Mit ‘Mutanten – Helden’ getaggte Beiträge

A S H

Veröffentlicht: Januar 8, 2020 in Kurzgeschichten
Schlagwörter:,

A S H
(Anonyme Super-Helden)

Alles begann vor vierzig Jahren, als ein ungewöhnlicher Asteroidenschauer plötzlich die Atmosphäre der Erde traf… Ach fuck it. Jede Geschichte, die seither erzählt wurde, beginnt mit dem verdammten Asteroidenschauer. Jeder Idiot, der es auch nur halbwegs versteht zu schreiben, erzählt über die Wolke und ihre fatale Wirkung auf unsere Gene. Dabei kennen wir alle die Geschichten. Jedes Kind weiß, was damals geschah. Und dass seither alles anders geworden ist, brauche ich auch niemandem zu sagen. Im Grunde kann ich nur meine Geschichte erzählen und das reicht eigentlich auch schon. Also hey, mein Name ist Joe und ich habe übermenschliche PSI-Kräfte. Wenn man es genau nimmt, habe ich natürlich einen Scheiß. Wenn man es ganz genau nimmt, teile ich einen Körper mit meinem eineiigen Zwillingsbruder Jack. Sag hallo, Jack. „ACH, FICK DICH, JOE.“ Danke für deinen Beitrag, Jack. Wie dem auch sei, wir stecken also von Geburt an zusammen in einem Körper und da es nur einen aktiven Geist braucht, um so einen Fleischklops zu bedienen, kann der andere den Körper verlassen um, nur zum Beispiel, die Antworten einer laufenden Prüfung nachzuschlagen. Wir haben eine Menge hoch dotierter Auszeichnungen gewonnen, bevor uns die IMAB (Internationale Mutanten-Abwehr-Behörde) auf die Schliche kam. Danach war es natürlich vorbei mit der akademischen Bilderbuchkarriere und die nächsten Jahre arbeiteten wir ausschließlich im Auftrag der IMAB. Es gab ja nur diese Möglichkeit. Die einfache Wahl lautete: Die Behörde oder der Knast. Was gab es da groß zu überlegen? Also wurden wir ausgebildet und schließlich als Internationaler Mutanten-Suchagent, IMS Joe Jackson, auf die Welt losgelassen. Ich weiß nicht, wer in dieser humorlosen Behörde ausgerechnet an jenem Tag einen Clown gefrühstückt hat, aber danke noch einmal für diesen bekackten Namen, Kumpel. Unsere Aufgabe war es, geheime Mutantentätigkeiten innerhalb europäischer Firmen zu untersuchen. Illegale Geschäfte also, bei denen sich ein Unternehmen unerlaubten Vorteil durch den Einsatz eines oder mehrerer Mutanten verschafft. Die Sache lief eigentlich immer gleich ab. Joe Jackson begann als kleiner Angestellter in einer unbedeutenden Abteilung zu arbeiten und während er sich brav zwischen 9 und 17 Uhr abrackerte und zufriedenstellende Ergebnisse an seine Vorgesetzten lieferte, durchdrang ein geisterhafter Unsichtbarer alle Abwehrsysteme der Firma, um selbst ihre bestbehüteten Geheimnisse zu erforschen. Was wir fanden unterliegt selbstverständlich behördlicher Geheimhaltung, aber ich kann verraten, dass jedes, wirklich jedes Unternehmen, das wir in sechs Jahren untersucht haben, in irgendwelche miesen Geschäfte verwickelt war. Natürlich ging es dabei nicht immer um Mutanten. Aber nicht selten landeten wir einen Volltreffer. Die Behörde interessierte sich ausschließlich für unsere Erkenntnisse im Bereich illegaler Mutantentätigkeiten. Jack und mich hingegen interessierten die profan menschlichen Fälle von Eifersucht und Seitensprung, nagender Missgunst und Gier, die uns ein einträgliches Feld der Erpressung eröffneten. Wirklich reich sind wir darüber nicht geworden, aber ich will mich auch nicht beklagen. Wir haben unseren Schnitt schon gemacht. Das Leben lief eigentlich gut. Klar, es war nie einfach. Wie soll es das auch sein, wenn du eine Zwangs-WG in einem Körper bildest und nichts von dem, was du denkst oder tust, vor deinem Bruder verborgen bleibt? Da kommt es ganz unausweichlich zu Reibereien und um ehrlich zu sein, gab es davon nicht wenige. Aber irgendwie verstanden wir es immer, uns schließlich wieder zusammenzuraufen. Gemeinsam gegen den Rest der Welt, oder so ähnlich. Es lief irgendwie. Bis Natascha in unser Leben trat. Nein, ich erzähle hier keine schmalzige Liebesgeschichte. Billige Romanzen kannst du dir meinetwegen im rosaroten Boudoir deiner sentimentalen Busenfreundin reinziehen. Natascha war dreizehn Jahre alt und fand die Strähnen in unserem ergrauenden Barthaar alles andere als sexy. Tatsächlich fand sie uns sogar ausgesprochen unsympathisch, als wir uns zum ersten Mal begegneten. IMS Joe Jackson arbeitete damals Inkognito in der deutschen Niederlassung eines namhaften Softwareherstellers. Wir hatten die Führungsetage und einen Großteil der Angestellten unter die Lupe genommen und bisher keinen greifbaren Beweis für illegale Mutantentätigkeiten entdeckt. Hinweise gab es zwar zuhauf, aber jede Spur, die wir verfolgten, verlief irgendwann im Sande und wir standen vor der Entscheidung, einen negativen Abschlussbericht an die Behörde zu verfassen. Jack kam schließlich auf den zündenden Gedanken, jene vielgerühmte Jugend-Sportgruppe in Augenschein zu nehmen, die drei Mal wöchentlich auf dem firmeneigenen Sportgelände trainierte und für das Unternehmen an protzigen Wettbewerben teilnahm. Was Jack dort neben hervorragenden Weitsprung- und Lauftalenten fand, waren engagierte, junge Mutanten, die unter der Anleitung ihres vermeintlichen Sportlehrers Spezialaufgaben für die Firma erledigten. Der heimliche Star der Truppe war eine junge Gedankenmanipulatorin namens Natascha. Niemand konnte sich der Kraft ihrer autosuggestiven Botschaften widersetzen, nichts blieb ihrem alles durchdringenden Blick verborgen. Auch Jack nicht, der sich unsichtbar im Kraftraum unter die Teenager mischen wollte und von Nataschas entrüsteten Schreien vertrieben wurde. Wir waren aufgeflogen. Das war uns noch nie passiert. Natascha war ein verdammtes Mutantensucher-Suchgerät. Das war brandgefährlich, aber zugleich hochinteressant und so zögerten wir den Bericht an die IMAB hinaus, um uns näher mit Nataschas Fähigkeiten auseinanderzusetzen, bevor sie im gefräßigen Bauch der Behörde verschwand. Ich werde unser Treffen nie vergessen. „Was wollt ihr alten Säcke von mir?“, fragte das zierliche Mädchen in den zerrissenen Jeans und ich antwortete mit einem Schulterzucken. Wir standen vor einem billigen Schnellrestaurant, Natascha, Jack und ich. Drei Menschen, die nur zwei Schatten warfen, aber daran störte sich Natascha nicht. Sie schaute uns herausfordernd an und zog geräuschvoll Rotz durch ihre gerötete Nase: „Also, was ist jetzt?“ „Wir wollen dir helfen.“, übernahm Jack das Ruder. „Wobei wollt ihr Pappnasen mir schon helfen?“, schoss Natascha gereizt zurück und ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken. „Beim Überleben.“, antwortete Jack düster. Er hatte immer schon diesen Hang zum theatralischen. „Ja klar.“, schnaubte Natascha abfällig. Sie drehte sich um und schlenderte, demonstrativ desinteressiert, die Straße hinunter. Wir folgten ihr dichtauf und ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden erneut das Wort an sie richtete, ich weiß nur noch, dass der Begriff Mutanten fiel und Natascha daraufhin die Beherrschung verlor. „Ich bin kein Mutant, du dämlicher Wichser, ich bin ein gottverdammter Superheld!“, schrie sie zornig, dann schlug sie Jack und mich mit einer mentalen Schockwelle zu Boden und verschwand in den Straßenschluchten der Stadt. Nach dieser Auseinandersetzung gab es kein Herankommen an sie, Natascha hielt vorsichtigen Abstand zu Joe Jackson und der Firma. Also informierten wir nach einigen Tagen die IMAB und ließen den Dingen ihren Lauf. Nie hätte ich damit gerechnet, Natascha eine Woche später vor der Tür unserer Wohnung zu finden. Zitternd und mit dunklen Ringen unter den Augen, durchfroren, übernächtigt und zutiefst verängstigt. „Ihr wolltet mir helfen. Jetzt helft mir auch.“, forderte sie und in ihren Augen lag keine Bitte. „Nein.“, antwortete Jack ohne zu zögern und in diesem Moment zerbrach das fragile Band, das mich und meinen Bruder bis dahin verbunden hatte. Ein Streit entbrannte, den ich hier nicht beschreiben will, den ich nicht beschreiben kann, denn die Dinge, die gesagt wurden, öffneten eine Mördergrube zwischen uns, die sich bis heute nicht geschlossen hat. Natascha beendete die wüste Auseinandersetzung, indem sie Jack aus Joe Jacksons Körper schleuderte und mir die alleinige Kontrolle überließ. Als materieloser Geist konnte Jack nicht viel ausrichten, Natascha war also vorerst in Sicherheit. Einer Sicherheit wovor? War es wirklich mein Plan, eine dreizehnjährige Mutantin vor der IMAB zu verstecken? IMS Joe Jackson, der willige Grüßaugust der Behörde, der jahrelang ein zufriedenes Dasein als schattenhafter Befehlsempfänger geführt hatte? Wenn nicht ich, wer dann? Ich beschloss, Natascha zu verstecken. Es hätte ein großartiges Abenteuer werden können. Eine spritzige Geschichte über Verfolgungsjagden und geheime Treffen, gespickt mit markigen Sprüchen und hirnlosen Dialogen, aber es endete noch in derselben Nacht. Mit Tränen. Ich hätte wissen müssen, dass IMS Joe Jackson von der Behörde überwacht wurde. Warum sollte die IMAB einem altgedienten Mitarbeiter vertrauen, wenn sie ihn auch abhören kann? Unbewusst hatte ich vielleicht sogar damit gerechnet, denn wirklich erschrocken war ich nicht, als das Sondereinsatzkommando der Behörde unser schäbiges Hotelzimmer stürmte. Trotzdem kämpfte ich tapfer. Für Natascha, die in einem verwaschenen Superman T-Shirt vor dem Fernseher hockte und gellend schrie. Für den Mann, der vielleicht aus mir geworden wäre, wenn mich die Behörde damals nicht erwischt hätte. Ich kämpfte für Joe, ich kämpfte für Jack, ich kämpfte für meine diffuse Vorstellung von Freiheit und Würde. Ich kämpfte und ich verlor. Natürlich. Die IMAB kennt Methoden, um sich gegen mentale Angriffe von Mutanten zu verteidigen. Ihre Strategien sind nicht schön, sie sind nicht elegant, aber sie sind unglaublich effektiv. Wir hatten keine Chance. Ich glaube, dass ein Teil von mir damals auf diesem klebrigen Hotelzimmerteppich gestorben ist. Ein naiver, aufgeweckter Teil, der die Welt als einen großen Spielplatz betrachtete und das Leben für ein Abenteuer hielt. Als ich hilflos mitansehen musste, wie Natascha von den Spezialagenten überwältigt und brutal verhaftet wurde, erstarb jedes gute Gefühl in mir und übrig blieb kaum mehr als kalte Bitterkeit. Ich habe sie nie wieder gesehen. Natascha verschwand, wie so viele, die in die Fänge der Behörde geraten sind. Vielleicht sitzt sie isoliert in irgendeiner Sonderzelle und zählt tote Fliegen. Vielleicht bekommt sie in einem dieser verdammten Umerziehungslager eine Gehirnwäsche verpasst. Ich kenne die Geschichten. Ich bin nicht dämlich. Und das Ende vom Lied? Ich habe meine Haftstrafe abgesessen. Jack auch, was unsere Beziehung nicht gerade verbessert hat. Als ich schließlich rehabilitiert und in die freie Gesellschaft entlassen wurde, beschloss ich den Verein der Anonymen Super-Helden zu gründen, um Natascha und all den anderen Kindern eine Stimme zu geben. Es ist unsere Aufgabe, aus der stummen Masse hervorzutreten und den Menschen dieser Welt zu sagen: Ihr ruft uns Superhelden oder schimpft uns Mutanten, aber egal wie ihr uns nennt, ihr drückt damit nur eines aus: Dass ihr anders seid als wir. Und das stimmt auch. Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht. Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht. Und wenn ihr uns beleidigt, werden wir uns rächen. Freiheit für Mutanten. Jetzt und überall.

© sybille lengauer