Archiv für die Kategorie ‘Video’

Liebe Lesende, oder diesmal lieber:

Liebe Hörende,

Wer es gestern nicht zu der wunderbaren Veranstaltung der Brennenden Buchstaben geschafft hat und sich deswegen (zurecht) ärgert, kann sich nun beruhigt zurücklehnen und erleichtert aufatmen. Es gibt alles auf Video, keine Sekunde ist verloren. 🙂 Das kunstvolle Bühnenbild für meine Kurzgeschichte „Die Nacht der Toten / Eine Familiengeschichte“ hat Miara Lubitsch kreiert, ich bedanke mich herzlich! Das Setting für die Lesung von Axel Aldenhoven, der aus seinem Köln-Thriller „Auf der Mauer, auf der Lauer“ gelesen hat, stammt von Barlock Barbosa. Beide Lesungen sind, ganz ohne falsche Bescheidenheit, absolut hörenswert und ich kann sie mit gutem Gewissen empfehlen. Also, ich wünsche euch viel Vergnügen und einen schönen Sonntag! Herzlichst, eure Sy

Eine aktuelle Kurzgeschichte aus 2021, wunderbar vorgetragen von Lars:

Ganz, ganz wunderbar gelesen:

Sonnenaufgang

Wie du tastend dich emporhebst,
Aus der düsteren Umarmung.
Deine Farben augenschmeichelnd,
Mit der Dunkelheit verwebst.
Wie du die Stille singend machst,
Weil tausend Vogelkehlen rufen:
„Halleluja! Wir sind Leben!“

Wie die Nacht zerschellt,
Wie die Nacht zerbricht,
An deinem Licht.

Wie du den Mond verblassen lässt,
Seinen Platz am Himmel forderst.
Die andern Sterne absorbierst,
Mit stummer Unausweichlichkeit.
Wie du das Himmelsschwarz zerfaserst,
Derweil die Vogelseelen singen:
„Halleluja! Wir sind Leben!“

Wie die Nacht zerschellt,
Wie die Nacht zerbricht,
An deinem Licht.

© sybille lengauer

Da ist plötzlich so ein Geräusch.

Da ist plötzlich so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch, das mitten hineinschlägt in die widerliche Fresse dieser Stille. Dieser unsäglichen Stille, die sich zwischen uns ausbreitet wie die schiere Pest. Eine widerliche Pest verletzter Gefühle, die uns versichert, dass wir uns egal sind. Dass wir uns scheißegal sind und ein „Du und ich“ uns sowieso nicht mehr interessiert. Uns nicht mehr im Geringsten interessieren würde, selbst wenn der andere in Flammen stünde.
In Flammen stünden wir tatsächlich, hätten wir ein wenig aufgepasst. Ein wenig auf uns aufgepasst und auf das, was wir zu sagen hatten. Bis wir nichts mehr zu sagen hatten und dann plötzlich wieder dieses Geräusch. Dieses kleine Geräusch wie von einem brechenden Herzen. Einem profan brechenden Herzen, das mitten hineinschlägt in die ekelhafte Fresse des Stolzes. Diese grinsende Fresse falschen Stolzes und beiläufiger Freundlichkeit, die uns die letzten Monate gekostet hat.
Die uns alles gekostet hat, und ich schaue dich an und du schaust zurück, und wessen Herz das jetzt war, das weiß keiner so genau. Aber so ganz genau interessiert uns das auch nicht mehr, immerhin ist der Zug ja abgefahren. Und hey, abgefahren wie dir plötzlich Tränen aus den Augen kullern und aus meinen Augen läuft auch so ein Zeug, so ein feuchtes, so ein warmes Zeug eben. Dieses Scheißzeug eben, das schon viel früher hätte laufen sollen, als es noch nicht zu spät war. Aber jetzt ist es eben zu spät und plötzlich ist es da wieder.
Plötzlich ist da wieder so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch das mitten hineinschlägt in die ekelhafte Fresse unserer Selbstsucht. Unserer unvorstellbaren Selbstsucht, die sich zwischen uns ausgebreitet hat wie eine Seuche. Die grassierende Seuche unausgesprochener Schuld, die uns immer noch trennt, selbst jetzt wo wir hier zusammenstehen wie begossene Pudel und anfangen zu heulen. Heulen und Zähneklappern als beschämender Rest, der uns bleibt und dann nichts mehr. Nichts mehr außer zwei gebrochene Herzen, deren klägliche Scherben irgendwann aus unserer Haut eitern werden. Eine pochende, eiternde Wunde, die sich nur noch um sich selbst dreht.
Also dreh dich nicht um, aber geh. Geh rückwärts aus dem Raum, damit ich dir beim Gehen in die Augen sehen kann. Damit ich noch einmal sehen kann, warum ich einmal ganz verträumt war, wenn du bei der Tür hereingekommen bist. Wenn du hereingekommen bist, und ich dachte: Sind wir füreinander bestimmt, ist es möglich, vielleicht? Und vielleicht kommt dann noch so ein kleines Geräusch. So ein klitzekleines Geräusch von mir, wenn ich flüstere, dass ich dich noch liebe. Dass ich dich verdammt nochmal liebe und du jetzt trotzdem gehen sollst. Dass du so schnell du kannst gehen sollst und bitte, komm nicht mehr wieder. Und wiederum denke ich insgeheim, du schlägst genau dann hinein. Schlägst mitten hinein in die eiskalte Fresse meiner hochnäsigen Sturheit und bleibst.
Bleibst bei mir und holst mich heraus aus diesem Kreislauf. Reißt uns fort von dem Fiasko. Nimmst mich mit auf eine neue Ebene. Lässt mit mir alles hinter dir und raus hier! Wir brechen die alten Normen auf, wir bezwingen unsere Eitelkeiten und beginnen neu. Ab hier ist alles anders. Wir sind frei!
Plötzlich ist da so ein Geräusch. So ein kleines Geräusch, das mitten hineinschlägt in die lächerliche Fresse dieser Hoffnung. Dieser letzten, unerfüllten Hoffnung meiner Liebe zu dir. Meiner zerplatzenden Liebe, die sich peinlich anfühlt, als du die Tür zuziehst und es zum letzten Mal klickt.
copyright sybille lengauer / aus „Mottengedanken“ erschienen 2020 Rodneys Underground Press

Lars liest „Dezemberkain“

Veröffentlicht: Januar 20, 2021 in Video
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Dezember-Kain
(Snippet)

Es war einer jener eintönig grauen Dezembertage, die in ihrer feuchtkalten Gleichmäßigkeit den vorangegangenen Tagen des Novembers täuschend ähneln und sich nahtlos aneinanderreihen, bis sie zu dröger Beliebigkeit verkommen. Von frostkaltem Tau bedeckt lagen die Felder, still und verlassen, unter einem dicht verhangenen Winterhimmel. Ihre rostbraun verfärbten Blätter lautlos von sich werfend, reckte sich eine einsame Stieleiche über die endlosen Reihen von verblühtem Ölrettich hinweg und nur der hallende Flügelschlag einer auffliegenden Ringeltaube jagte für einen kurzen Moment ein Gefühl von Lebendigkeit über die glanzlose Szenerie. Nichts hätte das gelangweilte Auge des Betrachters dazu veranlasst, in dieser tristen Ackerlandschaft den Schauplatz einer Bluttat zu vermuten und doch lag er da, am Feldrand, zwischen umgeknickten Halmen und aufgewühltem Laub. Der Sterbende. Mein Bruder. Lag da und dampfte in der Kälte des Morgens, während das Leben in warmen Strömen aus ihm pulste und in der schwarzen Erde verrann, in die sich seine Hände gruben. Aus weit aufgerissenen Augen versuchte er meinen Blick einzufangen und eine Antwort auf die Frage zu erzwingen, die er zu stellen nicht mehr in der Lage war. Sein anklagendes „Warum?“ hing unausgesprochen zwischen uns und ich verweigerte ihm die Gnade einer Antwort mit stummer Entschlossenheit. Breitbeinig stand ich über ihm, die Arme überkreuzt und die Seele fest verschlossen, erwartete ich seinen letzten Atemzug, doch er machte es mir nicht leicht, hatte es mir niemals leicht gemacht und so wartete ich lange, bis er einen letzten, angestrengten Seufzer tat, der sich im schmutzigen Weiß des Himmels auflöste und verlor. Ich sah jener kleinen Atemwolke hinterher und gedachte der fragilen Flüchtigkeit der Dinge, als plötzlich hoch über meinem Kopf der jammernde Ruf eines Raben erscholl, der in meinen Ohren klang wie der vorwurfsvolle Schrei Gottes. Ich zuckte zusammen und schaute angestrengt nach oben, doch gab es dort nichts anderes zu sehen, als niederdrückende Wolkenberge, die sich grau in grau übereinander schoben und nichts zu hören, als mein eigenes, schnaufendes Atmen. Die Stille kehrte zurück auf die verlassenen Felder und mit ihr kroch feuchte Einsamkeit in meine klammen Glieder. Ich warf einen letzten Blick auf meinen Bruder, der erschlagen am Rand des Feldes lag, blutüberströmt und reglos auf der feuchten, kalten Erde. Dann drehte ich mich um und ging den gewundenen Feldweg zurück nach Hause. Der Rabe war fortgeflogen. Gott schwieg.

© sybille lengauer / aus „Mottengedanken“ erschienen 2020 bei Rodneys Underground Press

Heute Abend durfte ich meine Sci-Fi Action Kurzgeschichte „Im Göttergarten / Die Erleuchtung“ bei den Brennenden Buchstaben auf Second Life lesen. Wer sich die Lesung gemütlich später ansehen möchte, kann dies im nachfolgenden gerne tun. Die Erleuchtung startet ab 1:10:30 – ich möchte aber jedem empfehlen sich die ganze Veranstaltung und somit auch die gelungene Lesung von Gabriele Behrend, aus ihrem Sci-Fi Roman „Salzgras & Lavendel“ anzuhören, die davor stattgefunden hat.
Großartige Bühnenbilder von Barlock Barbosa, tolles Publikum auf allen Kanälen (Second Life, Discord, Radio Rote Dora und Youtube – danke allen die dabei waren!), toller Moderator und Organisator Küperpunk und wenn ich jetzt noch zweimal toll schreibe explodiert die Tastatur. Schaut rein, es lohnt sich.