Mit ‘Professor Bernstein’ getaggte Beiträge

Es war ein verregneter Samstagnachmittag im Juni 1993, als Professor Friedrich Bernstein den Apparat träumte. In tiefem Schlummer versunken lag er in seinem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer auf einer altgedienten Rattancouch. Eine leichte Sommerdecke umschlang den hageren Körper des Schläfers, seine schlanken Hände ruhten, locker ineinander verschränkt, auf der eingefallenen Altherrenbrust. Sein blasser Mund stand leicht geöffnet und atmete den Duft von Pfefferminzpastillen aus. Man hätte meinen können, es handele sich nur um einen einfachen Pensionist, der hier sein wohlverdientes Nachmittagsschläfchen absolvierte, doch war der Professor nicht irgendjemand. Er war der bedeutendste Träumer unserer Zeit. Während durch ein gekipptes Fenster regengekühlter Wind in die Wohnung wehte und die hellen Stimmen einer lärmenden Kinderschar von der Straße heraufdrangen, träumte er von massiven Zahnrädern und hunderten Schrauben, sah kupferrot glänzende Röhren und Ventile, die sich vor seinem inneren Auge, Stück für Stück, zu einem kunstvoll verschlungenen Ganzen zusammenfügten. Der Apparat entstand in seinem Geiste und während er ihn erdachte, lächelte der Professor zufrieden im Schlaf. Nach einer geraumen Weile tauchte er langsam aus den tiefsten Schichten seines Unterbewussten auf, hielt jedoch weiter die faltenumkränzten Augen geschlossen, um das Bild nicht zu verlieren, das in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte. Vorsichtig tastete er mit der linken Hand über das kleine Beistelltischchen, das auf dünnen Holzbeinen neben der Couch stand. Seine suchenden Finger glitten über eine leere Kaffeetasse und mehrere Kugelschreiber hinweg, griffen kurz in den halbvollen Kristallaschenbecher, der in seiner klobigen Größe das Tischchen dominierte, überwanden eine zerknüllte Zigarettenschachtel und fanden schließlich das kleine Diktiergerät, welches immer parat lag, wenn er ein Schläfchen wagte. Ohne ein Blinzeln zu riskieren, hielt Professor Bernstein das Aufnahmegerät nah an seine Lippen und begann in rasender Geschwindigkeit aufzusagen, was er in seinem Traumbild sah.

Es war ein kühler Dienstagabend im September 1996, als Gerda Roth dem Tod begegnete. Frustriert von einem stumpfsinnigen Arbeitstag, den sie im überheizten Großraumbüro einer renommierten Versicherungsgesellschaft verlebt hatte, fuhr sie in ihrem roten Peugeot 106 Dreitürer die Landstraße entlang und führte Selbstgespräche mit dem eingebauten Radio. Ihre keck auffrisierte Dauerwelle und die knallig bunt lackierten Fingernägel konnten nicht über ihre zänkisch verkniffenen Gesichtszüge hinwegtäuschen. Gerda Roth war gerade damit beschäftigt, den Moderator einer beliebten Talk-Sendung einen arroganten Esel zu schimpfen, als ein gigantischer Tintenfisch gegen die Windschutzscheibe ihres Kleinstwagens prallte. Entsetzt trat sie die Bremse bis zum Boden durch und riss gleichzeitig das Lenkrad herum. Der rote Peugeot schleuderte quer über die dunkle Landstraße und landete mit einem dumpfen Knall im matschigen Straßengraben. Der riesige Tintenfisch, der den Wagen in seiner blinden Agonie fest umklammert hielt, kollabierte unter dem zentnerschweren Gewicht seines monströsen Leibes und erstickte zugleich in der feindlichen Umgebung, der er plötzlich ausgesetzt war. In seinem schrecklichen Todeskampf zerquetschte er die Windschutzscheibe des kleinen Peugeot und tötete Gerda Roth, die zwischen Autositz und Lenkrad eingekeilt war und von den wild peitschenden Tentakeln zermalmt wurde. Wenige Sekunden später verwandelte sich der Kadaver des Tintenfisches in dampfenden Schleim, der an der zerdrückten Karosserie des Wagens hinunterfloss und im finsteren Straßengraben versickerte.
Zur selben Zeit schritt Professor Friedrich Bernstein in einer geräumigen Werkstatt auf und ab, die er vor drei Jahren angemietet hatte. Er betrachtete kopfschüttelnd den fertiggestellten Apparat, der auf einem stabilen Eisengestell mit vier massiven Rädern ruhte. Dutzende Zahnräder ratterten munter im Inneren der würfelförmigen Maschine, heißer Dampf brodelte durch gewundene Röhren und entwich in zischenden Fontänen. Ein dickes Kabelgeflecht stellte eine Verbindung mit einem enormen Glastank her, der zu zwei Dritteln mit milchig trübem Salzwasser gefüllt war. An einem rechteckigen Schaltpult blinkten grüne und orange Lämpchen fleißig um die Wette, während ein kleiner Bildschirm Ausschnitte eines fernen Korallenriffs zeigte. Alles erregte den Anschein betriebsamer Ordnung, doch der Professor seufzte nur deprimiert. Er musterte die verzerrte Reflektion seines demoralisierten Spiegelbildes in der dicken Tankglasscheibe, dann sog er scharf die Luft durch seine Nasenflügel ein, wandte sich entschlossen dem Schaltpult zu und legte energisch einen Heben um. Nach und nach verstummte das Rattern und Zischen im Bauch des Apparates. Die Lämpchen auf den Bedienfeldern erloschen und es wurde merklich dunkler in der Werkstatt, nur das Wasser im großen Glastank tauchte die Szenerie in fahl schimmerndes Licht.
Friedrich Bernstein nickte seinem jungen Assistent zu, der in diesem Augenblick bei der Tür hereinkam und mit großer Konzentration einen Teller mit, liebevoll garnierten, Schinken-Käse-Sandwiches vor sich hertrug. „Es funktioniert nicht, Roger.“ konstatierte der Professor niedergeschlagen und schlug mit der flachen Hand auf das glattpolierte Holz des Schaltpultes. Sein Blick glitt über den flimmernden Monitor, der immer noch Ausschnitte eines fernen Meeresbodens zeigte. Ein Ichthyosaurier schoss pfeilschnell durch das Bild, doch der Professor achtete nicht darauf. Roger Bloch stellte den Teller auf einer Werkbank ab, die mit Papieren und Notizblöcken überfüllt war und blickte mit gerunzelter Stirn zum Apparat. „Es könnte an der Unschärfe liegen.“ dachte Professor Bernstein laut nach und kratzte sich ratlos an der kahlen Schläfe. „Vielleicht sollten wir noch einmal ein unbelebtes Objekt testen?“ schlug Roger Bloch vor und rückte geschäftig seine ovale Nickelbrille zurecht. Der Professor maß den jungen Mann mit einem verächtlichen Seitenblick. „Was soll das nützen?“ fragte er in gereiztem Ton. „Wir transportieren seit acht Monaten Steine durch die Zeit. Das bringt uns nicht weiter.“ Der junge Assistent begann unter dem bohrenden Blick des Professors zu schwitzen. „Vielleicht haben wir die Zeit-Ort-Verschiebung falsch kalkuliert?“ stotterte er und sah dabei betreten zu Boden. „Die Chance besteht. Rechnen wir es noch einmal durch.“ Friedrich Bernstein trat an die überfüllte Werkbank und winkte Roger Bloch ungeduldig an seine Seite. Gemeinsam arbeiteten sie sich durch lange Zahlenkolonnen, füllten karierte Notizblöcke mit komplizierten Formeln und Berechnungen. Bevor sie schließlich einen neuerlichen Versuch wagten, griff Roger Bloch zu den Schinken-Käse-Sandwiches, die er für den Professor mitgebracht hatte und verschlang sie mitsamt der Petersiliengarnierung.
Kurze Zeit später hauchte der sechzehn Jahre alte Bäckerlehrling Johann DeMondelle sein Leben aus, als er, zwei Stunden nach Mitternacht, von einem riesigen Ammonit erschlagen wurde. Der Parapuzosia seppenradensis fiel buchstäblich aus heiterem Himmel und begrub den ahnungslosen Jugendlichen donnernd unter sich, der, nur wenige Schritte von seinem Elternhaus entfernt, sein brandneues Hercules Prima Mofa besteigen wollte, um zur Bäckerei zu fahren. Es blieb nicht viel übrig, vom armen Johann DeMondelle, denn der tonnenschwere Kopffüßer zermalmte ihn bis zur Unkenntlichkeit und hinterließ einen tiefen Krater im Asphalt. Als der Ammonit sich wenige Sekunden später in dampfenden Schleim auflöste, blieb nur der zerdrückte Leichnam des unglücklichen Bäckerlehrlings zurück. Das Hercules Prima stand, von der Katastrophe völlig unbeschadet, neben dem tiefen Krater. Der mysteriöse Todesfall erregte überregionale Aufmerksamkeit und wurde in den Medien ausgiebig diskutiert, doch weder Professor Bernstein, noch sein Assistent Roger Bloch, nahmen von dem Ereignis Kenntnis. Frustriert vom neuerlichen Misserfolg, zerlegte der Professor den Apparat, um Teile der Transportvorrichtung zu verbessern, während sich Roger Bloch in die Berechnungen vertiefte, die ein Navigieren durch die Zeit ermöglichten.

Es war ein windiger Mittwochmorgen im Dezember 1996, als Professor Bernsteins Kreation endlich den erträumten Erfolg erzielte. Der alte Mann hatte unermüdlich an der Vollendung des Apparats gearbeitet und mithilfe seines Assistenten sämtliche Berechnungen bis auf das letzte Komma überprüft. Für einen ersten Versuch hatte der Professor eine Zeitlinie im frühen Kambrium ausgewählt, die er für vielversprechend hielt. Nun stand er neben Roger Bloch in der hell erleuchteten Werkstatt und nickte anerkennend. Zufrieden beobachteten die beiden einen großen Anomalocaris, der im trüben Wasser des Tanks schwamm und immer wieder gegen die durchsichtigen Glaswände stieß. „Wir haben es geschafft.“ flüsterte Roger Bloch fassungslos, während der Professor selbstgefällig lächelte. „Haben Sie je daran gezweifelt, mein Sohn?“ fragte er in jovialem Ton. „Natürlich nicht, Professor.“ Roger Bloch beeilte sich, das Lächeln zu erwidern. „Nun holen Sie schon das Videogerät.“ Professor Bernstein wedelte fahrig mit einer Hand durch die Luft. Roger Bloch verließ im Laufschritt die Werkstatt und kehrte, fast Augenblicklich, mit einem modernen Camcorder zurück. Seine Hände zitterten stark, als er das schlanke Gerät aktivierte und auf den riesigen Glastank richtete. „Wir schreiben den vierten Dezember 1996. Es ist, ähm…wie spät ist es?“ „Fünf Uhr Dreiunddreißig.“ „Es ist Fünf Uhr Dreiunddreißig und wir haben endlich…, wir können vermelden, dass… ähm.“ „So wird das nichts, Roger. Richten Sie die Kamera auf mich.“ Professor Bernstein postierte sich breitbeinig und mit grimmigem Gesichtsausdruck vor den dicken Kabeln, die den Apparat mit dem Glastank verbanden. In seinem Rücken stieß der Anomalocaris dumpf gegen die massive Glasscheibe. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, geneigtes Fachpublikum. Es ist mir eine große Freude, Ihnen heute vom erfolgreichen Test meines fantastischen Zeit-Materie-Transporters zu berichten.“ Mit einer theatralischen Handbewegung wies er auf den zischenden Apparat. „Filmen Sie jetzt den Apparat, Roger. Gut. Ausgezeichnet. Und jetzt wieder mich.“ Der Professor hüstelte geziert und wandte sich der Linse des Camcorders zu. „Bestaunen Sie nun eine urtümliche Kreatur, die eben noch durch die warmen Wasser des Japetus-Ozeans pirschte und jetzt hier, in unserer Zukunft…“ „Professor!“ Irritiert durch Roger Blochs Zwischenruf unterbrach Professor Bernstein seine dramatische Rede. Er wandte sich nach dem Glastank um und fluchte. „Es hat sich plötzlich aufgelöst,“ hauchte sein Assistent, „da ist überall Schleim!“ „Stellen Sie das Videogerät ab.“ murmelte Professor Bernstein.

Es war ein verschneiter Freitagnachmittag im Januar 1997, als Professor Bernstein den Apparat erneut testete. Er tat dies alleine und ohne fremde Hilfe, da er die Erniedrigung nicht ertragen wollte, die er jedes Mal empfand, wenn er die ratlosen Blicke seines Assistenten auf sich ruhen fühlte. Anstelle des jungen Gehilfen leistete ihm nun süßer Portwein Gesellschaft. Friedrich Bernstein stand in Jogginghose und Unterhemd vor dem holzvertäfelten Schaltpult und legte mit steinerner Miene jenen Hebel um, der seinen fantastischen Apparat zum Leben erweckte. Summend und ratternd erwachte die Maschine zum Leben, der kleine Bildschirm, der in das Schaltpult eingelassen war, flackerte und zeigte eine Unterwasserlandschaft, durch die gewaltige Schwärme von Quallen trieben. Professor Bernstein suchte mit einem einfachen Zielsystem nach einer passenden Lebensform und schoss einen Transportstrahl durch die Zeit. Ein helles Gleißen flutete durch die Werkstatt, doch der Professor kannte den Effekt und wandte vorbeugend den Blick ab. Als sich das Licht wieder auf ein normales Maß reduziert hatte, schwamm eine riesige, fluoreszierende Qualle im milchigen Wasser des Glastanks. Friedrich Bernstein erlaubte sich ein kurzes, erleichtertes Seufzen, dann kniff er skeptisch die Augen zusammen. Er trank einen großen Schluck Portwein und überprüfte einige Anzeigen auf dem Schaltpult, als plötzlich Bilder und Emotionen sein Gehirn mit großer Heftigkeit überfluteten. Er spürte die unbeschreibliche Verbundenheit einer winzigen Lebensform mit der unermesslichen Weite des riesigen Ozeans. Fühlte sich im nächsten Moment sicher an einem rauen Felsen verankert, der im warmen Meereswasser einer kleinen Lagune lag. Bunt schillernde Fische schwammen pfeilschnell umher und mit einem Mal fing er einen dieser zappelnden Leckerbissen mit langen Tentakeln und führte die gelähmte Beute genüsslich zu seinem Mund. Er spürte einen Schauder der Zufriedenheit, dann brachen plötzlich Gefühle von Angst und Zorn über ihn herein. „Hilfe!“ schrie Professor Bernstein. Er taumelte rückwärts und schlug sich die Hände vors Gesicht. Doch die Bilder und Empfindungen hörten nicht auf, er sah trübes Wasser, die verzerrten Konturen der Werkstatt und sich selbst, wie er zusammengekrümmt an einer Wand hinter dem Schaltpult lehnte. Er spürte Verwirrung und großen Zorn, zugleich Entsetzen und eine unbändige Angst, wusste nicht, wer er war oder wo er sich befand, kannte nicht einmal mehr die Anzahl seiner Gliedmaßen. Er wollte wieder um Hilfe rufen, konnte aber nicht die beiden Münder in Einklang bringen, die er zugleich empfand. Ein Gefühl großer Hilflosigkeit wanderte zwischen dem Professor und der riesigen Qualle hin und her, dann schoss rasender Schmerz durch Friedrich Bernsteins Körper, als sich die majestätische Meduse langsam zu zersetzen begann. Wie die Lebensformen, die vor ihr durch die Zeit transportiert worden waren, löste auch sie sich unerbittlich auf, doch die verbesserten Formeln des Professors verzögerten den grausamen Prozess. Das wehrlose Tier wand sich verzweifelt hinter der dicken Glasscheibe, während sich sein Körper langsam zersetzte und Friedrich Bernstein fühlte jede Sekunde seines großen Schmerzes. Erst als sich der Schirm der Qualle restlos in Schleim aufgelöst hatte, brach die Verbindung zwischen ihnen ab und Professor Bernstein verlor das Bewusstsein.

Es war ein eiskalter Samstagmorgen im Januar 1997, als Professor Friedrich Bernstein den Apparat demontierte. Schluchzend kniete er auf dem kalten Werkstattboden und löste Schraube um Schraube aus den Eingeweiden der Maschine. Eine leere Flasche Portwein ragte aus dem Wirrwarr von Röhren und Zahnrädern hervor, das den Professor umgab und auf dem stillgelegten Schaltpult stand eine weitere, halbleere Flasche neben einem umgekippten Glas. Stück für Stück nahm der Professor seinen Zeit-Materie-Transporter auseinander, trennte Kabel, kappte Verbindungen, löste Gewinde. Er hielt erst inne, als er die Maschine vollständig auseinandergenommen hatte. Dann stand er ächzend auf und ließ das dunkelbraun verfärbte Wasser aus dem Glastank in die Kanalisation ablaufen. Er trank noch mehr Portwein, trank direkt aus der Flasche und lauschte mit gesenktem Haupt dem Rauschen des abfließenden Wassers, dachte an das unendlich weit entfernte Meer, das seit Millionen von Jahren nicht mehr existierte, dachte an die tiefe Verbundenheit, die er für kurze Zeit empfunden hatte und das Gefühl des schwerelosen Dahintreibens. Die Minuten verstrichen, der Professor stand mit geschlossen Augen da und fühlte der Wehmut in seinem Herzen nach. Er stellte sich vor, wie er die Werkstatt abschloss, sich in seinen Volvo S40 setzte und bis an die Nordsee fuhr. Er träumte sich an den Stand und während über seinem Kopf die Möwen kreischten, watete er in die sturmumtosten Wellen des Meeres, kehrte zurück in die vertraute Geborgenheit seiner archaischen Heimat. Professor Bernstein trennte sich nur schwer von diesem melancholischen Gedanken. Er öffnete widerstrebend die Augen und starrte niedergeschlagen auf den leeren Glastank. „Es tut mir so leid.“ flüsterte er. Betrübt löschte er beim Verlassen der Werkstatt alle Lichter, ohne sich noch einmal umzusehen. Er schloss sorgfältig hinter sich ab und fuhr in seinem Volvo S40 nach Hause, um nie wieder zu träumen.

© sybille lengauer