Mit ‘Briefgeschichte’ getaggte Beiträge

Wir sind die letzten Menschen. Leben hier, hundert Meter unter der Erde, eingepfercht in der Bunkerstadt. Haben uns von einer Oberfläche zurückgezogen, die uns feindlich ist. Sie verstrahlt uns, vergiftet uns, vernichtet uns. Was auf ihr existieren kann, tötet uns. Also bleiben wir hier. Geschützt vor einer Umwelt, die uns nicht mehr dulden will. Ein kleiner Restfunken menschlichen Lebens, schwach pulsierend in der Dunkelheit. Unter Tonnen von Erdreich begraben. Manchmal kann ich das Gewicht der Erde spüren. Kann fühlen, wie sich die Schichten auf mich herniederdrücken. Kann hören, wie die Bunkerwände schabend heranrücken. Vielleicht bin ich zu lange hier. Vielleicht war schon ein Jahrzehnt zu viel. Aber fünfundfünfzig Jahre? Reicht das aus, um verrückt zu werden?
Ihr Kinder vermisst die Erde nicht. Vermisst den Himmel nicht. Die Wolken. Den Wind. Manchmal kann ich ihn noch riechen. Diesen scharfen Ostwind, der den Smog aus den Straßen vertrieb und mit sich den Regen brachte. Aber da ist nur die Klimaanlage in meinem Schlafraum, die mit ihrem monotonen Seufzen die Augen und das Herz austrocknet. Manchmal liege ich auf meinem Bett, schließe die Augen und sehe die Sonne aufgehen. Ich sehe, wie sie ihr gleißendes Licht über die Welt ausschüttet, sich in alle Winkel der Erde ergießt und mit ihr brandet eine unermessliche Lebensfreude über das Land. Dann öffne ich die Augen und sehe nur die kahle Glühbirne an der Decke. Starre sie an, bis sie verlegen flackert. Ich möchte ihn so gerne wiedersehen, diesen strahlenden Stern am wolkenzerfaserten Himmel. Möchte die Wärme auf meiner Haut spüren. Dies hier ist nicht meine Welt. Und es war niemals mein Zuhause. Als ich ein kleiner Junge war, bevor die Bomben fielen, nahm mein Vater mich mit in den Zoo. Wir sahen die letzten Füchse, das letzte Rentier, den letzten Braunbär. Ich werde die Augen dieser Tiere nie vergessen, wie sie mich hinter den Plexiglasscheiben ansahen. Damals konnte ich es mir nicht vorstellen, dieses zermürbende Gefühl der Ausweglosigkeit. Mittlerweile ist es mein ständiger Begleiter. Schaue ich in den Spiegel, blickt die Leere zurück und ich denke an die Tiere und wie sie schließlich in ihren Anlagen verbrannten, als wir die Welt in Asche legten.
Wir haben alles vernichtet, wir haben uns selbst vernichtet und keiner von uns, die wir hier unten überlebten, wusste, warum ausgerechnet wir es geschafft hatten. Warum gerade wir es waren, die hier zitternd beisammen hockten, während die anderen, dort oben, bald überrankt wurden von dem tödlichen Efeu, das die Reste unserer Städte verschlingt. Das sich durch die Straßen und über die Dächer windet und alles unter sich begräbt, wie ein gefräßiges Tier. Ich habe die Bilder der Drohnen gesehen, die unsere Späher ausgesandt haben. Ich habe gesehen, wie wenig noch übrig ist von dem, was ich in Erinnerung habe. Die Bilder in meinem Kopf verrotten und zerfallen wie die Ruinen über unseren Köpfen. Und nichts, was das verhindern könnte.
Und vielleicht ist das auch richtig. Vielleicht ist es richtig so, dass bald niemand mehr weiß, wie der Frühling roch, wenn die Bäume in den Parks ausschlugen und das Gras sich reckte. Wenn der Smog sich für ein paar Stunden verzog und wir diesen frischen, klaren Duft genossen, der das Leben in sich trug. Das Blau des Himmels bewunderten. Den blassen Mond suchten, der manchmal auch am Tage zu sehen war. Vielleicht ist es richtig, dass sich bald niemand mehr erinnert, wie drückend die Hitze des Sommers über uns lag, diese monatelange, erbärmliche Hitze, der man draußen nicht entrinnen konnte. Brütend heiß war es und wir schwitzten uns von einem klimatisierten Gebäude in das nächste, jammerten über das unsägliche Wetter, atmeten durch Filtermasken und dachten, es könnte nicht schlimmer kommen. Vielleicht ist es gut, dass bald keiner mehr weiß, wie die Herbststürme um die Häuser heulten, an den Fenstern rüttelten, das Laub von den Bäumen rissen. Sie rochen nach Kupfer, diese gewaltigen Stürme und fegten gnadenlos über das Land. Und dann der Regen. Wochenlanger Regen, der die Müllberge von den Straßen in die Kanalisation trieb, bis die Gullys überquollen und uns ersäuften im Dreck. Wie sehr ich ihn vermisse, diesen endlos hämmernden Regen. Jeden Tag habe ich geflucht, bin durch kniehohes Wasser gewatet. Musste den Weg zur Schule zu Fuß zurücklegen, weil die U-Bahn überflutet war und was habe ich getobt. Jetzt würde ich alles dafür geben, noch einmal durchnässt und frierend in diesem stinkenden Klassenzimmer zu sitzen und der Lehrerin dabei zuzuhören, wie sie von ihrer toten Katze erzählt. Vielleicht sollte dies alles vergessen werden. Vielleicht sollte ich es nicht aufschreiben. Aber ich kann nicht anders. Ihr Kinder werdet nie erfahren, wie der Regen schmeckte, wie die Erde roch, wie die Vögel sangen. Ihr werdet die quälenden Stiche der Moskitos nie ertragen, werdet nie den beißenden Smog in euren Augen brennen spüren, werdet die Lichter der Flugzeuge nie durch den hartnäckigen Nebel leuchten sehen und ich beweine euren Verlust. Ich beweine euer Schicksal. Ihr werdet überleben. Aber zu welchem Preis? Es wird Generationen dauern, bis wir Menschen uns wieder an die Oberfläche wagen können. Es wird Jahrhunderte dauern, die wir hier unten ausharren müssen. Immer an die Bunker gebunden, die unser Mutterleib sind in dieser lebensfeindlichen Finsternis. Immer ängstlich die Generatoren wartend, das Grundwasser schöpfend, die Pilze hegend und was bleibt von den Jahrtausenden Kultur, den Büchern, Bildern, Filmen und Gedanken? Sie erodieren im Malstrom der Zeit. Ich sehe es in euren Gesichtern. Ihr vergesst bereits, wer ihr seid. Und ich bedaure euch dafür. Es tut mir leid.
Manchmal, wenn ein verirrtes Lachen durch die Gänge flirrt, glaube ich wieder an unsere Zukunft. Glaube daran, dass wir aushalten können in diesem Zoo, der unsere Zivilisation nachstellt. Der ein Gerüst aufrecht erhält, in dem wir existieren können. Haarscharf an der Grenze.
Manchmal, wenn im vorbeigehen zwei helle Kinderaugen zu mir aufleuchten, glaube ich daran, dass wir eines Tages wieder auferstehen werden, aus diesem Grab, in das wir uns eingeschaufelt haben. Aber dann sitze ich wieder hier, in meinem Gefängnis aus starrem Beton und verliere den Halt. Verliere die Richtung. Dieser Bunker frisst meine Seele. Und die Hülle, die bleibt, möchte nach Hause. Ich möchte nach Hause gehen.
Verzeiht mir, dass ich den Schutzanzug nehme. Ich gebe dafür meine mechanische Uhr und den Wasservorrat, den ihr im Obergeschoss finden werdet. Es sind zweihundert Liter, ich denke, damit ist die Schuld abgegolten. Den Rest der Sachen könnt ihr unter euch aufteilen oder lasst das Los entscheiden, es ist eure Wahl. Bitte folgt mir nicht. Schickt keine Drohnen aus. Ich brauche eure Hilfe nicht. Ich brauche nur noch einmal den Anblick des Himmels. Das Gefühl der unendlichen Weite über mir. Ich weiß, ihr könnt es nicht verstehen. Aber gönnt mir bitte diesen letzten Wunsch. Ich muss der Erde noch einmal sagen: Good Bye. Es war sehr schön.

© sybille lengauer