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Die Traumfabrik

Veröffentlicht: November 1, 2019 in Kurzgeschichten
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Die Traumfabrik

Mittwoch Abend, es ist kurz vor 22 Uhr. Therese M. liegt auf ihrer Sofagarnitur und starrt schläfrig in den überdimensional großen Fernseher, der eine ganze Wand ihres Wohnzimmers einnimmt. Die Fernsehsendung ist beliebig und Thereses Gedanken sind es auch, sie ist erschöpft von einem langen Tag im Büro und nähert sich nun im automatischen Sinkflug dem Tiefschlaf. Ihr rundliches Gesicht verschwindet zwischen hellblauen Zierkissen, ihr molliger Körper schmiegt sich wohlig in eine Kuscheldecke, die farblich auf die Zierkissen abgestimmt ist. Ihre Atemzüge werden tiefer und regelmäßig. Therese M. schläft, wie so oft, auf ihrer Couch ein. Kurz darauf beginnt sie zu träumen…

Therese ist fünf Jahre alt. Sie trägt einen roten Regenmantel mit weißen Punkten und sitzt an ihrem Arbeitsplatz im Großraumbüro. Über ihrem Schreibtisch ragen riesige Aktenberge in den Himmel. Ihr Teamleiter, Helge Priem, steht mit düsterer Miene zwischen jenen Bergen und grollt wie ein zorniger Wolf, sein Oberlippenbart zittert bedrohlich, seine Augen glühen dunkelrot. Sein tiefes Grollen lockert eine Lawine in den Aktenbergen, donnernd stürzt eine Woge aus schneeweißem Papier zu Tal. Helge Priem wird von wirbelndem Schnee erfasst und fortgerissen. Plötzlich fährt Therese Ski. Ein gutaussehender Skilehrer gleitet neben ihr über den spritzenden Pulverschnee, sein Lächeln ist so weiß wie die schneebedeckte Landschaft. Therese, die nun kein Kind mehr ist, folgt dem Skilehrer mühelos durch das herrliche Postkartenidyll. Auf der Couch dreht sich ihr unsportlicher Körper vom plappernden Fernseher weg, im Traum springt Therese über eine Schneewehe und fühlt sich dabei federleicht. Ihre rasante Abfahrt endet in einem kleinen Dorf, dessen Häuser sich wildromantisch an das Ufer eines gefrorenen Sees schmiegen. „Machen Sie Urlaub in den Tiroler Bergen. Tirol, immer eine Reise wert.“ rät der Skilehrer mit einem Zwinkern, dann verschwindet er in einer glitzernden Schneewolke und der Traum verliert sich in den Tiefen von Thereses Unterbewusstsein. Grunzend fährt sie aus dem Schlaf, nur um gleich darauf wieder in den hellblauen Zierkissen zu versinken. „Tirol.“ flüstert Therese, dann verfällt sie in leichtes Schnarchen.

„Es ist zum Kotzen!“ ereifert sich der junge Schauspieler im Kostüm des Skilehrers. Wütend stapft er aus dem Bühnenbild. Mit einem zornigen „Auseinander!“ drängt er an einer Gruppe Statisten vorbei, die in der Dunkelheit hinter den Kulissen stehen und rauchen. „Es ist eine gottverdammte Schande!“ schreit er zornig, während Kunstschnee von seinen breiten Schultern rieselt. „Beruhige dich, Thomas.“ Ein grauhaariger Mann tritt zwischen bunt bemalten Papphäusern hervor. Er hält die Maske des Teamleiters Priem in der Hand, offenbar ist er ein Kollege des jungen Schauspielers. „Ich soll mich beruhigen? Hast du nicht gesehen, was sie mir angetan haben?“ jammert Thomas, er unterstreicht seinen Unmut mit einer theatralischen Geste und verdreht die Augen. „Es war doch nur ein kleiner Satz.“ hält sein Kollege dagegen, er lässt die Maske des Teamleiters in einer ausgebeulten Jackentasche verschwinden, zieht ein Päckchen Lucky Strike aus einer anderen Tasche und reicht Thomas eine zerknautschte Zigarette. „Hier, Junge. Rauch‘ und beruhige dich endlich.“ rät er freundlich, aber streng. „Ich will mich nicht beruhigen.“ faucht Thomas aggressiv, er schnappt nach der Zigarette, wartet ungeduldig auf Feuer und beginnt hektisch zu rauchen. „Ich lasse mir das nicht mehr länger gefallen!“ knurrt er rebellisch,während sein Kollege nur mit den Achseln zuckt und sich ebenfalls eine Zigarette anzündet. „Was lassen Sie sich nicht mehr länger gefallen, Herr Lindner?“ fragt eine Stimme aus dem Hintergrund. Der ältere Schauspieler verschluckt sich erschrocken am Rauch seiner Zigarette, mit einem gehusteten „Scheiße, der Gruber!“ verschwindet er zwischen den Papphäusern. Thomas Lindner wendet sich der Stimme des Regisseurs zu, mit der Courage der Jugend reckt er sein glattrasiertes Kinn vor, um dem berüchtigten Choleriker entgegenzutreten. „Ich will diese Werbung nicht mehr machen, Herr Gruber. Das ist unter meiner Würde.“ schnaubt er mit deutlicher Arroganz in der Stimme. Doch unter dem scharfen Blick, der ihm aus Grubers blutunterlaufenen Augen begegnet, schwindet sein jugendlicher Mut rasch dahin. „Also, ich meine…“ beginnt er stotternd, dann bricht er ab und schweigt. Der gewichtige Regisseur mustert den jungen Schauspieler abfällig und reckt seinerseits das stattliche Doppelkinn nach vorn. „Wer ist dein Chef?“ fragt er unerwartet direkt, mit dramaturgischer Akkuratesse schiebt er seinen feisten Leib aus dem Schatten ins Licht, seine missbilligenden Gesichtszüge treten scharf hervor, sein massiger Bauch ragt bedrohlich in den Raum. Thomas Lindners Courage schrumpft im selben Augenblick zu einem winzigen schwarzen Loch, das sein Verlangen nach Rebellion und Würde mit sich in den Abgrund reißt, übrig bleibt nur ein verunsicherter Jungschauspieler, der in einem lächerlichen Skianzug steckt. „Direktor Falkner?“ piepst er mit zitternder Stimme. „WER ist dein Chef?“ brüllt Regisseur Gruber brutal und Thomas lässt vor Schreck die Zigarette fallen. „Sie, Herr Gruber. Sie sind natürlich mein Chef.“ antwortet er unterwürfig. „Wieder falsch. Falsch, FALSCH!“ Das speckige Gesicht des Regisseurs hat sich dunkelrot verfärbt, in seinen Augen wütet impulsives Feuer. „Dein Chef ist das Geld, du Idiot! Geld ist dein Chef, Geld ist mein Chef, Geld ist unser aller Chef! Und wenn das Geld sagt, du sollst springen, dann fragst du nur: wie hoch? Hast du das verstanden, Junge?“ „Ja, Herr Gruber.“ Thomas blickt beschämt zu Boden, seine Ohren glühen genauso dunkelrot wie die Wangen des Regisseurs. Doch Grubers Jähzorn verraucht schnell. „Sie haben ein wenig Talent, mein Sohn. Verschwenden Sie sich nicht an moralinsaure Ideen, sondern machen Sie etwas aus sich.“ brummt er gönnerhaft, dann verschwindet er zwischen den Kulissen und lässt den gedemütigten Thomas Lindner alleine zurück.

Donnerstag, es ist kurz nach 12:30 Uhr, Mittagspause im Großraumbüro. Therese M. sitzt mit überschlagenen Beinen vor ihrem Computer, in der linken Hand hält sie einen Becher Naturjoghurt, in den sie etwas Erdbeermarmelade gerührt hat. Mit regem Interesse studiert sie die neuesten Onlineangebote diverser Reiseunternehmen. Geistesabwesend löffelt sie sich Joghurt in den Mund ohne etwas zu schmecken, denn Therese ist gedanklich in den zauberhaften Alpen und, ganz unbewusst, auch beim strahlenden Zahnweißlächeln des attraktiven Skilehrers. Zu ihrem Bedauern sind selbst die günstigsten Tirol-Angebote unerschwinglich, vor allem die horrenden Hotelpreise erschrecken die einfache Angestellte. „Na, fährst in Urlaub?“ fragt eine neugierige Kollegin, die sich unbemerkt genähert hat. „In meinen Träumen.“ antwortet Therese deprimiert und sie weiß gar nicht, wie recht sie hat.

„Guten Abend.“ Direktor Falkner betritt schwungvoll den Fahrstuhl und verteilt ein kurzes, wohldosiertes Lächeln an die Männer, die bereits in der engen Kabine stehen. Stefan Falkner verschenkt sein Lächeln nicht leichtfertig, für gewöhnliche Arbeiter und Statisten hält er einen lauwarmen Gesichtsausdruck bereit, der angemessen distanzierte Freundlichkeit vermitteln soll. Dieses Lächeln taucht auf und verschwindet genauso schnell wie sein Interesse an den Menschen, mit denen er nun nach oben fährt. Mit einem knappen Gruß verabschiedet er sich von ihnen, ihre Gesichter hat er nach kurzer Zeit wieder vergessen und würde man ihn fragen, wer mit ihm im Lift gestanden, er wüsste es nicht zu sagen, selbst wenn sein Leben davon abhinge. In Falkners Büro wartet Regisseur Jean-Patrick Gruber, Falkner begrüßt ihn mit einem kurzen Kopfnicken, man kennt sich seit Jahren und hat das Bedürfnis nach Höflichkeitsfloskeln längst hinter sich gelassen. Gruber hat zwei Whiskygläser mit Dalmore 18 gefüllt und auf den Schreibtisch gestellt, nun wartet er darauf, dass der Direktor sich in seinen Ledersessel setzt, doch Falkner hat keine Eile. Er vertritt den Grundsatz, sich niemals zu hetzen, wenn jemand anderes die Zeit hat, auf ihn zu warten. „Wie läuft die Produktion?“ erkundigt er sich ganz beiläufig. „Darüber wollte ich mit dir sprechen.“ sagt Gruber mit ungeduldigem Unterton. Falkner setzt sich endlich an seinen Schreibtisch und deutet auf die Gläser. „Schlechte Nachrichten?“ fragt er mit der Andeutung eines Lächelns. Gruber schnaubt bitter und nimmt ebenfalls Platz. Ächzend lässt er sich in einen der Besuchersessel fallen, sein dicker Wanst quillt massig unter seinem weißen Hemd hervor, doch Gruber stört sich nicht an Äußerlichkeiten, sofern sie ihn selbst betreffen. „Kommt ganz darauf an.“ antwortet er in neutralem Tonfall. Falkner bedeutet ihm mit einer knappen Geste fortzufahren und Gruber kommt sofort auf den Punkt. „Ich habe die Drehbücher für die kommende Woche erhalten. Du packst drei Werbesuggestionen in jede Traumsequenz. Das ist nicht machbar.“ Falkner lehnt sich nach vorn, er ist zwar nicht so dick wie Gruber, doch sein Rang verleiht ihm das nötige Gewicht. „Sagt wer?“ fragt er ruhig. „Sage ich, Stefan. Die Stars werden das nicht mitmachen. Gianna Nova droht schon jetzt zu ‚Dreamstudio‘ zu wechseln und wenn Gianna geht, dann geht auch Rolf Noir…“ „Dann sollen sie sich eben verpissen, sie sind ohnehin die größten Kostenfresser.“ unterbricht Falkner kalt, er greift nach einem Whiskyglas und trinkt, ohne zu genießen. „Und wer spielt die großen Szenen, wenn sie sich verpisst haben?“ Gruber wird laut, sein Gesicht beginnt sich dunkelrot zu verfärben. „Der kleine Drecksschnösel Lindner, oder wer?“ „Es ist mir scheißegal wer dann spielt, Jean. Du weißt, wie es um unsere Finanzen steht.“ knurrt Falkner, ohne zu blinzeln. „Die Werbespots sind im Moment unsere einzige Einnahmequelle. So ist eben der Lauf der Welt. Ende der Diskussion.“ Falkner erhebt sich selbstbewusst, als Jean-Patrick Gruber mit hervorquellenden Augen aus seinem Sessel fährt und mit wuchtigen Schritten den Schreibtisch umrundet. „Wenn du so weitermachst sind wir nicht nur pleite, dann sind wir ruiniert!“ schreit Gruber erbost. Regisseur und Direktor stehen sich aufgebracht gegenüber, kurz hat es den Anschein, als wollten sie sich schlagen, doch der Moment vergeht ohne Handgreiflichkeiten. Gruber langt mit einem verächtlichen Grunzen nach dem zweiten Whiskyglas und trinkt es in einem Zug leer, Falkner lässt ein melancholisches Lachen erklingen und setzt sich. „Die Welt ist scheiße.“ resümiert Gruber, er rülpst laut und stellt das Glas knallend zurück auf den Schreibtisch. „Das Leben ist scheiße.“ antwortet Falkner, doch Gruber winkt ab. „Auch egal.“ sagt er, dann verlässt er Stefan Falkners Büro, ohne sich zu verabschieden.

Wenige Tage später. Therese M. liegt in ihrem Bett und wälzt sich schlaflos hin und her. Sie hat ihren Kopfpolster aufgeschüttelt und ihre Bettdecke in die richtige Position gezogen und dennoch liegt sie unbequem. Therese kommt nicht zur Ruhe, ihre Gedanken galoppieren ungebremst in alle möglichen Richtungen, ihr Körper zwickt und drückt an den unangenehmsten Stellen. Seufzend gibt Therese schließlich den Kampf auf, sie quält sich aus dem Bett und geht zurück ins Wohnzimmer, dort stellt sie den Timer des Fernsehers ein, wickelt sich in ihre Kuscheldecke und versinkt langsam im flimmernden Sumpf der seichten TV-Unterhaltung. Fünfundzwanzig Minuten später schläft sie tief und fest auf ihrer Couch, bald darauf beginnt sie zu träumen…

Therese sitzt in einem Unterseeboot. Sie starrt aus dem Periskop und hält nach feindlichen Schiffen Ausschau. Ihr Blick gleitet über die peitschenden Wellen des Meeres, ihr Körper ist angespannt, sie kann die elektrisierende Erregung der Jagd auf ihrer Zunge schmecken. Hinter einer hohen Welle kommt ein altes Piratenboot in Sicht. „Feindkontakt!“ ruft Therese enthusiastisch und eine Sirene ertönt. Das Piratenboot wird mit einem donnernden Knall abgeschossen und versinkt augenblicklich in den Fluten. Therese feiert ihren Erfolg mit den Besatzungsmitgliedern, die wie ihre Arbeitskollegen aussehen. Ihr Teamleiter, Helge Priem, gratuliert herzlich und überreicht einen gewaltigen Rosenstrauß. „Kauf Blumen nur bei Leßmann. Leßmann, weil wir Pflanzen lieben!“ singen die Rosen mit winzigen Mündern. Therese wird selbst zur Rose und blüht an einem herrlich duftenden Strauch, der in einem verwunschenen Garten wächst. Im nächsten Augenblick wird die Rose Therese von einer liebreizenden Dame gepflückt, die mit eleganten Bewegungen über den perfekt getrimmten Rasen schreitet. Therese verspürt keinen Schmerz, nur eine kurze Wehmut, die schnell verschwindet. Sie schmiegt sich vertrauensvoll in die Hand der schönen Frau und wechselt die Gestalt. Nun blickt sie durch die Augen der Dame auf die Rose hinab und haucht einen Kuss auf die weichen Blütenblätter. „Du bist wunderschön.“ flüstert sie er Rose zu. „Du auch.“ antwortet eine wohlklingende Männerstimme in ihrem Rücken. Therese dreht sich erschrocken um, ihr Herz beginnt wild zu pochen. „Oh!“ haucht sie, zwischen Entzücken und Entsetzen. Ein stattlicher Pirat, der in verwegener Pose zwischen den Rosenbüschen steht, präsentiert der Welt ein golden funkelndes Grinsen. Er ist groß, kräftig und unverschämt gutaussehend, sein verwegener Goldzahn und der glitzernde Brillant, den er im linken Ohrläppchen trägt, versetzen Therese in aufgeregte Wallung. „Oh!“ macht Therese wieder. „Blind Date Dot Com. Du findest uns im Internet.“ flüstert der Pirat zärtlich, dann umarmt er Therese und drückt einen heißen Kuss auf ihre Lippen. Therese sinkt in seine muskulösen Piratenarme, romantische Geigenmusik setzt ein, irgendwo schreien Seeschwalben gegen das Rauschen einer unsichtbaren Brandung an. Der verwunschene Garten verflüssigt sich, die Rosenbüsche werden zum wogenden Meer. Therese steht am Steuer eines Piratenschiffes, konzentriert navigiert sie durch einen heraufziehenden Sturm. Der gutaussehende Pirat mit dem verführerischen Goldzahnlächeln stapft mit offenem Hemd auf dem Schiff umher und brüllt unverständliche Anweisungen an seine Mannschaft. Ein einarmiger Matrose schlurft hustend an Therese vorbei, es ist deutlich zu erkennen, dass er schwer erkältet ist. „Hustenpastillen von Stoll. Jetzt in Ihrer Apotheke.“ brummt er, dann verwandelt er sich in eine Möwe und fliegt davon. Therese sieht der Möwe hinterher, bis diese nur noch ein weißer Punkt im wolkenverhangenen Himmel ist. Als sie den Blick wieder auf das Meer richtet, kann sie ein Periskop aus dem Wasser ragen sehen. „Feindkontakt!“ hört Therese sich selbst schreien, dann kracht eine gewaltige Explosion und sie schreckt aus dem Schlaf.

„Nein, ich habe keinen Termin.“ Stefan Falkner verdreht angewidert die Augen, er sitzt steif hinter seinem Schreibtisch, drückt ein Handy an sein Ohr und macht ein verkniffenes Gesicht. Missmutig hört er seichte Warteschleifenmusik, bis ihn die enervierend grelle Stimme einer jungen Sekretärin aus der Erstarrung reißt. „Herr Falkner? Danke, dass Sie gewartet haben. Frau Beerengard befindet sich im Augenblick in einer Besprechung und kann Ihren Anruf leider nicht entgegennehmen.“ „Danke für nichts.“ blafft Falkner unvermittelt ins Telefon und legt auf. Es ist sein neunter Versuch mit seiner Bankberaterin ins Gespräch zu kommen, doch Frau Beerengard ist nicht mehr gewillt den schwülstigen Ergüssen, den dreist erlogenen Beteuerungen und an den Haaren herbeigezogenen Versprechungen zuzuhören, die sich Stefan Falkner bereitgelegt hat. Die Schonfrist für Falkners hochverschuldete Produktionsfirma ist abgelaufen, die Bank wird keinen weiteren Kreditaufschub gewähren. „Gottverdammte Scheiße.“ flucht Falkner frustriert, er reibt sich abgespannt mit einer Hand über das Gesicht, dann wählt er eine neue Nummer. Nach kurzer Zeit meldet sich eine geschmeidige Frauenstimme: „ThinkURsmart Werbeagentur, was darf ich für Sie tun?“ „Stefan Falkner hier. Ich will mit Zielke sprechen.“ „Einen Moment, ich verbinde.“ flötet die Frauenstimme. „Na endlich.“ brummt Falkner gereizt. Er hört sich ungeduldig durch die rockige Warteschleifenmusik des Unternehmens und wartet, bis der Leiter der Werbeagentur das Gespräch entgegennimmt. Von einer Sekunde zur nächsten verwandelt sich Stefan Falkners gesamter Ausdruck, er setzt sein sonnigstes Lächeln auf und strahlt mit unbändiger Energie durch das Mobiltelefon. „Manfred, mein Lieber!“ tönt Falkner mit honigsüßer Stimme, er lässt sich zu einer ausladenden Geste hinreißen, obwohl sein Gesprächspartner ihn gar nicht sehen kann. „Stefan, mein Freund, was kann ich an diesem wunderschönen Nachmittag für dich tun?“ antwortet Manfred Zielke mit übertriebener Freundlichkeit. „Die Frage ist vielmehr, was kann ich für dich tun?“ erwidert Falkner gut gelaunt. „Leider wenig, mein Lieber.“ antwortet Zielke mit gespieltem Bedauern. „Im Augenblick haben wir keine neuen Aufträge.“ „Manfred. Ich brauche Kunden.“ Stefan Falkner kann den Keim der Verzweiflung hören, der sich in seine Stimme schleicht. Er versucht ihn mit einem Räuspern zu vertreiben und lacht gekünstelt. „Du hast doch immer noch ein Ass im Ärmel.“ setzt er hinterher. „Nichts zu machen, mein Guter.“ Das Bedauern verschwindet aus der Stimme des Agenturleiters und wird durch leichten Unwillen ersetzt. Falkner kann intuitiv fühlen, wie sein Gesprächspartner ungeduldig auf die Uhr sieht. Er beginnt schamlos zu betteln, mit dem Rücken an der Wand hat er keine Reserven für weitere Plattitüden. „Was ist passiert, die Spots laufen doch ausgezeichnet! So rede mit mir, Manfred. Ich bitte dich!“ „Die Umsätze entsprechen nicht den Erwartungen.“ antwortet Manfred Zielke geschäftsmäßig. „Die Umsätze entsprechen nicht den Erwartungen?“ wiederholt Stefan Falkner fassungslos. Er sackt in seinem Ledersessel zusammen, das grimassierte Grinsen weicht langsam aus seinem Gesicht. „So sieht es aus.“ schallt es blechern aus dem Handy. Ein heftiges Gefühl der Angst strömt eiskalt über Falkners Rücken, Worte wie Bankrott, Insolvenz und Armenhaus kreisen wie hungrige Geier in seinen Gedanken. „Was kann ich tun?“ fragt er mit monotoner Stimme. „Bring deine Klienten dazu die Produkte unserer Kunden zu kaufen.“ lautet Manfred Zielkes einfache Antwort. „Ich muss jetzt auflegen, Stefan. Die Zeit rennt, du weißt ja.“

Samstag, es ist kurz vor Mitternacht. Therese M. hat den Abend mit einem überraschend angenehmen Blind Date verbracht, nun liegt sie, eingelullt in ein wohliges Gefühl zarter Verliebtheit, in ihrem Bett und träumt mit offenen Augen. Der Platz an ihrer Seite ist seit Jahren unbesetzt und Therese gibt sich der Vorstellung hin, dass der nette Mann, mit dem sie vorhin so lustig Weißweinschorle getrunken hat, diesen Umstand bald ändern könnte. Zwischen hormongeschwängerter Hoffnung und mahnender Vernunft gleitet sie langsam in den Schlaf hinüber und beginnt zu träumen…

Therese steht in Unterwäsche in ihrem Badezimmer und macht ihr Gesicht für eine Verabredung zurecht. Sie trägt dezentes Make-Up auf und bringt ihre Wimpern in Form, ihren Mund verschönert sie mit dunkelrotem Lippenstift. Als sie fertig ist, wirft sie ihrem Spiegelbild eine spielerische Kusshand zu. Im selben Augenblick fallen blutige Zähne aus ihrem lippenstiftroten Mund ins Waschbecken. Therese schnappt erschrocken nach Luft, verängstigt starrt sie auf die ausgefallenen Zähne. Sie schreit heftig, als ihr Spiegelbild einen Arm aus dem Spiegel streckt und eine Zahnpastatube nach ihr wirft. „Mit Zahnpasta von Dentafit wäre das nicht passiert!“ ruft Thereses Spiegelbild, dann löst es sich auf und mit ihm verschwindet auch das Badezimmer. Therese steht auf einer Ranch in Texas, sie atmet den Duft von getrocknetem Heu, fühlt warmen Sonnenschein auf ihrer Haut und vergisst langsam den Schrecken des vergangenen Traumbildes. Auf der Ranch ist es friedlich, Insekten summen, ein sanfter Westwind weht, auf einer nahen Koppel grasen Pferde. Nichts deutet auf das Erscheinen der brennende Kuh hin, die wie aus dem Nichts vor Therese auftaucht. Das Tier steht lichterloh in Flammen und Therese weicht panisch vor der lodernden Kreatur zurück, doch die Kuh folgt ihr mit treuherzigem Muhen nach und setzt dabei kleine Flecken des Weges unter ihren Hufen in Brand. „Geh weg!“ kreischt Therese hysterisch. Die Kuh stößt ein heiseres Lachen aus und verwandelt sich in ein riesiges Steak auf zwei Beinen. Das Steak tanzt vor Thereses angstgeweiteten Augen hin und her und singt: „Steakhaus Friedrich. Wir brennen für gute Qualität.“ „Das soll aufhören!“ schluchzt Therese und drückt fest die Augen zu. Als sie es wagt erneut einen Blick zu riskieren, ist das tanzende Steak verschwunden. Die Ranch liegt verlassen da, die Pferde sind verschwunden, selbst die Insekten schweigen und die Sonne verbirgt sich hinter trüben Wolkenschlieren. „Hallo?“ fragt Therese ängstlich, sie fühlt sich alleine und verwirrt. „Hallo.“ antwortet eine leise Stimme zu ihren Füßen. Mit einem schaurigen Gefühl im Magen senkt Therese den Blick. Auf dem Weg hockt ein kleiner Gartenzwerg, er wirkt verschwommen und ist nur undeutlich zu erkennen, Therese kneift die Augen zusammen, um ihn besser sehen zu können. „Du brauchst wohl eine Brille.“ versetzt der Gartenzwerg freundlich. „Kann schon sein.“ antwortet Therese verwirrt. „Optiker Vucovic.“ rät der Zwerg und reicht ihr eine Visitenkarte. Therese starrt auf die Karte und sagt mechanisch „Danke.“ doch der Gartenzwerg ist bereits verschwunden. Die Ranch löst sich auf, das Traumbild zerfällt. Therese sitzt in einem kleinen Ruderboot, das lautlos auf einem spiegelglatten See aus wellenförmig bedrucktem Papier dahintreibt. Ihr gegenüber hockt Teamleiter Helge Priem auf einem feuchten Aktenstapel, er hält eine goldene Kugel in der Hand und starrt Therese intensiv an. „Küss mich, ich bin der Froschkönig.“ sagt er und sein Gesicht beginnt tatsächlich dem eines Frosches zu ähneln. Therese weicht angewidert zurück, doch das Boot ist zu klein, um dem Priem-Froschwesen auszuweichen und so versetzt sie ihm einen herzhaften Tritt vor die Brust. Der Teamleiter strauchelt und fällt mit einem lauten Platschen in den See. „Das hast du jetzt davon!“ schreit Therese wütend, resolut schnappt sie sich die Ruder und steuert das Boot zurück ans Ufer. Am steinigen Strand springt sie atemlos an Land und ist froh, das eigenartige Wasser hinter sich zu lassen. Therese fühlt sich unwohl. An diesem papierenen See, an diesem steinernen Strand, in ihrer schutzlosen Haut. Sie hat das ungewohnte Gefühl, in einem Alptraum festzustecken und versucht krampfhaft aufzuwachen, aber es gelingt ihr nicht und so bleibt sie hilflos und frustriert am Ufer des stillen Papiersees zurück. „Hallo, meine Schöne.“ Ein gutaussehender Fremder platzt mitten in Thereses wachsendes Unbehagen, sein umwerfendes Lächeln vermag nichts an ihrer verärgerten Gefühlslage zu ändern. „Wer sind Sie?“ fragt Therese barsch. „Wie bitte?“ fragt der Schönling irritiert zurück. „Wer Sie sind, habe ich gefragt.“ Therese stemmt die Arme in die Hüften und stampft zornig mit dem Fuß auf. „Ich bin dein Traummann?“ antwortet der Fremde, doch es klingt mehr nach einer Frage, als nach einer tatsächlichen Antwort. „Auf gar keinen Fall.“ zischt Therese aggressiv. „Ich kenne Sie ja noch nicht einmal!“„Das reicht jetzt. Ich kündige.“ raunzt der Fremde beleidigt, er zieht einen Schmollmund, dreht sich affektiert um und löst sich in Luft auf. „Was?“ fragt Therese verwirrt und erwacht schweißgebadet. Therese M. liegt mit weit aufgerissenen Augen in ihrem Bett und versucht zu verarbeiten, was sie gerade eben geträumt hat. Die Erinnerung an das Geschehene ist nicht ganz zu erfassen, immer wieder tauchen neue Fetzen aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins auf, die sie verwirren und entsetzen. „Ein tanzendes Steak?“ fragt sie laut in der Stille ihres Schlafzimmers, der Klang ihrer eigenen Stimme wirkt befremdlich in ihren Ohren. Ein dringendes Bedürfnis treibt sie schließlich aus dem Bett, auf dem Weg zur Toilette fällt Therese das Bild ihrer ausfallenden Zähe wieder ein. „Dentafit.“ murmelt sie verstört und „Ich muss verrückt geworden sein.“ Beim Händewaschen bricht Therese in Tränen aus.

„Was, zur Hölle, ist da gerade passiert?“ Jean-Patrick Gruber trampelt mit hochrotem Kopf in die Kulisse des steinernen Strandes und brüllt wie ein verletzter Stier. Niemand antwortet auf sein Gebrüll, die Schauspieler und Techniker die sich noch im Studio aufhalten, drücken sich hastig in dunkle Ecken und tun so, als würde sie der Wutanfall des Regisseurs nicht betreffen. „Ihr scheiß dämlichen Idioten!“ grölt Gruber aus vollem Hals. „Ihr seid alle entlassen! Hört ihr das? ALLE!“ Plötzlich fasst er mit schmerzverzerrtem Gesicht an seine gewaltige Brust und lehnt sich gegen einen Felsen aus Styropor. „Ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt.“ sagt Gruber in überraschend ruhigem Ton, dann geht er langsam in die Knie. Es dauert einige Minuten, bis ein beherzter Tontechniker den Krankenwagen ruft.

© sybille lengauer

Wut

Veröffentlicht: Oktober 3, 2017 in Gedichte, Politisches
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Da ist Wut – Wut in meinem Herzen.
Weil es immer noch dasselbe ist.
Nach all der langen Zeit.
Status zählt.
Und was man wählt.
Bestimmt die Angst – bestimmt das Denken.
Und der Schein regiert.

Da ist Wut – Wut in meinem Hirn.
Weil wir immer noch dieselben sind.
Nach all der langen Zeit.
Geld regiert.
Und wer verliert.
Bestimmt die Angst – bestimmt das Denken.
Und die Unvernunft regiert.

Da ist Wut – Wut in meiner Seele.
Weil der Rückschritt immer größer scheint.
Nach all der langen Zeit.
Gier pervertiert.
Und wer resigniert.
Bestimmt die Angst – bestimmt das Denken.
Und der Hass regiert.

© sybille lengauer