Mit ‘Pflegeheimgeschichte’ getaggte Beiträge

Serial Senior

Es hätte alles nicht so schlimm kommen müssen. Auch wenn sich das im Nachhinein vielleicht allzu leichtfertig dahersagen lässt. Schließlich ist man hinterher immer klüger, ist dann doch das ganze Ausmaß der Tragödie bekannt. Am Anfang weiß man oft gar nicht, dass man sich inmitten einer Tragödie befindet, meist ahnt man ja noch nicht einmal, dass man in einer Geschichte steckt. Die Handlungsstränge des Lebensweges fließen nahtlos ineinander und während man orientierungslos von einem Tag zum nächsten stolpert, landet man schon kopfüber in einer blutigen Geschichte. Dabei übersieht man leicht die Hinweise, die unscheinbar am Wegesrand liegen und etwas über die aktuellen Ereignisse verraten könnten. Kleinigkeiten, die sich langsam summieren und in der Erkenntnis kulminieren: „Verdammter Mist, ich stecke in einer fürchterlichen Tragödie.“ Aber dazu kommt es meistens erst zu spät.
So sah Herr Wagner zum Beispiel nicht genau hin, als er die vermüllte Wohnung des pflegebedürftig gewordenen Herrn Peter Tobler entrümpelte. Er warf keinen einzigen Blick in die vielen Fotoalben und Tagebücher, interessierte sich nicht für die akribisch gefaltete Damenunterwäsche, die in einer schmucklosen Holzkiste unter dem Bett lag, überflog nur grob den Inhalt der unzähligen Umzugskartons voller Notizblöcke, Skizzen und Zeichnungen, die der alte Herr in seinen zwei Kellern gehortet hatte. „Alles wertloses Zeug.“ lautete Julian Wagners grimmiges Urteil und er hätte sich nicht schlimmer täuschen können, denn die privaten Besitztümer von Serienmördern sind auf dem Schwarzmarkt heiß begehrte Ware. Doch Unwissenheit und fehlende Neugier beförderten all die wertvollen Beweismittel und Erinnerungsstücke zur Müllverbrennungsanlage, nichts blieb mehr übrig, das man einem enthusiastischen Kuriositätensammler hätte verkaufen können. Bis heute wird Herr Wagner grün vor Zorn, wenn man ihn an diesen groben Schnitzer erinnert. „Hat damals doch keiner was geahnt, von dem Ganzen.“ murmelt er dann meist beleidigt und wechselt das Thema.
Auch Frau Willhelm sah nicht ganz genau hin, als sie den verrunzelten Alten abfertigte, der in einem faltbaren Rollstuhl vor ihr saß und mit blassblauen Augen zur Zimmerdecke schielte. Ihre Hauptaufgabe war es, das Pflegeheim „Drei Linden“ zu verwalten und so verfuhr sie auch mit dem Neuzugang (Herr Peter Tobler, 95, Schwerwiegend gemindertes Wahrnehmungsvermögen mit einhergehender Aphasie) im Sinne der Verwaltung. Hätte sie nur ein wenig genauer hingesehen, ihr wäre vielleicht das kalte Glitzern nicht entgangen, das sich in Herrn Toblers Augen stahl, als er für einen kurzen Moment aus seiner mentalen Umnachtung auftauchte. Sie hätte bemerken können, wie gierig seine knotigen Hände im Rollstuhl zuckten, sie hätte stutzig werden können, als sich sein magerer Körper im Zeitlupentempo vorwärts beugte und sich sehnsüchtig nach einem dolchartigen Brieföffner reckte, der auf ihrem überladenen Schreibtisch lag. Doch bis Frau Willhelm endlich ihre Lesetätigkeit einstellte und kurzsichtig von den Akten aufschaute, hatte Peter Tobler längst wieder den Zugang zur realen Welt verloren, sein Moment der mörderischen Klarheit war dahin und vor ihr saß nur ein bleicher, zitternder Greis, der gedankenverloren ins Nichts starrte. Es darf daher auch nicht verwundern, wenn Andrea Willhelm bis zum heutigen Tage an ihrer Überzeugung festhält, sie hätte „Im Leben nicht!“ bemerken können, welch finstere Abgründe sich hinter Herrn Toblers altersfleckiger Stirn verbargen.
Der einzige, der tatsächlich genauer hinsah, war Peter Toblers neuer Zimmergenosse, Herr Heinz-Bernhard Kolping. Ihm genügte ein kurzer Blick quer durch das Doppelzimmer und schon wusste er, mit wem er es zu tun hatte. Lautstark verweigerte er dem Pflegepersonal die Erlaubnis, den Rollstuhl mitsamt neuem Mitbewohner an sein Krankenbett zu schieben, um sich näher miteinander bekannt zu machen. Schrill hallte sein protestierendes „Er hat den Teufel im Leib!“ durch die grau laminierten Flure der Station. Doch während man sowohl den Entrümpelungsfachmann, als auch die Kauffrau im Gesundheitswesen möglicherweise ernst genommen hätte, wären sie mit etwaigen Erkenntnissen über Peter Toblers mörderische Veranlagung an die Öffentlichkeit gegangen, ignorierte man Heinz-Bernhard Kolpings geschriene Einwände geflissentlich, denn der bettlägrige Senior galt als hochgradig dement und war somit nicht ernst zu nehmen. Eine beschämende Tatsache, die sein trauriges Schicksal besiegelte. Es dauerte keine vierundzwanzig Stunden, da stürzte er tragisch aus seinem Bett und erlag einer üblen Kopfverletzung, die er sich beim Sturz zugezogen hatte.
Nun hätte die Geschichte an diesem Scheideweg noch eine andere, weniger grausame Wendung nehmen können. Einem aufmerksamen Pfleger wären vielleicht die eigenartigen Kratzer und Blutergüsse aufgefallen, die Heinz-Bernhard Kolpings faltigen Hals bedeckten. Ein scharfsinniger Notarzt hätte aus den Beobachtungen des Pflegers vielleicht den Schluss gezogen, dass jemand den armen Herrn Kolping mit roher Gewalt gewürgt und brutal aus dem Bett geschleudert habe. Einem verständigten Polizisten wäre vielleicht aufgefallen, dass Heinz-Bernhard Kolping in den letzten Stunden seines Lebens nur mit einer einzigen Person zusammen war… Vielleicht hätte es auch schon genügt, wäre der Verstorbene zur Leichenbeschau in die städtische Pathologie überstellt worden, doch leider wurde Heinz-Bernhard Kolping ohne weitergehende Untersuchungen verpackt, abgeholt, eingeäschert und auf dem kleinen Urnenfriedhof in der Nähe des Pflegeheims begraben und so zerplatzen all die möglichen „Vielleichts“, „Hättens“ und „Wärens“ wie Seifenblasen. Die Geschichte schlittert in ihre unauslöschliche Bahn, die Tragödie nimmt endgültig ihren Lauf.

Wochen vergingen, in denen sich die tödlichen Unfälle im Pflegeheim „Drei Linden“ wie durch einen bösen Zauber mehrten. Zuerst starben einige der vergreisten Bewohner. Auffällig häufig während der langen Nachtstunden, in denen kaum Personal auf den Stationen anzutreffen war und auffällig nahe an Herrn Toblers Doppelzimmer, in welchem er, seit dem Tode Heinz-Bernhard Kolpings, vorerst alleine residierte. Beate Triebengast zum Beispiel, eine nette, kleine Dame, die ein Einzelzimmer zu seiner Linken bewohnte, verstrickte sich eines Nachts ganz unglücklich in ihrem Beatmungsgerät und erstickte. Sabine Hybner, eine ebenfalls ausgesprochen nette, kleine Dame, die von anhaltender Schlaflosigkeit gequält wurde, rutschte tragisch aus und brach sich das Genick, als sie um halb vier Uhr morgens durch die Station wanderte. Den betagten René Bertling erwischte es auf der Toilette, obwohl er weder nett, noch eine kleine Dame war. Das rettete ihn nicht vor einem überraschend blutigen Ableben auf der Porzellanschüssel.
Als sich die ungewöhnlichen Todesfälle immer weiter häuften und langsam zum allgemeinen Gesprächsthema avancierten, als man damit begann, zusätzliches Pflegepersonal in den Nachtschichten einzusetzen und die Türen der Patientenzimmer ab 21:30 Uhr abzuschließen, da ereilte der plötzliche Tod nicht mehr allein die Bewohner, sondern auch die Mitarbeiter des Pflegeheims am helllichten Tage. So geriet zum Beispiel der Haustechniker, Vadim Antonescu, wohl aus reiner Unachtsamkeit so ungeschickt in den Hebelift, dass dieser, als er sich unerwartet in Bewegung setzte, seinen Unterleib sauber abtrennte und ihn halbierte. Die Raumpflegerin Suzana Tomic stürzte ganz unglücklich im Treppenhaus, doch wurde sie zum Glück nur schwer verletzt, ihrer Kollegin Sylva Nowak erging es schlechter, sie starb durch einen fürchterlichen Stromschlag, den ihr ein defektes Staubsaugerkabel versetzte. Schlimm erging es auch dem jungen Auszubildenden, Sören Nievers. Er stolperte bei der Essensausgabe und landete kopfüber in einem Besteckkasten. Niemand konnte zufriedenstellend erklären, wie sich ausgerechnet ein Löffel durch sein Auge ins Gehirn bohren konnte.
All diese Unglücksfälle hätten einen aufmerksamen Beobachter auf die Spur des Serienmörders Peter Tobler lenken können, denn dieser war immer in der Nähe, wenn sich ein grässlicher Zufall ereignete. In manchen Fällen gab es sogar Zeugen, so schwor die Pflegeassistentin Roswita Almbach, sie habe „Mit eigenen Augen gesehen!“ wie der lahme Peter Tobler im Gemeinschaftsraum blitzschnell einen Fuß ausstreckte, um der betagten Hildegard Schneider ein Bein zu stellen. Suzana Tomic, die sich im Krankenhaus nur langsam von ihrem schweren Sturz im Treppenhaus erholte, berichtete von dunklen Erinnerungen an eine schattenhafte Gestalt im Rollstuhl, die urplötzlich hinter ihr aufgetaucht war. Patienten begannen instinktiv, die Nähe des stummen Eigenbrötlers zu meiden, Pfleger hatten das unbewusste Gefühl, ein kalter Schauer liefe über ihren Rücken, wenn sie sein Zimmer betraten. Doch all diese kleinen Hinweise und merkwürdigen Zufälle verpufften in der brodelnden Gerüchteküche des Pausenraumes, in der jedermann viele Theorien und wenige Tatsachen zu den schauerlichen Vorfällen beizusteuern wusste. Die Geschichten waren unüberschaubar aufgeblasen und verworren und so war es Frau Willhelm schlicht unmöglich, bei einer hausinternen Untersuchung klare Erkenntnisse zu gewinnen. Doch auch wenn ihre missliche Lage auf menschlicher Ebene nachvollziehbar erscheint, so muss doch an dieser Stelle betont werden, dass es ein schweres Versäumnis von ihrer Seite war, den Tag Der Offenen Tür unbedingt veranstalten zu wollen, obwohl besagte Veranstaltung von derart schwerwiegenden Vorkommnissen überschattet wurde. In ihrer Verantwortung hätte es gelegen, den Besuch der Grundschulklasse 2b abzusagen und die Leben der armen Kinder zu retten. Doch was nützt es jetzt, auf die Schuldige zu verweisen, wo sie doch alle tot und begraben unter der Erde liegen? Vielmehr nützt es vielleicht, in einem Nebensatz zu erwähnen, dass Peter Tobler unter den wohlsorgenden Händen des verängstigten Pflegepersonals prächtig gediehen war. Der Aufenthalt im Pflegeheim kam für ihn einer Verjüngungskur gleich. War er bei seiner Ankunft noch abgemagert, zitternd und gelblich-bleich, hatte er in den letzten Wochen kräftig an Gewicht zugelegt. An guten Tagen ruckelte er seinen Rollstuhl allein durch die Station, manchmal wirkte er heiter gestimmt, ja, beinahe vergnügt und ein rosiger Hauch lag auf seinen runzligen Wangen.
Die Besucher, die am Tag Der Offenen Tür ins Pflegeheim strömten, bekamen es also mit einer deutlich agileren Version des alten Tattergreises zu tun, doch hätte man ihm trotzdem niemals zutrauen können, ein derartiges Gemetzel unter ihnen anzurichten. Der Zufall half, das darf man nicht unterschlagen, fast scheint es, als lastete ein böser Fluch auf den armen Menschen, so einfach wurden sie zu Herrn Toblers Opfern. Denn wie lässt es sich erklären, dass Peter Tobler ausgerechnet am Abend vor der Veranstaltung einen unverschlossenen Putzmittelschrank fand, als er ruhelos mit seinem Rollstuhl durch die Flure geisterte? Wie soll man verstehen, dass er unentdeckt ins Getränkelager gelangen und die alkoholfreie Bowle vergiften konnte, die man für den angekündigten Besuch der Grundschulklasse 2b vorbereitet hatte? Er, der noch nicht einmal in der Lage war, seine Schuhbänder selbst zuzubinden! Wie ist es möglich, dass niemand ihn entdeckte oder zumindest aufmerksam wurde, als sich am nächsten Tag die Kinder über den eigenartigen Geschmack der Bowle beschwerten? Mussten sie denn wirklich alle trinken? Und warum trank auch der Lehrer, der doch eigentlich gar keine alkoholfreie Bowle mochte? Wie kann es sein, dass selbst der Stadtrat, der zur Eröffnungsrede eingeladen war, ein Glas hinunterstürzte, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon einige Schüler über Atemnot klagten? Es ist nicht zu erklären. Unverständlich auch, wie Peter Tobler in der anschließenden Panik die Gelegenheit und Ausdauer besaß, zwei Besucherinnen abzustechen, die das Pech hatten vor seinen Rollstuhl zu geraten. Die Damen waren zur Unterstützung des Kuchenbuffets erschienen und wurden im Gewühl der hysterischen Leiber vom kaltblütigen Schlächter hingemetzelt. Blutüberströmt rollte er anschließend durch das Menschengewimmel davon, Augenzeugen berichten von einem irren Grinsen, das dabei auf seinem zahnlosen Gesicht lag. Sie beschreiben es einstimmig als „abgrundtief böse.“
Und abgrundtief böse war er auch, der Serienmörder Peter Tobler. Wie viele Personen er in seinem langen Leben ermordet hat, niemand kann es mit Sicherheit sagen. In seinem ehemaligen Beruf als Fernfahrer standen ihm ungeahnte Möglichkeiten zur Verfügung. Tötete er sechzig, hundertdreißig, sogar zweihundert Menschen? In wie vielen Ländern war er früher unterwegs? Die Ermittlungen der Polizei dauern an und den Berichten in den Medien ist nicht zu vertrauen, es herrscht allgemeine Unsicherheit über das gewaltige Ausmaß seiner Taten. Mit Sicherheit ist nur zu sagen, dass Peter Tobler an jenem Vormittag unbeschadet aus dem Chaos entkam, das er unter den Gästen des Pflegeheims „Drei Linden“ angerichtet hatte. Man fand ihn schließlich im hauseigenen Gärtchen, umgeben von toten Spatzen und Tauben, die er mit vergifteten Brotkrumen angefüttert hatte. Während vor dem Pflegeheim die Krankenwagen und Polizeiautos in langen Kolonnen auffuhren und aus dem Gebäude entsetzte Hilferufe drangen, war Peter Tobler im herbstlich milden Sonnenschein einem Hirnschlag erlegen und es ist vielleicht eine Tatsache, vielleicht aber auch nur ein zynisches Gerücht, dass auf seinem Gesicht ein zufriedenes Lächeln lag…

© sybille lengauer