Mit ‘Science Fiction’ getaggte Beiträge

Elparadiso

Zeit: 13. April 2205
Ort: Gilgamesh, zweiter Mond des habitablen Exoplanet Inanna im System Babylon760-I
Entfernung zur Erde: 3,5 Lichtjahre
Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha: gegründet 2199 im Auftrag des interstellaren Handelsunternehmens Van den Boom & Söhne
Missionsziel: Anpassung firmenpatentierter Embryonen an die naturgegebenen Anforderungen von Inanna, um eine erfolgreiche Besiedlung und damit einhergehende Inbesitznahme durch die Firma zu gewährleisten
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Produktiv

Kantine

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Eins Heyman Even neigt sich mit verschwörerischem Gesichtsausdruck seinem Sitznachbar entgegen, während sie in der gutbesuchten Kantine das Mittagessen einnehmen. „Was soll ich gehört haben?“, antwortet Arbeiter Klasse Eins Thojan Schmydt mit vollem Mund, er scheint nur mäßig an einem Gespräch mit Even interessiert zu sein. „Wir sollen alle kastriert werden“, raunt Heyman Even geheimnistuerisch und doch so laut, dass sich ringsum ein paar neugierige Köpfe heben. Er rückt aufdringlich nah an Schmydt heran, der daraufhin seinerseits einige Zentimeter zur Seite rückt und demonstrativ mit den Augen rollt, um sein Missfallen auszudrücken, mehr als ein „Bitte was?“ schlüpft ihm nicht von der Zunge.
„Die wollen uns an der Fortpflanzung hindern. Und zwar für immer! Neueste Anweisung der Firma“, zischt Even aufgeregt und kleine Spucketropfen fliegen von seinen feuchten Lippen. Thojan Schmydt runzelt irritiert die Stirn. „Ach was. Klingt für mich wie ein Haufen kalter Weltraumscheiße. Warum sollten die das wollen?“, fragt er in herablassendem Tonfall. Heyman Even scheint nur auf diese Frage gewartet zu haben, denn seine Begründung folgt wie aus der Pistole geschossen. „Weil sie befürchten, dass hier dasselbe passiert wie auf Teegardens Stern, kapische?“ Weitere Spucketropfen fliegen, Thojan Schmydt rümpft die Nase und drückt damit Skepsis und Ekel zugleich aus. „Aha. Und woher hast du diese krasse Information?“, fragt er ohne jegliche Begeisterung. „Das Ohr war heute morgen ziemlich gesprächig.“ Heyman Even spielt seine wichtigste Karte aus, sein sporadischer Intimkontakt zur Subraum-Funkerin der Mondbasis ist, zumindest inoffiziell, allseits bekannt. Thojan Schmydt wird tatsächlich etwas blass um die Nase. „Dann kommt das also von ganz oben?“, entfährt es ihm schriller als beabsichtigt. Heyman Even ist ein einziges Nicken. „So ist es, mein Guter“, bestätigt er und grinst selbstzufrieden über die Wirkung seiner Worte. „Was, wenn sie dich nur auf den Arm genommen hat? Du weißt doch, wie hinterfotzig die Hrabak manchmal sein kann“, hält Schmydt dagegen, doch in seiner Stimme schwingt Verunsicherung. „Diesmal nicht“, versichert Heyman Even mit blitzenden Augen, „sie war definitiv aufrichtig. Tatsächlich habe ich sie noch nie so bestürzt gesehen. Weißt du noch, der Vorfall im Reaktor?“ Ein dunkler Schatten zieht über Thojan Schmydts Gesicht, als er an die schreckliche Tragödie denkt, die drei Arbeitern das Leben gekostet hat. „Natürlich“, brummt er und legt das Essbesteck beiseite, sein Appetit hat sich verflüchtigt. „Damals war sie weniger betroffen“, versetzt Even trocken. Thojan Schmydt starrt wortlos auf seine halbgegessene Ration, seine Lippen sind zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
In der Kantine ist es auffallend still geworden.

*

Labor
„Haben Sie es schon gehört?“ Dr. Thaila Nguyen hantiert betont lässig mit einigen Petrischalen, um ihre innerliche Aufregung zu überspielen. „Hm?“, grunzt Dr. Natasha Melnik und hebt noch nicht einmal den Blick von den Unterlagen, die sich auf ihrem Schreibtisch türmen; sie ist voll und ganz in die Auswertung ihres letzten Embryonen-Experiments vertieft. Thaila Nguyen lässt vor lauter Lässigkeit beinah eine Petrischale fallen, was ihr zumindest einen irritierten Seitenblick der älteren Kollegin beschert. Dr. Nguyen kann ihren Mitteilungsdrang nicht länger beherrschen und plappert wild drauflos: „Wentworth Hill hat Grischa Zhang erzählt, dass Lynda Quoort heute Mittag in der Kantine gehört hat, wie Heyman Even zu Thojan Schmydt gesagt haben soll, dass…“ „Meine Güte!“, entfährt es Dr. Melnik ärgerlich, doch Thaila Nguyen ist nicht zu bremsen, „…dass wir alle zwangskastriert werden sollen, angeblich ein Befehl der Firma, können Sie sich das vorstellen?“ „Nein, kann ich nicht“, antwortet Dr. Natasha Melnik und lässt es ruppig klingen. „Er weiß es ganz bestimmt, das Ohr hat es ihm geflüstert und Sie wissen doch, dass er und sie, naja, Sie wissen schon.“ Dr. Thaila Nguyen macht eine zweideutige Handbewegung und versucht vielsagend zu zwinkern, was ihr kläglich misslingt. „Die Hrabak redet viel wenn der Tag lang ist. Du solltest nicht alles glauben, was man dir über fünf Ecken erzählt“, versetzt Dr. Melnik streng. Dr. Nguyen zieht ein enttäuschtes Schmollgesicht, sie hat sich den Gesprächsverlauf offenbar ganz anders vorgestellt. „Möchtest du denn Kinder bekommen?“, fragt Natasha Melnik ganz unerwartet, Thaila Nguyen stutzt und antwortet schließlich mit einem vagen Achselzucken. „Bist du in einer Beziehung?“, lautet die nächste, unangenehme Frage. „Naja…“ Die junge Wissenschaftlerin ist plötzlich gar nicht mehr so redselig, sie druckst herum und errötet sogar ein wenig. „Ach ja, du bist mit dieser Mechanikerin zusammen. Easter Trân, nicht wahr?“ Dr. Melnik lehnt sich zurück und mustert ihre junge Kollegin von Kopf bis Fuß, in ihrem Blick liegt nun fast so etwas wie echtes Interesse. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Easter hat viele…“, Dr. Nguyen bricht ab, errötet noch etwas mehr und setzt ein geflüstertes „Es ist kompliziert“ hinterher, dann besinnt sie sich plötzlich und schiebt resolut das Kinn nach vorn. „Aber darum geht es doch überhaupt nicht, oder? Es geht um meine Entscheidungsfreiheit und nicht um meinen irgendwie gearteten Kinderwunsch. Ich wüßte nicht warum irgendjemand auf der Erde über meine Fortpflanzungsorgane bestimmen sollte, immerhin habe ich einen Vertrag über fünfundzwanzig Jahre unterschrieben und nicht auf Lebenszeit, oder?“
„Hm“, macht Dr. Natasha Melnik und faltet die Hände über ihrem Bauch wie sie es immer tut, wenn sie sehr nachdenklich ist.

*

Reaktorkontrollraum

„Schon gehört?“ Arbeiter Klasse Zwei Archibald Ruiz poltert in den kleinen Aufenthaltsraum, der direkt an den Reaktorkontrollraum angrenzt und an Ausstattung nichts weiter enthält als einen abgenutzten Tisch, ein paar abgewetzte Stühle und eine auffallend hochwertige Kaffeemaschine. Die beiden anwesenden Mechanikerinnen, eben noch in ein angeregtes Gespräch vertieft, verfallen sofort in misstrauisches Schweigen. Der rüpelhafte Ruiz, als notorischer Schwätzer und Möchtegern-Weiberheld berüchtigt, ist bei seinen Kolleginnen ausgesprochen unbeliebt und soll das auch jederzeit zu spüren bekommen. „Kommt ganz darauf an. Was meinst du denn, was wir gehört haben sollten?“, erwidert schließlich Becca Durand, sie stellt ihre Kaffeetasse beiseite, um die Arme demonstrativ vor der Brust verschränken zu können, doch Archibald Ruiz nimmt ihre ablehnende Haltung gar nicht wahr. „Die schneiden mir die Eier ab!“, zischt er mit weit aufgerissenen Augen, „und euch reißen sie die Eierstöcke raus, soviel ist sicher!“ Wie ein Betrunkener wankt er zum Tisch und lässt sich auf einen Stuhl fallen, springt jedoch sofort wieder auf die Beine, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken; seine Hände zittern vor Aufregung. „Beruhige dich, Mann. Du machst einen Aufstand, als stünden sie bereits mit dem Skalpell hinter dir“, brummt Easter Trân und schnalzt abfällig mit der Zunge, Becca Durand zieht vielsagend eine Augenbraue hoch und grinst spöttisch. „Ihr habt es also auch gehört!“, schreit Archibald Ruiz und verschüttet vor Aufregung pfützenweise Kaffee. „Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen! Wir haben schließlich Rechte! Mein Körper gehört mir!“, posaunt er lautstark und setzt sich unaufgefordert zwischen die Mechanikerinnen, die sich davon wenig begeistert zeigen. „Ein Dreck gehört dir“, murmelt Easter Trân pikiert, doch Ruiz überhört die Spitze und schwadroniert weiter von Arbeitnehmerrechten und Widerstand.

*

Direktion

„Entschuldigen Sie die Störung, Direktor Muur, aber Dr. Melnik ersucht dringend um ein persönliches Gespräch.“ Direktionsassistent Sangkung Lapin gibt sich höflich, doch seine steife Körperhaltung verrät seine wahren Gefühle. Den ganzen Nachmittag ist er schon damit beschäftigt Personen abzuwimmeln, die sich mit dem stellvertretenden Direktor der Gilgamesh-Mondbasis über das Kastrationsgerücht unterhalten wollen, das sich wie ein Lauffeuer unter den Angestellten verbreitet hat. Lapin, der heute ebenfalls zum ersten Mal von diesem Gerücht gehört hat und in den letzten Stunden mit den wildesten Versionen gefüttert wurde, hätte selbst gerne ein paar Antworten, doch ist er nicht der Typ, um eine direkte Konfrontation mit Walter Muur zu riskieren. Er bevorzugt die Taktik, jemandem wie Dr. Natasha Melnik das Feld zu überlassen und selbst ein Ohr an die Tür zu legen, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben.
Wie nicht anders von Lapin erwartet, wiegelt Muur sein Anliegen mit einer unwilligen Handbewegung und einem mürrisch gebrummten: „Sie wissen doch, dass ich heute keine Zeit habe“, ab. Sangkung Lapin zieht sich daraufhin ohne jeden Diskussionsversuch zurück, auch wenn er den Gesprächsverlauf gegenüber Dr. Melnik ganz anders beschreibt. „Ich habe alles versucht“, behauptet er und legt die Stirn in betrübte Falten, „ich habe ihn förmlich angebettelt Sie zu empfangen, das müssen Sie mir glauben! Selbst einen Stein hätte ich mit meinen Worten erweichen können, aber gegen die Launen des Direktors bin ich machtlos. Er sagt, er habe wichtigeres zu tun, als sich mit den profanen Anliegen einfacher Arbeitnehmer auseinanderzusetzen und wer bin ich, ihm zu widersprechen?“ Lapin macht eine wohlkalkulierte Kunstpause, um das Gesagte wirken zu lassen und fährt dann in leisem Flüsterton fort: „Natürlich könnte ich es nicht verhindern, wenn sich jemand in Ihrer Position über jemanden wie mich hinwegsetzt, immerhin obliegt Ihnen die Leitung des Labors und ich bin nur ein unbedeutender Sekretär, nicht wahr? Sollten Sie den Direktor also unbedingt sprechen wollen, könnte ich das beim besten Willen nicht verhindern.“ Lapin wackelt bedeutungsschwanger mit den Augenbrauen und lächelt scheinheilig. Dr. Melnik antwortet mit einem genervten Schnauben, sie durchschaut Lapin besser als dieser vermutet und weiß längst worauf er hinauswill, doch nützt ihr dieses Wissen wenig, denn entweder spielt sie sein Spiel mit, oder sie bleibt ohne Antworten. So oder so, eine unbefriedigende Lage für die erfahrene Wissenschaftlerin. Natasha Melnik entscheidet sich für die Flucht nach vorn, sie schreitet betont würdevoll an Lapin vorbei und betritt mit selbstbewusstem Gesichtsausdruck das Büro. Natürlich folgt ihr Lapin dichtauf, um wortgewaltig gegen ihr Eindringen zu protestieren und sich wie der erfolglose Beschützer seines geliebten Herrn Direktors aufzuspielen, was Dr. Melnik nur ein weiteres, entnervtes Schnauben entlockt. „Ich hatte doch gesagt, dass ich keine Zeit habe!“, empört sich Walter Muur, doch Dr. Melnik ignoriert seinen Ärger, setzt sich unaufgefordert in einen Besuchersessel und schlägt lässig die Beine übereinander. „Sie haben eine ganze Menge gesagt, wenn man Ihrem Assistent Glauben schenken darf“, versetzt sie spitz, Sangkung Lapin nutzt das Stichwort, um sich aus dem Büro zu entfernen und die Tür einen kleinen spaltbreit offen zu lassen. „Ich bin mit dem Produktivitätsbericht beschäftigt, kann das nicht bis morgen warten?“, poltert Direktor Muur ungehalten, doch Natasha Melnik lässt sich davon nicht beeindrucken. „Stimmt es, dass die Firma eine Zwangskastration aller Mitarbeiter angeordnet hat?“, fragt sie rundheraus, sie ist nicht in Stimmung für umständliche Floskeln und möchte das Gespräch gerne schnellstmöglich hinter sich bringen. Der stellvertretende Direktor wirft ihr einen irritierten Blick zu und kratzt spontan seinen ergrauenden Kinnbart. „Woher haben Sie denn diesen lächerlichen Unsinn?“, blafft er unfreundlich. „Die ganze Basis spricht darüber“, antwortet Natasha Melnik kühl, Walter Muur schüttelt den Kopf und will damit schon alles gesagt haben, doch Dr. Melnik lässt nicht locker. „Sie versichern mir also, dass es sich hierbei um ein Gerücht handelt und dass ebendieses Gerücht keinesfalls der Wahrheit entspricht?“ Die gestelzte Formulierung entlockt dem stellvertretenden Direktor ein überhebliches Lächeln. „Meine liebe Frau Doktor“, beginnt er unangenehm jovial, „ich kann Ihnen versichern: niemand hat die Absicht, die Mannschaft zu kastrieren.“ „Ha“, macht Dr. Melnik, doch es klingt nicht nach einem Lachen, sie verlässt Muurs Büro mit verdüstertem Blick und rauscht wortlos an Lapin vorbei, der natürlich so tut, als habe er nicht das Geringste gehört.

***

Zeit: 25. April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Hauptsitz der Interstellaren Handelsfirma Van den Boom & Söhne

Pressekonferenz

„Guten Morgen meine sehr verehrten Damen, Herren und Diverse, ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Pressekonferenz im Hause Van den Boom & Söhne. Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich möchte Sie ersuchen, die Ihnen zugewiesenen Plätze einzunehmen und werde mich in Kürze Ihren Fragen zur Lage auf Teegardens Stern widmen.“ Pressesprecher Adrian Moco lächelt sein bestes Lächeln, während er die geladenen Journalisten und Holo-Reporter aus aller Welt begrüßt. Es ist sein erster Auftritt dieser Art, denn bis vor einer Woche war er weder Pressesprecher, noch Angestellter der Firma Van den Boom & Söhne. Im Eilverfahren wurde der erfolgsverwöhnte Showmoderator angeworben, um der Firma sein sympathisches Gesicht zu verleihen und deren angeschlagenes Image aufzubessern. Nun wird sich zeigen, ob er die vielen Millionen wert ist, die Henry Van den Boom Junior in ihn investiert hat. Adrian Moco wartet geduldig, bis sich die Menschen im Raum verteilt und ihre Holo-Recorder in Position gebracht haben, dann faltet er seine Hände in jener markanten Art und Weise, die zu seinem Markenzeichen geworden ist und eröffnet die Fragerunde. Selbstverständlich wurden alle Fragen vorab eingereicht und geprüft, ebenso selbstverständlich hat Moco bereits die Antworten parat, er muss nur den betreffenden Text ablesen, der über eine Kontaktlinse in seinem linken Auge flimmert. Es ist ein übliches Prozedere, das sich im Umgang mit der Presse bewährt hat und von allen größeren Firmen angewandt wird. Journalisten, die sich nicht an die ungeschriebene Regel halten und unangekündigte Fragen stellen, landen auf einer schwarzen Liste und werden fortan von allen Medienveranstaltungen ausgeschlossen. Adrian Moco hat also keinen Grund nervös zu sein und doch schwitzen seine Hände und sein Atem geht zu schnell. Vielleicht ist es nur profanes Lampenfieber, das ein jeder bei einer Live-Veranstaltung dieser Größenordnung hätte, vielleicht ist es aber auch eine Vorahnung auf die mediale Katastrophe, die sich in wenigen Minuten ereignen wird.
Die ersten Fragen verlaufen wie verabredet, Moco antwortet souverän und geschmeidig, alles entwickelt sich zu seiner Zufriedenheit, bis plötzlich eine junge Journalistin unaufgefordert die Stimme erhebt. „Stimmt die Behauptung, dass Van den Boom & Söhne seine Angestellten auf Babylon 760-I zwangskastrieren will, um einen weiteren Vorfall wie auf Teegardens Stern zu verhindern?“ Im Raum wird es plötzlich so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, Adrian Moco starrt der jungen Frau fassungslos ins Gesicht, bis er sich der vielen Aufnahmegeräte erinnert, die ihn live in alle Welt übertragen. Er räuspert sich und will die Journalistin zurechtweisen, als sich ein dicklicher Holo-Reporter mit einer ähnlich gearteten Frage meldet. Ein Aufruhr entsteht, plötzlich reden alle wild durcheinander. Moco vergisst zu lächeln, er verliert erst den Faden und dann die Kontenance.

*

Businessjet SL-Super 94
Nordatlantischer Ozean

Henry Van den Boom Junior hängt würgend über der Bordtoilette und erbricht Lachshäppchen mit einem Gemisch aus Kaffee und Champagner durch Mund und Nase. Er röchelt gequält, Tränen laufen über seine Wangen, auf seiner Stirn steht kalter Schweiß. Vor zwanzig Minuten hat er die Liveschaltung zur Pressekonferenz unterbrochen und dann so lange getobt und geschrien, bis sein überreiztes System kollabiert ist. Seither hängt er über der Bordtoilette und isst sein Frühstück rückwärts, während ein sichtlich pikierter Flugbegleiter vor der Toilettentüre wacht und sich gelegentlich nach seinem Befinden erkundigt. Van den Boom Junior würde gerne antworten, dass das seine verdammte Privatsache ist, doch seine Stimmbänder scheinen nicht mehr mit seinem Gehirn verbunden, er ist nur noch in der Lage gutturale Laute auszustoßen.
„Herr Van den Boom Junior?“ Die Stimme seiner Assistentin, Desna Yadav, klingt gedämpft durch die geschlossene Türe, „Herr Van den Boom Senior möchte Sie dringend sprechen. Er bittet um sofortigen Rückruf.“ „Arch“, krächzt Henry und erbricht noch etwas mehr schlecht zerkauten Lachs. Als er sich endlich soweit erholt hat, um wieder im Passagierbereich platz zu nehmen und eine Holoverbindung zu seinem Vater herzustellen, hat das Bordpersonal die schlimmsten Spuren seiner körperlichen Eskalation bereits beseitigt, trotzdem macht sein Erscheinungsbild einen leicht lädierten Eindruck, was sein Vater sofort gnadenlos kommentiert. „Du siehst beschissen aus“, bellt der alte Mann, der seinerseits nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, „hast dir wieder die Seele aus dem Leib gekotzt, wie?“ Henry antwortet mit beiläufigem Schulterzucken, er ist die Beleidigungen seines Vaters so gewohnt, dass er sie gar nicht mehr richtig hört, doch dieser hat heute noch viel mehr auf Lager, denn auch er hat die Pressekonferenz gesehen, im Gegensatz zu seinem Zweitgeborenen sogar bis zu Ende. „Ich hatte dir, Idiot, von Anfang an gesagt, dass diese Null Moco, dieser elende Abschaum, dieser… dieser Hurensohn nicht die richtige Wahl ist, um unser Unternehmen zu vertreten. Wieder und wieder habe ich es dir gesagt, aber wolltest du auf mich hören? Natürlich nicht, warum solltest du auch? Es geht ja um nichts, nicht wahr? Wenn dein Bruder, Gott hab’ ihn selig, noch am Leben wäre, er würde dir die Tracht Prügel deines Lebens verpassen! Er würde dich totschlagen und ich würde ihm einen Knüppel reichen, damit er schneller fertig wird damit. Du bist eine Schande für meine Familie, ich habe es satt mit dir!“ Henry Van den Boom Junior starrt mit glasigen Augen durch die holographische Übertragung seines Vaters, er ist weder gewillt noch in der Lage den Blick zu fokussieren. Im Kopf schreit er seinem Vater die wüstesten Beschimpfungen ins hagere Gesicht, nach außen hin ist davon nichts zu sehen, nur seine Hände zittern ein wenig, während sie auf seinen Oberschenkeln ruhen. „Ich habe es so satt“, wiederholt sein Vater noch einmal mit Nachdruck, dann seufzt er und fährt in etwas ruhigerer Stimme fort: „Du wirst diesen Scherbenhaufen alleine beseitigen, hast du verstanden? Ich werde keinen Finger rühren um dir zu helfen, ganz im Gegenteil, ich ziehe mich endgültig aus den Geschäften zurück. Ich gehe. Und mein Vermögen nehme ich mit.“ „Das kannst du nicht machen!“ Van den Boom Junior erwacht schlagartig zum Leben, als sein Vater das magische Wort ‚Vermögen‘ erwähnt. Ohne die väterlichen Billionen wäre Van den Boom & Söhne schlichtweg bankrott, die Maßnahmen zur Kolonisierung ferner Welten verschlingen Unsummen und wurden bislang nicht vom erwarteten Erfolg gekrönt, ganz im Gegenteil, Teegardens Stern hat sich zu einem Milliardengrab entwickelt und nun sieht es ganz danach aus, als würde auch Babylon 760-I ein Fiasko. „Und ob ich kann“, faucht Henry Van den Boom Senior, „ich werde mit Doktor Diaz sprechen und ihn ermächtigen, mit den Vorbereitungen zur kryogenischen Behandlung zu beginnen. Ich werde mich einfrieren lassen, Junior, mich und all meine Konten und Liegenschaften und wenn sie mich in zweihundertfünfzig Jahren wieder auftauen werden, wirst du, mein Sohn, garantiert nicht mehr da sein, um mir den Tag zu vergällen.“ Henry Van den Boom Senior spuckt die Worte Junior und Sohn so abfällig aus, als handle es sich um verdorbene Shrimps in einem billigen Krabbencocktail, dann beendet er abrupt die Verbindung und sein Holoabbild verschwindet. Sein Filius starrt lange auf die Stelle, an der eben noch die Miniatur seines Vaters zu sehen war, in seinem Gesicht arbeitet es merklich; es hat kurz den Anschein als müsse er sich erneut übergeben, doch dann sammelt er sich und wählt eine neue, passwortgeschützte Nummer. „Der Plan hat sich geändert“, teilt er der vermummten Person mit, die seinen verschlüsselten Anruf entgegennimmt, „Sie müssen umgehend aktiv werden.“ Die Holoabbildung der dunklen Gestalt nickt würdevoll. „Der Preis wird sich dementsprechend erhöhen. Sind Sie bereit ihn zu entrichten?“ „Jederzeit“, blafft Henry Van den Boom Junior. „Fünf Tage“, sagt die anonyme Holofigur und beendet das Gespräch. Henrys nächste Anrufe gelten zwei Bankunternehmen, die er jeweils mit der Überweisung einer ordinär hohen Summe auf ein speziell geschütztes Konto beauftragt; eine Anzahlung, um seinen Vertrag mit einem der berüchtigtsten Auftragsmörder Europas zu besiegeln.

***

Zeit: 28. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 157 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Direktion

„Ich kann Ihnen nur immer wieder versichern, dass es sich hierbei um Fake News handelt. Das sind Hirngespinste, pure Fantastereien! Wir wissen doch alle wie verlogen die Medien heutzutage sind, denen kann man keinen Zentimeter weit trauen, das ist doch allgemein bekannt, ich bitte Sie.“ Stellvertretender Direktor Walter Muur tupft sich mit einem silbrig glänzenden Taschentuch dicke Schweißperlen von der Stirn, während er unter den stechenden Blicken der drei Personen schmort, die gestern Abend in einer regelrechten Blitzabstimmung zu offiziellen Vertretern der Angestellten ernannt worden sind. Fragmentarische Aufnahmen der missglückten Pressekonferenz von Van den Boom & Söhne, die gestern Vormittag auf Umwegen zur Mondbasis gelangt sind, haben unter den Beschäftigten große Bestürzung, aber auch einen regelrechten Schulterschluss ausgelöst. Um ihren spontan gewählten Vertretern das nötige Gewicht zu verleihen, ruhen bis auf weiteres sämtliche nichtessentiellen Arbeiten und auch die Embryonenforschung soll in den kommenden Tagen stark eingeschränkt werden. Niemand auf der Mondbasis spricht von Streik, doch das ist nur noch eine Frage der Zeit und Walter Muur ist sich dessen absolut bewusst; die Katastrophe schwebt wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt. Dem nervösen Direktor gegenüber sitzen Vorarbeiter Hendrik Schwan, Laborleiterin Dr. Natasha Melnik und Mechanikerin Klasse Eins Easter Trân, vereint in ablehnender Pose. Den blumigen Worten des stellvertretenden Direktors vertraut keiner von ihnen, seine schwülstigen Beteuerungen fallen auf unfruchtbaren Boden. Walter Muur quält ein versöhnlich gemeintes Lächeln von seinen Lippen und flüchtet sich zurück auf das vertraute Terrain der Floskeln. „Ich bin sicher, dass wir eine zufriedenstellende Lösung finden werden“, säuselt er möglichst unverbindlich und tupft weitere Schweißperlen fort, Easter Trân reizt das zu einem abfälligen Schnauben, Schwan und Dr. Melnik starren stumm. „Ich ersuche Sie mir zu helfen, Ihnen zu helfen. Was kann ich tun, um dieses Missverständnis ein für allemal aus der Welt zu schaffen?“ „Wir verlangen ein Gespräch mit Henry Van den Boom Senior persönlich.“ Dr. Natasha Melnik lächelt ein messerschneidenschmales Lächeln, als sie Walter Muurs Reaktion auf ihre Forderung beobachtet. „Wie stellen Sie sich das vor?“, japst dieser, sichtlich um Fassung ringend, „glauben Sie vielleicht er fliegt mit seinen hundertsiebenundzwanzig Jahren quer durch den Weltraum, um mit Ihnen ein Schwätzchen zu halten?“ „Ein offiziell beglaubigtes Gespräch würde uns genügen“, kontert Hendrik Schwan trocken, Natasha Melnik und Easter Trân nicken zustimmend. Walter Muur blickt von Trân zu Melnik zu Schwan, dann wieder zurück zu Trân, die beim Grinsen alle Zähne zeigt. „Ich werde sehen was ich tun kann“, seufzt er resigniert.

*

Kantine

„Ist das alles, was ihr erreicht habt?“ Heyman Even plustert sich mächtig auf, er krakeelt seine Enttäuschung über das, in seinen Augen gescheiterte, Gespräch mit Walter Muur quer durch die überfüllte Kantine, die zum provisorischen Versammlungsort erhoben worden ist. Seit der gestrigen Abstimmung, bei der Dr. Melnik, Hendrik Schwan und Easter Trân mit großer Mehrheit gewählt wurden, zeigt sich Heyman Even mürrisch bis tödlich beleidigt. Er ist aufs unversöhnlichste gekränkt, da nicht er, heldenhafter Aufdecker des Kastrationsskandals, zum Vertreter der Angestellten gewählt wurde, sondern der Korinthenkacker Schwan, die Hure Trân und Dr. Melnik, vor der sich Even zu sehr fürchtet, um sie mit einem Schimpfnamen zu belegen. Er spricht nur das Doktor möglichst abfällig aus, wenn sie garantiert außer Hörweite ist. Zu Evens bitterer Enttäuschung interessiert sich jedoch niemand für seine gekünstelte Empörung, eine weitere Kränkung, die er schmollend einer immer längeren Liste hinzufügen muss. Seine fünf Minuten Ruhm sind vorbei. Während die versammelten Angestellten an den Lippen ihrer gewählten Vertreter kleben, verlässt Heyman Even die Kantine unter gemurmelten Flüchen. „Ich bin sicher, dass sich Herr Van den Boom sehr bald gesprächsbereit…“ hört er Hendrik Schwan noch sagen, dann schließt sich die Kantinentür und schneidet sämtliche Geräusche ab. Heyman Even stapft murrend den Gang hinunter, seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben, seine Gedanken voller Missgunst und Groll. Sein unbewusst gewählter Weg führt ihn ganz automatisch vor die Kabinentür von Barbar Hrabak. Obwohl die Subraum-Funkerin normalerweise sehr gesellig lebt, meidet sie seit Beginn des Kastrationsskandals den Umgang mit der Mannschaft, auch Even hat sie tagelang nicht zu Gesicht bekommen. Warum er ausgerechnet jetzt Sehnsucht nach ihrer Gesellschaft verspürt, kann er sich selbst nicht erklären, trotzdem klingelt er und wartet beharrlich, bis sie endlich die Tür öffnet. „Ausgerechnet du“, entfährt es Barbar Hrabak trocken, ihre Augen schnellen kurz über den hell erleuchteten Gang, dann lässt sie ihn mit einem knappen Kopfnicken herein. „Was willst du“, fragt sie mit rauer Stimme, während Even erfolglos nach einer Sitzgelegenheit sucht, die nicht von zerknüllter Kleidung und achtlos hingeworfenen Gegenständen belegt ist. „Ich wollte dich sehen“, antwortet er und setzt sich auf das ungemachte Bett. Barbar Hrabak antwortet mit eiskalter Stille, sie verschränkt die Arme vor ihrem überdimensional großen Busen und straft ihn mit tödlichen Blicken. „Ich weiß auch nicht so recht“, Heyman Even ringt um die richtigen Worte, „ich wollte wohl einfach bei dir sein.“ „Aha“, macht Barbar Hrabak und in den drei Buchstaben liegt alle Ablehnung der Welt. „War wohl eine blöde Idee“, murmelt Heyman mehr zu sich selbst, als zur innerlich brodelnden Subraum-Funkerin, doch die greift seine leise Bemerkung nur allzu gerne auf. „Was war eine blöde Idee, ha? Dass du behauptet hast, du hättest die Geschichte mit der Massenkastration von mir? Oder dass du wirklich allen auf der Basis davon erzählt hast? War es eine blöde Idee mich in die Sache hineinzuziehen? War es dämlich, vielleicht sogar bösartig dumm, weil ich mich nirgendwo mehr blicken lassen kann, ohne schief angeglotzt zu werden und es mich obendrein höchstwahrscheinlich den Job kosten wird?“ „Hey, komm’ wieder runter. Konnte doch niemand ahnen, dass das Ganze so eskaliert“, Heyman Even hebt beschwichtigend die Hände, doch seine pseudodefensive Geste stößt nicht auf Gegenliebe. „Wage es nicht mir zu sagen ich solle mich beruhigen, du egozentrierter, mieser Arsch“, faucht Barbar Hrabak zornig, auf ihrem Gesicht bilden sich hektisch-rote Flecken. Heyman Even, der seinem Empfinden nach seit gestern Abend genug Demütigungen erdulden musste, platzt urplötzlich der Kragen. „Du bist genauso beschissen arrogant wie die Fotze Trân!“, brüllt er, das Gesicht dunkelrot, dicke Adern treten an seinem Hals hervor. Barbar Hrabak lacht ein gehässiges Lachen, in ihrem Blick liegt eine ätzende Mischung aus Verachtung und Abscheu. „Verschwinde, du trauriges Würstchen“, ist alles, was sie zu sagen hat. Heyman Even springt mit geballten Fäusten vom Bett auf und durchquert in zwei Schritten den Raum, kurz hat es den Anschein, als wolle er Barbar Hrabak schlagen, die ihrerseits jedoch keinen Zentimeter zurückweicht, dann besinnt er sich und stürmt wutschnaubend zur Tür hinaus.

***

Zeit: 30 April 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Herrenzimmer

Henry Van den Boom Junior knirscht mit den Zähnen, ohne es zu bemerken. Angespannt sitzt er in einem hochlehnigen Ledersessel, in der einen Hand hält er ein Glas mit echtem Brandy, in der anderen sein Holo-Mobile. Umgeben von geschmackvollen Möbeln und erlesenen Kunstgegenständen, die für ihn keinerlei Bedeutung haben, wartet er ungeduldig auf ein Zeichen des Himmels. Ein Anruf, ein hereinstürmender Hausboy, seinetwegen auch eine Brieftaube, es ist ihm egal, wie die heiß ersehnte Nachricht überbracht wird, solange nur der Inhalt der Botschaft stimmt. Um sich die Zeit zu vertreiben trinkt er hochprozentigen Alkohol und sinniert über die möglichen Todesarten, die seinen Vater ereilt haben mögen. Vielleicht ein klassischer Unfall wie ein Flugzeugabsturz, ein Giftanschlag wäre ebenfalls möglich, oder doch ein fingierter Selbstmord? Henry bedauert, dass er die Todesart seines Vaters nicht auswählen konnte, ihm gefiele es, wenn der alte Tyrann in einer möglichst kompromittierenden Situation aus dem Leben geschieden wäre. Selbststranguliert aufgefunden, gleich neben einem Sex-Android, nackt bis auf ein peinliches Paar Socken. So etwas würde er sich für den Vater wünschen. Wobei er sich auch mit weniger zufrieden gäbe, wenn nur endlich die elende Bestätigung käme, dass der Alte über den Jordan ist. Umso härter durchfährt ihn der Schock, als ebendieser plötzlich zur Tür hereingeschossen kommt. „Grüß dich, Henry“, flötet Van den Boom Senior mit honigsüßer Stimme, er rollt mit seinem vollautomatischen Körperstuhl zielstrebig auf den Ledersessel zu, in dem sein sprachloser Filius hockt und wortlos glotzt, und hält erst kurz vor dessen Füßen so abrupt, dass die Hinterreifen seines schnittigen Gefährts schwarze Gummistreifen auf dem Parkettboden hinterlassen. „Wie offenkundig du dich freust mich zu sehen“, kommentiert Van den Boom Senior das kreidebleiche Gesicht seines Sohnes. „Hallo Vater. Was verschafft mir die Ehre?“, fragt Junior mit monotoner Stimme, während in seinem Kopf eine viel lautere Stimme tausend Fragen auf einmal kreischt. „Oh, ich glaube das weißt du ganz genau“, säuselt Van den Boom Senior, der fragile, alte Mann lächelt so fein und liebenswürdig, als könne er keiner Laus etwas zuleide tun, seinem Sohn jagt dieses ungewöhnliche Verhalten kalte Schauer über den Rücken. Mittlerweile ist die Stimme in seinem Kopf zu einem hysterischen Orkan angeschwollen, der keine Fragen mehr stellt, sondern nur noch ein schier sinnbetäubendes: „ER WEISS ES! ER WEISS ES!“ durch seinen Schädel brüllt. Henry Van den Boom Junior steckt betont langsam das Holo-Mobile in die Tasche seines Hemdes und stellt das Brandyglas beiseite, um Zeit zu gewinnen. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, worauf du dich beziehst, Vater“, antwortet er gedehnt, seine Stimme klingt belegt und rau. „Da ist ein Killer in meinem Weinkeller in Kent, der sagt etwas ganz anderes. Ich korrigiere, er sagte etwas ganz anderes, bevor Johnson ihm eine Kugel durch die widerliche Visage gejagt hat. Du kennst Johnson noch nicht, glaube ich? Johnson, stellen Sie sich doch bitte vor.“ Henry japst erschrocken nach Luft, als schlagartig zu seiner Linken ein adrett gekleideter Herr aus dem Nichts erscheint und grüßend die Hand zur Stirn hebt. „Ich habe Johnson vor ein paar Monaten eingestellt, auf Empfehlung meiner guten Freundin Stella-Margarete, die sich vor einigen Jahren mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sah, wie ich. Auch sie musste den schrecklichen Verdacht ertragen, dass ihr missratener, bis auf die Knochen degenerierter Nachwuchs nach ihrem Leben trachtet.“ „Ich…“ „Schweig!“, donnert Henry Van den Boom Senior, jede Faser seines Körpers versprüht zornige Autorität, die Energie des uralten Mannes ist beängstigend und beeindruckend zugleich, doch genauso schnell wie er sie aufgebaut hat, lässt er sie auch wieder abklingen. „Ich bin noch nicht fertig“, fährt er in ruhigerem Tonfall fort, mit beiläufigem Kopfnicken entlässt er Johnson wieder, der daraufhin genauso jäh verschwindet, wie er aufgetaucht ist. Henry Van den Boom Junior starrt in grausiger Faszination auf die Stelle, an der eben noch der Unbekannte stand und jetzt nur noch leere Luft zu sein scheint, seine Lippen formen ein entsetztes O. „Sieh mich an, Henry“, verlangt Van den Boom Senior und in seiner Stimme liegt wieder jene schrecklich klebrige Süße, die nach Verdammnis klingt. Henry kann fühlen wie sich sein Magen von Innen nach Außen drehen möchte, seine Gedärme tanzen einen schmerzhaften Walzer, krampfhaft kneift er den Schließmuskel zusammen, um sich nicht vor Angst in die Hose zu scheißen. Wie in Zeitlupe dreht er den Kopf, aber seine Augen wollen nicht gehorchen und wandern wie betrunkene Fliegen über die schmale Brust und die faltigen Hände des Vaters, wollen hierhin und dorthin schauen, um nicht in dessen Gesicht blicken zu müssen. „Sieh mich an“, wiederholt dieser noch einmal und ob er will oder nicht, etwas in seinem Gehirn muss sich fügen, Henry Van den Boom Junior stiert wie ein scheinwerferblindes Reh in die altersblauen Augen seines Vaters. „Ich wollte es Anfangs nicht wahrhaben, weißt du? Ich wollte nicht glauben, dass du so tief sinken könntest dein eigenes Fleisch und Blut zu morden, aber die Auswertung deiner Onlineaktivitäten war eindeutig. Stümperhaft eindeutig. Hast du wirklich geglaubt, deine dilettantischen Verschleierungsversuche würden meiner Sicherheits-KI verborgen bleiben? Deine Naivität entsetzt mich mindestens so sehr wie deine Kaltblütigkeit.“ Van den Boom Senior atmet schwer ein und aus, sein Atem riecht nach Pfefferminz und Verachtung. „Ich…“, beginnt Henry erneut, doch er bricht sofort wieder ab, als sich eine unsichtbare Hand schwer auf seinen Nacken legt. „Großer Gott“, quietscht er schrill, sein Schließmuskel kann die brennende Flüssigkeit nicht länger halten, in die sich sein Innerstes verwandelt hat. Ein ekelerregender Geruch erfüllt das stilvoll möblierte Herrenzimmer, doch Van den Boom Senior zeigt sich davon völlig unbeeindruckt. „Wieder und wieder hast du mit deinen Eskapaden unseren Namen in den Dreck gezogen. Du hast auf die Ehre deiner Vorfahren gepisst, hast wiederholt unseren guten Ruf besudelt und trotzdem habe ich zu dir gehalten. Schließlich ist Blut dicker als Wasser und du bist mein einziger Sohn, also habe ich dich in das Unternehmen eingeführt und dir sogar die Führung übertragen, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Und wie dankst du mir für all die Jahre der Unterstützung? Wie dankst du mir, hm? Mit einem Attentat! Du hast alles verraten, wofür diese Familie steht. Du hast mich schlimmer enttäuscht, als ich es je für möglich gehalten hätte, aber nun ist endgültig Schluss. Du bist zu weit gegangen, Henry, meine Geduld ist aufgebraucht. Ab heute wirst du nicht mehr Teil dieser Familie sein.“ Henry Van den Boom Junior spürt den Stich einer Nadel, die sich ins weiche Fleisch seines Halses bohrt. Er zuckt unwillkürlich zurück, doch die Hand des unsichtbaren Bodyguards hält ihn eisern im Sessel fest. Ein unangenehmer Schmerzimpuls beginnt durch seine Adern zu fließen, sein Gesicht fühlt sich merkwürdig taub an, sein Oberkörper verliert jede Spannkraft. „Washasugetan?“, nuschelt er mit Todesangst in der Stimme. „Du wirst es überleben, keine Sorge“, antwortet sein Vater kalt, „die Analysen haben XoP-36 gute Verträglichkeit attestiert, es ist ein hervorragendes Neuroleptikum. Einzige Nebenwirkung ist leider irreversibler Gedächtnisverlust, weshalb es nie über das erste Versuchsstadium hinausgekommen ist.“ „Was…? Was…?“ Van den Boom Junior versucht zu sprechen, doch seine Stimmbänder versagen, sein ganzer Körper erschlafft, seine Augen rollen hilflos hin und her, aus seiner Nase läuft ein dünnflüssiges Blutrinnsal. Kurze Zeit später verliert er das Bewusstsein, schlaff gleitet er aus dem Sessel und bleibt zu Füßen seines Vaters auf dem Boden liegen. Van den Boom Senior starrt mitleidslos auf den Ohnmächtigen hinab. „Schaffen Sie ihn fort“, befielt er mit ekelerfüllter Stimme, dann wendet er brüsk den vollautomatischen Körperstuhl und fährt hinaus.

***

Zeit: 30. April 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Eingeschränkt produktiv

Reaktorkontrollraum

„Das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein.“ Becca Durand sitzt mit kreidebleichem Gesicht auf dem spiegelglatten Boden des Reaktorkontrollraums. Sie sitzt platt auf dem Hintern, denn die Nachricht, mit der Archibald Ruiz soeben hereingestürmt ist, hat sie im wahrsten Sinne des Wortes von den Füßen gerissen. „Sie ist tot, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!“, erwidert Ruiz beharrlich, sein Blick irrlichtert haltlos durch den Reaktorkontrollraum und in den Ecken seiner Mundwinkel klebt weißer Schaum. „Sie war über und über voller Blut und ihr Kopf war ganz zerque…“ „Hör auf, ich will das nicht hören!“, schreit Becca Durand, sie schlägt die Hände flach vor die Ohren und beginnt laut zu weinen. „Was ist passiert?“ Vorarbeiterin Lyly Jon eilt mit mehreren Arbeitern im Schlepptau herbei und kniet sich besorgt zur zitternden Becca Durand. „Easter Trân ist ermordet worden, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen“, blökt Archibald Ruiz und gestikuliert wild, „sie ist tot, ich weiß es ganz sicher. Wirklich mausetot. So tot wie…“ „Hör auf das zu sagen, hör auf, hör auf, hör auf!“, kreischt Becca Durand, in blinder Verzweiflung reißt sie sich büschelweise Haare vom Kopf und flennt wie ein kleines Kind. „Großer Gott, sie steht unter Schock“, murmelt Lyly Jon, in ihrem Gesicht arbeitet es merklich, „Holt einen Sanitäter. Schnell.“ Sie hilft Becca Durand mit sanfter Gewalt auf die Beine und dirigiert die schlotternde Mechanikerin zum Aufenthaltsraum. „Setz dich und trink etwas Kaffee. Das wird dir gut tun.“ Die Vorarbeiterin aktiviert die Kaffeemaschine und reicht Becca Durand eine halbgefüllte Tasse, doch Becca scheint sie gar nicht wahrzunehmen, aus ihren Augen laufen ungehemmt Tränen, schrille Wimmerlaute entweichen ihrer Kehle, ihr Oberkörper schwankt vor und zurück, ihre Mundwinkel flattern. „Wo bleibt denn nur der Sani?“, entfährt es Lyly Jon ebenso ungehalten wie hilflos, sie geht neben Becca in die Hocke und achtet darauf, dass die junge Frau nicht seitlich vom Stuhl kippt. „Kann sein, dass die sich erst noch um die Leiche kümmern müssen“, bemerkt ein Arbeiter trocken, er zuckt schuldbewusst zusammen, als ihn der wütende Blick der Vorarbeiterin trifft. „Habt ihr nichts besseres zu tun, als hier herumzustehen und dümmliche Kommentare abzugeben?“, zischt sie wütend. Die Arbeiter und Mechanikerinnen, die sich eben noch neugierig in der Tür des Aufenthaltsraums gedrängt haben, ziehen sich schleunigst zurück, bevor sie der geballte Zorn der Vorarbeiterin treffen kann. „Keine Sorge, meine Liebe, jemand vom medizinischen Personal ist bestimmt schon auf dem Weg zu uns und dann wird alles gut“, versichert Lyly Jon mit übertrieben sanfter Stimme. Becca hebt den Kopf und sieht ihr für einen kurzen, aber unsagbar qualvollen Moment in die Augen, dann beginnt sie ganz unvermittelt zu schreien und hört erst wieder auf, als man ihr einige Minuten später ein starkes Sedativum verabreicht.

*

Kantine

„Sie ist von einem Lakai der Firma getötet worden, da bin ich ganz sicher.“
„So ein Unfug, wo soll der denn auf einmal hergekommen sein?“
„Er ist schon die ganze Zeit hier gewesen, bist du blöde?“
„Pass auf was du sagst.“
„Man kann keinem vertrauen, jeder kann es gewesen sein.“
„Ach ja? Wo warst du denn, als sie umgebracht wurde?“
„Wage es nicht, mir diese Frage zu stellen!“
„Es ist ein Mörder unter uns, niemand ist mehr sicher!“
„Das ist alles ein abgekartetes Spiel. Die Sache stinkt zum Himmel.“
„Ich wette Muur steckt dahinter. Dieser verdammte Halsabschneider.“
„Ach was, der macht sich doch niemals die Hände schmutzig.“
„Dann war es eben Lapin, der hinterfotzige Speichellecker.“
„Wir sollten mit ihm dasselbe machen. Den Schädel einschlagen und fertig.“
„Hätte der schon lange verdient.“
„Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Beruhigt euch bitte und kommt wieder zu Sinnen!“ Vorarbeiter Hendrik Schwan steht etwas verloren inmitten der aufgewühlt diskutierenden Angestellten und versucht Autorität auszustrahlen, doch es gelingt ihm nur schlecht. Zu tief sitzt der Schock über den Mord an der allseits beliebten Mechanikerin Easter Trân, zu schrecklich sind die Schlussfolgerungen, die sich aus ihrem gewaltsamen Tod ergeben. Dr. Natasha Melnik steht mit steifer, kerzengerader Haltung neben Schwan und schweigt mit zusammengekniffenen Lippen, es ist schwer zu ergründen, welche Gedanken sich hinter ihrer Stirn verbergen. „Diese chaotischen Beschuldigungen führen doch zu nichts“, versucht der Vorarbeiter die anderen zur Räson zu rufen, doch kaum jemand schenkt ihm Beachtung; entmutigt lässt er die Schultern sinken. „Haltet alle sofort die Schnauze!“, brüllt Dr. Melnik in diesem Moment aus vollem Hals, der Ausbruch ist so untypisch für die Laborleiterin, dass sich tatsächlich so etwas wie erschrockene Stille über die Versammlung legt. Alle Augen richten sich auf die beiden gewählten Vertreter und Hendrik Schwan hat endlich Gelegenheit, an die Vernunft aller Anwesenden zu appellieren. Leider fallen seine Argumente auf unfruchtbaren Boden und schon bald entspinnt sich erneut ein hitziges Streitgespräch. Niemand beachtet Heyman Even, der mit verschlossenem Gesicht in der Nähe des Ausgangs herumlungert und die ganze Zeit kein Wort von sich gibt. Im Grunde will er gar nicht an der Versammlung teilnehmen, doch sein fernbleiben würde ihn vielleicht verdächtig erscheinen lassen und das wäre das Allerletzte, was Heyman Even riskieren möchte. Nach außen hin gibt er sich möglichst gelassen und unauffällig, doch die Schuld sitzt ihm schwer wie ein Mühlstein im Genick. Er weiß, dass sein fadenscheiniges Alibi keiner näheren Untersuchung standhalten würde und er weiß auch, dass er keine Antwort auf die Frage geben möchte, wohin sein Multifunktionshammer verschwunden ist.

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Zeit: 01. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 156 Personen
Status: Unproduktiv

Direktion

„Nein, ich kann nicht noch länger warten, stellen Sie endlich die verdammte Verbindung her! Sagen Sie denen, es ginge um Leben und Tod!“ Walter Muur knallt zornig die rechte Faust auf den Schreibtisch, seine blutunterlaufenen Augen funkeln erbost. Ganz offensichtlich hat er keine Reserven, um seine anschwellende Panik zu verbergen. Barbar Hrabak zuckt hilflos mit den Achseln, sie versucht seit Stunden eine stabile Subraum-Funkverbindung zur Erde herzustellen, doch jedes Mal, wenn sie die Firma in Neu-Zürich erreicht, wird das Gespräch unterbrochen. Mittlerweile glaubt sie nicht mehr an ein technisches Problem, doch fehlt ihr der Mut, um ihren Verdacht mit Muur zu teilen. Seit die Angestellten am morgen zum Streik aufgerufen und dem stellvertretenden Direktor nahegelegt haben, die Mondbasis mit dem nächsten Versorgungsschiff zu verlassen, liegen die Nerven blank. Natürlich denkt Walter Muur nicht im Traum daran zu fliehen, doch ohne konkrete Anweisung der Firma ist es ihm vertraglich untersagt, gewaltsam gegen den aufrührerischen Mob vorzugehen; eine Klausel, die ursprünglich erdacht worden war, um unnötige Gewalttaten zu verhindern, sich jedoch in der jetzigen Lage als äußerst hinderlich erweist. So bleibt ihm aus seiner Perspektive nichts anderes übrig, als das Problem bestmöglich auszusitzen und darauf zu hoffen, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Insgeheim beneidet er Sangkung Lapin, der heute Vormittag eine Krankmeldung eingereicht hat und sich weigert sein Quartier zu verlassen, aber eine so offensichtliche Schwäche kann Muur sich beim besten Willen nicht erlauben. „Versuchen Sie es noch einmal“, herrscht er die nervöse Subraum-Funkerin an, Barbar Hrabak nickt ergeben und macht sich erneut an die Arbeit. Minuten vergehen, dann schüttelt sie resigniert den Kopf. „Es tut mir leid, Herr Muur, ich kann keine stabile Verbindung herstellen“, meldet sie kleinlaut und zieht in Erwartung eines Donnerwetters den Kopf ein. Walter Muur grollt wie ein zorniger Hund, seine Kiefermuskeln malmen, auf seiner Oberlippe perlen Schweißtropfen. „So ein Scheißdreck“, murmelt er verkniffen.

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Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik sitzen einander an einem kleinen Tischchen gegenüber und warten darauf, dass jeweils der andere zu sprechen beginnt. Eine lange und anstrengende Nacht liegt hinter den beiden und der Tag entwickelt sich kaum besser, nur mit Mühe ist es ihnen bisher gelungen einen Lynchmord an Lapin und Muur zu verhindern. Beiden ist bewusst, dass es nur eines kleinen Funkens bedarf, um die explosive Stimmung zu entzünden. „Tja“, macht Hendrik Schwan schließlich und klatscht sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel. „Jetzt haben wir den Salat.“ Dr. Melnik seufzt erschöpft und nickt. „Ich hatte gehofft, dass sich die Wogen nach der offiziellen Streikerklärung etwas glätten würden, aber allem Anschein nach wollen sich die Leute nicht beruhigen. Ich habe fast den Eindruck, als wären sie geil auf eine gewaltsame Eskalation“, resümiert sie frustriert. Nun ist es an Schwan zu seufzen und zu nicken. „Wir sollten noch einmal mit Muur sprechen“, überlegt Dr. Melnik laut, doch Hendrik Schwan runzelt skeptisch die Stirn. „Was soll das bringen?“, fragt er leidenschaftslos. „Ach, ich weiß auch nicht. Ich bin zu müde, um klar zu denken“, erwidert Natasha Melnik und unterdrückt ein Gähnen. „Du hast nicht zufällig ein paar wirkungsvolle Aufputschmittel in einem deiner Schränke versteckt, meine Liebe?“ Hendrik Schwan grinst verlegen und schüttelt im selben Augenblick den Kopf. „Ach, vergiss es.“ Natasha Melnik gähnt nun doch ausgiebig und lehnt sich schwer gegen die Stuhllehne, sie verzieht das Gesicht, als habe sie Schmerzen. „Wir brauchen einen Plan für den Worst-Case. Was sollen wir tun, wenn uns die ganze Sache um die Ohren fliegt?“, sagt sie und blickt dabei ohne zu sehen ins Nichts. Hendrik Schwan kratzt sich am stoppelbärtigen Kinn, seine dunkel umrandeten Augen starren an die gegenüberliegende Wand, an der bunte Satellitenaufnahmen von Inanna und der weit entfernten Erde zu sehen sind. „Teegardens Stern“, sagt er schließlich und Dr. Melnik, die eben einen Schluck trinken wollte, verschluckt sich und hustet Wasser durch Mund und Nase. „Bist du wahnsinnig geworden?“, entfährt es ihr viel zu laut. „Es ist eine konkrete Möglichkeit“, entgegnet Hendrik Schwan lapidar, „entweder das, oder wir kehren mit eingezogenem Schwanz nach Hause zurück. Du weißt, was das bedeuten würde.“ „Niemand würde uns je wieder Arbeit geben“, überlegt Natasha Melnik und ein Schaudern durchfährt ihren Körper, „wir wären bis zum Rest unseres Lebens erwerbslos.“ „Kein Recht auf Wohnraum, kein Recht auf Beziehung, kein Recht auf Fortpflanzung“, fasst Schwan das Dilemma zusammen, das sie bei einer vorzeitigen Rückkehr zur Erde erwarten würde. „Aber eine Inbesitznahme des Systems würde bedeuten, dass wir die Embryonen der Firma vernichten müssten. Dann könnten wir wirklich nie wieder zur Erde zurück, wir wären Massenmörder, genau wie die Aufständischen auf Teegardens Stern“, hält Natasha Melnik besorgt dagegen, ihre Müdigkeit ist verflogen. „Warum sollten wir zurück wollen, wenn unsere Nachkommen auf Inanna eine viel lebenswertere Zukunft hätten, als es auf der Erde je möglich wäre?“ „Hört sich fast so an, als hättest du dich bereits entschieden“, versetzt Dr. Melnik mit unverhohlener Bitterkeit. „Ich würde lügen wenn ich behaupten wollte, dass ich noch nie über diese Möglichkeit nachgedacht habe“, erwidert Hendrik Schwan monoton, „aber ein friedlicher Kompromiss wäre mir deutlich lieber, als ein unwiderruflicher Bruch mit der Heimat.“

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Zeit: 03. Mai 2205
Ort: Erde, Mexiko, Chihuahua

Büro der überregionalen Tageszeitung New World Times

„Es sieht nicht gut aus“, flüstert der anonymisierte Anrufer, der sich als Insider zur Causa Van den Boom & Söhne vorgestellt hat. „Inwiefern?“, fragt Jenetta Vazquez und versucht nicht allzu neugierig zu klingen, sie weiß, dass der Anrufer seine Informationen verkaufen will und ein allzu großes Interesse ihrerseits würde den Preis nur unnötig in die Höhe treiben. „Ich verlange Zweihunderttausend Yuan und die Zusicherung absoluter Anonymität“, blafft der Anrufer nervös und Vazquez verdreht entnervt die Augen. „Selbstverständlich“, antwortet sie und legt ein extragroßes Lächeln in ihre Stimme, „Sie haben mein Wort.“ „Van den Boom Junior ist untergetaucht. Niemand weiß, wohin er verschwunden ist“, verrät der Anrufer, der sich nun als Mitarbeiter im mittleren Management zu erkennen gibt. „Diese Information ist uns bereits bekannt“, lügt Jenetta Vazquez, um ihn unter Druck zu setzen und ihre Taktik scheint aufzugehen. „Wussten Sie denn auch, dass Van den Boom Senior die Firma verkaufen will?“, zischt der Anrufer verärgert, die Journalistin grinst und wickelt ihn noch etwas weiter um den Finger. „Das ist allgemein bekannt. Haben Sie denn keine neuen Informationen für mich?“ „Es heißt die Angestellten von Babylon 760-I seien in den Streik getreten. Angeblich hat sich auf der Mondbasis ein Mord ereignet. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Tragödie von Teegardens Stern wiederholen könnte.“ Jenetta Vazquez reißt instinktiv die grünen Augen auf und pfeift melodisch durch die Zähne. „Das ist tatsächlich neu“, kommentiert sie erfreut. „Ich bekomme also das Geld?“, verlangt der Manager zu wissen. „Aber natürlich. Sie können sich auf die New World Times verlassen“, flötet die Journalistin gutgelaunt.

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Zeit: 04. Mai 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Badezimmer

Henry Van den Boom Senior starrt mit hervorquellenden Augen auf die reißerisch formulierte Schlagzeile, die ihm in Großbuchstaben vom Holo-Tablet entgegenspringt. „Interstellare Kolonien vor dem Aus?“ titelt ein schmieriges Käseblatt, um darunter in aller Ausführlichkeit über die Schwierigkeiten zu berichten, mit denen sich Van den Boom & Söhne beim Betrieb der Weltraumkolonien konfrontiert sieht. „Wenn ich die Ratte erwische, die das ausgeplaudert hat“, knurrt Henry Van den Boom Senior, während er den mehrseitigen Artikel überfliegt. „Dem Schwein reiße ich die Eier ab!“ „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt ein Dienstmädchen, das neben der Toilette bereitsteht, um dem betagten Greis bei seiner täglichen Darmentleerung behilflich zu sein. „Nein. Verschwinden Sie. Sofort“, grollt Van den Boom Senior und verscheucht sie wie ein lästiges Insekt. „Johnson, sind Sie hier?“, blafft er ungehalten, als die junge Frau das luxuriöse Badezimmer im Laufschritt verlassen hat. „Natürlich, Herr Van den Boom. Was kann ich für Sie tun?“ „Weiß ich nicht“, bellt Van den Boom Senior brüsk, „ich muss nachdenken. Sorgen Sie dafür, dass ich ungestört bin.“ „Jawohl, Herr Van den Boom“, bestätigt der unsichtbare Bodyguard. Henry Van den Boom Senior grübelt lange auf der Toilette über seine nächsten Schritte nach. Der Zeitungsartikel ist zur absoluten Unzeit erschienen, in wenigen Tagen hätte er die Firma mit sattem Gewinn an ein aufstrebendes Jungunternehmen verkauft. Nun wird der Verkaufswert ins bodenlose fallen und es gibt nichts, was er dagegen tun könnte. Ein Dementi würde ihn nur unglaubwürdig erscheinen lassen, ein Verkauf um jeden Preis würde sein wirtschaftliches Ansehen vielleicht bis in alle Ewigkeit kontaminieren. Van den Boom Senior kaut die Gedanken wie schlecht schmeckendes Karamell hin und her, bis er sich schließlich zu einer Entscheidung durchgerungen hat. Er kramt sein Holo-Mobile aus der Brusttasche seines Morgenmantels und wählt eine Nummer. „Ich brauche eine schnelle Eingreiftruppe“, verlangt er ohne Umschweife, noch bevor sich die Person am anderen Ende der Verbindung ordentlich vorstellen kann. „An welche Größenordnung hatten Sie gedacht, Herr Van den Boom?“, entgegnet die bildhübsche Dame, die seinen Anruf entgegengenommen hat, mit routinierter Freundlichkeit. „Genug, um eine Mondbasis zu pulverisieren“, faucht Van den Boom Senior und für einen kurzen Moment verliert die Dame am anderen Ende der Verbindung die Kontrolle über ihre Gesichtszüge, ihre dunklen Augen werden groß, ihr brombeerfarbener Mund öffnet sich, um überrascht nach Luft zu schnappen. „Können Sie das leisten oder nicht?“, poltert der alte Mann grob. „Die Vorbereitungen werden bis zu einem Monat in Anspruch nehmen“, antwortet die Dame wie aus der Pistole geschossen, mit einem Blinzeln tilgt sie die Überraschung aus ihrem schönen Gesicht. „Was? So lange? In einem Monat könnte ich tot sein“, zetert Van den Boom Senior mürrisch. „Es steht Ihnen selbstverständlich frei, weitere Angebote von konkurrierenden Söldnertruppen einzuholen“, erwidert seine Gesprächspartnerin aalglatt, doch Van den Boom Senior wiegelt ab. „Nein, nein. Ist schon gut. Sie haben den Auftrag. Ich lasse Ihnen die Details umgehend zukommen.“ „Vielen Dank für…“ Henry Van den Boom Senior beendet grußlos die Verbindung. „Die werden sich noch wundern“, brummt er selbstzufrieden.

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Zeit: 06. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 155 Personen
Status: Unproduktiv

Privatquartier Barbar Hrabak

Heyman Even fixiert mit glasigen Augen das verquollene Antlitz der Subraum-Funkerin, seine Hände zittern, sein Atem geht stoßweise. Noch vor wenigen Augenblicken hat er sich eine hitzige Auseinandersetzung mit Barbar Hrabak geliefert, nun liegt sie tot zu seinen Füßen, die Augen starr zur Zimmerdecke gerichtet. Wie es so weit kommen konnte, kann er sich selbst kaum erklären, er weiß nur, dass es eindeutig ihre Schuld gewesen ist, sie hätte ihn nicht derart provozieren dürfen. Erpressen wollte sie ihn, das Luder, denn anders als alle anderen war ihr schnell klargeworden, wer Easter Trân tatsächlich auf dem Gewissen hat. Es hätte ihn sein ganzes Erspartes und noch viel mehr gekostet ihr Stillschweigen zu erkaufen und selbst dann wäre er nie wieder vor ihren Drohungen sicher gewesen. Trotzdem hätte er sie nicht erwürgen dürfen, schon gar nicht in ihrem eigenen Quartier und wohin jetzt nur mit ihrer Leiche? Heyman Even denkt angestrengt nach, wie er sich aus dieser Zwickmühle hinausmanövrieren soll, doch seine Gedanken rasen zu schnell, als dass er ihnen folgen könnte. Er setzt sich schwer atmend auf das unordentliche Bett, schlägt die Hände vors Gesicht und zerfließt in Selbstmitleid. Als seine Tränen endlich versiegen, ist in ihm ein heimtückischer Plan herangereift und er macht sich unverzüglich ans Werk. Kurze Zeit später rast er schreiend aus Barbar Hrabaks Quartier. „Mord! Mord! Zu Hilfe!“, brüllt er aus Leibeskräften und rauft sich in größter Not die Haare; seine herbeieilenden Kollegen führt er ohne Umschweife zur Leiche der Subraum-Funkerin. In theatralischer Pose fällt er vor der Toten auf die Knie und bedeckt ihren Körper mit Küssen und seiner DNA. „Er hat sie kaltblütig ermordet!“, würgt er unter Tränen hervor und seine Stimme überschlägt sich hysterisch, „mit letzter Kraft hat sie mir seinen Namen zugeflüstert, dann ist sie in meinen Armen gestorben!“ Er spielt so überzeugend, dass niemand seine überschwängliche Trauer in Zweifel zieht. „Wer hat das getan?“, fragt Grischa Zhang mit belegter Stimme, sie ist ganz grün im Gesicht und zittert wie ein gespannter Bogen. „Es war Sangkung Lapin“, schluchzt Heyman Even, dann bricht er in lautes Wehklagen aus, um keine weiteren Fragen beantworten zu müssen. „Dieser elende Wurm“, knurrt Grischa Zhang, sie nickt zwei befreundeten Arbeitern zu und verlässt mit ihnen das Quartier.

*

Privatquartier Sangkung Lapin

„Mach die Tür auf, du verdammter Mörder!“
„Komm raus, du feige Sau!“
„Deine Zeit ist abgelaufen!“
„Mach auf und stell dich deiner gerechten Strafe!“
„Jetzt bist du dran!“
Sangkung Lapin stemmt sich zitternd und schluchzend gegen die Tür seines Quartiers, von außen prasseln harte Schläge und Tritte gegen das stabile Material. Todesangst rast in heißkalten Wellen durch seinen Körper, er weiß, dass er in der Falle sitzt und es keine Chance auf Entkommen gibt. „Lasst mich in Ruhe! Ich habe nichts getan!“, schreit er in höchster Not und tatsächlich wird es auf der anderen Seite der Tür plötzlich still. Lapin hört gemurmelte Worte, die er durch die Türe nicht verstehen kann, dann ertönt ein sirrendes Geräusch, das ihn in erneute Panik versetzt. Mit sattem Klicken öffnet sich die Sperrvorrichtung, seine Tür ist von außen entriegelt worden. „Ich habe nichts getan! Nichts! Nichts! Oh großer Gott, hilf mir!“, kreischt Sangkung Lapin hilflos, doch der blutrünstige Mob, der sich wie eine Lawine in den kleinen Raum ergießt, schenkt seinen flehentlichen Worten keine Beachtung.

*

Direktion

Walter Muur hockt wie ein kläglicher Wassertropfen hinter seinem Schreibtisch und bangt um sein Leben. Eigentlich müsste er schon seit einer Viertelstunde durch die dünne Exosphäre des Mondes treiben, zumindest wenn es nach dem Willen der aufgebrachten Angestellten geht, die ihm an den Kragen wollen, doch Hendrik Schwan und Dr. Natasha Melnik versuchen das mit allen Mitteln zu verhindern. Die beiden haben mit Entsetzen vom Mord an Barbar Hrabak erfahren und sind geistesgegenwärtig zur Direktion geeilt, jetzt flankieren sie den zu Tode erschrockenen Muur und retten ihm so vielleicht das Leben. „Warum beschützt ihr dieses Arschloch? Er steckt doch hinter der ganzen Sache!“, faucht Thojan Schmydt frustriert, er ist zusammen mit fünf weiteren Arbeitern in die Direktion gestürmt, um Muur seiner gerechten Strafe zuzuführen. „Das können wir nicht wissen“, entgegnet Dr. Melnik betont ruhig, sie verschränkt demonstrativ die Arme vor der Brust und versucht Gelassenheit auszustrahlen. „Natürlich wissen wir das. Lapin hätte doch niemals ohne seine Anweisung gehandelt“, raunzt Hildegard Boubacar und ballt drohend die Fäuste. „Geht lieber aus dem Weg, sonst…“ „Was sonst? Wollt ihr jetzt etwa uns an den Kragen?“ Hendrik Schwan ballt ebenfalls die Fäuste, doch Dr. Melnik ruft ihn mit einem warnenden Zischlaut zur Vernunft. „Es ist egal, ob er schuldig ist oder nicht. Er hat ein anständiges Verfahren verdient und keine Lynchjustiz. Was ist nur in euch gefahren? Ihr wollt einen Menschen töten, ist euch das eigentlich klar?“ „Der ist kein Mensch mehr“, schnarrt Thojan Schmydt aggressiv, sein Freund Aiko Kobayashi bricht völlig unerwartet in Tränen aus. „Sag das nicht, Thojan, das haben sie damals auch über meinen Vater gesagt, bevor sie ihn erschlagen haben. Das ist alles nicht richtig“, stößt er hastig hervor, er macht auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem Raum, während würgende Geräusche aus seiner Kehle dringen. Thojan Schmydt sieht ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. „Er hat recht“, sagt Natasha Melnik laut und deutlich, damit ein jeder sie versteht, „es ist nicht richtig.“

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Zeit: 07. Mai 2205
Ort: Nichtstaatliche Mondbasis Gilgamesh-Alpha
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: Unproduktiv

Kantine

„Ich sage, wir schmeißen ihn raus. Soll ihn der Weltraum haben.“
„Das hast du zum Glück nicht allein zu entscheiden.“
„Wir sollten ihn zurück zur Erde schicken.“
„Damit er ungeschoren davonkommt und vielleicht noch als Held gefeiert wird?“
„Ich finde, wir sollten abstimmen.“
„Worüber, ob er schuldig ist oder nicht? Wir können ihm nichts nachweisen.“
„Noch ein Grund, ihn nicht kopfüber aus der Schleuse zu werfen.“
„Ach, das ist doch Schwachsinn. Der ist schuldig, das spür’ ich in meinen Knochen.“
„Nichts für ungut, aber auf deine Knochen will ich mich nicht verlassen müssen.“
„Wieviel Blut braucht ihr noch?“ Dr. Melnik bahnt sich einen Weg durch die Angestellten, in ihrer Stimme liegt zornige Autorität. „Habt ihr nicht bereits genug Schaden angerichtet? Ihr habt Lapin auf dem Gewissen, reicht euch das nicht?“, fragt sie die Umstehenden und ihr Blick könnte Granit zerschneiden. Unter den Anwesenden macht sich verlegene Stille breit, man spricht nicht gerne über Lapin und das, was gestern mit ihm geschehen ist. „Er hat’s verdient“, murmelt jemand von ganz hinten. „Wie bitte?“, faucht Natasha Melnik, „wer hat das gesagt?“ Die Menge teilt sich zögerlich und spuckt schließlich Archibald Ruiz aus. „Schau mir in die Augen und sag das nochmal“, fordert Dr. Melnik drohend. Archibald Ruiz senkt verlegen den Blick und schüttelt den Kopf, Natasha Melnik kräuselt verächtlich die Lippen. „Wusste ich es doch. Schämt euch, ihr verdammten…“, sie bricht ab, heiße Tränen laufen über ihr Gesicht, wütend wischt sie sie mit dem Handrücken fort. In der Kantine herrscht betroffenes Schweigen. „Ich habe euch einen Vorschlag zu unterbreiten“, fährt sie schließlich mit ruhigerer Stimme fort, „Hendrik und ich haben in der Nacht lange beraten und nun möchten wir, dass auch ihr euch beratet.“ Dr. Melnik atmet schwer, sie kämpft für einen kurzen Moment mit dem Gleichgewicht, ein unwillkürliches Muskelzucken läuft über ihre rechte Wange und lässt das Augenlid flattern. „Wir schlagen euch vor, uns von Van den Boom & Söhne zu lösen und die Unabhängigkeit auszurufen. Wir wollen Gilgamesh-Alpha übernehmen und Inanna mit unseren Nachkommen besiedeln.“ Ihre Worte gehen in aufgeregtem Stimmengemurmel unter, das wie eine Welle über ihren Kopf hinwegbrandet. „Ich bin noch nicht fertig“, ruft sie gebieterisch und der Lärm versickert. „Um adäquat über diesen Vorschlag diskutieren zu können muss euch bewusst sein, was dieser Schritt bedeutet. Wir müssen die Embryonen vernichten, die wir von der Firma erhalten haben, um ihren Anspruch auf das System zu entkräften. Zwanzigtausend sind es. Merkt euch diese Zahl und denkt gut darüber nach, ob ihr das mit eurem Gewissen vereinbaren könnt.“ Dr. Melnik macht eine Pause, um Atem zu schöpfen, dann fährt sie ungerührt fort. „Außerdem ist nicht gewiss, dass auf Inanna eine rosige Zukunft wartet. Unsere Siedlungsbemühungen könnten fehlschlagen, es gibt keine Erfolgsgarantie und von der Erde können wir dann keine Hilfe mehr erwarten, ganz im Gegenteil, es besteht eine reelle Chance, dass wir von Van den Boom & Söhne oder einer konkurrierenden Firma angegriffen werden, und sei es auch nur, um ein Exempel zu statuieren.“ Sie pausiert erneut, das Gesicht gezeichnet von Erschöpfung und Resignation. „Es liegt bei euch, wie unser Weg nun weitergehen wird, wobei ich noch anmerken möchte, dass eine Rückkehr zur Erde nach dem Lynchmord an Lapin sehr schwierig werden könnte. Wie dem auch sei, wir erwarten eure Entscheidung morgen Abend.“ Die Laborleiterin wendet sich ab und will die Kantine verlassen, doch ein Gedanke hält sie am Ausgang zurück. „Oh und eines noch: niemand krümmt Walter Muur auch nur ein Haar, oder ich sprenge diese verfluchte Basis in tausend Stücke.“

***

Zeit: 02. Juni 2205
Ort: Erde, United States of India, Amravati

Raumhafen

Henry Van den Boom Senior rollt seinen vollautomatischen Körperstuhl an den prächtig herausgeputzten Söldnern vorbei, die im Spalier die Startbahn des Raumhafens säumen. Die feierliche Atmosphäre versetzt ihn in ausgezeichnete Stimmung, gutgelaunt nickt er den schwer gepanzerten Männern und Frauen zu, die nur für sein Amüsement strammstehen. „Sehr schön, sehr schön“, bemerkt er wohlwollend zu seiner Begleiterin, Sadhana Cauhan lächelt ein zauberhaftes Lächeln. „Wir sind zufrieden, wenn Sie zufrieden sind, Herr Van den Boom“, säuselt sie mit zuckersüßer Stimme. „Ich werde zufrieden sein, wenn die Sache erledigt ist“, erwidert Van den Boom Senior, er hält vor einer muskulösen Frau, die eine überdimensional große Railgun wie ein Baby in den Armen hält und mustert sie von Kopf bis Fuß. „Die würde mir auch gut zu Gesicht stehen“, bemerkt er keck und es ist nicht klar, ob er die Waffe, oder die Söldnerin meint. Die Frau tauscht einen kurzen, irritierten Blick mit Sadhana Cauhan, dann starrt sie wieder stur geradeaus und tut, als hätte sie nichts gehört. „Wann geht es los?“, will Van den Boom Senior wissen, er rollt weiter die Startbahn entlang und begutachtet die schnittigen Space Rider, die für den Einsatz bereitstehen. „Der Start ist für 1900 geplant, wir haben einen kleinen Empfang in der Aussichtslounge vorbereitet, von dort aus können Sie bequem den Abflug beobachten.“ „Schön, schön“, kommentiert Van den Boom Senior, „Sie dürfen mir den Weg zeigen.“ „Sehr gerne, Herr Van den Boom.“ Henry Van den Boom Senior wirft Sadhana Cauhan einen unverhohlen lüsternen Blick zu. „Nennen Sie mich Henry“, sagt er mit aufdringlichem Unterton, Sadhana Cauhan legt ihre wohlgeformte Hand kokett auf seine knochige Schulter und lacht glockenhell. „Mit dem größten Vergnügen“, lügt sie schamlos und geleitet den alten Mann in Richtung Aussichtslounge.

***

Zeit: 07. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 154 Personen
Status: –

Privatquartier Heyman Even

Heyman Even liegt lang ausgestreckt auf dem Bett, er hat die Augen fest geschlossen, sein Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, doch der Schlaf will sich nicht einstellen. Im Grunde, so denkt er, müsste er hochzufrieden mit dem Verlauf der Dinge sein, niemand verdächtigt ihn des Mordes an Easter Trân und Barbar Hrabak und seit der Unabhängigkeitserklärung ist die Besatzung ohnehin viel zu beschäftigt, um ihn mit lästigen Fragen zu behelligen. Trotzdem ertappt er sich immer wieder bei paranoiden Gedanken, manchmal glaubt er, die Schuld stünde ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben und es sei nur eine Frage der Zeit, bis seine Lügen ans Licht kämen. Nachts quälen ihn oft schreckliche Träume, in denen er von den Toten verfolgt wird, die er auf dem Gewissen hat. Dann hastet er durch finstere, nicht enden wollende Gänge, hinter sich bedrohlich schlurfende Schritte, vor sich absolute Dunkelheit. Nicht selten erwacht er schweißgebadet, dann braucht er Stunden, um wieder einschlafen zu können. Das Mitgefühl, das seine Kollegen ihm entgegenbringen, wenn er einmal mehr mit dicken Augenringen zur Schicht erscheint, verbessert seinen Zustand nicht. Selbstverständlich gehen sie davon aus, dass er den Mord an Barbar Hrabak nicht verkraften kann, ebenso selbstverständlich macht ihn die sanfte Art, mit der er von ihnen behandelt wird, aggressiv. Er gibt sich einsilbig und ruppig und ist jedes Mal erleichtert, wenn er wieder in sein Quartier zurückkehren kann, freundlich gemeinte Einladungen zu geselligen Abenden im Freundeskreis lehnt er kategorisch ab. Heyman Even dreht sich seufzend auf die Seite und winkelt die Beine an, bis seine Knie fast seine Brust berühren, er widersteht der Versuchung auf die Uhr zu sehen, er weiß auch so, dass er schon wieder viel zu lange wachliegt. Das schrille Alarmgeräusch, das plötzlich aus dem Lautsprecher über der Tür ertönt, klingt in seinen Ohren fast wie Musik.

*

Privatquartier Dr. Natasha Melnik

Dr. Natasha Melnik wälzt sich unruhig im Bett hin und her, ein weiterer, anstrengender Tag liegt hinter ihr, doch trotz der bleiernen Erschöpfung, die sie bis in die Knochen spüren kann, findet sie nicht in den Schlaf. Zu viele schwarze Gedanken mäandern durch ihren Kopf, zu schwer wiegt die Verantwortung, die sie sich auferlegt hat. Als Leiterin des Forschungslabors hat sie es auf sich genommen die firmenpatentierten Embryonen von Van den Boom & Söhne zu vernichten, kein anderer sollte diese Schuld auf sich laden, auch wenn die Entscheidung mit demokratischer Mehrheit getroffen wurde. Dr. Melnik ist es gewesen, die die Energieversorgung zu den Kältekammern unterbrochen und zwanzigtausend potentielle Leben vernichtet hat und es tröstet sie nur wenig, dass es ihr im Gegenzug gelungen ist, Walter Muur unbeschadet zur Erde zurückzuschicken. In besonders dunklen Stunden glaubt sie leises Kinderweinen zu vernehmen, dann helfen nur noch starke Medikamente gegen die heranflutende Panikattacke. In solchen Momenten empfindet sie es als äußerst zynisch, dass die ehemaligen Angestellten ausgerechnet den Namen Elparadiso für die besetzte Mondbasis ausgewählt haben, ein Paradies, das mit zwanzigtausend Leben bezahlt wurde, ist in ihren Augen nur wenig paradiesisch. Tagsüber arbeitet sie wie eine Besessene, um die negativen Gedanken zu verdrängen, doch wenn sie schließlich zur Ruhe kommt, kann sie nicht verhindern, dass die Schuldgefühle sie rücklings überfallen. Dr. Melnik atmet tief ein und aus und wälzt sich einmal mehr von einer Seite zur anderen, als ein lauter Sirenenton aus dem Lautsprecher über der Tür erklingt und sie aus dem Bett schnellen lässt. „Wir werden angegriffen!“, entfährt es ihr entsetzt, nur mit Hemd und Unterhose bekleidet stürzt sie aus ihrem Quartier.

*

Defense-Base

„Bemannt die Geschütztürme!“
„Aktiviert endlich den verdammten Schutzschild, oder wollt ihr, dass sie uns in Stücke reißen?“
„Wo, zum Teufel, sind die auf einmal hergekommen?“
„Die müssen eine neue Tarnvorrichtung haben, anders kann ich mir das nicht erklären!“
„Spielt jetzt auch keine Rolle mehr, wir sind am Arsch!“
„Flugabwehrraketen bereit!“
„Gefechtskontakt in einer Minute und siebzehn Sekunden!“
„Großer Gott, so viele Schiffe!“
„Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Kleines!“
„Ach, halt die Fresse und schieß endlich!“
„Schutzschild aktiv und bei hundert Prozent“, meldet Lyly Jon mit gepresster Stimme, sie verfolgt die heranrückenden Space Rider mit angespannter Miene und unterdrückt ein Zittern. Um sie herum wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, dutzende Personen laufen hektisch durcheinander und schreien sich gegenseitig Befehle zu, der Angriff erfolgt derart überraschend, dass viele von ihnen noch Pyjama tragen. „Sie greifen an!“, brüllt Wentworth Hill und seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. „Auf Einschlag vorbereiten!“ Lyly Jon hält sich krampfhaft an einer Konsole fest, als dutzende Explosionen die Mondbasis erschüttern, ihre Zähne klappern unkontrolliert, während pures Adrenalin durch ihre Adern schießt. „Schutzschild bei siebenundachtzig Prozent!“, schreit sie, um den Lärm zu übertönen. „Feuer erwidern!“, befielt Hendrik Schwan, der als einziger seine komplette Kampfausrüstung trägt, „zeigt diesen Ferkelfickern was wir zu bieten haben!“
Der blutige Kampf tobt über viele Stunden hinweg, doch obwohl die Besatzung verbissen Widerstand leistet, gegen die Übermacht der hervorragend ausgestatteten Privatarmee ist sie chancenlos. Die Angreifer attackieren gezielt die Verteidigungswaffen und bombardieren die Mondbasis unaufhörlich, bis schließlich der Schutzschild zusammenbricht. Von der Defense-Base ist zu diesem Zeitpunkt nur noch ein schwelender Trümmerhaufen übrig, doch auch die Söldner müssen schwere Verluste verkraften, nur wenige Schiffe haben das hitzige Gefecht überstanden. Als die Waffen endlich schweigen, landen die verbliebenen Space Rider in unmittelbarer Nähe der Hauptluftschleuse, dutzende Schwerbewaffnete marschieren siegessicher über die staubige Oberfläche des Mondes, um die schutzlose Mondbasis zu stürmen. Zu ihrer freudigen Überraschung kommt ihnen bereits ein dicklicher Mann im Raumanzug entgegen, der eine improvisierte, weiße Fahne schwenkt. „Wir kapitulieren!“, brüllt Heyman Even aus vollem Hals, obwohl er weiß, dass die Angreifer ihn nicht hören können. Er hält die weiße Fahne hoch über seinem Kopf und läuft in ungelenken Schritten auf die Aggressoren zu, die Handgranaten, die er sich um Bauch und Beine gebunden hat, scheuern unangenehm auf seiner Haut, doch davon lässt er sich nicht aufhalten. „Nicht schießen, nicht schießen!“, schreit er, als die Söldner einen waffenstarrenden Kreis um ihn bilden. „Wir ergeben uns!“ Nur wenige Sekunden später sprengt er sich und alle Umstehenden mit einer gewaltigen Explosion in die Luft.

***

Zeit: 09. Juni 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Bibliothek

„Wie können wir verloren haben? Sie haben mir eine hundertprozentige Erfolgsgarantie versprochen!“ Henry Van den Boom Senior tobt wie ein Derwisch durch die altehrwürdige Bibliothek, die sein Großvater vor einhundertsechsundvierzig Jahren errichtet hat. „Die Datenlage ist äußerst dürftig“, erwidert das holographische Abbild von Sadhana Cauhan zerknirscht. „Scheiß auf die Datenlage, ich will wissen, was schiefgelaufen ist!“, zetert Van den Boom Senior, sein vollautomatischer Körperstuhl surrt unmelodisch, während er im Zickzack über das edle Fischgrätenparkett kurvt. „Ich verlange eine vollständige Rückerstattung!“, blafft der alte Mann gereizt, doch Sadhana Cauhan schüttelt den schönen Kopf und erwidert gelassen, dass eine Rückerstattung bei derartigen Transaktionen ausgeschlossen sei. Henry Van den Boom Senior wirft daraufhin das Holo-Mobile gegen die Wand und brüllt wie ein verletzter Stier, bis ihn die Kräfte verlassen. Heiser und erschöpft ruft er schließlich Desna Yadav herbei, die seit dem Verschwinden von Henry Van den Boom Junior als seine persönliche Assistentin fungiert. „Rufen Sie Doktor Diaz, er soll unverzüglich herkommen“, verlangt er mit kratziger Stimme. „Rufen Sie außerdem diese Hyänen von Warrior Trade Inc. an und teilen Sie ihnen mit, dass ich bereit bin, die Firma zu verkaufen. Egal welchen Preis sie nennen werden, ich stimme zu. Bereiten Sie alles nötige vor, um den Verkauf schnellstmöglich abzuwickeln, ich erteile Ihnen hiermit alle nötigen Vollmachten.“ „Sehr wohl, Herr Van den Boom.“ Desna Yadav deutet einen ungelenken Knicks an und eilt aus der Bibliothek. „Johnson?“, bellt Van den Boom Senior, als die Assistentin den Raum verlassen hat und der Bodyguard erscheint augenblicklich an seiner Seite. „Was kann ich für Sie tun, Herr Van den Boom?“, fragt er mit zuvorkommender Freundlichkeit. „Sie können gehen. Ich benötige Ihre Dienste nicht mehr“, knurrt Van den Boom Senior und deutet mit einem Kopfnicken zur Tür.

***

Zeit: 11. Juni 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Mondoberfläche

„Heute ist ein schwerer Tag für unsere Gemeinschaft, denn heute betten wir unsere tapferen Freunde zur letzten Ruhe.“ Dr. Thaila Nguyen steht mit gefalteten Händen vor den sechsundsiebzig Gräbern, die in die poröse Oberfläche des Mondes gegraben worden sind. Ein Teil der Besatzung steht in losen Grüppchen um die offenen Gräber herum, ein anderer Teil verfolgt die Massenbestattung aus dem Inneren der Mondbasis, weil nicht genügend Raumanzüge zur Verfügung stehen. „Wir gedenken besonders Heyman Even, der uns alle mit seiner mutigen, selbstlosen Tat gerettet hat“, fährt Thaila Nguyen mit belegter Stimme fort, dicke Tränen kullern über ihre Wangen, der Raumhelm beschlägt von Innen und behindert ihre Sicht. „Wir danken dir, lieber Heyman, ohne dich wären wir heute alle nicht mehr hier“, ihre Stimme wird zu einem Schluchzen, als die Traurigkeit sie übermannt, Becca Durand eilt an ihre Seite, tröstend legt sie einen Arm um die weinende Wissenschaftlerin. „Wir gedenken auch… Wir gedenken…“ Dr. Nguyen schüttelt den Kopf, sie ist nicht mehr in der Lage weiterzusprechen. „Ich denke, es sind der Worte genug“, übernimmt Becca Durand, während sie die weinende Thaila Nguyen stützt. Mit einer würdevollen Handbewegung gibt sie das Signal, die Gräber zuzuschütten.

*

Krankenstation

Dr. Natasha Melnik liegt in dem einzigen Intensiv-Versorgungsbett, das der Mondbasis nach dem brutalen Angriff der Söldnertruppe zur Verfügung steht. Hätte sie die Entscheidung treffen können, sie hätte das Bett ohne zu zögern einem anderen überlassen, doch niemand hat sie nach ihrer Meinung gefragt und sie wäre ohnehin nicht fähig gewesen, sich zu äußern. Nur langsam erholt sie sich von den schweren Verletzungen, die sie bei der Verteidigung der Mondbasis erlitten hat. Wie ein diffuser Traum erscheinen die kurzen Wachmomente, in denen ihr Bewusstsein an die Oberfläche schwappt, die meiste Zeit verbringt sie in künstlichem Tiefschlaf, während das Intensiv-Versorgungsbett ihre Wunden heilt. Es wird Wochen dauern, bis ihr zerfetzter Körper einigermaßen wiederhergestellt ist, aber das medizinische Personal, das sich rührend um die vielen Opfer des Überfalls kümmert, zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass ihre Arme und zumindest ein Bein gerettet werden können.

***

Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Freie Mondbasis Elparadiso
Derzeitige Besatzung: 87 Personen
Status: –

Kantine

Dr. Thaila Nguyen spielt nervös mit dem Ring an ihrer linken Hand, während sie darauf wartet, dass die versammelte Besatzung zur Ruhe kommt. Ein langer, anstrengender Arbeitstag liegt hinter ihr und die bevorstehende Diskussion verspricht nicht weniger aufreibend zu werden, liebend gern würde sie die Gesprächsführung an Dr. Natasha Melnik übergeben, doch diese ist noch zu schwach, um an der Versammlung teilzunehmen. Dr. Nguyen muss also in ihrem Namen sprechen, auch wenn sie sich in dieser Rolle äußerst unwohl fühlt. „Ich habe gute und schlechte Nachrichten“, beginnt sie schließlich ohne großen Elan, „wie ihr alle wisst, sind Teile des Labors beim Angriff auf Elparadiso zerstört worden. Zwar ist es uns gelungen, wichtige Utensilien für die Embryonenmanipulation zu retten, die schlechte Nachricht ist jedoch, dass wir die Brutkammern zur Embryonenreifung nicht reparieren können, sie sind unwiederbringlich verloren.“ Ihre Worte lösen betroffenes Gemurmel aus. „Die gute Nachricht lautet, dass Dr. Melnik zuversichtlich ist, dass uns trotzdem eine Besiedelung von Inanna gelingen kann. Wir müssen allerdings die betreffenden Embryonen selbst austragen…“ „Du meinst mit natürlichen Schwangerschaften?“, platzt Grischa Zhang entgeistert dazwischen. „Ja, das meine ich“, antwortet Dr. Nguyen und versucht selbstbewusst auszusehen. „Natürlich wird eine Besiedelung auf diesem Wege länger dauern, sehr viel länger, wenn ich ehrlich sein darf, aber nichtsdestotrotz können wir es schaffen, sofern sich alle gebärfähigen Frauen mit dieser Idee einverstanden zeigen. Dr. Melnik bittet euch, diesen Vorschlag zu diskutieren und abzustimmen. Ich werde euch für alle Fragen zur Verfügung stehen, damit ihr eine fundierte Entscheidung treffen könnt.“
„Sollen etwa auch die Männer abstimmen dürfen?“
„Warum sollten die abstimmen dürfen, es geht schließlich nicht um ihre Körper!“
„Ich finde, ein jeder sollte eine gleichberechtigte Stimme haben.“
„Natürlich findest du das, du bist ja auch ein Kerl.“
„Es geht schließlich auch um die Zukunft meiner Kinder.“
„Ach, halt lieber den Mund, bevor ich die Beherrschung verliere.“
Dr. Thaila Nguyen lässt die aufgebrachte Diskussion laufen, ohne sich einzumischen, sie setzt sich auf einen freien Stuhl, schlägt die Beine übereinander und wartet geduldig, bis die Besatzung bereit für eine Abstimmung ist.

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Zeit: 02. Juli 2205
Ort: Erde, Schweiz, Neu-Zürich
Privatanwesen der Familie Van den Boom

Büro der Hausverwaltung

„Da lungert ein Penner vor dem Zaun herum. Soll ich die Polizei rufen, Herr Faber?“ Ein adrett frisiertes Hausmädchen steht mit gesenktem Blick vor dem übergewichtigen Hausverwalter und scharrt unsicher mit den Füßen. Anton Faber runzelt ärgerlich die Stirn, er kann es nicht ausstehen, mit derartigen Nebensächlichkeiten belästigt zu werden. „Selbstverständlich sollen Sie die Polizei rufen“, herrscht er das Hausmädchen zornig an. „Ich dachte nur, wegen all der Journalisten und den vielen Gerüchten und…“, beginnt die junge Frau errötend, der Rest ihres Satzes ist ein gemurmeltes Flüstern. Anton Faber legt den massigen Kopf schräg, wie er es immer zu tun pflegt, wenn er nachdenken muss. „Sie haben richtig gehandelt, mich zu informieren“, formuliert er schließlich förmlich, „ich werde mich persönlich um die Angelegenheit kümmern.“ Das Dienstmädchen lässt ein kurzes, selbstzufriedenes Grinsen aufblitzen. Anton Faber erhebt sich ächzend aus seinem Stuhl und stapft mit schweren Schritten aus dem Verwaltungsgebäude, das neben dem gewaltigen Herrenhaus der Familie Van den Boom geradezu winzig wirkt. Wenige Minuten später sieht er sich mit einem dreckverkrusteten, übelriechenden Menschen konfrontiert, der vor dem Zaun des Privatanwesens sitzt und mit seinen nackten Füßen spielt. „Verschwinde, du Abschaum“, grollt Anton Faber, doch der offenbar geistig verwirrte Mann schenkt ihm keine Beachtung. „Du sollst abhauen!“, zischt Faber, er blickt verstohlen nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand beobachtet, dann versetzt er dem Penner einen kräftigen Tritt. „Aua!“, schreit dieser entrüstet, „das können Sie nicht mit mir machen! Ich bin… ich bin – ja, wer bin ich eigentlich?“ „Es ist mir scheißegal, wer du bist, du sollst dich verpissen“, knurrt Anton Faber, mittlerweile kann er den Gestank förmlich körperlich spüren, der von dem zerlumpten Mann ausströmt. „Hau ab, oder ich rufe die Polizei.“ „Polizei, faules Ei“, feixt der Fremde und lässt ein wieherndes Lachen ertönen, Anton Faber schnaubt zornig und holt mit dem Fuß aus, um ihn noch einmal zu treten, als ein verspiegelter Schwebewagen neben ihm abbremst und eine Traube von Journalisten ausspuckt. „Herr Faber, Herr Faber, ein kurzes Interview!“, ruft eine ganzkörpertätowierte Frau und hält ihm ein Holo-Aufnahmegerät unter die Nase. „Kein Kommentar“, schnaubt der Hausverwalter hochmütig, sein Interesse an dem obdachlosen Verrückten erlischt schlagartig, er wendet sich abrupt ab und drängt an den aufdringlichen Journalisten vorbei, zurück zum Grundstück. „Nur eine Frage! Hat sich Van den Boom Senior wirklich für tausend Jahre einfrieren lassen?“, schreit ihm ein junger Mann neugierig hinterher. „Kein Kommentar!“ „Was wird aus der Firma und was geschieht mit den Kolonien?“ „Kein Kommentar!“ Anton Faber beschleunigt seine Schritte und atmet erleichtert auf, als er das schmiedeeiserne Eingangstor des Anwesens erreicht und mit sattem Klicken hinter sich verschließt.

***

Zeit: 02. Even 2805
Ort: System Babylon760-I, Inanna, Neue Welt

Siedlung 24

„Gib es wieder her, gib es sofort wieder her!“ Wentworth Durand wälzt sich wie eine zornige Raupe über den Boden des Spielzimmers, seine zarten Hautschuppen verfärben sich zorniggelb, der winzige Stachelkamm auf seinem Kopf leuchtet vor Aufregung Karmesinrot. Seine große Schwester steht lachend über ihm und hält sein Lieblingsspielzeug wie eine Trophäe in den Händen. „Wie heißt das Zauberwort mit den zwei T?“, fragt sie grinsend, es scheint ihr großes Vergnügen zu bereiten, den kleinen Bruder zur Weißglut zu treiben. „Sollen dich die Erdlinge holen, du blöde Luftschlange!“, schreit Wentworth Durand, dicke Tränen laufen über seine kindlich runden Wangen. „Was ist hier los?“ Heyman Melnik hat sich unbemerkt den zeternden Kindern genähert, Lyly Durand schrickt schuldbewusst zusammen, als sie seine dunkle Stimme hört. „Nichts ist los“, behauptet sie mit engelsgleicher Unschuldsmiene. „Sie hat mein Spielzeug weggenommen!“, trötet Wentworth verschnupft, ein langer Rotzfaden hängt aus seiner Nase, mit einen saugenden Geräusch zieht er ihn hoch und schluckt. „Stimmt gar nicht, du lügst“, hält Lyly dagegen, „es ist mein Spielzeug.“ „Wenn ich mich richtig erinnere, hast du es Wentworth vor einigen Wochen geschenkt.“ Heyman Melnik geht vor den beiden Streithähnen in die Hocke und lächelt freundlich. „Ihr wisst doch, dass es die Mütter im Mond traurig macht, wenn ihr euch streitet.“ Lyly reicht Wentworth das Spielzeug und schiebt zerknirscht die Unterlippe vor. „Tschuldigung, Herr Melnik“, sagt sie und blinzelt liebenswürdig mit ihren großen, violetten Augen. Heyman Melnik muss ob ihrer geballten Niedlichkeit grinsen. „Ist schon gut“, lacht er versöhnlich. „Geht jetzt nach draußen, es ist eine herrliche Nacht.“ Wentworth und Lyly Durand laufen johlend nach draußen in den Mondschein, Heyman Melnik sieht ihnen mit weichem Blick hinterher und lächelt zufrieden.

© sybille lengauer

Sonntag, 12. Juni 2022, ab 20 Uhr:

Ausgabe 10 von Talkien – Hat Science Fiction ein Geschlecht? Um diese Frage zu klären haben wir eine eolquente Gästerunde zusammengestellt: Lie H. Lie Hay Ard, Gabriele Behrend, Sybille Lengauer und Jacqueline Mayerhofer werden unseren Horizont erweitern.

www.youtube.de/BrennendeBuchstaben

Donnerstag 23. Juni 2022, ab 20 Uhr:

Bücherplausch im Café YOLK, Bennohaus Münster, von und mit Renate Rave-Schneider und Andrea Timm

Lesung an diesem Samstag, auch live über Youtube.

Samstag, 19. Dezember, ab 20 Uhr: Gabriele Behrend und Sybille Lengauer lesen live.
Nach insgesamt 45 Lesungen der Brennenden Buchstaben wollen wir dieses umfangreiche Veranstaltungsjahr mit zwei Weihnachtelesungen kurz vor Weihnachten ausklingen lassen.
Gabriele Behrend stellt bei uns am 19. Dezember ihren Roman „Salzgras und Lavendel“ vor. Obwohl der Titel das nicht unbedingt offenbart, handelt es sich um einen Science Fiction Roman, um industriell vermarktete multiple Persönlichkeiten. Ab 20 Uhr liest sie in Barlok Barbosas Bühnenbild.
Danach, ab 21 Uhr liest Sybille Lengauer für uns ihre Sci-Fi-Action-Kurzgeschichte „Im Göttergarten – Die Erleuchtung“, ebenfalls in einem Bühnenbild von Barlok Barbosa.


Ton über den Discord-Server der Brennenden: https://discord.gg/P3x79Xw
Und über http://www.radio-rote-dora.org:9000
Live Video Übertragung auf youtube unter http://www.youtube.de/brennendenbuchstaben
SLURL: https://maps.secondlife.com/seco…/Port%20Genieva/51/108/22

Im Göttergarten

Veröffentlicht: September 12, 2020 in Kurzgeschichten
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Im Göttergarten
(Die Erleuchtung)

Hochsommer im Garten der Götter. Drückende Hitze liegt über dem heiligen Paradies, kein Grashalm regt sich in der windstillen Schwüle. Im Schatten einer hochgewachsenen Robinie sitzen zwei jugendliche Gottheiten auf einer hellblau gestrichenen Holzbank und trinken gekühlten Honigwein. Ein kleines Rotkehlchen flattert neugierig heran, um ihr aufkeimendes Gespräch zu belauschen.
„Ich sage dir, die Neue bringt es nicht.“
„Das sagst du doch immer.“
„Diesmal stimmt es aber.“
„Das sagst du auch immer.“
Das Rotkehlchen sträubt enttäuscht das Gefieder, es hat solche endlosen Diskussionen schon viel zu oft mit angehört. Gelangweilt putzt es seine Schwungfedern und fliegt dann rasch davon.
„Sie hat nicht das Zeug zum Propheten“, nörgelt der junge Elefantengott, skeptisch blickt er dem Rotkehlchen hinterher, das zwischen blühenden Mariendisteln verschwindet. Der lange Rüssel im dunkelgrauen Göttergesicht verleiht seinen Worten einen enervierend näselnden Klang. Sein Trinkkumpan, ein Elementargott mit flimmernder Haut und eisblauen Augen, zuckt nur mit den Achseln, er setzt das Glas an und trinkt. Es ist zu heiß, um sich entschlossen zu streiten.
„Ich meine, eine Erleuchtung auf dem Mars? Das ist doch lächerlich!“, ereifert sich der Elefantengott störrisch.
„Jetzt sei mal nicht so konservativ“, stichelt der Elementargott und seine Augen werden gehässig schmal.
„Ich bin doch nicht konservativ!“, trompetet sein Gefährte entrüstet, schwungvoll stellt er sein Glas auf der Bank ab und stemmt die massigen Arme in die Hüfte, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen.
„Auch das sagst du immer“, spottet der Elementargott und lacht schallend.

I
Mars, 11 August 2220. Seit drei Tagen sucht die Besatzung der Terraforming-Station Franquin I fieberhaft nach der verschollenen Bioingenieurin Jona Holt. Im Grunde scheint es unmöglich sich auf einer vollautomatisierten Terraforming-Station zu verstecken, doch Jona Holt kaschiert ihre Lebenszeichen und bleibt, trotz intensiver Bemühungen des Teams, spurlos verschwunden. Wie sie dieses Kunststück fertigbringt ist ihren Kollegen ein Rätsel, aber dass sie sich irgendwo auf der Franquin I verbirgt, steht unumstößlich fest, denn ihr Lieblingsmesser steckte bis zum Griff im Brustkorb des armen Doktor Mossil, als man dessen aufgequollenen Leichnam gestern Abend aus einem Abwasserbecken der Kläranlage zog. Gesäubert und sorgfältig vakuumiert wartet sein zerschundener Körper nun mit der unendlichen Geduld der Toten darauf, als erster Mensch der Geschichte im lebensfeindlichen Sand des Mars beerdigt zu werden.
*
„Schon irgendwie zynisch, oder?“ Jenetta Xing verharrt vor einer schwach beleuchteten Abzweigung und überprüft das Signal ihres Suchgerätes, konzentriert schiebt sie die Unterlippe nach vorn, atmet dabei laut durch die Nase. Das mattgraue Suchgerät vibriert nur schwach in ihrer Hand und liefert keine klare Anzeige. Die stämmige Technikerin runzelt unwillig die Stirn, sie fühlt sich unwohl in ihrer Haut, denn so tief dringt sie nur selten in den unterirdischen Bauch der Station vor. Sie entscheidet sich für den linken Gang und setzt sich zögerlich wieder in Bewegung. „Was meinst du?“, fragt Harry Yves ohne großes Interesse. Er unterdrückt ein Gähnen und trottet lustlos hinter Xings breitschultriger Silhouette her, seine Stimme klingt erschöpft und monoton. „Na, du weißt schon. Das alles eben!“, antwortet die leitende Technikerin, sie wirft ihrem jungen Kollegen einen bedeutungsschwangeren Seitenblick zu und hebt die Augenbrauen. „Er wollte doch unbedingt berühmt werden. Und jetzt ist er es.“ „Wer?“, fragt Harry Yves verwirrt. „Sag mal, merkst du noch was?“ Xings scharfer Tonfall lässt Harry zurückschrecken, er strauchelt über seine Füße und stolpert unbeholfen gegen die glatte Wand des Ganges. „Entschuldige, ich habe nicht aufgepasst“, murmelt er verlegen. „Das merke ich, danke für nichts“, blafft Jenetta Xing. Sie versetzt ihrem jungen Kollegen einen derben Knuff in die kurzen Rippen. „Aua!“ „Ich meine den alten Mossil. Er wollte doch immer eine bedeutende Entdeckung machen. Seinen Fußabdruck im Staub der Geschichte hinterlassen, wie er es nannte. Und jetzt ist er nicht nur der erste Mensch, der auf dem Mars beigesetzt wird, er ist auch der erste Mensch, der auf dem Mars ermordet wurde! Ein Platz in der Geschichte ist ihm sicher.“ „Achso, jaja.“, macht Harry Yves und reibt sich die schmerzenden Rippen. „Du Memme“, knurrt Jenetta Xing gereizt, sie überprüft erneut die Anzeige ihres Suchgerätes und setzt den Weg entschlossen fort. „Miststück“, flüstert Harry Yves leise, sodass seine Vorgesetzte es nicht hören kann. „Habt ihr die Abluftrohre in Sektion III überprüft?“ Die Stimme des Stationsleiters, Doe McGregor, schallt kalt aus der Kommunikationsanlage. „Selbstverständlich, Sir“, antwortet Harry Yves betont freundlich, doch heimlich rollt er mit den Augen. Er empfindet die Nachfragen des Stationsleiters als überflüssig, belässt es jedoch bei einer freundlichen Antwort. Die Stimmung auf der Station ist ohnehin schon angespannt genug. „Gut, ihr habt noch zwei Stunden, dann will ich eure Ärsche im Besprechungsraum sehen. Verstanden?“ „Verstanden, Sir“, antworten Xing und Yves wie aus einem Mund.
*
Im Koordinationszentrum der Franquin I zieht sich Doe McGregor entnervt das Headset vom kahlen Schädel. „Idioten“, knurrt er gereizt, sein Blick wandert ruhelos über die unzähligen Anzeigetafeln und flimmernden Bildschirme. „Wie bitte?“ Stationsarzt Thomas Sheldon hebt irritiert den Blick von seinem Bedienfeld, doch Doe McGregor wiegelt rasch ab. „Nicht du, dich meine ich nicht.“ „Die Leute tun ihr Bestes, Doe. Wir befinden uns in einer extremen Situation…“, beginnt Thomas Sheldon, doch wird er sogleich von McGregor unterbrochen, der abwehrend die Hände hebt. „Lass es, Tom. Ich weiß, in welcher Scheiße wir stecken, dazu brauche ich keine psychologische Analyse.“ „Das Team verlässt sich auf dich“, fährt Sheldon ungerührt fort. „Das Team kann mich mal!“, faucht McGregor aggressiv. Thomas Sheldons dunkelbraune Augen bohren sich in McGregors verkniffenes Gesicht, suchen dort nach Anzeichen eines Nervenzusammenbruchs. „Sieh mich nicht so an. Es geht mir ausgezeichnet“, knurrt der Stationsleiter gereizt, Thomas Sheldon zuckt ergeben mit den Achseln. „Wie du meinst, Sir.“
*
„Es hat aufgehört zu bluten.“ Jona Holt zuckt zusammen und öffnet blinzelnd die Augen. Sie dreht sich aus der Seitenlage und stöhnt, als schneidender Schmerz ihren Unterleib durchfährt. „Nicht so hastig, Mädchen. Sonst wirst du wieder ohnmächtig.“ Jona nickt und wuchtet sich langsam in eine sitzende Position. Vorsichtig untersucht sie die notdürftig verklebte Wunde an ihrem Bauch. „Wie fühlst du dich?“ Jona neigt den Kopf, ein bescheidenes Lächeln umspielt ihre Lippen. „Es ging mir schon schlechter, Herr“, antwortet sie demütig. Ein plötzliches Geräusch lässt sie aufschrecken und ein weiterer Schmerzimpuls durchzuckt ihren mageren Körper. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie durch die Dunkelheit. Hält den Atem an. Horcht. „Keine Angst. Du bist hier sicher.“ „Ich habe keine Angst, Herr,“, versichert Jona mit zitternder Stimme und pochendem Herzen, „ich weiß, dass Du an meiner Seite bist.“ Das bedrohliche Geräusch verklingt und in der darauffolgenden Stille kann Jona nur ihr eigenes, gehetztes Atmen hören. Mühsam zwingt sie sich zu ruhigeren Atemzügen und langsam fließt die Panik aus ihr heraus. „Das hast du gut gemacht.“ „Danke, Herr.“
*
„Die ist durchgedreht. Ganz eindeutig. Übergeschnappt. Total übergeschnappt.“ Ynez Wozniak schaufelt enorme Portionen Kartoffelbrei zwischen ihre malmenden Kiefer und spuckt beim Sprechen kleine Breiklümpchen über den Tisch. Professor Myra Schwarz betrachtet die übergewichtige Ingenieurin mit unverhohlener Abscheu, lustlos stochert sie in ihrer Essensration und bleibt still. „Hysterischer Zusammenbruch. Marskoller. Irgendwas in der Art.“, plappert die Ingenieurin weiter, während sie mit großer Entschlossenheit über die synthetischen Fischstäbchen herfällt. „Ich wusste von Anfang an, dass mit der was nicht stimmt. Dieses ständige beten und dieser gestörte Blick. Wie sie es durch die psychologische Tauglichkeitsprüfung geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Hätte nie einen Fuß auf den Mars setzen dürfen, das Luder.“ „Dass du dabei noch essen kannst!“, entfährt es Professor Schwarz, angewidert schiebt sie den vollen Teller von sich. „Isst du das noch?“, entgegnet Ynez Wozniak ungerührt, ihr Blick fixiert gierig die erkaltende Nahrung. „Bitte. Bedien dich.“ Die Wissenschaftlerin versetzt dem Teller einen Stoß, Wozniak fängt ihn geschickt mit der linken Hand und bohrt sofort ihren Löffel in die Portion. „Reisfleisch. Lecker!“, entfährt es ihr mit Wonne, Myra Schwarz verdreht entnervt die Augen und erhebt sich vom Tisch. „Warte, du hast mir noch gar nichts von der Obduktion erzählt!“, bettelt die Ingenieurin mit vollem Mund, doch Professor Schwarz schüttelt stumm den Kopf. Mit gestrafften Schultern verlässt sie den kleinen Speisesaal. „Man kann sich auch anstellen!“, brüllt Ynez Wozniak hinter ihr her, Myra Schwarz knallt absichtlich mit der Tür.

II
„Bericht!“ Im taghell erleuchteten Besprechungsraum wandert Stationsleiter Doe McGregor ungeduldig vor dem ovalen Konferenztisch auf und ab, er hat die Arme hinter dem Rücken verschränkt, seine Halssehnen treten stark hervor, die Kiefermuskeln arbeiten. Die Techniker Xing und Yves sitzen wie Schulkinder nebeneinander und verfolgen nervös jeden seiner Schritte. „Es gelingt uns nicht, sie aufzuspüren, Sir.“ Jenetta Xing kneift die Augen zusammen und massiert energisch ihren schmerzenden Nasenrücken. „Sie ist wie vom Erdboden verschluckt.“ „Marsboden“, korrigiert Harry Yves leise. „Halt’s Maul“, zischt Jenetta Xing gereizt. „Ruhe!“, fährt Doe McGregor zornig dazwischen. Er setzt sich an das Kopfende des Tisches und lässt die Handflächen wuchtig auf die Tischplatte knallen. „So kann das nicht weitergehen!“ „Haben Sie Rückmeldung von der Erde erhalten, Sir?“, fragt Jenetta Xing vorsichtig, sie ist jeden Moment darauf gefasst von McGregor angeschrien zu werden und lehnt sich vorsorglich im Sessel zurück. „Negativ“, knurrt der Stationsleiter nur, sein Gesicht drückt große Sorge aus, in seinen Augen glänzt eine Hilflosigkeit, die Jenetta Xing zutiefst beunruhigt. „Solange die Station weiterläuft, ist es der Firma scheißegal was hier passiert. Holt ist unser Problem, nicht deren. Wenn sie anfängt die Maschinen zu sabotieren, dann werden die reagieren. Menschen sind ersetzbar. Wir sind ersetzbar.“ McGregor merkt, dass er zu viel gesagt hat, er räuspert sich verlegen und überspielt den Moment mit aufgesetzter Wut. „Das muss, verdammtnochmal, ein Ende haben!“, brüllt er lauthals, Harry Yves schreckt entsetzt zurück, Jenetta Xing zuckt mit keiner Wimper. „Wir könnten den Seeker auf sie ansetzen, Sir.“, schlägt sie mit ruhiger Stimme vor. „Wir programmieren ihn auf Holts Wasserschwingung, statten ihn mit einem Explosionskörper aus und wenn er sie gefunden hat… Bumm.“ Die Technikerin untermalt das Geräusch mit einer entsprechenden Geste und gestattet sich ein kleines Lächeln. „Wir können keine Explosion riskieren, wenn wir nicht wissen, wo sie sich aufhält. Im schlimmsten Fall jagen wir die Station in die Luft.“, widerspricht Harry Yves, erschrocken von seiner eigenen Courage klappt er den Mund wieder zu und erbleicht. „Er hat recht.“ McGregor nickt und zieht ein langes Gesicht, seine Wut ist verraucht, zusammengesunken sitzt er am Kopfende des Tisches. „Dann eben keine Explosion. Ein Ortungssignal würde genügen. Dann schicken wir bewaffnete Workies los und machen sie fertig.“ Doe McGregor denkt mit gerunzelter Stirn über Xings Vorschlag nach. „Einen Versuch ist es wert.“
*
Stille. Dunkelheit. Kaum hörbare Atemzüge. Jona Holt kauert in der Finsternis ihres Verstecks und spürt dem bittersüßen Schmerz in ihrem Herzen nach. Ein bedrückendes, unaufhörliches Schaben hat ihren Herzschlag ersetzt, tiefschwarze Traurigkeit pulst kalt durch ihre Brust. Voller Scham denkt sie an ihre letzte Begegnung mit Eugene Mossil zurück. „Ich brauche deine Liebe nicht“, sagt er in ihren Gedanken wieder und immer wieder und ein Zittern und Schluchzen durchläuft Jonas Körper. Die Schnittwunde an ihrem Bauch beginnt zu toben, doch Jona kann sich nicht beruhigen. Die Bilder des blutigen Kampfes flackern gnadenlos durch ihren Kopf. Das Messer, das sie erst gegen sich selbst richten wollte. Der grelle Schmerz, als sie sich damit verletzt. Und mitten hinein in diesen Schmerz bricht Eugenes abfälliges Lachen. Sein gehässiges, schadenfrohes Lachen, dem sie in ihrer rasenden Wut ein brutales Ende bereitet. Sein erstauntes Gesicht, die Lippen zu einen stummen O geformt. Seine weit aufgerissen, meerblauen Augen. Das Messer, tief in seiner Brust. „Du musst loslassen, Jona.“ „Es tut mir leid, Herr“, wimmert Holt verzweifelt. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ „Aber ich bin so schwach!“ Jona fühlt ihre Augen überfließen, beschämt wischt sie die heißen Tränen aus ihrem Gesicht. „Entschuldige“, piepst sie kaum hörbar. „Es wird alles gut, Jona.“

III
„Kannst du in meinen Raum kommen?“
„Ich habe zu tun.“
„Es ist wichtig, Myra.“
„Ich bin beschäftigt. Hat das nicht Zeit?“
„Es geht um McGregor.“
Professor Schwarz hebt irritiert den Blick von den Kabeleingeweiden der Wassersuchdrohne, in voller Schutzkleidung kniet sie über dem dekonstruierten Gerät. Irritiert starrt sie auf das dunkle Quadrat der Kommunikationsanlage, das in die gegenüberliegende Wand eingelassen ist. „Ich überarbeite gerade den Seeker und kann die Arbeit nicht unterbrechen. Ich bin im Reinraum“, sagt die Wissenschaftlerin mit fester Stimme, dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Inneren der Maschine zu. „Ich komme zu dir.“ Thomas Sheldon beendet den privaten Sprachkanal und macht sich unverzüglich auf den Weg. Als er Professor Schwarz wenige Minuten später, getrennt durch eine dünne Plexiglasscheibe, gegenübersteht, ringt er umständlich um die passenden Worte. „Ich…ich mache mir Sorgen, Myra.“, beginnt er verlegen, dann hält er inne und wischt nervös über einen winzigen Schmutzfleck am Rand der Scheibe. Im Reinraum zuckt Myra Schwarz desinteressiert mit den Schultern. „Wir alle machen uns Sorgen, Tom.“, antwortet sie gleichgültig. „Nein, so meine ich es nicht.“ Thomas Sheldon windet sich sichtlich, doch Myra Schwarz ist nicht gewillt, ihm das Gespräch zu erleichtern. Routiniert verbindet sie die Kabel im Bauch der Drohne und lässt Sheldon draußen schmoren. „Ich glaube, dass er dem Druck nicht gewachsen ist“, bricht es schließlich aus dem Stationsarzt heraus. „Aha“, macht Myra Schwarz hinter der Scheibe. „Er schreit noch mehr als sonst, ist extrem reizbar, zeigt paranoide Züge. Und seine Biowerte sind höchst bedenklich. Ich meine, wir sollten die Firma kontaktieren.“ „Wer ist wir, hast du einen Zwerg in deiner Tasche?“, ätzt Myra Schwarz und würdigt den Stationsarzt keines Blickes. „Du bist Zweite Stationsleiterin, Myra!“, entfährt es Thomas Sheldon verärgert. „Und du bist der verdammte Arzt dieser Station. Wenn McGregor die Nerven verliert, ist es an dir, die Notbremse zu ziehen.“, faucht die Wissenschaftlerin unter ihrem Gesichtsschutz hervor. „Es war ein Fehler mit dir zu sprechen.“ Sheldons Stimme ist plötzlich sehr kalt, brüsk dreht er sich von der Plexiglasscheibe fort. „Warte, Tom.“ Myra Schwarz seufz tief und wendet sich zum ersten Mal direkt an ihr Gegenüber. „Ich habe es nicht so gemeint. Entschuldige.“ Thomas Sheldon verharrt mit dem Rücken zur Scheibe, dann dreht er sich plötzlich zu Schwarz um und fixiert die Augen in ihrem blassen Gesicht. „Du wirst mir also helfen?“, fragt er und drückt dabei seine Hände so fest gegeneinander, dass die Fingerspitzen weiß hervortreten. „Ja“, antwortet Schwarz mit der Andeutung eines Nickens, dann beugt sie sich wieder zur Maschine.
*
Im Koordinationszentrum der Terraforming-Station starrt Doe McGregor ausdruckslos den Überwachungsmonitor an, über den er das Gespräch heimlich mitverfolgt hat. Reglos wie eine Statue hockt er im Kommandostuhl und nur das leise Knirschen seiner Zähne verrät seine aufgewühlten Gefühle. Lange sitzt er so da und glotzt auf den Monitor, während um ihn herum die unterschiedlichen Anzeigetafeln blinken und flimmern. Schließlich durchläuft ein Schaudern seinen Körper, ruckartig taucht er aus der Erstarrung auf. Wie in Trance betätigt er einige Regler an der Kommunikationssteuerung. „Wozniak, Xing, Yves. In den Besprechungsraum. Sofort.“, bellt er rau, dann beendet er die Verbindung. „Bastarde“, entfährt es ihm leise.

IV
„Hey, mein Kleiner. Hast du eine Ahnung, was der Boss von uns will?“ Ynez Wozniak rückt mit ihrem Stuhl aufdringlich nahe an den jungen Harry Yves heran. „Nicht die geringste, Ma’am“, antwortet Yves und rückt seinen Stuhl etwas weiter von ihrer feisten Gestalt fort. Jenetta Xing beobachtet das Schauspiel und zieht entnervt eine Augenbraue nach oben. „Könnt ihr mit dem Unfug aufhören?“, fragt sie schließlich, als Harry auf seinem Stuhl das Gleichgewicht verliert und plump zu Boden fällt. Ynez Wozniak lacht dreckig. „Ich kann seinen kleinen Alabasterbäckchen einfach nicht widerstehen.“, frotzelt sie mit breitem Grinsen. „Werd erwachsen“, blafft Xing ungerührt. Wozniak setzt zu einer gesalzenen Antwort an, doch Doe McGregor betritt den Besprechungsraum und sie verstummt abrupt. Drei Augenpaare richten sich erwartungsvoll auf den Stationsleiter, der schmallippig im Raum steht und die Arme vor der Brust verschränkt. „Die Situation hat sich geändert,“, beginnt er schließlich mit dunkler Stimme, „Holt arbeitet nicht alleine. Wir haben es mit einer Meuterei zu tun.“ „Meuterei, Sir?“, entfährt es Harry Yves erschrocken. „Sei still“, flüstert Jenetta Xing gereizt. McGregor mustert ihr breites Gesicht mit steinerner Miene. „Schwarz und Sheldon stecken mit ihr unter einer Decke.“, sagt er, dann lässt er sich schwerfällig in einen freien Stuhl sinken. Ynez Wozniak öffnet den Mund und schließt ihn wieder. „Sollen wir die Firma kontaktieren, Sir?“, fragt Xing schließlich in die angespannte Stille hinein. „Auf keinen Fall“, wehrt McGregor ab. „Das ist eine interne Angelegenheit.“ „Verstanden, Sir.“ Xing nickt und tauscht einen vielsagenden Blick mit Harry Yves, der nichts versteht und ratlos blinzelt. „Schwarz arbeitet am Seeker,“, überlegt Ynez Wozniak laut, „wenn sie die Mission sabotiert, finden wir das Miststück in tausend Jahren nicht.“ „Ich werde mich darum kümmern“, knurrt Jenetta Xing und es klingt, als habe sie bereits ein Grab für Myra Schwarz geschaufelt.
*
„Wach auf.“ Jona Holt fährt erschrocken aus unruhigem Schlummer und stöhnt leise auf. Die Wunde an ihrem Bauch pocht unangenehm, doch der schreckliche Durst, der sie schon vor dem Einschlafen quälte, ist bedeutend schlimmer als die Verletzung. „Steh auf.“ Mühsam stemmt sich Jona an einer Wand in die Höhe, steht schließlich, schwer atmend und verschwitzt in der Dunkelheit und zittert am ganzen Körper. „Geh los.“ Jona versucht zaghaft einen Schritt vorwärts, doch ihre Beine fühlen sich an, als bestünden sie aus Gummi und sie hat kein Gespür in den Füßen. „Ich kann nicht, Herr!“, keucht sie verzweifelt. „Du musst, Jona.“ „Warum, Herr? Warum kann ich nicht einfach liegenbleiben und endlich sterben?“ Jona möchte weinen, doch sie hat keine Tränen mehr. Erschöpft lehnt sie an der Wand ihres Verstecks und wimmert. „Bald ist es soweit, Jona. Aber vorher habe ich noch eine Aufgabe für dich.“ Jona schluckt trocken und nickt, sie nimmt all ihre Kraft zusammen und kämpft sich langsam vorwärts.

V
„Willst du sie wirklich umbringen?“ Harry Yves bemüht sich redlich mit der aufgebrachten Jenetta Xing Schritt zu halten, die, bis auf die Zähne bewaffnet, durch die Gänge der oberen Stationsebene stapft. „Wenn es sein muss“, antwortet Xing und beschleunigt das Tempo. „Jetzt renn’ doch nicht so!“, keucht Harry Yves, doch die Technikerin ignoriert sein Gejammer. Verzweifelt greift Yves nach ihrer breiten Schulter und hält seine Vorgesetzte krampfhaft fest. „Jenetta, bitte!“ Xing dreht sich zu dem jungen Techniker um und fixiert ihn mit eiskalten Augen. Harry Yves lässt erschrocken ihre Schulter los und tritt einen großen Schritt zurück. „Verzeihung, Ma’am“, haucht er kleinlaut. „Jetzt hör’ mal zu, Bürschchen. Das hier ist eine brandgefährliche Situation, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße. Wir könnten ALLE draufgehen, kapierst du das nicht?“ „Aber…“ „Kein aber, Junge!“ Jenetta Xing dreht auf dem Absatz um und rast davon, Harry Yves steht kreidebleich im Gang und zittert unkontrolliert. Zum ersten Mal fühlt er sich unfassbar weit von zuhause entfernt und mutterseelenallein. Tausend unsichtbare Augen scheinen ihn aus allen Winkeln zu beobachten, ein klammes Band der Angst schlingt sich um sein wild galoppierendes Herz. „Warte auf mich!“, brüllt er hysterisch, dann stürmt er mit rudernden Armen hinter Jenetta Xing her.
*
„Hallo Thomas.“
Thomas Sheldon fährt erschrocken vom Mikroskop zurück, er hat nicht gehört, dass McGregor die Krankenstation betreten hat. Der Stationsleiter steht direkt hinter Sheldon und lächelt unergründlich. „Was ist los, Doe?“, fragt Doktor Sheldon verunsichert, McGregor wertet das Zittern in seiner Stimme als letzten Beweis für seine Schuld. „Das habt ihr euch schön ausgedacht, nicht wahr?“, fragt er grinsend, „Erst das Verschwinden von Holt, dann der Mord an Mossil und schließlich, zum krönenden Abschluss – mein Abschuss. Habt euch prächtig amüsiert, nicht wahr?“ „Was faselst du da?“, nervös versucht Thomas Sheldon Abstand zwischen sich und dem feixenden Stationsleiter zu schaffen, doch der folgt ihm mit einem Brennen im Blick, das so heiß ist, wie der Zorn Gottes. „Du elender Wichser“, knurrt McGregor, bevor er sich brutal auf den entsetzten Stationsarzt stürzt.
*
Ynez Wozniak hat ausgesprochen schlechte Laune. Grummelnd schleppt sie ihre sperrige Einsatzausrüstung zur Andockrampe der Franquin I und hadert mit sich und McGregors Befehlen. Sie soll den experimentellen Sicherheitsschild aktivieren, der von Doktor Mossil eigens für die Station entwickelt wurde, um Raumschiffe an Start oder Landung zu hindern. Es handelt sich um eine diffizile Aufgabe, die nur im Außeneinsatz zu bewältigen ist. „Warum immer ich“, grollt Wozniak beleidigt. Viel zu spät kommt ihr in den Sinn ein Workie zu benutzen, um die schwere Ausrüstung zu tragen. „Verdammte Scheiße.“ Die Ingenieurin flucht lautstark über ihre eigene Dummheit, grunzend lässt sie die Panzerplatten zu Boden fallen. „Du da, komm her“, bellt sie aggressiv, eine Arbeitsdrohne verlässt ihren Platz und gleitet zielstrebig auf sie zu. „Heb das auf“, befielt Wozniak barsch. Die Drohne hebt die Ausrüstung mühelos vom Boden und folgt Wozniak, die nun mit deutlich besserer Laune zur Andockrampe stolziert.
*
„Bitte nicht, Herr.“ Jona Holt steht bebend vor einem Schrank voller Explosionskörper, den sie soeben mit einem Brecheisen aufgestemmt hat. Die kleinen, zerstörerischen Kapseln ruhen unscheinbar in ihren Kokons, Jona schaut mit weit aufgerissenen Augen auf ihre glänzenden Hüllen, ein unkontrollierbares Zucken läuft über ihr hageres Gesicht. „Es gibt keinen anderen Weg, Jona.“ „Ich weiß, Herr“, haucht Jona, sie greift zu einer halbvollen Wasserflasche, die sie vor einer halben Stunde aus dem menschenleeren Speisesaal gestohlen hat und trinkt einen vorsichtigen Schluck. Langsam verschließt sie die Öffnung der Flasche, um Zeit zu gewinnen. Dann steht sie still vor dem aufgebrochenen Schrank und wiegt ihren Oberkörper langsam vor und zurück. Ihre Gedanken treiben davon, die Sekunden zerrinnen zu Minuten. „Die Zeit wird knapp, Jona.“ Holt fährt erschrocken aus ihrer mentalen Abwesenheit und stopft hektisch Sprengstoffkapseln in die Taschen ihrer Jacke.

VI
Im Reinraum der Terraforming-Station stößt Myra Schwarz einen erlösten Seufzer zur keimfreien Zimmerdecke empor. Sie hat die komplizierte Arbeit am Seeker erfolgreich beendet, die Wassersuchdrohne ist nun auf Jona Holts Wasserschwingung programmiert und liegt einsatzbereit zu Füßen der Wissenschaftlerin. Myra Schwarz denkt gerade darüber nach, sich zur Belohnung eine ausgedehnte Schalldusche zu gönnen, als Jenetta Xing wie ein Wirbelsturm zur Tür hereinpoltert. „Sind Sie wahnsinnig? Das ist ein Reinraum!“, keift Myra Schwarz erbost, bevor sie erkennt, dass eine Pistole auf ihren Kopf gerichtet ist. „Das ist mir sowas von egal“, schreit Jenetta Xing und feuert. Der Schuss verfehlt Professor Schwarz nur um Haaresbreite, kreischend sucht diese in der sterilen Ordnung des Reinraums nach Deckung. Ein Lasermesser findet wie von selbst den Weg in ihre Hand, Myra Schwarz fasst im Bruchteil einer Sekunde einen Entschluss und stürzt sich brüllend auf ihre Gegnerin. Jenetta Xing zielt und schießt erneut, tödlich getroffen taumelt Myra Schwarz in ihre Arme. „Verdammt“, keucht Jenetta Xing, als das Lasermesser tief durch ihre Eingeweide schneidet, dann bricht sie stöhnend über Myra Schwarz zusammen. „Was ist passiert?“ Harry Yves trampelt unbeholfen in die blutige Szenerie, er starrt schaudernd von Schwarz Leiche zu Xings fürchterlicher Verletzung und würgt trocken. „Kotz mir hier ja nicht alles voll.“, knurrt Xing gereizt, Blut quillt dunkelrot aus ihrem Mund, drohend richtet sie die Waffe auf den jungen Techniker. Harry Yves quiekt entsetzt und stürmt aus dem Reinraum.
*
„Ruhe in Frieden, alter Freund.“ Doe McGregor hockt zusammengesunken neben dem erschlagenen Leichnam des Stationsarztes, die rasende Wut ist aus seinen Muskeln gewichen und bleierne Müdigkeit ist an ihre Stelle getreten. Mit leeren Augen blickt er auf den blutverschmierten Körper, der seltsam verdreht und bis zur Unkenntlichkeit entstellt auf dem kalten Fliesenboden der Krankenstation liegt. Ein herzergreifendes Schluchzen bricht aus McGregors Kehle, dann beginnt er plötzlich übernervös zu lachen. „Du machst mir kein schlechtes Gewissen mehr!“, kichert er unbeherrscht, während dicke Tränen aus seinen Augen schießen.
*

VII
„Das ist nicht passiert, das ist alles nicht passiert!“ Harry Yves taumelt benommen zum Kommandozentrum der Station, in seinem Kopf herrscht ein heilloses Durcheinander, panisch kennt er nur noch ein einziges Ziel. Harry Yves will nach Hause telefonieren. Atemlos stürzt er durch die Gänge der Station, die ihm plötzlich klaustrophobisch eng erscheinen. Erst als er die stählerne Tür zum Kommandozentrum öffnet, fühlt er einen Hauch von Sicherheit. Hastig macht er sich an der Hauptschalttafel zu schaffen, mit schwitzigen Fingern stellt er eine Schnellverbindung zur Erde her. „Franquin I ruft Home-Station, hören Sie mich?“ Harry Yves wartet quälende Sekunden auf Antwort. „Hier Home-Station. Identifizieren Sie sich.“, quäkt es aus der Anlage. Eine Woge der Erleichterung rollt über den jungen Techniker hinweg, befreit sinkt er im bequemen Kommandostuhl zurück und atmet durch. „Bitte, Herr. Ich kann das nicht.“ Harry Yves erstarrt zur Salzsäule, reglos sitzt er vor der Schalttafel und wagt es nicht, sich umzudrehen. In seinem Rücken steht Jona Holt, zitternd hält sie das Brecheisen über Harry Yves lockigen Hinterkopf. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“ „Er ist doch noch ein Kind!“ „Du hast keine andere Wahl, Jona.“ Wie in Zeitlupe dreht Yves sich zu Jona Holt um. Sieht, wie ihr zuckender Mund bettelnde Worte spricht. Hört, wie sich ihre Stimme verändert, wenn sie antwortet. „Oh Gott“, wispert Harry Yves bestürzt, da kracht das Brecheisen wuchtig auf seinen Schädel.
*
„Oh Gott“, entfährt es Ynez Wozniak, als ihre Füße harten Marsboden berühren. Die feiste Ingenieurin verabscheut Außeneinsätze zutiefst und ihre Abneigung wächst mit jedem Schritt, der sie weiter von der Sicherheit der Andockrampe entfernt. Schnaufend arbeitet sich die Ingenieurin in der dünnen Atmosphäre voran, hat den Abschluss ihres Auftrages fest in Gedanken, um sich von einer lebensfeindlichen Realität abzulenken, von der sie nur ihr gepanzerter Einsatzanzug schütz, der sich jetzt, in der absoluten Einsamkeit des Mars, plötzlich anfühlt wie eine dünne, verletzliche Seidenhaut.
*
Im Kommandozentrum kniet Jona Holt weinend neben der Leiche des jungen Technikers, die zusammengesunken im Kommandostuhl hängt. Eine grellrote Fontäne sprudelt munter aus Harry Yves Schädel, in seinen Augen liegt noch immer ein Ausdruck tiefster Verwirrung. Mit bebenden Schultern und gesenktem Kopf betet Jona zu Gott: „…und erlöse uns von dem Bösen. Amen.“ „Du hast richtig gehandelt, Jona.“ Jona Holt schluchzt laut, das Brecheisen gleitet endlich aus ihrer verkrampften Hand und fällt klirrend zu Boden. „Es ist bald vorbei.“ „Danke, Herr.“ Jona gibt sich einen Ruck, sie steht auf und zieht Harry Yves Körper vorsichtig aus dem Kommandostuhl, dann nimmt sie selbst Platz, wobei sie darauf achtet, sich nicht in die Blutflecken zu setzten. „Gib den Code ein.“ Jona tippt eine lange Zahlenkolonne in das Bedienfeld der Hauptschaltanlage. Der Computer der Station reagiert und erkennt ihren Code an. Jona starrt gebannt auf das Bedienfeld, dann läuft ein erneuter Ruck durch ihren Körper und sie gibt konzentriert Befehle ein, um das atomare Kernspaltungsprogramm der Station zu überlasten. Die Anzeigetafeln im Kommandozentrum beginnen hektisch zu blinken, als langsam eine Kettenreaktion in Gang kommt, die nicht mehr zu stoppen ist.
*
„Das hätten wir“, murmelt Ynez Wozniak, erleichtert tritt sie vom externen Bedienfeld zurück, in fünfzehn Minuten wird Doktor Mossils experimenteller Schutzschild automatisch aktiviert. Zeit genug für Wozniak, um wohlbehalten zurück zur Andockrampe zu gelangen. Zufrieden macht sie sich auf den Weg. Ein plötzliches Flimmern des Visiers lässt sie irritiert innehalten. Jona Holts ausgemergeltes Gesicht taucht unerwartet auf dem eingebauten Bildschirm auf. „Was zur Hölle?“, entfährt es Wozniak, sie bleibt wie angewurzelt stehen und starrt fassungslos auf den Bildschirm. „Wir haben gedacht, wir seien die Krone der Schöpfung und doch sind wir nur Staub, der von Gottes Atem durch die Unendlichkeit getrieben wird. Wir haben gedacht, es sei nicht genug uns die Erde untertan zu machen, doch unsere Hoffart wird unser Untergang sein. Ein Terraforming des Mars ist eine Schändung des Werk Gottes!“ Ynez Wozniak stiert mit offenem Mund den Bildschirm an. „Ich rufe die wahren Gläubigen auf, bitte, überdenkt eure Handlungsweise! Geht in euch, Brüder und Schwestern, geht in euch und bereut euren Hochmut. Möge Gott euch beschützen, so wie er mich beschützt hat.“ „Verdammt!“, schreit Wozniak, endlich löst sie sich aus der Erstarrung und rennt los.
*
„Was bleibt noch zu tun, Herr?“ Jona Holt hat die Universalverbindung zur Erde beendet, nun lehnt sie erschöpft im Kommandostuhl, ihre Augenlider flattern, ein dünner Schweißfilm benetzt ihr kalkweißes Gesicht. „Ein letzter Funke noch, mein Kind.“ Jona lächelt, mit feierlicher Miene zieht sie einen Explosionskörper aus ihrer Jackentasche. „Du elendes Miststück!“ Doe McGregor stürmt brüllend ins Kommandozentrum, Jona Holt dreht sich nicht einmal zu ihm um. Entschlossen löst sie den Sicherungsstift des Explosionskörpers und beginnt zu beten. „Nein, nein, nein!“, kreischt McGregor, schlitternd kommt er neben dem Kommandostuhl zu Stehen, mit beiden Fäusten drischt er wahllos auf Jona ein, bis er von einer heftigen Explosion in Stücke gerissen wird.
*
„Nein, nein, nein!“ Ynez Wozniak rennt fluchend auf die Andockrampe zu, als die Explosion im Kommandozentrum die Terraforming-Station erschüttert. „Das darf nicht wahr sein!“, brüllt Wozniak und beschleunigt ihren Lauf. Keuchend stürzt sie in die Andockrampe und drückt den Schalter für die Dekompression. Das Außenschott schließt automatisch, zischend fließt Luft in den hell erleuchteten Raum. Wozniak wartet nicht auf das Sicherheitssignal, resolut reißt sie sich den Einsatzanzug vom Leib und stürmt ins Innere der Station, kaum dass sich die internen Schotts geöffnet haben. Laut tönende Warnsirenen empfangen sie, die Ingenieurin schlägt entsetzt ihre Hände vor die Ohren. „Was passiert hier?“, schreit sie in das tosende Chaos hinein. Voller Angst stürmt sie zu einer Anzeigetafel, die in eine nahe gelegene Wand eingelassen ist. Wozniak fragt den Zustand der Station ab und erbleicht. „Scheiße“, sagt sie und ein Schatten der Erkenntnis huscht über ihr fleischiges Gesicht, dann zerfetzt eine gewaltige Atomexplosion die Terraforming-Station und reißt einen tiefen Krater in das Antlitz des Mars.

Im Garten der Götter wendet sich der jugendliche Elefantengott sichtlich verblüfft an seinen grinsenden Gefährten. „Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt“, gesteht er und nippt geziert an seinem Getränk. Ein sanfter Windhauch flüstert in den Zweigen der Robinie und lässt spielerisch einige Sonnenstrahlen durch die Blätter tanzen. „Warte ab, das Beste kommt noch“, sagt der Elementargott augenzwinkernd.
„Weißt du mehr, als ich weiß?“
„Sagen wir einfach, ich habe da so ein Gefühl.“
„Möchtest du dieses Gefühl ein wenig konkretisieren oder lässt du mich weiter zappeln?“, quengelt der Elefantengott ungeduldig.
„Ich sage nur: Religionskrieg.“ Der Elementargott hebt sein Glas und prostet den treibenden Wolken im strahlend blauen Himmel zu.
„Wow“, haucht der Elefantengott ehrfürchtig und seine Augen glänzen.

© sybille lengauer

Der Mann auf der Raumstation

Veröffentlicht: November 19, 2019 in Kurzgeschichten
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Der Mann auf der Raumstation

Der Mann erwachte in tiefer Finsternis. Mit weit aufgerissen Augen und ohne jede Erinnerung an das, was vor seinem Erwachen geschehen war, stierte er in die Schwärze und fürchtete, blind geworden zu sein. Er wedelte mit den Händen vor seinem Gesicht und wimmerte leise, da er nichts sah als absolute Dunkelheit. Heißkalte Wellen der Angst brandeten über seinen Rücken, doch er kämpfte tapfer gegen die aufsteigende Panik. Keuchend tastete er um sich und begriff, dass er auf kaltem, glatten Boden lag. Er wälzte sich erst auf die Knie, dann stand er umständlich auf und atmete gegen ein heftiges Schwindelgefühl an. Lange stand er so da, schwankend und schnaufend, mit ausgestreckten Armen nach Gleichgewicht suchend, bis sein Kreislauf sich allmählich beruhigte. Das ohrenbetäubende Rauschen seines Blutes verklang und es gelang ihm besser, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Er lauschte angestrengt ins Dunkel, doch hörte er nur jene Geräusche, die er selbst verursachte und fühlte sich dem Gedanken ausgeliefert, die allumfassende Finsternis verschlänge selbst diese, seine gehetzten Atemzüge. Erneut brandete die Panik heran, ein leises Schluchzen drängte aus seiner eng werdenden Kehle, der Puls beschleunigte sich und seine Beine begannen stark zu zittern. „Hallo?“ stieß er hervor, mehr um sich selbst von der Existenz seiner Stimme zu überzeugen, als um tatsächliche Antwort hoffend. „Ist da jemand?“ Doch nur sein eigener, pochender Herzschlag antwortete seinem ängstlichen Rufen und verstärkte das beklemmende Gefühl, von unsichtbaren Gefahren belauert zu werden. „Hallo!“ rief er noch einmal, dann nahm er all seinen Mut zusammen und tastete durch die Dunkelheit. Vorsichtig, mit Händen und Füßen seine Umgebung erkundend, einen kleinen Schritt vor den anderen setzend, schob er sich langsam voran. Seine suchenden Finger stießen schließlich auf eine Wand, die sich so kalt und glatt anfühlte wie der Boden, auf dem er gelegen hatte. Die linke Hand an die kalte Wand gepresst, die rechte Hand suchend in die pechschwarze Stille gestreckt, drang er weiter in die undurchdringliche Schwärze vor. Zwar wusste er nicht, wohin er sich bewegte, doch die Bewegung selbst vermittelte eine gefühlte Sicherheit, nach der er dringend bedurfte. Dann sah er die Sterne. Erst dachte er an eine Sehstörung, hervorgerufen durch die alles umhüllende Finsternis. Funkelnde Tupfer blitzten in seinem linken Augenwinkel, er wandte seine Aufmerksamkeit irritiert der Störung zu und es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass er vor ein großes Fenster geraten war, welches sich nahtlos in die glatte Wand einfügte. Er presste sein Gesicht an das Fenster und starrte fassungslos hinaus. Unberührt von seinen Emotionen starrten die Sterne zurück, sie verschenkten ihr irrlichterndes Gleißen ohne Anteilnahme an jeden, der in der Lage war nach ihnen zu schauen. Eine Erkenntnis brach wuchtig an die Oberfläche seines gelähmten Verstandes. „Ich bin im Weltraum.“ hauchte er betroffen. Jäh brandeten Fragmente verschütteter Erinnerungen in seine konfuse Bestürzung, eine Flut an Bildern und Gesprächsfetzen schwemmte die Sterne vor seinen Augen fort. Von heftigem Schwindel erfasst, taumelte er rückwärts und fiel schwer auf den Hosenboden, japsend und zitternd saß er da, während die Vergangenheit unkontrolliert auf ihn eindrang.
„Verdammt, wir haben ein Strahlungsleck. Geh zum Schildreaktor und sieh nach den Injektoren.“ Eine dunkel uniformierte Frau wirft ihm den Befehl mit knappem Kopfnicken zu, dann konzentriert sie sich auf einen kleinen Monitor, dessen Anzeigen hektisch blinken. Eine graue Haarsträhne löst sich aus ihrem Haarknoten und fällt vor ihr besorgt wirkendes Gesicht, mit einer ärgerlichen Handbewegung wischt sie sie fort. Ihr Name lautet Walsh. Leutnant Beth Walsh.
„Der Strahlungsalarm wurde ausgelöst. Was ist passiert?“ Eine hochgewachsene Gestalt in oranger Schutzkleidung fängt ihn auf dem Weg zum Reaktorraum ab. In der Stimme des jungen Mannes ringen professionelle Neugierde und besorgte Unerfahrenheit um den ersten Platz, sein bartloses Gesicht wirkt unter der dünnen Folie des Schutzhelms unnatürlich blass, trotzdem reckt er mutig das Kinn vor. Er hört auf den Namen Reid. Fähnrich Connor Reid.
„Verschwinde von hier, du Idiot!“ Ein stämmiger Techniker wirft Fähnrich Reid aus dem Reaktorraum. Die leidenschaftlichen Proteste des jungen Mannes ignorierend, schubst er ihn kurzerhand auf den Gang der Sektion zurück und betätigt die Türverriegelung. Seine schwarzen Augen leuchten intensiv, seine ungeschützten Wangen und Hände sind von der entweichenden Strahlung stark gerötet. „Wir müssen die Eindämmung wiederherstellen, sonst sind wir geliefert!“ brüllt er entschlossen. Sein Name ist Mason. Leitender Ingenieur Owen Mason.
„Neukalibrierung gescheitert. Überprüfe Befehlseingabe.“ Eine sachliche Computerstimme, die mitleidslos die Katastrophe kommentiert. Das Entsetzen in den Augen des leitenden Ingenieurs Mason, als er die Ausweglosigkeit der Situation erkennt und von der sofortigen Evakuierung der Raumstation spricht. Rote Lichter. Warnsirenen. Das Gefühl, ganz nah an einem Abgrund zu stehen. Der Geruch von synthetischem Zimt und heißem Metall. Eine kurze Reflexion des eigenen Spiegelbildes auf einem blankpolierten Bedienelement. Ein entsetztes Gesicht, das den Namen Androy Dee trägt. Der verschreckte Mann im Reaktorraum und der zitternde Mann in der Dunkelheit verschmelzen zu einer Person, die erschrocken nach Luft schnappt. „Sie haben mich zurückgelassen.“ flüstert er schockiert.
Atemlos saß Androy Dee im Dunkeln, minutenlang blinzelte er mit tränenden Augen ins Nichts, während sich weitere Bruchstücke seiner Erinnerung zusammenfügten und ein lückenhaftes Bild der vergangenen Ereignisse entstand. Er sah Owen Mason auf dem Weg zu den Fluchtkapseln stöhnend zusammenbrechen. Sah sich selbst bei dem wimmernden Mann ausharren, um ihm Mut zuzusprechen und fühlte, wie er eben jenen Mut verlor, als der Ingenieur einen letzten, verkrampften Atemzug tat und starb. Er hörte die gehetzten Worte der Entschuldigung, mit denen er den Leichnam zurückließ, durchlebte wie im Zeitraffer den kräftezehrenden Lauf zu den Fluchtkapseln und fühlte die heranrasende Welle greller Panik, als er bei seiner Ankunft erkennen musste, dass alle Kapseln fort waren. „Oh nein. Oh nein. Oh nein.“ jammerte Androy Dee in seiner Erinnerung und in der Finsternis, vor dem Fenster sitzend. Die Bilderflut aus der Vergangenheit endete abrupt und ihm war, als würde sein Selbst zu einem kläglichen Schluchzen zusammenschrumpfen. Mühsam kam er auf die Beine, schwer lehnte er sich an das glatte Fenster, das die funkelnde Schönheit der mitleidlosen Sterne offenbarte. Er blickte nach draußen und glaubte beinah, in der Ferne die ovalen Fluchtkapseln sehen zu können, wie sie, kleinen Blumensamen gleich, in der Unendlichkeit des Weltraums verschwanden, doch es waren nur seine überreizten Nerven, die einen grausamen Scherz mit ihm trieben. „Ich bin noch hier!“ schrie Androy Dee, mit aller Kraft trommelte er gegen das Fenster, doch dann verstand er, dass niemand da war, um ihn zu hören. Er war absolut allein.
*
„Mayday, Mayday. Hier spricht Raumstation Alpha7. Kann mich jemand hören?“ Unter dem schummrigen Licht der Notbeleuchtung war es ausgesprochen schwierig, die komplizierten Regler der Kommunikationsanlage sachgemäß zu bedienen. Androy Dee hatte frustrierend lange Stunden damit zugebracht, die autonome Energieversorgung im Kommandozentrum der Raumstation wiederherzustellen. Die Reparatur war quälend langsam vorangegangen, doch schließlich war es ihm gelungen jenen kleinen Teil der Station zu reaktivieren. Viele Apparaturen waren aufgrund der hohen Strahlenbelastung irreparabel beschädigt und so setzte er all seine Hoffnung in die robuste Zuverlässigkeit des Deep-Space-Funksystems. Mit zusammengekniffenen Augen stierte er auf die Anzeigen, unablässig funkte er seine Botschaft in den Weltraum. „Hier spricht Raumstützpunkt 62. Sie kommunizieren auf einer militärischen Frequenz. Identifizieren Sie sich.“ blaffte es unvermittelt aus der Anlage. Androy Dee zuckte erschrocken zurück, dann stieß er einen erleichterten Freudenschrei aus. „Ich bin noch hier!“ schrie er aufgeregt, die nervenaufreibende Anstrengung der letzten Stunden fiel ab von seinem Herzen und er fühlte sein Selbst federleicht werden. „Mein Name ist Androy Dee. Ich befinde mich auf Raumstation Alpha7. Wir mussten die Station evakuieren, aber ich habe es nicht zu den Fluchtkapseln geschafft. Bitte, holt mich hier raus!“ „Wollen Sie mich verarschen, Mann?“ fragte der Funker auf Raumstützpunkt 62 kaltschnäuzig. „Was? Nein!“ schrie Androy Dee, seine wilde Euphorie wandelte sich schlagartig in blankes Entsetzten. „Verfolgen Sie mein Signal zurück, wenn Sie mir nicht glauben wollen!“ bat er den Fremden verzweifelt. „In der Tat.“ antwortete jener nach einem kurzen Moment des Schweigens. Seine Stimme klang zwar weniger barsch, drückte jedoch immer noch skeptische Reserviertheit aus. „Holt mich hier raus!“ schluchzte Androy Dee. „Ich verständige das Hauptquartier. Erwarten Sie meine Rückmeldung. Raumstützpunkt 62 Ende.“ Der Mann auf der Raumstation brach in Freudentränen aus, auch wenn sich die heitere Leichtigkeit nicht wieder einstellen wollte, die ihn eben noch von Kopf bis Fuß erfasst hatte. Mit jeder verstreichenden Minute drückte die Einsamkeit schwerer auf seine Brust, unbehaglich wurde er sich der Dunkelheit bewusst, die vor der Tür des Kommandozentrums auf ihn zu warten schien. Als die vertraute Stimme des Funkers erneut aus der Kommunikationsanlage dröhnte, riss sie Androy Dee aus einer düsteren Erstarrung, die sich seiner schleichend bemächtigt und jegliches Gefühl der Hoffnung aus seinen Gedanken getilgt hatte. „Raumstützpunkt 62 ruft Raumstation Alpha7, empfangen Sie mich?“ Androy Dee schnellte aus seiner brütenden Starre empor. „Hier Raumstation Alpha7, ich empfange Sie laut und deutlich!“ meldete er aufgeregt. „Ich habe schlechte Nachrichten.“ meldete der Funker geradeheraus, er schien kein Freund der umständlichen Rede zu sein. Androy Dee erwiderte nichts. Stumm stand er vor der Kommunikationsanlage und jegliche Lebendigkeit wich aus seinen Augen. „Wir haben Ihre Angaben überprüft. Raumstation Alpha7 wurde vor achtzig Tagen evakuiert. Ein Crewmitglied mit ihrem Namen ist nicht in den Besatzungslisten verzeichnet.“ „Aber.“ hauchte Androy Dee, doch der Funker unterbrach ihn augenblicklich. „Ich kann den Sachverhalt erklären. Bitte hören Sie mir aufmerksam zu.“ „In Ordnung.“ antwortete Androy Dee und unterdrückte ein Zittern. „Sie sind der oberste Wartungsandroide der Station, Mister Dee. Wir vermuten, dass Ihr Uplink zum Leitsystem durch die Strahlung zerstört wurde, die während des Reaktorunfalls entwichen ist. Offenbar wurden Sie in den vergangenen Tagen durch Ihr internes Selbsterhaltungsprogramm reaktiviert.“ sagte der Funker und es klang, als würde er die komplizierteren Worte von einem Blatt Papier ablesen. „Aber ich atme doch! Ich kann fühlen, dass ich Lebe.“ flüsterte Androy Dee, seine Knie wurden weich und er hielt sich krampfhaft an der Bedienfläche der Kommunikationsanlage fest, um nicht zu stürzen. „Raumstation Alpha7 ist seit achtzig Tagen offline. Es gibt keinen Sauerstoff mehr.“ erwiderte der Funker sachlich. „Es tut mir leid.“ setzte er in gefühlvollerem Ton hinzu und es schien, als wäre damit alles gesagt. „Ihr werdet mich nicht rausholen.“ murmelte Androy Dee nach einer Minute schockierten Schweigens. „Sie sind radioaktiv verstrahlt, Mister Dee. Raumstation Alpha7 ist auf unbestimmte Zeit gesperrt. Es tut mir leid.“ wiederholte der Mann am anderen Ende der Verbindung. „Was kann ich tun?“ fragte Androy Dee und er konnte hören, dass sein Gesprächspartner umständlich schluckte, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Deaktivieren Sie Ihr internes Selbsterhaltungsprogramm.“ „Wie bitte?“ „Schalten Sie sich ab, Mister Dee.“ „Nein!“ schoss es spontan aus Androy Dee heraus, mit einem unartikulierten Schrei beendete er die Funkverbindung zu Raumstützpunkt 62. In der anschließenden Stille hörte er das wilde Pochen seines künstlichen Herzens. „Das kann ich nicht.“ flüsterte er dumpf.
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Still war es, auf der menschenverlassenen Raumstation Alpha7. Düster und Glanzlos hing sie in der unermessliche Leere des Weltalls, wie ein ungeschliffener Edelstein, der seine Schönheit nicht dem eiskalten Griff des Vakuums preisgeben mochte. Tief in ihren Eingeweiden kämpfe Androy Dee mit gerechtem Zorn gegen das klaustrophobische Gefühl, von nahen Wänden erdrückt zu werden. Ausdauernd fluchte er über die lebensnahen Körperfunktionen, die ihm das Arbeiten unter Extrembedingungen erschwerten und er wurde nicht müde, an der fachlichen Kompetenz seiner Erbauer zu zweifeln. Seit neun Stunden quälte er sich durch bedrückend enge Wartungsschächte, um eine defekte Leitung des Energiesystems zu reparieren. Schweißüberströmt legte er einen letzten Bypass, dann kroch er ein Stück zurück, bevor er die neue Verbindung testete. Mit einem sonoren Brummen erwachte die instandgesetzte Leitung zu neuem Leben. Zufrieden überprüfte Androy Dee den Energiefluss mit einem Messgerät, dann beendete er den Reparatureinsatz mit aller erforderlichen Gewissenhaftigkeit. Androy Dee hatte Zeit. Es würde noch lange dauern, bis das Energiesystem der Station wiederhergestellt war und es würde noch länger dauern, die Schäden am Schildreaktor zu beheben. Doch Androy Dee war hier, um sich um die Bedürfnisse der Raumstation Alpha7 zu kümmern und er würde noch hier sein, wenn die Menschen wiederkehrten, um sie erneut in Besitz zu nehmen.

© sybille lengauer

Sci-Fi

Veröffentlicht: Februar 21, 2019 in Kurzgeschichten
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Grelles Licht und diffuser Lärm. Keine erkennbare Struktur. Kein Raumgefühl. Ning taumelte würgend aus der Stasiszelle und erbrach auf den Boden. Dann gaben ihre Beine nach und sie fiel in das Erbrochene. „Arch!“ machte Ning. Langsam wurde die Umgebung klarer. Der Lärm löste sich in differenzierte Geräusche auf. Die riesige Kuppel war hell erleuchtet, rote Lichter blinkten an Boden und Wänden. Andauernd meldete eine Computerstimme: „Alarm! Alarm!“ Neben Ning erbrach sich eine weitere Frau. Überall in der Kuppel erklang das Geräusch sich öffnender Zellen. „Was verflucht?“ fragte Ning den Boden, dann rappelte sie sich ächzend in die Höhe. Hielt sich an der Stasiszelle fest, um nicht wieder umzufallen. Die Übelkeit kam in Wellen. „Computer.“ Ein verzerrtes Störgeräusch antwortete. „Computer?“ fragte Ning lauter. Das Störgeräusch wiederholte sich. „Scheiße.“ fauchte Ning. Sie stieß sich ab und torkelte auf das nächstgelegene Terminal zu. Ignorierte die anderen Menschen, die mit der Stasiskrankheit kämpften. Als sie das Terminal erreichte, fiel es ihr immer noch schwer die Bedienelemente zu erkennen. Ning kniff die Augen zusammen und schlug sich mit der flachen Hand ins Gesicht. „Reiß dich zusammen, Mädchen.“ knurrte sie leise. Ihr Blick wurde etwas schärfer. Viele Elemente blinkten hektisch. Das war nicht normal. „Scheiße.“ „Was ist los, was ist passiert?“ Ein schlaksiger Mann torkelte auf Ning zu. Seine orange Unterwäsche wies ihn als Mechaniker Rang 3 aus. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“ antwortete Ning. Sie starrte auf die Anzeigen des Terminals. Ihre Augen tränten vor Anstrengung. „Ich kann zumindest den verdammten Alarm lautlos stellen. Hier.“ Die enervierende Computerstimme verklang. Ning grunzte zufrieden. „Die Zellen haben sich geöffnet, die Zellen öffnen sich, wenn wir das Ziel erreicht haben, haben wir das Ziel erreicht?“ sprudelte es aus dem Mechaniker heraus. Er versuchte nach oben zu sehen und verlor das Gleichgewicht. Ning fing ihn nicht auf. Als sie sah, dass er mit dem Kopf hart auf den Boden knallte, tat es ihr leid. Sie half ihm wieder auf die Beine. „Die Kuppel ist geschlossen. Wir müssen die Sensoren fragen wo wir sind, aber der Computer funktioniert nicht richtig.“ Sie klopfte imaginären Staub von seinem Unterhemd. „Wie heißt du, mein Junge?“ „Carter.“ schniefte er und rieb sich den Schädel. „Carter, ich schlage vor du suchst jetzt deinen Spind auf und dann gehst du zu deiner Station. Und dort siehst du nach, ob du jemandem zur Hand gehen kannst. Wir müssen unsere Posten besetzen, mein Junge. Alles Weitere ergibt sich.“ „Okay.“ „Wie heißt es, Carter?“ „Okay, Maam.“ „Guter Junge.“ Ning drückte kurz aber herzlich seine Schulter. „Auf geht’s.“ sagte sie in munterem Tonfall, dann wandte sie sich wieder dem Terminal zu. Unterdrückte einen erneuten Brechreiz. Das hektische Blinken auf dem Display hatte nicht aufgehört. „Verdammter Mist.“ Ning fühlte sich bereits klarer im Kopf. Ihr geübter Blick prüfte einzelne Bereiche, auf die sie via Terminal zugreifen konnte. „Antrieb auf Stopp. Tarnhülle aktiv, Energiedurchfluss fragwürdig.“ Sie vertiefte sich in einen neuen Bereich. „Lebenserhaltung stabil. Stasiszellen intakt in Kuppel 2 und 3. Ich kann keinen Kontakt zum Nervensystem herstellen.“ Kopfschüttelnd ging sie eine andere Anzeige durch. „Schwere Schäden im Observatorium. Warum ist diese Anzeige verkehrt herum?“ Wütend starrte sie auf das Display. In ihrem Rücken hüstelte es nervös. „Maam?“ „Ja, Carter?“ fragte sie gereizt. Drehte sich nicht um sondern versuchte weiterhin, die unzähligen Alarme zu entwirren. „Die Türverriegelungen sind aktiviert. Wir kommen nicht in den Maschinenraum.“ „Na wunderbar.“ Ning rief den entsprechenden Bereich am Bildschirm auf. Hektisches Blinken antwortete. „Die G-av in der Nabelschnur ist ausgefallen.“ Stellte sie schließlich düster fest. „Ich kann die internen Türen entriegeln, aber die Türen zur Nabelschnur sind vorerst tabu. Wenn wir Pech haben, sind die Gänge kollabiert.“ Den letzten Satz hätte Ning gerne zurückgenommen, als sie sich zu Carter umwandte. Große Augen starrten sie fragend an. Hinter Carter standen weitere Personen, die zugehört hatten. „Wird schon, mein Junge.“ sagte Ning und lächelte dabei unbestimmt in die Gruppe. „Bitte erinnert euch an das Sicherheitstraining. Helft denjenigen, die Hilfe benötigen. Wenn ihr zum medizinischen Personal gehört, begebt euch auf die Krankenstation.“ Ning bedachte die Menschen mit einem Nicken und wurde sich bewusst, dass sie in Unterwäsche vor einem Terminal stand. Resolut reckte sie das Kinn nach vorne und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. „Ich entriegele jetzt die inneren Türen.“ Ning betätigte einige Bedienfelder und nickte wieder, diesmal zufrieden. „Erledigt. Carter? Maschinenraum. Nimm deine Kollegen mit.“ „Jawohl Maam.“ „Wer sich in der Verfassung fühlt, soll seinen Posten aufsuchen. Setzt instand, was ihr instand setzen könnt. Ich erwarte Berichte von den Hauptstationen in einer Stunde. Wenn jemand Commander Trevon sieht, schickt ihn unverzüglich zu mir.“ „Commander Ning?“ „Ah, Commander.“ Ning atmete erleichtert aus, als sie sah, dass sich Trevons deformierte Gestalt durch die Gruppe schob. Er war ohne Prothesen in die Stasiszelle gegangen und hatte sie bisher noch nicht angelegt. „Wir haben Stasis-Abort in den Kuppeln 1, 4 und natürlich 5.“ legte sie los, als er sie erreichte. „Der Hauptantrieb ist ausgefallen, aber dafür ist die Lebenserhaltung stabil. Kein Kontakt zu den anderen Kuppeln. Nabelschnur womöglich kollabiert. Kein Kontakt zum Nervensystem. Das Observatorium meldet schwere Schäden. Wir haben momentan keine Koordinaten. Tarnung aktiv.“ „Die Kartoffel fliegt also noch.“ sagte Trevon und zog einen Mundwinkel steil nach oben. „Naja, sie treibt.“ Ning erwiderte das Lächeln. „Ich habe gerade die inneren Türen geöffnet, in 40 Minuten erwarte ich die ersten Berichte von den Stationen.“ „Eben sagtest du noch eine Stunde.“ „Unsere Leute sind sportlich.“ Ning wurde wieder ernst. „Aus vielen Anzeigen werde ich nicht schlau. Sieh dir die Daten an.“ „Ich kann mir die Daten ansehen, während du dir die Spucke aus dem Gesicht wäschst, meine Liebe.“ Trevon zog sie sanft vom Terminal weg. „Die Kuppel kann für ein paar Minuten auf ihren zweiten Commander verzichten. Ein ordentliches Erscheinungsbild wird auch dir selbst gut tun.“ „Das darfst du gerade sagen.“ versetzte Ning und musterte Trevons verdrehten Körper. Der lachte nur leise. „Immerhin trage ich eine Hose. Also bitte, wir sehen uns in 15 in der Kommandozentrale.“

Ning fühlte sich tatsächlich besser, als sie mit sauberem Gesicht und frischer Uniform vor dem Spiegel stand. Sie musterte sich kurz, rückte den Kragen zurecht. Dann machte sie sich auf den Weg zur Kommandozentrale. Als sie die Messe passierte, endete der Stille Alarm. Die roten Lichter erloschen, das grelle Licht dimmte auf ein normales Maß herunter. Erleichterung.
„So gefällst du mir.“ kommentierte Trevon ihr Erscheinen. Die Kommandozentrale war mit einem Rumpfteam besetzt, die restliche Mannschaft war im Einsatz. Trevon saß vor seinem Terminal. Er hatte die Zeit gefunden, seine Prothesen anzulegen. „Dass ich den Alarmstatus beendet habe, hast du sicher schon bemerkt. Ich habe auch eine erste Meldung vom Maschinenraum. Da scheint jemand besonders eifrig zu sein. Gute Nachrichten. Der Antrieb der Kuppel ist in Ordnung. Auch die Energieversorgung scheint intakt zu sein, obwohl wir im Moment keinen Zugriff haben. Wie es aussieht, hat der Zentralcomputer im Observatorium den Verbund gestoppt und sich dann selbst deaktiviert. Frag mich bitte nicht warum. Erste Nachrichten aus der Krankenstation sprechen von ein paar Frakturen und Prellungen, keine Todesfälle.“ „Das sind endlich gute Nachrichten. Und die anderen Kuppeln?“ „Kein Kontakt. Auch nicht zum Observatorium. Ich habe eine Mannschaft losgeschickt um die Transporter zu überprüfen. Vielleicht müssen wir hinfliegen.“ „Die Nabelschnur?“ „Ich habe die Außendrohnen hingeschickt. Sie sollten sich bald melden.“ „Wenn wir das Nervensystem nicht ansprechen können, müssen wir eine Abkoppelung in Betracht ziehen.“ flüsterte Ning eindringlich. „Wir können keine Formstabilität garantieren, wenn sich die Kuppeln nicht mehr aufeinander abstimmen lassen. Eine Kollision wäre möglich.“ „Wenn wir uns abkoppeln, verlieren wir die Tarnung. Wir könnten versuchen die Kuppel zu öffnen, um uns zumindest zu orientieren.“ schlug Trevon vor. „Wie konnte nur die G-av ausfallen?“ Ning schüttelte den Kopf. „Hat der Computer uns deswegen gestoppt?“ überlegte Trevon laut. Ein Rauschen aus der KOM unterbrach ihre Diskussion.
„…müsste klappen. Hallo, Kuppel 5? Hier Kuppel 4, hört ihr mich?“ „Kuppel 4!“ rief Ning, stürzte zur KOM und schob den verdutzten Kommunikationsoffizier zur Seite. „Kuppel 5 hört, Kuppel 4. Hier spricht zweiter Commander Ning. Commander Trevon ist ebenfalls anwesend. Mit wem spreche ich?“ „Erster Ingenieur Tompson, Maam. Es ist wunderbar Ihre Stimmen zu hören! Sind Sie in Ordnung?“ „Ja, Tompson. Wir hatten ein paar Schwierigkeiten nach dem Aufwachen, aber mittlerweile haben wir den Laden wieder im Griff.“ rief Trevon aus dem Hintergrund. „Wie sieht es bei Ihnen aus?“ „Wir haben leider schwerwiegende Probleme, Sir. Viele Zellen hatten Fehlfunktionen. Menschen sind gestorben. Commander Ptaschek und zweiter Commander Hansen sind tot. Es tut mir leid, Sir.“ „Wie viele Tote sind es, Tompson?“ fragte Ning mit belegter Stimme. „320, Maam.“ „Guter Gott.“ Stille schloss sich an. Entsetzen. Schließlich fasste sich Ning. „Ich bedauere diesen Verlust zutiefst.“ Mehr wollte ihr nicht einfallen. Der Stein im Magen war zu groß. Trevon übernahm. „Das ist eine schlimme Nachricht, Tompson…“ „Schlimmer wird sie dadurch, dass wir die Türen nicht öffnen können, Sir, die Terminals sind offline.“ fiel ihm Tompson ins Wort. „Wir kommen weder in den Maschinenraum, noch haben wir Kontakt zum Nervensystem. Die Sensoren melden Feuer im Schildgenerator. “ „Was können wir tun, Tompson?“ „Ich fürchte nichts, Sir. Wir sind dabei die Türen manuell zu öffnen. Das Löschsystem spricht nicht an, aber ich habe ein paar Leute losgeschickt, die sich um das Feuer kümmern, sobald wir drinnen sind.“ Trevon setzte sich steif auf. „Wir können ein Hilfsteam losschicken, sobald wir die Transporter einsatzbereit haben.“ „Bei allem Respekt, Sir, schicken Sie Ihre Teams zum Observatorium. Wir können nicht blind im Raum treiben.“ „Gut, dass Sie mich daran erinnern, Tompson.“ „Entschuldigung, Sir.“ „Schon in Ordnung.“„Wie konnten Sie den Kontakt zur KOM herstellen, wenn die Terminals offline sind?“ fragte Ning interessiert. „Ich nutze eine intakte Oberleitung der Nabelschnur, Maam. Das Nervensystem ist vielleicht beschädigt, aber die Knoten funktionieren immer noch. Bisher konnte ich aber nur euch erreichen. Die anderen Kuppeln reagieren nicht.“ Trevon wandte sich einer jungen Frau zu, die nervös die Kommandozentrale betrat. „Bericht, Kadett?“ „Wir haben Rückmeldung von den Außendrohnen erhalten. Schlechte Nachrichten, Sir.“ „Langsam gewöhne ich mich daran. Schießen Sie los, Mann.“ „Die Nabelschnur ist kollabiert, Sir. Beschädigung der Gänge nach Ausfall der G-av irreparabel. Beschädigung des Nervensystems liegt bei 85 Prozent. Sichtkontakt zu den anderen Kuppeln konnte nicht hergestellt werden. Außerdem berichten unsere Mechaniker im Hangar, dass ein großer Teil der Transporter beim Stopp beschädigt wurde. Wie es scheint, waren die Verankerungen instabil.“ „Instabil?“ hakte Trevon nach. „Ja, Sir.“ „Diese Hurensöhne.“ knurrte Ning, die zugehört hatte und blass geworden war. „Wie Bitte, Maam?“ „Nicht Sie, Kadett.“ Trevons Stimme klang gefasst und ruhig. „Wie viele Transporter sind einsatzbereit?“ „Zwei Sir.“ „Verdammt. Veranlassen Sie, dass die Teamleiter Gruppen bilden. Es sollen Analyse- und Reparatureinheiten zum Observatorium starten. Ein Reserveteam hält sich bereit. Versucht weitere Transporter instand zu setzen.“ „Sehr wohl Sir.“ „Außerdem möchte ich, dass sich ein Team um die Schutzhülle der Kuppel kümmert. Falls wir das Observatorium verlieren, müssen wir sehen wo wir sind.“ „Jawohl, Sir.“ Die junge Frau entfernte sich im Laufschritt. „Tompson, hören Sie noch zu?“ „Ja, Sir.“ „Wir fliegen zum Observatorium. Sobald der Schadensbericht vorliegt, werde ich Sie informieren. Bereiten Sie Ihre Crew darauf vor, dass sie sich abtrennen müssen, wenn das Nervensystem nicht regeneriert werden kann. Viel Glück, Tompson.“ „Danke, Sir. Maam. Auch Ihnen viel Glück.“ Die Verbindung wurde unterbrochen. „Instabile Halterungen?“ fragte Ning, die sich nicht von dieser Information lösen konnte. „Das Elend bekommt langsam ein Gesicht.“ „Ich weiß was du meinst.“ nickte Trevon und tippte dabei konzentriert auf seiner Konsole. Ning wurde rot vor Zorn. „Die Konstruktion war damals überraschend schnell fertig. Die Firma war ausgesprochen zufrieden. Und uns fällt dieses Schiff unter dem Arsch auseinander. Der Zentralcomputer hat den Verbund gestoppt, weil die G-av in den Nabelschnüren ausgefallen ist. Wahrscheinlich kam der Schwerkraftzyklus durcheinander, was wiederum die Gänge und das Nervensystem zerstört hat. Das Überwachungssystem hatte eine Fehlfunktionen und deswegen wurden drei Kuppeln geweckt. Wonach klingt das für dich?“ „Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen, Ning.“ unterbrach Trevon ihre Gedankengänge. „Wir müssen die Berichte abwarten. In der Zwischenzeit sollten wir uns nicht in Spekulationen verlieren.“ „Alpha 7.“ platzte es aus Ning heraus. „Was?“ „Alpha 7. Der Verbund, der das Zwillingssystem für die Europäer besiedeln sollte. Du weißt schon, wir haben damals am Trauermarsch in Denver teilgenommen. 5.000 Tote.“ „Das war vor vielen Jahren Ning. Wir sollten uns auf die Gegenwart konzentrieren.“ „Ja, du hast Recht.“ Ning unterdrückte ihre Wut. „Wann erwarten wir eine erste Rückmeldung von den Flugteams?“ „Ich habe eine direkte Sprechverbindung zwischen den Transportern und der Kommandozentrale installieren lassen. Sie müssten in Kürze starten. Sichtkontakt zum Observatorium in wenigen Minuten.“ „Gut. Wissen wir etwas Neues vom Hauptcomputer?“ „Leider nein. Er lässt sich nicht hochfahren. Ich fürchte das Nervensystem ist zu sehr beschädigt. Wir leiten die essentiellen Funktionen um. Lebenserhaltung und KOM-System haben höchste Priorität. Ich sehe gerade, dass unser Reparaturteam bei der Schutzhülle grünes Licht meldet. Wir können öffnen.“ „Machen wir das.“ Trevon tippte den entsprechenden Befehl in sein Terminal. Ein Ruck lief durch das gesamte Schiff, als sich die tonnenschweren Hüllen über der Kuppel unsagbar langsam auseinander schoben. Die kleine Crew in der Kommandozentrale schaute angestrengt nach oben, wo ein kleiner Spalt sich öffnete und einen Weltraum offenbarte, der in Flammen stand.

„Heilige Scheiße, was ist das?“ schrie der Kommunikationsoffizier, während sich die Elemente der Verkleidung quietschend weiteten. „Das ist Kuppel 1!“ rief ein anderer Offizier entsetzt. „Ist das dein ernst?“ schrie noch jemand. „Ja verdammt!“ schrie Ning, „1000 Siedler waren auf Kuppel 1!“ Sie bemerkte gar nicht, dass alle schrien. Plötzlich wurde es totenstill in der Kommandozentrale. Alle Anwesenden verharrten in ihren Bewegungen. Die Kuppel stand offen. Ning konnte das Blut in ihren Ohren rauschen hören, als sie die brennende Kuppel betrachtete. „Siehst du das Observatorium?“ fragte Trevon schließlich in die Stille hinein und zeigte in die entsprechende Richtung. „Ja.“ antwortete Ning. Ihr Herz fühlte sich an wie ein kalter Klumpen. Mechanisch hörte sie sich selbst sagen:„ Die Nabelschnüre sind instabil. Das Observatorium bricht auseinander. Ruf die Einsatzteams zurück.“ „Sie sind bereits auf dem Rückweg. Die Meldung kommt gerade herein.“ Trevons Stimme war monoton. „Wir müssen sofort Abkoppeln.“ sagte Ning und nickte einem Offizier zu, der daraufhin die Zentrale verließ. „Ja. Stell bitte Kontakt zu Kuppel 4 her.“ „In Ordnung. Kuppel 5 ruft Kuppel 4, hier spricht zweiter Commander Ning, Tompson bitte melden.“ Ning lauschte auf das Rauschen aus der KOM, während sich Trevon in seine Anzeigen vertiefte. „Hier Kuppel 4, Kadett Tiffane hört Sie. Tompson befindet sich zur Zeit im Maschinenraum. Ich soll ausrichten, dass wir das Feuer im Schildgenerator unter Kontrolle haben, Maam.“ „Kadett Tiffane, bitte informieren Sie Ingenieur Tompson umgehend, dass wir die Not-Abkoppelung einleiten müssen. Wir haben die Kuppelhülle geöffnet, das gesamte Ausmaß der Schäden war uns bisher nicht bekannt. Ich rate Ihnen, umgehend selbst die Not-Abkoppelung einzuleiten. Die Nabelschnüre sind instabil.“ „Grund Gütiger.“ kam die Antwort von Kadett Tiffane. „Wenn wir abgekoppelt sind, bricht die Sprechverbindung ab. Versuchen Sie einen Transporter aufzutreiben, vielleicht können wir eine Bord-zu-Bord-Kommunikation einrichten. Wenn ihr eure Kuppel nicht öffnen könnt, können wir euch so vielleicht lotsen. Viel Glück, Kadett.“ „Danke, Maam.“ Die Verbindung endete. „Abkoppelungssequenz eingeleitet.“ verkündete Trevon. Ein dumpfes, metallisches Dröhnen bestätigte seinen Satz. „Maschinen starten in 3, 2, 1.“ Monotones Brummen durchlief den Körper der Kuppel, als der Antrieb zum Leben erwachte. „Wir haben immer noch keine zuverlässigen Daten vom Computer. Wir müssen auf Sicht fliegen. Ich entferne uns erst einmal langsam von den anderen Kuppeln. Dann kann der Steueroffizier übernehmen. Sind Sie auf Draht, Mister Ronda?“ Hinter der Steuerkonsole winkte ein untersetzter Mann schlaff mit der rechten Hand. „Wie man nur sein kann, Sir.“ Kam die knappe Antwort. Trevon steuerte die Kuppel aus dem Verbund. Die Nabelschnur, die das Schiff mit dem Observatorium verbunden hatte, hing schlaff im Weltraum. „Haben wir eine Verbindung zu Kuppel 4?“ fragte Trevon, während er das Schiff langsam aus der Gefahrenzone manövrierte. „Bisher negativ.“ antwortete Ning, die ihre Konsole überprüfte. „Schick die Transporter los, sie sollen die Lage überprüfen. Wenn sie ihre Türen manuell öffnen mussten, müssen sie vielleicht auch manuell abkoppeln. Die Teams sollen ihnen von außen zur Hand gehen.“ „Wird erledigt.“ bestätigte Ning. „Kommandozentrale? Technischer Ingenieur Farkash hier. Die interne KOM funktioniert wieder.“ meldete sich eine sonore Stimme aus der Wand. „Ausgezeichnet.“ antwortete Ning, während Trevon nur zustimmend grunzte. „Wir haben die Daten analysiert, die wir aufgrund der aktuellen Sichtverhältnisse extrapolieren konnten.“ fuhr die Stimme fort. „Berichten Sie, Farkash.“ forderte ihn Ning auf. „Durch die Instabilität der Nabelschnüre kam es zu einer Verschiebung der individuellen Flugbahnen der Kuppeln.“ Die Stimme schwieg. „Was heißt das für uns, Farkash?“ Ning hasste dramatische Pausen. „Für uns heißt das, dass wir gut daran getan haben, abzukoppeln. Für die anderen Kuppeln heißt es, dass sie in einer Stunde mit dem Observatorium kollidieren werden, Maam.“ „Großer Gott.“ hauchte Ning. „Haben wir eine Möglichkeit, Kuppel 2 und 3 von außen abzukoppeln?“ fragte sie in die Luft. „Hätten wir, wenn wir Transporter und Zeit hätten, Maam. Aber mit nur zwei Außenteams können wir uns maximal um eine Kuppel kümmern.“ „Kuppel 4.“ sagte Ning und Trevon nickte. „Die Kuppeln 2 und 3 wurden nicht aus der Stasis geweckt. Zumindest behaupten das die Anzeigen. Wenn das stimmt, ist dort niemand wach, der die Verbindung lösen könnte.“ Ning fühlte, wie unendliche Traurigkeit ihre Seele in die Tiefe zog. „Wir müssen die Kuppeln verloren geben und uns auf Kuppel 4 konzentrieren. Wenn wir sie erfolgreich abkoppeln können, haben wir 680 Leben gerettet.“ sagte sie schließlich bestimmt. „Verstanden, Maam.“ erklang die Stimme aus der KOM. „Ning?“ fragte Trevon. „Ja, Commander?“ „Tun wir das Richtige?“ „Was schlägst du vor?“ „Ich habe keinen Vorschlag. Ich habe nur das Gefühl, dass wir nicht einfach 2000 Personen aufgeben können.“ „Das Gefühl habe ich auch, aber wir können nichts unternehmen.“ „Ich weiß.“ seufzte Trevon. Zum ersten Mal, seit Ning ihn kannte, sah er klein und verloren aus. Die Minuten verstrichen zäh, während man in der Kommandozentrale auf Nachrichten von draußen wartete. Dass man von ihrer Position aus einen direkten Blick auf die brennende Kuppel 1 hatte, verbesserte die Stimmung nicht. Schließlich atmete Ning erleichtert auf. „Das Außenteam von Transporter 1 meldet, Kuppel 4 hat sich erfolgreich von der Nabelschnur abgekoppelt. Sprechverbindung zum Transporter steht. Sie lotsen die Kuppel aus der Gefahrenzone. Transporter 2 ist auf dem Rückweg.“ „Endlich. Haben wir eine Möglichkeit, in der verbleibenden Zeit eine der anderen Kuppeln zu erreichen?“ fragte Trevon. Ning überprüfte die Daten. „Negativ. Wir können keine der beiden Kuppeln mehr erreichen, bevor sie mit dem Observatorium kollidieren. „Verdammte Scheiße.“ fluchte Trevon. „Mister Ronda, sehen Sie zu, dass wir genügend Abstand haben, wenn uns der Laden um die Ohren fliegt.“ „Verstanden, Sir.“ Der Steueroffizier machte ein ernstes Gesicht.

Kuppel 5 bewegte sich zielstrebig vom zerstörten Verbund fort. In einiger Entfernung folgte Kuppel 4 langsam auf einer Flugbahn, die sie auf einen Rendezvous-Kurs zu Kuppel 5 brachte. In der Kommandozentrale sprach niemand ein Wort. Die Stille des Weltraumes verschluckte die Geräusche der Explosionen, als erst Kuppel 3 und kurz danach Kuppel 2 in die Überreste des Observatoriums stürzten. Die Schockwelle ließ das Schiff erzittern. In der Kommandozentrale beobachtete man das Geschehen mit Fassungslosigkeit. Kein Training hatte das Team auf dieses Szenario vorbereiten können. Schließlich brach Trevon die Stille. „Und ist das Ziel noch so fern. Und ist der Weg noch so weit. Wir erinnern eure Namen. In der Unendlichkeit der Zeit.“ zitierte er feierlich das Lied, das ein Kinderchor beim Abschied der Siedler vorgetragen hatte. Diese Zeit lag tatsächlich unendlich weit zurück. Ning wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Amen.“ Mehr wusste sie nicht zu sagen. Trevon räusperte sich. Dann wandte er sich an das Team. „Dies ist ein schwerer Tag für uns und für die Raumfahrt. Informieren Sie die Crew von den Ereignissen. Wer eine Ausbildung zum Seelsorger hat, soll sich zur Koordination beim Schiffspsychologen melden. Ich denke wir werden viele Leute mit Gesprächsbedarf haben. Außerdem…“ er dachte kurz nach. „Richten Sie die inneren Objektive aus. Wir müssen endlich wissen wo und wann wir sind. Stellen Sie eine direkte KOM-Verbindung zwischen uns und Kuppel 4 her. Und ich will eine komplette Analyse des Schiffes, überprüfen Sie jede Schraube.“ „Wenn wirklich alle aus den Stasiszellen erwacht sind, haben wir auch ein Problem mit der Versorgung, Trevon.“ mischte sich Ning in seine Überlegungen. „Die Kuppel ist nicht dafür ausgelegt, 1000 Menschen dauerhaft zu erhalten. Auch darüber müssen wir nachdenken.“ „Du hast recht. Trevon an Lebenserhaltung, wie ist die Situation?“ fragte er die KOM. „Hier Voltan, Sir. Lebenserhaltung stabil, Sauerstoffmischung konstant. Wir haben ein Problem mit der Wasserversorgung in der unteren Sektion, aber das lösen wir gerade, Sir.“ „Nahrungsmittel?“ fragte Trevon knapp. „Die Synthesizer laufen, Sir.“ „Danke, Voltan. Trevon Ende. Maschinenraum?“ „Ja, Sir, wie kann ich helfen?“ Der Maschinist sparte sich die Zeit, sich vorzustellen. „Wie sehen die Stasiszellen aus. Sind sie beschädigt?“ „Wir hatten bisher erst die Möglichkeit, eine Handvoll Zellen zu überprüfen. Die sind aber vollständig intakt, Sir.“ „Können Sie Leute entbehren, die die restlichen Zellen überprüfen?“ „Wenn Sie mich so fragen, natürlich, Sir.“ antwortete der Maschinist trocken. „Melden Sie sich, wenn die Überprüfung abgeschlossen ist. Danke.“ Trevon beendete die Verbindung. „Ning, ich möchte dass du die Daten aus den Hauptservern analysierst. Ich will endlich wissen, was hier passiert ist.“ Ning nickte und verließ die Kommandozentrale mit gerunzelter Stirn. Auf ihrem Weg zu den Serverräumen passierte sie einige Crewmitglieder, die ihr respektvoll aus dem Weg gingen. Ning schenkte ihnen keine Beachtung.
Eine Stunde später kehrte sie zurück. Ihre Stirn war immer noch in Falten gelegt, der Blick aus ihren dunklen Augen starr. In der Kommandozentrale herrschte reger Betrieb, der jedoch verebbte als sie den Raum betrat. Trevon wandte sich in seinem Stuhl zu ihr um. „Bericht.“ sagte er mechanisch. „Ich habe die Daten analysiert. Der Hauptcomputer hat einen Nothalt vollzogen. Allerdings nicht, weil die G-av ausgefallen ist. Das ist erst durch den Nothalt passiert. Der Hauptcomputer hat eine Nova aufgezeichnet.“ Ning schluckte. Vor ihren Augen flimmerte die Kommandozentrale. „Aha.“ machte Trevon, der wusste, dass sie unverzüglich fortfahren würde. „Die Quelle der Explosion hat den Computer zum Nothalt veranlasst. Es ist Sol.“ „Was?“ „Der Hauptcomputer hat eine Nova aufgezeichnet, die von Sol ausgegangen ist und deswegen einen Nothalt veranlasst.“ wiederholte Ning und starrte in Trevons langes Gesicht. „Unsere Heimatsonne ist explodiert. Und dann sind wir explodiert.“ Ning fühlte, wie Tränen über ihr Gesicht liefen. Wütend wischte sie mit dem Handrücken über ihre nassen Wangen. „Es ist nicht gesagt, dass die Daten korrekt sind. Wenn dieser Schrotthaufen keinen außerplanmäßigen Halt überstehen kann, vielleicht sind dann auch die Daten falsch, die er gesammelt hat.“ Neue Tränen liefen. Diesmal ignorierte sie es einfach. Trevon hatte sich erhoben, stand aber nur mit hängenden Armen im Raum. „Wir müssen zurückfliegen.“ sprach er seinen ersten Gedanken aus. „Wir können nicht einfach umdrehen, Trevon. Ich habe die Daten analysiert. Wir sind bereits seit 127 Jahren unterwegs. In 45 Jahren erreichen wir Ultima Eden.“ „Aber die Erde…“ Trevon unterbrach sich selbst. „Alle Menschen, die ich auf der Erde kannte, sind bereits lange tot. Ihre Kinder und Enkelkinder aber haben fortgelebt und unsere Namen erinnert. Wie konnte das nur passieren?“ fragte er schließlich. „Ich weiß es nicht, Trevon.“ „Ich möchte nicht, dass diese Information die Kommandozentrale verlässt, bis sie zuverlässig verifiziert ist, hat das jeder verstanden?“ fragte er ungewöhnlich aggressiv. „Verstanden.“ Meldeten die anwesenden Offiziere. Ning nickte nur. Sie hatte aufgehört zu weinen. „Wir könnten die Kuppel ausrichten und Sol über die Objektive suchen. Dann haben wir Gewissheit.“ schlug Ronda aus dem Off vor. „Einverstanden. Ronda, justieren Sie die Kuppel. Ning, geh zum nächsten Objektiv und melde dich über KOM. Ich will sofort informiert werden.“ „Verstanden, Commander.“ Ning machte sich sofort auf den Weg. Als sie wenige Minuten später das Objektiv justierte, kämpfte sie gegen ein starkes Zittern in ihren Knien. Der Boden fühlte sich weich an, die Arme waren aus Gummi. Mit schwitzenden Händen wählte sie die richtigen Koordinaten. Überprüfte die Einstellungen immer und immer wieder. Wo ihre Augen den funkelnden Punkt in der Dunkelheit ersehnten, lag nur tiefste Schwärze. „Trevon?“ Ihre Stimme brach, als sie die KOM betätigte. „Ja, Ning?“ fragte Trevon sofort zurück. „Die Daten sind korrekt. Sol ist fort.“ Ning hörte seine Antwort nicht mehr, sie verlor das Bewusstsein.

Ein scharfer Geruch riss ihren Geist aus der Bewusstlosigkeit. Das Gesicht einer Ärztin sah besorgt auf sie herab. „Sie ist wach.“ Hörte sie die Medizinerin sagen, deren Atem nach Pfefferminz roch. „Krankenstation an Kommandozentrale, Commander Ning ist aufgewacht.“ „Ausgezeichnet. Danke.“ Ning erkannte Trevons Stimme aus der KOM. Sie konnte die Anspannung darin hören. „Bin in einer Minute wieder bei dir, mein Freund.“ sagte sie und klang dabei viel zu schwach. Der Gedanke an die Erde ließ sie erneut zittern. „Oh, im Gegenteil,“ erwiderte die Ärztin. „Sie bleiben noch ein paar Minuten zur Beobachtung hier. Sie können sich wieder auf Ihrer Station melden, wenn ich Sie für einsatzbereit halte. Commander.“ setzte sie freundlich hinzu und drückte Ning sanft zurück auf die Liege. Ning hatte kein Interesse an dieser Freundlichkeit. Ärgerlich stieß sie die Hände der Ärztin und die Gedanken an die Erde von sich. „Wir befinden uns in einer Notsituation. Ihre ärztliche Aufsichtspflicht in allen Ehren, aber ich werde gebraucht.“ „Auf Ihre eigene Verantwortung.“ sagte die Ärztin missbilligend, half ihr aber hoch. Ning saß schwankend aufrecht. „Ich verabreiche Ihnen ein stärkendes Mittel, das sollte Sie vorerst auf touren halten.“ „Danke,Doktor.“ Kurze Zeit später kehrte Ning, immer noch leicht schwankend, in die Kommandozentrale zurück. Sie ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Was habe ich verpasst?“ fragte sie kurzatmig. „Wir haben eine stabile Sprechverbindung zu Kuppel 4. Ihre Datenanalyse hat dasselbe Bild ergeben wie deine. Die Informationen sind korrekt.“ Ning reagierte nicht auf seine Worte. „Wie geht es Kuppel 4?“ „Sie räumen immer noch auf. Außerdem haben sie noch keine Möglichkeit gefunden, die Schutzhülle zu senken, also fliegen sie weiterhin mit unserer Hilfe. Außenteam 2 bringt gerade verstärkte Objektive an ihrer Hülle an. Aber sie haben ein anderes Problem.“ „Welches?“ seufzte Ning, zu mehr war sie nicht fähig. „Die meisten ihrer Stasiszellen sind ausgefallen. Sie können nur noch einen Bruchteil nutzen.“ „Sie können nicht mehr in Stasis?“ „Nein, Ning. Ich habe den Bericht erhalten, dass unsere Stasiszellen voll einsatzbereit sind. Aber in Kuppel 4 reicht es nur noch für 210 Personen. Ich habe mit Tompson über das Problem gesprochen. Wenn wir ihre Sauerstoffversorgung modifizieren und unsere Synthesizer in ihre Kuppel verlagern, können sie die 45 Jahre bis Ultima Eden überleben. Vielleicht werden nicht alle das Ziel erreichen, aber für die junge Generation besteht eine Möglichkeit.“ „Wir werden uns wieder in Stasis begeben.“ Ergriff der Steueroffizier das Wort. Der Gedanke gefiel ihm wohl nicht besonders. „Das war ohnehin abzusehen.“ kommentierte Ning trocken. „Wir sollten die Steuerelemente der Schiffe koppeln, damit Kuppel 4 uns übernehmen kann.“ dachte sie laut nach. „Das habe ich bereits veranlasst. Die Datenübertragung ist abgeschlossen. Allerdings habe ich eine automatische Erweckung programmiert, sollten wir in 45 Jahren nicht geweckt werden. Sicher ist Sicher. Unsere Siedler befinden sich auf dem Weg in ihre Stasiszellen. Ich habe sie nicht über das Ereignis informiert. Wir hätten ein Chaos riskiert.“ sagte Trevon düster. „Das Personal hat Anweisung, die restlichen Reparaturen abzuschließen und sich danach ebenfalls in die Zellen zu begeben. Wir werden den Ablauf koordinieren und dann…“ Trevon ließ den Satz verebben.

Die nächsten Tage waren von reger Betriebsamkeit geprägt, während die aktiven Menschen in Kuppel 5 langsam weniger wurden. Die Raumschiffe flogen nebeneinander durch das Weltall, ihrem fernen Ziel entgegen. Ning und Trevon überwachten den Ablauf der Transporte, besuchten die einzelnen Stationen und versicherten sich, dass alles Personal die Stasiszellen aufsuchte, das nicht mehr gebraucht wurde. Tompson hielt sie via KOM über die Fortschritte an Kuppel 4 auf dem Laufenden. Je weniger sie zu tun hatte, desto unruhiger wurde Ning. Der Gedanke an die Erde, dieses funkelnde Juwel im Kosmos, zerrte an ihren Nerven. Ließ sie keinen Schlaf finden. Ließ sie nicht essen. Immer wieder schnellten ihre Erinnerungen zu dem Anblick zurück, der ihr letzter war, bevor damals die Stasiszelle aktiviert wurde. Sie hatte das unendlich ferne Blau in der Dunkelheit leuchten sehen und sich für immer verabschiedet. Und jetzt. Von der eigenen Sonne verbrannt. War dort nichts mehr. Wie hatte das nur geschehen können? Ning spürte wie die Tränen kamen. Schluckte sie hinunter. Sie zuckte zusammen, als die Stimme des Computers ertönte. „Achtung. Verschluss der Außenhülle wird eingeleitet.“ Der Satz klang bitter in ihren Ohren. Sie hob den Kopf und beobachtete, wie sich die Elemente der Schutzhülle langsam wieder über die Kuppel schoben. Der Sternenhimmel verschwand. Ning schluckte wieder. Eine Hand legte sich federleicht auf ihre Schulter. „Wir sind soweit.“ sagte Trevon hinter ihr. „Die Kuppel ist in Stand-By, das Steuersystem läuft zuverlässig, die Stasiszellen sind bereit. Lass uns gehen, meine Liebe.“ „Was wenn wir diesmal eine Fehlfunktionen haben. So wie in Kuppel 4?“ Ning ärgerte sich, dass sie diesen Gedanken laut ausgesprochen hatte. „Wenn das passiert, werden wir es nie erfahren.“ sagte Trevon sanft. Ning drehte sich zu ihm um. Sah in seine melancholischen Augen. „Wir wussten, dass wir die Erde nie mehr wiedersehen würden.“ sagte er leise. „Ja, das wussten wir.“ „Und wir wussten auch, dass wir auf Ultima Eden eine neue Zukunft finden wollten.“ „Ja, das wussten wir auch.“ „Wir haben so viele verloren…“ Trevon sprach nicht weiter. Er schüttelte den Kopf. „Komm, lass uns gehen.“ sagte er schließlich. Er begleitete Ning zu ihrer Stasiszelle und wandte sich respektvoll ab, als sie ihre Uniform auszog. Dann nahm er sie spontan in die Arme. Seine Prothesen fühlten sich kalt an. Ning erwiderte die Umarmung. „Auf Wiedersehen, Trevon.“ sagte sie bedrückt und kletterte in die weiche Zelle. Als sie nach oben blickte, schaute nur die dunkelgraue Abdeckung der Kuppel zurück. Ning dachte an mächtige Bäume, deren Blätter im Wind rauschten. An klare Bäche, grüne Wiesen und einen unendlichen,blauen Himmel. Als die Stasis ihren Körper erfasste, lächelte sie.

© sybille lengauer