Archiv für die Kategorie ‘Politisches’

Dieses eine, kleine Statement.
Sag, wem schadet denn das?
War doch gar nicht ernst gemeint,
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen behindert denn das?
War doch nie bös gemeint,
War doch nur, ja war doch nur.
Spaß!

Dieses eine, banale Wort.
Sag, was verändert denn das?
War doch nie so hart gemeint,
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen vergrämt denn das?
War doch nur im Suff erzählt,
War doch nur, ja war doch nur.
Spaß!

Dieser eine, kurze Schubser.
Sag, wen verletzt denn das?
War doch nur als Gag gemeint,
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen verunsichert das?
War doch nur unter uns,
War doch nur, ja war doch nur.
Spaß!

Dieser eine, sanfte Rempler.
Sag, wen verdirbt denn das?
War doch nie brutal gemeint,
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen beeinträchtigt das?
War doch nur ein kleiner Ausrutscher,
War doch nur, ja war doch nur.
Spaß!

Dieser Tote mehr auf der Straße,
Sag, wen kratzt denn das?
War doch nur ein Ausländer,
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen stört denn das?
War doch nur die Bürgerpflicht,
War doch nur, ja war doch nur.
Spaß!

Dieser Kinderleichnam am Strand.
Sag, wen kümmert denn das?
War doch nur ein Fresser mehr.
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen betrifft denn das?
War doch nur ein kleiner Hinweis,
War doch nur, ja war doch nur.
Spaß!

Diesen verdammten Genozid.
Sag, wer erinnert denn das?
War doch nur ein Geschichtsunfall,
War doch nur, ja war doch nur!
Spaß.
Dieses bisschen Fremdenhass.
Sag, wen verbrennt denn das?
War doch nur die Welt in Flammen.
War doch nur, ja war doch nur.

Massenmord.

© sybille lengauer

Hätten wir es nur gewusst,
Aber es wusste ja keiner,
Hat niemand etwas gesagt,
Nein, es wurde uns verschwiegen.
Ihr habt alle im Sand gespielt.
Ihr habt alle im Sand gespielt.
Wir haben die Kleider weggeworfen.
Kann man ja nicht mehr anziehen.

Hätten wir es nur geahnt,
Aber es ahnte ja niemand,
Hat keiner was verraten,
Eiskalt haben sie gelogen.
Ihr habt alle die Beeren gegessen.
Ihr habt alle die Beeren gegessen.
Bis in Finnland die Vögel fielen.
Massenweise tot aus dem Himmel.

Hätten wir es nur verstanden,
Aber es verstand ja keiner,
Hat niemand etwas erklärt,
Nein, es wurde nicht geredet.
Ihr habt alle im Regen gespielt.
Ihr habt alle im Regen gespielt.
Der Nachbar hat seinen Hund erschossen.
Kannst ihn ja nicht mehr nach draußen lassen.

Hätten wir es nur begriffen,
Aber es begriff ja niemand.
Hat keiner was erläutert,
Eiskalt haben sie geschwiegen.
Ihr habt alle die Pilze gegessen.
Ihr habt alle die Pilze gegessen.
Bis im Fernsehen die Bilder liefen.
Massenpanik aus heiterem Himmel.

© sybille lengauer

Goldene Tage.
Kindliche Erinnerungen in zarten Pastelltönen.
Fortgespült im Sog der braunen Gewalt.
Verstummte Gespräche, vergessene Gesichter.
All die toten Menschen.
Und nie wieder, nie wieder,
Kommt die verlorene Zeit.
Ist für immer vernichtet,
Für immer Vergangenheit.

Goldene Tage.
Verstaubte Erinnerungen mit Trauerflor.
Fortgerissen im Strudel der braunen Gewalt.
Zerstörte Familien, zerplatze Träume.
Und all die toten Menschen.
Nie wieder, nie wieder,
Kommt die verlorene Zeit.
Ist für immer vernichtet.
Für immer Vergangenheit.

Goldene Tage.
Anekdoten aus einem verschollenen Land.
Fortgeweht im Sturm der braunen Gewalt.
Verwelkte Lieben, verscharrte Gefühle.
All die toten Menschen!
Kommen nie wieder.
Ihre Tränen.
Ihr Gelächter.
Ihre Lieder.
Nie wieder.
Nie wider.

All die toten Menschen.

© sybille lengauer

Und alle werden sie fragen: „Wie konnten sie nur?“
Und hier entspannen wir und sagen: „Wir können ganz prima.“
Fahrkomfort sticht Nächstenliebe.
Ein Gewissen für die Umwelt kannst du nicht leasen.

Und alle werden sie fragen: „Warum haben sie nicht?“
Und hier lümmeln wir und sagen: „Wir wussten es nicht besser.“
Wohlfühlzone sticht Verantwortung.
Ein Gewissen für die Zukunft kannst du nicht bezahlen.

Und alle werden sie fragen: „Wieso hat denn keiner?“
Und hier lungern wir und sagen: „Wir wollten schon, nur ging es nicht.“
Selbsttäuschung sticht Zuversicht.
Ein Gewissen für die Nachwelt kannst du nicht kaufen.

Und alle werden sie fragen: „Waren die verrückt?“
Und hier hocke ich und sage: „Es tut mir leid. Wir waren sehr krank.“

© sybille lengauer

Dunkelgrau. Der billige Anzug und der heranbrechende Morgen. Trüb und Nichtssagend. Der Tag und Peter. Letzterer keucht die verregnete Straße hinunter, um sich auf dem Weg ins Call-Center noch einen Coffee-to-go und ein belegtes Brötchen zu kaufen. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Augen fest auf die Straße gerichtet. Anonym im Nieselregen. Der Verkehr kriecht, die Menschen hasten. Als plötzlich eine zerlumpte Gestalt vor ihm auftaucht, stößt er unvermittelt mit ihr zusammen. „Sorry, my friend.“ sagt der Mensch und Peter schüttelt nur im weitergehen unwillig den Kopf. Keine Zeit für Schnorrer. „Entschuldigung!“ ruft die Person und läuft ihm hinterher. Peter beschleunigt seine Schritte. Zieht den Kopf tiefer zwischen die Schultern. Noch achtzig Meter bis zum Bäcker. Endspurt. „Excusez moi, mon ami! Scusa, Bahane, Desculpa!“ „Jetzt lassen Sie mich in Ruhe, ich habe nichts für Sie!“ fährt es aus Peter heraus, als der Fremde nicht ablässt. „Unnskyldning, Mr. Worryman. Die Zeit, le temps, quand?“ „So circa neun Uhr.“ sagt Peter ungeduldig und will weitergehen. „The year, das Jahr, anno?“ „Zwanzigneunzehn, was denn sonst?“ „Merci, Mr. Worryman, dann ist everything allright!“ Der Mann lacht hellauf und versucht Peter zu umarmen. Dieser windet sich eilig frei und flüchtet die letzten Schritte in die Bäckerei. Draußen tanzt ein Mensch im Regen.
„Moinwasdarfssein?“ nuschelt die Verkäuferin und lächelt dabei freundlich an Peters Gesicht vorbei. „Einen Kaffee, schwarz und ein Eibrötchen.“ „Medium oder Large?“ „Einfach nur Kaffee. Bitte.“ „Ich kann Ihnen heute nur Medium oder Large anbieten, die Small Cups sind aus.“ „Dann Medium. Und ein Eibrötchen.“
Als Peter die Bäckerei verlässt, fühlt er sich mürrisch und leer. Der Regen prasselt ungerührt auf ihn herab. Traurig und öde. Die Stadt und Peter. Keine zehn Meter kommt er, da stößt er schon wieder mit jemandem aneinander. Eine junge Frau taucht unvermittelt vor ihm auf. „Hey, mi amigo, quelle annee avons nous?“ „Wie bitte?“ „The year, mein Freund, welches Jahr?“ „Äh, Zwanzigneunzehn?“ „Maravilloso!“ Die Frau klatscht begeistert in die Hände. Peter stellt entgeistert fest, dass sie keine Schuhe trägt. Er fährt zusammen, als auf einmal noch jemand neben ihm steht und seine Schulter drückt. „Excusez moi, min venn…“ „Jetzt reicht es aber!“ schreit Peter und schüttelt sich frei. Um ihn herum verharrt eine Traube zerlumpter Menschen erschrocken im Regen. „Was soll das, wo seid ihr plötzlich alle hergekommen?“ Peter fühlt sich bedrängt und sucht einen Weg aus der Menge. Da er niemanden berühren möchte, macht er nur einen langen Hals und späht über die Reihen aus fragenden Gesichtern. „Entschuldigung, Monsieur?“ fragt es leise an seiner Seite. Eine kleine, schmutzige Hand zupft an seinem Anzug. Große, braune Kinderaugen sehen zu ihm auf. „Welches Jahr, please?“ „Zweitausendneunzehn, was zur Hölle ist hier los? Zwanzig. Neunzehn. Verdammt nochmal!“ Sein Fluchen geht im Jubel der Leute unter. Menschen fallen sich in die Arme und weinen. Peter hat das Gefühl, dass es immer mehr werden. Er nimmt all seinen Mut zusammen und drängt sich durch die Menge. Immer wieder trifft er auf Menschen, die verwirrt nach dem Jahr fragen. Er ignoriert sie. Drückt sich gegen eine Hauswand. Versucht nicht aufzufallen. Direkt vor ihm taucht ein Junge aus dem Nichts auf. Peter schnappt entsetzt nach Luft. Der Junge sieht sich kurz um und blickt dann in Peters erschrockenes Gesicht. „Bon jour, mein Freund, qu…“ „Wo, zur Hölle, bist du hergekommen?“ schreit Peter ihn an. „Calm down, my friend. Everything is bon.“ der Junge hebt abwehrend die Hände. „Nichts ist bon. Wo du herkommst, habe ich gefragt?“ „Deux mille cent dix-neuvieme.“ „Wie bitte?“ „Two thousand one hundred nineteen. The year the earth dies.“ „Was?“ „Du bist Allemagne?“ „Was? Ja!“ „Zweitausendeinhundertneunzehn. Da kommen wir her.“ „Du kommst aus der Zukunft?“ „Ja.“ „Warte, was heißt wir?“ „Na wir. Alle.“ „Ihr kommt aus Zweitausendeinhundertneunzehn?“ „Ja.“ „Hierher?“ „Ja.“ „Ich muss wahnsinnig geworden sein.“ „Au contraire, mon ami, alles wird endlich gut.“

© sybille lengauer

Kinderreim

Veröffentlicht: Januar 30, 2019 in Gedichte, Politisches

Und 1
Kleiner Mensch.
Und 2
Hat sein Zuhause verloren.
Und 3
Hat seine Arbeit verloren.
Und 4
Denkt seine Zukunft verloren.
Und 5
Hat seine Freude verloren.
Und 6
Hat seine Liebe verloren.
Und 7
Armer Mensch.

Kahle Bäume. Rabenschwarze Äste. Und überall Schneegestöber.
Ein Hut.
Kalter Himmel. Aschfahle Wolken. Und überall Schneegestöber.
Ein Stock.
Klare Regeln. Schmutzweißes Draußen. Und überall Schneegestöber.
Ein Regenschirm.
Kleiner Mensch. Schamrotes Verzagen. Und überall Schneegestöber.

Und Vorwärts, Seitwärts, Rückwärts.

Und 1
Kleiner Mensch.
Und 2
Hat seine Sinne verloren.
Und 3
Hat seine Träume verloren.
Und 4
Denkt seine Freiheit verloren.
Und 5
Hat seine Stimme verloren.
Und 6
Hat seine Freunde verloren.
Und 7
Armer Mensch.

Kranke Bäume. Pockenschwarze Äste. Und überall Schneegestöber.
Ein Hut.
Karger Himmel. Leichenblasse Wolken. Und überall Schneegestöber.
Ein Stock.
Klare Regeln. Eisweißes Draußen. Und überall Schneegestöber.
Ein Regenschirm.
Kleiner Mensch. Schmerzrotes Verwelken. Und überall Schneegestöber.

Und Vorwärts, Seitwärts, Rückwärts.

Stop.

© sybille lengauer

Rechts 2, 3, 4

Veröffentlicht: Januar 11, 2019 in Gedichte, Politisches
Schlagwörter:,

(eine Betrachtung in deprimiertem Angstgrau)

Es geht zügig voran, ihr tapfren Patrioten!
Im Stechschritt in den Abgrund und noch stolz darauf, Jawoll!
Ihr habt so vieles getan, ja man kriegt richtig was geboten,
So kurz vorm Absturz ist die Aussicht entsprechend toll.
Auf ein Neues mit dem Weltkrieg, Kameraden, sät das Hassen.
Alle guten Dinge sind nun einmal drei.
Bis die Welt dann brennt und ihr zum Schluss erkennt,
Dass euch als Aschehaufen nichts vom Gegenüber trennt…
Doch keine Sorge Freunde, das geht schnell vorbei.

Wenn uns der glutheiße Wind in der Atmosphäre verteilt,
Seid ihr vielleicht endlich von eurer Dummheit geheilt.

© sybille lengauer