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Weißer Auftrag

Veröffentlicht: März 21, 2019 in Kurzgeschichten
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„Steh schon auf, da ist ein Notfall im Serverraum.“ Erschrocken fährt Eshet von der Koje hoch. Blickt mit verquollenen Augen in das mürrische Gesicht ihrer Gefährtin. „Ich habe verschlafen, Sonra.“ Sie unterdrückt ein Gähnen. „Ist mir gar nicht aufgefallen.“ versetzt Sonra schmallippig. „Wie spät ist es?“ „Frag dein Chron.“ Eshet sieht automatisch auf ihr schmales Handgelenk. „Wo ist er hin?“ Sonra schnaubt nur abfällig, dreht sich um und verlässt wortlos den karg eingerichteten Raum. Stimmen gischten in das Schlafquartier, als sich die automatische Tür öffnet. „Warte!“ ruft Eshet hinter ihr her, aber da schließt sich die Tür schon wieder. Schneidet die Gespräche ab, die eben noch den Raum fluteten. „Ach, verdammt.“ Eilig rafft sie ein paar Kleidungsstücke vom Boden zusammen. Schnüffelt an einem Oberteil. „Geht noch.“
Irgendwo in den Tiefen der Koje findet sich der Chron, ist auf ‚Lautlos‘ eingestellt. Eshet legt ihn fluchend an. Eine halbe Minute später sind die Haare frisiert, die Zähne geputzt und der Rest des Körpers kommt schon irgendwie hinterher. Im hinausgehen verschließt Eshet sorgfältig die Tür zum Schlafquartier, nickt dabei beiläufig der alten Dame zu, die den Teestand neben ihrem Eingang betreibt. Dann taucht sie ein in die Masse aus Frauenleibern, die sich durch den enormen, hell erleuchteten Gang schiebt. Grüßt ein paar bekannte Gesichter in der Menge. Geht ein paar anderen aus dem Weg. Als sie die Ruhesektion verlässt und auf den Hauptring abbiegt, schwillt der Menschenstrom noch einmal beachtlich an. Unzählige Imbissbuden und kleine Geschäftsstände verstopfen die ohnehin schon schmalen Wege. Die vielen Geräusche des Alltags, vor allem aber die Rufe und Gespräche der Frauen, klingen lautstark durch das riesige Gewölbe. Stimmen zanken sich, lachen miteinander. Verschmelzen zu einer Kakophonie, die von der hohen Decke widerhallt. Eshet reibt sich die Schläfen, schüttelt einen Anflug von Kopfschmerzen ab. Versucht energisch, sich durch den zäh fließenden Strom zu schieben, um ein Shuttle zu erreichen, das gerade an der Station einfährt. Kann ihm nur resigniert hinterher blicken, als es wieder abfährt. Es ist kein Durchkommen. Eshet zwängt sich Schritt für Schritt weiter durch das Gedränge. Boxt mit den Ellenbogen, entschuldigt sich, wird ihrerseits geboxt. Als sie die Station endlich erreicht, fährt ein neues Shuttle ein. Frauen quellen heraus, Frauen drängen hinein. Eshet ist irgendwo dazwischen. Strengt sich an, nicht im Meer der Menschen unterzugehen. Quetscht sich irgendwie hinein. Zwei kurze Stationen später kämpft sie sich wieder heraus, drängelt zwischen den anderen Fahrgästen hindurch. Atmet erleichtert auf, als sie draußen ist. Bereut es sofort, da ein widerwärtiger Gestank augenblicklich ihre Lungen ausfüllt. „Was zu Teufel?“ angeekelt schlägt sie sich die Hände vor Nase und Mund. „Die Kloake.“ brummt eine ältere Frau, die einen grellbunten Mundschutz trägt. „Schon wieder ein Rohrbruch?“ fragt Eshet, ihre dunklen Augen tränen. „Keine Ahnung.“ Die Frau zuckt desinteressiert mit den Achseln, verschwindet in der anonymen Menge. „Ach Kacke.“ Eshet windet sich durch Trauben von Menschen, die ihrerseits zügig dem allgegenwärtigen Gestank entkommen wollen. Jeder versucht, so wenig wie möglich zu atmen. Der Geruch wird allerdings nicht besser, sondern manifestiert sich geradezu, als Eshet schließlich in die ruhigere Maschinensektion einbiegt. „Ach Kacke.“ wiederholt sie nur, während ihre Füße automatisch vor der Tür zum Serverraum stoppen.

„Wo warst du so lange?“ schreit Ferra wütend, kaum dass Eshet den ovalen Raum betreten hat. Die zieht nur den Kopf ein, stellt sich innerlich tot. Blinzelt durch tränende Augen den Boden an. „Seit über einer Stunde stecken wir hier in der Scheiße. Sprichwörtlich! Und wer ist nicht da? Du!“ „Es tut mir leid, Ma Ferra.“ „Es tut mir leid, es tut mir leid.“ äfft Ferra sie nach. Die groß gewachsene Frau durchquert mit energischen Schritten den stinkenden Serverraum. Baut sich drohend vor Eshet auf, die daraufhin einen kleinen Schritt zurückweicht. „Das hat Konsequenzen, hast du verstanden? Geh jetzt zu Vater, er will dich sprechen.“ Eshet nickt ergeben, sieht ihrer Vorgesetzten nicht in die Augen. Ohne etwas zu erwidern, geht sie geduckt an ihr vorbei und betritt den hölzernen Beichtstuhl, der den Serverraum mit dem Saal des Vaters verbindet. Sanftes Licht umfängt sie, als sie sich verkrampft in den Verschlag setzt und andächtig auf den verzierten Bildschirm starrt. „Du hast mich gerufen, Vater?“ fragt Eshet, schlägt dabei das Zeichen der Demut auf ihrer Brust. Verdrängt die Angst aus ihren Gedanken. „Du hast geantwortet, Eshet.“ dringt die Stimme des Vaters sanft aus den Lautsprechern in der Wand. Auf dem Bildschirm erscheint sein Gesicht. Lächelt gütig. Die junge Frau fühlt eine Woge der Erleichterung über sich hereinbrechen. Sie vergisst den unerträglichen Gestank, vergisst die Sorgen. „Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“ „Ist gut, mein Kind. Ich weiß, dass du meine treue Dienerin bist. Willst du mir deinen Leib anvertrauen?“ fragt das lächelnde Gesicht. Eshet nickt nur stumm in den Bildschirm und wartet, dass die Stimme fortfährt. „Ich habe einen weißen Auftrag für dich. Wirst du mir helfen, Eshet?“ „Natürlich, Vater!“ schießt es sofort aus ihr heraus. Das Gesicht auf dem Bildschirm lächelt wohlwollend. „Bitte merke dir, was ich nun sage. Du wirst dich heute zur Besinnungsstunde auf die Wartungsebene von Abwassertank 4A begeben. Du wirst im siebten Segment des Tanks zwei Fremdkörper finden. Beseitige die Fremdkörper und starte den Tank neu.“ „Wie?“ fragt Eshet, bevor sie es verhindern kann. „Nimm einen Brennschneider.“ Die Stimme des Vaters klingt ungehalten. Sein Gesicht hört auf zu lächeln. Sofort schlägt Eshet das Zeichen der Demut. Verbeugt sich tief vor dem Bildschirm. „Bitte vergib meine törichte Frage, Vater.“ Das Gesicht des alten Mannes lächelt wieder milde. „Geh nun, Eshet. Sprich mit niemandem. Schicke Ferra zu mir. Mein Friede sei mit dir.“ „Friede sei mit uns allen.“ antwortet sie automatisch.
Vor dem Beichtstuhl empfangen Eshet die eisigen Blicke ihrer Vorgesetzten. Ferra hat tatsächlich auf ihre Rückkehr gewartet, steht mit verschränkten Armen wütend da und starrt. Eshet sieht steif an dem zornigen Gesicht vorbei, fixiert einen Punkt im Nirgendwo. Atmet flach gegen den beißenden Gestank an. „Vater wünscht dich zu sprechen, Ma Ferra.“ sagt sie zu dem Punkt im Nirgendwo. Ferra verzieht die Lippen zu einem stummen Fluch. Stürmt an ihr vorbei zum Beichtstuhl. Kurz bevor sie eintritt, dreht sie sich noch einmal um. „Du wartest hier oder ich werfe dich aus der nächsten Luftschleuse, hast du mich verstanden?“ „Verstanden, Ma.“ antwortet Eshet und steht mit hängenden Armen da. Lässt den Blick erst unsicher über den Beichtstuhl, dann über ihre betriebsamen Kolleginnen schweifen. Alle sind viel zu beschäftigt, um von ihr Notiz zu nehmen. Aus einem klaffenden Loch in der rückwärtigen Wand quellen Fäkalien, provisorisch werden sie mit Pumpschläuchen abgesaugt. Die Schläuche winden sich durch den halben Serverraum und verschwinden schließlich in einer Bodenöffnung. Um das Loch herum sind die Instrumententafeln zentimeterdick bespritzt, selbst an der Decke klebt es. Eshet kommt zu dem Schluss, dass ein Rohr hinter der Wand mit großem Druck explodiert sein muss. Besorgt zieht sie die Nase kraus. Der Gestank ist bestialisch, die Stimmung erbärmlich. Eine Schar Reinigungsbots gibt ihr Bestes, um die Bescherung unter Kontrolle zu bringen. Eshet tritt verlegen von einem Bein auf das andere. Schrumpft immer weiter in sich zusammen, während die Minuten verstreichen. Fühlt sich beobachtet, obwohl niemand sie ansieht. Als sich schließlich die Tür des Beichtstuhls öffnet, stürmt Ferra direkt auf sie zu, ihre Wangen glühen rot. „Du…“ zischt sie, die Augen sprühen Funken. Eshet sagt lieber nichts. „Geh auf deinen Posten.“ knirscht Ferra, spuckt die Worte aus, als müsse sie daran ersticken. „Jawohl, Ma.“ flüstert Eshet, macht auf dem Absatz kehrt und läuft zu ihrer Konsole. Weiß gar nicht, wie sie mit den Aufgaben beginnen soll. Starrt benommen auf die Anzeigen. Aus dem Augenwinkel kann sie sehen, wie Ferra wütend einen Reinigungsbot reaktiviert, der sich spontan abgeschaltet hat. Sie hantiert dabei grob, lässt ihren Zorn an der teilnahmslosen Maschine aus. Irgendwann ist sie fertig und stürmt schnaubend aus dem stinkenden Raum. Eshet schluckt trocken, versucht sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Ihr Gedanken schweifen ab, machen sich auf den Weg zu Abwassertank 4A und den geheimnisvollen Körpern, von denen Vater gesprochen hat. Springen von dort zu Ma Ferras wütendem Gesicht, dann zu der Flamme eines Brennschneiders, die durch eine gähnende Dunkelheit leuchtet. Eshet schafft es nicht, sich auf die Konsole zu fokussieren. Mit zusammengebissenen Zähnen steht sie da und tut so, als würde sie angestrengt arbeiten. Hangelt sich krampfhaft durch die langen Stunden. Zum Glück achtet niemand auf sie, jeder hat mit sich und dem abscheulichen Loch in der Wand zu kämpfen.

Nach einem Spießrutenlauf zurück ins Schlafquartier und einer ausgiebigen Schalldusche, legt Eshet behutsam das weiße Stirnband an, das ihre heilige Mission für alle kenntlich macht. Solange sie das Stirnband trägt, wird niemand sie ansprechen. Alle Türen stehen ihr offen. Der Vater begleitet sie buchstäblich auf ihrem Weg, nur eine Priesterin wäre befugt, sie aufzuhalten. Deshalb hat der Vater sie zur Besinnungsstunde auf die Mission geschickt. Weil dann die Priesterinnen die heilige Messe lesen. Eshet verscheucht diesen lästigen Gedanken, überprüft die Teile des Brennschneiders, packt sie sorgfältig in ihren Rucksack. Dann verlässt sie das Quartier mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Die sonst so belebte Sektion ist ungewohnt leer. Das grelle Licht an der hohen Decke wirft scharfkantige Schatten, die Abwesenheit des Lärms lässt ihre Schritte unnatürlich laut hallen. Normalerweise ist Eshet um diese Stunde mit all den anderen Frauen in einer der unzähligen Kirchen, lauscht andachtsvoll den Worten des Vaters, dessen Antlitz zu diesem Zweck auf eine riesige Leinwand übertragen wird. Nun schleicht sie durch die menschenleere Ruhesektion, biegt auf den Hauptring ab und begibt sich zielstrebig zur Haltestelle. Erinnert sich erst dort, dass zur Besinnungsstunde keine Shuttle fahren. Schimpft leise über ihre Dummheit und macht sich dann zu Fuß auf den langen Weg zu den Abwasseranlagen.
Es ist unheimlich still im Hauptring. Die kleinen Verkaufsstände stehen verschlossen, die schäbigen Bretterbuden sind verrammelt, nirgendwo ist ein Mensch zu sehen. In manchen Seitengängen erklingt Musik, sickert aus halb geöffneten Kirchentüren. Eshet kennt jedes Lied, summt manchmal ein wenig mit, während sie zielstrebig den Ring hinunterläuft. Als sie schließlich die Abwasseranlagen erreicht, ist die Besinnungsstunde fast vorüber. Atemlos öffnet sie den Einstieg zu den Wartungsgängen in Tank 4A, klettert hinein und verschließt die Luke von Innen. Verharrt dann einige Herzschläge lang auf ihrer Position. Erschrickt bei jedem Geräusch. Eshet muss einsehen, dass das Warten sie nur noch nervöser macht. Also bricht sie auf, folgt den farbigen Markierungen auf dem Boden. Geht die schmalen Gänge zögerlich entlang. Fürchtet sich vor dem, was sie erwartet. Durch kleine Sichtfenster kann sie in die trockengelegten Segmente des Tanks sehen, die durch riesige Schleusentore voneinander getrennt sind. Jedes Mal, wenn sie auf der Wartungsebene ein Tor passiert, zeigt ihre Phantasie ungewollt Bilder von aufgedunsenen Leichen, die blau und schwarz angelaufen übereinander liegen. Eshet verzieht gequält das Gesicht, folgt lieber konzentriert den Leitlinien auf dem Boden. Verscheucht die unerwünschten Gedanken, so gut es geht. Bis sie plötzlich angekommen ist und angespannt vor der Einstiegsluke zum siebten Tanksegment steht. Mit brüchiger Stimme beginnt Eshet, das dritte Hohelied des Vaters zu singen. „Durch die unendliche Leere reisen wir, Deinen Segen auf unseren Schwingen, Eine neue Heimat suchen wir, deine Liebe auch dort… auch dorthin…“ Eshet verliert den Faden, fängt neu an, bricht wieder ab. Dann öffnet sie mit einem kleinen Schrei die Luke, klettert, laut und schief singend, die Leiter hinunter in den Tank, hält dabei die Augen fest auf die Sprossen gerichtet.
„Wie kann das sein?“ fragt das Echo erschrocken von den kahlen Wänden zurück, als Eshet schließlich die beiden Körper erblickt, die dort auf dem krustigen Boden liegen. Innig verschlungene Leiber. Erstarrt in einem fürchterlichen Kampf. „Wie kann das sein?“ fragt Eshet zum zweiten Mal, dann rennt sie zu den beiden Leichen, bleibt nur wenige Schritte vor ihnen wie angewurzelt stehen. Ihr Rucksack fällt achtlos in eine riesigen Lache geronnenen Blutes. Eshet starrt. Der tote Mann hält ein blutiges Messer in einer bleichen Faust, ein zweites Messer steckt bis zum Griff in seinem Brustkorb. Die Leiche der Frau hat das Gesicht zu einem grässlichen Grinsen verzerrt, in ihrer aufgeschlitzten Kehle grinst eine tiefe Wunde genauso beängstigend wie sie. Obwohl es durch das viele Blut an einigen Stellen dunkel geworden ist, erkennt Eshet, dass die Frau ein weißes Stirnband trägt. Doch was sie weit mehr entsetzt als diese Erkenntnis, was sie wirklich aus der Fassung bringt, ist der Mann selbst. Eshet hat noch nie einen gesehen. Kennt nur das milde oder grollende Gesicht des Vaters. Der bärtige Leichnam vor ihr sieht diesem überhaupt nicht ähnlich. „Wie kann das sein?“ fragt sie zum dritten Mal und wieder gibt das Echo keine Antwort. Minuten vergehen, die Zeit gerinnt wie das Blut auf dem Boden. Nichts bewegt sich.
„Wie?“ fragt sie wieder leise und erinnert sich schlagartig an jene ungeduldige Antwort, die Vater ihr im Beichtstuhl gegeben hat. „Nimm einen Brennschneider.“ wiederholt sie seine Worte monoton und schluckt. Dann erbricht ihr Körper schwallartig das Wenige, was sie heute gegessen und getrunken hat.

Die Arbeit fällt schwer. Eshet versichert sich selbst, dass es tatsächlich eine Arbeit ist, ein heiliger Auftrag. Sagt sich, dass sie das Richtige tut, wenn der Vater es so befohlen hat. Trotzdem muss sie immer wieder innehalten und würgen. Der Geruch von verbranntem Fleisch ist widerwärtig. Ätzt sich durch die Nase bis tief ins Gehirn. Ist fast schlimmer als die Bilder, aber die Bilder. Oh, die Bilder. Eshet weint. Arbeitet sich durch den Tränenschleier, arbeitet sich durch den Schock. Zerteilt die toten Leiber in handliche Stücke, damit diese durch die Auffangnetze der Schleusen passen. Zerschneidet Fleisch, Knochen, Innereien. Sieht irgendwann keinen Unterschied mehr. Hat keinen Platz für weitere Bilder. Als sie heftig würgen muss, hält ihr Gehirn lange genug inne, um zu erkennen, dass es genug ist. Benommen taumelt Eshet zurück, zwingt ihren Blick weg von dem Haufen Fleisch. „Friede sei mit uns allen.“ Dann stopft sie unter lautem Schluchzen und Würgen den Brennschneider zurück in den Rucksack und ergreift die Flucht. Der Weg nach oben verfliegt wie im Traum. Eshet beobachtet sich selbst, wie sie die Leiter emporklettert, die Luke passiert, den langen Gang hinunter hastet. Sie folgt ihrem Körper, während dieser den farbigen Leitlinien zum Kontrollraum folgt. Sie sieht apathisch dabei zu, wie sie selbst dort methodisch den Abwassertank neu startet. Ihre Hände betätigen die Schalter, geben die Codes ein, starten die Motoren. Das grollende Brummen, das daraufhin erklingt, dringt nicht bis zu ihr durch. Mechanisch verlässt sie die Anlage. Folgt den Markierungen zur Ausstiegsluke. Weint sich zurück ins Schlafquartier.

„Wie siehst du denn aus?“ Sonra fragt nicht, sie schreit. Sie steht auch nicht auf, sie springt von ihrer Koje, fängt gerade noch die stolpernde Eshet, bevor diese auf dem Boden aufschlägt. Der Respekt vor dem weißen Stirnband ist vergessen. „Bist du verletzt?“ Hastig tastet Sonra ihre Gefährtin ab. „Nein.“ wehrt sich die nur schwach. „Ist nicht von mir.“ „Komm, wir machen dich sauber.“ Sonra führt Eshet in die Schalldusche. Hilft ihr dabei, die blutige Kleidung abzulegen. Stützt, leitet, umfängt. Eshet nimmt die Fürsorge kaum wahr, versichert nur immer wieder, dass es nicht ihr Blut ist. Ihre Zähne klappern dabei laut aufeinander. „Ich weiß, ich weiß.“ beruhigt Sonra. Sie führt die zitternde Eshet zu ihrer Koje, zieht ihr dort ein Schlafhemd über. „Jetzt legst du dich schön hin, ich bringe dir Tee.“ „Bitte geh nicht!“ Zum ersten Mal treffen sich die Blicke der Frauen. „Nein, ich gehe nicht.“ versichert Sonra, der beim Anblick dieser schreckgeweiteten Augen plötzlich sehr kalt geworden ist. „Ich bleibe ganz genau hier.“ sagt sie mit fester Stimme, hilft Eshet dabei, sich hinzulegen. „Danke.“ flüstert die schwach. Dann schaltet ihr überlastetes Gehirn die Lichter aus, sie fällt in einen ohnmächtigen Schockschlaf.
„Steh schon auf, sie brauchen dich im Serverraum.“ Entsetzt fährt Eshet aus der Koje hoch. „Wie spät ist es?“ fragt sie laut, doch es ist niemand da, um zu antworten. Nur ein Traumfetzen hat sie geweckt. Ein Tablett mit Thermogeschirr steht auf einem Klapptischchen neben der Koje. Ein Zettel klemmt zusammengerollt unter dem Besteck. Sonra hat einen Notruf erhalten. Kommt erst in ein paar Stunden zurück. Eshet starrt den entrollten Zettel an, dann das Thermogeschirr. Rennt zur Toilette und erbricht Galle. Weinend fasst sie den Entschluss, in die Kirche zu gehen. Sie duscht sehr lange, putzt sich ausgiebig die Zähne, kämmt das strubbelige Haar. Sie wählt saubere Kleider aus dem Schrank, überprüft ihr Erscheinungsbild im Spiegel. Sieht aus wie ein Geist. Kreidebleich, mit dunklen Ringen unter übergroßen Augen. Resigniert winkt Eshet ihrem Spiegelbild zu, dann macht sie sich auf den Weg. Geht langsam, setzt einen Schritt vor den anderen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ignoriert die Teeverkäuferin, schließt das Schlafquartier nicht ab. Konzentriert sich nur darauf, mit niemanden zusammen zu stoßen. Kriecht durch den Menschenstrom. „Kann ich dir behilflich sein, meine Liebe?“ fragt eine besorgte Stimme, als Eshet sich an einer wackeligen Bude festhält, um nicht umzufallen. „Ich muss in die Kirche.“ wispert Eshet. „Ich helfe dir.“ Eshet hebt den Kopf und blickt in das verschleierte Gesicht einer Nonne. „Danke.“ sagt sie nur, lässt sich von der fremden Frau stützen. „Wir sind gleich da“ versichert diese, „es sind nur noch ein paar Schritte.“ „Danke.“ murmelt Eshet wieder. Nimmt vorsichtig die Stufen zum Kirchenportal. Wartet regungslos, während die Nonne die schwere Flügeltür für sie öffnet. Drinnen umfängt die beiden der wohlige Duft ätherischer Kräuter. Sanfte Musik rieselt aus verborgenen Lautsprecheranlagen. Die Kirche strahlt eine kühle, distanzierte Ruhe aus. Eshet atmet die friedliche Atmosphäre ein. Hat das Gefühl, dass sie etwas freier denken kann. „Nimm bitte Platz.“ Bereitwillig folgt sie der Nonne zu einer Bank. „Möchtest du etwas zu trinken?“ „Ja bitte.“ „Ich bin Tochter Nera.“ „Danke, Tochter.“ Eshet sieht der Nonne hinterher, als diese zwischen ein paar schweren Tüchern verschwindet, die einen Eingang verdecken. Sie erschrickt, als Tochter Nera unvermittelt wieder vor ihr steht. Ihr Gehirn hat wieder abgeschaltet, die verstrichene Zeit geschluckt. „Hier.“ sagt die verhüllte Frau, reicht ihr einen dampfenden Becher. Dankbar nimmt Eshet das Getränk entgegen, trinkt in vorsichtigen Schlucken. Es ist heiß und schmeckt nach nichts. „Möchtest du dich mit mir unterhalten?“ fragt die Nonne, nimmt neben Eshet Platz und legt eine Hand auf deren Schulter. „Ich kann nicht.“ „Kannst du nicht, weil es zu schwierig ist?“ „Der Vater verbietet es.“ flüstert Eshet, trinkt noch ein wenig von der geschmacklosen Flüssigkeit. „Ich werde nicht weiter dazu fragen, mein Kind. Möchtest du mit mir beten?“ „Ja, das möchte ich wirklich gerne.“ Tochter Nera wendet sich jetzt ganz der blassen Frau zu, nimmt ihr den Becher ab. Umschließt die zitternden Finger mit ihren ruhigen, sanften Händen. Samtweich stimmt sie ein Lied des Trostes an. Eshet bricht in Tränen aus. Schlottert am ganzen Körper. Die Nonne singt weiter, nimmt sie liebevoll in die Arme. Wiegt die schluchzende Eshet wie ein kleines Kind. Das Lied endet, Tochter Nera beginnt mit dem Gebet. „Großer Vater. Sieh in deiner Güte auf uns herab. Schütte deinen Segen aus über uns, deine Kinder und über das Schiff, auf dass wir die Leere glückreich durchqueren.“ Eshet fällt zögerlich mit ein. Ihre Stimme ist rau, wird von großen Schluchzern unterbrochen. Als die Nonne schließlich ein Lied der Lobpreisung anstimmt, singt Eshet stockend mit. Spürt ein wenig von der Wärme und Zuversicht, die von Tochter Nera ausgehen. Fühlt das Vibrieren des Brustkorbes, die fließenden Tränen. „Danke.“ sagt sie wieder, diesmal mit kräftigerer Stimme. „Geht es dir besser?“ „Ja, ich kann die Liebe des Vaters in mir spüren.“ „Sollen wir weitermachen?“ fragt die Nonne, löst Eshet ein wenig aus der engen Umarmung, bleibt aber immer noch dicht bei ihr sitzen. „Können wir das Lied der Einigkeit singen?“ „Natürlich, mein Kind.“ Tochter Nera stimmt das Lied an, Eshet singt etwas unsicher mit. Arbeitet sich tapfer durch die Strophen. Wird mit jeder Zeile sicherer. Beim zweiten Refrain kann sie endlich aufhören zu weinen. Eshet bleibt noch eine lange Zeit in der Kirche, singt und betet mit der Nonne. Zündet Kerzen an, für sich und den Vater. Verbrennt Duftkräuter. Zu später Stunde verabschiedet sie sich dankbar, macht sich zurück auf den Weg ins Schlafquartier. Sonra war da. Das Tablett mit dem Thermogeschirr ist weggeräumt, auf dem Tischchen steht nun ein Topf mit Deckel. Eshet ignoriert den Zettel, der daneben liegt. Wirft sich in die Koje und sucht noch einmal nach dem Gefühl der Geborgenheit, das ihr die Nonne vermittelt hat. Sie schickt ein kurzes Gebet an den Vater, schließt dann die Augen und wartet auf den Schlaf. Schläft nicht. Wacht nicht. Träumt nicht. Denkt nicht. Als der Chron an ihrem Handgelenk klingelt, schreckt sie aus ihrem Dämmerzustand hoch. Sieht sich verwirrt um. Sonra schnarcht in ihrer Koje, Eshet hat nicht gehört, dass sie nach Hause gekommen ist. Leise schleicht sie in den Duschraum, erledigt die spärliche Morgentoilette. Denkt nicht an gestern. Sieht nicht in den Spiegel. Als sie das Schlafquartier verlässt, schläft Sonra immer noch tief und fest.

Draußen wartet das normale, morgendliche Gedränge. Eshet nickt der alten Dame kurz zu, die jedoch sofort hinter ihrem Teestand hervorkommt und sie scharf anblickt. „Geht es Ihnen gut, junge Dame?“ fragt die Alte. „Es geht mit besser, danke.“ „Ich habe mich gestern gesorgt!“ betont die runzlige Frau, ihre hellen Augen bohren sich intensiv in Eshets blasses Gesicht. „Danke, es geht wieder. Ich war in der Kirche.“ „Gelobt sei der Vater.“ seufzt die alte Frau, reicht Eshet einen Pappbecher. „Hier, für den Weg.“ „Danke.“ Eshet nimmt den Becher entgegen, lächelt die Teeverkäuferin dankbar an und lässt sich dann von dem Sog der Menge aufnehmen. Setzt einen Schritt vor den anderen, bis sie die Haltestelle am Hauptring erreicht. Die Fahrt mit dem Shuttle verfliegt, den Weg zum Serverraum finden die Füße alleine, irgendwo auf diesem Weg verschwindet der leere Teebecher in einem Abfalleimer. Als Eshet den ovalen Raum betritt, zieht sie unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern. Doch Ma Ferra ist nicht da. Nur eine Rumpfbesatzung arbeitet in dem, immer noch bestialisch stinkenden, Raum. Der Schaden an der Wand ist beinah behoben, die Instrumententafeln sind gereinigt, trotzdem schwebt über allem der penetrante Geruch von Fäkalien. Eshet besetzt sofort ihren Posten, arbeitet sich methodisch durch die angefallenen Störmeldungen. Gestattet sich keine Pause. Merkt nicht, dass Ferra seit einer Weile stumm hinter ihr steht. Erst als die Vorgesetzte sie direkt anspricht, fährt Eshet aus ihrer Konzentration. „Vater will dich sprechen.“ „Oh nein.“ entfährt es Eshet, Ferra sieht sie daraufhin verwundert an. „Entschuldigung, Ma Ferra.“ „Geh jetzt.“ grollt diese nur, ihre Augen funkeln gefährlich. Eshet läuft zum Beichtstuhl, öffnet die hölzerne Tür mit schwitzigen Händen. Setzt sich in den Verschlag und schluckt, während sie das Zeichen der Demut schlägt. „Du hast gerufen, Vater?“ fragt sie. Auf dem Bildschirm erscheint das alte Gesicht des Vaters. Lächelt milde. Eshet fühlt die Woge der Erleichterung über sich hinweg branden, spürt zugleich aber eine bodenlose Angst, die mit dieser Woge heranrollt. Die Angst vor dem, was der Vater verlangen könnte. „Und du hast geantwortet, mein Kind.“ Eshet starrt wortlos in den Bildschirm, wartet auf das, was der Vater sagen wird. Das gütige Gesicht bleibt lange stumm. Eshet rutscht nervös auf ihrem Platz hin und her. „Vater?“ fragt sie schließlich. „Bist du bereit, mir deine Seele anzuvertrauen?“ fragt der plötzlich, seine Stimme dröhnt laut aus den verborgenen Boxen. Eshet zuckt zusammen, weicht intuitiv zurück. „Vater!“ fleht sie, als sie sieht, dass sich sein Gesicht zu einer zornigen Grimasse verzieht. „Natürlich vertraue ich dir meine Seele an!“ „Gut, Eshet. Ich habe einen weißen Auftrag für dich. Merke dir, was ich jetzt sagen werde…“

Benommen taumelt Eshet kurze Zeit später aus dem Beichtstuhl. Grußlos geht sie an ihren Kolleginnen vorbei, hastet mit gesenktem Kopf aus dem Raum. Ignoriert die tödlichen Blicke von Ferra. Die Worte des Vaters hallen klar in ihrem Bewusstsein wider. Auf dem Hauptring stellt sie zum ersten Mal die Frage, die ihr seit dem Gespräch im Beichtstuhl nicht mehr aus dem Kopf geht. „Warum ich?“ Eine dicke Frau sieht sie irritiert an, kümmert sich dann wieder um den Inhalt ihrer Handtasche. „Warum ich?“ wiederholt Eshet die Frage, als sie in ein Shuttle einsteigt. „Warum?“ Niemand gibt ihr eine Antwort. Eshet überlegt, ob sie zur Kirche gehen soll. Ob sie nach der Nonne suchen soll. Verwirft den Gedanken. An einer kleinen Kapelle kauft sie ein neues, weißes Stirnband. Steckt es in die Jackentasche. Ringt mit sich. Bricht schließlich auf zur obersten Ebene, nimmt den erstbesten Lift. Auf der Balustrade kann man das Ausmaß des Hauptrings erst wirklich erfassen. Unzählige Menschen winden sich durch die Straßen, suchen Wege zwischen den sperrigen Ständen hindurch. Eshet blickt auf die vielen, bunten Leben hinab, sieht einem übervollen Shuttle hinterher. Fragt sich immer noch nach dem Warum. Betet die Gedanken weg. Will über die Absperrung klettern und sich in die Tiefe stürzen. Kann es nicht.

Stunden später. In einem spärlich beleuchteten Schacht folgt keuchender Atem scharrenden Schritten. Jemand hält vor einer verschlossenen Luke, löst betont leise die Verankerungen, die den Wartungsgang von dem Versorgungsschacht trennen. Macht dabei so wenig Lärm wie möglich. Eshet hockt vor der Luke im Gang, wartet regungslos darauf, dass sich der Eingang öffnet. In der Faust hält sie ein langes Messer. Ihr Gesicht gleicht einer Maske. Hinter der Luke fällt ein metallischer Gegenstand zu Boden, es scheppert laut. Jemand zischt wütend. Eshet zuckt zusammen. Flüstert lautlos ein Gebet. Auf der anderen Seite arbeitet der Unbekannte weiter, Eshet kann leises Fluchen hören. Als sich die Luke quietschend öffnet, fühlt sie sich nicht bereit. Starrt schreckensblass auf den Mann, der sich durch den schmalen Einlass zwängt. Hockt still da, starrt. Der Mann fährt kräftig zusammen, als er die junge Frau mit dem Messer auf dem Boden hocken sieht. Er zuckt zurück, zieht selbst ein kurzes Messer aus seinem Gürtel. Verharrt so vor der offenen Luke. Eshet bewegt sich nicht. Starrt nur. Wortlos sehen sich die beiden an. Eine Minute vergeht, nichts passiert. Dann stürzt sich der Mann mit einem lauten Schrei auf Eshet, die ihrerseits schreiend aus ihrer Starre erwacht. Messer zucken. „Ich gehe nicht mehr zurück!“ schreit der Mann und Eshet schreit auch, weiß nicht, was. Ihr Körper reagiert automatisch auf die tödliche Bedrohung. Kämpft um sein Leben. Mit großer Wucht rammt sie das Messer in den gegnerischen Leib, weicht seinen wütenden Schlägen und Stößen aus. Ein tiefer Schnitt reißt ihre Wange auf, Eshet kümmert sich nicht darum. Sticht immer wieder zu. „Nicht mehr. Nicht mehr.“ röchelt der Mann. Aus vielen Wunden blutend bricht er zusammen. Eshet steht über ihm, atmet keuchend. „Warum lasst ihr uns verrecken?“ seine Stimme ist kaum noch zu hören. Eshet beugt sich über ihn, will seine letzten Worte hören, doch die sind so undeutlich, dass sie nichts mehr versteht. Ein letztes Mal bäumt der Mann sich auf, dann liegt er still da. Die Augen aufgerissen, das Gesicht wie zu einer Frage verzerrt. Zitternd kniet Eshet über seiner Leiche. Spürt erst jetzt den brennenden Schmerz auf ihrer Wange. Bemerkt das Blut, das warm über ihren Hals läuft. Sie will aufstehen, bricht aber sofort wieder zusammen. Ein großer, dunkler Fleck bildet sich auf ihrem grauen Oberteil. Ungläubig sieht sie auf das Messer, das in ihren Rippen steckt. „Hilf mir, Vater.“ flüstert Eshet, dann bricht sie kraftlos über der Leiche zusammen, während das Leben stoßweise aus ihr herausfließt.

„Du hast mich gerufen, Vater.“ Das blonde Mädchen schlägt andächtig das Zeichen der Demut. Sitzt bewusst aufrecht im Beichtstuhl und starrt in den Bildschirm, der das gütige Gesicht des Vaters zeigt. „Du hast geantwortet, Niaja.“ antwortet er, lächelt milde. „Willst du mir deinen Leib anvertrauen?“ fragt er, während das Gesicht des jungen Mädchens freudig erstrahlt. „Ich habe einen weißen Auftrag für dich. Wirst du mir helfen, Niaja?“

© sybille lengauer