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Geister

Veröffentlicht: März 18, 2021 in Kurzgeschichten
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Geister

Pensionär Julius Schubert schlurfte bronchitisch keuchend den schmalen Flur seiner abgewohnten Zwei-Zimmer-Wohnung entlang, die im Parterre eines ebenso heruntergekommenen Mehrfamilienhauses lag. Mit akribischer Sorgfalt berührte er die linke Wand des schlauchartigen Flures an bestimmten Stellen, an denen die vergilbte Raufasertapete bereits ganz abgewetzt und bräunlich verfärbt war von den vielen Malen, die er sie im Lauf der Jahre angefasst hatte. Manchmal musste er stöhnend auf die Knie gehen, die unter der Belastung arthritisch knackten, oder sich ächzend bis unter die dunkelgetäfelte Flurdecke recken, um gewisse Stellen der Wand erreichen zu können und dabei zählte er laut, wie oft der betreffende Fleck von seinem knorrigen Zeigefinger berührt worden war. „Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben“, haspelte er gepresst, während sein Finger in schnellem Tempo auf die abgegriffene Tapete klackte, sein Kopf ruckte vor und zurück, als wolle er das Gesprochene dadurch bestätigen, dann wandte er sich ächzend der nächsten Stelle zu. „Eins-Zwei-Drei-Vier-Fünf-Sechs-Sieben“, zählte er wieder, sein Kopf ruckte und schon quälte er sich weiter voran, immer an der Wand entlang, so ging es eine ganze Weile. Als Herr Schubert endlich am Ende des Flures angekommen war blieb er keuchend vor der Wohnungstür stehen, die durch sieben Türketten aus Nickel gesichert und fest abgeschlossen war. Er löste jede Kette, legte sie neu an, löste sie erneut und wiederholte dieses Prozedere siebenmal hintereinander, wobei er ebenfalls laut mitzählte, kaum war er fertig, bearbeitete er auch schon die rechte Wand des Flures, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap machte sein schwieliger Zeigefinger an der speckigen Tapete. Anschließend wankte er japsend in die kleine, schrecklich unaufgeräumte Einbauküche, um dort alle Herdknöpfe zu drehen, immer auf die höchste Stufe und wieder auf Null, bis er jeden Knopf sieben Mal hin und her gedreht hatte, dann öffnete und schloss er die Kühlschranktür und zählte auch dabei laut bis sieben. Mehr als eineinhalb Stunden waren auf diese Weise verstrichen, Julius Schubert lehnte sich sichtlich erschöpft gegen die schmutzstarrende Küchenspüle und warf einen besorgten Blick auf die runde Uhr aus silbernem Kunststoff, die über der Küchentür hing und unangenehm laut tickte. „Ganz unmöglich“, japste der alte Herr atemlos, sein Brustkorb pumpte von der schweren Anstrengung, seine Knie zitterten und Schweiß rann in Strömen von seiner fleckigen Stirn, „schneller schaffe ich es einfach nicht mehr.“ Die Wanduhr wackelte, fiel krachend auf den klebrigen Küchenfußboden und zerbrach in sieben Teile. Herr Schubert zuckte erschrocken zusammen, er beeilte sich die zerbrochenen Stücke aufzuheben und auf die dreckige Küchenarbeitsplatte zu legen. „Es tut mir leid, ich werde mich mehr anstrengen“, versicherte er ängstlich, doch nun öffnete sich die Besteckschublade, alle Löffel, Messer und Gabeln schossen in hohem Bogen hervor und landeten klirrend zu seinen Füßen, die in schäbigen, löchrigen Stoffpantoffeln steckten. „Bitte! Ich verspreche es“, wimmerte Julius Schubert, in seinen Augen glänzten Tränen, stöhnend bückte er sich nach dem verstreuten Besteck und packte es unsortiert zurück in die Schublade.
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Sozialarbeiter Marius Horn blätterte konzentriert in einer der zerfledderten Akten, die ihm von seiner Kollegin Myriam Schnellwasser übergeben worden waren, bevor sie sich augenzwinkernd in den langersehnten Sommerurlaub verabschiedet hatte. Mit ärgerlich gerunzelter Stirn las er ihre lückenhaften Einträge und lieblos formulierten Notizen über einen gewissen Julius Schubert (71 Jahre alt, alleinstehend), den er stellvertretend für Frau Schnellwasser betreuen sollte, bis diese in drei Wochen von den Kanarischen Inseln zurückgekehrt war. „Schwierig, schwierig“, murmelte Marius Horn, während er in einem Gutachten über Herrn Schuberts psychischen Zustand blätterte. Er griff nach seiner übergroßen Kaffeetasse, auf der in kindlich gekrakelten Buchstaben ‚Für den bestesten Papi der Welt‘ geschrieben stand und trank einige Schlucke lauwarmen Kaffee, ohne von den eng beschriebenen Seiten aufzuschauen. Was er las, ließ ihn zu der unangenehmen Überzeugung gelangen, dass man einen Fall wie Herrn Schubert, der offenbar glaubte von zwei bösen Geistern verfolgt und beherrscht zu werden, deutlich engmaschiger Betreuen müsste, als das bisher unter der Obhut von Frau Schnellwasser geschehen war. Übellaunig wünschte er der arbeitsscheuen Kollegin die Pest an den Hals oder zumindest einen möglichst unerfreulichen, weil verregneten Urlaub. Er beschloss Herrn Schubert schnellstmöglich zu kontaktieren, um einen besseren Einblick in dessen psychische und physische Verfassung zu erlangen und gegebenenfalls weitere Unterstützungsmaßnahmen in die Wege zu leiten und genau so schrieb er es auch in die Akte.
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Julius Schubert schrak wimmernd aus seinem wohlverdienten und ebenso wohlbenötigten Mittagsschläfchen, das er täglich zwischen zwölf und dreizehn Uhr dreißig zu absolvieren pflegte, sofern es die Geister gestatteten. Unentwegtes Klingeln an der Wohnungstür ließ ihn stöhnend von der abgewetzten Wohnzimmercouch auffahren und hektisch die dünne Sofadecke von sich werfen, in die er sich wie in einen fadenscheinigen Kokon eingewickelt hatte. „Einen Moment“, rief er halb schlafend, halb wachend und rieb mit seinen schwieligen Händen kräftig über sein runzliges Gesicht, um die lähmende Müdigkeit aus seinen Knochen zu vertreiben, dann schlüpfte er mit ungelenken Bewegungen in seine löchrigen Pantoffeln, schlurfte auf schmalen Pfaden aus dem altmodisch möblierten Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Zimmerdecke mit windschiefen Zeitungs- und Bücherstapeln vollgestopft war und wankte eiligen Schrittes in den schmalen, dunklen Flur.
Marius Horn, der sich nach unzähligen erfolglosen Versuchen Herrn Schubert telefonisch zu erreichen zu einem persönlichen Kontrollbesuch entschlossen hatte, nahm zufrieden grunzend den Daumen vom rostigen Klingelknopf, als er das Rumoren des Alten aus dessen Wohnung vernahm. Er hatte die Eingangstür des heruntergekommenen Mehrfamilienhauses unverschlossen vorgefunden und Herrn Schuberts Wohnung ohne Schwierigkeiten ausmachen können, bewaffnet mit einer dicken kunstledernen Aktentasche und einer großen Portion künstlich aufgesetztem Enthusiasmus wartete er im schlecht beleuchteten Stiegenhaus, in dem es intensiv nach einer Mischung aus dreckigen Windeln, Kohlgemüse und saurem Achselschweiß roch. Angestrengt lauschte er auf die Geräusche, die aus der Wohnung an seine neugierig gespitzten Ohren drangen, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap, hörte er leise, Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap-Tap und Herr Horn hätte schwören können, manchmal gequältes Wispern zu vernehmen. „Geht es Ihnen gut, Herr Schubert?“, rief der Sozialarbeiter ehrlich besorgt. „Nur – einen – Augenblick!“, keuchte eine dünne, zittrige Stimme zur Antwort. Fünfundzwanzig Minuten später stand Marius Horn noch immer im stinkenden Stiegenhaus und wartete; den Blick zähneknirschend auf seine digitale Armbanduhr geheftet. Ein plötzliches Schaben und Kratzen ließ ihn aufmerken, er hörte wie eine Türkette ratschend zurückgezogen wurde und holte schon hoffnungsvoll Luft, um Herrn Schubert mit einem Schwall warmer Worte zu begrüßen, wenn dieser endlich die verdammte Tür öffnete, doch sein vorschneller Optimismus verpuffte ebenso wirkungslos wie sein angestauter Atem, denn die Wohnungstür blieb auch weiterhin fest verschlossen und nur das ratschende Geräusch wiederholte sich mit enervierender Regelmäßigkeit. Endlich, nach zehn weiteren, quälend langsam verstreichenden Minuten, öffnete ein zutiefst erschöpfter und leichenblasser Julius Schubert die Wohnungstür, benommen von der kräftezehrenden Anstrengung taumelte er in die weichen Arme des überraschten Sozialarbeiters. Marius Horn konnte den zittrigen Alten gerade noch auffangen und einen schweren Sturz verhindern, erschrocken fühlte er während der unfreiwillig innigen Umarmung, wie knochig und fragil der alte Herr unter seiner zerlumpten Kleidung war. Vorsichtig führte er Herrn Schubert zurück in dessen düstere Wohnung, geleitete ihn durch den langgezogenen Flur bis in das chaotisch vollgestopfte Wohnzimmer, wo er ihn behutsam auf die schmuddelige Couch verfrachtete und endlich die Zeit fand, sich förmlich vorzustellen. Julius Schubert versuchte den hilfsbereiten Sozialarbeiter angemessen zu begrüßen, doch ihm fehlte der nötige Atem, japsend lehnte er in einer Ecke der Couch und rang nach Luft, seine Lippen waren stark bläulich verfärbt, seine Augen quollen weit hervor, instinktiv presste er die rechte Hand auf die Brust, um sein wild galoppierendes Herz zu beruhigen. „Ich werde den Notarzt verständigen“, bemerkte Marius Horn, der den Alten mit besorgtem Stirnrunzeln musterte und einen Kreislaufkollaps oder sogar einen Herzinfarkt befürchtete. Julius Schubert riss bei diesen Worten ängstlich den Mund auf und begann nervös zu hyperventilieren, „Bitte! Kein Arzt!“, röchelte er panisch, doch der Sozialarbeiter ließ sich nicht umstimmen.
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Marius Horn saß vornübergebeugt am Schreibtisch seines privaten Arbeitszimmers und dokumentierte, wie üblich, die Ereignisse des Tages. Der schwierige Termin bei Herrn Julius Schubert erforderte seine volle Konzentration, gewissenhaft tippte er seine Eindrücke in den altgedienten Computer, manchmal warf er einen Blick auf seine handschriftlichen Notizen, die er direkt nach dem Termin angefertigt hatte. Der nervlich zerrüttete Herr Schubert hatte sich leider mit Händen und Füßen gegen eine Untersuchung durch den Notarzt gewehrt und war schließlich so dramatisch kollabiert, dass er in ein Krankenhaus verbracht werden musste. Marius Horn schrieb darüber einen minutiös genauen Bericht und sparte nicht mit Einzelheiten über den bedenklichen Zustand des gebrechlichen Seniors und der vermüllten Wohnung, nur ein kleines Detail ließ er absichtlich beiseite, weil er nicht wusste, wie er es in die Dokumentation einbauen sollte und sich vielleicht auch ein wenig schämte: Er hatte dem völlig aufgelösten Herrn Schubert an der Krankenbahre geschworen sich um dessen ‚Geister‘ zu kümmern, solange dieser nicht dazu in der Lage war. Natürlich konnte er jetzt, in der komfortablen Behaglichkeit seines gemütlichen Arbeitszimmers, nur noch peinlich berührt den Kopf schütteln über diesen unprofessionellen Patzer, doch als er die zittrige Hand des Alten gehalten und in dessen schreckensgeweitete Augen geschaut hatte, da war es ihm nur menschlich erschienen den Ärmsten mit einem Lippenbekenntnis zu beruhigen. Marius Horn seufzte ergeben und beschloss, dass sein Bericht auch ohne diese kleine Einzelheit vollständig genug sei. Er ließ ebenso unerwähnt, dass er in der Sekunde des Versprechens einen unangenehm kalten Schauer verspürte, der die feinen Härchen an seinem Nacken zu Berge stehen ließ und verschwieg außerdem, dass er für einen mikroskopisch kleinen Moment gedacht hatte, dass dieser Schwur möglicherweise der schlimmste Fehler seines Lebens gewesen war. Stattdessen formulierte er komplizierte Schachtelsätze über Herrn Schuberts verwahrlosten Zustand und die nötigen Hilfsmaßnahmen, die in seinen Augen dringend erforderlich waren. Gedankenverloren tastete er nach seiner Wasserflasche, die immer auf dem Schreibtisch gleich neben der Tastatur bereitstand, um seine kratzig trockene Kehle mit einem Schluck Mineralwasser zu befeuchten, doch seine Finger griffen wiederholt ins Leere. Marius Horn wandte irritiert den Blick vom Bildschirm und blinzelte verdutzt; die Wasserflasche schwebte wenige Zentimeter neben dem Tisch und drehte sich langsam in der Luft. „Was zur Hölle?“, hauchte er verblüfft. „Hölle ist ein gutes Stichwort“, flüsterte eine helle Kinderstimme nah an seinem linken Ohr und ein grässliches Lachen erfüllte das Zimmer, die Wasserflasche knallte wuchtig auf den Fußboden und zerbrach mit lautem Klirren, das Mineralwasser schoß aus dem berstenden Flaschenhals und spritze bis zur Zimmerdecke. Marius Horn zuckte erschrocken zurück und sah sich hektisch nach allen Seiten um, „Ist da jemand?“, fragte er eingeschüchtert und kam sich dumm dabei vor. „Ist da jemand?“, äffte die unsichtbare Kinderstimme und ein gehässiges Kichern ertönte. Marius Horn fuhr in Sekundenschnelle von seinem Stuhl, als ein eiskalter Atemzug sein Genick streifte, „Was soll der Unsinn? Ich finde das nicht witzig!“, herrschte er betont zornig, um seine lähmende Verunsicherung zu übertünchen. „Ich schon“, gluckste die Stimme an seinem Ohr. „Ich auch“, raunte eine zweite, dunklere Stimme und Marius Horn hatte den Eindruck, als spräche sie direkt über seinem Kopf, zögerlich verdrehte er die Augen, um vorsichtig nach oben zu linsen, doch an der Zimmerdecke war nichts zu sehen, außer einem frischen Wasserfleck. „Das ist ein dummer Trick“, sagte er und versuchte möglichst unbeeindruckt zu klingen. „Du bist ein dummer Trick.“
Die Stimme klang plötzlich entsetzlich gefühllos und harsch, alle Lampen im Arbeitszimmer platzten mit einem satten Knall und der Computer implodierte.
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Julius Schubert lag in einem modernen Pflegebett und schlummerte friedlich in der unauslotbar tiefen Umarmung der starken Beruhigungsmittel, die ihm seit seiner Einlieferung vor zwei Tagen in großzügigen Dosen verabreicht worden waren, als Marius Horn plötzlich in das abgedunkelte Krankenzimmer stürzte, ohne vorher anzuklopfen. „Helfen Sie mir!“, schrie der Sozialarbeiter händeringend, während er ans Bett des alten Mannes stolperte und das Bettlaken umklammerte wie ein Ertrinkender eine rettende Boje. Julius Schubert tauchte nur langsam aus seinen watteweichen Träumen auf, verschlafen blinzelte er zu dem aschfahlen Gesicht empor, das sich hilfesuchend über ihn beugte, ihm jedoch nur entfernt vertraut erschien. „Kennen wir uns?“, fragte er freundlich oder versuchte es zumindest, denn das Beruhigungsmittel ließ ihn nur schwer verständlich nuscheln. Marius Horn schüttelte sich, als litte er unter starken Krämpfen, er fiel vor dem Bett auf die Knie und begann hysterisch zu schluchzen. „Nehmen Sie sie zurück, bitte, nehmen Sie sie wieder zurück!“, bettelte er und flennte haltlos, die Tränen schossen sturzflutartig aus seinen Augen, ein langer Rotzfaden baumelte von seiner Nase, doch es schien ihn nicht zu kümmern. Ein berechnender Ausdruck schlich sich in die Augen des Alten, der nun endlich erkannte, wer da vor ihm auf dem Boden kniete. „Ach, Sie sind es also“, nuschelte er und seine blutleeren Lippen verzerrten sich zur Karikatur eines Grinsens. „Ich flehe Sie an, Sie müssen mir helfen!“, wimmerte Marius Horn, er wischte mit dem Handrücken über sein nasses Gesicht und schniefte herzzerreissend, „ständig sekkieren sie mich, plagen und quälen meinen Geist und meinen Körper, ich ertrage das nicht mehr. Sie lassen mich nicht essen, sie lassen mich nicht schlafen. Meine Frau ist mit den Kindern zu ihrer Schwester gezogen, weil sie glaubt ich sei verrückt geworden! Bitte, nehmen Sie die Dämonen wieder zurück!“ „Oh, daraus wird nichts“, murmelte Herr Schubert und ein zufriedener Ausdruck huschte über sein eingefallenes Gesicht, „die Satansbrut klebt nun an Ihnen und Sie müssen sich um sie kümmern, bis jemand anderes freiwillig die Bürde übernimmt und so geht es weiter und immer weiter und immer weiter“, flüsterte er, seine Stimme wurde dabei leiser und leiser und erstarb schließlich ganz. Marius Horn stieß ein unmenschliches Heulen aus, er raufte sich die Haare und stieß derbe Flüche und Drohungen gegen Herrn Schubert aus, bis er von einer herbeieilenden Krankenschwester unsanft aus dem Zimmer befördert wurde. Julius Schubert beobachtete das Spektakel mit amüsierter Gelassenheit, entspannt kuschelte er sich in die weiche Matratze des Pflegebetts und als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, schlummerte er friedlich ein.

© sybille lengauer