Mit ‘Eine kleine Gute-Nacht-Geschichte’ getaggte Beiträge

Ernestine, Johanna und Gisela

Veröffentlicht: Februar 18, 2019 in Kurzgeschichten
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Schreibe die Namen von zehn deutschen Städten auf Papierschnipsel, stecke diese in einen Hut, gut schütteln. Ziehe einen Schnipsel und lies den Namen laut vor. Du triffst die richtige Stadt…

Industriegebiet. Es ist früher Morgen. Während sich die ersten Sonnenschlieren langsam mit der Nacht mischen, huschen vereinzelte Scheinwerfer über den Asphalt. Ein kleines Backsteingebäude, dessen kurze Schornsteine wie dicke Stummelfinger in den Himmel ragen, schummelt sich in die architektonische Blocklandschaft. Beschmierte Türen, verklebte Fenster und ein unleserliches Graffiti runden das Bild ab.
Ein schneeweißer Transporter fährt vor. Der Motor wird abgestellt, aber es öffnet sich nur das Beifahrerfenster einen kleinen Spalt breit. Rauch quillt aus der schmalen Öffnung. Im Inneren des Wagens glühen drei rote Punkte in der Dunkelheit. Manchmal hustet jemand. Drei Minuten später fallen drei Zigarettenstummel in einen Kaffeebecher, der noch einen kleinen Schluck Milchkaffee enthält. Der Becher wird auf dem Armaturenbrett des Transporters abgestellt, die Türen des Wagens öffnen sich. Aus dem Fahrersitz schält sich eine mollige Dame Mitte Fünfzig, mit knallrot gefärbten Haaren. Nennen wir sie Gisela. Auf der breiten Beifahrerbank rücken gerade Johanna und Ernestine nach draußen. Beide nähern sich in großen Schritten der Rente, auch wenn man es Johanna weniger ansieht. Alle drei riechen nach Zigaretten, Wärmesalbe und billigem Parfum.
Gisela: „Na, kommt ihr noch von selber raus oder muss ich den Pömpel holen?“
Ernestine: „Was willst du denn, mit deinem fetten Arsch?“
Johanna: „Jetzt rück schon raus, mir ist der Fuß eingeschlafen.“
Ernestine: „Jaja, ich mach schon.“
Johanna: „Jaja mich nicht.“
Gisela: „Sind wir bei der richtigen Adresse?“
Johanna: „Frag nicht mich, frag den Navi, der weiß das besser wie ich. Steht hier irgendwo was dran?“
Die drei Damen spähen argwöhnisch nach einem Straßenschild.
Ernestine: „Also ich sehe nichts.“
Gisela: „Du siehst ja nie was.“
Ernestine: „Siehst du denn was?“
Johanna: „Gartenstraße, da drüben steht’s doch.“
Gisela: „Guck mal, das Adlerauge.“
Der Transporter wird entladen. Die Frauen sind ein eingespieltes Team. Sie heben eine kleine Rampe aus dem Heck des Wagens und entladen ihre Putzwagen. Ziehen Kittel und Handschuhe über und gehen dann nebeneinander zum Gebäude. Ernestine kramt einen Schlüssel aus der Hosentasche unter dem Kittel und schließt die Eingangstür auf. Dahinter liegt ein langer Flur in dem Spinnen hausen und kaum ein Windhauch mit den Staubflocken spielt.
Gisela: „Wie will er hier denn was vermieten?“
Johanna: „Ich weiß auch nicht, hat er was gesagt?“
Ernestine: „Star-Tab.“
Gisela: „Wie?“
Ernestine: „Star-Tab Unternehmen. Er meinte die wären oft total verzweifelt. Ich hab doch keine Ahnung.“
Gisela: „Solange die keine Dildos herstellen, sind die für dich uninteressant, hä?“
Ernestine: „Pfa, Gisela.“
Gisela lacht dreckig, Johanna findet den Lichtschalter. Das warme Licht alter Glühbirnen lässt Giselas Haare sanft leuchten. Ernestine schiebt ihren Wagen energisch in den Gang.
Ernestine: „Haben wir den Raumplan?“
Gisela: „Wir sollen das Erdgeschoss und die zwei Haupträume im ersten Stock erledigen, plus Fenster.“
Johanna: „Die Haupträume?“
Gisela: „Na wahrscheinlich die zwei größten Räume da oben. Warte, ich habe den Plan dabei.“
Es raschelt als sie ihre Taschen durchwühlt.
Gisela: „Ist im Auto.“
Johanna: „Ich gehe jetzt nicht raus und hol den blöden Raumplan. Lasst uns erstmal das Erdgeschoss machen.“
Einstimmiges nicken. Man macht sich routiniert an die Arbeit. Die Zeitungen verschwinden von den Fenstern, das Morgenlicht flutet herein. Die Spinnen fliehen in versteckte Winkel und der Staub wird von den alten Büromöbeln vertrieben. Nach zweieinhalb Stunden sieht das Erdgeschoss zwar immer noch schäbig, aber deutlich sauberer aus. Zeit für eine Rauchpause.
Ernestine: „Wir kommen gut durch.“
Johanna: „Wir könnten trotzdem noch eine Kraft brauchen. Ich weiß nicht, warum er keine Neue einstellt.“
Gisela: „Na er baut doch gerade. Da muss er sparen.“
Johanna: „Auf unsere Knochen. Herzlichen Dank.“
Ernestine: „Ich hole den Raumplan.“
Johanna: „Bring meine Cola mit.“
Ernestine: „Jaja, die älteste Kuh im Stall muss am meisten rennen.“
Johanna: „Solange sie meine Cola mitbringt…“
Gisela: „Heute Nacht kriegen wir den Arsch voll.“
Johanna: „Wettermäßig, oder was?“
Gisela: „Sturm.“
Johanna: „Schon wieder?“
Ernestine: „Hier, Raumplan und die Cola.“
Niemand sagt danke. Der Plan wird entfaltet und studiert. Man wendet den Bogen Papier hin und her. Drei unzufriedene Gesichter sehen sich an. Der Plan hilft nicht weiter.
Gisela: „Er hat die Räume nicht eingezeichnet. Schon wieder.“
Johanna: „Ich weiß auch nicht, pennt der die ganze Zeit oder was?“
Gisela: „Der treibt es wahrscheinlich die ganze Nacht und dann kommt er am Tag zu nix.“
Ernestine: „Pfa, Gisela.“
Johanna: „Ist mir egal was er treibt, die Arbeit soll gemacht werden. Lasst uns nach oben gehen und nachsehen, sonst rufen wir ihn an.“
Drei Zigarettenstummel werden auf den Boden geworfen und ausgetreten. Die Frauen gehen murmelnd und hustend zurück ins Gebäude, die Treppe hinauf in den ersten Stock. Mehr Flur mit Staub und Spinnen erwartet sie.
Gisela: „Ist hier genauso geschnitten wie unten. Dann müssen es die hintersten Räume sein, die waren unten auch die größeren.“
Johanna: „Ich sehe es mir an.“
Ernestine: „Ich komme mit.“
Gisela: „Na und ich soll hier warten?“
Gemeinsam gehen sie den Flur entlang zu den hintersten Räumen. Der eine ist recht groß und als Büro eingerichtet. Der andere ist ein fast leeres Labor. Ein paar Tische aus Edelstahl und ein alter Lagerkühlschrank erwarten die neugierigen Blicke.
Johanna: „Na sowas.“
Ernestine: „Müssen wir das sauber machen?“
Johanna: „Sollen wir Paul anrufen?“
Gisela: „Ach, der weiß doch wieder von nichts.“
Johanna: „Ist auch egal. Wir machen unten fertig und diese beiden Räume. Wenn das nicht richtig ist, muss er sich eben darum kümmern. Ich lauf ihm doch nicht ständig hinterher.“
Ernestine: „Recht hast du.“
Sie gehen verstimmt zurück ins Erdgeschoss, vertreiben die letzten Spinnen, verscheuchen den letzten Staub, wischen durch. Dann ziehen sie mit ihren Sachen in den ersten Stock um. Auf der Treppe wird viel gehustet. Eigentlich wäre wieder Zeit für eine Rauchpause, aber der Stundenplan drückt. Johanna nimmt sich den Büroraum vor, Gisela und Ernestine übernehmen das Labor.
Zuerst putzen sie die Fenster, die im ersten Stock nicht verklebt sind. Draußen zerrt ein stetiger Wind die Blätter von den wenigen Bäumen, während die Herbstsonne mild schient.
Ernestine: „Sollen wir auch den Kühlschrank machen?“
Gisela: „Weiß nicht, mach mal auf.“
Ernestine: „Und wenn da was drin ist?“
Gisela: „Dann stirbst du einen fürchterlichen Tod, haha.“
Ernestine: „Witzig, witzig.“
Gisela: „Jetzt mach ihn auf.“
Ernestine greift zögerlich nach der Kühlschranktür. Die lässt sich schwer öffnen. Ernestine flucht und ruckelt am Griff. Als sich die Tür öffnet, läuft dreckiges Wasser auf den Boden. Der Kühlschrank ist hauptsächlich leer. Ganz oben, ganz hinten, stecken ein paar Glasröhrchen in einer Halterung.
Ernestine: „Pfa, da stand das Wasser drin.“
Gisela: „Ist er verschimmelt?“
Ernestine: „Na rate mal.“
Gisela: „Viel Spaß.“
Ernestine: „Nee, nicht schon wieder ich!“
Gisela: „Stell dich nicht an. Ich mache in der Zeit den Boden. In einer halben Stunde sind wir raus.“
Ernestine: „Jaja.“
Gisela: „Selber jaja.“
Johanna ruft aus dem anderen Raum: „Wie sieht es bei euch aus da drüben?“
Gisela schreit zurück: „Der Kühlschrank und den Boden, dann sind wir fertig, bei dir?“
Johanna: „Knappe Stunde.“
Gisela: „Dann gib Gas.“
Ernestine: „Jaja.“
Sie rückt dem Kühlschrank mit den chemischen Waffen aus ihrem Arsenal zu Leibe. Sprüht, schrubbt, flucht. Ihre gelben Handschuhe bewegen sich in gleichmäßigen Kreisen über die Innenwände. Um die Glasröhrchen in der Halterung wischt sie sorgfältig herum, betrachtet sie dabei neugierig. Gisela reinigt im Hintergrund den Boden. Summt eine kleine Melodie. Ernestine wischt noch einmal an der Halterung vorbei und überlegt. Dann nimmt sie vorsichtig ein Röhrchen heraus.
Ernestine: „Was da wohl mal drinnen war.“
Gisela: „Wo drinnen?“
Ernestine: „In den Gläsern hier.“
Gisela: „ Wahrscheinlich Schnaps.“
Ernestine: „Auf dem letzten Straßenfest gab es Jägermeister in diesen Dingern.“
Gisela: „Sag ich doch.“
Ernestine: „Da steht Bio drauf.“
Gisela: „Was steht da drauf?“
Ernestine: „Bio-H-a-z-a-r-d. Bio klingt doch nicht schlecht, oder?“
Gisela: „Bio klingt immer gut. Kannst gleich noch mal einen Euro mehr berechnen für die Gläser.“
Ernestine: „Ob man die im Geschirrspüler waschen kann?“
Gisela: „Bestimmt, die halten doch alles aus.“
Ernestine stellt das Röhrchen zurück, nimmt dann die ganze Halterung aus dem Kühlschrank und verstaut sie vorsichtig in ihrem Reinigungswagen. Zügig beenden die Damen nun ihre Arbeit. Dann helfen sie Johanna bei den letzten Handgriffen im Büroraum, wischen den Flur und wuchten schließlich ihre Wagen nach unten. Lassen sie am Fuß der Treppe stehen und gehen vor die Tür um noch in Ruhe eine Zigarette zu rauchen.
Johanna: „Lief ganz gut, was liegt für morgen an?“
Gisela: „Die Puff-Station. Einmal gepoppt, nie mehr gestoppt.“
Ernestine: „Pfa, Gisela.“
Johanna: „Haben die den Vertrag verlängert?“
Gisela: „Haben sie. Wir machen jetzt wieder jeden zweiten Dienstag.“
Ernestine: „Die Betten mach aber nicht wieder nur ich.“
Johanna: „Jaja.“
Gisela lacht. Der Wind weht nun stärker, bläst den drei Frauen in die gegerbten Gesichter. Sie ziehen ihre Jacken enger um sich und laden den Transporter wieder ein. Verwelkte Blätter treiben zu ihren Füßen, irgendwo singt ein Vogel sein Lied. Als sie einsteigen, zünden sie sich neue Zigaretten an. Und so, mein liebes Kind, kamen die Pocken zurück in die Welt…

© sybille lengauer