Mit ‘Es gibt nichts gegen eine gute Tasse Tee einzuwenden’ getaggte Beiträge

„Ich weiß nicht, irgendwie hab ich es mir anders vorgestellt.“
Udo stand im Scheinwerferlicht des BMW und fror. Er zog die Ärmel seines Pullovers in die Länge, um seine klammen Finger zu wärmen. Es half nicht viel gegen den kalten Wind, der über die Einöde pfiff. Hinter ihm heulte ein Wolf.
„Irving!“ „Ja, schon gut.“ Irving schaltete das Handy ab. „Wenn du nur hergekommen bist um mir auf die Nerven zu gehen, können wir gleich wieder umdrehen.“ Udo war nicht zu Scherzen aufgelegt. Kälte und späte Uhrzeit gingen ihm auf die Nerven. Irving steckte grummelnd das Handy weg und holte die Kameraausrüstung aus dem Kofferraum. „Sieht ziemlich abgefuckt aus. Du hast dich nicht in der Adresse geirrt, oder?“ Irving reagierte nicht auf die Frage seines Bruders, sondern ging mit der geschulterten Kamera auf das baufällige Haus zu, das aussah als lehne es sich gegen einen heftigen Sturm. „Die allsehende Frau im Haus der Stille.“ murmelte er pathetisch, während Udo ihm leise fluchend folgte. An der Türschwelle wechselten sie einen kurzen Blick.
Udo klingelte und nichts geschah. Seufzend klopfte er an die Tür, deren einstmals roter Lack in großen Platten abgeplatzt war. Das Klopfen hallte in ihren Ohren wieder, aber im Haus regte sich kein Laut. Udo klopfte etwas herzhafter. Von drinnen antwortete Stille. „Scheint als wäre dein Vogel ausgeflogen.“ konstatierte er düster. Irving schüttelte den Kopf. „Kann nicht sein. Der Professor sagte, sie wäre immer hier.“ „Vielleicht hat er dich auch einfach nur verarscht, ist dir das schon mal durch den Kopf gegangen?“ fragte Udo mit nörgelnder Stimme. Irving hatte keine Lust mehr sich das Gemaule anzuhören. „Klar, er fährt durch halb Europa um sich mit mir auf der Spook and Science zu treffen, nur um mich in die Walachei zu schicken. Sowas kommt ständig vor, Udo. Andauernd treffe ich Professoren, die mir von parapsychologischen Erfahrungen erzählen und die versterben dann auch noch kurz darauf auf mysteriöse Art und Weise. Kommt fast jede Woche vor.“ „Ist ja schon gut, Mann.“ brummte Udo und wandte sich noch einmal der Tür zu. Sie stand offen. „Die Tür ist auf.“ kommentierte er das Offensichtliche. „Ha!“ machte Irving und filmte die offene Tür. Als sonst nichts geschah, trat Udo den Spalt vorsichtig weiter auf. Dahinter lag ein dunkler Flur, der in noch mehr Dunkelheit mündete. Die Beiden spähten angestrengt in die Finsternis.
„Filmst du das gerade?“ fragte Udo. „Mehr Professionalität bitte.“ „Sorry.“ Udo räusperte sich. „Wir schreiben den 18. November 2010 und hier sind wieder eure Brüder Rasputin.“ Er rollte das R besonders dramatisch. „Wir untersuchen gerade Hinweise auf eine übersinnlich begabte Frau, die in diesem abgelegenen Haus leben soll. Laut unseren Informationen hat sie etwas mehr auf dem Kasten als die übliche Kaffeesatzleserei. Diese Dame hier soll einem den Tod vorhersagen können! Wenn das wahr ist, erfahren eure Helden noch heute Abend, wann sie ins Gras beißen werden. Könnt ihr das glauben? Ich kann es nicht.“ „Udo!“ schnaubte Irving. „Was denn, kannst du später doch noch rausschneiden. Jetzt lass uns reingehen.“ Als sie über die Schwelle traten, gingen im Haus einige Lichter an. „Das ist jetzt aber wirklich gruselig.“ kommentierte Udo routiniert. Irving war ganz in die Kamera vertieft. „Leute, entweder haben wir es gerade mit einem Halloween-Profi zu tun, oder wir sind hier tatsächlich etwas auf der Spur. Euer Geisterjäger-Duo bleibt für euch dran, bleibt auch ihr dran, jetzt, auf eurem Lieblingskanal.“ „Alter, ich hasse es, wenn du das tust.“ „Views generieren sich nicht von selbst.“ „Du und deine kack Views.“ Streitend betraten sie ein düsteres Wohnzimmer, das sich an den vergilbten Flur anschloss. Im Kamin entflammte ein züngelndes Feuer. „Die trägt aber ganz schön dick auf, das musst du zugeben.“ Udo stieß Irving in die Rippen. „!“ machte der nur und filmte den großen, ledernen Ohrenbackensessel, der den Raum dominierte. Eine ältere Dame saß darin, nippte elegant an einer Tasse Tee und ließ die beiden Eindringlinge nicht aus den Augen. Auf einem kleinen Tischchen neben ihr standen zwei weitere Tassen, ein Schälchen mit Zuckerwürfeln und eine zierliche Teekanne. „Mann! Entschuldigen Sie bitte, ich hatte Sie erst gar nicht gesehen. Wir wussten nicht ob sie real sind und die Tür stand offen, deshalb sind wir einfach hereingekommen.“ sprudelte es aus Irving heraus. „Du laberst eine Scheiße.“ flüsterte sein Bruder kaum hörbar. „Guten Abend.“ sagte die Dame.

„Ich weiß nicht ob ich das trinken möchte.“ Udo starrte skeptisch in seine Tasse. „Alter, wie unhöflich bist du?“ zischte Irving und trank lächelnd einen großen Schluck aus seiner. Frau Heinrich, wie sich die Dame nannte, hatte ihnen Stühle zugewiesen, die so hässlich wie unbequem waren. So saßen sie nun mehr schlecht als recht in dem spärlich beleuchteten Raum und warteten, was passieren würde. Nachdem eine Weile nichts geschah, brach Irving das Schweigen. „Vor drei Wochen habe ich einen Professor Schubert in London getroffen. Er erzählte mir, dass er einer Frau begegnet sei, die ein, wie er es nannte, Gespür für das Übersinnliche entwickelt hätte. Ein ganz beachtliches Gespür. Sie kannten den Professor?“ „Ich kenne ihn.“ „Er hat sich nach unserem Treffen umgebracht, wussten sie das?“ „Er hat es mir erzählt.“ Die alte Dame lächelte. Irving hielt kurz irritiert inne, während Udo seine Tasse unauffällig auf das kleine Tischchen zurückstellte. „Ahm, Sie können sich bestimmt schon denken, warum wir Sie aufgesucht haben.“ Irving rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Oder der Professor hat ihr auch das erzählt.“ murmelte Udo kaum hörbar. Ein scharfer Blick aus dem Ohrenbackensessel erteilte ihm die Lehre, dass sein Gegenüber ein ausgezeichnetes Gehör besaß. „Sorry.“ sagte er und griff betreten wieder nach seiner Tasse. Er nippte und nickte anerkennend. „Toller Tee, Frau H.“ „Entschuldigen Sie meinen Bruder, er hat heute einen schlechten Tag.“ ätzte Irving. Er versuchte im Gesicht der alten Frau zu lesen, was bei dem spärlichen Licht nicht ganz einfach war. „Was ich sagen wollte ist, dass es mir eine große Ehre wäre, mit Ihnen ein Interview zu machen. Für unsere Show. Im Internet.“ fügte er erklärend hinzu. „Und wenn Sie mir, wenn Sie uns, dann verraten würden, wie… Naja, Sie wissen schon.“ „Ihr wollt wissen, wie ihr sterben werdet.“ sagte Frau Heinrich kühl. „Jagenaurichtig.“ sprudelte es aufgeregt aus Irving heraus. Udo verdrehte still die Augen. „Einer von der ganz skeptischen Sorte, wie?“ Die alte Frau hatte ihn scharf beobachtet. „Udo betrachtet das Übersinnliche mehr von der wissenschaftlichen Seite her, Frau Heinrich. Es braucht einen kritischen Geist, um die Wahrheit zu erkennen. Und davon hat er reichlich.“ versuchte Irving seinen Bruder zu erklären. „Und was hast du, Junge?“ fragte Frau Heinrich. „Enthusiasmus.“ grinste Irving stolz. „Deswegen musst du dich auch an der Kamera festhalten, nicht wahr, damit du vor lauter Enthusiasmus nicht wegfliegst.“ „Genau, Frau Heinrich.“ Irving hatte das Gefühl, die Situation gerettet zu haben. Er tätschelte die Kamera, die zu seinen Füßen stand. „Du kannst dein Interview haben. Wenn er draußen wartet.“ Ein runzliger Finger deutete auf Udo, der sich seufzend aus seinem Stuhl erhob. „Das ist doch Zeitverschwendung.“ sagte er und reichte ihr die leere Tasse. „Du kannst dich ja gerne noch weiter amüsieren. Ich warte im Auto.“

„Das hab ich mir echt anders vorgestellt.“
Udo saß im BMW und fror. Er zog die Ärmel seines Pullovers in die Länge, um seine klammen Finger zu wärmen. Seit einer halben Stunde hockte er im Dunkeln und wusste wenig mit sich anzufangen, nachdem der Akku seines Handys aufgegeben hatte. Er erschrak fürchterlich, als die Heckklappe des Wagens geöffnet wurde und Irving die Kamera hinein hievte. „Na, wie war’s?“ fragte er seinen Bruder, als dieser neben ihm Platz nahm. „Hm.“ machte Irving. Er war ungewöhnlich blass. „Jetzt sag schon, hat sie es dir verraten?“ „Schon.“ Irving verfiel wieder in Schweigen. „Ja, und?“ „Ich werde durch die Windschutzscheibe fliegen.“ murmelte Irving dumpf. „Wie bitte?“ „Ich werde durch die Windschutzscheibe fliegen und mein Kopf wird in vielen Teilen sein. Ich hab es gesehen, Udo.“ „Irving?“ Udo griff nach dem Arm seines Bruders. Tränen liefen über Irvings Gesicht. „Okay, wir fahren jetzt.“ Udo startete entschlossen den Wagen. Er versuchte seine Gedanken auf den Rückweg zu konzentrieren und sich nicht von Irvings Schluchzen ablenken zu lassen. Aber es hörte nicht auf. „Alter, du bist ja ganz aufgelöst. Ob die alte Hexe etwas in den Tee getan hat? Ich hab die ganze Zeit schon so komische Kopfschmerzen.“ Er warf einen Seitenblick auf seinen Bruder. Irving saß zusammengesunken im Beifahrersitz und umklammerte eine große, schwarze Küchenschere. Tränen tropften auf das Metall. „Irving?“ „Sie hat mir auch etwas von deinem Tod erzählt.“ flüsterte Irving und zog schniefend einen Rotzfaden hoch. „Irving?“ Udo verlor die Kontrolle über den BMW, als Irving ihm die Schere in den Hals stieß.

In ihrem schäbig beleuchteten Wohnzimmer saß Frau Heinrich Irving gegenüber. „Hast du es erledigt?“ „Ja, Frau Heinrich.“ „Und, fühlst du dich jetzt nicht erleichtert?“ „Ja, Frau Heinrich.“ „Gut, du kannst zu den anderen spielen gehen.“
Frau Heinrich schenkte sich eine neue Tasse Tee ein, während Irvings Abbild langsam auf dem Stuhl verblasste.

© sybille lengauer