Mit ‘Gottesfurcht’ getaggte Beiträge

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam…

Am Tag, als Gott zurück auf die Erde kam, befand ich mich wie gewöhnlich auf dem Weg zur Auskunftei, ich hatte soeben ein Trinkpäckchen Kakao und ein Buttercroissant beim Bäcker erworben und war nun schnellen Schrittes unterwegs zum Büro, im flotten Zickzack durch die überfüllte Fußgängerzone, da begann plötzlich ein merkwürdiges Flüstern, ein Murmeln und Rauschen wie von gurgelndem Wasser, das sich von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe fortpflanzte und dabei anschwoll zu einer regelrechten Flut, die sich auftürmte und überschäumte und meine Aufmerksamkeit mit sich riss. Wilde Gerüchte brandeten an mein Ohr, sprachen von einer schrecklichen Naturkatastrophe, einem fürchterlichen Terroranschlag, einem missglückten Militärexperiment, sprachen von diesem und jenem, niemand schien etwas konkretes zu wissen, alles bestand aus Hörensagen und Vermutungen und nur eines schien von Gewissheit: etwas schlimmes war geschehen. Ich versuchte auf eigene Faust zu ergründen was vorgefallen war und gesellte mich zu einer immer größer werdenden Menschenmenge, die sich um das Schaufenster eines Elektrohandels drängte, der Fernseher in allen möglichen Größen und Formen verkaufte und ein ganzes Dutzend davon zu Demonstrationszwecken in seiner Auslage aufgestapelt und eingeschaltet hatte und so konnte ich, eingeklemmt zwischen die schwitzenden Leiber der anderen Schaulustigen, einen ersten Blick auf das Rote Auge Gottes erhaschen, das bedrohlich pulsierend über einem anonymen Häusermeer schwebte und die ganze Welt in Aufruhr versetzte. Die Filmaufnahmen entsprangen ganz offensichtlich ungeübten Laienhänden; Passanten, die gerade zufällig zugegen waren und das Schauspiel für die Nachwelt aufzeichneten, die Videos waren allesamt verwackelt und verschwommen, ich wußte nicht zu sagen aus welcher Stadt, nicht einmal aus welchem Land sie stammten und vermutete vorschnell, dass es sich um die USA handeln müsse, immerhin geschah in den Actionfilmen alles von Belang dort drüben, es kam mir also ganz logisch vor, dass dem auch in der Realität so sein müsse. Dann erkannte ich plötzlich den Kölner Dom und ein kalter Schauer jagte über meinen Rücken, der Schrecken war viel näher als erwartet, und auch wenn ich nicht wusste, um welchen Schrecken es sich bei diesem roten Ding im Himmel überhaupt handelte, gewann er durch die unerwartete Nähe an Intensität. Später an diesem Tag erfuhr ich, dass das Rote Auge Gottes über zahllosen Großstädten auf der ganzen Welt erschienen war, es handelte sich um puren Zufall, dass ich es ausgerechnet über Köln zum ersten Mal erblickte, doch an diesem spätsommerlichen Vormittag wusste ich das natürlich noch nicht, genausowenig, wie ich wusste, dass es sich bei diesem gewaltigen Objekt um unseren Herrn und Schöpfer handelte, der auf die Erde zurückgekehrt war, um sich an uns zu laben. Ich hätte wahrscheinlich lauthals aufgelacht, wenn mir jemand erzählt hätte, was ich soeben, mit an Beiläufigkeit grenzender Leichtigkeit, auf dieses Blatt Papier geschrieben habe: unser Herr und Schöpfer – dazu wollte mir damals nichts weiter einfallen als ein gelangweiltes Schulterzucken, ich war in etwa so religiös wie ein Türknauf. Das änderte sich natürlich, als Gottes Plagen über uns hereinbrachen, doch damit springe ich bereits zu weit in meiner Erzählung nach vorn, denn vor den Plagen kamen die Träume und die waren schlimm genug. An besagtem Tag Eins ahnte ich allerdings weder von Plagen noch Träumen, ich verstand nur, dass etwas im Himmel aufgetaucht war, das man mit Fug und Recht als Unbekanntes Flugobjekt bezeichnen konnte und in meine gruppendynamisch aufgeladene Beunruhigung mischte sich eine durchaus große Portion naiver Neugierde, ich brannte förmlich darauf zu erfahren, um was es sich bei diesem rätselhaften Ding handelte. Als ich mich schließlich von den Bildschirmen in der Auslage löste, um arg verspätet ins Büro zu eilen, begannen sich die Straßen bereits merklich zu leeren, die Leute strömten in Scharen nach Hause, um in der Sicherheit ihrer eigenen vier Wände das mysteriöse Geschehen weiter zu verfolgen; ich überlegte spontan, es ihnen gleich zu tun und die schnöde Arbeit ausfallen zu lassen, doch zu diesem Zeitpunkt waren meine Beine den gewohnten Weg bereits zu Ende gelaufen und hatten mich zuverlässig vor den Eingang des verschachtelten Bürokomplexes getragen, während meine Gedanken anderweitig beschäftigt waren; also folgte ich ihrem Beispiel und betrat fügsam das Gebäude. Der anschließende Arbeitstag verging einerseits turbulent und doch in höchstem Maße unproduktiv, ständig hingen wir in kleinen Grüppchen vor dem Radio und lauschten gebannt den neuesten Berichten, private Mobiltelefone vibrierten im Minutentakt, weil sich diverse Verwandte, Freunde und Bekannte über die neuesten verfügbaren Informationen austauschen wollten, mein Exmann rief sogar viermal hintereinander an, um mir sein besorgtes Herz auszuschütten; selbst die fleißigsten Vorzeigemitarbeiter waren nicht in der Lage sich auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren, die Sensationsgier lähmte uns alle und ließ uns gleichzeitig zappelig und unruhig werden wie quirlige Kinder in einem Süsswarenladen. Das Ohr am Radio brachte uns allerdings keine sonderliche Erleuchtung, wechselnde Nachrichtensprecher stotterten im Grunde nur immer die gleichen, mit der Zeit langweilig werdenden Sätze von unerklärlichen Phänomenen, die sich offenbar weltweit zur gleichen Zeit ereigneten und jedweder logischen Erklärung spotteten, wobei ich persönlich felsenfest davon überzeugt war, dass es sich bei den fremdartigen Objekten um hochtechnisierte Raumschiffe handeln musste, Fortbewegungsmittel einer fremden Intelligenz, die über die unvorstellbar gigantische Entfernung des Weltraums den ersten Kontakt zu uns hergestellt hatte. Beim Gedanken an die unfassbare Ausdehnung des Universums erschauderte ich jedes Mal unwillkürlich und so etwas wie Ehrfurcht vor dem großen Können jener mysteriösen Fremden schlich sich in mein ahnungsloses Herz, das sich damals noch vor kindlicher Neugier förmlich überschlug. Heute weiß ich, dass Gott nicht den Tiefen des Alls entstammt, sondern einer benachbarten Dimension, die nur ein Wimpernschlag von unserer Heimatwelt trennt – und die für uns Sterbliche trotzdem unerreichbar weit entfernt ist, weil wir dort nicht existieren können; Gott ist auch nicht an unsere schnöden physikalischen Gesetze gebunden, die enormen Weiten des Weltraums bereiten ihm kein Kopfzerbrechen, denn Gott ist wahrlich allmächtig – zumindest in unserer Realitätsebene. Manchmal frage ich mich, ob es an jenem Ort, von dem er zu uns zurückgekehrt ist, noch weitere Wesen gibt, die so andersartig sind wie er, vielleicht ist er dort drüben nur einer von vielen und gar nichts besonderes – aber dieser Gedanke ist im Grunde obsolet, denn auf solche Fragen werde ich nie eine vernünftige Antwort erhalten. Wie dem auch sei, an jenem ersten Tag von Gottes Rückkehr war ich jedenfalls absolut davon überzeugt, dass wir, im Sinne von Menschheit, von Aliens aus dem All besucht worden waren und dass nun, aufgrund ihrer überlegenen Weisheit und intellektuellen Reife, ein neues, besseres Zeitalter anbrechen würde. Armut, Gebrechlichkeit, Schmerz, all diese unliebsamen Lasten würden sie von unseren Schultern nehmen und uns in den erlauchten Kreis der Weltraumreisenden erheben – so zumindest malte ich es mir freudig aus und auch wenn sich bisweilen der Hauch des Zweifels in meine, zugegeben recht utopische, Phantasie mischte, hielt ich doch den ganzen Tag weiter an ihr fest und verteidigte sie erbittert gegen meine pessimistischeren Kollegen, die schon begannen vom Untergang der Welt zu unken; erst als Nachts die Alpträume zum ersten Mal über mich hereinfielen und mich schweißgebadet aus dem Bett trieben, begann ich langsam die bittere Wahrheit zu begreifen. Schrecklich waren sie, diese Träume, schwindelerregend und erdrückend zugleich, das Rote Auge Gottes verfolgte mich unaufhörlich und blickte gnadenlos in meine Seele, um dort mit chirurgischer Präzision all die kleinen und größeren Verfehlungen zu inspizieren, die ich lieber weiterhin verborgen gehalten hätte. Ich versuchte mich gegen seinen brennenden Blick zu wehren, doch war ich hilflos der Übermacht ausgeliefert und als ich endlich schweißüberströmt aus dem Schlaf schreckte, war meine kindlich-naive Freude über den vermeintlich außerirdischen Besuch restlos verpufft. Sieben Nächte lang quälten uns diese Träume, egal ob Jung oder Alt, Reich oder Arm, Religiös oder Ungläubig, ein jeder musste es ertragen, im Schlaf von Gottes brennendem Blick seziert zu werden. Tagsüber versuchten wir alle einen Alltag aufrecht zu erhalten, der sich seit der Ankunft Gottes nur noch wie überflüssiger, völlig nutzloser Zeitvertreib anfühlte, wir schleppten uns zur Arbeit, erledigten die anfallenden Aufgaben, gingen anschließend nach Hause, aßen, tranken und versuchten so wenig wie möglich zu schlafen. Die unbequeme Frage, was denn nun genau passieren würde, wenn Gott genug in unsere Seelen geschaut hatte, um ein Urteil zu fällen, wurde immer wieder unter vorgehaltener Hand diskutiert, doch niemand wusste eine befriedigende Antwort, alles war pure, angstdurchsetzte Spekulation. Würde Gott uns bestrafen? Würde er eine neue Sintflut schicken, um die vielen Sünder von den wenigen Rechtschaffenen zu trennen? Zwei Arbeitskollegen reagierten schnell und investierten in hochseetaugliche Boote – ich sah darin keinen Sinn, denn ich ging davon aus, dass sich Gott, wenn er uns Sünder denn ersäufen wollte, nicht von irgendwelchen Booten aufhalten lassen würde. Es fiel mir erschreckend schwer, nicht in passiven Fatalismus zu verfallen, es war verführerisch einfach, die Hände in den Schoß zu legen und auf das vernichtende Gottesurteil zu warten, auch wenn mich die erwiesene Existenz Gottes in schreckliche Panikzustände trieb, denn ich hatte seit der Kindheit aufgehört zu glauben und selbst jetzt, wo ich jederzeit sein brennendes Auge über unseren Köpfen sehen konnte, wollte mein Verstand immer noch nach Ausreden suchen, warum dies unmöglich Gott sein konnte. Ich wollte es nicht wahrhaben, ich wollte es nicht glauben – wollte überhaupt nicht glauben – und war doch gezwungen, die physische Realität seiner Existenz anzuerkennen, schließlich sah ich ihn jeden Tag im Himmel und nachts in meinen Träumen, wieder und immer wieder, bis ich meinte verrückt zu werden. Sieben Nächte mussten wir alle Gottes stummen, unnachgiebigen Blick ertragen, in der achten Nacht sprach er schließlich zu uns, seine Stimme klang in meinen Gedanken mächtig wie ein Donnerschlag und ich schrie mein Entsetzen so laut heraus, dass ich schlagartig erwachte, doch seine Worte hallten überdeutlich in meinem Kopf wider und machten mich zittern, denn Gott hatte tief in meine Seele geschaut und was er dort gefunden hatte, erzürnte ihn; ich war schuldig, doch nicht nur ich, allesamt waren wir besudelt, es mangelte uns am rechten Glauben und das missfiel Gott zutiefst. Also schickte er uns die Plagen, um unseren Glauben zu stärken, er ließ Heuschrecken und Kröten auf die Erde herabregnen, schickte Erdbeben und grauenvolle Feuersbrünste, die sich durch die Städte und Landschaften fraßen, wie durch dünnes Papier, doch die schlimmste Strafe von allen – er nahm uns unsere ungeborenen Kinder. Ich wusste bis zu jenem Zeitpunkt nicht, dass ich im dritten Monat schwanger war, ich ahnte es noch nicht einmal, denn ich hatte zwei Jahren zuvor eine Hormonspirale einlegen lassen und kümmerte mich seither nicht um die oftmals ausbleibende Monatsblutung, immerhin war das eine ganz normale Reaktion des Körpers und außerdem war mein Sexualleben derart heruntergefahren, dass ich gar nicht an die Möglichkeit dachte, schwanger zu sein. Mein Entsetzen war daher unbeschreiblich, als ich eines Morgens in einer kleinen Blutlache erwachte und ganz ohne weitere Erklärung wusste, dass Gott mein ungeborenes Kind genommen hatte, es getötet hatte, noch bevor ich überhaupt wusste, dass es in mir keimte, noch bevor ich auch nur einen liebevollen Gedanken an das kleine Fünkchen Leben richten konnte, war es schon wieder verloschen. Gott nahm unsere ungeborenen Kinder, egal, wie weit sie entwickelt waren, hochschwangere Frauen erwachten im eigenen Blut und tasteten entsetzt nach den Babys in ihren Bäuchen, die sich nicht mehr regten, sondern still und tot im Fruchtwasser trieben und genau wie ich, wussten auch sie ohne weitere Erklärung, wer für diesen unbeschreiblichen Verlust verantwortlich war, der unsere Herzen bitter machte und unser Lachen stahl. In hilfloser Wut wandten sich viele von uns gegen Gott, verfluchten ihn und seine herzlose Tat, schrieen und drohten zum Himmel hinauf, doch es nützte uns nichts zu klagen und zu toben, denn Gott scherte sich nicht um unseren Zorn, er strafte uns nur weiter, schickte Wirbelstürme und Springfluten und tötete Menschen, wie es ihm gefiel und es gab nichts, was wir dagegen unternehmen konnten. Damals häuften sich die Selbstmorde, brave Bürger gingen morgens wie gewohnt zur Arbeit und stürzten sich mittags aus den Bürofenstern auf die Straße, manche stiegen auch klammheimlich in ihre Autos und fuhren gegen Brückenpfeiler oder stürzten sich in tiefe Schluchten, andere wieder tranken Unkrautvernichtungsmittel oder schlitzten sich die Pulsadern auf. Eine regelrechte Todeswelle schwappte über die Erde hinweg, zigtausende starben, entweder wegen der Plagen oder durch eigene Hand, wobei sich Gott weder um die einen, noch um die anderen kümmerte, unser Sterben war und ist ihm einerlei, ihn interessieren nur unsere unsterblichen Seelen, er ergötzt sich förmlich an unserem Entsetzen, straft und schikaniert uns, wie es ihm gefällt, bis unsere Herzen überquellen vor Angst und unsere Seelen geläutert und voller Glaube sind, denn davon ernährt er sich, ja, er ernährt sich von unserem Glauben! Gott schlürft unsere Gottesfurcht wie frische Austern aus dem Meer und frisst sich satt an unseren Ängsten; wie ein garstiges Raubtier steht er über uns im Himmel, rot und pulsierend wie eine zweite Sonne und das einzige, was uns bleibt, ist zu warten und zu hoffen, dass er eines Tages genug gefressen hat und zurückkehrt in seine eigene Dimension…

© sybille lengauer