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Elparadiso

Zeit: 13. April 2205
Ort: Gilgamesh, zweiter Mond des habitablen Exoplanet Inanna im System Babylon760-I
Entfernung zur Erde: 3,5 Lichtjahre
Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha: gegründet 2199 im Auftrag des interstellaren Handelsunternehmens Van den Boom & Söhne
Missionsziel: Anpassung firmenpatentierter Embryonen an die naturgegebenen Anforderungen von Inanna, um eine erfolgreiche Besiedlung und damit einhergehende Inbesitznahme durch die Firma zu gewährleisten
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Produktiv

Kantine

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Eins Heyman Even neigt sich mit verschwörerischem Gesichtsausdruck seinem Sitznachbar entgegen, während sie in der gutbesuchten Kantine das Mittagessen einnehmen. „Was soll ich gehört haben?“, antwortet Arbeiter Klasse Eins Thojan Schmydt mit vollem Mund, er scheint nur mäßig an einem Gespräch mit Even interessiert zu sein. „Wir sollen alle kastriert werden“, raunt Heyman Even geheimnistuerisch und doch so laut, dass sich ringsum ein paar neugierige Köpfe heben. Er rückt aufdringlich nah an Schmydt heran, der daraufhin seinerseits einige Zentimeter zur Seite rückt und demonstrativ mit den Augen rollt, um sein Missfallen auszudrücken, mehr als ein „Bitte was?“ schlüpft ihm nicht von der Zunge.
„Die wollen uns an der Fortpflanzung hindern. Und zwar für immer! Neueste Anweisung der Firma“, zischt Even aufgeregt und kleine Spucketropfen fliegen von seinen feuchten Lippen. Thojan Schmydt runzelt irritiert die Stirn. „Ach was. Klingt für mich wie ein Haufen kalter Weltraumscheiße. Warum sollten die das wollen?“, fragt er in herablassendem Tonfall. Heyman Even scheint nur auf diese Frage gewartet zu haben, denn seine Begründung folgt wie aus der Pistole geschossen. „Weil sie befürchten, dass hier dasselbe passiert wie auf Teegardens Stern, kapische?“ Weitere Spucketropfen fliegen, Thojan Schmydt rümpft die Nase und drückt damit Skepsis und Ekel zugleich aus. „Aha. Und woher hast du diese krasse Information?“, fragt er ohne jegliche Begeisterung. „Das Ohr war heute morgen ziemlich gesprächig.“ Heyman Even spielt seine wichtigste Karte aus, sein sporadischer Intimkontakt zur Subraum-Funkerin der Mondbasis ist, zumindest inoffiziell, allseits bekannt. Thojan Schmydt wird tatsächlich etwas blass um die Nase. „Dann kommt das also von ganz oben?“, entfährt es ihm schriller als beabsichtigt. Heyman Even ist ein einziges Nicken. „So ist es, mein Guter“, bestätigt er und grinst selbstzufrieden über die Wirkung seiner Worte. „Was, wenn sie dich nur auf den Arm genommen hat? Du weißt doch, wie hinterfotzig die Hrabak manchmal sein kann“, hält Schmydt dagegen, doch in seiner Stimme schwingt Verunsicherung. „Diesmal nicht“, versichert Heyman Even mit blitzenden Augen, „sie war definitiv aufrichtig. Tatsächlich habe ich sie noch nie so bestürzt gesehen. Weißt du noch, der Vorfall im Reaktor?“ Ein dunkler Schatten zieht über Thojan Schmydts Gesicht, als er an die schreckliche Tragödie denkt, die drei Arbeitern das Leben gekostet hat. „Natürlich“, brummt er und legt das Essbesteck beiseite, sein Appetit hat sich verflüchtigt. „Damals war sie weniger betroffen“, versetzt Even trocken. Thojan Schmydt starrt wortlos auf seine halbgegessene Ration, seine Lippen sind zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
In der Kantine ist es auffallend still geworden.

*

Labor
„Haben Sie es schon gehört?“ Dr. Thaila Nguyen hantiert betont lässig mit einigen Petrischalen, um ihre innerliche Aufregung zu überspielen. „Hm?“, grunzt Dr. Natasha Melnik und hebt noch nicht einmal den Blick von den Unterlagen, die sich auf ihrem Schreibtisch türmen; sie ist voll und ganz in die Auswertung ihres letzten Embryonen-Experiments vertieft. Thaila Nguyen lässt vor lauter Lässigkeit beinah eine Petrischale fallen, was ihr zumindest einen irritierten Seitenblick der älteren Kollegin beschert. Dr. Nguyen kann ihren Mitteilungsdrang nicht länger beherrschen und plappert wild drauflos: „Wentworth Hill hat Grischa Zhang erzählt, dass Lynda Quoort heute Mittag in der Kantine gehört hat, wie Heyman Even zu Thojan Schmydt gesagt haben soll, dass…“ „Meine Güte!“, entfährt es Dr. Melnik ärgerlich, doch Thaila Nguyen ist nicht zu bremsen, „…dass wir alle zwangskastriert werden sollen, angeblich ein Befehl der Firma, können Sie sich das vorstellen?“ „Nein, kann ich nicht“, antwortet Dr. Natasha Melnik und lässt es ruppig klingen. „Er weiß es ganz bestimmt, das Ohr hat es ihm geflüstert und Sie wissen doch, dass er und sie, naja, Sie wissen schon.“ Dr. Thaila Nguyen macht eine zweideutige Handbewegung und versucht vielsagend zu zwinkern, was ihr kläglich misslingt. „Die Hrabak redet viel wenn der Tag lang ist. Du solltest nicht alles glauben, was man dir über fünf Ecken erzählt“, versetzt Dr. Melnik streng. Dr. Nguyen zieht ein enttäuschtes Schmollgesicht, sie hat sich den Gesprächsverlauf offenbar ganz anders vorgestellt. „Möchtest du denn Kinder bekommen?“, fragt Natasha Melnik ganz unerwartet, Thaila Nguyen stutzt und antwortet schließlich mit einem vagen Achselzucken. „Bist du in einer Beziehung?“, lautet die nächste, unangenehme Frage. „Naja…“ Die junge Wissenschaftlerin ist plötzlich gar nicht mehr so redselig, sie druckst herum und errötet sogar ein wenig. „Ach ja, du bist mit dieser Mechanikerin zusammen. Easter Trân, nicht wahr?“ Dr. Melnik lehnt sich zurück und mustert ihre junge Kollegin von Kopf bis Fuß, in ihrem Blick liegt nun fast so etwas wie echtes Interesse. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Easter hat viele…“, Dr. Nguyen bricht ab, errötet noch etwas mehr und setzt ein geflüstertes „Es ist kompliziert“ hinterher, dann besinnt sie sich plötzlich und schiebt resolut das Kinn nach vorn. „Aber darum geht es doch überhaupt nicht, oder? Es geht um meine Entscheidungsfreiheit und nicht um meinen irgendwie gearteten Kinderwunsch. Ich wüßte nicht warum irgendjemand auf der Erde über meine Fortpflanzungsorgane bestimmen sollte, immerhin habe ich einen Vertrag über fünfundzwanzig Jahre unterschrieben und nicht auf Lebenszeit, oder?“
„Hm“, macht Dr. Natasha Melnik und faltet die Hände über ihrem Bauch wie sie es immer tut, wenn sie sehr nachdenklich ist.

*

Reaktorkontrollraum

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Zwei Archibald Ruiz poltert in den kleinen Aufenthaltsraum, der direkt an den Reaktorkontrollraum angrenzt und an Ausstattung nichts weiter enthält als einen abgenutzten Tisch, ein paar abgewetzte Stühle und eine auffallend hochwertige Kaffeemaschine. Die beiden anwesenden Mechanikerinnen, eben noch in ein angeregtes Gespräch vertieft, verfallen sofort in misstrauisches Schweigen. Der rüpelhafte Ruiz, als notorischer Schwätzer und Möchtegern-Weiberheld berüchtigt, ist bei seinen Kolleginnen ausgesprochen unbeliebt und soll das auch jederzeit zu spüren bekommen. „Kommt ganz darauf an. Was meinst du denn, was wir gehört haben sollten?“, erwidert schließlich Becca Durand, sie stellt ihre Kaffeetasse beiseite, um die Arme demonstrativ vor der Brust verschränken zu können, doch Archibald Ruiz nimmt ihre ablehnende Haltung gar nicht wahr. „Die schneiden mir die Eier ab!“, zischt er mit weit aufgerissenen Augen, „und euch reißen sie die Eierstöcke raus, soviel ist sicher!“ Wie ein Betrunkener wankt er zum Tisch und lässt sich auf einen Stuhl fallen, springt jedoch sofort wieder auf die Beine, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken; seine Hände zittern vor Aufregung. „Beruhige dich, Mann. Du machst einen Aufstand, als stünden sie bereits mit dem Skalpell hinter dir“, brummt Easter Trân und schnalzt abfällig mit der Zunge, Becca Durand zieht vielsagend eine Augenbraue hoch und grinst spöttisch. „Ihr habt es also auch gehört!“, schreit Archibald Ruiz und verschüttet vor Aufregung pfützenweise Kaffee. „Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen! Wir haben schließlich Rechte! Mein Körper gehört mir!“, posaunt er lautstark und setzt sich unaufgefordert zwischen die Mechanikerinnen, die sich davon wenig begeistert zeigen. „Ein Dreck gehört dir“, murmelt Easter Trân pikiert, doch Ruiz überhört die Spitze und schwadroniert weiter von Arbeitnehmerrechten und Widerstand.

*

Direktion

„Entschuldigen Sie die Störung, Direktor Muur, aber Dr. Melnik ersucht dringend um ein persönliches Gespräch.“ Direktionsassistent Sangkung Lapin gibt sich höflich, doch seine steife Körperhaltung verrät seine wahren Gefühle. Den ganzen Nachmittag ist er schon damit beschäftigt Personen abzuwimmeln, die sich mit dem stellvertretenden Direktor der Gilgamesh-Mondbasis über das Kastrationsgerücht unterhalten wollen, das sich wie ein Lauffeuer unter den Angestellten verbreitet hat. Lapin, der heute ebenfalls zum ersten Mal von diesem Gerücht gehört hat und in den letzten Stunden mit den wildesten Versionen gefüttert wurde, hätte selbst gerne ein paar Antworten, doch ist er nicht der Typ, um eine direkte Konfrontation mit Walter Muur zu riskieren. Er bevorzugt die Taktik, jemandem wie Dr. Natasha Melnik das Feld zu überlassen und selbst ein Ohr an die Tür zu legen, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben.
Wie nicht anders von Lapin erwartet, wiegelt Muur sein Anliegen mit einer unwilligen Handbewegung und einem mürrisch gebrummten: „Sie wissen doch, dass ich heute keine Zeit habe“, ab. Sangkung Lapin zieht sich daraufhin ohne jeden Diskussionsversuch zurück, auch wenn er den Gesprächsverlauf gegenüber Dr. Melnik ganz anders beschreibt. „Ich habe alles versucht“, behauptet er und legt die Stirn in betrübte Falten, „ich habe ihn förmlich angebettelt Sie zu empfangen, das müssen Sie mir glauben! Selbst einen Stein hätte ich mit meinen Worten erweichen können, aber gegen die Launen des Direktors bin ich machtlos. Er sagt, er habe wichtigeres zu tun, als sich mit den profanen Anliegen einfacher Arbeitnehmer auseinanderzusetzen und wer bin ich, ihm zu widersprechen?“ Lapin macht eine wohlkalkulierte Kunstpause, um das Gesagte wirken zu lassen und fährt dann in leisem Flüsterton fort: „Natürlich könnte ich es nicht verhindern, wenn sich jemand in Ihrer Position über jemanden wie mich hinwegsetzt, immerhin obliegt Ihnen die Leitung des Labors und ich bin nur ein unbedeutender Sekretär, nicht wahr? Sollten Sie den Direktor also unbedingt sprechen wollen, könnte ich das beim besten Willen nicht verhindern.“ Lapin wackelt bedeutungsschwanger mit den Augenbrauen und lächelt scheinheilig. Dr. Melnik antwortet mit einem genervten Schnauben, sie durchschaut Lapin besser als dieser vermutet und weiß längst worauf er hinauswill, doch nützt ihr dieses Wissen wenig, denn entweder spielt sie sein Spiel mit, oder sie bleibt ohne Antworten. So oder so, eine unbefriedigende Lage für die erfahrene Wissenschaftlerin. Natasha Melnik entscheidet sich für die Flucht nach vorn, sie schreitet betont würdevoll an Lapin vorbei und betritt mit selbstbewusstem Gesichtsausdruck das Büro. Natürlich folgt ihr Lapin dichtauf, um wortgewaltig gegen ihr Eindringen zu protestieren und sich wie der erfolglose Beschützer seines geliebten Herrn Direktors aufzuspielen, was Dr. Melnik nur ein weiteres, entnervtes Schnauben entlockt. „Ich hatte doch gesagt, dass ich keine Zeit habe!“, empört sich Walter Muur, doch Dr. Melnik ignoriert seinen Ärger, setzt sich unaufgefordert in einen Besuchersessel und schlägt lässig die Beine übereinander. „Sie haben eine ganze Menge gesagt, wenn man Ihrem Assistent Glauben schenken darf“, versetzt sie spitz, Sangkung Lapin nutzt das Stichwort, um sich aus dem Büro zu entfernen und die Tür einen kleinen spaltbreit offen zu lassen. „Ich bin mit dem Produktivitätsbericht beschäftigt, kann das nicht bis morgen warten?“, poltert Direktor Muur ungehalten, doch Natasha Melnik lässt sich davon nicht beeindrucken. „Stimmt es, dass die Firma eine Zwangskastration aller Mitarbeiter angeordnet hat?“, fragt sie rundheraus, sie ist nicht in Stimmung für umständliche Floskeln und möchte das Gespräch gerne schnellstmöglich hinter sich bringen. Der stellvertretende Direktor wirft ihr einen irritierten Blick zu und kratzt spontan seinen ergrauenden Kinnbart. „Woher haben Sie denn diesen lächerlichen Unsinn?“, blafft er unfreundlich. „Die ganze Basis spricht darüber“, antwortet Natasha Melnik kühl, Walter Muur schüttelt den Kopf und will damit schon alles gesagt haben, doch Dr. Melnik lässt nicht locker. „Sie versichern mir also, dass es sich hierbei um ein Gerücht handelt und dass ebendieses Gerücht keinesfalls der Wahrheit entspricht?“ Die gestelzte Formulierung entlockt dem stellvertretenden Direktor ein überhebliches Lächeln. „Meine liebe Frau Doktor“, beginnt er unangenehm jovial, „ich kann Ihnen versichern: niemand hat die Absicht, die Mannschaft zu kastrieren.“ „Ha“, macht Dr. Melnik, doch es klingt nicht nach einem Lachen, sie verlässt Muurs Büro mit verdüstertem Blick und rauscht wortlos an Lapin vorbei, der natürlich so tut, als habe er nicht das Geringste gehört.

***

Zeit: 25. April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Hauptsitz der Interstellaren Handelsfirma Van den Boom & Söhne

Pressekonferenz

„Guten Morgen meine sehr verehrten Damen, Herren und Diverse, ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Pressekonferenz im Hause Van den Boom & Söhne. Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich möchte Sie ersuchen, die Ihnen zugewiesenen Plätze einzunehmen und werde mich in Kürze Ihren Fragen zur Lage auf Teegardens Stern widmen.“ Pressesprecher Adrian Moco lächelt sein bestes Lächeln, während er die geladenen Journalisten und Holo-Reporter aus aller Welt begrüßt. Es ist sein erster Auftritt dieser Art, denn bis vor einer Woche war er weder Pressesprecher, noch Angestellter der Firma Van den Boom & Söhne. Im Eilverfahren wurde der erfolgsverwöhnte Showmoderator angeworben, um der Firma sein sympathisches Gesicht zu verleihen und deren angeschlagenes Image aufzubessern. Nun wird sich zeigen, ob er die vielen Millionen wert ist, die Henry Van den Boom Junior in ihn investiert hat. Adrian Moco wartet geduldig, bis sich die Menschen im Raum verteilt und ihre Holo-Recorder in Position gebracht haben, dann faltet er seine Hände in jener markanten Art und Weise, die zu seinem Markenzeichen geworden ist und eröffnet die Fragerunde. Selbstverständlich wurden alle Fragen vorab eingereicht und geprüft, ebenso selbstverständlich hat Moco bereits die Antworten parat, er muss nur den betreffenden Text ablesen, der über eine Kontaktlinse in seinem linken Auge flimmert. Es ist ein übliches Prozedere, das sich im Umgang mit der Presse bewährt hat und von allen größeren Firmen angewandt wird. Journalisten, die sich nicht an die ungeschriebene Regel halten und unangekündigte Fragen stellen, landen auf einer schwarzen Liste und werden fortan von allen Medienveranstaltungen ausgeschlossen. Adrian Moco hat also keinen Grund nervös zu sein und doch schwitzen seine Hände und sein Atem geht zu schnell. Vielleicht ist es nur profanes Lampenfieber, das ein jeder bei einer Live-Veranstaltung dieser Größenordnung hätte, vielleicht ist es aber auch eine Vorahnung auf die mediale Katastrophe, die sich in wenigen Minuten ereignen wird.
Die ersten Fragen verlaufen wie verabredet, Moco antwortet souverän und geschmeidig, alles entwickelt sich zu seiner Zufriedenheit, bis plötzlich eine junge Journalistin unaufgefordert die Stimme erhebt. „Stimmt die Behauptung, dass Van den Boom & Söhne seine Angestellten auf Babylon 760-I zwangskastrieren will, um einen weiteren Vorfall wie auf Teegardens Stern zu verhindern?“ Im Raum wird es plötzlich so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, Adrian Moco starrt der jungen Frau fassungslos ins Gesicht, bis er sich der vielen Aufnahmegeräte erinnert, die ihn live in alle Welt übertragen. Er räuspert sich und will die Journalistin zurechtweisen, als sich ein dicklicher Holo-Reporter mit einer ähnlich gearteten Frage meldet. Ein Aufruhr entsteht, plötzlich reden alle wild durcheinander. Moco vergisst zu lächeln, er verliert erst den Faden und dann die Kontenance.

*

Businessjet SL-Super 94
Nordatlantischer Ozean

Henry Van den Boom Junior hängt würgend über der Bordtoilette und erbricht Lachshäppchen mit einem Gemisch aus Kaffee und Champagner durch Mund und Nase. Er röchelt gequält, Tränen laufen über seine Wangen, auf seiner Stirn steht kalter Schweiß. Vor zwanzig Minuten hat er die Liveschaltung zur Pressekonferenz unterbrochen und dann so lange getobt und geschrien, bis sein überreiztes System kollabiert ist. Seither hängt er über der Bordtoilette und isst sein Frühstück rückwärts, während ein sichtlich pikierter Flugbegleiter vor der Toilettentüre wacht und sich gelegentlich nach seinem Befinden erkundigt. Van den Boom Junior würde gerne antworten, dass das seine verdammte Privatsache ist, doch seine Stimmbänder scheinen nicht mehr mit seinem Gehirn verbunden, er ist nur noch in der Lage gutturale Laute auszustoßen.
„Herr Van den Boom Junior?“ Die Stimme seiner Assistentin, Desna Yadav, klingt gedämpft durch die geschlossene Türe, „Herr Van den Boom Senior möchte Sie dringend sprechen. Er bittet um sofortigen Rückruf.“ „Arch“, krächzt Henry und erbricht noch etwas mehr schlecht zerkauten Lachs. Als er sich endlich soweit erholt hat, um wieder im Passagierbereich platz zu nehmen und eine Holoverbindung zu seinem Vater herzustellen, hat das Bordpersonal die schlimmsten Spuren seiner körperlichen Eskalation bereits beseitigt, trotzdem macht sein Erscheinungsbild einen leicht lädierten Eindruck, was sein Vater sofort gnadenlos kommentiert. „Du siehst beschissen aus“, bellt der alte Mann, der seinerseits nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, „hast dir wieder die Seele aus dem Leib gekotzt, wie?“ Henry antwortet mit beiläufigem Schulterzucken, er ist die Beleidigungen seines Vaters so gewohnt, dass er sie gar nicht mehr richtig hört, doch dieser hat heute noch viel mehr auf Lager, denn auch er hat die Pressekonferenz gesehen, im Gegensatz zu seinem Zweitgeborenen sogar bis zu Ende. „Ich hatte dir, Idiot, von Anfang an gesagt, dass diese Null Moco, dieser elende Abschaum, dieser… dieser Hurensohn nicht die richtige Wahl ist, um unser Unternehmen zu vertreten. Wieder und wieder habe ich es dir gesagt, aber wolltest du auf mich hören? Natürlich nicht, warum solltest du auch? Es geht ja um nichts, nicht wahr? Wenn dein Bruder, Gott hab’ ihn selig, noch am Leben wäre, er würde dir die Tracht Prügel deines Lebens verpassen! Er würde dich totschlagen und ich würde ihm einen Knüppel reichen, damit er schneller fertig wird damit. Du bist eine Schande für meine Familie, ich habe es satt mit dir!“ Henry Van den Boom Junior starrt mit glasigen Augen durch die holographische Übertragung seines Vaters, er ist weder gewillt noch in der Lage den Blick zu fokussieren. Im Kopf schreit er seinem Vater die wüstesten Beschimpfungen ins hagere Gesicht, nach außen hin ist davon nichts zu sehen, nur seine Hände zittern ein wenig, während sie auf seinen Oberschenkeln ruhen. „Ich habe es so satt“, wiederholt sein Vater noch einmal mit Nachdruck, dann seufzt er und fährt in etwas ruhigerer Stimme fort: „Du wirst diesen Scherbenhaufen alleine beseitigen, hast du verstanden? Ich werde keinen Finger rühren um dir zu helfen, ganz im Gegenteil, ich ziehe mich endgültig aus den Geschäften zurück. Ich gehe. Und mein Vermögen nehme ich mit.“ „Das kannst du nicht machen!“ Van den Boom Junior erwacht schlagartig zum Leben, als sein Vater das magische Wort ‚Vermögen‘ erwähnt. Ohne die väterlichen Billionen wäre Van den Boom & Söhne schlichtweg bankrott, die Maßnahmen zur Kolonisierung ferner Welten verschlingen Unsummen und wurden bislang nicht vom erwarteten Erfolg gekrönt, ganz im Gegenteil, Teegardens Stern hat sich zu einem Milliardengrab entwickelt und nun sieht es ganz danach aus, als würde auch Babylon 760-I ein Fiasko. „Und ob ich kann“, faucht Henry Van den Boom Senior, „ich werde mit Doktor Diaz sprechen und ihn ermächtigen, mit den Vorbereitungen zur kryogenischen Behandlung zu beginnen. Ich werde mich einfrieren lassen, Junior, mich und all meine Konten und Liegenschaften und wenn sie mich in zweihundertfünfzig Jahren wieder auftauen werden, wirst du, mein Sohn, garantiert nicht mehr da sein, um mir den Tag zu vergällen.“ Henry Van den Boom Senior spuckt die Worte Junior und Sohn so abfällig aus, als handle es sich um verdorbene Shrimps in einem billigen Krabbencocktail, dann beendet er abrupt die Verbindung und sein Holoabbild verschwindet. Sein Filius starrt lange auf die Stelle, an der eben noch die Miniatur seines Vaters zu sehen war, in seinem Gesicht arbeitet es merklich; es hat kurz den Anschein als müsse er sich erneut übergeben, doch dann sammelt er sich und wählt eine neue, passwortgeschützte Nummer. „Der Plan hat sich geändert“, teilt er der vermummten Person mit, die seinen verschlüsselten Anruf entgegennimmt, „Sie müssen umgehend aktiv werden.“ Die Holoabbildung der dunklen Gestalt nickt würdevoll. „Der Preis wird sich dementsprechend erhöhen. Sind Sie bereit ihn zu entrichten?“ „Jederzeit“, blafft Henry Van den Boom Junior. „Fünf Tage“, sagt die anonyme Holofigur und beendet das Gespräch. Henrys nächste Anrufe gelten zwei Bankunternehmen, die er jeweils mit der Überweisung einer ordinär hohen Summe auf ein speziell geschütztes Konto beauftragt; eine Anzahlung, um seinen Vertrag mit einem der berüchtigtsten Auftragsmörder Europas zu besiegeln.

***

Zeit: 28. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Direktion

„Ich kann Ihnen nur immer wieder versichern, dass es sich hierbei um Fake News handelt. Das sind Hirngespinste, pure Fantastereien! Wir wissen doch alle wie verlogen die Medien heutzutage sind, denen kann man keinen Zentimeter weit trauen, das ist doch allgemein bekannt, ich bitte Sie.“ Stellvertretender Direktor Walter Muur tupft sich mit einem silbrig glänzenden Taschentuch dicke Schweißperlen von der Stirn, während er unter den stechenden Blicken der drei Personen schmort, die gestern Abend in einer regelrechten Blitzabstimmung zu offiziellen Vertretern der Angestellten ernannt worden sind. Fragmentarische Aufnahmen der missglückten Pressekonferenz von Van den Boom & Söhne, die gestern Vormittag auf Umwegen zur Mondbasis gelangt sind, haben unter den Beschäftigten große Bestürzung, aber auch einen regelrechten Schulterschluss ausgelöst. Um ihren spontan gewählten Vertretern das nötige Gewicht zu verleihen, ruhen bis auf weiteres sämtliche nichtessentiellen Arbeiten und auch die Embryonenforschung soll in den kommenden Tagen stark eingeschränkt werden. Niemand auf der Mondbasis spricht von Streik, doch das ist nur noch eine Frage der Zeit und Walter Muur ist sich dessen absolut bewusst; die Katastrophe schwebt wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt. Dem nervösen Direktor gegenüber sitzen Vorarbeiter Hendrik Schwan, Laborleiterin Dr. Natasha Melnik und Mechanikerin Klasse Eins Easter Trân, vereint in ablehnender Pose. Den blumigen Worten des stellvertretenden Direktors vertraut keiner von ihnen, seine schwülstigen Beteuerungen fallen auf unfruchtbaren Boden. Walter Muur quält ein versöhnlich gemeintes Lächeln von seinen Lippen und flüchtet sich zurück auf das vertraute Terrain der Floskeln. „Ich bin sicher, dass wir eine zufriedenstellende Lösung finden werden“, säuselt er möglichst unverbindlich und tupft weitere Schweißperlen fort, Easter Trân reizt das zu einem abfälligen Schnauben, Schwan und Dr. Melnik starren stumm. „Ich ersuche Sie mir zu helfen, Ihnen zu helfen. Was kann ich tun, um dieses Missverständnis ein für allemal aus der Welt zu schaffen?“ „Wir verlangen ein Gespräch mit Henry Van den Boom Senior persönlich.“ Dr. Natasha Melnik lächelt ein messerschneidenschmales Lächeln, als sie Walter Muurs Reaktion auf ihre Forderung beobachtet. „Wie stellen Sie sich das vor?“, japst dieser, sichtlich um Fassung ringend, „glauben Sie vielleicht er fliegt mit seinen hundertsiebenundzwanzig Jahren quer durch den Weltraum, um mit Ihnen ein Schwätzchen zu halten?“ „Ein offiziell beglaubigtes Gespräch würde uns genügen“, kontert Hendrik Schwan trocken, Natasha Melnik und Easter Trân nicken zustimmend. Walter Muur blickt von Trân zu Melnik zu Schwan, dann wieder zurück zu Trân, die beim Grinsen alle Zähne zeigt. „Ich werde sehen was ich tun kann“, seufzt er resigniert.

*

Kantine

„Ist das alles, was ihr erreicht habt?“ Heyman Even plustert sich mächtig auf, er krakeelt seine Enttäuschung über das, in seinen Augen gescheiterte, Gespräch mit Walter Muur quer durch die überfüllte Kantine, die zum provisorischen Versammlungsort erhoben worden ist. Seit der gestrigen Abstimmung, bei der Dr. Melnik, Hendrik Schwan und Easter Trân mit großer Mehrheit gewählt wurden, zeigt sich Heyman Even mürrisch bis tödlich beleidigt. Er ist aufs unversöhnlichste gekränkt, da nicht er, heldenhafter Aufdecker des Kastrationsskandals, zum Vertreter der Angestellten gewählt wurde, sondern der Korinthenkacker Schwan, die Hure Trân und Dr. Melnik, vor der sich Even zu sehr fürchtet, um sie mit einem Schimpfnamen zu belegen. Er spricht nur das Doktor möglichst abfällig aus, wenn sie garantiert außer Hörweite ist. Zu Evens bitterer Enttäuschung interessiert sich jedoch niemand für seine gekünstelte Empörung, eine weitere Kränkung, die er schmollend einer immer längeren Liste hinzufügen muss. Seine fünf Minuten Ruhm sind vorbei. Während die versammelten Angestellten an den Lippen ihrer gewählten Vertreter kleben, verlässt Heyman Even die Kantine unter gemurmelten Flüchen. „Ich bin sicher, dass sich Herr Van den Boom sehr bald gesprächsbereit…“ hört er Hendrik Schwan noch sagen, dann schließt sich die Kantinentür und schneidet sämtliche Geräusche ab. Heyman Even stapft murrend den Gang hinunter, seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben, seine Gedanken voller Missgunst und Groll. Sein unbewusst gewählter Weg führt ihn ganz automatisch vor die Kabinentür von Barbar Hrabak. Obwohl die Subraum-Funkerin normalerweise sehr gesellig lebt, meidet sie seit Beginn des Kastrationsskandals den Umgang mit der Mannschaft, auch Even hat sie tagelang nicht zu Gesicht bekommen. Warum er ausgerechnet jetzt Sehnsucht nach ihrer Gesellschaft verspürt, kann er sich selbst nicht erklären, trotzdem klingelt er und wartet beharrlich, bis sie endlich die Tür öffnet. „Ausgerechnet du“, entfährt es Barbar Hrabak trocken, ihre Augen schnellen kurz über den hell erleuchteten Gang, dann lässt sie ihn mit einem knappen Kopfnicken herein. „Was willst du“, fragt sie mit rauer Stimme, während Even erfolglos nach einer Sitzgelegenheit sucht, die nicht von zerknüllter Kleidung und achtlos hingeworfenen Gegenständen belegt ist. „Ich wollte dich sehen“, antwortet er und setzt sich auf das ungemachte Bett. Barbar Hrabak antwortet mit eiskalter Stille, sie verschränkt die Arme vor ihrem überdimensional großen Busen und straft ihn mit tödlichen Blicken. „Ich weiß auch nicht so recht“, Heyman Even ringt um die richtigen Worte, „ich wollte wohl einfach bei dir sein.“ „Aha“, macht Barbar Hrabak und in den drei Buchstaben liegt alle Ablehnung der Welt. „War wohl eine blöde Idee“, murmelt Heyman mehr zu sich selbst, als zur innerlich brodelnden Subraum-Funkerin, doch die greift seine leise Bemerkung nur allzu gerne auf. „Was war eine blöde Idee, ha? Dass du behauptet hast, du hättest die Geschichte mit der Massenkastration von mir? Oder dass du wirklich allen auf der Basis davon erzählt hast? War es eine blöde Idee mich in die Sache hineinzuziehen? War es dämlich, vielleicht sogar bösartig dumm, weil ich mich nirgendwo mehr blicken lassen kann, ohne schief angeglotzt zu werden und es mich obendrein höchstwahrscheinlich den Job kosten wird?“ „Hey, komm’ wieder runter. Konnte doch niemand ahnen, dass das Ganze so eskaliert“, Heyman Even hebt beschwichtigend die Hände, doch seine pseudodefensive Geste stößt nicht auf Gegenliebe. „Wage es nicht mir zu sagen ich solle mich beruhigen, du egozentrierter, mieser Arsch“, faucht Barbar Hrabak zornig, auf ihrem Gesicht bilden sich hektisch-rote Flecken. Heyman Even, der seinem Empfinden nach seit gestern Abend genug Demütigungen erdulden musste, platzt urplötzlich der Kragen. „Du bist genauso beschissen arrogant wie die Fotze Trân!“, brüllt er, das Gesicht dunkelrot, dicke Adern treten an seinem Hals hervor. Barbar Hrabak lacht ein gehässiges Lachen, in ihrem Blick liegt eine ätzende Mischung aus Verachtung und Abscheu. „Verschwinde, du trauriges Würstchen“, ist alles, was sie zu sagen hat. Heyman Even springt mit geballten Fäusten vom Bett auf und durchquert in zwei Schritten den Raum, kurz hat es den Anschein, als wolle er Barbar Hrabak schlagen, die ihrerseits jedoch keinen Zentimeter zurückweicht, dann besinnt er sich und stürmt wutschnaubend zur Tür hinaus.

***

Zeit: 30 April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Herrenzimmer

Henry Van den Boom Junior knirscht mit den Zähnen, ohne es zu bemerken. Angespannt sitzt er in einem hochlehnigen Ledersessel, in der einen Hand hält er ein Glas mit echtem Brandy, in der anderen sein Holo-Mobile. Umgeben von geschmackvollen Möbeln und erlesenen Kunstgegenständen, die für ihn keinerlei Bedeutung haben, wartet er ungeduldig auf ein Zeichen des Himmels. Ein Anruf, ein hereinstürmender Hausboy, seinetwegen auch eine Brieftaube, es ist ihm egal, wie die heiß ersehnte Nachricht überbracht wird, solange nur der Inhalt der Botschaft stimmt. Um sich die Zeit zu vertreiben trinkt er hochprozentigen Alkohol und sinniert über die möglichen Todesarten, die seinen Vater ereilt haben mögen. Vielleicht ein klassischer Unfall wie ein Flugzeugabsturz, ein Giftanschlag wäre ebenfalls möglich, oder doch ein fingierter Selbstmord? Henry bedauert, dass er die Todesart seines Vaters nicht auswählen konnte, ihm gefiele es, wenn der alte Tyrann in einer möglichst kompromittierenden Situation aus dem Leben geschieden wäre. Selbststranguliert aufgefunden, gleich neben einem Sex-Android, nackt bis auf ein peinliches Paar Socken. So etwas würde er sich für den Vater wünschen. Wobei er sich auch mit weniger zufrieden gäbe, wenn nur endlich die elende Bestätigung käme, dass der Alte über den Jordan ist. Umso härter durchfährt ihn der Schock, als ebendieser plötzlich zur Tür hereingeschossen kommt. „Grüß dich, Henry“, flötet Van den Boom Senior mit honigsüßer Stimme, er rollt mit seinem vollautomatischen Körperstuhl zielstrebig auf den Ledersessel zu, in dem sein sprachloser Filius hockt und wortlos glotzt, und hält erst kurz vor dessen Füßen so abrupt, dass die Hinterreifen seines schnittigen Gefährts schwarze Gummistreifen auf dem Parkettboden hinterlassen. „Wie offenkundig du dich freust mich zu sehen“, kommentiert Van den Boom Senior das kreidebleiche Gesicht seines Sohnes. „Hallo Vater. Was verschafft mir die Ehre?“, fragt Junior mit monotoner Stimme, während in seinem Kopf eine viel lautere Stimme tausend Fragen auf einmal kreischt. „Oh, ich glaube das weißt du ganz genau“, säuselt Van den Boom Senior, der fragile, alte Mann lächelt so fein und liebenswürdig, als könne er keiner Laus etwas zuleide tun, seinem Sohn jagt dieses ungewöhnliche Verhalten kalte Schauer über den Rücken. Mittlerweile ist die Stimme in seinem Kopf zu einem hysterischen Orkan angeschwollen, der keine Fragen mehr stellt, sondern nur noch ein schier sinnbetäubendes: „ER WEISS ES! ER WEISS ES!“ durch seinen Schädel brüllt. Henry Van den Boom Junior steckt betont langsam das Holo-Mobile in die Tasche seines Hemdes und stellt das Brandyglas beiseite, um Zeit zu gewinnen. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worauf du dich beziehst, Vater“, antwortet er gedehnt, seine Stimme klingt belegt und rau. „Da ist ein Killer in meinem Weinkeller in Kent, der sagt etwas ganz anderes. Ich korrigiere, er sagte etwas ganz anderes, bevor Johnson ihm eine Kugel durch die widerliche Visage gejagt hat. Du kennst Johnson noch nicht, glaube ich? Johnson, stellen Sie sich doch bitte vor.“ Henry japst erschrocken nach Luft, als schlagartig zu seiner Linken ein adrett gekleideter Herr aus dem Nichts erscheint und grüßend die Hand zur Stirn hebt. „Ich habe Johnson vor ein paar Monaten eingestellt, auf Empfehlung meiner guten Freundin Stella-Margarete, die sich vor einigen Jahren mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sah, wie ich. Auch sie musste den schrecklichen Verdacht ertragen, dass ihr missratener, bis auf die Knochen degenerierter Nachwuchs nach ihrem Leben trachtet.“ „Ich…“ „Schweig!“, donnert Henry Van den Boom Senior, jede Faser seines Körpers versprüht zornige Autorität, die Energie des uralten Mannes ist beängstigend und beeindruckend zugleich, doch genauso schnell wie er sie aufgebaut hat, lässt er sie auch wieder abklingen. „Ich bin noch nicht fertig“, fährt er in ruhigerem Tonfall fort, mit beiläufigem Kopfnicken entlässt er Johnson wieder, der daraufhin genauso jäh verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Henry Van den Boom Junior starrt in grausiger Faszination auf die Stelle, an der eben noch der Unbekannte stand und jetzt nur noch leere Luft zu sein scheint, seine Lippen formen ein entsetztes O. „Sieh mich an, Henry“, verlangt Van den Boom Senior und in seiner Stimme liegt wieder jene schrecklich klebrige Süße, die nach Verdammnis klingt. Henry kann fühlen wie sich sein Magen von Innen nach Außen drehen möchte, seine Gedärme tanzen einen schmerzhaften Walzer, krampfhaft kneift er den Schließmuskel zusammen, um sich nicht vor Angst in die Hose zu scheißen. Wie in Zeitlupe dreht er den Kopf, aber seine Augen wollen nicht gehorchen und wandern wie betrunkene Fliegen über die schmale Brust und die faltigen Hände des Vaters, wollen hierhin und dorthin schauen, um nicht in dessen Gesicht blicken zu müssen. „Sieh mich an“, wiederholt dieser noch einmal und ob er will oder nicht, etwas in seinem Gehirn muss sich fügen, Henry Van den Boom Junior stiert wie ein scheinwerferblindes Reh in die altersblauen Augen seines Vaters. „Ich wollte es Anfangs nicht wahrhaben, weißt du? Ich wollte nicht glauben, dass du so tief sinken könntest dein eigenes Fleisch und Blut zu morden, aber die Auswertung deiner Onlineaktivitäten war eindeutig. Stümperhaft eindeutig. Hast du wirklich geglaubt, deine dilettantischen Verschleierungsversuche würden meiner Sicherheits-KI verborgen bleiben? Deine Naivität entsetzt mich mindestens so sehr wie deine Kaltblütigkeit.“ Van den Boom Senior atmet schwer ein und aus, sein Atem riecht nach Pfefferminz und Verachtung. „Ich…“, beginnt Henry erneut, doch er bricht sofort wieder ab, als sich eine unsichtbare Hand schwer auf seinen Nacken legt. „Großer Gott“, quietscht er schrill, sein Schließmuskel kann die brennende Flüssigkeit nicht länger halten, in die sich sein Innerstes verwandelt hat. Ein ekelerregender Geruch erfüllt das stilvoll möblierte Herrenzimmer, doch Van den Boom Senior zeigt sich davon völlig unbeeindruckt. „Wieder und wieder hast du mit deinen Eskapaden unseren Namen in den Dreck gezogen. Du hast auf die Ehre deiner Vorfahren gepisst, hast wiederholt unseren guten Ruf besudelt und trotzdem habe ich zu dir gehalten. Schließlich ist Blut dicker als Wasser und du bist mein einziger Sohn, also habe ich dich in das Unternehmen eingeführt und dir sogar die Führung übertragen, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Und wie dankst du mir für all die Jahre der Unterstützung? Wie dankst du mir, hm? Mit einem Attentat! Du hast alles verraten, wofür diese Familie steht. Du hast mich schlimmer enttäuscht, als ich es je für möglich gehalten hätte, aber nun ist endgültig Schluss. Du bist zu weit gegangen, Henry, meine Geduld ist aufgebraucht. Ab heute wirst du nicht mehr Teil dieser Familie sein.“ Henry Van den Boom Junior spürt den Stich einer Nadel, die sich ins weiche Fleisch seines Halses bohrt. Er zuckt unwillkürlich zurück, doch die Hand des unsichtbaren Bodyguards hält ihn eisern im Sessel fest. Ein unangenehmer Schmerzimpuls beginnt durch seine Adern zu fließen, sein Gesicht fühlt sich merkwürdig taub an, sein Oberkörper verliert jede Spannkraft. „Washasugetan?“, nuschelt er mit Todesangst in der Stimme. „Du wirst es überleben, keine Sorge“, antwortet sein Vater kalt, „die Analysen haben XoP-36 gute Verträglichkeit attestiert, es ist ein hervorragendes Neuroleptikum. Einzige Nebenwirkung ist leider irreversibler Gedächtnisverlust, weshalb es nie über das erste Versuchsstadium hinausgekommen ist.“ „Was…? Was…?“ Van den Boom Junior versucht zu sprechen, doch seine Stimmbänder versagen, sein ganzer Körper erschlafft, seine Augen rollen hilflos hin und her, aus seiner Nase läuft ein dünnflüssiges Blutrinnsal. Kurze Zeit später verliert er das Bewusstsein, schlaff gleitet er aus dem Sessel und bleibt zu Füßen seines Vaters auf dem Boden liegen. Van den Boom Senior starrt mitleidslos auf den Ohnmächtigen hinab. „Schaffen Sie ihn fort“, befielt er mit ekelerfüllter Stimme, dann wendet er brüsk den vollautomatischen Körperstuhl und fährt hinaus.

***

Zeit: 30. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Reaktorkontrollraum

„Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein.“ Becca Durand sitzt mit kreidebleichem Gesicht auf dem spiegelglatten Boden des Reaktorkontrollraums. Sie sitzt platt auf dem Hintern, denn die Nachricht, mit der Archibald Ruiz soeben hereingestürmt ist, hat sie im wahrsten Sinne des Wortes von den Füßen gerissen. „Sie ist tot, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!“, erwidert Ruiz beharrlich, sein Blick irrlichtert haltlos durch den Reaktorkontrollraum und in den Ecken seiner Mundwinkel klebt weißer Schaum. „Sie war über und über voller Blut und ihr Kopf war ganz zerque…“ „Hör auf, ich will das nicht hören!“, schreit Becca Durand, sie schlägt die Hände flach vor die Ohren und beginnt laut zu weinen. „Was ist passiert?“ Vorarbeiterin Lyly Jon eilt mit mehreren Arbeitern im Schlepptau herbei und kniet sich besorgt zur zitternden Becca Durand. „Easter Trân ist ermordet worden, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“, blökt Archibald Ruiz und gestikuliert wild, „sie ist tot, ich weiß es ganz sicher. Wirklich mausetot. So tot wie…“ „Hör auf das zu sagen, hör auf, hör auf, hör auf!“, kreischt Becca Durand, in blinder Verzweiflung reißt sie sich büschelweise Haare vom Kopf und flennt wie ein kleines Kind. „Großer Gott, sie steht unter Schock“, murmelt Lyly Jon, in ihrem Gesicht arbeitet es merklich, „Holt einen Sanitäter. Schnell.“ Sie hilft Becca Durand mit sanfter Gewalt auf die Beine und dirigiert die schlotternde Mechanikerin zum Aufenthaltsraum. „Setz dich und trink etwas Kaffee. Das wird dir gut tun.“ Die Vorarbeiterin aktiviert die Kaffeemaschine und reicht Becca Durand eine halbgefüllte Tasse, doch Becca scheint sie gar nicht wahrzunehmen, aus ihren Augen laufen ungehemmt Tränen, schrille Wimmerlaute entweichen ihrer Kehle, ihr Oberkörper schwankt vor und zurück, ihre Mundwinkel flattern. „Wo bleibt denn nur der Sani?“, entfährt es Lyly Jon ebenso ungehalten wie hilflos, sie geht neben Becca in die Hocke und achtet darauf, dass die junge Frau nicht seitlich vom Stuhl kippt. „Kann sein, dass die sich erst noch um die Leiche kümmern müssen“, bemerkt ein Arbeiter trocken, er zuckt schuldbewusst zusammen, als ihn der wütende Blick der Vorarbeiterin trifft. „Habt ihr nichts besseres zu tun, als hier herumzustehen und dümmliche Kommentare abzugeben?“, zischt sie wütend. Die Arbeiter und Mechanikerinnen, die sich eben noch neugierig in der Tür des Aufenthaltsraums gedrängt haben, ziehen sich schleunigst zurück, bevor sie der geballte Zorn der Vorarbeiterin treffen kann. „Keine Sorge, meine Liebe, jemand vom medizinischen Personal ist bestimmt schon auf dem Weg zu uns und dann wird alles gut“, versichert Lyly Jon mit übertrieben sanfter Stimme. Becca hebt den Kopf und sieht ihr für einen kurzen, aber unsagbar qualvollen Moment in die Augen, dann beginnt sie ganz unvermittelt zu schreien und hört erst wieder auf, als man ihr einige Minuten später ein starkes Sedativum verabreicht.

*

Kantine

„Sie ist von einem Lakai der Firma getötet worden, da bin ich ganz sicher.“
„So ein Unfug, wo soll der denn auf einmal hergekommen sein?“
„Er ist schon die ganze Zeit hier gewesen, bist du blöde?“
„Pass auf was du sagst.“
„Man kann keinem vertrauen, jeder kann es gewesen sein.“
„Ach ja? Wo warst du denn, als sie umgebracht wurde?“
„Wage es nicht, mir diese Frage zu stellen!“
„Es ist ein Mörder unter uns, niemand ist mehr sicher!“
„Das ist alles ein abgekartetes Spiel. Die Sache stinkt zum Himmel.“
„Ich wette Muur steckt dahinter. Dieser verdammte Halsabschneider.“
„Ach was, der macht sich doch niemals die Hände schmutzig.“
„Dann war es eben Lapin, der hinterfotzige Speichellecker.“
„Wir sollten mit ihm dasselbe machen. Den Schädel einschlagen und fertig.“
„Hätte der schon lange verdient.“
„Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Beruhigt euch bitte und kommt wieder zu Sinnen!“ Vorarbeiter Hendrik Schwan steht etwas verloren inmitten der aufgewühlt diskutierenden Angestellten und versucht Autorität auszustrahlen, doch es gelingt ihm nur schlecht. Zu tief sitzt der Schock über den Mord an der allseits beliebten Mechanikerin Easter Trân, zu schrecklich sind die Schlussfolgerungen, die sich aus ihrem gewaltsamen Tod ergeben. Dr. Natasha Melnik steht mit steifer, kerzengerader Haltung neben Schwan und schweigt mit zusammengekniffenen Lippen, es ist schwer zu ergründen, welche Gedanken sich hinter ihrer Stirn verbergen. „Diese chaotischen Beschuldigungen führen doch zu nichts“, versucht der Vorarbeiter die anderen zur Räson zu rufen, doch kaum jemand schenkt ihm Beachtung; entmutigt lässt er die Schultern sinken. „Haltet alle sofort die Schnauze!“, brüllt Dr. Melnik in diesem Moment aus vollem Hals, der Ausbruch ist so untypisch für die Laborleiterin, dass sich tatsächlich so etwas wie erschrockene Stille über die Versammlung legt. Alle Augen richten sich auf die beiden gewählten Vertreter und Hendrik Schwan hat endlich Gelegenheit, an die Vernunft aller Anwesenden zu appellieren. Leider fallen seine Argumente auf unfruchtbaren Boden und schon bald entspinnt sich erneut ein hitziges Streitgespräch. Niemand beachtet Heyman Even, der mit verschlossenem Gesicht in der Nähe des Ausgangs herumlungert und die ganze Zeit kein Wort von sich gibt. Im Grunde will er gar nicht an der Versammlung teilnehmen, doch sein fernbleiben würde ihn vielleicht verdächtig erscheinen lassen und das wäre das Allerletzte, was Heyman Even riskieren möchte. Nach außen hin gibt er sich möglichst gelassen und unauffällig, doch die Schuld sitzt ihm schwer wie ein Mühlstein im Genick. Er weiß, dass sein fadenscheiniges Alibi keiner näheren Untersuchung standhalten würde und er weiß auch, dass er keine Antwort auf die Frage geben möchte, wohin sein Multifunktionshammer verschwunden ist.

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Zeit: 01. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Unproduktiv

Direktion

„Nein, ich kann nicht noch länger warten, stellen Sie endlich die verdammte Verbindung her! Sagen Sie denen, es ginge um Leben und Tod!“ Walter Muur knallt zornig die rechte Faust auf den Schreibtisch, seine blutunterlaufenen Augen funkeln erbost. Ganz offensichtlich hat er keine Reserven, um seine anschwellende Panik zu verbergen. Barbar Hrabak zuckt hilflos mit den Achseln, sie versucht seit Stunden eine stabile Subraum-Funkverbindung zur Erde herzustellen, doch jedes Mal, wenn sie die Firma in Neu-Zürich erreicht, wird das Gespräch unterbrochen. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr an ein technisches Problem, doch fehlt ihr der Mut, um ihren Verdacht mit Muur zu teilen. Seit die Angestellten am morgen zum Streik aufgerufen und dem stellvertretenden Direktor nahegelegt haben, die Mondbasis mit dem nächsten Versorgungsschiff zu verlassen, liegen die Nerven blank. Natürlich denkt Walter Muur nicht im Traum daran zu fliehen, doch ohne konkrete Anweisung der Firma ist es ihm vertraglich untersagt, gewaltsam gegen den aufrührerischen Mob vorzugehen; eine Klausel, die ursprünglich erdacht worden war, um unnötige Gewalttaten zu verhindern, sich jedoch in der jetzigen Lage als äußerst hinderlich erweist. So bleibt ihm aus seiner Perspektive nichts anderes übrig, als das Problem bestmöglich auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Insgeheim beneidet er Sangkung Lapin, der heute Vormittag eine Krankmeldung eingereicht hat und sich weigert sein Quartier zu verlassen, aber eine so offensichtliche Schwäche kann Muur sich beim besten Willen nicht erlauben. „Versuchen Sie es noch einmal“, herrscht er die nervöse Subraum-Funkerin an, Barbar Hrabak nickt ergeben und macht sich erneut an die Arbeit. Minuten vergehen, dann schüttelt sie resigniert den Kopf. „Es tut mir leid, Herr Muur, ich kann keine stabile Verbindung herstellen“, meldet sie kleinlaut und zieht in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf ein. Walter Muur grollt wie ein zorniger Hund, seine Kiefermuskeln malmen, auf seiner Oberlippe perlen Schweißtropfen. „So ein Scheißdreck“, murmelt er verkniffen.

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Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik sitzen einander an einem kleinen Tischchen gegenüber und warten darauf, dass jeweils der andere zu sprechen beginnt. Eine lange und anstrengende Nacht liegt hinter den beiden und der Tag entwickelt sich kaum besser, nur mit Mühe ist es ihnen bisher gelungen einen Lynchmord an Lapin und Muur zu verhindern. Beiden ist bewusst, dass es nur eines kleinen Funkens bedarf, um die explosive Stimmung zu entzünden. „Tja“, macht Hendrik Schwan schließlich und klatscht sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel. „Jetzt haben wir den Salat.“ Dr. Melnik seufzt erschöpft und nickt. „Ich hatte gehofft, dass sich die Wogen nach der offiziellen Streikerklärung etwas glätten würden, aber allem Anschein nach wollen sich die Leute nicht beruhigen. Ich habe fast den Eindruck, als wären sie geil auf eine gewaltsame Eskalation“, resümiert sie frustriert. Nun ist es an Schwan zu seufzen und zu nicken. „Wir sollten noch einmal mit Muur sprechen“, überlegt Dr. Melnik laut, doch Hendrik Schwan runzelt skeptisch die Stirn. „Was soll das bringen?“, fragt er leidenschaftslos. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich bin zu müde, um klar zu denken“, erwidert Natasha Melnik und unterdrückt ein Gähnen. „Du hast nicht zufällig ein paar wirkungsvolle Aufputschmittel in einem deiner Schränke versteckt, meine Liebe?“ Hendrik Schwan grinst verlegen und schüttelt im selben Augenblick den Kopf. „Ach, vergiss es.“ Natasha Melnik gähnt nun doch ausgiebig und lehnt sich schwer gegen die Stuhllehne, sie verzieht das Gesicht, als habe sie Schmerzen. „Wir brauchen einen Plan für den Worst-Case. Was sollen wir tun, wenn uns die ganze Sache um die Ohren fliegt?“, sagt sie und blickt dabei ohne zu sehen ins Nichts. Hendrik Schwan kratzt sich am stoppelbärtigen Kinn, seine dunkel umrandeten Augen starren an die gegenüberliegende Wand, an der bunte Satellitenaufnahmen von Inanna und der weit entfernten Erde zu sehen sind. „Teegardens Stern“, sagt er schließlich und Dr. Melnik, die eben einen Schluck trinken wollte, verschluckt sich und hustet Wasser durch Mund und Nase. „Bist du wahnsinnig geworden?“, entfährt es ihr viel zu laut. „Es ist eine konkrete Möglichkeit“, entgegnet Hendrik Schwan lapidar, „entweder das, oder wir kehren mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurück. Du weißt, was das bedeuten würde.“ „Niemand würde uns je wieder Arbeit geben“, überlegt Natasha Melnik und ein Schaudern durchfährt ihren Körper, „wir wären bis zum Rest unseres Lebens erwerbslos.“ „Kein Recht auf Wohnraum, kein Recht auf Beziehung, kein Recht auf Fortpflanzung“, fasst Schwan das Dilemma zusammen, das sie bei einer vorzeitigen Rückkehr zur Erde erwarten würde. „Aber eine Inbesitznahme des Systems würde bedeuten, dass wir die Embryonen der Firma vernichten müssten. Dann könnten wir wirklich nie wieder zur Erde zurück, wir wären Massenmörder, genau wie die Aufständischen auf Teegardens Stern“, hält Natasha Melnik besorgt dagegen, ihre Müdigkeit ist verflogen. „Warum sollten wir zurück wollen, wenn unsere Nachkommen auf Inanna eine viel lebenswertere Zukunft hätten, als es auf der Erde je möglich wäre?“ „Hört sich fast so an, als hättest du dich bereits entschieden“, versetzt Dr. Melnik mit unverhohlener Bitterkeit. „Ich würde lügen wenn ich behaupten wollte, dass ich noch nie über diese Möglichkeit nachgedacht habe“, erwidert Hendrik Schwan monoton, „aber ein friedlicher Kompromiss wäre mir deutlich lieber, als ein unwiderruflicher Bruch mit der Heimat.“

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Zeit: 03. Mai 2205
Ort: Erde, Mexiko, Chihuahua

Büro der überregionalen Tageszeitung New World Times

„Es sieht nicht gut aus“, flüstert der anonymisierte Anrufer, der sich als Insider zur Causa Van den Boom & Söhne vorgestellt hat. „Inwiefern?“, fragt Jenetta Vazquez und versucht nicht allzu neugierig zu klingen, sie weiß, dass der Anrufer seine Informationen verkaufen will und ein allzu großes Interesse ihrerseits würde den Preis nur unnötig in die Höhe treiben. „Ich verlange Zweihunderttausend Yuan und die Zusicherung absoluter Anonymität“, blafft der Anrufer nervös und Vazquez verdreht entnervt die Augen. „Selbstverständlich“, antwortet sie und legt ein extragroßes Lächeln in ihre Stimme, „Sie haben mein Wort.“ „Van den Boom Junior ist untergetaucht. Niemand weiß, wohin er verschwunden ist“, verrät der Anrufer, der sich nun als Mitarbeiter im mittleren Management zu erkennen gibt. „Diese Information ist uns bereits bekannt“, lügt Jenetta Vazquez, um ihn unter Druck zu setzen und ihre Taktik scheint aufzugehen. „Wussten Sie denn auch, dass Van den Boom Senior die Firma verkaufen will?“, zischt der Anrufer verärgert, die Journalistin grinst und wickelt ihn noch etwas weiter um den Finger. „Das ist allgemein bekannt. Haben Sie denn keine neuen Informationen für mich?“ „Es heißt die Angestellten von Babylon 760-I seien in den Streik getreten. Angeblich hat sich auf der Mondbasis ein Mord ereignet. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Tragödie von Teegardens Stern wiederholen könnte.“ Jenetta Vazquez reißt instinktiv die grünen Augen auf und pfeift melodisch durch die Zähne. „Das ist tatsächlich neu“, kommentiert sie erfreut. „Ich bekomme also das Geld?“, verlangt der Manager zu wissen. „Aber natürlich. Sie können sich auf die New World Times verlassen“, flötet die Journalistin gutgelaunt.

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Zeit: 04. Mai 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Badezimmer

Henry Van den Boom Senior starrt mit hervorquellenden Augen auf die reißerisch formulierte Schlagzeile, die ihm in Großbuchstaben vom Holo-Tablet entgegenspringt. „Interstellare Kolonien vor dem Aus?“ titelt ein schmieriges Käseblatt, um darunter in aller Ausführlichkeit über die Schwierigkeiten zu berichten, mit denen sich Van den Boom & Söhne beim Betrieb der Weltraumkolonien konfrontiert sieht. „Wenn ich die Ratte erwische, die das ausgeplaudert hat“, knurrt Henry Van den Boom Senior, während er den mehrseitigen Artikel überfliegt. „Dem Schwein reiße ich die Eier ab!“ „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt ein Dienstmädchen, das neben der Toilette bereitsteht, um dem betagten Greis bei seiner täglichen Darmentleerung behilflich zu sein. „Nein. Verschwinden Sie. Sofort“, grollt Van den Boom Senior und verscheucht sie wie ein lästiges Insekt. „Johnson, sind Sie hier?“, blafft er ungehalten, als die junge Frau das luxuriöse Badezimmer im Laufschritt verlassen hat. „Natürlich, Herr Van den Boom. Was kann ich für Sie tun?“ „Weiß ich nicht“, bellt Van den Boom Senior brüsk, „ich muss nachdenken. Sorgen Sie dafür, dass ich ungestört bin.“ „Jawohl, Herr Van den Boom“, bestätigt der unsichtbare Bodyguard. Henry Van den Boom Senior grübelt lange auf der Toilette über seine nächsten Schritte nach. Der Zeitungsartikel ist zur absoluten Unzeit erschienen, in wenigen Tagen hätte er die Firma mit sattem Gewinn an ein aufstrebendes Jungunternehmen verkauft. Nun wird der Verkaufswert ins bodenlose fallen und es gibt nichts, was er dagegen tun könnte. Ein Dementi würde ihn nur unglaubwürdig erscheinen lassen, ein Verkauf um jeden Preis würde sein wirtschaftliches Ansehen vielleicht bis in alle Ewigkeit kontaminieren. Van den Boom Senior kaut die Gedanken wie schlecht schmeckendes Karamell hin und her, bis er sich schließlich zu einer Entscheidung durchgerungen hat. Er kramt sein Holo-Mobile aus der Brusttasche seines Morgenmantels und wählt eine Nummer. „Ich brauche eine schnelle Eingreiftruppe“, verlangt er ohne Umschweife, noch bevor sich die Person am anderen Ende der Verbindung ordentlich vorstellen kann. „An welche Größenordnung hatten Sie gedacht, Herr Van den Boom?“, entgegnet die bildhübsche Dame, die seinen Anruf entgegengenommen hat, mit routinierter Freundlichkeit. „Genug, um eine Mondbasis zu pulverisieren“, faucht Van den Boom Senior und für einen kurzen Moment verliert die Dame am anderen Ende der Verbindung die Kontrolle über ihre Gesichtszüge, ihre dunklen Augen werden groß, ihr brombeerfarbener Mund öffnet sich, um überrascht nach Luft zu schnappen. „Können Sie das leisten oder nicht?“, poltert der alte Mann grob. „Die Vorbereitungen werden bis zu einem Monat in Anspruch nehmen“, antwortet die Dame wie aus der Pistole geschossen, mit einem Blinzeln tilgt sie die Überraschung aus ihrem schönen Gesicht. „Was? So lange? In einem Monat könnte ich tot sein“, zetert Van den Boom Senior mürrisch. „Es steht Ihnen selbstverständlich frei, weitere Angebote von konkurrierenden Söldnertruppen einzuholen“, erwidert seine Gesprächspartnerin aalglatt, doch Van den Boom Senior wiegelt ab. „Nein, nein. Ist schon gut. Sie haben den Auftrag. Ich lasse Ihnen die Details umgehend zukommen.“ „Vielen Dank für…“ Henry Van den Boom Senior beendet grußlos die Verbindung. „Die werden sich noch wundern“, brummt er selbstzufrieden.

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Zeit: 06. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 155 Personen
Status: Unproduktiv

Privatquartier Barbar Hrabak

Heyman Even fixiert mit glasigen Augen das verquollene Antlitz der Subraum-Funkerin, seine Hände zittern, sein Atem geht stoßweise. Noch vor wenigen Augenblicken hat er sich eine hitzige Auseinandersetzung mit Barbar Hrabak geliefert, nun liegt sie tot zu seinen Füßen, die Augen starr zur Zimmerdecke gerichtet. Wie es so weit kommen konnte, kann er sich selbst kaum erklären, er weiß nur, dass es eindeutig ihre Schuld gewesen ist, sie hätte ihn nicht derart provozieren dürfen. Erpressen wollte sie ihn, das Luder, denn anders als alle anderen war ihr schnell klargeworden, wer Easter Trân tatsächlich auf dem Gewissen hat. Es hätte ihn sein ganzes Erspartes und noch viel mehr gekostet ihr Stillschweigen zu erkaufen und selbst dann wäre er nie wieder vor ihren Drohungen sicher gewesen. Trotzdem hätte er sie nicht erwürgen dürfen, schon gar nicht in ihrem eigenen Quartier und wohin jetzt nur mit ihrer Leiche? Heyman Even denkt angestrengt nach, wie er sich aus dieser Zwickmühle hinausmanövrieren soll, doch seine Gedanken rasen zu schnell, als dass er ihnen folgen könnte. Er setzt sich schwer atmend auf das unordentliche Bett, schlägt die Hände vors Gesicht und zerfließt in Selbstmitleid. Als seine Tränen endlich versiegen, ist in ihm ein heimtückischer Plan herangereift und er macht sich unverzüglich ans Werk. Kurze Zeit später rast er schreiend aus Barbar Hrabaks Quartier. „Mord! Mord! Zu Hilfe!“, brüllt er aus Leibeskräften und rauft sich in größter Not die Haare; seine herbeieilenden Kollegen führt er ohne Umschweife zur Leiche der Subraum-Funkerin. In theatralischer Pose fällt er vor der Toten auf die Knie und bedeckt ihren Körper mit Küssen und seiner DNA. „Er hat sie kaltblütig ermordet!“, würgt er unter Tränen hervor und seine Stimme überschlägt sich hysterisch, „mit letzter Kraft hat sie mir seinen Namen zugeflüstert, dann ist sie in meinen Armen gestorben!“ Er spielt so überzeugend, dass niemand seine überschwängliche Trauer in Zweifel zieht. „Wer hat das getan?“, fragt Grischa Zhang mit belegter Stimme, sie ist ganz grün im Gesicht und zittert wie ein gespannter Bogen. „Es war Sangkung Lapin“, schluchzt Heyman Even, dann bricht er in lautes Wehklagen aus, um keine weiteren Fragen beantworten zu müssen. „Dieser elende Wurm“, knurrt Grischa Zhang, sie nickt zwei befreundeten Arbeitern zu und verlässt mit ihnen das Quartier.

*

Privatquartier Sangkung Lapin

„Mach die Tür auf, du verdammter Mörder!“
„Komm raus, du feige Sau!“
„Deine Zeit ist abgelaufen!“
„Mach auf und stell dich deiner gerechten Strafe!“
„Jetzt bist du dran!“
Sangkung Lapin stemmt sich zitternd und schluchzend gegen die Tür seines Quartiers, von außen prasseln harte Schläge und Tritte gegen das stabile Material. Todesangst rast in heißkalten Wellen durch seinen Körper, er weiß, dass er in der Falle sitzt und es keine Chance auf Entkommen gibt. „Lasst mich in Ruhe! Ich habe nichts getan!“, schreit er in höchster Not und tatsächlich wird es auf der anderen Seite der Tür plötzlich still. Lapin hört gemurmelte Worte, die er durch die Türe nicht verstehen kann, dann ertönt ein sirrendes Geräusch, das ihn in erneute Panik versetzt. Mit sattem Klicken öffnet sich die Sperrvorrichtung, seine Tür ist von außen entriegelt worden. „Ich habe nichts getan! Nichts! Nichts! Oh großer Gott, hilf mir!“, kreischt Sangkung Lapin hilflos, doch der blutrünstige Mob, der sich wie eine Lawine in den kleinen Raum ergießt, schenkt seinen flehentlichen Worten keine Beachtung.

*

Direktion

Walter Muur hockt wie ein kläglicher Wassertropfen hinter seinem Schreibtisch und bangt um sein Leben. Eigentlich müsste er schon seit einer Viertelstunde durch die dünne Exosphäre des Mondes treiben, zumindest wenn es nach dem Willen der aufgebrachten Angestellten geht, die ihm an den Kragen wollen, doch Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik versuchen das mit allen Mitteln zu verhindern. Die beiden haben mit Entsetzen vom Mord an Barbar Hrabak erfahren und sind geistesgegenwärtig zur Direktion geeilt, jetzt flankieren sie den zu Tode erschrockenen Muur und retten ihm so vielleicht das Leben. „Warum beschützt ihr dieses Arschloch? Er steckt doch hinter der ganzen Sache!“, faucht Thojan Schmydt frustriert, er ist zusammen mit fünf weiteren Arbeitern in die Direktion gestürmt, um Muur seiner gerechten Strafe zuzuführen. „Das können wir nicht wissen“, entgegnet Dr. Melnik betont ruhig, sie verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust und versucht Gelassenheit auszustrahlen. „Natürlich wissen wir das. Lapin hätte doch niemals ohne seine Anweisung gehandelt“, raunzt Hildegard Boubacar und ballt drohend die Fäuste. „Geht lieber aus dem Weg, sonst…“ „Was sonst? Wollt ihr jetzt etwa uns an den Kragen?“ Hendrik Schwan ballt ebenfalls die Fäuste, doch Dr. Melnik ruft ihn mit einem warnenden Zischlaut zur Vernunft. „Es ist egal, ob er schuldig ist oder nicht. Er hat ein anständiges Verfahren verdient und keine Lynchjustiz. Was ist nur in euch gefahren? Ihr wollt einen Menschen töten, ist euch das eigentlich klar?“ „Der ist kein Mensch mehr“, schnarrt Thojan Schmydt aggressiv, sein Freund Aiko Kobayashi bricht völlig unerwartet in Tränen aus. „Sag das nicht, Thojan, das haben sie damals auch über meinen Vater gesagt, bevor sie ihn erschlagen haben. Das ist alles nicht richtig“, stößt er hastig hervor, er macht auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem Raum, während würgende Geräusche aus seiner Kehle dringen. Thojan Schmydt sieht ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. „Er hat recht“, sagt Natasha Melnik laut und deutlich, damit ein jeder sie versteht, „es ist nicht richtig.“

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Zeit: 07. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: Unproduktiv

Kantine

„Ich sage, wir schmeißen ihn raus. Soll ihn der Weltraum haben.“
„Das hast du zum Glück nicht allein zu entscheiden.“
„Wir sollten ihn zurück zur Erde schicken.“
„Damit er ungeschoren davonkommt und vielleicht noch als Held gefeiert wird?“
„Ich finde, wir sollten abstimmen.“
„Worüber, ob er schuldig ist oder nicht? Wir können ihm nichts nachweisen.“
„Noch ein Grund, ihn nicht kopfüber aus der Schleuse zu werfen.“
„Ach, das ist doch Schwachsinn. Der ist schuldig, das spür’ ich in meinen Knochen.“
„Nichts für ungut, aber auf deine Knochen will ich mich nicht verlassen müssen.“
„Wieviel Blut braucht ihr noch?“ Dr. Melnik bahnt sich einen Weg durch die Angestellten, in ihrer Stimme liegt zornige Autorität. „Habt ihr nicht bereits genug Schaden angerichtet? Ihr habt Lapin auf dem Gewissen, reicht euch das nicht?“, fragt sie die Umstehenden und ihr Blick könnte Granit zerschneiden. Unter den Anwesenden macht sich verlegene Stille breit, man spricht nicht gerne über Lapin und das, was gestern mit ihm geschehen ist. „Er hat’s verdient“, murmelt jemand von ganz hinten. „Wie bitte?“, faucht Natasha Melnik, „wer hat das gesagt?“ Die Menge teilt sich zögerlich und spuckt schließlich Archibald Ruiz aus. „Schau mir in die Augen und sag das nochmal“, fordert Dr. Melnik drohend. Archibald Ruiz senkt verlegen den Blick und schüttelt den Kopf, Natasha Melnik kräuselt verächtlich die Lippen. „Wusste ich es doch. Schämt euch, ihr verdammten…“, sie bricht ab, heiße Tränen laufen über ihr Gesicht, wütend wischt sie sie mit dem Handrücken fort. In der Kantine herrscht betroffenes Schweigen. „Ich habe euch einen Vorschlag zu unterbreiten“, fährt sie schließlich mit ruhigerer Stimme fort, „Hendrik und ich haben in der Nacht lange beraten und nun möchten wir, dass auch ihr euch beratet.“ Dr. Melnik atmet schwer, sie kämpft für einen kurzen Moment mit dem Gleichgewicht, ein unwillkürliches Muskelzucken läuft über ihre rechte Wange und lässt das Augenlid flattern. „Wir schlagen euch vor, uns von Van den Boom & Söhne zu lösen und die Unabhängigkeit auszurufen. Wir wollen Gilgamesh-Alpha übernehmen und Inanna mit unseren Nachkommen besiedeln.“ Ihre Worte gehen in aufgeregtem Stimmengemurmel unter, das wie eine Welle über ihren Kopf hinwegbrandet. „Ich bin noch nicht fertig“, ruft sie gebieterisch und der Lärm versickert. „Um adäquat über diesen Vorschlag diskutieren zu können muss euch bewusst sein, was dieser Schritt bedeutet. Wir müssen die Embryonen vernichten, die wir von der Firma erhalten haben, um ihren Anspruch auf das System zu entkräften. Zwanzigtausend sind es. Merkt euch diese Zahl und denkt gut darüber nach, ob ihr das mit eurem Gewissen vereinbaren könnt.“ Dr. Melnik macht eine Pause, um Atem zu schöpfen, dann fährt sie ungerührt fort. „Außerdem ist nicht gewiss, dass auf Inanna eine rosige Zukunft wartet. Unsere Siedlungsbemühungen könnten fehlschlagen, es gibt keine Erfolgsgarantie und von der Erde können wir dann keine Hilfe mehr erwarten, ganz im Gegenteil, es besteht eine reelle Chance, dass wir von Van den Boom & Söhne oder einer konkurrierenden Firma angegriffen werden, und sei es auch nur, um ein Exempel zu statuieren.“ Sie pausiert erneut, das Gesicht gezeichnet von Erschöpfung und Resignation. „Es liegt bei euch, wie unser Weg nun weitergehen wird, wobei ich noch anmerken möchte, dass eine Rückkehr zur Erde nach dem Lynchmord an Lapin sehr schwierig werden könnte. Wie dem auch sei, wir erwarten eure Entscheidung morgen Abend.“ Die Laborleiterin wendet sich ab und will die Kantine verlassen, doch ein Gedanke hält sie am Ausgang zurück. „Oh und eines noch: niemand krümmt Walter Muur auch nur ein Haar, oder ich sprenge diese verfluchte Basis in tausend Stücke.“

***

Zeit: 02. Juni 2205
Ort: Erde, United States of India, Amravati

Raumhafen

Henry Van den Boom Senior rollt seinen vollautomatischen Körperstuhl an den prächtig herausgeputzten Söldnern vorbei, die im Spalier die Startbahn des Raumhafens säumen. Die feierliche Atmosphäre versetzt ihn in ausgezeichnete Stimmung, gutgelaunt nickt er den schwer gepanzerten Männern und Frauen zu, die nur für sein Amüsement strammstehen. „Sehr schön, sehr schön“, bemerkt er wohlwollend zu seiner Begleiterin, Sadhana Cauhan lächelt ein zauberhaftes Lächeln. „Wir sind zufrieden, wenn Sie zufrieden sind, Herr Van den Boom“, säuselt sie mit zuckersüßer Stimme. „Ich werde zufrieden sein, wenn die Sache erledigt ist“, erwidert Van den Boom Senior, er hält vor einer muskulösen Frau, die eine überdimensional große Railgun wie ein Baby in den Armen hält und mustert sie von Kopf bis Fuß. „Die würde mir auch gut zu Gesicht stehen“, bemerkt er keck und es ist nicht klar, ob er die Waffe, oder die Söldnerin meint. Die Frau tauscht einen kurzen, irritierten Blick mit Sadhana Cauhan, dann starrt sie wieder stur geradeaus und tut, als hätte sie nichts gehört. „Wann geht es los?“, will Van den Boom Senior wissen, er rollt weiter die Startbahn entlang und begutachtet die schnittigen Space Rider, die für den Einsatz bereitstehen. „Der Start ist für 1900 geplant, wir haben einen kleinen Empfang in der Aussichtslounge vorbereitet, von dort aus können Sie bequem den Abflug beobachten.“ „Schön, schön“, kommentiert Van den Boom Senior, „Sie dürfen mir den Weg zeigen.“ „Sehr gerne, Herr Van den Boom.“ Henry Van den Boom Senior wirft Sadhana Cauhan einen unverhohlen lüsternen Blick zu. „Nennen Sie mich Henry“, sagt er mit aufdringlichem Unterton, Sadhana Cauhan legt ihre wohlgeformte Hand kokett auf seine knochige Schulter und lacht glockenhell. „Mit dem größten Vergnügen“, lügt sie schamlos und geleitet den alten Mann in Richtung Aussichtslounge.

***

Zeit: 07. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: –

Privatquartier Heyman Even

Heyman Even liegt lang ausgestreckt auf dem Bett, er hat die Augen fest geschlossen, sein Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, doch der Schlaf will sich nicht einstellen. Im Grunde, so denkt er, müsste er hochzufrieden mit dem Verlauf der Dinge sein, niemand verdächtigt ihn des Mordes an Easter Trân und Barbar Hrabak und seit der Unabhängigkeitserklärung ist die Besatzung ohnehin viel zu beschäftigt, um ihn mit lästigen Fragen zu behelligen. Trotzdem ertappt er sich immer wieder bei paranoiden Gedanken, manchmal glaubt er, die Schuld stünde ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben und es sei nur eine Frage der Zeit, bis seine Lügen ans Licht kämen. Nachts quälen ihn oft schreckliche Träume, in denen er von den Toten verfolgt wird, die er auf dem Gewissen hat. Dann hastet er durch finstere, nicht enden wollende Gänge, hinter sich bedrohlich schlurfende Schritte, vor sich absolute Dunkelheit. Nicht selten erwacht er schweißgebadet, dann braucht er Stunden, um wieder einschlafen zu können. Das Mitgefühl, das seine Kollegen ihm entgegenbringen, wenn er einmal mehr mit dicken Augenringen zur Schicht erscheint, verbessert seinen Zustand nicht. Selbstverständlich gehen sie davon aus, dass er den Mord an Barbar Hrabak nicht verkraften kann, ebenso selbstverständlich macht ihn die sanfte Art, mit der er von ihnen behandelt wird, aggressiv. Er gibt sich einsilbig und ruppig und ist jedes Mal erleichtert, wenn er wieder in sein Quartier zurückkehren kann, freundlich gemeinte Einladungen zu geselligen Abenden im Freundeskreis lehnt er kategorisch ab. Heyman Even dreht sich seufzend auf die Seite und winkelt die Beine an, bis seine Knie fast seine Brust berühren, er widersteht der Versuchung auf die Uhr zu sehen, er weiß auch so, dass er schon wieder viel zu lange wachliegt. Das schrille Alarmgeräusch, das plötzlich aus dem Lautsprecher über der Tür ertönt, klingt in seinen Ohren fast wie Musik.

*

Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Dr. Natasha Melnik wälzt sich unruhig im Bett hin und her, ein weiterer, anstrengender Tag liegt hinter ihr, doch trotz der bleiernen Erschöpfung, die sie bis in die Knochen spüren kann, findet sie nicht in den Schlaf. Zu viele schwarze Gedanken mäandern durch ihren Kopf, zu schwer wiegt die Verantwortung, die sie sich auferlegt hat. Als Leiterin des Forschungslabors hat sie es auf sich genommen die firmenpatentierten Embryonen von Van den Boom & Söhne zu vernichten, kein anderer sollte diese Schuld auf sich laden, auch wenn die Entscheidung mit demokratischer Mehrheit getroffen wurde. Dr. Melnik ist es gewesen, die die Energieversorgung zu den Kältekammern unterbrochen und zwanzigtausend potentielle Leben vernichtet hat und es tröstet sie nur wenig, dass es ihr im Gegenzug gelungen ist, Walter Muur unbeschadet zur Erde zurückzuschicken. In besonders dunklen Stunden glaubt sie leises Kinderweinen zu vernehmen, dann helfen nur noch starke Medikamente gegen die heranflutende Panikattacke. In solchen Momenten empfindet sie es als äußerst zynisch, dass die ehemaligen Angestellten ausgerechnet den Namen Elparadiso für die besetzte Mondbasis ausgewählt haben, ein Paradies, das mit zwanzigtausend Leben bezahlt wurde, ist in ihren Augen nur wenig paradiesisch. Tagsüber arbeitet sie wie eine Besessene, um die negativen Gedanken zu verdrängen, doch wenn sie schließlich zur Ruhe kommt, kann sie nicht verhindern, dass die Schuldgefühle sie rücklings überfallen. Dr. Melnik atmet tief ein und aus und wälzt sich einmal mehr von einer Seite zur anderen, als ein lauter Sirenenton aus dem Lautsprecher über der Tür erklingt und sie aus dem Bett schnellen lässt. „Wir werden angegriffen!“, entfährt es ihr entsetzt, nur mit Hemd und Unterhose bekleidet stürzt sie aus ihrem Quartier.

*

Defense-Base

„Bemannt die Geschütztürme!“
„Aktiviert endlich den verdammten Schutzschild, oder wollt ihr, dass sie uns in Stücke reißen?“
„Wo, zum Teufel, sind die auf einmal hergekommen?“
„Die müssen eine neue Tarnvorrichtung haben, anders kann ich mir das nicht erklären!“
„Spielt jetzt auch keine Rolle mehr, wir sind am Arsch!“
„Flugabwehrraketen bereit!“
„Gefechtskontakt in einer Minute und siebzehn Sekunden!“
„Großer Gott, so viele Schiffe!“
„Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Kleines!“
„Ach, halt die Fresse und schieß endlich!“
„Schutzschild aktiv und bei hundert Prozent“, meldet Lyly Jon mit gepresster Stimme, sie verfolgt die heranrückenden Space Rider mit angespannter Miene und unterdrückt ein Zittern. Um sie herum wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, dutzende Personen laufen hektisch durcheinander und schreien sich gegenseitig Befehle zu, der Angriff erfolgt derart überraschend, dass viele von ihnen noch Pyjama tragen. „Sie greifen an!“, brüllt Wentworth Hill und seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. „Auf Einschlag vorbereiten!“ Lyly Jon hält sich krampfhaft an einer Konsole fest, als dutzende Explosionen die Mondbasis erschüttern, ihre Zähne klappern unkontrolliert, während pures Adrenalin durch ihre Adern schießt. „Schutzschild bei siebenundachtzig Prozent!“, schreit sie, um den Lärm zu übertönen. „Feuer erwidern!“, befielt Hendrik Schwan, der als einziger seine komplette Kampfausrüstung trägt, „zeigt diesen Ferkelfickern was wir zu bieten haben!“
Der blutige Kampf tobt über viele Stunden hinweg, doch obwohl die Besatzung verbissen Widerstand leistet, gegen die Übermacht der hervorragend ausgestatteten Privatarmee ist sie chancenlos. Die Angreifer attackieren gezielt die Verteidigungswaffen und bombardieren die Mondbasis unaufhörlich, bis schließlich der Schutzschild zusammenbricht. Von der Defense-Base ist zu diesem Zeitpunkt nur noch ein schwelender Trümmerhaufen übrig, doch auch die Söldner müssen schwere Verluste verkraften, nur wenige Schiffe haben das hitzige Gefecht überstanden. Als die Waffen endlich schweigen, landen die verbliebenen Space Rider in unmittelbarer Nähe der Hauptluftschleuse, dutzende Schwerbewaffnete marschieren siegessicher über die staubige Oberfläche des Mondes, um die schutzlose Mondbasis zu stürmen. Zu ihrer freudigen Überraschung kommt ihnen bereits ein dicklicher Mann im Raumanzug entgegen, der eine improvisierte, weiße Fahne schwenkt. „Wir kapitulieren!“, brüllt Heyman Even aus vollem Hals, obwohl er weiß, dass die Angreifer ihn nicht hören können. Er hält die weiße Fahne hoch über seinem Kopf und läuft in ungelenken Schritten auf die Aggressoren zu, die Handgranaten, die er sich um Bauch und Beine gebunden hat, scheuern unangenehm auf seiner Haut, doch davon lässt er sich nicht aufhalten. „Nicht schießen, nicht schießen!“, schreit er, als die Söldner einen waffenstarrenden Kreis um ihn bilden. „Wir ergeben uns!“ Nur wenige Sekunden später sprengt er sich und alle Umstehenden mit einer gewaltigen Explosion in die Luft.

***

Zeit: 09. Juni 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Bibliothek

„Wie können wir verloren haben? Sie haben mir eine hundertprozentige Erfolgsgarantie versprochen!“ Henry Van den Boom Senior tobt wie ein Derwisch durch die altehrwürdige Bibliothek, die sein Großvater vor einhundertsechsundvierzig Jahren errichtet hat. „Die Datenlage ist äußerst dürftig“, erwidert das holographische Abbild von Sadhana Cauhan zerknirscht. „Scheiß auf die Datenlage, ich will wissen, was schiefgelaufen ist!“, zetert Van den Boom Senior, sein vollautomatischer Körperstuhl surrt unmelodisch, während er im Zickzack über das edle Fischgrätenparkett kurvt. „Ich verlange eine vollständige Rückerstattung!“, blafft der alte Mann gereizt, doch Sadhana Cauhan schüttelt den schönen Kopf und erwidert gelassen, dass eine Rückerstattung bei derartigen Transaktionen ausgeschlossen sei. Henry Van den Boom Senior wirft daraufhin das Holo-Mobile gegen die Wand und brüllt wie ein verletzter Stier, bis ihn die Kräfte verlassen. Heiser und erschöpft ruft er schließlich Desna Yadav herbei, die seit dem Verschwinden von Henry Van den Boom Junior als seine persönliche Assistentin fungiert. „Rufen Sie Doktor Diaz, er soll unverzüglich herkommen“, verlangt er mit kratziger Stimme. „Rufen Sie außerdem diese Hyänen von Warrior Trade Inc. an und teilen Sie ihnen mit, dass ich bereit bin, die Firma zu verkaufen. Egal welchen Preis sie nennen werden, ich stimme zu. Bereiten Sie alles nötige vor, um den Verkauf schnellstmöglich abzuwickeln, ich erteile Ihnen hiermit alle nötigen Vollmachten.“ „Sehr wohl, Herr Van den Boom.“ Desna Yadav deutet einen ungelenken Knicks an und eilt aus der Bibliothek. „Johnson?“, bellt Van den Boom Senior, als die Assistentin den Raum verlassen hat und der Bodyguard erscheint augenblicklich an seiner Seite. „Was kann ich für Sie tun, Herr Van den Boom?“, fragt er mit zuvorkommender Freundlichkeit. „Sie können gehen. Ich benötige Ihre Dienste nicht mehr“, knurrt Van den Boom Senior und deutet mit einem Kopfnicken zur Tür.

***

Zeit: 11. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Mondoberfläche

„Heute ist ein schwerer Tag für unsere Gemeinschaft, denn heute betten wir unsere tapferen Freunde zur letzten Ruhe.“ Dr. Thaila Nguyen steht mit gefalteten Händen vor den sechsundsiebzig Gräbern, die in die poröse Oberfläche des Mondes gegraben worden sind. Ein Teil der Besatzung steht in losen Grüppchen um die offenen Gräber herum, ein anderer Teil verfolgt die Massenbestattung aus dem Inneren der Mondbasis, weil nicht genügend Raumanzüge zur Verfügung stehen. „Wir gedenken besonders Heyman Even, der uns alle mit seiner mutigen, selbstlosen Tat gerettet hat“, fährt Thaila Nguyen mit belegter Stimme fort, dicke Tränen kullern über ihre Wangen, der Raumhelm beschlägt von Innen und behindert ihre Sicht. „Wir danken dir, lieber Heyman, ohne dich wären wir heute alle nicht mehr hier“, ihre Stimme wird zu einem Schluchzen, als die Traurigkeit sie übermannt, Becca Durand eilt an ihre Seite, tröstend legt sie einen Arm um die weinende Wissenschaftlerin. „Wir gedenken auch… Wir gedenken…“ Dr. Nguyen schüttelt den Kopf, sie ist nicht mehr in der Lage weiterzusprechen. „Ich denke, es sind der Worte genug“, übernimmt Becca Durand, während sie die weinende Thaila Nguyen stützt. Mit einer würdevollen Handbewegung gibt sie das Signal, die Gräber zuzuschütten.

*

Krankenstation

Dr. Natasha Melnik liegt in dem einzigen Intensiv-Versorgungsbett, das der Mondbasis nach dem brutalen Angriff der Söldnertruppe zur Verfügung steht. Hätte sie die Entscheidung treffen können, sie hätte das Bett ohne zu zögern einem anderen überlassen, doch niemand hat sie nach ihrer Meinung gefragt und sie wäre ohnehin nicht fähig gewesen, sich zu äußern. Nur langsam erholt sie sich von den schweren Verletzungen, die sie bei der Verteidigung der Mondbasis erlitten hat. Wie ein diffuser Traum erscheinen die kurzen Wachmomente, in denen ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappt, die meiste Zeit verbringt sie in künstlichem Tiefschlaf, während das Intensiv-Versorgungsbett ihre Wunden heilt. Es wird Wochen dauern, bis ihr zerfetzter Körper einigermaßen wiederhergestellt ist, aber das medizinische Personal, das sich rührend um die vielen Opfer des Überfalls kümmert, zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass ihre Arme und zumindest ein Bein gerettet werden können.

***

Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Kantine

Dr. Thaila Nguyen spielt nervös mit dem Ring an ihrer linken Hand, während sie darauf wartet, dass die versammelte Besatzung zur Ruhe kommt. Ein langer, anstrengender Arbeitstag liegt hinter ihr und die bevorstehende Diskussion verspricht nicht weniger aufreibend zu werden, liebend gern würde sie die Gesprächsführung an Dr. Natasha Melnik übergeben, doch diese ist noch zu schwach, um an der Versammlung teilzunehmen. Dr. Nguyen muss also in ihrem Namen sprechen, auch wenn sie sich in dieser Rolle äußerst unwohl fühlt. „Ich habe gute und schlechte Nachrichten“, beginnt sie schließlich ohne großen Elan, „wie ihr alle wisst, sind Teile des Labors beim Angriff auf Elparadiso zerstört worden. Zwar ist es uns gelungen, wichtige Utensilien für die Embryonenmanipulation zu retten, die schlechte Nachricht ist jedoch, dass wir die Brutkammern zur Embryonenreifung nicht reparieren können, sie sind unwiederbringlich verloren.“ Ihre Worte lösen betroffenes Gemurmel aus. „Die gute Nachricht lautet, dass Dr. Melnik zuversichtlich ist, dass uns trotzdem eine Besiedelung von Inanna gelingen kann. Wir müssen allerdings die betreffenden Embryonen selbst austragen…“ „Du meinst mit natürlichen Schwangerschaften?“, platzt Grischa Zhang entgeistert dazwischen. „Ja, das meine ich“, antwortet Dr. Nguyen und versucht selbstbewusst auszusehen. „Natürlich wird eine Besiedelung auf diesem Wege länger dauern, sehr viel länger, wenn ich ehrlich sein darf, aber nichtsdestotrotz können wir es schaffen, sofern sich alle gebärfähigen Frauen mit dieser Idee einverstanden zeigen. Dr. Melnik bittet euch, diesen Vorschlag zu diskutieren und abzustimmen. Ich werde euch für alle Fragen zur Verfügung stehen, damit ihr eine fundierte Entscheidung treffen könnt.“
„Sollen etwa auch die Männer abstimmen dürfen?“
„Warum sollten die abstimmen dürfen, es geht schließlich nicht um ihre Körper!“
„Ich finde, ein jeder sollte eine gleichberechtigte Stimme haben.“
„Natürlich findest du das, du bist ja auch ein Kerl.“
„Es geht schließlich auch um die Zukunft meiner Kinder.“
„Ach, halt lieber den Mund, bevor ich die Beherrschung verliere.“
Dr. Thaila Nguyen lässt die aufgebrachte Diskussion laufen, ohne sich einzumischen, sie setzt sich auf einen freien Stuhl, schlägt die Beine übereinander und wartet geduldig, bis die Besatzung bereit für eine Abstimmung ist.

***

Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Büro der Hausverwaltung

„Da lungert ein Penner vor dem Zaun herum. Soll ich die Polizei rufen, Herr Faber?“ Ein adrett frisiertes Hausmädchen steht mit gesenktem Blick vor dem übergewichtigen Hausverwalter und scharrt unsicher mit den Füßen. Anton Faber runzelt ärgerlich die Stirn, er kann es nicht ausstehen, mit derartigen Nebensächlichkeiten belästigt zu werden. „Selbstverständlich sollen Sie die Polizei rufen“, herrscht er das Hausmädchen zornig an. „Ich dachte nur, wegen all der Journalisten und den vielen Gerüchten und…“, beginnt die junge Frau errötend, der Rest ihres Satzes ist ein gemurmeltes Flüstern. Anton Faber legt den massigen Kopf schräg, wie er es immer zu tun pflegt, wenn er nachdenken muss. „Sie haben richtig gehandelt, mich zu informieren“, formuliert er schließlich förmlich, „ich werde mich persönlich um die Angelegenheit kümmern.“ Das Dienstmädchen lässt ein kurzes, selbstzufriedenes Grinsen aufblitzen. Anton Faber erhebt sich ächzend aus seinem Stuhl und stapft mit schweren Schritten aus dem Verwaltungsgebäude, das neben dem gewaltigen Herrenhaus der Familie Van den Boom geradezu winzig wirkt. Wenige Minuten später sieht er sich mit einem dreckverkrusteten, übelriechenden Menschen konfrontiert, der vor dem Zaun des Privatanwesens sitzt und mit seinen nackten Füßen spielt. „Verschwinde, du Abschaum“, grollt Anton Faber, doch der offenbar geistig verwirrte Mann schenkt ihm keine Beachtung. „Du sollst abhauen!“, zischt Faber, er blickt verstohlen nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand beobachtet, dann versetzt er dem Penner einen kräftigen Tritt. „Aua!“, schreit dieser entrüstet, „das können Sie nicht mit mir machen! Ich bin… ich bin – ja, wer bin ich eigentlich?“ „Es ist mir scheißegal, wer du bist, du sollst dich verpissen“, knurrt Anton Faber, mittlerweile kann er den Gestank förmlich körperlich spüren, der von dem zerlumpten Mann ausströmt. „Hau ab, oder ich rufe die Polizei.“ „Polizei, faules Ei“, feixt der Fremde und lässt ein wieherndes Lachen ertönen, Anton Faber schnaubt zornig und holt mit dem Fuß aus, um ihn noch einmal zu treten, als ein verspiegelter Schwebewagen neben ihm abbremst und eine Traube von Journalisten ausspuckt. „Herr Faber, Herr Faber, ein kurzes Interview!“, ruft eine ganzkörpertätowierte Frau und hält ihm ein Holo-Aufnahmegerät unter die Nase. „Kein Kommentar“, schnaubt der Hausverwalter hochmütig, sein Interesse an dem obdachlosen Verrückten erlischt schlagartig, er wendet sich abrupt ab und drängt an den aufdringlichen Journalisten vorbei, zurück zum Grundstück. „Nur eine Frage! Hat sich Van den Boom Senior wirklich für tausend Jahre einfrieren lassen?“, schreit ihm ein junger Mann neugierig hinterher. „Kein Kommentar!“ „Was wird aus der Firma und was geschieht mit den Kolonien?“ „Kein Kommentar!“ Anton Faber beschleunigt seine Schritte und atmet erleichtert auf, als er das schmiedeeiserne Eingangstor des Anwesens erreicht und mit sattem Klicken hinter sich verschließt.

***

Zeit: 02. Even 2805
Ort: System Babylon760-I, Inanna, Neue Welt

Siedlung 24

„Gib es wieder her, gib es sofort wieder her!“ Wentworth Durand wälzt sich wie eine zornige Raupe über den Boden des Spielzimmers, seine zarten Hautschuppen verfärben sich zorniggelb, der winzige Stachelkamm auf seinem Kopf leuchtet vor Aufregung Karmesinrot. Seine große Schwester steht lachend über ihm und hält sein Lieblingsspielzeug wie eine Trophäe in den Händen. „Wie heißt das Zauberwort mit den zwei T?“, fragt sie grinsend, es scheint ihr großes Vergnügen zu bereiten, den kleinen Bruder zur Weißglut zu treiben. „Sollen dich die Erdlinge holen, du blöde Luftschlange!“, schreit Wentworth Durand, dicke Tränen laufen über seine kindlich runden Wangen. „Was ist hier los?“ Heyman Melnik hat sich unbemerkt den zeternden Kindern genähert, Lyly Durand schrickt schuldbewusst zusammen, als sie seine dunkle Stimme hört. „Nichts ist los“, behauptet sie mit engelsgleicher Unschuldsmiene. „Sie hat mein Spielzeug weggenommen!“, trötet Wentworth verschnupft, ein langer Rotzfaden hängt aus seiner Nase, mit einen saugenden Geräusch zieht er ihn hoch und schluckt. „Stimmt gar nicht, du lügst“, hält Lyly dagegen, „es ist mein Spielzeug.“ „Wenn ich mich richtig erinnere, hast du es Wentworth vor einigen Wochen geschenkt.“ Heyman Melnik geht vor den beiden Streithähnen in die Hocke und lächelt freundlich. „Ihr wisst doch, dass es die Mütter im Mond traurig macht, wenn ihr euch streitet.“ Lyly reicht Wentworth das Spielzeug und schiebt zerknirscht die Unterlippe vor. „Tschuldigung, Herr Melnik“, sagt sie und blinzelt liebenswürdig mit ihren großen, violetten Augen. Heyman Melnik muss ob ihrer geballten Niedlichkeit grinsen. „Ist schon gut“, lacht er versöhnlich. „Geht jetzt nach draußen, es ist eine herrliche Nacht.“ Wentworth und Lyly Durand laufen johlend nach draußen in den Mondschein, Heyman Melnik sieht ihnen mit weichem Blick hinterher und lächelt zufrieden.

© sybille lengauer

Devil in Space

Pling
Ich hätte zu Hause bleiben sollen.
Pling
Mir ein Haustier kaufen.
Pling
Oder zumindest eine Zimmerpflanze.
Pling
Stattdessen liege ich hier.
Pling
Unter einem tropfenden Leitungsrohr.
Pling
Und warte auf den Tod.
Pling
Dabei hatte alles so gut angefangen. Mit unserer neuen Angriffsstrategie konnten wir die gegnerischen Verteidigungslinien mit Leichtigkeit aufbrechen, wir kamen über sie wie zornige Hornissen über eine Herde verdatterter Rindviecher. Ihre behäbigen Kampfkreuzer waren nicht annähernd in der Lage, es mit unseren wendigen EMEB*-Schiffen aufzunehmen. Endlich hatten wir die Oberhand, wir haben ihnen ordentlich eingeheizt, ein Selbstmordgeschwader nach dem anderen stürzte sich auf ihre riesigen Kriegskolosse, bis diese schließlich im unaufhörlichen Bombenhagel auseinanderplatzten und durchs Weltall taumelten wie brennende Papierlampignons zu Neujahr. Auch ich war bereit mich den Tod zu stürzen, bereit den letzten Schritt zu tun und meinen ultimativen Beitrag zu leisten auf unserem Weg zum Sieg über die Mormoriten: Mein Leben für die Heimat. Mein Leben für die Erde. Als das Startsignal des Staffelführers ertönte, verschwendete ich keinen zweiten Gedanken an mein bevorstehendes Ende, ohne zu blinzeln ging ich zum Angriff über.
Pling
Aber der Antrieb. Dieser elende, auf alle Zeit verdammte Antrieb. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen was schiefgelaufen ist, kann mich an zu wenig erinnern. Ich weiß noch, dass mit einem Mal die Antriebsenergie versagte. Ich verlor die Kontrolle über das EMEB, dann riss mich plötzlich eine Explosion aus der Steuerliege. Ich verlor das Bewusstsein und als ich endlich wieder erwachte, lag ich eingekeilt unter einem Berg aus Trümmern und verbogenem Metall. Bewegungsunfähig. Hilflos. Auf dem kalten, harten Boden meines Schiffes. Viele Stunden liege ich nun schon hier, mein Körper ist ganz gefühllos und taub geworden, doch meine Gedanken wandern rastlos umher, schweifen hierhin und dorthin und immer wieder zurück nach Hause. Zurück zur Erde. Ich weiß, dass niemand kommen wird, um nach mir zu suchen. Ich weiß, dass ich hier liegen bleiben werde, bis ich verkümmert bin und sterbe. Die Schlacht ist längst vorbei, der Krieg ist weitergezogen. Alle meine Kameraden sind tot. Nur ich brauche noch ein bisschen.
Pling
Über meinem Kopf tropft das Leitungsrohr. Ich frage mich wie lange es wohl dauern wird, bis mich dieses Geräusch in den Wahnsinn treibt. Es zerhackt meine Gedanken, lässt mich unruhig werden, nervös und fahrig. Es verunsichert mich. Ich muss es ignorieren, sonst wird das hier hässlich. Ich frage mich generell, wie lange es wohl noch dauern wird. Nicht mit dem Wahnsinn, sondern mit dem Sterben. Ich weiß nicht wie schwer meine Verletzungen sind. Schmerzen habe ich keine, aber was heißt das schon. Gehen wir aber vorerst davon aus, dass es mir körperlich relativ gut geht. Die Lebenserhaltung des EMEB scheint nicht beschädigt zu sein, das bedeutet Sauerstoff und Wärme für mindestens sechs Wochen, also bleibt mir wohl als Option nur langsames, qualvolles dahinsiechen. Hab’ mich schon besser amüsiert.
Pling
Ich hätte auf der Erde bleiben sollen. Hätte meinen Job bei der Müllentsorgung behalten und weiter mein kleines Leben leben sollen. Die Rechnungen bezahlen, die Fertigmahlzeiten essen, die Kriegsberichterstattung im Holo-View glotzen und einmal in der Woche zum staatlichen Psychiater. Ich hätte mit meinem Arsch auf meiner Couch bleiben sollen, doch was nützt es mir jetzt darüber zu klagen, ich werde das alles nie wiedersehen und irgendwie erkenne ich erst jetzt, wo ich hier liege und meine Lage zerdenke, wie wertvoll es gewesen ist. Langweilig war mir die Welt geworden. Eintönig und leer erschien mir mein Leben und alles darum herum, also warum nicht freiwillig melden für die wichtigste Mission seit Kriegsbeginn? Was wusste ich schon von Eintönigkeit und Langeweile. Inmitten des unermesslichen Nichts gestrandet zu sein, ohne Hoffnung auf Zurück, das nenne ich die ultimative Monotonie.
Pling
Ich kann mich noch genau erinnern wie euphorisiert wir alle waren, als wir damals zum ersten Mal von der fremden Intelligenz aus dem Weltraum erfuhren. Fünfundzwanzig Jahre ist das her und ich weiß noch immer ganz genau, wonach es in diesem Moment gerochen hat und welcher Song im Wireless Radio lief, bevor die Durchsage kam: Die ganze Wohnung stank nach Mutters Bratkartoffeln mit Knoblauch- und Zwiebelgranulat und sie spielten gerade ‚The swan who has fallen in love with a helicopter“ von den Candy-Shop-Boys. Dann ertönte das Signal für eine wichtige Sondermeldung und ich hielt gespannt den Atem an. Als der Sprecher die Meldung über unseren Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation verlas, ließ meine Mutter in der Küche vor Schreck den Pfannenwender fallen. Ich aber hörte nur eines: Außerirdisch. Das war atemberaubend! Ich war zwar noch ein kleiner Hosenscheißer, aber ich war fasziniert, elektrisiert und wollte unbedingt dabei sein.
Pling
Natürlich hatte ich keine Chance auf ein Ticket zu den Sternen, auch wenn ich es mir jeden Abend zum Einschlafen wünschte, außerdem an Weihnachten und zum Geburtstag und bei jeder anderen Gelegenheit, die ich ergreifen konnte. Wir waren eine typische Unterschichtsfamilie, geringe genetische Qualität, geringe Perspektive. Egal wie sehr ich mich anstrengte, egal wie fleissig ich lernte, ich war abgeschrieben, noch bevor ich überhaupt loslegen konnte. Sie nannten meinen Jahrgang die überflüssige Generation und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet wir Überflüssigen einmal allen anderen den Arsch retten würden, wenn auch nur durch unseren kollektiven Selbstmord? Ach verdammt, ich werde wohl zynisch auf meine letzten Tage. Aber was macht das schon.
Pling
Mein naiver Traum von den Aliens war auch recht schnell ausgeträumt, als uns die Mormoriten fünf Jahre später den Krieg erklärten. Also, ihre AI erklärte unserer AI den Krieg, denn direkt konnten wir damals noch nicht kommunizieren. Ist schon etwas komplizierter über 4,7 Lichtjahre hinweg mit einer völlig unbekannten Spezies zu parlieren. Bis heute behaupten einige der Eierköpfe von NASA und SETI, dass die ganze Sache mit der Kriegserklärung ein bedauernswerter Systemfehler gewesen sein muss. Ich glaube allerdings, dass die einfach nicht wahrhaben wollen, dass die Mormoriten uns nicht ausstehen können. Mir muss man das nicht erzählen, ich kann ziemlich gut verstehen, warum die uns angegriffen haben. Wir sind eine brandgefährliche, selten dämliche Spezies und das sage ich nicht nur leichtfertig dahin, das meine ich mit jeder Faser meines Körpers.
Ach, was rege ich mich auf, ist ja ohnehin zwecklos. Ich sollte meinen Frieden machen und ohne Scheu dem Ende entgegenblicken, so lang es sich auch hinziehen mag. Was nützt es in der Vergangenheit herumzuwühlen, es hat doch gar keinen Zweck über all die Entscheidungen und Schicksalswendungen nachzugrübeln, die mich schließlich hierher gebracht haben. Es ist wie es ist. Hol’s der Teufel.
Pling

*EMEB = Ein-Mann-Eine-Bombe

© sybille lengauer

Good News Everyone!

Heute ist die E-Book Version der niegelnagelneuen Sci-Fi Anthologie „Singularitätsebenen“ (Verlag ModernPhantastik) erschienen. Freut euch auf 30 großartige Kurzgeschichten, die euch auf ganzen 570 Seiten in die phantastische Welt des Science-Fiction entführen werden. Es ist ein gutes Gefühl, meine epische Erzählung „Salvation“ in so guter Gesellschaft zu wissen.
Hier geht es zum E-Book: LINK zu Amazon
Die Anthologie wird in Kürze auch in Printform erscheinen, natürlich gebe ich dann noch extra Bescheid.

Singularitätsebenen Verlag Modernphantastik

Jacqueline Montemurri – Planet Neun
Thomas Laddach – Die letzten Dinge
Axel Kruse – Pluralitäten
Anja N. Schatz – Episoden I
Tobias Lagemann – Förster, du bist tot
Oliver Koch – Attacke
Achim Stößer – Kollaps
Ellen Norten – Storchenfest
Frank Lauenroth – Spoiler
Amandara M. Schulzke – Drachen und ihre Peiniger
Roland Rosenbauer – Chronomind 1553
Paul Hanneder – Wendigo
Kornelia Schmid – Licht hinfort
Stephan Becher – Annexion
Tamara Snow – Fehlkontakt
Schlomo Gross – Der Biergartenbesuch
Peter Kietz – Gastrecht
Andrea Bannert – Nahrungsnetz
Nob Shepherd – Ein leichter Job
Lara Möller – Die Seuche
Olaf Lahayne – Das grüne Loch
Nele Sickel – Neu
Galax Acheronian – Der stille Besucher
Andreas Koch – Retrospektive
Anja N. Schatz – Episoden II
Stefan Lochner – Gentleman im All
Tessa Maelle – Nanitas
Stefan Junghanns – Das Zeitgeschütz
Oliver Miller – Kein Erwachen
Christian Künne – Protophylanx
Sybille Lengauer – Salvation

Becky

Veröffentlicht: Juli 24, 2020 in Kurzgeschichten
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Becky
(Das Haus)

Freitag Abend, kurz vor neun Uhr. Walter lümmelt breitbeinig auf der Couch und feuert seine favorisierte Gladiatorenmannschaft an. Die Hologramme der Kämpfer werden aus dem Keller des Hauses live in Walters Wohnzimmer übertragen, wo sie zwischen Couchtisch und Billigwohnwand brutal aufeinander eindreschen. Walter sitzt mittendrin und quiekt aufgeregt, wenn holographisches Blut in seine Richtung spritzt. Er hat bereits fünf Alko-Ports intus, sein Gesicht ist stark gerötet, der Atem geht schnell. Das fensterlose Zimmer stinkt stechend nach seinem Schweiß und dem billigen Fusel. Im Schatten des Türrahmens lehnt seine Tochter Becky, sie hat die Arme vor der Brust überkreuzt, ihre Körperhaltung drückt starke Ablehnung aus. Erst in der Werbepause wird sie von Walter bemerkt, der Beckys rosa schillernden Ganzkörperanzug und ihre pinkfarbene Perücke abfällig mustert. „Willst du dich so etwa im Haus zeigen?“, fragt er mit kratziger Stimme. Becky nickt wortlos, ihre pink eingefärbten Augen blitzen trotzig. „Heutzutage ist euch wirklich nichts mehr peinlich“, grummelt Walter, verächtlich schnaubend wendet er sich wieder dem Holoprogramm zu. Becky zeigt ihm den Finger und stürmt beleidigt aus der Wohnung. Walter rülpst ihr vorwurfsvoll hinterher.
„Was für ein Umami-Outfit!“, kreischt Libby, sie klatscht begeistert in die Hände und verstreut Glitzer bei jeder Bewegung. Zusammen mit den anderen Mädchen belagert sie die streng bewachten Fahrstuhltüren zur oberen Ebene. Da den Bewohnern der unteren Hausebene ein Betreten der oberen Etagen nicht gestattet ist, gilt das imposante Fahrstuhlfoyer als beliebter Treffpunkt, um einen zufälligen Blick auf die reiche Oberschicht zu erhaschen und vielleicht selbst gesehen zu werden. Becky setzt ihr schönstes Lächeln auf und gesellt sich zur Gruppe. Gestenreich begrüßt sie die Freundinnen, kommentiert deren grellbunte Outfits und dreht Holovideos für die Unterhaus-Community. Der Abend verfliegt zwischen Gelächter und Tratsch, völlig überraschend ertönt das erste Signal zur Nachtruhe aus den diskret platzierten Foyer-Lautsprechern. Libby flucht kreativ, lautstark vertritt sie die Meinung es sei verdammt viel zu früh, um in die Quartiere zurückzukehren. Becky stimmt entschieden zu, sie stampft mit dem Fuß auf und wirft pinkfunkelnde Blicke zur schwarzvermummten Security, die vor den geschmackvoll verzierten Fahrstuhleingängen postiert ist und reglos ins Nichts starrt. Die Freundinnen nicken zustimmend, niemand hat die Absicht, jetzt schon ins Bett zu gehen. Ihre Gespräche werden lauter, das Gelächter erhält eine schrille Note. Erst beim dritten Signal zur Nachtruhe kommt Bewegung in die Gruppe, betont geziert flanieren die Mädchen aus dem Foyerbereich. Becky lässt sich mit Libby ein paar Schritte zurückfallen, Arm in Arm trotten die beiden das schier endlose Treppenhaus hinunter. „Ich muss dir was erzählen“, zischt Becky verschwörerisch. „Das dachte ich mir schon“, flüstert Libby und grinst. „Er hat sich wieder gemeldet.“ Becky zieht bedeutungsvoll die hauchdünn gezupften Augenbrauen nach oben. „Du meinst Er – Er?“ „Ja natürlich, wen soll ich sonst meinen?“ „Keine Ahnung, vielleicht hast du ja ein Dutzend Lover?“, frotzelt Libby in kindischem Tonfall. „Er ist nicht mein Lover!“ Becky wird laut, zornig reißt sie sich von Libbys Arm los. Die vorausgehenden Mädchen bleiben abrupt auf der Treppe stehen und wenden sich mit begierigen Gesichtern an die Zankenden. „WER ist dein Lover?“, fragt ein pummeliges Mädchen mit unverhohlener Neugierde, ihre Begleiterinnen spitzen aufgeregt die Ohren. „Er heißt Joe Gehtdichnichtsan und jetzt verpiss dich, Pamela“, schnappt Libby kampflustig, sie knufft Becky verschwörerisch in die Rippen und scheucht die anderen Mädchen unter viel Gezeter fort. „Jetzt erzähl schon“, drängelt sie, als die Gruppe endlich ausser Hörweite ist. „Da gibt es nicht viel zu erzählen“, schmollt Becky beleidigt. „Jetzt mach schon, lass mich nicht betteln.“ „Okay, hör zu: Er hat mir geschrieben! So richtig klassisch, mit echten Worten und so, total digital!“ Beckys Stimme überschlägt sich aufgeregt. „Oh. Wow“, macht Libby beeindruckt, „mir hat noch nie einer was geschrieben.“ „Ja, echt wow“, bestätigt Becky und reckt stolz das Kinn vor. „Weißt du von welcher Etage er kommt?“, fragt Libby nach kurzem Schweigen. „Nein. Er bleibt die ganze Zeit Inkognito“, seufzt Becky und lässt das Kinn wieder sinken. „Vielleicht kommt er ja von Oben! Oder, noch besser, vielleicht ist er ein Spion! Und er hat sich unsterblich in dich verliebt und entführt dich in sein Haus. Verbrechen aus Leidenschaft und so.“ „Du ziehst dir zu viele Holo-Romanzen rein“, lacht Becky. Ausgelassen kichernd verabschieden sich die Freundinnen, während das letzte Signal zur Nachtruhe über ihren Köpfen erklingt.
Walter ist vor einem Holo-Porno eingeschlafen, zwei dickärschige Frauen schmiegen sich stöhnend an seinen massigen Leib. Walter schnarcht seelenruhig zwischen ihren ausladenden Brüsten, sein Mund steht weit offen, er sabbert. Becky beendet den Porno mit angeekeltem Gesichtsausdruck, die Gestalten der Frauen lösen sich in Nichts auf, kalte Dunkelheit flutet das stickige Wohnzimmer. Becky schaudert, hastig wählt sie ein Entspannungs-Holo und die sanften Farben einer fernen Unterwasserlandschaft spülen die bedrückende Dunkelheit fort. Walter stöhnt und wälzt sich grummelnd auf die Seite, Becky zetert leise über seine ausgeprägte Dummheit, dann zieht sie fürsorglich die schmierige Sofadecke über seinen dicken Bauch und weint ein bisschen.

„Na, was sagst du?“
„Baby, du bist so unbeschreiblich sexy.“
„Ach, nicht doch.“ Becky lächelt geziert, sie dreht sich provozierend langsam vor dem blinkenden Holorecorder, wirft dem Aufnahmegerät eine Kusshand zu und kichert albern. Seit Stunden chattet sie mit jenem geheimnisvollen Verehrer, der sich Mysterious Romeo nennt und nur in Gestalt eines schattenhaften Avatars in Erscheinung tritt. Becky posiert für ihn, zeigt sich in unterschiedlichen Outfits, wechselt mit rasender Geschwindigkeit die Perücken und lässt die Spitze ihrer Unterwäsche verführerisch aufblitzen, um zu zeigen was sie unter den bunten Hosenanzügen zu bieten hat. Mysterious Romeo überschüttet sie mit Komplimenten und ihr Zimmer mit holographischen Blumenbouquets. Becky berauscht sich an seiner Zuneigung und zeigt schließlich noch etwas mehr. Walter platzt wie eine zornige Lawine in die erotisch aufgeheizte Szene und beginnt sofort zu schreien. „Was geht hier vor?“, brüllt er und starrt mit hervorquellenden Augen auf Beckys nackte Brüste, die dunkelroten Rosen, die auf ihrem Bett liegen und den schattenhaften Mann, der sich zwischen den schimmernden Blumen räkelt. Becky quiekt erschrocken und beendet geistesgegenwärtig die Holoverbindung, Mysterious Romeo löst sich augenblicklich in Luft auf, die Blumen verschwinden. Mit hochrotem Kopf zieht Becky den Reißverschluss ihres Hosenanzugs nach oben, dann stemmt sie die Fäuste in die Hüften und holt tief Luft. „Was, zur Hölle, hast du in meinem Zimmer zu suchen?“, kreischt sie aus vollem Hals, doch Walter lässt sich von ihrer Entrüstung nicht einschüchtern. „Wer war das?“, knurrt er und baut sich drohend vor seiner Tochter auf. „Das geht dich einen Scheißdreck an“, faucht Becky aufgebracht, mutig hält sie Walters strengem Blick stand und weicht keinen Schritt zurück. „Du hältst deine Titten in die Welt und hast die Frechheit mir zu sagen, das ginge mich nichts an? Du bist zwölf Jahre alt, verdammtnochmal!“ „Ich weiß wie alt ich bin, danke Vater.“ Becky spuckt das Wort ‚Vater’ betont angewidert aus, Walters Wangen werden weiß vor Zorn, seine Kiefermuskeln treten stark hervor. „Du benimmst dich wie eine Kellerhure“, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. „Wie kannst du so etwas sagen!“, entfährt es Becky empört, doch Walter zuckt nur abwehrend mit den breiten Schultern. „Wenns die Wahrheit ist“, zischt er kalt. Becky wirft sich heulend auf das Bett und vergräbt das Gesicht in den farbenfrohen Kissen. Walter schüttelt abfällig den Kopf, schnaubend nimmt er Beckys Holorecorder vom Gestell, dreht das fragile Gerät in seinen riesigen Händen. „Du hast zwei Wochen Stubenarrest“, brummt er heiser. „Ich hasse dich!“, brüllt Becky zwischen den Kissenbergen hervor. „Und Holo-Verbot“, setzt Walter hinterher, er lässt den Recorder in seiner Hosentasche verschwinden, dreht sich um und verlässt mit gesenktem Kopf das Zimmer. Becky schreit ihm wüste Beschimpfungen hinterher bis ihre Stimme versagt.
Drei Tage vergehen, in denen Becky kein Wort mit Walter spricht. Beleidigt harrt sie in ihrem Zimmer aus, ernährt sich von gehorteten Chips und Schokoriegeln und ignoriert Walters, manchmal geflüsterte, manchmal gebrüllte Ansprachen vor ihrer verschlossenen Tür. Drei Tage lang versendet sie heimlich liebeskranke Botschaften mit einem alten Holorecorder, den Walter bei seiner Strafaktion übersehen hat. Unter Tränen berichtet sie ihrem Mysterious Romeo von der qualvollen Gefangenschaft und Romeo antwortet mit viel Pathos und schmalzigen Versprechen. Am vierten Tag ist Becky verschwunden. Walter bemerkt ihr Verschwinden erst am späten Abend, als er die Sicherheitsanzeigen der Wohnung überprüft und erschrocken feststellen muss, dass Beckys Vitalwerte nicht mehr aufgelistet werden. Wie von der Tarantel gestochen stürmt er ins Kinderzimmer, findet dort jedoch nur Unordnung und ein zerwühltes, leeres Bett. Walter tobt. Ist außer sich vor Zorn. Er brüllt wie ein verletzter Stier und trampelt schäumend durch die Wohnung, bis er völlig entkräftet erkennen muss, dass sein Wutausbruch Becky nicht zurückbringen wird. Außer Atem lässt er sich auf die Couch fallen, um bei einem Alko-Port über das Problem nachzudenken. Unzählige Flaschen später torkelt er schwerfällig über die menschenleeren Flure der Etage, um Beckys bester Freundin Libby einen Besuch abzustatten. Kurz nach Mitternacht steht er schwankend vor Libbys Wohnung und grölt ihren Namen aus voller Kehle. Libbys Vater öffnet im Unterhemd die Tür und verpasst dem randalierenden Walter einen Kinnhaken, ohne vorher Fragen zu stellen. Walter landet hart auf dem Hosenboden und glotzt verwirrt. „Was willst du hier, Kowalski?“ Libbys Vater verschränkt die muskulösen Arme vor seiner massiven Brust und blickt kampflustig auf Walter hinab. Der rappelt sich stöhnend zurück auf die Beine und reibt sich über das lädierte Kinn. „Ist meine Tochter hier?“, fragt er und blickt dabei beschämt auf seine Füße. „Nein. Hau ab.“ „Kann ich mit Libby sprechen?“ „Nein. Hau ab, hab ich gesagt.“ „Entschuldige die Störung, Harald.“ „Verpiss dich, Kowalski.“ Walter lässt den Kopf noch tiefer hängen und tritt den Rückzug an. Beschämt trottet er nach Hause und säuft, bis der Schlaf ihn gnädig übermannt. Am nächsten Morgen durchsucht Walter Beckys Zimmer, doch er findet kein verstecktes Tagebuch, und auch keine geheimen Holoaufzeichnungen oder Notizen, die ihm einen Hinweis auf ihren Verbleib geben könnten. Hoffnungsvoll blättert er durch Beckys virtuelle Freundesliste, wählt die Nummern ihrer Freundinnen und erkundigt sich höflich, ob jemand seine Tochter gesehen habe. Doch niemand weiß etwas von Becky, niemand hat sie gesehen. Frustriert gibt Walter schließlich auf, er verfasst eine offizielle Vermisstenanzeige für die Community und hofft auf das Beste.

Freitag Abend, kurz vor neun Uhr. Walter hockt vornübergebeugt auf der Couch und starrt desinteressiert auf die Holo-Gladiatoren, die sich vor seinen tränensackschweren Augen in Stücke reißen. Zu seinen Füßen türmen sich leere Alko-Ports, das Zimmer und Walter stinken nach ranzigem Schweiß und Einsamkeit. Wochen sind vergangen, seit Becky verschwunden ist und kein Tag, an dem Walter nicht nach ihr gesucht hat. Er war auf jeder Etage der Ebene, hat an alle Türen geklopft, hat Suchbotschaften verschickt und sich stundenlang im Fahrstuhlfoyer herumgetrieben. Doch Becky kommt nicht zurück und niemand kann sagen, wohin sie verschwunden ist. Walter ertränkt seine Gefühle in Alkohol, jede Nacht braucht er etwas mehr, um endlich in den Schlaf zu finden. Auch an diesem Abend stürzt er die Alko-Ports rücksichtslos in sich hinein, wie viele es sind, interessiert ihn nicht mehr. Die Gladiatoren verspritzen ihr grellrotes Blut auf seiner Couch, ihre grässlichen Todesschreie gellen durch das stickige Zimmer, doch Walter kann sich nicht an ihrer Darbietung erfreuen. Er säuft sein Gehirn methodisch müde, vergisst sich und seine Sorgen und dämmert langsam dem Schlaf entgegen. Kraftlos wählt er ein beliebiges Porno-Programm für Heteros und beginnt träge an sich herumzuspielen, während die Huren um ihn herum mit ihrer Show beginnen. Stöhnend räkeln sich die drei Frauen umeinander und um Walter, der nun doch ein wenig in Fahrt kommt und wohlig zu grunzen beginnt. Er lehnt sich schwer atmend zurück, versinkt im zuckenden Fleisch der Holographien und massiert sich rhythmisch zum Höhepunkt. Stöhnend blickt er auf, und in Beckys Gesicht. Walter schreit und weicht entsetzt zurück, das Hologramm seiner Tochter beugt sich ungerührt über den nackten Körper einer fremden Frau und grinst wollüstig. Walter schreit, ein Orkan aus Scham und Schuldgefühlen tobt durch seinen Kopf, hastig zieht er sich die Unterhose zurecht, dann bricht er in Tränen aus.

© sybille lengauer

Der Mann auf der Raumstation

Veröffentlicht: November 19, 2019 in Kurzgeschichten
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Der Mann auf der Raumstation

Der Mann erwachte in tiefer Finsternis. Mit weit aufgerissen Augen und ohne jede Erinnerung an das, was vor seinem Erwachen geschehen war, stierte er in die Schwärze und fürchtete, blind geworden zu sein. Er wedelte mit den Händen vor seinem Gesicht und wimmerte leise, da er nichts sah als absolute Dunkelheit. Heißkalte Wellen der Angst brandeten über seinen Rücken, doch er kämpfte tapfer gegen die aufsteigende Panik. Keuchend tastete er um sich und begriff, dass er auf kaltem, glatten Boden lag. Er wälzte sich erst auf die Knie, dann stand er umständlich auf und atmete gegen ein heftiges Schwindelgefühl an. Lange stand er so da, schwankend und schnaufend, mit ausgestreckten Armen nach Gleichgewicht suchend, bis sein Kreislauf sich allmählich beruhigte. Das ohrenbetäubende Rauschen seines Blutes verklang und es gelang ihm besser, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Er lauschte angestrengt ins Dunkel, doch hörte er nur jene Geräusche, die er selbst verursachte und fühlte sich dem Gedanken ausgeliefert, die allumfassende Finsternis verschlänge selbst diese, seine gehetzten Atemzüge. Erneut brandete die Panik heran, ein leises Schluchzen drängte aus seiner eng werdenden Kehle, der Puls beschleunigte sich und seine Beine begannen stark zu zittern. „Hallo?“ stieß er hervor, mehr um sich selbst von der Existenz seiner Stimme zu überzeugen, als um tatsächliche Antwort hoffend. „Ist da jemand?“ Doch nur sein eigener, pochender Herzschlag antwortete seinem ängstlichen Rufen und verstärkte das beklemmende Gefühl, von unsichtbaren Gefahren belauert zu werden. „Hallo!“ rief er noch einmal, dann nahm er all seinen Mut zusammen und tastete durch die Dunkelheit. Vorsichtig, mit Händen und Füßen seine Umgebung erkundend, einen kleinen Schritt vor den anderen setzend, schob er sich langsam voran. Seine suchenden Finger stießen schließlich auf eine Wand, die sich so kalt und glatt anfühlte wie der Boden, auf dem er gelegen hatte. Die linke Hand an die kalte Wand gepresst, die rechte Hand suchend in die pechschwarze Stille gestreckt, drang er weiter in die undurchdringliche Schwärze vor. Zwar wusste er nicht, wohin er sich bewegte, doch die Bewegung selbst vermittelte eine gefühlte Sicherheit, nach der er dringend bedurfte. Dann sah er die Sterne. Erst dachte er an eine Sehstörung, hervorgerufen durch die alles umhüllende Finsternis. Funkelnde Tupfer blitzten in seinem linken Augenwinkel, er wandte seine Aufmerksamkeit irritiert der Störung zu und es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass er vor ein großes Fenster geraten war, welches sich nahtlos in die glatte Wand einfügte. Er presste sein Gesicht an das Fenster und starrte fassungslos hinaus. Unberührt von seinen Emotionen starrten die Sterne zurück, sie verschenkten ihr irrlichterndes Gleißen ohne Anteilnahme an jeden, der in der Lage war nach ihnen zu schauen. Eine Erkenntnis brach wuchtig an die Oberfläche seines gelähmten Verstandes. „Ich bin im Weltraum.“ hauchte er betroffen. Jäh brandeten Fragmente verschütteter Erinnerungen in seine konfuse Bestürzung, eine Flut an Bildern und Gesprächsfetzen schwemmte die Sterne vor seinen Augen fort. Von heftigem Schwindel erfasst, taumelte er rückwärts und fiel schwer auf den Hosenboden, japsend und zitternd saß er da, während die Vergangenheit unkontrolliert auf ihn eindrang.
„Verdammt, wir haben ein Strahlungsleck. Geh zum Schildreaktor und sieh nach den Injektoren.“ Eine dunkel uniformierte Frau wirft ihm den Befehl mit knappem Kopfnicken zu, dann konzentriert sie sich auf einen kleinen Monitor, dessen Anzeigen hektisch blinken. Eine graue Haarsträhne löst sich aus ihrem Haarknoten und fällt vor ihr besorgt wirkendes Gesicht, mit einer ärgerlichen Handbewegung wischt sie sie fort. Ihr Name lautet Walsh. Leutnant Beth Walsh.
„Der Strahlungsalarm wurde ausgelöst. Was ist passiert?“ Eine hochgewachsene Gestalt in oranger Schutzkleidung fängt ihn auf dem Weg zum Reaktorraum ab. In der Stimme des jungen Mannes ringen professionelle Neugierde und besorgte Unerfahrenheit um den ersten Platz, sein bartloses Gesicht wirkt unter der dünnen Folie des Schutzhelms unnatürlich blass, trotzdem reckt er mutig das Kinn vor. Er hört auf den Namen Reid. Fähnrich Connor Reid.
„Verschwinde von hier, du Idiot!“ Ein stämmiger Techniker wirft Fähnrich Reid aus dem Reaktorraum. Die leidenschaftlichen Proteste des jungen Mannes ignorierend, schubst er ihn kurzerhand auf den Gang der Sektion zurück und betätigt die Türverriegelung. Seine schwarzen Augen leuchten intensiv, seine ungeschützten Wangen und Hände sind von der entweichenden Strahlung stark gerötet. „Wir müssen die Eindämmung wiederherstellen, sonst sind wir geliefert!“ brüllt er entschlossen. Sein Name ist Mason. Leitender Ingenieur Owen Mason.
„Neukalibrierung gescheitert. Überprüfe Befehlseingabe.“ Eine sachliche Computerstimme, die mitleidslos die Katastrophe kommentiert. Das Entsetzen in den Augen des leitenden Ingenieurs Mason, als er die Ausweglosigkeit der Situation erkennt und von der sofortigen Evakuierung der Raumstation spricht. Rote Lichter. Warnsirenen. Das Gefühl, ganz nah an einem Abgrund zu stehen. Der Geruch von synthetischem Zimt und heißem Metall. Eine kurze Reflexion des eigenen Spiegelbildes auf einem blankpolierten Bedienelement. Ein entsetztes Gesicht, das den Namen Androy Dee trägt. Der verschreckte Mann im Reaktorraum und der zitternde Mann in der Dunkelheit verschmelzen zu einer Person, die erschrocken nach Luft schnappt. „Sie haben mich zurückgelassen.“ flüstert er schockiert.
Atemlos saß Androy Dee im Dunkeln, minutenlang blinzelte er mit tränenden Augen ins Nichts, während sich weitere Bruchstücke seiner Erinnerung zusammenfügten und ein lückenhaftes Bild der vergangenen Ereignisse entstand. Er sah Owen Mason auf dem Weg zu den Fluchtkapseln stöhnend zusammenbrechen. Sah sich selbst bei dem wimmernden Mann ausharren, um ihm Mut zuzusprechen und fühlte, wie er eben jenen Mut verlor, als der Ingenieur einen letzten, verkrampften Atemzug tat und starb. Er hörte die gehetzten Worte der Entschuldigung, mit denen er den Leichnam zurückließ, durchlebte wie im Zeitraffer den kräftezehrenden Lauf zu den Fluchtkapseln und fühlte die heranrasende Welle greller Panik, als er bei seiner Ankunft erkennen musste, dass alle Kapseln fort waren. „Oh nein. Oh nein. Oh nein.“ jammerte Androy Dee in seiner Erinnerung und in der Finsternis, vor dem Fenster sitzend. Die Bilderflut aus der Vergangenheit endete abrupt und ihm war, als würde sein Selbst zu einem kläglichen Schluchzen zusammenschrumpfen. Mühsam kam er auf die Beine, schwer lehnte er sich an das glatte Fenster, das die funkelnde Schönheit der mitleidlosen Sterne offenbarte. Er blickte nach draußen und glaubte beinah, in der Ferne die ovalen Fluchtkapseln sehen zu können, wie sie, kleinen Blumensamen gleich, in der Unendlichkeit des Weltraums verschwanden, doch es waren nur seine überreizten Nerven, die einen grausamen Scherz mit ihm trieben. „Ich bin noch hier!“ schrie Androy Dee, mit aller Kraft trommelte er gegen das Fenster, doch dann verstand er, dass niemand da war, um ihn zu hören. Er war absolut allein.
*
„Mayday, Mayday. Hier spricht Raumstation Alpha7. Kann mich jemand hören?“ Unter dem schummrigen Licht der Notbeleuchtung war es ausgesprochen schwierig, die komplizierten Regler der Kommunikationsanlage sachgemäß zu bedienen. Androy Dee hatte frustrierend lange Stunden damit zugebracht, die autonome Energieversorgung im Kommandozentrum der Raumstation wiederherzustellen. Die Reparatur war quälend langsam vorangegangen, doch schließlich war es ihm gelungen jenen kleinen Teil der Station zu reaktivieren. Viele Apparaturen waren aufgrund der hohen Strahlenbelastung irreparabel beschädigt und so setzte er all seine Hoffnung in die robuste Zuverlässigkeit des Deep-Space-Funksystems. Mit zusammengekniffenen Augen stierte er auf die Anzeigen, unablässig funkte er seine Botschaft in den Weltraum. „Hier spricht Raumstützpunkt 62. Sie kommunizieren auf einer militärischen Frequenz. Identifizieren Sie sich.“ blaffte es unvermittelt aus der Anlage. Androy Dee zuckte erschrocken zurück, dann stieß er einen erleichterten Freudenschrei aus. „Ich bin noch hier!“ schrie er aufgeregt, die nervenaufreibende Anstrengung der letzten Stunden fiel ab von seinem Herzen und er fühlte sein Selbst federleicht werden. „Mein Name ist Androy Dee. Ich befinde mich auf Raumstation Alpha7. Wir mussten die Station evakuieren, aber ich habe es nicht zu den Fluchtkapseln geschafft. Bitte, holt mich hier raus!“ „Wollen Sie mich verarschen, Mann?“ fragte der Funker auf Raumstützpunkt 62 kaltschnäuzig. „Was? Nein!“ schrie Androy Dee, seine wilde Euphorie wandelte sich schlagartig in blankes Entsetzten. „Verfolgen Sie mein Signal zurück, wenn Sie mir nicht glauben wollen!“ bat er den Fremden verzweifelt. „In der Tat.“ antwortete jener nach einem kurzen Moment des Schweigens. Seine Stimme klang zwar weniger barsch, drückte jedoch immer noch skeptische Reserviertheit aus. „Holt mich hier raus!“ schluchzte Androy Dee. „Ich verständige das Hauptquartier. Erwarten Sie meine Rückmeldung. Raumstützpunkt 62 Ende.“ Der Mann auf der Raumstation brach in Freudentränen aus, auch wenn sich die heitere Leichtigkeit nicht wieder einstellen wollte, die ihn eben noch von Kopf bis Fuß erfasst hatte. Mit jeder verstreichenden Minute drückte die Einsamkeit schwerer auf seine Brust, unbehaglich wurde er sich der Dunkelheit bewusst, die vor der Tür des Kommandozentrums auf ihn zu warten schien. Als die vertraute Stimme des Funkers erneut aus der Kommunikationsanlage dröhnte, riss sie Androy Dee aus einer düsteren Erstarrung, die sich seiner schleichend bemächtigt und jegliches Gefühl der Hoffnung aus seinen Gedanken getilgt hatte. „Raumstützpunkt 62 ruft Raumstation Alpha7, empfangen Sie mich?“ Androy Dee schnellte aus seiner brütenden Starre empor. „Hier Raumstation Alpha7, ich empfange Sie laut und deutlich!“ meldete er aufgeregt. „Ich habe schlechte Nachrichten.“ meldete der Funker geradeheraus, er schien kein Freund der umständlichen Rede zu sein. Androy Dee erwiderte nichts. Stumm stand er vor der Kommunikationsanlage und jegliche Lebendigkeit wich aus seinen Augen. „Wir haben Ihre Angaben überprüft. Raumstation Alpha7 wurde vor achtzig Tagen evakuiert. Ein Crewmitglied mit ihrem Namen ist nicht in den Besatzungslisten verzeichnet.“ „Aber.“ hauchte Androy Dee, doch der Funker unterbrach ihn augenblicklich. „Ich kann den Sachverhalt erklären. Bitte hören Sie mir aufmerksam zu.“ „In Ordnung.“ antwortete Androy Dee und unterdrückte ein Zittern. „Sie sind der oberste Wartungsandroide der Station, Mister Dee. Wir vermuten, dass Ihr Uplink zum Leitsystem durch die Strahlung zerstört wurde, die während des Reaktorunfalls entwichen ist. Offenbar wurden Sie in den vergangenen Tagen durch Ihr internes Selbsterhaltungsprogramm reaktiviert.“ sagte der Funker und es klang, als würde er die komplizierteren Worte von einem Blatt Papier ablesen. „Aber ich atme doch! Ich kann fühlen, dass ich Lebe.“ flüsterte Androy Dee, seine Knie wurden weich und er hielt sich krampfhaft an der Bedienfläche der Kommunikationsanlage fest, um nicht zu stürzen. „Raumstation Alpha7 ist seit achtzig Tagen offline. Es gibt keinen Sauerstoff mehr.“ erwiderte der Funker sachlich. „Es tut mir leid.“ setzte er in gefühlvollerem Ton hinzu und es schien, als wäre damit alles gesagt. „Ihr werdet mich nicht rausholen.“ murmelte Androy Dee nach einer Minute schockierten Schweigens. „Sie sind radioaktiv verstrahlt, Mister Dee. Raumstation Alpha7 ist auf unbestimmte Zeit gesperrt. Es tut mir leid.“ wiederholte der Mann am anderen Ende der Verbindung. „Was kann ich tun?“ fragte Androy Dee und er konnte hören, dass sein Gesprächspartner umständlich schluckte, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Deaktivieren Sie Ihr internes Selbsterhaltungsprogramm.“ „Wie bitte?“ „Schalten Sie sich ab, Mister Dee.“ „Nein!“ schoss es spontan aus Androy Dee heraus, mit einem unartikulierten Schrei beendete er die Funkverbindung zu Raumstützpunkt 62. In der anschließenden Stille hörte er das wilde Pochen seines künstlichen Herzens. „Das kann ich nicht.“ flüsterte er dumpf.
*
Still war es, auf der menschenverlassenen Raumstation Alpha7. Düster und Glanzlos hing sie in der unermessliche Leere des Weltalls, wie ein ungeschliffener Edelstein, der seine Schönheit nicht dem eiskalten Griff des Vakuums preisgeben mochte. Tief in ihren Eingeweiden kämpfe Androy Dee mit gerechtem Zorn gegen das klaustrophobische Gefühl, von nahen Wänden erdrückt zu werden. Ausdauernd fluchte er über die lebensnahen Körperfunktionen, die ihm das Arbeiten unter Extrembedingungen erschwerten und er wurde nicht müde, an der fachlichen Kompetenz seiner Erbauer zu zweifeln. Seit neun Stunden quälte er sich durch bedrückend enge Wartungsschächte, um eine defekte Leitung des Energiesystems zu reparieren. Schweißüberströmt legte er einen letzten Bypass, dann kroch er ein Stück zurück, bevor er die neue Verbindung testete. Mit einem sonoren Brummen erwachte die instandgesetzte Leitung zu neuem Leben. Zufrieden überprüfte Androy Dee den Energiefluss mit einem Messgerät, dann beendete er den Reparatureinsatz mit aller erforderlichen Gewissenhaftigkeit. Androy Dee hatte Zeit. Es würde noch lange dauern, bis das Energiesystem der Station wiederhergestellt war und es würde noch länger dauern, die Schäden am Schildreaktor zu beheben. Doch Androy Dee war hier, um sich um die Bedürfnisse der Raumstation Alpha7 zu kümmern und er würde noch hier sein, wenn die Menschen wiederkehrten, um sie erneut in Besitz zu nehmen.

© sybille lengauer

Kueperpunk: Rückblick auf die gestrigen Lesungen von Sybille Lengauer und David Pawn.

Die virtuellen Lesungen nach Oktober sind für uns immer sehr entspannt. Ganz anders als E-Book Event oder Literaturcon. Im Verlauf von fünfzehn Lesungen kann einfach immer mal was schiefgehen. Da genießt man die kleinen Termine im November und Dezember. Lesungen mit ein oder zwei Autoren erzeugen bei mir immer so eine Art Kaminzimmerstimmung. So wie am gestrigen Samstagabend.
Sybille Lengauer und David Pawn haben für uns auf insgesamt drei Bühnen aus ihren Werken gelesen. Barlok hat gewohnt konsequent Textstellen eingefordert – da ist er knallhart – , um für David ein geheimes Forschungszentrum, für Sybille ein Raumschiff und eine wunderschöne Gartensphäre zu bauen. Wobei er für letztere noch einen großartigen Spezialeffekt vorbereitet hatte, der nicht nur das Publikum, sondern auch die Autorin selbst überrascht haben dürfte…

Weitere Rückblicke gibt es dort:

Bei BukTom: http://buktomblog.blogspot.com/2019/11/seltsame-bienen-gruner-ather-und-mehr.html

Bei Dorena in Gridtalk: https://www.gridtalk.de/showthread.php?tid=3463&pid=40578#pid40578