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Orca

Veröffentlicht: Februar 22, 2020 in Kurzgeschichten
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Orca

„Sind wir hier auch richtig?“ Frank stellt mir diese Frage jetzt zum dritten Mal. Ich schwimme stumm neben ihm, habe zweimal geantwortet und nun ist es auch genug. „Greg?“ Ich überlege genervt, ob ich Frank abhängen soll. „Greg?“ Aber ich weiß, dass er dann panisch wird. Frank denkt, alles Unerwartete würde uns umbringen. „Hey, Greg, hörst du mir zu?“ Ich denke an einen ruhigen Ort, tief unten im Ozean, an dem ich ihn ermorden könnte. Sein Kadaver für die Haie und die gute, alte Stille für mich. Das wäre ein Angebot. „Greg?“ „Alles gut, Frank. Wir sind hier schon richtig.“ Ich schwimme schneller. Noch ein paar kräftige Schläge und wir erreichen die Strömung. Ich tauche dankbar in sie hinein. Die erdrückend träge Wärmeschicht hat mich wahnsinnig gemacht. Die Kaltströmung ist pure Energie, wir schießen in ihr dahin. Ich führe, Frank folgt mir dicht auf der Flosse. Immer wieder blitzt silbrig geschupptes Leben an uns vorbei. Schnellt in dichten Schwärmen durch das Wasser, folgt dem starken Sog. Ihr Ziel ist allerdings nicht das verdammte Schiff, das wir suchen. Ich habe keine Ahnung, was ihr Ziel ist. Tiefgrüne Wälder wahrscheinlich und ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen Kelpwald durchschwommen habe, es ist eine Ewigkeit her. „Greg?“ „Ja, Frank?“ „Bist du sicher,…“ „Ja, Frank.“ „Du hast mich nicht ausreden lassen.“ „Das ist nicht nötig, Frank. Wir sind auf alles vorbereitet.“ Meine Anzeige leuchtet auf. „Dort vorne ist der Luftvorrat.“ informiere ich ihn und verringere das Tempo. Wir fallen aus der Strömung, tauchen hintereinander in die klobige Vorrichtung und nehmen Sauerstoff auf. Ich verschwende keine Zeit, möchte vermeiden, dass Frank in der Pause ein Gespräch beginnt. Also tauche ich direkt zurück in die Strömung. Je schneller wir am Ziel sind, desto schneller haben wir die Sache hinter uns und können getrennter Wege ziehen. Ich bilde nie wieder ein Team mit Frank. Nie wieder. „Greg?“ „Ja, Frank?“ Ich kann hören, wie meine Zähne knirschen. „Hast du den Kleber dabei?“ Ich könnte es wie einen Unfall aussehen lassen. Die Primaten waren in der Überzahl, Sir. Leider schaffte es unser tapferer Kamerad nicht zurück nach Hause. Mit etwas Glück bekäme ich dafür noch einen Orden. „Greg?“ Das darf nicht wahr sein. „Ja, Frank?“ „Es tut mir leid.“ „Was tut dir leid, Frank?“ „Ich weiß, dass ich dir an den Speck gehe.“ „Tatsächlich?“ „Ich klickere, wenn ich nervös bin. Und ich bin gerade sehr nervös.“ „Wäre mir nicht aufgefallen.“ „Tut mir leid, Greg.“ „Schon gut.“ Ich erhöhe das Tempo. Folge dem kalten Strom und denke nicht mehr an die unzähligen Möglichkeiten, mit denen ich Frank vom Angesicht des Meeres tilgen könnte. Wir sind im Krieg. Ich konzentriere mich auf den Auftrag.
Frank hält tatsächlich eine Zeitlang das Maul. Ich kann mich endlich wieder denken hören.
Wenn wir das Schiff erreicht haben, muss alles ganz schnell geschehen. Die Sprengfallen müssen angebracht werden, ohne von den empfindlichen Außenhautsensoren bemerkt zu werden. Das wird schon schwer genug. Danach den Tank mit der Regentin sicher aus den Trümmern zu bergen, wird allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Wie ich diesen Kraftakt mit ‚Meine-Nerven-fliehen-mit-den-Fischen‘ Frank bestehen soll, ist mir ein Rätsel. Andererseits kann nur er die Sprengfallen vor Ort zünden, sollte etwas schiefgehen. Ich kann dann nur in Stücke fliegen, was vielleicht auch eine Erleichterung wäre. Und die Regentin wäre für immer verloren. So weit darf es nicht kommen. Es darf auf so viele Arten nicht geschehen. Der Schwarm der Möglichkeiten ist schmal. „Greg?“ Und da ist er wieder. „Ja, Frank?“ „Ich glaube, wir sind da.“ Ich habe das Leuchten der Anzeige nicht bemerkt. War zu sehr in meinen Gedanken versunken. „Korrekt.“ bestätige ich und biege unvermittelt aus der Strömung. Wir bremsen abrupt, Frank rammt mich und flüstert eine Entschuldigung. „Aktiviere Tarnkappenvorrichtung.“ kommentiere ich, bin jetzt ganz Profi. Ich kann das Schiff zwar noch nicht orten, aber die Anzeige lotst mich in die entsprechende Richtung. „Tarnkappenvorrichtung aktiviert.“ antwortet Frank. Wir schwimmen los. Steigen zielstrebig nach oben, immer Flosse an Flosse. Ich kann Franks Aufregung spüren. Kann mein eigenes Herz schlagen hören. Ich verlangsame den Rhythmus. „Alles wird gut, Frank.“ „Danke, Greg.“ Jetzt kann ich das Schiff orten. Seine Späher liegen schlafend an der Oberfläche. Gut für uns. Wahrscheinlich müssen sie Energie sparen. Es bedarf eines enormen Aufwandes, um einen ausgewachsenen Orca auf einem verdammten Boot gefangen zu halten. Das kostet. Ich nicke Frank kurz zu und wir trennen uns. Lautlos nähern wir uns von beiden Seiten dem Bauch des Schiffes. Tasten uns vorsichtig heran. Die Späher regen sich nicht vom Fleck, unsere Tarnkappen funktionieren also. Gut. Fünfzig Meter vor dem Ziel reduziere ich die Geschwindigkeit drastisch, sodass mich die Bewegungssensoren an der Außenhaut nicht wahrnehmen können. Es fühlt sich an, als müsste ich rückwärts schwimmen. Meter um Meter schiebe ich mich heran. Weiß, dass Frank es auf der anderen Seite im Idealfall genauso macht. Hoffe, dass er die Nerven behält. Endlich kann ich die Sprengfalle anbringen. Es dauert eine Ewigkeit und ich warte in jeder Sekunde auf den verfluchten Alarm. Kann fühlen, wie alle Muskeln in meinem Körper vibrieren. Als plötzlich grelle Sirenenwarntöne durch das Wasser schrillen, bin ich fast erleichtert. Aber nur für eine Millisekunde. Dann beschleunige ich meine Arbeit, brauche nun ja keinen Gedanken mehr an die Bewegungssensoren zu verschwenden. Wir sind entdeckt. Heilige Delfinscheiße. Die Späher tauchen zu uns ab, ich kann ihre kleinen Motoren durch das Wasser surren hören. Mit einer letzten, kräftigen Drehung ist die Sprengfalle verankert und bereit. Ich lasse mich sofort zurückfallen, tauche kurz auf, schnappe hektisch nach Luft und versuche dann, Abstand zum Schiff zu gewinnen. Werde augenblicklich von ein paar sirrenden Spähern in die Tiefe verfolgt. „Bereit!“ klicke ich lautstark, denn es ist jetzt nicht mehr wichtig, wer mich hören könnte. Ich zerlege eine der flinken Maschinen mit der Schwanzflosse, zermalme eine weitere zwischen meinen Kiefern. Der letzte Späher rammt mich, schlitzt mit einer rasiermesserscharfen Metallflosse tief über meinen Rücken. Ich zerbeiße ihn wütend, ignoriere den brennenden Schmerz. Dann drehe ich mich nach dem Schiff um. „Frank!“ Eine heftige Explosion antwortet auf meinen Ruf. Die Druckwelle trifft mich so hart, dass ich unvermittelt auftauchen muss. An der Oberfläche wird mir schwindlig, ich verliere das Bewusstsein. Die Regentin! Ich bin sofort wieder hellwach. Schieße pfeilschnell in die nachtblaue Tiefe. Meine Anzeige leuchtet nicht, ich muss den Tank selbst orten. Seine Form ist mir vertraut, aber es sind so viele Trümmer. So viele! Ich darf nicht den Kopf verlieren. Systematisch arbeite ich mich Schicht um Schicht nach unten. Schwimme zwischen zerfetzten Primatenleichen und sinkenden Schiffstrümmern. Tauche durch riesige Luftblasen, die nach oben steigen. Ich kann den Tank nicht finden. Suche weiter, sinke tiefer, erreiche den Meeresgrund. Kein Tank. Nur Chaos, das meine Sinne stört. „Greg?“ „Frank!“ Eine Woge der Erleichterung durchströmt mich, als ich Franks besorgtes Rufen durch die Tiefe schallen höre. „Ich finde den Tank nicht!“ rufe ich zurück, kann die Angst in meiner Stimme hören. Franks massiger Körper kommt durch das düstere Wasser auf mich zugeschossen, er zieht eine stark riechende Blutspur mit sich. Wir berühren uns kurz und ich fühle, dass auch er nicht allzu schwer verletzt ist. Dann gleitet er neben mir über den Meeresboden. Lange können wir hier nicht bleiben. Um uns sinken die Trümmer des Schiffes herab, wirbeln Tonnen von Sand auf. Wir suchen stumm. Kein Tank, nirgendwo. Schließlich müssen wir auftauchen. „Greg?“ „Ja, Frank?“ „Was, wenn es das falsche Schiff war?“ „War es nicht.“ „Und was, wenn doch?“ War ich tatsächlich eben noch erleichtert, dass dieser schwachsinnige Fischkopf die Explosion überlebt hat? Bevor ich ihn schlage, suche ich lieber weiter nach der Regentin. „Lass uns noch einmal das Trümmerfeld orten.“ klicke ich und tauche ab, ohne auf seine Antwort zu warten. Das Wasser ist trüb, schlierig, widerwärtig. Ich orte unzählige Trümmer. Kein Teil hat die Form eines Tanks. Die Zeit verrinnt und meine Verzweiflung wächst. Was, wenn ich sie nicht finden kann? Was, wenn sie gerade erstickt? Was, wenn sie bei der Explosion getötet wurde? Als ich gerade wieder aufsteigen will, um zu atmen, beginnt meine Anzeige zu leuchten. „Frank.“ „Ja, Greg?“ „Ich habe Kontakt.“ Frank schießt an meine Seite, wir folgen dem Signal, so schnell wir können. Der Tank liegt, eingeklemmt zwischen einem riesigen Felsen und dem zerbrochenen Bug des Schiffes, auf steinigem Grund. Ich markiere die Fundstelle und wir tauchen eilig auf, um Luft zu holen. Dann schießen wir erneut nach unten, umschwimmen den Tank, suchen verzweifelt nach einer Öffnung. Frank stupst mich an. „Wir könnten ihn aufsprengen.“ schlägt er vor. „Dann ist sie tot!“ „Wenn sie nicht mit Sauerstoff versorgt wird, ist sie das auch.“ antwortet er und ich hasse ihn dafür, dass er recht hat. „Sie ist wahrscheinlich ohnehin tot.“ fährt es verzweifelt aus mir heraus. „Sie ist direkt hinter dir.“ klickt eine mächtige Stimme in meinem Rücken und ich lasse vor Schreck die Luft fahren. Regentin! Ehrfürchtig begrüßen wir sie mit unseren Schnauzen, singen ihren Namen durch den weiten Ozean. Vereinigen ihn mit jenen klingenden Namen, die wir uns nach unserer Befreiung selbst gegeben haben. Unser Lied dröhnt mächtig durch die wogende See. Dann steigen wir hinter ihrer geschmeidigen Gestalt zur Oberfläche auf. Ich wage es nicht, mich an sie zu wenden. Wage es nicht, sie nur länger anzusehen. Ein Schauer durchfährt mich, als sie ihren Blas in Milliarden glitzernden Tropfen in die Luft schießt. „Glorreiche Regentin, darf ich dir eine Frage stellen?“ Oh Frank, du rotierendes Quallengehirn. „Sprich, kleiner Orca.“ Sie antwortet ihm, sie antwortet ihm! „Wie bist du aus dem Tank entkommen, meine Herrliche?“ „Ich weiß es nicht, ich wurde durch die Explosion ohnmächtig und kam an der Oberfläche zu mir. Dann hörte ich eure Rufe und folgte ihnen auf den Meeresboden.“ Ich beobachte argwöhnisch einen Möwenschwarm, der über unseren Köpfen kreist. Die Vögel kreischen aufgeregt, fliegen hektisch durcheinander. Ich traue diesen Vögeln nicht. „Unendlich weise Regentin?“ Frank kann es nicht lassen. Ich fasse es nicht. „Ja, kleiner Orca?“ „Können wir jetzt nach Hause ziehen?“ Ich reiße meinen Blick vom Himmel und remple Frank grob an, tauche seinen nutzlosen Kopf unter Wasser. „Verzeiht, Regentin. Er ist ein rechter Fischschädel.“ versuche ich, mich für seine Grobheit zu entschuldigen. Ihre Antwort ist ein perlendes Lachen. Dann taucht sie unter und ich folge ihr, werde ihr immer folgen, wohin sie auch schwimmt. Und sollte es niemals nach Hause gehen. Wir sind im Krieg. Mein Platz ist an ihrer Flosse.

© sybille lengauer