Mit ‘Sci-Fi Kurzgeschichte’ getaggte Beiträge

Devil in Space

Pling
Ich hätte zu Hause bleiben sollen.
Pling
Mir ein Haustier kaufen.
Pling
Oder zumindest eine Zimmerpflanze.
Pling
Stattdessen liege ich hier.
Pling
Unter einem tropfenden Leitungsrohr.
Pling
Und warte auf den Tod.
Pling
Dabei hatte alles so gut angefangen. Mit unserer neuen Angriffsstrategie konnten wir die gegnerischen Verteidigungslinien mit Leichtigkeit aufbrechen, wir kamen über sie wie zornige Hornissen über eine Herde verdatterter Rindviecher. Ihre behäbigen Kampfkreuzer waren nicht annähernd in der Lage, es mit unseren wendigen EMEB*-Schiffen aufzunehmen. Endlich hatten wir die Oberhand, wir haben ihnen ordentlich eingeheizt, ein Selbstmordgeschwader nach dem anderen stürzte sich auf ihre riesigen Kriegskolosse, bis diese schließlich im unaufhörlichen Bombenhagel auseinanderplatzten und durchs Weltall taumelten wie brennende Papierlampignons zu Neujahr. Auch ich war bereit mich den Tod zu stürzen, bereit den letzten Schritt zu tun und meinen ultimativen Beitrag zu leisten auf unserem Weg zum Sieg über die Mormoriten: Mein Leben für die Heimat. Mein Leben für die Erde. Als das Startsignal des Staffelführers ertönte, verschwendete ich keinen zweiten Gedanken an mein bevorstehendes Ende, ohne zu blinzeln ging ich zum Angriff über.
Pling
Aber der Antrieb. Dieser elende, auf alle Zeit verdammte Antrieb. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen was schiefgelaufen ist, kann mich an zu wenig erinnern. Ich weiß noch, dass mit einem Mal die Antriebsenergie versagte. Ich verlor die Kontrolle über das EMEB, dann riss mich plötzlich eine Explosion aus der Steuerliege. Ich verlor das Bewusstsein und als ich endlich wieder erwachte, lag ich eingekeilt unter einem Berg aus Trümmern und verbogenem Metall. Bewegungsunfähig. Hilflos. Auf dem kalten, harten Boden meines Schiffes. Viele Stunden liege ich nun schon hier, mein Körper ist ganz gefühllos und taub geworden, doch meine Gedanken wandern rastlos umher, schweifen hierhin und dorthin und immer wieder zurück nach Hause. Zurück zur Erde. Ich weiß, dass niemand kommen wird, um nach mir zu suchen. Ich weiß, dass ich hier liegen bleiben werde, bis ich verkümmert bin und sterbe. Die Schlacht ist längst vorbei, der Krieg ist weitergezogen. Alle meine Kameraden sind tot. Nur ich brauche noch ein bisschen.
Pling
Über meinem Kopf tropft das Leitungsrohr. Ich frage mich wie lange es wohl dauern wird, bis mich dieses Geräusch in den Wahnsinn treibt. Es zerhackt meine Gedanken, lässt mich unruhig werden, nervös und fahrig. Es verunsichert mich. Ich muss es ignorieren, sonst wird das hier hässlich. Ich frage mich generell, wie lange es wohl noch dauern wird. Nicht mit dem Wahnsinn, sondern mit dem Sterben. Ich weiß nicht wie schwer meine Verletzungen sind. Schmerzen habe ich keine, aber was heißt das schon. Gehen wir aber vorerst davon aus, dass es mir körperlich relativ gut geht. Die Lebenserhaltung des EMEB scheint nicht beschädigt zu sein, das bedeutet Sauerstoff und Wärme für mindestens sechs Wochen, also bleibt mir wohl als Option nur langsames, qualvolles dahinsiechen. Hab’ mich schon besser amüsiert.
Pling
Ich hätte auf der Erde bleiben sollen. Hätte meinen Job bei der Müllentsorgung behalten und weiter mein kleines Leben leben sollen. Die Rechnungen bezahlen, die Fertigmahlzeiten essen, die Kriegsberichterstattung im Holo-View glotzen und einmal in der Woche zum staatlichen Psychiater. Ich hätte mit meinem Arsch auf meiner Couch bleiben sollen, doch was nützt es mir jetzt darüber zu klagen, ich werde das alles nie wiedersehen und irgendwie erkenne ich erst jetzt, wo ich hier liege und meine Lage zerdenke, wie wertvoll es gewesen ist. Langweilig war mir die Welt geworden. Eintönig und leer erschien mir mein Leben und alles darum herum, also warum nicht freiwillig melden für die wichtigste Mission seit Kriegsbeginn? Was wusste ich schon von Eintönigkeit und Langeweile. Inmitten des unermesslichen Nichts gestrandet zu sein, ohne Hoffnung auf Zurück, das nenne ich die ultimative Monotonie.
Pling
Ich kann mich noch genau erinnern wie euphorisiert wir alle waren, als wir damals zum ersten Mal von der fremden Intelligenz aus dem Weltraum erfuhren. Fünfundzwanzig Jahre ist das her und ich weiß noch immer ganz genau, wonach es in diesem Moment gerochen hat und welcher Song im Wireless Radio lief, bevor die Durchsage kam: Die ganze Wohnung stank nach Mutters Bratkartoffeln mit Knoblauch- und Zwiebelgranulat und sie spielten gerade ‚The swan who has fallen in love with a helicopter“ von den Candy-Shop-Boys. Dann ertönte das Signal für eine wichtige Sondermeldung und ich hielt gespannt den Atem an. Als der Sprecher die Meldung über unseren Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation verlas, ließ meine Mutter in der Küche vor Schreck den Pfannenwender fallen. Ich aber hörte nur eines: Außerirdisch. Das war atemberaubend! Ich war zwar noch ein kleiner Hosenscheißer, aber ich war fasziniert, elektrisiert und wollte unbedingt dabei sein.
Pling
Natürlich hatte ich keine Chance auf ein Ticket zu den Sternen, auch wenn ich es mir jeden Abend zum Einschlafen wünschte, außerdem an Weihnachten und zum Geburtstag und bei jeder anderen Gelegenheit, die ich ergreifen konnte. Wir waren eine typische Unterschichtsfamilie, geringe genetische Qualität, geringe Perspektive. Egal wie sehr ich mich anstrengte, egal wie fleissig ich lernte, ich war abgeschrieben, noch bevor ich überhaupt loslegen konnte. Sie nannten meinen Jahrgang die überflüssige Generation und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet wir Überflüssigen einmal allen anderen den Arsch retten würden, wenn auch nur durch unseren kollektiven Selbstmord? Ach verdammt, ich werde wohl zynisch auf meine letzten Tage. Aber was macht das schon.
Pling
Mein naiver Traum von den Aliens war auch recht schnell ausgeträumt, als uns die Mormoriten fünf Jahre später den Krieg erklärten. Also, ihre AI erklärte unserer AI den Krieg, denn direkt konnten wir damals noch nicht kommunizieren. Ist schon etwas komplizierter über 4,7 Lichtjahre hinweg mit einer völlig unbekannten Spezies zu parlieren. Bis heute behaupten einige der Eierköpfe von NASA und SETI, dass die ganze Sache mit der Kriegserklärung ein bedauernswerter Systemfehler gewesen sein muss. Ich glaube allerdings, dass die einfach nicht wahrhaben wollen, dass die Mormoriten uns nicht ausstehen können. Mir muss man das nicht erzählen, ich kann ziemlich gut verstehen, warum die uns angegriffen haben. Wir sind eine brandgefährliche, selten dämliche Spezies und das sage ich nicht nur leichtfertig dahin, das meine ich mit jeder Faser meines Körpers.
Ach, was rege ich mich auf, ist ja ohnehin zwecklos. Ich sollte meinen Frieden machen und ohne Scheu dem Ende entgegenblicken, so lang es sich auch hinziehen mag. Was nützt es in der Vergangenheit herumzuwühlen, es hat doch gar keinen Zweck über all die Entscheidungen und Schicksalswendungen nachzugrübeln, die mich schließlich hierher gebracht haben. Es ist wie es ist. Hol’s der Teufel.
Pling

*EMEB = Ein-Mann-Eine-Bombe

© sybille lengauer

Der Feinschmecker

Typhoid Beetlebottle trieb mit geschlossenen Augen in der Schwerelosigkeit seines watteweich gepolsterten Schlafzimmers dahin und schmatze genüsslich bei dem Gedanken, dass, sobald er auch nur blinzelte oder den kleinen Finger hob, sein vierhundertsiebenundsechzigster Geburtstag offiziell beginnen und er mit lukullischen Köstlichkeiten überschüttet werden würde. Noch zögerte er den aufregenden Moment hinaus, stellte sich schlafend und wartete geduldig, bis der Appetit in seinen mächtigen Eingeweiden schier unerträglich wurde. Bedächtig öffnete er schließlich die Augen und seine wulstigen Lippen teilten sich zu einem gewaltigen Gähnen, das mehrere Reihen nadelspitzer Zähne und eine grellrote, gierig schlängelnde Zunge in seinem finsteren Schlund entblößte. Hunderte winzig kleine, spinnenartige Putzermaschinchen stoben sogleich aus allen Winkeln des Zimmers, um mit der Reinigung ihres unsagbar riesigen Meisters zu beginnen und seinen voluminösen Körper in kostbare Stoffe zu kleiden. Höfliches Klopfen ertönte an der dickgepolsterten Eingangstür, Typhoid Beetlebottle grinste erwartungsvoll, schwebte zu einer Wandhalterung und ließ sich elegant zu Boden gleiten, dann stellte er die Schwerkraft im Schlafzimmer her und öffnete die Tür mit einer beiläufigen Handbewegung. Ein silberglänzender Butloide rollte augenblicklich ins Schlafzimmer und stimmte ein fröhliches Geburtstagsständchen an, ihm folgten dichtauf mehrere emsig trippelnde Servicemaschinen, die wie bunt schillernde Rosenkäfer geformt waren. Auf ihren abgeflachten Rückenpanzern transportierten sie dutzende Schüsseln und Tabletts, die herrlich duftende, liebevoll dekorierte Speisen und exquisite Gerichte aus der gesamten bekannten Galaxis enthielten. Der Butloide beendete das fröhliche Liedchen und begann unverzüglich mit seinen zangenartigen Greifwerkzeugen eine Auswahl der verschiedensten Köstlichkeiten auf einem Präsentierteller anzurichten, wobei er es nicht versäumte die herrlichen Kreationen ausgiebig vorzustellen. Er lobte das albryanische Fettaugensoufflé in Wyrm-Schaumsauce; der Butloide betonte in würdevollem Ton, dass die Wyrm eine bedrohte Spezies waren, von der nur noch fünfundvierzig Exemplare existierten. Typhoid Beetlebottle nickte anerkennend, ächzend zwängte er sich in seinen Anti-Gravitationsstuhl und seufzte erleichtert, als sein erdrückend schweres Körpergewicht durch das Wunder der Technik auf den Hauch einer Feder reduziert wurde. Der Butloide präsentierte währenddessen eine Portion xynischer Krabbenchips in blauer Laumeersauce und pries knusprig gebratene ilkanische Bastwein-Schwalbenbrüstchen, er behandelte die Speisen wie kostbare Diamanten, was sie, genau betrachtet, vielleicht sogar waren, denn sowohl die xynischen Krabben, als auch die berühmten Bastweinschwalben von Ilkan waren akut vom Aussterben bedroht. Das Herzstück des opulenten Frühstücks bildete ein puscheliges, cremefarbenes Tierchen mit sechs krummen Stummelbeinen und durchsichtigen, zerknittert wirkenden Flügeln, das benommen in einer pompös verzierten Schüssel hockte und traurig fiepte. Der Butloide hob das Tierchen vorsichtig aus der Terrine, sodass Typhoid Beetlebottle es eingehend von allen Seiten betrachten konnte. „Ein Hygerion!“, entfuhr es dem Feinschmecker lebhaft, auf seinen Wangen bildeten sich vor Aufregung hektische Flecken, gierig leckte er über seine widerwärtigen Lippen. „Es ist das letzte seiner Art“, betonte der Butloide feierlich, er setzte das wehrlose Lebewesen zurück in die Schüssel und übergoss es mit heißem Öl. Typhoid Beetlebottle stieß einen vergnügten Jauchzer aus und schwebte bis auf wenige Zentimeter an den Butloiden heran, genüsslich öffnete er den Mund, um sich wie ein überdimensional großes Kuckucksküken füttern zu lassen. Der Butloide stopfte das frittierte Hygerion geschickt in den weit geöffneten Rachen seines gefräßigen Herrn und ließ sich dabei nicht von dessen furchtbar spitzen Zähnen irritieren.
*
Carmelia Bjarnsdóttir schreckte aus einem widerlichen Alptraum voller ekelerregender Schleimmonster und zuckender Tentakel, gehetzt sah sie sich in ihrer gemütlichen Schlafkoje um. Manchmal wirkten ihre Träume viel zu real und es hätte sie nicht gewundert, wenn eines Tages so ein abscheulicher Tentakel unter ihrer Schlafstatt hervorgekrochen wäre. Carmelia schüttelte sich und rieb kräftig über ihre schlanken Unterarme, um die hartnäckige Gruselgänsehaut zu vertreiben, dann löste sie die Schlafgurte, die sie während des schwerelosen Schlafes in der Koje hielten und ließ sich langsam in Richtung Sanitäranlagen treiben. Im dämmrig beleuchteten Schlafquartier des Raumfrachters ‚Tumbling Dandelion‘ schliefen noch weitere Mitglieder ihrer weitverzweigten Familie in gemütlicher Schwerelosigkeit der Tagschicht entgegen, Carmelia glitt mit angehaltenem Atem an Onkel Rolaf vorbei, der im Schlaf oft übelriechende Fürze produzierte, schwebte leise an ihren besten Freunden, den Zwillingsbrüdern Oischen und Augrel vorüber, die eng umschlungen in einer Koje schliefen und war fast schon aus dem Schlafraum hinaus, als ein mulmiges Gefühl sie dazu brachte in die Koje ihrer Lieblingstante Lydden zu sehen. Die Tante hing schlapp auf der Seite und starrte mit halbgeschlossenen Augen ins Nichts. „Tante Lyddie? Ist alles in Ordnung?“ Carmelia schwebte besorgt an das ausdruckslose Gesicht der Tante heran, sie spürte keinen Atem und suchte zögerlich am Hals nach einem Puls, doch als ihre Finger über die eiskalte Haut des Halses glitten, zuckte sie erschrocken zurück, Carmelia war sicher, dass sie bei Tante Lydden keinen Herzschlag mehr finden würde. „Buh“, machte die Tante genau in diesem Moment, Carmelia kreischte erschrocken und flog rückwärts gegen eine leere Schlafkoje, sie stieß sich den Kopf und sah für einen kurzen Moment Sterne aufblitzen. Tante Lydden lachte so herzhaft, dass Tränen aus ihren dunkelbraunen Augen sprangen, anscheinend hatte sie sich lange auf diesen Streich vorbereitet und war nun äußerst entzückt vom gelungenen Ergebnis. Carmelia fluchte und wünschte Tante Lydden die waylyrische Daumenpest an den Hals, doch diese lachte nur bestechend vergnügt und gluckste so freudig, dass es ansteckend war. „Wart’s nur ab, das zahl’ ich dir heim“, knurrte Carmelia und drohte wenig überzeugend mit der Faust. „Das hoffe ich doch sehr“, gab Tante Lydden erheitert zurück, ihre Wangen waren rosa verfärbt und auf ihren vormals blassen Lippen blühte eine zarte Röte. „In zwei Tagen erreichen wir Landarion. Wenn du willst, kaufe ich dir zur Versöhnung ein paar Süßigkeiten auf dem Markt“ , versprach sie augenzwinkernd, dann kuschelte sie sich wohlig in ihre Koje und wünschte Gute Nacht.
*
Typhoid Beetlebottle lehnte sich schnaufend in seinem Anti-Gravitationsstuhl zurück und rülpste ohrenbetäubend laut, eine riesige, fettfleckige Serviette umspannte seinen erschreckend aufgeblähten Bauch, trotzdem waren sein Gesicht, seine feine Kleidung und selbst das kostspielige Sitzmöbel mit Essensresten beschmiert. Wenn sich Typhoid Beetlebottle erst in einen Fressrausch hineinsteigerte, gab es für Etikette keinen Platz mehr. Das Festbankett zu seinem Geburtstag hatte den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein gedauert, nach dem Frühstück war er mit leichten Erfrischungen und kleinen Häppchen verwöhnt worden, die sich nahtlos aneinanderfügten, bis die nächste Vollmahlzeit aufgetragen wurde, die erneut aus herrlich köstlichen Kreationen besonders gefährdeter Lebensformen bestand und in der Vernichtung einer Tierart kulminierte. So ging es Stunde um Stunde, in jedem Zimmer seines großzügigen Anwesens wurde Typhoid Beetlebottle mit neuen Genüssen überrascht und gefüttert, ab und an verlangte der gefräßige Koloss japsend nach seinen persönlichen Magenentleerern, um wieder Platz für die kreativ arrangierten Delikatessen zu schaffen. Dann flatterte eine Gruppe rabenschwarzer Vögel herbei, Typhoid Beetlebottle öffnete den Mund sperrangelweit und wartete geduldig, bis die Tiere seinen Magen leergepumpt hatten. Die Vögel steckten ihre sichelförmigen Schnäbel tief in seinen finsteren Schlund und saugten gierig die Essensreste aus seinem Magen, bis ihre Kröpfe prall und voll waren wie der Blutbauch eines gefräßigen Moskitoweibchens. Kaum hatten sie ihr scheußliches Werk getan, verscheuchte Beetlebottle die schwarze Brut, um sich wieder den vorzüglichen Spezialitäten zu widmen, die er beinah wollüstig verschlang. Als er, nach einer schier unzählbar langen Abfolge verschiedenster Speisen und Getränke, endlich genug gefressen und getrunken hatte, und dies seinen eifrigen Dienern mit unschicklichen Gesten signalisierte, waren durch seinen gnadenlosen Appetit siebzehn Tierarten ausgerottet worden. Typhoid Beetlebottle ließ sich ausgiebig von den winzigen Putzermaschinchen reinigen und schließlich mit all dem Pomp und Trara, den er für seine Person für angemessen hielt, zu seinem weich gepolsterten Schlafzimmer geleiten. All seine künstlichen und natürlichen Bediensteten, vom versnobten Butloiden bis hinunter zum verschwitzten Küchenjungen, folgten ihm unter Lobpreisungen und Jubelrufen in einer langen Prozession zum Schlafgemach, wo sich der nimmersatte Riese schnaufend aus seinem Anti-Gravitationsstuhl befreite und erleichtert die Schwerkraft deaktivierte. Seine Dienerschaft stand vor der Schlafzimmertür versammelt und applaudierte dem schwebenden Giganten, der sich glücklich lächelnd zu einer gewaltigen Kugel zusammenrollte und augenblicklich in tiefen Schlaf verfiel. Typhoid Beetlebottle würde ruhen und träumen, bis sein Hunger ihn erneut aus tiefem Schlummer weckte, pünktlich in einem Jahr, an seinem vierhundertachtundsechzigsten Geburtstag.
Kaum hatte ihr grausiger Meister die Augen geschlossen, fiel jeglicher Elan von seinen Untergebenen ab. „Endlich ist es überstanden“, seufzte der Butloide monoton, in seiner Stimme lag eine Erschöpfung, die man einer Maschine nicht zugetraut hätte. „Nach dem Fest ist vor dem Fest“, erwiderte eine hagere, glatzköpfige Köchin mit bitterem Schnauben, der Butloide nickte wissend und schwieg.
*
Carmelia Bjarnsdóttir saß mit überschlagenen Beinen vor einer rostigen Ausstiegsluken der ‚Tumbling Dandelion‘ und bohrte gedankenverloren in der Nase. Sie war mit ihrer Freundin Mjaja verabredet, gemeinsam wollten die Mädchen den berühmten Spezialitätenmarkt von Landarion erkunden und, wenn möglich, das ein oder andere Abenteuer erleben, doch wie üblich kam Mjaja zu spät. Carmelia verabscheute Unpünktlichkeit zutiefst, doch es war ihr ausdrücklich verboten worden die ‚Dandelion‘ alleine zu verlassen und so musste sie warten, ob es ihr passte oder nicht. Natürlich wusste sie um die Gefahren, die außerhalb des Schiffes drohten, ihr weitgereister und lebenserfahrener Onkel Higgard hatte die Mädchen gestern beim Abendessen noch eindringlich vor den Taschendieben, Halsabschneidern und hinterhältigen Gaunern gewarnt, die seiner Meinung nach an jeder Ecke lauerten und sich selbst gerne hochtrabend als Weltraumpiraten bezeichneten. Onkel Higgard war nicht müde geworden, jene verdorbenen Charaktere in den wildesten Farben zu beschreiben und Carmelia brannte förmlich darauf, diese sagenumwobenen Bösewichte endlich aus nächster Nähe zu sehen. Sie hatte eine etwas verworrene Vorstellung von knorrig verwachsenen Männern und Frauen, die scharf schmeckenden Rum tranken, lauthals lachten und ständig verruchte Dinge sagten, wie: „Soll dich der Deibel am Arsch packen!“ Natürlich ahnte Carmelia, dass die Piraten in Wirklichkeit noch ganz andere Dinge sagten und taten, aber ihre naive Fantasie reichte nicht aus, um sich die schrecklichen Gräuel vorzustellen, zu denen dieser Menschenschlag fähig war. Endlich sah sie den strubbeligen Haarschopf ihrer Freundin aus dem vertrauten Halbdunkel eines Korridors auftauchen, Mjaja war in großer Eile, ihr hübsches Gesicht war pink verfärbt und ganz verschwitzt, „Sorry, es ging nicht eher!“, keuchte sie atemlos und Carmelia, die Mjaja bis eben noch für ihre Unpünktlichkeit verflucht hatte, gab ihr mit einem generösen Kopfnicken zu verstehen, dass die Verspätung schon vergessen und nicht der Rede wert war. „Wollen wir?“, fragte Mjaja und schon drückte sie den grünen Knopf, der die Ausstiegsluke öffnete. Carmelia sprang auf die Beine und grinste überglücklich, sie freute sich auf den spannenden Ausflug und ganz besonders auf den Spezialitätenmarkt, von dem sie schon eine Menge gehört hatte. In ihrer Hosentasche klimperten ein paar Münzen, die ihr Tante Lydden heute morgen zugesteckt hatte – für die Versöhnungssüßigkeiten, wie sie es liebenswürdig formulierte. Carmelia konnte es kaum erwarten die Münzen auszugeben, sie malte sich die herrlichsten Gaumenfreuden aus und konnte den lila Lippenlutscher, die prickelnde Brittelbrause und all die anderen Leckereien schon förmlich auf der Zunge schmecken. Kurze Zeit später tanzte sie enthusiastisch um einen bunt geschmückten Spezialitätenstand herum, der genau diese Köstlichkeiten offerierte und hätte am liebsten den ganzen Warenbestand aufgekauft, doch Mjaja mahnte zur Geduld. „Du weißt doch gar nicht was es hier sonst noch alles gibt“, raunte sie leise, damit die rundliche Verkäuferin es nicht hörte und Carmelia musste ihr zerknirscht recht geben. Erst umschauen, dann Geld ausgeben, so lautete die Devise. Und es dauerte nicht lange, bis das Mädchen etwas gefunden hatte, das ihr viel wichtiger erschien, als all die Süßigkeiten und Naschkatzenträume, die der Spezialitätenmarkt zu bieten hatte. Ein flauschiges, kunterbunt getupftes Wesen mit großen Knopfaugen und einer entzückend herzförmigen Schnauze hockte in einem engen Käfig aus Draht und starrte traurig vor sich hin, man konnte förmlich spüren wie deprimiert das arme Tier in seinem trostlosen Gefängnis war. Auf einem zerknitterten Zettel, der von einer Seite des Käfigs hing, stand in schnörkeliger Handschrift die Bezeichnung ‚Landarisches Bonbonschweinchen‘ und gleich darunter ein Rezeptvorschlag, wie es am besten zuzubereiten war. Carmelia verlor augenblicklich ihr Herz an das drollige Geschöpf, sie wollte es unbedingt vor dem Kochtopf bewahren und mit nach Hause nehmen, doch Mjaja war strikt dagegen und ein erbitterter Disput entbrannte zwischen den Freundinnen. Wer würde sich um die Bedürfnisse des Wesens kümmern und wie sollte es auf dem Raumfrachter Artgerecht gehalten werden, immerhin war so ein Tier nicht für ein Leben im Weltraum gemacht? Und warum überhaupt ein Haustier anschaffen, wenn doch die beengten Räumlichkeiten der ‚Tumbling Dandelion’ förmlich überkochten vor Menschen, denen man kaum aus dem Weg gehen konnte? Carmelia wusste nur zu antworten, dass sie wild entschlossen war das Bonbonschweinchen zu retten, sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen und nichts unversucht lassen, selbst wenn es sie das Leben kostete! Derart theatralischen Ausbrüchen konnte Mjaja schließlich nichts mehr entgegensetzen und so kam es, wie es kommen musste, Carmelia kaufte das traurig dreinblickende Schweinchen und schleppte den Käfig überglücklich zum Schiff. Die ominösen Weltraumpiraten und ihre verdorbenen Flüche waren vergessen, der verführerische Spezialitätenmarkt mit all seinen Verlockungen interessierte sie nicht mehr und wie hätte sie auch ahnen können, dass Landarion mitsamt seinem verbotenem Zauber bald auf immer zerstört sein würde?
*
Warkus der Freudlose schlug empört auf einen sündteuren Holztisch ein und knurrte aggressiv, um sein Missfallen zu unterstreichen, ein struppiger Graupapagei, der eben noch friedlich auf seiner Schulter geschlafen hatte, flatterte erschrocken mit den Flügeln und murmelte einen saftigen Fluch, doch Warkus der Freudlose kümmerte sich nicht darum. Er hatte sich die Vertragsverhandlung mit dem verdammten Butloiden einfacher vorgestellt, immerhin waren er und seine Mannschaft schon seit vielen Jahren für die Beschaffung der seltenen Tierarten zuständig, die in Massen für die Geburtstage von Typhoid Beetlebottle benötigt wurden. Dafür erwartete er auch in Zukunft eine angemessene Bezahlung, doch der hinterfotzige Butloide versuchte ihm einen Vertrag unterzujubeln, der schlechter war als alle Verträge zuvor. „Das ist eine absolute Beleidigung!“, grollte Warkus der Freudlose und knirschte mit den schwarzgefärbten Zähnen, die schweren Goldringe an seinen Fingern hinterließen hässliche Kratzer im wertvollen Holz des Tisches, doch der Butloide ließ sich von diesem Gebaren nicht beeindrucken. „Wenn Sie mit den Konditionen nicht einverstanden sind, brauchen Sie es nur zu sagen. Wir werden ein anderes Team finden, das mit Freuden Ihre Aufgaben übernehmen wird“, antwortete er herablassend und im Grunde war damit alles gesagt. Warkus der Freudlose schluckte trocken und schüttelte den Kopf, er wusste, dass seine Leute dringend auf den Großauftrag von Beetlebottle angewiesen waren und er wusste auch, dass der verfluchte Butloide das ebenfalls wusste. Natürlich hätte er den arroganten Metallsack am liebsten sofort und auf der Stelle erschlagen, gevierteilt und zu feinem Pulver zerstampft, doch was hätte ihm das genützt? Die Zeiten waren hart und man nahm, was man kriegen konnte. Also nahm er auch diesen elenden Vertag, der zwar schlecht war, aber besser als nichts. Der Butloide nickte zufrieden und ließ ein unnatürlich breites Lächeln aufblitzen. Während Warkus der Freudlose widerwillig den Vertrag unterzeichnete, holte er, wie zur Belohnung, ein Fläschchen thyrogischen Rum aus einem Schränkchen hervor und schenkte ein Glas randvoll ein. Warkus der Freudlose hätte ihm den Rum gerne in seine überhebliche Bultoidenfresse geschüttet, doch im Grunde seines Herzens war er Pragmatiker und deshalb trank er, auch wenn sein Innerstes vor Wut zu bersten drohte. Er schluckte seinen Zorn buchstäblich hinunter und verabschiedete sich mit knappen, aber freundlichen Worten von seinem verhassten Auftraggeber, doch kaum hatte er das protzige Anwesen von Typhoid Beetlebottle verlassen, begann er wie rasend zu schimpfen und zu toben. „Hast du schlechte Laune, Boss?“, fragte der zerrupfte Graupapagei auf seiner Schulter hoffnungsvoll. „Lass mich in Ruhe“, blaffte Warkus der Freudlose schroff, aber das Tier war nicht mehr zu bremsen. „Kein Problem, Boss. Ich werde dich im Nu wieder aufheitern! Also, was ist grün und hat drei Ecken?“, fragte der hässliche Vogel, seine hellgelben Augen blitzen verspielt. „Ist mir egal“, erwiderte der Weltraumpirat gereizt, seine Kiefermuskeln malmten bedrohlich, seine Wangen blähten sich, als stünde er kurz vor der Explosion. „Ein grünes Dreieck!“ Der Graupapagei schlug kreischend mit den Flügeln, während Warkus der Freudlose nur niedergeschlagen die Luft aus den aufgeblähten Backen sausen ließ und schwermütig grunzte. Einmal mehr fragte er sich, warum er den lästigen Vogel nicht schon längst pulverisiert hatte, doch das Tier war ein Geschenk seiner verstorbenen Tochter gewesen und so sehr er es auch hasste, so wenig konnte er sich davon trennen. „Ich hab’ noch einen, Boss. Was liegt am Strand und redet undeutlich?“, fragte der Papagei ohne jeglichen Sinn für den falschen Moment und sein krummer Schnabel knirschte vor unterdrückter Aufregung. „Halt die Fresse“, zischte Warkus der Freudlose zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Eine Nuschel!“, gackerte der Papagei, das struppige Kopfgefieder wippte im Takt seines krächzenden Gelächters, dicke Freudentränen kullerten aus seinen Augen. Warkus der Freudlose schüttelte resigniert den Kopf und ließ kraftlos die Schultern hängen, missmutig stapfte er zu einem wartenden Shuttle und flog schweigend zurück zu seinem Kampfschiff ‚Nasty Leech‘.
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Auf der ‚Tumbling Dandelion‘ herrschte hektische Aufregung, die Erwachsenen eilten durch die Korridore, niemand verlor auch nur ein überflüssiges Wort. Carmelia Bjarnsdóttir lehnte unauffällig neben dem Eingang des Koordinationszentrums und achtete darauf, möglichst niemandem im Weg zu stehen. Mit gerunzelter Stirn versuchte sie zu begreifen warum das ganze Schiff in hellem Aufruhr war. In ihren Armen hielt sie das putzige Bonbonschweinchen, das sie auf den eigentümlichen Namen Hjarta getauft hatte. Das buntgetupfte Lebewesen schmiegte sich zutraulich an ihre Brust und schnurrte hingerissen, wenn das Mädchen über seinen flauschigen Kopf streichelte. Als Tante Lydden mit sorgenvoll verkniffenem Gesicht vorbeieilte, wagte sich Carmelia mutig aus dem Hintergrund, „Was ist denn los, Tante Lyddie?“, fragte sie und ihre Stimme klang ängstlicher, als sie beabsichtigt hatte. „Später“, antwortete Tante Lydden nur und schon war sie im Koordinationszentrum verschwunden. Also wartete Carmelia, bis es ihr langweilig wurde und dann wartete sie noch ein wenig länger. Sie beobachtete die besorgten Gesichter der Erwachsenen, die durch die Korridore hasteten und versuchte zu ergründen was vorgefallen war. Carmelia hasste es, nicht in die wichtigen Ereignisse eingebunden zu werden, die den großen Raumfrachter, ihre Heimat, tagtäglich bewegten. Sie fühlte sich erwachsen genug, um an den komplexen Geschehnissen teilzuhaben – doch leider sahen das die Tanten und Onkel ganz anders, die sich gemeinschaftlich um die Kinder der ‚Tumbling Dandelion‘ kümmerten, während ihre Eltern oftmals auf weit entfernten Raumschiffen arbeiteten. Carmelia blieb also nichts anderes übrig, als die aufgeschnappten Informationen sinnvoll zu kombinieren. Etwas war auf Landarion geschehen, etwas schreckliches, etwas finsteres, etwas böses. Mehr wusste sie beim besten Willen nicht zu ergründen, doch es genügte ihrer lebhaften Fantasie, um sich die schlimmsten Katastrophen auszumalen. Carmelia spürte einen unangenehmen Druck im Magen, ein beklemmendes Unwohlsein, das sich um den Gedanken zentrierte, dass sie selbst vielleicht nur um Haaresbreite dieser namenlosen Tragödie entronnen war. Sie fühlte sich plötzlich sehr klein und verloren und drückte das schnurrende Bonbonschweinchen beunruhigt an ihr wild klopfendes Herz.
*
Rivien der Tänzer beugte sich sprungbereit über einen langgezogenen Besprechungstisch und starrte Martjen dem Denker tief in die wasserblauen Augen. „Sag das nochmal, du Saftsack“, knurrte er gereizt und seine dunklen Mandelaugen zuckten mordlüstern. Martjen der Denker lehnte sich ebenfalls gewichtig nach vorn, sein auffallend winziger Kopf wippte herausfordernd auf seinen kurios breiten Schultern. Die übrige Mannschaft des Kampfschiffes ‚Nasty Leech‘ drängte sich blutlüstern um den Tisch und stachelte die Kontrahenten durch bösartige Zwischenrufe und gehässige Bemerkungen an; die Stimmung im Besprechungsraum war spürbar explosiv. „Du hast es nicht mehr drauf, Alterchen!“, trällerte Martjen der Denker und wackelte herausfordernd mit der Hüfte, Rivien der Tänzer zückte wutschnaubend ein Messer und schnellte katzengleich über den Tisch, seine kurzen, erstaunlich muskulösen Beine tänzelten in einem irren Stakkato. Martjen der Denker zuckte grinsend zurück und wich der blitzenden Klinge geschickt aus, „Siehst du? Du bringst es einfach nicht mehr! Vielleicht solltest du in Rente gehen!“, rief er lachend, während der Tänzer weiter auf ihn eindrang und wütend zischte. „Schluss jetzt!“ Warkus der Freudlose polterte donnernd zwischen die Streithähne, er hatte das Schauspiel bisher mit verschränkten Armen und herabgezogenen Mundwinkeln verfolgt, doch nun verlor er die Geduld. „Ich verlange Disziplin!“, brüllte er gereizt und die Mannschaft zog beim Klang seiner Stimme vorsichtshalber die Köpfe ein. Rivien der Tänzer verzerrte das Gesicht zu einem zornigen Fauchen, doch das Messer verschwand ohne Widerrede in den Falten seiner farbenfrohen Jacke. Martjen der Denker machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte dem Tänzer demonstrativ den breiten Rücken zu. „Setzt euch endlich hin, verdammtnochmal“, knurrte Warkus der Freudlose barsch, von seiner Schulter krächzte der Graupapagei ein herzhaftes „Hinsetzten, ihr Arschmaden!“ und schlug herrisch mit den zerzausten Flügeln. Füße scharrten, heisere Stimmen murmelten verhaltene Flüche, die Piraten nahmen Platz. „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, also sperrt eure dreckigen Ohren auf.“ Warkus der Freudlose hielt nicht viel von langen Ansprachen und kam direkt zur Sache. „Die schlechte Nachricht: die Systeme Ilkan, Ompympa Centauri und Albryan haben sich nun ebenfalls der Neuen Galaktischen Umweltbewegung angeschlossen und stehen ab sofort unter dem Schutz der Matriarchin. Damit verlieren wir drei unserer wichtigsten Erntegebiete und das müssen wir zwingend kompensieren. Die gute Nachricht: der Krieg zwischen der königlichen Familie von Farn und den landarischen Freiheitsrebellen ist entschieden. Landarion wurde vernichtend geschlagen und wenn ich vernichtend sage, dann meine ich das auch. Der Planet wurde sterilisiert. Wir können also sämtliche landarischen Tierarten auf unsere Liste setzen und das ist immerhin etwas. Ich will ehrlich sein, diese Saison wird kein Zuckerschlecken. Also reißt euch zusammen und strengt euch verdammtnochmal an, kapiert?“ Seine Ansprache löste wenig Begeisterung aus, ein missmutiges Raunen ging durch den Besprechungsraum. Die Motivation der Mannschaft war, salopp ausgedrückt, ziemlich im Arsch, seit Warkus der Freudlose notgedrungen die Gehälter gekürzt hatte. Der erfahrene Haudegen fühlte sich selbst alles andere als motiviert, er legte sich abends mit einer erdrückenden Sorgenlast ins Bett und stand morgens ohne zündende Ideen wieder auf. Insgeheim war er überzeugt, dass ihm eine derart lähmende Einfallslosigkeit früher nicht widerfahren wäre. Früher. Als allein sein Name ein gefürchteter Schrecken war, den man nur leise flüsterte, während man ängstlich über die Schulter schaute. Doch heute, mit grauen Strähnen im krausen Bart und tiefen Kummerfalten in der grausamen Seele, schien ihm die Last der Probleme von Tag zu Tag erdrückender, die spielerische Leichtigkeit war dahin. Vielleicht war er es ja, der in Rente gehen sollte? Verdrossen schob er den unliebsamen Gedanken beiseite. Ein Pirat ging nicht in Rente, ein Pirat ging entweder unter, oder in die Geschichte ein und Warkus der Freudlose hatte keinesfalls vor unterzugehen.
*
Carmelia Bjarnsdóttir schwebte lang ausgestreckt in ihrer gemütlichen Koje und wartete auf den Schlaf, der nicht kommen wollte. Das flauschige Bonbonschweinchen ruhte gut gesichert auf ihrem Bauch, seine langen Schnurrhaare wackelten lustig in seinem niedlichen Gesichtchen und seine winzigen Pfoten zuckten, während es lebhaft träumte. Carmelia streichelte sanft über das seidenweiche Fell des putzigen Tieres und empfand für einen kurzen Moment Freude und Dankbarkeit, doch dann umwölkten neuerlich dunkle Gedanken ihr kindliches Gemüt. Bedrückt starrte sie an die Seitenwand der Koje, ihre Augen wanderten ziellos über die vielen Fotos von Familienmitgliedern und Freunden, die sie im Lauf der Zeit in den weichen Stoff gepinnt hatte. All die Menschen die sie kannte und liebte, die gut vernetzte Gemeinschaft, in der sie sich geborgen fühlte. Normalerweise gab ihr dieser Gedanke große Kraft, doch neuerdings fühlte sie sich dabei auf eine verquere Art schuldig. Vor ein paar Tagen hatte sie erfahren, dass Landarion nicht mehr existierte. Nein, das war falsch. Der Planet existierte sehr wohl, doch er bestand nur noch aus einem Haufen lebloser Steine. Ein kosmisches Totenhaus, Grab von Milliarden Lebewesen. Die Erkenntnis, dass es offenbar ganz ohne Weiters möglich war einen ganzen Planet mit all seinen Bewohnern zu zerstören, erschütterte das naive Weltbild des Mädchens bis in die Grundfesten und der erschreckende Gedanke, dass ihr geliebtes Bonbonschweinchen nun vielleicht das letzte seiner Art sein könnte, ließ sie seit Nächten keinen Schlaf mehr finden, ließ sie nicht essen, nicht spielen und nicht mehr fröhlich sein. Ihr geliebtes Hjarta würde nie eine Familie gründen, nie Babies bekommen und großziehen können und Carmelia, die ihr ganzes Leben im Schoß ihrer Großfamilie verbracht hatte, konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als das. Wenn sie darüber nachdachte, wie einsam sie wäre, wenn außer ihr kein menschliches Wesen mehr existierte, spürte sie in ihrem jungen Herzen abgrundtiefes Entsetzen. Und aus Gründen, die sie sich nicht genau erklären konnte, musste sie immer und immer wieder darüber nachdenken, es war wie verhext, kaum kam sie etwas zur Ruhe, begannen ihre Gedanken um die Urängste Einsamkeit und Verlust zu kreisen. Carmelia hatte versucht mit ihren Freunden über diese bedrückenden Gedanken zu sprechen, doch sie fand nicht die richtigen Worte und fühlte sich unverstanden. „Mein armer Liebling “, flüsterte sie leise, vorsichtig liebkoste sie das unschuldig träumende Bonbonschweinchen, um es nicht zu wecken. „He Carmy, bist du noch wach?“ Oischen steckte seinen strubbeligen Rotschopf in Carmelias Schlafkoje, sein Zwillingsbruder Augrel schwebte nur wenige Zentimeter hinter ihm und schnitt schaurige Grimassen. „So ziemlich“, antwortete Carmelia niedergeschlagen, doch die leichte Andeutung eines Lächelns schlich sich in ihr Gesicht, als Augrel im Hintergrund die Zunge bis zum Kinn herausstreckte und dazu die Augen verdrehte, bis man nur noch das Weiße sah. Oischen drehte sich neugierig zu seinem Bruder um und versetzte ihm einen ordentlichen Knuff. „Lass die blöden Faxen, du Arschgesicht“, knurrte er und versuchte dabei möglichst autoritär zu klingen, was bei Oischen bedeutete, dass er so tief brummte wie er nur konnte. „He, nenn mich gefälligst nicht Arschgesicht, du blöder Pockenschädel“ , fauchte Augrel, seine grünen Augen blitzten angriffslustig. „Sag nicht Pockenschädel zu mir, du elende Stinkblase!“ „Selber Stinkblase, du Eimer voll Alienkotze!“ Die Zwillinge rangelten miteinander und beschimpften sich nach Herzenslust, bis das Bonbonschweinchen blinzelnd die Augen öffnete und auf entzückende Weise gähnte. „Jetzt habt ihr Hjarta aufgeweckt“, bemerkte Carmelia mit vorwurfsvoller Miene, die Zwillinge unterbrachen ihre spielerische Auseinandersetzung und gaben sich übertrieben beschämt. „Großes sorry, kleines Schweinchen!“ Augrel entließ Oischen aus einem gemeinen Klammergriff und zeigte ein entwaffnend sympathisches Lächeln. „Tschuldigung, war keine böse Absicht“, nuschelte Oischen und schlug theatralisch die Augen nieder. Carmelia streichelte über die weichen Ohren des Bonbonschweinchens und nickte huldvoll. „Schon in Ordnung. Was wollt ihr denn überhaupt von mir?“ „Ich habe eine unschlagbar gute Idee!“, platzte es aufgeregt aus Augrel heraus und Oischen nickte begeistert, alle Zwistigkeiten waren vergessen. „Aha“, machte Carmelia abwartend, denn sie wusste aus Erfahrung, dass Augrels unschlagbar gute Ideen entweder absolut genial oder völlig verblödet waren. Die Zwillinge drängten in die Schlafkoje und begannen wichtigtuerisch zu tuscheln. „Wie wäre es, wenn wir so eine Art Vermisstenanzeige im Space-Web starten?“, begann Oischen und Augrel fügte nahtlos hinzu, „Vielleicht gibt es ja irgendwo noch ein zweites Bonbonschweinchen, wäre das so unwahrscheinlich? Dann müssen wir sie nur noch zusammenbringen und schon ist das Problem mit dem Aussterben gelöst!“ „Na, was sagst du?“, fragten beide gleichzeitig. „Die Idee ist wunderbar“, hauchte Carmelia ganz hingerissen. „Ich habe da schon etwas vorbereitet…“ Augrel zog ein altes Web-Pad aus seiner Hosentasche und präsentierte mit stolzgeschwellter Brust eine kunterbunt gestaltete Suchanzeige. ‚Muss Hjarta für immer alleine bleiben?‘ stand in großen, lilafarbenen Buchstaben über einem besonders hübschen Farbfoto des Bonbonschweinchens und darunter, in knallig roten Lettern ‚Rettet dieses niedliche Tier vor dem Aussterben! Wer besitzt ein Landarisches Bonbonschweinchen oder weiß, wo sich eines befindet? Um sachdienliche Hinweise wird dringend gebeten! Meldet euch bei Carmelia Bjarnsdóttir auf der Tumbling Dandelion!’ In deutlich kleinerer Schrift stand noch etwas weiter darunter: ‚Keine Belohnung möglich, bitte keine unseriösen Angebote’ „Das ist ja unglaublich!“, entfuhr es Carmelia entzückt. „Du brauchst nur ja zu sagen, dann laden wir die Anzeige hoch“, versprach Oischen mit leuchtenden Augen, Augrel reckte die Daumen hoch und grinste bis über beide Ohren. Carmelia nickte so fest sie nur konnte, sie war zu gerührt, um die passenden Worte zu finden, Freudentränen schimmerten in ihren Augen. Wenige Minuten später stand die Suchanzeige bereits im galaktischen Space-Web, wo sie von jedermann gelesen und beantwortet werden konnte. Leider auch von Weltraumpiraten.
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Arnulf der Schwarze saß allein in der spartanisch eingerichteten Kantine der ‚Nasty Leech‘ und mampfte kalte Stampfkartoffeln aus einer Rationstüte. Da er sich selten um Hygiene scherte, fuhr er mit den bloßen Fingern in die knisternde Tüte und wischte die klebrigen Reste achtlos an seiner dunklen Hose ab. Wenn Arnulf der Schwarze frustriert war, begann er für gewöhnlich zu essen, weil das seine Nerven beruhigte. Und Arnulf der Schwarze war derzeit auf das Äußerste frustriert, denn die sonst so lukrative Artenjagd gestaltete sich in dieser Saison nervtötend schwierig. Es schien, als habe sich die gesamte Galaxis gegen die Weltraumpiraten verschworen, überall stießen sie auf die widerwärtig selbstgerechten Vertreter der Neuen Galaktischen Umweltbewegung, jedes System schien plötzlich vom Heiligen Geist des Artenschutzes umflort. Er fragte sich resigniert, ob es nicht besser gewesen wäre, dem Drängen seiner Mutter nachzugeben und eine Bar auf Raumstation 0916 zu eröffnen. Der Vorschlag war ihm vor einigen Monaten noch lächerlich, ja geradezu dämlich erschienen, doch mittlerweile erstrahlte er in neuem, verheißungsvollem Licht. Doch die Chance war leider vertan, Mutter hatte ihr Vermögen anderweitig investiert und Arnulf der Schwarze konnte nur hoffen, dass ihr das Glück mehr gewogen war, als ihm. Seine ausgesprochen miese Laune hätte frisch gekochten Schokoladenpudding mit Himbeersauce verdient, oder zumindest einen gehaltvollen Nudelauflauf, doch auf der ‚Nasty Leech‘ gab es statt einer anständigen Kochapparatur nur haltbare, festverschweißte Fertignahrung und so musste sich Arnulf der Schwarze mit kalten Stampfkartoffeln aus der Tüte begnügen. Als der junge Urdur plötzlich freudestrahlend in die Kantine stürmte und wild mit einem Web-Pad fuchtelte, warf Arnulf der Schwarze ärgerlich einen Brocken Kartoffelmatsch nach ihm. Urdur, der noch zu jung war, um einen zweiten Namen zu tragen und daher auf jede Möglichkeit brannte, sich mit großen Taten zu profilieren, wich dem fliegenden Batzen geschickt aus und hörte nicht auf wie ein Reaktor zu strahlen. „Volltreffer, ich hab’ einen Volltreffer!“, jauchzte er und seine Stimme überschlug sich schrill. Arnulf der Schwarze wischte die Finger an seiner Hose trocken und nahm das Web-Pad mit gerunzelter Stirn entgegen, seine tiefschwarzen Augen huschten über das Bild des Bonbonschweinchens und den farbenfrohen Anzeigentext, der Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich in rasantem Tempo. Erst lächelte er hocherfreut, dann zogen misstrauische Wolken über sein Gesicht und schließlich brannte echter Zorn in seinen Augen. „Warum kommst du damit zu mir?“, fragte er eisig, er verschränkte seine muskulösen Arme vor der massigen Brust, um seine Verstimmung zu unterstreichen. Urdur wich verunsichert zurück, offenbar hatte er mit einer anderen Reaktion gerechnet. „Ich dachte… ich dachte…“, stotterte er, doch die Worte steckten hinter seinem nervös hüpfenden Adamsapfel fest und er konnte nicht weitersprechen. „Du dachtest was? Dass du mir mit dieser billigen Fälschung den Streich deines Lebens spielen kannst? Dass ich wie ein alter Trottel zum Freudlosen laufe und mich vor ihm bis auf die Knochen blamiere, dachtest du das?“, schnappte Arnulf der Schwarze wütend. Urdur riss entsetzt die Augen auf, „Ich würde niemals…!“, begann er händeringend, doch Arnulf der Schwarze sprang wutschnaubend auf die Beine und jagte den Jungpirat unter donnernden Flüchen und harten Schlägen aus der Kantine. „Dann gehe ich eben zu jemand anderem!“, schrie Urdur beleidigt, bevor die Tür mit einem lauten Knall hinter ihm zuschnappte. „Geh zur Hölle!“, brüllte ihm Arnulf der Schwarze grimmig hinterher.

„Wie konntet ihr so etwas unfassbar Dummes tun?“ Onkel Higgard schritt energisch im vollbesetzten Gemeinschaftsraum der ‚Tumbling Dandelion’ auf und ab, sein Atem rasselte hektisch im Rhythmus seiner Schritte, ein Web-Pad wackelte in seiner zittrigen linken Hand. Auf dem zerkratzten Bildschirm des Pads war die Suchanzeige für das Bonbonschweinchen zu sehen, die seit mehreren Tagen im Space-Web kursierte und mittlerweile hunderttausende Aufrufe verzeichnete. Carmelia Bjarnsdóttir und die Zwillinge Oischen und Augrel standen mit gesenkten Köpfen in der Mitte des Gemeinschaftsraumes und starrten betreten zu Boden. „Wir…“, begann Augrel stockend, dicke Tränen tropften aus seinen Augen. „Wir wollten nur…“, führte Oischen den Satz zögerlich fort, doch dann versiegte sein Mut und er verstummte. „Es war nur gut gemeint“, flüsterte Carmelia, heiße Verlegenheit glühte rot auf ihren Wangen. „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Mittlerweile sind vielleicht schon dutzende Artenjäger hinter uns her!“, versetzte Onkel Higgard scharf und die anwesenden Erwachsenen murmelten zustimmend. „Es tut uns leid“, jammerten Augrel und Oischen wie aus einem Mund, ihre Stimmen klangen zittrig und verweint. „Natürlich tut es das“ Tante Lydden trat heran, stellte sich schützend neben die drei Beschuldigten und hob die Stimme, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Die Kinder haben einen Fehler begangen, ja. Sie schämen sich und das ist auch gut und richtig. Nun quält sie nicht weiter, sondern lasst uns gemeinsam überlegen was zu tun ist, um die ‚Dandelion‘ zu beschützen.“ „Wir setzten das haarige Biest auf dem nächsten Asteroiden aus und suchen das Weite!“, schlug Tante Krokantia prompt vor, sie hatte von Anfang an gegen das neue Haustier opponiert und witterte nun ihre große Chance. Carmelia stieß einen spitzen Schrei aus und wandte sich hilfesuchend an Tante Lydden. „Das dürft ihr nicht tun, bitte nicht!“ „Beruhige dich, Kind. Wir führen eine Diskussion, also verhalte dich dementsprechend“, sagte Tante Lydden streng und Carmelia bemühte sich nach Leibeskräften um Selbstbeherrschung. Onkel Rolaf meldete sich mit dem Vorschlag zu Wort, das Bonbonschweinchen möglichst gewinnbringend im Space-Web zu versteigern, was zögerlichen Beifall erntete und erneutes Entsetzen bei Carmelia auslöste, doch diesmal unterdrückte sie ihre Angst und schüttelte nur verzweifelt den Kopf. Tante Lydden argumentierte geschickt, das Bonbonschweinchen sei von Carmelia rechtmäßig erworben worden und man dürfe ihr den Besitz nicht einfach so wegnehmen. Sie schlug vor, stattdessen die Handelsaktivitäten der ‚Tumbling Dandelion‘ vorläufig in das nahe gelegene Schutzgebiet der Matriarchin zu verlagern, da sich die kriminellen Übeltäter dort wahrscheinlich nicht blickenlassen würden. Dieser Vorschlag gefiel Carmelia schon besser, doch die Erwachsenen zeigten sich weniger begeistert, denn die Preise waren im Schutzgebiet streng reguliert und manche Waren konnten dort überhaupt nicht verkauft werden. Die Argumente wurden hin- und hergeschoben, alte Streitigkeiten flammten neu auf, Onkel Geraldo und Tante Miranda gerieten heftig aneinander, wobei es hauptsächlich um einen seit Jahren verlorenen Schraubenschlüssel ging, doch schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Die ‚Tumbling Dandelion‘ würde umgehend in das sichere Schutzgebiet der Matriarchin fliegen, um dort nach einer neuen, besser geeigneten Heimat für das Bonbonschweinchen zu suchen. Für Carmelia bedeutete der Kompromiss Fluch und Segen zugleich, denn einerseits sah sie darin eine Chance, das Bonbonschweinchen vor seinen Feinden zu beschützen, andererseits bedeutete die Suche nach einem neuen Lebensraum aber auch eine Trennung für immer und Carmelia mochte sich nicht ausmalen, ihr geliebtes Hjarta wegzugeben.
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Warkus der Freudlose saß angespannt im schwarzlackierten Kommandostuhl der ‚Nasty Leech’ und kaute an seinen Fingernägeln, ohne es zu bemerken. „Wie lange noch bis zum Kontakt?“, fragte er, seine Stimme klang angespannt und gereizt. „Kontakt in zehn Minuten“, antwortete Arnulf der Schwarze verdrossen, seine Laune hatte sich in den letzten Tagen rapide verschlechtert, denn der junge Urdur hatte natürlich jedem, der es hören wollte, von seinem paranoiden Kontrollverlust in der Kantine erzählt und die anderen Piraten ließen ihn diesen peinlichen Fauxpas gehörig spüren. „Störfrequenz aktivieren, Laserkanonen laden, Enterhaken ausrichten“, befahl der alte Weltraumpirat und spuckte gedankenlos ein abgebissenes Stück Fingernagel auf den Fußboden. Martjen der Denker gab seine Anweisungen über eine altmodische Sprechanlage weiter an die betreffenden Stationen im Bauch des getarnten Kampfschiffes. Warkus der Freudlose rieb mit den Fingern über seine brennenden Augen und bemühte sich konzentriert zu bleiben, doch seine verfluchten Hämorrhoiden juckten schrecklich und im Rücken zwickte ein alter Bandscheibenvorfall, der sich immer dann bemerkbar machte, wenn er über einen zu langen Zeitraum zu nachlässig mit sich selbst war. Er fand keine bequeme Sitzposition auf dem harten, unbequemen Kommandostuhl und wünschte sich nichts sehnlicher als ein Sitzkissen und eine kühlende Salbe, wobei er das selbst unter schwerer Folter niemals zugegeben hätte. Der Graupapagei schnappte liebevoll nach seinem Ohrläppchen und krächzte: „Alles klar, Boss? Möchtest du ein fröhliches Liedchen hören? Schööön ist es ein Pirat zu sein…“ „Ruhe jetzt, verflucht“, knurrte Warkus der Freudlose und seine schwarzgefärbten Zähne knirschten gefährlich. Der elende Vogel gehorchte ausnahmsweise, sein krummer Schnabel klappte zu und er saß still wie eine ausgesprochen hässliche Statue. Warkus der Freudlose trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Armlehne und unterdrückte ein Seufzen. „Wie lange no…“, begann er zu fragen, „Kontakt in sechs Minuten“ , fiel ihm Arnulf der Schwarze unhöflich ins Wort. Warkus der Freudlose runzelte irritiert die Stirn und maß Arnulf den Schwarzen mit einem langen, finsteren und ausgesprochen abschätzigen Blick, der nichts Gutes verhieß. Martjen der Denker beobachtete das Geschehen mit tückischem Grinsen, vielleicht war die Zeit bald reif für einen langersehnten Personalwechsel, dachte er begehrlich.
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Im Gemeinschaftsraum der ‚Tumbling Dandelion‘ war man gerade damit beschäftigt die Strafaufgaben zu besprechen, die den Kindern für ihre große Dummheit auferlegt werden sollten und die in großen Teilen aus extra Putz- und Küchendienst bestanden, als plötzlich ein grässliches, metallisch hartes Geräusch die erlahmende Diskussion zerriss. Ein kräftiger Ruck ging durch das gesamte Frachtschiff, Sirenen schrillten, Warnlichter flackerten. „Das ist ein Angriff!“, schrie jemand entsetzt und als wäre das ein Signal, stürmten alle zur Tür hinaus. Carmelia Bjarnsdóttir und die Zwillinge wurden fast von der Menge zerquetscht, so kopflos verhielten sich manche Erwachsene in der ausbrechenden Panik. Oischen schrie hysterisch und Augrel jammerte, er wolle nie wieder irgendetwas böses tun. Carmelia war es schließlich, die tapfer durch die schubsenden Leiber drängte und die Geschwister in eine sichere Ecke des Raumes zog. Atemlos lauschte sie den beklemmenden Sirenen, ihre Augen weit aufgerissen, der Mund angstverzerrt. Augrel klammerte sich schutzsuchend an den Ärmel ihres Pullovers, während Oischen halbherzig versuchte sich loszureißen. „Ich muss helfen“, keuchte er theatralisch, doch Carmelia schüttelte nur stumm den Kopf und hielt den Jungen so fest an sich gedrückt, dass die Knöchel ihrer Finger weiß hervortraten. Angst strich mit langen, spitzen Fingernägeln ihren Rücken entlang und lähmte ihre Gedanken, bis ihr heißkalt das Bonbonschweinchen in den Sinn kam, das zwei Decks entfernt in einem großen, selbstgebauten Kleintierstall saß und völlig schutzlos dem Überfall ausgeliefert war. Carmelia blinzelte entsetzt und stürzte aus dem Besprechungsraum, Augrel und Oischen zerrte sie entschlossen hinter sich her, sie wollte die Zwillinge für keine Sekunde aus den Augen verlieren. Im Korridoren schrillten die Sirenen ohrenbetäubend laut, grelle Warnlichter blinkten und verwandelten den langen Gang in eine flackernde Röhre aus Licht und Finsternis. Carmelia schluckte einen dicken Angstkloß hinunter, der wie ein erstickender Klumpen in ihrem Hals feststeckte und hastete zielstrebig zu einem nahegelegenen Wartungsschacht. „Ich kenne eine Abkürzung zu Hjarta“, stieß sie gepresst hervor, kalter Schweiß perlte von ihrer Stirn, ihr Herz raste. „Lass mich endlich los“, quengelte Oischen ungehalten, Carmelia fuhrt zu ihm herum und wollte schreien, er solle endlich still sein und tun, was sie verdammtnochmal sagte, doch stattdessen brach sie ganz unvermittelt in Tränen aus. „Das ist alles meine Schuld“, wisperte sie verzweifelt, ihre Stimme war kaum mehr als ein piepsiges Flüstern, das im Lärm der Sirenen unterging. „Alles, alles meine Schuld!“ Carmelia schluchzte herzzerreißend, die Tränen stürzten in regelrechten Wasserfällen aus ihren glasig schimmernden Augen. Oischen stand wie vom Donner gerührt im grellen Stakkato der blinkenden Warnlichter und betrachtete Carmelia mit einer Mischung aus Sorge und Entsetzen, während Augrel sich nur noch fester an ihren Ärmel drückte und hemmungslos mitweinte. „Och Carmy, red’ doch keinen solchen Mist. Komm, holen wir dein blödes Schweinchen“, sagte Oischen schließlich betont lässig und kletterte rasch in den Wartungsschacht, weil er nicht wußte, wie er sonst auf die Situation reagieren sollte.
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„Wie geht es voran?“ Warkus der Freudlose ruckelte verhalten im unliebsam gewordenen Kommandostuhl hin und her, um den brennenden Hämorrhoidenjuckreiz möglichst unauffällig zu mildern. „Enterhaken in Position“, brummte Arnulf der Schwarze unfreundlich. „Bereitmachen zum Entern“, befahl Warkus der Freudlose, er drückte den verspannten Rücken durch, bis die Wirbel zwischen seinen Schulterblättern hörbar knackten und die Andeutung eines Lächelns stahl sich auf sein verlebtes Gesicht; egal wie schlecht seine Laune auch sein mochte, ein Überfall hob garantiert die Stimmung. Der Graupapagei erwachte aus seiner eigentümlichen Erstarrung und sträubte aufgeregt das Gefieder, „Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!“, skandierte er begeistert, doch niemand schenkte ihm Beachtung. „ Der Entertrupp steht bereit, oh Kapitän!“, verkündete Martjen der Denker und knallte übertrieben zackig die Hacken zusammen, Arnulf der Schwarze warf ihm einen ärgerlichen Seitenblick zu und rollte genervt mit den Augen, doch der Denker scherte sich nicht darum. Er war mit Feuereifer bei der Sache, um Arnulf den Schwarzen möglichst schlecht dastehen zu lassen und er hatte nichts dagegen, wenn dieser das auch wusste. Warkus der Freudlose ignorierte den kleinlichen Machtkampf seiner Untergebenen und gab mit einer fast beschwingten Handbewegung das Signal zum Angriff. Er dachte zufrieden, dass es im ganzen Universum nichts Schöneres gab, als einen simplen Raubüberfall.
„Abbruch! Abbruch!“, brüllte Arnulf der Schwarze plötzlich in die rosarote Zufriedenheitswolke des bejahrten Schurken hinein und bevor dieser noch fragen konnte, was zur Hölle nun wieder nicht stimmte, erschütterte eine schwere Explosion die ‚Nasty Leech‘ und riß ihn vom Kommandostuhl, als wäre er ein welkes Blatt im Sturm. Der Graupapagei flatterte kreischend durch die Luft und überschüttete alle Anwesenden mit derben Verwünschungen. Warkus der Freudlose rappelte sich ächzend zurück auf die Beine und wankte zu Arnulf dem Schwarzen, der sich leichenblass über die blinkenden Instrumententafeln beugte. „Was ist verdammtnochmal los?“, schrie er zornig, während das Schiff unter seinen Füßen bockte und vibrierte, als wolle es auseinanderbrechen. „Die ‚Driftwood‘ hat sich an Steuerbord enttarnt und das Feuer eröffnet!“, brüllte Arnulf der Schwarze nicht minder aggressiv, eine weitere Explosion rüttelte die ‚Nasty Leech‘ kräftig durch, gleißende Funken spritzten aus platzenden Energieleitungen und verglühten auf dem Boden. „Enterhaken lösen und Ausweichmanöver einleiten! Feuer frei aus allen Rohren! Schießt diese Bastarde aus dem Weltraum!“ Warkus der Freudlose tobte vor Wut, Speichel spritzte von seinen Lippen, seine Augen irrlichterten über die unzähligen rotleuchtenden Anzeigen, während er wie rasend zu erfassen suchte, was eigentlich gerade geschehen war. „Die ‚Tumbling Dandelion‘ nimmt Fahrt auf. Sie versucht zu fliehen“, rief Arnulf der Schwarze und deutete aufgeregt auf seine Instrumente. „Um den scheiß Frachter kümmern wir uns später. Jetzt haben wir eine Rechnung zu begleichen“, knurrte Warkus der Freudlose und fletschte rachsüchtig die schwarzen Zähne, peinliche Fragen rasten unkontrolliert durch seinen adrenalingepeitschten Schädel. Wie war es der verdammten ‚Driftwood‘ nur gelungen, sich völlig unbemerkt an die ‚Nasty Leech‘ heranzuschleichen? Und warum, bei allen sieben Höllen, hatte er nicht rechtzeitig bedacht, dass auch andere Piratenschiffe Jagd auf dieses verlockende Ziel machen würden und entsprechende Vorbereitungen getroffen? War er wirklich so behäbig und stumpf geworden, dass selbst ein einfacher Überfall wie dieser unvermeidlich schiefgehen musste? „Wie ist unser Status?“, verlangte er barsch zu wissen, um sich aus dem selbstmitleidstriefenden Fragenstrudel zu befreien. „Schwere Schäden am Plünderungsmodul, kein Kontakt zum Entertrupp“, keuchte Martjen der Denker, er blutete aus einer schlimmen Kopfwunde und konnte sich offenbar kaum auf den Beinen halten. „Verdammte Kacke!“, brüllte Warkus der Freudlose, jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht, die Haut wirkte aschfahl und fast durchscheinend, blaue Adern traten unter seinen Augen hervor und verliehen ihm das maskenhafte Aussehen eines Totenschädels. „Die ‚Driftwood‘ hat das Feuer eingestellt und bittet um ein Gespräch. Soll ich die Verbindung herstellen?“, fragte Arnulf der Schwarze und Warkus der Freudlose dachte grollend, er würde lieber nackt aus der nächstbesten Luftschleuse springen, als auch nur ein einziges Wort mit dem Kapitän der ‚Driftwood’ zu wechseln. Trotzdem nickte er und grollte ein mürrisches „Meinetwegen“, denn er brauchte die Atempause dringend, um eine Strategie zu überlegen. Wenige Sekunden später starrte er in das goldbärtige Gesicht von Helge dem Schönen, der genüsslich eine dicke Zigarre paffte und herablassend grinste. „Grüß dich, Warkus. Nett, dich zu sehen. Wie geht es dir?“ Helge der Schöne blies dicke Rauchkringel und schmatzte genüsslich, doch Warkus der Freudlose legte keinen Wert auf leichte Konversation. „Was soll diese verkackte Kackscheiße?“, brüllte er hitzig und ballte angriffslustig die beringten Fäuste, seine Nasenflügel bebten, die Muskeln an seinem Hals traten deutlich hervor. „Na, na, na. Warum so unhöflich?“, tadelte der Schöne und schürzte gekünstelt die vollen Lippen. Warkus der Freudlose hätte ihn am liebsten durch den Bildschirm hindurch erwürgt. „Was willst du, Saftsack?“, knurrte er und versuchte nicht seine Mordlust zu verstecken. „Ich habe dir ein Angebot zu unterbreiten“, antwortete sein Gegenüber gestelzt und blies noch mehr Rauchkringel in die Luft. „Reichlich spät dafür, findest du nicht?“, erwiderte Warkus der Freudlose trocken, doch Helge der Schöne schüttelte nur lachend den Kopf. „Für ein gutes Angebot ist es nie zu spät, oder?“, erwiderte er augenzwinkernd. „Jetzt rück’ schon endlich raus mit der Sprache. Was willst du?“, donnerte Warkus der Freudlose, dessen hauchdünner Geduldsfaden endgültig zu zerreißen drohte. „Ich biete dir an, dich der Neuen Galaktischen Umweltbewegung anzuschließen, mein Lieber“, verkündete Helge der Schöne und sog ausgiebig an seiner Zigarre. „Du machst wohl Witze. Hahaha!“ Warkus der Freudlose versuchte abfällig zu lachen, doch es klang selbst in seinen Ohren erschreckend schrill. „Soll das etwa heißen, du hängst jetzt am Milchbusen der Matriarchin?“, versetzte er betont ätzend. „Aber nicht doch, mein Bester. Ich stehe immer auf Seiten der Gewinner, wie du weißt. Aber wo stehst du? Die Matriarchin hat ein Kopfgeld auf Typhoid Beetlebottle ausgesetzt und auf jeden, der für ihn arbeitet. Wegen anhaltender Grausamkeit und Erregung Interplanetarischen Ärgernisses, du verstehst? Sie hat die Unterstützung des Präsidenten der Vereinten Gasriesen und selbst die königliche Familie von Farn steht hinter ihr. Ich rate dir also, lass ab von dieser albernen Jagd und schließe dich der Bewegung an, wir können dich und dein Schiff gut gebrauchen. Also, was sagst du?“ Warkus der Freudlose brauchte keine zehn Sekunden, um eine Entscheidung zu fällen. „Nur über meine Leiche“, war alles, was er zornesbleich erwiderte.
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„Was geschieht jetzt?“ Carmelia Bjarnsdóttir drängte sich zusammen mit Augrel und Oischen um einen tragbaren Mini-Bildschirm, der über ein Wirrwarr an Kabeln mit einer Außenkamera der ‚Tumbling Dandelion‘ verknüpft war und unscharfe, grässlich verschwommene Aufnahmen des Weltraums zeigte. Augrel war auf die zündende Idee gekommen, einen alten Bildschirm aus dem Schulbestand mit einer Außenkamera zu verbinden und scheinbar war er auch der einzige, der etwas konkretes in den verrauschten Bildern erkennen konnte. „Die Piratenschiffe kämpfen gegeneinander!“, erklärte er begeistert das flimmernde Schneetreiben und Carmelia fragte sich zum wiederholten Mal, ob er sich das alles nicht nur ausdachte, um von der schrecklichen Realität des Angriffs abzulenken. Sie selbst jedenfalls konnte nur mit Sicherheit sagen, dass sie versteckt in einem schwer zugänglichen Winkel der ‚Tumbling Dandelion‘ hockte und sich fühlte wie ein hilfloser Wurm an der Angel. Ängstlich streichelte sie das flauschige Bonbonschweinchen, das ruhig in ihren Armen lag, selbst das kleine Tierchen schien die Gefährlichkeit der Situation zu durchschauen, es verhielt sich ungewöhnlich still und schnurrte nicht. Ein neuerlicher Ruck durchlief die ‚Tumbling Dandelion‘ und rüttelte die Kinder kräftig durch, Oischen und Carmelia wimmerten verängstigt, doch Augrel stieß einen begeisterten Schrei aus. „Wir beschleunigen!“, jubelte er entzückt und Oischen seufzte so erleichtert, als wäre eine zentnerschwere Last von seiner Brust gefallen und er könnte endlich wieder frei atmen. „Bist du ganz sicher?“, fragte Carmelia skeptisch, obwohl auch sie durch ihre Füße spüren konnte, dass sich die ‚Tumbling Dandelion‘ schneller bewegte und ein Anflug von Hoffnung ihr Herz durchströmte. „Natürlich bin ich sicher, du stinkiger Hirnfurz“, antwortete Augrel prompt, er streckte die Zunge weit heraus und machte „Bäh“. Kaum wähnte er die Gefahr gebannt, war er schon wieder zu Scherzen aufgelegt, seine schreckliche Todesangst und die vielen Tränen schienen vergessen.
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Arnulf der Schwarze lag röchelnd auf dem Rücken und starrte mit weit aufgerissenen Augen in das heitere Antlitz von Martjen dem Denker, der lächelnd über ihm kniete und aussah, als käme er frisch aus dem Schlachthaus. „Weg von mir“, keuchte Arnulf der Schwarze unter großer Anstrengung, obwohl Martjen der Denker keine Anstalten machte, ihm auch nur ein Haar zu krümmen. Dem Denker genügte es, Arnulf dem Schwarzen beim Sterben zuzusehen. Das Atmen bereitete dem Schwerverletzten immer größere Schmerzen, er kämpfte verbissen gegen eine Ohnmacht an, denn er wusste instinktiv, dass er nicht wieder erwachen würde, wenn er jetzt die Augen schloss. Eine schreckliche Explosion in einer Instrumententafel hatte seinen Brustkorb zerschmettert und er fühlte sich von Minute zu Minute schwächer werden, bleierne Erschöpfung drückte ihn nieder, sein Sichtfeld verengte sich, sodass er kaum noch wahrnehmen konnte, was um ihn herum geschah. Kraftlos hob er die rechte Hand, um Martjen den Denker von sich zu stoßen, doch dieser lächelte nur unergründlich und wich nicht von seiner Seite. Arnulf der Schwarze starb mit einem Zittern und Martjen der Denker dachte hochzufrieden, dass ihm der missglückte Angriff auf den verdammten Raumfrachter gleich zwei unliebsame Konkurrenten vom Hals geschafft hatte, denn das Plünderungsmodul war bei dem hinterhältigen Angriff der ‚Driftwood’ mit Mann und Maus vernichtet worden und auch Rivien der Tänzer hatte sein eisiges Grab im Weltraum gefunden. Der Denker erhob sich von den Knien und bedachte Arnulf den Schwarzen mit einem letzten, nahezu freundschaftlichen Blick, dann wandte er sich erwartungsvoll Warkus dem Freudlosen zu, der mit starrer Miene im Kommandostuhl hockte und die qualvolle Todesszene reglos mitangesehen hatte. Der Kampf gegen die ‚Driftwood‘ war überstanden, das feindliche Kampfschiff lag in tausend Trümmern, Helge der Schöne und seine auf ewig verfluchte Mannschaft hatten den schändlichen Angriff auf die ‚Nasty Leech‘ mit dem Leben bezahlt, doch Warkus der Freudlose fand keine Befriedigung in einem Sieg, der so bitter schmeckte wie dieser. Ein Teil seiner Mannschaft war tot oder schwer verwundet, sein Kampfschiff hatte nicht unerhebliche Schäden davongetragen und die Reparatur würde horrende Kosten verursachen – von seinem möglicherweise irreparabel angeknacksten Ego ganz zu schweigen. Warkus der Freudlose befahl mit monotoner Stimme die Toten zu bestatten und die Verfolgung der ‚Tumbling Dandelion‘ aufzunehmen, dann zog er sich mitsamt Papagei in sein Quartier zurück, weil er das grässlich zufriedene Grinsen von Martjen dem Denker nicht mehr länger ertragen konnte.
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Auf der ‚Tumbling Dandelion‘ versuchten Mjaja und Tante Lydden eine nervlich zerrüttete Carmelia Bjarnsdóttir in den Schlaf zu singen, obwohl beide ausgesprochen schlecht dafür geeignet waren. Sie trafen keinen Ton gerade, sangen zittrig und schief und vergaßen ständig den Text, doch ihr fürchterlicher Gesang klang in den Ohren des aufgewühlten Mädchens nach familiärer Geborgenheit und Frieden. Carmelia rollte sich in der Schlafkoje zusammen und kuschelte sich eng an das kleine Bonbonschweinchen, das zufrieden an ihrer Seite schwebte und beruhigend schnurrte. Langsam sickerten all die giftigen Panikgefühle und Ängste aus ihren Gedanken, sie wurde ruhiger und konnte endlich ein wenig entspannen. Ihre Augenlider wogen unsagbar schwer, sie glitt immer weiter über den Rand der Träume hinaus und hatte doch das eigenartige Gefühl, hellwach in der Koje zu schweben und dem schrecklich-schönen Gesang ihrer Familie zu lauschen. Die Realität verschwamm mit undurchsichtigen Traumschlieren, Carmelia dachte benommen, dass sie nun wahrscheinlich bald einschlafen würde und im selben Augenblick hatte der Schlaf sie verschluckt. Sie träumte von flackernden Lichtern und heulenden Sirenen, kletterte einen schier unendlich tiefen Wartungsschacht hinunter, der bis zum Spezialitätenmarkt von Landarion führte und stritt dort mit Mjaja um die besten Süßigkeiten, die sie partout nicht teilen wollte, bis urplötzlich ein mitternachtsschwarzes Piratenschiff am Himmel erschien und mit riesigen Kanonen in die Marktstände schoss. Carmelia wollte weglaufen, doch ihre Beine bewegten sich nur schwerfällig, die Luft schien plötzlich zäh wie Kuchenteig und sie kam keinen Meter voran. In ihrem Rücken hörte sie das garstige Raumschiff näher kommen, es brüllte und gebärdete sich wie ein hungriges Raubtier und Carmelia glaubte, seinen heißen Atem im Nacken zu spüren, sie rannte mit aller Kraft und kam trotzdem kaum von der Stelle, sie strampelte und schrie laut um Hilfe, doch aus ihrem Mund kam nur ein heiseres Krächzen. Carmelia erwachte schweißgebadet und schnappte erschrocken nach Luft, es dauerte einige Herzschläge, bis sie verstand, dass sie sicher in ihrer Schlafkoje schwebte und nicht von einem blutrünstigen Piratenschiffmonster verfolgt wurde. Benommen liebkoste sie das kleine Bonbonschweinchen, das schmatzend das Mäulchen öffnete und herzallerliebst gähnte. „Was für ein mieser Traum“, flüsterte Carmelia, sie schüttelte sich, um die unangenehmen Bilderfetzen abzustreifen, dann löste sie die Schlafgurte und glitt aus der Koje. Im schwerelosen Schlafquartier der ‚Tumbling Dandelion‘ herrschte ungewöhnliche Stille, alle anderen Kojen waren unbelegt, was ausgesprochen ungewöhnlich war. Carmelia runzelte beunruhigt die Stirn, der angstdurchtränkte Gedanke schoss durch ihren Kopf, sie wäre ganz allein auf dem großen Frachtschiff und alle anderen längst von den Piraten entführt. Natürlich wusste sie instinktiv, dass dieser Gedanke blanker Unsinn und ein Auswuchs ihrer Fantasie war, trotzdem konnte sie nicht anders, ihre Hände wurden schwitzig und feucht, ihr Atem ging schneller, das Herz pochte hart in ihrer Brust. Carmelia holte rasch das verschlafene Bonbonschweinchen aus der Koje und schwebte aus dem Schlafquartier. Auf dem Korridor stieß sie beinahe mit Onkel Rolaf zusammen, der sich nur kurz entschuldigte und dann hastig in Richtung Maschinenraum rannte. Carmelia sah ihm mit wachsender Besorgnis hinterher und beschloss spontan zum Koordinationszentrum zu gehen, um, wenn möglich, ein paar Informationen aufzuschnappen. Unterwegs begegnete sie nur wenigen Erwachsenen, die ihr jedoch kaum Beachtung schenkten und eilig durch die Korridore liefen. Carmelia fühlte sich unangenehm an den schrecklichen Tag erinnert, an dem Landarion angegriffen und vernichtet worden war, die Stimmung knisterte ähnlich angespannt und das Mädchen begriff schaudernd, dass es diesmal nicht um einen fremden Planet ging, der in Todesgefahr war, sondern um die ‚Tumbling Dandelion‘ selbst.
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Warkus der Freudlose brütete schlechtgelaunt über einem seitenlangen Schadensbericht, den seine Mannschaft in den vergangenen vierundzwanzig Stunden aufgelistet hatte; mit jedem Posten wuchsen die Reparaturkosten weiter ins Unermessliche und er fragte sich resigniert, wer das alles verdammtnochmal bezahlen sollte. Die Jagd nach dem Bonbonschweinchen drohte zum Fiasko zu werden und er sah keine Möglichkeit, diesen Rückschlag wieder wettzumachen. Warkus der Freudlose dachte zynisch, dass zumindest die Personalkosten drastisch gesunken waren, doch der Gedanke hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack, er hatte wichtige Leute verloren und auch die mussten irgendwie ersetzt werden. Schwermütig sackte er über seinem Arbeitstisch zusammen und barg das Gesicht in den Händen, um nichts mehr sehen zu müssen. „Lass den Kopf nicht hängen, Boss!“ Der garstige Graupapagei stakste ungelenk über den Tisch und beäugte den niedergeschlagenen Weltraumpirat aus glitzernden Augen. „Ich kenne einen Witz, der wird dich im Handumdrehen wieder aufmuntern!“ „Verschone mich mit deinen Witzen“, murmelte Warkus der Freudlose, ohne das Gesicht aus den Händen zu nehmen, doch der Graupapagei stieß nur ein eigentümliches Krächzen aus, das ganz wie gehässiges Kichern klang und kreischte unerbittlich, „Also, was ist bunt und rennt über den Tisch? Na? Ein Fluchtsalat!“ „Oh, bitte“, stöhnte Warkus der Freudlose, während sich der Papagei vor Lachen überschlug und über den Tisch kullerte. „Okay, okay. Wie findest du den: Was ist weiß und stört beim Essen? Hä? Eine Lawine!“ Warkus der Freudlose hob wie in Zeitlupe den Kopf und starrte den plappernden Vogel aus hasserfüllten Augen an. „Du hast in deinem ganzen, verschissenen Leben noch keine Lawine gesehen“, knurrte er aus tiefster Kehle. „Hey Boss, was macht ein Pirat am Computer? Na? Er drückt die Entertaste! Hahaha!“ Warkus der Freudlose stieß einen gutturalen Schrei aus und stürzte sich auf den Graupapagei, der lauthals kreischend in die Luft flatterte und geschickt den schwerfälligen Hieben des alten Recken auswich. Der elende Vogel umflog seinen tobenden Herrn in wilden Kreisen und amüsierte sich köstlich. „Wenn ich kurz unterbrechen dürfte…“ Martjen der Denker stand in der Tür und beobachtete die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tier mit unverhohlener Süffisanz. Warkus der Freudlose erstarrte in der Bewegung und errötete peinlich berührt, er fühlte sich ertappt und versuchte die Situation mit aufgesetzter Grobheit zu überdecken. „Kannst du nicht anklopfen?“, fauchte er zornig, doch Martjen der Denke zuckte nur mit seinen überbreiten Schultern und schob kokett die Unterlippe vor. „Was willst du?“, fragte Warkus der Freudlose unfreundlich, er setzte sich zurück an den Arbeitstisch und nahm den Schadensbericht zur Hand, um beschäftigt zu wirken. Der Graupapagei flatterte zurück auf seine Schulter, als wäre nichts gewesen. „Ich habe schlechte Neuigkeiten“, begann Martjen der Denker und Warkus der Freudlose dachte bitter, dass er eigentlich nichts anderes erwartet hatte, „die ‚Tumbling Dandelion‘ fliegt zur Schutzzone der Matriarchin und sie ist überraschend schnell. Wir sind ihr zwar auf den Fersen, doch unser Antrieb ist beschädigt und gibt vielleicht nicht genug her. Den Berechnungen zufolge wird es ein knappes Rennen.“ Warkus der Freudlose nickte und hüllte sich in undurchsichtiges Schweigen, Martjen der Denker deutete die Stille falsch und hielt den Moment für geeignet, einen Vorstoß zu wagen. „Wenn ich vielleicht vorschlagen dürfte, eine neue Strategie bezüglich der…“, begann er vorsichtig, doch Warkus der Freudlose preschte gnadenlos dazwischen, „Was für eine neue Strategie? Es gibt keine neue Strategie!“, schrie er und schleuderte den Schadensbericht quer durch das Quartier. „Naja…“ Martjen der Denker druckste unsicher herum, doch dann wagte er den Sprung nach vorn, „das Kopfgeld auf Typhoid Beetlebottle ist tatsächlich recht ansehnlich und die Matriarchin bietet jedem Gesetzlosen, der sich freiwillig stellt und der Neuen Galaktischen Umweltbewegung beitritt, die vollständige Begnadigung an“, sagte er und zog sicherheitshalber den Kopf ein, falls Warkus der Freudlose mit weiteren Gegenständen werfen wollte, doch der knurrte nur gereizt, dass er kein verfluchter Kopfgeldjäger sei und auch nicht vorhatte, der willenlose Lakai einer geistesgestörten Naturliebhaberin zu werden und damit war die Diskussion für ihn erledigt.
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Carmelia Bjarnsdóttir drückte sich seit Stunden möglichst unauffällig in der Nähe des Koordinationszentrums herum und lauerte auf Neuigkeiten. Sie hatte aufschnappen können, dass die Schutzzone der Matriarchin nicht mehr allzu weit entfernt war, doch das schien kein Grund zur Erleichterung zu sein, denn die Erwachsenen, die manchmal aus dem Koordinationszentrum eilten, wirkten schrecklich angespannt und hochgradig nervös. Was passierte nur hinter der verschlossenen Türe? Carmelia hätte alles gegeben, um dabei sein zu dürfen, sie überlegte in einem Anflug von kindlicher Ungeduld, einfach rundheraus anzuklopfen und nach Tante Lydden zu fragen, doch dann verwarf sie den Gedanken wieder. Die Tante hatte andere Sorgen, als sich um ihre dummen Fragen zu kümmern. „Hey Carmy“ Carmelia erschrak und ließ um ein Haar das Bonbonschweinchen fallen, das zufrieden in ihren Armen ruhte und sein Mittagessen verdaute. Sie fuhr zu Oischen herum, der wie aus dem Nichts hinter ihr aufgetaucht war und funkelte ihn zornig an. „Warum schleichst du dich so an? Willst du, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?“, entfuhr es ihr gereizt, doch Oischen ließ sich davon nicht einschüchtern. „Komm schnell mit!“ Er deutete mit hibbeligen Handbewegungen den Korridor hinunter und wackelte wichtigtuerisch mit den Augenbrauen. „Ich kann hier nicht weg. Ich muss wissen, was da drinnen geschieht“, erwiderte Carmelia und schüttelte energisch den Kopf, Oischen wackelte noch etwas intensiver mit den Augenbrauen und zog heftig am Ärmel ihres Pullovers. „Genau darum geht es doch, Augrel hatte wieder eine Spitzenidee, er bastelt schon seit Stunden! Jetzt komm schon, oder muss ich dich tragen?“ Carmelia warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick zur verschlossenen Tür, dann gab sie seufzend nach und folgte Oischen den Korridor hinunter. Oischen benahm sich ausgesprochen merkwürdig, er warf ständig misstrauische Blicke über seine Schulter und kniff argwöhnisch die Augen zusammen, deutete mehrere, in Carmelias Augen völlig sinnlose Ausfallschritte an, dann öffnete er plötzlich ruckartig die Tür zu einer Rumpelkammer und sprang hinein, Carmelia folgte ihm kopfschüttelnd und wußte nicht recht, was sie erwarten sollte. In dem vollgestopften Raum saß Augrel auf einem großen, bis auf das Gehäuse ausgeschlachteten Reinigungsroboter, dessen zylindrischer Körper bis fast unter die Zimmerdecke reichte. Er hielt das Endstück eines eigentümlich gewundenen Plastikschlauches gegen sein linkes Ohr gepresst, der nach mehreren Windungen in einem schmalen Lüftungsschlitz verschwand, und grinste wie ein Verrückter. „Es funktioniert, ich bin ein Genie!“, rief er freudestrahlend. Carmelia drückte Oischen das Bonbonschweinchen in den Arm, sie kletterte geschickt zu Augrel hinauf und sah ihn neugierig an, doch der hielt ihr nur das metallumrandete Endstück des Schlauches entgegen und grinste ununterbrochen. Carmelia überlegte nicht lange, sondern presste ein Ohr gegen das hautwarme Metall und lauschte gespannt.
„…Feuer ist unter Kontrolle, aber ich weiß nicht, wie lange die Maschinen diese Geschwindigkeit noch aushalten…“, hörte sie eine nervöse Stimme rufen, die vertraut nach Onkel Geraldo klang. Carmelia riß fasziniert die Augen auf und lauschte mit offenem Mund den Gesprächsfetzen aus dem Koordinationszentrum.
„…in Rufweite zu Grenzposten 37…“, sagte Onkel Higgard gerade, seine Stimme war kratzig und heiser, Carmelia konnte seine tiefe Erschöpfung förmlich durch den Plastikschlauch spüren.
„…Notruf absetzen. Mit etwas Glück kommen sie uns zu Hilfe…“ Das war eindeutig Tante Lydden, ihre Stimme klang erstaunlich ruhig und klar.
„…die ‚Nasty Leech‘ kommt in dreißig Minuten in Reichweite…“, bemerkte Onkel Higgard gepresst, Carmelia schnappte erschrocken nach Luft, die Angst vor einem neuerlichen Angriff stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Was ist los, was passiert gerade?“ Oischen hopste aufgeregt am Fuß des Reinigungsroboters auf und nieder und winkte ungeduldig zu Carmelia und Augrel empor, doch Carmelia presste nur weiterhin ihr Ohr gegen das Endstück und antwortete nicht. Augrel zuckte ratlos mit den Achseln, um zu signalisieren, dass er nicht die blasseste Ahnung hatte. „He, das ist unfair“, klagte Oischen und zog ein Schmollgesicht, er setzte das Bonbonschweinchen in einen leeren Putzeimer und kletterte ebenfalls auf den Reinigungsroboter, der unter dem Gewicht der drei Kinder bedrohlich schwankte. „Ich will auch mal hören“, quengelte er und griff begehrlich nach dem Hörschlauch, doch Carmelia stieß ihn unwillig von sich und schnitt eine zornige Grimasse. „Hau ab!“, fauchte sie und kräuselte unwillig die Nase. „Gib schon her, du blöde Paviankönigin!“, verlangte Oischen und griff nach dem Schlauch. Eine wilde Rangelei brach aus, Carmelia trat und spuckte rücksichtslos, Oischen zog rabiat an ihren Haaren, Augrel verteilte enthusiastisch Kopfnüsse in alle Richtungen und schien sich keiner Seite anschließen zu wollen. Der Reinigungsroboter wankte heftig hin und her und kippte schließlich mit lautem Knirschen gegen die Wand, die Kinder verloren das Gleichgewicht und purzelten in einem wirren Knäuel zu Boden. „Jetzt sieh dir nur an, was du angerichtet hast!“, schrie Carmelia entsetzt, sie hielt das abgerissene Endstück des Hörschlauches in der Hand, in ihren Augen glänzten Tränen. „Das war ich nicht. Du warst das!“, gab Oischen beleidigt zurück, ein dünnes Blutrinnsal lief aus seiner Nase und er schniefte unablässig. „Hört endlich auf zu streiten und helft mir lieber, ihn wieder zu reparieren“, versetzte Augrel in einem Anflug von Weisheit, Carmelia reichte ihm beschämt das abgerissene Endstück und murmelte eine Entschuldigung.
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Martjen der Denker saß stocksteif auf seinem angestammten Platz im Kommandozentrum der ‚Nasty Leech‘ und beobachtete verstohlen Warkus den Freudlosen, der seinen inneren Schweinehund überwunden und sich zurück in den unbequemen Kommandostuhl gequält hatte, um den erneuten Angriff auf die ‚Tumbling Dandelion‘ zu befehligen. Der Denker hatte die vergangenen Stunden genutzt, um ein paar interessante Gespräche mit der Mannschaft zu führen und ein wenig auf den Busch zu klopfen, wie er es gedanklich formulierte. Standen die Piraten immer noch geschlossen hinter Warkus dem Freudlosen, oder hegten sie Zweifel an dessen Führungskompetenz? Waren sie zufrieden mit der schlechten Bezahlung und den miserablen Arbeitsbedingungen, oder hätten sie gerne eine neue, bessere Perspektive? Was hielten sie von der Idee, das Kommando der ‚Nasty Leech‘ an einen jüngeren, moderner denkenden Kollegen zu übergeben, der die Zeichen der Zeit zu deuten wusste und das Schiff in eine rosigere Zukunft führen konnte? Und wie wäre es, wenn dieser Kollege Martjen der Denker hieß? Sein Vorschlag stieß auf manch offenes Ohr, das ausschlaggebende Zauberwort lautete Amnestie und wenn es erforderlich war, dafür der Matriarchin in den Hintern zu kriechen und ihr den Kopf von Typhoid Beetlebottle zu servieren – warum nicht? Im Grunde war es doch egal, ob sie ihr Geld als Artenjäger oder Artenschützer verdienten, ausschlaggebend war, dass die Kasse am Ende des Tages stimmte. Und so saß Martjen der Denker nun wie elektrisiert auf seinem Platz und überlegte fieberhaft, wie er Warkus den Freudlosen ohne großes Risiko beseitigen und die Herrschaft über die ‚Nasty Leech’ übernehmen konnte, bevor es vielleicht zu spät war.
Warkus der Freudlose war seinerseits so beschäftigt mit all den drückenden Problemen, die schwer auf seinen gramgebeugten Schultern lasteten, dass er die veränderte Stimmung seiner Mannschaft nicht bemerkte. Wäre er nur etwas aufmerksamer gewesen, ihm wären die verstohlenen Blicke nicht verborgen geblieben, das beredte Schweigen und die fatale Anspannung, die wie eine Käseglocke über allem lag und die Luft zum Atmen schier unerträglich machte. Doch er registrierte nichts, sondern grübelte nur missmutig über seine verzwickte finanzielle Lage, während er ungeduldig darauf wartete, dass die ‚Tumbling Dandelion‘ in Reichweite der Kanonen kam. „Wie lange dauert das denn noch?“, nörgelte er ungehalten. „Wie lange? Wie lange?“, wiederholte der Graupapagei krächzend, der bis eben noch tief und fest auf seiner Schulter geschlafen hatte. „Noch fünfzehn Minuten“, antwortete ein blutjunger Pirat, der den Platz von Arnulf dem Schwarzen eingenommen hatte und an dessen Namen er sich beim besten Willen nicht erinnern konnte. Wie kam es nur, dass diese Milchbubis plötzlich überall aus der Erde schossen wie Pilze, während sich die Reihen der alten Garde immer mehr lichteten? Gehörte auch er zu einer aussterbenden Art? Warkus der Freudlose wies diesen theatralischen Gedanken gereizt von sich, jetzt war nicht die Zeit für Sentimentalitäten. „Enterhaken justieren, Laserkanonen laden, bereitmachen zum Entern“, befahl er in herrischem Ton. „Die Enterhaken funktionieren nicht mehr, wir haben sie beim Kampf mit der ‚Driftwood‘ verloren“, erwiderte Martjen der Denker und hätte Warkus der Freudlose nur ein wenig besser aufgepasst, ihm wäre der eiskalte Unterton in seiner Stimme nicht entgangen. Stattdessen murmelte er nur unflätige Beschimpfungen und verlangte, dass der vermaledeite Frachter mit Waffengewalt unter Kontrolle gebracht werden musste, bevor er die Grenze zur Schutzzone erreichte. „Schießt ihren Antrieb in Stücke. Ich will dieses Schiff“, knurrte er düster, dann verfiel er in brütendes Schweigen. „Ein Patrouillenschiff der Matriarchin nähert sich mit hoher Geschwindigkeit der ‚Tumbling Dandelion‘. Geschätzte Ankunftszeit in zwanzig Minuten“, meldete der junge Pirat an den Instrumententafeln, sein großer Adamsapfel hüpfte nervös, Schweiß stand ihm auf der Stirn, sein Blick wanderte unsicher zu Martjen dem Denker, der heimlich signalisierte die Ruhe zu bewahren. „Verdammt!“, entfuhr es Warkus dem Freudlosen, zornig grub er die Hände in die Armlehnen des Kommandostuhls. „Ersuche um ein Gespräch. Vielleicht kann ich mit den Scheißkerlen verhandeln“, verlangte er mürrisch, obwohl er sich wenig Chancen auf Erfolg ausrechnete. Wenige Sekunden später erschien auf dem Bildschirm das dunkle Gesicht einer bemerkenswert attraktiven Frau Mitte vierzig, die ihn herablassend aus schwarzen Augen musterte. „Mein Name ist Sandra Opalah, ich bin die Kommandantin des Patrouillenschiffes ‚Eagle 37‘. Sie belästigen ein Raumschiff, das um den Beistand der Matriarchin ersucht hat. Hiermit teile ich Ihnen mit, dass diesem Gesuch entsprochen wurde. Die ‚Tumbling Dandelion‘ steht ab sofort unter dem Schutz der Matriarchin und wird von uns gegebenenfalls verteidigt. Brechen Sie die Verfolgung unverzüglich ab und ziehen Sie sich zurück.“ Warkus der Freudlose starrte sprachlos den Bildschirm an und rang um Fassung, er wollte, wenn möglich, eine Auseinandersetzung mit dem hochmodernen Patrouillenschiff vermeiden, doch war er nicht gewillt, auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen. Er verlegte sich auf Süßholzraspeln und hoffte richtig zu liegen. „Holde Schönheit“, begann er schwungvoll, doch die Kommandantin verdrehte entnervt die Augen und hob abwehrend die Hände. „Lassen Sie das“, entfuhr es ihr gereizt. „Ich bitte um Verzeihung“, flötete Warkus der Freudlose und deutete eine kleine Verbeugung an, „aber im Weltraum trifft man selten auf solch beeindruckend schö…“ „Ich habe gesagt, Sie sollen das lassen“, fauchte Sandra Opalah und ihre schwarzen Augen funkelten erbost. „Ziehen Sie sich sofort zurück, oder wir eröffnen das Feuer.“ „Wie wäre es, wenn Sie sich stattdessen zurückziehen und uns diesen kleinen, völlig unbedeutenden Frachter überlassen würden? Ich könnte mir vorstellen, dass sich ein solches Verhalten als durchaus lohnenswert erweist“, erwiderte Warkus der Freudlose hölzern, doch die Kommandantin schüttelte nur abweisend den Kopf und gab ein arrogantes Schnauben von sich. „Dann bleibt mir wohl keine andere Wahl, als dich zu töten, mein Täubchen“, knurrte Warkus der Freudlose ungehobelt. „Mir auch nicht“, flüsterte Martjen der Denker in seinem Rücken und drückte ein Messer gegen seinen Hals. Warkus der Freudlose erstarrte und selbst sein Herzschlag schien auszusetzen. Der Graupapagei kreischte entsetzt und flatterte hektisch davon, „Meuterei! Meuterei!“, schrie er schockiert, doch das half leider nichts. Martjen der Denker gestattete sich ein zynisches Lächeln und stach gnadenlos zu.
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Auf der ‚Tumbling Dandelion‘ sah man der Ankunft des Patrouillenschiffes mit großer Erleichterung entgegen, Carmelia Bjarnsdóttir und die Zwillinge Augrel und Oischen saßen einmütig auf dem zylindrischen Reinigungsroboter und lauschten abwechselnd den Stimmen aus dem Koordinationszentrum.
„…die ‚Nasty Leech‘ hat den Angriff abgebrochen und signalisiert ihre Kapitulation…“, verkündete Onkel Higgard gerade und die Jubelrufe aus dem Koordinationszentrum vermischten sich mit den begeisterten Schreien der Kinder.
„…sende unseren Dank an die Kommandantin der ‚Eagle 37‘, ohne ihren Beistand hätten wir das nicht überlebt…“, sagte Tante Lydden, in ihrer Stimme schwang große Erleichterung.
„Es ist vorbei!“, rief Oischen begeistert und umarmte seinen Bruder so stürmisch, dass beide vom Reinigungsroboter rutschten und in einem wirren Knäuel aus Armen und Beinen über den Boden rollten. Carmelia beobachtete die Zwillinge mit mildem Lächeln, sie fühlte sich federleicht und beschwingt, doch auch unendlich erschöpft und seltsam leer. Ihr Blick wanderte wehmütig zum Bonbonschweinchen, das zufrieden in seinem Putzeimer saß und sich ausgiebig die Vorderpfoten leckte. Sie hoffte inständig das possierliche Tierchen behalten zu dürfen, nachdem die Gefahr durch die Piraten nun abgewendet war, doch sie fürchtete, dass die Erwachsenen das möglicherweise anders sahen. „Was ist los? Freust du dich nicht?“, fragte Augrel verwundert, er kletterte zurück auf den Reinigungsroboter und sah ihr fragend ins Gesicht. „Natürlich freue ich mich“, antwortete sie nach kurzem Zögern, „es ist nur…“, sie verstummte und starrte wieder auf das geliebte Tier, ihre Gesichtszüge wurden weich. „Du hast Angst, dass du dein Schweinchen trotzdem weggeben musst, nicht wahr?“, fragte Augrel verständnisvoll. Carmelia nickte dankbar und war froh, dass er wusste was sie meinte, aber nicht ausdrücken konnte. „Ach, mach dir darüber keine Sorgen. Das kriegen wir auch noch geregelt“, versicherte Augrel gutgelaunt und grinste so liebenswürdig, dass Carmelia nicht anders konnte, als ihm zu glauben.
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Warkus der Freudlose lag röchelnd neben dem Kommandostuhl und drückte die Hände fest gegen seinen Hals, aus dem das Blut in grellroten Fontänen schoss. Seine trüben Augen bohrten sich vorwurfsvoll in die verschwommene Silhouette von Martjen dem Denker, der entspannt im blutverschmierten Kommandostuhl lümmelte und den Sterbenden nicht weiter beachtete. „Sieht nicht gut aus, Boss!“, krächzte der Graupapagei, der wie ein gerupfter Todesengel auf der Brust des dahinsiechenden Weltraumpiraten hockte und ihn aufmerksam aus hellgelben Augen beobachtete. Warkus der Freudlose gab gurgelnde Geräusche von sich und verzog das Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse. „Mit einem Lied geht es gleich besser“, verkündete der Papagei gleichmütig und holte tief Luft. Warkus der Freudlose mobilisierte die letzten Kraftreserven, die sein sterbender Körper aufbringen konnte, seine blutüberströmten Hände schnellten vor und legten sich in tödlicher Entschlossenheit um den zerbrechlichen Körper des elenden Vogels, doch er brachte es selbst im Sterben nicht zustande, das Geschenk seiner toten Tochter zu zerstören. Seine Hände öffneten sich ein allerletztes Mal und gaben den unverletzten Papagei frei, der nur kurz sein zerdrücktes Gefieder schüttelte und dann unerschütterlich zu singen begann; doch Warkus der Freudlose hörte es nicht mehr.
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Typhoid Beetlebottle schreckte aus tiefem Schlummer und rieb sich verwundert die Augen, ein merkwürdiges Geräusch hatte ihn aus seinen wohligen Träumen gerissen und er fragte sich schlaftrunken, ob es vielleicht sein knurrender Magen war, der ihn so plötzlich geweckt hatte. Doch das mysteriöse Geräusch entstammte nicht seinem voluminösen Körper, sondern drang durch die Wände seines luxuriösen Schlafzimmers und es klang auch mehr wie ein dröhnendes Wummern, als ein hungriges Knurren. Typhoid Beetlebottle konnte sich beim besten Willen nicht erklären, worum es sich bei diesem seltsamen Geräusch handelte. Er gähnte, streckte ausgiebig die steifen Glieder und wartete darauf, dass seine Putzermaschinchen herbeieilen und mit der Reinigung seines gewaltigen Leibes beginnen würden, doch die winzigen Maschinen ließen sich nicht blicken – und auch sonst kam niemand. Kein höfliches Klopfen ertönte an der dickgepolsterten Eingangstür, kein Butloide rollte herbei, um ein fröhliches Geburtstagsständchen anzustimmen. Typhoid Beetlebottle schwebte beunruhigt zu einer dezent beleuchteten Wandtafel und drückte auf sämtliche Knöpfe, die sein Personal verständigten, doch auch nach längerem Warten tauchte niemand auf, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen. Nur das sonderbare Geräusch erklang wieder und wieder und strapazierte seine Nerven. Angst und Zorn kämpften in Typhoid Beetlebottle um die Vormachtstellung, und da er es eher gewohnt war wütend zu werden, als sich zu sorgen, gewann der Zorn die Oberhand. Entrüstet zwängte er sich in seinen Anti-Gravitationsstuhl, sein feister Körper bebte vor Empörung, wutschnaubend schwebte er aus dem Schlafzimmer, um nach den Verantwortlichen für sein Ungemach zu suchen und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Das enervierende Wummern erklang nun lauter, schwoll an zu einem bedrohlichen Donnern und Typhoid Beetlebottle beschloss entnervt, die Suche nach seinen Angestellten auf einen späteren Zeitpunk zu verschieben und erst zu eruieren, woher dieses verdammte Geräusch nun stammte und was es zu bedeuten hatte. Das donnernde Wummern schien vom vergoldeten Eingangsportal her zu dringen, irritiert schwebte er zu einem großen Panoramafenster und glotzte nach draußen, sein grausiger Mund klappte erschrocken auf, seine Augen wurden weit. Im akkurat gepflegten Garten war eine beängstigend große Menschenmenge versammelt, viele hielten gefährlich aussehende Waffen in den Händen, manche drohten mit bloßen Fäusten oder fletschten aggressiv die Zähne, um ihre Raserei zur Schau zu stellen. Mehrere Personen drängten sich am Eingangsportal und versuchten es mit roher Gewalt zu öffnen, sie schmetterten einen Rammbock gegen die stahlverstärkten Portalflügel, der erschreckende Ähnlichkeiten mit dem silberglänzenden Butloiden aufwies und das dröhnende Wummern, das dabei entstand, drang Typhoid Beetlebottle bis in Mark und Bein. Entsetzt zuckte er vom Panoramafenster zurück, sein Herz raste, sein Atem ging schnell. Wie war es nur möglich, dass eine Horde ungepflegter, stinkender, bis auf die Zähne bewaffneter Wilder in sein streng geschütztes Anwesen vordringen konnte? Wo waren seine Leibwächter, die sich in Scharen auf die Eindringlinge stürzen und sie in Stücke reißen müssten? Typhoid Beetlebottle ahnte mit wachsender Panik, dass er von seinen Angestellten verraten und verkauft worden war, die feige Brut hatte offensichtlich die Sicherheitsanlagen deaktiviert und dann die Flucht ergriffen. Einzig der treu programmierte Butloide hatte scheinbar versucht ihn zu verteidigen und musste dafür mit seinem künstlichen Leben bezahlen. Alle anderen hatten sich gegen ihn verschworen, sogar seine mechanischen Gehilfen hatten sich aus dem Staub gemacht, doch noch ehe er daran denken konnte, sich ebenfalls zu absentieren, gab das Eingangsportal mit einem lauten Knirschen den unerbittlichen Schlägen des Butloiden-Rammbocks nach und die Menschenmenge strömte grölend ins Haus. „Wie könnt ihr es wagen mein Heim zu besudeln!“, brüllte Typhoid Beetlebottle entrüstet und sein verfettetes Herz raste so schnell wie seine galoppierenden Gedanken. Er dachte an Vergeltung und dachte zugleich an sein kostbares Leben, das sich nun plötzlich in allerhöchster Gefahr befand, mit einem dünnen Schrei wandte er sich zur Flucht, doch sein Anti-Gravitationsstuhl schwebte nur quälend langsam vorwärts und schon bald war er von Angreifern umzingelt. „Wer seinen Kopf abschlägt, erhält eine extra Prämie“, knurrte ein schmerbäuchiger Widerling grinsend und eine hagere, kahlköpfige Frau lachte irr und richtete eine riesige Pistole auf sein Gesicht, Typhoid Beetlebottle gab ein klägliches Wimmern von sich und begann hemmungslos um sein Leben zu betteln. „Ich zahle euch das Doppelte und noch viel mehr, wenn ihr mich verschont, egal wie hoch der Preis ist, ich kann ihn überbieten!“, schluchzte er verzweifelt, doch sein Flehen wurde nicht erhört. Ein breitschultriger, ungeschlachter Rohling drängte ungestüm durch die umstehenden Leiber und zückte einen entsetzlich langen Säbel. „Die ‚Nasty Leech‘ lässt freundlich Grüßen“, zischte er hämisch, der Säbel schnitt fauchend durch die Luft und Typhoid Beetlebottle fragte sich verwundert, warum er keinen Schmerz verspürte, da glitt sein Kopf langsam von seinem Hals und das letzte, was der große Feinschmecker und Vernichter unzähliger Arten sah, bevor er für immer die Augen schloss, war ein Gewirr aus dreckigen Füßen und ein grässlich verschmutzter Marmorboden.

© sybille lengauer

Lesung an diesem Samstag, auch live über Youtube.

Samstag, 19. Dezember, ab 20 Uhr: Gabriele Behrend und Sybille Lengauer lesen live.
Nach insgesamt 45 Lesungen der Brennenden Buchstaben wollen wir dieses umfangreiche Veranstaltungsjahr mit zwei Weihnachtelesungen kurz vor Weihnachten ausklingen lassen.
Gabriele Behrend stellt bei uns am 19. Dezember ihren Roman „Salzgras und Lavendel“ vor. Obwohl der Titel das nicht unbedingt offenbart, handelt es sich um einen Science Fiction Roman, um industriell vermarktete multiple Persönlichkeiten. Ab 20 Uhr liest sie in Barlok Barbosas Bühnenbild.
Danach, ab 21 Uhr liest Sybille Lengauer für uns ihre Sci-Fi-Action-Kurzgeschichte „Im Göttergarten – Die Erleuchtung“, ebenfalls in einem Bühnenbild von Barlok Barbosa.


Ton über den Discord-Server der Brennenden: https://discord.gg/P3x79Xw
Und über http://www.radio-rote-dora.org:9000
Live Video Übertragung auf youtube unter http://www.youtube.de/brennendenbuchstaben
SLURL: https://maps.secondlife.com/seco…/Port%20Genieva/51/108/22

Im Göttergarten

Veröffentlicht: September 12, 2020 in Kurzgeschichten
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Im Göttergarten
(Die Erleuchtung)

Hochsommer im Garten der Götter. Drückende Hitze liegt über dem heiligen Paradies, kein Grashalm regt sich in der windstillen Schwüle. Im Schatten einer hochgewachsenen Robinie sitzen zwei jugendliche Gottheiten auf einer hellblau gestrichenen Holzbank und trinken gekühlten Honigwein. Ein kleines Rotkehlchen flattert neugierig heran, um ihr aufkeimendes Gespräch zu belauschen.
„Ich sage dir, die Neue bringt es nicht.“
„Das sagst du doch immer.“
„Diesmal stimmt es aber.“
„Das sagst du auch immer.“
Das Rotkehlchen sträubt enttäuscht das Gefieder, es hat solche endlosen Diskussionen schon viel zu oft mit angehört. Gelangweilt putzt es seine Schwungfedern und fliegt dann rasch davon.
„Sie hat nicht das Zeug zum Propheten“, nörgelt der junge Elefantengott, skeptisch blickt er dem Rotkehlchen hinterher, das zwischen blühenden Mariendisteln verschwindet. Der lange Rüssel im dunkelgrauen Göttergesicht verleiht seinen Worten einen enervierend näselnden Klang. Sein Trinkkumpan, ein Elementargott mit flimmernder Haut und eisblauen Augen, zuckt nur mit den Achseln, er setzt das Glas an und trinkt. Es ist zu heiß, um sich entschlossen zu streiten.
„Ich meine, eine Erleuchtung auf dem Mars? Das ist doch lächerlich!“, ereifert sich der Elefantengott störrisch.
„Jetzt sei mal nicht so konservativ“, stichelt der Elementargott und seine Augen werden gehässig schmal.
„Ich bin doch nicht konservativ!“, trompetet sein Gefährte entrüstet, schwungvoll stellt er sein Glas auf der Bank ab und stemmt die massigen Arme in die Hüfte, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen.
„Auch das sagst du immer“, spottet der Elementargott und lacht schallend.

I
Mars, 11 August 2220. Seit drei Tagen sucht die Besatzung der Terraforming-Station Franquin I fieberhaft nach der verschollenen Bioingenieurin Jona Holt. Im Grunde scheint es unmöglich sich auf einer vollautomatisierten Terraforming-Station zu verstecken, doch Jona Holt kaschiert ihre Lebenszeichen und bleibt, trotz intensiver Bemühungen des Teams, spurlos verschwunden. Wie sie dieses Kunststück fertigbringt ist ihren Kollegen ein Rätsel, aber dass sie sich irgendwo auf der Franquin I verbirgt, steht unumstößlich fest, denn ihr Lieblingsmesser steckte bis zum Griff im Brustkorb des armen Doktor Mossil, als man dessen aufgequollenen Leichnam gestern Abend aus einem Abwasserbecken der Kläranlage zog. Gesäubert und sorgfältig vakuumiert wartet sein zerschundener Körper nun mit der unendlichen Geduld der Toten darauf, als erster Mensch der Geschichte im lebensfeindlichen Sand des Mars beerdigt zu werden.
*
„Schon irgendwie zynisch, oder?“ Jenetta Xing verharrt vor einer schwach beleuchteten Abzweigung und überprüft das Signal ihres Suchgerätes, konzentriert schiebt sie die Unterlippe nach vorn, atmet dabei laut durch die Nase. Das mattgraue Suchgerät vibriert nur schwach in ihrer Hand und liefert keine klare Anzeige. Die stämmige Technikerin runzelt unwillig die Stirn, sie fühlt sich unwohl in ihrer Haut, denn so tief dringt sie nur selten in den unterirdischen Bauch der Station vor. Sie entscheidet sich für den linken Gang und setzt sich zögerlich wieder in Bewegung. „Was meinst du?“, fragt Harry Yves ohne großes Interesse. Er unterdrückt ein Gähnen und trottet lustlos hinter Xings breitschultriger Silhouette her, seine Stimme klingt erschöpft und monoton. „Na, du weißt schon. Das alles eben!“, antwortet die leitende Technikerin, sie wirft ihrem jungen Kollegen einen bedeutungsschwangeren Seitenblick zu und hebt die Augenbrauen. „Er wollte doch unbedingt berühmt werden. Und jetzt ist er es.“ „Wer?“, fragt Harry Yves verwirrt. „Sag mal, merkst du noch was?“ Xings scharfer Tonfall lässt Harry zurückschrecken, er strauchelt über seine Füße und stolpert unbeholfen gegen die glatte Wand des Ganges. „Entschuldige, ich habe nicht aufgepasst“, murmelt er verlegen. „Das merke ich, danke für nichts“, blafft Jenetta Xing. Sie versetzt ihrem jungen Kollegen einen derben Knuff in die kurzen Rippen. „Aua!“ „Ich meine den alten Mossil. Er wollte doch immer eine bedeutende Entdeckung machen. Seinen Fußabdruck im Staub der Geschichte hinterlassen, wie er es nannte. Und jetzt ist er nicht nur der erste Mensch, der auf dem Mars beigesetzt wird, er ist auch der erste Mensch, der auf dem Mars ermordet wurde! Ein Platz in der Geschichte ist ihm sicher.“ „Achso, jaja.“, macht Harry Yves und reibt sich die schmerzenden Rippen. „Du Memme“, knurrt Jenetta Xing gereizt, sie überprüft erneut die Anzeige ihres Suchgerätes und setzt den Weg entschlossen fort. „Miststück“, flüstert Harry Yves leise, sodass seine Vorgesetzte es nicht hören kann. „Habt ihr die Abluftrohre in Sektion III überprüft?“ Die Stimme des Stationsleiters, Doe McGregor, schallt kalt aus der Kommunikationsanlage. „Selbstverständlich, Sir“, antwortet Harry Yves betont freundlich, doch heimlich rollt er mit den Augen. Er empfindet die Nachfragen des Stationsleiters als überflüssig, belässt es jedoch bei einer freundlichen Antwort. Die Stimmung auf der Station ist ohnehin schon angespannt genug. „Gut, ihr habt noch zwei Stunden, dann will ich eure Ärsche im Besprechungsraum sehen. Verstanden?“ „Verstanden, Sir“, antworten Xing und Yves wie aus einem Mund.
*
Im Koordinationszentrum der Franquin I zieht sich Doe McGregor entnervt das Headset vom kahlen Schädel. „Idioten“, knurrt er gereizt, sein Blick wandert ruhelos über die unzähligen Anzeigetafeln und flimmernden Bildschirme. „Wie bitte?“ Stationsarzt Thomas Sheldon hebt irritiert den Blick von seinem Bedienfeld, doch Doe McGregor wiegelt rasch ab. „Nicht du, dich meine ich nicht.“ „Die Leute tun ihr Bestes, Doe. Wir befinden uns in einer extremen Situation…“, beginnt Thomas Sheldon, doch wird er sogleich von McGregor unterbrochen, der abwehrend die Hände hebt. „Lass es, Tom. Ich weiß, in welcher Scheiße wir stecken, dazu brauche ich keine psychologische Analyse.“ „Das Team verlässt sich auf dich“, fährt Sheldon ungerührt fort. „Das Team kann mich mal!“, faucht McGregor aggressiv. Thomas Sheldons dunkelbraune Augen bohren sich in McGregors verkniffenes Gesicht, suchen dort nach Anzeichen eines Nervenzusammenbruchs. „Sieh mich nicht so an. Es geht mir ausgezeichnet“, knurrt der Stationsleiter gereizt, Thomas Sheldon zuckt ergeben mit den Achseln. „Wie du meinst, Sir.“
*
„Es hat aufgehört zu bluten.“ Jona Holt zuckt zusammen und öffnet blinzelnd die Augen. Sie dreht sich aus der Seitenlage und stöhnt, als schneidender Schmerz ihren Unterleib durchfährt. „Nicht so hastig, Mädchen. Sonst wirst du wieder ohnmächtig.“ Jona nickt und wuchtet sich langsam in eine sitzende Position. Vorsichtig untersucht sie die notdürftig verklebte Wunde an ihrem Bauch. „Wie fühlst du dich?“ Jona neigt den Kopf, ein bescheidenes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Es ging mir schon schlechter, Herr“, antwortet sie demütig. Ein plötzliches Geräusch lässt sie aufschrecken und ein weiterer Schmerzimpuls durchzuckt ihren mageren Körper. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie durch die Dunkelheit. Hält den Atem an. Horcht. „Keine Angst. Du bist hier sicher.“ „Ich habe keine Angst, Herr,“, versichert Jona mit zitternder Stimme und pochendem Herzen, „ich weiß, dass Du an meiner Seite bist.“ Das bedrohliche Geräusch verklingt und in der darauffolgenden Stille kann Jona nur ihr eigenes, gehetztes Atmen hören. Mühsam zwingt sie sich zu ruhigeren Atemzügen und langsam fließt die Panik aus ihr heraus. „Das hast du gut gemacht.“ „Danke, Herr.“
*
„Die ist durchgedreht. Ganz eindeutig. Übergeschnappt. Total übergeschnappt.“ Ynez Wozniak schaufelt enorme Portionen Kartoffelbrei zwischen ihre malmenden Kiefer und spuckt beim Sprechen kleine Breiklümpchen über den Tisch. Professor Myra Schwarz betrachtet die übergewichtige Ingenieurin mit unverhohlener Abscheu, lustlos stochert sie in ihrer Essensration und bleibt still. „Hysterischer Zusammenbruch. Marskoller. Irgendwas in der Art.“, plappert die Ingenieurin weiter, während sie mit großer Entschlossenheit über die synthetischen Fischstäbchen herfällt. „Ich wusste von Anfang an, dass mit der was nicht stimmt. Dieses ständige beten und dieser gestörte Blick. Wie sie es durch die psychologische Tauglichkeitsprüfung geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Hätte nie einen Fuß auf den Mars setzen dürfen, das Luder.“ „Dass du dabei noch essen kannst!“, entfährt es Professor Schwarz, angewidert schiebt sie den vollen Teller von sich. „Isst du das noch?“, entgegnet Ynez Wozniak ungerührt, ihr Blick fixiert gierig die erkaltende Nahrung. „Bitte. Bedien dich.“ Die Wissenschaftlerin versetzt dem Teller einen Stoß, Wozniak fängt ihn geschickt mit der linken Hand und bohrt sofort ihren Löffel in die Portion. „Reisfleisch. Lecker!“, entfährt es ihr mit Wonne, Myra Schwarz verdreht entnervt die Augen und erhebt sich vom Tisch. „Warte, du hast mir noch gar nichts von der Obduktion erzählt!“, bettelt die Ingenieurin mit vollem Mund, doch Professor Schwarz schüttelt stumm den Kopf. Mit gestrafften Schultern verlässt sie den kleinen Speisesaal. „Man kann sich auch anstellen!“, brüllt Ynez Wozniak hinter ihr her, Myra Schwarz knallt absichtlich mit der Tür.

II
„Bericht!“ Im taghell erleuchteten Besprechungsraum wandert Stationsleiter Doe McGregor ungeduldig vor dem ovalen Konferenztisch auf und ab, er hat die Arme hinter dem Rücken verschränkt, seine Halssehnen treten stark hervor, die Kiefermuskeln arbeiten. Die Techniker Xing und Yves sitzen wie Schulkinder nebeneinander und verfolgen nervös jeden seiner Schritte. „Es gelingt uns nicht, sie aufzuspüren, Sir.“ Jenetta Xing kneift die Augen zusammen und massiert energisch ihren schmerzenden Nasenrücken. „Sie ist wie vom Erdboden verschluckt.“ „Marsboden“, korrigiert Harry Yves leise. „Halt’s Maul“, zischt Jenetta Xing gereizt. „Ruhe!“, fährt Doe McGregor zornig dazwischen. Er setzt sich an das Kopfende des Tisches und lässt die Handflächen wuchtig auf die Tischplatte knallen. „So kann das nicht weitergehen!“ „Haben Sie Rückmeldung von der Erde erhalten, Sir?“, fragt Jenetta Xing vorsichtig, sie ist jeden Moment darauf gefasst von McGregor angeschrien zu werden und lehnt sich vorsorglich im Sessel zurück. „Negativ“, knurrt der Stationsleiter nur, sein Gesicht drückt große Sorge aus, in seinen Augen glänzt eine Hilflosigkeit, die Jenetta Xing zutiefst beunruhigt. „Solange die Station weiterläuft, ist es der Firma scheißegal was hier passiert. Holt ist unser Problem, nicht deren. Wenn sie anfängt die Maschinen zu sabotieren, dann werden die reagieren. Menschen sind ersetzbar. Wir sind ersetzbar.“ McGregor merkt, dass er zu viel gesagt hat, er räuspert sich verlegen und überspielt den Moment mit aufgesetzter Wut. „Das muss, verdammtnochmal, ein Ende haben!“, brüllt er lauthals, Harry Yves schreckt entsetzt zurück, Jenetta Xing zuckt mit keiner Wimper. „Wir könnten den Seeker auf sie ansetzen, Sir.“, schlägt sie mit ruhiger Stimme vor. „Wir programmieren ihn auf Holts Wasserschwingung, statten ihn mit einem Explosionskörper aus und wenn er sie gefunden hat… Bumm.“ Die Technikerin untermalt das Geräusch mit einer entsprechenden Geste und gestattet sich ein kleines Lächeln. „Wir können keine Explosion riskieren, wenn wir nicht wissen, wo sie sich aufhält. Im schlimmsten Fall jagen wir die Station in die Luft.“, widerspricht Harry Yves, erschrocken von seiner eigenen Courage klappt er den Mund wieder zu und erbleicht. „Er hat recht.“ McGregor nickt und zieht ein langes Gesicht, seine Wut ist verraucht, zusammengesunken sitzt er am Kopfende des Tisches. „Dann eben keine Explosion. Ein Ortungssignal würde genügen. Dann schicken wir bewaffnete Workies los und machen sie fertig.“ Doe McGregor denkt mit gerunzelter Stirn über Xings Vorschlag nach. „Einen Versuch ist es wert.“
*
Stille. Dunkelheit. Kaum hörbare Atemzüge. Jona Holt kauert in der Finsternis ihres Verstecks und spürt dem bittersüßen Schmerz in ihrem Herzen nach. Ein bedrückendes, unaufhörliches Schaben hat ihren Herzschlag ersetzt, tiefschwarze Traurigkeit pulst kalt durch ihre Brust. Voller Scham denkt sie an ihre letzte Begegnung mit Eugene Mossil zurück. „Ich brauche deine Liebe nicht“, sagt er in ihren Gedanken wieder und immer wieder und ein Zittern und Schluchzen durchläuft Jonas Körper. Die Schnittwunde an ihrem Bauch beginnt zu toben, doch Jona kann sich nicht beruhigen. Die Bilder des blutigen Kampfes flackern gnadenlos durch ihren Kopf. Das Messer, das sie erst gegen sich selbst richten wollte. Der grelle Schmerz, als sie sich damit verletzt. Und mitten hinein in diesen Schmerz bricht Eugenes abfälliges Lachen. Sein gehässiges, schadenfrohes Lachen, dem sie in ihrer rasenden Wut ein brutales Ende bereitet. Sein erstauntes Gesicht, die Lippen zu einen stummen O geformt. Seine weit aufgerissen, meerblauen Augen. Das Messer, tief in seiner Brust. „Du musst loslassen, Jona.“ „Es tut mir leid, Herr“, wimmert Holt verzweifelt. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ „Aber ich bin so schwach!“ Jona fühlt ihre Augen überfließen, beschämt wischt sie die heißen Tränen aus ihrem Gesicht. „Entschuldige“, piepst sie kaum hörbar. „Es wird alles gut, Jona.“

III
„Kannst du in meinen Raum kommen?“
„Ich habe zu tun.“
„Es ist wichtig, Myra.“
„Ich bin beschäftigt. Hat das nicht Zeit?“
„Es geht um McGregor.“
Professor Schwarz hebt irritiert den Blick von den Kabeleingeweiden der Wassersuchdrohne, in voller Schutzkleidung kniet sie über dem dekonstruierten Gerät. Irritiert starrt sie auf das dunkle Quadrat der Kommunikationsanlage, das in die gegenüberliegende Wand eingelassen ist. „Ich überarbeite gerade den Seeker und kann die Arbeit nicht unterbrechen. Ich bin im Reinraum“, sagt die Wissenschaftlerin mit fester Stimme, dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Inneren der Maschine zu. „Ich komme zu dir.“ Thomas Sheldon beendet den privaten Sprachkanal und macht sich unverzüglich auf den Weg. Als er Professor Schwarz wenige Minuten später, getrennt durch eine dünne Plexiglasscheibe, gegenübersteht, ringt er umständlich um die passenden Worte. „Ich…ich mache mir Sorgen, Myra.“, beginnt er verlegen, dann hält er inne und wischt nervös über einen winzigen Schmutzfleck am Rand der Scheibe. Im Reinraum zuckt Myra Schwarz desinteressiert mit den Schultern. „Wir alle machen uns Sorgen, Tom.“, antwortet sie gleichgültig. „Nein, so meine ich es nicht.“ Thomas Sheldon windet sich sichtlich, doch Myra Schwarz ist nicht gewillt, ihm das Gespräch zu erleichtern. Routiniert verbindet sie die Kabel im Bauch der Drohne und lässt Sheldon draußen schmoren. „Ich glaube, dass er dem Druck nicht gewachsen ist“, bricht es schließlich aus dem Stationsarzt heraus. „Aha“, macht Myra Schwarz hinter der Scheibe. „Er schreit noch mehr als sonst, ist extrem reizbar, zeigt paranoide Züge. Und seine Biowerte sind höchst bedenklich. Ich meine, wir sollten die Firma kontaktieren.“ „Wer ist wir, hast du einen Zwerg in deiner Tasche?“, ätzt Myra Schwarz und würdigt den Stationsarzt keines Blickes. „Du bist Zweite Stationsleiterin, Myra!“, entfährt es Thomas Sheldon verärgert. „Und du bist der verdammte Arzt dieser Station. Wenn McGregor die Nerven verliert, ist es an dir, die Notbremse zu ziehen.“, faucht die Wissenschaftlerin unter ihrem Gesichtsschutz hervor. „Es war ein Fehler mit dir zu sprechen.“ Sheldons Stimme ist plötzlich sehr kalt, brüsk dreht er sich von der Plexiglasscheibe fort. „Warte, Tom.“ Myra Schwarz seufz tief und wendet sich zum ersten Mal direkt an ihr Gegenüber. „Ich habe es nicht so gemeint. Entschuldige.“ Thomas Sheldon verharrt mit dem Rücken zur Scheibe, dann dreht er sich plötzlich zu Schwarz um und fixiert die Augen in ihrem blassen Gesicht. „Du wirst mir also helfen?“, fragt er und drückt dabei seine Hände so fest gegeneinander, dass die Fingerspitzen weiß hervortreten. „Ja“, antwortet Schwarz mit der Andeutung eines Nickens, dann beugt sie sich wieder zur Maschine.
*
Im Koordinationszentrum der Terraforming-Station starrt Doe McGregor ausdruckslos den Überwachungsmonitor an, über den er das Gespräch heimlich mitverfolgt hat. Reglos wie eine Statue hockt er im Kommandostuhl und nur das leise Knirschen seiner Zähne verrät seine aufgewühlten Gefühle. Lange sitzt er so da und glotzt auf den Monitor, während um ihn herum die unterschiedlichen Anzeigetafeln blinken und flimmern. Schließlich durchläuft ein Schaudern seinen Körper, ruckartig taucht er aus der Erstarrung auf. Wie in Trance betätigt er einige Regler an der Kommunikationssteuerung. „Wozniak, Xing, Yves. In den Besprechungsraum. Sofort.“, bellt er rau, dann beendet er die Verbindung. „Bastarde“, entfährt es ihm leise.

IV
„Hey, mein Kleiner. Hast du eine Ahnung, was der Boss von uns will?“ Ynez Wozniak rückt mit ihrem Stuhl aufdringlich nahe an den jungen Harry Yves heran. „Nicht die geringste, Ma’am“, antwortet Yves und rückt seinen Stuhl etwas weiter von ihrer feisten Gestalt fort. Jenetta Xing beobachtet das Schauspiel und zieht entnervt eine Augenbraue nach oben. „Könnt ihr mit dem Unfug aufhören?“, fragt sie schließlich, als Harry auf seinem Stuhl das Gleichgewicht verliert und plump zu Boden fällt. Ynez Wozniak lacht dreckig. „Ich kann seinen kleinen Alabasterbäckchen einfach nicht widerstehen.“, frotzelt sie mit breitem Grinsen. „Werd erwachsen“, blafft Xing ungerührt. Wozniak setzt zu einer gesalzenen Antwort an, doch Doe McGregor betritt den Besprechungsraum und sie verstummt abrupt. Drei Augenpaare richten sich erwartungsvoll auf den Stationsleiter, der schmallippig im Raum steht und die Arme vor der Brust verschränkt. „Die Situation hat sich geändert,“, beginnt er schließlich mit dunkler Stimme, „Holt arbeitet nicht alleine. Wir haben es mit einer Meuterei zu tun.“ „Meuterei, Sir?“, entfährt es Harry Yves erschrocken. „Sei still“, flüstert Jenetta Xing gereizt. McGregor mustert ihr breites Gesicht mit steinerner Miene. „Schwarz und Sheldon stecken mit ihr unter einer Decke.“, sagt er, dann lässt er sich schwerfällig in einen freien Stuhl sinken. Ynez Wozniak öffnet den Mund und schließt ihn wieder. „Sollen wir die Firma kontaktieren, Sir?“, fragt Xing schließlich in die angespannte Stille hinein. „Auf keinen Fall“, wehrt McGregor ab. „Das ist eine interne Angelegenheit.“ „Verstanden, Sir.“ Xing nickt und tauscht einen vielsagenden Blick mit Harry Yves, der nichts versteht und ratlos blinzelt. „Schwarz arbeitet am Seeker,“, überlegt Ynez Wozniak laut, „wenn sie die Mission sabotiert, finden wir das Miststück in tausend Jahren nicht.“ „Ich werde mich darum kümmern“, knurrt Jenetta Xing und es klingt, als habe sie bereits ein Grab für Myra Schwarz geschaufelt.
*
„Wach auf.“ Jona Holt fährt erschrocken aus unruhigem Schlummer und stöhnt leise auf. Die Wunde an ihrem Bauch pocht unangenehm, doch der schreckliche Durst, der sie schon vor dem Einschlafen quälte, ist bedeutend schlimmer als die Verletzung. „Steh auf.“ Mühsam stemmt sich Jona an einer Wand in die Höhe, steht schließlich, schwer atmend und verschwitzt in der Dunkelheit und zittert am ganzen Körper. „Geh los.“ Jona versucht zaghaft einen Schritt vorwärts, doch ihre Beine fühlen sich an, als bestünden sie aus Gummi und sie hat kein Gespür in den Füßen. „Ich kann nicht, Herr!“, keucht sie verzweifelt. „Du musst, Jona.“ „Warum, Herr? Warum kann ich nicht einfach liegenbleiben und endlich sterben?“ Jona möchte weinen, doch sie hat keine Tränen mehr. Erschöpft lehnt sie an der Wand ihres Verstecks und wimmert. „Bald ist es soweit, Jona. Aber vorher habe ich noch eine Aufgabe für dich.“ Jona schluckt trocken und nickt, sie nimmt all ihre Kraft zusammen und kämpft sich langsam vorwärts.

V
„Willst du sie wirklich umbringen?“ Harry Yves bemüht sich redlich mit der aufgebrachten Jenetta Xing Schritt zu halten, die, bis auf die Zähne bewaffnet, durch die Gänge der oberen Stationsebene stapft. „Wenn es sein muss“, antwortet Xing und beschleunigt das Tempo. „Jetzt renn’ doch nicht so!“, keucht Harry Yves, doch die Technikerin ignoriert sein Gejammer. Verzweifelt greift Yves nach ihrer breiten Schulter und hält seine Vorgesetzte krampfhaft fest. „Jenetta, bitte!“ Xing dreht sich zu dem jungen Techniker um und fixiert ihn mit eiskalten Augen. Harry Yves lässt erschrocken ihre Schulter los und tritt einen großen Schritt zurück. „Verzeihung, Ma’am“, haucht er kleinlaut. „Jetzt hör’ mal zu, Bürschchen. Das hier ist eine brandgefährliche Situation, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße. Wir könnten ALLE draufgehen, kapierst du das nicht?“ „Aber…“ „Kein aber, Junge!“ Jenetta Xing dreht auf dem Absatz um und rast davon, Harry Yves steht kreidebleich im Gang und zittert unkontrolliert. Zum ersten Mal fühlt er sich unfassbar weit von zuhause entfernt und mutterseelenallein. Tausend unsichtbare Augen scheinen ihn aus allen Winkeln zu beobachten, ein klammes Band der Angst schlingt sich um sein wild galoppierendes Herz. „Warte auf mich!“, brüllt er hysterisch, dann stürmt er mit rudernden Armen hinter Jenetta Xing her.
*
„Hallo Thomas.“
Thomas Sheldon fährt erschrocken vom Mikroskop zurück, er hat nicht gehört, dass McGregor die Krankenstation betreten hat. Der Stationsleiter steht direkt hinter Sheldon und lächelt unergründlich. „Was ist los, Doe?“, fragt Doktor Sheldon verunsichert, McGregor wertet das Zittern in seiner Stimme als letzten Beweis für seine Schuld. „Das habt ihr euch schön ausgedacht, nicht wahr?“, fragt er grinsend, „Erst das Verschwinden von Holt, dann der Mord an Mossil und schließlich, zum krönenden Abschluss – mein Abschuss. Habt euch prächtig amüsiert, nicht wahr?“ „Was faselst du da?“, nervös versucht Thomas Sheldon Abstand zwischen sich und dem feixenden Stationsleiter zu schaffen, doch der folgt ihm mit einem Brennen im Blick, das so heiß ist, wie der Zorn Gottes. „Du elender Wichser“, knurrt McGregor, bevor er sich brutal auf den entsetzten Stationsarzt stürzt.
*
Ynez Wozniak hat ausgesprochen schlechte Laune. Grummelnd schleppt sie ihre sperrige Einsatzausrüstung zur Andockrampe der Franquin I und hadert mit sich und McGregors Befehlen. Sie soll den experimentellen Sicherheitsschild aktivieren, der von Doktor Mossil eigens für die Station entwickelt wurde, um Raumschiffe an Start oder Landung zu hindern. Es handelt sich um eine diffizile Aufgabe, die nur im Außeneinsatz zu bewältigen ist. „Warum immer ich“, grollt Wozniak beleidigt. Viel zu spät kommt ihr in den Sinn ein Workie zu benutzen, um die schwere Ausrüstung zu tragen. „Verdammte Scheiße.“ Die Ingenieurin flucht lautstark über ihre eigene Dummheit, grunzend lässt sie die Panzerplatten zu Boden fallen. „Du da, komm her“, bellt sie aggressiv, eine Arbeitsdrohne verlässt ihren Platz und gleitet zielstrebig auf sie zu. „Heb das auf“, befielt Wozniak barsch. Die Drohne hebt die Ausrüstung mühelos vom Boden und folgt Wozniak, die nun mit deutlich besserer Laune zur Andockrampe stolziert.
*
„Bitte nicht, Herr.“ Jona Holt steht bebend vor einem Schrank voller Explosionskörper, den sie soeben mit einem Brecheisen aufgestemmt hat. Die kleinen, zerstörerischen Kapseln ruhen unscheinbar in ihren Kokons, Jona schaut mit weit aufgerissenen Augen auf ihre glänzenden Hüllen, ein unkontrollierbares Zucken läuft über ihr hageres Gesicht. „Es gibt keinen anderen Weg, Jona.“ „Ich weiß, Herr“, haucht Jona, sie greift zu einer halbvollen Wasserflasche, die sie vor einer halben Stunde aus dem menschenleeren Speisesaal gestohlen hat und trinkt einen vorsichtigen Schluck. Langsam verschließt sie die Öffnung der Flasche, um Zeit zu gewinnen. Dann steht sie still vor dem aufgebrochenen Schrank und wiegt ihren Oberkörper langsam vor und zurück. Ihre Gedanken treiben davon, die Sekunden zerrinnen zu Minuten. „Die Zeit wird knapp, Jona.“ Holt fährt erschrocken aus ihrer mentalen Abwesenheit und stopft hektisch Sprengstoffkapseln in die Taschen ihrer Jacke.

VI
Im Reinraum der Terraforming-Station stößt Myra Schwarz einen erlösten Seufzer zur keimfreien Zimmerdecke empor. Sie hat die komplizierte Arbeit am Seeker erfolgreich beendet, die Wassersuchdrohne ist nun auf Jona Holts Wasserschwingung programmiert und liegt einsatzbereit zu Füßen der Wissenschaftlerin. Myra Schwarz denkt gerade darüber nach, sich zur Belohnung eine ausgedehnte Schalldusche zu gönnen, als Jenetta Xing wie ein Wirbelsturm zur Tür hereinpoltert. „Sind Sie wahnsinnig? Das ist ein Reinraum!“, keift Myra Schwarz erbost, bevor sie erkennt, dass eine Pistole auf ihren Kopf gerichtet ist. „Das ist mir sowas von egal“, schreit Jenetta Xing und feuert. Der Schuss verfehlt Professor Schwarz nur um Haaresbreite, kreischend sucht diese in der sterilen Ordnung des Reinraums nach Deckung. Ein Lasermesser findet wie von selbst den Weg in ihre Hand, Myra Schwarz fasst im Bruchteil einer Sekunde einen Entschluss und stürzt sich brüllend auf ihre Gegnerin. Jenetta Xing zielt und schießt erneut, tödlich getroffen taumelt Myra Schwarz in ihre Arme. „Verdammt“, keucht Jenetta Xing, als das Lasermesser tief durch ihre Eingeweide schneidet, dann bricht sie stöhnend über Myra Schwarz zusammen. „Was ist passiert?“ Harry Yves trampelt unbeholfen in die blutige Szenerie, er starrt schaudernd von Schwarz Leiche zu Xings fürchterlicher Verletzung und würgt trocken. „Kotz mir hier ja nicht alles voll.“, knurrt Xing gereizt, Blut quillt dunkelrot aus ihrem Mund, drohend richtet sie die Waffe auf den jungen Techniker. Harry Yves quiekt entsetzt und stürmt aus dem Reinraum.
*
„Ruhe in Frieden, alter Freund.“ Doe McGregor hockt zusammengesunken neben dem erschlagenen Leichnam des Stationsarztes, die rasende Wut ist aus seinen Muskeln gewichen und bleierne Müdigkeit ist an ihre Stelle getreten. Mit leeren Augen blickt er auf den blutverschmierten Körper, der seltsam verdreht und bis zur Unkenntlichkeit entstellt auf dem kalten Fliesenboden der Krankenstation liegt. Ein herzergreifendes Schluchzen bricht aus McGregors Kehle, dann beginnt er plötzlich übernervös zu lachen. „Du machst mir kein schlechtes Gewissen mehr!“, kichert er unbeherrscht, während dicke Tränen aus seinen Augen schießen.
*

VII
„Das ist nicht passiert, das ist alles nicht passiert!“ Harry Yves taumelt benommen zum Kommandozentrum der Station, in seinem Kopf herrscht ein heilloses Durcheinander, panisch kennt er nur noch ein einziges Ziel. Harry Yves will nach Hause telefonieren. Atemlos stürzt er durch die Gänge der Station, die ihm plötzlich klaustrophobisch eng erscheinen. Erst als er die stählerne Tür zum Kommandozentrum öffnet, fühlt er einen Hauch von Sicherheit. Hastig macht er sich an der Hauptschalttafel zu schaffen, mit schwitzigen Fingern stellt er eine Schnellverbindung zur Erde her. „Franquin I ruft Home-Station, hören Sie mich?“ Harry Yves wartet quälende Sekunden auf Antwort. „Hier Home-Station. Identifizieren Sie sich.“, quäkt es aus der Anlage. Eine Woge der Erleichterung rollt über den jungen Techniker hinweg, befreit sinkt er im bequemen Kommandostuhl zurück und atmet durch. „Bitte, Herr. Ich kann das nicht.“ Harry Yves erstarrt zur Salzsäule, reglos sitzt er vor der Schalttafel und wagt es nicht, sich umzudrehen. In seinem Rücken steht Jona Holt, zitternd hält sie das Brecheisen über Harry Yves lockigen Hinterkopf. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“ „Er ist doch noch ein Kind!“ „Du hast keine andere Wahl, Jona.“ Wie in Zeitlupe dreht Yves sich zu Jona Holt um. Sieht, wie ihr zuckender Mund bettelnde Worte spricht. Hört, wie sich ihre Stimme verändert, wenn sie antwortet. „Oh Gott“, wispert Harry Yves bestürzt, da kracht das Brecheisen wuchtig auf seinen Schädel.
*
„Oh Gott“, entfährt es Ynez Wozniak, als ihre Füße harten Marsboden berühren. Die feiste Ingenieurin verabscheut Außeneinsätze zutiefst und ihre Abneigung wächst mit jedem Schritt, der sie weiter von der Sicherheit der Andockrampe entfernt. Schnaufend arbeitet sich die Ingenieurin in der dünnen Atmosphäre voran, hat den Abschluss ihres Auftrages fest in Gedanken, um sich von einer lebensfeindlichen Realität abzulenken, von der sie nur ihr gepanzerter Einsatzanzug schütz, der sich jetzt, in der absoluten Einsamkeit des Mars, plötzlich anfühlt wie eine dünne, verletzliche Seidenhaut.
*
Im Kommandozentrum kniet Jona Holt weinend neben der Leiche des jungen Technikers, die zusammengesunken im Kommandostuhl hängt. Eine grellrote Fontäne sprudelt munter aus Harry Yves Schädel, in seinen Augen liegt noch immer ein Ausdruck tiefster Verwirrung. Mit bebenden Schultern und gesenktem Kopf betet Jona zu Gott: „…und erlöse uns von dem Bösen. Amen.“ „Du hast richtig gehandelt, Jona.“ Jona Holt schluchzt laut, das Brecheisen gleitet endlich aus ihrer verkrampften Hand und fällt klirrend zu Boden. „Es ist bald vorbei.“ „Danke, Herr.“ Jona gibt sich einen Ruck, sie steht auf und zieht Harry Yves Körper vorsichtig aus dem Kommandostuhl, dann nimmt sie selbst Platz, wobei sie darauf achtet, sich nicht in die Blutflecken zu setzten. „Gib den Code ein.“ Jona tippt eine lange Zahlenkolonne in das Bedienfeld der Hauptschaltanlage. Der Computer der Station reagiert und erkennt ihren Code an. Jona starrt gebannt auf das Bedienfeld, dann läuft ein erneuter Ruck durch ihren Körper und sie gibt konzentriert Befehle ein, um das atomare Kernspaltungsprogramm der Station zu überlasten. Die Anzeigetafeln im Kommandozentrum beginnen hektisch zu blinken, als langsam eine Kettenreaktion in Gang kommt, die nicht mehr zu stoppen ist.
*
„Das hätten wir“, murmelt Ynez Wozniak, erleichtert tritt sie vom externen Bedienfeld zurück, in fünfzehn Minuten wird Doktor Mossils experimenteller Schutzschild automatisch aktiviert. Zeit genug für Wozniak, um wohlbehalten zurück zur Andockrampe zu gelangen. Zufrieden macht sie sich auf den Weg. Ein plötzliches Flimmern des Visiers lässt sie irritiert innehalten. Jona Holts ausgemergeltes Gesicht taucht unerwartet auf dem eingebauten Bildschirm auf. „Was zur Hölle?“, entfährt es Wozniak, sie bleibt wie angewurzelt stehen und starrt fassungslos auf den Bildschirm. „Wir haben gedacht, wir seien die Krone der Schöpfung und doch sind wir nur Staub, der von Gottes Atem durch die Unendlichkeit getrieben wird. Wir haben gedacht, es sei nicht genug uns die Erde untertan zu machen, doch unsere Hoffart wird unser Untergang sein. Ein Terraforming des Mars ist eine Schändung des Werk Gottes!“ Ynez Wozniak stiert mit offenem Mund den Bildschirm an. „Ich rufe die wahren Gläubigen auf, bitte, überdenkt eure Handlungsweise! Geht in euch, Brüder und Schwestern, geht in euch und bereut euren Hochmut. Möge Gott euch beschützen, so wie er mich beschützt hat.“ „Verdammt!“, schreit Wozniak, endlich löst sie sich aus der Erstarrung und rennt los.
*
„Was bleibt noch zu tun, Herr?“ Jona Holt hat die Universalverbindung zur Erde beendet, nun lehnt sie erschöpft im Kommandostuhl, ihre Augenlider flattern, ein dünner Schweißfilm benetzt ihr kalkweißes Gesicht. „Ein letzter Funke noch, mein Kind.“ Jona lächelt, mit feierlicher Miene zieht sie einen Explosionskörper aus ihrer Jackentasche. „Du elendes Miststück!“ Doe McGregor stürmt brüllend ins Kommandozentrum, Jona Holt dreht sich nicht einmal zu ihm um. Entschlossen löst sie den Sicherungsstift des Explosionskörpers und beginnt zu beten. „Nein, nein, nein!“, kreischt McGregor, schlitternd kommt er neben dem Kommandostuhl zu Stehen, mit beiden Fäusten drischt er wahllos auf Jona ein, bis er von einer heftigen Explosion in Stücke gerissen wird.
*
„Nein, nein, nein!“ Ynez Wozniak rennt fluchend auf die Andockrampe zu, als die Explosion im Kommandozentrum die Terraforming-Station erschüttert. „Das darf nicht wahr sein!“, brüllt Wozniak und beschleunigt ihren Lauf. Keuchend stürzt sie in die Andockrampe und drückt den Schalter für die Dekompression. Das Außenschott schließt automatisch, zischend fließt Luft in den hell erleuchteten Raum. Wozniak wartet nicht auf das Sicherheitssignal, resolut reißt sie sich den Einsatzanzug vom Leib und stürmt ins Innere der Station, kaum dass sich die internen Schotts geöffnet haben. Laut tönende Warnsirenen empfangen sie, die Ingenieurin schlägt entsetzt ihre Hände vor die Ohren. „Was passiert hier?“, schreit sie in das tosende Chaos hinein. Voller Angst stürmt sie zu einer Anzeigetafel, die in eine nahe gelegene Wand eingelassen ist. Wozniak fragt den Zustand der Station ab und erbleicht. „Scheiße“, sagt sie und ein Schatten der Erkenntnis huscht über ihr fleischiges Gesicht, dann zerfetzt eine gewaltige Atomexplosion die Terraforming-Station und reißt einen tiefen Krater in das Antlitz des Mars.

Im Garten der Götter wendet sich der jugendliche Elefantengott sichtlich verblüfft an seinen grinsenden Gefährten. „Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt“, gesteht er und nippt geziert an seinem Getränk. Ein sanfter Windhauch flüstert in den Zweigen der Robinie und lässt spielerisch einige Sonnenstrahlen durch die Blätter tanzen. „Warte ab, das Beste kommt noch“, sagt der Elementargott augenzwinkernd.
„Weißt du mehr, als ich weiß?“
„Sagen wir einfach, ich habe da so ein Gefühl.“
„Möchtest du dieses Gefühl ein wenig konkretisieren oder lässt du mich weiter zappeln?“, quengelt der Elefantengott ungeduldig.
„Ich sage nur: Religionskrieg.“ Der Elementargott hebt sein Glas und prostet den treibenden Wolken im strahlend blauen Himmel zu.
„Wow“, haucht der Elefantengott ehrfürchtig und seine Augen glänzen.

© sybille lengauer

Raider

„Du bist also die Neue, was?“ Der vierarmige Hühne, der Chara am Ausgang der Luftschleuse anspricht, erkennt das Offensichtliche. Die hagere Menschenfrau mit den grauen Strähnen im Haar ist die einzige Passagierin, die über eine erforderliche Anzahl von Gliedmaßen verfügt, um dem holografischen Abbild zu entsprechen, das er bei sich trägt. Nur noch selten laufen humanoide Lebensformen die Raumstation Oja-Viu 6 an, die vor fünfzig Jahren tief im Heimatgebiet der Gallertartigen errichtet wurde. Der heruntergekommene Handelsposten ist kaum noch in den offiziellen Navigationskarten der Planetaren Republik verzeichnet und somit ein perfekter Ort, um sich unbemerkt zu treffen. „Mein Name ist Little Dove. Wie das kleine Täubchen. Du verstehst? Ha. Ha. Ha.“ Der Hühne stemmt seine baumdicken Hauptarme in die fleischigen Hüften und lacht übertrieben laut. Seine schlankeren Nebenarme ahmen flatternde Bewegungen nach. Sein Doppelkinn wackelt bedrohlich, kleine Speicheltropfen fliegen. Breitbeinig steht er im schmalen Gang und blockiert den Weg für die anderen Passagiere. Eine Gruppe Tequelianer fließt an ihm vorbei und rauscht missbilligend. Die zarten Liquid-Wesen formieren sich in seinem Rücken kurz zu einer verärgerten Geste, dann fließen sie weiter den Gang hinunter. Chara blickt ihnen mit hochgezogener Augenbraue hinterher, ein kleines Lächeln umspielt ihre schmalen Lippen. „Stand dein Name in einem Glückskeks oder waren deine Eltern Komiker, Herr Täubchen?“ Little Dove lässt enttäuscht die Arme sinken. „Humor ist wohl nicht so dein Ding, hä?“ grollt er mit tiefer Stimme. „Zumindest nicht der von wandelnden Klischees.“ erwidert die Menschenfrau kalt. „Kli- was?“ „Genau das.“ Chara starrt den enormen Fleischberg gelassen an. „Was soll’s,“ brummt der schließlich resignierend, „komm mit, ich bringe dich zu den anderen.“ Little Dove schüttelt seinen massigen Kopf und trottet grummelnd den Gang hinunter. Chara folgt ihm mit federnden Schritten.
„Das hat ja ganz schön lange gedauert.“ „Hättest sie ja selbst abholen können.“ „Prioritäten, mein Guter, Prioritäten!“ Little Dove schnaubt abfällig und verlässt mit beleidigter Miene die spärlich beleuchtete Nackt-Bar. Der quirlige Ardaneer, der so ungehalten zu ihm gesprochen hat, tritt mit einer galanten Begrüßungsgeste an Chara heran. Seine gereizt-violette Gesichtsfarbe wechselt zu einem freundlichen Pastellton. „Willkommen auf Oja-Viu 6, ehrenwerte Wegweiserin. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise. Wenn ich um deine Authentifizierung bitten dürfte.“ Chara streckt wortlos den rechten Arm von sich. Der Ardaneer zückt einen Scanner und prüft sorgfältig die Ident-Tätowierung an ihrem Handgelenk. Sein Gesicht beginnt in einer wohlwollenden Farbe zu leuchten. Die beiden Menschen, die am geschwungenen Tresen lehnen und auffällig unauffällig im Hintergrund bleiben, entspannen sich merklich. Mit leicht gerümpfter Nase lässt Chara einen Blick durch die schummrige Nackt-Bar schweifen. Die meisten Tische sind unbesetzt, die wenigen Gäste des heruntergekommenen Etablissements halten voneinander Abstand, scheinen sich nicht zu kennen, oder nicht kennen zu wollen. Jeder bleibt für sich, in sein Getränk vertieft. Niemand beachtet die 3D-Porno-Hologramme, die auf schmalen Lichtbühnen für Stimmung sorgen sollen. Die quietschbunten Simulationen haben ihre besten Jahre schon lange hinter sich und flimmern manchmal grünlich, wenn das grelle Licht der tanzenden Scheinwerfer auf sie trifft. Die dargebotenen Fick-Shows verkommen dadurch zu unästhetisch abgehackten Animationen. Auch die Spielautomaten, die eng aneinandergereiht an den Wänden der Bar stehen, wirken altbacken und sind von einer dicken Staubschicht überzogen. „Nett habt ihr es hier.“ stellt Chara trocken fest. Der Ardaneer lacht gekünstelt. „Ein Hafen ist ein Hafen, Liebes.“ erwidert er, dann führt er die Frau zu den beiden Menschen, die am Tresen warten. „Wenn ich vorstellen darf, das ist Pia-Pia, sie ist seit über vier Jahren für die Technik an Bord der Mary Read verantwortlich. Und dieser nette junge Mann hier ist Schwarze Mamba, er ist unser Pilot. Nenne ihm den Ort und er findet einen Weg. Ich selbst höre auf den klingenden Namen Weber. Wenn du Fragen oder Wünsche hast, wende dich getrost an mich. Ich bin der Concierge.“ Chara nickt abwesend, sie mustert den dicklichen Jungen von Kopf bis Fuß, der ihr soeben als Pilot vorgestellt wurde. „Du bist Schwarze Mamba?“ fragt sie mit weicher Stimme. „Ja. Warum fragst du?“ erwidert der rothaarige Teenager, dessen Gesicht nur aus Sommersprossen zu bestehen scheint. „Ach, nur so ein Gedanke.“ wiegelt Chara ab. Sie wendet sich der vollbusigen Bordtechnikerin zu und beginnt ihr ungeniert in den tiefen Ausschnitt zu starren. „Wo ist Balquand?“ Chara richtet die Frage an Weber, doch sie lässt Pia-Pias überquellendes Dekolleté dabei nicht aus den Augen. „Er wird bald zu uns stoßen.“ versichert der Ardaneer. „Vielleicht trinken wir bis dahin noch eine Kleinigkeit?“ schlägt Schwarze Mamba in hoffnungsvollem Ton vor. „Gerne.“ „Was darf dir bestellen?“ fragt Pia-Pia, die Charas begehrliche Blicke mit einem füchsischen Grinsen beantwortet. Sie deutet geziert auf ein Display, das in den nachlässig polierten Tresen eingelassen ist. „Überrasche mich einfach.“ Chara lässt sich zu einem kleinen Zwinkern hinreißen. „Das würde ich Ihnen nicht empfehlen.“ erklingt eine freundliche Stimme in ihrem Rücken. Chara bleibt gelassen, nichts ändert sich an ihrer entspannten Körperhaltung. Lächelnd dreht sie sich zu dem unscheinbaren Mann mit Halbglatze um, der plötzlich hinter der Gruppe aufgetaucht ist. Webers Gesicht beginnt in hektischen Farben zu leuchten. Er drängelt an den anderen vorbei zum Kapitän. „Wenn es mir bitte möglich wäre… Danke.“ Mit herausgestreckter Brust baut er sich zwischen Chara und dem Kapitän auf. „Wegweiserin, es ist mir eine unermessliche Freude, dir unseren geliebten Anführer vorzustellen.“ Weber verbeugt sich umständlich, seine Gesichtsfarbe passt sich respektvoll der dunkelblauen Uniform des Kapitäns an. „Den unvergleichlichen Monsieur Balquand. Kapitän der legendären Mary Read, Schrecken der Planetaren Republik, Geißel der Galaxis.“ „Sie übertreiben, mein alter Freund, Sie übertreiben maßlos.“ Balquand rollt entschuldigend mit den Augen und reicht Chara die Hand zum Brudergruß. „Willkommen, Wegweiserin Chara. Lassen Sie lieber die Finger von den Drinks, die Ihnen Pia-Pia spendieren möchte und lassen Sie sie auch von meinem Personal.“ Er lächelt kameradschaftlich, doch etwas in seinen Augen bleibt dabei sehr ernst. Chara erwidert den Brudergruß und neigt den Kopf in einer devoten Geste. „Verstanden, Sir. Danke, dass ich dabei sein darf.“ „Ausgezeichnet. Nun, wir sind komplett. Lasst uns an Bord gehen.“ Die Besatzungsmitglieder folgen dem Kapitän aus der schummrigen Nackt-Bar. Vor der Tür wartet Little Dove auf die Gruppe, er lehnt bequem neben einer klapprigen Imbissbude und verschlingt frittierte Bananen am Spieß. Ein emsiger Quebellianer, der die Imbissbude betreibt und stark einem flauschig gebürsteten Erdhörnchen ähnelt, reicht ständig neue Spieße nach und grinst dabei glücklich wie eine Ratte in der Schinkenkammer. Ein Haufen leergegessener Holzstäbchen zu Little Doves Füßen zeugt vom außerordentlichen Appetit des Riesen. „Da seid ihr ja.“ schnauft er mit vollem Mund.

Zwei Wochen später…
In der zweckmäßig eingerichteten Schiffskantine der Mary Read sitzen sich Chara, Schwarze Mamba und Little Dove an einem silbergrauen Metalltisch gegenüber und spielen Karten. Das Spiel ist simpel und um es etwas interessanter zu gestalten, wird um die unbeliebten Spätschichten im Observationsraum gespielt. Da Little Dove hinlänglich damit beschäftigt ist, die ausgeteilten Karten in seinen Händen zu sortieren, betrügen Chara und Schwarze Mamba nach Herzenslust. Der vierarmige Hühne runzelt ärgerlich die Stirn, als er zum wiederholten Mal verliert. „Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.“ knurrt er gereizt. Seine kleinen Augen wandern misstrauisch zwischen dem jungen Piloten und der hageren Wegweiserin hin und her, die beide aussehen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. „Manchmal hat man einfach einen schlechten Tag.“ tröstet Chara hinterfotzig. Sie tauscht einen schnellen Seitenblick mit Schwarze Mamba und sammelt lächelnd die Karten ein. „Noch eine Runde?“ fragt sie mit unschuldigem Augenaufschlag und winkt einen Bordsklaven heran, um neue Getränke zu bestellen. Ein schrilles Signal aus dem Lautsprecher unterbricht das gesellige Beisammensein. „Wir sind durch!“ Schwarze Mamba schnellt aus seinem Sessel und verlässt die Kantine im Laufschritt. Chara bleibt entspannt sitzen und beobachtet Little Dove, der konzentriert eine grüne Olive aus seinem Getränk fischt. „Heute ist unser Glückstag, mein Täubchen.“ murmelt sie leise. „Hm?“ fragt Little Dove kauend. „Ach, nichts. Wir sehen uns später.“ Chara steht auf und tätschelt zum Abschied liebevoll den Kartenstapel.
„Haben wir Sichtkontakt?“ Selbstsicher betritt sie die Brücke und wendet sich direkt an Weber, der im Kommandostuhl sitzt und dessen dunkelrote Farbe angenommen hat. „Positiv.“ bestätigt der Ardaneer. „Wurde Balquand informiert?“ „Er wartet in seinem Raum.“ Chara durchquert die Brücke und klopft höflich an die Tür zum Raum des Kapitäns. „Herein.“ Balquand sitzt an einem massiven Schreibtisch aus Walnussholz, der fast unter dem Durcheinander aus Karten, Ordnern und Büchern verschwindet, das der Kapitän über ihm ausgebreitet hat. Er blickt von seinen Aufzeichnungen hoch, als Chara mit einem respektvollen Nicken bei der Tür hereinkommt. „Ah, Chara. Schön, dass Sie es noch einrichten konnten.“ Die Wegweiserin wirft einen giftigen Blick zu Schwarze Mamba, der lässig in einem Stuhl lümmelt und unverhohlen grinst. Wortlos nimmt sie Platz und wartet ab. „Wir haben uns gerade über den Hive unterhalten.“ Balquand wendet sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. „Das Asteroiden-Labyrinth war, dank Ihrer kompetenten Hilfe, keine große Schwierigkeit für uns. Doch in den Hive zu kommen stellt eine ganz andere Herausforderung dar. Wir haben erste Bilder.“ Der Kapitän winkt und ein Bordsklave reicht Chara einen Ordner vom Schreibtisch. Die Wegweiserin studiert eingehend die verschwommenen Aufnahmen. Ihre strengen Gesichtszüge verraten nichts über ihre Gedanken. „Hm.“ macht sie nach einer ganzen Weile. Balquand runzelt die Stirn, lehnt sich in seinem ledergepolsterten Sessel zurück und wartet auf eine weitere Reaktion. „Er sieht anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte.“ Der Kapitän seufzt. „Ihrer Beschreibung nach handelt es sich um ein kleines Nest, maximal achtzig Individuen. Doch der Hive, den ich auf diesen Bildern sehe, bietet Platz für mindestens fünfhundert Tiere. Ich habe noch nie von einem so großen Hive gehört.“ „Am Risiko ändert sich wenig.“ hält Chara dagegen, energisch reckt sie das ausgeprägte Kinn vor. „Bei einem Hive dieser Größe stehen wahrscheinlich mehrere Ein- und Ausgänge zur Verfügung. Das müssen wir bedenken, bevor wir das Schwärmen der Jungköniginnen auslösen. Die Struktur im Inneren eines großen Hives ist aber genauso spiralförmig angelegt, wie es bei einem kleineren Nest der Fall ist. Für die Navigation des Piloten ändert sich also rein gar nichts. Alle Wege führen irgendwann zur Königin, es dauert nur ein wenig länger. Und Kapitän, es ist nicht von Belang, wie viele Individuen sich im Hive befinden. Wenn wir die Verhaltensregeln befolgen, die ich für unseren Einsatz erarbeitet habe, sind wir in relativer Sicherheit.“ Chara unterbricht ihre Rede und denkt kurz nach. „Und sollten uns die Wächterinnen vorher enttarnen, sind wir tot.“ fügt sie bitter hinzu. Balquand ist ihrer Erläuterung aufmerksam gefolgt. Nachdenklich reibt er über seine Augenbrauen. „Sie scheinen über ein hohes Maß an Zuversicht zu verfügen.“ „Es ist nicht mein erster Raid dieser Art, Kapitän Balquand.“ „Wie viele Besatzungsmitglieder gingen bei Ihrem letzten Hive-Raid zugrunde, Wegweiserin?“ Die Frage trifft Chara unvorbereitet, sie reagiert kurz irritiert, fängt sich aber schnell wieder. „Vier, Kapitän. Aber…“ „Von wie vielen Besatzungsmitgliedern?“ unterbricht Balquand ihren Erklärungsversuch. „Acht, Kapitän.“ Die Wegsucherin blickt verstimmt zu Boden. „Erfahrungswerte, hm?“ ätzt Schwarze Mamba, doch Balquand und Chara ignorieren ihn und so verstummt er enttäuscht. Der Kapitän misst die Wegsucherin mit einem strengen Blick, sein Räuspern beendet das unangenehme Schweigen. „Bis auf Weiteres halten wir uns am Rand des Labyrinths verborgen. Chara, bereiten Sie die Mannschaft auf den Eintritt in den Hive vor. Ich möchte, dass auch die Sklaven in den Verhaltensregen geschult werden. Mamba, trainieren Sie die Flugmanöver, die ich Ihnen aufgezeichnet habe. Informieren Sie Pia-Pia und Little Dove, dass ich sie sehen möchte.“ Mit einer knappen Geste löst Balquand die Besprechung auf.

„Wiederhole es.“
„Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen. Das Gift in den Behälter abpumpen, bis beide Drüsen leer sind. Die Flüssigkeit darf nicht mit dem Weltraum in Kontakt kommen. Den Stachel mit dem Laser versiegeln. Die Biene betäuben, sichern und im Frachtraum bergen.“
„Gut. Noch einmal.“
„Ist das wirklich nötig, Chara?“
„Ja, ist es Pia. Also?“
„Okay. Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen. Das Gift in den Behälter abpumpen,…“
„Seid ihr immer noch hier?“ Weber betritt den kleinen Shuttlehangar. Seine Gesichtsfarbe spiegelt seine Nervosität wider, der Concierge schimmert in einem kränklichen Blassgelb. „Wir gehen den Ablauf noch einmal durch.“ Chara steht mit verschränkten Armen vor Pia-Pia und Little Dove, der in einem gepanzerten Raumanzug steckt und still vor sich hin schwitzt. Schwarze Mamba lehnt betont gelangweilt am Eingang des Shuttles und gibt sich tiefenentspannt, doch die Schatten unter seinen Augen verraten, dass er in der letzten Nacht schlecht geschlafen hat. „Der Kapitän hat das Signal zum Aufbruch gegeben. Die Zeit läuft.“ Weber fuchtelt hektisch mit den Armen. „Ja, ja, ist schon gut.“ winkt Chara ab, die anderen verschwinden wortlos im Shuttle. Pia-Pia wirft Chara einen heimlichen Kuss zu, bevor sie das Shuttle betritt und die Luke schließt. Die Wegweiserin lässt ein kurzes Lächeln aufblitzen, dann folgt sie Weber aus dem Hangar. Angespannt beobachtet sie den Shuttlestart hinter einem Sichtfenster, dann folgt sie dem Ardaneer zur Brücke. „Start erfolgreich. Geschätzter Kontakt in Achtzehn Minuten.“ meldet Kapitän Balquand über Lautsprecher. Chara beschleunigt ihre Schritte.
Auf der Brücke herrscht rege Betriebsamkeit, trotzdem ist es beinah gespenstisch still. Die Bordsklaven sind perfekt aufeinander eingestimmt und erledigen ihre Aufgaben, ohne zu sprechen. Kapitän Balquand sitzt in seinem Kommandostuhl und verfolgt aufmerksam die Bilder, die das Shuttle an den Empfänger der Mary Read sendet. „Geschätzter Kontakt in Siebzehn Minuten.“ informiert er Weber und Chara, die unverzüglich ihre Plätze einnehmen. „Little Dove soll die Pheromone bereitmachen.“ befielt der Kapitän. Chara gibt die Anweisung an das Außenteam im Shuttle weiter. „Pheromone bereit.“ meldet sie nach einer halben Minute. „Gut, er soll aussteigen.“
Im Laderaum des kleinen Shuttles nestelt Little Dove in der Schwerelosigkeit an seinem Raumanzug. Die schwere Panzerung behindert seinen Bewegungsspielraum und er justiert noch einmal die drei dicken Platten, die seine empfindlichen Eingeweide vor einem Bienenstich schützen sollen. Mit einem zufriedenen Grunzen betätigt er den Knopf für das Helmvisier, dann lässt er sich in die Ausstiegsluke gleiten und verlässt den Laderaum. Pia-Pia beobachtet seine Bewegungen über die integrierte Helmkamera. Sie überwacht Little Doves Zustand im winzigen Kommandoraum des Shuttles und leitet das Gesehene an die Besatzung der Mary Read weiter. „Der Vogel ist ausgestiegen.“ meldet sie mit ernster Stimme. „Gut, Pheromone bereithalten.“ antwortet Chara von Bord der Mary Read. „Bestätigt.“ Die Bordtechnikerin ruft Schwarze Mamba im Cockpit. „Wie weit sind wir von der Wolke entfernt?“ „Kontakt in schätzungsweise Acht Minuten.“ „Hast du ein Bild für mich?“ „Klar.“ Der junge Pilot sendet der Technikerin ein Bild der funkelnden Gaswolke. „Wow.“ macht Pia-Pia.

Die kompakten Gaswolken, die sich in den gigantischen Asteroidenfeldern der Weltraum-Schutzzone bilden, stellen die Lebensgrundlage der Unmöglichen Bienen dar. Die, im Weltraum lebenden Insekten sammeln mit einem speziellen Organ die Edelgase aus den Wolken und wandeln sie in einem separaten Gas-Magen zu einem verdaulichen Nahrungsbrei, den sie an die Larven in ihrem Hive verfüttern. Dieser Vorgang ist einzigartig im Universum und trug den Unmöglichen Bienen ihren außergewöhnlichen Namen ein. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die scheuen Weltrauminsekten, da sie in den letzten hundert Jahren fast an den Rand der Ausrottung gedrängt wurden. Ein spezielles Sekret, das junge Königinnen während ihres Jungfernfluges absondern, stellt einen begehrten Rohstoff zur Herstellung einer, den Alterungsprozess verzögernden Droge dar. Unzählige Bienenvölker wurden ausgelöscht, um dieses wertvolle Sekret zu ernten. Erst seit die Unmöglichen Bienen von der Planetaren Republik unter strengen Schutz gestellt wurden, erholt sich ihr Bestand langsam. Doch trotz drakonischer Strafen wagen sich immer wieder Gruppen von Raidern in die Schutzzone, um ihr Glück zu versuchen und schnellen Reichtum zu finden.
Jene spezielle Gaswolke, die das kleine Shuttle der Mary Read gerade ansteuert, wurde in den vergangenen Tagen von vielen Arbeiterinnen des Bienenvolkes besucht und ist nun fast abgeerntet. Nur noch vereinzelt fliegen Insekten die rosa glitzernde Wolke an. Schwarze Mamba bringt das Shuttle hinter einem Asteroiden in Position und meldet sich bei Pia-Pia. „Wir sind da.“ „Verstanden.“ Die Bordtechnikerin stellt den Kontakt zu Little Dove her. „Du kannst starten.“ „Bin unterwegs.“ Little Doves Helmkamera zeigt, wie er sich geschickt von einer Halterung am Shuttle löst und die Steuerungsdüsen seines Anzugs aktiviert. Angespannt verfolgt Pia-Pia, wie er sich der Wolke nähert. „Köder ist in Position.“ meldet sie an Schwarze Mamba und die Kommandozentrale. „Ausgezeichnet.“ antwortet Chara in Balquands Namen. „Pheromone freisetzen.“ Die Bordtechnikerin stellt wieder eine Verbindung zu Little Dove her. „Setz die Pheromone frei.“ gibt sie den Befehl weiter. „Okay.“ Little Dove sprüht einen künstlichen Pheromoncocktail in den Weltraum. „Ist erledigt.“ „Verstanden.“
Als sich eine Arbeiterin der Wolke nähert, verständigt Little Dove das Shuttle. „Biene im Anflug. Ich starte Tanzmanöver.“ „Viel Glück.“ antwortet Pia-Pia. Little Dove fliegt in Achterschleifen vor der Wolke und versucht die Arbeiterin durch einen grotesken Tanz auf sich aufmerksam zu machen. Seine Bemühungen sind unnötig, die Biene hat die freigesetzten Pheromone längst wahrgenommen und schießt lautlos durch das All auf ihn zu. „Kontakt! Kontakt!“ schreit Little Dove und fliegt, so schnell er kann, zurück zum Shuttle, die Biene folgt ihm dichtauf. „Verstanden!“ schreit Pia-Pia, die sich von seiner Aufregung anstecken lässt. „Kontakt!“ ruft sie zur Kommandozentrale der Mary Read, dann unterbricht sie die Verbindung, um sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. „ Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen.“ murmelt sie leise. Hochkonzentriert folgt sie Little Doves Bewegungen. Sie justiert die Greifarme, die am Kopf des kleinen Shuttles befestigt sind und atmet hörbar aus. Als Little Dove in rasantem Tempo um das Shuttle herumfliegt, fasst Pia-Pia entschlossen nach dem Hinterleib des vorbeischießenden Insekts. „Scheiße!“ Die Greifarme haben das Ziel verfehlt. Pia-Pia stellt einen Kontakt zu Little Dove her. „Sie ist zu schnell, ich kann sie nicht greifen, du muss langsamer werden!“ „Bist du verrückt, dann fängt mich das Mistvieh!“ „Wir haben keine andere Möglichkeit!“ Little Dove setzt zu einer engen Kurve an, um die Verfolgungsjagd abzubremsen. Als er erneut an den Greifarmen vorbeifliegt, ist er langsam genug, um den riesigen Schatten seiner Verfolgerin auf der Außenhaut des Shuttles erkennen zu können. Er bremst weiter ab, um die Biene in eine gute Position zu bringen und fliegt ungewisse Sekunden dahin, in denen er nur das hektische Geräusch seinen Atems hört und unbewusst auf einen scharfen Schmerz wartet. „Ja!“ schreit Pia-Pia plötzlich. Little Dove zuckt erschrocken zusammen, er fliegt ein Wendemanöver und kehrt zu den Greifarmen zurück. Das, über drei Meter große Insekt windet sich in der stählernen Umklammerung, sein ausgefahrener Stachel steckt tief in einem sackartigen Auffangbehälter und pumpt Gift. „Die erste Drüse ist fast leer.“ meldet Little Dove. Gebannt beobachtet er den Freiheitskampf der Biene. Das blauschwarz schimmernde Tier stemmt seine kräftigen Vorderbeine gegen die Greifarme und schlägt heftig mit den schillernden Flügeln. Sein Stachel pumpt wild. „Die zweite Drüse ist leer.“ meldet Little Dove nach einer Weile. „Sicher?“ „Ganz sicher.“ bestätigt er. Der Auffangbehälter wird zurückgezogen, ein spezieller Laserarm nähert sich dem fixierten Stachel der gefangenen Arbeiterin. Little Dove hat das unbestimmte Gefühl, dass sie ihn vorwurfsvoll mit ihren riesigen Facettenaugen anstarrt. Beschämt wendet er sich ab, als der Laserstrahl ihren Stachel verödet. Zur Ablenkung sucht er den Weltraum nach anderen Arbeiterinnen ab, die dem Raid gefährlich werden könnten. „Wirkt das Betäubungsmittel?“ fragt Pia-Pia aufgeregt. Little Dove schielt vorsichtig zurück zur Unmöglichen Biene. Das mächtige Insekt bewegt sich nicht mehr, seine Beine treiben schwerelos im Raum. „Das Bienchen ist im Traumland.“ „Ja!“ Pia-Pia springt im Kontrollraum von ihrem Stuhl. „Du bist fantastisch!“ versichert sie sich selbst triumphierend.

„Ganz schön hässlich, das Viech.“
„Selber hässlich, du Hornochse.“
„Musst nicht immer gleich persönlich werden.“
Schwarze Mamba zieht einen beleidigten Schmollmund. Sein jugendliches Gesicht legt sich in tiefe Falten. Pia-Pia ignoriert seine Grimasse und starrt weiter fasziniert auf die Unmögliche Biene, die betäubt und fixiert in einem riesigen Glastank ruht. „Sie ist unfassbar schön.“ flüstert die Technikerin andächtig. „Sind die Kollektoren bereit?“ fragt Kapitän Balquand aus dem Hintergrund. Er hält Abstand zum Tank und behält das betäubte Insekt genau im Auge. „Jawohl, Kapitän.“ bestätigt Chara, die einige Werte auf einer Konsole überprüft. „Gut. Wecken Sie sie auf.“ Ein schriller Warnton erklingt und Nebel flutet mit lautem Zischen den Glastank. „Ganz toll, jetzt können wir nichts mehr sehen.“ ätzt Schwarze Mamba. „Mach den Kopf zu.“ zischt Pia-Pia. Im Glastank zuckt die Biene mit den Flügeln. Die Prozedur, die nun folgt ist grausam und wird auf allen Planeten der Republik geächtet. Die gefangene Biene wird mit starken Stromstößen traktiert, um eine chemische Reaktion in ihrem Körper auszulösen. Das gepeinigte Tier produziert ein starkes Pheromon, das ihre Schwestern aus dem Hive auffordert, ihren verletzten Körper zu bergen. Der Duftstoff ist um ein vielfaches reiner als das künstliche Pheromon, das Little Dove bei der Entführung der Biene eingesetzt hat und seine Zusammensetzung entspricht exakt der Geruchsbotschaft des Hives. Die Stromstöße lösen auch den Stichreflex der Biene aus, die jedoch kein Gift mehr durch ihren versiegelten Stachel entlassen kann. In der Folge schwellen ihre immer produzierenden Giftdrüsen stark an und entleeren sich schließlich in das Körperinnere, woraufhin das Insekt qualvoll verendet. „Das ist ja fürchterlich.“ kommentiert Little Dove den langen Todeskampf der Biene. „Es ist nötig.“ bemerkt der Kapitän pragmatisch und Chara nickt bestätigend. Erst als der Kadaver vernichtet werden soll, wendet sich Balquand wieder an seine Besatzung. „Ihr habt heute gute Arbeit geleistet. Dieser Raid war ein wichtiger Teilerfolg für unsere Unternehmung. Doch es liegt noch ein langer Weg vor uns, also vergesst nicht, warum wir hier sind.“ Balquand gibt den Befehl zur Vernichtung und starrt unbewegt in die lodernden Flammen, die den toten Bienenkörper verzehren.

„Sind die Pheromonduschen bereit?“
„Ja, Kapitän.“
„Gut. Wie sieht es bei Ihnen aus, Mamba?“
„Bereit, Kapitän.“
„Ausgezeichnet, mein Junge. Wir legen los.“
Schwarze Mamba starrt konzentriert auf den großen Navigationsmonitor. Seine Hände liegen locker auf dem Steuerknüppel und nur einem aufmerksamen Beobachter könnte auffallen, dass sie ein klein wenig zittern. „Ganz langsam.“ befielt der Kapitän, der sich auf dem Kommandostuhl nach vorn gebeugt hat und jeder Bewegung des jungen Piloten folgt. „Arbeiterinnen gesichtet.“ meldet Weber von seinem Beobachtungsposten. „Pheromone freisetzen.“ „Verstanden, Kapitän.“ Chara gibt die Anweisung an Pia-Pia im Maschinenraum weiter. Kleine Düsen, die an der Außenhaut der Mary Read installiert sind, verteilen den duftenden Hilferuf der toten Arbeiterin im Weltraum. Es dauert nur wenige Minuten und aus einer Gaswolke lösen sich sechs Arbeiterinnen. Auf den Monitoren kann man beobachten, wie schnell die Bienen dem Raumschiff näher kommen. „Vorsichtig jetzt.“ mahnt Balquand. Schwarze Mamba beginnt ein kompliziertes Flugmanöver. Der Tanz, den er den näher kommenden Insekten präsentiert, muss perfekt sein, damit sie die Mary Read als eine verletzte Schwester des Hives anerkennen. „Kontakt.“ meldet Chara. Die sechs Unmöglichen Bienen fliegen in immer enger werdenden Kreisen um das tanzende Raumschiff herum. Es scheint ihnen schwerzufallen, das riesige Objekt als eine Schwester zu akzeptieren, obwohl es riecht und sich bewegt, als ob es zu ihnen gehörte. „Noch mehr Pheromone.“ befielt Balquand. „Kapitän, wenn wir es mit den Pheromonen übertreiben, könnten wir einen Schutzreflex auslösen. Wenn die Gefahrenquelle zu groß ist, opfern sich die Bienen für das Wohl des Volkes, die Arbeiterinnen könnten uns zurücklassen. Ich rate dringend davon ab, mehr Duftstoffe freizusetzen.“ Chara hat sehr schnell gesprochen, sie sieht Balquand eindringlich an. Der Kapitän nickt verstehend. „Befehl zurückgezogen.“ „Ich glaube, sie haben den Köder geschluckt.“ meldet Weber plötzlich aufgeregt. Die Bilder auf seinem Beobachtungsmonitor zeigen, wie die Arbeiterinnen auf dem Raumschiff landen und mit langen Zungen dessen Oberfläche ablecken. „Was, zum Teufel, machen die da?“ fragt Schwarze Mamba irritiert, während er weiterhin die Tanzmanöver ausführt. „Sie leisten Erste Hilfe. Bei einer echten Arbeiterin würde der Speichel schmerzstillend wirken und die Wundheilung aktivieren.“ erklärt Chara mit gereiztem Unterton in der Stimme. „Hast du bei der Schulung gepennt?“ setzt sie spitz hinzu. „Ich bin Pilot, kein verdammter Biologe.“ hält Schwarze Mamba dagegen. „Konzentration. Bitte.“ fährt Kapitän Balquand mahnend dazwischen. Eine unangenehme Stille breitet sich auf der Brücke aus, in der man das Kratzen von Insektenbeinen an der Außenhülle hören kann. Nach einigen Minuten läuft ein Ruck durch das Raumschiff, die Bienen umklammern Teile des Schiffes und schlagen kräftig mit den Flügeln. „Wir können das Tanzmanöver jetzt beenden.“ sagt Chara. „Bestätige.“ brummt Balquand. Schwarze Mamba seufzt erleichtert und lässt das Steuer los. Die Arbeiterinnen beginnen damit, die Mary Read in Richtung Hive zu schleppen. „Helfen Sie ein wenig mit, Pilot. Sonst kommen wir nie an.“ „Jawohl, Kapitän. Aktiviere Antrieb.“ „Schön langsam, mein Junge.“ Erneut legt sich eine tiefe Stille über die Kommandozentrale. „Wächterin im Anflug.“ meldet Weber, doch niemand antwortet ihm. Alle starren gebannt auf die Monitore und das mächtige Insekt, das auf die Mary Read zusteuert. „Unfassbar.“ haucht Weber, dessen Haut ganz durchsichtig geworden ist. Die Wächterin, die sich mit hoher Geschwindigkeit dem Raumschiff nähert, ist deutlich größer als ihre Arbeiterinnen-Schwestern. Das gewaltige, nachtschwarze Tier verfügt über kräftige Beißwerkzeuge und massive, dolchartige Fortsätze an den starken Vorderbeinen. „Ihr Stachel könnte durch die Außenhaut des Schiffes dringen, wie durch Butter.“ flüstert Chara. „Danke für die Information.“ Schwarze Mamba versucht ätzend zu klingen, doch seine Stimme überschlägt sich kläglich. „Langsam jetzt.“ „Ja, Kapitän.“ Der junge Pilot drosselt die Geschwindigkeit und starrt gebannt auf seinen Navigationsmonitor. „Kontakt.“ melden Chara und Weber gleichzeitig. Die Monitore zeigen, wie die Wächterin in einem engen Bogen um das Raumschiff und die Arbeiterinnen fliegt und dann direkt auf die Sendeplattform der Mary Read zusteuert. „Nimmt sie irgendwelche Signale wahr? Senden wir etwas?“ fragt Kapitän Balquand angespannt. „Nichts, Kapitän.“ versichert Weber. Das Raumschiff erzittert, als die gewaltige Biene landet. „Oh Scheiße, oh Scheiße, oh Scheiße.“ flüstert Schwarze Mamba. „Ganz ruhig, Pilot. Chara, informieren Sie Little Dove. Er soll eine Fette Judy bereitmachen. Nur für den Notfall.“ „Jawohl, Kapitän.“ Chara stellt eine Verbindung zum Waffenraum her. „Was treibt das Viech da draußen?“ fragt Schwarze Mamba. Er klingt immer noch nervös. „Ich habe keine Ahnung.“ haucht Weber, der die Wächterin nicht aus den Augen gelassen hat. Das Insekt läuft mit pendelnden Kopfbewegungen um die Sendeplattform herum. „Sie prüft unseren Geschmack. Wenn die Pheromone richtig abgestimmt sind, wird sie uns markieren und andere Arbeiterinnen rufen, die uns in den Hive bringen.“ erklärt Chara. „Da passiert etwas!“ meldet Weber aufgeregt und deutet auf den Bildschirm. Die Wächterin versprüht ein weißliches Sekret über die Sendeplattform. Dann hebt sie gemächlich ab und fliegt, in Begleitung der sechs Arbeiterinnen, zurück zum Hive. „Fallen freisetzen.“ zischt Balquand mit rauer Stimme. Chara gibt seinen Befehl an die Bordtechnikerin weiter. „Fallen freigesetzt.“ meldet Pia-Pia nach wenigen Sekunden. Dutzende Flugkörper starten aus dem Bauch des Raumschiffes und verteilen sich im Weltraum. Die fliegenden Insektenfallen wurden mit dem Pheromon des Hives besprüht und sind mit einer einfachen KI ausgestattet, die es den Maschinen erlaubt, selbstständig ein Ausflugsloch des Hives anzusteuern, eine Jungkönigin einzufangen und zurück zum Schiff zu bringen. „Die Fallen sind unterwegs.“ berichtet Chara dem Kapitän. „Ausgezeichnet.“ „Arbeiterinnen im Anflug!“ Weber hat wieder etwas Farbe im Gesicht, seine Wangen leuchten in einem matten Hellblau und verleihen ihm ein geisterhaftes Aussehen. „Bei allen Göttern.“ seufzt Chara erleichtert.
Angespannte Minuten vergehen, in denen die Unmöglichen Bienen das Schiff umkreisen und seine Außenhaut belecken, um es dann endlich weiter zum Hive zu schleppen. Als die Arbeiterinnen das Raumschiff in einen schmalen Eingang ziehen, geht ein Raunen durch die Kommandozentrale der Mary Read. Der Anblick einer einzelnen Wächterin kann einem mutigen Mann gewaltige Furcht einflößen, wenn sich aber dreißig dieser Kampf-Bienen an den Wänden eines engen Durchlasses tummeln, gibt es keine Begriffe mehr um die Angst in Worte zu fassen, die ein jedes Wesen ergreift, das sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Ein tiefes Summen erfüllt die Brücke, das Geräusch ist allgegenwärtig und baut sich immer mehr auf. „Es geht los. Wir brauchen jetzt die Ohrschützer.“ wendet sich Chara an den Kapitän. Balquand bestätigt ihre Anweisung. Mannschaft und Sklaven legen Gehörschützer an. „Teste Sprechfunk.“ verkündet Chara durch das eingebaute Mikrofon. Die Besatzungsmitglieder bestätigen ihre Testmeldung. „Sprechfunk stabil.“ meldet Chara dem Kapitän. Balquand nickt zufrieden.

„Das ist einfach widerlich.“ Schwarze Mamba sitzt stocksteif im Pilotensessel und starrt angeekelt auf seinen Monitor. Das Bild zeigt eine dichte Masse von Bienen, die kreuz und quer in den Gängen des Hives und auf der Mary Read herumkrabbeln. „Ich finde es grandios.“ versetzt Weber, der fasziniert auf seinen Monitor starrt. „Sei es, wie es ist. Wir müssen weiter.“ Kapitän Balquand hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. „Chara, lotsen Sie uns jetzt zur Königinnenkammer.“ „Verstanden, Kapitän.“ Die Wegweiserin verlässt ihren Posten und nimmt einen Platz neben dem Pilotensessel ein. Mit ruhiger Stimme dirigiert sie Schwarze Mamba durch die gewundenen Gänge des Hives. „Du machst das ganz prima.“ lobt sie den Teenager, um seine Nervosität zu mildern. „Ja, ja. Ich weiß, ich weiß.“ wiegelt Schwarze Mamba gereizt ab. Die Konzentration steht im ins sommersprossige Gesicht geschrieben. Unbewusst nimmt er eine Hand vom Steuer und greift nach seinem Gehörschutz, um sich darunter zu kratzen. Chara hindert ihn sanft daran. „Wenn du die Dinger jetzt von den Ohren nimmst, bist du in weniger als drei Sekunden paralysiert. Fünf Sekunden später explodiert dein Gehirn. Das ist kein Witz.“ „Entschuldigung.“ murmelt Schwarze Mamba kleinlaut. „Geschätzte Ankunftszeit in der Königinnenkammer?“ fragt Balquand drängend. „Wir haben soeben die Futterspeicher passiert.“ überlegt Chara laut. „Wir müssen durch die Larvenkammern und an den Brutlagern vorbei, dann sind wir durch. Maximal dreißig Minuten.“ „Wann werden wir die Königin spüren?“ Chara dreht sich zum Kapitän um und fängt seinen besorgten Blick auf. „Ich kann nur eine Schätzung abgeben. Aber ich denke, spätestens ab den Brutlagern werden wir sie wahrnehmen können. Sensible Personen schon früher.“ „In Ordnung. Fahren Sie fort.“
Im Waffenraum der Mary Read lehnt Little Dove an dem scharfen Torpedo, das er für den Notfall einsatzbereit gemacht hat. Mit einem entrückten Lächeln auf seinem breiten Gesicht schmiegt er sich an das blanke Metall des Torpedos, seine Nebenarme massieren zärtlich die Schultern seiner Hauptarme und streicheln wohltuend über seinen verspannten Stiernacken. Little Dove weiß es nicht, doch die beinah schmerzhafte Zuneigung, die er für sich und seine Umgebung empfindet, ist ein Signal, das von der Königin ausgesandt wird. Je näher die Mary Read der Königinnenkammer kommt, desto stärker wird das Signal der unbändigen Liebe, das die Bienenkönigin für ihre Töchter aussendet.

„Wir fliegen in die Brutanlagen ein.“ meldet Weber, sanfte Pastelltöne pulsieren über sein dümmliche lächelndes Gesicht. „Verstanden, mein Lieber.“ Die Stimme des Kapitäns klingt seidenweich. „Das Signal der Königin, könnt ihr es fühlen?“ fragt Chara mit verträumter Stimme. „Ich weiß nicht genau.“ flüstert Schwarze Mamba, in dessen Augen Tränen glitzern. Chara versucht sich aus der melancholisch süßen Lethargie zu reißen, die schleichend von ihr Besitz ergreift. „Ihr Signal ist außergewöhnlich stark. Es könnte zu schweren Konzentrationsstörungen, Halluzinationen und Verhaltensänderungen kommen. Wir müssen das Störsignal verstärken.“ „Einverstanden.“ murmelt Balquand. „Wir müssen sie sofort töten, wenn wir in der Kammer sind. Dann ist dieses Zauberstück ganz schnell vorbei.“ Der Kapitän nickt geistesabwesend. „Brücke ruft Bordtechnik, ist alles in Ordnung bei dir?“ „Alles wundervoll.“ antwortet Pia-Pia, ihre Stimme klingt merkwürdig hohl. „Wundervoll.“ echot Chara und weiß nicht genau, warum sie der Technikerin nicht glaubt. „Setze Störsignal auf Maximum.“ ist alles, was sie zu sagen weiß. „Verstanden.“ antwortet Pia-Pia monoton und beendet die Verbindung. Eine bleischwere Traurigkeit hat vom Herzen der jungen Frau Besitz ergriffen, trübsinnig starrt sie auf die blinkenden Anzeigen, ohne sie wahrzunehmen. Pia-Pia hebt die rechte Hand, um den Regler für das Störsignal zu justieren, runzelt dann unwillig die Stirn und lässt sie wieder sinken.
„Brücke ruft Waffenraum, sind die Harpunen bereit?“ Durch die Funkverbindung dringt leiser Gesang an Charas Ohren. „Waffenraum, hörst du mich? Melde dich, kleines Täubchen.“ Chara lauscht angestrengt durch die Kopfhörer, doch nur der leise Gesang antwortet ihr. „Ich habe den Kontakt zum Waffenraum verloren.“ meldet sie dem Kapitän. Balquand schreckt aus seinen Gedanken hoch und sieht sich kurz verwirrt in der Kommandozentrale um. „Weber, sehen Sie bitte nach, was da los ist.“ Der Kapitän schenkt seinem Concierge ein huldvolles Lächeln. „Mit Vergnügen, Ehrenwerter.“ Weber verlässt die Kommandozentrale mit schwingenden Armen. Auf dem Weg zum Waffenraum beginnt er eine kleine Melodie zu summen.

„Ist das die Königin?“ Die Stimme des Piloten klingt aus weiter Entfernung an Charas Ohren. Mühsam wendet sie ihren Blick vom Kapitän ab, der still in seinem Kommandostuhl sitzt und grübelt. Es dauert lange, bis ihre Zunge die Frage formulieren kann, die durch ihr Gehirn geistert. „Wie bitte?“ Chara kann den Drang nur schwer unterdrücken, die verlockend glänzende Halbglatze des Kapitäns zu streicheln. Mit einem bedauernden Seufzen hält sie sich auf ihrem Stuhl zurück. „Ich weiß nicht, habe ich etwas gesagt?“ fragt Schwarze Mamba nach längerem Überlegen. Seine Augen blinzeln träge, er kann nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. „Ihr redet beide. Andauernd.“ knurrt Balquand. Chara versucht sich auf einen der Monitore zu konzentrieren. „Wir sind da!“ bringt sie schließlich hervor. Der Bildschirm zeigt einen enormen, sechseckigen Raum, über dessen Wände unzählige Arbeiterinnen kriechen. Die Königinnenkammer scheint wie ein Herz zu pochen, doch es sind die rhythmisch schlagenden Flügel der Bienen, die diesen Effekt hervorrufen. Im Zentrum der Kammer ruht die riesige Königin, die hingebungsvoll von den Arbeiterinnen umhegt und gefüttert wird. Ihr massiver Körper glänzt golden zwischen den dunklen Leibern ihrer Arbeiterinnen hervor. „Ich möchte sie berühren.“ flüstert Schwarze Mamba sehnsüchtig. „Ich auch.“ flüstert Chara zurück. Ein schmerzvolles Gefühl der Liebe zieht sie zu der Königin hin. „Wir sollten landen.“ schlägt der junge Pilot vor. Die Wegweiserin und der Kapitän nicken verträumt.
Im Waffenraum liegen sich Little Dove und Weber zärtlich in den Armen. Sie haben in den letzten Minuten Teile des Torpedos zerlegt und eine kleine Bienenkönigin aus Metall und Draht gebastelt. Dass sie dabei den sensiblen Sprengkopf der gefährlichen Waffe freigelegt haben, interessiert die beiden nicht. Little Dove summt eine einfache Melodie und streichelt liebevoll über Webers pastellfarbenes Gesicht. Der Concierge summt ein völlig anderes Liedchen und schmiegt sich an die mächtige Brust des Hühnen. Dass ihre Lieder im selben Rhythmus erklingen, in dem die Bienenflügel in der Königinnenkammer schwingen, wissen sie nicht.
„Du kannst nicht aussteigen.“ Charas Stimme klingt erschöpft. Ohne erkennbare Körperspannung lehnt sie in der Tür und versperrt Schwarze Mamba den Weg von der Brücke. „Natürlich kann ich.“ erwidert der junge Pilot drängend. „Sie braucht mich.“ „Wenn du aussteigst, stirbst du.“ hält Chara matt dagegen. „Kapitän, sie will mich nicht gehen lassen!“ raunzt Schwarze Mamba. Kapitän Balquand schreckt erneut aus seinen Gedanken hoch. „Bitte?“ „Sie will mich nicht gehen lassen!“ quengelt der Teenager gereizt. „Lassen Sie ihn gehen, Wegweiserin.“ Der Kapitän winkt ungeduldig mit der Hand. „Aber dann stirbt er.“ Chara lehnt weiterhin schlaff in der Tür. „Der Gehörschutz wird ihm nicht helfen, Kapitän.“ „Wenn er doch sterben möchte.“ Balquand zuckt gleichgültig mit den Achseln. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe. Ich muss nachdenken.“ Schwarze Mamba schnaubt triumphierend. Er drückt sich unsanft an der hageren Wegweiserin vorbei und läuft los. „Der Gehörschutz wird dir da draußen nicht helfen!“ ruft Chara ihm nach. Fluchend taumelt sie hinter ihm her, bleibt schließlich atemlos stehen, will nur etwas Luft holen, blinzelt – und versucht sich zu erinnern, warum sie sich in diesem Gang befindet. Wollte sie auf die Brücke gehen, oder wollte sie die Sektion verlassen? Chara gerät ins Grübeln. Nachdenklich bleibt sie stehen, es fällt ihr schwer, die Gedanken hinter ihrer Stirn zu fokussieren. Plötzlich kommt ihr Balquands spiegelnde Halbglatze wieder in den Sinn. „Brücke.“ sagt sie erleichtert und kehrt in die Kommandozentrale zurück.
Schwarze Mamba läuft mit einem Gefühl der äußersten Erregung den langen Gang hinunter. Er ist auf dem Weg zur nächstgelegenen Andockschleuse, um das Raumschiff zu verlassen. An seinen Raumanzug denkt er nicht, denn seine Gedanken sind ganz bei der Königin. Wie in Trance öffnet er die Innentür der Schleuse, lächelnd klettert er hinein. Erst als die Dekompression einsetzt, wird er sich seines tödlichen Fehlers bewusst. Zwar herrscht in der Königinnenkammer kein Vakuum wie im Weltraum, doch die Lebensbedingungen, unter denen die Bienen gedeihen, entsprechen nicht im entferntesten den Anforderungen, die ein empfindlicher Organismus wie der menschliche Körper an seine Umwelt stellt. Leider hat Schwarze Mamba keine Chance mehr, diese wichtige Lektion zu verinnerlichen.
Im Maschinenraum der Mary Read hockt Pia-Pia unter einer Konsole und weint bittere Tränen. Die Bordsklaven, die sich mit ihr im Maschinenraum aufhalten, stehen mit ratlosen Gesichtern um die Konsole herum. Auch sie fühlen die intensiven Signale der Königin, obwohl sie lobotomisiert sind. Pia-Pia bemerkt ihre Verwirrung nicht, sie windet sich im selbstverzehrenden Schmerz einer undefinierbaren Sehnsucht und ist Blind und Taub für das, was um sie herum geschieht. In einem Akt der Verzweiflung rauft sie sich die Haare und reißt dabei den Gehörschutz von ihren Ohren. Wenige Sekunden später verliert sie die Besinnung, kurz darauf spritzt helles Blut aus ihrer Nase, ihren Augen und den Ohren. Ihr Mund formt ein betroffenes O. Ein schmächtiger Sklave betrachtet angestrengt ihre blutüberströmte Leiche unter der Konsole. Nach einer Weile hebt er den geschorenen Kopf, sieht die anderen Sklaven an, blickt zur Decke, blickt wieder zur toten Bordtechnikerin und beginnt zu weinen. Dann zieht er sich mit einer bedächtigen Bewegung den Gehörschutz vom Kopf, blinzelt und bricht zusammen. Die anderen Sklaven sehen regungslos dabei zu, wie seine Augen aus dem Kopf geschleudert werden, als sein Gehirn mit großem Druck explodiert. Wie auf ein geheimes Zeichen hin, nehmen sie alle den Gehörschutz ab.

Stunden vergehen, in denen die Mary Read Führerlos in der Königinnenkammer liegt. Das gestrandete Raumschiff wird von den meisten Arbeiterinnen ignoriert, die einfach über das Hindernis hinweg zur Königin krabbeln. Manche Bienen halten an und versuchen Nahrungsbrei in eine der Öffnungen des Schiffsantriebs zu pumpen. Da die vermeintliche Fütterung misslingt, brechen sie den Versuch nach einiger Zeit wieder ab. Trocknender Brei verstopft so langsam alle Düsen des Schiffes und der Sekundärantrieb, der für die Energieversorgung an Bord der Mary Read essentiell ist, beginnt zu überhitzen. Im Inneren des Schiffes nimmt niemand Notiz davon. Im Waffenraum bauen Weber und Little Dove dutzende Torpedos auseinander, um aus den Teilen einen Hive zu errichten, in dem ihre selbstgebastelte Bienenkönigin wohnen kann. Little Dove dreht kleine Arbeiterinnen aus Draht, während Weber die Kammer für die Königin konstruiert. Seine Gesichtsfarbe wechselt rasend schnell, dunkle und goldene Streifen pulsieren über seine verschwitzte Stirn. Die beiden Männer sind sich in keinem Moment der Absurdität ihrer Handlung bewusst. Nur selten unterbrechen sie die sinnlose Arbeit, um innige Küsse auszutauschen.
Auf der Brücke ist Kapitän Balquand tief in seiner Gedankenwelt versunken. Regungslos sitzt er im Kommandostuhl und starrt vor sich hin, ohne zu blinzeln. Chara steht hinter ihm und streichelt rhythmisch über seine blanke Halbglatze. Sie tut dies seit Stunden, die Haut auf Balquands Kopf ist von der ständigen Berührung stark gerötet. Er nimmt es nicht zur Kenntnis. Tote Sklaven liegen auf der Brücke, in den Gängen, in den Quartieren. Der Massenselbstmord der Unfreien hat sich wie eine Springflut fortgesetzt, kein Sklave lebt mehr auf der gestrandeten Mary Read. Die vier Besatzungsmitglieder, die noch auf dem Raumschiff verbleiben, sind ebenfalls tot. Sie wissen es nur noch nicht. Als der Sekundärantrieb der Mary Read versagt und die Systeme des Schiffes nacheinander herunterfahren, reißt plötzlich ein scharfer Blitz die Königinnenkammer und Teile des Hives in Stücke. Detonierende Torpedos zerfetzen hunderte Insekten und hinterlassen ein klaffendes Loch, aus dem sterbende Bienen in den Weltraum taumeln.

© sybille lengauer

Es sah aus wie eine leuchtend weiße Blume, die zwischen den Sternen erblühte. Es besaß sechs hell glänzende Blütenblätter, die silbrig schimmerten und sich bei Anbruch der Nachtphase, wenn die rote Sonne hinter Uruks mächtigen Ringen verschwand, zu einer tränenförmigen Knospe schlossen. Von einem Augenblick zum andern war es zwischen unseren Geschwisterplaneten erschienen und wir wussten nicht, was seine Ankunft bedeuten sollte. Gebannt beobachteten wir das Verhalten der Erscheinung und stellten endlose Berechnungen an, um das Phänomen zu erklären. Wir fanden heraus, dass der hellgelbe, kugelförmige Mittelpunkt der rätselhaften Sternenblume einen Durchmesser von 3,764 Centren besaß, was ungefähr dem Durchmesser von Paregas zweitem Mond Preton entsprach. Die Länge eines Blütenblattes belief sich auf unfassbare 11,292 Centren. Eine Analyse der Flugbahn brachte uns zu dem Schluss, dass es sich zwingend um ein beseelt agierendes Objekt handeln musste. Übertragungen von Parega meldeten, dass ihre Astronomen zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt waren. Man teilte uns mit, dass der „Rat-der-vereinten-Ozeane“ beschlossen hatte, die jungfräuliche Raumkapsel „Fließende-Hoffnung 1“ zu der geheimnisvollen Sternenblume zu entsenden, um seine mysteriöse Herkunft zu ergründen.
In den Jahrzehnten vor der großen Zerstörung waren außerordentliche Erfolge erzielt worden, um den ersten Hautkontakt zwischen unseren Geschwisterplaneten herzustellen. Jahrhundertelang hatten Forscher auf Uruk und Parega nach einer Möglichkeit gesucht, die unvorstellbare Distanz zu überwinden, die zwischen unseren Planeten lag, jahrhundertelang waren sie an der Aufgabe gescheitert. Die Anziehungskraft von Uruk wirkte extrem stark und war mit den schwachen Verbrennungsmotoren unserer Zivilisation kaum zu überwinden. Hinzu kam, dass die Strahlung, die von Uruks gewaltigen Ringen ausging, einen ungeschützten Astronauten in wenigen Stunden tötete. Das extreme Magnetfeld unseres Heimatplaneten bewahrte uns vor den Auswirkungen der massiven Strahlung, allerdings konnten wir uns nicht erfolgreich gegen sie wappnen, wenn wir den schützenden Einflussbereich unseres Heimatplaneten verließen. Die komplexe Unterwassertechnologie der Pareger ermöglichte zwar in der Theorie ein überdauern in der tödlichen Strahlung, war aber zu unausgereift, um in der praktischen Raumfahrt Anwendung zu finden und zu fremdartig, um mit unseren Ideen kompatibel zu sein. Fünf Jahre vor der großen Zerstörung, gelang es einem wissenschaftlichen Team auf Parega schließlich eine Forschungskapsel zu konstruieren, die in der tödlichen Wüstenei des Weltalls überdauern und gleichzeitig der vernichtenden Ringstrahlung Uruks trotzen konnte. Fieberhaft suchten wir in diesen Jahren nach einer Möglichkeit, unseren potentiellen Besuchern ein Überleben in der enormen Gravitation Uruks zu ermöglichen. Wir setzten alles daran, unsere planetaren Geschwister endlich auf unserer Heimat willkommen heißen zu können. Das Eintreffen der Sternenblume änderte diese Pläne von Grund auf.
Die „Fließende-Hoffnung 1“ startete acht Monate vor der großen Zerstörung, an Bord befanden sich die beiden Astronauten Xhiä-Atem-des-Wasserläufers und Löha-Stimme-der-Meeresbrandung. Gebannt fieberten wir vor unseren Empfängern, als die paregesischen Übertragungen vom erfolgreichen Start der Raumkapsel berichteten. Über viele Wochen hinweg folgten wir dem Signal der „Hoffnung“ mit unseren Radioteleskopen und unseren Gebeten. Jede Nacht wandte sich unser Blick zu der geheimnisvollen Blütenknospe im Himmel und immer fragten wir uns, was in ihrem Inneren vorgehen mochte. Als das Ortungssignal der „Fließende-Hoffnung 1“ zwei Tage vor dem errechneten Kontakt mit der Sternenblume erlosch, machte sich eine große Betroffenheit unter uns breit. Hilflos warteten wir auf ein erneutes Signal und mit jeder verstreichenden Stunde stieg unsere Frustration. Es war ein namenloser Amateur-Sterngucker, der uns am späten Nachmittag des zweiten Tages darauf hinwies, dass sich das Zentrum der Blüte zu verändern begann. Eine genaue Beobachtung unabhängiger Teleskope bestätigte seine Sichtung. Natürlich gingen wir davon aus, dass die Veränderung im Kern der Sternenblume und der Signalabbruch der Raumkapsel in direkter Verbindung standen, doch über das, was dort oben wirklich vor sich ging, konnten wir nur wilde Spekulationen anstellen. In dieser Nacht schloss sich die gewaltige Blüte im Himmel nicht, als die rote Sonne hinter Uruks eisigen Ringen verschwand. Ihr kugelförmiges Zentrum pulsierte in unregelmäßigen Abständen, während die Blume langsam begann, sich um ihre eigene Achse zu drehen. Heute vermuten wir, dass Xhiä-Atem-des-Wasserläufers und Löha-Stimme-der-Meeresbrandung zu diesem Zeitpunkt aufgenommen und verändert wurden. Damals gingen wir von einer erfolgreichen Kontaktaufnahme aus, auch wenn wir uns in unserer Freude vorsichtig zeigten. Jeder Schritt, den wir in diesen Tagen gingen, fand auf unbekanntem Terrain statt, wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Zwanzig Stunden später erlosch das Pulsieren des Blütenzentrums und die Sternenblume begann sich langsam zu schließen. Kurz darauf empfingen wir plötzlich wieder das Ortungssignal der „Hoffnung“, das mit dem Code für ihre Erfolgreiche Rückkehr versehen war. Vier Monate lang folgten wir mit wachsender Ungeduld dem immergleichen Signal auf seinem langen Weg nach Hause. Monate, in denen die gewaltige Blüte im Himmel verschlossen blieb und wie eine undurchsichtige Träne auf uns herabfunkelte.

Meiner eigenen Auffassung nach beginnt die Vernichtung von Parega mit der letzten Nachricht, die von den Bewohnern dieser verlorenen Welt an uns gesendet wurde. Die Übertragung, die von der jungen Wissenschaftsassistentin Janji-Traum-der-Strömung stammte, berichtete von zwei entstellten Leichen, die aus der gelandeten „Fließende-Hoffnung 1“ geborgen worden waren. Der Kontakt zu Parega brach wenige Minuten später vollständig ab. Alle Augen, alle Ohren Uruks richteten sich auf unseren Geschwisterplaneten, doch kein Laut drang mehr durch die Stille des Weltraums zu uns. Fassungslos beobachteten wir durch unsere Teleskope, wie sich der saphirblaue Wasserplanet, dessen Anblick uns so vertraut und lieb war, in wenigen Stunden in eine fremde Welt verwandelte. Die satten Blautöne seiner gigantischen Ozeane verschwanden unter dunklen Schlieren, die wir als Wolken interpretierten. Gewaltige Stürme schienen auf der Planetenoberfläche zu toben und unsere empfindlichen Messgeräte erfassten enorme Blitze, die tief ins Weltall geschleudert wurden. Sieben Tage tobten die alles verschlingenden Unwetter über Parega hinweg und das tiefgrüne Antlitz, das sich am achten Tag unseren Augen präsentierte, erinnerte nicht mehr im Entferntesten an unseren Geschwisterplaneten. An diesem Morgen öffnete sich die Sternenblume und präsentierte unseren Teleskopen ihr mondgroßes Innerstes in strahlend leuchtendem Grün. Anmutig reckten sich ihre schimmernden Blütenblätter dem Licht unserer roten Sonne entgegen. Wir analysierten noch die Daten, die von unseren zahlreichen Satelliten zurück an die heimischen Stationen gesendet wurden, als mein Empfänger die erste Übertragung erhielt, die uns von der Oberfläche des grünen Planeten erreichte. Die Nachricht bestand aus drei einfachen Worten: „Ich werde sein.“ Ihre Bedeutung war jedoch alles andere als einfach. Ich leitete die Übertragung umgehend weiter, übergab die Entscheidung, ob wir auf die Botschaft reagieren sollten, in fähigere Hände. Während ich noch auf eine Antwort wartete, trafen von ganz Uruk Meldungen ein, dass Übertragungen mit den Worten „Ich werde sein.“ von Parega empfangen worden waren. Manche Stationen entschieden Eigenständig und reagierten direkt auf die Nachricht. Sie sendeten Fragen, oder riefen die vertrauten Namen ihrer Freunde. Doch alle erhielten nur die eine Antwort. „Ich werde sein.“ Drei Tage lang sendete Parega unablässig die Botschaft, über deren Inhalt sich unsere besten Denker die Köpfe zermarterten. Drei Tage, in denen sich die Sternenblume jeden Morgen zur Sonne hin öffnete und zum Abend wieder verschloss. Drei Tage, in denen wir uns in jeder Minute fragten, was mit unseren Brüdern und Schwestern auf Parega geschehen war. Am dritten Tag, zur Mittagsstunde, zeichneten alle Empfänger Uruks ein und dieselbe Nachricht auf. Sie lautete: „Ich bin der Same, der aus der Stille erkeimt, ich bin das Saatkorn, das in der Leere erblüht, ich bin das beständige Wachsen. Ich werde gedeihen, unter allen Himmeln. Ich werde sprießen, immerdar.“ Sekunden später traf ein grellgrüner Strahl aus dem Zentrum der Sternenblume den äußersten Rand unserer planetaren Ringe. Ich kann das maßlose Entsetzen nicht beschreiben, das unser Volk erfasste, als wir mitansehen mussten, wie sich jener Strahl durch das Ringsystem Uruks fraß und es unwiederbringlich zerstörte. Es gab nichts, das wir hätten tun können. Mit fatalistischer Niedergeschlagenheit werteten wir Satellitendaten aus, berechneten die Geschwindigkeit, mit der die Ringe zerfielen und lauschten den Worten, die von Parega zu uns drangen. Erst als wir ein Ortungssignal empfingen und begriffen, dass sich die „Fließende-Hoffnung 1“ auf den Weg zu unserem Planeten gemacht hatte, erwachte in uns allen ein Gefühl des melancholischen Aufbegehrens. Wir wollten nicht ungehört in der Dunkelheit verlöschen, wir wollten nicht unbeachtet untergehen, verschlungen von einer Lebensform, deren Zweck es war, sich unendlich auszubreiten. Wir wussten, dass die „Fließende-Hoffnung 1“ sechs Monate benötigen würde, um Uruk zu erreichen und wir wussten auch, dass wir jede Minute benötigen würden, um eine Raumkapsel nach ihrem Vorbild zu konstruieren. Ein Schiff für einen tapferen Piloten, um die Stimmen eines untergehenden Volkes aus ihrem Heimatsystem zu geleiten und ein letztes Aufflackern unserer verlöschenden Zivilisation zu den Sternen zu tragen. Eine „Letzte-Hoffnung“. Dies ist meine Geschichte vom Untergang unserer Geschwisterplaneten Parega und Uruk, die sich in friedlicher Koexistenz den Platz um ihr strahlendes Muttergestirn teilten, bis sie vernichtet wurden, von einer unbekannten Spezies. Das Archiv enthält noch unzählige weitere Berichte, die die Ereignisse rund um unsere Zerstörung beschreiben und die vielleicht hilfreich sein können, andere Zivilisationen in den unbegreiflichen Weiten der Galaxis vor unserem Schicksal zu bewahren. Es enthält außerdem alle historischen Aufzeichnungen von Uruk und Parega, Gedichte, Lieder, Mythen und Sagen, die wir aus unseren Kulturen zusammentragen konnten.
Mein Name ist HarZyä-Eisenfresser und ich war ein Freund, ein Vater, ein Bruder und ein Individuum. Vielleicht gleichen meine Gedankengänge ein wenig den Deinen, vielleicht sind wir grundverschieden wie Stein und Wasser. Doch wer auch immer du bist, der du diese Nachricht empfängst, sei wachsam und Überlebe. Ich wünsche dir viel Glück.

„Ist das etwa alles, was auf der verdammten Platte ist?“
„Ja, das Ding ist scheinbar voll mit Nachrichten dieser Art.“
„Scheiße. Diese Bergung ist ein totaler Reinfall!“
„Hm. Vielleicht springen irgendwelche Historiker-Heinis von der imperialen Fakultät darauf an.“
„Gut, nehmen wir sie eben mit.“
Vorsichtig löst Pan-Tasch den Entschlüsselungs-Generator von der uralten Festplatte, die sie aus dem Wrack der halb zerstörten Raumkapsel geborgen hat. Schin-Dschi steht mit gerunzelter Stirn neben ihr, seine stacheligen Schulterpanzer füllen das winzige Landedeck des kleinen Frachtschiffes unangenehm aus. Verächtlich starrt er durch die aufgeschweißte Luke in das Innere der verbeulten Kapsel.
„Was machen wir mit der verdammten Mumie?“
„Keine Ahnung, vielleicht stehen die Historiker ja auch darauf.“
„Das Teil sieht vergammelt aus. Ist bestimmt schimmelig oder so.“
„Dann vakuumier es doch endlich. Herrgott nochmal. Muss ich dir heute alles vorkauen?“
Schin-Dschi setzt zu einer ätzenden Gegenbemerkung an, überlegt es sich dann aber anders. Achselzuckend schießt er einen Strahl Vakuumierflüssigkeit auf den eingetrockneten Körper, der in einem verrottenden Pilotenstuhl ruht.

© sybille lengauer