Mit ‘Alter’ getaggte Beiträge

Dora Feh

Veröffentlicht: Oktober 22, 2018 in Kurzgeschichten
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„Frau Fedora, Frau Fedora, jetzt warten Sie doch bitte!“ ruft der Krankenpflegehelfer und hechtet den hell erleuchteten Flur hinunter. Am Ende dieses Flures steht Frau Feh in ihrem ausgeleierten Jogginganzug und versucht die Türe zum Treppenhaus zu öffnen. Da sie ihre Gehhilfe vor die Türe geschoben hat und diese nur nach Innen aufgeht, ist es ein aussichtsloser Versuch. Trotzdem ist die alte Dame mit Feuereifer bei der Sache und genau das beunruhigt den heraneilenden Krankenpflegehelfer, der befürchtet, dass Frau Feh bei all diesem Geruckel und Geziehe das Gleichgewicht verlieren und zu Schaden kommen könnte. In seiner Aufregung vergisst er sogar, dass Frau Feh Schwerhörig ist und ohnehin nicht auf den Namen „Fedora“ hören würde, den man ihr vor ein paar Tagen im Pausenraum verordnet hat. Dora Feh heißt die gute Dame, 95 Jahre alt und „so verwirrt wie ihre Frisur“. Eine Diagnose aus eben demselben Pausenraum.
„Was machen Sie denn immer für Sachen?“ stößt der junge Mann ganz außer Atem hervor, als er Frau Feh schließlich erreicht hat. Die alte Dame erschrickt heftig und strauchelt in seine Arme. „Er weiß auch nicht so recht, wo er im Raum geht und wo ein anderer im Raum steht, wie?“ schimpft sie und starrt dabei forsch in seinen Hemdausschnitt. Höher reicht ihr Blickfeld nicht und da von dort nur ein paar dunkle Brusthaare zurückschauen, verliert sie schnell das Interesse.
„Er kann mir direkt behilflich sein, er kann das Portal öffnen, da.“ fordert sie, immer noch in gereiztem Ton und klopft an die Türe des Treppenhauses. „Da.“ sagt sie noch einmal, für den Fall, dass der Krankenpflegehelfer es nicht gleich verstanden hat. Der seufzt nur resigniert und dreht die alte Dame langsam in die Richtung, in der ihr Zimmer liegt. „Frau Feh, bitte beruhigen Sie sich, Sie werden sich noch verletzen.“ „Was?“ „Bitte beruhigen Sie sich, sonst verletzen Sie sich noch.“ „Was?“ „Bitte kommen Sie mit.“ „Er soll mich nicht schubsen!“ Frau Feh setzt sich unwillig in Bewegung. „Was?“ fragt sie wieder, auch wenn der Krankenpflegehelfer jetzt gar nichts mehr gesagt hat, sondern sich darauf konzentriert, die alte Frau und ihre Gehhilfe zu sortieren. Das antike Gerät mit den sperrigen Rädern ist mehr eine Behinderung als eine Hilfe, aber Frau Feh weigert sich, moderne Rollatoren zu akzeptieren. Langsam geht es zurück in Richtung Zimmer.
„Sie dürfen nicht immer weglaufen!“ schreit der Krankenpflegehelfer bemüht freundlich. Frau Feh lächelt und nickt einem Lampenschirm zu.

„Na Hopp, mein Kleiner.“ sagt Frau Feh aufmunternd und klopft sich auf die dünnen Schenkel. Sie sitzt in einem praktischen Sessel im Aufenthaltsraum und versucht einen Saugroboter zu animieren, auf ihren Schoß zu springen. Das kleine Gerät hat sich an einem Bein des Sessels festgefahren und blinkt lautlos vor sich hin. Frau Feh ist guter Dinge und klatsch begeistert in die Hände, als der kleine Roboter erneut ein kleines Stück zurück und wieder vorwärts fährt. „Wir werden das schon schaukeln.“ sagt sie und beugt sich ächzend nach vorn. Langsam versuchen ihre arthritischen Finger, das rundliche Gerät zu greifen. „Komm her, mein Freund, gleich haben wir es geschafft.“
„Was machen Sie denn da, Frau Feh?“ fragt ein Altenpflegehelfer, der zufällig in den Raum kommt. „Was?“ fragt Frau Feh, die gerade den Saugroboter erfolgreich auf ihren Schoß gehievt hat. „Das ist ein Staubsauger und kein Kuschelbot, Frau Feh. Bitte lassen Sie das Gerät seine Arbeit tun.“ sagt der Altenpflegehelfer bestimmt, nimmt den Saugroboter aus ihrem Schoß und setzt ihn zurück auf den Boden. „Ich hole Ihnen gerne einen Kuschelbot, mögen Sie lieber eine Robbe oder eine Katze?“ Er wartet keine Antwort ab sondern holt beide Geräte aus einem Schrank. Frau Feh möchte keinen. Resigniert sieht sie dem Saugroboter nach, der in einiger Entfernung über den Boden surrt.

„Hat einer die alte Fedora gesehen?“ Ein Pflegeassistent hebt verwundert den Kopf, als sein Kollege in den Pausenraum stürzt. „Was ist?“ fragt er desinteressiert. „Die alte Fedora ist nicht auf der Station.“ sprudelt der andere hervor. Lässt dabei seine Augen durch den Raum schweifen, als würde Frau Feh sich irgendwo zwischen Kaffeemaschine und Kühlschrank verbergen. „Kann nicht sein.“ sagt der Erste und nimmt noch einen Schluck aus seiner Tasse. „Jetzt diskutier hier nicht mit mir sondern komm!“

„Es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Großmutter in der vergangenen Nacht von uns gegangen ist.“ Die Stimme des Call-Center-Agents ist ruhig und gesetzt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist ebenfalls ruhig und fragt, was denn geschehen sei. „Ihre Großmutter ist gestern Abend aus unseren Räumlichkeiten entwichen. Leider war der Bewegungsmelder an ihrem Handgelenk defekt, wir werden in diesem Zusammenhang noch ein Klärungsgespräch mit dem Hersteller anstreben, aber wie dem auch sei, Frau Feh war es leider möglich, unsere Räumlichkeiten zu verlassen. Man hat sie gegen 23 Uhr im Hitterpark gefunden, sie war gestürzt und litt an einer schweren Unterkühlung. Leider hat sich ihr Körper nicht von diesem Schock erholt.“ „Im Hitterpark?“ „Im Hitterpark.“ „Warum hat man sie dort nicht früher gefunden, ich meine, der Park wird abends abgeschaltet?“ „Das kann ich Ihnen nach unseren gegenwärtigen Erkenntnissen nicht sagen. Wir haben eine Untersuchung eingeleitet und das betreffende Pflegepersonal wird einer strengen Befragung unterzogen. Natürlich werden wir Ihnen die Ergebnisse sofort mitteilen, sobald sie vorliegen. Wir haben uns die Freiheit genommen, alle Schritte für eine Beisetzung in die Wege zu leiten, ich hoffe, dass dies in Ihrem Sinne ist?“ „Ja, ja, das ist es. Durchaus, durchaus.“ „Dürfen wir Sie zum Beisetzungstermin erwarten?“ „Ich werde versuchen es einzurichten.“ „Dann verbleibe ich mit unseren innigsten Beileidsbekundungen und melde mich erneut, wenn es nähere Informationen gibt.“ „Ja, ja, das wäre schön. Danke.“
Der Call-Center-Agent zieht sich genervt das Headset vom Kopf. „Eine Schande ist das.“ murmelt er frustriert. „Was ist eine Schande?“ fragt sein Kollege, der gerade ebenfalls ein Gespräch beendet hat. „Ich habe gerade mit dem Angehörigen der alten Dame gesprochen, die gestern im Hitterpark gestorben ist.“ „Du meinst die, die von den Ratten aufgefressen wurde?“ „Angefressen. Nicht aufgefressen. Ja, genau die.“ „Und, wie hat er es aufgenommen?“ „Ich habe ihm natürlich nicht gesagt, dass sie von Ratten aufgefressen worden ist.“ „Angefressen.“ „Ja, Angefressen. Es hätte ihn aber wahrscheinlich sowieso nicht interessiert.“ „So ist das nun mal, heutzutage.“ kommentiert sein Kollege schulterzuckend. und wendet sich seinem nächsten Telefonat zu. „Ach, Scheiße ist das.“ brummt der Call-Center-Agent und setzt sich das Headset wieder auf.

© sybille lengauer

Vogelfrei

Veröffentlicht: März 26, 2017 in Kurzgeschichten
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Der Raum war kalt und abweisend. Staub flirrte in blassen Sonnenstrahlen, der scheinbar nur zögernd durch das verdreckte Fenster schienen. Auf dem wurmstichigen Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, in dem eine gelbliche Pflanze verdorrte. Fruchtfliegen schwirrten in sanften Bahnen durch die trockene Luft. Es roch nach Einsamkeit und geronnener Zeit. Ein alter Mann saß gebeugt auf einem Stuhl, malte zittrige Kreise auf den Plastiktisch. Mechanisch tauchte er seinen Zeigefinger in einen Kaffeebecher, leckte daran, zog einen neuen Kreis ins vergilbte weiß der Tischplatte. Ein alter Fernseher, der in seiner übertriebenen Größe den Raum beherrschte, plärrte sinnlose Werbebotschaften in sein Gehirn. Er hörte schon lange nicht mehr hin.

Ein dumpfer Knall ließ ihn aufschrecken. Gehetzt sah er sich in um, als wäre er aus einem schlechten Traum aufgewacht. Langsam stand er auf und ging zum Fenster, wobei er hörbar die Luft einsog, als er seine arthritischen Knochen streckte. Auf dem Sims lag ein zerzaustes Bündel Federn. Dünne Vogelbeine reckten sich in die Luft. Ein zerzauster, schwarzer Kopf lag auf der Seite, die Augen geschlossen. Eine kleine Amsel. Zitternd stellte der alte Mann den Blumentopf auf den Boden, öffnete das Fenster und griff vorsichtig nach dem Vogel. Als er ihn mit seinen Händen umschloss, fühlte er ein leichtes Zucken.

Mit großem Bedacht ging er zurück zum Tisch, legte die kleine Amsel vor sich hin und schaute zu, wie sie atmete. Wartete. Langsam öffnete der Vogel die Augen. Lag auf der Seite und pumpte Luft in seine zarte Lunge. Durch das geöffnete Fenster drang Kindergeschrei. Ein Zittern lief durch den Körper des Vogels. Er krampfte. Schloss seine gelb umrandeten Augen. Der alte Mann seufzte tief, stand langsam auf und holte eine Schuhschachtel aus dem Abstellraum. Er polsterte sie mit Zeitungspapier, dann legte er die kleine Amsel hinein. Schloss den Deckel und stellte die Schachtel auf das Fensterbrett. Setzte sich erneut an den Tisch. Seufzte. Tauchte seinen Finger in den Kaffeebecher und malte einen zittrigen Kreis. Die Zeit blieb wieder stehen.

Leises Rascheln aus der Schachtel ließ ihn innehalten. Ächzend stand er erneut auf, ging zum Fenster und öffnete den Deckel. Die kleine Amsel blickte ihm erschrocken entgegen. Das Gefieder unordentlich. Die Flügel leicht abgespreizt vom Körper. Aufgeplustert saß sie in den Zeitungen. Der alte Mann schaute erstaunt zurück. Er hob langsam die Schachtel und hielt sie aus dem Fenster. Der Vogel schien ihn zu verstehen, schüttelte sich kurz und schwang sich dann in den Himmel. Flog ein wenig ungelenk, landete jedoch sicher im Kastanienbaum, der den kleinen Innenhof beschattete. Dort blieb er sitzen und sang ein kurzes Lied.Der alte Mann stand am Fenster, beobachtete die Amsel im Baum und dachte nach. Ein paar Minuten später drehte er sich um und ging in den Abstellraum. Er holte die große Schachtel, in der einst sein Fernseher geliefert worden war. Polsterte sie mit Zeitungspapier aus und kletterte mühsam hinein.

Der Vogel in der Kastanie sang erneut sein kleines Lied, als der alte Mann den Deckel über der Schachtel schloss und wartete…

© Sybille Lengauer

Alte Säcke

Veröffentlicht: Juni 21, 2010 in Gedichte
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Alte Säcke

Die Liebe ist nur halb so schön,
wenn man nem Alten zugeseh’n,
der sich nach Jugend streckt,
in sich den Beau entdeckt:

Fast wie ein Leu, nur ohne Zahn,
pirscht Opa sich ans Gretchen ran,
sieht lüstern sich an ihren Zitzen,
saugen, kneten – Augen blitzen!

Doch kommt er nicht zum Sündenpfuhl,
hängt doch am Tropf er, und im Stuhl,
so geifert er nur, hohl und schal,
kratzt sich am Kopf, der beinah kahl,

Und seufzt es sei die wahre Tugend,
dass man im Alter mild zur Jugend…

© Sybille Lengauer