Mit ‘Sci-Fi Kurzgeschichte’ getaggte Beiträge

Elparadiso

Zeit: 13. April 2205
Ort: Gilgamesh, zweiter Mond des habitablen Exoplanet Inanna im System Babylon760-I
Entfernung zur Erde: 3,5 Lichtjahre
Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha: gegründet 2199 im Auftrag des interstellaren Handelsunternehmens Van den Boom & Söhne
Missionsziel: Anpassung firmenpatentierter Embryonen an die naturgegebenen Anforderungen von Inanna, um eine erfolgreiche Besiedlung und damit einhergehende Inbesitznahme durch die Firma zu gewährleisten
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Produktiv

Kantine

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Eins Heyman Even neigt sich mit verschwörerischem Gesichtsausdruck seinem Sitznachbar entgegen, während sie in der gutbesuchten Kantine das Mittagessen einnehmen. „Was soll ich gehört haben?“, antwortet Arbeiter Klasse Eins Thojan Schmydt mit vollem Mund, er scheint nur mäßig an einem Gespräch mit Even interessiert zu sein. „Wir sollen alle kastriert werden“, raunt Heyman Even geheimnistuerisch und doch so laut, dass sich ringsum ein paar neugierige Köpfe heben. Er rückt aufdringlich nah an Schmydt heran, der daraufhin seinerseits einige Zentimeter zur Seite rückt und demonstrativ mit den Augen rollt, um sein Missfallen auszudrücken, mehr als ein „Bitte was?“ schlüpft ihm nicht von der Zunge.
„Die wollen uns an der Fortpflanzung hindern. Und zwar für immer! Neueste Anweisung der Firma“, zischt Even aufgeregt und kleine Spucketropfen fliegen von seinen feuchten Lippen. Thojan Schmydt runzelt irritiert die Stirn. „Ach was. Klingt für mich wie ein Haufen kalter Weltraumscheiße. Warum sollten die das wollen?“, fragt er in herablassendem Tonfall. Heyman Even scheint nur auf diese Frage gewartet zu haben, denn seine Begründung folgt wie aus der Pistole geschossen. „Weil sie befürchten, dass hier dasselbe passiert wie auf Teegardens Stern, kapische?“ Weitere Spucketropfen fliegen, Thojan Schmydt rümpft die Nase und drückt damit Skepsis und Ekel zugleich aus. „Aha. Und woher hast du diese krasse Information?“, fragt er ohne jegliche Begeisterung. „Das Ohr war heute morgen ziemlich gesprächig.“ Heyman Even spielt seine wichtigste Karte aus, sein sporadischer Intimkontakt zur Subraum-Funkerin der Mondbasis ist, zumindest inoffiziell, allseits bekannt. Thojan Schmydt wird tatsächlich etwas blass um die Nase. „Dann kommt das also von ganz oben?“, entfährt es ihm schriller als beabsichtigt. Heyman Even ist ein einziges Nicken. „So ist es, mein Guter“, bestätigt er und grinst selbstzufrieden über die Wirkung seiner Worte. „Was, wenn sie dich nur auf den Arm genommen hat? Du weißt doch, wie hinterfotzig die Hrabak manchmal sein kann“, hält Schmydt dagegen, doch in seiner Stimme schwingt Verunsicherung. „Diesmal nicht“, versichert Heyman Even mit blitzenden Augen, „sie war definitiv aufrichtig. Tatsächlich habe ich sie noch nie so bestürzt gesehen. Weißt du noch, der Vorfall im Reaktor?“ Ein dunkler Schatten zieht über Thojan Schmydts Gesicht, als er an die schreckliche Tragödie denkt, die drei Arbeitern das Leben gekostet hat. „Natürlich“, brummt er und legt das Essbesteck beiseite, sein Appetit hat sich verflüchtigt. „Damals war sie weniger betroffen“, versetzt Even trocken. Thojan Schmydt starrt wortlos auf seine halbgegessene Ration, seine Lippen sind zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
In der Kantine ist es auffallend still geworden.

*

Labor
„Haben Sie es schon gehört?“ Dr. Thaila Nguyen hantiert betont lässig mit einigen Petrischalen, um ihre innerliche Aufregung zu überspielen. „Hm?“, grunzt Dr. Natasha Melnik und hebt noch nicht einmal den Blick von den Unterlagen, die sich auf ihrem Schreibtisch türmen; sie ist voll und ganz in die Auswertung ihres letzten Embryonen-Experiments vertieft. Thaila Nguyen lässt vor lauter Lässigkeit beinah eine Petrischale fallen, was ihr zumindest einen irritierten Seitenblick der älteren Kollegin beschert. Dr. Nguyen kann ihren Mitteilungsdrang nicht länger beherrschen und plappert wild drauflos: „Wentworth Hill hat Grischa Zhang erzählt, dass Lynda Quoort heute Mittag in der Kantine gehört hat, wie Heyman Even zu Thojan Schmydt gesagt haben soll, dass…“ „Meine Güte!“, entfährt es Dr. Melnik ärgerlich, doch Thaila Nguyen ist nicht zu bremsen, „…dass wir alle zwangskastriert werden sollen, angeblich ein Befehl der Firma, können Sie sich das vorstellen?“ „Nein, kann ich nicht“, antwortet Dr. Natasha Melnik und lässt es ruppig klingen. „Er weiß es ganz bestimmt, das Ohr hat es ihm geflüstert und Sie wissen doch, dass er und sie, naja, Sie wissen schon.“ Dr. Thaila Nguyen macht eine zweideutige Handbewegung und versucht vielsagend zu zwinkern, was ihr kläglich misslingt. „Die Hrabak redet viel wenn der Tag lang ist. Du solltest nicht alles glauben, was man dir über fünf Ecken erzählt“, versetzt Dr. Melnik streng. Dr. Nguyen zieht ein enttäuschtes Schmollgesicht, sie hat sich den Gesprächsverlauf offenbar ganz anders vorgestellt. „Möchtest du denn Kinder bekommen?“, fragt Natasha Melnik ganz unerwartet, Thaila Nguyen stutzt und antwortet schließlich mit einem vagen Achselzucken. „Bist du in einer Beziehung?“, lautet die nächste, unangenehme Frage. „Naja…“ Die junge Wissenschaftlerin ist plötzlich gar nicht mehr so redselig, sie druckst herum und errötet sogar ein wenig. „Ach ja, du bist mit dieser Mechanikerin zusammen. Easter Trân, nicht wahr?“ Dr. Melnik lehnt sich zurück und mustert ihre junge Kollegin von Kopf bis Fuß, in ihrem Blick liegt nun fast so etwas wie echtes Interesse. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Easter hat viele…“, Dr. Nguyen bricht ab, errötet noch etwas mehr und setzt ein geflüstertes „Es ist kompliziert“ hinterher, dann besinnt sie sich plötzlich und schiebt resolut das Kinn nach vorn. „Aber darum geht es doch überhaupt nicht, oder? Es geht um meine Entscheidungsfreiheit und nicht um meinen irgendwie gearteten Kinderwunsch. Ich wüßte nicht warum irgendjemand auf der Erde über meine Fortpflanzungsorgane bestimmen sollte, immerhin habe ich einen Vertrag über fünfundzwanzig Jahre unterschrieben und nicht auf Lebenszeit, oder?“
„Hm“, macht Dr. Natasha Melnik und faltet die Hände über ihrem Bauch wie sie es immer tut, wenn sie sehr nachdenklich ist.

*

Reaktorkontrollraum

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Zwei Archibald Ruiz poltert in den kleinen Aufenthaltsraum, der direkt an den Reaktorkontrollraum angrenzt und an Ausstattung nichts weiter enthält als einen abgenutzten Tisch, ein paar abgewetzte Stühle und eine auffallend hochwertige Kaffeemaschine. Die beiden anwesenden Mechanikerinnen, eben noch in ein angeregtes Gespräch vertieft, verfallen sofort in misstrauisches Schweigen. Der rüpelhafte Ruiz, als notorischer Schwätzer und Möchtegern-Weiberheld berüchtigt, ist bei seinen Kolleginnen ausgesprochen unbeliebt und soll das auch jederzeit zu spüren bekommen. „Kommt ganz darauf an. Was meinst du denn, was wir gehört haben sollten?“, erwidert schließlich Becca Durand, sie stellt ihre Kaffeetasse beiseite, um die Arme demonstrativ vor der Brust verschränken zu können, doch Archibald Ruiz nimmt ihre ablehnende Haltung gar nicht wahr. „Die schneiden mir die Eier ab!“, zischt er mit weit aufgerissenen Augen, „und euch reißen sie die Eierstöcke raus, soviel ist sicher!“ Wie ein Betrunkener wankt er zum Tisch und lässt sich auf einen Stuhl fallen, springt jedoch sofort wieder auf die Beine, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken; seine Hände zittern vor Aufregung. „Beruhige dich, Mann. Du machst einen Aufstand, als stünden sie bereits mit dem Skalpell hinter dir“, brummt Easter Trân und schnalzt abfällig mit der Zunge, Becca Durand zieht vielsagend eine Augenbraue hoch und grinst spöttisch. „Ihr habt es also auch gehört!“, schreit Archibald Ruiz und verschüttet vor Aufregung pfützenweise Kaffee. „Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen! Wir haben schließlich Rechte! Mein Körper gehört mir!“, posaunt er lautstark und setzt sich unaufgefordert zwischen die Mechanikerinnen, die sich davon wenig begeistert zeigen. „Ein Dreck gehört dir“, murmelt Easter Trân pikiert, doch Ruiz überhört die Spitze und schwadroniert weiter von Arbeitnehmerrechten und Widerstand.

*

Direktion

„Entschuldigen Sie die Störung, Direktor Muur, aber Dr. Melnik ersucht dringend um ein persönliches Gespräch.“ Direktionsassistent Sangkung Lapin gibt sich höflich, doch seine steife Körperhaltung verrät seine wahren Gefühle. Den ganzen Nachmittag ist er schon damit beschäftigt Personen abzuwimmeln, die sich mit dem stellvertretenden Direktor der Gilgamesh-Mondbasis über das Kastrationsgerücht unterhalten wollen, das sich wie ein Lauffeuer unter den Angestellten verbreitet hat. Lapin, der heute ebenfalls zum ersten Mal von diesem Gerücht gehört hat und in den letzten Stunden mit den wildesten Versionen gefüttert wurde, hätte selbst gerne ein paar Antworten, doch ist er nicht der Typ, um eine direkte Konfrontation mit Walter Muur zu riskieren. Er bevorzugt die Taktik, jemandem wie Dr. Natasha Melnik das Feld zu überlassen und selbst ein Ohr an die Tür zu legen, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben.
Wie nicht anders von Lapin erwartet, wiegelt Muur sein Anliegen mit einer unwilligen Handbewegung und einem mürrisch gebrummten: „Sie wissen doch, dass ich heute keine Zeit habe“, ab. Sangkung Lapin zieht sich daraufhin ohne jeden Diskussionsversuch zurück, auch wenn er den Gesprächsverlauf gegenüber Dr. Melnik ganz anders beschreibt. „Ich habe alles versucht“, behauptet er und legt die Stirn in betrübte Falten, „ich habe ihn förmlich angebettelt Sie zu empfangen, das müssen Sie mir glauben! Selbst einen Stein hätte ich mit meinen Worten erweichen können, aber gegen die Launen des Direktors bin ich machtlos. Er sagt, er habe wichtigeres zu tun, als sich mit den profanen Anliegen einfacher Arbeitnehmer auseinanderzusetzen und wer bin ich, ihm zu widersprechen?“ Lapin macht eine wohlkalkulierte Kunstpause, um das Gesagte wirken zu lassen und fährt dann in leisem Flüsterton fort: „Natürlich könnte ich es nicht verhindern, wenn sich jemand in Ihrer Position über jemanden wie mich hinwegsetzt, immerhin obliegt Ihnen die Leitung des Labors und ich bin nur ein unbedeutender Sekretär, nicht wahr? Sollten Sie den Direktor also unbedingt sprechen wollen, könnte ich das beim besten Willen nicht verhindern.“ Lapin wackelt bedeutungsschwanger mit den Augenbrauen und lächelt scheinheilig. Dr. Melnik antwortet mit einem genervten Schnauben, sie durchschaut Lapin besser als dieser vermutet und weiß längst worauf er hinauswill, doch nützt ihr dieses Wissen wenig, denn entweder spielt sie sein Spiel mit, oder sie bleibt ohne Antworten. So oder so, eine unbefriedigende Lage für die erfahrene Wissenschaftlerin. Natasha Melnik entscheidet sich für die Flucht nach vorn, sie schreitet betont würdevoll an Lapin vorbei und betritt mit selbstbewusstem Gesichtsausdruck das Büro. Natürlich folgt ihr Lapin dichtauf, um wortgewaltig gegen ihr Eindringen zu protestieren und sich wie der erfolglose Beschützer seines geliebten Herrn Direktors aufzuspielen, was Dr. Melnik nur ein weiteres, entnervtes Schnauben entlockt. „Ich hatte doch gesagt, dass ich keine Zeit habe!“, empört sich Walter Muur, doch Dr. Melnik ignoriert seinen Ärger, setzt sich unaufgefordert in einen Besuchersessel und schlägt lässig die Beine übereinander. „Sie haben eine ganze Menge gesagt, wenn man Ihrem Assistent Glauben schenken darf“, versetzt sie spitz, Sangkung Lapin nutzt das Stichwort, um sich aus dem Büro zu entfernen und die Tür einen kleinen spaltbreit offen zu lassen. „Ich bin mit dem Produktivitätsbericht beschäftigt, kann das nicht bis morgen warten?“, poltert Direktor Muur ungehalten, doch Natasha Melnik lässt sich davon nicht beeindrucken. „Stimmt es, dass die Firma eine Zwangskastration aller Mitarbeiter angeordnet hat?“, fragt sie rundheraus, sie ist nicht in Stimmung für umständliche Floskeln und möchte das Gespräch gerne schnellstmöglich hinter sich bringen. Der stellvertretende Direktor wirft ihr einen irritierten Blick zu und kratzt spontan seinen ergrauenden Kinnbart. „Woher haben Sie denn diesen lächerlichen Unsinn?“, blafft er unfreundlich. „Die ganze Basis spricht darüber“, antwortet Natasha Melnik kühl, Walter Muur schüttelt den Kopf und will damit schon alles gesagt haben, doch Dr. Melnik lässt nicht locker. „Sie versichern mir also, dass es sich hierbei um ein Gerücht handelt und dass ebendieses Gerücht keinesfalls der Wahrheit entspricht?“ Die gestelzte Formulierung entlockt dem stellvertretenden Direktor ein überhebliches Lächeln. „Meine liebe Frau Doktor“, beginnt er unangenehm jovial, „ich kann Ihnen versichern: niemand hat die Absicht, die Mannschaft zu kastrieren.“ „Ha“, macht Dr. Melnik, doch es klingt nicht nach einem Lachen, sie verlässt Muurs Büro mit verdüstertem Blick und rauscht wortlos an Lapin vorbei, der natürlich so tut, als habe er nicht das Geringste gehört.

***

Zeit: 25. April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Hauptsitz der Interstellaren Handelsfirma Van den Boom & Söhne

Pressekonferenz

„Guten Morgen meine sehr verehrten Damen, Herren und Diverse, ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Pressekonferenz im Hause Van den Boom & Söhne. Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich möchte Sie ersuchen, die Ihnen zugewiesenen Plätze einzunehmen und werde mich in Kürze Ihren Fragen zur Lage auf Teegardens Stern widmen.“ Pressesprecher Adrian Moco lächelt sein bestes Lächeln, während er die geladenen Journalisten und Holo-Reporter aus aller Welt begrüßt. Es ist sein erster Auftritt dieser Art, denn bis vor einer Woche war er weder Pressesprecher, noch Angestellter der Firma Van den Boom & Söhne. Im Eilverfahren wurde der erfolgsverwöhnte Showmoderator angeworben, um der Firma sein sympathisches Gesicht zu verleihen und deren angeschlagenes Image aufzubessern. Nun wird sich zeigen, ob er die vielen Millionen wert ist, die Henry Van den Boom Junior in ihn investiert hat. Adrian Moco wartet geduldig, bis sich die Menschen im Raum verteilt und ihre Holo-Recorder in Position gebracht haben, dann faltet er seine Hände in jener markanten Art und Weise, die zu seinem Markenzeichen geworden ist und eröffnet die Fragerunde. Selbstverständlich wurden alle Fragen vorab eingereicht und geprüft, ebenso selbstverständlich hat Moco bereits die Antworten parat, er muss nur den betreffenden Text ablesen, der über eine Kontaktlinse in seinem linken Auge flimmert. Es ist ein übliches Prozedere, das sich im Umgang mit der Presse bewährt hat und von allen größeren Firmen angewandt wird. Journalisten, die sich nicht an die ungeschriebene Regel halten und unangekündigte Fragen stellen, landen auf einer schwarzen Liste und werden fortan von allen Medienveranstaltungen ausgeschlossen. Adrian Moco hat also keinen Grund nervös zu sein und doch schwitzen seine Hände und sein Atem geht zu schnell. Vielleicht ist es nur profanes Lampenfieber, das ein jeder bei einer Live-Veranstaltung dieser Größenordnung hätte, vielleicht ist es aber auch eine Vorahnung auf die mediale Katastrophe, die sich in wenigen Minuten ereignen wird.
Die ersten Fragen verlaufen wie verabredet, Moco antwortet souverän und geschmeidig, alles entwickelt sich zu seiner Zufriedenheit, bis plötzlich eine junge Journalistin unaufgefordert die Stimme erhebt. „Stimmt die Behauptung, dass Van den Boom & Söhne seine Angestellten auf Babylon 760-I zwangskastrieren will, um einen weiteren Vorfall wie auf Teegardens Stern zu verhindern?“ Im Raum wird es plötzlich so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, Adrian Moco starrt der jungen Frau fassungslos ins Gesicht, bis er sich der vielen Aufnahmegeräte erinnert, die ihn live in alle Welt übertragen. Er räuspert sich und will die Journalistin zurechtweisen, als sich ein dicklicher Holo-Reporter mit einer ähnlich gearteten Frage meldet. Ein Aufruhr entsteht, plötzlich reden alle wild durcheinander. Moco vergisst zu lächeln, er verliert erst den Faden und dann die Kontenance.

*

Businessjet SL-Super 94
Nordatlantischer Ozean

Henry Van den Boom Junior hängt würgend über der Bordtoilette und erbricht Lachshäppchen mit einem Gemisch aus Kaffee und Champagner durch Mund und Nase. Er röchelt gequält, Tränen laufen über seine Wangen, auf seiner Stirn steht kalter Schweiß. Vor zwanzig Minuten hat er die Liveschaltung zur Pressekonferenz unterbrochen und dann so lange getobt und geschrien, bis sein überreiztes System kollabiert ist. Seither hängt er über der Bordtoilette und isst sein Frühstück rückwärts, während ein sichtlich pikierter Flugbegleiter vor der Toilettentüre wacht und sich gelegentlich nach seinem Befinden erkundigt. Van den Boom Junior würde gerne antworten, dass das seine verdammte Privatsache ist, doch seine Stimmbänder scheinen nicht mehr mit seinem Gehirn verbunden, er ist nur noch in der Lage gutturale Laute auszustoßen.
„Herr Van den Boom Junior?“ Die Stimme seiner Assistentin, Desna Yadav, klingt gedämpft durch die geschlossene Türe, „Herr Van den Boom Senior möchte Sie dringend sprechen. Er bittet um sofortigen Rückruf.“ „Arch“, krächzt Henry und erbricht noch etwas mehr schlecht zerkauten Lachs. Als er sich endlich soweit erholt hat, um wieder im Passagierbereich platz zu nehmen und eine Holoverbindung zu seinem Vater herzustellen, hat das Bordpersonal die schlimmsten Spuren seiner körperlichen Eskalation bereits beseitigt, trotzdem macht sein Erscheinungsbild einen leicht lädierten Eindruck, was sein Vater sofort gnadenlos kommentiert. „Du siehst beschissen aus“, bellt der alte Mann, der seinerseits nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, „hast dir wieder die Seele aus dem Leib gekotzt, wie?“ Henry antwortet mit beiläufigem Schulterzucken, er ist die Beleidigungen seines Vaters so gewohnt, dass er sie gar nicht mehr richtig hört, doch dieser hat heute noch viel mehr auf Lager, denn auch er hat die Pressekonferenz gesehen, im Gegensatz zu seinem Zweitgeborenen sogar bis zu Ende. „Ich hatte dir, Idiot, von Anfang an gesagt, dass diese Null Moco, dieser elende Abschaum, dieser… dieser Hurensohn nicht die richtige Wahl ist, um unser Unternehmen zu vertreten. Wieder und wieder habe ich es dir gesagt, aber wolltest du auf mich hören? Natürlich nicht, warum solltest du auch? Es geht ja um nichts, nicht wahr? Wenn dein Bruder, Gott hab’ ihn selig, noch am Leben wäre, er würde dir die Tracht Prügel deines Lebens verpassen! Er würde dich totschlagen und ich würde ihm einen Knüppel reichen, damit er schneller fertig wird damit. Du bist eine Schande für meine Familie, ich habe es satt mit dir!“ Henry Van den Boom Junior starrt mit glasigen Augen durch die holographische Übertragung seines Vaters, er ist weder gewillt noch in der Lage den Blick zu fokussieren. Im Kopf schreit er seinem Vater die wüstesten Beschimpfungen ins hagere Gesicht, nach außen hin ist davon nichts zu sehen, nur seine Hände zittern ein wenig, während sie auf seinen Oberschenkeln ruhen. „Ich habe es so satt“, wiederholt sein Vater noch einmal mit Nachdruck, dann seufzt er und fährt in etwas ruhigerer Stimme fort: „Du wirst diesen Scherbenhaufen alleine beseitigen, hast du verstanden? Ich werde keinen Finger rühren um dir zu helfen, ganz im Gegenteil, ich ziehe mich endgültig aus den Geschäften zurück. Ich gehe. Und mein Vermögen nehme ich mit.“ „Das kannst du nicht machen!“ Van den Boom Junior erwacht schlagartig zum Leben, als sein Vater das magische Wort ‚Vermögen‘ erwähnt. Ohne die väterlichen Billionen wäre Van den Boom & Söhne schlichtweg bankrott, die Maßnahmen zur Kolonisierung ferner Welten verschlingen Unsummen und wurden bislang nicht vom erwarteten Erfolg gekrönt, ganz im Gegenteil, Teegardens Stern hat sich zu einem Milliardengrab entwickelt und nun sieht es ganz danach aus, als würde auch Babylon 760-I ein Fiasko. „Und ob ich kann“, faucht Henry Van den Boom Senior, „ich werde mit Doktor Diaz sprechen und ihn ermächtigen, mit den Vorbereitungen zur kryogenischen Behandlung zu beginnen. Ich werde mich einfrieren lassen, Junior, mich und all meine Konten und Liegenschaften und wenn sie mich in zweihundertfünfzig Jahren wieder auftauen werden, wirst du, mein Sohn, garantiert nicht mehr da sein, um mir den Tag zu vergällen.“ Henry Van den Boom Senior spuckt die Worte Junior und Sohn so abfällig aus, als handle es sich um verdorbene Shrimps in einem billigen Krabbencocktail, dann beendet er abrupt die Verbindung und sein Holoabbild verschwindet. Sein Filius starrt lange auf die Stelle, an der eben noch die Miniatur seines Vaters zu sehen war, in seinem Gesicht arbeitet es merklich; es hat kurz den Anschein als müsse er sich erneut übergeben, doch dann sammelt er sich und wählt eine neue, passwortgeschützte Nummer. „Der Plan hat sich geändert“, teilt er der vermummten Person mit, die seinen verschlüsselten Anruf entgegennimmt, „Sie müssen umgehend aktiv werden.“ Die Holoabbildung der dunklen Gestalt nickt würdevoll. „Der Preis wird sich dementsprechend erhöhen. Sind Sie bereit ihn zu entrichten?“ „Jederzeit“, blafft Henry Van den Boom Junior. „Fünf Tage“, sagt die anonyme Holofigur und beendet das Gespräch. Henrys nächste Anrufe gelten zwei Bankunternehmen, die er jeweils mit der Überweisung einer ordinär hohen Summe auf ein speziell geschütztes Konto beauftragt; eine Anzahlung, um seinen Vertrag mit einem der berüchtigtsten Auftragsmörder Europas zu besiegeln.

***

Zeit: 28. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Direktion

„Ich kann Ihnen nur immer wieder versichern, dass es sich hierbei um Fake News handelt. Das sind Hirngespinste, pure Fantastereien! Wir wissen doch alle wie verlogen die Medien heutzutage sind, denen kann man keinen Zentimeter weit trauen, das ist doch allgemein bekannt, ich bitte Sie.“ Stellvertretender Direktor Walter Muur tupft sich mit einem silbrig glänzenden Taschentuch dicke Schweißperlen von der Stirn, während er unter den stechenden Blicken der drei Personen schmort, die gestern Abend in einer regelrechten Blitzabstimmung zu offiziellen Vertretern der Angestellten ernannt worden sind. Fragmentarische Aufnahmen der missglückten Pressekonferenz von Van den Boom & Söhne, die gestern Vormittag auf Umwegen zur Mondbasis gelangt sind, haben unter den Beschäftigten große Bestürzung, aber auch einen regelrechten Schulterschluss ausgelöst. Um ihren spontan gewählten Vertretern das nötige Gewicht zu verleihen, ruhen bis auf weiteres sämtliche nichtessentiellen Arbeiten und auch die Embryonenforschung soll in den kommenden Tagen stark eingeschränkt werden. Niemand auf der Mondbasis spricht von Streik, doch das ist nur noch eine Frage der Zeit und Walter Muur ist sich dessen absolut bewusst; die Katastrophe schwebt wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt. Dem nervösen Direktor gegenüber sitzen Vorarbeiter Hendrik Schwan, Laborleiterin Dr. Natasha Melnik und Mechanikerin Klasse Eins Easter Trân, vereint in ablehnender Pose. Den blumigen Worten des stellvertretenden Direktors vertraut keiner von ihnen, seine schwülstigen Beteuerungen fallen auf unfruchtbaren Boden. Walter Muur quält ein versöhnlich gemeintes Lächeln von seinen Lippen und flüchtet sich zurück auf das vertraute Terrain der Floskeln. „Ich bin sicher, dass wir eine zufriedenstellende Lösung finden werden“, säuselt er möglichst unverbindlich und tupft weitere Schweißperlen fort, Easter Trân reizt das zu einem abfälligen Schnauben, Schwan und Dr. Melnik starren stumm. „Ich ersuche Sie mir zu helfen, Ihnen zu helfen. Was kann ich tun, um dieses Missverständnis ein für allemal aus der Welt zu schaffen?“ „Wir verlangen ein Gespräch mit Henry Van den Boom Senior persönlich.“ Dr. Natasha Melnik lächelt ein messerschneidenschmales Lächeln, als sie Walter Muurs Reaktion auf ihre Forderung beobachtet. „Wie stellen Sie sich das vor?“, japst dieser, sichtlich um Fassung ringend, „glauben Sie vielleicht er fliegt mit seinen hundertsiebenundzwanzig Jahren quer durch den Weltraum, um mit Ihnen ein Schwätzchen zu halten?“ „Ein offiziell beglaubigtes Gespräch würde uns genügen“, kontert Hendrik Schwan trocken, Natasha Melnik und Easter Trân nicken zustimmend. Walter Muur blickt von Trân zu Melnik zu Schwan, dann wieder zurück zu Trân, die beim Grinsen alle Zähne zeigt. „Ich werde sehen was ich tun kann“, seufzt er resigniert.

*

Kantine

„Ist das alles, was ihr erreicht habt?“ Heyman Even plustert sich mächtig auf, er krakeelt seine Enttäuschung über das, in seinen Augen gescheiterte, Gespräch mit Walter Muur quer durch die überfüllte Kantine, die zum provisorischen Versammlungsort erhoben worden ist. Seit der gestrigen Abstimmung, bei der Dr. Melnik, Hendrik Schwan und Easter Trân mit großer Mehrheit gewählt wurden, zeigt sich Heyman Even mürrisch bis tödlich beleidigt. Er ist aufs unversöhnlichste gekränkt, da nicht er, heldenhafter Aufdecker des Kastrationsskandals, zum Vertreter der Angestellten gewählt wurde, sondern der Korinthenkacker Schwan, die Hure Trân und Dr. Melnik, vor der sich Even zu sehr fürchtet, um sie mit einem Schimpfnamen zu belegen. Er spricht nur das Doktor möglichst abfällig aus, wenn sie garantiert außer Hörweite ist. Zu Evens bitterer Enttäuschung interessiert sich jedoch niemand für seine gekünstelte Empörung, eine weitere Kränkung, die er schmollend einer immer längeren Liste hinzufügen muss. Seine fünf Minuten Ruhm sind vorbei. Während die versammelten Angestellten an den Lippen ihrer gewählten Vertreter kleben, verlässt Heyman Even die Kantine unter gemurmelten Flüchen. „Ich bin sicher, dass sich Herr Van den Boom sehr bald gesprächsbereit…“ hört er Hendrik Schwan noch sagen, dann schließt sich die Kantinentür und schneidet sämtliche Geräusche ab. Heyman Even stapft murrend den Gang hinunter, seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben, seine Gedanken voller Missgunst und Groll. Sein unbewusst gewählter Weg führt ihn ganz automatisch vor die Kabinentür von Barbar Hrabak. Obwohl die Subraum-Funkerin normalerweise sehr gesellig lebt, meidet sie seit Beginn des Kastrationsskandals den Umgang mit der Mannschaft, auch Even hat sie tagelang nicht zu Gesicht bekommen. Warum er ausgerechnet jetzt Sehnsucht nach ihrer Gesellschaft verspürt, kann er sich selbst nicht erklären, trotzdem klingelt er und wartet beharrlich, bis sie endlich die Tür öffnet. „Ausgerechnet du“, entfährt es Barbar Hrabak trocken, ihre Augen schnellen kurz über den hell erleuchteten Gang, dann lässt sie ihn mit einem knappen Kopfnicken herein. „Was willst du“, fragt sie mit rauer Stimme, während Even erfolglos nach einer Sitzgelegenheit sucht, die nicht von zerknüllter Kleidung und achtlos hingeworfenen Gegenständen belegt ist. „Ich wollte dich sehen“, antwortet er und setzt sich auf das ungemachte Bett. Barbar Hrabak antwortet mit eiskalter Stille, sie verschränkt die Arme vor ihrem überdimensional großen Busen und straft ihn mit tödlichen Blicken. „Ich weiß auch nicht so recht“, Heyman Even ringt um die richtigen Worte, „ich wollte wohl einfach bei dir sein.“ „Aha“, macht Barbar Hrabak und in den drei Buchstaben liegt alle Ablehnung der Welt. „War wohl eine blöde Idee“, murmelt Heyman mehr zu sich selbst, als zur innerlich brodelnden Subraum-Funkerin, doch die greift seine leise Bemerkung nur allzu gerne auf. „Was war eine blöde Idee, ha? Dass du behauptet hast, du hättest die Geschichte mit der Massenkastration von mir? Oder dass du wirklich allen auf der Basis davon erzählt hast? War es eine blöde Idee mich in die Sache hineinzuziehen? War es dämlich, vielleicht sogar bösartig dumm, weil ich mich nirgendwo mehr blicken lassen kann, ohne schief angeglotzt zu werden und es mich obendrein höchstwahrscheinlich den Job kosten wird?“ „Hey, komm’ wieder runter. Konnte doch niemand ahnen, dass das Ganze so eskaliert“, Heyman Even hebt beschwichtigend die Hände, doch seine pseudodefensive Geste stößt nicht auf Gegenliebe. „Wage es nicht mir zu sagen ich solle mich beruhigen, du egozentrierter, mieser Arsch“, faucht Barbar Hrabak zornig, auf ihrem Gesicht bilden sich hektisch-rote Flecken. Heyman Even, der seinem Empfinden nach seit gestern Abend genug Demütigungen erdulden musste, platzt urplötzlich der Kragen. „Du bist genauso beschissen arrogant wie die Fotze Trân!“, brüllt er, das Gesicht dunkelrot, dicke Adern treten an seinem Hals hervor. Barbar Hrabak lacht ein gehässiges Lachen, in ihrem Blick liegt eine ätzende Mischung aus Verachtung und Abscheu. „Verschwinde, du trauriges Würstchen“, ist alles, was sie zu sagen hat. Heyman Even springt mit geballten Fäusten vom Bett auf und durchquert in zwei Schritten den Raum, kurz hat es den Anschein, als wolle er Barbar Hrabak schlagen, die ihrerseits jedoch keinen Zentimeter zurückweicht, dann besinnt er sich und stürmt wutschnaubend zur Tür hinaus.

***

Zeit: 30 April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Herrenzimmer

Henry Van den Boom Junior knirscht mit den Zähnen, ohne es zu bemerken. Angespannt sitzt er in einem hochlehnigen Ledersessel, in der einen Hand hält er ein Glas mit echtem Brandy, in der anderen sein Holo-Mobile. Umgeben von geschmackvollen Möbeln und erlesenen Kunstgegenständen, die für ihn keinerlei Bedeutung haben, wartet er ungeduldig auf ein Zeichen des Himmels. Ein Anruf, ein hereinstürmender Hausboy, seinetwegen auch eine Brieftaube, es ist ihm egal, wie die heiß ersehnte Nachricht überbracht wird, solange nur der Inhalt der Botschaft stimmt. Um sich die Zeit zu vertreiben trinkt er hochprozentigen Alkohol und sinniert über die möglichen Todesarten, die seinen Vater ereilt haben mögen. Vielleicht ein klassischer Unfall wie ein Flugzeugabsturz, ein Giftanschlag wäre ebenfalls möglich, oder doch ein fingierter Selbstmord? Henry bedauert, dass er die Todesart seines Vaters nicht auswählen konnte, ihm gefiele es, wenn der alte Tyrann in einer möglichst kompromittierenden Situation aus dem Leben geschieden wäre. Selbststranguliert aufgefunden, gleich neben einem Sex-Android, nackt bis auf ein peinliches Paar Socken. So etwas würde er sich für den Vater wünschen. Wobei er sich auch mit weniger zufrieden gäbe, wenn nur endlich die elende Bestätigung käme, dass der Alte über den Jordan ist. Umso härter durchfährt ihn der Schock, als ebendieser plötzlich zur Tür hereingeschossen kommt. „Grüß dich, Henry“, flötet Van den Boom Senior mit honigsüßer Stimme, er rollt mit seinem vollautomatischen Körperstuhl zielstrebig auf den Ledersessel zu, in dem sein sprachloser Filius hockt und wortlos glotzt, und hält erst kurz vor dessen Füßen so abrupt, dass die Hinterreifen seines schnittigen Gefährts schwarze Gummistreifen auf dem Parkettboden hinterlassen. „Wie offenkundig du dich freust mich zu sehen“, kommentiert Van den Boom Senior das kreidebleiche Gesicht seines Sohnes. „Hallo Vater. Was verschafft mir die Ehre?“, fragt Junior mit monotoner Stimme, während in seinem Kopf eine viel lautere Stimme tausend Fragen auf einmal kreischt. „Oh, ich glaube das weißt du ganz genau“, säuselt Van den Boom Senior, der fragile, alte Mann lächelt so fein und liebenswürdig, als könne er keiner Laus etwas zuleide tun, seinem Sohn jagt dieses ungewöhnliche Verhalten kalte Schauer über den Rücken. Mittlerweile ist die Stimme in seinem Kopf zu einem hysterischen Orkan angeschwollen, der keine Fragen mehr stellt, sondern nur noch ein schier sinnbetäubendes: „ER WEISS ES! ER WEISS ES!“ durch seinen Schädel brüllt. Henry Van den Boom Junior steckt betont langsam das Holo-Mobile in die Tasche seines Hemdes und stellt das Brandyglas beiseite, um Zeit zu gewinnen. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worauf du dich beziehst, Vater“, antwortet er gedehnt, seine Stimme klingt belegt und rau. „Da ist ein Killer in meinem Weinkeller in Kent, der sagt etwas ganz anderes. Ich korrigiere, er sagte etwas ganz anderes, bevor Johnson ihm eine Kugel durch die widerliche Visage gejagt hat. Du kennst Johnson noch nicht, glaube ich? Johnson, stellen Sie sich doch bitte vor.“ Henry japst erschrocken nach Luft, als schlagartig zu seiner Linken ein adrett gekleideter Herr aus dem Nichts erscheint und grüßend die Hand zur Stirn hebt. „Ich habe Johnson vor ein paar Monaten eingestellt, auf Empfehlung meiner guten Freundin Stella-Margarete, die sich vor einigen Jahren mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sah, wie ich. Auch sie musste den schrecklichen Verdacht ertragen, dass ihr missratener, bis auf die Knochen degenerierter Nachwuchs nach ihrem Leben trachtet.“ „Ich…“ „Schweig!“, donnert Henry Van den Boom Senior, jede Faser seines Körpers versprüht zornige Autorität, die Energie des uralten Mannes ist beängstigend und beeindruckend zugleich, doch genauso schnell wie er sie aufgebaut hat, lässt er sie auch wieder abklingen. „Ich bin noch nicht fertig“, fährt er in ruhigerem Tonfall fort, mit beiläufigem Kopfnicken entlässt er Johnson wieder, der daraufhin genauso jäh verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Henry Van den Boom Junior starrt in grausiger Faszination auf die Stelle, an der eben noch der Unbekannte stand und jetzt nur noch leere Luft zu sein scheint, seine Lippen formen ein entsetztes O. „Sieh mich an, Henry“, verlangt Van den Boom Senior und in seiner Stimme liegt wieder jene schrecklich klebrige Süße, die nach Verdammnis klingt. Henry kann fühlen wie sich sein Magen von Innen nach Außen drehen möchte, seine Gedärme tanzen einen schmerzhaften Walzer, krampfhaft kneift er den Schließmuskel zusammen, um sich nicht vor Angst in die Hose zu scheißen. Wie in Zeitlupe dreht er den Kopf, aber seine Augen wollen nicht gehorchen und wandern wie betrunkene Fliegen über die schmale Brust und die faltigen Hände des Vaters, wollen hierhin und dorthin schauen, um nicht in dessen Gesicht blicken zu müssen. „Sieh mich an“, wiederholt dieser noch einmal und ob er will oder nicht, etwas in seinem Gehirn muss sich fügen, Henry Van den Boom Junior stiert wie ein scheinwerferblindes Reh in die altersblauen Augen seines Vaters. „Ich wollte es Anfangs nicht wahrhaben, weißt du? Ich wollte nicht glauben, dass du so tief sinken könntest dein eigenes Fleisch und Blut zu morden, aber die Auswertung deiner Onlineaktivitäten war eindeutig. Stümperhaft eindeutig. Hast du wirklich geglaubt, deine dilettantischen Verschleierungsversuche würden meiner Sicherheits-KI verborgen bleiben? Deine Naivität entsetzt mich mindestens so sehr wie deine Kaltblütigkeit.“ Van den Boom Senior atmet schwer ein und aus, sein Atem riecht nach Pfefferminz und Verachtung. „Ich…“, beginnt Henry erneut, doch er bricht sofort wieder ab, als sich eine unsichtbare Hand schwer auf seinen Nacken legt. „Großer Gott“, quietscht er schrill, sein Schließmuskel kann die brennende Flüssigkeit nicht länger halten, in die sich sein Innerstes verwandelt hat. Ein ekelerregender Geruch erfüllt das stilvoll möblierte Herrenzimmer, doch Van den Boom Senior zeigt sich davon völlig unbeeindruckt. „Wieder und wieder hast du mit deinen Eskapaden unseren Namen in den Dreck gezogen. Du hast auf die Ehre deiner Vorfahren gepisst, hast wiederholt unseren guten Ruf besudelt und trotzdem habe ich zu dir gehalten. Schließlich ist Blut dicker als Wasser und du bist mein einziger Sohn, also habe ich dich in das Unternehmen eingeführt und dir sogar die Führung übertragen, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Und wie dankst du mir für all die Jahre der Unterstützung? Wie dankst du mir, hm? Mit einem Attentat! Du hast alles verraten, wofür diese Familie steht. Du hast mich schlimmer enttäuscht, als ich es je für möglich gehalten hätte, aber nun ist endgültig Schluss. Du bist zu weit gegangen, Henry, meine Geduld ist aufgebraucht. Ab heute wirst du nicht mehr Teil dieser Familie sein.“ Henry Van den Boom Junior spürt den Stich einer Nadel, die sich ins weiche Fleisch seines Halses bohrt. Er zuckt unwillkürlich zurück, doch die Hand des unsichtbaren Bodyguards hält ihn eisern im Sessel fest. Ein unangenehmer Schmerzimpuls beginnt durch seine Adern zu fließen, sein Gesicht fühlt sich merkwürdig taub an, sein Oberkörper verliert jede Spannkraft. „Washasugetan?“, nuschelt er mit Todesangst in der Stimme. „Du wirst es überleben, keine Sorge“, antwortet sein Vater kalt, „die Analysen haben XoP-36 gute Verträglichkeit attestiert, es ist ein hervorragendes Neuroleptikum. Einzige Nebenwirkung ist leider irreversibler Gedächtnisverlust, weshalb es nie über das erste Versuchsstadium hinausgekommen ist.“ „Was…? Was…?“ Van den Boom Junior versucht zu sprechen, doch seine Stimmbänder versagen, sein ganzer Körper erschlafft, seine Augen rollen hilflos hin und her, aus seiner Nase läuft ein dünnflüssiges Blutrinnsal. Kurze Zeit später verliert er das Bewusstsein, schlaff gleitet er aus dem Sessel und bleibt zu Füßen seines Vaters auf dem Boden liegen. Van den Boom Senior starrt mitleidslos auf den Ohnmächtigen hinab. „Schaffen Sie ihn fort“, befielt er mit ekelerfüllter Stimme, dann wendet er brüsk den vollautomatischen Körperstuhl und fährt hinaus.

***

Zeit: 30. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Reaktorkontrollraum

„Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein.“ Becca Durand sitzt mit kreidebleichem Gesicht auf dem spiegelglatten Boden des Reaktorkontrollraums. Sie sitzt platt auf dem Hintern, denn die Nachricht, mit der Archibald Ruiz soeben hereingestürmt ist, hat sie im wahrsten Sinne des Wortes von den Füßen gerissen. „Sie ist tot, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!“, erwidert Ruiz beharrlich, sein Blick irrlichtert haltlos durch den Reaktorkontrollraum und in den Ecken seiner Mundwinkel klebt weißer Schaum. „Sie war über und über voller Blut und ihr Kopf war ganz zerque…“ „Hör auf, ich will das nicht hören!“, schreit Becca Durand, sie schlägt die Hände flach vor die Ohren und beginnt laut zu weinen. „Was ist passiert?“ Vorarbeiterin Lyly Jon eilt mit mehreren Arbeitern im Schlepptau herbei und kniet sich besorgt zur zitternden Becca Durand. „Easter Trân ist ermordet worden, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“, blökt Archibald Ruiz und gestikuliert wild, „sie ist tot, ich weiß es ganz sicher. Wirklich mausetot. So tot wie…“ „Hör auf das zu sagen, hör auf, hör auf, hör auf!“, kreischt Becca Durand, in blinder Verzweiflung reißt sie sich büschelweise Haare vom Kopf und flennt wie ein kleines Kind. „Großer Gott, sie steht unter Schock“, murmelt Lyly Jon, in ihrem Gesicht arbeitet es merklich, „Holt einen Sanitäter. Schnell.“ Sie hilft Becca Durand mit sanfter Gewalt auf die Beine und dirigiert die schlotternde Mechanikerin zum Aufenthaltsraum. „Setz dich und trink etwas Kaffee. Das wird dir gut tun.“ Die Vorarbeiterin aktiviert die Kaffeemaschine und reicht Becca Durand eine halbgefüllte Tasse, doch Becca scheint sie gar nicht wahrzunehmen, aus ihren Augen laufen ungehemmt Tränen, schrille Wimmerlaute entweichen ihrer Kehle, ihr Oberkörper schwankt vor und zurück, ihre Mundwinkel flattern. „Wo bleibt denn nur der Sani?“, entfährt es Lyly Jon ebenso ungehalten wie hilflos, sie geht neben Becca in die Hocke und achtet darauf, dass die junge Frau nicht seitlich vom Stuhl kippt. „Kann sein, dass die sich erst noch um die Leiche kümmern müssen“, bemerkt ein Arbeiter trocken, er zuckt schuldbewusst zusammen, als ihn der wütende Blick der Vorarbeiterin trifft. „Habt ihr nichts besseres zu tun, als hier herumzustehen und dümmliche Kommentare abzugeben?“, zischt sie wütend. Die Arbeiter und Mechanikerinnen, die sich eben noch neugierig in der Tür des Aufenthaltsraums gedrängt haben, ziehen sich schleunigst zurück, bevor sie der geballte Zorn der Vorarbeiterin treffen kann. „Keine Sorge, meine Liebe, jemand vom medizinischen Personal ist bestimmt schon auf dem Weg zu uns und dann wird alles gut“, versichert Lyly Jon mit übertrieben sanfter Stimme. Becca hebt den Kopf und sieht ihr für einen kurzen, aber unsagbar qualvollen Moment in die Augen, dann beginnt sie ganz unvermittelt zu schreien und hört erst wieder auf, als man ihr einige Minuten später ein starkes Sedativum verabreicht.

*

Kantine

„Sie ist von einem Lakai der Firma getötet worden, da bin ich ganz sicher.“
„So ein Unfug, wo soll der denn auf einmal hergekommen sein?“
„Er ist schon die ganze Zeit hier gewesen, bist du blöde?“
„Pass auf was du sagst.“
„Man kann keinem vertrauen, jeder kann es gewesen sein.“
„Ach ja? Wo warst du denn, als sie umgebracht wurde?“
„Wage es nicht, mir diese Frage zu stellen!“
„Es ist ein Mörder unter uns, niemand ist mehr sicher!“
„Das ist alles ein abgekartetes Spiel. Die Sache stinkt zum Himmel.“
„Ich wette Muur steckt dahinter. Dieser verdammte Halsabschneider.“
„Ach was, der macht sich doch niemals die Hände schmutzig.“
„Dann war es eben Lapin, der hinterfotzige Speichellecker.“
„Wir sollten mit ihm dasselbe machen. Den Schädel einschlagen und fertig.“
„Hätte der schon lange verdient.“
„Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Beruhigt euch bitte und kommt wieder zu Sinnen!“ Vorarbeiter Hendrik Schwan steht etwas verloren inmitten der aufgewühlt diskutierenden Angestellten und versucht Autorität auszustrahlen, doch es gelingt ihm nur schlecht. Zu tief sitzt der Schock über den Mord an der allseits beliebten Mechanikerin Easter Trân, zu schrecklich sind die Schlussfolgerungen, die sich aus ihrem gewaltsamen Tod ergeben. Dr. Natasha Melnik steht mit steifer, kerzengerader Haltung neben Schwan und schweigt mit zusammengekniffenen Lippen, es ist schwer zu ergründen, welche Gedanken sich hinter ihrer Stirn verbergen. „Diese chaotischen Beschuldigungen führen doch zu nichts“, versucht der Vorarbeiter die anderen zur Räson zu rufen, doch kaum jemand schenkt ihm Beachtung; entmutigt lässt er die Schultern sinken. „Haltet alle sofort die Schnauze!“, brüllt Dr. Melnik in diesem Moment aus vollem Hals, der Ausbruch ist so untypisch für die Laborleiterin, dass sich tatsächlich so etwas wie erschrockene Stille über die Versammlung legt. Alle Augen richten sich auf die beiden gewählten Vertreter und Hendrik Schwan hat endlich Gelegenheit, an die Vernunft aller Anwesenden zu appellieren. Leider fallen seine Argumente auf unfruchtbaren Boden und schon bald entspinnt sich erneut ein hitziges Streitgespräch. Niemand beachtet Heyman Even, der mit verschlossenem Gesicht in der Nähe des Ausgangs herumlungert und die ganze Zeit kein Wort von sich gibt. Im Grunde will er gar nicht an der Versammlung teilnehmen, doch sein fernbleiben würde ihn vielleicht verdächtig erscheinen lassen und das wäre das Allerletzte, was Heyman Even riskieren möchte. Nach außen hin gibt er sich möglichst gelassen und unauffällig, doch die Schuld sitzt ihm schwer wie ein Mühlstein im Genick. Er weiß, dass sein fadenscheiniges Alibi keiner näheren Untersuchung standhalten würde und er weiß auch, dass er keine Antwort auf die Frage geben möchte, wohin sein Multifunktionshammer verschwunden ist.

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Zeit: 01. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Unproduktiv

Direktion

„Nein, ich kann nicht noch länger warten, stellen Sie endlich die verdammte Verbindung her! Sagen Sie denen, es ginge um Leben und Tod!“ Walter Muur knallt zornig die rechte Faust auf den Schreibtisch, seine blutunterlaufenen Augen funkeln erbost. Ganz offensichtlich hat er keine Reserven, um seine anschwellende Panik zu verbergen. Barbar Hrabak zuckt hilflos mit den Achseln, sie versucht seit Stunden eine stabile Subraum-Funkverbindung zur Erde herzustellen, doch jedes Mal, wenn sie die Firma in Neu-Zürich erreicht, wird das Gespräch unterbrochen. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr an ein technisches Problem, doch fehlt ihr der Mut, um ihren Verdacht mit Muur zu teilen. Seit die Angestellten am morgen zum Streik aufgerufen und dem stellvertretenden Direktor nahegelegt haben, die Mondbasis mit dem nächsten Versorgungsschiff zu verlassen, liegen die Nerven blank. Natürlich denkt Walter Muur nicht im Traum daran zu fliehen, doch ohne konkrete Anweisung der Firma ist es ihm vertraglich untersagt, gewaltsam gegen den aufrührerischen Mob vorzugehen; eine Klausel, die ursprünglich erdacht worden war, um unnötige Gewalttaten zu verhindern, sich jedoch in der jetzigen Lage als äußerst hinderlich erweist. So bleibt ihm aus seiner Perspektive nichts anderes übrig, als das Problem bestmöglich auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Insgeheim beneidet er Sangkung Lapin, der heute Vormittag eine Krankmeldung eingereicht hat und sich weigert sein Quartier zu verlassen, aber eine so offensichtliche Schwäche kann Muur sich beim besten Willen nicht erlauben. „Versuchen Sie es noch einmal“, herrscht er die nervöse Subraum-Funkerin an, Barbar Hrabak nickt ergeben und macht sich erneut an die Arbeit. Minuten vergehen, dann schüttelt sie resigniert den Kopf. „Es tut mir leid, Herr Muur, ich kann keine stabile Verbindung herstellen“, meldet sie kleinlaut und zieht in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf ein. Walter Muur grollt wie ein zorniger Hund, seine Kiefermuskeln malmen, auf seiner Oberlippe perlen Schweißtropfen. „So ein Scheißdreck“, murmelt er verkniffen.

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Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik sitzen einander an einem kleinen Tischchen gegenüber und warten darauf, dass jeweils der andere zu sprechen beginnt. Eine lange und anstrengende Nacht liegt hinter den beiden und der Tag entwickelt sich kaum besser, nur mit Mühe ist es ihnen bisher gelungen einen Lynchmord an Lapin und Muur zu verhindern. Beiden ist bewusst, dass es nur eines kleinen Funkens bedarf, um die explosive Stimmung zu entzünden. „Tja“, macht Hendrik Schwan schließlich und klatscht sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel. „Jetzt haben wir den Salat.“ Dr. Melnik seufzt erschöpft und nickt. „Ich hatte gehofft, dass sich die Wogen nach der offiziellen Streikerklärung etwas glätten würden, aber allem Anschein nach wollen sich die Leute nicht beruhigen. Ich habe fast den Eindruck, als wären sie geil auf eine gewaltsame Eskalation“, resümiert sie frustriert. Nun ist es an Schwan zu seufzen und zu nicken. „Wir sollten noch einmal mit Muur sprechen“, überlegt Dr. Melnik laut, doch Hendrik Schwan runzelt skeptisch die Stirn. „Was soll das bringen?“, fragt er leidenschaftslos. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich bin zu müde, um klar zu denken“, erwidert Natasha Melnik und unterdrückt ein Gähnen. „Du hast nicht zufällig ein paar wirkungsvolle Aufputschmittel in einem deiner Schränke versteckt, meine Liebe?“ Hendrik Schwan grinst verlegen und schüttelt im selben Augenblick den Kopf. „Ach, vergiss es.“ Natasha Melnik gähnt nun doch ausgiebig und lehnt sich schwer gegen die Stuhllehne, sie verzieht das Gesicht, als habe sie Schmerzen. „Wir brauchen einen Plan für den Worst-Case. Was sollen wir tun, wenn uns die ganze Sache um die Ohren fliegt?“, sagt sie und blickt dabei ohne zu sehen ins Nichts. Hendrik Schwan kratzt sich am stoppelbärtigen Kinn, seine dunkel umrandeten Augen starren an die gegenüberliegende Wand, an der bunte Satellitenaufnahmen von Inanna und der weit entfernten Erde zu sehen sind. „Teegardens Stern“, sagt er schließlich und Dr. Melnik, die eben einen Schluck trinken wollte, verschluckt sich und hustet Wasser durch Mund und Nase. „Bist du wahnsinnig geworden?“, entfährt es ihr viel zu laut. „Es ist eine konkrete Möglichkeit“, entgegnet Hendrik Schwan lapidar, „entweder das, oder wir kehren mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurück. Du weißt, was das bedeuten würde.“ „Niemand würde uns je wieder Arbeit geben“, überlegt Natasha Melnik und ein Schaudern durchfährt ihren Körper, „wir wären bis zum Rest unseres Lebens erwerbslos.“ „Kein Recht auf Wohnraum, kein Recht auf Beziehung, kein Recht auf Fortpflanzung“, fasst Schwan das Dilemma zusammen, das sie bei einer vorzeitigen Rückkehr zur Erde erwarten würde. „Aber eine Inbesitznahme des Systems würde bedeuten, dass wir die Embryonen der Firma vernichten müssten. Dann könnten wir wirklich nie wieder zur Erde zurück, wir wären Massenmörder, genau wie die Aufständischen auf Teegardens Stern“, hält Natasha Melnik besorgt dagegen, ihre Müdigkeit ist verflogen. „Warum sollten wir zurück wollen, wenn unsere Nachkommen auf Inanna eine viel lebenswertere Zukunft hätten, als es auf der Erde je möglich wäre?“ „Hört sich fast so an, als hättest du dich bereits entschieden“, versetzt Dr. Melnik mit unverhohlener Bitterkeit. „Ich würde lügen wenn ich behaupten wollte, dass ich noch nie über diese Möglichkeit nachgedacht habe“, erwidert Hendrik Schwan monoton, „aber ein friedlicher Kompromiss wäre mir deutlich lieber, als ein unwiderruflicher Bruch mit der Heimat.“

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Zeit: 03. Mai 2205
Ort: Erde, Mexiko, Chihuahua

Büro der überregionalen Tageszeitung New World Times

„Es sieht nicht gut aus“, flüstert der anonymisierte Anrufer, der sich als Insider zur Causa Van den Boom & Söhne vorgestellt hat. „Inwiefern?“, fragt Jenetta Vazquez und versucht nicht allzu neugierig zu klingen, sie weiß, dass der Anrufer seine Informationen verkaufen will und ein allzu großes Interesse ihrerseits würde den Preis nur unnötig in die Höhe treiben. „Ich verlange Zweihunderttausend Yuan und die Zusicherung absoluter Anonymität“, blafft der Anrufer nervös und Vazquez verdreht entnervt die Augen. „Selbstverständlich“, antwortet sie und legt ein extragroßes Lächeln in ihre Stimme, „Sie haben mein Wort.“ „Van den Boom Junior ist untergetaucht. Niemand weiß, wohin er verschwunden ist“, verrät der Anrufer, der sich nun als Mitarbeiter im mittleren Management zu erkennen gibt. „Diese Information ist uns bereits bekannt“, lügt Jenetta Vazquez, um ihn unter Druck zu setzen und ihre Taktik scheint aufzugehen. „Wussten Sie denn auch, dass Van den Boom Senior die Firma verkaufen will?“, zischt der Anrufer verärgert, die Journalistin grinst und wickelt ihn noch etwas weiter um den Finger. „Das ist allgemein bekannt. Haben Sie denn keine neuen Informationen für mich?“ „Es heißt die Angestellten von Babylon 760-I seien in den Streik getreten. Angeblich hat sich auf der Mondbasis ein Mord ereignet. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Tragödie von Teegardens Stern wiederholen könnte.“ Jenetta Vazquez reißt instinktiv die grünen Augen auf und pfeift melodisch durch die Zähne. „Das ist tatsächlich neu“, kommentiert sie erfreut. „Ich bekomme also das Geld?“, verlangt der Manager zu wissen. „Aber natürlich. Sie können sich auf die New World Times verlassen“, flötet die Journalistin gutgelaunt.

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Zeit: 04. Mai 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Badezimmer

Henry Van den Boom Senior starrt mit hervorquellenden Augen auf die reißerisch formulierte Schlagzeile, die ihm in Großbuchstaben vom Holo-Tablet entgegenspringt. „Interstellare Kolonien vor dem Aus?“ titelt ein schmieriges Käseblatt, um darunter in aller Ausführlichkeit über die Schwierigkeiten zu berichten, mit denen sich Van den Boom & Söhne beim Betrieb der Weltraumkolonien konfrontiert sieht. „Wenn ich die Ratte erwische, die das ausgeplaudert hat“, knurrt Henry Van den Boom Senior, während er den mehrseitigen Artikel überfliegt. „Dem Schwein reiße ich die Eier ab!“ „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt ein Dienstmädchen, das neben der Toilette bereitsteht, um dem betagten Greis bei seiner täglichen Darmentleerung behilflich zu sein. „Nein. Verschwinden Sie. Sofort“, grollt Van den Boom Senior und verscheucht sie wie ein lästiges Insekt. „Johnson, sind Sie hier?“, blafft er ungehalten, als die junge Frau das luxuriöse Badezimmer im Laufschritt verlassen hat. „Natürlich, Herr Van den Boom. Was kann ich für Sie tun?“ „Weiß ich nicht“, bellt Van den Boom Senior brüsk, „ich muss nachdenken. Sorgen Sie dafür, dass ich ungestört bin.“ „Jawohl, Herr Van den Boom“, bestätigt der unsichtbare Bodyguard. Henry Van den Boom Senior grübelt lange auf der Toilette über seine nächsten Schritte nach. Der Zeitungsartikel ist zur absoluten Unzeit erschienen, in wenigen Tagen hätte er die Firma mit sattem Gewinn an ein aufstrebendes Jungunternehmen verkauft. Nun wird der Verkaufswert ins bodenlose fallen und es gibt nichts, was er dagegen tun könnte. Ein Dementi würde ihn nur unglaubwürdig erscheinen lassen, ein Verkauf um jeden Preis würde sein wirtschaftliches Ansehen vielleicht bis in alle Ewigkeit kontaminieren. Van den Boom Senior kaut die Gedanken wie schlecht schmeckendes Karamell hin und her, bis er sich schließlich zu einer Entscheidung durchgerungen hat. Er kramt sein Holo-Mobile aus der Brusttasche seines Morgenmantels und wählt eine Nummer. „Ich brauche eine schnelle Eingreiftruppe“, verlangt er ohne Umschweife, noch bevor sich die Person am anderen Ende der Verbindung ordentlich vorstellen kann. „An welche Größenordnung hatten Sie gedacht, Herr Van den Boom?“, entgegnet die bildhübsche Dame, die seinen Anruf entgegengenommen hat, mit routinierter Freundlichkeit. „Genug, um eine Mondbasis zu pulverisieren“, faucht Van den Boom Senior und für einen kurzen Moment verliert die Dame am anderen Ende der Verbindung die Kontrolle über ihre Gesichtszüge, ihre dunklen Augen werden groß, ihr brombeerfarbener Mund öffnet sich, um überrascht nach Luft zu schnappen. „Können Sie das leisten oder nicht?“, poltert der alte Mann grob. „Die Vorbereitungen werden bis zu einem Monat in Anspruch nehmen“, antwortet die Dame wie aus der Pistole geschossen, mit einem Blinzeln tilgt sie die Überraschung aus ihrem schönen Gesicht. „Was? So lange? In einem Monat könnte ich tot sein“, zetert Van den Boom Senior mürrisch. „Es steht Ihnen selbstverständlich frei, weitere Angebote von konkurrierenden Söldnertruppen einzuholen“, erwidert seine Gesprächspartnerin aalglatt, doch Van den Boom Senior wiegelt ab. „Nein, nein. Ist schon gut. Sie haben den Auftrag. Ich lasse Ihnen die Details umgehend zukommen.“ „Vielen Dank für…“ Henry Van den Boom Senior beendet grußlos die Verbindung. „Die werden sich noch wundern“, brummt er selbstzufrieden.

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Zeit: 06. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 155 Personen
Status: Unproduktiv

Privatquartier Barbar Hrabak

Heyman Even fixiert mit glasigen Augen das verquollene Antlitz der Subraum-Funkerin, seine Hände zittern, sein Atem geht stoßweise. Noch vor wenigen Augenblicken hat er sich eine hitzige Auseinandersetzung mit Barbar Hrabak geliefert, nun liegt sie tot zu seinen Füßen, die Augen starr zur Zimmerdecke gerichtet. Wie es so weit kommen konnte, kann er sich selbst kaum erklären, er weiß nur, dass es eindeutig ihre Schuld gewesen ist, sie hätte ihn nicht derart provozieren dürfen. Erpressen wollte sie ihn, das Luder, denn anders als alle anderen war ihr schnell klargeworden, wer Easter Trân tatsächlich auf dem Gewissen hat. Es hätte ihn sein ganzes Erspartes und noch viel mehr gekostet ihr Stillschweigen zu erkaufen und selbst dann wäre er nie wieder vor ihren Drohungen sicher gewesen. Trotzdem hätte er sie nicht erwürgen dürfen, schon gar nicht in ihrem eigenen Quartier und wohin jetzt nur mit ihrer Leiche? Heyman Even denkt angestrengt nach, wie er sich aus dieser Zwickmühle hinausmanövrieren soll, doch seine Gedanken rasen zu schnell, als dass er ihnen folgen könnte. Er setzt sich schwer atmend auf das unordentliche Bett, schlägt die Hände vors Gesicht und zerfließt in Selbstmitleid. Als seine Tränen endlich versiegen, ist in ihm ein heimtückischer Plan herangereift und er macht sich unverzüglich ans Werk. Kurze Zeit später rast er schreiend aus Barbar Hrabaks Quartier. „Mord! Mord! Zu Hilfe!“, brüllt er aus Leibeskräften und rauft sich in größter Not die Haare; seine herbeieilenden Kollegen führt er ohne Umschweife zur Leiche der Subraum-Funkerin. In theatralischer Pose fällt er vor der Toten auf die Knie und bedeckt ihren Körper mit Küssen und seiner DNA. „Er hat sie kaltblütig ermordet!“, würgt er unter Tränen hervor und seine Stimme überschlägt sich hysterisch, „mit letzter Kraft hat sie mir seinen Namen zugeflüstert, dann ist sie in meinen Armen gestorben!“ Er spielt so überzeugend, dass niemand seine überschwängliche Trauer in Zweifel zieht. „Wer hat das getan?“, fragt Grischa Zhang mit belegter Stimme, sie ist ganz grün im Gesicht und zittert wie ein gespannter Bogen. „Es war Sangkung Lapin“, schluchzt Heyman Even, dann bricht er in lautes Wehklagen aus, um keine weiteren Fragen beantworten zu müssen. „Dieser elende Wurm“, knurrt Grischa Zhang, sie nickt zwei befreundeten Arbeitern zu und verlässt mit ihnen das Quartier.

*

Privatquartier Sangkung Lapin

„Mach die Tür auf, du verdammter Mörder!“
„Komm raus, du feige Sau!“
„Deine Zeit ist abgelaufen!“
„Mach auf und stell dich deiner gerechten Strafe!“
„Jetzt bist du dran!“
Sangkung Lapin stemmt sich zitternd und schluchzend gegen die Tür seines Quartiers, von außen prasseln harte Schläge und Tritte gegen das stabile Material. Todesangst rast in heißkalten Wellen durch seinen Körper, er weiß, dass er in der Falle sitzt und es keine Chance auf Entkommen gibt. „Lasst mich in Ruhe! Ich habe nichts getan!“, schreit er in höchster Not und tatsächlich wird es auf der anderen Seite der Tür plötzlich still. Lapin hört gemurmelte Worte, die er durch die Türe nicht verstehen kann, dann ertönt ein sirrendes Geräusch, das ihn in erneute Panik versetzt. Mit sattem Klicken öffnet sich die Sperrvorrichtung, seine Tür ist von außen entriegelt worden. „Ich habe nichts getan! Nichts! Nichts! Oh großer Gott, hilf mir!“, kreischt Sangkung Lapin hilflos, doch der blutrünstige Mob, der sich wie eine Lawine in den kleinen Raum ergießt, schenkt seinen flehentlichen Worten keine Beachtung.

*

Direktion

Walter Muur hockt wie ein kläglicher Wassertropfen hinter seinem Schreibtisch und bangt um sein Leben. Eigentlich müsste er schon seit einer Viertelstunde durch die dünne Exosphäre des Mondes treiben, zumindest wenn es nach dem Willen der aufgebrachten Angestellten geht, die ihm an den Kragen wollen, doch Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik versuchen das mit allen Mitteln zu verhindern. Die beiden haben mit Entsetzen vom Mord an Barbar Hrabak erfahren und sind geistesgegenwärtig zur Direktion geeilt, jetzt flankieren sie den zu Tode erschrockenen Muur und retten ihm so vielleicht das Leben. „Warum beschützt ihr dieses Arschloch? Er steckt doch hinter der ganzen Sache!“, faucht Thojan Schmydt frustriert, er ist zusammen mit fünf weiteren Arbeitern in die Direktion gestürmt, um Muur seiner gerechten Strafe zuzuführen. „Das können wir nicht wissen“, entgegnet Dr. Melnik betont ruhig, sie verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust und versucht Gelassenheit auszustrahlen. „Natürlich wissen wir das. Lapin hätte doch niemals ohne seine Anweisung gehandelt“, raunzt Hildegard Boubacar und ballt drohend die Fäuste. „Geht lieber aus dem Weg, sonst…“ „Was sonst? Wollt ihr jetzt etwa uns an den Kragen?“ Hendrik Schwan ballt ebenfalls die Fäuste, doch Dr. Melnik ruft ihn mit einem warnenden Zischlaut zur Vernunft. „Es ist egal, ob er schuldig ist oder nicht. Er hat ein anständiges Verfahren verdient und keine Lynchjustiz. Was ist nur in euch gefahren? Ihr wollt einen Menschen töten, ist euch das eigentlich klar?“ „Der ist kein Mensch mehr“, schnarrt Thojan Schmydt aggressiv, sein Freund Aiko Kobayashi bricht völlig unerwartet in Tränen aus. „Sag das nicht, Thojan, das haben sie damals auch über meinen Vater gesagt, bevor sie ihn erschlagen haben. Das ist alles nicht richtig“, stößt er hastig hervor, er macht auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem Raum, während würgende Geräusche aus seiner Kehle dringen. Thojan Schmydt sieht ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. „Er hat recht“, sagt Natasha Melnik laut und deutlich, damit ein jeder sie versteht, „es ist nicht richtig.“

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Zeit: 07. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: Unproduktiv

Kantine

„Ich sage, wir schmeißen ihn raus. Soll ihn der Weltraum haben.“
„Das hast du zum Glück nicht allein zu entscheiden.“
„Wir sollten ihn zurück zur Erde schicken.“
„Damit er ungeschoren davonkommt und vielleicht noch als Held gefeiert wird?“
„Ich finde, wir sollten abstimmen.“
„Worüber, ob er schuldig ist oder nicht? Wir können ihm nichts nachweisen.“
„Noch ein Grund, ihn nicht kopfüber aus der Schleuse zu werfen.“
„Ach, das ist doch Schwachsinn. Der ist schuldig, das spür’ ich in meinen Knochen.“
„Nichts für ungut, aber auf deine Knochen will ich mich nicht verlassen müssen.“
„Wieviel Blut braucht ihr noch?“ Dr. Melnik bahnt sich einen Weg durch die Angestellten, in ihrer Stimme liegt zornige Autorität. „Habt ihr nicht bereits genug Schaden angerichtet? Ihr habt Lapin auf dem Gewissen, reicht euch das nicht?“, fragt sie die Umstehenden und ihr Blick könnte Granit zerschneiden. Unter den Anwesenden macht sich verlegene Stille breit, man spricht nicht gerne über Lapin und das, was gestern mit ihm geschehen ist. „Er hat’s verdient“, murmelt jemand von ganz hinten. „Wie bitte?“, faucht Natasha Melnik, „wer hat das gesagt?“ Die Menge teilt sich zögerlich und spuckt schließlich Archibald Ruiz aus. „Schau mir in die Augen und sag das nochmal“, fordert Dr. Melnik drohend. Archibald Ruiz senkt verlegen den Blick und schüttelt den Kopf, Natasha Melnik kräuselt verächtlich die Lippen. „Wusste ich es doch. Schämt euch, ihr verdammten…“, sie bricht ab, heiße Tränen laufen über ihr Gesicht, wütend wischt sie sie mit dem Handrücken fort. In der Kantine herrscht betroffenes Schweigen. „Ich habe euch einen Vorschlag zu unterbreiten“, fährt sie schließlich mit ruhigerer Stimme fort, „Hendrik und ich haben in der Nacht lange beraten und nun möchten wir, dass auch ihr euch beratet.“ Dr. Melnik atmet schwer, sie kämpft für einen kurzen Moment mit dem Gleichgewicht, ein unwillkürliches Muskelzucken läuft über ihre rechte Wange und lässt das Augenlid flattern. „Wir schlagen euch vor, uns von Van den Boom & Söhne zu lösen und die Unabhängigkeit auszurufen. Wir wollen Gilgamesh-Alpha übernehmen und Inanna mit unseren Nachkommen besiedeln.“ Ihre Worte gehen in aufgeregtem Stimmengemurmel unter, das wie eine Welle über ihren Kopf hinwegbrandet. „Ich bin noch nicht fertig“, ruft sie gebieterisch und der Lärm versickert. „Um adäquat über diesen Vorschlag diskutieren zu können muss euch bewusst sein, was dieser Schritt bedeutet. Wir müssen die Embryonen vernichten, die wir von der Firma erhalten haben, um ihren Anspruch auf das System zu entkräften. Zwanzigtausend sind es. Merkt euch diese Zahl und denkt gut darüber nach, ob ihr das mit eurem Gewissen vereinbaren könnt.“ Dr. Melnik macht eine Pause, um Atem zu schöpfen, dann fährt sie ungerührt fort. „Außerdem ist nicht gewiss, dass auf Inanna eine rosige Zukunft wartet. Unsere Siedlungsbemühungen könnten fehlschlagen, es gibt keine Erfolgsgarantie und von der Erde können wir dann keine Hilfe mehr erwarten, ganz im Gegenteil, es besteht eine reelle Chance, dass wir von Van den Boom & Söhne oder einer konkurrierenden Firma angegriffen werden, und sei es auch nur, um ein Exempel zu statuieren.“ Sie pausiert erneut, das Gesicht gezeichnet von Erschöpfung und Resignation. „Es liegt bei euch, wie unser Weg nun weitergehen wird, wobei ich noch anmerken möchte, dass eine Rückkehr zur Erde nach dem Lynchmord an Lapin sehr schwierig werden könnte. Wie dem auch sei, wir erwarten eure Entscheidung morgen Abend.“ Die Laborleiterin wendet sich ab und will die Kantine verlassen, doch ein Gedanke hält sie am Ausgang zurück. „Oh und eines noch: niemand krümmt Walter Muur auch nur ein Haar, oder ich sprenge diese verfluchte Basis in tausend Stücke.“

***

Zeit: 02. Juni 2205
Ort: Erde, United States of India, Amravati

Raumhafen

Henry Van den Boom Senior rollt seinen vollautomatischen Körperstuhl an den prächtig herausgeputzten Söldnern vorbei, die im Spalier die Startbahn des Raumhafens säumen. Die feierliche Atmosphäre versetzt ihn in ausgezeichnete Stimmung, gutgelaunt nickt er den schwer gepanzerten Männern und Frauen zu, die nur für sein Amüsement strammstehen. „Sehr schön, sehr schön“, bemerkt er wohlwollend zu seiner Begleiterin, Sadhana Cauhan lächelt ein zauberhaftes Lächeln. „Wir sind zufrieden, wenn Sie zufrieden sind, Herr Van den Boom“, säuselt sie mit zuckersüßer Stimme. „Ich werde zufrieden sein, wenn die Sache erledigt ist“, erwidert Van den Boom Senior, er hält vor einer muskulösen Frau, die eine überdimensional große Railgun wie ein Baby in den Armen hält und mustert sie von Kopf bis Fuß. „Die würde mir auch gut zu Gesicht stehen“, bemerkt er keck und es ist nicht klar, ob er die Waffe, oder die Söldnerin meint. Die Frau tauscht einen kurzen, irritierten Blick mit Sadhana Cauhan, dann starrt sie wieder stur geradeaus und tut, als hätte sie nichts gehört. „Wann geht es los?“, will Van den Boom Senior wissen, er rollt weiter die Startbahn entlang und begutachtet die schnittigen Space Rider, die für den Einsatz bereitstehen. „Der Start ist für 1900 geplant, wir haben einen kleinen Empfang in der Aussichtslounge vorbereitet, von dort aus können Sie bequem den Abflug beobachten.“ „Schön, schön“, kommentiert Van den Boom Senior, „Sie dürfen mir den Weg zeigen.“ „Sehr gerne, Herr Van den Boom.“ Henry Van den Boom Senior wirft Sadhana Cauhan einen unverhohlen lüsternen Blick zu. „Nennen Sie mich Henry“, sagt er mit aufdringlichem Unterton, Sadhana Cauhan legt ihre wohlgeformte Hand kokett auf seine knochige Schulter und lacht glockenhell. „Mit dem größten Vergnügen“, lügt sie schamlos und geleitet den alten Mann in Richtung Aussichtslounge.

***

Zeit: 07. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: –

Privatquartier Heyman Even

Heyman Even liegt lang ausgestreckt auf dem Bett, er hat die Augen fest geschlossen, sein Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, doch der Schlaf will sich nicht einstellen. Im Grunde, so denkt er, müsste er hochzufrieden mit dem Verlauf der Dinge sein, niemand verdächtigt ihn des Mordes an Easter Trân und Barbar Hrabak und seit der Unabhängigkeitserklärung ist die Besatzung ohnehin viel zu beschäftigt, um ihn mit lästigen Fragen zu behelligen. Trotzdem ertappt er sich immer wieder bei paranoiden Gedanken, manchmal glaubt er, die Schuld stünde ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben und es sei nur eine Frage der Zeit, bis seine Lügen ans Licht kämen. Nachts quälen ihn oft schreckliche Träume, in denen er von den Toten verfolgt wird, die er auf dem Gewissen hat. Dann hastet er durch finstere, nicht enden wollende Gänge, hinter sich bedrohlich schlurfende Schritte, vor sich absolute Dunkelheit. Nicht selten erwacht er schweißgebadet, dann braucht er Stunden, um wieder einschlafen zu können. Das Mitgefühl, das seine Kollegen ihm entgegenbringen, wenn er einmal mehr mit dicken Augenringen zur Schicht erscheint, verbessert seinen Zustand nicht. Selbstverständlich gehen sie davon aus, dass er den Mord an Barbar Hrabak nicht verkraften kann, ebenso selbstverständlich macht ihn die sanfte Art, mit der er von ihnen behandelt wird, aggressiv. Er gibt sich einsilbig und ruppig und ist jedes Mal erleichtert, wenn er wieder in sein Quartier zurückkehren kann, freundlich gemeinte Einladungen zu geselligen Abenden im Freundeskreis lehnt er kategorisch ab. Heyman Even dreht sich seufzend auf die Seite und winkelt die Beine an, bis seine Knie fast seine Brust berühren, er widersteht der Versuchung auf die Uhr zu sehen, er weiß auch so, dass er schon wieder viel zu lange wachliegt. Das schrille Alarmgeräusch, das plötzlich aus dem Lautsprecher über der Tür ertönt, klingt in seinen Ohren fast wie Musik.

*

Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Dr. Natasha Melnik wälzt sich unruhig im Bett hin und her, ein weiterer, anstrengender Tag liegt hinter ihr, doch trotz der bleiernen Erschöpfung, die sie bis in die Knochen spüren kann, findet sie nicht in den Schlaf. Zu viele schwarze Gedanken mäandern durch ihren Kopf, zu schwer wiegt die Verantwortung, die sie sich auferlegt hat. Als Leiterin des Forschungslabors hat sie es auf sich genommen die firmenpatentierten Embryonen von Van den Boom & Söhne zu vernichten, kein anderer sollte diese Schuld auf sich laden, auch wenn die Entscheidung mit demokratischer Mehrheit getroffen wurde. Dr. Melnik ist es gewesen, die die Energieversorgung zu den Kältekammern unterbrochen und zwanzigtausend potentielle Leben vernichtet hat und es tröstet sie nur wenig, dass es ihr im Gegenzug gelungen ist, Walter Muur unbeschadet zur Erde zurückzuschicken. In besonders dunklen Stunden glaubt sie leises Kinderweinen zu vernehmen, dann helfen nur noch starke Medikamente gegen die heranflutende Panikattacke. In solchen Momenten empfindet sie es als äußerst zynisch, dass die ehemaligen Angestellten ausgerechnet den Namen Elparadiso für die besetzte Mondbasis ausgewählt haben, ein Paradies, das mit zwanzigtausend Leben bezahlt wurde, ist in ihren Augen nur wenig paradiesisch. Tagsüber arbeitet sie wie eine Besessene, um die negativen Gedanken zu verdrängen, doch wenn sie schließlich zur Ruhe kommt, kann sie nicht verhindern, dass die Schuldgefühle sie rücklings überfallen. Dr. Melnik atmet tief ein und aus und wälzt sich einmal mehr von einer Seite zur anderen, als ein lauter Sirenenton aus dem Lautsprecher über der Tür erklingt und sie aus dem Bett schnellen lässt. „Wir werden angegriffen!“, entfährt es ihr entsetzt, nur mit Hemd und Unterhose bekleidet stürzt sie aus ihrem Quartier.

*

Defense-Base

„Bemannt die Geschütztürme!“
„Aktiviert endlich den verdammten Schutzschild, oder wollt ihr, dass sie uns in Stücke reißen?“
„Wo, zum Teufel, sind die auf einmal hergekommen?“
„Die müssen eine neue Tarnvorrichtung haben, anders kann ich mir das nicht erklären!“
„Spielt jetzt auch keine Rolle mehr, wir sind am Arsch!“
„Flugabwehrraketen bereit!“
„Gefechtskontakt in einer Minute und siebzehn Sekunden!“
„Großer Gott, so viele Schiffe!“
„Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Kleines!“
„Ach, halt die Fresse und schieß endlich!“
„Schutzschild aktiv und bei hundert Prozent“, meldet Lyly Jon mit gepresster Stimme, sie verfolgt die heranrückenden Space Rider mit angespannter Miene und unterdrückt ein Zittern. Um sie herum wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, dutzende Personen laufen hektisch durcheinander und schreien sich gegenseitig Befehle zu, der Angriff erfolgt derart überraschend, dass viele von ihnen noch Pyjama tragen. „Sie greifen an!“, brüllt Wentworth Hill und seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. „Auf Einschlag vorbereiten!“ Lyly Jon hält sich krampfhaft an einer Konsole fest, als dutzende Explosionen die Mondbasis erschüttern, ihre Zähne klappern unkontrolliert, während pures Adrenalin durch ihre Adern schießt. „Schutzschild bei siebenundachtzig Prozent!“, schreit sie, um den Lärm zu übertönen. „Feuer erwidern!“, befielt Hendrik Schwan, der als einziger seine komplette Kampfausrüstung trägt, „zeigt diesen Ferkelfickern was wir zu bieten haben!“
Der blutige Kampf tobt über viele Stunden hinweg, doch obwohl die Besatzung verbissen Widerstand leistet, gegen die Übermacht der hervorragend ausgestatteten Privatarmee ist sie chancenlos. Die Angreifer attackieren gezielt die Verteidigungswaffen und bombardieren die Mondbasis unaufhörlich, bis schließlich der Schutzschild zusammenbricht. Von der Defense-Base ist zu diesem Zeitpunkt nur noch ein schwelender Trümmerhaufen übrig, doch auch die Söldner müssen schwere Verluste verkraften, nur wenige Schiffe haben das hitzige Gefecht überstanden. Als die Waffen endlich schweigen, landen die verbliebenen Space Rider in unmittelbarer Nähe der Hauptluftschleuse, dutzende Schwerbewaffnete marschieren siegessicher über die staubige Oberfläche des Mondes, um die schutzlose Mondbasis zu stürmen. Zu ihrer freudigen Überraschung kommt ihnen bereits ein dicklicher Mann im Raumanzug entgegen, der eine improvisierte, weiße Fahne schwenkt. „Wir kapitulieren!“, brüllt Heyman Even aus vollem Hals, obwohl er weiß, dass die Angreifer ihn nicht hören können. Er hält die weiße Fahne hoch über seinem Kopf und läuft in ungelenken Schritten auf die Aggressoren zu, die Handgranaten, die er sich um Bauch und Beine gebunden hat, scheuern unangenehm auf seiner Haut, doch davon lässt er sich nicht aufhalten. „Nicht schießen, nicht schießen!“, schreit er, als die Söldner einen waffenstarrenden Kreis um ihn bilden. „Wir ergeben uns!“ Nur wenige Sekunden später sprengt er sich und alle Umstehenden mit einer gewaltigen Explosion in die Luft.

***

Zeit: 09. Juni 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Bibliothek

„Wie können wir verloren haben? Sie haben mir eine hundertprozentige Erfolgsgarantie versprochen!“ Henry Van den Boom Senior tobt wie ein Derwisch durch die altehrwürdige Bibliothek, die sein Großvater vor einhundertsechsundvierzig Jahren errichtet hat. „Die Datenlage ist äußerst dürftig“, erwidert das holographische Abbild von Sadhana Cauhan zerknirscht. „Scheiß auf die Datenlage, ich will wissen, was schiefgelaufen ist!“, zetert Van den Boom Senior, sein vollautomatischer Körperstuhl surrt unmelodisch, während er im Zickzack über das edle Fischgrätenparkett kurvt. „Ich verlange eine vollständige Rückerstattung!“, blafft der alte Mann gereizt, doch Sadhana Cauhan schüttelt den schönen Kopf und erwidert gelassen, dass eine Rückerstattung bei derartigen Transaktionen ausgeschlossen sei. Henry Van den Boom Senior wirft daraufhin das Holo-Mobile gegen die Wand und brüllt wie ein verletzter Stier, bis ihn die Kräfte verlassen. Heiser und erschöpft ruft er schließlich Desna Yadav herbei, die seit dem Verschwinden von Henry Van den Boom Junior als seine persönliche Assistentin fungiert. „Rufen Sie Doktor Diaz, er soll unverzüglich herkommen“, verlangt er mit kratziger Stimme. „Rufen Sie außerdem diese Hyänen von Warrior Trade Inc. an und teilen Sie ihnen mit, dass ich bereit bin, die Firma zu verkaufen. Egal welchen Preis sie nennen werden, ich stimme zu. Bereiten Sie alles nötige vor, um den Verkauf schnellstmöglich abzuwickeln, ich erteile Ihnen hiermit alle nötigen Vollmachten.“ „Sehr wohl, Herr Van den Boom.“ Desna Yadav deutet einen ungelenken Knicks an und eilt aus der Bibliothek. „Johnson?“, bellt Van den Boom Senior, als die Assistentin den Raum verlassen hat und der Bodyguard erscheint augenblicklich an seiner Seite. „Was kann ich für Sie tun, Herr Van den Boom?“, fragt er mit zuvorkommender Freundlichkeit. „Sie können gehen. Ich benötige Ihre Dienste nicht mehr“, knurrt Van den Boom Senior und deutet mit einem Kopfnicken zur Tür.

***

Zeit: 11. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Mondoberfläche

„Heute ist ein schwerer Tag für unsere Gemeinschaft, denn heute betten wir unsere tapferen Freunde zur letzten Ruhe.“ Dr. Thaila Nguyen steht mit gefalteten Händen vor den sechsundsiebzig Gräbern, die in die poröse Oberfläche des Mondes gegraben worden sind. Ein Teil der Besatzung steht in losen Grüppchen um die offenen Gräber herum, ein anderer Teil verfolgt die Massenbestattung aus dem Inneren der Mondbasis, weil nicht genügend Raumanzüge zur Verfügung stehen. „Wir gedenken besonders Heyman Even, der uns alle mit seiner mutigen, selbstlosen Tat gerettet hat“, fährt Thaila Nguyen mit belegter Stimme fort, dicke Tränen kullern über ihre Wangen, der Raumhelm beschlägt von Innen und behindert ihre Sicht. „Wir danken dir, lieber Heyman, ohne dich wären wir heute alle nicht mehr hier“, ihre Stimme wird zu einem Schluchzen, als die Traurigkeit sie übermannt, Becca Durand eilt an ihre Seite, tröstend legt sie einen Arm um die weinende Wissenschaftlerin. „Wir gedenken auch… Wir gedenken…“ Dr. Nguyen schüttelt den Kopf, sie ist nicht mehr in der Lage weiterzusprechen. „Ich denke, es sind der Worte genug“, übernimmt Becca Durand, während sie die weinende Thaila Nguyen stützt. Mit einer würdevollen Handbewegung gibt sie das Signal, die Gräber zuzuschütten.

*

Krankenstation

Dr. Natasha Melnik liegt in dem einzigen Intensiv-Versorgungsbett, das der Mondbasis nach dem brutalen Angriff der Söldnertruppe zur Verfügung steht. Hätte sie die Entscheidung treffen können, sie hätte das Bett ohne zu zögern einem anderen überlassen, doch niemand hat sie nach ihrer Meinung gefragt und sie wäre ohnehin nicht fähig gewesen, sich zu äußern. Nur langsam erholt sie sich von den schweren Verletzungen, die sie bei der Verteidigung der Mondbasis erlitten hat. Wie ein diffuser Traum erscheinen die kurzen Wachmomente, in denen ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappt, die meiste Zeit verbringt sie in künstlichem Tiefschlaf, während das Intensiv-Versorgungsbett ihre Wunden heilt. Es wird Wochen dauern, bis ihr zerfetzter Körper einigermaßen wiederhergestellt ist, aber das medizinische Personal, das sich rührend um die vielen Opfer des Überfalls kümmert, zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass ihre Arme und zumindest ein Bein gerettet werden können.

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Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Kantine

Dr. Thaila Nguyen spielt nervös mit dem Ring an ihrer linken Hand, während sie darauf wartet, dass die versammelte Besatzung zur Ruhe kommt. Ein langer, anstrengender Arbeitstag liegt hinter ihr und die bevorstehende Diskussion verspricht nicht weniger aufreibend zu werden, liebend gern würde sie die Gesprächsführung an Dr. Natasha Melnik übergeben, doch diese ist noch zu schwach, um an der Versammlung teilzunehmen. Dr. Nguyen muss also in ihrem Namen sprechen, auch wenn sie sich in dieser Rolle äußerst unwohl fühlt. „Ich habe gute und schlechte Nachrichten“, beginnt sie schließlich ohne großen Elan, „wie ihr alle wisst, sind Teile des Labors beim Angriff auf Elparadiso zerstört worden. Zwar ist es uns gelungen, wichtige Utensilien für die Embryonenmanipulation zu retten, die schlechte Nachricht ist jedoch, dass wir die Brutkammern zur Embryonenreifung nicht reparieren können, sie sind unwiederbringlich verloren.“ Ihre Worte lösen betroffenes Gemurmel aus. „Die gute Nachricht lautet, dass Dr. Melnik zuversichtlich ist, dass uns trotzdem eine Besiedelung von Inanna gelingen kann. Wir müssen allerdings die betreffenden Embryonen selbst austragen…“ „Du meinst mit natürlichen Schwangerschaften?“, platzt Grischa Zhang entgeistert dazwischen. „Ja, das meine ich“, antwortet Dr. Nguyen und versucht selbstbewusst auszusehen. „Natürlich wird eine Besiedelung auf diesem Wege länger dauern, sehr viel länger, wenn ich ehrlich sein darf, aber nichtsdestotrotz können wir es schaffen, sofern sich alle gebärfähigen Frauen mit dieser Idee einverstanden zeigen. Dr. Melnik bittet euch, diesen Vorschlag zu diskutieren und abzustimmen. Ich werde euch für alle Fragen zur Verfügung stehen, damit ihr eine fundierte Entscheidung treffen könnt.“
„Sollen etwa auch die Männer abstimmen dürfen?“
„Warum sollten die abstimmen dürfen, es geht schließlich nicht um ihre Körper!“
„Ich finde, ein jeder sollte eine gleichberechtigte Stimme haben.“
„Natürlich findest du das, du bist ja auch ein Kerl.“
„Es geht schließlich auch um die Zukunft meiner Kinder.“
„Ach, halt lieber den Mund, bevor ich die Beherrschung verliere.“
Dr. Thaila Nguyen lässt die aufgebrachte Diskussion laufen, ohne sich einzumischen, sie setzt sich auf einen freien Stuhl, schlägt die Beine übereinander und wartet geduldig, bis die Besatzung bereit für eine Abstimmung ist.

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Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Büro der Hausverwaltung

„Da lungert ein Penner vor dem Zaun herum. Soll ich die Polizei rufen, Herr Faber?“ Ein adrett frisiertes Hausmädchen steht mit gesenktem Blick vor dem übergewichtigen Hausverwalter und scharrt unsicher mit den Füßen. Anton Faber runzelt ärgerlich die Stirn, er kann es nicht ausstehen, mit derartigen Nebensächlichkeiten belästigt zu werden. „Selbstverständlich sollen Sie die Polizei rufen“, herrscht er das Hausmädchen zornig an. „Ich dachte nur, wegen all der Journalisten und den vielen Gerüchten und…“, beginnt die junge Frau errötend, der Rest ihres Satzes ist ein gemurmeltes Flüstern. Anton Faber legt den massigen Kopf schräg, wie er es immer zu tun pflegt, wenn er nachdenken muss. „Sie haben richtig gehandelt, mich zu informieren“, formuliert er schließlich förmlich, „ich werde mich persönlich um die Angelegenheit kümmern.“ Das Dienstmädchen lässt ein kurzes, selbstzufriedenes Grinsen aufblitzen. Anton Faber erhebt sich ächzend aus seinem Stuhl und stapft mit schweren Schritten aus dem Verwaltungsgebäude, das neben dem gewaltigen Herrenhaus der Familie Van den Boom geradezu winzig wirkt. Wenige Minuten später sieht er sich mit einem dreckverkrusteten, übelriechenden Menschen konfrontiert, der vor dem Zaun des Privatanwesens sitzt und mit seinen nackten Füßen spielt. „Verschwinde, du Abschaum“, grollt Anton Faber, doch der offenbar geistig verwirrte Mann schenkt ihm keine Beachtung. „Du sollst abhauen!“, zischt Faber, er blickt verstohlen nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand beobachtet, dann versetzt er dem Penner einen kräftigen Tritt. „Aua!“, schreit dieser entrüstet, „das können Sie nicht mit mir machen! Ich bin… ich bin – ja, wer bin ich eigentlich?“ „Es ist mir scheißegal, wer du bist, du sollst dich verpissen“, knurrt Anton Faber, mittlerweile kann er den Gestank förmlich körperlich spüren, der von dem zerlumpten Mann ausströmt. „Hau ab, oder ich rufe die Polizei.“ „Polizei, faules Ei“, feixt der Fremde und lässt ein wieherndes Lachen ertönen, Anton Faber schnaubt zornig und holt mit dem Fuß aus, um ihn noch einmal zu treten, als ein verspiegelter Schwebewagen neben ihm abbremst und eine Traube von Journalisten ausspuckt. „Herr Faber, Herr Faber, ein kurzes Interview!“, ruft eine ganzkörpertätowierte Frau und hält ihm ein Holo-Aufnahmegerät unter die Nase. „Kein Kommentar“, schnaubt der Hausverwalter hochmütig, sein Interesse an dem obdachlosen Verrückten erlischt schlagartig, er wendet sich abrupt ab und drängt an den aufdringlichen Journalisten vorbei, zurück zum Grundstück. „Nur eine Frage! Hat sich Van den Boom Senior wirklich für tausend Jahre einfrieren lassen?“, schreit ihm ein junger Mann neugierig hinterher. „Kein Kommentar!“ „Was wird aus der Firma und was geschieht mit den Kolonien?“ „Kein Kommentar!“ Anton Faber beschleunigt seine Schritte und atmet erleichtert auf, als er das schmiedeeiserne Eingangstor des Anwesens erreicht und mit sattem Klicken hinter sich verschließt.

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Zeit: 02. Even 2805
Ort: System Babylon760-I, Inanna, Neue Welt

Siedlung 24

„Gib es wieder her, gib es sofort wieder her!“ Wentworth Durand wälzt sich wie eine zornige Raupe über den Boden des Spielzimmers, seine zarten Hautschuppen verfärben sich zorniggelb, der winzige Stachelkamm auf seinem Kopf leuchtet vor Aufregung Karmesinrot. Seine große Schwester steht lachend über ihm und hält sein Lieblingsspielzeug wie eine Trophäe in den Händen. „Wie heißt das Zauberwort mit den zwei T?“, fragt sie grinsend, es scheint ihr großes Vergnügen zu bereiten, den kleinen Bruder zur Weißglut zu treiben. „Sollen dich die Erdlinge holen, du blöde Luftschlange!“, schreit Wentworth Durand, dicke Tränen laufen über seine kindlich runden Wangen. „Was ist hier los?“ Heyman Melnik hat sich unbemerkt den zeternden Kindern genähert, Lyly Durand schrickt schuldbewusst zusammen, als sie seine dunkle Stimme hört. „Nichts ist los“, behauptet sie mit engelsgleicher Unschuldsmiene. „Sie hat mein Spielzeug weggenommen!“, trötet Wentworth verschnupft, ein langer Rotzfaden hängt aus seiner Nase, mit einen saugenden Geräusch zieht er ihn hoch und schluckt. „Stimmt gar nicht, du lügst“, hält Lyly dagegen, „es ist mein Spielzeug.“ „Wenn ich mich richtig erinnere, hast du es Wentworth vor einigen Wochen geschenkt.“ Heyman Melnik geht vor den beiden Streithähnen in die Hocke und lächelt freundlich. „Ihr wisst doch, dass es die Mütter im Mond traurig macht, wenn ihr euch streitet.“ Lyly reicht Wentworth das Spielzeug und schiebt zerknirscht die Unterlippe vor. „Tschuldigung, Herr Melnik“, sagt sie und blinzelt liebenswürdig mit ihren großen, violetten Augen. Heyman Melnik muss ob ihrer geballten Niedlichkeit grinsen. „Ist schon gut“, lacht er versöhnlich. „Geht jetzt nach draußen, es ist eine herrliche Nacht.“ Wentworth und Lyly Durand laufen johlend nach draußen in den Mondschein, Heyman Melnik sieht ihnen mit weichem Blick hinterher und lächelt zufrieden.

© sybille lengauer

Seine längste Reise

16 März 2217
„Ich hätte akzeptieren müssen, dass es vorbei ist. Spätestens, als sie wieder mit dem Rauchen angefangen hat, nur um mir damit auf die Nerven zu gehen, da hätte ich es akzeptieren müssen. Unterbewusst war mir bestimmt schon längst alles klar, ich wollte es nur nicht wahrhaben, immerhin dachte ich, sie sei die Liebe meines Lebens, so etwas wirft man doch nicht leichtfertig weg. Also klammerte ich mich an die rosige Vergangenheit und verschloß die Augen vor der grauen Gegenwart, weil ich nicht sehen wollte wie lieblos und kalt wir geworden waren. Und was habe ich jetzt von meiner gewollten Blindheit? Jetzt sitze ich auf dieser beschissenen Sternfahrt fest, die ein Vermögen kostet und mich von Minute zu Minute mehr anödet, mit einer Frau, die mich nicht einmal mehr hasst, sondern nur noch stumm verachtet, vielen Dank der Nachfrage. Wie verblödet muss man eigentlich sein, sich auf eine sechswöchige Sternfahrt mit seiner zukünftigen Ex-Frau einzulassen? Ich habe mich noch nie für den Weltraum erwärmen können, selbst bei den obligatorischen Schulausflügen zum Mars musste ich immer die Kotztüte benutzen und trotzdem sagte ich ja, als unsere Paartherapeutin den Vorschlag zu dieser Reise unterbreitete. Romantisch und Phantasieanregend sollte sie sein, ein beziehungsförderndes Abenteuer und was weiß ich noch alles, aber diese Fahrt ist nichts davon, rein gar nichts, ganz im Gegenteil. Das hier ist ein eintöniger, nervtötender Vorhof zur Hölle, gespickt mit nicht enden wollenden Buffets, aalglatter Konversation, drittklassigen Konzerten und öden Gesellschaftsspielen, dafür muss nun wirklich niemand die Erde verlassen, das bekommt man in jedem Billigcasino der Welt geboten. Ich könnte aus der Haut fahren vor Wut. Wut auf mich selbst, auf die blöde Therapeutin und auf Cornelia, die wirklich rein gar nichts dazu beiträgt, diesen Trip auch nur ansatzweise erträglich zu gestalten. Sie zeigt mir die kalte Schulter, nein, noch nicht einmal mehr das, sie zeigt mir nichts mehr, spricht kein Wort mit mir und in ihren Augen liegt, wenn sie mich denn einmal ansieht, ein harter Glanz, der mich im Herzen frieren macht. Ach, verdammt, der Weltraum lässt mich immer so sentimental werden. Ich fühle mich jämmerlich im Angesicht der Sterne. Wenn man bedenkt, dass ich für die Kosten dieser Reise ein Ferienhaus auf NewMerica-Beach hätte kaufen können – darüber darf ich gar nicht genau nachdenken. Und alles nur, weil ich nicht wahrhaben wollte, was ein jeder schon längst wusste: Diese Ehe ist vorbei. Nichts geht mehr. Das Spiel ist aus.“
Godric Carpenter speicherte die Sprachaufnahme und stieß ein erschöpftes Seufzen aus. Er warf sein Memorial lustlos auf den klappbaren Schreibtisch, der die Einzelkajüte nur noch beengter machte, die wochenlang sein Zuhause sein sollte. Ein klaustrophober Schauer jagte durch seine überreizten Synapsen, doch er schüttelte das lästige Angstgefühl nur ärgerlich ab und erhob sich unter weiteren Seufzern. Antriebslos stand er in der engen Kajüte, mit hängenden Armen und ziellosen Gedanken, den Blick vage auf den Schreibtisch gerichtet, während draußen, vor dem winzigen Bullauge, der samtschwarze Weltraum vorbeizog. „Ich bin der größte Trottel des bekannten Universums“, knurrte Godric Carpenter monoton, dann gab er sich einen merklichen Ruck und verfrachtete sein Memorial in den Wandsafe. Er klappte den Schreibtisch zusammen, räumte den Sessel beiseite und machte sich schließlich mürrisch daran, seine Ausgehgarderobe für das abendliche Buffet zurechtzulegen.

20 März 2217
„Heute haben wir den ersten Planetenausflug unternommen und ich muß zugeben, dass er tatsächlich abenteuerlich und phantasieanregend war, nur leider nicht von der glücklichen Sorte. Ich hatte die blühendsten Todesphantasien, als wir in einem klapprigen Shuttle dem fremden Planeten entgegengeschleudert wurden. Kotzelend war mir, buchstäblich, wäre ich nicht neben der wimmernden Cornelia festgeschnallt gewesen, ich hätte bestimmt die Kontenance verloren. Und das alles für ein paar verfallene Alien-Ruinen, die seit Jahrmillionen in irgendeinem Dschungel verrotten. Einfach lächerlich. Aber es war immerhin eine Abwechslung in dieser ansonsten so desaströs langweiligen Reise. Ich werde uns für sämtliche planetaren Ausflüge anmelden, vielleicht habe ich ja Glück und wir zerschellen während einer Landung, dann habe ich das Elend hinter mir und Cornelia nehme ich gleich mit.“
Godric Carpenter gestattete sich ein schmales Lächeln, während er das Memorial beiseite legte, er streckte die Beine aus, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und für einen kurzen Augenblick fühlte er eine Art von Behaglichkeit, die er in der beschränkenden Enge der Kajüte für unmöglich gehalten hätte. Der Moment verstrich, die Behaglichkeit verging und das Lächeln wich aus seinem Gesicht, Godric Carpenter konnte fühlen, wie seine Gedanken in einer langgezogenen Abwärtsspirale gen Traurigkeit zogen. Missmutig bemerkte er, dass noch viele Wochen Sternfahrt vor ihm lagen, zähe, erdrückende Wochen, die ihm an Cornelias essigsaurer Seite wie Jahrzehnte erschienen und vielleicht dachte er in diesem Moment zum ersten Mal genauer darüber nach, wie befreiend es wohl wäre, wenn seine Ehefrau tatsächlich bei einem Unfall ums Leben käme.

23 März 2217
„Es gab einen Anschlag! Einen echten, terroristischen Anschlag, hier, auf dem Schiff! Heute Abend ist eine Bombe in einem Unterhaltungssaal explodiert – ich kann es immer noch nicht fassen. Uns ist glücklicherweise nichts passiert, wir waren noch am Buffet zugange, aber wir konnten eine laute Explosion hören und Schreie, diese schrecklichen Schreie werde ich garantiert nie vergessen. Wir haben uns natürlich sofort in unsere Räumlichkeiten zurückgezogen und jetzt warte ich hier seit geschlagenen drei Stunden auf weitere Informationen, während Cornelia in der Kajüte nebenan sitzt und sich die Augen aus dem Kopf weint. Aber wen kümmern schon unsere Sorgen und Nöte, die Mannschaft hat dringlicheren Aufgaben nachzugehen. Terroristen jagen, zum Beispiel, bevor noch ein weiteres Unglück geschieht. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass es auf einer Sternfahrt zu einem Anschlag kommen könnte; hätte ich daran gedacht, ich wäre niemals an Bord dieses verfluchten Schiffes gegangen. Bombenattentate im Weltraum, welcher Verrückte kann dazu imstande sein? Ich verachte diese Bastarde und ihre mörderische Philosophie, ich verachte sie aus tiefster Seele, sie sind feiger Abschaum, hinterfotzig und niederträchtig, ich spucke auf sie! Ich frage mich, wie es nun weitergeht. Wird die Sternfahrt abgebrochen? Fliegen wir zurück zur Erde oder wird die Reise fortgesetzt, als wäre nichts geschehen? Was, wenn der nächste Anschlag bei einem Planetenausflug passiert, ich habe uns für alle Rundflüge angemeldet, das könnte unser Todesurteil sein. Oder vielleicht sprengt uns so ein Irrer während des Buffets in die Luft, bei dem Gedanken wird mir speiübel, ich will sofort nach Hause, oder zumindest mein Geld zurück! Das ist vielleicht der einzige Silberstreif an diesem düsteren Horizont, ich werde diese Bastarde auf Schadensersatz verklagen, bis ihnen Hören und Sehen vergeht. Schmerzensgeld wegen seelischer Grausamkeit und was mir noch alles einfallen mag. Ich werde diese verfluchte Reederei in Grund und Boden klagen – aber was nützt mir das, wenn ich in einem Sarg nach Hause komme? Oder, und das wäre vielleicht noch viel schlimmer, was, wenn sich Cornelia bei der Scheidung alles unter den Nagel reißt?“
Godric Carpenter stoppte die Sprachaufnahme und hörte dem bitteren Klang seiner letzten Sätze hinterher, ein kleiner Teil seines Selbst schämte sich für die Aussage, dass ihm der Tod gnädiger erschiene, als sein Hab und Gut an Cornelia zu verlieren, doch der größere und gewichtigere Teil seines selbstangefüllten Ichs hatte nur wenig Verwendung für Scham, sondern suhlte sich lieber in einem Meer aus Selbstmitleid und Habgier. Unruhig ließ Godric Carpenter den Blick durch die enge Kajüte schweifen, bis sein rastloses Auge schließlich am winzigen Bullauge hängenblieb, das den tiefdunklen Kosmos zeigte und seine Gedanken anzusaugen schien, wie ein schwarzes Loch einen verirrten Stern. Er fühlte sich kleiner und kleiner werden, während er so nach draußen blickte, fühlte sich unbedeutend, verletzlich und leer, weil er nichts sah, als absolute Finsternis. Immer schneller und schneller kreiste die Unsicherheit in seinem Schädel, von heftigem Schwindel erfasst schloß er krampfhaft die Augen, um nicht mehr nach draußen sehen zu müssen, sein Puls raste, Schweiß rann kalt seinen Rücken hinunter, seine Hände zitterten. Wahrlich, Godric Carpenter verabscheute den Weltraum aus tiefstem Herzen.

26 März 2217
„Wir fliegen zurück nach Hause, Gold sei Dank. Die letzten Tage waren der reinste Nervenkrieg, kaum Informationen, dafür tausend Gerüchte und über allem schwebt ständig diese nebulöse Angst, dass es bald wieder zu einem Terroranschlag kommen könnte. Der Kapitän hält zwar allabendlich eine Ansprache, angeblich, um uns auf den neuesten Stand zu bringen, aber er produziert jedes Mal nur tonnenweise heiße Luft, das ist keine Beruhigung. Ich vermute, dass er keine Ahnung hat wer hinter dem Anschlag steckt. Und höchstwahrscheinlich hat er genauso die Hosen voll, wie ich, wenn ich ehrlich sein darf. Wir befinden uns in der lebensfeindlichsten Umgebung, die man sich vorstellen kann, Lichtjahre von der Erde entfernt und irgendwo, unter hunderten Gästen und Angestellten, versteckt sich ein irrer Bombenleger. Ich jedenfalls werde erst wieder ruhig schlafen können, wenn dieses elende Schiff sicher im Raumhafen angelegt hat, nein, noch nicht einmal dann, erst wenn ich zurück auf der Erde bin und echten, terrestrischen Boden unter meinen Füßen spüre, werde ich mich wieder entspannen können. Bis dahin schlafe ich mit einem offenen Auge, wenn überhaupt. Gerade jetzt könnte ich die Liebe und Zärtlichkeit einer verständnisvollen Partnerin dringend gebrauchen, aber damit ist bei Cornelia selbstverständlich nicht zu rechnen. Statt an meiner Seite zu sein, verlässt sie ihre Kajüte nicht mehr, sie lässt sich die Mahlzeiten bringen und verweigert jegliche Kommunikation mit mir. Im Grunde könnte ich genauso gut mit einem Stein verheiratet sein, der würde wahrscheinlich weniger Scherereien verursachen, aber sonst wäre kein Unterschied zu bemerken. Manchmal, ja manchmal wäre ich selbst lieber ein Stein, grau, hart, solide, dann wäre ich von all den elenden Sorgen und Nöten befreit. Obwohl, wer weiß, vielleicht ist Steinsein ja genauso deprimierend wie Menschsein, hat vielleicht nur noch niemand herausgefunden. Ach, was rede ich. Der Weltraum macht aus mir einen dümmlichen Schwätzer. Zurück zum Thema. Die Heimreise soll fünf Tage in Anspruch nehmen, das ist der direkte Weg nach Hause, schneller geht es nicht. In fünf Tagen kann eine Menge geschehen, die Lage bleibt also angespannt. Ich werde einen Weg suchen müssen mich abzulenken, ohne mich unnötig in Gefahr zu begeben. Holo-Golf könnte eine Möglichkeit sein, dabei verliere ich immer das Zeitgefühl und wer käme schon auf die Idee, einen Holo-Golfplatz zu attackieren. Ein Glück, dass ich meine Golfschläger mitgebracht habe, ich hatte schon so eine Vorahnung, dass sie mir nützlich sein würden.“
Godric Carpenter legte das Memorial beiseite und faltete die Hände, als wolle er ein klassisches Gebet sprechen, doch Godric Carpenter betete wenn, dann nur zu sich selbst. Emotional befand er sich in einem unergründlichen Spannungsfeld, hin- und hergerissen zwischen aufrichtiger Terrorismusangst, kindlichem Heimweh und ehrlichem Liebeskummer und es hätte nicht viel gefehlt, er wäre zur Verbindungstür gelaufen, die seine Kajüte mit der seiner Ehefrau verband, hätte ebendiese Türe sperrangelweit aufgerissen, um eine verdutzte Cornelia in den Arm zu nehmen und so lange festzuhalten, bis er wieder wußte, wo oben und unten war. Stattdessen presste er aber nur die Finger seiner Hände so fest gegeneinander, dass die Fingerspitzen weiß wurden.

29. März 2217
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal eine Aufzeichnung machen würde. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Absturz überleben würde. Eigentlich habe ich seit gestern Nacht so ziemlich gar nichts gedacht, alles lief auf Autopilot. Erst jetzt komme ich dazu meine Gedanken zu ordnen und ich bin unaussprechlich dankbar, mein Memorial bei mir zu haben, um die vielleicht letzten Stunden meines Lebens dokumentieren zu können. Verdammt, mir kommen schon wieder die Tränen, ich schaffe die Aufzeichnung wohl nicht, ohne zu heulen. Wir sind abgestürzt. Also, erst sind wir explodiert, dann abgestürzt. Nein, das Schiff ist explodiert. Die Rettungskapsel ist abgestürzt. Ich bin immer noch so durcheinander. Cornelia ist bei mir, sie schläft gerade, weil der junge Steward mit der hübschen Uniform sie mit Beruhigungspillen abgefüllt hat. Außer uns dreien gibt es noch vier weitere Überlebende, wobei es um ein älteres Mitglied der Besatzung schlecht zu stehen scheint, er ist beim Aufprall der Rettungskapsel schwer verletzt worden. Wir anderen sind, wie durch ein Wunder, unverletzt. Ein paar Schrammen und Beulen, aber noch nicht einmal gebrochene Knochen. Aber jetzt endlich der Reihe nach. Natürlich gab es ein weiteres Attentat, anders ist die Sache nicht zu erklären, leider liegen uns kaum Informationen vor. Mitten in der Nacht schrillten plötzlich die Alarme und noch ehe wir es uns versahen, befanden wir uns schon auf dem Weg zu den Evakuierungsports. Ich weiß noch, dass ich mich immer wieder nach Cornelia umgedreht habe, weil ich Angst hatte, sie im wilden Getümmel zu verlieren, ihr kreideweißes, todernstes Gesicht hat sich unauslöschlich in meine Erinnerung eingebrannt. Zusammen retteten wir uns in eine Kapsel, was dann geschah, kann ich nicht mehr genau zusammensetzen, ich vermute, dass ich durch einen Sturz ohnmächtig geworden bin, als die Kapsel vom Schiff abgesprengt wurde. Als ich wieder zu mir kam, trudelten wir bereits in hoffnungslosem Taumel diesem Planeten entgegen. Es war Glück im Unglück, dass wir so nahe an einem habitablen System Schiffbruch erlitten haben, wobei man die Gewichtung des Glücks vielleicht nicht überbewerten sollte, denn egal wie habitabel dieser Planet auch erscheinen mag, ohne entsprechende Ausrüstung wird er uns trotzdem töten. Diese Wahrheit ist uns allen bewusst, auch wenn wir bisher noch nicht darüber gesprochen haben.“
Godric Carpenter unterdrückte ein lautes Schluchzen und beendete rasch die Sprachaufzeichnung, weil er fürchtete, sonst die Beherrschung zu verlieren und hysterisch zu werden. Behutsam steckte er das Memorial zurück in den kleinen Koffer, den er vom Schiff hatte retten können. Mit bangem Herzen sah er sich in der weitläufigen Höhle um, in die sich die kleine Gruppe nach dem Absturz der Rettungskapsel geflüchtet hatte und was er sah, stimmte ihn nicht optimistisch. Wenn er geglaubt hatte, der Weltraum würde ihm ein Gefühl der Jämmerlichkeit vermitteln, so musste er nun herausfinden, dass es sich noch viel jämmerlicher anfühlte auf einem fremden Planeten gestrandet zu sein.

30. März 2217
„Der alte Crewman ist gestorben, damit war zwar zu rechnen, aber trotzdem hat es uns alle deprimiert. Es fühlt sich falsch an, ihn unter diesen fremden Sonnen zu begraben, aber mehr können wir nicht für ihn tun. Wir haben ihn draußen vor der Höhle unter Steinen begraben – ich glaube, wenn ich noch ein drittes Mal begraben sage, werde ich verrückt. Verrückt allerdings auch, wie sehr man zusammenrückt, wenn der eigene Tod so nahe kommt. Cornelia und ich halten auf einmal zusammen wie Pech und Schwefel, kein Haar könnte zwischen uns passen, ganz so, als wären die Jahre der Entfremdung hinweggeblasen worden. Auch jetzt liegt sie hier neben mir und hält im Schlaf meine Hand. Unsere Streitigkeiten haben sich in Luft aufgelöst und vielleicht ist das der schönste Trost, der mir in dieser elenden Situation beschieden ist. Auch wenn wir hier verhungern werden, zumindest sterbe ich mit der Liebe meines Lebens an meiner Seite. Aber noch bin ich nicht tot und aufgegeben habe ich auch noch nicht! Morgen früh werde ich zusammen mit dem jungen Steward aufbrechen, um die Umgebung zu erforschen. Er behauptet, die Rettungskapsel hätte automatisch ein potentiell bewohntes Gebiet angesteuert, ich habe nicht genau verstanden wie die Technik funktioniert, aber er klingt sehr zuversichtlich. Seiner Meinung nach könnten wir einen verlassenen Außenposten finden und von dort eine Nachricht an die Erde verschicken. Sein Wort in aller Götter Ohren! Hoffentlich gibt es hier keine Eingeborenen. Oder wilde Raubtiere. Giftpflanzen wären auch sehr schlecht, oder fleischfressende Pilze oder, oder – ich sollte mir wirklich nicht so viele Gedanken machen, sonst gehe ich morgen keinen Schritt. Ich sollte lieber versuchen zu schlafen. Mit etwas Glück überlebe ich das morgige Abenteuer, um hier davon zu berichten.“
Godric Carpenter legte das Memorial auf einen fachen Stein, der als improvisiertes Tischchen diente, dann kuschelte er sich wärmesuchend an Cornelia, die im Schlaf leise murmelte und ihren Rücken an seinen weichen Bauch drückte. Gedankenverloren schmiegte er sich an ihren warmen Körper und ohne es zu bemerken, glitt er langsam in den Schlaf hinüber.

© sybille lengauer

Devil in Space

Pling
Ich hätte zu Hause bleiben sollen.
Pling
Mir ein Haustier kaufen.
Pling
Oder zumindest eine Zimmerpflanze.
Pling
Stattdessen liege ich hier.
Pling
Unter einem tropfenden Leitungsrohr.
Pling
Und warte auf den Tod.
Pling
Dabei hatte alles so gut angefangen. Mit unserer neuen Angriffsstrategie konnten wir die gegnerischen Verteidigungslinien mit Leichtigkeit aufbrechen, wir kamen über sie wie zornige Hornissen über eine Herde verdatterter Rindviecher. Ihre behäbigen Kampfkreuzer waren nicht annähernd in der Lage, es mit unseren wendigen EMEB*-Schiffen aufzunehmen. Endlich hatten wir die Oberhand, wir haben ihnen ordentlich eingeheizt, ein Selbstmordgeschwader nach dem anderen stürzte sich auf ihre riesigen Kriegskolosse, bis diese schließlich im unaufhörlichen Bombenhagel auseinanderplatzten und durchs Weltall taumelten wie brennende Papierlampignons zu Neujahr. Auch ich war bereit mich den Tod zu stürzen, bereit den letzten Schritt zu tun und meinen ultimativen Beitrag zu leisten auf unserem Weg zum Sieg über die Mormoriten: Mein Leben für die Heimat. Mein Leben für die Erde. Als das Startsignal des Staffelführers ertönte, verschwendete ich keinen zweiten Gedanken an mein bevorstehendes Ende, ohne zu blinzeln ging ich zum Angriff über.
Pling
Aber der Antrieb. Dieser elende, auf alle Zeit verdammte Antrieb. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen was schiefgelaufen ist, kann mich an zu wenig erinnern. Ich weiß noch, dass mit einem Mal die Antriebsenergie versagte. Ich verlor die Kontrolle über das EMEB, dann riss mich plötzlich eine Explosion aus der Steuerliege. Ich verlor das Bewusstsein und als ich endlich wieder erwachte, lag ich eingekeilt unter einem Berg aus Trümmern und verbogenem Metall. Bewegungsunfähig. Hilflos. Auf dem kalten, harten Boden meines Schiffes. Viele Stunden liege ich nun schon hier, mein Körper ist ganz gefühllos und taub geworden, doch meine Gedanken wandern rastlos umher, schweifen hierhin und dorthin und immer wieder zurück nach Hause. Zurück zur Erde. Ich weiß, dass niemand kommen wird, um nach mir zu suchen. Ich weiß, dass ich hier liegen bleiben werde, bis ich verkümmert bin und sterbe. Die Schlacht ist längst vorbei, der Krieg ist weitergezogen. Alle meine Kameraden sind tot. Nur ich brauche noch ein bisschen.
Pling
Über meinem Kopf tropft das Leitungsrohr. Ich frage mich wie lange es wohl dauern wird, bis mich dieses Geräusch in den Wahnsinn treibt. Es zerhackt meine Gedanken, lässt mich unruhig werden, nervös und fahrig. Es verunsichert mich. Ich muss es ignorieren, sonst wird das hier hässlich. Ich frage mich generell, wie lange es wohl noch dauern wird. Nicht mit dem Wahnsinn, sondern mit dem Sterben. Ich weiß nicht wie schwer meine Verletzungen sind. Schmerzen habe ich keine, aber was heißt das schon. Gehen wir aber vorerst davon aus, dass es mir körperlich relativ gut geht. Die Lebenserhaltung des EMEB scheint nicht beschädigt zu sein, das bedeutet Sauerstoff und Wärme für mindestens sechs Wochen, also bleibt mir wohl als Option nur langsames, qualvolles dahinsiechen. Hab’ mich schon besser amüsiert.
Pling
Ich hätte auf der Erde bleiben sollen. Hätte meinen Job bei der Müllentsorgung behalten und weiter mein kleines Leben leben sollen. Die Rechnungen bezahlen, die Fertigmahlzeiten essen, die Kriegsberichterstattung im Holo-View glotzen und einmal in der Woche zum staatlichen Psychiater. Ich hätte mit meinem Arsch auf meiner Couch bleiben sollen, doch was nützt es mir jetzt darüber zu klagen, ich werde das alles nie wiedersehen und irgendwie erkenne ich erst jetzt, wo ich hier liege und meine Lage zerdenke, wie wertvoll es gewesen ist. Langweilig war mir die Welt geworden. Eintönig und leer erschien mir mein Leben und alles darum herum, also warum nicht freiwillig melden für die wichtigste Mission seit Kriegsbeginn? Was wusste ich schon von Eintönigkeit und Langeweile. Inmitten des unermesslichen Nichts gestrandet zu sein, ohne Hoffnung auf Zurück, das nenne ich die ultimative Monotonie.
Pling
Ich kann mich noch genau erinnern wie euphorisiert wir alle waren, als wir damals zum ersten Mal von der fremden Intelligenz aus dem Weltraum erfuhren. Fünfundzwanzig Jahre ist das her und ich weiß noch immer ganz genau, wonach es in diesem Moment gerochen hat und welcher Song im Wireless Radio lief, bevor die Durchsage kam: Die ganze Wohnung stank nach Mutters Bratkartoffeln mit Knoblauch- und Zwiebelgranulat und sie spielten gerade ‚The swan who has fallen in love with a helicopter“ von den Candy-Shop-Boys. Dann ertönte das Signal für eine wichtige Sondermeldung und ich hielt gespannt den Atem an. Als der Sprecher die Meldung über unseren Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation verlas, ließ meine Mutter in der Küche vor Schreck den Pfannenwender fallen. Ich aber hörte nur eines: Außerirdisch. Das war atemberaubend! Ich war zwar noch ein kleiner Hosenscheißer, aber ich war fasziniert, elektrisiert und wollte unbedingt dabei sein.
Pling
Natürlich hatte ich keine Chance auf ein Ticket zu den Sternen, auch wenn ich es mir jeden Abend zum Einschlafen wünschte, außerdem an Weihnachten und zum Geburtstag und bei jeder anderen Gelegenheit, die ich ergreifen konnte. Wir waren eine typische Unterschichtsfamilie, geringe genetische Qualität, geringe Perspektive. Egal wie sehr ich mich anstrengte, egal wie fleissig ich lernte, ich war abgeschrieben, noch bevor ich überhaupt loslegen konnte. Sie nannten meinen Jahrgang die überflüssige Generation und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet wir Überflüssigen einmal allen anderen den Arsch retten würden, wenn auch nur durch unseren kollektiven Selbstmord? Ach verdammt, ich werde wohl zynisch auf meine letzten Tage. Aber was macht das schon.
Pling
Mein naiver Traum von den Aliens war auch recht schnell ausgeträumt, als uns die Mormoriten fünf Jahre später den Krieg erklärten. Also, ihre AI erklärte unserer AI den Krieg, denn direkt konnten wir damals noch nicht kommunizieren. Ist schon etwas komplizierter über 4,7 Lichtjahre hinweg mit einer völlig unbekannten Spezies zu parlieren. Bis heute behaupten einige der Eierköpfe von NASA und SETI, dass die ganze Sache mit der Kriegserklärung ein bedauernswerter Systemfehler gewesen sein muss. Ich glaube allerdings, dass die einfach nicht wahrhaben wollen, dass die Mormoriten uns nicht ausstehen können. Mir muss man das nicht erzählen, ich kann ziemlich gut verstehen, warum die uns angegriffen haben. Wir sind eine brandgefährliche, selten dämliche Spezies und das sage ich nicht nur leichtfertig dahin, das meine ich mit jeder Faser meines Körpers.
Ach, was rege ich mich auf, ist ja ohnehin zwecklos. Ich sollte meinen Frieden machen und ohne Scheu dem Ende entgegenblicken, so lang es sich auch hinziehen mag. Was nützt es in der Vergangenheit herumzuwühlen, es hat doch gar keinen Zweck über all die Entscheidungen und Schicksalswendungen nachzugrübeln, die mich schließlich hierher gebracht haben. Es ist wie es ist. Hol’s der Teufel.
Pling

*EMEB = Ein-Mann-Eine-Bombe

© sybille lengauer

Lesung an diesem Samstag, auch live über Youtube.

Samstag, 19. Dezember, ab 20 Uhr: Gabriele Behrend und Sybille Lengauer lesen live.
Nach insgesamt 45 Lesungen der Brennenden Buchstaben wollen wir dieses umfangreiche Veranstaltungsjahr mit zwei Weihnachtelesungen kurz vor Weihnachten ausklingen lassen.
Gabriele Behrend stellt bei uns am 19. Dezember ihren Roman „Salzgras und Lavendel“ vor. Obwohl der Titel das nicht unbedingt offenbart, handelt es sich um einen Science Fiction Roman, um industriell vermarktete multiple Persönlichkeiten. Ab 20 Uhr liest sie in Barlok Barbosas Bühnenbild.
Danach, ab 21 Uhr liest Sybille Lengauer für uns ihre Sci-Fi-Action-Kurzgeschichte „Im Göttergarten – Die Erleuchtung“, ebenfalls in einem Bühnenbild von Barlok Barbosa.


Ton über den Discord-Server der Brennenden: https://discord.gg/P3x79Xw
Und über http://www.radio-rote-dora.org:9000
Live Video Übertragung auf youtube unter http://www.youtube.de/brennendenbuchstaben
SLURL: https://maps.secondlife.com/seco…/Port%20Genieva/51/108/22

Im Göttergarten

Veröffentlicht: September 12, 2020 in Kurzgeschichten
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Im Göttergarten
(Die Erleuchtung)

Hochsommer im Garten der Götter. Drückende Hitze liegt über dem heiligen Paradies, kein Grashalm regt sich in der windstillen Schwüle. Im Schatten einer hochgewachsenen Robinie sitzen zwei jugendliche Gottheiten auf einer hellblau gestrichenen Holzbank und trinken gekühlten Honigwein. Ein kleines Rotkehlchen flattert neugierig heran, um ihr aufkeimendes Gespräch zu belauschen.
„Ich sage dir, die Neue bringt es nicht.“
„Das sagst du doch immer.“
„Diesmal stimmt es aber.“
„Das sagst du auch immer.“
Das Rotkehlchen sträubt enttäuscht das Gefieder, es hat solche endlosen Diskussionen schon viel zu oft mit angehört. Gelangweilt putzt es seine Schwungfedern und fliegt dann rasch davon.
„Sie hat nicht das Zeug zum Propheten“, nörgelt der junge Elefantengott, skeptisch blickt er dem Rotkehlchen hinterher, das zwischen blühenden Mariendisteln verschwindet. Der lange Rüssel im dunkelgrauen Göttergesicht verleiht seinen Worten einen enervierend näselnden Klang. Sein Trinkkumpan, ein Elementargott mit flimmernder Haut und eisblauen Augen, zuckt nur mit den Achseln, er setzt das Glas an und trinkt. Es ist zu heiß, um sich entschlossen zu streiten.
„Ich meine, eine Erleuchtung auf dem Mars? Das ist doch lächerlich!“, ereifert sich der Elefantengott störrisch.
„Jetzt sei mal nicht so konservativ“, stichelt der Elementargott und seine Augen werden gehässig schmal.
„Ich bin doch nicht konservativ!“, trompetet sein Gefährte entrüstet, schwungvoll stellt er sein Glas auf der Bank ab und stemmt die massigen Arme in die Hüfte, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen.
„Auch das sagst du immer“, spottet der Elementargott und lacht schallend.

I
Mars, 11 August 2220. Seit drei Tagen sucht die Besatzung der Terraforming-Station Franquin I fieberhaft nach der verschollenen Bioingenieurin Jona Holt. Im Grunde scheint es unmöglich sich auf einer vollautomatisierten Terraforming-Station zu verstecken, doch Jona Holt kaschiert ihre Lebenszeichen und bleibt, trotz intensiver Bemühungen des Teams, spurlos verschwunden. Wie sie dieses Kunststück fertigbringt ist ihren Kollegen ein Rätsel, aber dass sie sich irgendwo auf der Franquin I verbirgt, steht unumstößlich fest, denn ihr Lieblingsmesser steckte bis zum Griff im Brustkorb des armen Doktor Mossil, als man dessen aufgequollenen Leichnam gestern Abend aus einem Abwasserbecken der Kläranlage zog. Gesäubert und sorgfältig vakuumiert wartet sein zerschundener Körper nun mit der unendlichen Geduld der Toten darauf, als erster Mensch der Geschichte im lebensfeindlichen Sand des Mars beerdigt zu werden.
*
„Schon irgendwie zynisch, oder?“ Jenetta Xing verharrt vor einer schwach beleuchteten Abzweigung und überprüft das Signal ihres Suchgerätes, konzentriert schiebt sie die Unterlippe nach vorn, atmet dabei laut durch die Nase. Das mattgraue Suchgerät vibriert nur schwach in ihrer Hand und liefert keine klare Anzeige. Die stämmige Technikerin runzelt unwillig die Stirn, sie fühlt sich unwohl in ihrer Haut, denn so tief dringt sie nur selten in den unterirdischen Bauch der Station vor. Sie entscheidet sich für den linken Gang und setzt sich zögerlich wieder in Bewegung. „Was meinst du?“, fragt Harry Yves ohne großes Interesse. Er unterdrückt ein Gähnen und trottet lustlos hinter Xings breitschultriger Silhouette her, seine Stimme klingt erschöpft und monoton. „Na, du weißt schon. Das alles eben!“, antwortet die leitende Technikerin, sie wirft ihrem jungen Kollegen einen bedeutungsschwangeren Seitenblick zu und hebt die Augenbrauen. „Er wollte doch unbedingt berühmt werden. Und jetzt ist er es.“ „Wer?“, fragt Harry Yves verwirrt. „Sag mal, merkst du noch was?“ Xings scharfer Tonfall lässt Harry zurückschrecken, er strauchelt über seine Füße und stolpert unbeholfen gegen die glatte Wand des Ganges. „Entschuldige, ich habe nicht aufgepasst“, murmelt er verlegen. „Das merke ich, danke für nichts“, blafft Jenetta Xing. Sie versetzt ihrem jungen Kollegen einen derben Knuff in die kurzen Rippen. „Aua!“ „Ich meine den alten Mossil. Er wollte doch immer eine bedeutende Entdeckung machen. Seinen Fußabdruck im Staub der Geschichte hinterlassen, wie er es nannte. Und jetzt ist er nicht nur der erste Mensch, der auf dem Mars beigesetzt wird, er ist auch der erste Mensch, der auf dem Mars ermordet wurde! Ein Platz in der Geschichte ist ihm sicher.“ „Achso, jaja.“, macht Harry Yves und reibt sich die schmerzenden Rippen. „Du Memme“, knurrt Jenetta Xing gereizt, sie überprüft erneut die Anzeige ihres Suchgerätes und setzt den Weg entschlossen fort. „Miststück“, flüstert Harry Yves leise, sodass seine Vorgesetzte es nicht hören kann. „Habt ihr die Abluftrohre in Sektion III überprüft?“ Die Stimme des Stationsleiters, Doe McGregor, schallt kalt aus der Kommunikationsanlage. „Selbstverständlich, Sir“, antwortet Harry Yves betont freundlich, doch heimlich rollt er mit den Augen. Er empfindet die Nachfragen des Stationsleiters als überflüssig, belässt es jedoch bei einer freundlichen Antwort. Die Stimmung auf der Station ist ohnehin schon angespannt genug. „Gut, ihr habt noch zwei Stunden, dann will ich eure Ärsche im Besprechungsraum sehen. Verstanden?“ „Verstanden, Sir“, antworten Xing und Yves wie aus einem Mund.
*
Im Koordinationszentrum der Franquin I zieht sich Doe McGregor entnervt das Headset vom kahlen Schädel. „Idioten“, knurrt er gereizt, sein Blick wandert ruhelos über die unzähligen Anzeigetafeln und flimmernden Bildschirme. „Wie bitte?“ Stationsarzt Thomas Sheldon hebt irritiert den Blick von seinem Bedienfeld, doch Doe McGregor wiegelt rasch ab. „Nicht du, dich meine ich nicht.“ „Die Leute tun ihr Bestes, Doe. Wir befinden uns in einer extremen Situation…“, beginnt Thomas Sheldon, doch wird er sogleich von McGregor unterbrochen, der abwehrend die Hände hebt. „Lass es, Tom. Ich weiß, in welcher Scheiße wir stecken, dazu brauche ich keine psychologische Analyse.“ „Das Team verlässt sich auf dich“, fährt Sheldon ungerührt fort. „Das Team kann mich mal!“, faucht McGregor aggressiv. Thomas Sheldons dunkelbraune Augen bohren sich in McGregors verkniffenes Gesicht, suchen dort nach Anzeichen eines Nervenzusammenbruchs. „Sieh mich nicht so an. Es geht mir ausgezeichnet“, knurrt der Stationsleiter gereizt, Thomas Sheldon zuckt ergeben mit den Achseln. „Wie du meinst, Sir.“
*
„Es hat aufgehört zu bluten.“ Jona Holt zuckt zusammen und öffnet blinzelnd die Augen. Sie dreht sich aus der Seitenlage und stöhnt, als schneidender Schmerz ihren Unterleib durchfährt. „Nicht so hastig, Mädchen. Sonst wirst du wieder ohnmächtig.“ Jona nickt und wuchtet sich langsam in eine sitzende Position. Vorsichtig untersucht sie die notdürftig verklebte Wunde an ihrem Bauch. „Wie fühlst du dich?“ Jona neigt den Kopf, ein bescheidenes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Es ging mir schon schlechter, Herr“, antwortet sie demütig. Ein plötzliches Geräusch lässt sie aufschrecken und ein weiterer Schmerzimpuls durchzuckt ihren mageren Körper. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie durch die Dunkelheit. Hält den Atem an. Horcht. „Keine Angst. Du bist hier sicher.“ „Ich habe keine Angst, Herr,“, versichert Jona mit zitternder Stimme und pochendem Herzen, „ich weiß, dass Du an meiner Seite bist.“ Das bedrohliche Geräusch verklingt und in der darauffolgenden Stille kann Jona nur ihr eigenes, gehetztes Atmen hören. Mühsam zwingt sie sich zu ruhigeren Atemzügen und langsam fließt die Panik aus ihr heraus. „Das hast du gut gemacht.“ „Danke, Herr.“
*
„Die ist durchgedreht. Ganz eindeutig. Übergeschnappt. Total übergeschnappt.“ Ynez Wozniak schaufelt enorme Portionen Kartoffelbrei zwischen ihre malmenden Kiefer und spuckt beim Sprechen kleine Breiklümpchen über den Tisch. Professor Myra Schwarz betrachtet die übergewichtige Ingenieurin mit unverhohlener Abscheu, lustlos stochert sie in ihrer Essensration und bleibt still. „Hysterischer Zusammenbruch. Marskoller. Irgendwas in der Art.“, plappert die Ingenieurin weiter, während sie mit großer Entschlossenheit über die synthetischen Fischstäbchen herfällt. „Ich wusste von Anfang an, dass mit der was nicht stimmt. Dieses ständige beten und dieser gestörte Blick. Wie sie es durch die psychologische Tauglichkeitsprüfung geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Hätte nie einen Fuß auf den Mars setzen dürfen, das Luder.“ „Dass du dabei noch essen kannst!“, entfährt es Professor Schwarz, angewidert schiebt sie den vollen Teller von sich. „Isst du das noch?“, entgegnet Ynez Wozniak ungerührt, ihr Blick fixiert gierig die erkaltende Nahrung. „Bitte. Bedien dich.“ Die Wissenschaftlerin versetzt dem Teller einen Stoß, Wozniak fängt ihn geschickt mit der linken Hand und bohrt sofort ihren Löffel in die Portion. „Reisfleisch. Lecker!“, entfährt es ihr mit Wonne, Myra Schwarz verdreht entnervt die Augen und erhebt sich vom Tisch. „Warte, du hast mir noch gar nichts von der Obduktion erzählt!“, bettelt die Ingenieurin mit vollem Mund, doch Professor Schwarz schüttelt stumm den Kopf. Mit gestrafften Schultern verlässt sie den kleinen Speisesaal. „Man kann sich auch anstellen!“, brüllt Ynez Wozniak hinter ihr her, Myra Schwarz knallt absichtlich mit der Tür.

II
„Bericht!“ Im taghell erleuchteten Besprechungsraum wandert Stationsleiter Doe McGregor ungeduldig vor dem ovalen Konferenztisch auf und ab, er hat die Arme hinter dem Rücken verschränkt, seine Halssehnen treten stark hervor, die Kiefermuskeln arbeiten. Die Techniker Xing und Yves sitzen wie Schulkinder nebeneinander und verfolgen nervös jeden seiner Schritte. „Es gelingt uns nicht, sie aufzuspüren, Sir.“ Jenetta Xing kneift die Augen zusammen und massiert energisch ihren schmerzenden Nasenrücken. „Sie ist wie vom Erdboden verschluckt.“ „Marsboden“, korrigiert Harry Yves leise. „Halt’s Maul“, zischt Jenetta Xing gereizt. „Ruhe!“, fährt Doe McGregor zornig dazwischen. Er setzt sich an das Kopfende des Tisches und lässt die Handflächen wuchtig auf die Tischplatte knallen. „So kann das nicht weitergehen!“ „Haben Sie Rückmeldung von der Erde erhalten, Sir?“, fragt Jenetta Xing vorsichtig, sie ist jeden Moment darauf gefasst von McGregor angeschrien zu werden und lehnt sich vorsorglich im Sessel zurück. „Negativ“, knurrt der Stationsleiter nur, sein Gesicht drückt große Sorge aus, in seinen Augen glänzt eine Hilflosigkeit, die Jenetta Xing zutiefst beunruhigt. „Solange die Station weiterläuft, ist es der Firma scheißegal was hier passiert. Holt ist unser Problem, nicht deren. Wenn sie anfängt die Maschinen zu sabotieren, dann werden die reagieren. Menschen sind ersetzbar. Wir sind ersetzbar.“ McGregor merkt, dass er zu viel gesagt hat, er räuspert sich verlegen und überspielt den Moment mit aufgesetzter Wut. „Das muss, verdammtnochmal, ein Ende haben!“, brüllt er lauthals, Harry Yves schreckt entsetzt zurück, Jenetta Xing zuckt mit keiner Wimper. „Wir könnten den Seeker auf sie ansetzen, Sir.“, schlägt sie mit ruhiger Stimme vor. „Wir programmieren ihn auf Holts Wasserschwingung, statten ihn mit einem Explosionskörper aus und wenn er sie gefunden hat… Bumm.“ Die Technikerin untermalt das Geräusch mit einer entsprechenden Geste und gestattet sich ein kleines Lächeln. „Wir können keine Explosion riskieren, wenn wir nicht wissen, wo sie sich aufhält. Im schlimmsten Fall jagen wir die Station in die Luft.“, widerspricht Harry Yves, erschrocken von seiner eigenen Courage klappt er den Mund wieder zu und erbleicht. „Er hat recht.“ McGregor nickt und zieht ein langes Gesicht, seine Wut ist verraucht, zusammengesunken sitzt er am Kopfende des Tisches. „Dann eben keine Explosion. Ein Ortungssignal würde genügen. Dann schicken wir bewaffnete Workies los und machen sie fertig.“ Doe McGregor denkt mit gerunzelter Stirn über Xings Vorschlag nach. „Einen Versuch ist es wert.“
*
Stille. Dunkelheit. Kaum hörbare Atemzüge. Jona Holt kauert in der Finsternis ihres Verstecks und spürt dem bittersüßen Schmerz in ihrem Herzen nach. Ein bedrückendes, unaufhörliches Schaben hat ihren Herzschlag ersetzt, tiefschwarze Traurigkeit pulst kalt durch ihre Brust. Voller Scham denkt sie an ihre letzte Begegnung mit Eugene Mossil zurück. „Ich brauche deine Liebe nicht“, sagt er in ihren Gedanken wieder und immer wieder und ein Zittern und Schluchzen durchläuft Jonas Körper. Die Schnittwunde an ihrem Bauch beginnt zu toben, doch Jona kann sich nicht beruhigen. Die Bilder des blutigen Kampfes flackern gnadenlos durch ihren Kopf. Das Messer, das sie erst gegen sich selbst richten wollte. Der grelle Schmerz, als sie sich damit verletzt. Und mitten hinein in diesen Schmerz bricht Eugenes abfälliges Lachen. Sein gehässiges, schadenfrohes Lachen, dem sie in ihrer rasenden Wut ein brutales Ende bereitet. Sein erstauntes Gesicht, die Lippen zu einen stummen O geformt. Seine weit aufgerissen, meerblauen Augen. Das Messer, tief in seiner Brust. „Du musst loslassen, Jona.“ „Es tut mir leid, Herr“, wimmert Holt verzweifelt. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ „Aber ich bin so schwach!“ Jona fühlt ihre Augen überfließen, beschämt wischt sie die heißen Tränen aus ihrem Gesicht. „Entschuldige“, piepst sie kaum hörbar. „Es wird alles gut, Jona.“

III
„Kannst du in meinen Raum kommen?“
„Ich habe zu tun.“
„Es ist wichtig, Myra.“
„Ich bin beschäftigt. Hat das nicht Zeit?“
„Es geht um McGregor.“
Professor Schwarz hebt irritiert den Blick von den Kabeleingeweiden der Wassersuchdrohne, in voller Schutzkleidung kniet sie über dem dekonstruierten Gerät. Irritiert starrt sie auf das dunkle Quadrat der Kommunikationsanlage, das in die gegenüberliegende Wand eingelassen ist. „Ich überarbeite gerade den Seeker und kann die Arbeit nicht unterbrechen. Ich bin im Reinraum“, sagt die Wissenschaftlerin mit fester Stimme, dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Inneren der Maschine zu. „Ich komme zu dir.“ Thomas Sheldon beendet den privaten Sprachkanal und macht sich unverzüglich auf den Weg. Als er Professor Schwarz wenige Minuten später, getrennt durch eine dünne Plexiglasscheibe, gegenübersteht, ringt er umständlich um die passenden Worte. „Ich…ich mache mir Sorgen, Myra.“, beginnt er verlegen, dann hält er inne und wischt nervös über einen winzigen Schmutzfleck am Rand der Scheibe. Im Reinraum zuckt Myra Schwarz desinteressiert mit den Schultern. „Wir alle machen uns Sorgen, Tom.“, antwortet sie gleichgültig. „Nein, so meine ich es nicht.“ Thomas Sheldon windet sich sichtlich, doch Myra Schwarz ist nicht gewillt, ihm das Gespräch zu erleichtern. Routiniert verbindet sie die Kabel im Bauch der Drohne und lässt Sheldon draußen schmoren. „Ich glaube, dass er dem Druck nicht gewachsen ist“, bricht es schließlich aus dem Stationsarzt heraus. „Aha“, macht Myra Schwarz hinter der Scheibe. „Er schreit noch mehr als sonst, ist extrem reizbar, zeigt paranoide Züge. Und seine Biowerte sind höchst bedenklich. Ich meine, wir sollten die Firma kontaktieren.“ „Wer ist wir, hast du einen Zwerg in deiner Tasche?“, ätzt Myra Schwarz und würdigt den Stationsarzt keines Blickes. „Du bist Zweite Stationsleiterin, Myra!“, entfährt es Thomas Sheldon verärgert. „Und du bist der verdammte Arzt dieser Station. Wenn McGregor die Nerven verliert, ist es an dir, die Notbremse zu ziehen.“, faucht die Wissenschaftlerin unter ihrem Gesichtsschutz hervor. „Es war ein Fehler mit dir zu sprechen.“ Sheldons Stimme ist plötzlich sehr kalt, brüsk dreht er sich von der Plexiglasscheibe fort. „Warte, Tom.“ Myra Schwarz seufz tief und wendet sich zum ersten Mal direkt an ihr Gegenüber. „Ich habe es nicht so gemeint. Entschuldige.“ Thomas Sheldon verharrt mit dem Rücken zur Scheibe, dann dreht er sich plötzlich zu Schwarz um und fixiert die Augen in ihrem blassen Gesicht. „Du wirst mir also helfen?“, fragt er und drückt dabei seine Hände so fest gegeneinander, dass die Fingerspitzen weiß hervortreten. „Ja“, antwortet Schwarz mit der Andeutung eines Nickens, dann beugt sie sich wieder zur Maschine.
*
Im Koordinationszentrum der Terraforming-Station starrt Doe McGregor ausdruckslos den Überwachungsmonitor an, über den er das Gespräch heimlich mitverfolgt hat. Reglos wie eine Statue hockt er im Kommandostuhl und nur das leise Knirschen seiner Zähne verrät seine aufgewühlten Gefühle. Lange sitzt er so da und glotzt auf den Monitor, während um ihn herum die unterschiedlichen Anzeigetafeln blinken und flimmern. Schließlich durchläuft ein Schaudern seinen Körper, ruckartig taucht er aus der Erstarrung auf. Wie in Trance betätigt er einige Regler an der Kommunikationssteuerung. „Wozniak, Xing, Yves. In den Besprechungsraum. Sofort.“, bellt er rau, dann beendet er die Verbindung. „Bastarde“, entfährt es ihm leise.

IV
„Hey, mein Kleiner. Hast du eine Ahnung, was der Boss von uns will?“ Ynez Wozniak rückt mit ihrem Stuhl aufdringlich nahe an den jungen Harry Yves heran. „Nicht die geringste, Ma’am“, antwortet Yves und rückt seinen Stuhl etwas weiter von ihrer feisten Gestalt fort. Jenetta Xing beobachtet das Schauspiel und zieht entnervt eine Augenbraue nach oben. „Könnt ihr mit dem Unfug aufhören?“, fragt sie schließlich, als Harry auf seinem Stuhl das Gleichgewicht verliert und plump zu Boden fällt. Ynez Wozniak lacht dreckig. „Ich kann seinen kleinen Alabasterbäckchen einfach nicht widerstehen.“, frotzelt sie mit breitem Grinsen. „Werd erwachsen“, blafft Xing ungerührt. Wozniak setzt zu einer gesalzenen Antwort an, doch Doe McGregor betritt den Besprechungsraum und sie verstummt abrupt. Drei Augenpaare richten sich erwartungsvoll auf den Stationsleiter, der schmallippig im Raum steht und die Arme vor der Brust verschränkt. „Die Situation hat sich geändert,“, beginnt er schließlich mit dunkler Stimme, „Holt arbeitet nicht alleine. Wir haben es mit einer Meuterei zu tun.“ „Meuterei, Sir?“, entfährt es Harry Yves erschrocken. „Sei still“, flüstert Jenetta Xing gereizt. McGregor mustert ihr breites Gesicht mit steinerner Miene. „Schwarz und Sheldon stecken mit ihr unter einer Decke.“, sagt er, dann lässt er sich schwerfällig in einen freien Stuhl sinken. Ynez Wozniak öffnet den Mund und schließt ihn wieder. „Sollen wir die Firma kontaktieren, Sir?“, fragt Xing schließlich in die angespannte Stille hinein. „Auf keinen Fall“, wehrt McGregor ab. „Das ist eine interne Angelegenheit.“ „Verstanden, Sir.“ Xing nickt und tauscht einen vielsagenden Blick mit Harry Yves, der nichts versteht und ratlos blinzelt. „Schwarz arbeitet am Seeker,“, überlegt Ynez Wozniak laut, „wenn sie die Mission sabotiert, finden wir das Miststück in tausend Jahren nicht.“ „Ich werde mich darum kümmern“, knurrt Jenetta Xing und es klingt, als habe sie bereits ein Grab für Myra Schwarz geschaufelt.
*
„Wach auf.“ Jona Holt fährt erschrocken aus unruhigem Schlummer und stöhnt leise auf. Die Wunde an ihrem Bauch pocht unangenehm, doch der schreckliche Durst, der sie schon vor dem Einschlafen quälte, ist bedeutend schlimmer als die Verletzung. „Steh auf.“ Mühsam stemmt sich Jona an einer Wand in die Höhe, steht schließlich, schwer atmend und verschwitzt in der Dunkelheit und zittert am ganzen Körper. „Geh los.“ Jona versucht zaghaft einen Schritt vorwärts, doch ihre Beine fühlen sich an, als bestünden sie aus Gummi und sie hat kein Gespür in den Füßen. „Ich kann nicht, Herr!“, keucht sie verzweifelt. „Du musst, Jona.“ „Warum, Herr? Warum kann ich nicht einfach liegenbleiben und endlich sterben?“ Jona möchte weinen, doch sie hat keine Tränen mehr. Erschöpft lehnt sie an der Wand ihres Verstecks und wimmert. „Bald ist es soweit, Jona. Aber vorher habe ich noch eine Aufgabe für dich.“ Jona schluckt trocken und nickt, sie nimmt all ihre Kraft zusammen und kämpft sich langsam vorwärts.

V
„Willst du sie wirklich umbringen?“ Harry Yves bemüht sich redlich mit der aufgebrachten Jenetta Xing Schritt zu halten, die, bis auf die Zähne bewaffnet, durch die Gänge der oberen Stationsebene stapft. „Wenn es sein muss“, antwortet Xing und beschleunigt das Tempo. „Jetzt renn’ doch nicht so!“, keucht Harry Yves, doch die Technikerin ignoriert sein Gejammer. Verzweifelt greift Yves nach ihrer breiten Schulter und hält seine Vorgesetzte krampfhaft fest. „Jenetta, bitte!“ Xing dreht sich zu dem jungen Techniker um und fixiert ihn mit eiskalten Augen. Harry Yves lässt erschrocken ihre Schulter los und tritt einen großen Schritt zurück. „Verzeihung, Ma’am“, haucht er kleinlaut. „Jetzt hör’ mal zu, Bürschchen. Das hier ist eine brandgefährliche Situation, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße. Wir könnten ALLE draufgehen, kapierst du das nicht?“ „Aber…“ „Kein aber, Junge!“ Jenetta Xing dreht auf dem Absatz um und rast davon, Harry Yves steht kreidebleich im Gang und zittert unkontrolliert. Zum ersten Mal fühlt er sich unfassbar weit von zuhause entfernt und mutterseelenallein. Tausend unsichtbare Augen scheinen ihn aus allen Winkeln zu beobachten, ein klammes Band der Angst schlingt sich um sein wild galoppierendes Herz. „Warte auf mich!“, brüllt er hysterisch, dann stürmt er mit rudernden Armen hinter Jenetta Xing her.
*
„Hallo Thomas.“
Thomas Sheldon fährt erschrocken vom Mikroskop zurück, er hat nicht gehört, dass McGregor die Krankenstation betreten hat. Der Stationsleiter steht direkt hinter Sheldon und lächelt unergründlich. „Was ist los, Doe?“, fragt Doktor Sheldon verunsichert, McGregor wertet das Zittern in seiner Stimme als letzten Beweis für seine Schuld. „Das habt ihr euch schön ausgedacht, nicht wahr?“, fragt er grinsend, „Erst das Verschwinden von Holt, dann der Mord an Mossil und schließlich, zum krönenden Abschluss – mein Abschuss. Habt euch prächtig amüsiert, nicht wahr?“ „Was faselst du da?“, nervös versucht Thomas Sheldon Abstand zwischen sich und dem feixenden Stationsleiter zu schaffen, doch der folgt ihm mit einem Brennen im Blick, das so heiß ist, wie der Zorn Gottes. „Du elender Wichser“, knurrt McGregor, bevor er sich brutal auf den entsetzten Stationsarzt stürzt.
*
Ynez Wozniak hat ausgesprochen schlechte Laune. Grummelnd schleppt sie ihre sperrige Einsatzausrüstung zur Andockrampe der Franquin I und hadert mit sich und McGregors Befehlen. Sie soll den experimentellen Sicherheitsschild aktivieren, der von Doktor Mossil eigens für die Station entwickelt wurde, um Raumschiffe an Start oder Landung zu hindern. Es handelt sich um eine diffizile Aufgabe, die nur im Außeneinsatz zu bewältigen ist. „Warum immer ich“, grollt Wozniak beleidigt. Viel zu spät kommt ihr in den Sinn ein Workie zu benutzen, um die schwere Ausrüstung zu tragen. „Verdammte Scheiße.“ Die Ingenieurin flucht lautstark über ihre eigene Dummheit, grunzend lässt sie die Panzerplatten zu Boden fallen. „Du da, komm her“, bellt sie aggressiv, eine Arbeitsdrohne verlässt ihren Platz und gleitet zielstrebig auf sie zu. „Heb das auf“, befielt Wozniak barsch. Die Drohne hebt die Ausrüstung mühelos vom Boden und folgt Wozniak, die nun mit deutlich besserer Laune zur Andockrampe stolziert.
*
„Bitte nicht, Herr.“ Jona Holt steht bebend vor einem Schrank voller Explosionskörper, den sie soeben mit einem Brecheisen aufgestemmt hat. Die kleinen, zerstörerischen Kapseln ruhen unscheinbar in ihren Kokons, Jona schaut mit weit aufgerissenen Augen auf ihre glänzenden Hüllen, ein unkontrollierbares Zucken läuft über ihr hageres Gesicht. „Es gibt keinen anderen Weg, Jona.“ „Ich weiß, Herr“, haucht Jona, sie greift zu einer halbvollen Wasserflasche, die sie vor einer halben Stunde aus dem menschenleeren Speisesaal gestohlen hat und trinkt einen vorsichtigen Schluck. Langsam verschließt sie die Öffnung der Flasche, um Zeit zu gewinnen. Dann steht sie still vor dem aufgebrochenen Schrank und wiegt ihren Oberkörper langsam vor und zurück. Ihre Gedanken treiben davon, die Sekunden zerrinnen zu Minuten. „Die Zeit wird knapp, Jona.“ Holt fährt erschrocken aus ihrer mentalen Abwesenheit und stopft hektisch Sprengstoffkapseln in die Taschen ihrer Jacke.

VI
Im Reinraum der Terraforming-Station stößt Myra Schwarz einen erlösten Seufzer zur keimfreien Zimmerdecke empor. Sie hat die komplizierte Arbeit am Seeker erfolgreich beendet, die Wassersuchdrohne ist nun auf Jona Holts Wasserschwingung programmiert und liegt einsatzbereit zu Füßen der Wissenschaftlerin. Myra Schwarz denkt gerade darüber nach, sich zur Belohnung eine ausgedehnte Schalldusche zu gönnen, als Jenetta Xing wie ein Wirbelsturm zur Tür hereinpoltert. „Sind Sie wahnsinnig? Das ist ein Reinraum!“, keift Myra Schwarz erbost, bevor sie erkennt, dass eine Pistole auf ihren Kopf gerichtet ist. „Das ist mir sowas von egal“, schreit Jenetta Xing und feuert. Der Schuss verfehlt Professor Schwarz nur um Haaresbreite, kreischend sucht diese in der sterilen Ordnung des Reinraums nach Deckung. Ein Lasermesser findet wie von selbst den Weg in ihre Hand, Myra Schwarz fasst im Bruchteil einer Sekunde einen Entschluss und stürzt sich brüllend auf ihre Gegnerin. Jenetta Xing zielt und schießt erneut, tödlich getroffen taumelt Myra Schwarz in ihre Arme. „Verdammt“, keucht Jenetta Xing, als das Lasermesser tief durch ihre Eingeweide schneidet, dann bricht sie stöhnend über Myra Schwarz zusammen. „Was ist passiert?“ Harry Yves trampelt unbeholfen in die blutige Szenerie, er starrt schaudernd von Schwarz Leiche zu Xings fürchterlicher Verletzung und würgt trocken. „Kotz mir hier ja nicht alles voll.“, knurrt Xing gereizt, Blut quillt dunkelrot aus ihrem Mund, drohend richtet sie die Waffe auf den jungen Techniker. Harry Yves quiekt entsetzt und stürmt aus dem Reinraum.
*
„Ruhe in Frieden, alter Freund.“ Doe McGregor hockt zusammengesunken neben dem erschlagenen Leichnam des Stationsarztes, die rasende Wut ist aus seinen Muskeln gewichen und bleierne Müdigkeit ist an ihre Stelle getreten. Mit leeren Augen blickt er auf den blutverschmierten Körper, der seltsam verdreht und bis zur Unkenntlichkeit entstellt auf dem kalten Fliesenboden der Krankenstation liegt. Ein herzergreifendes Schluchzen bricht aus McGregors Kehle, dann beginnt er plötzlich übernervös zu lachen. „Du machst mir kein schlechtes Gewissen mehr!“, kichert er unbeherrscht, während dicke Tränen aus seinen Augen schießen.
*

VII
„Das ist nicht passiert, das ist alles nicht passiert!“ Harry Yves taumelt benommen zum Kommandozentrum der Station, in seinem Kopf herrscht ein heilloses Durcheinander, panisch kennt er nur noch ein einziges Ziel. Harry Yves will nach Hause telefonieren. Atemlos stürzt er durch die Gänge der Station, die ihm plötzlich klaustrophobisch eng erscheinen. Erst als er die stählerne Tür zum Kommandozentrum öffnet, fühlt er einen Hauch von Sicherheit. Hastig macht er sich an der Hauptschalttafel zu schaffen, mit schwitzigen Fingern stellt er eine Schnellverbindung zur Erde her. „Franquin I ruft Home-Station, hören Sie mich?“ Harry Yves wartet quälende Sekunden auf Antwort. „Hier Home-Station. Identifizieren Sie sich.“, quäkt es aus der Anlage. Eine Woge der Erleichterung rollt über den jungen Techniker hinweg, befreit sinkt er im bequemen Kommandostuhl zurück und atmet durch. „Bitte, Herr. Ich kann das nicht.“ Harry Yves erstarrt zur Salzsäule, reglos sitzt er vor der Schalttafel und wagt es nicht, sich umzudrehen. In seinem Rücken steht Jona Holt, zitternd hält sie das Brecheisen über Harry Yves lockigen Hinterkopf. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“ „Er ist doch noch ein Kind!“ „Du hast keine andere Wahl, Jona.“ Wie in Zeitlupe dreht Yves sich zu Jona Holt um. Sieht, wie ihr zuckender Mund bettelnde Worte spricht. Hört, wie sich ihre Stimme verändert, wenn sie antwortet. „Oh Gott“, wispert Harry Yves bestürzt, da kracht das Brecheisen wuchtig auf seinen Schädel.
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„Oh Gott“, entfährt es Ynez Wozniak, als ihre Füße harten Marsboden berühren. Die feiste Ingenieurin verabscheut Außeneinsätze zutiefst und ihre Abneigung wächst mit jedem Schritt, der sie weiter von der Sicherheit der Andockrampe entfernt. Schnaufend arbeitet sich die Ingenieurin in der dünnen Atmosphäre voran, hat den Abschluss ihres Auftrages fest in Gedanken, um sich von einer lebensfeindlichen Realität abzulenken, von der sie nur ihr gepanzerter Einsatzanzug schütz, der sich jetzt, in der absoluten Einsamkeit des Mars, plötzlich anfühlt wie eine dünne, verletzliche Seidenhaut.
*
Im Kommandozentrum kniet Jona Holt weinend neben der Leiche des jungen Technikers, die zusammengesunken im Kommandostuhl hängt. Eine grellrote Fontäne sprudelt munter aus Harry Yves Schädel, in seinen Augen liegt noch immer ein Ausdruck tiefster Verwirrung. Mit bebenden Schultern und gesenktem Kopf betet Jona zu Gott: „…und erlöse uns von dem Bösen. Amen.“ „Du hast richtig gehandelt, Jona.“ Jona Holt schluchzt laut, das Brecheisen gleitet endlich aus ihrer verkrampften Hand und fällt klirrend zu Boden. „Es ist bald vorbei.“ „Danke, Herr.“ Jona gibt sich einen Ruck, sie steht auf und zieht Harry Yves Körper vorsichtig aus dem Kommandostuhl, dann nimmt sie selbst Platz, wobei sie darauf achtet, sich nicht in die Blutflecken zu setzten. „Gib den Code ein.“ Jona tippt eine lange Zahlenkolonne in das Bedienfeld der Hauptschaltanlage. Der Computer der Station reagiert und erkennt ihren Code an. Jona starrt gebannt auf das Bedienfeld, dann läuft ein erneuter Ruck durch ihren Körper und sie gibt konzentriert Befehle ein, um das atomare Kernspaltungsprogramm der Station zu überlasten. Die Anzeigetafeln im Kommandozentrum beginnen hektisch zu blinken, als langsam eine Kettenreaktion in Gang kommt, die nicht mehr zu stoppen ist.
*
„Das hätten wir“, murmelt Ynez Wozniak, erleichtert tritt sie vom externen Bedienfeld zurück, in fünfzehn Minuten wird Doktor Mossils experimenteller Schutzschild automatisch aktiviert. Zeit genug für Wozniak, um wohlbehalten zurück zur Andockrampe zu gelangen. Zufrieden macht sie sich auf den Weg. Ein plötzliches Flimmern des Visiers lässt sie irritiert innehalten. Jona Holts ausgemergeltes Gesicht taucht unerwartet auf dem eingebauten Bildschirm auf. „Was zur Hölle?“, entfährt es Wozniak, sie bleibt wie angewurzelt stehen und starrt fassungslos auf den Bildschirm. „Wir haben gedacht, wir seien die Krone der Schöpfung und doch sind wir nur Staub, der von Gottes Atem durch die Unendlichkeit getrieben wird. Wir haben gedacht, es sei nicht genug uns die Erde untertan zu machen, doch unsere Hoffart wird unser Untergang sein. Ein Terraforming des Mars ist eine Schändung des Werk Gottes!“ Ynez Wozniak stiert mit offenem Mund den Bildschirm an. „Ich rufe die wahren Gläubigen auf, bitte, überdenkt eure Handlungsweise! Geht in euch, Brüder und Schwestern, geht in euch und bereut euren Hochmut. Möge Gott euch beschützen, so wie er mich beschützt hat.“ „Verdammt!“, schreit Wozniak, endlich löst sie sich aus der Erstarrung und rennt los.
*
„Was bleibt noch zu tun, Herr?“ Jona Holt hat die Universalverbindung zur Erde beendet, nun lehnt sie erschöpft im Kommandostuhl, ihre Augenlider flattern, ein dünner Schweißfilm benetzt ihr kalkweißes Gesicht. „Ein letzter Funke noch, mein Kind.“ Jona lächelt, mit feierlicher Miene zieht sie einen Explosionskörper aus ihrer Jackentasche. „Du elendes Miststück!“ Doe McGregor stürmt brüllend ins Kommandozentrum, Jona Holt dreht sich nicht einmal zu ihm um. Entschlossen löst sie den Sicherungsstift des Explosionskörpers und beginnt zu beten. „Nein, nein, nein!“, kreischt McGregor, schlitternd kommt er neben dem Kommandostuhl zu Stehen, mit beiden Fäusten drischt er wahllos auf Jona ein, bis er von einer heftigen Explosion in Stücke gerissen wird.
*
„Nein, nein, nein!“ Ynez Wozniak rennt fluchend auf die Andockrampe zu, als die Explosion im Kommandozentrum die Terraforming-Station erschüttert. „Das darf nicht wahr sein!“, brüllt Wozniak und beschleunigt ihren Lauf. Keuchend stürzt sie in die Andockrampe und drückt den Schalter für die Dekompression. Das Außenschott schließt automatisch, zischend fließt Luft in den hell erleuchteten Raum. Wozniak wartet nicht auf das Sicherheitssignal, resolut reißt sie sich den Einsatzanzug vom Leib und stürmt ins Innere der Station, kaum dass sich die internen Schotts geöffnet haben. Laut tönende Warnsirenen empfangen sie, die Ingenieurin schlägt entsetzt ihre Hände vor die Ohren. „Was passiert hier?“, schreit sie in das tosende Chaos hinein. Voller Angst stürmt sie zu einer Anzeigetafel, die in eine nahe gelegene Wand eingelassen ist. Wozniak fragt den Zustand der Station ab und erbleicht. „Scheiße“, sagt sie und ein Schatten der Erkenntnis huscht über ihr fleischiges Gesicht, dann zerfetzt eine gewaltige Atomexplosion die Terraforming-Station und reißt einen tiefen Krater in das Antlitz des Mars.

Im Garten der Götter wendet sich der jugendliche Elefantengott sichtlich verblüfft an seinen grinsenden Gefährten. „Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt“, gesteht er und nippt geziert an seinem Getränk. Ein sanfter Windhauch flüstert in den Zweigen der Robinie und lässt spielerisch einige Sonnenstrahlen durch die Blätter tanzen. „Warte ab, das Beste kommt noch“, sagt der Elementargott augenzwinkernd.
„Weißt du mehr, als ich weiß?“
„Sagen wir einfach, ich habe da so ein Gefühl.“
„Möchtest du dieses Gefühl ein wenig konkretisieren oder lässt du mich weiter zappeln?“, quengelt der Elefantengott ungeduldig.
„Ich sage nur: Religionskrieg.“ Der Elementargott hebt sein Glas und prostet den treibenden Wolken im strahlend blauen Himmel zu.
„Wow“, haucht der Elefantengott ehrfürchtig und seine Augen glänzen.

© sybille lengauer

Raider

„Du bist also die Neue, was?“ Der vierarmige Hühne, der Chara am Ausgang der Luftschleuse anspricht, erkennt das Offensichtliche. Die hagere Menschenfrau mit den grauen Strähnen im Haar ist die einzige Passagierin, die über eine erforderliche Anzahl von Gliedmaßen verfügt, um dem holografischen Abbild zu entsprechen, das er bei sich trägt. Nur noch selten laufen humanoide Lebensformen die Raumstation Oja-Viu 6 an, die vor fünfzig Jahren tief im Heimatgebiet der Gallertartigen errichtet wurde. Der heruntergekommene Handelsposten ist kaum noch in den offiziellen Navigationskarten der Planetaren Republik verzeichnet und somit ein perfekter Ort, um sich unbemerkt zu treffen. „Mein Name ist Little Dove. Wie das kleine Täubchen. Du verstehst? Ha. Ha. Ha.“ Der Hühne stemmt seine baumdicken Hauptarme in die fleischigen Hüften und lacht übertrieben laut. Seine schlankeren Nebenarme ahmen flatternde Bewegungen nach. Sein Doppelkinn wackelt bedrohlich, kleine Speicheltropfen fliegen. Breitbeinig steht er im schmalen Gang und blockiert den Weg für die anderen Passagiere. Eine Gruppe Tequelianer fließt an ihm vorbei und rauscht missbilligend. Die zarten Liquid-Wesen formieren sich in seinem Rücken kurz zu einer verärgerten Geste, dann fließen sie weiter den Gang hinunter. Chara blickt ihnen mit hochgezogener Augenbraue hinterher, ein kleines Lächeln umspielt ihre schmalen Lippen. „Stand dein Name in einem Glückskeks oder waren deine Eltern Komiker, Herr Täubchen?“ Little Dove lässt enttäuscht die Arme sinken. „Humor ist wohl nicht so dein Ding, hä?“ grollt er mit tiefer Stimme. „Zumindest nicht der von wandelnden Klischees.“ erwidert die Menschenfrau kalt. „Kli- was?“ „Genau das.“ Chara starrt den enormen Fleischberg gelassen an. „Was soll’s,“ brummt der schließlich resignierend, „komm mit, ich bringe dich zu den anderen.“ Little Dove schüttelt seinen massigen Kopf und trottet grummelnd den Gang hinunter. Chara folgt ihm mit federnden Schritten.
„Das hat ja ganz schön lange gedauert.“ „Hättest sie ja selbst abholen können.“ „Prioritäten, mein Guter, Prioritäten!“ Little Dove schnaubt abfällig und verlässt mit beleidigter Miene die spärlich beleuchtete Nackt-Bar. Der quirlige Ardaneer, der so ungehalten zu ihm gesprochen hat, tritt mit einer galanten Begrüßungsgeste an Chara heran. Seine gereizt-violette Gesichtsfarbe wechselt zu einem freundlichen Pastellton. „Willkommen auf Oja-Viu 6, ehrenwerte Wegweiserin. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise. Wenn ich um deine Authentifizierung bitten dürfte.“ Chara streckt wortlos den rechten Arm von sich. Der Ardaneer zückt einen Scanner und prüft sorgfältig die Ident-Tätowierung an ihrem Handgelenk. Sein Gesicht beginnt in einer wohlwollenden Farbe zu leuchten. Die beiden Menschen, die am geschwungenen Tresen lehnen und auffällig unauffällig im Hintergrund bleiben, entspannen sich merklich. Mit leicht gerümpfter Nase lässt Chara einen Blick durch die schummrige Nackt-Bar schweifen. Die meisten Tische sind unbesetzt, die wenigen Gäste des heruntergekommenen Etablissements halten voneinander Abstand, scheinen sich nicht zu kennen, oder nicht kennen zu wollen. Jeder bleibt für sich, in sein Getränk vertieft. Niemand beachtet die 3D-Porno-Hologramme, die auf schmalen Lichtbühnen für Stimmung sorgen sollen. Die quietschbunten Simulationen haben ihre besten Jahre schon lange hinter sich und flimmern manchmal grünlich, wenn das grelle Licht der tanzenden Scheinwerfer auf sie trifft. Die dargebotenen Fick-Shows verkommen dadurch zu unästhetisch abgehackten Animationen. Auch die Spielautomaten, die eng aneinandergereiht an den Wänden der Bar stehen, wirken altbacken und sind von einer dicken Staubschicht überzogen. „Nett habt ihr es hier.“ stellt Chara trocken fest. Der Ardaneer lacht gekünstelt. „Ein Hafen ist ein Hafen, Liebes.“ erwidert er, dann führt er die Frau zu den beiden Menschen, die am Tresen warten. „Wenn ich vorstellen darf, das ist Pia-Pia, sie ist seit über vier Jahren für die Technik an Bord der Mary Read verantwortlich. Und dieser nette junge Mann hier ist Schwarze Mamba, er ist unser Pilot. Nenne ihm den Ort und er findet einen Weg. Ich selbst höre auf den klingenden Namen Weber. Wenn du Fragen oder Wünsche hast, wende dich getrost an mich. Ich bin der Concierge.“ Chara nickt abwesend, sie mustert den dicklichen Jungen von Kopf bis Fuß, der ihr soeben als Pilot vorgestellt wurde. „Du bist Schwarze Mamba?“ fragt sie mit weicher Stimme. „Ja. Warum fragst du?“ erwidert der rothaarige Teenager, dessen Gesicht nur aus Sommersprossen zu bestehen scheint. „Ach, nur so ein Gedanke.“ wiegelt Chara ab. Sie wendet sich der vollbusigen Bordtechnikerin zu und beginnt ihr ungeniert in den tiefen Ausschnitt zu starren. „Wo ist Balquand?“ Chara richtet die Frage an Weber, doch sie lässt Pia-Pias überquellendes Dekolleté dabei nicht aus den Augen. „Er wird bald zu uns stoßen.“ versichert der Ardaneer. „Vielleicht trinken wir bis dahin noch eine Kleinigkeit?“ schlägt Schwarze Mamba in hoffnungsvollem Ton vor. „Gerne.“ „Was darf dir bestellen?“ fragt Pia-Pia, die Charas begehrliche Blicke mit einem füchsischen Grinsen beantwortet. Sie deutet geziert auf ein Display, das in den nachlässig polierten Tresen eingelassen ist. „Überrasche mich einfach.“ Chara lässt sich zu einem kleinen Zwinkern hinreißen. „Das würde ich Ihnen nicht empfehlen.“ erklingt eine freundliche Stimme in ihrem Rücken. Chara bleibt gelassen, nichts ändert sich an ihrer entspannten Körperhaltung. Lächelnd dreht sie sich zu dem unscheinbaren Mann mit Halbglatze um, der plötzlich hinter der Gruppe aufgetaucht ist. Webers Gesicht beginnt in hektischen Farben zu leuchten. Er drängelt an den anderen vorbei zum Kapitän. „Wenn es mir bitte möglich wäre… Danke.“ Mit herausgestreckter Brust baut er sich zwischen Chara und dem Kapitän auf. „Wegweiserin, es ist mir eine unermessliche Freude, dir unseren geliebten Anführer vorzustellen.“ Weber verbeugt sich umständlich, seine Gesichtsfarbe passt sich respektvoll der dunkelblauen Uniform des Kapitäns an. „Den unvergleichlichen Monsieur Balquand. Kapitän der legendären Mary Read, Schrecken der Planetaren Republik, Geißel der Galaxis.“ „Sie übertreiben, mein alter Freund, Sie übertreiben maßlos.“ Balquand rollt entschuldigend mit den Augen und reicht Chara die Hand zum Brudergruß. „Willkommen, Wegweiserin Chara. Lassen Sie lieber die Finger von den Drinks, die Ihnen Pia-Pia spendieren möchte und lassen Sie sie auch von meinem Personal.“ Er lächelt kameradschaftlich, doch etwas in seinen Augen bleibt dabei sehr ernst. Chara erwidert den Brudergruß und neigt den Kopf in einer devoten Geste. „Verstanden, Sir. Danke, dass ich dabei sein darf.“ „Ausgezeichnet. Nun, wir sind komplett. Lasst uns an Bord gehen.“ Die Besatzungsmitglieder folgen dem Kapitän aus der schummrigen Nackt-Bar. Vor der Tür wartet Little Dove auf die Gruppe, er lehnt bequem neben einer klapprigen Imbissbude und verschlingt frittierte Bananen am Spieß. Ein emsiger Quebellianer, der die Imbissbude betreibt und stark einem flauschig gebürsteten Erdhörnchen ähnelt, reicht ständig neue Spieße nach und grinst dabei glücklich wie eine Ratte in der Schinkenkammer. Ein Haufen leergegessener Holzstäbchen zu Little Doves Füßen zeugt vom außerordentlichen Appetit des Riesen. „Da seid ihr ja.“ schnauft er mit vollem Mund.

Zwei Wochen später…
In der zweckmäßig eingerichteten Schiffskantine der Mary Read sitzen sich Chara, Schwarze Mamba und Little Dove an einem silbergrauen Metalltisch gegenüber und spielen Karten. Das Spiel ist simpel und um es etwas interessanter zu gestalten, wird um die unbeliebten Spätschichten im Observationsraum gespielt. Da Little Dove hinlänglich damit beschäftigt ist, die ausgeteilten Karten in seinen Händen zu sortieren, betrügen Chara und Schwarze Mamba nach Herzenslust. Der vierarmige Hühne runzelt ärgerlich die Stirn, als er zum wiederholten Mal verliert. „Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.“ knurrt er gereizt. Seine kleinen Augen wandern misstrauisch zwischen dem jungen Piloten und der hageren Wegweiserin hin und her, die beide aussehen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. „Manchmal hat man einfach einen schlechten Tag.“ tröstet Chara hinterfotzig. Sie tauscht einen schnellen Seitenblick mit Schwarze Mamba und sammelt lächelnd die Karten ein. „Noch eine Runde?“ fragt sie mit unschuldigem Augenaufschlag und winkt einen Bordsklaven heran, um neue Getränke zu bestellen. Ein schrilles Signal aus dem Lautsprecher unterbricht das gesellige Beisammensein. „Wir sind durch!“ Schwarze Mamba schnellt aus seinem Sessel und verlässt die Kantine im Laufschritt. Chara bleibt entspannt sitzen und beobachtet Little Dove, der konzentriert eine grüne Olive aus seinem Getränk fischt. „Heute ist unser Glückstag, mein Täubchen.“ murmelt sie leise. „Hm?“ fragt Little Dove kauend. „Ach, nichts. Wir sehen uns später.“ Chara steht auf und tätschelt zum Abschied liebevoll den Kartenstapel.
„Haben wir Sichtkontakt?“ Selbstsicher betritt sie die Brücke und wendet sich direkt an Weber, der im Kommandostuhl sitzt und dessen dunkelrote Farbe angenommen hat. „Positiv.“ bestätigt der Ardaneer. „Wurde Balquand informiert?“ „Er wartet in seinem Raum.“ Chara durchquert die Brücke und klopft höflich an die Tür zum Raum des Kapitäns. „Herein.“ Balquand sitzt an einem massiven Schreibtisch aus Walnussholz, der fast unter dem Durcheinander aus Karten, Ordnern und Büchern verschwindet, das der Kapitän über ihm ausgebreitet hat. Er blickt von seinen Aufzeichnungen hoch, als Chara mit einem respektvollen Nicken bei der Tür hereinkommt. „Ah, Chara. Schön, dass Sie es noch einrichten konnten.“ Die Wegweiserin wirft einen giftigen Blick zu Schwarze Mamba, der lässig in einem Stuhl lümmelt und unverhohlen grinst. Wortlos nimmt sie Platz und wartet ab. „Wir haben uns gerade über den Hive unterhalten.“ Balquand wendet sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. „Das Asteroiden-Labyrinth war, dank Ihrer kompetenten Hilfe, keine große Schwierigkeit für uns. Doch in den Hive zu kommen stellt eine ganz andere Herausforderung dar. Wir haben erste Bilder.“ Der Kapitän winkt und ein Bordsklave reicht Chara einen Ordner vom Schreibtisch. Die Wegweiserin studiert eingehend die verschwommenen Aufnahmen. Ihre strengen Gesichtszüge verraten nichts über ihre Gedanken. „Hm.“ macht sie nach einer ganzen Weile. Balquand runzelt die Stirn, lehnt sich in seinem ledergepolsterten Sessel zurück und wartet auf eine weitere Reaktion. „Er sieht anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte.“ Der Kapitän seufzt. „Ihrer Beschreibung nach handelt es sich um ein kleines Nest, maximal achtzig Individuen. Doch der Hive, den ich auf diesen Bildern sehe, bietet Platz für mindestens fünfhundert Tiere. Ich habe noch nie von einem so großen Hive gehört.“ „Am Risiko ändert sich wenig.“ hält Chara dagegen, energisch reckt sie das ausgeprägte Kinn vor. „Bei einem Hive dieser Größe stehen wahrscheinlich mehrere Ein- und Ausgänge zur Verfügung. Das müssen wir bedenken, bevor wir das Schwärmen der Jungköniginnen auslösen. Die Struktur im Inneren eines großen Hives ist aber genauso spiralförmig angelegt, wie es bei einem kleineren Nest der Fall ist. Für die Navigation des Piloten ändert sich also rein gar nichts. Alle Wege führen irgendwann zur Königin, es dauert nur ein wenig länger. Und Kapitän, es ist nicht von Belang, wie viele Individuen sich im Hive befinden. Wenn wir die Verhaltensregeln befolgen, die ich für unseren Einsatz erarbeitet habe, sind wir in relativer Sicherheit.“ Chara unterbricht ihre Rede und denkt kurz nach. „Und sollten uns die Wächterinnen vorher enttarnen, sind wir tot.“ fügt sie bitter hinzu. Balquand ist ihrer Erläuterung aufmerksam gefolgt. Nachdenklich reibt er über seine Augenbrauen. „Sie scheinen über ein hohes Maß an Zuversicht zu verfügen.“ „Es ist nicht mein erster Raid dieser Art, Kapitän Balquand.“ „Wie viele Besatzungsmitglieder gingen bei Ihrem letzten Hive-Raid zugrunde, Wegweiserin?“ Die Frage trifft Chara unvorbereitet, sie reagiert kurz irritiert, fängt sich aber schnell wieder. „Vier, Kapitän. Aber…“ „Von wie vielen Besatzungsmitgliedern?“ unterbricht Balquand ihren Erklärungsversuch. „Acht, Kapitän.“ Die Wegsucherin blickt verstimmt zu Boden. „Erfahrungswerte, hm?“ ätzt Schwarze Mamba, doch Balquand und Chara ignorieren ihn und so verstummt er enttäuscht. Der Kapitän misst die Wegsucherin mit einem strengen Blick, sein Räuspern beendet das unangenehme Schweigen. „Bis auf Weiteres halten wir uns am Rand des Labyrinths verborgen. Chara, bereiten Sie die Mannschaft auf den Eintritt in den Hive vor. Ich möchte, dass auch die Sklaven in den Verhaltensregen geschult werden. Mamba, trainieren Sie die Flugmanöver, die ich Ihnen aufgezeichnet habe. Informieren Sie Pia-Pia und Little Dove, dass ich sie sehen möchte.“ Mit einer knappen Geste löst Balquand die Besprechung auf.

„Wiederhole es.“
„Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen. Das Gift in den Behälter abpumpen, bis beide Drüsen leer sind. Die Flüssigkeit darf nicht mit dem Weltraum in Kontakt kommen. Den Stachel mit dem Laser versiegeln. Die Biene betäuben, sichern und im Frachtraum bergen.“
„Gut. Noch einmal.“
„Ist das wirklich nötig, Chara?“
„Ja, ist es Pia. Also?“
„Okay. Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen. Das Gift in den Behälter abpumpen,…“
„Seid ihr immer noch hier?“ Weber betritt den kleinen Shuttlehangar. Seine Gesichtsfarbe spiegelt seine Nervosität wider, der Concierge schimmert in einem kränklichen Blassgelb. „Wir gehen den Ablauf noch einmal durch.“ Chara steht mit verschränkten Armen vor Pia-Pia und Little Dove, der in einem gepanzerten Raumanzug steckt und still vor sich hin schwitzt. Schwarze Mamba lehnt betont gelangweilt am Eingang des Shuttles und gibt sich tiefenentspannt, doch die Schatten unter seinen Augen verraten, dass er in der letzten Nacht schlecht geschlafen hat. „Der Kapitän hat das Signal zum Aufbruch gegeben. Die Zeit läuft.“ Weber fuchtelt hektisch mit den Armen. „Ja, ja, ist schon gut.“ winkt Chara ab, die anderen verschwinden wortlos im Shuttle. Pia-Pia wirft Chara einen heimlichen Kuss zu, bevor sie das Shuttle betritt und die Luke schließt. Die Wegweiserin lässt ein kurzes Lächeln aufblitzen, dann folgt sie Weber aus dem Hangar. Angespannt beobachtet sie den Shuttlestart hinter einem Sichtfenster, dann folgt sie dem Ardaneer zur Brücke. „Start erfolgreich. Geschätzter Kontakt in Achtzehn Minuten.“ meldet Kapitän Balquand über Lautsprecher. Chara beschleunigt ihre Schritte.
Auf der Brücke herrscht rege Betriebsamkeit, trotzdem ist es beinah gespenstisch still. Die Bordsklaven sind perfekt aufeinander eingestimmt und erledigen ihre Aufgaben, ohne zu sprechen. Kapitän Balquand sitzt in seinem Kommandostuhl und verfolgt aufmerksam die Bilder, die das Shuttle an den Empfänger der Mary Read sendet. „Geschätzter Kontakt in Siebzehn Minuten.“ informiert er Weber und Chara, die unverzüglich ihre Plätze einnehmen. „Little Dove soll die Pheromone bereitmachen.“ befielt der Kapitän. Chara gibt die Anweisung an das Außenteam im Shuttle weiter. „Pheromone bereit.“ meldet sie nach einer halben Minute. „Gut, er soll aussteigen.“
Im Laderaum des kleinen Shuttles nestelt Little Dove in der Schwerelosigkeit an seinem Raumanzug. Die schwere Panzerung behindert seinen Bewegungsspielraum und er justiert noch einmal die drei dicken Platten, die seine empfindlichen Eingeweide vor einem Bienenstich schützen sollen. Mit einem zufriedenen Grunzen betätigt er den Knopf für das Helmvisier, dann lässt er sich in die Ausstiegsluke gleiten und verlässt den Laderaum. Pia-Pia beobachtet seine Bewegungen über die integrierte Helmkamera. Sie überwacht Little Doves Zustand im winzigen Kommandoraum des Shuttles und leitet das Gesehene an die Besatzung der Mary Read weiter. „Der Vogel ist ausgestiegen.“ meldet sie mit ernster Stimme. „Gut, Pheromone bereithalten.“ antwortet Chara von Bord der Mary Read. „Bestätigt.“ Die Bordtechnikerin ruft Schwarze Mamba im Cockpit. „Wie weit sind wir von der Wolke entfernt?“ „Kontakt in schätzungsweise Acht Minuten.“ „Hast du ein Bild für mich?“ „Klar.“ Der junge Pilot sendet der Technikerin ein Bild der funkelnden Gaswolke. „Wow.“ macht Pia-Pia.

Die kompakten Gaswolken, die sich in den gigantischen Asteroidenfeldern der Weltraum-Schutzzone bilden, stellen die Lebensgrundlage der Unmöglichen Bienen dar. Die, im Weltraum lebenden Insekten sammeln mit einem speziellen Organ die Edelgase aus den Wolken und wandeln sie in einem separaten Gas-Magen zu einem verdaulichen Nahrungsbrei, den sie an die Larven in ihrem Hive verfüttern. Dieser Vorgang ist einzigartig im Universum und trug den Unmöglichen Bienen ihren außergewöhnlichen Namen ein. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die scheuen Weltrauminsekten, da sie in den letzten hundert Jahren fast an den Rand der Ausrottung gedrängt wurden. Ein spezielles Sekret, das junge Königinnen während ihres Jungfernfluges absondern, stellt einen begehrten Rohstoff zur Herstellung einer, den Alterungsprozess verzögernden Droge dar. Unzählige Bienenvölker wurden ausgelöscht, um dieses wertvolle Sekret zu ernten. Erst seit die Unmöglichen Bienen von der Planetaren Republik unter strengen Schutz gestellt wurden, erholt sich ihr Bestand langsam. Doch trotz drakonischer Strafen wagen sich immer wieder Gruppen von Raidern in die Schutzzone, um ihr Glück zu versuchen und schnellen Reichtum zu finden.
Jene spezielle Gaswolke, die das kleine Shuttle der Mary Read gerade ansteuert, wurde in den vergangenen Tagen von vielen Arbeiterinnen des Bienenvolkes besucht und ist nun fast abgeerntet. Nur noch vereinzelt fliegen Insekten die rosa glitzernde Wolke an. Schwarze Mamba bringt das Shuttle hinter einem Asteroiden in Position und meldet sich bei Pia-Pia. „Wir sind da.“ „Verstanden.“ Die Bordtechnikerin stellt den Kontakt zu Little Dove her. „Du kannst starten.“ „Bin unterwegs.“ Little Doves Helmkamera zeigt, wie er sich geschickt von einer Halterung am Shuttle löst und die Steuerungsdüsen seines Anzugs aktiviert. Angespannt verfolgt Pia-Pia, wie er sich der Wolke nähert. „Köder ist in Position.“ meldet sie an Schwarze Mamba und die Kommandozentrale. „Ausgezeichnet.“ antwortet Chara in Balquands Namen. „Pheromone freisetzen.“ Die Bordtechnikerin stellt wieder eine Verbindung zu Little Dove her. „Setz die Pheromone frei.“ gibt sie den Befehl weiter. „Okay.“ Little Dove sprüht einen künstlichen Pheromoncocktail in den Weltraum. „Ist erledigt.“ „Verstanden.“
Als sich eine Arbeiterin der Wolke nähert, verständigt Little Dove das Shuttle. „Biene im Anflug. Ich starte Tanzmanöver.“ „Viel Glück.“ antwortet Pia-Pia. Little Dove fliegt in Achterschleifen vor der Wolke und versucht die Arbeiterin durch einen grotesken Tanz auf sich aufmerksam zu machen. Seine Bemühungen sind unnötig, die Biene hat die freigesetzten Pheromone längst wahrgenommen und schießt lautlos durch das All auf ihn zu. „Kontakt! Kontakt!“ schreit Little Dove und fliegt, so schnell er kann, zurück zum Shuttle, die Biene folgt ihm dichtauf. „Verstanden!“ schreit Pia-Pia, die sich von seiner Aufregung anstecken lässt. „Kontakt!“ ruft sie zur Kommandozentrale der Mary Read, dann unterbricht sie die Verbindung, um sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. „ Greifarme raus, Hinterleib fassen, Stachel greifen.“ murmelt sie leise. Hochkonzentriert folgt sie Little Doves Bewegungen. Sie justiert die Greifarme, die am Kopf des kleinen Shuttles befestigt sind und atmet hörbar aus. Als Little Dove in rasantem Tempo um das Shuttle herumfliegt, fasst Pia-Pia entschlossen nach dem Hinterleib des vorbeischießenden Insekts. „Scheiße!“ Die Greifarme haben das Ziel verfehlt. Pia-Pia stellt einen Kontakt zu Little Dove her. „Sie ist zu schnell, ich kann sie nicht greifen, du muss langsamer werden!“ „Bist du verrückt, dann fängt mich das Mistvieh!“ „Wir haben keine andere Möglichkeit!“ Little Dove setzt zu einer engen Kurve an, um die Verfolgungsjagd abzubremsen. Als er erneut an den Greifarmen vorbeifliegt, ist er langsam genug, um den riesigen Schatten seiner Verfolgerin auf der Außenhaut des Shuttles erkennen zu können. Er bremst weiter ab, um die Biene in eine gute Position zu bringen und fliegt ungewisse Sekunden dahin, in denen er nur das hektische Geräusch seinen Atems hört und unbewusst auf einen scharfen Schmerz wartet. „Ja!“ schreit Pia-Pia plötzlich. Little Dove zuckt erschrocken zusammen, er fliegt ein Wendemanöver und kehrt zu den Greifarmen zurück. Das, über drei Meter große Insekt windet sich in der stählernen Umklammerung, sein ausgefahrener Stachel steckt tief in einem sackartigen Auffangbehälter und pumpt Gift. „Die erste Drüse ist fast leer.“ meldet Little Dove. Gebannt beobachtet er den Freiheitskampf der Biene. Das blauschwarz schimmernde Tier stemmt seine kräftigen Vorderbeine gegen die Greifarme und schlägt heftig mit den schillernden Flügeln. Sein Stachel pumpt wild. „Die zweite Drüse ist leer.“ meldet Little Dove nach einer Weile. „Sicher?“ „Ganz sicher.“ bestätigt er. Der Auffangbehälter wird zurückgezogen, ein spezieller Laserarm nähert sich dem fixierten Stachel der gefangenen Arbeiterin. Little Dove hat das unbestimmte Gefühl, dass sie ihn vorwurfsvoll mit ihren riesigen Facettenaugen anstarrt. Beschämt wendet er sich ab, als der Laserstrahl ihren Stachel verödet. Zur Ablenkung sucht er den Weltraum nach anderen Arbeiterinnen ab, die dem Raid gefährlich werden könnten. „Wirkt das Betäubungsmittel?“ fragt Pia-Pia aufgeregt. Little Dove schielt vorsichtig zurück zur Unmöglichen Biene. Das mächtige Insekt bewegt sich nicht mehr, seine Beine treiben schwerelos im Raum. „Das Bienchen ist im Traumland.“ „Ja!“ Pia-Pia springt im Kontrollraum von ihrem Stuhl. „Du bist fantastisch!“ versichert sie sich selbst triumphierend.

„Ganz schön hässlich, das Viech.“
„Selber hässlich, du Hornochse.“
„Musst nicht immer gleich persönlich werden.“
Schwarze Mamba zieht einen beleidigten Schmollmund. Sein jugendliches Gesicht legt sich in tiefe Falten. Pia-Pia ignoriert seine Grimasse und starrt weiter fasziniert auf die Unmögliche Biene, die betäubt und fixiert in einem riesigen Glastank ruht. „Sie ist unfassbar schön.“ flüstert die Technikerin andächtig. „Sind die Kollektoren bereit?“ fragt Kapitän Balquand aus dem Hintergrund. Er hält Abstand zum Tank und behält das betäubte Insekt genau im Auge. „Jawohl, Kapitän.“ bestätigt Chara, die einige Werte auf einer Konsole überprüft. „Gut. Wecken Sie sie auf.“ Ein schriller Warnton erklingt und Nebel flutet mit lautem Zischen den Glastank. „Ganz toll, jetzt können wir nichts mehr sehen.“ ätzt Schwarze Mamba. „Mach den Kopf zu.“ zischt Pia-Pia. Im Glastank zuckt die Biene mit den Flügeln. Die Prozedur, die nun folgt ist grausam und wird auf allen Planeten der Republik geächtet. Die gefangene Biene wird mit starken Stromstößen traktiert, um eine chemische Reaktion in ihrem Körper auszulösen. Das gepeinigte Tier produziert ein starkes Pheromon, das ihre Schwestern aus dem Hive auffordert, ihren verletzten Körper zu bergen. Der Duftstoff ist um ein vielfaches reiner als das künstliche Pheromon, das Little Dove bei der Entführung der Biene eingesetzt hat und seine Zusammensetzung entspricht exakt der Geruchsbotschaft des Hives. Die Stromstöße lösen auch den Stichreflex der Biene aus, die jedoch kein Gift mehr durch ihren versiegelten Stachel entlassen kann. In der Folge schwellen ihre immer produzierenden Giftdrüsen stark an und entleeren sich schließlich in das Körperinnere, woraufhin das Insekt qualvoll verendet. „Das ist ja fürchterlich.“ kommentiert Little Dove den langen Todeskampf der Biene. „Es ist nötig.“ bemerkt der Kapitän pragmatisch und Chara nickt bestätigend. Erst als der Kadaver vernichtet werden soll, wendet sich Balquand wieder an seine Besatzung. „Ihr habt heute gute Arbeit geleistet. Dieser Raid war ein wichtiger Teilerfolg für unsere Unternehmung. Doch es liegt noch ein langer Weg vor uns, also vergesst nicht, warum wir hier sind.“ Balquand gibt den Befehl zur Vernichtung und starrt unbewegt in die lodernden Flammen, die den toten Bienenkörper verzehren.

„Sind die Pheromonduschen bereit?“
„Ja, Kapitän.“
„Gut. Wie sieht es bei Ihnen aus, Mamba?“
„Bereit, Kapitän.“
„Ausgezeichnet, mein Junge. Wir legen los.“
Schwarze Mamba starrt konzentriert auf den großen Navigationsmonitor. Seine Hände liegen locker auf dem Steuerknüppel und nur einem aufmerksamen Beobachter könnte auffallen, dass sie ein klein wenig zittern. „Ganz langsam.“ befielt der Kapitän, der sich auf dem Kommandostuhl nach vorn gebeugt hat und jeder Bewegung des jungen Piloten folgt. „Arbeiterinnen gesichtet.“ meldet Weber von seinem Beobachtungsposten. „Pheromone freisetzen.“ „Verstanden, Kapitän.“ Chara gibt die Anweisung an Pia-Pia im Maschinenraum weiter. Kleine Düsen, die an der Außenhaut der Mary Read installiert sind, verteilen den duftenden Hilferuf der toten Arbeiterin im Weltraum. Es dauert nur wenige Minuten und aus einer Gaswolke lösen sich sechs Arbeiterinnen. Auf den Monitoren kann man beobachten, wie schnell die Bienen dem Raumschiff näher kommen. „Vorsichtig jetzt.“ mahnt Balquand. Schwarze Mamba beginnt ein kompliziertes Flugmanöver. Der Tanz, den er den näher kommenden Insekten präsentiert, muss perfekt sein, damit sie die Mary Read als eine verletzte Schwester des Hives anerkennen. „Kontakt.“ meldet Chara. Die sechs Unmöglichen Bienen fliegen in immer enger werdenden Kreisen um das tanzende Raumschiff herum. Es scheint ihnen schwerzufallen, das riesige Objekt als eine Schwester zu akzeptieren, obwohl es riecht und sich bewegt, als ob es zu ihnen gehörte. „Noch mehr Pheromone.“ befielt Balquand. „Kapitän, wenn wir es mit den Pheromonen übertreiben, könnten wir einen Schutzreflex auslösen. Wenn die Gefahrenquelle zu groß ist, opfern sich die Bienen für das Wohl des Volkes, die Arbeiterinnen könnten uns zurücklassen. Ich rate dringend davon ab, mehr Duftstoffe freizusetzen.“ Chara hat sehr schnell gesprochen, sie sieht Balquand eindringlich an. Der Kapitän nickt verstehend. „Befehl zurückgezogen.“ „Ich glaube, sie haben den Köder geschluckt.“ meldet Weber plötzlich aufgeregt. Die Bilder auf seinem Beobachtungsmonitor zeigen, wie die Arbeiterinnen auf dem Raumschiff landen und mit langen Zungen dessen Oberfläche ablecken. „Was, zum Teufel, machen die da?“ fragt Schwarze Mamba irritiert, während er weiterhin die Tanzmanöver ausführt. „Sie leisten Erste Hilfe. Bei einer echten Arbeiterin würde der Speichel schmerzstillend wirken und die Wundheilung aktivieren.“ erklärt Chara mit gereiztem Unterton in der Stimme. „Hast du bei der Schulung gepennt?“ setzt sie spitz hinzu. „Ich bin Pilot, kein verdammter Biologe.“ hält Schwarze Mamba dagegen. „Konzentration. Bitte.“ fährt Kapitän Balquand mahnend dazwischen. Eine unangenehme Stille breitet sich auf der Brücke aus, in der man das Kratzen von Insektenbeinen an der Außenhülle hören kann. Nach einigen Minuten läuft ein Ruck durch das Raumschiff, die Bienen umklammern Teile des Schiffes und schlagen kräftig mit den Flügeln. „Wir können das Tanzmanöver jetzt beenden.“ sagt Chara. „Bestätige.“ brummt Balquand. Schwarze Mamba seufzt erleichtert und lässt das Steuer los. Die Arbeiterinnen beginnen damit, die Mary Read in Richtung Hive zu schleppen. „Helfen Sie ein wenig mit, Pilot. Sonst kommen wir nie an.“ „Jawohl, Kapitän. Aktiviere Antrieb.“ „Schön langsam, mein Junge.“ Erneut legt sich eine tiefe Stille über die Kommandozentrale. „Wächterin im Anflug.“ meldet Weber, doch niemand antwortet ihm. Alle starren gebannt auf die Monitore und das mächtige Insekt, das auf die Mary Read zusteuert. „Unfassbar.“ haucht Weber, dessen Haut ganz durchsichtig geworden ist. Die Wächterin, die sich mit hoher Geschwindigkeit dem Raumschiff nähert, ist deutlich größer als ihre Arbeiterinnen-Schwestern. Das gewaltige, nachtschwarze Tier verfügt über kräftige Beißwerkzeuge und massive, dolchartige Fortsätze an den starken Vorderbeinen. „Ihr Stachel könnte durch die Außenhaut des Schiffes dringen, wie durch Butter.“ flüstert Chara. „Danke für die Information.“ Schwarze Mamba versucht ätzend zu klingen, doch seine Stimme überschlägt sich kläglich. „Langsam jetzt.“ „Ja, Kapitän.“ Der junge Pilot drosselt die Geschwindigkeit und starrt gebannt auf seinen Navigationsmonitor. „Kontakt.“ melden Chara und Weber gleichzeitig. Die Monitore zeigen, wie die Wächterin in einem engen Bogen um das Raumschiff und die Arbeiterinnen fliegt und dann direkt auf die Sendeplattform der Mary Read zusteuert. „Nimmt sie irgendwelche Signale wahr? Senden wir etwas?“ fragt Kapitän Balquand angespannt. „Nichts, Kapitän.“ versichert Weber. Das Raumschiff erzittert, als die gewaltige Biene landet. „Oh Scheiße, oh Scheiße, oh Scheiße.“ flüstert Schwarze Mamba. „Ganz ruhig, Pilot. Chara, informieren Sie Little Dove. Er soll eine Fette Judy bereitmachen. Nur für den Notfall.“ „Jawohl, Kapitän.“ Chara stellt eine Verbindung zum Waffenraum her. „Was treibt das Viech da draußen?“ fragt Schwarze Mamba. Er klingt immer noch nervös. „Ich habe keine Ahnung.“ haucht Weber, der die Wächterin nicht aus den Augen gelassen hat. Das Insekt läuft mit pendelnden Kopfbewegungen um die Sendeplattform herum. „Sie prüft unseren Geschmack. Wenn die Pheromone richtig abgestimmt sind, wird sie uns markieren und andere Arbeiterinnen rufen, die uns in den Hive bringen.“ erklärt Chara. „Da passiert etwas!“ meldet Weber aufgeregt und deutet auf den Bildschirm. Die Wächterin versprüht ein weißliches Sekret über die Sendeplattform. Dann hebt sie gemächlich ab und fliegt, in Begleitung der sechs Arbeiterinnen, zurück zum Hive. „Fallen freisetzen.“ zischt Balquand mit rauer Stimme. Chara gibt seinen Befehl an die Bordtechnikerin weiter. „Fallen freigesetzt.“ meldet Pia-Pia nach wenigen Sekunden. Dutzende Flugkörper starten aus dem Bauch des Raumschiffes und verteilen sich im Weltraum. Die fliegenden Insektenfallen wurden mit dem Pheromon des Hives besprüht und sind mit einer einfachen KI ausgestattet, die es den Maschinen erlaubt, selbstständig ein Ausflugsloch des Hives anzusteuern, eine Jungkönigin einzufangen und zurück zum Schiff zu bringen. „Die Fallen sind unterwegs.“ berichtet Chara dem Kapitän. „Ausgezeichnet.“ „Arbeiterinnen im Anflug!“ Weber hat wieder etwas Farbe im Gesicht, seine Wangen leuchten in einem matten Hellblau und verleihen ihm ein geisterhaftes Aussehen. „Bei allen Göttern.“ seufzt Chara erleichtert.
Angespannte Minuten vergehen, in denen die Unmöglichen Bienen das Schiff umkreisen und seine Außenhaut belecken, um es dann endlich weiter zum Hive zu schleppen. Als die Arbeiterinnen das Raumschiff in einen schmalen Eingang ziehen, geht ein Raunen durch die Kommandozentrale der Mary Read. Der Anblick einer einzelnen Wächterin kann einem mutigen Mann gewaltige Furcht einflößen, wenn sich aber dreißig dieser Kampf-Bienen an den Wänden eines engen Durchlasses tummeln, gibt es keine Begriffe mehr um die Angst in Worte zu fassen, die ein jedes Wesen ergreift, das sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Ein tiefes Summen erfüllt die Brücke, das Geräusch ist allgegenwärtig und baut sich immer mehr auf. „Es geht los. Wir brauchen jetzt die Ohrschützer.“ wendet sich Chara an den Kapitän. Balquand bestätigt ihre Anweisung. Mannschaft und Sklaven legen Gehörschützer an. „Teste Sprechfunk.“ verkündet Chara durch das eingebaute Mikrofon. Die Besatzungsmitglieder bestätigen ihre Testmeldung. „Sprechfunk stabil.“ meldet Chara dem Kapitän. Balquand nickt zufrieden.

„Das ist einfach widerlich.“ Schwarze Mamba sitzt stocksteif im Pilotensessel und starrt angeekelt auf seinen Monitor. Das Bild zeigt eine dichte Masse von Bienen, die kreuz und quer in den Gängen des Hives und auf der Mary Read herumkrabbeln. „Ich finde es grandios.“ versetzt Weber, der fasziniert auf seinen Monitor starrt. „Sei es, wie es ist. Wir müssen weiter.“ Kapitän Balquand hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. „Chara, lotsen Sie uns jetzt zur Königinnenkammer.“ „Verstanden, Kapitän.“ Die Wegweiserin verlässt ihren Posten und nimmt einen Platz neben dem Pilotensessel ein. Mit ruhiger Stimme dirigiert sie Schwarze Mamba durch die gewundenen Gänge des Hives. „Du machst das ganz prima.“ lobt sie den Teenager, um seine Nervosität zu mildern. „Ja, ja. Ich weiß, ich weiß.“ wiegelt Schwarze Mamba gereizt ab. Die Konzentration steht im ins sommersprossige Gesicht geschrieben. Unbewusst nimmt er eine Hand vom Steuer und greift nach seinem Gehörschutz, um sich darunter zu kratzen. Chara hindert ihn sanft daran. „Wenn du die Dinger jetzt von den Ohren nimmst, bist du in weniger als drei Sekunden paralysiert. Fünf Sekunden später explodiert dein Gehirn. Das ist kein Witz.“ „Entschuldigung.“ murmelt Schwarze Mamba kleinlaut. „Geschätzte Ankunftszeit in der Königinnenkammer?“ fragt Balquand drängend. „Wir haben soeben die Futterspeicher passiert.“ überlegt Chara laut. „Wir müssen durch die Larvenkammern und an den Brutlagern vorbei, dann sind wir durch. Maximal dreißig Minuten.“ „Wann werden wir die Königin spüren?“ Chara dreht sich zum Kapitän um und fängt seinen besorgten Blick auf. „Ich kann nur eine Schätzung abgeben. Aber ich denke, spätestens ab den Brutlagern werden wir sie wahrnehmen können. Sensible Personen schon früher.“ „In Ordnung. Fahren Sie fort.“
Im Waffenraum der Mary Read lehnt Little Dove an dem scharfen Torpedo, das er für den Notfall einsatzbereit gemacht hat. Mit einem entrückten Lächeln auf seinem breiten Gesicht schmiegt er sich an das blanke Metall des Torpedos, seine Nebenarme massieren zärtlich die Schultern seiner Hauptarme und streicheln wohltuend über seinen verspannten Stiernacken. Little Dove weiß es nicht, doch die beinah schmerzhafte Zuneigung, die er für sich und seine Umgebung empfindet, ist ein Signal, das von der Königin ausgesandt wird. Je näher die Mary Read der Königinnenkammer kommt, desto stärker wird das Signal der unbändigen Liebe, das die Bienenkönigin für ihre Töchter aussendet.

„Wir fliegen in die Brutanlagen ein.“ meldet Weber, sanfte Pastelltöne pulsieren über sein dümmliche lächelndes Gesicht. „Verstanden, mein Lieber.“ Die Stimme des Kapitäns klingt seidenweich. „Das Signal der Königin, könnt ihr es fühlen?“ fragt Chara mit verträumter Stimme. „Ich weiß nicht genau.“ flüstert Schwarze Mamba, in dessen Augen Tränen glitzern. Chara versucht sich aus der melancholisch süßen Lethargie zu reißen, die schleichend von ihr Besitz ergreift. „Ihr Signal ist außergewöhnlich stark. Es könnte zu schweren Konzentrationsstörungen, Halluzinationen und Verhaltensänderungen kommen. Wir müssen das Störsignal verstärken.“ „Einverstanden.“ murmelt Balquand. „Wir müssen sie sofort töten, wenn wir in der Kammer sind. Dann ist dieses Zauberstück ganz schnell vorbei.“ Der Kapitän nickt geistesabwesend. „Brücke ruft Bordtechnik, ist alles in Ordnung bei dir?“ „Alles wundervoll.“ antwortet Pia-Pia, ihre Stimme klingt merkwürdig hohl. „Wundervoll.“ echot Chara und weiß nicht genau, warum sie der Technikerin nicht glaubt. „Setze Störsignal auf Maximum.“ ist alles, was sie zu sagen weiß. „Verstanden.“ antwortet Pia-Pia monoton und beendet die Verbindung. Eine bleischwere Traurigkeit hat vom Herzen der jungen Frau Besitz ergriffen, trübsinnig starrt sie auf die blinkenden Anzeigen, ohne sie wahrzunehmen. Pia-Pia hebt die rechte Hand, um den Regler für das Störsignal zu justieren, runzelt dann unwillig die Stirn und lässt sie wieder sinken.
„Brücke ruft Waffenraum, sind die Harpunen bereit?“ Durch die Funkverbindung dringt leiser Gesang an Charas Ohren. „Waffenraum, hörst du mich? Melde dich, kleines Täubchen.“ Chara lauscht angestrengt durch die Kopfhörer, doch nur der leise Gesang antwortet ihr. „Ich habe den Kontakt zum Waffenraum verloren.“ meldet sie dem Kapitän. Balquand schreckt aus seinen Gedanken hoch und sieht sich kurz verwirrt in der Kommandozentrale um. „Weber, sehen Sie bitte nach, was da los ist.“ Der Kapitän schenkt seinem Concierge ein huldvolles Lächeln. „Mit Vergnügen, Ehrenwerter.“ Weber verlässt die Kommandozentrale mit schwingenden Armen. Auf dem Weg zum Waffenraum beginnt er eine kleine Melodie zu summen.

„Ist das die Königin?“ Die Stimme des Piloten klingt aus weiter Entfernung an Charas Ohren. Mühsam wendet sie ihren Blick vom Kapitän ab, der still in seinem Kommandostuhl sitzt und grübelt. Es dauert lange, bis ihre Zunge die Frage formulieren kann, die durch ihr Gehirn geistert. „Wie bitte?“ Chara kann den Drang nur schwer unterdrücken, die verlockend glänzende Halbglatze des Kapitäns zu streicheln. Mit einem bedauernden Seufzen hält sie sich auf ihrem Stuhl zurück. „Ich weiß nicht, habe ich etwas gesagt?“ fragt Schwarze Mamba nach längerem Überlegen. Seine Augen blinzeln träge, er kann nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. „Ihr redet beide. Andauernd.“ knurrt Balquand. Chara versucht sich auf einen der Monitore zu konzentrieren. „Wir sind da!“ bringt sie schließlich hervor. Der Bildschirm zeigt einen enormen, sechseckigen Raum, über dessen Wände unzählige Arbeiterinnen kriechen. Die Königinnenkammer scheint wie ein Herz zu pochen, doch es sind die rhythmisch schlagenden Flügel der Bienen, die diesen Effekt hervorrufen. Im Zentrum der Kammer ruht die riesige Königin, die hingebungsvoll von den Arbeiterinnen umhegt und gefüttert wird. Ihr massiver Körper glänzt golden zwischen den dunklen Leibern ihrer Arbeiterinnen hervor. „Ich möchte sie berühren.“ flüstert Schwarze Mamba sehnsüchtig. „Ich auch.“ flüstert Chara zurück. Ein schmerzvolles Gefühl der Liebe zieht sie zu der Königin hin. „Wir sollten landen.“ schlägt der junge Pilot vor. Die Wegweiserin und der Kapitän nicken verträumt.
Im Waffenraum liegen sich Little Dove und Weber zärtlich in den Armen. Sie haben in den letzten Minuten Teile des Torpedos zerlegt und eine kleine Bienenkönigin aus Metall und Draht gebastelt. Dass sie dabei den sensiblen Sprengkopf der gefährlichen Waffe freigelegt haben, interessiert die beiden nicht. Little Dove summt eine einfache Melodie und streichelt liebevoll über Webers pastellfarbenes Gesicht. Der Concierge summt ein völlig anderes Liedchen und schmiegt sich an die mächtige Brust des Hühnen. Dass ihre Lieder im selben Rhythmus erklingen, in dem die Bienenflügel in der Königinnenkammer schwingen, wissen sie nicht.
„Du kannst nicht aussteigen.“ Charas Stimme klingt erschöpft. Ohne erkennbare Körperspannung lehnt sie in der Tür und versperrt Schwarze Mamba den Weg von der Brücke. „Natürlich kann ich.“ erwidert der junge Pilot drängend. „Sie braucht mich.“ „Wenn du aussteigst, stirbst du.“ hält Chara matt dagegen. „Kapitän, sie will mich nicht gehen lassen!“ raunzt Schwarze Mamba. Kapitän Balquand schreckt erneut aus seinen Gedanken hoch. „Bitte?“ „Sie will mich nicht gehen lassen!“ quengelt der Teenager gereizt. „Lassen Sie ihn gehen, Wegweiserin.“ Der Kapitän winkt ungeduldig mit der Hand. „Aber dann stirbt er.“ Chara lehnt weiterhin schlaff in der Tür. „Der Gehörschutz wird ihm nicht helfen, Kapitän.“ „Wenn er doch sterben möchte.“ Balquand zuckt gleichgültig mit den Achseln. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe. Ich muss nachdenken.“ Schwarze Mamba schnaubt triumphierend. Er drückt sich unsanft an der hageren Wegweiserin vorbei und läuft los. „Der Gehörschutz wird dir da draußen nicht helfen!“ ruft Chara ihm nach. Fluchend taumelt sie hinter ihm her, bleibt schließlich atemlos stehen, will nur etwas Luft holen, blinzelt – und versucht sich zu erinnern, warum sie sich in diesem Gang befindet. Wollte sie auf die Brücke gehen, oder wollte sie die Sektion verlassen? Chara gerät ins Grübeln. Nachdenklich bleibt sie stehen, es fällt ihr schwer, die Gedanken hinter ihrer Stirn zu fokussieren. Plötzlich kommt ihr Balquands spiegelnde Halbglatze wieder in den Sinn. „Brücke.“ sagt sie erleichtert und kehrt in die Kommandozentrale zurück.
Schwarze Mamba läuft mit einem Gefühl der äußersten Erregung den langen Gang hinunter. Er ist auf dem Weg zur nächstgelegenen Andockschleuse, um das Raumschiff zu verlassen. An seinen Raumanzug denkt er nicht, denn seine Gedanken sind ganz bei der Königin. Wie in Trance öffnet er die Innentür der Schleuse, lächelnd klettert er hinein. Erst als die Dekompression einsetzt, wird er sich seines tödlichen Fehlers bewusst. Zwar herrscht in der Königinnenkammer kein Vakuum wie im Weltraum, doch die Lebensbedingungen, unter denen die Bienen gedeihen, entsprechen nicht im entferntesten den Anforderungen, die ein empfindlicher Organismus wie der menschliche Körper an seine Umwelt stellt. Leider hat Schwarze Mamba keine Chance mehr, diese wichtige Lektion zu verinnerlichen.
Im Maschinenraum der Mary Read hockt Pia-Pia unter einer Konsole und weint bittere Tränen. Die Bordsklaven, die sich mit ihr im Maschinenraum aufhalten, stehen mit ratlosen Gesichtern um die Konsole herum. Auch sie fühlen die intensiven Signale der Königin, obwohl sie lobotomisiert sind. Pia-Pia bemerkt ihre Verwirrung nicht, sie windet sich im selbstverzehrenden Schmerz einer undefinierbaren Sehnsucht und ist Blind und Taub für das, was um sie herum geschieht. In einem Akt der Verzweiflung rauft sie sich die Haare und reißt dabei den Gehörschutz von ihren Ohren. Wenige Sekunden später verliert sie die Besinnung, kurz darauf spritzt helles Blut aus ihrer Nase, ihren Augen und den Ohren. Ihr Mund formt ein betroffenes O. Ein schmächtiger Sklave betrachtet angestrengt ihre blutüberströmte Leiche unter der Konsole. Nach einer Weile hebt er den geschorenen Kopf, sieht die anderen Sklaven an, blickt zur Decke, blickt wieder zur toten Bordtechnikerin und beginnt zu weinen. Dann zieht er sich mit einer bedächtigen Bewegung den Gehörschutz vom Kopf, blinzelt und bricht zusammen. Die anderen Sklaven sehen regungslos dabei zu, wie seine Augen aus dem Kopf geschleudert werden, als sein Gehirn mit großem Druck explodiert. Wie auf ein geheimes Zeichen hin, nehmen sie alle den Gehörschutz ab.

Stunden vergehen, in denen die Mary Read Führerlos in der Königinnenkammer liegt. Das gestrandete Raumschiff wird von den meisten Arbeiterinnen ignoriert, die einfach über das Hindernis hinweg zur Königin krabbeln. Manche Bienen halten an und versuchen Nahrungsbrei in eine der Öffnungen des Schiffsantriebs zu pumpen. Da die vermeintliche Fütterung misslingt, brechen sie den Versuch nach einiger Zeit wieder ab. Trocknender Brei verstopft so langsam alle Düsen des Schiffes und der Sekundärantrieb, der für die Energieversorgung an Bord der Mary Read essentiell ist, beginnt zu überhitzen. Im Inneren des Schiffes nimmt niemand Notiz davon. Im Waffenraum bauen Weber und Little Dove dutzende Torpedos auseinander, um aus den Teilen einen Hive zu errichten, in dem ihre selbstgebastelte Bienenkönigin wohnen kann. Little Dove dreht kleine Arbeiterinnen aus Draht, während Weber die Kammer für die Königin konstruiert. Seine Gesichtsfarbe wechselt rasend schnell, dunkle und goldene Streifen pulsieren über seine verschwitzte Stirn. Die beiden Männer sind sich in keinem Moment der Absurdität ihrer Handlung bewusst. Nur selten unterbrechen sie die sinnlose Arbeit, um innige Küsse auszutauschen.
Auf der Brücke ist Kapitän Balquand tief in seiner Gedankenwelt versunken. Regungslos sitzt er im Kommandostuhl und starrt vor sich hin, ohne zu blinzeln. Chara steht hinter ihm und streichelt rhythmisch über seine blanke Halbglatze. Sie tut dies seit Stunden, die Haut auf Balquands Kopf ist von der ständigen Berührung stark gerötet. Er nimmt es nicht zur Kenntnis. Tote Sklaven liegen auf der Brücke, in den Gängen, in den Quartieren. Der Massenselbstmord der Unfreien hat sich wie eine Springflut fortgesetzt, kein Sklave lebt mehr auf der gestrandeten Mary Read. Die vier Besatzungsmitglieder, die noch auf dem Raumschiff verbleiben, sind ebenfalls tot. Sie wissen es nur noch nicht. Als der Sekundärantrieb der Mary Read versagt und die Systeme des Schiffes nacheinander herunterfahren, reißt plötzlich ein scharfer Blitz die Königinnenkammer und Teile des Hives in Stücke. Detonierende Torpedos zerfetzen hunderte Insekten und hinterlassen ein klaffendes Loch, aus dem sterbende Bienen in den Weltraum taumeln.

© sybille lengauer