Mit ‘Genmanipulation beim Menschen’ getaggte Beiträge

Die Valentinskarte
(Das große Seufzen)

„Das ist ein klarer Fall von Stalking, Luise!“
„Ach, Liebling.“
„Hör mir auf mit deinem ‚Ach, Liebling‘. Er war vor unserer Haustür! Verstehst du nicht, was das bedeutet?“
„Es bedeutet gar nichts. Er ist erst acht, Liebling.“
„Er ist ein verdammter Labormutant, es interessiert mich nicht, wie alt er ist.“
„Frederick!“
„Ach, wenn es doch wahr ist.“
Missmutig lässt Fred ein rosarotes Kuvert auf den Wohnzimmertisch fallen. Eine bunt glitzernde Karte rutscht ein kleines Stück heraus, zornig versetzt er ihr einen Stoß mit dem Zeigefinger. Unter dem tadelnden Blick seiner Ehefrau sinkt er in seinen Lieblingssessel, die Hitze der Auseinandersetzung lässt ihn kurzatmig schnaufen. Fred wiegt ein paar Kilo zuviel, doch es mangelt ihm an jener vielgerühmten Gutmütigkeit, die man gemeinhin rundlichen, rotbackigen Weihnachtsmann-Gestalten wie der seinen unterstellen mag. Frederick Siebert ist unter den geröteten Wangen und dem wallenden Rauschebart ein miesepetriger Geselle. „Ich wünsche nicht, dass er sich vor unserem Haus herumtreibt.“ knurrt er gereizt und verschränkt demonstrativ die massigen Arme vor der Brust. „Das kannst du ihm nicht verbieten, Liebling.“ sagt Luise und es klingt wie ein langes Seufzen. Auch wenn sich unter ihrer mausgrauen Erscheinung ein weiches Herz verbirgt, Luises Wortschatz ist schnell erschöpft. „Und wie ich das kann. Du wirst schon sehen.“ schnaubt Fred, dann wendet er sich beleidigt dem Fernseher zu.
„Ach, Liebling.“ seufzt Luise Siebert.

*

„Karsten, kommst du bitte mal her?“
„Gleich, Mama!“
„Sofort, Karsten!“
„Ja-ha, Mama.“
In einer typisch deutschen Einbauküche, die in ihrer monotonen Einfallslosigkeit jedem beliebigen Billigkatalog entsprungen sein könnte, wartet Karstens Mutter am überladenen Küchentisch. Ärgerlich beobachtet sie einige Fruchtfliegen, die in chaotischen Bahnen über runzligen Äpfeln im Obstkorb kreisen. Da ein herbeizitierendes „Sofort“ von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich aufgefasst werden kann, wartet Rita Schwalmbach fast zwei Minuten, bis Karstens dunkler Wuschelkopf endlich in der Küchentür erscheint. „Was’nlos, Mama?“ fragt der Junge mit dem freundlichen Allerweltsgesicht. „Setz dich, Karsten.“ fordert Frau Schwalmbach in bemüht neutralem Tonfall und deutet auf den freien Stuhl neben sich. „Bin ich in Schmierigkeiten, Mama?“ Karsten weiß um die belustigende Wirkung seines Sprachfehlers. Der Junge beobachtet das Gesicht seiner Mutter genau und findet ein Lächeln, das sie nicht unterdrücken kann. Erleichtert setzt er sich zu ihr an den Tisch. „Deine Lehrerin hat angerufen, sie bittet mich zu einem Gespräch in die Schule. Hast du mir etwas zu sagen, Karsten?“ Die Mutter beobachtet das Gesicht ihres Sohnes genau und findet Schuldbewusstsein, das er nicht verbergen kann. Rita Schwalmbach lehnt sich aufmerksam nach vorn. Karsten rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her, sein rundliches Gesicht ist ganz blass geworden. „Keine Ahnung, Mama.“ „Wirklich? Du hast keine Idee?“ fragt seine Mutter mit schmalen Augen. Der Junge schrumpft unter ihrem bohrenden Blick in sich zusammen, bis er vom Stuhl zu rutschen droht. „Setz dich ordentlich hin!“ mahnt Rita Schwalmbach gereizt. Karsten ruckelt sich auf dem Stuhl zurecht, er zieht den Kopf zwischen die Schultern und schweigt mit hochroten Ohren. „Ich erfahre es sowieso morgen Nachmittag.“ setzt ihm die Mutter mit drohendem Tonfall zu. „Also sag es mir lieber jetzt gleich.“ „Ich hab gar nichts gemacht! Wirklich!“ entfährt es Karsten schrill, dann versinkt er wieder in schmollendem Schweigen. Rita Schwalmbach lässt ihren Sohn noch ein wenig unter ihrem strengen Mutterblick schmoren, dann bricht sie verärgert ab. „Wie du meinst. Geh jetzt auf dein Zimmer.“ Karsten lässt sich aufatmend vom Stuhl gleiten und ist schon fast bei der Tür hinaus, als seine Mutter noch einmal das Wort an ihn richtet.
„Und Karsten?“
„Ja, Mama?“
„Medienverbot, bis ich weiß, was du ausgefressen hast.“
„Oh, Mann.“ seufzt Karsten.

*
„Guten Tag, Frau Schwalmbach.“
„Guten Tag, Frau Overberg.“
„Schön, dass Sie es einrichten konnten.“
„Natürlich, worum geht es?“
„Bitte, nehmen Sie Platz.“
Rita Schwalmbach folgt der freundlichen Aufforderung, Karstens Lehrerin deutet auf eine Wasserflasche und zwei Gläser, die auf dem Lehrerpult bereitstehen. „Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“ fragt die junge Frau mit unsicherem Lächeln. „Nein, Danke. Vielen Dank.“ lehnt Rita Schwalmbach ab, sie lässt ihrerseits ein kurzes, nervöses Lächeln aufblitzen und hält sich an ihrer Handtasche fest. „Nun…“ Frau Overberg räuspert sich und sucht nach den passenden Worten. Sie sitzt steif hinter dem Lehrerpult, ihr Blick wandert unruhig zwischen der Wasserflasche und Rita Schwalmbachs fragendem Gesicht hin und her. Es scheint ihr nicht leicht zu fallen, einen Einstieg in das Gespräch zu finden und so schenkt sie sich ein Glas Wasser ein, um noch etwas Zeit zu gewinnen. „Es geht um eine Beschwerde. Die Angelegenheit ist unserer Schule sehr unangenehm, deshalb wollte ich Sie lieber persönlich sprechen…“ stolpert sie in ihrem Anliegen voran. „Was hat Karsten angestellt?“ unterbricht Rita Schwalmbach, die nun ernstlich besorgt ist. „Er hat eine Valentinskarte an seine Turnlehrerin, Frau Siebert, geschrieben.“ sagt Frau Overberg und schlägt die Augen nieder. Rita Schwalmbach schüttelt den Kopf und fährt sich dann verärgert mit der Hand durch die Frisur. „Ja und? Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass ich mir extra Freigenommen habe, nur weil mein Sohn eine Valentinskarte an seine Turnlehrerin geschrieben hat, oder?“ „Frau Siebert ist eine Anhängerin der fundamentalistischen Bewegung. Ihr Mann ist erster Vorsitzender im Verein ‚Natürlich gegen Gene-Splicing‘. Er hat beim Direktor eine schriftliche Beschwerde wegen Stalking und Hausfriedensbruch eingereicht.“ Die Worte der jungen Lehrerin fallen wie schwere Steine auf das unselige Gespräch. Rita Schwalmbach reißt die Augen auf und lehnt sich betroffen in ihrem Stuhl zurück. „Oh.“ sagt sie nur und ihre Stimme klingt merkwürdig hohl. Dann herrscht Stille. „Er kann doch gar nichts dafür.“ murmelt sie schließlich nach einer Minute des Schweigens, mehr zu sich selbst, als zur Lehrerin. Die nickt auch nur verständnisvoll und bleibt weiterhin still. „Es war eine Wahrscheinlichkeit von 80%. Wissen Sie, was das bedeutet? Er Schwerbehindert und ich Alleinerziehend? Er ist doch genauso ein Mensch wie alle anderen!“ Rita Schwalmbach bricht ab, sie ist den Tränen nahe. „Es tut mir leid.“ flüstert Karstens Lehrerin, doch seine Mutter schnaubt nur abwehrend, sie blinzelt die aufsteigenden Tränen weg und erhebt sich schroff. Unter ihrem eisigen Blick versinkt die junge Lehrerin beschämt hinter dem Pult. „Ich werde mit Karsten sprechen.“ sagt Rita Schwalmbach und ihre Stimme klingt hart wie Stein. „Danke, Frau Schwalmbach.“ seufzt Frau Overberg.

© sybille lengauer