zu rechnen haben. Und ich will das alles gestern, haben Sie mich verstanden?“ Greta Claes nickt zähneknirschend und lässt ein gekünsteltes Lächeln aufblitzen.

Rabenschwarze Nacht. Kälte. Nässe. Einsamkeit. Nirgendwo ein Punkt zur Orientierung. Nur zermatschtes Laub an den Füßen, Schwärze vor den Augen und bohrende Verzweiflung. Ein paar abgebrochenen Zweige, die als Schutz gegen den Regen dienen. Er hockt in einer feuchten Kuhle, den Rücken gegen einen Stein gepresst. Versucht sich in den Schlaf zu zittern. Hat keine Kraft mehr. Der ferne Ruf eines Käuzchens lässt ihn auffahren. Die blutunterlaufenen Augen irren in der Dunkelheit hin und her. Der nächste Ruf des Käuzchens klingt näher. Gehetzt kommt er wieder auf die Füße. Hält sich an Zweigen fest, während er schwer atmend durch die Finsternis torkelt. Er kann nicht mehr weiter. Muss immer weiter. Rutscht im glitschigen Laub. Fällt einen steilen Abhang hinunter und schlägt auf spitzen Steinen auf. Das Schein- werferlicht eines heranrasenden Zuges blendet ihn. Mit blutigen Händen, blutigen Knien windet er sich zwischen den Schienen. Blind. Verängstigt. Allein. Als der Zug ihn wenige Sekunden später erfasst, bleibt nur ein blutiger Streifen auf den Gleisen zurück.
„Diese Frau ist so unfähig, man möchte sich die Haare rau- fen!“ Tom sitzt auf der Toilette und telefoniert mit seinem Vater. „Dasselbe könnte man auch über dich sagen“, erklingt Jeffs Stim- me lieblos aus dem Mobiltelefon. Tom verliert den Faden, das Gespräch gerät ins Stocken. „Wie ist die aktuelle Lage?“, fragt Jeff schließlich ungehalten in die unangenehme Stille hinein. „Wir haben zwei weitere Versuchsobjekte bergen können. Damit fehlen nur noch zehn“, beeilt sich Tom zu antworten. Das Hochgefühl, welches er zu Beginn des Gespräches empfunden hatte, ist rück- standslos verflogen. „Wer ist wir?“, blafft Jeff am anderen Ende der Leitung. Offenbar hat er ausgesprochen schlechte Laune. Tom verdreht resigniert die Augen. Er stellt auf Lautsprecher, um sich den Hintern abzuwischen. „Es bleiben nur noch fünf Ratten und fünf Hasen übrig. Wobei wir uns um die Ratten kaum Gedanken machen müssen. Claes versichert, dass sie bald eingehen wer- den.“ „Aha“, macht Jeff. „Hat irgendwas mit einem fehlenden En- zym zu tun. Steht im Bericht.“ Tom betätigt die Spülung und zieht sich wieder an. Er verzichtet darauf sich die Hände zu waschen, drückt das Handy wieder an sein Ohr. Bleibt nachdenklich vor dem Spiegel stehen. „Es sind also eigentlich nur noch die fünf Hasen, um die wir uns kümmern müssen.“ Auf der anderen Seite der Leitung bleibt es still. „Gibt es etwas Neues von Kahrbauer?“, fragt Tom und hofft, mit der Erwähnung des Journalisten das Ge- spräch wieder für sich zu gewinnen. „Was interessiert dich das?“, fragt Jeff gereizt zurück. Tom starrt sich selbst in die Augen und zeigt seinem Spiegelbild den Mittelfinger. „Ist noch was?“, quäkt es aus dem Handy. „Nein, Vater.“ „Dann bis morgen.“ Das Ge- spräch ist beendet. Tom atmet langsam durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Wählt eine neue Nummer. „Under- berg hier. Verbinden Sie mich mit Frau Claes.“ Er wartet auf die Verbindung und korrigiert ein paar Haarsträhnen an seiner Frisur. „Was kann ich für Sie tun, Herr Underberg?“ Greta Claes versucht nicht zu verschleiern, dass sein Anruf unwillkommen ist. Ihre Stimme klingt abweisend und kalt. „Mein Vater ist sehr unzufrie- den, Frau Claes.“ Tom tritt näher an den Spiegel heran, betrachtet eingehend sein junges Gesicht. „Er wird es sich vorbehalten, ent- sprechende Schritte in der Personalpolitik einzuleiten.“ „Dazu ist er absolut berechtigt“, antwortet Greta Claes trocken. „Ich möchte morgen beim Einsatz dabei sein.“ Tom fährt mit dem Zeigefinger über seine glatte Stirn und lächelt seinem Spiegelbild zu. „Dazu sind Sie absolut berechtigt.“ Frau Claes scheint sich auf einen Satz festgelegt zu haben. „Mailen Sie mir die genauen Daten. Ich werde vor Ort sein.“ „Gerne.“ Sie legt auf, ohne sich zu verabschieden.
Ständiges Erbrechen, obwohl der Magen völlig leer ist. Galle. Husten. Brennende Schmerzen. Dunkle Flüssigkeit, die aus den Ohren läuft. Augen, die eingefallen in dunklen Höhlen liegen. Die Kinder liegen eng umschlugen im Keller eines Hauses. Haben sich in der Nacht eingeschlichen und unter alten Armeedecken vergra- ben. Jetzt warten sie darauf, dass die Schmerzen endlich aufhören. Liegen schlaff übereinander. Atmen hechelnd. Von oben erklingt helles Lachen. Tapsige Schritte laufen durch ein glücklicheres Leben. Irgendwo spielt ein Liebeslied im Radio. Unten ist nur noch flaches Atmen und unregelmäßiger Herzschlag. Trockenes Würgen. Eine letzte Träne, die aus einem verkrusteten Augen- winkel läuft. Irgendwann hört auch der letzte, kleine Brustkorb auf, sich zu bewegen.

Der Jeep rast mit aufheulendem Motor über eine Schotterpiste. Hinter dem Steuer grinst Tom wie ein kleiner Schuljunge. Der Einsatzleiter, der neben ihm sitzt, ist sichtlich unbeeindruckt. „Wir haben heute Morgen die ganze Rattenbande ausgehoben. Dachten erst, sie hätten sich aufgeteilt. Hatten aber nur falsche Fährten gelegt. Schlaue Biester, diese Biester!“, schreit er gegen den Fahrt- wind an. Tom lacht und gibt noch einmal richtig Gas. Im Rück- spiegel sieht man die anderen Jeeps in einiger Entfernung folgen. „Die Meldung kommt von einem Bauernhof, drüben in Ciney. Ich hätte nicht gedacht, dass die so weit kommen würden.“ „Haben Sie eine Idee, wo die hinwollen?“ Tom geht ein wenig vom Gas und konzentriert sich mehr auf das Gespräch. „Die zieht es in die Wälder“, antwortet sein Begleiter. „Keine Ahnung ob die glauben, dass sie sich da besser verstecken können oder ob es so eine Art animalischer Instinkt ist. Was weiß ich.“ „Wie viele Hasen wurden gesichtet?“ „Vier oder fünf.“ „Haben die auch falsche Fährten gelegt?“ „Wer weiß das schon. Sie können sie ja fragen, wenn wir sie gefunden haben.“ Der Einsatzleiter lacht und klopft Tom väterlich auf die Schulter. Die restliche Fahrt erzählt er witzige Erlebnisse aus seinen früheren Tagen beim Militär. Tom genießt jede einzelne Sekunde davon. Kurz vor Ciney halten die Wagen am Seitenstreifen der Landstraße. Die Männer koordinieren sich routiniert, während Tom so tut, als würde er dazu gehören. Er wird einem jungen Mann zugeteilt, der sich als Dubois vorstellt. Die beiden bilden das Schlusslicht des Trupps, der sich nun wieder in Bewegung setzt. Vor einem Bauernhaus halten sie erneut. Der Einsatzleiter steigt aus und unterhält sich angeregt mit dem Bauern, der bereits vor die Tür getreten ist. Tom kann das Gespräch nicht verstehen, er sieht aber, dass der Bauer in eine bestimmte Richtung deutet. Der Einsatzleiter bedankt sich, Geld wird übergeben. Dann fahren die Wagen in die angegebene Richtung. Man hält nun über Funk untereinander Kontakt, spricht sich mit dem Hubschrauber- team ab. Tom verfolgt alles mit stiller Faszination. Als der Hub- schrauber schließlich eine Sichtung meldet, entfährt ihm ein auf- geregter Schrei. „Fahr, fahr, fahr!“, feuert er Dubois an. Der Jeep schießt einen Forstweg hinunter, folgt der Staubspur der anderen Wagen.

Die vier Frauen rennen panisch in verschiedene Richtungen davon, als die Jeeps am Rand der Lichtung auftauchen. Sie haben den Mo- torenlärm nicht wahrgenommen, waren zu erschöpft von der tage- langen Flucht. Nur ein wenig Schlaf. Nur ein bisschen im Sonnen- schein liegen. Jetzt laufen sie ein letztes Mal um ihr Leben. Die Jeeps teilen sich ebenfalls auf, lassen sich vom Helikopter leiten. Schüsse krachen durch den lichten Wald. Getroffen fällt eine rennende Gestalt zu Boden, überschlägt sich, bleibt liegen. Eine andere krümmt sich, hastet dann aber weiter. Dubois schneidet ihr den Weg ab. Rammt sie mit dem Wagen. Der geschundene, magere Frauenkörper schlägt mit einem dumpfen Knall gegen das Blech des Jeeps. Tom zuckt zusammen, als er das Geräusch hört. Hat sich das alles ganz anders vorgestellt. Dubois hält den Wagen an und steigt aus. „Kommen Sie, Monsieur Underberg!“ Unwillig klettert Tom aus dem Jeep. Geht um den Wagen herum und sieht sich das blutende Wesen an, das verdreht auf dem Waldboden liegt. „Das ist eine Frau!“, entfährt es ihm entsetzt. „Möchten Sie sie erschie- ßen, Monsieur Underberg?“, fragt Dubois und hält ihm grinsend eine Pistole hin. Tom wird sehr blass, greift aber schließlich nach der Waffe. Die Frau auf dem Boden schluchzt herzzerreißend. Trotz unzähliger Knochenbrüche versucht sie immer noch durch das Laub davonzukriechen. Weg von den Männern, die breitbeinig über ihr stehen. Tom zielt mit der Pistole. Seine Hand zittert stark. Sein erster Schuss geht in ihren Oberschenkel. Der zweite trifft ihren Rücken. Den dritten schießt Tom einen Meter daneben, das vierte Mal zerfetzt er ihr Gesicht, als sie sich wimmernd nach ihm umdreht. „Monsieur Underberg, très bien!“, lacht Dubois und nimmt Tom die Waffe aus den verkrampften Fingern. „Ich dachte zuerst, Sie scheißen sich ein, aber das war saubere Action.“ Aufmunternd deutet er mit der Waffe quer über die Lich- tung. Ein blasser Körper verschwindet gerade hinter einem umgestürzten Baumstamm. „Da ist noch eine, holen wir sie uns!“ Tom folgt Dubois, als dieser mit schnellen Schritten die Lichtung überquert.
„Auf unser neues Ehrenmitglied, er lebe hoch! Hoch! Hoch!“ Ausgelassenes Gelächter brandet durch den Schankraum.

Weingläser prosten ihm zu, Schnäpse werden geleert. Tom steht inmitten der Aufmerksamkeit, sein wächsernes Lächeln überstrahlt den Raum. Er stürzt sein Glas Rotwein hinunter, lässt sich sofort neu einschenken. Hinter seiner Stirn explodiert ein verzweifeltes Gesicht in tausend Knochensplitter. „Auch auf euch, meine tapferen Kameraden!“ Seine Stimme klingt etwas schrill, es war ein langer Tag. Tom kann immer noch das Blut an seiner Kleidung riechen. Nachdem er ein paar weitere Gläser Wein geleert und bei unzähligen Schnapsrunden zugegriffen hat, torkelt Tom nach draußen um seine E-Smoke zu rauchen. „Eine noch, eine noch, eine noch!“, schreit es hinter ihm her, und Tom weiß nicht, ob die Männer noch eine Schnapsrunde oder noch eine Leiche meinen. Betrunken fummelt er das Handy aus seiner Jackentasche, um seinen Vater anzurufen „Es ist nach elf, was zur Hölle willst du?“, fährt Jeff ihn verschlafen an. „Ich habe sie erschossen!“, lallt Tom zwischen Stolz und Elend. Erneut sieht er die geschundene Gestalt auf der Lichtung liegen. Ihr rotes Blut im grünen Gras. „Was hast du?“ „Ersch-sch-sch-schossen!“, schreit Tom. Er lacht schallend. Sieht eine blutverschmierte Hand, Glockenblumen, die sich im Wind wiegen, leblose Augen. „Bist du besoffen, Junge?“, jetzt schreit auch Jeff. „Natürlich bin ich besoffen, du Arschloch! Ich habe sie erschossen!“, kreischt Tom hysterisch. Tränen laufen über sein hochrotes Gesicht. Dann kotzt er unkontrolliert vor die Eingangstür der Schänke. „Tom? Tom!“ „Es sind Menschen, Vater. Wusstest du das?“ Ein langer Rotzfaden hängt aus Toms Nase. Geräuschvoll zieht er ihn nach oben. „Und ich habe sie abgeknallt.“ Er wirft das Handy gegen die Hausmauer und kotzt sich die Seele aus dem Leib.
„Gottlieb Kahrbauer?“ „Spreche ich mit Gottlieb Kahrbauer?“, fragt eine verzerrte Stimme. „Das habe ich doch gerade gesagt, oder?“, antwortet der Journalist verärgert, er ist kurz davor den Hörer wieder aufzulegen. „Es geht um Namur“, schnarrt die ano- nymisierte Stimme. Ein einziges Wort und schon hat der unbe- kannte Anrufer Kahrbauers volle Aufmerksamkeit. „Ich höre zu“, sagt er mit Bestimmtheit. „Die haben Menschen getötet!“ Trotz Stimmverzerrung klingt der Sprecher verzweifelt. Kahrbauer glaubt ein Schluchzen hören zu können. „Haben Sie irgendwelche Beweise?“ stellt er die einzige Frage, die wirklich von Belang ist. „Ich habe alle Beweise, die Sie sich wünschen können. Aber zuerst müssen Sie sie retten!“ „Wen muss ich retten?“, fragt Kahrbauer irritiert, ungeduldig winkt er seine Frau fort, die gerade eine Tasse Tee ins Arbeitszimmer bringt. „Es sind zweiundzwanzig Men- schen bei der Explosion entkommen. Einundzwanzig wurden ver- nichtet. Eine Frau lebt noch. Sie müssen sie finden!“ „Wie stellen Sie sich das vor?“ Kahrbauer weiß nicht genau, was er von seinem Gesprächspartner halten soll. „Können wir uns treffen?“, fragt er geradeheraus. „Nein!“ Die verzerrte Stimme überschlägt sich. „Dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen soll.“ Kahrbauer wartet geduldig, ob der Anrufer nach dem Köder schnappt. „Okay, ein Treffen“, willigt dieser schließlich ein. „Wie darf ich Sie anspre- chen?“, fragt der Journalist. Es ist lange still am anderen Ende der Leitung. Man kann förmlich fühlen, wie jemand mit einer Ent- scheidung ringt. „Nennen Sie mich Tom“, antwortet die verzerrte Stimme.

© sybille lengauer

Die Nacht der Toten

Eine Großstadt ist niemals dunkel, Straßen und Gehwege werden nachts von zahlreichen Laternen beleuchtet, Tanzlokale, Kneipen und Flaniermeilen, Tankstellen, Hurenhäuser und sogar einfache Werbeschilder strahlen oft heller als der Tag. Schaut man vom Grund dieses Lichtermeeres zum fernen Nachthimmel hinauf, sucht man die Sternbilder oft vergebens, dafür stößt man dort unten an jeder zweiten Straßenecke auf protzige Lichtshows, die eine herkömmliche Gebäudefassade in einen regelrechten Farbenrausch stürzen. Aus der Vogelperspektive betrachtet winden sich die Verkehrsadern der Großstadt wie glitzernde Lichterketten durch die Nacht, streben den dunkleren Vorstädten und Gemeinden zu, verweben ihr immerhungriges Herz und formen so ein strahlendes Lichtgespinst menschlicher Zivilisation. Das leuchtende Großstadtgewebe erinnert entfernt an das Röntgenbild eines sterbenskranken Krebspatienten, dessen abgekämpfter Körper voller tödlicher Metastasen steckt. Zumindest erinnerte es Mave daran, als das Passagierflugzeug, in dem er saß, im Sinkflug über seiner Heimatstadt kreiste, derweil er aus dem Flugzeugfenster starrte und an nichts anderes denken konnte, als den Tod. Schmutzigschwarz war sein vielgetragener Anzug, blauschwarz gefärbt sein struppiges Haar, rabenschwarz waren seine rastlosen Gedanken. Mave war auf dem Weg zu einer Beerdigung und jede Faser seines Körpers sträubte sich dagegen. Vor zehn Tagen war seine Mutter verstorben, gefühlte zehn Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Man hatte telefoniert, ab und an. Zum Geburtstag gratuliert und an den hohen Feiertagen manchmal eine knappe Textnachricht auf dem Handy verschickt, dann war wieder monatelang Funkstille und kaum ein Gedanke an Daheim. Bis plötzlich ein unerwarteter Anruf seiner Schwester den Kreislauf zerriß: „Mutter ist tot. Lungenkrebs.“ Vielleicht hatte Mave erwartet, dass sich die Schleusen des Himmels öffnen und eine Flut an Gefühlen über ihn hereinbrechen würde, vielleicht hatte er gehofft, es mache ihm zumindest etwas aus, doch in seinem tiefsten Inneren spürte er nur leichten, leisen Unwillen und er wusste nicht einmal zu sagen warum. Tagelang suchte er nach Ausreden um sich vor der Beisetzung zu drücken, er fühlte sich fiebrig und nicht in der Lage zu reisen, die Arbeit wuchs ihm über den Kopf, er wollte es nicht riskieren Urlaub zu nehmen, einen derart kurzfristig gebuchten Flug konnte er unmöglich bezahlen, wer war er, Krösus? Doch die Angst vor dem Zorn seiner Schwester und der Hauch eines schlechten Gewissens trieben ihn schließlich in ein Flugzeug und so hockte er nun verkrampft an jenem unbequemen Fensterplatz und hing trübseligen Gedanken nach. Wie lange war es her, dass er Mutter zuletzt besucht hatte? Fünf Jahre, oder doch sieben? War es vor seiner Scheidung von Larissa gewesen, oder danach? Er wusste es nicht zu sagen und je angestrengter er überlegte, desto weniger schien er sich erinnern zu können. Doch er versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wollte es minutiös ergründen um nicht die eigentlichen Fragen denken zu müssen, die seit dem Anruf seiner Schwester gedacht werden wollten und von ihm unterdrückt wurden: warum hatte Mutter nichts gesagt? Hatte sie nicht gewollt, dass er sie ein letztes Mal besuchte? Und hätte er sie besucht, wenn er von ihrer tödlichen Krankheit gewusst hätte? Mave wollte sich diesen Fragen nicht stellen, er versuchte seine Gedanken in sinnlose Kreisbahnen zu zwingen und grübelte doch nur düster über krebskranke Leiber und Zivilisationen. Noch während der Landung formulierte er eine kurze Textnachricht an seine Schwester, er habe es sich anders überlegt und würde den nächsten Flug zurück nehmen, doch er verschickte die Nachricht nicht, sondern starrte nur lange auf das Display des Handys, bevor er die Nachricht löschte. Missmutig verließ er mit den anderen Passagieren das Flugzeug, drängte durch das Gewimmel, griesgrämig schob er sich an der Flughafenkontrolle vorbei, er hatte keinen Koffer, also musste er nicht warten. Vor dem Flughafen standen diverse Taxis und Shuttlebusse bereit, Mave beschloss trotzig die U-Bahn zu nehmen, es würde länger dauern, es wäre unbehaglich, überheizt und stinkend und das erschien ihm gerade angemessen. Neunzig Minuten später las er gereizt die vielen Klingelschilder am Eingang eines verschachtelten Wohnkomplexes. Er fand das richtige Schild, hob die Hand um zu klingeln, doch sein Finger verharrte in der Bewegung. Jetzt oder nie, dachte Mave und wusste selbst nicht zu sagen, ob er die Flucht nach vorn oder den taktischen Rückzug meinte. Unangenehme Sekunden verstrichen, dann drückte er kräftig auf die Klingel und zuckte erschrocken zusammen, als sich sofort eine tiefe männliche Stimme meldete. „Wer ist da?“, brummte es aus der Gegensprechanlage. „Ich will zu Sandra Wagner. Ist das nicht ihre Wohnung?“, bellte Mave verdrossen, ein Passant, der mit einem kleinen Hund vorbeispazierte, warf ihm einen misstrauischen Seitenblick zu und beschleunigte seine Schritte. „Wer da ist, habe ich gefragt“, knarzte die fremde Stimme, Mave rollte entnervt mit den Augen und gab nach. „Ich bin Mave. Sandras Bruder“, blaffte er möglichst unfreundlich. Das laute Summen des Türöffners entließ ihn aus dem unangenehmen Gespräch.
„Was eine Freude dich kennenzulernen, Bro!“, brüllte ein riesiger Grizzlybär, der wenige Minuten später die Wohnungstüre öffnete und einen verdatterten Mave an seine breite Bärenbrust drückte. Der Grizzly stellte sich als Joe Ziegler vor und war Sandras neuer, vollbärtiger, flanellhemdtragender Lebensgefährte. Sandra befand sich im Augenblick nicht zuhause, sie war überraschend zu einem Arbeitseinsatz ans andere Ende der Stadt gerufen worden und hatte deshalb Joe gebeten, Mave in Empfang zu nehmen. Joe freute sich enorm über die Gelegenheit Mave in Ruhe beschnuppern zu können, von Dude zu Dude, wie er es grinsend formulierte. All dies erfuhr Mave noch bevor er die Türschwelle überschritten hatte, Joe überschüttete ihn mit Umarmungen und Worten, bis er sich eines Besseren besann und Mave mit einem lautstarken: „Was stehst du hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, komm endlich rein, Brudi!“ in die Wohnung zog. Mave sah keine andere Möglichkeit, als dem Untier zu folgen. Das geschmackvoll eingerichtete Wohnungsinnere passte allerdings ebensowenig zu Joe und seiner Waldschrataufmachung, wie dieser, nach Maves schnellgefasster Meinung, zu seiner Schwester passte. Modernes Möbeldesign und funktionaler Schick prallten hart auf Joes bärtige Holzfällerexistenz und Mave kam nicht umhin, diesen Umstand gehässig zu kommentieren. Doch sein ätzender Sarkasmus fiel auf unfruchtbaren Boden, Joe schüttelte nur ganz nach Bärenart den massigen Schädel, trollte sich in die Küche und kehrte mit zwei offenen Bierflaschen in den großen Pratzen und einem Lächeln im haarigen Gesicht zu Mave zurück. „War bestimmt’n anstrengender Flug, hm?“, brummte er versöhnlich, er reichte Mave eine Flasche, der unschlüssig im geräumigen Wohnzimmer herumstand, stumm nickte und das Bier entgegennahm. „Langer Weg nach Hause, wie?“, sagte Joe einfühlsam, er deutete einladend auf eine dunkelbraune Ledercouch und setzte sich ächzend, doch Mave hatte keine Lust auf ein solches Gespräch, schmallippig nahm er Platz, starrte auf die Bierflasche in seinen Händen und reagierte nicht mehr. Joe stieß ein behagliches Seufzen aus, er lehnte sich grunzend in der Couch zurück und trank genüsslich, Mave beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und schauderte unwillkürlich, als Joe die Flasche absetzte und laut rülpste. Was verband seine Schwester nur mit diesem haarigen Scheusal? Mave nahm sich vor, ihr später genau diese Frage zu stellen. „Willst du einen durchziehen?“, platzte Joe in Maves beziehungstheoretische Überlegungen hinein, irritiert hob dieser den Kopf, hatte er das gerade richtig verstanden? „Will ich was?“, fragte er unsicher, doch konnte er den Hauch Hoffnung nicht ganz aus seiner Stimme tilgen. „Einen harzen, qualmen, haschen. Einen Ofen anglühen. Ein Pfeifchen goutieren. Ein Möhrchen knabbern. Du weißt schon“, antwortete Joe, gutmütig lachend. „Sandra hat mir erzählt, dass du früher gekifft hast wie ein Rabe, daher dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee.“, fügte er mit gönnerhaftem Grinsen hinzu. Das hat sie dir also erzählt, ja? dachte Mave, doch die Worte verließen nicht seinen Mund. Stattdessen sagte er nur „Klar. Gerne“ und nahm sich vor ein paar ernsthafte Worte mit seiner Schwester zu wechseln, wenn sich später die Gelegenheit dazu ergab. Gebannt beobachtete er, wie Joe sich von der Ledercouch wälzte und in einem kleinen Schränkchen zu kramen begann, aus dessen Tiefen er eine hölzerne Schatulle und eine gläserne Bong hervorholte, die mit klarem Wasser gefüllt war. „Bitteschön, bitte sehr“, dröhnte Joe bärenfröhlich, er platzierte die Gegenstände auf dem Wohnzimmertisch, deutete mit einer einladenden Handbewegung darauf und Mave ließ sich nicht zweimal bitten. Dicke Rauchschwaden durchzogen bald das Wohnzimmer, Joe sah sich genötigt ein Fenster zu öffnen und die Geräusche der nächtlichen Großstadt drangen unüberhörbar laut herein. Was für eine beschissene Stadt, dachte Mave und sagte es auch laut, doch Joe zuckte nur mit den Achseln und holte mehr Bier. „Ich lebe gern hier“, resümierte er schlicht, als er aus der Küche ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Müsste so ein Kerl wie du nicht viel lieber im Wald leben?“, fragte Mave mit füchsischer Freundlichkeit, während er die Bong ein weiteres Mal stopfte. Joe kicherte humorvoll und strich bedächtig über seinen imposanten Bart, doch er blieb eine Antwort schuldig, denn in diesem Moment kam Sandra bei der Tür herein und der Bärenmann verlor die Beherrschung. „Babe!“, schrie er begeistert, wie ein riesiger Welpe sprang er freudig von der Couch um sie zu begrüßen, Mave beobachtete das Schauspiel mit hochgezogener Augenbraue. Einer innigen Umarmung folgte ein intensiver Kuss, sie lagen sich in den Armen wie Liebende, die auf Jahre getrennt gewesen waren. Ein stechender Anflug von Neid kräuselte Maves Bewusstsein, dann traf sein Blick auf die honiggrünen Augen seiner Schwester und seine Gedanken stürzten in einen eiskalten Bergsee, denn diese Augen verengten sich gefährlich, als sie zu ihm hinübersahen. Sandra löste sich aus Joes Umarmung, schnellen Schrittes ging sie auf Mave zu, der sich vorsichtshalber erhoben hatte und nicht genau wusste, ob er im nächsten Moment umarmt oder geschlagen werden würde. Seine Schwester schien ebenfalls nicht sicher zu sein, kurz zuckten ärgerliche Falten über ihr hübsches Gesicht, doch dann schien sie sich einen Ruck zu geben, sie setzte ein schiefes Lächeln auf, breitete die Arme aus und drückte Mave an ihr Herz. Es fühlte sich eigenartig an ihren vertrauten und doch fremdgewordenen Körper zu umarmen, den Duft ihres lockigen Haares einzuatmen, der ihn an lang vergangene Kindheitstage und, warum auch immer, Spaghetti mit Ketchup, erinnerte. „Schön dich zu sehen, Maffie“, flüsterte Sandra an seinem Ohr und der Klang seines alten Spitznamens jagte Schauer über Maves Rücken. „Auch schön dich zu sehen“, antwortete er heiser, Mave räusperte sich verlegen und trat einen Schritt zurück, um seine Schwester genau anzusehen. „Du siehst gut aus“, setzte er hinzu, weil er dachte, dass es sich so gehörte. „Kann man von dir nicht behaupten“, versetzte Sandra, doch Mave überhörte die Spitze. „Möchtest du ein Bier, Liebes?“, fragte Joe aus dem Hintergrund und Sandra nickte dankbar. „Bin gleich wieder da“, flötete der Flanellhemdriese und verschwand in der Küche. „Wo hast du den denn aufgetrieben?“, wollte Mave sofort wissen, Sandra wischte seine Frage mit einer unwilligen Handbewegung fort. „Ist das zwischen euch so einer Art Die-Schöne-Und-Das-Biest Ding?“, bohrte Mave unverdrossen weiter, doch seine Schwester hatte kein Interesse an der Frotzelei. „Halt die Klappe, großer Bruder. Ich liebe ihn und damit hat es sich. Verstanden?“ Mave zuckte mit den Achseln und schwieg. Sandra ließ sich stöhnend in die Couch sinken, sie streckte die Füße aus, spreizte die Zehen und knackte mit den Knöcheln. „Igitt“, kommentierte Mave, der dieses Geräusch schon in der Kindheit verabscheut hatte. „Mama hat ziemlich gelitten in ihren letzten Tagen“, sagte Sandra ganz unvermittelt und der plötzliche Themenwechsel brachte Mave völlig aus dem Konzept. Fassungslos starrte er in das Gesicht seiner Schwester und wußte nicht, was er antworten sollte. „Warum hat mir niemand etwas gesagt?“, platzte es ebenso plötzlich aus ihm heraus, Sandra knackte ausgiebig mit den Handgelenken und allen Fingern, bevor sie seine Frage mit einem knappen „Sie hat es mir verboten“ beantwortete. Ein Warum hing im Raum, doch Mave konnte sich nicht überwinden es auszusprechen, er druckste herum, nippte an seinem Bier und wechselte dankbar das Thema, als sein neuer Bärenfreund Joe aus der Küche zurückkehrte und Bierflaschen verteilte. Man redete über die Jobs, lästerte über die beschissene Regierung und über unfähige Fußballmannschaften, die nicht mehr so spielten wie früher einmal, man unterhielt sich über dieses und jenes und unterließ es geflissentlich tote Mütter, schmerzhaftes Siechtum und morgige Beerdigungen anzusprechen. Die Bong kreiste, Mave registrierte erstaunt wie routiniert seine Schwester rauchte, in seiner Erinnerung war sie immer noch ein wohlerzogenes Mädchen, das Drogen zutiefst verabscheute. Heute Nacht war von diesem Mädchen nicht mehr viel übrig, Sandra kiffte wie ein Profi und trank das Bier in Höchstgeschwindigkeit. Sie schien den kritischen Gedanken ihres Bruders zu erraten, „Spar dir das Moralgesicht, Maffie. Wir sind hier alle erwachsen“, sagte sie mit schwerem Zungenschlag und warf ein Feuerzeug nach ihm. Maves schnippische Antwort ging in einem gewaltigen Gähnen unter, das sich aus Joes kolossalem Brustkorb emporarbeitete. „Verdammt, ich bin wirklich müde“, verkündete er aus voller Kehle. „Wir sollten alle schlafengehen. Morgen wird ein langer Tag“, murmelte Sandra, die mit einem Mal sehr ernst geworden war, sie erhob sich abrupt und begann den Couchtisch abzuräumen. Joe beeilte sich behilflich zu sein, während Mave einfach nur dasaß und die beiden beobachtete. Ihre Bewegungen und Handgriffe harmonierten auf wundersame Weise, zwei Körper mit vier Armen und Beinen, die wie ein einziges Wesen agierten und den Tisch abräumten oder vielleicht kam es Mave auch nur so vor, weil er übermüdet, betrunken und völlig bekifft war. „Ich habe dir das Gästebett bezogen, die zweite Türe links“, rief Sandra aus der Küche und Mave verstand den Hinweis. „Danke“, murmelte er viel zu leise, dann suchte er das richtige Zimmer auf, ließ sich in voller Kleidung ins Bett fallen und wartete auf den Schlaf. Doch der kam nicht. Minuten vergingen, sammelten sich zu einer Viertelstunde und gerannen schließlich zur halben Stunde, sein Hosengürtel drückte, die Socken zwickten an den Waden, Mave gab auf. Er wälzte sich aus dem Bett, kramte einen Kulturbeutel aus seinem Rucksack, schlich durch den dunklen Flur auf die Toilette, wusch sich mäßig, putzte die Zähne und legte sich dann, ordentlich ausgezogen, wieder ins Bett. Niemals hätte er zugegeben, dass er sich nun besser fühlte, augenblicklich fielen seine Augen zu, ein letzter, schuldbewusster Gedanke jagte durch seinen Schädel, dann schlief er tief und fest. „Guten morgen Sonnenschein!“, röhrte ein haariger, biestiger Menschenberg mitten in Maves wirre Träume hinein, schreiend fuhr dieser aus dem Bett, um Leib und Leben zu verteidigen. „Alles gut Bro, ich bin’s nur“, brummte der Riese im Flanellhemd gutmütig, Mave blinzelte und sah genauer hin, seine schlaftrunkenen Gehirnzellen erinnerten sich an den gestrigen Tag und identifizierten Joe Ziegler. Mave entspannte sich und ließ etwas beschämt das Kopfkissen sinken, das er instinktiv wie ein Schild an seine Brust gedrückt hatte. „Was willst du hier?“, fragte er betont unfreundlich, doch seine schlechte Laune verfing sich in Joes buschigen Augenbrauen und verpuffte wirkungslos. „Aufstehzeit, Frühstück!“, donnerte dieser mit leuchtenden Augen, dann zog er sich verblüffend leichtfüßig aus dem Zimmer zurück. Mave sah ihm stirnrunzelnd hinterher, unwillig strich er durch sein zerzaustes Haar, sein Geruchssinn wies zögerlich auf die Anwesenheit von Kaffeegeruchspartikeln hin, zumindest etwas, dachte Mave und schlich in Boxershorts und T-Shirt in die Küche. Sandra saß am Küchentisch und starrte auf ihr Handy, Joe stand am Herd und bereitete etwas zu, dass Mave in Ermangelung passender Worte gedanklich als Fressfest bezeichnete. Eier, Speck, Würstchen, Bohnen, alles brutzelte munter in diversen Pfannen. Überwältigt von dem opulenten Anblick beschloss Mave spontan bei Kaffee zu bleiben. „Schwarz. Zwei Stück Zucker.“, knurrte er knapp, während er sich an den Tisch setzte und den angebotenen Teller verweigerte. Joe war unverzüglich mit einer frisch aufgebrühten Tasse Kaffee bereit, er wirbelte wie eine glückliche Küchenfee umher und war für Maves Geschmack geradezu unausstehlich gastfreundlich. „Gut geschlafen?“, fragte Sandra ruhig, Mave grunzte neutral und trank wortlos den heißen Kaffee. „Wir müssen um elf Uhr am Westfriedhof sein“, sagte sie, ohne von ihrem Handy aufzuschauen, „dort treffen wir Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut. Mama wird um elf Uhr dreißig beigesetzt. Es gibt keinen Priester und auch sonst keinen Schnickschnack, da war sie sehr eigen. Ich habe einen Kranz bestellt und man durfte ein Lied aussuchen. Sie hat sich ‚we’ll meet again‘ in der Version von Johnny Cash gewünscht, du weißt ja, was für ein Fan sie war.“ Mave bemerkte ein Zittern in Sandras Stimme und sah Tränen, die aus ihren Augen auf das Display des Handys tropften. Es tut mir leid, wollte er sagen und konnte es nicht. Stattdessen nickte er nur und schwieg. „Hast du einen ordentlichen Anzug?“, fragte Sandra, ganz unvermittelt blickte sie vom Handy hoch und Mave erschrak, als er die überwältigende Traurigkeit in ihrem blassen Gesicht sah. Ein dicker Kloß sammelte sich in seinem Hals, also nickte er nur wieder wortlos und trank noch mehr Kaffee. „Du meinst aber nicht das schäbige Teil, das du gestern schon angehabt hast, oder?“ Mave erstarrte. „Naja“, stieß er errötend hervor, Sandra schüttelte entschlossen den Kopf und sog scharf die Luft ein. „Das kommt gar nicht in Frage.“, entfuhr es ihr schroff. „Soll ich mir etwa ein Flanellhemd von dem da ausborgen?“, antwortete Mave gehässig, sein ausgestreckter Zeigefinger deutete anklagend auf Joe, der mittlerweile ebenfalls am Küchentisch platzgenommen hatte und gierig einen randvollen Teller Fressfest in sich hineinschaufelte, doch Sandra wischte Maves Einwand mit einer ärgerlichen Handbewegung fort. „Ich habe einen Anzug für dich. Er wird angemessen sein“, sagte sie entschieden und Mave hörte am Klang ihrer Stimme, dass es keinen Platz für weitere Diskussionen gab. Eine knappe Dreiviertelstunde später stand er sauber und frisch rasiert vor dem großen Badezimmerspiegel, sein ordentlich gekämmtes Haar glänzte wie blauschwarze Krähenflügel und der anthrazitblaue Anzug, der ihm von Sandra aufgenötigt worden war, saß tatsächlich hervorragend. Mave betrachtete sein Erscheinungsbild beinahe wohlwollend, dann erinnerte er sich schlagartig an den Grund seines Aufzugs und das aufkeimende Wohlgefühl verschwand. Betrübt trollte er sich aus dem Badezimmer, im Flur stieß er auf Joe, der ein schwarzes Death-Metal T-Shirt und Jogginghose trug und sich gerade auf dem Weg ins Wohnzimmer befand. Maves irritierten Blick kommentierte er mit einem entschuldigenden Grinsen: „Die Beisetzung ist nur für Familienangehörige. Ich bin erst heute Abend wieder dabei.“ „Was ist heute Abend?“, fragte Mave neugierig. „Das erfährst du noch früh genug“, antwortete Sandra in seinem Rücken, sie hatte sich ebenfalls umgezogen und trug nun ein langärmliges, schwarzes Kleid mit zartem Spitzenkragen. Ihr lockiges Haar war im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, sie hatte darauf verzichtet ihre Augen zu schminken, nur ein wenig Rouge und dezenter Lippenstift brachten etwas Farbe in ihr Gesicht. „Was erfahre ich früh genug?“, bohrte Mave nach, der es hasste mit solchen Allgemeinsprüchen abgefertigt zu werden, doch Sandra schüttelte nur den Kopf. „Nichts da“, sagte sie knapp. Mave schimpfte sie halbherzig eine blöde Ziege und verfiel anschließend in schmollendes Schweigen, um keine weitere Unterhaltung führen zu müssen. Er schmollte auf dem Weg zum Friedhof, schmollte, als er Herrn Übel vom Beerdigungsinstitut vorgestellt wurde und hörte erst auf zu schmollen, als er den Nebenraum der Friedhofskapelle betrat und einen Truhensarg aus Kiefernholz erblickte. Praktisch und schlicht waren die ersten Worte, die ihm in den Sinn kamen. Da liegt sie jetzt drin, sagte eine nüchterne Stimme in seinem Kopf und Mave fühlte ein unangenehmes Stechen im Magen. Er beobachtete Sandra, die sich dem geschlossenen Sarg näherte und bittere Tränen vergoss, blieb selbst in der Nähe der Türe stehen und konnte keinen Schritt weiter. Eine innere Barriere schien ihn zurückzuhalten, erst als seine Schwester unwirsche Zeichen gab, kam er widerwillig näher. Sandra nickte einem Mann zu, der sich dezent im Hintergrund aufgehalten hatte, dieser erwiderte das Nicken und verschwand hinter einem dunklen Vorhang. Kurz darauf erfüllten die Klänge von ‚we’ll meet again‘ den kleinen Raum, Mave hatte das Lied seit Jahren nicht gehört und wunderte sich nun über die eigenartige Wahl seiner Mutter. Die Beisetzung verlief überraschend zügig. Mave hatte mit einer gefühlsduseligen Zeremonie gerechnet, doch seine Befürchtung traf nicht ein, nach ein paar wenigen Gedenkminuten wurde der Sarg von sechs Sargträgern aufgenommen und gemessenen Schrittes nach draußen verbracht, Sandra und Mave folgten langsam über den knirschenden Kiesweg, der zur Grabstelle führte. Sandra weinte unentwegt und schnäuzte in ein großes Stofftaschentuch, Mave trug einen verschossenen Gesichtsausdruck zur Schau und sonst gar nichts. Auch jetzt noch war es ihm unmöglich echte Trauer zu empfinden und langsam begann er sich ernsthaft zu fragen, was zur Hölle nicht stimmte. Er beobachtete die zuckenden Schultern seiner Schwester, versuchte sich in ihren Abschiedsschmerz hineinzufühlen, suchte jene Traurigkeit zu finden, die er nach dem Tod der Mutter in seinem Herzen erwartet hätte, aber alles was er fand waren leere Gefühlshülsen, ausgebrannte Emotionen und Müdigkeit. Mave fühlte sich vollkommen deplatziert, als wäre er gänzlich unvorbereitet in eine unmögliche Situation geworfen worden, die er keinesfalls bestehen konnte. Ein hartes Eisenband schien sich um seinen Kopf zu schlingen, schien immer enger zu werden, bis sein Schädel knirschte, sein Magen revoltierte, scharfes Brennen stieg heiß seine Kehle empor, seine Knie begannen heftig zu zittern, sein Herz pochte wild, kalter Schweiß rann von seiner Stirn. Ruckartig machte er auf den Absatz kehrt, fluchtartig verließ er den Friedhof. Er rannte bis er völlig außer Atem war, winkte schließlich ein Taxi heran und nannte den Flughafen als erstes Ziel, das ihm in den Sinn kam, doch dann erinnerte er sich an seinen Rucksack, der noch in Sandras Wohnung lag und änderte die Zielangabe. Das Innere des Taxis roch nach feuchten Socken und kalter Asche, der Taxifahrer selbst stank nach Zigaretten und ungewaschenen Haaren. Mave fühlte sich unwohl und wollte am liebsten sofort wieder aussteigen, wollte, wenn möglich, gleich ganz aus seiner Haut aussteigen und warum überhaupt Feststofflich bleiben, er hätte sich gerne aufgelöst und endlich aufgehört zu existieren. Versunken in solch finstere Gedanken ertrug er die Fahrt durch den dichten Straßenverkehr, landete schließlich vor Sandras Wohnkomplex und klingelte stürmisch, bis der Türsummer ertönte. Joe nahm ihn an der Türe mit gefühlvoll blinzelnden Äuglein in Empfang, doch Mave hatte die Schnauze voll von Gefühlen, barsch blaffte er eine fadenscheinige Begründung für sein frühes Erscheinen, schob sich an Joe vorbei in die Wohnung und stürmte ins Gästezimmer. Er wollte packen und verschwinden, jetzt und sofort, doch aus unerfindlichen Gründen stolperte er stattdessen einfach nur auf das ungemachte Bett zu, fiel hinein und blieb regungslos liegen, bis er in bleiernem Schlaf versank.
Desorientiert und mit steifen Muskeln erwachte er aus nervösen Träumen, das Zimmer lag dunkel, die Sonne schien bereits lange untergegangen zu sein, verwirrt suchte Mave nach seinem Handy, als er es gefunden hatte erschrak er über die späte Uhrzeit. Ein dringendes Bedürfnis trieb ihn aus dem Bett, mit platten Schritten quälte er sich über den Flur ins Badezimmer, um zu pinkeln. „Mave?“, fragte eine dunkle Männerstimme von der anderen Seite der Türe. „Was?“, rief Mave ungehalten zurück, er konnte es nicht leiden, wenn er beim pinkeln gestört wurde. „Wir warten im Wohnzimmer auf dich“, sagte Joe, dann entfernten sich schwere Schritte von der Tür und Mave war wieder alleine. „Aha“, machte er nur und betätigte die Spülung. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, vermied es, in den Spiegel zu sehen, dann stand er mit baumelnden Armen vor dem Waschbecken und wusste nicht weiter. Er hatte keine Lust ins Wohnzimmer zu gehen, wollte schon gar nicht seiner Schwester unter die Augen treten, doch was sollte er tun? Davonlaufen? Schon wieder? Ein bitteres Lachen drang aus seiner Kehle, er nannte sich selbst einen feigen Hund, verpasste einer Fliesenkachel einen derben Fauststoß und schritt entschlossen ins Wohnzimmer. Sandra und Joe saßen eng aneinandergekuschelt auf der braunen Ledercouch und unterhielten sich leise, als Mave hereintrat unterbrachen sie das Gespräch. Mave hatte eine negative Reaktion erwartet, hatte mit Geschrei gerechnet und schlimmen Vorwürfen, doch seine Schwester erhob sich nur in einer fließenden Bewegung von der Couch, kam ohne zu zögern auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Mave erstarrte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte und vergaß vor Schreck zu atmen. „Es ist alles gut“, flüsterte Sandra, dann löste sie die Umarmung, griff nach seiner Hand und führte ihn zur Couch. Mave folgte verunsichert, setzt sich und nahm widerstandslos eine Tasse Tee entgegen. „Trink“, befahl Sandra ernst und Mave trank. Der Tee schmeckte bitter, angewidert verzog er das Gesicht, doch trotzdem trank er. Mave hatte das verquere Gefühl, es seiner Schwester schuldig zu sein den angebotenen Tee zu trinken, also stürzte er das widerliche Getränk in großen Schlucken hinunter. Mit schiefem Lächeln reichte er die leergetrunkene Tasse zurück und kam sich dämlich vor. „Ich habe nachgedacht.“ Sandra sprach betont langsam und deutlich und Mave dachte bitter, dass nun doch noch eine Zurechtweisung folgen würde. Er begann sich gedanklich bereits zu rechtfertigen, doch Sandra wollte offenbar auf etwas völlig anderes hinaus: „Ich habe lange, sehr lange nachgedacht. Über dich und deine verkorkste Beziehung zu Mama. Warum alles schiefgelaufen ist und wieso es nie wieder heil wurde. Und weißt du was? Ich kann es nicht verstehen.“ Sie rückte nahe an Mave heran und sah ihm tief in die Augen, Mave zuckte unwillkürlich ein wenig zurück, wagte aber nicht wegzusehen. „Ich glaube du kannst es selbst nicht verstehen. Du bist damals einfach weggegangen und hast nie aufgehört dich zu entfernen. Du bist kein einziges Mal stehengeblieben, um einen Blick zurückzuwerfen auf Mama und mich.“ Sandra atmete schwer und Mave dachte unbehaglich, sie erwarte nun eine Antwort von ihm, doch sie begann wieder zu sprechen bevor er den Mund öffnen konnte. „Deswegen schicke ich dich heute Abend nach Hause“, sagte Sandra bestimmt und in ihre Augen trat ein seltsamer Glanz. „Hä?“, machte Mave, der nicht verstand und vielleicht auch nicht verstehen wollte, was seine Schwester soeben gesagt hatte. „Ich habe dir eine synthetische Droge verabreicht“, erklärte Sandra lapidar. „D-du hast was?“, stotterte Mave verblüfft. „Du hast mich schon ganz richtig verstanden, Bruderherz. Wir fahren jetzt zu Mama. Komm.“ Sandra und Joe erhoben sich zeitgleich von der Couch, Mave blieb völlig perplex sitzen und glotzte mit offenem Mund. „Du hast was?“, fragte er wieder, ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Unterleib aus und er wußte nicht zu sagen, ob es Angst oder die Droge war. „Stell dich nicht so an. Steh auf und komm“, antwortete Sandra kalt, Joe trat an Mave heran und half ihm sanft, aber bestimmt auf die Beine. Mave war viel zu schockiert, um sich gegen die Behandlung zur Wehr zu setzen, widerstandslos ließ er sich aus der Wohnung und bis zu Joes rostigem Kleinwagen führen. „Wohin fahren wir?“, fragte er vorsichtig, doch niemand gab Antwort. Eingeschüchtert nahm Mave auf der Rückbank platz, Sandra setzte sich neben ihn und drückte ganz unvermittelt seine Hand. „Es wird alles gut. Vertrau mir“, sagte sie und Mave hätte am liebsten laut losgelacht, doch in diesem Moment begann die Droge zu wirken und seine Wahrnehmung kippte und zerbrach wie ein Spiegel. Das Innere des Wagens begann zu schmelzen, die Umgebung fühlten sich merkwürdig fluffig an, milchige Flüssigkeit quoll aus den Ritzen der Sitzgarnitur, von der Decke des Autos tropfte etwas, das aussah wie dunkle Schokolade. Mave hielt sich entsetzt an der Hand seiner Schwester fest, „Krass“, war alles, was er sagen konnte, das Wort glitt weich von seinen Lippen und plumpste in leuchtend orangeroten Buchstaben in den Fußraum des Wagens. Mave starrte fasziniert und vergaß seine Angst. „Coooool“, sagte er, dehnte das Wort, so lange er konnte und beobachtete gebannt, wie die vielen Os aus seinem Mund purzelten. „Iiiist daaas noooormaaaal?“, fragte er gedehnt, das Wageninnere füllte sich mit bunten Buchstaben und Mave dachte geistesgegenwärtig daran, das Fenster zu öffnen, um sie nach draußen zu lassen, bevor kein Platz mehr war. Doch es war ihm unmöglich den Mechanismus des Fensterhebers zu bedienen, hilflos zupfte er daran herum, bis eine Frauenhand in seinem eingeschränkten Sichtfeld auftauchte und den Schalter drückte. Das Fenster glitt einen Spaltbreit herunter und die wimmelnden Buchstaben wurden vom Fahrtwind aus dem Wageninneren gerissen. Mave sah ihnen grinsend hinterher. „Auf Wiedersehen“, rief er und fand sich unheimlich komisch. „Wir sind da“, sagte eine Stimme in seinem Kopf, die wie die Stimme seiner Schwester klang, Mave nickte bedächtig und rührte sich nicht. Übelkeit stieg in seinem Magen auf, er hatte das drängende Bedürfnis erbrechen zu müssen, doch der Moment ging vorbei und die Übelkeit verschwand. Mave schloß für einen kurzen Moment die Augen, als er sie wieder öffnete stand er auf einem Kiesweg, der sich wie eine unendlich lange, leuchtend weiße Schlange durch die Dunkelheit wand. „Was zur Hölle?“, rief Mave irritiert, während er versuchte auf dem schlängelnden Kiesweg das Gleichgewicht zu halten. „Es sind nur noch ein paar Meter“, brummte ein strubbeliger Grizzlybär, der an seiner Seite trottete und ein lächerlich kariertes Flanellhemd trug. „Joe?“, fragte Mave ungläubig und blieb stehen, der Bär setzte sich auf seinen dicken Hintern, wackelte freundlich mit den Ohren und hob eine Vordertatze: „Ich wusste von Anfang an, dass du ein Bär bist!“ Triumphierend verpasste Mave der erhobenen Tatze ein High Five, das riesige Tier grinste und ein dunkles Lachen drang aus seiner pelzigen Bärenbrust. „Schon klar“, gluckste Joe, dann erhob er sich schnaufend und trottete weiter. Mave folgte der zotteligen Gestalt durch die Nacht und grübelte vergnügt, ob er vielleicht ein Stück des Weges auf Joes breitem Rücken reiten könnte. „Da ist Mamas neues Zuhause“, sagte Sandra, ihre schlanke Silhouette manifestierte aus purer Dunkelheit, ihre Worte fielen wie schwere Steine und schlugen Wellen in Maves mäandernde Gedanken. „Mamas neues Zuhause“, wiederholte er leise und versuchte zu begreifen, was er sagte. Unbehagen rieselte kalt seine Wirbelsäule hinunter, er wollte keinesfalls hinsehen, doch seine Augen wanderten selbstständig über kurzgemähten Rasen und saubere Beetmarkierungen und blieben schließlich an einem Erdgrab hängen, auf dem ein wunderschöner Trauerkranz aus Trockenblumen lag. „Hallo Mama, schau mal, wen ich mitgebracht habe“, sagte Sandra und Mave erschrak über die Traurigkeit in ihrer Stimme, er hatte das impulsive Bedürfnis seine Schwester zu umarmen, doch er konnte die Füße nicht von der Stelle bewegen. Mave stand wie angewurzelt vor dem Grab. „Ich glaube, ihr habt euch viel zu sagen. Ich lasse euch beide jetzt allein.“ Sandra begann sich langsam in Luft aufzulösen und Mave wollte schreien, wollte bitten und betteln, sie möge ihn nicht allein an diesem fürchterlichen Ort lassen, doch sein Mund blieb fest geschlossen und nur ein leises Wimmern drang aus seiner Kehle. Stockstarr musste er mitansehen, wie seine Schwester in der Dunkelheit verschwanden, in der mit einem Mal nichts mehr zu existieren schien, als Mave und das Grab seiner Mutter. Verdammte Scheiße, dachte Mave entsetzt, er versuchte seinen linken Fuß vom Boden zu heben, zog und zerrte mit aller Kraft, doch je mehr er sich bemühte, desto fester schien er verankert. Sein rechter Fuß sankt tief in den Boden ein und Mave begriff mit heißkalter Panik, dass die Erde ihn gnadenlos verschlingen würde, er schrie um Hilfe, schlug um sich, kämpfte verbissen, doch das Erdreich öffnete sich unaufhaltsam und verschluckte ihn mit einem satten Schmatzen. Absolute Finsternis umfing Mave, er wurde von ihr umschlungen, spürte eine erstickend schwere Last auf seinen Brustkorb drücken und fragte sich angsterfüllt, ob es sich so anfühlte zu sterben. Grelle Lichtblitze erschienen vor seinen Augen, weiße und rote Punkte, die wie Feuerwerk in seinem Kopf explodierten. „Das ist zu viel!“, schrie er gequält, doch der Druck wuchs unaufhörlich weiter und Mave verlor das Bewusstsein.
„Es ist eine Schande“, sagte eine knarzige Frauenstimme, Mave blinzelte und schlug verwirrt die Augen auf, er lag zusammengerollt auf dem Grab seiner Mutter und hielt den Trauerkranz fest umklammert. Eine dicklich alte Dame stand über das Grab gebeugt, sie stierte mit tadelndem Blick auf seine jämmerliche Gestalt und verzog das runzelige Gesichtchen. „Eine Schande“, wiederholte sie verstimmt, Mave löste sich beschämt vom Trauerkranz und stand unbeholfen auf. „Die haben Ihre Mutter einfach über mich drübergelegt!“, schimpfte die alte Dame, Mave klopfte Erdklumpen von seiner Kleidung und nickte ohne zuzuhören. Er fragte sich ärgerlich, wohin Sandra und Joe verschwunden waren, er fror erbärmlich und wollte gerne etwas essen, duschen und verdammtnochmal schlafen. „Tieferlegen nennen die das hier, hat man sowas schon gehört?“, ereiferte sich die runzlige Alte und langsam drang ihr Gezeter bis in Maves benebelte Gedanken. „Was haben Sie da gerade gesagt?“, fragte er langsam. „Tie-fer-le-gen“, wiederholte sie und betonte jede Silbe, als halte sie Mave für nicht ganz zurechnungsfähig. „Nein, ich meinte das davor.“ Mave wandte seine volle Aufmerksamkeit der alten Dame zu, die wie eine krumme Teekanne neben dem Grab seine Mutter stand und zornig schäumte, doch sie schien nicht gewillt, auf seine Frage einzugehen. „Ich liege schon seit dreißig Jahren hier und jetzt sowas!“, fauchte sie zornig und ballte die winzigen Fäuste. „Aha“, machte Mave, das Herz schlug hart in seiner Brust und ein Stein saß zentnerschwer in seinem Magen. „Man muss doch wohl auch Rechte haben wenn man tot ist, oder was meinen Sie?“ Mave nickte automatisch, dann schüttelte er den Kopf. Übelkeit rollte in schlingernden Wellen über ihn hinweg und diesmal konnte er den Brechreiz nicht zurückhalten, Mave taumelte würgend zu einem nahen Busch. „Geht es Ihnen nicht gut, junger Mann?“ Die alte Dame war ihm zum Busch gefolgt und lugte neugierig durch die Zweige. Mave fluchte ungehalten. „Warum laufen Sie mir nach?“, jammerte er entrüstet, „Ich kann doch auch nichts für Ihre Situation.“ „Natürlich, natürlich. Alles nicht Ihre Zuständigkeit“, grummelte die alte Dame ärgerlich. „Bitte! Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“ Mave schrie lauter als er beabsichtigt hatte, erschrocken von seiner eigenen Härte verlor er das Gleichgewicht und fiel schwer auf den Hosenboden. „Das kommt davon“, schnaubte die dickliche Dame pikiert, sie machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf davon. Mave kam ungelenk wieder auf die Beine und starrte ihrer rundlichen Gestalt mit gerunzelter Stirn hinterher, angewidert wischte er Reste von Erbrochenem aus seinem Mundwinkel. „Frau Schubert hast du also schon kennengelernt.“ Mave erkannte die vertraute Stimme seiner Mutter und zuckte schuldbewusst zusammen. Er sah sich schnell nach allen Seiten um, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. „Hallo?“, fragte er verunsichert und wusste nicht, ob er eine Antwort hören wollte. „Hallo Mave“ Plötzlich stand sie vor ihm, er blinzelte nur kurz und im nächsten Augenblick war sie da und sah haargenau so aus, wie Mave sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine lange Strickjacke aus dunkelgrüner Wolle und ausgewaschene Blue-Jeans, Mave erinnerte sich vage, dass sie diese Kleidung auch getragen hatte, als er zum letzten Mal bei ihr zu Besuch gewesen war. Er hatte sich lustig gemacht über diese Strickjacke, hatte gesagt, dass selbst fünfzig Cent auf dem Flohmarkt zu teuer wären für so ein schäbiges Teil, Mave erinnerte sich schlagartig an jedes einzelne Wort und schämte sich prompt. „Hey Bettina“, sagte er hohl, weil er nicht wußte, wie er sonst reagieren sollte. „Wie geht es dir?“ fragte sie und ging mit einem leichten Kräuseln der Stirn darüber hinweg, dass er sie nicht Mutter nannte. „Hm“, machte Mave und zuckte unschlüssig mit den Achseln. Schweigend standen sie sich gegenüber, es schien als wären sie im Tod genauso unfähig zu einer Unterhaltung, wie sie es im Leben gewesen waren. „Wie geht es Sandra?“, fragte seine Mutter schließlich, sie schlenderte die wenigen Schritte bis zu ihrem Grab und betrachtete liebevoll den schönen Trauerkranz, der nach Maves ohnmächtiger Umarmung ein wenig zerpflückt aussah. „Sie ist sehr traurig“, antwortete Mave wahrheitsgemäß, und ich bin es nicht, dachte er düster, aber er konnte sich nicht überwinden es auszusprechen. „Das liegt an deiner Depression“, flüsterte seine Mutter behutsam in seinen Gedanken, Mave riß erschrocken die Augen auf und fauchte ganz automatisch: „Ich habe keine Depressionen!“ Bettina lachte. Es war ein gelöstes, befreiendes, glockenhelles Lachen und ihre Gesichtszüge wirkten um Jahre verjüngt. „Ha-ha“, äffte Mave beleidigt, doch das Lachen war entwaffnend ansteckend und schließlich konnte er ein Schmunzeln nicht länger unterdrücken. „Es ist so schön dich zu sehen“, gluckste seine Mutter vergnügt, Mave wurde schlagartig wieder ernst, wich beschämt ihrem Blick aus und starrte auf seine Füße. Bunte Muster tanzten in verschlungenen Linien über seine Schuhe, Mave fühlte sich schwindlig und sah schnell wieder weg. Seine Augen wanderten unstet über den nächtlichen Friedhof, tasteten über den hellen Kiesweg und die dunklen Gräber und bemühten sich, nicht auf das Gesicht seiner Mutter zu treffen. „Ich liebe dich“, sagte Bettina und die Schlichtheit ihrer Worte brach wie eine Sturzflut über Mave herein, sodass etwas in seinem Inneren nachgab und krachend zerbrach. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du sterben musst?“, brüllte er zornig, dicke Tränen schossen aus seinen Augen, er schlug wütend mit der Faust gegen seine Brust und wünschte sich, die Welt in Stücke reißen zu können. „Ich wollte uns beiden die Peinlichkeit ersparen“, antwortete Bettina trocken, sie lehnte an einem benachbarten Grabstein und beobachtete gelassen den Tobsuchtsanfall ihres Sohnes. „Ich wollte nicht dahinsiechen und darauf warten, dass du irgendwann anrufst und dich entschuldigst, weil du nicht kommst. Ich wollte die Ausreden nicht hören, die du dir ausgedacht hättest, und ich wollte nicht lügen und behaupten, es mache mir nichts aus.“ Mave starrte fassungslos in das ruhige Gesicht seiner Mutter, in dem weder Vorwurf noch Schmerz zu lesen waren, er spürte, dass sie die Wahrheit sagte und es tat unbeschreiblich weh, sie dabei so entspannt zu sehen. „Ich wäre ganz bestimmt gekommen“, presste er bitter hervor, doch Bettina ignorierte seinen kindischen Einwand. „Du hast dich für deine unterdurchschnittliche Herkunft geschämt“, sagte sie, ohne Bedauern in der Stimme, „deshalb bist du so weit weggegangen, wie du nur konntest, um mich und deine ärmliche Vergangenheit zu vergessen.“ „Das stimmt nicht!“ Mave zog lautstark Rotz durch die Nase, seine Stimme überschlug sich schrill und er hatte Mühe genügend Luft zu bekommen. „Im Lauf der Jahre hast du dich dann nur noch an die schlechten Erlebnisse zwischen uns erinnert. Hast unsere alten Streitgespräche wiedergekäut und die vielen Male, in denen ich dich enttäuscht hatte, bis ich nur noch eine ferne, lästige Erinnerung war, die du am liebsten abgestriffen hättest ,wie einen lästigen Pullover. Aber weißt du was?“ Bettina löste sich vom Grabstein und ging mit federnden Schritten auf Mave zu, der unwillkürlich zurückschreckte, doch plötzlich von einer unsichtbaren Mauer aufgehalten wurde, die ihn zwang stehenzubleiben. Mit dem Rücken zu jener Wand stand Mave seiner Mutter gegenüber, sein Herz schlug bis zum Hals und er schloss krampfhaft die Augen, um sie nicht ansehen zu müssen. Bettina nahm sein verschwitztes Gesicht sanft in ihre kühlen Hände und zog es zärtlich an ihres heran. „Für jede schlechte Erinnerung, die du an mich hast, habe ich eine gute Erinnerung an dich“, hauchte sie und eine rasend schnelle Folge von Bildern und Gefühlen schwemmte über Maves Bewusstsein hinweg. Er fühlte Geborgenheit und Wärme, hörte Kinderlieder und ausgelassenes Gelächter und war eingebettet in das wohlige Gefühl bedingungslos geliebt zu werden. Mave verlor sich in diesem Gefühl, er sog es auf, atmete es ein und spürte in jeder Zelle seines Körpers ein sonnenähnliches Strahlen, das ihn erschaudern ließ. „Ich liebe dich“, erklang die gefühlvolle Stimme seiner Mutter überall um ihn herum und endlich brach es auch aus Mave heraus: „ich liebe dich auch“, schluchzte er betroffen und schlug die Augen auf. Bettina war verschwunden, Mave stand allein vor ihrem Grab und das plötzliche Fehlen ihrer innigen Umarmung riß ein tiefes Loch in seine Seele. „Du fehlst mir, Mama“, wimmerte er und schrak zusammen, als sich ganz unerwartet eine Hand auf seine bebende Schulter legte. „Sie fehlt mir auch“, sagte Sandra und Mave wunderte sich nicht, woher sie auf einmal gekommen war, sondern schlang nur mit wildem Seufzen die Arme um seine Schwester. „Es tut mir leid“, heulte er und drückte sie so fest an sich, wie er nur konnte, Sandra erwiderte die Umarmung innig und ließ erst wieder los, als Mave sich ein wenig beruhigt hatte. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie, mit einem prüfenden Blick auf seine zerbeulte Erscheinung. „Wie ausgekotzt“, antwortete Mave ehrlich und grinste verlegen. „Willst du Frühstücken?“ Sandra ergriff die Hand ihres Bruders und drückte liebevoll seine klammen Finger. „Gerne“, hauchte Mave und drückte zurück. „Na, dann komm.“ Sandra dirigierte den restlos erschöpften Mave bis zu einer Parkbank, auf der Joe mit überschlagenen Beinen saß und wartete. „Könnten wir nicht vielleicht auf dem Bären nach Hause reiten?“, fragte Mave hoffnungsvoll, während er vor der Parkbank langsam in die Knie ging. „Na klar“, brummte Joe freundlich und hob ihn sanft vom Boden auf.

© sybille lengauer

Heinrich, der Detekiv

Wenn du den Leuten erzählst, dass du von Beruf Barkeeper bist, denken die meisten sofort du würdest nur nächtelang hinter irgendeinem schummrig beleuchteten Tresen lehnen, gelegentlich ein wenig Alkohol ausschenken und endlos Gläser polieren. Sie stellen sich vor, deine Hauptaufgabe bestünde darin besoffenen Vollversagern zuzuhören, die ihr Herz ausschütten und ihr Bewusstsein zuschütten wollen und ihnen das Geld mit überteuerten Cocktails aus der Tasche zu ziehen. Irgendwie kommt ihnen nie in den Sinn, dass der Beruf des Barkeepers ein echter Knochenjob ist: die langen, langen Nachtschichten im Stehen (hast du schon mal einen Barkeeper gesehen, der sich während der Arbeit hingesetzt hat?), die Dauerbelastung durch denn gottverdammten Lärm und der anhaltende Stress (hast du schon mal einen Landfrauen-Kegelverein zu Gast gehabt, während gleichzeitig zwei Junggesellenabschiede und eine Geburtstagsfeier stattfinden?), früher kam noch der Rauch von hunderten Zigaretten hinzu, dafür bläst dir heutzutage ständig irgendeine blöde Klimaanlage den Nacken steif – all das erträgst du mit einem Lächeln im Gesicht und einem flotten Spruch auf den Lippen, denn ein schlecht gelaunter Barkeeper macht kein Geschäft und ist bald ein arbeitsloser Barkeeper. Von der seelischen Belastung dieser gute-Laune-Diktatur, von den Bandscheibenvorfällen und entzündeten Gelenken, den Krampfadern und chronischen Hämorrhoiden will ich gar nicht erst anfangen, doch all das sehen die Leute nicht, wenn du ihnen erzählst, dass du Barkeeper bist, sie sehen nur ein Klischee, das sich in ihren Köpfen festgesetzt hat und das genügt ihnen schon. Aber vielleicht muss das ja so sein, vielleicht sehen wir ständig nur die Klischees der Begriffe, ohne sie jemals wirklich wahrzunehmen, sehen immer nur die fadenscheinige Kulisse, ohne dahinter schauen zu wollen. Darum halten wir anzugtragende Bankiers für schlau und kopftuchtragende Putzfrauen für dumm und Barkeeper eben für so etwas wie das Inventar einer Bar, ein mobiler Getränkespender mit Puls, gesichtslos und zur erleichterten Handhabung mit einem Namensschild versehen, auf dem nur der Vorname steht: ‚Es bedient Sie Roberto‘ und alles wird gut. Und vielleicht ist es richtig, sich nicht allzu sehr für sein Gegenüber zu interessieren, da wir ja allesamt, ganz nach Klischee, unser Päckchen zu tragen haben und wo kämen wir da hin, wenn sich jeder ständig für die Lebenszustände des anderen interessieren und sogar noch verantwortlich fühlen müsste? Wir würden aufgerieben werden und schließlich den Verstand verlieren, so wie diese armen Irren, die sich die Schädel kahlrasieren und auf der Straße Umarmungen für Krishna verteilen oder was weiß ich – oder wir würden Tag und Nacht Tränen vergießen ob der schieren Ungerechtigkeit der Welt und unseres Lebens nicht mehr froh.

Heinrich war so ein erzsentimentaler Typ, auch wenn man das aufgrund seiner grobschlächtigen Erscheinung nicht vermutet hätte. Er sah aus wie ein brutaler Fleischhauer oder ein minderbemittelter Straßenboxer, du weißt schon, mit einer zerquetschten Blumenkohlnase im hässlichen Gesicht, mit winzigen Äuglein, wulstigen Lippen, einem gedrungenen, tonnenförmigen Körper, der zu gleichen Teilen aus festem Muskelfleisch und hartem Fett zu bestehen schien und abnorm riesigen Händen, die wie deformierte Klodeckel aussahen. Die fadenscheinige Kulisse seines abstoßenden Äußeren wies ihn als brutalen Wüstling aus, doch dahinter steckten ein wacher Verstand und ein butterweiches Herz, das an der Welt zu zerbrechen drohte. Nie im Leben wäre man auf den Gedanken gekommen, dass Heinrich ein erfolgreicher Privatdetektiv war und genau darin bestand wohl sein großer Vorteil, man unterschätzte ihn mit grausamer Beiläufigkeit, sofern er überhaupt wahrgenommen wurde, denn Heinrich konnte, wenn er wollte, so unauffällig sein wie eine tote Ratte im Rinnstein, man bemerkte ihn erst, wenn man fast auf ihn trat. Ich möchte wetten er hätte sein brutales Aussehen liebend gerne gegen eine attraktivere Erscheinung eingetauscht, aber das Leben ist eben kein Wunschkonzert und so machte er das Beste aus seinen verborgenen Talenten, er wurde nicht Fleischhauer, er wurde nicht Straßenboxer, er wurde ein gut bezahlter Schnüffler, der untreuen Ehepartnern nachspionierte, hinterfotzigen Betrügern das Handwerk legte oder vermisste Personen ausfindig machte, nachdem die Polizei schon lange aufgehört hatte nach ihnen zu suchen. Heinrich betonte mehrfach, dass er über lange Jahre große Befriedigung aus seinem Beruf gezogen hatte, der eigentlich vielmehr einer Berufung als einer normalen 0815-Beschäftigung gleichkam. Er steckte sein Herzblut in jeden einzelnen Fall und war erst dann zufrieden, wenn auch seine Klienten zufriedengestellt waren (was ihm erstaunlich häufig gelang, er war wirklich verdammt gut in seinem Metier und das sage ich nicht nur, weil er ein feiner Kerl war. Ich kenne eine Menge Leute. Ich habe mich umgehört.). Im Grunde hatte er sich recht behaglich in seinem Leben eingerichtet, auch wenn er manchmal, in einem melancholischen Moment, den Sinn seiner Existenz hinterfragte und besoffen vor Weltschmerz den Mond anheulte – wer tut das nicht, von Zeit zu Zeit? Seine grundsätzliche Lebenseinstellung war jedenfalls positiv, bis er über den einen Auftrag stolperte, der ihm das Genick brechen sollte, jenen Fall, der ihn zu einem gebrochenen, tieftraurigen Menschen machte, den die undurchsichtige Strömung des Zufalls schließlich an meinen alkoholgetränkten Arbeitsplatz spülte: Das Verschwinden der vierzehnjährigen Cindy Nabicht.

Heinrich tauchte eines Abends an meinem Tresen auf; wie so viele Gäste davor und danach grüßte er mit einem knappen Kopfnicken und verlangte, ganz altbacken, nach Bier und einem Doppelten. Ich erwiderte den Gruß, servierte das Gedeck und nahm unauffällig Maß, sah er doch wie ein fieser Schläger aus dem Bilderbuch aus, der Ärger und zerbrochenes Mobiliar versprach – doch irgendetwas an seiner Ausstrahlung ließ mich zügig erkennen, dass von diesem ungeschlachten Kerl keinerlei Gefahr zu erwarten war, es wirkte vielmehr, als habe sich die personifizierte Traurigkeit an meinen Tresen gesellt, ein Sorgentropf mit Mördervisage, der nur in Ruhe seinen Kummer ertränken wollte. Ich beachtete ihn also nicht weiter als nötig, versorgte nur seinen Durst regelmäßig mit Nachschub und ließ ihm seinen Frieden, denn traurige Trinker soll man nicht unterbrechen. Außerdem hatte ich ordentlich zu tun, der Laden war, wie so häufig, bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft mit Gästen. Erst als sich die Nacht dem Ende neigte und nur noch wenige Ausdauertrinker die Bar bevölkerten, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf jenen vierschrötigen Klotz, der still auf einem Barhocker saß, sich mit schier mechanischer Präzision betrank und dabei wirkte wie ein einziges elendes Seufzen. Ich überlegte, ob und wie ich ihn ansprechen sollte, doch noch bevor ich einen passenden Spruch aus meinem reichhaltigen Konversations-Potpourri hervorkramen konnte, richtete er seine kleinen Äuglein auf mich und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Ich verstand und hielt die Klappe, stellte nur ein weiteres Gedeck vor ihm ab und trollte mich wieder, ich zwinge niemandem ein Gespräch auf, so einer bin ich nicht. Meine Reaktion schien ihm zu gefallen, er gab später ein großzügiges Trinkgeld, bevor er mit mächtig Schlagseite aus der Bar hinaus wankte. Am nächsten Abend, kurz nach der Happy Hour, war er wieder da, bestelle Bier und einen Doppelten und das Spiel begann von vorn. Drei Wochen lang ging das so, Heinrich tauchte am Tresen auf und nickte zur Begrüßung, trank die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen und verschwand, ohne einen Satz gesprochen zu haben, selbst seine immergleiche Bestellung brauchte er nicht mehr zu artikulieren und darüber zeigte er sich hochzufrieden, das Trinkgeld war regelmäßig reichlich und Heinrich avancierte bald zu meinem liebsten Stammgast, er verursachte keinen Ärger, stand niemandem im Weg und trank in beachtlichen Mengen, hätte ich mehr Gäste wie ihn, ich wäre tiefenentspannt wie der adipöse Kater meiner noch adipöseren Vermieterin, der den ganzen Tag nur faul in der Sonne herumliegt und die Fliegen an der Fensterscheibe beobachtet.
Eines frühen Morgens, als ich bereits die helle Deckenbeleuchtung eingeschaltet hatte, die selbst die hartnäckigsten Irrlichter hinaus auf die Straße treibt, brach es plötzlich aus Heinrich heraus und er begann zu reden. Hart und schnell, es hatte den Anschein, als wollten die Worte, die sich über die Wochen hinter seinen unschönen Lippen aufgestaut hatten alle auf einmal ausgespuckt werden, sie drängten hervor und reihten sich im Stakkato aneinander, ganz ohne Punkt und Komma. „Ich hätte ihn fast getötet“, begann er und ich hielt erstaunt in meiner Abrechnung inne und fragte mich, ob ich richtig gehört hatte, doch Heinrich achtete nicht auf meine Reaktion, sondern redete einfach weiter. „Ich hätte ihm fast das Licht ausknipst, dabei ist er doch auch nur ein armer, alter Trottel, der es nicht besser weiß, oder nicht? Er hat sie abgöttisch geliebt und wollte nur das Beste für sie und jetzt muss er mit der Schuld leben, auch wenn er das heute noch nicht einsehen kann, nicht einsehen will. Er hat sie dazu getrieben, seine Ignoranz hat sie in den Tod getrieben, aber wir alle tragen Mitschuld an diesem elenden Zustand, weil wir alle verantwortlich sind für den Zustand unserer Gesellschaft und das müssen wir akzeptieren, oder nicht?“ Er schaute mir ganz unvermittelt in die Augen und ich zuckte vielleicht ein bisschen zurück, als ich den überwältigenden Schmerz in ihnen lodern sah, ich wusste nicht mehr zu antworten, als mit einem nichtssagenden Schulterzucken zwei Bier zu zapfen, eines stellte ich vor ihm ab, das andere war für mich, ich prostete ihm zu, er seufzte und trank in langen Schlucken, dann kramte er sein Portemonnaie hervor, legte einen großzügigen Betrag auf den Tresen und ging, ohne noch etwas zu sagen.

Tagelang keine Spur von Heinrich. Ich ärgerte mich nicht wenig, weil ich fürchtete, ihn mit meiner spärlichen Reaktion vergrault zu haben und fragte mich insgeheim, ob er sich vielleicht das Leben genommen hatte, sein Blick war so unbeschreiblich schmerzerfüllt gewesen, es hätte mich nicht groß gewundert, wenn er sich den Strick genommen hätte, vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon baumeln. Wäre nicht der erste Gast, den ich an die große Traurigkeit verlor, Selbstmord kommt in den besten Familien vor, oder wie heißt das noch schnell? Doch eine Woche später, kurz nach der Happy Hour, war Heinrich wieder da, stellte sich an den Tresen und grüßte mit einem knappen Kopfnicken, so als wäre nichts gewesen. Das sehr wohl etwas gewesen war, erkannte ich an seinem verwahrlosten Äußeren, sein Hemd war dreckig und zerknittert und hing vorne aus der Hose, die Hose selbst war mit dunklen Flecken übersäht, Heinrich sah aus, als hätte er im Rinnstein gelegen und vielleicht hatte er das auch, wer konnte das schon wissen. Sein Gesicht wirkte verquollen, die Haut wächsern und bleich, seine kleinen Augen waren unter dicken Augenringen zu winzigen Punkten geschrumpft und all das wurde umrandet von einem stoppeligen Drei-Tage-Bart, der ihn noch ungepflegter und bedrohlicher erscheinen ließ. Ich servierte sein übliches Gedeck und bemühte mich, ihn nicht allzu intensiv anzustarren, doch er schien meinen Blick trotzdem zu bemerken, denn er runzelte zerknirscht die Stirn und stopfte sich das Hemd in die Hose. Ich stellte ihm daraufhin einen weiteren Doppelten hin, sagte in ruhigem Ton „geht auf’s Haus“ und zog mich wieder zurück, immerhin wollte ich ihn nicht wieder verschrecken, sondern nur meine Sympathie ausdrücken, ohne überheblich zu wirken. Heinrich verstand die Geste, schien sich sogar darüber zu freuen, ein kurzes Lächeln huschte über sein abstoßendes Gesicht, doch dann wurde es schnell wieder finster, die Schwermut drückte seine Mundwinkel herunter und es war, als hätte es nie ein Lächeln gegeben.
Heinrich fand schnell wieder in seinen alten Rhythmus, er trank mit stiller Entschlossenheit und ignorierte den ausgelassenen Trubel, der an allen Ecken gegen die Bar brandete, bis die Gäste schließlich immer weniger wurden und so etwas wie Ruhe einkehrte, nur unterbrochen von den gelallten Unterhaltungen der wenigen Hartgesottenen, die bis zuletzt nicht nach Hause gehen wollten. Ich hielt mich unauffällig in Heinrichs Nähe auf und wartete gespannt, ob er so kurz vor der Sperrstunde wieder Redebedarf zeigen würde, ich war neugierig, das muss ich offen zugeben und ich bin nur selten neugierig, denn die meisten Geschichten hast du schon einmal zu of gehört, wenn du längere Zeit in meinem Job bist, das ist wie bei Taxifahrern und Friseuren, wir haben alle schon alles gehört, mindestens vierzig Stunden die Woche, für viel zu wenig Lohn. Aber Heinrich hatte so etwas an sich, ich kann es nicht näher beschreiben, es war nicht zu greifen, nicht zu erklären, aber es machte ihn interessanter als die meisten Menschen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte. Ich hoffte also, dass er wieder ein Gespräch beginnen würde, forderte es sogar heraus, indem ich ab und an versuchte Blickkontakt herzustellen und tatsächlich hatte ich Glück, Heinrich erwiderte meinen Blick und etwas sagte mir, dass er nun soweit war, er wollte endlich loswerden, was ihn so sehr belastete. Ich sorgte also dafür, dass wir ungestört waren, zapfte zwei Bier, kramte den letzten verbliebenen Aschenbecher aus der großen Schublade, der aus nostalgischen Gründen das große Rauchverbot überstanden hatte, umrundete den Tresen, zog einen Hocker heran und setzte mich neben Heinrich. Ich bot ihm eine Zigarette an, wir rauchten und beobachteten den Zigarettenrauch, der die verlassene Bar in verschlungene Nebel tauchte und ich fühlte so etwas wie Verbundenheit mit diesem unansehnlichen Kerl, der sich nun endlich namentlich vorstellte und mir ganz altmodisch die Hand schüttelte, so als wären wir einander offiziell bekannt gemacht worden.
Das Gespräch kam erst nur stockend in Gang, Heinrich erzählte in sprunghaften Anekdoten von seinen Erfahrungen als Privatdetektiv, ich plauderte daraufhin auch ein wenig aus dem Nähkästchen und gab ein saftiges Geschichtchen zum Besten, um die trübe Stimmung aufzulockern, doch es war als würde man versuchen einen Ziegelstein zu unterhalten, Heinrich hörte zwar zu, doch er zeigte keinerlei Emotion, nicht einmal ein Schmunzeln war ihm zu entlocken. Ich hörte also auf ihn unterhalten zu wollen und hörte lieber zu, was er zu sagen hatte, auch wenn es schwierig war einen roten Faden zu entdecken, ich dachte, dass er irgendwann schon zum Punkt kommen würde und ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Wir rauchten und tranken, Heinrich erzählte und ich hörte zu, Zeit verging ungemessen und es fühlte sich bald an, als säßen wir seit unendlichen Stunden an der Bar, zeitlos ins Gespräch vertieft, zwei undurchschaubare Gestalten, die sich langsam annäherten. „Ich liebe meinen Beruf“, sagte Heinrich schließlich und ich nickte zur Bestätigung und hob das Glas an die Lippen. „Ich liebe meinen Beruf“, wiederholte er mit Nachdruck, „aber ich kann nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr.“ Er ließ den Kopf hängen und seufzte schwer, ich trank schweigend und wartete ab, wie es weitergehen würde. „Es ist alles so sinnlos geworden“, murmelte Heinrich und ich wusste, wir waren nun kurz davor den Kern seines Kummers zu ergründen. „Was ist denn passiert?“, fragte ich möglichst neutral, um nicht aufdringlich zu erscheinen und endlich begann Heinrich zu erzählen.
„Es fing an wie ein ganz normaler Auftrag. Eine vermisste Person, weiblich, minderjährig, soziale Unterschicht, der Vater alleinerziehend. Wahrscheinlich eine Ausreißerin, also nichts, was die Polizei auch nur einen Furz lang interessieren würde und genau so verhielten die sich auch, eine ordentliche Suchaktion gab es nicht, nur ein bisschen Papierkram wurde aufgehäuft und damit war die Sache aus offizieller Sicht erledigt. Für Cindys Vater war allerdings gar nichts erledigt, er war überzeugt, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen war und die Untätigkeit der Polizei versetzte ihn in hilflose Wut. Also engagierte er mich, nachdem er sich in den entsprechenden Kreisen umgehört hatte und obwohl er wusste, dass mein Honorar nicht billig war, war er fest entschlossen den Besten zu engagieren. Auch wenn ich eigentlich nicht zum Protzen neige, ich bin eben wirklich gut in meinem Beruf. Also kam Thomas Nabicht an einem verregneten Vormittag in mein Büro, legte ein großes Bündel Geldscheine auf den Tisch und verlangte, dass ich seine vermisste Tochter aufspüren sollte, tot oder lebendig, nur finden sollte ich sie und ich verstand, dass er damit nicht auf die alten Suchplakate im Western anspielte, sondern nur sehr ungeschickt die Befürchtung ausdrückte, dass Cindy nicht mehr am Leben war. Ich akzeptierte den Fall, vielleicht weil der Vater mir leid tat, vielleicht weil ich gerade nichts spannenderes zu tun hatte, ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen. Hätte ich nur die Finger davon gelassen, aber hinterher ist man ja immer klüger, nicht wahr? Also begann ich die üblichen Fäden zu ziehen, ich erkundigte mich an den gängigen Orten, an denen sich die Jugendlichen aus ihrer sozialen Schicht regelmäßig trafen, befragte ihre Freundinnen und Schulkolleginnen, kontaktierte einige Bekannte, die in der Ausreißer-Szene unterwegs waren, Streetworker, Zuhälter und alles dazwischen. Ich bohrte und grub und bald schon kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, das Cindy ein lebenslustiges und humorvolles Mädchen war, das gut in der Schule zurechtkam, einen stabilen Freundeskreis hatte und generell wenig Gründe, plötzlich Hals über Kopf davonzulaufen. Stattdessen schälte sich aus den vielen Gesprächen ein Name hervor, den die Polizei bei ihrer nachlässigen Suche sicherlich nicht zu hören bekommen hatte, genau wie die Tätigkeit, die mit dem Namensträger in Verbindung stand. Es handelte sich um einen berüchtigten Engelmacher, ich glaube, so nennt man diese Leute mittlerweile wieder, in seinem früheren Leben war er Krankenpfleger in einem Seniorenheim, jetzt nahm er illegale Schwangerschaftsabbrüche vor, die manchmal auf fatale Weise endeten. Mich beschlich ein mulmiges Gefühl, ich dachte tatsächlich daran den Fall zu beenden oder an einen Kollegen abzutreten, denn die Richtung, in die sich das alles entwickelte, gefiel mir immer weniger, doch mein Berufsethos zwang mich weiterzumachen, auch wenn mir von Tag zu Tag mehr das Lachen verging, ich fühlte mich auf eine verquere Art verantwortlich und das auf mehreren Ebenen und nicht nur, weil ich das Geld des Vaters angenommen hatte. Ich war damals gegen das verdammte Gesetz der Konservativen, das Abtreibung wieder zu einer Straftat erklärt hat, ich wusste genau, was das für viele Frauen und Mädchen bedeuten würde, aber weder bin ich wutentbrannt auf die Straße gegangen, noch habe ich mich sonst irgendwie engagiert, ich habe das Gesetz nur, wie so viele, still missbilligt und das bedaure ich bis heute zutiefst. Es ist eine Schande, wie viel Leid dieses kurzsichtige Verbot in den letzten Jahren angerichtet hat, es ist in meinen Augen ein absolutes Verbrechen an den Frauen, das wir tatenlos mitansehen. Wir alle tragen Schuld, wir haben als Gesellschaft versagt, jeder einzelne von uns hat versagt und damit sind wir auch allesamt schuld am Tod von Cindy Nabicht.
Cindy war bei einem One-Night-Stand ungewollt schwanger geworden, vielleicht gab es einen Unfall und das Kondom war gerissen, vielleicht hatte sie in ihrem jugendlichen Übermut auch ganz auf Verhütung verzichtet, es ist egal, auf welche Art das Unglück bei der Tür hereinkommen konnte, wichtig war nur das Ergebnis und das sollte ihr restliches Leben beeinflussen. Cindy war vierzehn Jahre alt, ohne ordentlichen Schulabschluss und mit einem Baby als Ballast wäre sie jeglicher Perspektive beraubt, die ohnehin geringe Aussicht auf ein besseres Leben wäre für immer dahin und so blieb aus ihrer Sicht nur ein möglicher Ausweg und der hieß illegale Abtreibung. Cindy bezahlte diese Entscheidung mit ihrem Leben und ich kann mir nicht vorstellen – ich will mir nicht vorstellen – wie groß ihr Leid in den letzten Minuten gewesen sein muss, wie groß die Angst. Sie verblutete in einem dreckigen Hinterzimmer, während ein unfähiger Ex-Krankenpfleger mit seinen widerlichen Gerätschaften in ihr herumstocherte und ich kann nur hoffen, dass sie unter Betäubung stand, genau wissen kann ich es nicht, denn eine konkrete Aussage habe ich diesbezüglich natürlich nicht aus dem Schweinehund herausholen können. Als er endlich bemerkte, dass die Kleine tot war, hat er sie bis zur Nacht in eben diesem Hinterzimmer unter einem Haufen alter Decken und Kartons verborgen und einfach sein Tagwerk weitergemacht, als wäre nichts gewesen, später hat er die Leiche aus der Stadt geschafft und in einem Weiher versenkt, ich habe die Stelle schließlich gefunden, aber von Cindy war nicht mehr viel übrig nach all den Monaten. Und was macht der Vater, dieser irre Idiot? Leugnet erst, dass seine Tochter jemals Schwanger gewesen sein könnte und entzieht mir den Auftrag unter großem Geschrei, nur um zwei Tage später dem Engelmacher aufzulauern und ihm ein Messer zwischen die Rippen zu stecken. Ich hätte ihn erschlagen können und beinah hätte ich es auch getan, denn ich fand ihn noch vor der Polizei und stellte ihn zur Rede, aber es war nicht mehr viel mit ihm anzufangen, er hatte völlig den Verstand verloren und faselte nur noch von seiner Ehre und der Ehre seiner Tochter, die es wiederherzustellen gelte. Dabei hat dieser hohle Wertekatalog von Ehre und Reinheit und all dem Mist sie doch gerade erst in den Tod getrieben, aber das verstehen die Thomas Nabichts dieser Welt nicht, oder vielleicht immer erst dann, wenn es zu spät ist.“
Heinrich atmete schwer, in seinen kleinen Augen glänzten Tränen und seine riesige Klodeckelhand zitterte, als er das Bierglas anhob, um zu trinken. Er sah mitgenommen aus und auch mich hatte die Geschichte nicht unberührt gelassen, auch wenn es im Grunde ein übliches Familiendrama war, wie man es immer wieder in den Nachrichten hört, die Tochter tot, der Vater ein Mörder, nichts ist mehr, wie es vorher war und doch ist es nur eine Geschichte von vielen, an die sich bald kein Mensch mehr erinnert. Doch für Heinrich war es der berühmte Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte und sein geordnetes Weltbild wanken ließ, bis es schließlich über seinem Kopf zusammenkrachte und ihn unter sich begrub. Er war ausgebrannt, hatte sich emotional aufgerieben an einer Tragödie, deren Verlauf er nie hätte ändern können und nun saß er hier und betrank sich, um den Schmerz zu vergessen, der ihn aufzufressen drohte. Ich drückte meine Anteilnahme aus, aber mir war klar, dass es Heinrich nie um mein Mitgefühl gegangen war, ihm lag nur daran, sich endlich von der Seele zu reden, was ihn so sehr belastete und ich war eben der geeignete Empfänger. Ich verstand instinktiv, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte und nun nichts weiter blieb, als diesem gebrochenen Menschen die Hand zu drücken und ihm alles Gute zu wünschen, auch wenn das vielleicht dämlich klingen mag, in diesem Moment, an diesem Ort war es richtig. Heinrich drückte meine Hand in freundschaftlicher Wärme, dann rutschte er bedächtig vom Barhocker, kramte einige zerknitterte Geldscheine aus seinen Hosentaschen und stapelte diese auf dem Tresen zu einem schiefen Häufchen. „Das ist der Rest vom Nabicht-Honorar. Ich will es nicht mehr. Stimmt so“, sagte er mit düsterem Gesichtsausdruck und wandte sich zum Gehen, doch nach wenigen Schritten blieb er stehen und drehte sich noch einmal nach mir um. „Danke für alles“, sagte er leise, aber gut hörbar, dann ging er und kam nicht wieder.
Ein paar Monate später hat er tatsächlich zum Seil gegriffen, ich erfuhr es aus einem schlichten Nachruf in der Zeitung, der zwar nicht von Selbstmord sprach, aber doch recht eindeutig formuliert war, ‚Plötzlich und überraschend aus dem Leben geschieden‘, stand da und wer das nicht versteht, der schläft noch auf Bäumen. Um ehrlich zu sein, ich fühlte mich mehr bestätigt als schockiert, denn ich hatte schon vermutet, dass Heinrich mit seinem Leben abgeschlossen hatte und was bleibt einem auch übrig, wenn man angesichts der Schlechtigkeit der Welt die Hoffnung verliert, man verkümmert im Geist wie im Herzen, bis der Tod wie eine Erleichterung erscheint. Ist nur schade, dass es immer die Guten erwischt, aber so ist das eben, die Schlechten kümmert es ja auch nicht.

© sybille lengauer

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam…

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam, befand ich mich wie gewöhnlich auf dem Weg zur Auskunftei, ich hatte soeben ein Trinkpäckchen Kakao und ein Buttercroissant beim Bäcker erworben und war nun schnellen Schrittes unterwegs zum Büro, im flotten Zickzack durch die überfüllte Fußgängerzone, da begann plötzlich ein merkwürdiges Flüstern, ein Murmeln und Rauschen wie von gurgelndem Wasser, das sich von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe fortpflanzte und dabei anschwoll zu einer regelrechten Flut, die sich auftürmte und überschäumte und meine Aufmerksamkeit mit sich riss. Wilde Gerüchte brandeten an mein Ohr, sprachen von einer schrecklichen Naturkatastrophe, einem fürchterlichen Terroranschlag, einem missglückten Militärexperiment, sprachen von diesem und jenem, niemand schien etwas konkretes zu wissen, alles bestand aus Hörensagen und Vermutungen und nur eines schien von Gewissheit: etwas schlimmes war geschehen. Ich versuchte auf eigene Faust zu ergründen was vorgefallen war und gesellte mich zu einer immer größer werdenden Menschenmenge, die sich um das Schaufenster eines Elektrohandels drängte, der Fernseher in allen möglichen Größen und Formen verkaufte und ein ganzes Dutzend davon zu Demonstrationszwecken in seiner Auslage aufgestapelt und eingeschaltet hatte und so konnte ich, eingeklemmt zwischen die schwitzenden Leiber der anderen Schaulustigen, einen ersten Blick auf das Rote Auge Gottes erhaschen, das bedrohlich pulsierend über einem anonymen Häusermeer schwebte und die ganze Welt in Aufruhr versetzte. Die Filmaufnahmen entsprangen ganz offensichtlich ungeübten Laienhänden; Passanten, die gerade zufällig zugegen waren und das Schauspiel für die Nachwelt aufzeichneten, die Videos waren allesamt verwackelt und verschwommen, ich wußte nicht zu sagen aus welcher Stadt, nicht einmal aus welchem Land sie stammten und vermutete vorschnell, dass es sich um die USA handeln müsse, immerhin geschah in den Actionfilmen alles von Belang dort drüben, es kam mir also ganz logisch vor, dass dem auch in der Realität so sein müsse. Dann erkannte ich plötzlich den Kölner Dom und ein kalter Schauer jagte über meinen Rücken, der Schrecken war viel näher als erwartet, und auch wenn ich nicht wusste, um welchen Schrecken es sich bei diesem roten Ding im Himmel überhaupt handelte, gewann er durch die unerwartete Nähe an Intensität. Später an diesem Tag erfuhr ich, dass das Rote Auge Gottes über zahllosen Großstädten auf der ganzen Welt erschienen war, es handelte sich um puren Zufall, dass ich es ausgerechnet über Köln zum ersten Mal erblickte, doch an diesem spätsommerlichen Vormittag wusste ich das natürlich noch nicht, genausowenig, wie ich wusste, dass es sich bei diesem gewaltigen Objekt um unseren Herrn und Schöpfer handelte, der auf die Erde zurückgekehrt war, um sich an uns zu laben. Ich hätte wahrscheinlich lauthals aufgelacht, wenn mir jemand erzählt hätte, was ich soeben, mit an Beiläufigkeit grenzender Leichtigkeit, auf dieses Blatt Papier geschrieben habe: unser Herr und Schöpfer – dazu wollte mir damals nichts weiter einfallen als ein gelangweiltes Schulterzucken, ich war in etwa so religiös wie ein Türknauf. Das änderte sich natürlich, als Gottes Plagen über uns hereinbrachen, doch damit springe ich bereits zu weit in meiner Erzählung nach vorn, denn vor den Plagen kamen die Träume und die waren schlimm genug. An besagtem Tag Eins ahnte ich allerdings weder von Plagen noch Träumen, ich verstand nur, dass etwas im Himmel aufgetaucht war, das man mit Fug und Recht als Unbekanntes Flugobjekt bezeichnen konnte und in meine gruppendynamisch aufgeladene Beunruhigung mischte sich eine durchaus große Portion naiver Neugierde, ich brannte förmlich darauf zu erfahren, um was es sich bei diesem rätselhaften Ding handelte. Als ich mich schließlich von den Bildschirmen in der Auslage löste, um arg verspätet ins Büro zu eilen, begannen sich die Straßen bereits merklich zu leeren, die Leute strömten in Scharen nach Hause, um in der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände das mysteriöse Geschehen weiter zu verfolgen; ich überlegte spontan, es ihnen gleich zu tun und die schnöde Arbeit ausfallen zu lassen, doch zu diesem Zeitpunkt waren meine Beine den gewohnten Weg bereits zu Ende gelaufen und hatten mich zuverlässig vor den Eingang des verschachtelten Bürokomplexes getragen, während meine Gedanken anderweitig beschäftigt waren; also folgte ich ihrem Beispiel und betrat fügsam das Gebäude. Der anschließende Arbeitstag verging einerseits turbulent und doch in höchstem Maße unproduktiv, ständig hingen wir in kleinen Grüppchen vor dem Radio und lauschten gebannt den neuesten Berichten, private Mobiltelefone vibrierten im Minutentakt, weil sich diverse Verwandte, Freunde und Bekannte über die neuesten verfügbaren Informationen austauschen wollten, mein Exmann rief sogar viermal hintereinander an, um mir sein besorgtes Herz auszuschütten; selbst die fleißigsten Vorzeigemitarbeiter waren nicht in der Lage sich auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren, die Sensationsgier lähmte uns alle und ließ uns gleichzeitig zappelig und unruhig werden wie quirlige Kinder in einem Süsswarenladen. Das Ohr am Radio brachte uns allerdings keine sonderliche Erleuchtung, wechselnde Nachrichtensprecher stotterten im Grunde nur immer die gleichen, mit der Zeit langweilig werdenden Sätze von unerklärlichen Phänomenen, die sich offenbar weltweit zur gleichen Zeit ereigneten und jedweder logischen Erklärung spotteten, wobei ich persönlich felsenfest davon überzeugt war, dass es sich bei den fremdartigen Objekten um hochtechnisierte Raumschiffe handeln musste, Fortbewegungsmittel einer fremden Intelligenz, die über die unvorstellbar gigantische Entfernung des Weltraums den ersten Kontakt zu uns hergestellt hatte. Beim Gedanken an die unfassbare Ausdehnung des Universums erschauderte ich jedes Mal unwillkürlich und so etwas wie Ehrfurcht vor dem großen Können jener mysteriösen Fremden schlich sich in mein ahnungsloses Herz, das sich damals noch vor kindlicher Neugier förmlich überschlug. Heute weiß ich, dass Gott nicht den Tiefen des Alls entstammt, sondern einer benachbarten Dimension, die nur ein Wimpernschlag von unserer Heimatwelt trennt – und die für uns Sterbliche trotzdem unerreichbar weit entfernt ist, weil wir dort nicht existieren können; Gott ist auch nicht an unsere schnöden physikalischen Gesetze gebunden, die enormen Weiten des Weltraums bereiten ihm kein Kopfzerbrechen, denn Gott ist wahrlich allmächtig – zumindest in unserer Realitätsebene. Manchmal frage ich mich, ob es an jenem Ort, von dem er zu uns zurückgekehrt ist, noch weitere Wesen gibt, die so andersartig sind wie er, vielleicht ist er dort drüben nur einer von vielen und gar nichts besonderes – aber dieser Gedanke ist im Grunde obsolet, denn auf solche Fragen werde ich nie eine vernünftige Antwort erhalten. Wie dem auch sei, an jenem ersten Tag von Gottes Rückkehr war ich jedenfalls absolut davon überzeugt, dass wir, im Sinne von Menschheit, von Aliens aus dem All besucht worden waren und dass nun, aufgrund ihrer überlegenen Weisheit und intellektuellen Reife, ein neues, besseres Zeitalter anbrechen würde. Armut, Gebrechlichkeit, Schmerz, all diese unliebsamen Lasten würden sie von unseren Schultern nehmen und uns in den erlauchten Kreis der Weltraumreisenden erheben – so zumindest malte ich es mir freudig aus und auch wenn sich bisweilen der Hauch des Zweifels in meine, zugegeben recht utopische, Phantasie mischte, hielt ich doch den ganzen Tag weiter an ihr fest und verteidigte sie erbittert gegen meine pessimistischeren Kollegen, die schon begannen vom Untergang der Welt zu unken; erst als Nachts die Alpträume zum ersten Mal über mich hereinfielen und mich schweißgebadet aus dem Bett trieben, begann ich langsam die bittere Wahrheit zu begreifen. Schrecklich waren sie, diese Träume, schwindelerregend und erdrückend zugleich, das Rote Auge Gottes verfolgte mich unaufhörlich und blickte gnadenlos in meine Seele, um dort mit chirurgischer Präzision all die kleinen und größeren Verfehlungen zu inspizieren, die ich lieber weiterhin verborgen gehalten hätte. Ich versuchte mich gegen seinen brennenden Blick zu wehren, doch war ich hilflos der Übermacht ausgeliefert und als ich endlich schweißüberströmt aus dem Schlaf schreckte, war meine kindlich-naive Freude über den vermeintlich außerirdischen Besuch restlos verpufft. Sieben Nächte lang quälten uns diese Träume, egal ob Jung oder Alt, Reich oder Arm, Religiös oder Ungläubig, ein jeder musste es ertragen, im Schlaf von Gottes brennendem Blick seziert zu werden. Tagsüber versuchten wir alle einen Alltag aufrecht zu erhalten, der sich seit der Ankunft Gottes nur noch wie überflüssiger, völlig nutzloser Zeitvertreib anfühlte, wir schleppten uns zur Arbeit, erledigten die anfallenden Aufgaben, gingen anschließend nach Hause, aßen, tranken und versuchten so wenig wie möglich zu schlafen. Die unbequeme Frage, was denn nun genau passieren würde, wenn Gott genug in unsere Seelen geschaut hatte, um ein Urteil zu fällen, wurde immer wieder unter vorgehaltener Hand diskutiert, doch niemand wusste eine befriedigende Antwort, alles war pure, angstdurchsetzte Spekulation. Würde Gott uns bestrafen? Würde er eine neue Sintflut schicken, um die vielen Sünder von den wenigen Rechtschaffenen zu trennen? Zwei Arbeitskollegen reagierten schnell und investierten in hochseetaugliche Boote – ich sah darin keinen Sinn, denn ich ging davon aus, dass sich Gott, wenn er uns Sünder denn ersäufen wollte, nicht von irgendwelchen Booten aufhalten lassen würde. Es fiel mir erschreckend schwer, nicht in passiven Fatalismus zu verfallen, es war verführerisch einfach, die Hände in den Schoß zu legen und auf das vernichtende Gottesurteil zu warten, auch wenn mich die erwiesene Existenz Gottes in schreckliche Panikzustände trieb, denn ich hatte seit der Kindheit aufgehört zu glauben und selbst jetzt, wo ich jederzeit sein brennendes Auge über unseren Köpfen sehen konnte, wollte mein Verstand immer noch nach Ausreden suchen, warum dies unmöglich Gott sein konnte. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben – wollte überhaupt nicht glauben – und war doch gezwungen, die physische Realität seiner Existenz anzuerkennen, schließlich sah ich ihn jeden Tag im Himmel und nachts in meinen Träumen, wieder und immer wieder, bis ich meinte verrückt zu werden. Sieben Nächte mussten wir alle Gottes stummen, unnachgiebigen Blick ertragen, in der achten Nacht sprach er schließlich zu uns, seine Stimme klang in meinen Gedanken mächtig wie ein Donnerschlag und ich schrie mein Entsetzen so laut heraus, dass ich schlagartig erwachte, doch seine Worte hallten überdeutlich in meinem Kopf wider und machten mich zittern, denn Gott hatte tief in meine Seele geschaut und was er dort gefunden hatte, erzürnte ihn; ich war schuldig, doch nicht nur ich, allesamt waren wir besudelt, es mangelte uns am rechten Glauben und das missfiel Gott zutiefst. Also schickte er uns die Plagen, um unseren Glauben zu stärken, er ließ Heuschrecken und Kröten auf die Erde herabregnen, schickte Erdbeben und grauenvolle Feuersbrünste, die sich durch die Städte und Landschaften fraßen, wie durch dünnes Papier, doch die schlimmste Strafe von allen – er nahm uns unsere ungeborenen Kinder. Ich wusste bis zu jenem Zeitpunkt nicht, dass ich im dritten Monat schwanger war, ich ahnte es noch nicht einmal, denn ich hatte zwei Jahren zuvor eine Hormonspirale einlegen lassen und kümmerte mich seither nicht um die oftmals ausbleibende Monatsblutung, immerhin war das eine ganz normale Reaktion des Körpers und außerdem war mein Sexualleben derart heruntergefahren, dass ich gar nicht an die Möglichkeit dachte, schwanger zu sein. Mein Entsetzen war daher unbeschreiblich, als ich eines Morgens in einer kleinen Blutlache erwachte und ganz ohne weitere Erklärung wusste, dass Gott mein ungeborenes Kind genommen hatte, es getötet hatte, noch bevor ich überhaupt wusste, dass es in mir keimte, noch bevor ich auch nur einen liebevollen Gedanken an das kleine Fünkchen Leben richten konnte, war es schon wieder verloschen. Gott nahm unsere ungeborenen Kinder, egal, wie weit sie entwickelt waren, hochschwangere Frauen erwachten im eigenen Blut und tasteten entsetzt nach den Babys in ihren Bäuchen, die sich nicht mehr regten, sondern still und tot im Fruchtwasser trieben und genau wie ich, wussten auch sie ohne weitere Erklärung, wer für diesen unbeschreiblichen Verlust verantwortlich war, der unsere Herzen bitter machte und unser Lachen stahl. In hilfloser Wut wandten sich viele von uns gegen Gott, verfluchten ihn und seine herzlose Tat, schrieen und drohten zum Himmel hinauf, doch es nützte uns nichts zu klagen und zu toben, denn Gott scherte sich nicht um unseren Zorn, er strafte uns nur weiter, schickte Wirbelstürme und Springfluten und tötete Menschen, wie es ihm gefiel und es gab nichts, was wir dagegen unternehmen konnten. Damals häuften sich die Selbstmorde, brave Bürger gingen morgens wie gewohnt zur Arbeit und stürzten sich mittags aus den Bürofenstern auf die Straße, manche stiegen auch klammheimlich in ihre Autos und fuhren gegen Brückenpfeiler oder stürzten sich in tiefe Schluchten, andere wieder tranken Unkrautvernichtungsmittel oder schlitzten sich die Pulsadern auf. Eine regelrechte Todeswelle schwappte über die Erde hinweg, zigtausende starben, entweder wegen der Plagen oder durch eigene Hand, wobei sich Gott weder um die einen, noch um die anderen kümmerte, unser Sterben war und ist ihm einerlei, ihn interessieren nur unsere unsterblichen Seelen, er ergötzt sich förmlich an unserem Entsetzen, straft und schikaniert uns, wie es ihm gefällt, bis unsere Herzen überquellen vor Angst und unsere Seelen geläutert und voller Glaube sind, denn davon ernährt er sich, ja, er ernährt sich von unserem Glauben! Gott schlürft unsere Gottesfurcht wie frische Austern aus dem Meer und frisst sich satt an unseren Ängsten; wie ein garstiges Raubtier steht er über uns im Himmel, rot und pulsierend wie eine zweite Sonne und das einzige, was uns bleibt, ist zu warten und zu hoffen, dass er eines Tages genug gefressen hat und zurückkehrt in seine eigene Dimension…

© sybille lengauer

Geister

Veröffentlicht: März 18, 2021 in Kurzgeschichten
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Geister

Pensionär Julius Schubert schlurfte bronchitisch keuchend den schmalen Flur seiner abgewohnten Zwei-Zimmer-Wohnung entlang, die im Parterre eines ebenso heruntergekommenen Mehrfamilienhauses lag. Mit akribischer Sorgfalt berührte er die linke Wand des schlauchartigen Flures an bestimmten Stellen, an denen die vergilbte Raufasertapete bereits ganz abgewetzt und bräunlich verfärbt war von den vielen Malen, die er sie im Lauf der Jahre angefasst hatte. Manchmal musste er stöhnend auf die Knie gehen, die unter der Belastung arthritisch knackten, oder sich ächzend bis unter die dunkelgetäfelte Flurdecke recken, um gewisse Stellen der Wand erreichen zu können und dabei zählte er laut, wie oft der betreffende Fleck von seinem knorrigen Zeigefinger berührt worden war. „Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben“, haspelte er gepresst, während sein Finger in schnellem Tempo auf die abgegriffene Tapete klackte, sein Kopf ruckte vor und zurück, als wolle er das Gesprochene dadurch bestätigen, dann wandte er sich ächzend der nächsten Stelle zu. „Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben“, zählte er wieder, sein Kopf ruckte und schon quälte er sich weiter voran, immer an der Wand entlang, so ging es eine ganze Weile. Als Herr Schubert endlich am Ende des Flures angekommen war blieb er keuchend vor der Wohnungstür stehen, die durch sieben Türketten aus Nickel gesichert und fest abgeschlossen war. Er löste jede Kette, legte sie neu an, löste sie erneut und wiederholte dieses Prozedere siebenmal hintereinander, wobei er ebenfalls laut mitzählte, kaum war er fertig, bearbeitete er auch schon die rechte Wand des Flures, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap machte sein schwieliger Zeigefinger an der speckigen Tapete. Anschließend wankte er japsend in die kleine, schrecklich unaufgeräumte Einbauküche, um dort alle Herdknöpfe zu drehen, immer auf die höchste Stufe und wieder auf Null, bis er jeden Knopf sieben Mal hin und her gedreht hatte, dann öffnete und schloss er die Kühlschranktür und zählte auch dabei laut bis sieben. Mehr als eineinhalb Stunden waren auf diese Weise verstrichen, Julius Schubert lehnte sich sichtlich erschöpft gegen die schmutzstarrende Küchenspüle und warf einen besorgten Blick auf die runde Uhr aus silbernem Kunststoff, die über der Küchentür hing und unangenehm laut tickte. „Ganz unmöglich“, japste der alte Herr atemlos, sein Brustkorb pumpte von der schweren Anstrengung, seine Knie zitterten und Schweiß rann in Strömen von seiner fleckigen Stirn, „schneller schaffe ich es einfach nicht mehr.“ Die Wanduhr wackelte, fiel krachend auf den klebrigen Küchenfußboden und zerbrach in sieben Teile. Herr Schubert zuckte erschrocken zusammen, er beeilte sich die zerbrochenen Stücke aufzuheben und auf die dreckige Küchenarbeitsplatte zu legen. „Es tut mir leid, ich werde mich mehr anstrengen“, versicherte er ängstlich, doch nun öffnete sich die Besteckschublade, alle Löffel, Messer und Gabeln schossen in hohem Bogen hervor und landeten klirrend zu seinen Füßen, die in schäbigen, löchrigen Stoffpantoffeln steckten. „Bitte! Ich verspreche es“, wimmerte Julius Schubert, in seinen Augen glänzten Tränen, stöhnend bückte er sich nach dem verstreuten Besteck und packte es unsortiert zurück in die Schublade.
*
Sozialarbeiter Marius Horn blätterte konzentriert in einer der zerfledderten Akten, die ihm von seiner Kollegin Myriam Schnellwasser übergeben worden waren, bevor sie sich augenzwinkernd in den langersehnten Sommerurlaub verabschiedet hatte. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn las er ihre lückenhaften Einträge und lieblos formulierten Notizen über einen gewissen Julius Schubert (71 Jahre alt, alleinstehend), den er stellvertretend für Frau Schnellwasser betreuen sollte, bis diese in drei Wochen von den Kanarischen Inseln zurückgekehrt war. „Schwierig, schwierig“, murmelte Marius Horn, während er in einem Gutachten über Herrn Schuberts psychischen Zustand blätterte. Er griff nach seiner übergroßen Kaffeetasse, auf der in kindlich gekrakelten Buchstaben ‚Für den bestesten Papi der Welt‘ geschrieben stand und trank einige Schlucke lauwarmen Kaffee, ohne von den eng beschriebenen Seiten aufzuschauen. Was er las, ließ ihn zu der unangenehmen Überzeugung gelangen, dass man einen Fall wie Herrn Schubert, der offenbar glaubte von zwei bösen Geistern verfolgt und beherrscht zu werden, deutlich engmaschiger Betreuen müsste, als das bisher unter der Obhut von Frau Schnellwasser geschehen war. Übellaunig wünschte er der arbeitsscheuen Kollegin die Pest an den Hals oder zumindest einen möglichst unerfreulichen, weil verregneten Urlaub. Er beschloss Herrn Schubert schnellstmöglich zu kontaktieren, um einen besseren Einblick in dessen psychische und physische Verfassung zu erlangen und gegebenenfalls weitere Unterstützungsmaßnahmen in die Wege zu leiten und genau so schrieb er es auch in die Akte.
*
Julius Schubert schrak wimmernd aus seinem wohlverdienten und ebenso wohlbenötigten Mittagsschläfchen, das er täglich zwischen zwölf und dreizehn Uhr dreißig zu absolvieren pflegte, sofern es die Geister gestatteten. Unentwegtes Klingeln an der Wohnungstür ließ ihn stöhnend von der abgewetzten Wohnzimmercouch auffahren und hektisch die dünne Sofadecke von sich werfen, in die er sich wie in einen fadenscheinigen Kokon eingewickelt hatte. „Einen Moment“, rief er halb schlafend, halb wachend und rieb mit seinen schwieligen Händen kräftig über sein runzliges Gesicht, um die lähmende Müdigkeit aus seinen Knochen zu vertreiben, dann schlüpfte er mit ungelenken Bewegungen in seine löchrigen Pantoffeln, schlurfte auf schmalen Pfaden aus dem altmodisch möblierten Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Zimmerdecke mit windschiefen Zeitungs- und Bücherstapeln vollgestopft war und wankte eiligen Schrittes in den schmalen, dunklen Flur.
Marius Horn, der sich nach unzähligen erfolglosen Versuchen Herrn Schubert telefonisch zu erreichen zu einem persönlichen Kontrollbesuch entschlossen hatte, nahm zufrieden grunzend den Daumen vom rostigen Klingelknopf, als er das Rumoren des Alten aus dessen Wohnung vernahm. Er hatte die Eingangstür des heruntergekommenen Mehrfamilienhauses unverschlossen vorgefunden und Herrn Schuberts Wohnung ohne Schwierigkeiten ausmachen können, bewaffnet mit einer dicken kunstledernen Aktentasche und einer großen Portion künstlich aufgesetztem Enthusiasmus wartete er im schlecht beleuchteten Stiegenhaus, in dem es intensiv nach einer Mischung aus dreckigen Windeln, Kohlgemüse und saurem Achselschweiß roch. Angestrengt lauschte er auf die Geräusche, die aus der Wohnung an seine neugierig gespitzten Ohren drangen, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap, hörte er leise, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap und Herr Horn hätte schwören können, manchmal gequältes Wispern zu vernehmen. „Geht es Ihnen gut, Herr Schubert?“, rief der Sozialarbeiter ehrlich besorgt. „Nur – einen – Augenblick!“, keuchte eine dünne, zittrige Stimme zur Antwort. Fünfundzwanzig Minuten später stand Marius Horn noch immer im stinkenden Stiegenhaus und wartete; den Blick zähneknirschend auf seine digitale Armbanduhr geheftet. Ein plötzliches Schaben und Kratzen ließ ihn aufmerken, er hörte wie eine Türkette ratschend zurückgezogen wurde und holte schon hoffnungsvoll Luft, um Herrn Schubert mit einem Schwall warmer Worte zu begrüßen, wenn dieser endlich die verdammte Tür öffnete, doch sein vorschneller Optimismus verpuffte ebenso wirkungslos wie sein angestauter Atem, denn die Wohnungstür blieb auch weiterhin fest verschlossen und nur das ratschende Geräusch wiederholte sich mit enervierender Regelmäßigkeit. Endlich, nach zehn weiteren, quälend langsam verstreichenden Minuten, öffnete ein zutiefst erschöpfter und leichenblasser Julius Schubert die Wohnungstür, benommen von der kräftezehrenden Anstrengung taumelte er in die weichen Arme des überraschten Sozialarbeiters. Marius Horn konnte den zittrigen Alten gerade noch auffangen und einen schweren Sturz verhindern, erschrocken fühlte er während der unfreiwillig innigen Umarmung, wie knochig und fragil der alte Herr unter seiner zerlumpten Kleidung war. Vorsichtig führte er Herrn Schubert zurück in dessen düstere Wohnung, geleitete ihn durch den langgezogenen Flur bis in das chaotisch vollgestopfte Wohnzimmer, wo er ihn behutsam auf die schmuddelige Couch verfrachtete und endlich die Zeit fand, sich förmlich vorzustellen. Julius Schubert versuchte den hilfsbereiten Sozialarbeiter angemessen zu begrüßen, doch ihm fehlte der nötige Atem, japsend lehnte er in einer Ecke der Couch und rang nach Luft, seine Lippen waren stark bläulich verfärbt, seine Augen quollen weit hervor, instinktiv presste er die rechte Hand auf die Brust, um sein wild galoppierendes Herz zu beruhigen. „Ich werde den Notarzt verständigen“, bemerkte Marius Horn, der den Alten mit besorgtem Stirnrunzeln musterte und einen Kreislaufkollaps oder sogar einen Herzinfarkt befürchtete. Julius Schubert riss bei diesen Worten ängstlich den Mund auf und begann nervös zu hyperventilieren, „Bitte! Kein Arzt!“, röchelte er panisch, doch der Sozialarbeiter ließ sich nicht umstimmen.
*
Marius Horn saß vornübergebeugt am Schreibtisch seines privaten Arbeitszimmers und dokumentierte, wie üblich, die Ereignisse des Tages. Der schwierige Termin bei Herrn Julius Schubert erforderte seine volle Konzentration, gewissenhaft tippte er seine Eindrücke in den altgedienten Computer, manchmal warf er einen Blick auf seine handschriftlichen Notizen, die er direkt nach dem Termin angefertigt hatte. Der nervlich zerrüttete Herr Schubert hatte sich leider mit Händen und Füßen gegen eine Untersuchung durch den Notarzt gewehrt und war schließlich so dramatisch kollabiert, dass er in ein Krankenhaus verbracht werden musste. Marius Horn schrieb darüber einen minutiös genauen Bericht und sparte nicht mit Einzelheiten über den bedenklichen Zustand des gebrechlichen Seniors und der vermüllten Wohnung, nur ein kleines Detail ließ er absichtlich beiseite, weil er nicht wusste, wie er es in die Dokumentation einbauen sollte und sich vielleicht auch ein wenig schämte: Er hatte dem völlig aufgelösten Herrn Schubert an der Krankenbahre geschworen sich um dessen ‚Geister‘ zu kümmern, solange dieser nicht dazu in der Lage war. Natürlich konnte er jetzt, in der komfortablen Behaglichkeit seines gemütlichen Arbeitszimmers, nur noch peinlich berührt den Kopf schütteln über diesen unprofessionellen Patzer, doch als er die zittrige Hand des Alten gehalten und in dessen schreckensgeweitete Augen geschaut hatte, da war es ihm nur menschlich erschienen den Ärmsten mit einem Lippenbekenntnis zu beruhigen. Marius Horn seufzte ergeben und beschloss, dass sein Bericht auch ohne diese kleine Einzelheit vollständig genug sei. Er ließ ebenso unerwähnt, dass er in der Sekunde des Versprechens einen unangenehm kalten Schauer verspürte, der die feinen Härchen an seinem Nacken zu Berge stehen ließ und verschwieg außerdem, dass er für einen mikroskopisch kleinen Moment gedacht hatte, dass dieser Schwur möglicherweise der schlimmste Fehler seines Lebens gewesen war. Stattdessen formulierte er komplizierte Schachtelsätze über Herrn Schuberts verwahrlosten Zustand und die nötigen Hilfsmaßnahmen, die in seinen Augen dringend erforderlich waren. Gedankenverloren tastete er nach seiner Wasserflasche, die immer auf dem Schreibtisch gleich neben der Tastatur bereitstand, um seine kratzig trockene Kehle mit einem Schluck Mineralwasser zu befeuchten, doch seine Finger griffen wiederholt ins Leere. Marius Horn wandte irritiert den Blick vom Bildschirm und blinzelte verdutzt; die Wasserflasche schwebte wenige Zentimeter neben dem Tisch und drehte sich langsam in der Luft. „Was zur Hölle?“, hauchte er verblüfft. „Hölle ist ein gutes Stichwort“, flüsterte eine helle Kinderstimme nah an seinem linken Ohr und ein grässliches Lachen erfüllte das Zimmer, die Wasserflasche knallte wuchtig auf den Fußboden und zerbrach mit lautem Klirren, das Mineralwasser schoß aus dem berstenden Flaschenhals und spritze bis zur Zimmerdecke. Marius Horn zuckte erschrocken zurück und sah sich hektisch nach allen Seiten um, „Ist da jemand?“, fragte er eingeschüchtert und kam sich dumm dabei vor. „Ist da jemand?“, äffte die unsichtbare Kinderstimme und ein gehässiges Kichern ertönte. Marius Horn fuhr in Sekundenschnelle von seinem Stuhl, als ein eiskalter Atemzug sein Genick streifte, „Was soll der Unsinn? Ich finde das nicht witzig!“, herrschte er betont zornig, um seine lähmende Verunsicherung zu übertünchen. „Ich schon“, gluckste die Stimme an seinem Ohr. „Ich auch“, raunte eine zweite, dunklere Stimme und Marius Horn hatte den Eindruck, als spräche sie direkt über seinem Kopf, zögerlich verdrehte er die Augen, um vorsichtig nach oben zu linsen, doch an der Zimmerdecke war nichts zu sehen, außer einem frischen Wasserfleck. „Das ist ein dummer Trick“, sagte er und versuchte möglichst unbeeindruckt zu klingen. „Du bist ein dummer Trick.“
Die Stimme klang plötzlich entsetzlich gefühllos und harsch, alle Lampen im Arbeitszimmer platzten mit einem satten Knall und der Computer implodierte.
*
Julius Schubert lag in einem modernen Pflegebett und schlummerte friedlich in der unauslotbar tiefen Umarmung der starken Beruhigungsmittel, die ihm seit seiner Einlieferung vor zwei Tagen in großzügigen Dosen verabreicht worden waren, als Marius Horn plötzlich in das abgedunkelte Krankenzimmer stürzte, ohne vorher anzuklopfen. „Helfen Sie mir!“, schrie der Sozialarbeiter händeringend, während er ans Bett des alten Mannes stolperte und das Bettlaken umklammerte wie ein Ertrinkender eine rettende Boje. Julius Schubert tauchte nur langsam aus seinen watteweichen Träumen auf, verschlafen blinzelte er zu dem aschfahlen Gesicht empor, das sich hilfesuchend über ihn beugte, ihm jedoch nur entfernt vertraut erschien. „Kennen wir uns?“, fragte er freundlich oder versuchte es zumindest, denn das Beruhigungsmittel ließ ihn nur schwer verständlich nuscheln. Marius Horn schüttelte sich, als litte er unter starken Krämpfen, er fiel vor dem Bett auf die Knie und begann hysterisch zu schluchzen. „Nehmen Sie sie zurück, bitte, nehmen Sie sie wieder zurück!“, bettelte er und flennte haltlos, die Tränen schossen sturzflutartig aus seinen Augen, ein langer Rotzfaden baumelte von seiner Nase, doch es schien ihn nicht zu kümmern. Ein berechnender Ausdruck schlich sich in die Augen des Alten, der nun endlich erkannte, wer da vor ihm auf dem Boden kniete. „Ach, Sie sind es also“, nuschelte er und seine blutleeren Lippen verzerrten sich zur Karikatur eines Grinsens. „Ich flehe Sie an, Sie müssen mir helfen!“, wimmerte Marius Horn, er wischte mit dem Handrücken über sein nasses Gesicht und schniefte herzzerreissend, „ständig sekkieren sie mich, plagen und quälen meinen Geist und meinen Körper, ich ertrage das nicht mehr. Sie lassen mich nicht essen, sie lassen mich nicht schlafen. Meine Frau ist mit den Kindern zu ihrer Schwester gezogen, weil sie glaubt ich sei verrückt geworden! Bitte, nehmen Sie die Dämonen wieder zurück!“ „Oh, daraus wird nichts“, murmelte Herr Schubert und ein zufriedener Ausdruck huschte über sein eingefallenes Gesicht, „die Satansbrut klebt nun an Ihnen und Sie müssen sich um sie kümmern, bis jemand anderes freiwillig die Bürde übernimmt und so geht es weiter und immer weiter und immer weiter“, flüsterte er, seine Stimme wurde dabei leiser und leiser und erstarb schließlich ganz. Marius Horn stieß ein unmenschliches Heulen aus, er raufte sich die Haare und stieß derbe Flüche und Drohungen gegen Herrn Schubert aus, bis er von einer herbeieilenden Krankenschwester unsanft aus dem Zimmer befördert wurde. Julius Schubert beobachtete das Spektakel mit amüsierter Gelassenheit, entspannt kuschelte er sich in die weiche Matratze des Pflegebetts und als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, schlummerte er friedlich ein.

© sybille lengauer

Die Auswanderer

Veröffentlicht: Februar 22, 2021 in Kurzgeschichten
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Die Auswanderer

Charlotte Schmidt steht mit bekümmerter Miene inmitten der, nach Weichspüler und teurem Parfum duftenden, Fülle ihres begehbaren Kleiderschrankes, ihr Blick wandert mit großem Bedauern über die unzähligen Designerkleider, handgefertigten Pullover und maßgeschneiderten Jacken, die, fein säuberlich geordnet und nach Modelabel sortiert, an speziell geformten Kleiderbügeln hängen. „Was für eine schreckliche Verschwendung“, seufzt Charlotte und eine kleine Kummerfalte umspielt ihren dunkelrot geschminkten Schmollmund, liebevoll streichen ihre sorgfältig manikürten Finger über den feinen Spitzenstoff eines hauchzarten Sommerkleides. „Ihr werdet mir fehlen“, haucht Charlotte traurig und ihre dunkelgrauen Augen füllen sich mit Tränen, die sie sofort gekonnt wegblinzelt, um das aufwändige Make-Up nicht zu ruinieren. Ein letzter, sorgenschwerer Atemstoß, dann wendet sich die bemerkenswert attraktive Schönheit von ihren geliebten Kleidungsstücken ab, mit langen Schritten rauscht sie aus dem begehbaren Kleiderschrank, vorbei an der ebenfalls bekümmert dreinblickenden Haushälterin, die auf den Namen Fanny hört, obwohl sie eigentlich Valentina Crncevic heißt, aber wer soll das schon aussprechen können. „Kann ich etwas für gnädige Frau tun?“, fragt die gute Fanny und ringt besorgt ihre geröteten Hände, die von der harten, aufopferungsvollen Hausarbeit erzählen, dem mühevollen Böden wienern, Wäsche machen und Toiletten schrubben mit chemischen Putzmitteln. „Danke, Fanny. Ich komme zurecht“ Charlotte Schmidt lässt sich ermattet auf eine samtbezogene Chaiselongue sinken, ihre Augenlider flattern und es hat kurz den Anschein, als wollten unter dem Druck der strapaziösen Trennungsgefühle nun doch die Tränen fließen, mit einer schwachen Handbewegung winkt sie die zierliche Haushälterin noch einmal zurück, „Wenn ich es mir recht überlege – bringen Sie mir einen Martini“, haucht sie mit schwacher Stimme und nimmt das Telefon zur Hand.
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Thomas Schmidt lümmelt mit wippenden Beinen in einem cremefarbenen Chefsessel, er lässt den Blick seiner haselnussbraunen Augen unruhig durch sein geschmackvoll eingerichtetes Büro schweifen und kaut hektisch auf einem Nikotinkaugummi herum, während er mit der aufgewühlten Charlotte telefoniert. „Ich weiß, Liebling. Es ist eine Tragödie, dass die Kleider zurückbleiben müssen, aber man darf eben nur einen Koffer mitnehmen“, säuselt er in einfühlsamen Ton, doch sein Gesicht spricht eine ganz andere Sprache, entnervt zieht er die Mundwinkel in die Breite und die Augenbrauen in die Höhe, das hektische Kauen wird schneller und schneller, mehrfach wechselt er den Hörer vom linken auf das rechte Ohr, es ist erstaunlich, dass man keinen Hauch seiner Verstimmung in seiner Stimme hören kann. Aus einem großen, quadratisch geformten Fenster ist die smogverseuchte Skyline der Großstadt zu sehen, doch Thomas sieht sich lieber tausendmal seine hochwertigen Büromöbel und die erstklassigen Kunstdrucke an den Wänden an, als einmal einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Ginge es nach ihm, hätte er schon längst Vorhänge installieren oder Milchglas einsetzen lassen, um die deprimierende Aussicht zu kaschieren, doch die Seniorpartner der global agierenden Handelsfirma Vogelraub, Becker & Herrmann billigen keine eigenmächtige Umgestaltung der Fenster, wie man ihm in einem unpersönlich formulierten Memo mitteilen ließ. Grundsätzlich würde Thomas es gerne auf eine Konfrontation ankommen lassen, doch nachdem er die Firma im letzten Jahr um mehrere Millionen Euro betrogen hat, um die unfassbar teuren Tickets zum Mars bezahlen zu können, lässt er die Sache mit dem Fenster lieber auf sich beruhen. „Ich muss auflegen, Liebling. Die Arbeit erdrückt mich heute wieder, du verstehst. Liebe dich. Küsschen.“, flötet er honigsüß ins Telefon, während die Finger seiner freien Hand unruhig auf den Schreibtisch trommeln, er unterbricht die Verbindung, ohne eine Antwort abzuwarten und ruft seine Sekretärin Jenny an, um ihr ausdrücklich einzuschärfen, dass sie seine Ehefrau in den nächsten Stunden nicht noch einmal durchstellen soll, unruhig stopft er sich einen weiteren Nikotinkaugummi in den Mund. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Start des Marsshuttle, für Thomas Schmidt gleichen sie dem Tanz auf einem Vulkan, denn ein Buchprüfer hat begonnen schwierige Fragen zu stellen und es ist dringend angeraten den Planet zu verlassen, bevor ihm Vogelraub, Becker & Herrmann die Polizei auf den Hals hetzen, oder schlimmeres.
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Eheleute Schmidt sitzen sich abends an der langen Dinnertafel gegenüber, die eigentlich Platz für zwanzig Gäste bietet und somit übertrieben groß für zwei wortkarge Speisende erscheint, Charlotte hat das geräumige Esszimmer erst vor wenigen Monaten von einem äußerst angesagten Inneneinrichter umgestalten lassen, um die Wohnung vor dem Verkauf aufzuwerten, und besteht nun darauf, möglichst häufig darin zu dinieren, selbst wenn keine Gäste empfangen werden und die gemeinsame kulinarische Erfahrung aus gelegentlichem Blickkontakt aus der Ferne besteht. Thomas, der das gesamte Renovierungsvorhaben von Anfang an für unnütz und das fertige, pompös dekorierte Esszimmer für abgrundtief hässlich befunden hat, fügt sich widerstandslos in das allabendliche Ritual, er ist tunlichst bemüht, Charlotte bei Laune zu halten, denn nur langjährig verheirateten Paaren ist die Auswanderung auf die Marskolonie gestattet. Thomas glaubt bedingungslos an einen Neubeginn auf dem Mars, auch wenn ein solches Unterfangen ein enormes finanzielles und persönliches Risiko birgt, der altgediente, längst ausgelutschte Planet Erde kann die Menschheit keine weitere Dekade ernähren, ein Weltkrieg droht am Horizont und Thomas fürchtet, wie viele andere auch, dass dieser Krieg der letzte – der Krieg aller Kriege – sein wird, der die zivilisierte Menschheit vernichtet. Er hält einen Neustart in der Marskolonie für die einzig denkbare Rettung und hat hohe Erwartungen an die futuristisch anmutende Anlage, deren Modellabbildungen er so oft und intensiv studiert hat, dass er jeden Zentimeter blind beschreiben könnte, wenn ihn jemand darum bitten würde. „Ich habe heute Nachmittag mit Vater telefoniert, er lässt dich grüßen“, sagt Charlotte plötzlich in gespielt beiläufigem Plauderton, Thomas taucht mit einem irritierten Hüsteln aus seinen weit entfernten Gedanken auf, bei der Erwähnung des Schwiegervaters wird sein Blick starr und glasig, die Hand mit der Gabel verharrt auf halbem Weg zum Teller. „Vater sagt, wir sollten noch einmal über das Auswandern nachdenken. Er sagt, ein Luxusbunker auf Neuseeland wäre sicherer und langlebiger als die Kolonie auf dem Mars und dass ein solcher Bunker spielend leicht einem totalen Atomkrieg standhalten kann“ Charlotte hält inne, um geziert einen Bissen zum Mund zu führen, sie kaut und schluckt betont sorgfältig. Thomas besinnt sich seiner Gabel und legt das Besteck mit unwilligem Stirnrunzeln beiseite, sein Appetit ist verflogen. Er winkt die Haushälterin herbei, die unauffällig in einer Ecke des Esszimmers steht und abwartend die Hände über der weißen Servierschürze gefaltet hat, um sein Gedeck abräumen zu lassen und einen Digestif zu bestellen. „Vater sagt,…“, beginnt Charlotte von neuem, „Liebling“, unterbricht Thomas rasch, bevor Charlotte weitere Vaterargumente hervorbringen kann, „ich bitte dich, wir haben diese Diskussion doch schon so oft geführt. Wir beide kennen sicher tausend gute Gründe, um auf der Erde bleiben zu wollen. Aber es gibt hier keine Zukunft mehr!“ „Ich wiederhole doch nur, was Vater sagt“, erwidert Charlotte, beleidigt zieht sie die hübsche Nase kraus. „Aber natürlich tust du das“, antwortet Thomas, er schenkt seiner Ehefrau ein gekünsteltes Lächeln, leert den servierten Digestif und erhebt sich ruckartig von der Tafel. „Es ist die richtige Entscheidung, Liebling. Vertrau mir“, verkündet er etwas zu fröhlich, raschen Schrittes umrundet er die lange Tafel, um Charlotte einen lippenfeuchten Kuss auf die makellose Stirn zu drücken, den sie reglos entgegennimmt. „Du arbeitest noch?“, fragt sie, doch es klingt, als wäre sie nicht an einer Antwort interessiert, sondern die Frage nur ein altes Ritual, das beide schon viel zu häufig durchlaufen haben. Thomas nickt und zieht sich eilig aus dem Esszimmer zurück, Charlotte sieht ihm mit sorgenvoll gewölbten Augenbrauen hinterher.
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Charlotte Schmidt verbringt in den darauffolgenden Tagen viel Zeit im exquisiten Schönheitssalon ihrer Freundin Christine Schrödinger, deren fröhliche, sorgenfreie Lebenseinstellung sie grundsätzlich immer aufzuheitern vermag, doch je näher der Termin der Abreise heranrückt, desto schwieriger wollen die dunklen Sorgenwolken weichen, die sich über ihrem Gemüt zusammenballen. Charlotte findet kaum Ablenkung von dem alles verändernden Ereignis, das ihr Anfangs noch wie ein großes und romantisches Abenteuer erschienen war, doch jetzt, kurz vor dem Start des Shuttle, zu einer komplizierten Belastungsprobe für ihren Optimismus geworden ist. Die sensible Schönheit kann sich den endgültigen Abschied von ihrer Heimat, ihrer Familie und ihren Freunden einfach nicht vorstellen, genausowenig, wie sie sich vorstellen kann, dass all diese Menschen und Orte, die ihr so vertraut sind und am Herzen liegen, in wenigen Jahren vernichtet sein werden. Die dünne Atmosphäre der Zivilisation, in der sie sich seit ihrer Geburt bewegt, zeigt zwar ernste Risse und Sprünge und Charlotte versteht die katastrophalen Meldungen aus aller Welt, die von besorgten Wissenschaftlern und Journalisten tagein, tagaus verkündet werden, doch ihre Phantasie reicht nicht aus, um die globale Zerstörung zu begreifen. Charlotte zweifelt, ob sie mit der Auswanderung auf den Mars die richtige Entscheidung getroffen hat und sie verabscheut diesen unbefriedigenden Gefühlszustand. Natürlich spricht sie selten bis gar nicht mit Thomas über ihre aufgewühlten Gedanken, sie kennt seine glühende Pro-Mars-Einstellung und auch die guten Argumente, die er vorzubringen weiß, auch telefoniert sie nur noch spärlich mit ihrem Vater, dessen gegensätzliche Meinung sie ebenfalls zur Genüge gehört hat. Charlotte behält ihre Zweifel lieber für sich und hütet sie in ihrem Herzen wie kleine, geheime Eiskristalle, die langsam zu einer Lawine heranwachsen und sich unaufhaltsam talwärts bewegen.
Thomas Schmidt hat in den verbleibenden Wochen alle Hände voll zu tun, sich den lästigen Buchprüfer mit all seinen unbequemen Fragen vom Halse zu schaffen und seine Angelegenheiten in der Firma zu regeln, er lügt ohne jede Skrupel und schreckt auch nicht vor Bestechung zurück, um sich die Zeit zu erkaufen, die er braucht. Natürlich hat er keiner Seele bei Vogelraub, Becker & Herrmann von seinen kühnen Auswanderungsplänen erzählt, stattdessen tischt er den Kollegen und Vorgesetzten eine rührselige Geschichte auf, von seiner alten, schwerkranken Mutter, die es in der tiefsten Provinz zu versorgen gelte und der großen Verantwortung, die so eine Intensivpflege mit sich bringe. Seiner geschwätzigen Sekretärin Jenny erzählt er eine noch viel detailliertere Version, in der es um eine komplizierte Erbschaftsangelegenheit und unverarbeitete Geschwisterrivalität geht, um sie und somit auch die neugierigeren Kollegen mit Klatsch zu beschäftigen und von konkreten Fragen abzulenken, auch wenn sich das von Tag zu Tag schwieriger gestaltet. Zuhause beschäftigt ihn die Abwicklung all der weltlichen Güter, die vor der Abreise veräußert werden müssen, die luxuriös ausgestattete Wohnung ist mitsamt Einrichtung und Haushälterin an ein nettes, gut situiertes Ehepaar aus Schweden verkauft, die nötigen Papiere liegen gestempelt und unterschrieben bei einem Notar, der auch die sonstigen, bald überflüssigen Dokumente der Schmidts verwaltet. Die beiden Elektroautos, eine umfassende Golfausrüstung und Thomas wertvolle Schallplattensammlung aus dem zwanzigsten Jahrhundert finden indes bei dem neugierigen Buchprüfer ein neues Zuhause, der sich darüber hochzufrieden zeigt und somit vorerst ruhig gestellt ist. Thomas beruhigt dieser geglückte Schachzug zwar ebenfalls, doch trotz all seiner Umsicht und akribischen Planung schläft er zu wenig und schreckt nachts oft aus Alpträumen, in denen er von sirenenkreischenden Polizeiwagen verfolgt oder von lauernden Schatten in der Dunkelheit verschlungen wird, er wirkt ruhelos und hochnervös, isst schlecht und zeigt sich ungewöhnlich reizbar, die Nikotinkaugummis reichen längst nicht mehr aus, um seine strapazierten Nerven zu beruhigen, Thomas hat heimlich wieder begonnen Zigaretten zu rauchen, obwohl das vor einem Langstreckenflug im All unerwünscht ist.
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Am Abend vor dem Starttermin speisen die Schmidts ein letztes Mal an der überlangen Dinnertafel, Charlotte hat der Haushälterin für ein paar Stunden frei gegeben, um ungestört mit Thomas allein sein zu können, sie hat in ihrem Lieblingsrestaurant all die Köstlichkeiten bestellt, die auf der Marskolonie nicht mehr verfügbar sein werden, doch beim Anblick der opulenten Speisen dreht sich ihr der Magen um, steif und verkrampft sitzt sie vor den übervollen Tellern und ihre schlanken Hände zittern nervös. Thomas, der die still leidende Charlotte kaum beachtet, stochert gedankenverloren mit der Gabel in seinem kunstvoll arrangierten Vorspeisenteller, dunkle Augenringe liegen wie tiefschwarze Schatten unter seinen fiebrig flackernden Augen, tiefe Sorgenfalten haben sich in sein blasses Gesicht eingegraben, er wirkt um Jahre gealtert und unnatürlich schreckhaft. „Ich kann das nicht“, murmelt Charlotte plötzlich leise, doch Thomas beschäftigt sich weiterhin ungerührt mit seinem Teller und tut so, als hätte er sie nicht gehört. „Ich kann das nicht“, wiederholt Charlotte, diesmal lauter, sie versucht das Zittern ihrer Hände zu kaschieren, indem sie ein Weinglas fest umklammert, ihre tränenfeuchten Augen wandern hilflos über die lange Dinnertafel, suchen vergeblich nach Verständnis in Thomas verhärmten Gesicht, doch der erwidert ihren Blick nicht und gibt auch sonst keine Antwort, sondern sitzt nur stumm am anderen Ende der Dinnertafel und starrt auf seinen Teller. „Hast du mich verstanden, Thomas?“ Charlotte kann die Tränen nicht länger zurückhalten, dicke, salzige Tropfen springen aus ihren dunkelgrauen Augen, eilig wischt sie sie mit den Fingerspitzen fort, ein ersticktes Schluchzen drängt aus ihrer Kehle, „Ich komme nicht mit“, stößt sie wie unter Schmerzen hervor. Thomas lacht schallend, doch es ist kein fröhliches Gelächter, sondern ähnelt dem boshaften Lachen einer Hyäne, schrill und gemein. Er steht ruckartig auf, seine Waden knallen hart gegen den Stuhl, sodass dieser wackelt und beinah umkippt, in wenigen Schritten umrundet er die lange Tafel, drohend baut er sich vor der eingeschüchtert schluchzenden Charlotte auf, sein Gesicht ist hochrot, die Nasenflügel beben, als wäre er ein überzüchtetes Trabrennpferd, unbewusst ballt er die Hände zu Fäusten und spannt die Muskeln. „Du kommst also nicht mit, ja?“, fragt er in gefährlich ruhigem Ton, sein Mund formt ein verzerrtes Lächeln, die Adern an seinem Hals treten deutlich hervor. Charlotte fixiert ängstlich seine geballten Fäuste, quälend ungewisse Sekunden vergehen, in denen nur das angespannte Atmen der Eheleute in der schrecklichen Stille zu vernehmen ist, dann springt Charlotte mit einem spitzen Aufschrei vom Stuhl und stürmt panisch aus dem Esszimmer. Thomas vermutet später, dass diese unerwartete Flucht eine Art animalischen Reflex in ihm ausgelöst hat, eine heftige Überreaktion, die vielleicht verhindert hätte werden können, wäre sie zivilisiert an der Tafel sitzen geblieben und nicht einfach weggelaufen, wie ein aufgescheuchtes Reh. Anders kann er sich die rohe Gewalttätigkeit nicht erklären, die ihn in einem wutschäumenden Rausch erfasst und aus seiner geliebten Ehefrau eine blutüberströmte Leiche gemacht hat. Thomas steht schwankend über dem grotesk verdrehten Körper, der eben noch Charlotte war, fassungslos beäugt er die große, dunkelrote Blutlache, die sich langsam auf dem wunderschön gemaserten Holzfußboden ausbreitet, seine blutverschmierten Fäuste öffnen und schließen sich krampfhaft. „Tut mir leid, das habe ich nicht gewollt“, flüstert er leise, doch Charlotte kann seine Entschuldigung nicht mehr hören, ihre blind gewordenen Augen starren ausdruckslos ins Leere und doch erscheint es Thomas, als läge ein letzter, unausgesprochener Vorwurf in diesem toten Blick, den er keine Sekunde länger ertragen kann. Er wankt spontan ins Badezimmer und kehrt mit einem schneeweißen, flauschig weichen Bademantel zurück, schaudernd bedeckt er damit ihren zerschlagenen Oberkörper und das leblose Gesicht, dann rennt er wieder ins Badezimmer, um sich würgend in die Kloschüssel zu übergeben, sein Herz schlägt hart und schnell in seiner Brust, seine Gedanken rasen in chaotischen Bahnen, eine hysterisch kichernde Stimme brüllt lauthals „Das war’s mit dem Mars!“ in seinem Kopf. „Das darf nicht wahr sein“, heult Thomas verzweifelt, während er hustend und röchelnd Rotz und dunkelgelbe Galle hervorspuckt, entfaltet sich hinter seiner Stirn ein irrwitziger Rettungsplan mit adrenalingefütterter Klarheit.
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Valentina Crncevic liegt gemütlich zusammengerollt in der engen Schlafkoje ihres kleinen Bedienstetenzimmers, eben noch hat sie mit ihrem Ehemann Yasha telefoniert, der während ihrer wochenlangen Arbeitsschichten ganz alleine die gemeinsame Ein-Zimmer-Wohnung am anderen Ende der Stadt bewohnt und in den Nächten unter Langeweile und Einsamkeit leidet, nun verfolgt sie mit zusammengekniffenen Augen eine beliebte Krimiserie auf dem winzigen Bildschirm ihres Mobiltelefons, sie trägt dürftig mit Klebeband reparierte Kopfhörer, um den schlechten Ton besser verstehen zu können und kaut hingebungsvoll chemiebunte Fruchtbonbons, als Thomas Schmidt ohne Vorwarnung die Tür aufreißt und bleich wie ein Geist ins Zimmer stürmt. „Ich brauche Sie, Fanny!“, stößt er aufgeregt hervor, weißer Schaum bildet sich beim Sprechen in seinen Mundwinkeln, Valentina Crncevic lässt erschrocken das Mobiltelefon fallen, schutzsuchend duckt sie sich in die Schlafkoje. Thomas Schmidt reißt die verängstigte Haushälterin grob auf die Beine und zieht sie mit sich in den dunklen Wohnungsflur, „Es ist ganz einfach“, stammelt er zusammenhanglos, seine Augen glänzen irr, seine schweißnasse Hand krallt sich eisenhart in Valentinas Unterarm, doch die schmächtige Frau wehrt sich nicht gegen seinen schmerzhaft festen Griff, widerstandslos lässt sie sich zum Schlafzimmer ziehen und auf das große, mit Zierkissen übersäte Doppelbett schubsen, nur ihre fest aufeinandergepressten Lippen erzählen von der Todesangst, die sie empfindet. „Ausziehen“, befiehlt Thomas barsch, Valentina Crncevic beginnt zögerlich ihre Schlafbluse aufzuknöpfen, misstrauisch beobachtet sie, wie Thomas im angrenzenden, begehbaren Kleiderschrank verschwindet und mit einem schicken, zweiteiligen Kostüm im Arm zurückkehrt. „Anziehen“, bellt er rau und wirft die Kleidungsstücke auf das Bett, Valentina Crncevic unterdrückt ein Schluchzen und schlüpft hastig in das Kostüm, Thomas betrachtet das Ergebnis kritisch, er wirkt wie ein verrückter Modefotograf, der sein verängstigtes Model mit Blicken seziert. „Kannst du mit Make-Up umgehen?“, fragt er ganz unvermittelt, die distanzierte Höflichkeitsform ist dem vertrauten Du gewichen, ohne dass er selbst es bemerkt hätte. „W-wie bitte?“, stammelt Valentina Crncevic, verwirrt runzelt sie die Stirn, doch als Thomas einen kleinen Schritt näher zu ihr herantritt, nickt sie eilig und setzt ein gezwungenes Lächeln auf, „Natürlich, Herr Schmidt. Ich kann alles, was Sie wünschen“, versichert sie ängstlich. Thomas grunzt zufrieden, er zieht ein silberfarbenes Marsticket aus der Jackentasche seines Anzugs und drückt es der verdutzen Haushälterin in die Hand, „Du solltest ihr zumindest etwas ähnlich sehen“, knurrt er kaltschnäuzig, dann lässt er sich schnaufend auf die samtbezogene Chaiselongue fallen und versinkt in brütendes Schweigen. Valentina Crncevic starrt mit großen Augen das glänzende Marsticket an, auf dem ein transparent schimmerndes Foto von Charlotte Schmidt abgedruckt ist, langsam beginnt sie die Zusammenhänge zu begreifen und ein seltsamer Ausdruckt huscht über ihr Gesicht.
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Thomas Schmidt kämpft gegen eine ohnmachtsartige Erschöpfung an, die sich seiner gnadenlos bemächtigt, sobald er auch nur für wenige Sekunden entspannt, seine Augenlider scheinen schwer wie Blei, seine Gedanken mäandern ziellos durch sein überfordertes Gehirn, kraftlos lümmelt er auf der Chaiselongue und beobachtet die Haushälterin, die an Charlottes hell erleuchtetem Schminktisch sitzt und ihr Gesicht konzentriert mit Concealer, Foundation, Puder und Rouge bearbeitet. Ihre gleichmäßigen Handbewegungen üben eine fast hypnotische Wirkung auf seinen ausgelaugten Geist aus, sein Kinn sinkt langsam auf seine Brust hinab, er schreckt noch einmal ruckartig hoch und blinzelt krampfhaft, dann versinkt er endgültig in alles betäubendem Schlaf. Valentina beobachtet seinen Kampf mit der Müdigkeit unauffällig im Spiegel, während sie oberflächlich so tut, als würde sie sich eifrig auf das Schminken konzentrieren, lässt sie den gefährlichen Verrückten nicht für einen Moment aus den Augen. Thomas Schmidt gibt unregelmäßige, gehetzte Atemgeräusche von sich, die Augäpfel rollen unter seinen geschlossenen Augenlidern wild hin und her, Valentina nimmt all ihren Mut zusammen, sie erhebt sich langsam vom Schminktisch, doch anstatt kopflos aus dem Schlafzimmer zu flüchten, schleicht sie vorsichtig zu dem unruhig Schlafenden hin, mit spitzen Fingern durchwühlt sie seine Jackentasche, bis sie ein weiteres, silbern glänzendes Marsticket findet, dann huscht sie auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer und zieht leise den Schlüssel ab, bevor sie die Türe hinter sich schließt.
Thomas Schmidt schreckt von dem sachten, leise klickenden Geräusch aus blutschäumenden Träumen, gehetzt fährt er von der Chaiselongue, sein Blick irrlichtert durch das verlassen wirkende Schlafzimmer, „Charlotte?“, fragt er instinktiv, bevor sein Verstand ihn daran hindern kann, Bilder ihres erschlagenen Körpers flackern augenblicklich durch sein überreiztes Gehirn. Thomas schlägt die Hände vors Gesicht und reibt sich die Augen, um die quälenden Erinnerungsfetzen zu vertreiben, doch es ist eine nutzlose Geste. Auf der anderen Seite der Schlafzimmertür wird der Schlüssel im Schloss gedreht, Thomas zuckt zusammen, in seinem Blick flackert nackte Panik, als er sich erinnert, was in den letzten Stunden geschehen ist. „Fanny?“, brüllt er lauthals, er wankt zur Schlafzimmertür und rüttelt vergeblich am Türgriff. „Ja, Herr Schmidt?“, fragt Valentina Crncevic schüchtern, sie steht Barfuß im halbdunklen Flur der Wohnung und hält die Marstickets fest umklammert. „Mach die Tür auf, Fanny“ Thomas Schmidt bemüht sich um einen möglichst heiteren, freundlichen Tonfall, doch Valentina schüttelt nur reflexartig den Kopf und tritt einen großen Schritt von der stabilen Tür zurück. „Nein, Herr Schmidt“, antwortet sie höflich. „Mach! Die! Gottverdammte! Tür! Auf!“ Thomas drischt in rasender Wut auf die Schlafzimmertür ein, seine wuchtigen Hiebe lassen das solide Material jedoch kaum erzittern, „Mach auf! Mach auf! Mach auf!“, brüllt er hysterisch, er wirft sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür, drückt gegen das Holz, bis seine Schulter nur noch aus glühendem Schmerz besteht, doch die Tür hält seinen verzweifelten Angriffen problemlos stand. „Fanny“, winselt Thomas Schmidt, heulend sinkt er zu Boden, sein Zorn wird von purem Selbstmitleid verdrängt, „bitte, rufen Sie nicht die Polizei!“, fleht er unterwürfig und plötzlich ist da wieder jene höfliche Anrede, die er bis eben noch vergessen hatte. „Keine Sorge, Herr Schmidt. Keine Polizei“, antwortet die Haushälterin schlicht und eine Woge der Erleichterung rollt über Thomas hinweg, er denkt, dass er der dämlichen Kuh nur ausreichend Honig ums Maul schmieren und ihr alles versprechen muss, was sie sich wünschen kann, um mit heiler Haut aus der brenzligen Situation herauszukommen. „Bitte, hören Sie mich an“, bettelt er mit aufkeimendem Selbstbewusstsein, „werfen Sie doch diese einmalige Chance nicht leichtfertig weg. Ich biete Ihnen ein neues, besseres Leben, fernab von all dem Elend hier auf der Erde, wer hat schon die Möglichkeit dazu? Öffnen Sie die Tür, meine liebe, gute Fanny, und fliegen Sie mit mir zum Mars!“ „Auf gar keinen Fall“, antwortet Valentina Crncevic entschlossen, sie blickt auf die glänzenden Marstickets in ihrer verkrampften Hand und auf den billigen Ehering, der ihren geschwollenen Ringfinger ziert, ein kleines, vorsichtiges Lächeln stiehlt sich auf ihr überschminktes Gesicht. „Sie kommen nicht mit, Herr Schmidt“, sagt sie mit triumphierend blitzenden Augen, dann dreht sie sich um und läuft mit raschen Schritten den Flur hinunter. Thomas Schmidt tastet erbleichend nach dem Marsticket in seiner Jackentasche, seine Lippen zittern, dicke Schweißtropfen perlen von seiner Stirn und vermischen sich auf seinem Gesicht mit heißen Tränen der Verzweiflung. „Oh nein!“, haucht er entsetzt, als seine Finger nur blanken Stoff und eine zerkrümelte Zigarette in der Jackentasche ertasten, „wo ist mein Ticket, du Schlampe?“, brüllt er und seine Stimme überschlägt sich wie die eines Teenagers, völlig außer sich drischt er von neuem auf die Schlafzimmertür ein, die harten Schläge vermischen sich mit seinem unartikulierten Gebrüll zu ohrenbetäubendem Lärm.
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„Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht ihr Flugkapitän Liam Demir, zusammen mit meiner Crew heiße ich Sie herzlich Willkommen auf Shuttleflug 127 der Milky Way Spacelines, Ihrer direkten Verbindung zur Marskolonie. Danke, dass Sie mit uns fliegen! Bitte nehmen Sie nun Ihre zugewiesenen Plätze in den Schlafkabinen ein, die automatisierte Ruhephase wird umgehend eingeleitet, um Ihr Reiseerlebnis komfortabel zu verkürzen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug.“ Die Stimme des Piloten klingt beruhigend sonor aus diskret verborgenen Lautsprechern, Valentina Crncevic nickt lächelnd einer adrett frisierten Stewardess zu und legt sich ohne zu zögern in die angewiesene Doppelkabine, liebevoll drückt sie die Hand ihres Begleiters, der nervös mit den hellbraunen Augen zwinkert und nur bei besonders günstigem Licht eine entfernte Ähnlichkeit mit Thomas Schmidt aufweist. „Ich mache mir vor Angst gleich in die Hose“, zischt Yasha Crncevic leise, er grinst verlegen und rückt näher an Valentina heran, die sich liebevoll an seine knochige Schulter kuschelt und zum ersten Mal seit langer Zeit echte Geborgenheit spürt. „Alles wird gut“, flüstert sie kaum hörbar und ihre Finger schlingen sich fest um die seinen, während das Schlafgas geräuschlos in die Kabine strömt und die beiden in künstlichen Tiefschlaf versetzt.

© sybille lengauer