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Das Loch

Veröffentlicht: Oktober 29, 2020 in Kurzgeschichten
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Das Loch

Ein einsamer Feldweg in einer mondlosen Herbstnacht. Über abgeernteten Rübenfeldern hängen tiefbauchige Wolken, kalter Nieselregen fällt stetig auf die triste Kulturlandschaft herab. Die ganze Welt scheint gottverlassen. Plötzlich schneiden die Lichtkegel eines Autos durch die Ödenei, Motorengeräusche rattern laut durch die nächtliche Stille. Ein silbergrauer VW Golf schält sich langsam aus der Dunkelheit.
Hartmann parkt am Wegesrand, er lässt den Motor laufen und glotzt mit steinernem Gesichtsausdruck nach draußen in den Regen. Minutenlang sitzt er so da, angeschnallt und mit beiden Händen das Lenkrad umfassend, bis er von einem bronchitischen Hustenanfall aus seiner Erstarrung gerissen wird. Röchelnd tastet er auf dem Beifahrersitz nach einer halbvollen Flasche Cola. Sein Unterarm streift den überquellenden Aschenbecher, der in die ausziehbare Mittelkonsole eingehängt ist und Zigarettenstummel purzeln in den Fußraum. Hartmann flucht blumig, doch er macht sich nicht die Mühe die Stummel wieder aufzuheben. „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“, knurrt er stattdessen resigniert und trinkt lauwarme Cola. Aus dem Kofferraum dringen leise Klopfgeräusche an sein Ohr. „Ja, ja“, grunzt Hartmann, er stellt den Motor ab, löst den Sicherheitsgurt und dreht sich schnaufend im Fahrersitz um. Auf der Rückbank liegt eine große Plastiktüte, die ein Paar grobe Handschuhe und ordentlich geputzte Gummistiefel enthält. Hartmann langt ächzend nach der Tüte, seine Gelenke knirschen und knacken bei jeder Bewegung. Es dauert, bis er seine Schuhe gegen die Gummistiefel getauscht hat, es dauert noch länger, bis er eine Stirnlampe aus dem Handschuhfach gekramt und auf seinen fleischigen Schädel gesetzt hat. Aus dem Kofferraum dringen gedämpfte Schreie. „Ja, ja“, murrt Hartmann wieder und rollt genervt mit den Augen. Er zieht die Handschuhe über, wuchtet sich aus dem Fahrzeug und öffnet die hintere Tür des VW. Im Fußraum liegt eine altgediente Stechschaufel, kalter Nieselregen fällt unangenehm in Hartmanns Nacken, als er die Schaufel umständlich aus dem Wagen zieht. Langsam stapft er über den Feldweg, die Schaufel fest in der rechten Hand, das funzelige Licht der Stirnlampe leuchtet im Rhythmus seiner Schritte über die abgeernteten Felder. Hartmann entscheidet sich für eine geeignete Stelle und beginnt zu graben. Er rammt die Schaufel in den Boden, tritt kräftig mit dem Fuß hinterher und wuchtet große Brocken Erde zur Seite. Schon bald ist er völlig aus der Puste, er schnauft und hustet erbärmlich, trotzdem gräbt er routiniert weiter, ohne zu pausieren. Erst als das Loch einen knappen Meter tief in den Boden reicht, erlaubt sich Hartmann eine kleine Zigarettenpause. Rauchend steht er neben dem Loch, seine Finger formen ein schützendes Dach über der glimmenden Zigarette, um sie vor Regentropfen zu bewahren. Während seine Stiefel immer tiefer in den Matsch einsinken, versinkt auch Hartmann in trübsinnigen Gedanken. Lange steht er so da, raucht, starrt in das Loch und denkt über den Sinn des Lebens nach. Der ferne Ruf eines Käuzchens lässt ihn schuldbewusst zusammenzucken, er reißt die Glut von der Zigarette, steckt den Stummel in seine Jackentasche und beginnt wieder zu graben. Der Regen wird stärker, Wind kommt auf, doch Hartmann gräbt unbeirrt weiter, immer wieder stößt er die Schaufel in die feuchte Erde, bis das Loch endlich tief genug geworden ist. „So, das hätten wir“, murmelt er, doch in seiner Stimme liegt keine Befriedigung. Hartmann steckt die Schaufel in den großen Erdhaufen, der sich neben dem Loch auftürmt, dann stapft er langsam zurück zum Wagen. Vor dem Kofferraum bleibt er stehen, nachdenklich neigt er den Kopf zur Seite. Eine Zigarette findet wie von selbst den Weg in seine Hand, Hartmann versucht sie anzuzünden, doch sein Feuerzeug ist feucht geworden und funktioniert nicht mehr. Hartmann seufzt, ruckartig öffnet er die Klappe des Kofferraums. Ein junger Mann liegt gefesselt und geknebelt im Inneren und blinzelt erschrocken ins Licht der Stirntaschenlampe. „Hast du mal Feuer?“, fragt Hartmann gereizt, der junge Mann wirft sich in seinen Fesseln hin und her und bellt derbe Beschimpfungen durch den schlecht sitzenden Knebel. Hartmann zuckt mürrisch mit den Schultern. Er steckt die Zigarette zurück ins Päckchen und beugt sich schwerfällig über den Kofferraum. „Keine Sorge, es geht ganz schnell“, sagt er, obwohl er weiß, dass es eine Lüge ist, dann legt er seine Hände um den Hals des Gefesselten und würgt, bis dieser die Besinnung verloren hat. Hartmann zieht den ohnmächtigen Körper aus dem Wagen und schleift ihn zum Loch. Sein Atem geht rasselnd, Schweiß vermischt sich mit Regen. Erleichtert lässt er den schweren Körper schließlich ins Loch fallen. Durch den Aufprall erwacht der junge Mann aus seiner Ohnmacht und beginnt kläglich zu wimmern. Hartmann steht über dem Loch und zieht ein langes Gesicht. „Früher hab’ ich in solchen Momenten immer versucht etwas Schlaues zu sagen, aber mittlerweile glaube ich, das macht überhaupt keinen Unterschied.“, sagt er monoton, dann schaufelt er das Loch langsam wieder zu.

© sybille lengauer