Mit ‘Punk’ getaggte Beiträge

„Entschuldigen Sie die Störung, hätten Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld, wir sammeln Spenden gegen das soziale Frühableben von ausgebeuteten Jugendlichen?“ Das gepiercte Grinsegesicht hinter der Frage gehört einer Jugendlichen mit dunkelgrün gefärbten Haaren, die in abgerissenen Klamotten eine Einkaufsstraße entlang patrouilliert. Der Spruch ist ein wenig ungelenk, funktioniert heute aber. Immer wieder schmunzeln Passanten und geben etwas Kleingeld ab. Einen Steinwurf entfernt versuchen zwei schwarzhaarige Mädchen, die in riesigen Lederjacken stecken, beherzt ihr Glück. Wer es noch nie gemacht hat weiß es vielleicht nicht, aber schnorren ist harte Arbeit. Man kann es sich natürlich einfacher machen und mit einem wehleidigen Schild Zeit und Aufwand sparen. Allerdings versucht sich der echte Straßenentrepreneur lieber an der gesprochenen Begegnung, verlässt sich dabei im besten Fall auf seine Ausstrahlung. Und wenn man gerade einen Lauf hat, weil der Frühling seine knospenden Finger ins Land streckt und selbst Stadtmenschen das Bedürfnis nach positiven Vibes nicht mehr unterdrücken können, dann nutzt man diesen Lauf. Die Passanten zeigen sich von ihrer seltensten Seite. Der Spendablen. Erst reicht es für Zigaretten. Dann reicht es für einen Besuch im Supermarkt. Schließlich wird es so viel, dass man über eine kleine Feier nachdenken kann und warum aufhören, wenn es am Schönsten ist? Also tanzen die drei noch ein wenig mit dem Menschenschwarm, der im Einkaufssog um sie herum fließt. Und es reicht für einen geilen Abend.

Der Abend beginnt in der Natur, oder was man in einer Stadt als solche bezeichnen kann. Jedes Stück Rasen kann dein Freund werden, wenn du es dir gemütlich genug getrunken hast. Zum Glück liegt die Stadt an einem Fluss und kann sogar mit einer ausgezeichneten Parklandschaft am Wasser aufwarten. Glitzernde Wellen, gleißende Sonnenuntergänge, ein kurz gemähter Rasen, der von großen, abstrakten Kunstwerken durchsetzt ist. Ein bisschen Kotze, ein paar Nadeln, hunderte Bierdosen. Aber das verliert sich im Grün. Vielleicht scheint es um diese Jahreszeit noch zu kalt, um sich hier warm zu trinken. Aber mit genug Enthusiasmus schafft man alles. Rot- und Weißwein kreisen zwischen zigarettenhaltenden Fingern, von irgendwo taucht ein Stückchen Hasch auf. Die Gespräche drehen sich um alles und nichts, während die drei jungen Frauen einem wuchtigen Ausflugsschiff zusehen, das seitwärts zum Anlegesteg steuert. „Scheiße, ich muss voll pinkeln.“ spricht das grünhaarige Mädchen aus, was seine Blase meldet. Der Weg zur öffentlichen Toilette erscheint zu weit, der Weg in die Büschen scheidet eben deswegen auch aus, es muss etwas Nahe gelegenes sein. „Bin gleich wieder da.“ Leicht schwankend erhebt sie sich und wackelt auf die riesige Metallinstallation zu, die diesem Bereich des Uferstreifens jenes kulturelle „je ne sais quoi“ verleiht, welches kleingeistige Großstädter angeblich besonders zu schätzen wissen. Die unzähligen Graffiti machen den Anblick weder besser noch schlechter. Der blanke Hintern, der sich nun der Umwelt präsentiert, sorgt immerhin für etwas Abwechslung. Was Hunde können, kann ein Mensch schon lange, und so pinkelt das Mädchen im kraftvollen Strahl vor das silbrig glänzende Kunstwerk. Bestaunt wird sie dabei von zweihundert Touristen, die gerade ihre beschauliche Flusskreuzfahrt in der schönen Metropole unterbrechen, um ein wenig Geld auszugeben. „Ich grüß meine Mutti!“ ruft sie ihnen zu und schüttelt den letzten Tropfen ab. Dann arbeitet sie sich wieder in ihre hautenge Jeans und schwankt breit grinsend zu ihren Freundinnen zurück. Der erste Schluck Wein kommt prompt bei der Nase wieder heraus, als ausgelassenes Gelächter die illustre Dreifaltigkeit erfasst und glockenhell übers Wasser klingt. Mit einbrechender Dämmerung nimmt die Flusskälte zu, die Mädchen frösteln, während es am Himmel dunkler wird. Letztendlich beschließt man den Umzug in wärmere Gefilde, der niedrige Pegelstand der Flaschen bewegt zu einem Umweg über die Tankstelle.

Schließlich sitzen sie wieder gemütlich, diesmal vor einer Kneipe, ausgebreitet auf dunklem Kopfsteinpflaster, das krumm und buckelig durch den historischen Stadtkern führt. Die Bars und Lokale erwachen zum Leben, Partymusik sickert auf die engen Gassen. Nachtschwärmer bereiten sich auf einen endlosen Abend vor. Heiterkeit braucht Gesellschaft und so werden es auch auf dem Kopfsteinpflaster immer mehr. Jugendliche und Hunde finden sich ein. Vom Schlurfen abgetragene Doc Martens begrüßen sich mit politisch korrekt getragenen Schnürsenkeln. Lässig an Schultern hängende Bomberjacken verkünden blumige Bandnamen und generelles raus für Nazis. Da es keinen besonderen Anlass gibt, hängen die meisten Iros lasch über gepiercte Ohren. Manche Haarfrisur könnte eine neue Färbung vertragen. Mancher Hund ein Flohshampoo. Manches Ego eine neue Politur. Man teilt die mitgebrachten Alkoholika, fällt über eine Tüte Chips her, die jemand in die Runde geworfen hat. Tauscht Neuigkeiten und kleine Plastiktütchen, Geld und Gerüchte wechseln die Besitzer. Irgendwann löst sich die Gruppe wieder auf, viele zieht es über die Brücke. Auf der anderen Uferseite lockt Hardcore Live-Beschallung. Wer sich nicht für Hardcore begeistern kann, bleibt lieber auf dieser Seite des Flusses, auch wenn das akustische Angebot in den gängigen Kneipen keine Verbesserung darstellt. Nimm was du kriegen kannst. Die drei Freundinnen tauchen gemeinsam in den Whirlpool aus Zigarettendunst, dröhnender Musik und saurem Bierschweiß ein.

„Die Musik ist echt Scheiße!“ ruft ein schwarzhaariges Mädchen kurze Zeit später dem anderen ins Ohr. Es ist erstaunlich, wie ähnlich sich die beiden im schummrigen Licht des Tanzlokals sehen. Sie verschwinden mit ihren schmalen Schultern in den mächtigen Lederjacken und lungern lässig auf einer Holzbank, die am Rand der mäßig bevölkerten Tanzfläche steht. Mit ihren dünnen Beinen und riesigen Stiefeln erinnern sie an zwei Krähenschwestern. Gleichgültig beobachten sie, wie sich ein paar angetrunkene Leiber zu amerikanischen Indie-Hits umtänzeln. Dazwischen lässt eine hackedichte, grünhaarige Gestalt ekstatisch die Hüften kreisen. „Alkohol stellt die komischsten Dinge mit den Leuten an.“ bemerkt eine Schwester trocken, doch die Musik ist zu laut und ihre Worte fallen ungehört auf den klebrigen Boden. Ungezählte Indie-Hits später, der Laden ist inzwischen brechend voll, geht der mitgeschmuggelte Wodka zur Neige. Zum Glück stehen mittelalte Männer mit hoffnungsvollen Gedanken Schlange, um in Not geratenen Jungfrauen zur Seite zu stehen – wenn diese die Lederjacken abgelegt und das Dekolletee präsentiert haben. Die Getränke kommen, die Herren dürfen bleiben. Sich etwas unterhalten. Nicht anfassen. Als die drei Freundinnen schließlich das Lokal wechseln wollen, beeilen sie sich die Herrn nicht mitzunehmen. Der Trick ist simpel und beinhaltet den ausgedrückten Wunsch nach einer Verköstigung. Ein Imbiss wird vorgeschlagen und natürlich erklärt sich ein Mädchen bereit, etwas zu organisieren. Ein erwartungsfroher Anwärter, gerne Mitte vierzig, willigt nun ein, der großäugigen Minderjährigen Pommes zu spendieren. Hüpfen doch ihre prallen Pfirsichbrüstchen so verheißungsvoll auf und ab, wenn sie sich im engen Tank-Top zur hämmernden Musik bewegt. Manchmal ist der Geldbetrag klein, manchmal ist er größer, auf jeden Fall sind fünf Minuten später alle lustigen Fräulein verschwunden und der alte Trottel muss sich doch wieder seine Ehefrau schönsaufen. Rien ne vas plus. Die nächste Runde spendiert ein neuer Mann mit grauen Strähnen in einem neuen Lokal mit schrecklicher Musik und irgendwie sind die Gesichter und Gespräche austauschbar, selten treffen sich echte Gedanken, während der Alkohol wie ein Stroboskop durch die Synapsen flackert. Mittlerweile ist auch ein wenig Anfassen drin, die Hemmschwelle sinkt und die Mädchen haben Erfahrung mit alten Männern, die sich an sie heranmachen. Diese Aufmerksamkeit erlebten sie schon in der Familie. Eine Erfahrung, die sie verbindet.

Der Abend entwickelt sich wie so viele Abende zuvor. Die Lokale werden regelmäßig gewechselt, die Musik bleibt gleichmäßig schlecht, manchmal wird vor eine Tür gekotzt. Die Getränke wechseln auch, von Gin Tonic über Whisky-Cola, von Weißwein hin zu Schnaps und zwischendurch ein Wodka Energy, man möchte noch wach bleiben. Man trifft Menschen die man kennt, Menschen von denen man so tut, als würde man sie nicht kennen und viele Unbekannte, die im Rausch zu Freunden werden wollen, die niemand braucht. Bisweilen schleicht man sich an einer Schlägerei vorbei. Im Eingang einer zwielichtigen Kaschemme treffen die Freundinnen auf einen alten Bekannten. Sein schlankes, sportliches Äußeres passt eigentlich nicht zum abgeranzten Erscheinungsbild der drei betrunkenen Mädchen, trotzdem begrüßt man sich herzlich. Innige Umarmungen werden ausgetauscht. Man geht gemeinsam nach drinnen, setzt sich an einen verdreckten Tisch mit Blick auf die Theke. Belanglosigkeiten werden erzählt, Schnäpse bestellt. Schließlich steht der junge Mann auf und geht zielstrebig zu den Toiletten. Eine halbe Zigarettenlänge später folgt ihm eine der Krähenschwestern betont unauffällig. Die Minuten ziehen ereignislos dahin, ‚Sweet Home Alabama‘ läuft zum vierten Mal an diesem Abend, zum vierten Mal brüllt irgendjemand besoffen den Refrain mit. „Was gab’s?“ wollen die Mädchen wissen, als ihre Freundin nach ein paar Minuten wieder an den Tisch zurückkehrt. „Ich hab Eitsch.“ flüstert die ihnen zu. Kleine Speicheltropfen fliegen in erwartungsvolle Ohrmuscheln. „Was?“ Sie flüstert angestrengt gegen die Musikanlage an. „Eitsch!“ „Was?“ „Heroin!“ „Oh.“ Die schwarzen Schwestern kennen Heroin. Haben sich schon ein bisschen mit der Materie bekannt gemacht. Sie tauschen vielsagende Blicke. Das Mädchen mit den dunkelgrünen Haaren kennt Heroin noch nicht. Hatte vielleicht Speed erwartet, oder Extasy erhofft. Sie legt die glatte Stirn in Falten. Zündet die hundertste Zigarette an. Ein betrunkener Bauernlümmel strauchelt vorbei, stolpert und fällt mit seinem nackten Oberkörper quer über den Tisch. „Was hast du mit mir?“ schreit er aufgebracht, dann bemerkt er, dass sich angeekelte Blicke in seine verschwitzte Haut bohren, erkennt den groben Fehler. „Wir kennen uns noch nicht?“ Er rappelt sich auf die Füße, versucht es mit einem benommenen Lächeln. „Dich will hier niemand kennen.“ kommt die gnadenlose Antwort von einer der eisigen Grazien. Dann stehen sie auf und verlassen das Lokal.

Eine spärlich ausgeleuchtete Bar, mit Kunstleder bezogene Sitzgelegenheiten, diskrete Samtvorhänge. Die Musik ist weichgespült, niemand hat Lust zu tanzen. Manche Pärchen reiben ein wenig die Hormone aneinander, ein paar einsame Trinker versinken im Labyrinth ihrer Gedanken. Niemand sucht Streit. In der Abgeschiedenheit eines Separees stoßen zwei der Freundinnen mit Gin Tonic an. Die dritte lehnt mit geschlossenen Augen am Tisch, schwarze Haarsträhnen fallen in ihr puppenhaftes Gesicht. Sie hält in einer Hand eine abgebrochene Zigarette, in der anderen ein Feuerzeug. Sitzt so seit zehn Minuten da. Manchmal sinkt ihr Kopf ein kleines Stück weiter nach unten. Mehr passiert bei ihr nicht. Abkacken nennt man das und es muss großartig sein. „Ich gehe jetzt auch gleich.“ erklärt das andere Krähenmädchen mit hörbarer Vorfreude in der Stimme. „Du kannst nachkommen. Klopf SOS an die Tür.“ Sie trinkt noch etwas von ihrem Gin Tonic, dann steht sie auf und geht quer durch den schwach beleuchteten Raum zu den Toiletten. Schwankt dabei ein wenig hin und her. Das zurückgelassene Mädchen wirkt nachdenklich. Sie beobachtet ihre ausgeschaltete Gefährtin durch gerötete Augen. Nimmt ihr die abgebrochene Zigarette aus den Fingern, legt sie in den überquellenden Aschenbecher. Fummelt eine neue Zigarette aus der Schachtel, raucht sie an. Steckt diese zwischen erstarrte Finger, die sich in der Zwischenzeit nicht bewegt haben. Ein zierlicher Kopf ruckt einen Millimeter nach oben, schmale Augenschlitze öffnen sich. Die Zigarette wird unendlich langsam an den Mund geführt, zwischen trockene Lippen gesteckt. Ein verwaschenes Lächeln erblüht und verblasst. Dann ist alles wieder gefrorene Zeit. Schließlich steht das Mädchen, das seine Freundin aufmerksam beobachtet hat, umständlich auf und folgt torkelnd einem diskreten „WC“ Zeichen zu ihrem Schicksal.

Die Tür zu der Damentoilette besteht aus blau lackiertem Holz und die schmale Faust, die sich davor zusammenballt, zittert ein wenig. Tausend und kein greifbarer Gedanke fahren durch einen betrunkenen Schädel. Zeit verstreicht ungenutzt. Für ordentliche Argumente viel zu betrunken, reicht es vielleicht noch für das richtige Bauchgefühl. Der Arm schwebt unbewegt vor der Tür, die Faust verharrt in der Luft. Nichts passiert. Schließlich dreht sich die junge Frau um, kehrt langsam zurück an den Tisch, setzt sich schwer seufzend hin. Hat eine Entscheidung getroffen. Sie trinkt das Glas leer, raucht eine weitere Zigarette, umarmt eine abwesende Gestalt, die die Umarmung nicht erwidert. Dann verlässt sie die schummrige Bar, tritt nach draußen in einen herandämmernden Morgen. Nieselregen legt sich auf die Stadt, legt sich auf das dunkelgrüne Haar, legt sich auf’s Gemüt. Die Traurigkeit kann kommen. Auf dem Weg nach Hause hört sie die Amseln von den Dächern singen.

© sybille lengauer

Scheißblut

Veröffentlicht: November 17, 2011 in Kurzgeschichten
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„Guck mal Mama, da ist Scheißblut am Boden.“ Eine piepsige, leicht verrotzt klingende Stimme drängelt sich durch die mäßig gefüllte Straßenbahn bis an meine Ohren. Sie gehört einem kleinen, vielleicht drei Jahre alten Jungen, dessen Mutter gerade karmesinrot zu leuchten beginnt. „Pscht“, zischt sie zwischen zusammengebissenen Zähnen und glotzt verlegen in die desinteressierte Runde. Ihr gequälter Mutterblick huscht von links nach rechts. Als sie merkt dass ich sie ansehe, huscht ein um Entschuldigung heischendes Lächeln über ihr Gesicht. „Aber Mama, da ist wirklich Scheißblut am Boden, jetzt guck doch mal!“ In nörgelndem Tonfall zupft der Kleine an meinem Trommelfell. Seine Hand zupft derweil ruppig am Jackenärmel der Mutter und ich kann ihr ansehen, wie unendlich peinlich die Situation für sie ist. „Pscht, Thomas, schäm dich. Sowas sagt man doch nicht, also wirklich.“ Wieder das Entschuldigungslächeln in meine Richtung. Als ob mich der Ausdruck Scheißblut interessieren würde. Thomas schnieft und steckt den Daumen seiner linken Hand in den feuchten Schmollmund. Seine Mutter denkt jetzt wahrscheinlich darüber nach, ob sie an der nächsten Haltestelle aussteigen soll. Ich denke daran, dass sich klein Thomas bei einer Vollbremsung den linken Daumen abbeißen würde. Dann gäbe es erst richtig Scheißblut hier in der Straßenbahn. Jetzt hat auch Thomas entdeckt dass ich in seine Richtung sehe. Mit einem sanften Schmatzer zieht er den Daumen aus dem Mund und guckt darauf, als hätte er ihn gerade neu entdeckt. Er sieht auch neu aus, der saubergelutschte Daumen. Wie er so im Sonnenlicht glänzt, das durch die zerkratzten Fenster der Straßenbahn scheint.

Eine Etage höher ist seine Mutter immer noch damit beschäftigt peinlich berührte Blicke in meine Richtung zu werfen, aber das wird mir zu langweilig. Thomas ist viel spannender als seine Wurfkiste. Ich schenke ihm mein berühmtes „Hey, ich bin echt cool, du auch?“ Lächeln und er grinst zurück. Zieht einen kleinen Schleimfaden hoch, der langsam aus seiner Nase läuft. Ja, Thomas ist auch echt cool, das merke ich jetzt und ich bin froh, dass die Straßenbahn vorhin keine Vollbremsung hingelegt hat. Jetzt deutet er mit seinem knubbeligen Zeigefinger auf den Boden vor sich. „Guck mal, Scheißblut.“ sagt mir sein Blick. Ich gucke und tatsächlich. Direkt vor Thomas ist eine kleine Lache getrockneten Blutes auf dem Boden. Irgendwer hat es vor einiger Zeit hier auf dem Boden verloren, aber es ist nicht genug als dass es der ehemalige Besitzer tatsächlich vermissen würde. Könnte aus einer Nase stammen, oder aus einem aufgeschnittenen Finger. Nichts spektakuläres. Ich runzle leicht die Stirn und signalisiere Thomas, dass seine Entdeckung bei weitem nicht die Aufregung wert ist, die er verursacht. Er versteht und beschließt spontan, die Situation etwas aufzulockern. „Scheißblut, Weißhut, Scheißblut, Weißhut!“ krakeelt er fröhlich. Ich muss grinsen, seine Mutter wird kreidebleich. Unsere Blicke treffen sich erneut und ich könnte schwören, dass sie mir die Schuld für das spontane Ständchen ihres Sohnes zuschiebt. Während ich mir denke, dass „Scheißblut, Reißwut!“ noch um ein Stück cooler als „Scheißblut, Weißhut“ klingen würde, zerrt sie den aufgekratzten Sohnemann an seiner Jacke zum Ausstieg und drückt den Knopf. Jetzt wirft sie mir keinen Entschuldigungsblick mehr zu, jetzt starrt sie stur geradeaus. Wünscht sich wahrscheinlich, sich in Luft auflösen zu können. Thomas findet die ganze Aufregung offensichtlich Scheiße. Vor allem das Gezerre macht ihm zu schaffen. Er ruckelt hin und her, bis ihm der Kragen der Jacke bis über das Kinn reicht. Dann stößt er ein paar heulende Laute aus, die an Seehunde erinnern. Leider hält die Straßenbahn und Mutter drängt hinaus. Sie klemmt sich den Kleinen kurzerhand unter den Arm und schon ist sie draußen. Wirft keinen Blick zurück und verschwindet im Getümmel der Einkaufsmeile. Ich denke nicht, dass sie hier wirklich raus wollte. Sie hat die Flucht angetreten. Feige Scheißblutmutter. Ich habe das Gefühl, dass es gleich ein wenig dunkler in der Straßenbahn geworden ist. Jetzt wo der kleine Entertainer weg ist. Die anderen Fahrgäste sind erzlangweilig. Man starrt aus dem Fenster, auf den Boden, auf das Handy oder in die Zeitung. Ein Pärchen nutzt die kurze Zeit der Verliebtheit für zärtliche Blicke und schüchterne Küsse, wobei ich dem Mädel bei der Kürze des Rockes und dem Lippenrot die Schüchternheit garantiert nicht abkaufe. Macht aber nichts, Hauptsache sie amüsiert sich.

Ich langweile mich. Schaue mir noch einmal den Klecks Scheißblut am Boden an. Auch langweilig. Bei der nächsten Station muss ich raus. Also raffe ich schon mal meinen Rucksack und krieche aus dem knarrenden Plastiksessel. Unbequem, die Dinger. Als die Straßenbahn hält, springe ich die drei Stufen auf einmal hinunter. Ich lande und sofort keift eine ältere Dame, dass ich sie gefälligst nicht so erschrecken soll. Jugend von heute. Wie blöd ist das denn. Ich streife sie mit meinem berühmten „Du mich auch“ Blick, aber sie schaut mich gar nicht an. Unterhält sich mit ihrer ebenfalls hundertjährigen Freundin über degenerierte Generationen und ich denke mir, dass das ein ziemlich geiler Bandname wäre. Zumindest für eine Punkband. So eine, die in dreckigen Kellern spielt, wo der Schweiß von der Decke tropft und die Polizei nach drei Songs vor der Tür steht, weil die Nachbarn den Ausbruch des dritten Weltkriegs gemeldet haben. Ich hätte wirklich Lust, jetzt gleich so eine Band zu gründen. Ich wäre Leadkreischerin und würde mich Scheißblut nennen. Geht aber nicht, ich hab zu tun. Während ich so durch die Straßen latsche kreisen meine Gedanken immer wieder um die Punkband. Ich stelle mir vor, wie wir vor fünfzehn besoffenen Punkern spielen, die zusammen mehr Lärm machen als unsere Instrumente. Ich stelle mir vor, wie ich unheimlich energisch ins Mikro gröle und dazu meinen buntgefärbten Irokesenschädel schüttle. Ich stelle mir vor, wie es plötzlich an der Tür wummert und bam! da steht die Polizei, mindestens zehn Stück Grünspanfressen die alle gleichzeitig versuchen sich durch den Türrahmen zu quetschen. Sie schauen erzgrimmig drein und ich schreie ihnen wahnsinnig tolle, superreflektierte Schimpfkaskaden an die Köpfe. Natürlich werden wir verhaftet, mit Polizeigewalt und einer Menge Scheißblut. Coole Sache das. Leider kenne ich niemanden, der sich ein Instrument leisten könnte. Daran wird das Projekt wohl scheitern. Wer will schon eine A-Cappella-Punkband hören. Obwohl, irgendwie hätte das auch was. Ich kaue den Gedanken, schiebe ihn von der linken Gehirnhälfte in die rechte. Kaue noch ein wenig mehr darauf herum und irgendwann fällt mir auf, dass meine Füße von ganz allein zum Einkaufszentrum gelaufen sind. Brave Dinger. Ich atme tief durch und tauche ein.

Zäh wie Lava schiebt sich eine Menschenmasse zwischen den Geschäften hin und her. Irgendwo erdröhnt hysterisches Mädchengekicher. Bestimmt haben sie einen „süßen Boy“ entdeckt und hoffen jetzt, dass er sie alle gleichzeitig fragt, ob sie mit ihm zum Justin Bieber Konzert gehen möchten. Ich wünsche dem armen Bastard viel Glück. Habe jetzt keine Zeit ihn in supermanmanier zu retten. Soll er sehen wo er bleibt. Nein, ich muss mich selbst vor einer Woge Mensch retten, lasse mich von ihr an den Schaufenstern vorbeitreiben bis ich fast zufällig den Eingang treffe, den ich brauche. Das Bewegungsmoment spült mich in den Parfumladen und sofort schwebt eine bezaubernde Verkaufsfee auf mich zu. Umflötet mich mit einem herzlichen Hallo, was darf ich für Sie tun? Im Magen leicht verkrampft suche ich in den Taschen meiner Hose nach dem Zettel, auf dem ich den Namen des Lieblingsparfums meiner Mutter notiert habe. Kann mir partout nicht merken wie das Zeug heißt. Und apropos Zeug, hier dringt ein ganz schöner Gestank aus allen Ecken und Ritzen auf mich ein. Der ganze Laden ist geschwängert von Gerüchen, ein Konglomerat aus Parfüms, Cremes, Lotionen und Schweiß, der sich zur Faust geballt durch meine Nasenlöcher presst. Ich fühle mich auf eine perverse Art vergewaltigt, während ich der tänzelnden Verkaufstante den Zettel in die Hand drücke. Versuche flach durch den Mund zu atmen. Kackidee. Jetzt habe ich den Scheiß auf meiner Zuge kleben. Die Parfumuschi lächelt und geleitet mich zu ihrem Tresen. Ich kichere derweil über das Wort Parfumuschi, das mir gerade eingefallen ist. Parfu-Muschi. Das muss ich nachher ein paar Leuten auf Facebook schicken. Ich kann die LoLs und Rofls schon vor meinem inneren Auge sehen. Klaus schickt mir bestimmt ein Muhahaa. Der wäre ein toller Bassist für meine Punkband.

Aus einem Regal zaubert Parfu-Muschi das Mutterlieblingsparfum und noch ehe ich etwas sagen kann, sprüht sie mir einen Batzen davon mitten ins Gesicht. „Ist es das? Das ist es doch, nicht wahr?“ Nein, nicht wahr. Darf nicht wahr sein. Mit tränenden Augen stelle ich mir vor, dass ich sie in einem Bottich ihres blöden Parfums ersäufe. Nicke aber nur, immerhin ist ein Auftrag ein Auftrag. Sie packt es mir eines schön ein, kringelt eine hübsche Schleife darum. Ich bezahle und wünsche mir Thomas wäre hier um durch den Raum zu krakeelen. Was er sich für einen Reim auf „Scheißgestank“ machen würde? Wäscheschrank vielleicht. Wir könnten die Verkäuferinnen mit ihren Flakons bewerfen bis sie umfallen und dann vielleicht noch seine Mutter quer durch das Einkaufszentrum jagen. Das wäre irgendwie cool. Meine Augen tränen immer noch, als ich den Rückzug antrete. Zurück durch die Menschentrauben. An den ganzen Geschäften vorbei, in denen hungrige Verkäufer auf Kundenbeute lauern. Ich bin wirklich erleichtert, dass ich diesen Gang hinter mir habe. Bis Weihnachten sehen die mich hier nicht wieder, das schwör ich. Gerade kommt mir ein Mann mit Kinderwagen entgegen. Darin hockt eine Rotzgöre, die sieht fast aus wie Thomas. Ich werfe ihr einen verschwörerischen Blick zu und glaube zu erkennen, dass auch sie den Ausdruck „Scheißblut“ ziemlich anturnend finden würde. Daddy schiebt den Wagen aber zu schnell aus meinem Blickfeld, ich habe keine Chance, ihr etwas zuzuflüstern. Draußen auf der Straße hat es angefangen zu regnen. Eben noch Sonnenschein, jetzt Regenschleim. Ich bohre ein wenig in der Nase um das Wetter darauf hinzuweisen, dass es auch schon mal spannender war. Dann schlurfe ich möglichst demotiviert zurück zur Straßenbahnhaltestelle. Sehe mir ein wenig die Wassertropen an, wie sie auf den Boden klatschen. Wassermusik. Blöd nur, dass ich das Auto übersehe, das mich jetzt gerade über den Haufen fährt. Blöd nur, dass ich echt nicht aufgepasst habe. Jetzt sind nicht nur ein paar Rippen gebrochen, sondern auch die Parfumflasche meiner Mutter. Neben dem Scheißblut, das mir aus dem Körper rinnt, läuft auch noch das sündteure Stinkewasser in den Rinnstein. Thomas, wo bist du wenn man dich braucht, jetzt gäbe es eine Menge Scheißblut, auf das du mit dem Finger zeigen könntest.

Irgendwo schreit jemand. Klingt diesmal nicht nach Justin-Bieber-Hormonschwadronen. Eher nach Horror, so Zeter und Mordio. Scheint als wäre das hier ein spektakulärer Anblick. Es laufen ganz schön viele Menschen auf mich zu. Ich liege ein wenig auf dem Beton herum. Wundere mich, dass eigentlich gar nichts weh tut. Es pocht nur ein bisschen. Und irgendwie fließt immer mehr Scheißblut um mich herum. Ich denke daran, dass ich jetzt noch einmal in dieses verdammte Einkaufszentrum muss. Noch einmal in den Parfumladen. So verflucht kann auch nur ich sein. Aber schon verfliegt der Gedanke wieder, irgendwie auch egal. Dann hole ich eben nochmal so ein Ding. Ist eh nicht mein Geld, das ich dafür ausgeben muss. Irgendwer beugt sich über mich. Ich kann nicht so deutlich sehen wer. Vielleicht schwellen mir schon die Augen zu. Wirkt recht hektisch, wie sich die Gestalt so über mir abstrampelt. Zumindest der Lärm, das Zeter-und-Mordio-Konzert wird jetzt leiser, dafür bin ich dankbar. Langsam tut es nämlich doch weh. Und zwar überall. Aber irgendwie auch nicht richtig. So dumpf. Der Irgendwer über mir wird immer undeutlicher. Ich denke ich sollte vielleicht die Augen ein kleines bisschen zumachen. Ist mir zu anstrengend, wenn ich eh nicht richtig gucken kann. Und vielleicht sollte ich ein klein wenig Schlaf nachholen, den gab es in letzter Zeit eh nicht so reichlich, bei all den Schularbeiten. Eigentlich keine schlechte Idee. Bestimmt kommt sowieso gleich der Krankenwagen, da wecken sie mich eh wieder auf. Blaulicht und Sirenen. Eigentlich auch kein schlechter Bandname. Ich werde Klaus fragen, welchen er besser findet. Wahrscheinlich stimmt er für „Muhahaa“. Und Thomas, gute Nacht und schlaf gut, vielleicht sehen wir uns ja morgen wieder. In der Straßenbahn. Dann kann ich dir davon erzählen, dass ich heute noch einen Riesenbatzen Scheißblut gesehen habe. Fändest du bestimmt cool. Naja, bis morgen dann.

© Sybille Lengauer

Er sitzt im Schneidersitz auf der verschneiten Straße, trinkt Bier und scheint immun gegen den Frost zu sein. Energisch drückt er seinen mageren Rücken gegen ein Schaufenster, brüllt sein Mantra in die Welt hinaus:„Gimme some loooove, womman, gimme some loooove.“ Ein paar Passanten beschleunigen ihre Schritte. Seufzend geht ein Punk mit ausgewaschenem Iro neben ihm in die Hocke. „Na Digga, brauchste noch Pfand? Hab zwei Flaschen über, was sagste dazu, hä Kumpel?“ „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove“, lautet die Antwort. Spucketropfen fliegen. „Okay, ich pack se in deine Tüte, hab noch wat vor. Kannst ja später in Park kommen, Digga.“  „Gimme some loooove?“ Kopfschüttelnd steht der Punk wieder auf, drückt die Knie durch und geht Richtung Innenstadt davon. Er sitzt nur weiter auf der Straße, das Bier jetzt leer, der Pappbecher auch, der vor ihm steht und langsam im Bodenfrost festwächst. Rhythmisch bewegt er den Körper zu der Melodie in seinem Kopf. „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove!“

„Sieht dir wieder ähnlich, den ganzen Tag fett auf der Couch sitzen und die Bude versiffen lassen, blöde Schlampe!“ Das ist Vaters Mantra und Mutter weiß, was jetzt kommt. Wie jeden Abend versucht sie, seinen Schlägen auszuweichen, ist aber viel zu betrunken. Gesoffen hat er auch, aber schlagen kann er dann immer noch, vor allem seine Frau. Und das macht er jetzt. Mit Hingabe. Im Nebenzimmer hockt der Filius, hat selbst ein blaues Auge, weil er verdammt schlechte Noten nach Haus gebracht hat. Er hört nicht, was Mutter kreischt, denn er presst die Kopfhörer seines Walkmans fest gegen die Ohren. „Gimme some loooove, womman…“ singt irgendwer, er hat keine Ahnung von wem die Nummer ist. Die Kassette hat er einem Schulkollegen aus der Tasche gezogen, als er Turnen schwänzte. Morgen fahren die anderen auf Klassenfahrt. Sportwoche. Aber Vater meinte, die Idee, dass er da mitfahren könne, kann er sich direkt in den blöden Arsch schieben. Und dann hagelte es blaue Flecken. Er drückt den Repeate-Knopf und in der kurzen Zeit, während die Kassette zurückspult, hört er aus dem Nebenzimmer schluchzendes Heulen. „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove“ murmelt er. Drückt seinen schmerzenden Rücken gegen das speckige Kinderbett und versteht den Rest des Textes überhaupt nicht.

„Alter, was ist denn das für ein Pisser?!“ empört sich eine Stimme. Beine kommen in sein Blickfeld, er sieht Turnschuhe und eine Blue-Jeans. „So ein verfickter Penner, hockt hier auf der Straße und brüllt die Leute über den Haufen, hat der sie noch alle?!“ regt sich die Stimme weiter auf und überschlägt sich dabei pubertär. „Pisser“ zischt es und die Turnschuhe treten ihn aus dem Schneidersitz. Er kippt einfach zur Seite, hebt zögerlich eine Hand. „Gimme some loooove, womman?“ „Alter, ich geb dir gleich was ganz anderes!“ herrschen ihn die Turnschuhe an und ein paar Sneakers daneben kichern. Die Schuhe beginnen einen Tanz auf seinem Körper, treten ihn in den Bauch, treten gegen seinen Kopf, treten in seine Weichteile. „Du scheiß Penner!“ lachen die Sneakers und zielen auf seinen Mund. Er spuckt Blut und Zähne. Eine Flasche kracht auf seinen Schädel.

„Weißt du, was ich wirklich an dir mag?“ fragt sie ihn, nachdem er leise gefragt hat, ob sie mit ihm ausgeht. „Weiß ich nicht.“ murmelt er verzagt und wird rot. „Ich auch nicht.“ meint sie und stolziert unter dem gegacker ihrer Freundinnen davon. Er zuckt wie ein geschlagener Hund. Blickt sich verlegen um und hat das Gefühl, dass der gesamte Schulhof mit dem Finger auf ihn zeigt. Geschlagen schlurft er vom Feld, nie Eroberer, nie Held und schwört sich, dass er nie wieder mit Mädchen reden wird. Er schließt sich im Klo ein. Setzt sich seinen Walkman auf die Ohren. „Gimme some loooove, womman, gimme some loooove!“ schallt es aus den Kopfhörern. Aus seiner Tasche holt er Klebstoff und eine zerfledderte Plastiktüte. Inhaliert bis er fast ohnmächtig wird.

„Scheiße, ich glaub der Pisser ist hinüber.“ sagen die Turnschuhe und treten zur Sicherheit noch einmal hinterher. „Fuck, Alter, lass jetzt endlich, ich hab keinen Bock mehr!“ greinen die Sneakers. Kleine Blutspritzer kleben an ihnen. Plötzlich zuckt Blaulicht über sie hinweg. Schnell rennen sie davon. Etwas später beugt sich ein Polizist über den reglosen Körper. „Ich glaube für den brauchen wir keinen Krankenwagen mehr.“ stellt er trocken fest.

„Ich liebe dich“ flüstert sie ihm zärtlich ins Ohr, während er die weiche Haut an ihrem Hals streichelt. „Ich liebe dich wirklich“, wiederholt sie und schaut ihm dabei tief in die Augen. „Aber ich muss dir etwas sagen.“ Er schaut zurück, in diese wunderschönen, blauen Augen und versinkt in ihrem Blick. „Ich hab mich für das Kunststudium in Berlin beworben und sie haben mich genommen. Ich zieh nach den Sommerferien nach Berlin.“ Er wacht schlagartig aus seiner Trance auf. „Ich denke, wir werden uns dann nicht mehr oft sehen, denn das Studium ist sehr anstrengend und außerdem hast du nen Job hier und ich glaube nicht, dass du mit nach Berlin kommen wirst, oder?“ Der letzte Satz ist keine echte Frage. Das hört er genau. „Natürlich werde ich dir schreiben und außerdem kannst du mich ja manchmal besuchen, aber ich glaube es macht echt keinen Sinn, wenn wir weiter zusammen bleiben. Weißt du was ich meine?“ Das war eine Frage. Er kennt die Antwort. Nickt. „Ich hab dir unseren Song aufgenommen, du weißt schon, der den du mir vorgespielt hast, als wir uns das erste Mal geküsst haben. Auf der Kassette ist nur die eine Nummer, damit du nicht immer zurückspulen musst. Ich liebe dich wirklich, vergiss mich bitte nicht.“

„Hast du schon gehört, den Rastaman hats neulich erwischt, den haben sie weggetreten.“ erzählt ein paar Tage später ein Mädel dem Punk. „Scheiße, ehrlich?“ fragt der und kneift wütend die Augen zusammen. „Diese Wichser, das ist dieses Jahr schon der dritte Penner, den sie umgebracht haben.“ „Ja, stand gestern auch in der Zeitung.“ sagt das Mädel und drück ihm mitleidig die Schulter. „Angeblich war er erst 33, kannst du dir das vorstellen? Dachte immer er wär schon älter. Außerdem haben sie geschrieben, dass die Stadt jetzt wieder verstärkt Kontrollen fahren will.“ Der Punk spuckt nur wütend auf den Boden. „Weißt du, dass er mir einmal eine Kassette geschenkt hat? Meinte sie würde mir helfen, wenn es mal ganz dick kommen würde. Hab keine Ahnung was da drauf ist, hab nix wo ich sie abspielen könnte.“ Er gießt einen Schluck seines Bieres auf den Boden. „Hier Digga, das ist für dich.“ brummt er müde. „Ich glaub meine Mutter hat noch einen Kassettenspieler zu Hause, den kann ich dir mitbringen, wenn du Bock hast. Dann kannst mal reinhören, scheint ihm ja viel bedeutet zu haben.“ „Fast schon ganz alles“, murmelt der Punk traurig „fast schon ganz alles.“

© Sybille Lengauer