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Gangster gibt Pfote

Veröffentlicht: Dezember 22, 2012 in Geschichten oder so ähnlich, Kurzgeschichten
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“Sitz. Sitz. Mach Sitz, Zeus. Setz dich. Jetzt mach halt endlich Sitz. Zeus. Zeus? Zeusie! Sitz-sitz-SITZ!!!” Etwas betreten lehne ich am Zaun der Hundeschule und beobachte den Reigen zwischen Halter und Hund. Niemand macht einen zufriedenen Eindruck. Zehn Grad, anhaltender Regen und ein bleischwerer Himmel. Mit Hunden kann man sich das Wetter eben nicht aussuchen. Und Hundeplätze sind selten überdacht. Die Trainerin steht leicht breitbeinig in der Mitte ihrer feuchten Gruppe. Sie hat gerade zum widerholten Mal erklärt, wie ein korrektes “Sitz-Signal” funktioniert. Leider hören die Menschen schlechter als ihre Hunde. Also atmet sie tief ein und aus, entspannt die durchnässten Schultern und geht zu dem alten Mann, der seinen Dackel gerade in Grund und Boden redet. Ruhig erklärt sie ihm, was sie bereits seit einer Viertelstunde in allen Variationen predigt. Der alte Herr hört artig zu und nickt fleissig, während sein Dackel freudig in die Leine beisst. Zeus zumindest amüsiert sich königlich. Ich rieche, dass Opa sich ein wenig schämt, weil sein Dackel einfach nicht hören will. Seinen Hautkrebs habe ich auch gerochen, als er vorhin an mir vorbeigegangen ist.
Weil sich die Trainerin gerade auf das Dackel-Opa-Team konzentriert, schwätzen die anderen Kursteilnehmer munter miteinander. “Mein Rokko hat dies, meine Luna hat neulich das…” Sie verpassen, dass Zeus, auf ein kleines Zeichen der Trainerin hin, den Hintern artig ins nasse Gras pflanzt und sie mit glänzenden Augen ansieht. Sie verpassen sowieso die Hälfte des Kurses, weil der Grundsatz “Geben ist seliger denn nehmen” bei Menschen vor allem auf die Gesprächsführung zutrifft. Ich frage mich immer wieder, wie man ein so hoch komplexes und gleichzeitig so stupides Wesen sein kann. Naja, Menschen eben. Ich muss ein wenig grinsen. Eine blonde Frau furzt kaum hörbar und ihr junger Setter schnüffelt daraufhin neugierig an ihrem Hintern. Sie zieht ihn an der Leine von sich weg. Sieht sich verstohlen um, ob es jemand bemerkt hat. Ein junger Mann, dessen Schäferhund gerade zufrieden anfängt, ein Loch in den Boden zu graben, schaut verstohlen auf sein Handy. Gleich ist es überstanden, die Stunde ist vorbei. Die Gruppe nimmt seine Aufbruchsignale unbewusst wahr und wird unruhig. Hüsteln, kratzen, Füße scharren. Das Szenario erinnert mich an meine Schulzeit. Der alte Herr hat es derweil geschafft, seinen Zeus artgerecht in die sitzende Position zu bringen. Damit geht zumindest einer glücklich vom Platz. Die anderen lassen jetzt die Abschiedsworte ihrer Trainerin über sich hinwegspülen, murmeln an der Stelle, die sich mit dem Thema “Hausaufgaben” beschäftigt und drängen dann so schnell wie möglich zum Ausgang. Ihre Hunde strangulieren sich fast in ihren wirbelfreundlichen Geschirren, weil sie es auch eilig haben. Sie ziehen allesamt zu mir herüber, wedeln, bellen und möchten gerne Kontakt aufnehmen. Ich ignoriere sie, sonst wäre hier gleich die Hölle los. Menschen und Hunde schaffen es schließlich, sich zu sortieren. Klettern in ihre Autos, starten die Motoren und fahren in alle Richtungen davon. Ich fühle mich angespannt, schaue ihnen mit großen Augen hinterher und zittere heftig. Kralle meine Hände krampfhaft in die Hosentaschen und schlucke stark. Bin froh, als endlich alle weg sind. Mir ist sehr heiß.

Während die Trainerin den Hundeplatz aufräumt, beobachte ich ihre Bewegungen. Sie ist nicht hektisch, nimmt das erbärmliche Wetter und die letzte, verlorene Stunde einfach hin und tritt den, vom Schäferhund aufgegrabenen, Boden wieder glatt. Summt eine kleine Melodie. Ihre Energie ist angenehm. Ruhig und entspannt. Ich mag sie. Darum stehe ich auch hier und sehe ihr zu. Außerdem riecht sie super. Nach Taback, Heu und Ziegen. Das weckt Erinnerungen an meine Kindheit. Weite Felder, dunkle Wälder, kühle, klare Bäche. Kleine Ziegenherden in den Bergen, grasende Rinder in der Ebene. Menschen, die wie das Land waren. Rau, aber herzlich. Ach, damals, das waren noch Zeiten! Aber traue ich mich wirklich, mit dieser wunderbar duftenden Frau zu sprechen? Seit Tagen überlege ich, wie ich es anfangen soll. Habe alle möglichen Szenarien durchgespielt. Aber jetzt, hier im Regen, fällt mir nichts mehr ein. Gerade als ich mich umdrehen und gehen will, spricht sie mich an. “Hallo, kann ich dir helfen?” Scheiße. Wenn ich jetzt weglaufe, brauche ich es nie wieder versuchen. “Ähm”, sage ich und merke, wie sich mein Steißbein krümmt. Sie kommt ans Tor und bittet mich herein. Ich vermeide es, ihr in die Augen zu sehen und fühle, dass meine Hände schwitzen. “Ähm”, sage ich wieder und dann gehe ich an ihr vorbei auf den Platz. Schaue konzentriert auf meine Füße. “Ich hätte da eine Frage und, naja, ich…” meine Stimme wird zu einem Flüstern. Scheiße, ich verpatze es. Ich werde stottern, mich verhaspeln und dann mit hochrotem Kopf davonschleichen. Ich werde mich blamieren und dann habe ich auch diese Chance vertan. Das kann ich mir nicht leisten! “Ich hab da einen Freund, der hat einen Hund und der, naja, der hat ein Problem.” Ich merke, dass ich rot werde. “Und warum ist dein Freund nicht hier?” Die Röte dehnt sich über den ganzen Körper aus, während mir vom Rücken aufwärts langsam immer mehr Haare wachsen. “Ähm, schüchtern”, murmle ich und konzentriere mich auf meine Haut. Die Haare hören auf zu sprießen. Dafür schwitze ich jetzt extrem und weiß, sie glaubt mir nicht ein Wort. Hält mich für total bescheuert. Gleich wird sie sauer und schmeißt mich raus! Verflucht! Meine Nase sagt mir, dass das nicht stimmt. Sie ist immer noch ruhig und entspannt. Das hilft ein wenig. Und so erzähle ich ihr, im schwächer werdenen Regen, was sich gestern abend noch gut angehört hat. Von meinem Freund und seinem Hund, der immer Autoreifen jagt und sich nicht beherrschen kann. Hmmm, Autoreifen.

Während sich die Trainerin geschickt eine Zigarette dreht, hört sie mir genau zu. Legt den Kopf schief und fragt mich ganz nebenbei, was das für ein Hund ist. “Wolfshybrid”, sage ich prompt und sie sieht mich scharf an. Das war keine so gute Idee. Ich fange wieder an zu stottern. Erzähle etwas von Tierschutz, Verein und entlaufenen, polnischen Wolfshunden. Verheddere mich im Satz und bin schließlich still. Ihre Augen werden zu schmalen Schlitzen. Ich spüre, dass sich ihre Energie verändert. Sie ist misstrauisch. Scheiße! Mein Hirn drängt zur Flucht. Einfach vom Platz laufen und weg. Ab durch die Felder und dann nach Hause rennen. Sowieso wäre Laufen jetzt die allerbeste Lösung, also los! Aber ich bleibe stehen. Was ich angefangen habe, muss ich zu Ende bringen. Ich unterdrücke den Impuls und konzentriere mich, sodass meine Schneidezähne wieder auf ein normales Maß schrumpfen. Ich schlucke. “Glauben Sie denn, dass Sie mir, ähm, ihm, helfen können?” Sie sieht mir direkt in die Augen, nagelt mich mit ihrem Blick fest. “Könnte es sein, dass es deinen Freund gar nicht gibt?” ,fragt sie und schnippt den aufgerauchten Glimmstängel geschickt an mir vorbei. Ich schlucke hart und murmle ein leises “Vielleicht”. “Und kann es auch sein, dass wir hier von deinem Hund sprechen?” “Naja, nicht ganz.” “Aha.” Langsam gehe ich ihr auf die Nerven. Verflucht! “Hören Sie, es ist wirklich wichtig und ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Neulich wäre er fast von einem Auto überfahren worden und wenn das so weitergeht, werde ich irgendwann wahnsinnig. Bitte, Sie sind meine letzte Chance!” Sie zieht die Augenbrauen zusammen und denkt nach. Summt dabei ein wenig vor sich hin. “Mhm, also gut. Du kannst ihn zu einem Einzeltraining mitbringen und ich schaue mir die Sache an.” “Nun, ähm, da gibt es ein Problem.” Was mache ich jetzt? In meiner Phantasie verlief das Gespräch immer ganz anders. Ich war dann selbstsicher. Redegewandt und locker. Jetzt stehe ich hier im feuchten Gras und alle Gedanken lösen sich in Luft auf. Ach, jetzt ist auch schon alles egal. Ich hab ja eh schon verloren. “Okay, ich weiß, das hört sich jetzt alles sicher blöd an, aber ich kann meinen Hund nicht mitbringen.” Ich schlucke und springe über meinen Schatten. “Ich, öhm, bin Hund.” So, jetzt ist es raus. Gleich wird sie anfangen zu schreien und mich rausschmeißen. Sie wird mich einen Irren schimpfen und die Polizei rufen, damit sie mich ins Irrenhaus bringen. Sie wird… “Zeig’s mir.” ,sagt sie ruhig und dreht sich wieder eine Zigarette. “Äh, was?”,frage ich, weil ich alles erwartet habe, nur das nicht. “Wenn du meinst, dass du ein Hund bist, dann zeig es mir, jetzt und hier.”
“…” Ich sehe mich instinktiv um. Kein Mensch weit und breit. Nur ein paar Spatzen in den Büschen und ein einsamer Feldhase. Also gut. Sie hat es nicht anders gewollt. Ich konzentriere mich kurz, die Welt flimmert ein wenig. Ich höre, wie sie zischend die Luft durch den Mund einzieht, der jetzt sperrangelweit offen steht. Sie schaut auf mich herunter, während ich mein Fell ausschüttel und aus meinen Menschenklamotten klettere. Wenn sie jetzt falsch reagiert, muss ich ihr leider an die Gurgel springen. Fast unbewusst spanne ich die Gesäßmuskeln an. Fixiere ihre pulsierende Hauptschlagader. Plötzlich hält sie mir ihre Hand vor die Nase. “Hallo, ich bin Arnhild.” Ich vergesse, dass ich sie gerade töten wollte. Endorphine überfluten mich. Vorsichtig lege ich meine Pfote in ihre ausgestreckte Hand. “Gangster.” Knurre ich und weiß, dass jetzt alles gut wird.

© Sybille Lengauer