Mit ‘Phil Noir’ getaggte Beiträge

Vorwort: Ich habe Axel Aldenhoven über das Anthologieprojekt „2101 – Was aus uns wurde“ (Link zum Projekt) kennengelernt und er war so liebenswürdig, seinen Zeitreise-Klassiker „G.O.D.S. – Menschheit in Gefahr“ (Link zu Axels Buch) mit meinen neuerschienenen „Mottengedanken“ zu tauschen. Die wohlklingenden Früchte, die dieser Austausch getragen hat, konntet ihr schon in meinem früheren Blogeintrag „Axel Aldenhoven liest die Alienentführung“ (Link zum Blogeintrag) genießen. Sein ausgesprochen gelungenes Vorlesen hat mich wiederum zu einer Geschichte inspiriert, „Phil Noir“ entstand mit Axels Stimme in meinem Kopf. Und jetzt könnt ihr genau das hören. Ich präsentiere mit stehendem Applaus und begeisterten Jubelrufen meinerseits: Axel Aldenhoven liest „Phil Noir – Eine Geschichte in Schwarz-Weiß“

Phil Noir
(Eine Geschichte in Schwarz/Weiß, für A.A.)

Es ist sechs Uhr morgens, ich sitze in meinem Drecksloch von Küche und zähle die Fliegen. An der Fensterscheibe krabbeln vier Stück, fett und glänzend wie die Regentropfen, die von außen unablässig gegen die Scheibe klatschen. Am Rand meiner Kaffeetasse treiben es zwei miteinander, eine dritte sieht gelangweilt dabei zu. Genau wie ich. An den widerwärtigen Fliegenfängern, die in Spiralen von der Küchendecke baumeln, klebt bestimmt ein ganzer Schwarm von ihnen. Aber die rechne ich nicht mit. Die sind schon tot, die zählen nicht. Und die paar wenigen, die noch zappeln und sich winden, haben es auch bald hinter sich. Genau wie ich. Die Wanduhr in meinem Rücken tickt gnadenlos die Sekunden aus meinem Leben. Zu laut. Zu aufdringlich. Mehr ist nicht zu hören, nur das Summen der Fliegen und das Ticken der verdammten Uhr. War ein Abschiedsgeschenk der Kollegen. Nach zweiundzwanzig Dienstjahren gehst du mit ein paar warmen Worten und einer beschissenen Wanduhr, die deine restliche Lebenszeit in feine Streifen schneidet. Tick-Tack. Tick-Tack. Und schon ist es Zeit für die Grube. Aber so ist das eben. Ich verscheuche die Fliegen von meiner Kaffeetasse und trinke. Der Kaffee ist lauwarm und schmeckt bitter. Mein Magen rebelliert, ich spüre Säure aufsteigen. Ätzend. Brennend. Unangenehm. Aber zumindest spüre ich etwas. Wenn ich ehrlich bin, muss ich eingestehen, dass ich an Selbstmord denke. Ach, drauf geschissen, im Grunde denke ich jeden Morgen daran. Aber ich bringe es nicht fertig mir das Licht auszuknipsen. Der Sicherungsschalter von Mutter Natur ist zu stark. Also sitze ich in meinem Drecksloch von Küche und zähle die Fliegen, bis es spät genug ist, um mit dem Trinken zu beginnen. Ein leises Klopfen an der Wohnungstür lässt mich aufhorchen. Zaghaft und verstohlen, als würde eine Küchenschabe gegen das billige Sperrholz pochen. Ich schleiche durch den Flur, äuge misstrauisch durch den Spion und sehe Lewandowski, der sich vor meinem Eingang herumdrückt und aussieht als wolle er Heroin verkaufen. Mehr als ein geknurrtes: „Was willst du?“ hört er nicht von mir, ich öffne die Tür nur einen Spaltbreit. Lewandowski reißt geheimnistuerisch die Augen auf und flüstert etwas von Kaffee unter vier Augen. Ich überlege, ob ich die Tür lieber zumachen soll. Für Nachbarschaftshilfe habe ich nichts übrig. Aber dann führe ich ihn doch in meine Küche und lasse ihn zwischen den Fliegenfängern stehen, während ich mich an den Tisch setze und starre. Lewandowski tritt verlegen von einem Fuß auf den andren und druckst herum, dass er froh ist mich anzutreffen. Ich starre ungerührt weiter und erwarte, dass er endlich zur Sache kommt. Der Mann ist ungefähr in meinem Alter, hat das Gröbste also hinter sich. Normalerweise sieht man ihn nur in Topform, doch heute ist er schlecht rasiert und sein Arsch hängt halb aus der Hose. Seine Augen sind blutunterlaufen, aus dem Hals stinkt er nach Zigaretten und Gin. Erinnert mich irgendwie an mich. Eigentlich kann ich Lewandowski nicht leiden. Er ist immer höflich und zuvorkommend, hat stets ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Das ist schonmal per se verdächtig. Wenn wir uns im Haus begegnen, versucht er mich immer in kleine Gespräche zu verwickeln. Das Wetter. Die Krise. Sonstige Banalitäten. Ich antworte nie, aber das hält ihn nicht zurück. Nein, ich kann Lewandowski wirklich nicht leiden. Keine Ahnung, warum ich ihn in meine Küche gelassen habe. „Komm endlich zur Sache, Mann“, entfährt es mir gereizt, meine Geduld ist aufgebraucht. „Ich – ich brauche deine Hilfe“, stottert Lewandowski, „Es geht um Paffin. Sie ist in Schwierigkeiten.“ Paffin. Paffin. Wer zur Hölle ist Paffin? Ich durchforste mein Gedächtnis und stoße auf das Bild einer pickligen Minderjährigen, die in übergroßen Stiefeln durch das Stiegenhaus trampelt. „Deine Enkelin“, rate ich und lasse es sicher klingen. Lewandowski zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Ich liege also richtig. „Du musst ihr helfen, Phil“, stößt er hervor, er setzt sich unaufgefordert an den Tisch, rückt mit dem Stuhl unangenehm nah an mich heran. Ich rücke von ihm ab und bringe meine Kaffeetasse zwischen uns. „Ich muss gar nichts“, sage ich und meine es. „Sie ist schwanger!“, zischt Lewandowski und ich glaube, dass ich hören kann, wie sein filigranes Nervenkostüm zerreißt. Seine Augen füllen sich mit Tränen, sein zu kurz geratenes Kinn wackelt und formt Trauergrübchen. „Rauchst du?“, frage ich, um uns aus der peinlichen Situation zu retten. Eine Zigarettenlänge später kenne ich die ganze Misere. Es ist die übliche Geschichte. Mädchen trifft Jungen. Mädchen verliebt sich in Jungen. Was folg ist verklemmter Sex, bei dem man natürlich auf Verhütung verzichtet. Fertig ist das Drama. Die Leute werden sich das Maul zerreißen, das College wird das Stipendium kündigen, das Mädchen verliert seine Chance auf eine Karriere. Und so weiter. Und so fort. Ich frage mich, was das ganze Elend mit mir zu tun hat und frage es auch Lewandowski. Der schreckt aus seinen Horrorphantasien, scheint ganz vergessen zu haben, wem er gegenübersitzt. „Du hast Kontakte“, flüstert er und in seinen Augen glimmt eine Hoffnung, die mich abstößt und verunsichert. Ich knalle die Kaffeetasse mit Wucht auf den Tisch. „Auf Beihilfe zu Abtreibung steht die Todesstrafe, Mann.“ Lewandowski fährt zurück, seine Wangen werden kreidebleich. „Bitte!“, quiekt er und flennt los wie ein Teenager. Seine kompromittierende Hilflosigkeit drängt mich in die Ecke. Das macht mich aggressiv. „Wie stellst du dir das vor? Soll ich sie in meinem Kofferraum über die Grenze schmuggeln, oder was?“ „Bitte“, stößt Lewandowski nur wieder hervor, zu mehr scheint er nicht mehr in der Lage. Ich beschließe, dass es spät genug ist, um mit dem Trinken zu beginnen. Schenke zwei Gläser ein. Randvoll. Wir trinken schweigend. Rauchen meine billigen Filterlosen. Hören dem Summen der Fliegen zu. Manchmal schluchzt Lewandowski leise, doch ansonsten bleibt er still. Und plötzlich ist da wieder die Uhr. Tick-Tack. Tick-Tack. Die Sekunden verdorren, fallen von meinem Leben ab und sammeln sich am Fuße eines riesigen Haufens ungenutzter Zeit. Ich starre in mein leeres Glas. Der Schnaps ist ausgetrunken. Meine Gedanken wandern am Boden des Glases umher, wie die Fliegen auf der Fensterscheibe. Suchen und verscheuchen einander, bis sich eine Frage herauskristallisiert: Was habe ich schon zu verlieren? „Okay, ich werde euch helfen“, sage ich, um das unerträgliche Ticken der Uhr zu übertönen und in Lewandowskis Gesicht geht im selben Moment die Sonne auf.

© sybille lengauer