Mit ‘Kurzgeschichte’ getaggte Beiträge

Lars liest „Die Hirschfrau“

Veröffentlicht: November 23, 2020 in Video
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Der Attentäter

Ein kurzer Moment, angefüllt mit übermächtigem Schmerz. Die Abwesenheit von Licht und das Gefühl, mit dem Magen voran in die Tiefe zu stürzen. Dann nichts mehr.
*
„Name?“ Ein bärtiges, in griesgrämige Falten gezogenes Beamtengesicht lugt misstrauisch zwischen absurd hohen Papierstapeln hervor. Der dazugehörige, durch jahrzehntelange Sitzarbeit weichlich gewordene Beamtenkörper verschwindet beinahe vollständig hinter einem Schreibtisch aus geöltem Massivholz, der sich merklich unter Bergen von Akten und besagten Stapeln Papier biegt. Kurzsichtig linst der rundliche Beamte in das blasse Gesicht eines jungen Mannes, der, barfuß und eingehüllt in ein dünnes Krankenhaushemd, vor dem überladenen Schreibtisch steht und verwirrt die Stirn runzelt. „Wo-wo bin ich?“, stottert der junge Mann schüchtern, sein Blick irrt hilfesuchend durch das geschäftige Großraumbüro, in dem sich Schreibtische aneinanderreihen, so weit das Auge zu schauen vermag, nur getrennt durch lieblos dekorierte Raumteiler und verwelkende Topfpflanzen in übergroßen Blumenständern. „Verwaltungstrakt S“, ertönt es einsilbig hinter den Papierstapeln, der Beamte lehnt sich ächzend in seinem Bürosessel zurück und tut so, als hätte er damit alles gesagt. „Name?“, wiederholt er in einem seltsam singenden Akzent und wedelt dabei mit einem Zettel, den er in der linken Hand hält. „Bin ich – bin ich tot?“, fragt der junge Mann mit zitternder Stimme, statt seinen Namen zu nennen beginnt er hektisch seinen Oberkörper abzutasten, seine Augen wandern verständnislos über das dünne Krankenhaushemd und bleiben schließlich an seinen bloßen Füßen kleben. Verdattert starrt er auf seine Zehen, die sich in geschmacklos graue Teppichfliesen bohren. „Gut möglich“, erwidert der Beamte achselzuckend, erneut winkt er mit dem Zettel. „Name?“, fragt er zum dritten Mal und diesmal klingt es ungehalten. Sein Gegenüber nickt langsam, ein begreifender Ausdruck schleicht sich in sein wohlgeformtes Gesicht, der junge Mann strafft die schmalen Schultern, wirft sich in die Brust, mutig holt er Atem und schmettert: „Mein Name lautet Flammendes Schwert der Erkenntnis!“ Glänzende Augen richten sich erwartungsvoll auf das faltige Gesicht des Beamten. Der blickt seufzend vom aufgeplusterten Jungen zum bedruckten Zettel in seiner Hand und schüttelt abweisend den Kopf. „Auf dem Passierschein steht Pascal Müller“, brummt er, in seiner Stimme schwingt träge Müdigkeit. „Ja. Ähm. Ja. Das bin ich.“ Verlegenheit drückt die Schultern des jungen Mannes auf ein normales Maß herunter. „Ist Flammendes Schwert der Erkenntnis Ihr Künstlername?“, fragt der Beamte geschäftsmäßig, ohne den Blick vom Passierschein zu heben. „Ähm. Ja.“ Pascal Müller schluckt nervös, kleine Schweißperlen bilden sich auf seiner Oberlippe. „Das ist hier nicht vermerkt. Das muss korrigiert werden.“ Eine dunkle Wolke der Missbilligung schiebt sich langsam über das bärtige Beamtenantlitz. „Tut mir leid“, piepst Pascal Müller, beschämt tritt er von einem Fuß auf den anderen und errötet. Der Beamte räuspert sich verstimmt und beginnt noch einmal mit der Befragung. „Sie sind also Pascal Müller, alias Flammendes Schwert der Erkenntnis, Geboren am ersten April Zweitausendundvier, um sieben Uhr dreiundzwanzig, im Krankenhaus zur barmherzigen Frau, in Hüppenfürth?“ Er beugt sich gewissenhaft über das Schriftstück und verfolgt mit dem Finger jede Zeile die er vorliest. „Ja“, bestätigt Pascal Müller kleinlaut und errötet noch etwas mehr. „Sohn von Frau Irmgard Müller, geborene Wehninger und Herrn Jürgen Steinbach?“ „Ja. Ähm. Nein. Der Name meines Vaters lautet Thorsten Müller?“, korrigiert der junge Mann, doch es klingt mehr nach einer Frage, als nach einer Antwort. Der Beamte hebt ärgerlich eine Augenbraue und liest erneut, was auf dem Passierschein steht. „Hier ist ein gewisser Jürgen Steinbach als Ihr Erzeuger eingetragen. Wenn ich es richtig verstehe, war er ein Arbeitskollege Ihrer Mutter. Kommt häufiger vor, als Sie annehmen würden, Herr Müller.“ Mit bleierner Gelassenheit verfolgt der Beamte das Schauspiel der Emotionen, das sich in den folgenden Minuten vor seinen Augen abspielt. Nach einer Weile fährt er ungerührt mit der Befragung fort: „Sie haben also Selbstmord begangen, Herr Müller“, fragt er in Pascals großes Enttäuschungslamento hinein und lässt es beiläufig klingen. Pascal Müller wischt mit ungestümen Bewegungen dicke Tränen aus dem Gesicht, er stampft zornig mit dem Fuß auf, schüttelt den Kopf und bleckt aggressiv die Zähne. Sein theatralisches Benehmen kann den Beamten jedoch nicht beeindrucken. „Das ist keine Antwort, Herr Müller.“ „Habe ich nicht“, zischt Pascal Müller gereizt, er starrt dem Beamten wütend in die Augen, verschränkt die Arme vor der Brust und schiebt die Unterlippe störrisch nach vorn. Der Beamte wendet den Passierschein hin und her und liest genau nach. „Hier steht, dass Sie sich in die Luft gesprengt haben“, erwidert er schließlich, zufrieden mit sich und der Information auf dem Zettel verschränkt er ebenfalls die Arme vor der Brust, um seinem Argument Nachdruck zu verleihen. „Es war ein Heldentod!“, faucht Pascal Müller aufgebracht, in seinen Augen sammeln sich neue Tränen. „So etwas gibt es nicht“, erwidert der Beamte kopfschüttelnd, ein glucksendes Lachen stiehlt sich unter seinen ergrauenden Bart. „Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen!“ , blafft Pascal Müller, in seiner Angst flüchtet er sich auf das vertraute Terrain der Provokation, tritt nah an den Schreibtisch heran und versetzt einem der Papierstapel einen energischen Schubs. Der Stapel bricht zusammen und reißt eine gigantische Lawine aus Akten und Papieren zu Boden, doch der Beamte bleibt seelenruhig in seinem Bürosessel sitzen und reagiert nicht auf die Herausforderung. Stattdessen schlägt er entspannt die Beine übereinander und antwortet nur ein neutrales: „Das ist Ihr gutes Recht, Herr Müller.“ Der junge Mann beobachtet entgeistert, wie der Beamte zu einem altmodischen Tastentelefon greift, eine kurze Nummer wählt, „Anforderung Gespräch Vorgesetzter, Abteilung Achtunddreißig C, Tisch Siebzehn“, sagt und wieder auflegt. Keine Sekunde später materialisiert ein bärtiger Beamter direkt neben dem Schreibtisch. „Wie kann ich helfen?“, fragt er erwartungsvoll, Pascal Müller schreit erschrocken auf und weicht händeringend zurück. „Herr Müller, alias Flammendes Schwert der Erkenntnis, bittet um ein Gespräch mit einem Vorgesetzten“, führt der Beamte hinter dem Schreibtisch förmlich aus, sein Ebenbild vor dem Schreibtisch nickt dienstbeflissen und murmelt: „Natürlich, natürlich.“ Pascal Müller kauert fluchtbereit neben einem übergroßen knallgelben Papiermülleimer, seine Augen wandern entsetzt zwischen den Beamten hin und her. „Ihr-ihr seht beide gleich aus!“, stammelt er, ein hysterisches Kichern entschlüpft seinen Lippen. Die Beamten sehen einander prüfend an, zucken gleichzeitig mit den Achseln und sagen unisono: „Das Aussehen ist nicht ausschlaggebend.“ Pascal Müller stürzt Hals über Kopf von ihnen fort, er stößt hart mit dem Becken gegen einen angrenzenden Schreibtisch und Berge von Papier regnen auf den Boden. „Was erlauben Sie sich“, donnert eine zornige Stimme, der junge Mann dreht sich erschrocken nach dem Sprecher um und starrt in das wohlbekannte Gesicht des bärtigen Beamten. „Ihr seid alle einer!“, schreit Pascal Müller schrill, er taumelt entsetzt zwischen den Schreibtischen hin und her, geht keuchend in die Knie und bleibt schließlich zusammengerollt auf dem hässlichen Teppichboden liegen. Mehrere Beamte beugen sich neugierig über seinen zitternden Körper, der kaum von dem knappen Krankenhaushemd bedeckt wird. „Scheint einen Schock zu haben“, bemerkt einer nüchtern und reibt sich den Bart. „War wohl ein harter Tag für ihn“, erwidert der nächste und nickt mitfühlend. Der nervlich zerrüttete Pascal Müller wird von weichen Händen gestützt, man führt ihn mit sanfter Bestimmtheit zu einem bequemen Sessel und reicht ein Glas kaltes Wasser, das er begierig trinkt. „Geht es Ihnen besser, Herr Flammendes Schwert der Erkenntnis?“, fragt ein Beamter gutmütig, während seine identischen Kollegen in gemütlichem Tempo an ihre Schreibtische zurückkehren. „Müller reicht. Danke.“, murmelt Pascal Müller schwach, er umklammert das leere Wasserglas mit beiden Händen, sitzt zusammengesunken im Sessel und starrt mutlos vor sich hin. „Es müssen nur noch ein paar Formalitäten geklärt werden, dann können Sie weiter“, versichert der Beamte freundlich, Pascal Müller hebt ruckartig den Kopf und seine Augen werden weit. „Das hier ist nicht die Endstation?“, fragt er hoffnungsvoll. „Natürlich nicht. Das hier ist Verwaltungstrakt S“, antwortet der Beamte irritiert. Pascal Müller seufzt erleichtert und entspannt sich ein wenig, er löst den festen Griff um das Glas und gestattet sich ein kleines Lächeln. „Sie haben eine Reservierung für die Hölle“, fährt der Beamte beiläufig fort, während er in einigen Papieren blättert. „Das muss ein Missverständnis sein“, haucht Pascal Müller erbleichend, das Glas entgleitet seinen schweißnassen Fingern und fällt auf den Teppichboden, ohne zu zerbrechen. „Das glaube ich nicht“, kontert der Beamte trocken, „Sie haben Menschen getötet.“ „Aber ich habe es doch für Gott getan!“, schreit der junge Mann im dünnen Krankenhaushemd verzweifelt. „Für welchen?“, fragt der Beamte interessiert, er zückt Notizblock und Kugelschreiber und klickt erwartungsvoll mehrfach mit dem Druckknopf. „Was soll das heißen, für welchen?“, wispert Pascal Müller, seine Wangen verlieren jede Farbe, seine Lippen bilden einen langen dünnen Strich in seinem kreidebleichen Gesicht. Der Beamte verdreht kurz entnervt die Augen, doch dann wird er schnell wieder professionell. „Ich kann Ihnen gerne eine Liste zur Verfügung stellen, Sie können die entsprechende Gottheit ankreuzen. Das ist kein Problem.“ Pascal Müller lässt ein langgezogenes Stöhnen entweichen „Das muss alles ein großer Irrtum sein!“, stößt er hilflos hervor. „Bitte füllen Sie dieses Formular aus und warten Sie, bis Sie aufgerufen werden.“ Der Beamte reicht Pascal Müller ein Klemmbrett mit einem mehrseitigen Fragebogen und einen frisch gespitzten Bleistift. „Muss ich wirklich in die Hölle?“, fragt der junge Mann betroffen, während er mit zitternden Händen Klemmbrett und Stift entgegennimmt. „Sie glauben daran“, antwortet der Beamte unverblümt, dann wendet er sich ohne große Eile anderen Aufgaben zu.

© sybille lengauer

Phil Noir
(Eine Geschichte in Schwarz/Weiß, für A.A.)

Es ist sechs Uhr morgens, ich sitze in meinem Drecksloch von Küche und zähle die Fliegen. An der Fensterscheibe krabbeln vier Stück, fett und glänzend wie die Regentropfen, die von außen unablässig gegen die Scheibe klatschen. Am Rand meiner Kaffeetasse treiben es zwei miteinander, eine dritte sieht gelangweilt dabei zu. Genau wie ich. An den widerwärtigen Fliegenfängern, die in Spiralen von der Küchendecke baumeln, klebt bestimmt ein ganzer Schwarm von ihnen. Aber die rechne ich nicht mit. Die sind schon tot, die zählen nicht. Und die paar wenigen, die noch zappeln und sich winden, haben es auch bald hinter sich. Genau wie ich. Die Wanduhr in meinem Rücken tickt gnadenlos die Sekunden aus meinem Leben. Zu laut. Zu aufdringlich. Mehr ist nicht zu hören, nur das Summen der Fliegen und das Ticken der verdammten Uhr. War ein Abschiedsgeschenk der Kollegen. Nach zweiundzwanzig Dienstjahren gehst du mit ein paar warmen Worten und einer beschissenen Wanduhr, die deine restliche Lebenszeit in feine Streifen schneidet. Tick-Tack. Tick-Tack. Und schon ist es Zeit für die Grube. Aber so ist das eben. Ich verscheuche die Fliegen von meiner Kaffeetasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt bitter. Mein Magen rebelliert, ich spüre Säure aufsteigen. Ätzend. Brennend. Unangenehm. Aber zumindest spüre ich etwas. Wenn ich ehrlich bin, muss ich eingestehen, dass ich an Selbstmord denke. Ach, drauf geschissen, im Grunde denke ich jeden Morgen daran. Aber ich bringe es nicht fertig mir das Licht auszuknipsen. Der Sicherungsschalter von Mutter Natur ist zu stark. Also sitze ich in meinem Drecksloch von Küche und zähle die Fliegen, bis es spät genug ist, um mit dem Trinken zu beginnen. Ein leises Klopfen an der Wohnungstür lässt mich aufhorchen. Zaghaft und verstohlen, als würde eine Küchenschabe gegen das billige Sperrholz pochen. Ich schleiche durch den Flur, äuge misstrauisch durch den Spion und sehe Lewandowski, der sich vor meinem Eingang herumdrückt und aussieht als wolle er Heroin verkaufen. Mehr als ein geknurrtes: „Was willst du?“ hört er nicht von mir, ich öffne die Tür nur einen Spaltbreit. Lewandowski reißt geheimnistuerisch die Augen auf und flüstert etwas von Kaffee unter vier Augen. Ich überlege, ob ich die Tür lieber zumachen soll. Für Nachbarschaftshilfe habe ich nichts übrig. Aber dann führe ich ihn doch in meine Küche und lasse ihn zwischen den Fliegenfängern stehen, während ich mich an den Tisch setze und starre. Lewandowski tritt verlegen von einem Fuß auf den andren und druckst herum, dass er froh ist mich anzutreffen. Ich starre ungerührt weiter und erwarte, dass er endlich zur Sache kommt. Der Mann ist ungefähr in meinem Alter, hat das Gröbste also hinter sich. Normalerweise sieht man ihn nur in Topform, doch heute ist er schlecht rasiert und sein Arsch hängt halb aus der Hose. Seine Augen sind blutunterlaufen, aus dem Hals stinkt er nach Zigaretten und Gin. Erinnert mich irgendwie an mich. Eigentlich kann ich Lewandowski nicht leiden. Er ist immer höflich und zuvorkommend, hat stets ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Das ist schonmal per se verdächtig. Wenn wir uns im Haus begegnen, versucht er mich immer in kleine Gespräche zu verwickeln. Das Wetter. Die Krise. Sonstige Banalitäten. Ich antworte nie, aber das hält ihn nicht zurück. Nein, ich kann Lewandowski wirklich nicht leiden. Keine Ahnung, warum ich ihn in meine Küche gelassen habe. „Komm endlich zur Sache, Mann“, entfährt es mir gereizt, meine Geduld ist aufgebraucht. „Ich – ich brauche deine Hilfe“, stottert Lewandowski, „Es geht um Paffin. Sie ist in Schwierigkeiten.“ Paffin. Paffin. Wer zur Hölle ist Paffin? Ich durchforste mein Gedächtnis und stoße auf das Bild einer pickligen Minderjährigen, die in übergroßen Stiefeln durch das Stiegenhaus trampelt. „Deine Enkelin“, rate ich und lasse es sicher klingen. Lewandowski zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Ich liege also richtig. „Du musst ihr helfen, Phil“, stößt er hervor, er setzt sich unaufgefordert an den Tisch, rückt mit dem Stuhl unangenehm nah an mich heran. Ich rücke von ihm ab und bringe meine Kaffeetasse zwischen uns. „Ich muss gar nichts“, sage ich und meine es. „Sie ist schwanger!“, zischt Lewandowski und ich glaube, dass ich hören kann, wie sein filigranes Nervenkostüm zerreißt. Seine Augen füllen sich mit Tränen, sein zu kurz geratenes Kinn wackelt und formt Trauergrübchen. „Rauchst du?“, frage ich, um uns aus der peinlichen Situation zu retten. Eine Zigarettenlänge später kenne ich die ganze Misere. Es ist die übliche Geschichte. Mädchen trifft Jungen. Mädchen verliebt sich in Jungen. Was folg ist verklemmter Sex, bei dem man natürlich auf Verhütung verzichtet. Fertig ist das Drama. Die Leute werden sich das Maul zerreißen, das College wird das Stipendium kündigen, das Mädchen verliert seine Chance auf eine Karriere. Und so weiter. Und so fort. Ich frage mich, was das ganze Elend mit mir zu tun hat und frage es auch Lewandowski. Der schreckt aus seinen Horrorphantasien, scheint ganz vergessen zu haben, wem er gegenübersitzt. „Du hast Kontakte“, flüstert er und in seinen Augen glimmt eine Hoffnung, die mich abstößt und verunsichert. Ich knalle die Kaffeetasse mit Wucht auf den Tisch. „Auf Beihilfe zu Abtreibung steht die Todesstrafe, Mann.“ Lewandowski fährt zurück, seine Wangen werden kreidebleich. „Bitte!“, quiekt er und flennt los wie ein Teenager. Seine kompromittierende Hilflosigkeit drängt mich in die Ecke. Das macht mich aggressiv. „Wie stellst du dir das vor? Soll ich sie in meinem Kofferraum über die Grenze schmuggeln, oder was?“ „Bitte“, stößt Lewandowski nur wieder hervor, zu mehr scheint er nicht mehr in der Lage. Ich beschließe, dass es spät genug ist, um mit dem Trinken zu beginnen. Schenke zwei Gläser ein. Randvoll. Wir trinken schweigend. Rauchen meine billigen Filterlosen. Hören dem Summen der Fliegen zu. Manchmal schluchzt Lewandowski leise, doch ansonsten bleibt er still. Und plötzlich ist da wieder die Uhr. Tick-Tack. Tick-Tack. Die Sekunden verdorren, fallen von meinem Leben ab und sammeln sich am Fuße eines riesigen Haufens ungenutzter Zeit. Ich starre in mein leeres Glas. Der Schnaps ist ausgetrunken. Meine Gedanken wandern am Boden des Glases umher, wie die Fliegen auf der Fensterscheibe. Suchen und verscheuchen einander, bis sich eine Frage herauskristallisiert: Was habe ich schon zu verlieren? „Okay, ich werde euch helfen“, sage ich, um das unerträgliche Ticken der Uhr zu übertönen und in Lewandowskis Gesicht geht im selben Moment die Sonne auf.

© sybille lengauer

In meiner Realität

Veröffentlicht: Oktober 15, 2020 in Kurzgeschichten
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In meiner Realität

Paul schwitzt. Fluchend kramt er in seiner Umhängetasche nach dem passenden Füllstein, um das unscheinbare Tor zu öffnen, das seinen Fluchtweg aus der Oberstadt versperrt. Pauls Hände zittern, gehetzt wirft er einen Blick über die Schulter, doch noch ist er allein in der eleganten Seitenstraße. Schmucke Hochhäuser aus dunkelrotem Backstein ragen stattlich in den strahlend blauen Himmel, exotisch blühende Rankengewächse winden sich an prächtig verzierten Feuertreppen empor, wuchern üppig der heiß brennenden Sonne entgegen. In dichten Schwärmen ziehen bunte Korallenfische an den spiegelblanken Fenstern der Häuser vorbei, vermischen sich mit fröhlich umherfliegenden Werbebannern, die für perlend schäumende Softdrinks, feinste Schokolade oder traumhaft ferne Urlaubsziele werben. Hoch oben gleitet ein gewaltiger Buckelwal zwischen den Stockwerken dahin, „Enjoy The Little Things“ steht in schwarzen Buchstaben auf seinen hellgelb leuchtenden Flossen. Tief unten stößt Paul einen heiseren Freudenschrei aus, er rammt den richtigen Füllstein in das sternförmige Torschloss und zappelt ungeduldig, während sich die Barriere zur Unterstadt quälend langsam öffnet. Urplötzlich trampelt ein wutschnaubender, hünenhaft großer Minotaurus in das friedliche Idyll der Seitenstraße und rast mit gewaltigen Schritten auf das Tor zu. Sein schweißdampfender Stierkopf senkt sich gefährlich zum Angriff, seine feuerroten Augen funkeln zornig. Paul kreischt entsetzt, hastig quetscht er sich durch die schmale Toröffnung, dann drückt er von der anderen Seite mit aller Kraft dagegen. „Du kleiner Hurensohn!“, brüllt sein Verfolger frustriert, als sich das Tor direkt vor seinen bebenden Nüstern schließt, Paul kann spüren, wie die Barriere unter dessen wuchtigen Faustschlägen erzittert. Ein feines, triumphierendes Lächeln huscht über sein Gesicht, dann rückt er die Umhängetasche zurecht und hastet weiter die Seitenstraße hinunter, um in den verschlungenen Straßen der Unterstadt zu verschwinden. Auf dieser Seite des Tores erscheinen die Fassaden der Hochhäuser kahl und schmucklos, die blumenumrankten Feuertreppen sind wackligen Fluchttreppen aus rostfleckigem Stahl gewichen, es gibt keine üppigen Blüten und keine bunten Korallenfische. Grellbunte Werbebanner ziehen in großen, aggressiv manövrierenden Schwärmen vor schmutzstarrenden Fenstern umher, die Flyer werben für schnellen Sex, bissige Rechtsanwälte und billigen Alkohol. Der Buckelwal ist aus dem Himmel verschwunden, nur die Sonne brennt weiter unbarmherzig auf Pauls verschwitzten Haarschopf herab. Auf der anderen Seite des Tores blafft der abgehängte Minotaurus frustriert in sein tragbares Holofon, dass der verdammte Junge an einem Nebeneingang zur Unterstadt West entwischt ist. Er entzündet eine dicke Zigarre und pafft enorme Rauchwolken zu den bunten Korallenfischen hinauf, während er missgelaunt auf neue Instruktionen wartet.
*
„Endlich! Wo, zum Teufel, hast du gesteckt?“ Pauls Mutter hockt wie ein vorwurfsvoll blickendes Reptil inmitten der rosaroten Pracht ihres Schönheitssalons, geübt zupft sie die Augenbrauen einer dicklichen Stammkundin, deren Haar zu einem erstaunlich hohen, lilafarbenen Berg auftoupiert ist. Mutter und Kundin werfen Paul einen strengen Blick zu, der grinst nur schief und wedelt verlegen mit einem hässlichen Plastikblumenstrauß, den er aus einem Automaten an der Straßenecke gezogen hat. Seine Mutter lässt sich von einem derart hoffnungslosen Entschuldigungsversuch nicht erweichen. „Spar dir das dumme Grinsen, Freundchen. Siehst du nicht, wie es hier aussieht? Die Realitypuffer funktionieren schon wieder nicht. Mach dich an die Arbeit. Zack-zack!“, blafft sie ungehalten und ihre grell geschminkten Augen blitzen gefährlich, dann wendet sie sich wieder den Augenbrauen der Kundin zu. Paul lässt mürrisch den Blumenstrauß sinken, ständig muss er den altersschwachen Rechner reparieren, der die Augmented Reality Elemente des Schönheitssalons verwaltet, für ein neues System will seine Mutter kein Geld ausgeben. Paul findet, dass sie auf den Einkünften des Salons hockt, wie ein garstiger Lindwurm auf seinem Goldschatz, doch er hütet sich, gerade jetzt etwas dazu zu sagen. Er braucht den Schönheitssalon als Versteck, um Zeit zu gewinnen und einen Plan zu schmieden. Also trollt er sich in den hinteren Teil des Ladens. Zwanzig Minuten später schwirren winzige, fröhlich lachende Elfen durch den Schönheitssalon, großblättrige Rosen erblühen an den rosafarben gestrichenen Wänden und glitzernde Sternschnuppen rieseln wie feiner Schnee von der lachsrosa erstrahlenden Zimmerdecke. Auch Pauls Mutter erfährt eine erstaunliche Verjüngungskur, dank Realitypuffer erscheint sie nun in Gestalt einer blutjungen, in Glitter und Kitsch gebadeten Schönheitskönigin im amerikanischen Retro-Stil. „So, das hätten wir.“ Paul klopft sich zufrieden auf die Oberschenkel, doch seine Freude währt nur kurz. „Die Luftfilter müssen gereinigt werden. Zack-zack!“, gellt es aus dem vorderen Teil des Ladens. Paul setzt zu einer unfreundlichen Antwort an, er hat Besseres zu tun, als stundenlang in Mutters schweinchenrosa Drachenhort zu buckeln, doch er zögert und schluckt die Antwort hinunter. „Na, was ist denn? Die Filter reinigen sich nicht von alleine!“, schreit seine Mutter und die Kundin kichert gehässig. Paul grunzt eine unverständliche Beleidigung, dann sammelt er das passende Werkzeug zusammen und kriecht fluchend in den engen Lüftungsschacht. Kopfüber hängt er im widerlich verranzten Filtersystem und grübelt über eine Lösung für sein Problem nach, während seine Mutter lautstark über die schwere Last klagt, die ihr undankbarer, gänzlich missratener Sohn tagtäglich auf ihr butterweiches Mutterherz lädt.
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Paul fröstelt. Seit zwei Stunden lungert er schon vor dem spärlich beleuchteten Eingang eines heruntergekommenen Antik-Kinos herum, die kühle Nachtluft ist erst unter seine dünne Jacke, dann unter seine Haut, und schließlich bis in seine Knochen gekrochen. Der ewige Sand, den der Wind aus der Ödnis mit sich bringt, brennt unangenehm in seinen Augen. Paul stampft mit den Füßen, um der Kälte und seiner wachsenden Nervosität Herr zu werden. Könnte es sein, dass Rebecca seine Nachricht ignoriert? Was, wenn sie nicht am Treffpunkt erscheint? Wie soll es dann weitergehen? Paul kämpft mit einem dicken Brocken Angst, der seine Kehle zuzuschnüren droht. „Du siehst echt scheiße aus.“ Erschrocken fährt Paul herum, als Rebecca lautlos aus den Schatten tritt. Ihre hochgewachsene Gestalt schält sich elegant aus dem fahlen Dämmerlicht, eingehüllt in eine herb-süßlich duftende Wolke Parfum, die Paul an bessere Tage erinnert. „Ich dachte, du kommst nicht mehr“, entfährt es ihm nach einer herzstillen Sekunde, Rebecca mustert seine abgerissene Straßenkleidung und rümpft abfällig die Nase. „Was du nicht alles denkst.“ Sie kramt ein silbernes Zigarettenetui aus ihrer lackschwarzen Handtasche und beginnt mit affektierten Bewegungen zu Rauchen. „Was ist jetzt, warum wolltest du mich treffen?“, fragt sie in geschäftsmäßigem Tonfall, während nebelweiße Rauschschwaden aus ihren Nasenlöchern wabern. „Ich brauche deine Hilfe“, platzt es unbeholfen aus Paul heraus, Rebecca unterbricht ihn mit arrogantem Gelächter. „Natürlich brauchst du meine Hilfe, sonst hättest du nicht angerufen.“ „Hey!“, protestiert Paul, doch seine Exfreundin wiegelt gereizt ab. „Nichts, hey. Jetzt rück’ schon raus mit der Sprache. Was willst du?“ Rebecca schnippt die halbgerauchte Zigarette gegen die Hausmauer, orange Funken stieben über die verlassene Straße. „Ich muss ins Kasino“ Paul blickt Rebecca offen in die Augen und hofft, dass sie keine dummen Fragen stellt. „Aha“, macht sie nur, und ihre hellgrünen Augen schauen kalt zurück. „Du musst mein Hausverbot aufheben“, verlangt Paul, entschieden reckt er das flaumbärtige Kinn vor, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Rebecca hebt gereizt eine Augenbraue und Paul zieht sein Kinn schnell wieder zurück. „Bitte“, setzt er verlegen hinterher. „Nein“, antwortet Rebecca und ihre Stimme klingt hart. Paul blinzelt irritiert. In seiner Vorstellung ist das Gespräch ganz anders verlaufen. Nicht einfach. Nicht angenehm, das ganz bestimmt nicht. Aber nicht so negativ. Rebecca arbeitet seit sechs Monaten als Sicherheitsfrau im Kasino, es wäre keine große Sache, seinen Namen von der schwarzen Liste zu entfernen. „Bitte, Becca. Ich muss spielen!“ , Paul bettelt erbarmungswürdig, doch Rebecca lässt sich nicht erweichen. „Ich sagte nein. Ende der Diskussion.“ Resolut strafft sie den Kragen ihres Mantels und wendet sich zum Gehen. „Ich hab’ ein beschissen riesengroßes Problem!“, schreit Paul verzweifelt, doch seine Exfreundin schüttelt nur den Kopf. „Was auch sonst“, antwortet sie abweisend und zuckt mit den Schultern. „Diesmal ist es ernst“ Paul schluchzt, dicke Tränen schwimmen in seinen Augen. „Ich hab’ mich verzockt!“ „Interessiert mich nicht“, faucht Rebecca aggressiv. „Mach endlich eine Therapie!“ Sie dreht sich um und eilt mit langen Schritten davon. Paul steht fassungslos im schummrigen Licht des Antik-Kinos und starrt mit offenem Mund der verschwindenden Silhouette seiner verlorenen Liebe hinterher.
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„Kannst du überhaupt bezahlen, Freundchen?“ Der dicke Barkeeper lehnt schwergewichtig über der Ausschank der heruntergekommenen Kneipe, die Paul zur Örtlichkeit auserkoren hat, um seinen Kummer zu ersäufen. Aufhübschende Reality-Elemente sucht man in diesem Lokal vergebens, hier betrinkt man sich noch auf klassische Weise, bei funzliger Beleuchtung, schlechter Musik und gerne allein. Paul seufzt deprimiert, lasch lässt er seinen rechten Unterarm über den klebrigen Tresen baumeln. Der Barkeeper liest Pauls Cash-Implantat mit einem mobilen Lesegerät aus und wartet auf die Liquiditätsbestätigung. „In Ordnung, Kleiner.“, sagt er schließlich etwas freundlicher und schenkt ein. Paul schnappt sich das Glas, stürzt den billigen Fusel hinunter und schüttelt sich angeekelt. „Noch einen“, krächzt er heiser und der Barkeeper schenkt nach. Fünf Gläser später schüttet ein sturzbesoffener Paul sein Herz einem Wildfremden aus, der zufällig in seiner Nähe am Tresen steht. „Ich sollte mich einfach vom nächsten Hochhaus stürzen, dann wären alle zufrieden“, jammert Paul, in Selbstmitleid badend. „Na-na“, macht der fremde Trinker neutral und starrt in sein halbleeres Bierglas. „Sie haben leicht reden, Sie wissen ja nicht, was mir blüht“, versetzt Paul lallend. „Na-na“, macht der Fremde wieder und wackelt mit dem Kopf, Paul fühlt sich verstanden und wankt einen Schritt näher. „Ariadne wird mich ausweiden“, prophezeit er düster und ein kaltes Schaudern durchfährt seinen Körper von den Haarspitzen bis in die Zehen. „Wenn du Probleme mit Queen Ariadne hast, solltest du das lieber nicht so laut herumposaunen“, raunt der Barkeeper, während er Pauls Getränk erneuert. Der Fremde nickt zustimmend und starrt weiter auf den Bierschaum in seinem Glas. „Ach, ist schon egal. Jetzt ist alles egal!“ Paul wirft sich theatralisch in die Brust und verschüttet einen Großteil seines Drinks. „Ich bin am Arsch!“ Er steigert sich richtig in das Drama hinein, der Barkeeper tritt einen Schritt zurück, um fliegenden Spucketropfen auszuweichen. „Hast dich wohl verzockt“, bemerkt er wissend. „Es war ein todsicheres Spiel!“ Paul leert den restlichen Drink in einem Zug und setzt das Glas so heftig auf dem Tresen auf, dass es in tausend Splitter zerbricht. Fluchend und blutend trollt er sich auf die Toilette, kotzt und heult in eine verdreckte Kloschüssel, drückt Klopapier auf seine verletzte Hand und wünscht sich weit, weit weg. Als er, völlig aufgelöst, zum Tresen zurückkehrt, hat der Barkeeper die Scherben schon beseitigt, der fremde Trinker ist fort. „Gib mir noch einen“, nuschelt Paul, doch der Barkeeper schüttelt den Kopf. „Du hattest genug, Kleiner.“, brummt er gutmütig. „Nur einen noch. Für den Weg“, bettelt Paul, der Barkeeper rollt mit den Augen und schüttelt weiterhin den Kopf. Sternhagelvoll taumelt Paul aus der Kneipe, sofort wird er von dutzenden Porno-Werbebannern umschwärmt, die um seine Aufmerksamkeit buhlen. Angewidert schlägt Paul um sich, doch seine Hände fahren nutzlos durch die grellbunten Flyer hindurch und so torkelt er, wild um sich boxend, die menschenleere Straße hinunter. „Hey, Hurensohn.“ Ganz plötzlich ragt der bullige Stierschädel des Minotaurus vor Paul auf, ist einfach wie ein Pilz aus dem Boden geschossen, Paul könnte es beschwören. „Scheiße!“ Paul macht auf dem Absatz kehrt, will davonstürmen und stolpert doch nur über seine eigenen Füße. Der Minotaurus versetzt ihm einen beherzten Stoß, Paul stürzt kopfüber auf das harte Kopfsteinpflaster und bleibt besinnungslos liegen. „Du hast einen Termin bei der Königin“, grollt der Minotaurus zufrieden, er schnappt den benommenen Jungen am Kragen und zieht ihn wie eine Puppe hinter sich her.
*
„Hallo, Paul. Schön, dass du es einrichten konntest.“ Queen Ariadne thront, eingehüllt in einen veilchenfarbenen Morgenmantel aus purer Seide, in einem enorm großen Chesterfield Sessel und pafft eine lange, dünne Zigarre. Paul kauert mit blutverschmiertem Gesicht auf dem Mosaikboden zu ihren Füßen und wimmert leise. Der riesenhafte Minotaurus ragt, dämonisch grinsend, in den Raum und wirkt jederzeit gewaltbereit. Paul hat die letzte halbe Stunde im Kofferraum seines Wagens verbracht, verschnürt wie ein Paket und starr vor Angst. Jetzt kniet er in Queen Ariadnes pompös eingerichtetem Gesellschaftszimmer und fürchtet das Schlimmste. Noch nie war er in einem prächtiger möblierten Zimmer, noch nie hatte er so viel Angst. Von der hohen Zimmerdecke ranken goldblättrige Weinreben herab, winzige Kolibris gleiten wie fliegende Diamanten zwischen dschungelartig wuchernden Gewächsen und aufsehenerregenden Kunstobjekten umher, über allem schwebt ein betörender Veilchenduft. „Möchtest du eine Tasse Tee?“, fragt die Königin freundlich, sie beugt ich nach vorn und die Seide des Morgenmantels raschelt verführerisch. Ihr blutroter Mund formt ein liebliches Lächeln, ihre realitätsoptimierte Schönheit ist atemberaubend. „N-N-Nein, Danke“, stottert Paul, vor Aufregung klappert er mit den Zähnen. Der Minotaurus versetzt ihm einen derben Klaps auf den Hinterkopf. „Es heißt: Nein Danke, Eure Majestät“, bellt er zornig. „Eure Majestät“, piepst Paul verzweifelt, dicke Schweißtropfen perlen über seine blutige Stirn. Der Minotaurus schlägt erneut zu, hart knallt seine flache Hand auf Pauls lädierten Schädel. „In ganzen Sätzen!“, brüllt er donnernd, Queen Ariadne kichert mädchenhaft. „Nein Danke, Eure Majestät“, quietscht Paul schrill. Die Königin lässt ein perlendes Lachen hören. „Minos legt großen Wert auf die Etikette“, erklärt sie, halb das Ungetüm gewandt, und ein befriedigtes Grinsen huscht über das breite Stiergesicht des Hünen. Paul fühlt Übelkeit in sich aufsteigen, panisch versucht er den Drang zu unterdrücken, er schlägt die Hände vor den Mund und presst die Lippen fest aufeinander. Erbrochenes spritzt aus seiner Nase und quillt warm über seine Finger. Der Minotaurus schnaubt angewidert, er ballt die Faust und spannt die Muskeln, doch Queen Ariadne hebt kurz die Hand und er entspannt sich wieder. „Du stimmst Uns traurig, kleiner Paul Wagner.“ Sie neigt den Kopf, ein Kolibri flattert herbei und platziert einen funkelnden Saphir unter ihrem rechten Auge, sodass es aussieht, als würde sie weinen. Paul wischt sich die Kotze aus dem Gesicht und starrt beschämt zu Boden. „Tut mir leid, Eure Majestät“, nuschelt er unterwürfig, wobei er selbst hören kann, wie erbärmlich es klingt. „Nun denn,“ , die Königin lehnt sich mit mondäner Geste im Sessel zurück, schlägt die Beine elegant übereinander und pafft genüsslich. „Es ist Uns zu Ohren gekommen, dass du dir unerlaubten Zutritt in Unser Spielcasino verschafft und dann, an der Roulette, horrend verloren hast. Du hast beide Nieren und deine Schilddrüse eingesetzt, warst jedoch nicht bereit, die fälligen Organe zu entrichten. Stattdessen bist du, und Wir zitieren hier: davongerannt, wie eine gesengte Sau.“ Queen Ariadne gestattet sich ein leichtes Stirnrunzeln, dann wird sie plötzlich sehr ernst. „Du schuldest Uns also zwei Nieren und eine Schilddrüse. Wie gedenkst du diese Schuld zu begleichen?“ „Ich-ich-ich.“ Pauls Gedanken rasen, doch kein vernünftiger Satz findet den Weg über seine Lippen. „Wir haben einen Vorschlag für dich.“ Paul hebt den Kopf, seine rotgeränderten Augen starren in das perfekte Antlitz der Königin. „Alles, ich tue alles,“ wispert er und ein Keim der Hoffnung erblüht in seinem Herzen. „Das Gewerbeobjekt Sonnenstraße 35“ beginnt Queen Ariadne. „Der Schönheitssalon meiner Mutter!“, ruft Paul erschrocken, die Königin nickt zustimmend. „Wir interessieren uns für das Gebäude, aber Frau Wagner ist nicht an einem Verkauf interessiert. Wir denken, dass du sie zu einer positiven Entscheidung bewegen kannst.“ „Unmöglich“, entfährt es Paul, bevor er es verhindern kann. „Unmöglich?“, wiederholt Queen Ariadne erstaunt, der Minotaurus grunzt zornig und versetzt Paul einen brutalen Tritt in den Hintern. Paul fällt ungeschickt nach vorn und windet sich auf dem schönen Mosaikboden. „Unmöglich?“, fragt die Königin erneut, Paul schüttelt sich und kämpft gegen eine neuerliche Woge der Übelkeit. Queen Ariadne seufzt gelangweilt. „Minos, bitte informiere Doktor Schölle, dass er den Operationsraum vorbereiten soll.“ „Nein!“, kreischt Paul entsetzt, er kriecht auf dem Bauch über den Boden, robbt mit hündischem Gewinsel zu den Füßen der Königin. „Bitte, ich will nicht sterben!“ „Wir geben dir drei Tage.“ Queen Ariadnes Stimme erklingt plötzlich ganz nah an Pauls Ohr, fast glaubt er, ihre Zunge an seinem Ohrläppchen zu spüren. Erschrocken zuckt er zurück, doch die Königin sitzt weiter entspannt in dem riesigen Chesterfield Sessel und raucht. „Ich regle das“, stößt Paul entsetzt hervor, dann schlägt er wieder die Hände vor den Mund, um nicht zu erbrechen. „Wunderbar!“ Queen Ariadne winkt zufrieden mit der Hand. Paul nickt schwach, widerstandslos lässt er sich aus dem Gesellschaftszimmer schleifen. „Vielen Dank für deine Zeit“, säuselt der Minotaurus sarkastisch, dann schubst er Paul grob auf die Straße, sodass dieser Hals über Kopf in den Rinnstein taumelt.

© sybille lengauer

Koma
(Eine Liebesgeschichte)

Wie jeden Dienstag Nachmittag, pünktlich um 15:30, bugsiert Herbert Zimmermann seinen großen braunen Lederkoffer durch die breite Eingangstür des städtischen Krankenhauses, begrüßt den rundlichen Portier mit freundlichem Nicken und quält sich, langsam aber unaufhaltbar, den schier endlos langen Gang zu den Fahrstühlen hinunter. Dort steht er dann, geduldig wartend, milde lächelnd, während ihn der hektische Krankenhausalltag umspült, wie schäumendes Wasser einen verwitternden Felsen. Eine Fahrstuhlkabine öffnet sich mit lautem ‚Bing‘, speit eine Patientin mit Gipsfuß und ihre plaudernden Besucher ins Erdgeschoss, Herr Zimmermann nickt wieder freundlich, lächelt vage in alle Richtungen und wartet höflich, bis er mit seinem Koffer einsteigen kann. Dann drückt er den Knopf für die Neurologische Station und lächelt erneut, diesmal einer alten Dame im Rollstuhl entgegen, die grob über seine Schuhspitze rollt, als sie unbeholfen an seinem Koffer vorbei in die Kabine manövriert. „Auch nach oben?“, fragt er in liebeswürdigem Tonfall, doch sie gibt keine Antwort, drückt nur energisch den Knopf für den dritten Stock und kneift die Lippen fest aufeinander. Herbert Zimmermann nickt verständnisvoll und sagt nichts mehr. Sein Lächeln verblasst zu einer nebelhaften Andeutung, bis er die Neurologische Station erreicht, wo es erneut erblüht. Wieder muss er den schweren Koffer einen endlos langen Gang hinunterschleppen, zu Zimmer 703. Schnaufend verharrt er endlich vor der Tür des Einzelzimmers. Fährt mit den Fingern geübt durch sein schütter werdendes Haar, um die von den Strapazen in Unordnung geratene Frisur zu glätten, dann räuspert er sich, klopft respektvoll und tritt ein. Emilie Zimmermann liegt unbewegt in einem elektrischen Pflegebett, ihr magerer Körper wird eingerahmt von strahlend weißer Bettwäsche. Mit halbgeöffneten Augen starrt sie zur hellgrün gestrichenen Wand gegenüber. Für Herrn Zimmermann wirkt Emilie Zimmermann in dieser Bettwäsche wie eine hauchdünne, blassrosa schimmernde Kamelienblüte, die über die lange Zeit in diesem Krankenzimmer so fragil geworden ist, dass sie fast durchsichtig erscheint. Apallisches Syndrom nennen die Ärzte ihren Zustand, Dornröschenschlaf nennt es Herr Zimmermann, wenn er manchmal mit anderen Menschen darüber spricht. Umständlich stellt er jetzt den braunen Lederkoffer in eine freie Ecke des Zimmers, dann rückt er einen Besucherstuhl neben das Bett und nimmt lächelnd Platz. Auf dem Beistelltisch steht eine dampfend heiße Tasse Hagebuttentee für ihn bereit, Schwester Dorothe war so freundlich, wie jeden Dienstag Nachmittag.
„Hallo, mein Engel. Du siehst heute wieder zauberhaft aus.“ Herbert Zimmermann greift behutsam nach ihrer schmalen Hand, die in den Falten der makellosen Bettwäsche ruht. Glatt und kühl fühlt er diese Hand unter seinen warmen Fingern liegen. Herr Zimmermann schließt für einen kurzen Moment die Augen und fühlt einer Liebe hinterher, die tief bis unter die Haut geht. Nur zögerlich lässt er Emilies Hand wieder los, dann seufzt er leise, steht auf und macht sich zielstrebig daran, den Inhalt des Koffer auszupacken. „Unser heutiges Abenteuer führt uns über die Alpen, mein Liebling“, erklärt er feierlich, während er einen zweiten Besucherstuhl an das Bett heranrückt, um darauf einen alten, knallroten Kassettenrekorder abzustellen. Danach entnimmt er dem Koffer einen mattschwarzen Diaprojektor, den er gekonnt auf dem Beistelltisch platziert und mit Strom versorgt. Herbert Zimmermann richtet den Projektor zur Wand gegenüber aus, probeweise wirft er das Bild einer herbstlichen Landschaft an die hellgrün gestrichene Mauer. Er achtet darauf, dass Emilies Blick in die entsprechende Richtung fällt und stellt das Bild scharf, dann fördert er mehrere verschlossene Plastikdosen aus den Tiefen des Koffers hervor, die er vorsichtig neben Emilies Kopfkissen drapiert. Zum Schluss lässt er die Jalousien herunter, um das Zimmer zu verdunkeln, er zieht die Straßenschuhe aus und öffnet den obersten Knopf seines Hemdes. Zufrieden nimmt er wieder Platz, die Vorführung kann beginnen. Der Diaprojektor wirft das etwas verschwommene Bild einer Europakarte an die Zimmerwand, mit rotem Stift ist eine krakelige Route darauf eingezeichnet worden. „Wir fahren einmal quer durch Deutschland und die Schweiz, bis nach Italien“, verkündet Herr Zimmermann feierlich. „Wir fahren mit dem schwarzen Panther bis zum Comer See!“ An der Wand gegenüber erscheint das Bild eines schwarzen Volvo Kombi, dann die Aufnahme einer gemütlich eingerichteten Küche im Stil der siebziger Jahre. „Wir sind heute morgen schon vor vier Uhr aufgestanden, es war dunkel draußen, die Sterne standen noch am Himmel. Du hast frisch aufgebrühten Kaffee in die orange Thermoskanne gefüllt, du weißt schon, die von Tante Irmi, die mit den Blümchen. Ich habe unser Gepäck in den Wagen geladen, habe den Ölstand ein letztes Mal überprüft und nun sind wir auch schon unterwegs. Du bist ganz aufgeregt und freust dich wie ein Kind auf die Berge und ich freue mich mit dir.“ Herbert Zimmermann schaltet den Kassettenrekorder ein, brummende Motorengeräusche tönen durch das Krankenzimmer, vermischt mit fernem Hundegebell, schrillem Hupen, dem Dröhnen von LKW-Motoren und anderen Geräuschen der Straße. Geschickt bedient er den Diaprojektor und Bilder einer typisch deutschen Autobahn lösen einander an der blassgrünen Wand ab. „Die Kilometer fliegen nur so dahin, die Autobahnen sind auf weiter Strecke frei, es gibt gar keine Staus, maximal zähfließenden Verkehr. Kaum haben wir Frankfurt erreicht, sausen wir auch schon an Karlsruhe vorbei.“ Herr Zimmermann spult die eingelegte Kassette ein Stück vorwärts, er drückt erneut auf Play und zeigt gleichzeitig das nächste Dia. Ein schmuckes Restaurant, eingebettet in die Kulisse hoch aufragender Weinberge, ist zu sehen, dazu spielt der Kassettenrecorder unauffällige Schlagermusik. „Wir pausieren, um ein Mittagessen in einem netten Restaurant am Ufer des Rhein einzunehmen und genießen die herrliche Aussicht auf der Terrasse.“, erklärt Herr Zimmermann. An der Wand wechseln Bilder eines geschmackvoll dekorierten Restaurants mit romantischen Ansichten des Rhein. „Ich bestelle Schnitzel mit Jägersauce und Pommes, du bestellst ein Rindergulasch mit Spätzle und gemischtem Salat. Du kleckst dir schon beim ersten Bissen Gulaschsaft auf deine Bluse und ich sage dir, dass dich das nur noch schöner macht.“ Herr Zimmermann lacht hell, für einen kurzen Moment wirkt er um Jahre verjüngt. „Nach einem kleinen Spaziergang am Rheinufer geht es auch schon wieder weiter, der Kombi schafft die Kilometer mühelos, schon bald überqueren wir die Grenze zur Schweiz.“ Ein Bild der Schweizer Flagge erscheint, gefolgt von mehreren Dia, die blumenübersäte Bergwiesen mit friedlich grasenden Kühen und rustikalen Berghütten zeigen. Herr Zimmermann spult die Kassette vor, bis sentimentale Volksmusik, untermalt von Vogelgezwitscher und bimmelnden Kuhglocken erklingt. Vorsichtig öffnet er eine der Plastikdosen, die er neben das Kopfkissen gestellt hat und der würzige Duft von Heu breitet sich im Krankenzimmer aus. „Kannst du die herrliche Bergluft riechen, mein Engel?“, fragt er zärtlich und hält die Dose unter Emilies Nase. Frau Zimmermann starrt nur weiter mit halbgeöffneten Augen zur Wand. Herbert Zimmermann streichelt mit seiner freien Hand liebevoll über Emilies blasse Stirn, rückt eine Strähne ihres ergrauenden Haares zurecht, dann seufzt er leise und stellt die Plastikdose beiseite. „Draußen wird es langsam dunkel“, beginnt er wieder zu erzählen, während leise Klaviermusik erklingt. „Du fröstelst und ich stelle die Heizung im Wagen an. Wir werden die Nacht in einem hervorragenden Hotel verbringen, es ist nicht mehr weit. Ich habe ein Zimmer für uns reserviert. Mit Blick auf die Berge.“ An der Wand gegenüber erstrahlt ein Dia der Alpen bei Mondschein. Herr Zimmermann lehnt sich im Besuchersessel zurück und blickt versonnen auf das Bild. Seine Gedanken treiben, getragen von den sanften Klängen der Klaviermusik, zu einer lauschigen Nacht am Fuße der Schweizer Berge, die nur in seiner Fantasie existiert. Ganz sacht fallen seine Augenlider zu, sein Kopf sinkt auf die Brust herab, Herr Zimmermann schlummert ein. Ein plötzlicher Hahnenschrei aus dem Kassettenrekorder lässt ihn schuldbewusst zusammenzucken. „Zeit zum Aufstehen!“, ruft er viel zu laut, dann schüttelt er verlegen den Kopf und schnaubt humorvoll. „Verzeih mir, Liebes“, murmelt er mit schiefem Grinsen, er stoppt den Kassettenrekorder und wechselt den Diaschlitten.

„Jetzt sind wir schon beinahe in Italien“, fährt Herr Zimmermann nach einer kleinen Pause fort, „die Schweiz ist ja kein großes Land, und durch die Tunnel sind wir in Null Komma Nichts hindurchgeschlüpft. Wobei die Schweiz ja eigentlich gar nicht so klein ist. Sie ist nur aufgefaltet. Würde man die Alpen entfalten, wären das Land ziemlich groß, denke ich.“ Herr Zimmermann kratzt sich stirnrunzelnd den Schädel. „Wie dem auch sei, wir fahren jetzt durch die Tunnel.“ Das Bild eines langgezogenen Tunnels ist an der Wand zu sehen, schlagartig abgelöst vom Dia einer Mautstation und der Italienischen Flagge. „Und schon sind wir in Italien!“ Herbert Zimmermann strahlt bis über beide Ohren, er betätigt den Kassettenrekorder, dreht die Kassette um und schon ertönen italienische Liebeslieder. Freudig öffnet er eine weitere Plastikdose. „Riech nur, das Aroma Italiens“, bemerkt er und atmet selbst betont intensiv ein. Der liebliche Duft von Zitronenblüten durchflutet das Krankenzimmer. „Ah, herrlich“, macht Herbert Zimmermann und verdreht genüsslich die Augen. Dann stellt der die Dose zur Seite und erzählt weiter. „Bis zum Comer See ist es nur noch ein Katzensprung, der schwarze Panther saust die engen Kurven entlang, es scheint, als würden wir fliegen. Du sagst, dass du den See bereits riechen kannst und ich glaube dir, denn du hast immer recht, wenn du das Wasser spürst.“ Herr Zimmermann öffnet eine weitere Plastikdose, die den Geruch des Wassers enthält. Verschiedene Muscheln und kleine, flache Steine liegen darin. Er betrachtet die Muscheln und seine Augen werden weich. „Die hast du selbst gesammelt. An der Nordsee. Weißt du noch?“ Herbert Zimmermann lässt kurz die Schultern sinken, sein Gesicht wirkt traurig und leer, doch dann strafft er energisch den Rücken. Er wendet sich resolut dem Diaprojektor zu und klickt durch einige Bilder, die typisch italienische Bergdörfer und idyllische Landschaften zeigen, bis er schließlich die erste Aufnahme des Comer Sees gefunden hat. „Ah, was für ein Anblick!“, frohlockt Herr Zimmermann mit übertriebener Freude. „Wir fahren zwischen dem See und den Bergen dahin, die Straßen sind so schmal, dass keine zwei Katzen aneinander vorbeikommen können. Trotzdem funktioniert der Verkehr, irgendwie. Du schlägst vor, dass wir im nächsten Dorf zu Mittag essen könnten und wir finden ein entzückendes Restaurant, das direkt am Ufer des Sees errichtet ist. Der Kellner spricht kaum Englisch oder Deutsch, trotzdem verstehen wir uns prächtig. Es gibt kleine Begrüßungshäppchen und Sekt, du bestellst Wildschweinpasta, ich entscheide mich für Steak. Das Essen schmeckt köstlich, dazu ein gutes Glas Wein und die Aussicht, die ist wirklich berauschend. Der See liegt ruhig und klar, eingebettet zwischen schneebedeckten Gipfeln, die sich in seinen stillen Wassern spiegeln. Ein Fischadler kreist unter strahlend blauem Himmel, hörst du ihn rufen?“ Erneut greift Herbert Zimmermann nach der Hand seiner Frau, umfasst sie zärtlich mit beiden Händen, beugt sich herab und drückt einen weichen Kuss auf ihre reglosen Finger. Er legt die Hand sanft zurück in das strahlende Weiß der Bettwäsche und wendet sich wieder den Diabildern zu. An der Wand gegenüber ist nun die Aufnahme einer bildhübschen Seepromenade mit glücklich spazierenden Menschen zu sehen. „Wir flanieren auf der Promenade und essen Eis im Sonnenschein. Du streckst den großen Zeh ins Wasser, es ist eiskalt und wir…“ Ein Klopfen an der Tür unterbricht Herrn Zimmermanns Erzählfluss. „So spät schon?“, entfährt es ihm bestürzt, er räuspert sich und setzt ein freundliches Gesicht auf. „Herein“, ruft er betont heiter und augenblicklich betritt eine mollige Krankenschwester das Krankenzimmer. „Herr Zimmermann, bitte entschuldigen Sie, aber es ist bereits nach 18 Uhr. Frau Zimmermann braucht ihre Behandlung.“ „Natürlich, Schwester Dorothe“, erwidert Herbert Zimmermann freundlich, er verlässt seinen Platz neben dem Bett, öffnet die Jalousien und schaltet den Diaprojektor aus. Der Kassettenrekorder spielt immer noch italienische Liebeslieder. „Wohin ging es denn heute?“, fragt Schwester Dorothe, während sie Emilie Zimmermann für die Behandlung vorbereitet. „Wir waren in Italien. Am Comer See“ Herr Zimmermann packt seine Utensilien sorgfältig zurück in den großen braunen Lederkoffer. „Das war bestimmt eine sehr schöne Reise“, bemerkt Schwester Dorothe liebenswürdig. „Einfach unvergleichlich“, antwortet Herbert Zimmermann und schaltet den Kassettenrekorder aus.

© sybille lengauer

Die Hirschfrau

Veröffentlicht: März 26, 2020 in Kurzgeschichten
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Es ist nie still im nächtlichen Sommerwald. Emsige Lebewesen knistern im dichten Unterholz, Wind flüstert in den Wipfeln der Bäume. Fledermäuse sirren durch die Dunkelheit, jagen geisterbleichen Motten hinterher. Ein Waldkauz jammert klagend. In einem Tümpel rufen Frösche sehnsüchtig zur Balz auf. Über den rauschenden Baumkronen spannt sich der grenzenlose Himmel, bauschige Wolken durchziehen seine samtblaue Weite. Funkelnde Sterne treten gegen einen sichelförmigen Mond an, der ein sardonisches Lächeln in die Nacht reißt.
Clemens fühlt sich einsam inmitten der Fülle. Er hört nicht den Nachtgesang der Frösche, hört nur die Stille in seinem Herzen. Er sieht nicht, wie das Licht des Mondes durch die Bäume schimmert, sieht nur das Ende seines Weges, an einem glatten Buchenast. Clemens erhängt sich. Zumindest ist das seine Absicht. Bisher hat er es vom Waldparkplatz bis zur kräftigen Buche geschafft, die er ausgesucht hat.
„An diesem Ast könnte man sich prima aufhängen.“ dachte er vor drei Monaten, als sein Bruder ihn schwatzend durch das Naturschutzgebiet schleifte. Die jungen Blätter des Baumes hatten in der Frühlingssonne beinah neongrün geleuchtet und Clemens war kurz stehengeblieben, hatte sich vorgestellt, wie er friedlich unter dem hellgrünen Blätterdach im Wind schaukelte. Der Gedanke wirkte beruhigend auf ihn. Es fiel Clemens leichter, den Schwall der Worte zu ertragen, den sein Bruder über ihm ausgoss. Es fiel Clemens leichter, den sinnlosen Spaziergang zu ertragen. Die Fahrt zurück im stickigen Auto und auch den nächsten Tag, mit all seinen Hindernissen. Und so blieb der Gedanke. Lungerte in seinem Gehirn, weckte ihn manchmal auf, wenn er abends vor dem Fernseher einschlief und zeigte ihm das Bild seiner schaukelnden Leiche.
Clemens ist schon lange schwer depressiv. Bisher fehlte ihm der Antrieb, um sich das Leben zu nehmen, aber sein Therapeut hat neue Tabletten verordnet. Dr. Mertens hofft, dass Clemens durch die veränderte Medikation mehr aus sich heraus und in die Umarmung eines sozialen Umfelds treten könnte, doch der springt stattdessen über seinen eigenen Schatten und überwindet die letzte Hemmschwelle. Clemens leuchtet mit seiner Stirnlampe den glatten Stamm der Buche empor. Der Ast reckt sich hoch über seinem Kopf in die Dunkelheit, blickt nicht zurück, sieht nicht einladend oder abweisend aus, ist einfach nur ein stabiler Buchenast. Clemens überprüft den Inhalt seines Rucksacks. Starrt auf das Seil, ohne es wirklich anzusehen. Dann schlingt er seinen Ledergürtel um den Stamm des Baumes und klettert ungelenk nach oben. Seit seiner Jugend ist er nicht mehr auf Bäume geklettert, doch im Grunde ist es wie mit dem Fahrradfahren. Man verlernt es nie. Clemens zieht sich auf den untersten Ast. Keuchend legt er eine Pause ein. Der wackelnde Lichtkegel seiner Stirnlampe macht ihn seekrank. Ärgerlich schaltet er das Lämpchen ab, wartet auf dem Ast, bis sich seine Augen an die Nacht gewöhnt haben. Dann klettert er weiter nach oben, bis er, verschwitzt und außer Atem, den hohen Ast erreicht. Clemens ist am Ziel. Er empfindet Erleichterung. Das Seil ist präpariert, der Knoten ist geübt, Clemens weiß, was er tut. Keine drei Minuten später sitzt er sieben Meter über dem Waldboden, die Schlinge um den Hals gelegt, das Seil fest um den Ast geschlungen. Zum ersten Mal nimmt Clemens seine Umgebung wirklich wahr. Er riecht den harzgeschwängerten Duft des Waldes, hört die Blätter der Buche in der sanften Brise rauschen, spürt ihre kühle Rinde unter seinen Händen. Durch das dichte Laubdach funkeln vereinzelte Sterne. In diesem Augenblick leuchten sie nur für ihn. Clemens springt. Schmerz folgt auf den kurzen Fall, blendender, gellender Schmerz. Schmerz der aufhören will. Nicht mehr gespürt werden will. Der atmen will. Der gequälte Körper bäumt sich auf, wehrt sich krampfhaft gegen das straffe Seil, das gnadenlos den Kehlkopf zerdrückt. Clemens zuckt und schaukelt wild hin und her.

Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. Zeit vergeht nicht. Zeit existiert nicht. Nur Dunkelheit. Keine Schmerzen, keine Gedanken, keine Richtung. Nur ein Körper, der an einem Seil im Nichts hängt. Clemens wartet. Hängt da und wartet darauf, dass etwas passiert. Dass sich die Dunkelheit auflöst, oder ein Abgrund sich auftut, aber es bleibt einfach nur Finster. Er erschrickt heftig, als plötzlich eine Frau vor ihm steht, die ein mächtiges Hirschgeweih auf dem Kopf trägt. Mit dunklen Augen sieht sie ihn ausdruckslos an. Ein Blumenkranz aus Lungenkraut, Waldmeister und Goldnessel windet sich durch ihr langes Haar, rankt das ausladende Geweih empor. Ihr Körper verschwindet in einem dicken Mantel aus rotbraunem Fell, der bis zu ihren nackten Füßen reicht. Weidenröschen sprießen zwischen ihren Zehen hervor. Ein intensiver Geruch nach Moschus und Jasmin hüllt Clemens ein, der an seinem Seil baumelt und die Augen aufreißt. „?“ fragt die fremde Frau. Clemens versteht nicht. Er hängt nur sprachlos im Nichts und starrt die Hirschfrau an. „?“ fragt sie erneut, dann zieht sie ein kleines Messer unter ihrem Mantel hervor und schneidet mit einer fließenden Bewegung das Seil durch. Clemens fällt entgeistert ins Nichts. Er landet auf weichem Boden, spürt knisterndes Laub zwischen seinen Fingern, obwohl er nichts sehen kann. Verwirrt blickt er zu der Fremden auf. Die Hirschfrau neigt den schönen Kopf, lächelt und streckt eine schlanke Hand zu ihm aus. Clemens denkt nicht lange nach und ergreift sie. Um ihn herum erwacht die Dunkelheit zum Leben. Schatten von riesigen Bäumen wachsen aus dem Nichts. Recken sich in einen sternlosen Himmel, über den fahle Polarlichter wandern. Hunderte Waldblumen sprießen aus einem federweichen Boden. Prächtiger Fingerhut blüht in leuchtenden Farben, Waldveilchen entfalten sich in einem dicken Teppich aus Sauerklee und Moos. Farne entrollen riesige Blätter, Weißdornbüsche schießen auf und tausende, schneeweiße Blüten verbreiten süßlichen Duft. „?“ fragt die Frau wieder. „Ich kann dich nicht verstehen.“ sagt Clemens und fasst sich erschrocken an den Hals. Er hat den Schmerz nicht vergessen. Er hat die Todesangst nicht vergessen. Die Fremde nickt wissend. Sie zieht Clemens auf die Beine. Hält seine Hand fest und sieht ihm sanft ins Gesicht. Ihre Haut fühlt sich warm und weich an. Ihre großen, dunklen Augen sprechen von Geborgenheit. „Bin ich tot?“ fragt Clemens mit leiser Stimme. „Im Moment zappelst du noch ein wenig.“ antwortet es rau in seinem Rücken. Clemens dreht sich schaudernd um. In einer jungen Esche sitzt ein Rabe und erwidert herausfordernd seinen Blick. „Krah.“ macht der Rabe. „!“ sagt die Frau. Der Rabe flattert zornig auf und verschwindet krächzend zwischen den mächtigen Bäumen. Clemens sieht ihm erstaunt hinterher. „Was war das?“ fragt er. Die Fremde berührt sein Gesicht, wendet es sanft dem ihren zu. Die Hirschfrau haucht ein Lied. Die Melodie ist simpel und doch komplex. Traurig und trotzdem heiter. Leise und dabei so laut, dass der Wald erzittert. Clemens spürt das Lied in seinem Kopf, fühlt, wie die Töne auf seiner Haut prickeln und sein Innerstes berühren. Er drückt die Hand der Fremden, so fest er kann. Weint, lacht, weiß selbst nicht, was er empfindet. Während sie singt, rankt der Blumenkranz im Haar der Hirschfrau langsam über ihren Rücken, den langen Mantel hinunter. Verschmilzt mit dem dichten Blütenteppich auf dem Waldboden. Fingerhut beginnt, ihren Rücken hinauf zu wachsen. Zu ihren Füßen reifen Erdbeeren. Clemens lauscht verzaubert, saugt die Melodie in sich auf, spürt, wie sein ganzer Körper mit den Tönen schwingt. Berauscht gerät er ins Taumeln, lässt die Hand der Hirschfrau los und fällt jäh ins Nichts. Erschrocken starrt Clemens die blumenumrankte Gestalt an, die in der absoluten Dunkelheit vor ihm steht. Das Lied ist verklungen, der Wald ist verschwunden, Clemens zittert. „Wer bist du?“ fragt er. Die Fremde antwortet mit einer traurigen Geste. „?“ fragt sie ihn und streckt erneut die Hand aus. Clemens liegt auf dem Rücken im Nichts, starrt auf ihre Hand, starrt auf die Erdbeeren, die immer noch zwischen ihren Zehen reifen. Er hebt den Kopf. Über ihm baumelt sein Körper am Seil. Seine Füße treten wild durch die Luft, seine Hände versuchen krampfhaft, die enge Schlinge zu lösen. „Ich sterbe gerade.“ stellt er nüchtern fest. Die Hirschfrau sieht ebenfalls zu seinem zuckenden Körper hinauf, sie nickt langsam. „Du bist so etwas wie ein Engel.“ flüstert Clemens und kommt sich dumm vor. Die Fremde sieht ihn sanft an und streckt wieder die Hand aus. „Okay.“ sagt er nur und greift nach ihr. Schon steht er wieder im dichten Blütenmeer, sein baumelnder Körper verschwindet, hohe Bäume ersetzen den bitteren Anblick. Polarlichter ziehen wieder über einen nachtschwarzen Himmel. Clemens atmet den intensiven Duft von Moschus und Jasmin, verliert sich in der Farbenpracht des Waldes. „Sing mir dein Lied.“ bittet er. Im Geweih der Frau erblüht roter Fingerhut, als sie erneut die überirdische Melodie haucht. Clemens beobachtet gebannt, wie sich ihre vollen Lippen teilen. Sein Blick gleitet über ihr betörendes Gesicht. Vorsichtig berührt er die glatte Haut ihrer Wange. Die Hirschfrau schließt die Augen, tritt näher an ihn heran. Clemens nimmt sie in die Arme, versinkt in der wohligen Wärme ihres Pelzes. Das Lied schwingt in ihm, er zertritt achtlos die Beeren, die zu seinen Füßen wachsen. Schmiegt sich an ihren weichen Körper, verliert sich im Augenblick. Die Fremde öffnet die Augen und beendet ihr Lied. Die Melodie schwingt trotzdem weiter, wird von den Blüten und Blättern des Waldes getragen. Klingt in den Polarlichtern am Himmel. Clemens atmet tief ein und küsst sie. Eng umschlungen stehen sie da, unter den wogenden Zweigen der gewaltigen Bäume. Der Wald erzittert in einer großartigen Harmonie. Die Hirschfrau legt ihren Mantel um Clemens Schultern, erwidert fordernd seinen schüchternen Kuss. Clemens kriecht in ihre innige Umarmung, versinkt in ihrem animalischen Duft. Zarte Blumen beginnen in seinem Haar zu sprießen.
Ein Fuchs beobachtet das Liebespaar. Er liegt unter einem Weißdorn und zuckt ungeduldig mit den Ohren. „Wann können wir endlich anfangen?“ fragt er. Oben im Weißdorn hockt der Rabe. „Wen meinst du mit wir?“ fragt er zurück. „Bruder, du gibst mir doch etwas ab.“ bettelt der Fuchs und hechelt treuherzig zum Raben empor. „Mein Fund, mein Fest.“ antwortet der. „Es ist doch genug für uns beide da.“ bittet der Fuchs und zeigt beim Lächeln alle Zähne. „Das wird sich zeigen.“ brummt der Rabe. „Wir könnten ein Spiel spielen.“ schlägt der Fuchs vor. „Ich kenne deine Spiele.“ versetzt der Rabe. „Andererseits, warum nicht. Es dauert eine Weile, bis sie seine Seele gefressen hat.“ Der Fuchs nickt wissend. Gemeinsam ziehen sie sich tiefer in den Wald zurück.

© sybille lengauer